Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

 Giwi Margwelaschwili, ca. 2008 Bildquelle [1]

Giwi Margwelaschwili, ca. 2008
Bildquelle [1]

გივი მარგველაშვილი

….vielleicht gilt für diese uns arabesk erscheinende Schrift und die Person, die damit auf Papier (oder durch Pixel auf einem Bildschirm: lassen sich seine Gedanken so ohne weiteres in die virtuelle Welt übertragen?) symbolisiert wird, ähnliches, wie Margwelaschwili es in seinem kleinen, poetischen Werk erzählt, vielleicht ist auch er  nicht nur realer Leser und Autor, sondern auch Bewohner der Buchwelt und somit ein Geschöpf, das durch den Leser erst zum Leben erweckt wird….

Das Zentrales Thema im Werk Margwelaschwilis ist die Philosophie der Schrift, damit auch die Philosophie des Lesens und allgemeiner des Rezipierens, wobei der Schwerpunkt fast immer in der Wirkung der Schrift auf das menschliche Leben und Denken liegt [1]. In diesem Büchlein spielt er mit diesem Gedanken, nicht so sehr die Wirkung der Schrift auf den Leser ist sein Thema, sondern die Vorstellung, daß der Leser durch sein Lesen die Schrift, ihre Figuren, die erzählten Welten zu einer Art temporären Lebens, dem Buchleben, erweckt.

Buchpersonen sind an sich herzlos.
Sie leben nur mit Leserherzen in der eigenen Brust.
Sie sterben, wenn der Leser sie gelesen und sich aus ihnen zurückgezogen hat.

Dieses Buchleben ist im Grunde gnadenlos. Es ist vorgezeichnet durch den Schreiber, das Ende ist allermeist unverrückbar mit der letzten Zeile, dem letzten Buchstaben, vorgegeben und schließt der Leser das Buch, so ist dies nicht zu vergleichen mit dem Versinken unserer Sonne unter den Horizont, von wo aus sie am nächsten Tag die Dunkelheit wieder vertreiben wird, sondern es ist eine möglicherweise ewige Dunkelheit, in die die Buchwelt versinkt, aus der sie nie oder vielleicht einmal nach langer Zeit wieder zum Leben erweckt wird. Die  unbilligen Härten in solcherart Buchleben abzufedern, ist die Versweltverwaltung da….

… die auch hie und da in den Gang der Buchwelt eingreift, den Ibykus am Leben erhält und das Lindenblatt rechtzeitig hindert, sich auf Siegfrieds Schulter zu setzen. Kleinigkeiten nur, aber sie ändern den Gang der Dinge in der Buchwelt ganz gewaltig [2]. Was zum Beispiel wäre passiert, hätte Pallas Athene dem Peliden seinen Wurfspeer, der im ersten Versuch fehlte, nicht nochmals zum Wurfe gereicht, der diesmal erfolgreicher war….

Sie lieben und leiden, sie hoffen und flehen, sind verzagt oder mutig – je nach dem. Sie haben ein Leben zu leben auf das vorgezeichnete Ende hin, aber ihr Leben ist die Zwiesprache mit dem Leser, der Dialog mit ihm, der aus der Buchweltfigur im Lesenden den Buchweltmenschen macht, der beide verschmelzen läßt – für einen Leselebensmoment zumindest…..

leseleben cover

Es sind poetische, tiefgründige, auch berührende Miniaturen, mit denen Margwelaschwili von einer symbiotischen Beziehung zwischen dem Lesenden und dem Gelesenwerdendem aus der Buchwelt berichtet. Es sind Geschichten, die uns daran erinnern, daß der Dichter Herzblut in sein Werk gegegen hat, daß in seinen Worten ein Teil von ihm, von seinem Leben verewigt ist und daß es an uns, dem Leser liegt, dieses zu Druckerschwärzeleben gewordene Leben wieder zu erwecken und in Ehren zu halten, es zu respektieren und zu schätzen:

Das Schlimmste für den Dichter ist, wenn sein Brunnen vergessen wird,
wenn die Wanderer immer seltener vorüberkommen und kaum noch jemand trinkt.

Zudem ist das kleine Bändchen Margwelaschwilis auch als Buch ein kleines Schmuckstück: die moderne Technik macht es möglich, jedes Exemplar der auf 1500 Stück limitierten Auflage in einer individuellen Reihenfolge der Buchweltbeiträge zu drucken. In die ihrerseits wieder in einer einzigartigen Reihenfolge unterbrochen sind von den Atomen der Buchwelt: graphische Darstellungen von Buchstaben sind eingestreut in diese Lesewelt wie Blumen auf einer Sommerwiese. Es fehlten das „T“, das „O“ und das „D“… man mag raten, woran das liegt, es ist so schwer nicht….

Margwelaschwili, der 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren worden war, der früh (nicht jeder landsmännische Beziehung schützt vor dem Unglück) mit dem Vater in ein Lager des NKWD kam (wo dieser auch starb), kam erst 1987 wieder nach Deutschland und lebt seit 2012 in Tiflis. Mit dem Leseleben hat er uns ein wunderschönes, leichtes, tiefsinniges Büchlein geschenkt über Bücher, die Welten in ihnen – und auch über uns selbst.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Giwi_Margwelaschwili
Autorenbild: von Zangala at ka.wikipedia (Transferred from ka.wikipedia) [Für die Lizenz, siehe], vom Wikimedia Commons
[2] Ein Spiel, das nicht ganz neu ist: von aussen in die Handlung eines Buches eingreifen, um sie zu ändern und nach Belieben zu beeinflussen. Jasper Fforde, der dies weniger philosophisch als mehr fantasievoll durchfführte, fällt mir an dieser Stelle spontan ein (https://radiergummi.wordpress.com/tag/fforde/)
[3] Homepage des Grafikstudios von Zubinski:  http://cargocollective.com/vonzubinski/Uber-About-von-Zubinski

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Giwi Margwelaschwili
Leseleben
mit Illustrationen von Zubinski [3]
diese Ausgabe: Verbrecher-Verlag, HC, 80 S., 2014, Ausgabe No: 658

Gestern abend war also in meiner Buchhandlung die Lesung des Schneewittchen-Romans von Nele Neuhaus. Es war ein ziemlicher Andrang, jedenfalls im Vergleich zu anderen Lesungen, bei denen die Autoren wohl nicht so bekannt sind wie Neuhaus, deren Krimi sowohl in der Spiegel-Bestsellerliste weit oben stand als auch beim Versandbuchhandel längere Zeit den Platz 1 innehatte. Dazu eine Autorin von praktisch um die Ecke herum – das hat Neugierde und Interesse geweckt.

Frau Neuhaus hat die Lesung sehr kontaktfreudig und offen mit einer Darstellung ihres Werdeganges als Schriftstellerin angefangen. Ersten vergeblichen Versuchen, einen Verlag fürs erste Manuskript zu finden, folgte dann das Experiment, den Roman über books-on-demand selbst zu verlegen. Dieser erzeugte bei den Lesern Nachfrage und damit die Notwendigkeit, weiter zu schreiben…. was ihr aber, die schon vor der Einschulung mit dem Schreiben begonnen hatte, keine wirklichen Schwierigkeiten machte. Und irgendwann hatte sie dann die Idee, auf eine Kriminalhandlung zu setzen und auf reale Orte, in denen sich die Leute wiederfinden konnten. Und der Erfolg gibt ihr letztlich sehr recht, das Ermittlerpaar Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein sind mittlerweile „Familienmitglieder“ und quasi ihr Markenzeichen.

Man merkte Frau Neuhaus an, daß sie gerne erzählt und auch Geschichten erfindet. Um so erstaunlicher eigentlich für mich (und bedauerlicher!) daß die eigentliche Lesung, die sich auf die allerersten Kapitel, in denen die wichtigsten Personen eingeführt werden, konzentrierte, ziemlich plötzlich mit einem herzlichen „Dankeschön“ an die Besucher endete und von Fragen oder einer Diskussion übers Buch oder übers Schreiben allgemein nicht explizit aber doch deutlich Abstand genommen wurde. Schade, zumal ich glaube, daß auch ein Autor aus solchen Gesprächen mit seinen Lesern noch Anregungen schöpfen kann….

Ein kleiner, aber deutlicher Wermutstropfen für die ansonsten sehr schöne und interessante Lesung mit einer sympathischen Nele Neuhaus.

Meine Buchbesprechen von Schneewittchen

Im September wollen wir unsere Vorlesestunde in der Schule wieder aufnehmen. Wir, das sind die Lehrerin, eine gute Freundin von mir und ich. Und die Kinder natürlich… Eins der Kinder ist im Sommer mit den Eltern für zwei Jahre nach Afrika gegangen, da es den Vater beruflich dorthin geführt hat. So ist natürlich das Thema „Afrika“ ganz aktuell und die Lehrerin führt mit den Kindern jetzt auch ein entsprechendes Projekt durch. Und ich hatte die „Aufgabe“, einen schönen Vorlesetext zum Thema zu suchen.

Und wie es manchmal so geht… gestern war eine kleine Vorbesprechung für ein anderes Leseprojekt am Volkstrauertag. Wir haben uns in der wöchentlichen Ausleihstunde der katholischen Bücherei getroffen und was sehe ich da auf den ersten Blick: dieses Buch „Sag mir, wie ist Afrika?“ Oh, was ein schönes, ein wunder-wunder-wunderschönes Buch…. Diese Malereien von Lesage.. alle in warmen Erdtönen gehalten, ganz selten mal ein Tupfer in Rot, ich bin einfach nur begeistert… und das schönste ist: man kann sich ein paar Seiten des Buches (das im Original mit knapp 32 auf 25 cm schön groß ist) auf der Website der Künstlerin anschauen [1]. Wobei im Buch die Farben der Bilder schöner sind, weil sie nicht so rotstichig sind wie auf dem Monitor. Aber das liegt vllt auch an meinem Bildschirm, weiß man ja nie so genau….

In dem Buch fragt der kleine Chaka seinen Großvater über Afrika „aus“, über das Leben dort, die Farben, die Kinder, die Vorfahren, die Magie, die Tiere, er will von der Wildnis hören, den Geistern und den Masken, er will vom Fischen im gelben Fluss hören und vom Hüten der Ziegen, will, daß sein Großvater ihm von Kadidja erzählt, seiner Urgroßmutter….

Sag mir, Papa Dembo,
sag mir, welche Farben hat Afrika?

Afrika, kleiner Chaka?
Afrika ist schwarz wie meine Haut,
rot wie die Erde
weiß wie das Licht am Mittag
blau wie der Schatten am Abend
gelb wie der große Fluss
grün wie die Fächer der Palme

Afrika, kleiner Chaka,
hat alle Farben,
die das Leben kennt.

Die ganzen Texte des Buches sind in diesem Stil gehalten. Es ist eine Melodie in ihnen, sie lesen sich von selbst, sie schwingen in einem nach, sie verströmen eine Ahnung von dem, was sie beschreiben… ja, Papa Dembo, so ist Afrika….

Es ist einfach nur ein wunderschönes Buch und ich freu mich sehr auf meine Vorlesestunde….

Vorlesestunde:

Wir hatten für die Stunde eine ganze Menge exotisches Obst gekauft und damit einen kleinen Tisch drapiert. Dazu ein paar Masken, Palmenzweige, Figuren… dadurch kam so ein klein wenig Atmsophäre auf. Das Verkosten von Datteln zeigte dann aber wieder die Gültigkeit des Sprichworts: wat de bur net kennt, frett he net… da taten sich die Kleine schon etwas schwer mit. Aber nachdem der Teller ein paar mal im Kreis herumgegangen war, waren die Datteln dann doch alle weg und ich glaube, es haben letztlich auch fast alle probiert.

Das Lesen der Geschichten… es ist natürlich nicht so spannend wie eine Gruselgeschichte, die Kinder mussten sich schon mehr konzentrieren. Die gedichtartige Erzählweise war auch anspruchsvoll .. ich denke, daß ihnen das Buch zwar gefallen hat, aber wenn sie wählen könnten zwischen einer Gespenstergeschichte und Afrika… lasst es mich so sagen: nächstes Mal gibt es wieder was spannenderes…. *gg*

Links:

[1] die Website der Künstlerin (auf Livres und dann auf L´Africa, Petite Chaka klicken und mit der Maus umblättern)

Marie Sellier (Text), Marion Lesage (Illustrationen)
Sag mir, wie ist Afrika?
Peter Hammer Verlag, 2002, 40 S.

Heute mittag habe ich mit der naiven Freude eines Laien, der nicht wirklich weiß, was er tut, vergleichbar vielleicht mit einem Kind, das sich in unschuldiger Seele an einem Käfer erfreut, den es zufällig auf der Mauer findet und der es durch seine Bläue schier fasziniert, heute mittag also fand ich durch den Zufall, der mich führte, als ich willkürlich und ohne Plan aus meinem Bücherregal das Büchlein Hemingwas „Schnee auf dem Kilimandscharo“ zog, das Wort „Glast“. Nun ist an dem Wort Glast nicht wirklich was erwähnenswertes, außer der Tatsache, daß man es kaum geschrieben noch gesagt findet, es gehört zweifelsohne zu den aussterbenden Worten, mag sein, daß es schon ausgestorben ist und die wenigen Male, die man es in der Literatur findet, nur den Nachgesang auf diesen Begriff darstellen.
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Ein zweites Buch ist mir bekannt, in dem das Wort auftaucht: Hesses „Unterm Rad“. Seit ich dieses Buch gelesen habe, immerhin schon Jahrzehnte sind seit dieser Zeit ins Land gezogen, verbinde ich mit glastend einen durch eine weite, mit einzelnen Baumgruppen bestandene Landschaft, in der gelbe Getreidefelder mit Wiesen abwechseln, über allem eine Hitzeglocke, die in einer am hohen Himmel stehenden Sonne ihren Ursprung hat. Ein Weg schlängelt sich durch diese Landschaft, auf dem Weg wandert hitzemüde ein Mann mit einem Stecken in der Hand, in meiner Imagination sucht er eine Bank unter einem Baum, um zu ruhen…

Dieses Bild war heute mittag sofort wieder lebendig, als ich Hemingway anlas, auf der ersten Seite schon….
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Er kenne seinen Helmut. Daß den das im Sonnenglast auf- und niedersteigende Grün nicht unberührt lasse….“ Ha. Noch mal Glast. Ich freu mich. Danke Martin (S. 41)
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Nicht ganz „Glast“, dafür aber das Wort „Glost“ fand ich in einem kleinen Gedicht im Rahmen der Veröffentlichung zur Verleihung des Menantes-Preises 2008. Dort ist von Johann Peter das Gedicht „Wintermärchen“ abgedruckt, in dem es heißt:

Der Rotdorn starrt mit Raureifblüte
das tat der Frost in einer Nacht.
Da noch ein Glost im Ofen glühte
war schnell ein neuer Brand entfacht.

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Auch wenn schon Jahre jetzt (Oktober 2012) ins Land gezogen, so ist doch mein Auge noch programmiert auf dieses Wörtlein… in der 1992er Ausgabe des Romans von M. Ondaatje: Es liegt in der Familie (Hanser), nach dem ich – zog mich wer? – zielgerichtet griff im Bücherladen, schaute ich den Klappentext und sah es: „.., das dunkle Gelb der Kokospalme. Zehn Minuten später der Glast tropischer Sonne, tausend Geräusche…. “ Ondaatje übrigens selbst verwendet dieses Wort in seinem Text nicht. Was das „Glast“ des Klappentextes uns sagen soll, umschreibt er mit „flimmernder Hitze„…

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