Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossongs [1] Buch Rotlicht ist, denke ich, ein erfolgreiches Buch, die Besprechungen sind positiv. Anne Haeming adelt es in Spiegel-online sogar als neues ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘ [2], sie legt die Latte damit hoch, denn das soll ja wohl bedeuten, daß jeder, der dieses Buch liest, über Sex und Prostitution umfassend informiert wird. Na, wenn das man nicht leicht übertrieben ist… schaumeruns das Buch aber am besten mal selber an….


Im einleitenden Kapitel erinnert sich Bossong an ihre Kindheit, an die Faszination, die das rote Licht mancher Geschäfte auf sie ausgeübt hat, diesen Reiz, auch das Wissen um das Tabu, das solche Läden umgibt, allein schon dokumentiert durch die Altersbeschränkung, die zum Eintritt berechtigt [3]. Betrat man solchen Laden dann in späteren Jahren, aber immer noch zu früh, so tappte man durch düstere Räume, die das Licht aussperrten und in deren Regalen seltsames Gerät zu bestaunen war. Und, natürlich, Männer, die Magazine, künstliche Vaginen, Videoangebote oder, oder, oder begutachteten…. Diese schummrige Atmosphäre der Sex-Shops ist mittlerweile fast überall verschwunden (gleichwohl haben Bossong und ihr Begleiter im Rahmen ihrer Suche noch einen solchen ‚altmodischen‘ Laden aufgetrieben), heutzutage sind die Geschäfte hell, die Vibratoren körpergerecht ausgestaltet, es geht steril und fast schon öffentlich zu. Und will man es unbeobachteter haben, kann der ‚butt plug mit USB-Anschluss‘ auch bequem von zu Hause aus per online-Großhändler geordert werden (immerhin 4 von 5 Sternen von 378 Bestellern, Stand: Anfang Jan ’18)… aber das nur am Rande, davon handelt Bossongs Buch nicht.

Hat sich das äußere Bild der Sexindustrie somit in den letzten Jahrzehnten teilweise gewandelt (ebenso wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen), einiges ist unverändert geblieben, gehört also offensichtlich zum Kernbereich. So zum Beispiel die Tatsache, daß zu den wenigen Bereichen des Lebens, zu denen Frauen keinen oder kaum Zutritt haben, die Sexindustrie gehört. Das klingt auf den ersten Blick etwas absurd, funktioniert diese Industrie doch ohne Frauen nicht, jedoch ist ihre Funktion streng eingeschränkt auf der Seite der Anbieter von Sexdienstleistungen. Frauen auf der Seite der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen (sozusagen als „Freierin“) existieren, so Bossong, praktisch nicht. … die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann. … Als Frau kann man lediglich käuflich sein, … andere Rollen sind nicht vorgesehen. … Ich wollte sehen, was wirklich geschieht in Sexkinos und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen, mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. …

Damit ist der Inhalt des Buches im Grunde schon recht vollständig umrissen, bei der Aufzählung der besuchten Einrichtungen fehlen jedoch noch das Wohnungsbordell, die Tantra-Massage, eine Table-Dance Bar, der FKK-Club und die Sexmesse. All diese Einrichtungen besucht Bossong in Begleitung von männlichen Bekannten, ihre Befürchtung, andernfalls als Exotin zu sehr aufzufallen bzw gar nicht erst Zutritt zu erhalten, ist plausibel. Zudem half Begleitung dabei, die innere Hemmschwelle zu überwinden.

Man begann sachte und tastete sich vor. Zum Einstieg diente eine in der Beschreibung traurig wirkender Lokalität im tristen Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem Table Dance angeboten wurde. Die beiden Besucher kamen mir vor wie die sich ängstlich aneinander klammernden Hänsel und Gretel im dunklen Wald, in dem der Wald durch das schummrige, auf den billigen Plätzen keineswegs gemütliche Lokal mit Eisdielen-Ambiente ersetzt wurde und die böse Hexe durch die Damen, die ihren mehr oder wenig knackigen Körper den Blicken darboten. Denn das tun die beiden schon: die Frauen, die sich an der Stange abmühen, taxieren. So läßt die Schilderung Bossong an einen Zoobesuch denken, man wolle nur mal gucken wird ein anderer Besucher beschieden, der sich dem Paar fragend genähert hatte. Letztlich verließen die beiden Lokal und Bahnhofsviertel geradezu fluchtartig.

So geht es weiter zu anderen Hot-Spots des horizontalen Gewerbes. So schrill und klinisch die Sex-Messe auftritt, so versifft und nach Sperma und Schweiß müffelnd stellt sich das Sex-Erlebniskino auf der Reeperbahn dar. Ein trauriger Ort, über eine nur spärlich beleuchtete Kellertreppe zu erreichen… für 12 Euro darf man wohl auch nicht mehr erwarten. GangBang Area und kopulierende Paare wecken keinerlei Lustgefühle, eher Ekel. In Dortmund sind die seinerzeit bundesweit berühmt gewordneen Verrichtungsboxen  sind längst wieder abgebaut, der Straßenstrich steht unter behördlicher Kontrolle und die nach 2007 zu Tausenden angereisten bulgarischen Frauen sind weitestgehend wieder weg – wohin, weiß man nicht. Die beiden Frauen, mit denen Bossong spricht, romantisieren ihr Leben und reden es schön, sind stolz auf ihre Stammkunden, zu denen sich ein fast persönliches Verhältnis aufgebaut hat… ‚Pretty Women‘ Atmosphäre… Der Swinger-Club: allein erscheinende Frauen zahlen keinen Eintritt. Handtuchverhüllt rührt hier zum ersten Mal die dunkle Seite der Macht leise ihre Verführungskunst: Bossong Begleiter, der im S/M-Zimmer in einen Käfig steigt, muss energisch „Nora“ rufen, um wieder herausgelassen zu werden. Und hier, in dieser fast intimen Atmosphäre des Clubs, wirken auch die Geräusche, die ein Paar, das mit sich selbst beschäftigt ist, macht, aufregend…

Ich komme noch mal auf die Einschätzung der Spiegel-Rezensentin (wohlgemerkt: nicht der Autorin) zurück, Rotlicht sei das neue ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘. Das ist wohl ein wenig zuviel der Ehre, zu etwas zu schaffen, hatte Bossong wohl selber nicht im Sinn. Dazu fehlen auch die methodischen Basics wie Definitionen, Festlegung von Kriterien etc pp. Manche der Erlebnisse scheinen im Gegenteil dem Augenblick geschuldet: …Wir sind doch eigentlich überhaupt nicht wegen der Kinos in Hamburg. … ein paar Minuten später: „Wir gehen da jetzt rein“, sagt Daniel. 


Rotlicht ist vielmehr ein sehr interessanter Bericht über eine Selbsterfahrung, Selbsterkundung. Immer wieder stößt die Autorin an ihre Grenzen, sind ihr Situationen unangenehm: Am liebsten würde ich sofort verschwinden. [in obigem ‚Adult Cinema‘, nachdem ihr dort Partnertausch angeboten worden war.] Oder, beim Warten auf ihren Gesprächspartner, einen Kinobesitzer in der Schweiz: … wäre eigentlich doch gerne schon jetzt am Flughafen. Es ist erkennbar, daß Bossong und ihr Begleiter keine neutralen, aussenstehenden Beobachter sind, sie sind immer Teil des Ereignisses. So wie sie selbst taxieren und kritisch feststellen, wenn beispielsweise Brüste langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren, so werden sie, bzw. vor allem wohl die Autorin selbst, taxiert: im Kino, im Swinger-Club oder im Hamburger Laufhaus. Aber Bossong tritt auch als Kundin auf, also in der männlichen Rolle im Sexgeschäft: sie kauft von zwei Damen, die an der Straße stehen, eine Stunde, in der sie sich deren Leben erzählen läßt, sie geht zur Tantra-Massage, in den Swinger-Club oder zahlt im Bordell für Zusehen bei der Stunde, die ihr Partner gebucht hat.

Dieses Eingebundensein in die Ereignisse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Beteiligten, vor allem scheint es das Verhältnis der Autorin zu ihrem jeweiligen Begleiter zu beeinflussen. Besonders diese scheinen oft hin- und hergerissen: hin, das meint die Anziehungskraft des Milieus, her dagegen das Verdruckste, Verklemmte, offen dazu zu stehen. Daß jemand seine Souveränität behält, ist die Ausnahme.


Prostitution: die Meinungen dazu überstreichen das ganze Spektrum zwischen ‚PorNo‘ und PorYes. Vertreten die einen (wie z.B. Alice Schwarzer [6] oder siehe auch hier [4]) die Überzeugung, jegliche Prostitution beruhe auf Zwang, keine Frau würde sich freiwillig prostituieren, so vertritt z.B. Hydra [5] die Ansicht, jede Frau habe das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und dies schließe auch ein, ihr zeitlich befristet zu vermieten. Man findet ja auch ohne größer Mühe immer wieder Erfahrungsberichte junger Frauen, die z.B. für eine gewisse Zeit Escort-Service gemacht haben. Hier liegen die Stärken des Buches, wenn Bossong, die Vertreterinnen beider Positionen besucht und mit ihnen gesprochen hat, dies reflektiert und analysiert.

Das Sexgeschäft ist auf Männer ausgelegt, dies liegt der Recherche von Bossong zugrunde. Die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer, behutsamer, spricht auf andere Reize an, so erklärt ihr die Tantra-Masseuse. Der vorstehend schon erwähnte Kinobesitzer aus der Schweiz bekennt im Interview freimütig, er wisse nicht, wie man Pornografisches für Frauen machen müsse, das sei ihm ein Rätsel [vgl. dazu 7]. Dazu kommt, daß Männer für sich ein Recht auf Sex reklamieren – das er zur Not bei Prostituierten einkauft (wobei die Ehefrauen oft die Augen zumachen und sich denken, daß das immer noch besser ist als eine Geliebte), dieses Selbstverständnis gibt es bei Frauen nicht. Der Umgang mit Prostituierten, so erfährt Bossong in den Gesprächen, hat sich in den letzten Jahren geändert: die Preise sind gesunken, die Männer sind oft unverfrorener geworden, die Frauen werden oft eines letzten Restes Würde beraubt und sind nur noch Ware, die nach Preis eingekauft wird.


Bossongs Ausführungen werden dann souverän, wenn sie reflektiert und analysiert, wenn sie sich selbst beobachtet hinsichtlich der eigenen Reaktion auf ihre Recherchen bzw. auch auf die allgegenwärtige Sexualisierung der Lebenswelt. Beispielsweise stellt sie fest, daß sich der eigene Wertekanon modifiziert. Wir alle, auch ich, übernehmen solche Imperative beständig freiwillig. Wer will schon gerne dem gesellschaftlichen Konsens hinterherhinken, der festlegt, was eine vitale, ausgelebte Sexualität bedeutet? … Die kritische Frage, wer oder was eigentlich solche Imperative steuert, bleibt dahinter zurück. … . In diesem Kontext sind die geführten Interviews interessant, mit dem Kinounternehmer, der Tantra-Masseurin, den zwei Frauen von Straßenstrich, aber auch Vertreterinnen von Hydra bzw. dem Dortmunder Ordnungsamt.

Natürlich sind auch die Schilderungen der Erlebnisse Bossongs und ihres jeweiligen Begleiters wichtig. Diese Erlebnisse vermitteln nicht unbedingt Neues, man kann ähnliche Berichte oder Reportagen ohne große Mühe auch anderswo finden, möglicherweise war sogar der/die(?) eine oder andere schon mal in direktem Kontakt mit einer dieser Einrichtungen, die im Buch vorkommen. Ihre Relevanz haben diese Passagen durch die ehrliche Analyse der Autorin, welche Rolle, Funktion und Bedeutung ihnen zukommt und welche Wechselwirkung sie mit sich selbst feststellt. Im Gegensatz zur Souveränität der eher theoretischen Abschnitte schildert Bossong in diesen Kapiteln immer wieder auch die Unsicherheit, die sie in diversen Situation befallen hat und gegen die sie aktiv vorgehen musste. Aber sich in der Öffentlichkeit ‚dazu‘ zu bekennen (und in einer belebten Straße an der Tür zum Swinger-Club zu klingen, ist öffentlich…) heißt eben auch und immer noch, eine Grenze zu überschreiten, eine Hemmung, die jedoch – auch das wird deutlich – im Lauf der Zeit abnimmt.

Bossong Rotlicht ist also zwar kein Standardwerk über das ‚Milieu‘, aber eine sehr interessanter,  informativer und reflektierter Erfahrungsbericht aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Links und Anmerkungen:

[1] vlg. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong oder auch die Autorenseite bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/nora-bossong/
[2] Anne Haeming: Eine Frau dringt einhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/nora-bossong-buch-rotlicht-ueber-prostitution-in-deutschland-a-1135665.html
[3] Bei dieser Passage erinnerte ich mich sofort an den Roman Red Light der Karlsruher Schriftstellerin Phoebe Müller, die von ähnlichen Reiz roten Lichtes auf ihr Protagonistin ausgehend diese auf ganz andere (im Sinne Bossongs konventionelle) Weise die Prostitution, das Sexgewerbe, erkunden läßt: Phoebe Müller: Red Lighthttps://radiergummi.wordpress.com/2015/06/25/phoebe-muller-red-light/
[4] Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibthttps://radiergummi.wordpress.com/…uebrig-bleibt/
[5] http://www.hydra-berlin.de/startseite/
[6] vgl. auch diese beiden Beiträge in der Wiki:
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorNO-Kampagne
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorYes bei diesem Label geht es vor allem um eine Art Gütesiegel für feministische, frauenorientierte Pornographie
– dieser aktuelle Beitrag aus der ze.tt passt auch ganz gut ins Thema:
Eva Reisinger, Frauke Vogel: Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“; in: https://ze.tt/frauen-gehoeren….

Nora Bossong
Rotlicht
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Werner Fuld: DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER

Der 1947 in Heidelberg geborene Schriftsteller und Literaturkritiker Werner Fuld ist ein Freund der dezidierten Meinung und der klaren Aussage, auch wenn sie – vielleicht sogar gerade dann – gegen vorherrschende Ansichten verstößt. Dieses im Deutschlandfunk „Kultur“ [2] veröffentlichte Interview mit ihm, das sich auf das vorliegende Buch bezieht, gibt ein wunderbares, erfrischendes Beispiel für die Vehemenz, mit der Fuld auch unpopuläre Thesen vertritt. Unpopuläre Thesen: das ist schon fast eine Überleitung zu dem vorliegenden Werk Fulds, in dem es nicht nur um unpopuläre Thesen geht, sondern um die durch alle historischen Erfahrungen widerlegte Überzeugung von Machthabern, man könne mit der Existenz von Büchern (und Autoren) auch die zugrunde liegenden missliebigen Ideen auslöschen.

Daß sich diese Ansicht durch alle Jahrtausende und alle Kulturkreise zieht und schon früh aufgekommen ist, belegt Fuld durch diverse Beispiele wie das des Kaisers Augustus, der durch Verbote der frühen Schriften Cäsars dessen „Bild in der Öffentlichkeit bestimmte“, der aber auch sich aber auch nicht scheute, missliebige Autoren zu unterdrücken und auszuschalten. Unter dem Nachfolger von Augustus wurden die entsprechenden Gesetze dann zu einer regelrechten Gesinnungsjustiz ausgeweitet.

Gut zwei Jahrhunderte vor Augustus kommt dem chinesischen Kaiser Quin Shihuangdi die zweifelhafte Ehre zu, einer der ersten Bücherverbrenner zu sein: „Schriften, die das Alte verherrlichen und das Neue herabsetzen, wurden kurzerhand vernichtet.“

Fulds Buch ist gespickt mit Informationen zu Bücher und zu Autoren, die er in insgesamt zwölf Kapiteln unter den verschiedensten Aspekten aufbereitet. Einer der Hauptdarsteller im großen Zirkus der Zensur ist naturgemäß die katholische Kirche mit ihrem Index, auf den sie über Jahrhunderte die verschiedensten Titel setzte. Die letzte Ausgabe des nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils abgeschafften Liste enthielt immerhin ca 6000 Titel [7]. Man findet bzw. fand dort einen großen Teil der Weltliteratur wieder, für Autoren gab es kaum eine bessere Werbemöglichkeit. Vom Index entfernt zu werden, verurteilte ein Werk nicht selten zu Bedeutungslosigkeit, wie Fuld es für z.B. die Lady Chatterley konstatiert. Ja, es war zeitweise so, daß Autoren förmlich darum nachsuchten, mit ihrem Buch indiziert zu werden.

„Eine Zensur findet nicht statt.“ verspricht uns das Grundgesetz, trotzdem gibt es in Deutschland eine „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ [3], bei der jedermann auch Vorschläge machen kann. Eine Liste der indizierten/verbotenen Bücher ist nicht offen zugänglich, aus oben schon erläuterten Grund: „die ausführenden Behörden [möchten] vermeiden , daß damit erst ein Markt/eine Nachfrage entsteht.“ Einen Über- und Einblick vermittelt jedoch diese Internetseite Liste verbotener Medien in der BRD [4]. Jedenfalls lernen wir durch Fuld, daß das Grundgesetz die Vorzensur meint, die nicht stattfindet: jeder kann schreiben, was er will, eine staatliche Beurteilung findet ggf. erst nach der Veröffentlichung statt. Daß in den Anfängen der BRD sogar Tarzan-Hefte indiziert waren, sei nur des Gags wegen erwähnt und um die Absurdität einer Zensur zu zeigen.

Findet, wie in totalitären Staaten üblich, eine Vorzensur statt, muss der Autor sein Werk vor der Veröffentlichung dem Zensor vorlegen, als Ergebnis folgt daraus nach Fuld, daß die gesamte Literatur dieses Staates glatt gebügelte Einheitsliteratur im Sinne des Regimes ist [2]. Werke wie ein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Issajewitsch Solschenizyn verdanken ihre Existenz kurzfristigen Perioden politischer Freiheiten.

Hört man den Begriff „Zensur“ denkt man unwillkürlich an erotisches/pornografisches Material, das jedoch mengenmäßig bei weitem nicht die größte Rolle spielt. Viel häufiger werden Werke zensiert, die gegen die herrschende politische und weltanschauliche Meinung der Machthaber verstoßen. Die Bücherverbrennung des Dritten Reiches ist dafür ein herausragendes Ereignis. Sie umfasst ja nicht nur die punktuelle öffentlichkeitswirksame Verbrennung am 10. Mai, sie bedeutet in realiter das Auslöschen einer ganzen Generation von Schriftstellern, die in der Zeit des 3. Reiches in Vergessenheit geraten sind und die Auslöschung der gesamten jüdischen Literatur in Deutschland.

Einige Jahrhunderte früher stand in Frankreich das Riesenprojekt der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences von Diderot und d’Alembert immer am Rand des Verbots, insbesondere Diderot legte sich und seiner Meinung keine Zügel an. Ausgerechnet dem Hauptzensor ist es jedoch zu verdanken, daß dieses Hauptwerk der Aufklärung letztlich erscheinen konnte – für den Normalmenschen unerschwinglich und daher in seiner ’staatsgefährdenden‘ Wirkung begrenzt.

Aber natürlich – was wäre eine Zensur schon wert, wenn der Staat nicht ebenso die Entscheidung darüber anmaßen würde, was für das moralische und ethische Empfinden seiner Bürger zuträglich ist – dem weiten Feld der erotisch-pornographischen Literatur widmet sich Fuld ebenfalls ausführlich. Hier habe ich an einer Stelle aufgemerkt: Henry Millers Opus Pistorum wurde selbstverständlich auch ein Opfer dieser staatlichen Fürsorge für seine Bürger – sage und schreibe über 700 Polizisten wurden 1985 aufgeboten, die Linzenzausgaben im Buchhandel zu konfiszieren. Die Originalausgabe aus dem Rowohl-Verlag allerdings blieb unbehelligt, der für diese zuständige Richter wog die Kunstfreiheit höher als ein vermeintliches Schutzbedürfnis der Bürger. Und exakt diese Entscheidung machte es möglich, das dieses Buch, das ich mir just zu dieser Zeit kaufte, bei mir heute noch im Regal steht. Aber auch deutsche Autoren von Romanen gibt und gab es, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen. wie es die Staatsanwaltschaft im Falle von Pocahontas formulierte [6]. Dies aber nur zwei Exemplar für viele mehr, auf die Fuld eingeht, daß ebenso die Mutzenbacher, Fanny Hill, Irene und auch O prominent vertreten sind, ist wohl selbstverständlich [8]…

Interessant ist die anfangs erwähnte These Fulds, in einem Staat, der (Vor)Zensur ausübt, wäre eine Literatur in dem Sinne, wie wir die westeuropäische Literatur  [kennen, nicht möglich] … Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen. … [2]. Das ist ein sehr radikal zu Ende gebrachter Gedanke, der im Grunde davon ausgeht, daß Zensur, wenn sie existiert, sowohl direkt auf Literatur einwirkt (… bestimmte Probleme, bestimmte Formen…), aber auch indirekt, in dem das ganze künstlerische Klima, in dem Literatur geschaffen wird, durch den Geist der Zensur geprägt ist. Mir selbst – ich bin kein Literaturwissenschafter o.ä., von daher ist meine Meinung letztlich irrelevant – erscheint Fulds Rigorosität wie dem Interviewer auch etwas übertrieben, da sie sich jedoch schon im Bereich des Definitorischen befindet (ich, Fuld, definiere: in einem Staat mit Zensur gibt es keine unserer vergleichbare Literatur) und Definitionen nie falsch, allenfalls unpraktisch sind, muss man seine Meinung letztlich akzeptieren. Wie das provokante Interview mit Frank Meyer zeigt, regt sie aber zu Widerspruch und Diskussion ein.

Der Autor beschließt seinen Überblick mit einigen Gedanken und Ausblicken zum Thema „Selbstzensur“, die Schere im Kopf und der vorauseilende Gehorsam im Sinne einer ‚political correctnis‘, die beispielsweise die Darstellung rauchender und Alkohol trinkender Figuren im künstlerischen Werken ächtet [5]. Die formierte Gesellschaft wird das für selbstverständlich halten und erst eine zukünftige Geschichte der Zensur wird sich darüber wundern. Hoffentlich.

Fulds Übersicht ist faktenreich, der gute Mann kann eigentlich nichts anderes machen als lesen, lesen, lesen… DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER ist ja nicht sein einziges Werk. Uns als Lesern wird es durch umfangreiche Personen- und Werksregister sowie ein Sachregister erschlossen, dazu kommt noch ein Literaturverzeichnis. Das Buch ist voller Fakten und Informationen, pointiert geschrieben und damit auch ein im besten Sinne unterhaltsames Kompendium eines traurigen Kapitels innerhalb der Kulturgeschichte der Menschheit. Ist es doch einzig ein Zeichen der Dummheit, Bücher und Autoren (im übertragenen Sinn oder auch ganz real) zu verbrennen: die Ideen bleiben am Leben.

Links und Anmerkungen:

[2] Fuld: DDR-Literatur war nur „Lebenshilfe“: Werner Fuld im Gespräch mit Frank Meyer; in http://www.deutschlandfunkkultur.de/fuld-ddr-literatur-war-nur-lebenshilfe.954.de.html?dram:article_id=147173
[3] http://www.bundespruefstelle.de
[4] http://de.metapedia.org/wiki/Liste_verbotener_Medien_in_der_BRD
[5] wenn auch in anderem Zusammenhang, hat sich die Autorin Thea Dorn neulich über solchen ‚moralischen Totalitarismus‘ geäußert:  http://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-ueber-sexuelle-belaestigung-metoo-moralischer.2162.de.html?dram:article_id=400969
[6] Arno Schmidt: Pocahontas, Zitatquelle hier:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/02/arno-schmidt-seelandschaft-mit-pocahontas/
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Index_Librorum_Prohibitorum
[8] zumindest über die Geschichte der O und über Irene habe ich schon etwas geschrieben:
https://erotischebuecher.wordpress.com/2014/08/07/regine-deforges-pauline-reage-die-o-hat-mir-erzahlt/ und
– https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/

Weitere Titel, die ich zum Themenkomplex ‚Bücher über Bücher‘ hier im Blog schon vorgestellt habe:

Weitere Bücher über Bücher, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Werner Fuld
DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER
Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
diese Ausgabe: Galiani, HC, ca. 350 S., 2012

Erling Kagge: Stille

Stille – welch ein kostbares Gut in einer Zeit, in der immer mehr real-time geschieht, in der der Radius des Menschen immer größer wird, in der er das, was er sieht innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten kann, er aber auch von solchen verbreiteten Bilderflut selbst überschwemmt wird, eine Flutkatastrophe der anderen Art. Jugendliche beschweren sich bei der Konfirmationsfeier, daß im dörflichen Gemeindehaus kein WLAN zur Verfügung steht und sie tatsächlich gezwungen sind, sich selbst zu beschäftigen, sich sogar mal zu unterhalten oder Fantasie zu entwickeln…

Das norwegische ‚Multi-Talent‘ Erling Kagge (er wird als Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer vorgestellt [1]) hat ein Buch vorgelegt, eine Sammlung von dreiunddreißig sehr persönlichen Antworten auf die Fragen: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

Stille ist auch für mich persönlich ein Thema, mit dem ich mich stetig auseinandersetze [3], deswegen möge man es mir nachsehen, wenn ich etwas weiter aushole bei meinen Gedanken zum Buch. Als Hinweis: die in runden Klammern gesetzten Ziffern/Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Kapitel des Buches.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal für ein Wochenende zur Kontemplation in ein Kloster fuhr, war ich auf das Schweigen vorbereitet, dann aber sehr erstaunt, als uns dann vom Kursleiter auch noch ans Herz gelegt wurde, nicht zu lesen, kein Radio oder Fernsehen zu schauen etc pp. Dabei hatte ich mir doch extra schöne Bücher mitgenommen!

Jedoch, das war die erste Lektion, ist Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, Stille ist etwas Eigenes, eine eigene Qualität, sie ist auf tieferer Stufe das Eintauchen in eine andere Welt, in die Innenwelt des Selbst, indem ich die Tür nach außen möglichst schließe, Reize, auch visuelle, möglichst meide, wie die drei Affen: nicht schauen, nicht lesen, nicht hören… Das, was einem dort begegnet, ist nicht unbedingt schön. Chaos. Dieses Wort benutzte Abramovic, um zu beschreiben, was sie in der Wüste erlebte. Obwohl es um sie herum ganz still war, gingen ihr die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Sie bemühte sich, Ruhe zu finden, mitten in der Stille. Erinnerungen und Gedanken wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit. Es kam ihr wie eine leere Leere vor, obwohl das Ziel war, eine erfüllte Leere zu erleben, wie sie sagt. Die leere Leere war so unangenehm, dass sich noch immer lebhaft davon erzählt. In die Stille zu gehen die mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen, ist also eine Herausforderung, für die die Künstlerin (The Artist is Present [2]) jedoch eine Antwort fand (27):

Alles dreht sich um die Atmung

Äußere Stille und innere Stille sind unabhängig voneinander, nichtsdestrotz ist das Aufsuchen und Aushalten äußerer Stille der erste Schritt. Ich kann in einen schallisolierten Raum sitzen und doch in mir Gefühle und Gedanken toben hören, die lauter sind als vorbeifahrenden Autos es wären. Umgekehrt kann ich in einem lauten Raum sitzen und doch innerlich in (völliger) Ruhe verharren. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir. (4) In einem der Klöster, die ich besuche, gab es jahrelange Renovierungsarbeiten in den Gästehäusern. So erlebte man dort durchaus Schweigetage mit Begleitung von Presslufthämmern, die natürlich nicht zu überhören waren, aber wir lernten, sie nur noch wahrzunehmen und uns nicht mehr davon stören zu lassen. Alles dreht sich um die Atmung. (27)

Derjenige, so zitiert Kagge den norwegischen Dramatiker Jon Fosse, der nicht über die Macht der Stille staunt, fürchtet sich vor ihrUnd das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak). Als ich letztens mit der Bahn auf die Frankfurter Buchmesse fuhr, fiel mir genau dies wieder auf: von zehn Fahrgästen hatten bestimmt sechs oder sieben Stöpsel im Ohr. Weiter schreibt Kagge über sich und seine eigene Reaktion dazu: Ich erkenne die Angst wieder, … Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mir irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. … (alle Zitate aus 1) Das ist der Punkt. In der Stille begegne ich mir unvermeidlich selbst mit meinen Ängsten, mit meinem Zorn, meiner Wut, meiner Liebe möglicherweise auch, fällt mir meine Hab- und Selbstsucht und anderes mehr auf: all das Verdrängte, Zurückgeschobene tritt zu Tage…

In seiner ersten Antwort geht Kagge kurz auf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Staunen, ein. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. (1) Im Staunen also werden wir wieder zu Kindern, die das ‚Erstaunliche‘ einfach und ganz unvermittelt wahrnehmen, das Staunen versetzt uns schlagartig in die Gegenwart, wir sind nicht mehr durch Erinnerung in der Vergangenheit und durch Planung in der Zukunft, sondern wir sind beim Staunen im Hier und Jetzt. Aus dem wir jedoch sofort wieder herauskatapultiert werden, wenn das Denken („was ist das denn? sieht aus wie….“) einsetzt…

Ich mag die Vorstellung, dass das Erleben von Stille in erster Linie ein Ziel an sich ist. Es hat einen eigenen Wert und sollte nicht gewogen und gemessen werden, wie so vieles andere, aber Stille kann auch ein Hilfsmittel sein. (18) „Jetzt sei doch mal still!“ Daß es sich ohne Ablenkung besser denken oder überlegen läßt, möglicherweise auch kreative Lösungen für Probleme auftauchen können, ist wohl jedem schon im Alltag untergekommen. Wittgenstein, den Kagge nennt, beispielsweise hat seinen Tractatus logico-philosophicus in der norwegischen Einsamkeit geschrieben. Daß Stille ein Weg ist zur Selbsterkenntnis, ist schon gesagt, Stille ist jedoch auch ein probates Mittel, Gehör zu erlangen: in der Musik sind die Pausen genauso wichtig wie die Klänge (bei John Cage mit 4’33“ ins Extrem gesteigert), routinierte Redner bauen bewusst Pausen in ihre Texte ein, um durch diese Stille Wirkung zu erzielen. Viele der Antworten Kagges drehen sich um solche Beispiele, wie Stille als Hilfsmittel, als Methode, etwas (besser) zu erreichen, eingesetzt wird/wurde/werden kann.

Der Abenteurer Kagge, der sowohl Nord- als auch Südpol erreicht, ferner den Chomolungma (Mt. Everest) bestiegen hat, kennt die äußere Stille, das Zurückgeworfen sein auf sich selbst, und deren innere Wirkung. In seiner Sammlung von Gedanken versucht er, die Bedeutung dieser Qualität Stille (die natürlich auch eine spirituelle Dimension hat: Bei Elia offenbart sich Gott als „stilles, sanftes Sausen“ … Mir gefällt das. Gott ist die Stille. (16)) aufzuzeigen, und uns ihren Wert zu vermitteln. Den Fernseher einfach mal ausgeschaltet, das Tablet links liegen und das Smartphone in der Tasche zu lassen: hin und wieder die äußere Stille zu erzeugen, kann ein erster Schritt auf diesem Weg sein, den Kagge uns so trefflich weist. Alles andere ergibt sich dann von allein. Wer sich dem Abenteuer „Stille“ aussetzt und es einmal aushält, wird dessen Schönheit gewahr werden.

Wenngleich Kagge in seinen Miniaturen viele Beispiele und Gedanken zur äußeren Stille als Abwesenheit von Geräuschen gibt, Stille als Werkzeug oder Methode beschreibt, bestimmte Ziele zu erreichen, so ist sein grundlegendes Anliegen doch die innere Stille, das Zur-Ruhe-Kommen, das Wahrnehmen des eigenen Selbst. In keiner anderen Antwort allerdings hat er dies passender und prägnanter beschrieben, die schöneren und wahrhaftigeren Worte gefunden als in seinem letzten Beitrag (33), der all das zusammenfasst, was zu diesem Thema ‚eigentlich‘ zu sagen ist.

Und – auch das soll erwähnt werden – verpackt ist dies alles in einem wunderschönen Büchlein. Der Schutzumschlag in cremigem Weiß, mit einer angedeuteten Wellenlinie, die die Angaben zum Autor, Titel und Verlag symmetrisch teilt. Diese optische Klarheit, die Reduktion auf das Wesentliche zum Buch – sprich: die Vermeidung unnötigen Lärms – verdeckt die Unruhe des alltäglichen Lebens, den Ansturm äußerer Reize, den Straßenlärm, Lichterflut, Hektik, das Sich-beeilen-müssen…

So wird Stille auch eine wunderbare Geschenkidee für die gleichnamige Nacht, der ja leider so oft eine laute, nicht-stille Zeit vorauseilt…. und wie schön wäre es, wenn sich der/die eine oder andere durch Kagges Gedanken angeregt eine Ecke im Alltag ausgucken würde, in der er/sie sich täglich einfach für ein paar Minuten ausklinken könnte.

Links und Anmerkungen:

[1] so die Angaben im Klappentext. In diesem Beitrag der FAZ wird der Autor etwas ausführlicher vorgestellt: http://www.faz.net/aktuell/reise/ewiges-eis-wir-sind-alle-geborene-entdecker-14499322.html
[2] z.B. hier: https://www.moma.org/explore/inside_out/2010/06/03/marina-abramovic-the-artist-speaks/
[3] Zwei weitere Orte hier im Blog, die der ‚Stille‘ gewidmet sind:
Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/01/stille/ und
Reichtum der Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2012/01/01/reichtum-der-stille/

Erling Kagge
Stille
Ein Wegweiser
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Stillhet I Støyens Tid, Oslo, 2016
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 140 S., 2017, mit Abbildungen (Fotos)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Philippe Brenot, Laetitia Coryn: Sex Story

Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.