Rosamund Young: Das geheime Leben der Kühe

Rosamund Young gehört zu den Pionierinnen der britischen Ökoszene, schon seit Jahrzehnten betreibt sie in den Cotswolds im Herzen Englands eine Farm, viel Zeit und Erfahrung also für den Umgang mit Nutztieren. Die da sind ihre Rinder, Schafe, Schweine und auch Kühe. In diesem Buch hält Young ihre Beobachtungen fest und erzählt uns davon.

Young ist eine gute Beobachterin, die ihre Tiere von Herzen liebt. Diese sind für sie keine biologischen Maschinen, die Grün- und anderes Futter in Milch, Fleisch oder Eier umwandeln, sondern Individuen mit Charakteren, die sich sehr unterscheiden können. Das alles kann man als Tierhalter (ich habe selbst seit vielen Jahrzehnten Schafe, auch Hühner zählen zur Familie) bestätigen, allein der ausufernde Anthropomorphismus, den die Autorin an den Tag legt, scheint mir des Guten doch zuviel. Natürlich haben Tiere ihre Individualität wie Menschen auch, sie können stur sein oder zugänglich, sie können vertrauensvoll, zurückhaltend, anhänglich oder misstrauisch sein – wie Menschen eben auch. Sie pflegen Freundschaften und Familienbande, erkennen sich und suchen die Nähe der anderen, kurz gesagt: sie sind Persönlichkeiten. Das alles ist richtig, wichtig und gut. Und sie sind keineswegs dumm, Kühe (Schafe, Hühner etc pp…) wissen genau das, was sie als Kühe wissen müssen, so wie Schafe (oder Hühner oder Schweine) das können und wissen, was sie als Schafe können und wissen müssen – solange oder sobald man ihnen dazu die Gelegenheit gibt.

So weit, so gut. Aber bei Young geht es noch einen Schritt weiter, einen großen sogar: sie vermenschlicht ihre Tiere, spricht ihnen menschliche Eigenschaften zu. Ein oder zwei Beispiele, die ich spontan im Buch finde: Traurigerweise wollte Olivia Stephanies 
Dienste nicht. … Am vierten Tag platzte Stephanie der Kragen. Verletzt und irritiert wandte sie sich ab, sprang über den nächsten Zaun auf eine andere Weide und graste mit ihren früheren Freundinnen. Soweit ich weiß, haben die beiden [i.e. Olivia und Stephanie] nie wieder miteinander gesprochen. Als weiteres Beispiel auf der gleichen Seite [S. 48/9]: Dolly putzte ihre Kälber jeden Tag, beschützte und förderte sie und erklärte ihnen, Menschen gegenüber wachsam zu sein. „Sie sind nicht wie wir“, sagte sie ihnen, „Mitunter sind sie nützlich, besonders, was die Versorgung mit Heu im Winter angeht, aber es besteht absolut keine Verpflichtung, sich mit ihnen zu verbrüdern.“ Und ihre Kinder beherzigen diesen Rat. Zwar lassen sich solche Verhaltensweisen durchaus beobachten, sie jedoch als Ergebnis eines quasi intellektuellen, durch Verstand gesteuerten Vorgangs darzustellen, halte ich jedoch für übertrieben, wenn nicht gar unzutreffend.

Trotzdem ist der Text Youngs eine herzerwärmende Lektüre. In jeder Zeile spürt man die Liebe der Autorin zu ihren Tieren, die sie (vergleiche oben) vor unseren Augen zu charaktervollen, liebenswerten Persönlichkeiten werden läßt, deren Leben – genau wie das unsere – nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch und gerade durch Beziehungen geprägt wird. Im Kosmos von Young behält jedes Tier seine Würde, keins wird – obwohl auch sie natürlich als Farmerin von ihren Tieren lebt – erniedrigt oder als biologische Umwandlungsmaschine missbraucht. Hätte jeder diese Einstellung zu Tieren, wären die verabscheuungswürdigen Extrema einer industriellen Fleischerzeugung Vergangenheit, nicht nur den Tieren, auch uns und der Umwelt wäre damit gedient.

Vielleicht ist das ein Verdienst von Young: uns die Tiere wieder näher zu bringen, uns zu zeigen: hey, das ist Rosalie, die mag dies und das und jenes nicht. Und pass auf Jack auf, der ist stolz und mutig, das solltest du respektieren! Tiere sind unserer Partner und die wenigen Zufälle der Evolution, die uns in unsere herausgehobene Position gebracht haben, haben uns auch die Verantwortung für unser Handeln mitgegeben. Tiere ihre Würde zu belassen, wie dies Young erzählt, wäre schon mal ein guter Anfang.

Aber zurück zum Buch der Autorin: Das geheime Leben der Kühe ist – mit den Abstrichen einer zu weit gehenden Vermenschlichung – ein gefühlvolles Buch für die ganze Familie, das dem Leser ein Tor öffnet in die „Seele“ unserer Mitgeschöpfe, den Tieren.

Rosamund Young
Das geheime Leben der Kühe
Übersetzt aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

Originalausgabe: The Secret Life of Cows, London, überarbeitete Neuausgabe 2017, Erstausgabe 2003
diese Ausgabe: btb, HC, ca. 170 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Der Mensch ist überfordert. Seit in Urzeiten eine Affenmutter Zwillingstöchter geworfen hatte, aus denen eine zur Stammmutter der Schimpansen wurde und die andere zu der der Menschen (so ein plakatives Bild in Hararis Text) hat dieser Zweig der Hominiden (Gattung Homo) eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Millionen Jahre lang ein Tier unter Tieren, ein Jäger und Gejagter im Mittelbau der Nahrungskette, nicht sonderlich zahlreich Steppen und Savannen durchstreifend, testete die Evolution an ihm einige Neuerungen aus, die ihn dann fast explosionsartig an die Spitze der Nahrungskette beförderten wie das zunehmend größere und potentere Gehirn, der aufrechte Gang, der die Hände freisetzte, der opponierende Daumen, die Fähigkeit zur komplexen Sprachentwicklung und sicherlich trug noch anderes mehr dazu bei. Doch eins lernte er nie: diese Fähigkeiten behutsam einzusetzen. Gab es normalerweise ein Gleichgewicht zwischen Beutegreifer und Beute, das langfristig das Überleben sowohl der Jagenden als auch der Gejagten sicherte, so kümmerte sich der Mensch als Beutegreifer um ein solches Gleichgewicht nie: wo er auf seinen Wanderungen hinkam, verarmte die Fauna drastisch, insbesondere die Großsäuger (worunter in der Vergangenheit auch die anderen Menschenrassen, in der Gegenwart ebenso die anderen Gattungen der Hominiden (Menschenaffen) zählen). Aber auch die großen, flugunfähigen Vögel, die ihrerseits mit einer derart aggressiven Tierart wie dem Sapiens keine Erfahrung hatten, mussten dran glauben, ob in Australien, Amerika oder auf einsamen Inseln. Ein Schaf, so formuliert es Harari, mit einer Waffe ist viel gefährlicher als ein Wolf mit einer Waffe, weil das Schaf nie gelernt hat, verantwortungsvoll damit umzugehen.


Der Autor des vorliegenden Buches Eine kurze Geschichte der Menschheit, Yuval Noah Harari (https://www.ynharari.com/de/) ist ein israelischer Historiker, der schon in erstaunlich jungem Alter von 29 Jahren an der Universität Jerusalum anfing, zu lehren. Er ist, was die Zukunft der Menschheit angeht – und dies macht das Buch ziemlich deutlich – pessimistisch bis hin zum plakativen In 200 Jahren gibt es keine Menschen mehr (https://www.ynharari.com/de/200-jahren-gibt-es-keine-menschen-mehr/). Nun ja, etwas reisserisch, aber wer wollte ihm angesichts der politischen Entwicklung der letzten Jahre mit voller Überzeugung schon widersprechen. Jedenfalls befasst er sich mit Fragen, die man üblicherweise im wisschenschaftlichen Diskurs seltener auffindet: „In welchem Vehältnis stehen Geschichte und Biologie zueinander? Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Homo sapiens und anderen Tieren? Gibt es Gerechtigkeit in der Geschichte? Hat Geschichte eine Richtung? Sind die Menschen im Verlauf der Geschichte glücklicher geworden?“ (https://www.ynharari.com/de/autor/). In der Wiki wird erwähnt, daß Harari vegan lebt, eine Lebensweise, deren Ansatz sich im vorliegenden Buch ebenfalls niederschlägt. In der Summe also läßt schon diese Biografie interessantes erwarten


Der Sapiens, beileibe war er nicht die einzige Menschenart, es gab mindesten noch fünf andere Arten der Gattung Homo, die zum Teil zeitgleich gelebt haben. Noch heute sind z.B. Neandertalergene im Erbgut des Sapiens nachweisbar, der Denisova-Mensch ist ein Begriff und auch vom Homo floresiensis haben die meisten wohl schon gehört. Aber auch diese Menschenarten sind ausgestorben, nur der Sapiens (der an diesem Aussterben wohl nicht ganz unbeteiligt war) überlebte auch dank seiner überragenden Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten Umweltbedingungen.

Der Autor setzt den Beginn der „Menschheit“ ca 70 Jahrtausende zurück in die Vergangenheit. Ausgehend von dieser Zeitspanne identifiziert er vier große Epochen bzw. in seiner Terminologie „Revolutionen“, in denen sich die Grundlage menschlichen (Zusammen)Lebens jeweils dramatisch änderten:

  1. die kognitive Revolution (ab ca. 70.000 Jahren v. Chr.) mit der Ausbildung von Sprache(n), die die Schaffung von Mythen ermöglichte, die wiederum für den Zusammenhalt größerer Gruppen wichtig waren. Geographische Ausdehnung und Eroberung neuer Lebensräume. Leben als „Wildbeuter“, d.h. als Jäger und Sammler
  2. die landwirtschaftliche Revolution (ab ca. 10.000 Jahren v. Chr.) veränderte die gesamte Lebensweise, aus dem herumstreifenden Wildbeuter wurde der sesshafte Bauer, der sich von einem unscheinbaren Gras am Wegesrand, dem zukünftigen Weizen, unterjochen und ins Haus einsprerren (i.e. domestizieren) ließ. Ausbildung von Siedlungen und Städten mit gesellschaftlichen Hierarchien. Schrift und Zahlensysteme entstehen.
  3. die Vereinigung der Menschheit (ab ca. 800 Jahren v. Chr.). Nach Harari wachsen die Menschen durch den Handel, durch Eroberungen und durch Religionen zusammen, die Idee des „Geldes“ wird entwickelt.
  4. die wissenschaftliche Revolution (ca. ab dem Jahr 1.500 n. Chr.) wird vor allem durch die nicht enden wollende Neugier des Europäers vorangetrieben, der vor ca. 500 Jahren merkte, daß es in der Welt Dinge gab, die nicht in der Bibel beschrieben waren und der mit Hilfe dieser neuen Erkenntnisse zu vermehrter Macht und Reichtum gelangen konnte. Imperialismus und Kapitalismus entstanden und wurden, waren und sind die treibenden Kräfte dieser Revolution.

Das ist natürlich nur eine sehr, sehr grobe Verkürzung dessen, was Harari ausführlich und anschaulich darstellt und mit vielen Beispielen untermauert. Den Abschluss des Buches bildet ein spekulativer Ausblick auf die weitere Entwicklung der Menschheit, die nach Harari im Wesentlichen dadurch geprägt sein dürfte, daß der Mensch dabei ist, Methoden zu entwickeln, sein eigenes Erbgut zu verändern bzw. er eine beginnt, seine körperlichen und/oder funktionalen Beschränkungen durch Implantation technischer/elektronischer Hilfsmittel zu überwinden (Stichwort: Cyborg).

Harari ist Universalhistoriker, beansprucht damit den großen Blick fürs Ganze. Sympathischerweise scheut er sich aber nicht, an manchen Stellen zuzugeben, daß auch er keine Antworten weiß bzw. man keine Antworten oder Erklärungen hat. Denn in der Rückschau von heute in die Vergangenheit (und so ist Hararis Text aufgebaut) erscheint die Entwicklung der Menschheit zum heutigen Status, nachdem die biologischen Voraussetzungen (Hirnkapazität, aufrechter Gang, opponierender Daumen u.a.m.) sich erst einmal herausgebildet hatten, fast zwangsläufig. Oder gab es Epochen, Phasen, in denen andere Entwicklungswege hätten gegangen werden können? Dies erinnert ein wenig an die spekulative Frage, wie sich Europa wohl entwickelt hätte, wenn es nicht christlich, sonder buddhistisch missioniert worden wäre. Denn, auch darauf geht der Autor ein, spätestens in der wissenschaftlichen Revolution driftet die Entwicklung einzelner Regionen der Erde auseinander: während in Europa Wissenschaft und Macht Hand in Hand arbeiteten und sich langsam aber sicher den Erdball eroberten, hätten z.B. die asiatischen Völker wie China zwar das Potential gehabt, ebenfalls aggressiv auf Eroberungszüge zu gehen – allein, sie hatten kein Interesse daran, ihnen fehlte eine der treibenden Kräfte des Europäers: das Vertrauen in die Zukunft, der Glaube an die Zukunft.

An manchen Stellen bricht Harari die alteingesessenen Sehgewohnheiten auf. Am verblüffendsten geschieht dies am Übergang zur landwirtschaftlichen Revolution, die er auch aus der Sicht des Weizens schildert. Denn dieser, ursprünglich ein Gras am Wegesrand, schafft es, aus dem Wildbeuter, der üblicherweise drei bis sechs Stunden täglich an der frischen Luft bei angepasster Bewegung auf Jagd ging, danach im Kreise seiner Lieben anderen Beschäftigungen frönte, der eine gesunde, abwechslungsreiche Nahrung hatte, der Feinden ausweichen konnte, der nicht durch Besitz gefessel war einen Bauer zu machen, der in einer meist dunklen Hütte leben musste, der schwere Arbeit in gebückter Haltung zu verrichten hatte (Steine vom Acker klauben, bewässern, Unkraut jäten, ernten etc pp), der Feinden nicht ausweichen konnte, sondern der gezwungen war, seinen Besitz zu verteidigen. Und das alles bei zunehmend einseitiger und damit schlechter werdenden Ernährung… Einzig, daß er nicht mehr vom Jagdglück abhängig war, sondern daß er die Ernte einlagern konnte für schlechte Zeiten…

In Hararis Buch findet man einen Aspekt, der sonst eher selten behandelt wird, die Frage nämlich nach dem Glück, dem Glücklichsein. Ist der Mensch durch all diese Entwicklungen hindurch glücklicher geworden? Und er findet eine (vielleicht gar nicht mal so) erstaunliche Antwort, nämlich: nein.

Glück oder besser gesagt, Glücksgefühle nämlich, und hier greift der Autor auf biologische/physiologische Erkenntnisse zurück, sind das Ergebnis biochemischer Vorgänge, hervorgerufen durch „Glückshormone“ wie Serotonin, Oxytocin oder Dopamin. Durch welche Ereignisse diese ausgeschüttet werden, ist egal, ob der Wildbeuter eine gute Jagd hatte, der mittelalterliche Landwirt im festen Glauben an das Paradies zufrieden vor sich hin ackerte – sie waren unter Umständen glücklicher wie der moderne Mensch, der sich in der Hektik des modernen Alltags aufreibt.

Die Menscheit an sich hat sich in erster Näherung weiterentwickelt, die Menschen werden älter und bleiben länger gesund, das Leben bietet ihnen viele Möglichkeiten, selbst das Ausmaß der Gewalt, ob privater Natur oder staatlicher wie Kriege, hat abgenommen. So übersteigt die Zahl der weltweiten Suizide (zumindest in dem vom Autoren ausgesuchten Beispieljahr 2002) die Zahl der Kriegstoten um ein Vielfaches. Das vorstehend schon erwähnte Epoche des Übergangs zur Sesshaftigkeit illustriert dieses Phämomen: die Menschheit entwickelte im Rahmen ihrer Sesshaftwerdung die Entstehung von Gemeinwesen mit sich herausbildenden Hierarchien, es entstanden Rechtsprechung, Handel und die Aufsplittung in einzelne Berufe, letztlich entstanden Staaten und mit Staaten auch die Auseindersetzungen zwischen ihnen, vulgo: Kriege.

Harari betrachtet weiter einen anderen, oft vermissten Aspekt: der Mensch ist der erfolgreichste Großsäuger im Tierreich, er hat sich quasi über die gesamte Erde ausgebreitet. Dabei hat er jedoch unter überall dort, wo er hinkam, die Tierwelt drastisch dezimiert, sei es in Amerika, sei es in Australien oder in Ozeanien. (Und er ist fleißig dabei, diese Ausrottung von Mitgeschöpfen fortzusetzen, die Rede ist von einem erneuten Massenaussterben in der Fauna unseres Planeten.) Auf der anderen Seite hat er Milliarden von Tieren, die er als Nutztiere hält, zu biologische Umwandlungsmaschinen degradiert: pflanzlichen Nahrung, die zu Milch, Fleisch oder Eiern umgesetzt wird, wodurch er milliardenfaches Leid erzeugt (vom Ende dieser Tiere wollen wir gar nicht erst sprechen). Rechnet man diese beiden Aspekte (Ausrottung, Ausnutzung) mit ein, kann man aus ganzheitlicher Sicht kaum behaupten, der Glückszustand auf der Erde hätte sich in den letzten siebzigtausend Jahren verbessert.


Harari hat mit seinem Buch nicht enttäuscht: auch wenn das Buch über fünfhundert Seiten stark ist, es ist eine kurze Geschichte der Menschheit. Kürze bedingt notwendigerweise Beschränkung und auch Vereinfachung, führt zu einem geradlinig erscheinenden Ablauf einer Entwicklung, die möglicherweise dann doch komplizierter war und Sackgassen, Schleifen oder Umweg auf dem Weg zum gegenwärtigen Zustand umfasst. Darüber muss man sich im Klaren sein. Das Verdienst Hararis liegt in jedem Fall darin, daß er den ‚Menschen‘ in seiner Einordnung im Rahmen der Natur sozusagen geerdet hat: der Mensch ist ein Tier unter Tieren, eins mit besonderen Eigenschaften (die damit verbundene Verantwortung übernimmt er freilich nicht), aber eben ein Affe der Gattung Homo. Er steht nicht über der Natur, er ist Teil dieser. Er kann die Natur nicht zerstören, aber spätestens mit dem Einsatz des Feuers zur Brandrodung verändert er sie, greift er in ihre Entwicklung ein. Ob dies zu seinem Vor- oder Nachteil ist, man wird sehen…. die Mitgeschöpfe dieser Erde jedenfalls leiden unter ihm.

Die Entwicklung der Menschheit (ob erratisch oder zu einem bestimmten Zustand hin) bedeutet nicht zwangsläufig auch, daß der/die Einzelne glücklicher wird – im Gegenteil. Die Frage, mit der Harari seinen Text abschließt, ist die nach einer möglicherweise zu erwartenden Weiterentwicklung der Menschheit, eine Frage mit höchst spekulativem Charakter. Dazu muss man einfach nur ein paar Jahrzehnte zurück gehen und sich die Zukunftsprognosen aus dieser Zeit anschauen: die friedliche Nutzung der Kernenergie konnte nicht hoch genug eingestuft werden, vom Internet redete noch niemand… So ist alles möglich, beispielsweise (das diskutiert Harari) daß der Mensch zur ‚Gottheit‘ wird, die durch Eingriffe in den genetischen Code das Leben selbst verändert oder daß sie sich in Richtung Cyborg bewegt: möglich, aber nicht notwendig, denn erstens kommt es oft anders und zweitens als man denkt….

In der Summe jedenfalls ist Hararis Buch sehr empfehlenswert: es durchbricht gewohnte Denkmuster, knüpft neue Kausalverbindungen zwischen Ereignissen, stellt den Menschen in den größeren Zusammenhang der Natur zurück und betrachtet auch die eher weichen Faktoren wie Glück und Zufriedenheit des Einzelnen. Und das Ganze noch spannend und lesbar ausformuliert. Mehr kann man von einem Sachbuch kaum erwarten. Eine Frage an den Verlag bleibt offen: warum ist das Buch aus dem Englischen und nicht aus dem Original übersetzt worden?

Yuval Noah Harari
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Originalausgabe: A Brief History of Mankind / יצור תולדות האנושות
Or Yehuda (Israel), 2011
diese Ausgabe: Pantheon, Paperback, ca. 525 S., 2015

 

 

 

 

Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

Ist man von einem Buch enttäuscht, muss man aufpassen, daß man nicht über das Ziel hinausschießt, wenn man dieses Buch vorstellt und bespricht, das ist nicht immer ganz einfach. In dieser Situation bin ich jetzt. Erling Kagge, ein norwegischer Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer hat vor einigen Monaten ein kleines Büchlein über die Stille vorgestellt, von dem ich sehr angetan war, weil es Saiten in mir berührt und zum Klingen gebracht hat (https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/29/erling-kagge-stille/). In seinem Buch über das „Gehen“, das in gewisser Weise als zweiter Teil der persönlichen Erfahrung Kagges aufzufassen ist,- er selbst sagt: Stille ist abstrakt, Gehen ist konkret. -, ist dies leider nicht der Fall gewesen.

Der Mensch an sich ist ein Geher. Er stammt als Homo sapiens – auch wenn die Details noch keineswegs so klar sind, wie sie Kagge in einer Minikurzform darstellt – aus den Weiten Afrikas, die er zu Fuß durchstreifte. Die Bipedität, die er entwickelt hat, entband die vorderen Gliedmaßen von der Aufgabe, mit für die Fortbewegung zu sorgen, sie bildeten sich zu Armen plus Händen um, mit denen beispielsweise breithüftige Venusse geschaffen werden konnten. Wie wichtig das Gehen war zeigt sich auch sprachlich. Viele Wortwurzeln gehen auf den alten Wortstamm zurück, noch heute sind Begriffe und Wendungen wie: etwas (zum Lernen) durchgehen, jemanden übergehen, wie ergeht es dir?, das geht mich was an u.a.m. mit diesem Verb verknüpft.

Gehen ist gesund, psychisch wie physisch – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist, aber in Zeiten, in denen sitzende Tätigkeiten immer mehr überhand nehmen, an Bedeutung gewinnt. Als „Waldbaden“ (z.B. http://www.waldbaden.org/definition-waldbaden/) kommt dem absichtslosen Gehen im Wald mittlerweile sogar von Japan her übernommen therapeutische Bedeutung zu. Aber auch zu früheren Zeiten gingen die Menschen spazieren (soweit sie sich die Musse leisten konnten wie z.B. Kant oder Kierkegaard) und wussten um die positive Wirkung des Waldes (z.B. Henry Thoreau). Das gemeine Volk hingegen hatte im Normalfall kaum Bewegungsmangel.

Heute jedoch sitzen wir, am Tisch, im Auto, vor dem Rechner… verlieren so den Bezug zur Bewegung als auch zur Umwelt. Das Auto überbrückt Entfernungen in kurzer Zeit, jedoch bleibt der Insasse isoliert von sich mit der Landschaft ändernden Eindrücken wie Geruch oder Geräuschen. Ebenso hat man beim Autofahren (zumindest dem in dichtem Verkehr) keine Zeit Loszulassen: seine Gedanken schweifen zu lassen, möglicherweise Unerhörtes zu finden, Geistesblitze, oder neue Erkenntnisse…

In seinem Buch gibt Kagge eine Menge Beispiele für solche Momente, als extremer Geher hat er dafür ein großes Erfahrungsreservoir. Dabei schwankt der Inhalt leider zwischen Trivialem, Unverständlichem und hin- und wieder Bemerkenswertem. Beschreibt er etwa: Stimmen und Radio [im Auto] erlebe ich als Lärm. Die Playlist scheint immer dieselbe zu sein, die Nachrichten auch… möchte ich ihm zurufen: Mach das Radio doch einfach aus! Ein paar Seiten später wird es dagegen komplizierter: In der existenziellen Mathematik [??] bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: Der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Wow! Munter vermengt der Autor hier Hierarchieebenen: Vergessen und Erinnern liegen auf einer Ebene, Langsamkeit ist genauso wenig wie übrigens auch Kälte etwas Eigenes, es ist einfach nur eine Bezeichnung für ein (zudem noch relatives oder auch subjektives) Maß an Geschwindigkeit. [Zur Erläuterung: es geht darum, daß man sich beim langsamen Fortbewegen besser auf Erinnerungen konzentrieren kann als bei einer schnellen Gangart]. An der Unsinnigkeit dieser Formulierung könnte man sich lange aufhalten…

Noch ein Beispiel für eine Feststellung, in der es begrifflich ebenfalls wieder durcheinander geht: Heute wird auf der ganzen Welt geforscht, wie das Gehen [eine Tätigkeit] die Kreativität beeinflusst. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: wie unsere Füße [ein Körperteil] das Gehirn beeinflussen, und nicht umgekehrt. Füße haben wir natürlich auch beim Sitzen und beim Liegen, damit wird auch dieser Satz unsinnig. Es geht natürlich auch nicht um die Füße, sondern einzig und allein ums Gehen… und was mit und nicht umgekehrt gemeint ist (wo das Gehirn doch den gesamten Organismus steuert), bleibt mir ebenso verschlossen.

Genug an den wenig positiven Beispielen im Text. Nein, nein, Kommando zurück, eins noch, es ist zu schön: Du denkst mit deinem ganzen Ich [hier wird auf Merleau-Ponty, einem Philosophen, Bezug genommen]. Mit dem Kopf, mit dem Körper. Sein Ansatzpunkt war, dass der Körper nicht nur aus einer Ansammlung von Atomen aus Fleisch und Knochen besteht. … Atome aus Fleisch und Knochen – da ist wohl etwas gehörig daneben gegangen….

Aber etwas habe ich letztlich dann doch dazu gelernt aus dem Buch: der Plural von Moos ist nicht (wie auf S. 12 geschrieben) Mose, sondern nach Duden: Moose (oder ggf. Möser; https://www.duden.de/rechtschreibung/Moos)). Tja, hätten Sie’s gewusst?

Interessant – ich möchte ja nicht nur Negatives berichten – wird das Buch an den Stellen, an denen der Extremgeher Kagge von seinen Erlebnissen erzählt: Ich quäle mich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Ich verausgabe mich psychisch. … Am liebsten gehe ich, bis ich beinahe zusammenbreche. Ich will das Glück, die Erschöpfung und die Absurdität beim Gehen spüren, wenn sich alles vermischt und ich nicht mehr trennen kann. … die Gedanken verschwinden aus meinem Kopf, und ich werde zu einem Teil des Grases, der Steine, des Mooses, der Blumen und des Horizonts.

Gehen. Weiter gehen ist ein sehr persönliches Buch voller Episoden aus Kagges Leben, gespickt mit vielen historischen Anekdoten. Leider ist es weder eine Anleitung, wie es das Cover ankündigt, noch beschreibt es über eben Anekdotisches hinausgehend den meditativen Charakter des Gehens (Im Zen beispielsweise ist die Geh-Meditation ‚Kinhin der Sitzmeditation gleichwertig)‘. Es bleibt meist an der Oberfläche, ist trivial bis unverständlich, der Wert des Buches liebt im wesentlichen darin, daß man überhaupt den Wert des Gehens thematisiert.

Schade.

Erling Kagge
Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Å gå. Ett Skritt om gangen; Oslo, 2018
diese Ausgabe: Insel Verlag, HC, ca. 156 Seiten, 2018, mit Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Sabine Hossenfelder: Das häßliche Universum

Realität ist das, was nicht verschwindet wenn man aufhört daran zu glauben.
Philip K. Dick (https://www.nur-zitate.com/autor/Philip_K_Dick)

Die Belletristik ist voll von Titel, auf denen uns Protagonisten bzw. -innen auf einem Selbsterfahrungstrip begegnen, auch biographisches in dieser Hinsicht ist nicht seltenm Dieser Blog hier enthält einiges an Beispielen, Was seltener ist oder vielmehr die Ausnahme, das ist eine solche Hinterfragung des eigenen Treibens, ist die Suche nach einer Antwort aus inneren Unbefriedigung heraus im Sachbuchbereich. Hossenfelder legt mit ihrem Titel Das häßliche Universum genau das jedoch vor.

Sabine Hossenfelder ist nicht irgendwer, sie ist Insiderin, ein theoretische Physikern, die ihr Fach und die Klaviatur der modernen Medien beherrscht [http://sabinehossenfelder.com, hier finden sich auch die Links zu ihren social-web-accounts]. Fachlich befasst sie sich mit (so formuliert es die Wiki) „Gravitation und Quantengravitation sowie Physik jenseits des Standardmodells“ und das merkt man dem Buch an, denn obwohl die Darstellung einer Sinnsuche, ist es durchsetzt von fachlichen Aspekten.


Worum geht es? Seit der Mensch denken kann, versucht er sich die Welt zu erklären. Die alten Griechen hatten ihre Modelle, die Religionen hatten sie und schließlich natürlich auch die moderne Wissenschaft, für die es Regeln gibt, die einzuhalten sind, wenn es gute Wissenschaft sein soll. Denkt man. Und denkt nicht oder nur selten daran, welche anderen Kriterien immer wieder, ex- und implizit verwendet werden: Schönheit, Einfachheit, Natürlichkeit…. So konstruierte beispielsweise Kepler sein Sonnensystem ursprünglich mit auf Kreisbahnen rotierenden Planeten in Abständen, die aus den platonischen Körpern ableitbar waren: es war einfach ein harmonisches, schönes, Modell. Mit dem Nachteil, daß die Überprüfung an der Realität zeigte, daß es nicht stimmte…. Maxwell, um ein zweites Beispiel zu nennen, war seinerzeit über seine wunderschönen Gleichungen gar nicht so glücklich, der (nach damaligem Konsens) notwendige Bezug zur Mechanik (in den Gleichungen tauchen ja nur Felder auf….) fehlte ihm…

Solange das Wechselspiel zwischen erklärender Theorie und praktischer Überprüfung durch Experimente und Beobachtungen funktionierte, war dieses implizite Einbeziehen nicht-wissenschaftlicher Kriterien nur wenig problematisch, Kepler schwenkte auf Ellipsenbahnen um, und die Felder, von den Maxwell in seinen Gleichungen erzählt, sind einfach da, brauchen keinen mechanischen ‚Anker‘.

Die moderne Physik leidet, so habe ich Hossenfelder verstanden, an mehreren Stellen. Nachdem Anfang des letzten Jahrhunderts Einsteins Relativitätstheorie und die Quantentheorie unser Verständnis von der Welt grundlegend geändert haben, sind die Physiker nach wie vor bemüht, beide Theoriegebäude zusammenzuführen, aber die Gravitation weigert sich beharrlich der Quantisierung; es ist Hossenfelders eigenes Arbeitsgebiet, dort Fortschritte zu erzielen. Das im Lauf der Jahre durch Theorie und Experiment entwickelte Standardmodell dessen, wie Materie aufgebaut ist (und das mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens als fünfundzwanzigstes des Teilchenzoos vervollständigt ist) hat bei allem Erfolg auch seine Schwachstellen, die der Klärung bedürfen – oder von denen die Gemeinschaft der Physiker annimmt, daß sie Fragen offen lassen, weil sie deren Vorstellung von einer „schönen“Theorie widersprechen oder einfach nur Erscheinungen sind, die seltsam wirken. Nur böse Zungen (wie beispieslweise Hossenfelders) würden behaupten, daß solche (vorgeblich?) zu lösenden Fragen auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Physiker sind… Ergebnis der Suche sind dann Theorien, die nach den Kriterien der Symmetrie (die wir als schön empfinden) gestaltet werden wie z.b. SUSY, die Supersymmetrie oder – bekannter noch – die Stringtheorie. All das ist dann zu schön, um nicht wahr zu sein – das kleine Problem, daß eine experimentelle Bestätigung der hehren Theorie nicht gelingt, oder sogar prinzipiell nicht möglich ist – man kann eben nicht alles haben… Lese ich als Laie von Vorstellungen von Multiversen und zwar von fast unzählig vielen denke ich mir, dann kann ich doch eigentlich auch an Gott glauben, dessen Existenz oder Nicht-Existenz (wenngleich das keine Frage der Physik ist) ebenso wenig beweisbar ist.

SUSY, um noch einmal darauf zurück zu kommen, sucht nach Teilchen, deren Existenz sie als Theorie, die Subjektives wie Schönheit und vor allem Symmetrieeigenschaften mit berücksichtigt, postuliert. Bei CERN, wo die Gemeinschaft der Physiker so große Hoffnung auf den LHC gesetzt hat, ist jedoch bis jetzt nichts entdeckt worden – schlecht oder vllt doch nicht, kann man damit doch die Forderung nach einem potenteren Beschleuniger begründen, mit dem dann ganz sicher… Auch eine Art Arbeitsplatzsicherung. Die SUSY-Teilchen im Übrigen sind ebenfalls Kandidaten für die Dunkle Energie bzw. Materie, mit der die Kosmologen den  offensichtlich und zur Erklärung des Galaxienbewegung fehlende Massenanteil … nun ja… erklären. Ein anderer Kandidat für diese offene Frage sind die WIMPs, zu deren Charakteristikum gehört, daß man sie praktisch nicht entdecken kann (WI: weakly interacting) – es sei denn, man hat große, mächtig große Experimente. Aber bis jetzt sind sie jedenfalls nicht mächtig groß genug…

Der eine oder andere naturwissenschaftlich Interessierte hat’s villeicht gelesen und erinnert sich an die Beule, die in einem der LHC-Messreihen bei 750 GeV auftrat ((Diphoton Excess, https://en.wikipedia.org/wiki/750_GeV_diphoton_excess): die Gemeinschaft der Wissenschaftler rotierte und hatte, so schildert es Hossenfelder, nach kurzer Zeit schon Hunderte von Aufsätzen zum Thema inclusive Deutungen und Erklärungen. Dumm nur, daß erneute Messreihen die Beule als statistische Fluktuation entlarvten, einem Nichtereignis also, für das die Wiki im oben zitieren Beitrag immer noch die/eine Deutung dokumentiert, anstatt sich auf den letzten Absatz zu beschränken…

Einfachheit, Natürlichkeit, Schönheit – es sind Gesichtspunkte, die nicht naturwissenschaftlich sind, die von Menschen intuitiv verwendet werden. Ganz sicher ist vieles, was an Erkenntnissen gewonnen wurde, ’schön‘ so wie wir heute die schon erwähnten Maxwell-Gleichungen als ’schön‘ empfinden. Aber die Bedeutung der Begriffe wandelt sich im Lauf der Zeit, allein das schon schließt sie im Grunde aus. Nicht alles, was ‚wahr“ ist, muss auch schön sein – oder anders herum formuliert: ‚wahres‘ kann auch ‚häßlich‘ sein. Und ebenso gilt, daß nicht alles, was schön ist, auch wahr sein muss, dies ist der Knackpunkt, an dem Hossenfelder ansetzt. Die Suche unter der Berücksichtigung dieser Begriffe kann (und nach Hossenfelder tun sie es) die gesamte Forschung in die Irre führen. Manche Dinge sind eben einfach so, wie sie sind.

Ich kann mir vorstellen, daß Sabine Hossenfelders Buch ihr nicht nur neue Freunde beschert, gut gemeinte Ratschläge, die sie erhielt, rieten ihr vom Schreiben des Buches ab, auch, weil es sie von eigener Forschung abhielt. Aber – dies kann man nachvollziehen – wenn solche fundamentalen Fragen im Hinterkopf bohren, dürfte das kritiklose einfach-weiter-so schwer fallen… Andererseits spürt man bei den Antworten der Kollegen auf ihre Fragen, daß auch bei Ihnen oft Unsicherheiten herrschen, Zweifel nagen und Irritationen verwirren – wobei man natürlich als Leser nicht weiß, wie repräsentativ die befragte Forschergemeinde für diese Zweifel ist, jedenfalls gibt es dieses Unbehagen [Hinweis: Im neuesten Heft Spektrum der Wissenschaft 11.18 befassen sich zwei große Beiträge unter Berufung auf Hossenfelders Buch im Titelthema Die Schönheit der Naturgesetze ebenso mit dieser Frage, falls da also jemand Zugriff hat…]

Hossenfelder beschreibt in ihrem Buch die Suche nach Antworten, es ist in der Tat so etwas wie eine ‚Road-Faction‘. Sie interviewt Kollegen, besucht sie, diskutiert mit ihnen, stellt ihnen Fragen zur Zukunft der Physik und hört oft zweifelnd die Antworten. Das Buch enthält eine Menge Physik, wenn die Autorin versucht, die Problemfelder darzustellen, es sind Passagen, die ich zugegebenermaßen nicht immer wirklich nachvollziehen konnte. Aber darauf kommt es glaube ich auch nicht so drauf an, Das häßliche Universum ist schließlich kein Lehrbuch. Wichtig ist, daß das Unbehagen der Autorin an der ihrer Meinung nach vermehrt unter nicht-wissenschaftlichen Einflüssen stehenden Methodik der gegenwärtigen physikalischen Forschung deutlich und nachvollziehbar wird.

Es ist nicht gerade populär, den eigenen Stamm zu kritisieren.
Aber dieses Zelt stinkt.

Ein hartes Diktum Hossenfelders als Facit aus ihrer Sinnsuche, das ich mit zwei Zitaten veranschaulichen will: Das blinde Vertrauen der theoretischen Physiker auf Schönheitskriterien und der daraus entstehende Mangel an Fortschritten offenbaren das Versagen der Wissenschaft, sich selbst zu korrigieren. Damit meint Hossenfelder u.a., daß die Trennung zwischen Philosophie und Physik nicht mehr beachtet wird, philosophische Kriterien zur Beurteilung physikalischer Gesetze herangezogen werden. Dies führt sie zu Fragen wie Sollten wir numerischen Zufälligkeiten überhaupt Aufmerksamkeit schenken oder: Haben wir Grund zu der Annahme, daß grundlegende Gesetze einfach sein sollten? , Ansätze, die die physikalische Forschung in eine Sackgasse führen, die neue Physik, die sich angeblich hinter dem Standardmodell verbirgt, wird jetzt schon Jahrzehnten gesucht, aber nicht gefunden: Fünfhundert Theorien, um ein Signal zu erklären, das keines war [vgl. oben Diphoton-Excess], und 193 Modelle für das junge Universum beweisen überdeutlich, dass die heutigen Qualitätsstandards für die Bewertung unserer Theorien nicht mehr zu gebrauchen sind. Um künftig vielversprechende Experimente auszuwählen, brauchen wir neue Regeln.

Notgedrungen und unausweichlich muss (und die Autorin macht dies sehr deutlich) an der Wissenschaftspolitik Kritik geübt werden. Hatte Gauß noch das Arbeitsmotto ‚pauca sed matura‘, gilt heute ‚publish or perish‘: veröffentliche viel und häufig (aber bitte keine Nicht-Ergebnisse, die wollen wir nicht). Wenig zu publizieren und damit in der Masse der Forscher unterzugehen, kann sich kaum noch jemand leisten: da Festanstellung immer seltener werden, müssen Fördergelder beantragt werden und wer bekommt die? Genau… Auch hier weiß Hossenfelder, wovon sie spricht, die USA, Schweden, Kanada und jetzt Deutschland sind ihre Stationen auf der Jagd nach eigener Förderung…

Parallel dazu ist eine weitere Folge dieser Entwicklung, daß unkonventionelle Ideen unterdrückt werden: man arbeitet und publiziert in dem Fachgebiet, das bevorzugt gefördert wird, in dem man hoffentlich zitiert wird und sich einen Namen machen kann. Alternative Arbeitsansätze haben so kaum eine Chance. Zudem ist beispielsweise ein Stringtheoretiker ‚billig‘ zu haben, experimentelle Verifizierung spielt in diesem Fach eine eher untergeordnete Rolle, eine Investion in die Stringtheoretiker also recht kostengünstig: das ganze Procedere erinnert an ein sich selbst erhaltendes System.

Vielleicht befinden wir uns in der Grundlagenphysik in einer Sackgasse, weil wir die Grenzen dessen erreicht haben, was Menschen begreifen können. Mit dieser aufrüttelnden Frage Hossenfelders, die ich hier einfach so stehen lasse,  will ich es gut sein lassen mit dieser Vorstellung eines Buches, das mutig ist, denn es stellt begründete Fragen, die man nicht als Nebensächlichkeiten abtun kann. Der LHC beispielsweise, der bis jetzt nichts von einer versprochenen „Neuen Physik hinter dem Standardmodell“ aufgezeigt hat, hat schließlich Milliarden gekostet. Es dürfte provozieren, falls man es in der Gemeinde der Physiker nicht einfach verdrängt, im besten jedoch Fall zum Nachdenken anregen. Grundlagenphysik ist auf der experimentellen Seite extrem teuer und es sind Steuergelder, mit denen die riesigen Anlagen gebaut werden. Eine Argumentation, die mehr ist als die vage Hoffnung, mit dieser (oder jener) Maschine bestimmt etwas zu finden, reicht da nicht, wenn man verantwortlich handeln will.

Suma summarum kann ich das Buch jedem naturwissenschaftlich Interessiertem nur empfehlen, zumal Hossenfelder zwar viel Fachliches geschrieben hat, aber das Ganze mit einer gehörigen Portion Humor und (Selbst)Ironie zu würzen weiß. Es ist ein persönliches Buch, in dem eine Physikern ihr Tun hinterfragt, wissen will, ob sie überhaupt mit der Fragestellung, die sie untersucht, geerdet ist oder ob sie sich in ein wissenschaftliches Traumschloß begeben hat, in dem sie losgelöst von der Realität agiert. Deutlich zu spüren ist der Wunsch – und die Forderung! – an die Gemeinschaft der theoretischen Physiker, sich selbst und ihr Tun zu hinterfragen und auf Relevanz zu überprüfen.

Sabine Hossenfelder
Das hässliche Universum
Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt

Originalausgabe: Lost in Math. How Beauty Leads Physics Astray
Übersetzt aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher, Kollektiv Druck-Reif
diese Ausgabe: Fischer, HC, ca. 360 S., mit ausführlichem Register und Anmerkungen, 2018

 

 

Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.