Adalbert Stifter: Bergkristall

24. Dezember 2015

Adalbert Stifter Bildquelle [B]

Adalbert Stifter
Bildquelle [B]

Adalbert Stifter wurde 1805 im Südböhmischen als Sohn eines Leinwebers und Garnhändlers geboren und kam erst spät zum Schreiben, da er sich zuvor dem Malen gewidmet hatte. Sein Kennzeichen sind realistische Naturbeschreibungen, die vorliegende Erzählung Bergkristall ist eine von mehreren, die er 1853 unter dem Übertitel Bunte Steine zusammengefasst und veröffentlich hat und deren Inhalt meist Kindergeschichten mit einfacher Handlung sind. Er nennt sie selbst Spielereien für junge Herzen, die nicht einmal Tugend und Sitte predigen werden,…. wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind. [1]

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Ein Blick in „mein“ Kirchlein, in dem ich immer vorlese, auch diese Geschichte wieder

Bergkristall ist zumindest mir davon die bekannteste Erzählung, sie ist wohl auch eine der klassischen Weihnachtserzählungen, hieß in der Erstfassung auch Der Heilige Abend [3]. Ich habe mir den Text für meine alljährliche Lesung Zwischen den Jahren ausgesucht, mit der ich in meiner Kirchengemeinde das alte Jahr (lesetechnisch) noch einmal in gemütlicher Atmosphäre und ganz nostalgisch-besinnlich ausklingen lasse, begleitet übrigens von einer guten Freundin, die Harfe und Mondola meisterlich beherrscht. Die letzten zwei Jahre hatte ich bei dieser Gelegenheit Dickens mit seinem Chrismas Carol  [2] sowie ein Jahr früher einige Geschichten von Peter Rosegger gelesen. Dieses Jahr also Bergkristall.


Wie gesagt, es ist von der Handlung her eine einfache Geschichte. Sie spielt in den Bergen und führt uns ein ein abgelegenes Bergdorf namens Gschaid. Einführend beschreibt Stifter dieses Dorf und auch die Berge rundherum, ebenso charakterisiert er das Leben und vor allem die Menschen, die dort leben. Diese Beschreibungen haben wenig romantisches, sie sind realistisch, liest man beispielsweise die Passagen, in denen er die Bergwelt beschreibt, baut sich vor dem geistigen Auge langsam eine Landschaft auf, wie sie tatsächlich ausgesehen haben mag.

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Wichtig für die Geschichte ist der Schuster des Dorfes. In seiner Jugend ein – nach damaligen Maßstäben – unangepasster Mensch, der sich erst einmal umschaut, seine eigenen Wege sucht und sich geradezu nonkonformistisch verhält (einen grünen Hut anstelle eines schwarzen trägt!), ein junger Mann, der auch seinen Vergnügungen nachgeht anstatt nur zu arbeiten. Doch er ändert sich, wird fleißig und ein geachteter Mann in Gschaid und auch in anderen Dörfern. Trotzdem ist der Färber aus dem drei Fußstunden über einen Pass durch die Bergwelt entfernten Nachbarort Millstadt nicht bereit, dem Freien des Schusters um seine Tochter nachzugeben. Erst als die Mutter sich für die beiden jungen Leute (wobei nichts darüber steht, was die junge Frau überhaupt empfindet oder will) einsetzt, gibt der Färber nach und sein Einverständnis zur Hochzeit. Wobei er aber den Standpunkt vertritt, ein rechter Mann müsse selbst für seine Frau und seine Familie sorgen, die Tochter bekommt daher nur das aus dem Elternhaus mit, was gesellschaftlich geboten ist, nichts darüber hinaus. Aber da der Fleiß des Schusters und seine gute Arbeit ihn hinreichend wohlhabend gemacht haben, ist diesem das recht.

Im Lauf der Jahre bekommt das Paar zwei Kinder, den Knaben Konrad und das Mädchen Susanna, genannt Sanna. Doch da sich die Lebensverhältnisse der Schusterfamilie stark von denen der übrigen Gschaider unterscheiden und sich Mutter und Kinder auch viel zu den Großeltern nach Millstadt orientieren, bleiben sie immer so ein wenig fremd im Ort.

Eines schönen Jahres um Weihnachten bekommen die Kinder (Konrad ist ein verständiger, besonnener Junge) die Erlaubnis, da auch das Wetter gut ist, die Großmutter in Millstadt zu besuchen. Freudig machen sie sich auf den Weg, den Stifter uns ausführlich beschreibt. Besonders auch die Wegmarke, den umgefallenen, morsch gewordenen Pfahl auf dem Grat, den sie queren müssen, eine Erinnerung an einen Bäcker, der sich dereinst im Winter verlaufen hatte und vier Monate gefroren an Ort und Stelle hockte, bis man ihn auffand.

Früh schickt die Oma die Kinder wieder zurück nach Gschaid, be“laden“ mit Paketen, die Geschenke enthalten und auch Wegzehrung. Und schon bald nach ihrem Aufbruch fängt es an, leicht zu schneien. Was ein Spaß, die fallenden Flocken! Doch bald wird der Schneefall heftiger, bedeckt das Weiß die Bäume und die ganze Landschaft. So heftig wird er, daß die Kinder die Bäume am Wegrand nicht mehr sehen können… und müssten sie nicht schon längst an der Wegmarke sein? Sie stapfen weiter, immer Geradeaus, ganz sicher würden sie hinter der nächsten Ecke den Weg finden, der bergab ins Tal, nach Hause führt… Ja, Konrad. Sanna ist tapfer, sie vertraut ihrem Bruder, der ihr Zuversicht zu geben versucht.

Es geht immer nur bergan, sie finden keinen Weg nach unten. Sie kommen an Geröllfelder, sie erreichen die Zone des Eises, das auch im Sommer nicht wegtaut, das sie bläulich und grünlich schimmernd im Sommer vom Ort aus erblicken können…. Schon längst ist die Sonne nicht mehr zu sehen und bald überfällt sie die Dunkelheit. Doch sie haben ein wenig Glück: es geht kein Wind, der Schnee fällt senkrecht nach unten und so ist es unter dem Dach, das die großen Steine bilden, auf die sie treffen, trocken und windstill.

Hier erwarten sie die Nacht. Konrad weiß, daß sie nicht schlafen dürfen in dieser Eiseskälte, sonst würden sie erfrieren und er hält seine Schwester wach. Gottseidank hat die Oma für die Mutter einen starken Kaffeesud mitgegeben, den sie trinken können, der wärmt von innen und er hält die Augen offen…

Sie überstehen die Nacht und stapfen am nächsten Morgen weiter durch den Schnee, finden aber auch in der Helligkeit des neuen Tages keinen Weg, der ins Tal führt. In irgendein Tal, von dem aus sie sich nach Gschaid durchfragen könnten. Sie haben sich hoffnungslos verirrt im Gebirge. Hoffnungslos? Da erblickt der Knabe in weiter Ferne etwas, was zuckt und lebt wie eine Flamme… und sie meinen, Stimmen zu hören.. und sie schreien selbst, so laut sie können und die „Flamme“ kommt näher, entpuppt sich als rote Flagge, die sie kennen…. ein Suchtrupp aus dem Ort hat sie gefunden, weitab vom richtigen Weg….

So kehren sie glücklich zurück in den Ort, aus dem viele sich auf die Suche gemacht hatten, genau wie auch der Färber aus Millstadt, dem man vom Vermissen der Kinder berichtet hatte. Zum ersten Mal geht dieser daraufhin mit nach Gschaid. Gut haben die beiden Kinder das Abenteuer überstanden, das so böse hätte ausgehen können… und etwas verspätet holen sie die Weihnachtsnacht nach und die Bescherung und von nun an waren sie und die Mutter keine Fremden mehr im Dorf, sondern wurden als Gschaider angesehen.


Bergkristall hat im Grunde zwei Schwerpunkte. Stifter beginnt mit einer genauen Beschreibung von Landschaft und Gebräuchen der Gegend, in der die Erzählung spielt. Dabei beginnt er mit der Bedeutung der großen christlichen Feste Ostern und Weihnacht für die Menschen und schildert die Art und Weise in der vor allem das Weihnachtsfest gefeiert wird. Mit der Schilderung der Landschaft, der Berge, des Bergrückens „Hals“, über den die Kinder später in das Nachbardorf wandern müssen, bereitet er die Bühne für seine nachfolgende Geschichte von Konrad und Sanna. Die Landschaftsbeschreibungen sind genau und realistisch und lassen beim Lesen einen bildhaften Eindruck der Berge entstehen.

Er beschreibt auch die Menschen dieser Gegend, die zumeist arm sind und viel arbeiten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Hilfreich ist für sie der aufkommende (lokale?) Tourismus, bei dem sie sich zum Beispiel als Bergführer verdingen können, was ihnen Ansehen auch untereinander sichert. Auch Handwerker profitieren davon, als Beispiel sei der Schuster genannt, der passendes Bergschuhwerk an die Fremden verkaufen kann.

Unterschwellige Kritik ist aber auch im Text verborgen. Denn prinzipiell sind die Menschen dem Neuen gegenüber skeptisch eingestellt. Sie bilden eine eigene Welt und … sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Häuser werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause.

So wird auch der junge Schuster verständnislos angesehen, der nach der Schule und dem Lernen etwas in der Welt herumgezogen war und nach der Rückkehr statt, wie es sich für einen Gewerbsmann ziemt, und wie sein Vater es zeitlebens getan hat, einen schwarzen Hut zu tragen, tat er einen grünen auf, steckte noch alle bestehenden Federn darauf und stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten Lodenrocke, den es im Tale gab, herum, während sein Vater immer einen Rock von dunkler, womöglich schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem Gewerbsmanne angehörte, immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Das klingt wahrlich nicht nach revolutionärer Grundstimmung in der Bevölkerung.

Genausowenig wie man behaupten kann, die Stellung der Frau wäre auch nur annäherungsweise emanzipiert und gleichberechtigt. Daß des Schusters Auserwählte als Charakter praktisch gar nicht ausgeführt wird, ist ein Zeichen dafür, für sie muss reichen, daß der Schuster sie heiraten will – ob sie es auch will, ist so unwichtig, daß es nicht erwähnt wird. Auch fügt sie sich anscheinend ohne Widerspruch in den Willen des Vaters, der sie praktisch ans Haus fesselt, um sie vom Schuster fern zu halten. Natürlich ist sie eine gute Mutter und wird auch dem Mann eine „gute“ Frau sein, dies kann man wohl voraussetzen. Über beide „Susannas“ sagt Stifter: ….das Mädchen Susanne, nach ihrer Mutter so genannt, oder wie man es zur Abkürzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen [i.e. Konrad] Kenntnissen, seiner Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine Leitung, gerade so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des Vaters gab, dem sie alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute. Von der Tochter Sanna jedenfalls ist nicht viel mehr zu hören als ein stetes: Ja, Konrad.

Die Natur ist das Beherrschende in dieser Welt, die Stifter uns beschreibt. Die hohen Berge, die das Tal und auch das Leben der Menschen umgrenzen und bestimmen, der Mensch ist ihnen noch weitgehend ausgeliefert, der erwähnte Bäcker erfror des Winters in der Natur, eine Mahnung für alle. Aber die Natur rettet auch: nicht die Säule, das Menschenwerk, rettet die Kinder, sie ist morsch, umgefallen und nutzlos, nein: die Natur bietet ihnen Schutz in dem Unterstand, den die Steine ihnen für die Nacht bieten.

Und am nächsten Morgen, dem Morgen nach der Weihnacht, geht die Sonne auf und die Kinder, dem Tod entronnen (und damit in einer Art Wiedergeburt) gehen mit neuem Mut dem Tag entgegen und werden auch bald gerettet. Nimmt man dieses als Bild für die Geburt Jesus in dieser Nacht, passt auch schön, daß die Kinder (Jesu) nach dieser (Wieder)Geburt keine Fremden mehr sind, sondern sie sind in den Herzen der Einheimischen aufgenommen.

Es ist eben eine Weihnachtsgeschichte, die den Hörern bzw. Lesern Hoffnung und Freude bescheren soll….

An einer Stelle ist Stifter jedoch ein kleiner logischer Fehler unterlaufen. Die Kinder dürfen ja zur Oma wandern, weil das Wetter so gut ist. Unterwegs jedoch sagt Konrad zu seiner Schwester, daß man schon am Morgen an der Sonne hätte sehen können, daß Schnee fallen würde….

Falls sich jemand eine ausführliche Analyse des Textes zu Gemüte führen will: dies ist (von den vielen, die man im Netz findet) mir als die ausführlichste erschienen, sie stammt aus den Reihen der Uni Düsseldorf [5].

So, und jetzt freue ich mich auf meine eigene Lesung, weil, das ist nämlich immer eine wirklich schöne, ruhige, etwas nostalgische Atmosphäre….

Links und Anmerkungen:

[1] Adalbert Stifter: Bunte Steine (Vorrede) ; http://gutenberg.spiegel.de/buch/bunte-steine-197/1
[2] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend;  https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/
[3] zu Adalbert Stifter:  http://www.adalbertstifter.at/Werke.htm sowie der Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Adalbert_Stifter
[4] Text im Projekt Gutenberg:  http://gutenberg.spiegel.de/buch/bunte-steine-197/22
[5] und wer das Werk voll durchgedeutet haben möchte, dem sei diese Quelle empfohlen: http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/tepe/tepeSite/mim/editionMIM/a02_jr_berg/jr_berg53.htm

Bildquelle:

Portraits: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Adalbert_Stifter_photo.jpg, Lizenz: gemeinfrei

Adalbert Stifter
Bergkristall
Erstausgabe: 1853 (im Rahmen der Sammlung Bunte Steine); 1845 unter dem Titel Der heilige Abend in der Zeitschrift Die Gegenwart
diese Ausgabe: Adalbert Stifter: Erzählungen, mit Illustrationen von Kurt Eichler,
Union Verlag Berlin, 1964, HC, ca. 350 S., 

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Schlimme Ehen

22. November 2015

Alle glücklichen Familien gleichen einander,
jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art.

(Tolstoi, Anna Karenina)


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Die Ehe, so führen die beiden – wie soll man sagen? – Sammler dieser Textauszüge, Angelika Overath und Manfred Koch, einleitend aus, ist etwas besonderes. Kann man sich weder den Zeitpunkt seiner Geburt, seinen Geburtsort, seine Eltern oder Geschwister aussuchen, so ist die Ehe eine Entscheidung, die bei vollem Bewusstsein getroffen wird: ja, mit diesem einen Menschen möchte ich mein Leben zusammen verbringen. Mittlerweile ist es keine Notwendigkeit mehr, zu heiraten, der schlimme-ehenLebensmodelle und Partnerschaften gibt es viele – und doch: immer noch gehen viele eigenverantwortliche Individuenfreiwillig die Ehe ein. Trotz des Wissens um die Risiken, die da heißen: Entfremdung, Verfeindung, Bekämpfung bis möglicherweise hin zum Tötungsdelikt, in minder schweren Fällen bis zur Scheidung. Die Kriminalstatistiken beweisen übrigens, daß Kapitalverbrechen wie grobe Körperverletzung, Vergewaltigung, Totschlag und Mord vornehmlich im häuslichen Bereich schlimme-ehen… begangen werden, wobei die Gewaltausübung von Frauen gegenüber Männern in diesen heterosexuellen Intimpartnerschaften in der Zunahme begriffen ist.

Sie verdrängen dies, die Heiratswilligen, für sie hängt der Himmel voller Geigen, ist der Tag der Hochzeit ein Tag, auf den sich Monate vorzubereiten ist, eine Armada von Hochglanzmagazinen hilft bei der Gestaltung dieses einschneidenden Moments, dessen Gelingen schlimme-ehenoder auch Nichtgelingen vermeintlich einen Blick auf das künftige Eheglück erlaubt.

Aber man muss ihnen ebenso auf andere Art und Weise helfen, unter die Arme greifen und zwar nicht, in dem man das Glück, das sie erwarten, besingt und ausmalt, das ist so unnötig wie einem Wüstenreisendem die Stille der Wüste auszumalen. Was ihm, dem Heiratswilligen hilfreich ist, sind nicht Bestätigungen seines Wahns, sondern Blaupausen, die sein Überleben sichern. … Es gibt Ortskundige, die in diesem Gelände schlimme-ehenunterwegs waren und manche haben es ziemlich genau beschrieben…. ein großer Teil der mehr oder weniger Weltliteratur befasst sich mit diesem Leben zu Zweit.

Die Geschichten, die in diesem Buch gesammelt sind, argumentieren oder philosophieren kaum, sie beschreiben, zum Teil minutiös. Sie sind vorwiegend der Literatur der letzten 200 Jahre entnommen, beinhalten aber auch Schicksale der Antike wie die der großen tragischen schlimme-ehenFrauengestalten von Medea oder Klytemnästra und Alltagstexte wie Zeitungsberichte.

Die Anordnung der Kapitel ist „chronologisch“ und folgt dem Gang des Lebens: An die Hochzeit schließt sich der Personenstandswechsel an, danach die Frage der Kinder und des Alltags. Es gibt Ehekarrieren und der Körper des anderen mag im Lauf der Zeit in seinem Sein oder in seiner Veränderung erschrecken oder gar die Lust töten. Ist dies ein schlimme-ehenAngriff auf die Ehe von innen heraus, so führt die Attacke von außen nur allzuhäufig die Existenz einer Geliebten oder eines Geliebten, was unweigerlich zu Streit führt und manchmal – siehe oben – sogar zu Tötungen. Die Existenz einer/s Dritten ist aber keineswegs notwendig (noch ist sie hinreichend) für ein solche einschneidendes Handeln, manchmal sammelt sich in Jahrzehnten eine unterschwellige Wut oder Frustation, die durch den sprichwörtlich gewordenen Tropfen das Fass schlimme-ehenzum Überlaufen bringt….

So hoffnungsvoll all die Ehen auch begannen (na ja, die meisten), so sind sie in diesen Beispielen alle den Gefahren erlegen, zumindest aber ist das Risiko vorhanden, das sie es tun. Die Textstellen, die hier herausgesucht wurden, sind Fundstücke des Versagens, denn daß Ehen scheitern können, begreifen wir spätestens, wenn wir verheiratet sind.

schlimme-ehenZu diesem Band der Anderen Bibliothek läßt sich nur schwer eine Inhaltsangabe fassen. An das  Vorwort (an dem sich meine Einleitung hier orientiert) schließen sich die erwähnten Kapitel an, die jeweils um die fünfzehn bis zwanzig Textbei- spiele umfassen, die meisten ein bis zwei Druck- seiten lang, ein paar auch nur wenige Zeilen bzw. mehr Seiten. Die meisten der Zitate werden durch ein kleines Setting in einen größeren Sinnzu- sammenhang gestellt und somit verständlicher.

schlimme-ehenIch habe mit diesem Buch meine letzte Vorleseveranstaltung gemacht. Die Leute waren zwar vorgewarnt, aber ein wenig kollidierten die Texte schon mit den Erwartungen, es gab wenig zu lachen und an den Stellen, an denen man z.B. wegen der Situationskomik grinsen oder lachen musste, blieb es einem doch im Halse stecken. Aber ich denke, für einen trüben Oktober, des Beginn des dunklen von Gedenktagen angefüllten Abschnitts des Jahres ist das in Ordnung. Den Gesprächen nach würde ich auch sagen, es hat den Besuchern gefallen, es war halt nur nicht so lustig oder spannend wie sonst….

schlimme-ehenFür meine eigene Bibliothek ist das Buch jedenfalls ein Gewinn. Große Literatur, viele Schriftsteller [1], viele mir davon unbekannt, ein Buch, um zwischendurch mal ein paar Zeilen zu lesen und nachzudenken. Denn eins sind sie in der Tat, diese Episoden: Chroniken dessen, was in einer Ehe passieren kann, Bilder der Riffe, an denen das gemeinsame Schiff auf Grund laufen kann. Wenn man nicht aufpasst….


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[1] Einige der Schriftsteller, von denen Passagen hier auftauchen:

Jurek Becker, Magnus Hirschfeld, Clemens Brentano, Guy de Maupassant, Brüder Grimm, Martin Luther, Javier Marias, August Strindberg, Sigmund Freud, Gustave Flaubert, Elias Canetti, Vladimier Nabokov, Christian Morgenstern, Axel Hacke, Raymond Chandler, Franz Kafka, Ilona Christen, Doris Dörrie, Herbert Rosendorfer, Robert Musil, Jean-Paul Satre, Boris Vian, Herta Müller, Philip Roth, Johann Wolfgang Goethe, Honoré de Balzac, Alberto Moravia u.v.a.m.

 


Schlimme Ehen
zusamengetragen von Manfred Koch und Angelika Overath
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Band 189, HC, ca. 333 S., 2000

Auf Burg Eulenstein wohnt das kleine Gespenst, das so weiß ist, weißer als eine Wolke aus Schneestaub.. Es schläft in einer alten Eichentruhe und wird jede Mitternacht von der Rathausuhr des kleinen Städtchens geweckt. Dann steht es auf, muss „Hatzi“ machen, weil der Staub und die Spinnweben auf dem Speicher so dicht sind und es in der Nase kitzeln. Es geht dann ins Schloss und spielt mit den Kanonenkugeln, unterhält sich mit den Menschen auf den Bildern, die an der Wand hängen… manchmal schwebt es auch zu seinem Freund, dem Herrn Uhu Schuhu, der trotz aller Freundschaft darauf besteht, mit „Sie“ angeredet zu werden. Dann sitzen die beiden auf einem Ast und erzählen sich Geschichten, vor allem auch die, in der das Gespenst erzählt, wie es vor 324.. nein, 325 Jahren, den gefürchteten Schwedengeneral Torsten Torstenson, der die Stadt Eulenberg belagert hatte, verjagte….

Einen großen Wunsch hat das kleine Gespenst bei allem Glücklichsein: es möchte so gerne mal den Tag sehen, wie die Welt bei Tag aussieht. Und obwohl der Herr Uhu Schuhu im abrät, weil er selbst dereinst schlechte Erfahrungen mit dem Tag gemacht hatte, versucht das kleine Gespenst alles mögliche, um einmal, einmal nur, am Tage wach zu werden. Aber nichts gelingt, immer schläft es und wacht zur Mitternachtsstunde auf…

Doch dann eines Tages fällt, als es wieder von dem 12 Glockenschlägen geweckt wird, goldenes Mondlicht auf seinen Speicher. Goldenes Mondlicht? Was hat das zu bedeuten? Und es ist so hell auf dem Speicher…. Das kleine Gespenst schwebt schnell zum Fenster und sieht hinaus und so ganz anders sieht alles aus nach dem ersten Schrecken, mit dem das Licht im Auge wehtat….

Mehr will ich jetzt nicht verraten von der wunderbaren Geschichte Preußlers, in der das kleine Gespenst die Welt, die es jetzt bei Licht sieht, erkundet, welche Abenteuer es erlebt, wie es in den Brunnen kommt und warum im Rathaus alle Bilder mit schwarzer Farbe bemalt sind (apropos schwarz…. das kann das kleine weiße Gespenst auch eine ganze Menge zu sagen…), wieso es im „Eulenburger Anzeiger“ immer zornigere Artikel gibt und warum die Polizei den großen Unbekannten doch nicht fangen kann und last not least das große Abenteuer, als das kleine Gespenst seinen alten Gegner, den General Torsten Torstenson wieder trifft. So ist die Zeit des Tages für das Gespenst eine sehr aufregende, aber es bekommt auch Heimweh nach dem Mondlicht, möchte den Herrn Uhu Schuhu so gerne wiedersehen, den Staub in der Nase kitzeln spüren… aber wie kann es zurück in die Nacht? Es ist ja nun ein Taggespenst für die Zeit zwischen Mittag und 1 Uhr….Ja, das ist die Frage und was da Herbert, Kurt und Jutta mit zu tun haben und ob der Herr Uhu Schuhu da vielleicht Hilfe weiß, das verrate ich hier erst recht nicht….

Ein wunderschönes Buch zum sich noch einmal als Kind fühlen… und das man auch sehr gut vorlesen kann, was ich dieses Jahr beim Adventslesen mit „meiner“ Klasse ausprobiert habe. Die kannten das Buch zwar fast alle (mit einigen hatte ich gerechnet, aber fast alle??? da fiel mir erst einmal der Herz in die Hose…), aber beim Vorlesen waren sie alle gebannt…. hat viel Spaß gemacht!

Otfried Preußler
Das kleine Gespenst
Thienemann Verlag, HC, 135 S.

Relativ überraschend war ich gefragt worden, ob ich am 3. Advent für einen Vorleser einspringen könne, der wahrscheinlich ausfallen würde, einer Reise wegen, das Enkelchen hätte Taufe. Eine Rosegger-Geschichte zum Advent. Nun, Rosegger war bis dato noch nicht mein Lieblingsschriftsteller, aber ja, natürlich spring ich ein. Es ist dann doch anders gekommen, der, der wegfahren wollte, ist zu Hause geblieben (des Wetters wegen), dafür hatte der „zweite Mann“, eine Vorleserkollegin, soviel anderes zu tun (es gab noch mehr als nur die Lesung bei dieser Veranstaltung auf Kloster Arnstein), daß sie ganz froh war, daß da jemand war, dem sie ihren Lesepart übertragen konnte.

Rosegger ist garnicht so einfach zu lesen. Sehr viele Konjunktive, verschachtelte Sätze, ein durchdachter Aufbau der Geschichte, die besinnlich anfängt und sich dann zu kleinen (oder auch größeren) Höhepunkten steigert. In dieser Geschichte [2] geht es um das erste Christfest, an dem der kleine Peter mit dem Grossknecht in die mitternächtliche Christmette darf und sich auf dem Rückweg verirrt, weil der den Anschluss an die anderen verliert. Natürlich wird er gerettet und trotz der großen Gefahr im nächtlich verschneiten und vereisten Wald geht alles gut aus (sonst hätt ich ja gestern auch nicht die Geschichte lesen können….).

Interessant ist die Schilderung der Gebräuche und auch der Strapazen, die die Leut seinerzeit auf sich nahmen, um Weihnachten zu feiern. Die Kirche lag damals nicht gerade um die Ecke (der Kirchweg des kleinen Roseggers ist auch heute noch gangbar und wird als Wanderung ausgelobt [1]), er dauert an die 3 Stunden. Die Menschen sind also gegen 9 Uhr am Abend in der Dunkelheit losgelaufen, haben dann die Mitternachtsmesse gefeiert und sind gegen ein Uhr in der Nacht auf den Rückweg gegangen. Um ein Uhr in der Nacht hat man auch schon wieder das Glöckchen zum Morgengebet gehört, das der Schulmeister angeschlagen hat…. Adventszeit war Fastenzeit und sie war noch nicht so wie heute „verkitscht“ und mit Äußerlichkeiten angefüllt, zum Fastenmahl wurde sich in die Stube gesetzt, nicht in die Küche. Haus und Hof wurden für die Ankunft des Christkinds geputzt und gereinigt, das Vieh bekam besseres Futter und die Menschen waren voller Erwartung und Freude auf den Christtag.

Nachdenklich machen solche Geschichten, man merkt, wieviel sich doch geändert hat. Ob immer zum Guten? Und ob man notwendigerweise alles mitmachen muss, was sich geändert hat, ist auch so eine Frage. Vielleicht kann man doch einfach mal den Blinker setzen und ausscheren aus der Reihe, am Rand parken, innehalten und über das nachdenken, was wirklich wichtig ist, für einen selbst und auch für andere, denen man etwas gutes tun kann…..

ooops… jetzt drifte ich aber ganz schön ab…. es war jedenfalls ein sehr schöner Abend und den (leider zu wenigen) Besuchern hat es auch sehr gut gefallen. Wie sagten zwei Damen nachher: „Es war so berührend gelesen, daß wir richtig Tränen in den Augen hatten…..“

A passende Musi hatten wir auch, Saitenmusik, ganz stilecht [3]. So hatten wir, die zwei Vorleser, die Musiker und die Besucher, einen absolut stimmigen, sehr, sehr schönen Abend zusammen.

[1] Der Peter-Rosegger-Christmettenweg, jeden Heilig-Abend wird die Wanderung organisiert durchgeführt: zur Website
[2] Der Text im Projekt Gutenberg
[3] Wer sich vor garnichts fürchtet (das bezieht sich jetzt auf die Qualität des Filmchens), kann sich die Gruppe auf diesem „Video“ (aufgenommen mit meiner kleinen Fotokamera) anhören, mitten aus dem Leben, mitsamt Hintergrund- und Nebengeräuschen…. Westerwälder Saitenmusik

vor.lesen in der kirche ….

15. November 2010

nein, kirchliches war es nicht…. sondern eine ganz fröhliche Lesung aus zwei Kinderbüchern. Angefangen hatte es ganz harmlos.. um die alljährliche Buchausstellung der kath. Bücherei im Gemeindehaus etwas aufzufrischen, wurde letztes Jahr Kaffee und Kuchen angeboten und nach dem eifrigen Zuspruch der Gaumengenüsse sollte dieses Jahr noch etwas mehr geboten werden und so wurde ich gefragt, ob ich nicht für die Kinder … klar, immer. :-)

Das „Problem“ war ein wenig, daß ich aus Büchern der Ausstellung vorlesen sollte, diese aber erst am Vorabend (Wanderausstellung) eingetroffen ist. So hatten wir zwei Wochen vorher nach Katalog ausgesucht und drei Bücher im Vorab bekommen, von denen ich mich dann mit den zwei unten vorbereitet hatte. Etwas skeptisch war ich wegen der zweiten Sache, daß nämlich eine Menge Erwachsene Interesse hatten zu kommen, weil sie mal sehen wollten, wer bei ihren Kindern in der Schule liest bzw. wie der liest, weil die Kinder wohl recht freizügig mit Lob umgehen….

.. und so hatte ich gestern dann ca. .. tja.. .15 Kinder, ein paar Jugendliche und bestimmt 20 Erwachsene in der Kirche sitzen, wahrscheinlich sogar noch mehr, zu zählen habe ich natürlich vergessen… das war deutlich mehr als wir erwarteten!

Zwischenruf: Bilder! Hat denn kein Mensch geknipst? Muss ich denn alles selbst machen? ;-) Nein, natürlich nicht alles, vorgestellt wurde ich z.B. mit einer sehr freundlichen Einführung von der „Hausherrin“, ganz lieben Dank dafür! Und dann ging´s los!

Zu den Büchern:

Conni ist Hauptperson einer ganzen Reihe von Kinderromanen. In diesem Buch reist sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jakob in den Winterurlaub. Natürlich regnet es erst einmal und in der Hütte am Berg ist alles ungewohnt: die Geräusche auf dem Dachboden und das nächtliche Umkippen der Mülltonne. Doch dann fängt es tatsächlich an zu schneien und zwar so viel, daß Conni und ihre Familie richtig eingeschneit sind. Das ist am Anfang noch ganz toll, aber offensichtlich hat man sie vergessen: die Straße wird nicht geräumt, der Handy-Akku ist leer und der Kühlschrank auch… Hilfe muss her und Papa muss in den Ort laufen. Und Conni will unbedingt mit…..

Eine schöne kindgerecht geschriebene Geschichte mit kleinen Abenteuern und vielen Erlebnissen. Den jüngeren hat es gut gefallen, aber auch die Erwachsenen (vor allem die Mütter…) hatten gegrinst, als sich z.B. herausstellte, daß Vater mal wieder das Ladekabel vom Handy vergessen hatte… wie im richtigen Leben eben… hihi..

Bei Rita, dem Raubschaf ging es dann etwas turbulenter zu. Zusammen mit Ruth, dem Rosettenmeerschwein (wieso muss ich dabei immer an Peter Maffay denken: „Hallo Freunde!“.. aber es ist wirklich zu verführerisch, Rita und Ruth im Maffay´schen Duktus zu lesen…) ist sie dem Filmtrubel nach dem großen Erfolg ihres Piratenstreifens auf eine einsame Karibikinsel entflohen. Dort erleben sie so manches Abenteuer, so auch hier.. und alles nimmt mit der Post seinen Anfang, die ihnen Shaggy, der unheimlich coole Kater mit der Gitarre und dem Reggae-Feeling, gibt. Ey man, alles cool…. Sogar gesungen habe ich beim Lesen… das hob die Stimmung noch einmal erheblich… also, das ist ein klasse Buch zum Vorlesen, man kann da wirklich alles geben! Die Altersempfehlung des Verlages.. ich hätte die spontan etwas höher angesetzt, weil doch viele Anspielungen im Buch verstreut sind, die jüngere Kinder vllt (noch) nicht kennen…. ach ja, das ganze ist mit wunderhübschen Bildern illustriert (bei Conny ist die Bebilderung eher sparsam) und daher auch beim Anschauen ein Spaß.

Facit: Glück gehabt: die richtigen Bücher, ein tolles Publikum und wieder einen neuen Termin – bei den Erwachsenen, die wollen jetzt ´ne eigene Vorlesestunde….

Julia Boehme
Conni und der große Schnee
Carlsen Verlag GmbH, 2010, HC, 96 S.
Altersempfehlung des Verlages: 6 – 10 Jahre

Martin Klein (Autor), Ute Krause (Illustrator)
Rita das Raubschaf und der Ruf der Karibikwölfe
Tulipan, 2010, HC, 128 S.
Altersempfehlung des Verlages: 8 – 9 Jahre

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