Erni Kutter: Schwester Tod

11. Januar 2017

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

adson_vampire

Eric W. Steinhauer [1], promovierter Jurist und Dezernent an der Universitätsbibliothek Hagen, Experte für Bibliotheks- und Urheberrecht, ist (oder sollte es auf jeden Fall sein) allen, die sich für Bücher über Bücher bzw. das Buchwesen interessieren und möglicherweise einen Hang zum Morbiden haben, ein Begriff. Ich erinnere nur, aber mit großem Vergnügen, an seine Büchergrüfte [2], in denen er kenntnisreich der dunklen Seite des Buchwesen nachgeht.

Der Inhalt dieses Titels Bücher und Vampire ist nicht allzuweit von jenem entfernt (wenngleich mit anderer Zielrichtung) spielt auch hier das Gruselige und Morbide eine große Rolle. Bücher und Vampire ist (und ich hoffe, daß dies nicht nur eine Ankündigung ist, sondern daß dieses Projekt realisiert wird) Band 1 einer Reihe (?) Morbides Bücherwissen.

Ziel der kleinen Abhandlung ist es, den Vampir als ein Bücherphänomen zu beschreiben und zu verstehen. … Dabei geht es im Kern um die These, daß die Existenz des Vampirs als neuzeitlicher Mythos ohne Bücher und Bibliotheken und deren spöezifischer Medialität nicht denkbar ist und daß des weiteren sich bei genauer Betrachtungsweise sogar die Bibliothek und das Lesen selbst als ein vampirisches Unternehmen darstellt.

Natürlich muss man erst wissen, wovon man redet. Folgerichtig beginnt Steinhauer seine Ausführungen mit einer knappen Begriffserklärung: was überhaupt ist ein Vampir und wenn, in wie vielen Variationen kann er auftreten? Jedenfalls taucht er im 18. Jahrhundert im Volksglauben auf als ‚lebender Leichnam‘, der unsichtbar in seinem Grab verbleibt und von dort aus auf geheimnisvolle Weise Personen …. langsam das Leben aussaugt, so daß sie durch allmähliche Auszehrung sterben. Egal, ob nun als Nachzehrer (ein Vampir, der im Grab bleibt) oder Wiedergänger (… ein das Grab nächtens verlassender Untoter): der Leichnam, schaut man nach, zeigt sich unverwest und frisch, ein wenig Blut tritt aus, die Haare und die Nägel wachsen…. auf später filmisch oft dramatisch in Szene gesetzte Art und Weise muss dieser ‚Leichnam‘ nochmals getötet/dekapitiert und/oder verbrannt werden, um sich derart vom Spuk zu befreien.

Dies ist der Punkt, an dem aus dem Mythos, dem Aberglauben, ein wissenschaftliches Phänomen wird. Denn es gibt zeitgenössische Berichte und Protokolle solcher Graböffnungen, die von Ärzten, mithin also vertrauenswürdigen Personen, angefertigt wurden und die diesen Mythos bestätigen wie beispielsweise dieses hier: Copia eines Schreibens aus dem Gradisker District in Ungarn [3, 4]. Von solchen Dokumenten gibt es mehrere und wie es solche Dokumente an sich haben, nisten sie sich in zweckbestimmten Einrichtungen ein, den Bibliotheken. Nun war die Bibliothek an sich (die enge Verflechtung des Vampirglaubens mit dem Bücherwesen wird immer offensichtlicher) im ausgehenden Barock der Ort, an dem man die Welt erforschte, was damals, an der Grenze zur Aufklärung, noch nicht meinte, sie experimentell zu untersuchen, sondern man legte die Welt anhand des vorhandenen Schrifttums aus, mehrte dieses dadurch und setzte eine lawinenartige Zunahme an vampirbezogener Literatur in Gang: die Leipziger Vampirdebatte kam beispielsweise auf diese Art in Gang [4]. Die Bibliothek wurde immer mehr zum natürlichen Habitat der Vampire, Buchdeckel ersetzten sozusagen die Sargdeckel, der Vampir wurde zum Vampapier…. ;-)

Es war ein niederländischer Mediziner, Gerard von Swieten (1700 – 1772), der die realen Phänomene der Auszehrung von Menschen dann in bester aufklärerischer Weise als Folge von Krankheiten identifizierte, den Mythos damit entlarvte. Endgültig beendet wurde die ‚wissenschaftliche‘ Diskussion der Vampyrologie durch Kaiserin Maria Theresia, die 1755 das Ausgraben und Untersuchen von Leichnamen per Gesetz verbot.

Damit war die Überzeugung, daß es tatsächlich Vampire gäbe, zwar noch nicht ausgemerzt, Namen wie Görres (katholischer Publizist und Professor für Literaturgeschichte in München) oder Perty (Professor für Zoologie in Bern hingen ihr noch an und vertraten sie in ihren Publikationen, aber diese Personen waren Aussenseiter und Nachzügler einer beendeten Debatte.

Damit hätte der Vampirmythos tot sein können, wenn nicht… das Jahr 1819 gewesen, ein Jahr, in dem ein von einem gewissen John William Polidori geschriebener (aber aus naheliegenden Gründen unter dem viel bekannteren Namen des Lord Byrons veröffentlichter) Roman mit dem Titel The Vampyre auf dem Markt erschienen wäre [5], der flugs noch im Erscheinungsjahr auch auf Deutsch zugänglich war und ein Riesenerfolg wurde. Steinhauer diskutiert an weiteren drei Romanen den Vampir als literarische Figur: Carmilla von Joseph Sheridan LeFanu (1872), natürlich Dracula von Bram Stoker (1897) und als letzten Roman The Historian von Elisabeth Kostova. In all diesen Werken spielen Bücher und Bibliotheken, so führt Steinhauer aus, eine wichtige Rolle.

Wie schon in der frühen Leipziger Vampirdebatte nehmen Bibliotheken/Bücher auch in der literarischen Adaption des Themas eine besondere Rolle ein, Steinhauer nennt sie ‚Unwahrscheinlichkeitsverstärker‘: wenn so viel darüber geschrieben steht, könnte nicht doch etwas daran sein? Bibliotheken erscheinen in diesem Zusammenhang als Transitraum in das Unheimliche hinein.

'Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer' Capricho Nr. 43; Francisco de Goya Bildquelle [B]

‚Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer‘
Capricho Nr. 43; Francisco de Goya
Bildquelle [B]

Ihre Gesichter sind grau, ihre Augen ohne Schimmer, sie sind kurzsichtig, ihre Bewegungen grotesk  … sie leben in der Dämmerung und sind grau wie Kellerasseln…. Steinhauer zitiert den ungarischen Philosophen und Bibliothekar Belá Hamvas (1897-1968) und rührt damit an eine weitere, eher klandestine Verbindung zwischen dem Buchwesen und dem Vampirtum. Die dort derart ausgezehrt beschrieben werden, sind Buch- und Bibliotheksmenschen, die der vampirischen Seite des Lesens anheim gefallen sind. Insbesondere das nächtliche Lesen (Stichwort ‚Lukubration‘) läßt offenbar Lebensfreude und Vitalität schwinden. Im Capricho Nr. 43 (nebenstehend) von Goay ist dies ikonopgrafisch dargestellt: der über einem Buch erschöpft eingeschlafene Leser zu sehen, über dem die Fledermaus, das Symbol des Vampirs ihre drohenden Bahnen zieht…..

Als Facit (Steinhauer reißt auch noch die vampiraffinen Aspekte von Poes Raven an) hält der Autor fest: Durch starke Imagination kann Fiktives wirklich erscheinen. Diese imaginierte Wirklichkeit ist nicht immer harmlos…. kann sogar gefährlich werden, wenn der Leser für das ‚imaginative Potenzial‘ eines Buches disponiert ist. Daß ein Buch besitzergreifend sein kann, weil es in die eigene Gedanken- und Traumwelt Einzug gehalten hat, wird wohl jeder Leser bestätigen können.

Abschließend widmet Steinhauer in dieser bearbeiteten Auflage seiner Ausführungen der filmischen Umsetzung des Vampirwesen noch ein Kapitel, bevor das umfangreiche Literaturverzeichnis das Werk abrundet.


Bücher und Vampire ist ein Büchlein, das auf einem Vortrag des Autoren beruht. Es ist daher knapp und konzentriert formuliert, versucht in zahlreichen Fussnoten kurze Ergänzungen und Erläuterungen zu geben, manches scheint nur stichwortartig festgehalten, sozusagen als Anregung für den Hörer bzw. Leser. In der Ausführlichkeit des Literaturverzeichnisses und der Fussnoten ist interessanterweise sogar eine Verwandtschaft zu erkennen mit der in den Bibliotheken des Barock erfolgenden (und vom Autoren beschriebenen) exegetischen Behandlung des Vampirthemas durch Zitieren und Belegen.

Da bekanntlich aber in der Kürze die Würze liegt, ist diese Kürze keineswegs ein Nachteil oder ein Hindernis, das Werk mit viel Spaß und manchem ‚Aha!‘ zu lesen. Im Gegenteil, man merkt dem Ausführungen an, daß hier ein Begeisterter geschrieben hat, ein Buchmensch, der über den Tellerrand hinausschauen kann, der die dunklen Seite seiner Leidenschaft in hellstem Licht verführerisch darstellen kann. Wenn solche Bücher nicht zur Bücherliebe verführen, welche dann?

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage/Blog von Eric W. Steinhauer: http://www.steinhauer-home.de/?page_id=4
[2] Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/09/14/eric-w-steinhauer-buchergrufte/
[3] https://de.wikisource.org/wiki/Copia_eines_Schreibens_aus_dem_Gradisker_District
[
4] Nicolaus Equiamicus: Michael Ranft und die Leipziger Vampirdebatte
(1725 -– 1734); in: http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/mythen-aamp-wirklichkeiten-mainmenu-288/aberglaube-mainmenu-294/1775-michael-ranft-und-die-leipziger-vampirdebatte-1725-1734
[5] Die Geschichte dieses Romans The Vampyre (die in durchaus größerem Zusammenhang zu sehen ist, da sie zwar nicht inhaltlich, aber entstehungsgeschichtlich mit der Figur des Frankensteins von Shelley verbunden ist) hat z.B. Olaf Trunschke in seinem Buch Die Kinetik der Lügen zu einem Roman verarbeitet. Die Besprechung hier auf dem Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/09/07/olaf-trunschke-die-kinetik-der-luegen/

Bildquellen:

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Eric W. Steinhauer
Bücher und Vampire
Vampyrologie als Lektüre
Originalausgabe unter dem Titel: Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs, bei: Eisenhut-Verlag, Berlin, 2011
diese Ausgabe: adson fecit, HC, ca. 125 S., 2016 (durchgesehene, verbesserte und ergänzte Fassung der ‚Vampyrologie‘), mit vielen Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

hannah

Hannah ist ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen von zehn Jahren. Sie liebt Worte wie ‚Hannah‘, ‚Uhu‘, ‚Reittier‘ oder ‚Retter Lego Vogel‘. Palindrome nennt man solche Worte (oder Zahlen) und das Wort ‚tot‚ gehört dazu und es gefällt Hannah sehr gut, weil es auch so schön aussieht: die zwei Kreuze am Anfang und am Ende und das unendliche O in der Mitte. Andererseits: ‚der Tod‘ wird mit ‚d‘ am Ende geschrieben und was ist das überhaupt, der Tod? Seit Hannah zurückdenken kann, ist sie lebendig….. und ‚mausetot‘: auch so ein seltsamer Begriff. Es wird Zeit, daß sich jemand ernsthaft mit dem Tod befasst. Jemand wie Hannah, der Nachfragerin.

So ungefähr läßt Diana Hillebrand ihr wunderschönes Jugendbuch über das Sterben, den Tod und den Friedhof beginnen. Zusammen mit Hannah, ihrer Mutter und einem Dritten, dem Friedhofsgärtner Florian Tod, begegnen wir vielen Fragen, auf die altersgerechte Antworten gegeben werden.

Zuerst jedenfalls überredet Hannah ihre Mutter, die wie auch der Opa über das plötzliche Interesse des Kindes am ‚Tod‘ etwas erstaunt und irritiert sind, mit ihr auf einen Friedhof zu gehen. Es ist dies schon die erste Lektion Hillebrands für uns: Kinder gehen mit dem Tod erst einmal unbefangen um, er ist für sie ein Rätsel, eine offene Frage, die es zu beantworten gilt, wenn sie zum Beispiel seltsame Formulierungen lesen wie ‚ist heimgegangen‘ oder ‚ist entschlafen‘.

Hannah empfindet den Friedhof zu ihrer Überraschung als einen schönen Ort voller Leben. So viele Tiere, die sie hier sieht und hört! Und so schöne Grabsteine, zum Teil so wild überwachsen vom Efeu. Und dann dieser seltsame Mensch, der auf sie und ihre Mutter drauf zu läuft, die Mutter, die gar nicht weiß, was ihr geschieht, in den Arm nimmt und feste drückt. Aber dann erkennt sie ihn, es ist ihr früherer bester Schulfreund, der damals so schnell verschwand und den sie nie wieder getroffen hat – bis jetzt. Hannah sollte sich schnell mit dem langen Lulatsch, der auch noch Florian Tod hieß, der zudem noch auf dem Friedhof wohnt, anfreunden.

Sie besucht ihn die nächsten Tage häufig, läßt sich die Trauerhalle von ihm zeigen, erklären, wie eine Bestattung abläuft, wie auch andere Kulturen ihre Verstorbenen beerdigen. Hannah ist ganz erstaunt, wie unterschiedlich das doch ist, mal traurig, mal ernst, mal mit Musik und dann auch wieder ganz anders. So wie auch die Vorstellungen, was nach dem Tod geschieht, ob man in einen Himmel kommt, ob man dort arbeiten muss oder immer Freizeit hat…. und das ein Sarg nicht immer nur so aussehen muss wie eine Holzkiste, sondern ganz, ganz anders sein kann, bunt und wie Elefant aussehen, das erzählt Florian seiner kleinen Freundin auch.

Natürlich hat Hannah auch einen Papa, und durch diesen Papa lernt sie die Angst kennen. Der ist nämlich Kriegsberichterstatter und im Moment in Nahen Osten. Und da ist er immer in Gefahr und einmal müssen Hannah und ihre Mutter sogar ganz große Angst ausstehen. Ja, sterben hat auch was mit Angst zu tun!

Gegen die Angst vorm eigenen Sterben oder als Vorbereitung darauf hilft vielleicht die Löffelliste, von der die Mama erzählt. Uiii… alles aufschreiben, was man noch vorhat und machen will im Leben.. das macht auch Spaß! Zusammen mit Leni, ihrer Freundin, machen die beiden Mädchen so eine Liste für sich und tragen die Idee auch in die Schule. Denn trotz aller Gedanken über Sterben und Tod ist Hannah ein lebenslustige Mädchen, das ihr Leben leben will, voller Freude und Optimismus!


Die Frage von Kindern nach dem Tod hat mit der Frage, wo die Babys herkommen, zumindest eins gemeinsam: die Probleme, sie zu beantworten, liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wie sag ich´s meinem Kinde…..

Hillebrands Buch zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, ich halte es für einen wunderbaren Führer durch alle mit diesen Thema verbundenen Fragen. Das Buch kombiniert eine kleine, unterhaltsame Familiengeschichte mit einer kindgerechter Aufarbeitung der verschiedenen Aspekte rund um´s Sterben. Die Illustrationen von Duckstein sind bunt, fröhlich und lebendig und auf diversen Thementafeln werden Informationen aufbereitet: welche Symbole beispielsweise gibt es für den Tod, welche Arten von Bestattungen kennt man oder wie sehen rund um die Welt Grabmäler aus? Schön ist, daß in diesen Schaubildern (wie auch im Text) immer wieder auch Riten und Traditionen anderer Kulturkreise bzw Religionen erläutert werden.

Was soll ich zum Schluss sagen? Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse ist für mein Dafürhalten ein Buch, daß vielleicht sogar nicht nur für Kinder absolut empfehlenswert ist. Nicht nur deshalb ist es ratsam, es gemeinsam mit den Kindern zu lesen.
Ich freue mich, daß ich durch madameflamusse [1] auf das Buch aufmerksam geworden bin.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Besprechung des Buches von madameflamusse:  https://reingelesen.wordpress.com/2016/11/30/friedhofsgeheimnisse-erklaert/

zum Buch gibt es einen Video-Trailer bei youtube

Weitere Buchvorstellung vom mir zum Themenkreis: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind über dieses Autorenverzeichnis zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Diana Hillebrand
Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse
Eine Geschichte über den Tod und was danach kommt
Mit Illustrationen von Stefanie Duckstein
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 160 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Die hochgeschätzte Bloggerkollegin Petra Gust-Kazakos [1] ist auf beiden Seiten vertreten, sie ist als Bloggerin Leserin, in der Eigeneinschätzung sogar eine Vielleserin, die gerne über ihre Leseeindrücke schreibt und berichtet. Aber sie ist auch Autorin, stellt die Frucht ihrer Arbeit, sprich jetzt dieses Buch, in die Öffentlichkeit und damit auch in die Kritik bzw. Bewertung durch ihre Leser.

petra

Um das Facit ein wenig vorweg zu nehmen: sie legt ein schönes Buch vor, in mancherlei Hinsicht schön. Zum einen ist es einfach als Buch gefällig, auch wenn ich den Einband mit den vielen kleinen Totenköpfen nicht so mag, aber das ist mein persönliches Problem, weil das eine reine Geschmackssache ist. Jedenfalls liegt das Buch gut in der Hand, ist auf schönem Papier gedruckt und gut lesbar, es ist repräsentativ und sicherlich für Bibliophile ein wunderschönes, angemessenes Geschenk.

Aber nicht nur die Verpackung zählt, sondern auch der Inhalt. Und auch da hat Gust-Kazakos einiges zu bieten. Schaumermalrein…..


Gefahren des Lesens – dieser Titel greift meiner Ansicht jedoch zu kurz, das Buch enthält mehr, viel mehr. Es geht natürlich ums Lesen allgemein, aber auch um Bücher im Besonderen und häufig auch ums Schreiben an sich.

Überhaupt: War sich die Autorin, als sie ihr Kapitel II: Glaubwürdigkeit versus Wahrheit schrieb, bewusst, wie aktuell sie damit sein würde bzw. ist? Der Term – man muss ja schon fast sagen: Kampfbegriff – ‚Lügenpresse‘ in Deutschland, ein zukünftiger amerikanischer Präsident, der sich um die Unterscheidung von Unwahrheit und Wahrheit nicht schert, ‚postfaktisch‘ als Wort des Jahres 2016 in Deutschland, der wahrscheinliche Einfluss, den ‚Fake-News‘ auf Facebook und anderswo in den USA hatten, ein Russland, dessen Weltbild durch subtile Propaganda bestimmt wird (was man aus der heimischen Presse erfährt, der man zwar, zumindest den seriösen Blättern, glaubt, aber irgendwo im Hinterkopf macht sich dieses zerstörerische ‚aber…‘, denn prinzipiell ist natürlich auch seriöse Presse nicht vor Manipulativem – sei es absichtlich oder unabsichtlich – gefeit.) Die Zeiten, in denen Gedrucktes a priori als wahr genommen wurde (Seltsam? Aber es steht so geschrieben) sind jedenfalls vorbei. Ob die Autorin daher folgenden Satz heute noch so schreiben würde (Stichwort Trump, aber nicht nur…): Gezielte Falschinformation – so etwas können wir, die wir demokratische Verhältnisse gewohnt sind, uns höchstens in Diktaturen vorstellen. Es ließe sich noch so viel zu diesem Thema sagen, es wäre ergiebig für einen interessanten Abend in einem literarischen Salon… mir fällt gerade spontan die Bibel ein, die von den Kreationisten so wörtlich ausgelegt wird, daß es uns anderen weh tut….. auch das eine Gefahr des Lesens, wenn nämlich das, was geschrieben steht, nicht als erfunden und erdacht erkannt und eingestuft wird, es ist der Moment, in dem man die Romanfigur im Personenlexikon nachschlagen will…..  Gust-Kazakos schildert solche Verständnisklippen an einigen Beispiel wie der Künstlerbiographie eines gewissen Nat Tate, eine Aktion, die so professionell angelegt war, daß viele Menschen sich erinnerten, diesen (erfundenen) Künstler getroffen und mit ihm gesprochen zu haben. Ein anderes Exempel: man erinnere sich an die Panik, die Orson Welles mit seinem Hörspiel vom Krieg der Welten Ende der dreissiger Jahre in den USA hervorrief…

Es gibt ‚die‘ Wahrheit nicht, Gust-Kazakos macht dies auch in ihrer Diskussion der Gattung (Auto-)Biographie deutlich. Das Geschriebene hängt immer davon ab, was der Schreiber neben den reinen Fakten verdeutlichen will, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Und natürlich nimmt auch der Leser/die Leserin diesen Stoff durch die Filter des eigenen Weltbilds gesiebt auf …. In diesem Sinne kritisch zu bewerten ist nach Gust-Kazakos der Wahrheitsgehalt insbesondere von Autobiographien und auch Tagebüchern, die ‚im Sinne einer subjektiven Wahrhaftigkeit‘ [Maar, 4] verfasst werden und ein bestimmtes Bild vermitteln sollen [6].

‚Der Umgang mit Bücher führt zum Wahnsinn‘ zitiert die Autorin Erasmus von Rotterdam und ist nicht in der Tat das Treiben von Sport, Bewegung und Arbeiten gesünder für den Leib als das träge Hocken im weichen Sessel, begleitet nur von Tee, Gebäck und Buch? Ein Vorurteil, das auch heute noch nicht ganz ausgerottet ist, aber Gottseidank bieten Bücher ja auch Heilmittel, indem sie z.B. bei seelischer Verstimmung für Aufheiterung sorgen können. Historisch gesehen hat diese Leserei von Romanen, erfundenen Geschichten, die Flöhe in den Kopf setzen, ja sowieso mit den Frauen begonnen, während Männer eher Sachbezogenes lasen – und ganz grundlegend hat sich das wohl immer noch nicht geändert. Aber ‚Lesen als Medizin‘ gibt es mittlerweile sogar als Buch einer gewissen Andrea Gerk [4]; in diesem Kontext fällt mir ganz spontan ein, das an dieser Stelle auch die Lyrische Hausapotheke eines gewissen Erich Kästner [3] ihren Platz hätte finden können…. auf der anderen Seite kann die übersteigerte Lust am Lesen, am Buch tatsächlich Gefahr für Leib und Leben bergen, Flauberts Geschichte vom Bücherwahn [3] ist nur eins der Beispiele, die die Autorin anführt, Steinhauers Büchergrüfte, schon vom Titel her morbide, hätten hier auch gut hingepasst… Daß der Goethe´sche Werther ganz real Leib und Leben von Nachahmungstätern gefährdet(e) (‚Werther-Effekt‘), war sicher nicht beabsichtigt, zeigt aber, daß Bücher (gewollte oder ungewollt) tatsächlich in die Realitität hineinwirken können.

‚Der menschliche Mäkel‘, ein schönes Wortspiel. Und in der Tat, der Mensch, der liest, hat ein Urteil über das Gelesene. Fliegt das Buch nun wutentbrannt gegen die Wand oder opfert man ihm eine Nachtruhe, weil man es nicht weglegen konnte – wir haben eine Meinung und manche Menschen neigen dazu, diese dann öffentlich zu äußern. Womit wir beim Kritiker wären, der professionell als Literaturkritiker seine Ansicht zum Lesestoff verbreitet oder eher als Liebhaber einen z.B. Blog betreibt. Während aus den Reihen ersterer sogar Päpste gekürt wurden, werden letztere als von den ‚Profis‘ für die Beurteilung von Literatur als vernachlässigbar, weil ungeeignet, eingestuft, wittert man hier Konkurrenz, die es einzunorden gilt? Eine kontroverse (und sinnlose) Diskussion, die häufiger auftaucht und mit immer wiederholten Argumenten geführt wird. Die Szene der Blogger/-innen ist qualitativ bei weiten nicht einheitlich und Blogs, die man der (neulich fiel in einer Diskussion der Begriff [5]) ‚Königsklasse‘ zuordnen könnte, werden mittlerweile von Verlagen durchaus wahr- und ernst genommen. Worin wiederum die Gefahr liegt, daß der Ansatz eines Blogs, nämlich aus Spaß an Büchern, aus Freude am Lesen darüber (subjektiv) zu schreiben, verschütt geht und durch eine Semiprofessionalisierung ersetzt wird: das Hobby artet in Arbeit aus mit all dem Schreiben, dem networken, interviewen, den Messebesuchen, Lesungen etc pp…. und das Ganze dann auch noch für lau… Die Chancen jedoch auf eine ‚angemessene‘ Entlohnung, die über die Überlassung eines Leseexemplars hinausgeht, ist gering. Positive ist jedenfalls, daß durch den Enthusiasmus der Bloggerszene auch kleine Verlage eine gute Chance haben, in einem größeren Umfeld und einer interessierten, wohlwollenden Zielgruppen, ohne nicht zu stemmenden Werbeaufwand wahrgenommen zu werden.

Subtil ist dagegen die Unterscheidung, die Gust-Kazakos trifft, wenn sie ‚Leser als Rezensenten‘ (womit die oben erwähnten Blogbetreiber/-innen gemeint sind) von ‚Käufern als Rezensenten‘ trennt. Mit letzteren sind die Verfasser von Kommentaren bei online-Händlern gemeint, die Unterscheidung könnte man so interpretieren, als wären das keine Leser….. ich weiß, ich weiß…. ein wenig böswillig, aber es reizt einfach dazu….

Das Kritisieren, das belastbare zumal…. es verlangt leider nach Kriterien. Was ist ‚gute Literatur‘, was ist ’schlechte Literatur‘? Ein Thema, bei dem man sich sicher trefflich streiten kann. Gust-Kazakos diskutiert in diesem Kontext den Begriff des ‚Klassikers‘, für den sie verschiedene existierende Definitionsversuche anführt. Ich halte diese Diskussion für etwas akademisch. Natürlich interessiert, warum Goethe, Schiller, Voltaire, Shakespeare und viele andere mehr als Klassiker gelten, nur lassen sich aus diesen Kriterien kaum Aussagen machen, welche Neuerscheinung tatsächlich in einigen Jahrzehnten als Klassiker bewertet werden wird. Wie auch immer, aus einem solchen Kriterienkatalog folgt dann automatisch die Frage, wie man ihn als Schreiber umsetzen kann, um – genau, einen Klassiker zu schreiben. Oder zumindest ein erfolgreiches Buch. Womit die Gattung der Schreibratgeber hat das Licht der Buchhandlungen erblickt hat.

Ganz konkrete Gefahren beim Schreiben oder Lesen lauern dort, wo Texte Missliebiges enthalten, egal ob dies nun beispielsweise politische Aussagen sind oder auch sittlich Anstößiges ist. Wird hier von staatlicher (oder kirchlicher) Stelle eingeschritten, spricht man von Zensur, in allen anderen Fällen, wenn z.B. Verlage oder Übersetzer Texte in ihrem Sinne verändern, müßte man eher von Manipulationen reden. Eine Unterscheidung, die die Autorin, obwohl sie die Definition, was Zensur ist, widergibt , in ihren Ausführungen leider nicht konsequent durchhält. Von der Zensur zur Vernichtung ist ein gar nicht so großer Schritt: der 10. Mai 1933 ist uns Deutschen im Gedächtnis, aber dieses Großereignis ideologischen Wahnsinns ist weder die erste, noch die letzte Verbrennung von Büchern, der immer auch Autoren zum Opfer fallen, weil sie damit ihrer Leser beraubt werden und in Vergessenheit geraten. Daß so mancher Schriftsteller seines Schreibens wegen im Gefängnis gelandet ist bzw. in vielen Staaten noch landet: eine traurige Tatsache. Die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt, ist literarisch übrigens aus Fahrenheit451 fixiert.

Interessant wird es, wenn sich politischer oder gesellschaftlicher Konsens im Lauf der Zeit geändert hat. So ist das N-Wort (aber nicht nur das) in Deutschland mittlerweile aus dem Sprachgebrauch verbannt, steht aber noch in vielen Büchern, die schon älter sind, jedoch noch neu aufgelegt werden, Klassiker ihres Genres eben…. daß darunter einige bekannte Kinderbuchklassiker fallen, bringt die Verlage in eine gewisse Bredouille…

Eine sehr praxisrelevante Frage ist die der Qualität von Übersetzungen, da nur die wenigsten Leser ausländische Literatur im Original lesen (können). Einen Roman zu einer Übersetzung zu bearbeiten, die die gleiche hohe Qualität wie das Original aufweist – eine große Kunst! Als Leser übersetzter Literatur vergisst man oft, daß man hier das Werk zweier Künstler in sich aufnimmt….

Den letzten Abschnitt ihres Buches stellt die Autorin unter das Thema ‚Informationsflut und Transparenz‘. Beide Begriffe versteht sie komplemtär: wir als Nutzer werden von einer fast nicht zu bewältigenden Flut von Informationen überschwemmt und die Auswahl von Daten, die wir für uns treffen, macht uns (sofern sie über das Internet läuft) transparent. Die Art und Weise, wie wir uns im Netz bewegen, was wir uns für Seiten anschauen, wird verfolgt, aufgezeichnet und zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen genutzt. Das ist ein Preis, den wir dafür zahlen, daß mittlerweile jederzeit und von jedem Ort aus (fast) jede Information zugänglich ist (soweit sie nicht der Zensur oder der Geheimhaltung anheim gefallen ist….).

Gegen Ende ihrer Ausführungen gibt Gust-Kazakos eine Antwort auf die Frage von Charles Dantzig: Wozu lesen? [3]. Sie hält fest, daß wir lesen, um die Komplexität des Lebens besser zu begreifen, neue Denkanstöße zu erhalten und vor allem, um weiterzudenken. Lassen wir mal beiseite, inwieweit damit das Lesen von Unterhaltungsliteratur mit erfasst wird, enthält dieser Satz einen wichtigen Bestandteil: ‚um weiterzudenken‘. Lesen soll also kein Selbstzweck sein, soll nicht das Leben ersetzen, sondern soll es besser begreifbar machen und helfen, es zu leben.


Die Autorin wird mir verzeihen, daß ich in meinen Gedanken zu ihrem Buch hie und da eigenes mit eingebracht habe. Aber ist es nicht ein schönes Kompliment an eine Autorin, ihren Leser (und ich bin hoffentlich nicht der einzige!) zum Nachdenken, zum Mitdenken, zum Assoziieren, zum Überlegen, zum Sinnieren, zum Widersprechen, zum Fragen, zum Zweifeln, zum Zustimmen gebracht zu haben?

Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens ist, um zum Schluss zu kommen, sehr empfehlenswert und absolut geschenktauglich (für sich und andere), da es eine Fülle gut aufbereitete Informationen bietet, die sehr lesbar und immer auch unterhaltsam und kurzweilig dargeboten werden. Dabei scheut sich die Autorin nicht, selbst Position zu beziehen und zu schreiben: ‚Ich….‘, womit sie (siehe diese Besprechung) dann die Diskussion mit ihren Lesern eintritt. Mehrere Jahre, so schreibt Gust-Kazakos, haben die Arbeiten an diesem Buch gedauert. Ich kann mir das gut vorstellen, allein das Quellenstudium…. man kommt ja immer vom Hölzchen aufs Stöckchen und hat dann letztendlich doch noch nicht alles, weil das einfach unmöglich ist. Um so größer ihr Verdienst für das jetzt Vorgelegte. Und das des Verlages, das Ergebnis ihrer Arbeit in ein so repräsentatives Äußeres eingebunden zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorinnenseite beim Verlag: https://adson-fecit.com/autoren/petra-gust-kazakos/
– zum Blog der Autorin https://phileablog.wordpress.com
[2] Kurzbericht über die Buchpräsentation:  https://phileablog.wordpress.com/2016/12/01/buch-praesentation-beim-verlag-adson-fecit/
[3] – Erich Kästner: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke
– Gustave Flaubert: Bücherwahn
– Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte
– Charles Dantzig: Wozu lesen?
Besprechungen jeweils hier im Blog
[4] jeweilige Quellenangabe bei Gust-Kazakos
[5] Ute Nöth (28. November 2016): Wo bleiben die Vermarktungsnetzwerke?
https://www.boersenblatt.net/artikel-ute_noeth_ueber_literaturblogs.1257753.html
[6] Was das Autobiographische an Autobiographien ausmacht, darüber hat sich die Autorin Jutta Reichelt ihre lesenswerten Gedanken gemacht: https://juttareichelt.com/2016/10/24/ist-das-autobiographisch-ueber-eine-erstaunlich-schwer-zu-beantwortende-frage/ (einen Dank an Madame Filigran für den Hinweis!)

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

 

Petra Gust-Kazakos
Gefahren des Lesens
Essays zu Risiken und Nebenwirkungen.
diese Ausgabe: adson-fecit, HC, ca. 200 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um das Begleitbuch zu einer belarussisch-deutschen Wanderausstellung [2], in der die Geschichte der größten Massenvernichtungsstätte auf dem Gebiet der 1941-44 besetzten Sowjetunion dargestellt wird. Diese Ausstellung wird zeitgleich in Belarus (die offizielle Bezeichnung für das eher noch unter dem Namen ‚Weißrussland‘ bekannte Land) und Deutschland gezeigt, der Text des Buches ist daher zweisprachig deutsch/russisch.

Malyj Trostenez [1] ist heute Vorstadt von Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1944 wurden im Lager geschätzt über 200.000 Menschen ermordet, Juden, Partisanen, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene. Die jüdische Autorin Lili Grün aus Berlin, von der ich im Blog hier schon ein Buch vorgestellt habe [3], gehört zu den Opfern dieses Lagers. Als absehbar geworden war, daß russische Truppen das Lager erobern würden, begannen die Nazis eine großer Vertuschungsaktion, sämtliche vergrabenen Opfer wurden wieder ausgegraben und verbrannt.

Das Begleitbuch, das ungefähr 240 Seiten umfasst, widmet sich nach einer Reihe von Grußworten inhaltlich erst einmal den Rahmenbedingungen. In kurzen Texten werden Eckdaten aufgeführt, die den Weg Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg bzw. den Vernichtungskrieg gegen Russland und in den rassenideologisch motivierten Massenmord an u.a. Behinderten, Juden, Sinti und Roma aufzeigen, bevor auf das Zwangsarbeiterlager Malyj Trostenez eingegangen wird.

Warnschild am Lager 'Malyj Trostenez'. Bildquelle [B]

Warnschild am Lager ‚Malyj Trostenez‘.
Bildquelle [B]

Schon 1942 wurde in der Sowjetunion eine Einrichtung mit dem etwas langen Namen: ‚Außerordentliche staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben‘ gegründet, die am 14. Juli 1944 in Malyj Trostenez ihre Arbeit aufgenommen hat. Errichtet worden war das Lager auf dem Gebiet der ehemaligen Kolchose ‚Karl Marx‘. Es versorgte die Deutschen im Raum Minsk mit Lebensmitteln, Werkzeugen und anderen Gütern. Den Massenmord unterstützte es durch Wartungsarbeiten an den Gaswagen und das Sortieren der geraubten Habseligkeiten der Ermordeten. Die Zwangsarbeit dauerte bis zu 15 Stunden täglich, Bestrafungen waren willkürlich und gingen bis zur Ermordung.

Exemplarisch werden verschiedene Lagerinsassen porträtiert, unter anderem auch die schon erwähnte Berlinerin Lili Grün. Des weiteren werden einzelne ‚herausragende ‚ Ereignisse im Lager beschrieben, so beispielsweise die letzte große Erschießungsaktion vom Juni 1944, der ca. 6500 Insassen des Lagers und Minsker Gefängnisse, unter ihnen auch Frauen und Kinder erschossen und verbrannt wurden. Zwei der Opfer konnten fliehen und später aussagen.

Das Buch schließt mit Kapiteln, in denen auf die Erinnerungskultur in den beiden beteiligten Staaten, Deutschland und Belarus, eingegangen wird.


Namen wie Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt oder auch Buchenwald sind wohl jedem geläufig, die Existenz eines Lagers namens Malyj Trostenez dürfte den meisten, mich eingeschlossen, unbekannt sein. Malyj Trostenez war kein Tötungslager, sondern ein Zwangsarbeitslager, was – die Opferzahlen sprechen für sich – das Töten und Vernichten von Insassen nicht ausschloss, im Gegenteil. Der Komplex (der im Buch auch als ‚Vernichtungsstätte‘ bezeichnet wird) umfasst neben dem Zwangsarbeiterlager auch den Ort, an dem die Massenerschießungen stattfanden (Blagowschtschkowka)  und eine Anlage im Waldstück Schaschkowka zur Verbrennung von Leichen. Das zu diesem Thema, dies wird auch in den Vorworten zum Buch häufig betont, diese gemeinsame belarussisch/deutsche Ausstellung organisiert worden ist, kann zum einen dieses Informationsdefizit beheben, zum anderen trägt es zur Aussöhnung zweier Völker und Staaten bei. Verbrechen und damit Schuld anzuerkennen und zu akzeptieren ist der erste und ein notwendiger Schritt zur Aussöhnung und Aussöhnung ist Voraussetzung für ein friedliches Miteinander.

Dieses Begleitbuch zu der Wanderausstellung ist kein Buch, welches das Thema und die Geschichte des Lagers erschöpfend darstellt, es ist kein Buch für Fachleute. Das umfangreiche Bildmaterial wird von kurzen Texten, wie man sie von Ausstellungen kennt, erläutert, ferner werden Zitate und Aussagen von Zeitzeugen angeführt. Aber gerade das Bildmaterial und die verständlichen Erläuterung dazu veranschaulichen die Monstrosität eines solchen Lagers, in dem Menschenleben keinen Wert hatten, sondern der Beliebigkeit unterlagen. Und es entreißt – natürlich nur exemplarisch, anders geht es nicht – Menschen der Anonymität, in die sie das Lager, die Massenerschießungen und die Massengräber bzw. Verbrennungen verstoßen haben.


‚Wider das Vergessen‘ ist eins der bekannten Motive für die Aufarbeitung der bzw. Erinnerung an die Verbrechen, die im sogenannten Dritten Reich verübt worden sind. Was Malyj Trostenez angeht, ist dieser Prozess noch eine Stufe weiter zurück: die Existenz dieses (und evtl noch anderer?) Lagers muss erst wieder/noch ins Bewusstsein gerückt werden, muss dokumentiert und beschrieben werden. Nichts wird dadurch ungeschehen gemacht, keine Schuld abgegolten. Aber den Opfern wird so ein Teil ihrer Würde, die ihnen seinerzeit auf schlimmste Art und Weise genommen worden ist, wieder gegeben. Und Versöhnung kann nur stattfinden auf der Grundlage von Ehrlichkeit, dem Bekenntnis dazu, was einst geschehen ist und wer die Verantwortung dafür zu tragen hat.

Und genau dazu sind die Ausstellung [4] und dieses begleitende Buch ein wichtiger Schritt.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu  https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Maly_Trostinez (Ich habe mich in meinem Text an die differierende Schreibweise des Buches für den Ortsnamen: ‚Malyj Trostenez‘ gehalten)
[2] http://ibb-d.de/erinnern/gedenkstaette-trostenez/
[3] Lili Grün: Alles ist Jazz (Besprechung hier im Blog)
[4] Bisher stehen (nach Angaben der PR-Agentur literaturtest.de) als nächste Ausstellungsorte Minsk (März 2017) und Köln (Oktober 2017) fest. Als weitere Stationen sind u.a. Frankfurt, Berlin und Wien geplant. Die Ausstellung in Hamburg ist vor ein paar Tagen beendet worden (http://ibb-d.de/events/eroeffnung-der-wanderausstellung-vernichtungsort-malyj-trostenez-geschichte-und-erinnerung/)

Bildquelle:

Warnschild: Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion, 1944 (dem Buch entnommen)

IBB Dortmund */ IBB ‚Johannes Rau‘ Minsk **
in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden in Europa
Vernichtungsort Malyj Trostenez.
Geschichte und Erinnerung
diese Ausgabe: Buch zur Ausstellung, Softcover, ca. 240 S., mit vielen Abbildungen, 2016

*IBB: Internationales Bildungs- und Begegnungswerk gGmbH 
** IBB: Internationales Bildungs- und Begegnungsstätte

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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