Matthew Battles: Die Welt der Bücher

23. April 2017

Matthew Battles, Bibliothekar in Harvard [1] und Kolumnist in verschiedenen Magazinen, hat mit Die Welt der Bücher ‚Eine Geschichte der Bibliothek‘ vorgelegt. Das Werk ist nicht mehr ganz neu, 2003 erschienen, aber bei der Zeitspanne, die das Buch thematisch überstreicht, spielen die paar Jahre kaum eine Rolle – obwohl wir Jetzigen ja mittendrin sind in einer Revolution, dem Aufkommen der digitalen Welt auch auf dem Sektor des Schriftlichen und zumindest der Etablierung nur noch elektronisch gespeicherter Inhalte als parallelen Zweig zum Gedruckten. Jedoch spielt diese Tatsache in Battles Betrachtungen praktisch noch keine Rolle, er sieht diesen Wandel zwar kommen, doch mit dem Analogschluss, die Bibliothek als Institution habe schon so manche Entwicklung im Buchwesen überdauert, äußert er sich optimistisch, was die Zukunft angeht: Indem sie die Bücher und die in ihnen enthaltenen Worte beschützte, hat die Bibliothek sich immer aufs Neue gegen die Technik und die Kräfte der Veränderung behauptet und es geschafft, die Macht der Herrscher im Zaum zu halten. Solche Veränderungen sind Teil jenes endlosen Zyklus der Erneuerung, für den die Bibliothek ihren Lesern danken muss.


Es kommt nicht darauf an,
wie viele Bücher man besitzt,
sondern wie gut sie sind.

Seneca

Dieser Ausspruch des Römers kann als eine Art Motto gesehen werden für die frühen Bibliotheken, deren Werke eine Essenz darstellen alles dessen, was gut und schön im klassischen Sinn ist oder klassisch im Verständnis des Mittelalters. … eine streng orchestrierte Zusammenstellung von Idealen. Entsprechend auch die Ordnung in der Bibliothek und die Funktion des Bibliothekars als Hüter und Wissender, wo ein Werk steht und zu finden ist. Nach der Erfingung des Buchdrucks, der eine inflationäre Vermehrung von Büchern hervorrief, geriet dieses Ordnungsprinzip heftig ins Wanken – eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder Bücherfreund früher oder später macht, wenn intuitive Ordnungsprinzipien ab einer bestimmen Anzahl von Büchern im Regal einfach nicht mehr greifen. So habe ich selbst meine Bücher (Belletristik) anfänglich streng in Hardcover und Taschenbücher getrennt, die HC-Ausgaben farblich und innerhalb der Farben nach absteigender Größe geordnet. Nachdem sich dann aber zeigte, daß ich mehrere Titel in drei oder gar vier verschiedenen Ausgaben besaß, wusste ich: es muss etwas geschehen. Fortan gab das Alphabet die Reihenfolge vor.

Aber angefangen hatte es ganz anders. Die ersten Textsammlungen in Mesopotamien bestanden aus Tontafeln, in Ägypten wurden in der berühmten Bibliothek von Alexandria hunderttausende Papyrusrollen verwahrt, Brände zerstörten immer wieder Teile des Bestandes. Nach Battles war die Bibliothek von Alexandria in gewisser Weise der Prototyp der modernen Universalbibliothek: eine Einrichtung mit universalen Ambitionen … und dem erklärten Ziel, .. alles zu besitzen.

Weitere Stationen der Battles’schen Betrachtung sind das alte China, in dem Herrscher ihren Machtanspruch dadurch festigten, daß sie die Erinnerung, sprich: auch die schriftlichen Zeugnisse, an ihre Vorgänger tilgten. Auch Rom hatte seine Sammler und Bibliotheken, Cicero ist einer der bekanntesten, ein ‚Homme de lettres‘. Gebildete Sklaven hatten die Aufgabe, alte Texte abzuschreiben und zu vervielfältigen, damit sie unter Sammlern weitergereicht werden konnten.

Dem mittelalterlichen Europa waren Bücher nicht so wichtig, Werke aus alter Zeit eher suspekt. Wäre der Islam nicht gewesen, der viele der alten griechischen Bücher (und andere ebenfalls) ins Arabische übertragen und gesammelt hätte…. in Cordoba umfasste allein der Katalog der Bibliothek von Al-Hakim 44 Bände, die Anzahl der Bücher bewegte sich zwischen 400.000 und 600.000…. In Europa lebte das Bibliothekswesen erst im 15. Jhdt wieder unter den Medici in Florenz und dann in Venedig mit der ersten modernen ‚öffentlichen‘ Bibliothek auf: Das alles ist eindeutig Teil eines Programms zur Eigenwerbung und zur öffentlichen Feier des Familiennamens. …

Die Kirchen, natürlich hatten sie Büchereien und Büchersammlungen, deren Titelbestand jedoch nur wenige Hundert Stück umfasste und die in einem Raum aufzustellen waren und die von den klassischen Werken beherrscht wurden. So besaß die Bibliothek von Lorsch im 10. Jhdt. bei einer Gesamtzahl von 590 Bänden allein 98 von Augustinus… unter diesen Umständen ließ sich leicht Ordnung halten.

Beim Übergang zum 14. Jhdt gab es jedoch auch schon Bibliotheken, deren Bestände größer waren, die Bibliothekare fingen an, eine alphanumerische Ordnung einzuführen. Die Kataloge, von ’scriptores‘ erstellt, wurden zum Schlüsselelement der neuen Gelehrsamkeit. Noch ‚rangen‘ die Ordungsprinzipien miteinander, wurden die Titel nach Wissensgebieten unterteilt, und in diesen dann aber alphabetisch.


Ein ausführlicher und wahrhaftiger Bericht über die Schlacht, die letzten Freitag in der St. Jakobsbibliothek zwischen den alten und den modernen Büchern ausgefochten wurde.

Eine zentrale Stellung nimmt in Battles Darstellung die ‚Bücherschlacht‘ ein, der berühmte Streit über die alte und die moderne Gelehrsamkeit. … [3] was nichts anderes meint, als das ein Teil der Bibliothekare der Meinung war, die Auswahl der Bücher, die man lesen solle, sei nicht schwer zu treffen, … Es sind die ältesten, jene, die in unmittelbarer Nähe um goldenen Zeitalter Homers geschrieben worden sind. Diese Bücher dürften nicht von pingeligen Philologen auseinander genommen und wissenschaftlich geprüft werden, sondern sie seien mit Ehrerbietung zu lesen …. während die Gegenposition der Meinung war, daß …mit der Vervielfältigung der Kopien von Büchern dank des Buchdrucks … die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt beginnen könne. Anfang des 18. Jhdt. war mithin eine Entscheidung notwendig zwischen der Gelehrsamkeit des Alten oder den neuen Techniken der Kritik. Und es war die Zeit, in der Journale aus dem Boden sprossen und die ersten Romane, die nicht die Erziehung, die Bildung oder die Anleitung des Lesers zu Ziel hatten, sondern seine Unterhaltung, erblickten das Licht der Welt.

Es begann die Zeit, in der das Buch vom Kunsthandwerk zur Massenware eines industsriellen Herstellungsprozesses wurde, die große Zeit der Nationalbibliotheken begann, der Bestände schnell in die Hundertausende wuchs. Auch, weil die Verleger verpflichtet wurden, von jedem Titel aus ihrer Produktion Pflichtexemplare an die Nationalbibliothek zu liefern. Je größer die Bestände, desto wichtiger wurde als direkte Folge davon der Bestandskatalog. Hier geht Battles ausführlich auf den in Italien geborenen Antonio Panizzi ein, der als Bibliothekar der British Library ein völlig neues Katalogsystem entwickelte.

Auf einer zweiten Schiene entwickelten sich eine andere Art von Bibliotheken, die sich erklärtermaßen das Ziel setzten, die armen und bildungsfernen Bevölkerungsschichten an das Buch heranzuführen: man hatte erkannt, daß auch die Bildung bei Arbeitern für die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft von Bedeutung war. Und daß Bibliotheken ein höheres Gut zu bieten hatten als nur Verstand: Sie machten auch glücklich. So entstanden letztlich steuerfinanzierte öffentliche Bibliotheken und Leihbüchereien.


Der Schwerpunkt der Betrachtungen Battles‘  liegt auf den angelsächsischen Bibliotheken, Einrichtungen anderer Länder werden nur sporadisch genannt. Deutschland, wen wundert’s, dient vor allem als Beispiel für die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern in schier unvorstellbarer Menge, wie sie im Dritten Reich geschah. Wobei der 10. Mai 1933 nur ein Tag in diesem Prozess war, der sich über Monate hin über das gesamte Land legte, in dem sukzessive geächtete Schriftsteller und/oder Bücher nicht nur aus öffentlichen Bibliotheken und aus Buchhandlungen, sondern aus Angst vor Repressionen und Denunziationen auch aus privaten Beständen vernichtet wurden.

Auf der anderen Seite stellten die Nationalsozialisten aus den gestohlenen Beständen jüdischer Bürger, die sie deportiert oder gleich ermordet hatten, neue Büchersammlungen mit Judaica zusammen, andere ‚erbeutete‘ Bestände wurden verbrannt, als Altpapier genutzt oder auch an ausländische Interessenten verkauft.

Battles erinnert gleichfalls daran, welch wichtige Funktion (improvisierte) Bibliotheken in den jüdischen Ghettos im Dritten Reich hatten, die Bibliothek des Musterlager Theresienstadt umfasste um dei 100000 Bücher, die des Block 31 in Birkenau acht Titel…..

… überall dort, wo gelesen wird, brennen auch Bücher: in Tibet nach Annexion durch die VR China, 1981 die Tamilen-Bibliothek in Sri Lanka, Buchsammlungen in Afghanistan durch die Taliban. Gegen 22:30 am 25. Augusgt 1992 fingen die Serben unter Ratko Mladic an, die Nationalbibliothek in Sarajewo gezielt zu beschießen und in Brand zu setzen. In gleicher Weise wurdne das Orientinstitut mit seinen bedeutenden Beständen, das bosnische Nationalmuseum, die Universitätbibliothek von Mostar und hunderte weitere Bibliotheken vernichtet, um so die Erinnerung an die gemeinsamen Jahrhunderte auszulöschen, in denen die verschiedenen Ethnien zusammen und fruchtbarem Miteinander lebten. [4]

Den Abschluss des Buches bilden noch einmal Gedanken des Autoren zur gegenwärtigen und vermutlich zukünftigen Bedeutung von Bibliotheken.


Die Welt der Bücher ist, obwohl sie in Kritiken zum Teil derbe verrissen wird [2], für einen normalen Leser eine durchaus interessante Lektüre. Natürlich ist es keine umfassende Geschichte der Bibliothek(en), dazu ist sie viel zu sehr auf den angelsächsischen Kulturkreis fokussiert. Andererseits diskutiert der Autor anhand ’seiner‘ Bibliotheken Themen von allgemeiner Gültigkeit wie die Rolle und Funktion eines Bibliothekars im Lauf der Zeiten, die Bedeutung der Kataloge und der systematischen Einordnung von Büchern in ein Katalogsystem. Stellenwert, Funktion, Aufgabe: all das hat sich im Lauf der Jahrhunderte, vllt sogar Jahrtausende gewandelt und dieser Wandel ist im Buch erkennbar. Die neuerliche Herausforderung an das geschriebene Wort und seine Dokumentation durch die elektronischen Medien wird nicht ausführlich behandelt, dies dürfte dem ‚Alter‘ des Buches von Battles geschuldet sein.

Zusammenfassend kann ich festhalten, daß mir das Buch einige interessante Stunden vermittelt hat, in denen ich eine Menge Fakten erfahren habe, die mir so noch nicht bekannt waren.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://cyber.harvard.edu/people/mbattles
[2]  z.B. von Jörg Plath: Das große Abbild; in:  http://www.deutschlandfunk.de…81739
[3] vgl. hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bucherschlacht-7222/2
[4] Eine Übersicht über kriegsbedingte Vernichtungen von Bibliotheken findet sich z.B. hier: Into the flames: Libraries in the time of armed conflict: Why the world needs a new Non-Governmental Organization: Librarians Without Borders (LWB); in: http://capping.slis.ualberta.ca/global/andrew/into%20the%20flames.htm

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Matthew Battles
Die Welt der Bücher
Eine Geschichte der Bibliothek
Übersetzt aus dem XXX von Sophia Simon
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Artemis & Winkler, HC, ca. xyz S., 2003

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8 Responses to “Matthew Battles: Die Welt der Bücher”

  1. Anne-Marit Says:

    Das passt wunderbar in meine Sammlung „Bücher über Bücher“. Vielen Dank für den tollen Tipp, endlich mal ein Buch, das ich zu diesem Thema noch nicht habe.
    Wünsche noch einen schönen Lesesonntag.

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  2. […] aus.gelesen stellt ein Buch über Bücher vor: Die Welt der Bücher von Matthew Battles. […]

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