Erling Kagge: Stille

29. Oktober 2017

Stille – welch ein kostbares Gut in einer Zeit, in der immer mehr real-time geschieht, in der der Radius des Menschen immer größer wird, in der er das, was er sieht innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten kann, er aber auch von solchen verbreiteten Bilderflut selbst überschwemmt wird, eine Flutkatastrophe der anderen Art. Jugendliche beschweren sich bei der Konfirmationsfeier, daß im dörflichen Gemeindehaus kein WLAN zur Verfügung steht und sie tatsächlich gezwungen sind, sich selbst zu beschäftigen, sich sogar mal zu unterhalten oder Fantasie zu entwickeln…

Das norwegische ‚Multi-Talent‘ Erling Kagge (er wird als Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer vorgestellt [1]) hat ein Buch vorgelegt, eine Sammlung von dreiunddreißig sehr persönlichen Antworten auf die Fragen: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

Stille ist auch für mich persönlich ein Thema, mit dem ich mich stetig auseinandersetze [3], deswegen möge man es mir nachsehen, wenn ich etwas weiter aushole bei meinen Gedanken zum Buch. Als Hinweis: die in runden Klammern gesetzten Ziffern/Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Kapitel des Buches.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal für ein Wochenende zur Kontemplation in ein Kloster fuhr, war ich auf das Schweigen vorbereitet, dann aber sehr erstaunt, als uns dann vom Kursleiter auch noch ans Herz gelegt wurde, nicht zu lesen, kein Radio oder Fernsehen zu schauen etc pp. Dabei hatte ich mir doch extra schöne Bücher mitgenommen!

Jedoch, das war die erste Lektion, ist Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, Stille ist etwas Eigenes, eine eigene Qualität, sie ist auf tieferer Stufe das Eintauchen in eine andere Welt, in die Innenwelt des Selbst, indem ich die Tür nach außen möglichst schließe, Reize, auch visuelle, möglichst meide, wie die drei Affen: nicht schauen, nicht lesen, nicht hören… Das, was einem dort begegnet, ist nicht unbedingt schön. Chaos. Dieses Wort benutzte Abramovic, um zu beschreiben, was sie in der Wüste erlebte. Obwohl es um sie herum ganz still war, gingen ihr die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Sie bemühte sich, Ruhe zu finden, mitten in der Stille. Erinnerungen und Gedanken wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit. Es kam ihr wie eine leere Leere vor, obwohl das Ziel war, eine erfüllte Leere zu erleben, wie sie sagt. Die leere Leere war so unangenehm, dass sich noch immer lebhaft davon erzählt. In die Stille zu gehen die mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen, ist also eine Herausforderung, für die die Künstlerin (The Artist is Present [2]) jedoch eine Antwort fand (27):

Alles dreht sich um die Atmung

Äußere Stille und innere Stille sind unabhängig voneinander, nichtsdestrotz ist das Aufsuchen und Aushalten äußerer Stille der erste Schritt. Ich kann in einen schallisolierten Raum sitzen und doch in mir Gefühle und Gedanken toben hören, die lauter sind als vorbeifahrenden Autos es wären. Umgekehrt kann ich in einem lauten Raum sitzen und doch innerlich in (völliger) Ruhe verharren. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir. (4) In einem der Klöster, die ich besuche, gab es jahrelange Renovierungsarbeiten in den Gästehäusern. So erlebte man dort durchaus Schweigetage mit Begleitung von Presslufthämmern, die natürlich nicht zu überhören waren, aber wir lernten, sie nur noch wahrzunehmen und uns nicht mehr davon stören zu lassen. Alles dreht sich um die Atmung. (27)

Derjenige, so zitiert Kagge den norwegischen Dramatiker Jon Fosse, der nicht über die Macht der Stille staunt, fürchtet sich vor ihrUnd das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak). Als ich letztens mit der Bahn auf die Frankfurter Buchmesse fuhr, fiel mir genau dies wieder auf: von zehn Fahrgästen hatten bestimmt sechs oder sieben Stöpsel im Ohr. Weiter schreibt Kagge über sich und seine eigene Reaktion dazu: Ich erkenne die Angst wieder, … Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mir irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. … (alle Zitate aus 1) Das ist der Punkt. In der Stille begegne ich mir unvermeidlich selbst mit meinen Ängsten, mit meinem Zorn, meiner Wut, meiner Liebe möglicherweise auch, fällt mir meine Hab- und Selbstsucht und anderes mehr auf: all das Verdrängte, Zurückgeschobene tritt zu Tage…

In seiner ersten Antwort geht Kagge kurz auf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Staunen, ein. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. (1) Im Staunen also werden wir wieder zu Kindern, die das ‚Erstaunliche‘ einfach und ganz unvermittelt wahrnehmen, das Staunen versetzt uns schlagartig in die Gegenwart, wir sind nicht mehr durch Erinnerung in der Vergangenheit und durch Planung in der Zukunft, sondern wir sind beim Staunen im Hier und Jetzt. Aus dem wir jedoch sofort wieder herauskatapultiert werden, wenn das Denken („was ist das denn? sieht aus wie….“) einsetzt…

Ich mag die Vorstellung, dass das Erleben von Stille in erster Linie ein Ziel an sich ist. Es hat einen eigenen Wert und sollte nicht gewogen und gemessen werden, wie so vieles andere, aber Stille kann auch ein Hilfsmittel sein. (18) „Jetzt sei doch mal still!“ Daß es sich ohne Ablenkung besser denken oder überlegen läßt, möglicherweise auch kreative Lösungen für Probleme auftauchen können, ist wohl jedem schon im Alltag untergekommen. Wittgenstein, den Kagge nennt, beispielsweise hat seinen Tractatus logico-philosophicus in der norwegischen Einsamkeit geschrieben. Daß Stille ein Weg ist zur Selbsterkenntnis, ist schon gesagt, Stille ist jedoch auch ein probates Mittel, Gehör zu erlangen: in der Musik sind die Pausen genauso wichtig wie die Klänge (bei John Cage mit 4’33“ ins Extrem gesteigert), routinierte Redner bauen bewusst Pausen in ihre Texte ein, um durch diese Stille Wirkung zu erzielen. Viele der Antworten Kagges drehen sich um solche Beispiele, wie Stille als Hilfsmittel, als Methode, etwas (besser) zu erreichen, eingesetzt wird/wurde/werden kann.

Der Abenteurer Kagge, der sowohl Nord- als auch Südpol erreicht, ferner den Chomolungma (Mt. Everest) bestiegen hat, kennt die äußere Stille, das Zurückgeworfen sein auf sich selbst, und deren innere Wirkung. In seiner Sammlung von Gedanken versucht er, die Bedeutung dieser Qualität Stille (die natürlich auch eine spirituelle Dimension hat: Bei Elia offenbart sich Gott als „stilles, sanftes Sausen“ … Mir gefällt das. Gott ist die Stille. (16)) aufzuzeigen, und uns ihren Wert zu vermitteln. Den Fernseher einfach mal ausgeschaltet, das Tablet links liegen und das Smartphone in der Tasche zu lassen: hin und wieder die äußere Stille zu erzeugen, kann ein erster Schritt auf diesem Weg sein, den Kagge uns so trefflich weist. Alles andere ergibt sich dann von allein. Wer sich dem Abenteuer „Stille“ aussetzt und es einmal aushält, wird dessen Schönheit gewahr werden.

Wenngleich Kagge in seinen Miniaturen viele Beispiele und Gedanken zur äußeren Stille als Abwesenheit von Geräuschen gibt, Stille als Werkzeug oder Methode beschreibt, bestimmte Ziele zu erreichen, so ist sein grundlegendes Anliegen doch die innere Stille, das Zur-Ruhe-Kommen, das Wahrnehmen des eigenen Selbst. In keiner anderen Antwort allerdings hat er dies passender und prägnanter beschrieben, die schöneren und wahrhaftigeren Worte gefunden als in seinem letzten Beitrag (33), der all das zusammenfasst, was zu diesem Thema ‚eigentlich‘ zu sagen ist.

Und – auch das soll erwähnt werden – verpackt ist dies alles in einem wunderschönen Büchlein. Der Schutzumschlag in cremigem Weiß, mit einer angedeuteten Wellenlinie, die die Angaben zum Autor, Titel und Verlag symmetrisch teilt. Diese optische Klarheit, die Reduktion auf das Wesentliche zum Buch – sprich: die Vermeidung unnötigen Lärms – verdeckt die Unruhe des alltäglichen Lebens, den Ansturm äußerer Reize, den Straßenlärm, Lichterflut, Hektik, das Sich-beeilen-müssen…

So wird Stille auch eine wunderbare Geschenkidee für die gleichnamige Nacht, der ja leider so oft eine laute, nicht-stille Zeit vorauseilt…. und wie schön wäre es, wenn sich der/die eine oder andere durch Kagges Gedanken angeregt eine Ecke im Alltag ausgucken würde, in der er/sie sich täglich einfach für ein paar Minuten ausklinken könnte.

Links und Anmerkungen:

[1] so die Angaben im Klappentext. In diesem Beitrag der FAZ wird der Autor etwas ausführlicher vorgestellt: http://www.faz.net/aktuell/reise/ewiges-eis-wir-sind-alle-geborene-entdecker-14499322.html
[2] z.B. hier: http://www.art-magazin.de/kunst/6624-rtkl-marina-abramovic-im-moma-new-york-die-goettliche-marina
[3] Zwei weitere Orte hier im Blog, die der ‚Stille‘ gewidmet sind:
Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/01/stille/ und
Reichtum der Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2012/01/01/reichtum-der-stille/

Erling Kagge
Stille
Ein Wegweiser
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Stillhet I Støyens Tid, Oslo, 2016
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 140 S., 2017, mit Abbildungen (Fotos)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der Autor dieses Fachbuches, Klaus Schäfer, hat einen bemerkenswerten Lebenslauf. Nach zwölf Jahren Bundeswehr studierte der 1959 Geborene katholische Theologie, trat dem Orden der Pallottiner bei und arbeitete von 1999 – 2014 als Klinikseelsorger, eine Tätigkeit, die er – nach einem lesenswerten Bericht über ihn in der Stuttgarter Zeitung – Ende des Jahres wieder aufnehmen wird [1].

Das große Engagement Schäfers gilt der Organspende und damit auch dem Konzept des Hirntodes, dessen Feststellung beim Spender unabdingbare Voraussetzung für eine Organspende ist. Es sei  schon hier – weil man dieser unzutreffenden Behauptung immer wieder begegnet – das wichtige Faktum festgehalten, daß das Konzept vom Hirntod als Todeskriterium des Menschen nicht entwickelt worden ist, um Organspende zu ermöglichen, sondern um bei Komapatienten ein eindeutiges Todeskriterium zu haben. In diesem Zusammenhang ist allerdings die Stellungnahme diverser Fachgesellschaften aus dem Jahr 2014, die Schäfer punktweise zusammengefasst anführt, etwas irritierend: Die Feststellung des Hirntods wird vor dem Hintergrund einer eventuellen Transplantation durchgeführt. Zumal zu diesem Zeitpunkt der Organspendeskandal von 2012 noch nicht vergessen war und sich die Stellungnahme der Fachgesellschaften von 1994 wesentlich deutlicher positionierte: Es gibt nur einen Tod, den Hirntod. …. Der Tod wird unabhängig davon festgestellt, ob eine anschließende Organentnahme möglich ist.

Schäfer geht in seinem Buch ausführlich auf die geschichtliche Entwicklung des Konzepts ein. Das Hirntodkonzept ist eng mit dem Bild des Menschen, dem Bild, das wir uns vom Menschen machen, verbunden. Über Jahrtausende hinweg galt das Herz als zentrales Organ des Menschen, in dem das ‚Menschsein‘ verortet ist. Noch heute klingt dies in Redewendungen wie ‚jemanden ins Herz schließen‘ an, auch die ‚herzlichen Grüße‘, mit denen Nachrichten häufig beendet werden, haben diese Geschichte noch in sich. Jedoch gab es auch schon frühe Beobachtungen, die zu dem Schluss führten, daß wesentliche Aspekte des Menschseins über das Gehirn gesteuert werden. Der ‚Tanz der Gehängten‘ (oder nach Rimbaud: ‚Der Ball der Gehängten‘) zeigte andererseits, daß der Körper eines Menschen auch nach dessen Tod noch Reaktionen zeigen konnte, ein Phänomen, das jeder, der schon mal Hühner geschlachtet hat (oder dabei gewesen ist) wohl kennt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Klaus Schäfer geht ausführlich auf diese Punkte ein und macht – zum Teil drastisch – deutlich, daß wir heute die Persönlichkeit eines Menschen im Gehirn verorten müssen, weil hier das Bewusstsein, die  Gefühle, die kognitiven Fähigkeiten, die Wahrnehmung u.a.m. ablaufen. Daraus folgt eindeutig und unbezweifelbar, daß mit dem Tod des Gehirns auch die Einheit Körper/Seele (theologisch gesehen) bzw. Körper/Geist aufgebrochen ist. Viele Körperfunktionen können andererseits bei künstlicher Beatmung aufrecht erhalten werden. Der Komapatient, bei dem der Hirntod festgestellt und der damit als Toter erkannt worden ist, weist daher oberflächlich betrachtet Eigenschaften eines lebenden Körpers auf, dies macht das Akzeptieren des Hirntodes als Todeskriterium psychologisch oftmals schwierig: das Herz schlägt, er atmet (wenngleich die Atmung auch maschinell aufrecht erhalten wird), der Körper ist warm, der Stoffwechsel funktioniert, durch Reize können Reflexe hervorgerufen werden u.a.m.

Das Konzept des Hirntodes greift nur bei Komapatienten. Daher geht Schäfer auch auf dieses Phänomen ausführlich ein, ebenso charakterisiert er andere Krankheiten, bei denen der Patient möglicherweise einen komaartigenEindruck erweckt, weil er sich nicht mehr bewegen und/oder kommunizieren kann: Lock-in Syndrom, apallisches Syndrom, Stupor u.ä. Wichtig ist daher die penible Untersuchung des Patienten: nach einem im Lauf der Jahre immer wieder überarbeiteten Untersuchungsschema wird nach strengen Kriterien auf einen möglicherweise eingetretenen Hirntod untersucht (Hirntoddiagnostik, HTD). Der Hirntod ist ein ‚unsichtbarer‘ Tod, der offizielle Todeszeitpunkt ist der der Feststellung des Hirntodes. Wann das Gehirn tatsächlich seine Tätigkeit eingestellt hat, ist nicht feststellbar, ein Komapatient und ein Hirntoter unterscheiden sich äußerlich nicht. Ausführlich beschreibt Schäfer die Vorgänge im Hirn, die letztlich zu seinem Tod führen können/werden.

Nach der Feststellung des Hirntodes kann, soweit die Erlaubnis zur Organspende vorliegt, die künstliche Beatmung weitergeführt werden und eine Behandlung unter der jetzt geltenden Prämisse, Spenderorgane im bestmöglichem Zustand entnehmen zu können, erfolgen. Psychologisch kann dies für das Pflegepersonal problematisch sein, da jetzt plötzlich ein Toter zu betreuen und zu pflegen ist. Schäfer betont ein ums andere Mal, wie wichtig es ist, daß das Team, das sich um einen Hirntoten kümmert, das Konzept des Hirntodes verinnerlicht hat und es glaubwürdig auch gegenüber Hinterbliebenen vertritt. Schon ein leise anklingender Zweifel durch ein Teammitglied kann deren Vertrauen in das Team nachhaltig und kaum wiederherstellbar zerstören. Im Teil IV: Kommunikation und Seelsorge gibt Schäfer eine Vielzahl von Ratsschlägen und Beispielen für gelungene oder auch misslungene Kommunikation mit Patienten bzw. Hinterbliebenen.

Ausführlich geht Schäfer ebenfalls auf Argumente von Kritikern des Konzepts ein, immer wieder geht ja durch die Presse, daß vorgeblich Hirntote wieder ins Leben zurückgefunden hätten oder doch noch Schmerz empfinden könnten bzw. Reste von Bewusstsein aufwiesen. Letztlich lassen sich diese Meldungen auf drei zugrunde liegende Tatsachen zurückführen: (i) in anderen Staaten wird der Hirntod nicht wie in D/A/CH als totaler Funktionsausfall des Gesamthirn (i.e. Groß-, Klein und Stammhirn), sondern als Tod nur des Stammhirns definiert (z.B. in den USA). Bei letzterer Definition sind Restaktivitäten z.B. des Großhirns prinzipiell möglich. (ii) es wurde keine oder keine korrekte Hirntoddiagnostik (HTD) durchgeführt und (iii) werden in der Kommunikation durch Medien und Gegner des Hirntodkonzepts häufig Begriffe und die damit verbundenen Phänomene nicht streng getrennt, Komapatienten oder Apalliker beispielsweise als Hirntote bezeichnet.

Ein Komapatient wird auf Hirntod untersucht, wenn es Anzeichen gibt, daß das Gehirn ausgefallen ist und ein Hirntod vermutet wird. Wird der Hirntod festgestellt, kann die intensivmedizinische Behandlung eingestellt werden, es sei denn, die dann im Raum stehende Frage einer Organspende wird positiv beantwortet. Dann wird die künstliche Beatmung des toten Spenders bis zur Organentnahme aufrecht erhalten. Es ist daher konsequent, wenn Schäfer in seinem Buch dem Thema Organ- und Gewebespende einen breiten Raum einräumt und in allen Aspekten diskutiert. Fakt ist, daß durch einen Organspender im Schnitt bei drei Empfängern Lebenszeit und/oder -qualität deutlich erhöht bzw. verbessert werden können, Fakt ist aber auch, daß es an Spenderorganen mangelt und viele Menschen sterben, bevor man ein Ersatzorgan zur Implantation bereit steht.

Selten tritt der Fall auf, daß bei einer schwangerer Frau der Hirntod diagnostiziert wird; es muss daher/jedoch jede hirntote Frau im gebärfähigen Alter auf eine mögliche Schwangerschaft untersucht werden. Wird diese festgestellt, wird – soweit im Bereich des Möglichen – versucht, die Körperfunktionen der Hirntoten aufrecht zu erhalten, um den Fötus im Mutterleib bis zur Geburt reifen zu lassen. Das Aufrechterhalten der Körperfunktionen wird jedoch um so schwieriger, je länger es durchgeführt werden muss. Auch dieser Fall mit dem Ziel, ein gesundes, entwickeltes Baby auf die Welt zu bringen, wird von Schäfer ausführlich beleuchtet.

Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang mit nützlichen Infos (Adresslisten, Ansprechpartner etc.) sowie kurzgefassten Erklärungen und einem Glossar.


In einer Erklärung medizinischer Fachgesellschaften wird 2015 gefordert, daß die Bevölkerung … stärker über den Hirntod aufgeklärt werden [muss]. In diesem Sinne sieht der Autor Klaus Schäfer sein Fachbuch als geeignet an nicht nur für Profis (unter diesen Begriff subsummiert Schäfer alle von Berufs wegen mit der Problemtik Koma/Hirntod/Organspende Konfrontierten), sondern ebenso für Laien [3]. Unter dieser Prämisse ist das Buch letztlich auch auf meinen Schreibtisch gelandet ebenso wie konsequenterweise diese Buchvorstellung gleichfalls aus der Sicht eines interessierten Laien erfolgt. Ich kann der Meinung des Autoren insoweit zustimmen, als daß die Kernaussagen auch für Laien klar erkennbar und in der Begründung nachvollziehbar sind. Die medizinischen Details, die Schäfer in den ersten Abschnitten ausbreitet, sind – nehme ich mich pars pro toto – für den Laien wohl nicht im Detail verständlich, allein die Fachterminologie, deren sich der Autor bedient, ist da ein großes Hindernis. Will Schäfer sein Buch also auch ausserhalb der Fachwelt verbreiten, wären an dieser Stelle sicherlich zielgruppenorientiert Verbesserungen möglich, die den Text verständlicher machen. Zumal Schäfers Sprache knapp und entschieden ist, ebenso wie er konsequent Kürzel nutzt und einer Herztransplantation bei ihm eben eine Herz-TX ist, weil er durchgängig diesen Term „TX“ für Transplantation verwendet.

Überhaupt die Sprache. Zu Recht besteht Schäfer auf eine korrekte Terminologie, die beispielsweise bei allen Aussagen, die sich auf einen Hirntoten beziehen, berücksichtigen, daß sie sich auf einen Toten beziehen, nicht auf einen lebenden Menschen. Wie schwer dies konsequent zu praktizieren ist, zeigt der Autor selbst an ein, zwei Stellen: … Das ist die einzige Möglichkeit der Sterbebegleitung, die man Hirntoten angedeihen lassen kann. …. [S. 132]. Wie entschieden Schäfer teilweise urteilt, erkennt man, wenn er ohne Wenn und Aber konstatiert: Solange wir unseren Schriftverkehr „Mit herzlichen Grüßen“ beenden, bleiben wir Gefangene. [….der Sprichwörter und Redewendungen, die nach naturwissenschaftlich überholter Vorstellung Gefühle im Herzen verorten.]. Eine Aussage, die im Übrigen zum Widerspruch reizt, werden Redewendungen ja nicht nur über medizinische Fachaussagen definiert…

Auch an anderer Stelle tauchen beim Lesen Fragen auf, beispielsweise in Abb 21: Regionen der DSO. Auf der hier abgebildeten Deutschlandkarte vermisst man eine Legende,  die erklärt, was die drei unterschiedlichen Grautöne und die unterschiedlichen Symbole bei den Städten aussagen. Wobei in der Region NRW überhaupt keine Stadt genannt wird. Auf den benachbarten Seiten 126 und 127 wird zweimal dasselbe Zitat wiedergegeben. Das die Überschrift nicht immer zum Text passt, fällt ebenfalls auf: Unter dem Titel: Britischer Arzt will bei Organentnahme Narkose wird z.B. über die unterschiedliche Definition des Hirntods in verschiedenen Staaten berichtet [S. 114]. Interessant ist auch der Titel einer Dissertation aus dem Jahre 2014 mit dem Titel: Die Erlanger Fälle 1992 und 2007 (bei denen es jeweils um Schwangerschaften bei hirntoten Frauen ging; S.144), deren erste von Schäfer zitierte Stelle lautet: Zudem wurde in den 20 Jahren, die zwischen den beiden Fällen liegen, …


Hinter der Kernaussage, daß der Tod des Menschen, auch wenn sein Körper weiter funktioniert, über den Tod des Gehirns definiert ist, stehe ich selbst voll und ganz, ohne abzustreiten, daß wahrscheinlich auch ich in konkreten Fall Probleme hätte mit einer solchen Situation. Hier sind besonders die letzten Abschnitte des Buches, die sich auf die Kommunikation mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen konzentrieren und auch sehr praxisbezogene Hilfen geben, wertvoll. Zwar sind sie aus der Sicht des Arztes geschrieben („Wie sag ich es meinem Gegenüber“), aber gerade dieser Perspektivwechsel bringt wichtige Erkenntnisse: daß nämlich auch der Arzt, vor allem aber nicht entsprechend geschultes Pflegepersonal seine Probleme hat, Informationen über den Gesundheitszustand bzw den möglicherweise eingetretenen Hirntod, der eine entsprechende Diagnostik nötig macht, zu kommunizieren.

Im Zusammenhang mit dem Hirntod gewinnt der Begriff der ‚Totenwürde‘ eine neue Bedeutung. Die unantastbare Würde des Menschen reicht über den Zeitpunkt seines Todes hinaus, Ärzte sind bei Organentnahmen verpflichtet, die Würde des toten Spenders zu wahren. Dies ebenso wie die Forderung, den Angehörigen bzw. den Hinterbliebenen ausreichend Zeit und Gelegenheit zu geben, in angemessener Form Abschied zu nehmen ist wichtig, ebenso wie das Angebot einer seelsorgerischen Begleitung.

Mein Facit zu Schäfers Buch Vom Koma zum Hirntod ist der vorstehend aufgeführten Beispiele wegen durchwachsen. Als Laie kann man die Kernaussagen und deren medizinische Grundlagen nachvollziehen, ohne jedoch die Details wirklich zu verstehen. Die Abschnitte über Kommunikation und Begleitung sind wertvoll, da sie in ihren Hilfen natürlich allgemein gelten und nicht nur für dieses spezielle Thema. Sollte das Buch in einer Neuauflage erscheinen, wäre eine Überarbeitung sicherlich sinnvoll, um es für Laien besser lesbar zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Andreas Steidel: Es geht um Leben und Tod – Der Pallottiner-Pater Klaus und sein Engagement für die Organspende; in: Stuttgarter Zeitung vom 01. Juni 2017; http://www.stuttgarter-zeitung.de/….html
[2] Klaus Schäfer: Hirntodhttps://radiergummi.wordpress.com/2014/10/26/klaus-schafer-hirntod/
[3] Persönliche Mitteilung des Autoren vom 08.08.2017

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema „Organspende“ betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Vom Koma zum Hirntod
Pflege und Begleitung auf der Intensivstation
diese Ausgabe: Kohlhammer, Softcover, ca. 251 S., mit vielen Abb. und Tabellen, 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars.

Eckhard Fuhr: Schafe

13. Juli 2017

Bücher- und Naturliebhaber werden sie kennen, die Reihe Naturkunden, die bei Matthes & Seitz in Berlin verlegt werden, betreut und herausgegeben von Judith Schalansky. Als Band oder vielmehr Bändchen (denn diese Portraits einzelner Tier- und Pflanzenarten sind meist schmal) No 31 sind Schafe das Thema. Da ich seit Jahrzehnten selbst Schafhalter bin, nehme ich mir die Freiheit, diese Besprechung mit einigen Bildern der eigenen Schafe zu illustieren.

 

Der Autor Eckhard Fuhr, nach eigenen Angaben Journalist, Jäger und Waldläufer beginnt seine Ausführung mit einem tagesaktuellem Aufhänger: dem Wiederauftauchen des Wolfes in heimischen Regionen, aus/in denen der Beutegreifer vor anderthalb Jahrhunderten endgültig vertrieben/ausgerottet worden war. Der Wolf ist sozusagen der natürliche Feind des Schafes, da diese für ihn die adäquate Beute darstellen, zumal, wenn sie auf Koppeln gehalten dicht beieinander stehen. Auch wenn Schafe in Deutschland nie ein wirklich wichtiger Produktionsfaktor in der Landwirtschaft waren, tritt hier ein Interessenkonflikt auf, da die Schäfer sich zum Schutz ihrer Herden wieder auf lang vergessene Praktiken besinnen müssen bzw. auch die Gesellschaft – so sie die Rückkehr des Wolfes will – ihn entschädigen muss.

Dem Schaf haftet friedfertiges an, die Opferrolle. Wer jedoch je auf eine Schafkoppel geraten ist, in der ein z.B. Ostfriesischer Milchschafbock im Ritt ist, wird gemerkt haben, daß diese Friedfertigkeit nicht unter allen Bedingungen gewahrt wird, weit über hundert Kilo kampfbereite Kraft, die auf einen zustürmen, flößen Respekt ein und verleihen eine ungeahnte Fluchtgeschwindigkeit. Nichtsdestotrotz hat das Schaf als ‚Lamm Gottes‘ und Symbol Christi in der christlichen Religion einen zentralen Platz eingenommen, ist als Osterlamm aus diesem Fest nicht wegzudenken und steht auch in Begleitung von Ochs und Esel zu Weihnachten an der Krippe. Aber auch im weltlichen Rahmen symbolisiert das Schaf heute vor allen anderen landwirtschaftlichen Nutztieren noch oder wieder eine Rückbesinnung auf die Natur, auf natürliches Leben: der Beruf des Schäfers ist auch bei Frauen beliebt (wenngleich die harte Realität schon oft so manche romantische Vorstellung widerlegt hat), die Haltung von Schafen, auch seltener Rassen, selbst wenn es nur wenige sind, Liebhaberei von Menschen, die sich etwas Gutes tun wollen.

Wo kommt es her, unser Schaf? Zusammen mit der Ziege gehört es zu den ersten domestizierten Wildtieren, die Forschung geht davon aus, daß es ca. zehn Jahrtausende (vielleicht auch zwölf) her ist, daß man im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds das Wildschaf häuslich machte. Stammvater des Schafs ist das Mufflon, das heute noch in der Wildform auf Korsika und Sardinien lebt, aber auch in heimischen Gefilden anzutreffen ist und – sofern der Wolf zurückkehrt und sich wieder einbürgert – durch diesen ausgerottet werden wird. Das mag bedauerlich klingen, ist aber durchaus zu begrüßen. Schon heute besteht prinzipiell für die Jägerschaft (vgl. Landesjagdgesetz Rheinland-Pfalz §31 Abs. 4) unter bestimmten Bedingungen die Abschusspflicht für weibliche und für Jungtiere [3]. Das Muffel ist nun mal keine heimische Tierart, im übrigen bekommt ihm, aus steinigen Gebirgslagen stammend, weder unser gutes, eiweißreiches Futter noch die weichen, feuchten Böden besonders gut [4]. Neben dem Mufflon gibt es noch weitere Wildschafarten, überhaupt ist das Schaf eine Tierart, die in weiten Teilen der Welt vorkommt: in Asien z.B. das asiatische Argali oder in Amerika das Dickhornschaf.

Mit dem Schaf erschloss sich der Mensch ein Tier, das Wolle, Fleisch und Milch lieferte, und dazu aus Ressourcen, die ihm ansonsten unzugänglich geblieben wären: der Wiederkäuer Schaf kann Futter verwerten, das qualitativ schlecht ist bzw. auf Böden wächst, auf denen kein anderes, hochwertiges Futter (oder auch Getreide) gedeiht.

Aber das Schaf brachte nicht nur Segen über die Menschen. Spätestens mit der Erfinung der Spinnmaschine wurde Wolle so wertvoll, daß es lohnend war, Ackerland in Weide umzuwandeln. Wo vorher -zig Menschen von Ackerbau lebten, fanden danach nur noch wenige Arbeit beim Hüten der Schafe. Ganze Landstriche z.B. in England wurden menschenleer, die wildromantische Landschaft Schottlands ist Ergebnis einer solchen Vertreibung der Bevölkerung an die Küsten. Das in Kleinstaaten zersplitterte Deutschland entkam diesem Phänomen, kein Landesfürst konnte es sich leisten, der Wolle wegen seine Untertanen zu vertreiben.

Die ‚Transhumanz‘ ist ein Begriff, der nicht jedem geläufig sein wird. Er bezeichnet die Wanderweidewirtschaft, also die Wirtschaftsform, in der Schafe teils über weite Strecken auf Jahrhunderte alten Pfaden (‚Triften‘) zwischen Sommer- und Winterweiden hin- und hergetrieben werden. Sie kommt ohne Stall und Winterfütterung aus und ist nicht an einen landwirtschaftlichen Betrieb gebunden, schreibt Fuhr [7]. Andere altherbebrachte Wirtschaftsformen sind der Wanderschäferei in z.B. Süddeutschland und die Alpwirtschaft in Gebirgen. Bei wandernden Schafherden kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, auf den Fuhr ausführlich eingeht: der Hund ist wichtig als Helfer und Partner des Schäfers.

Das Hausschaf existiert in vielen Rassen, die nach diversen Kriterien systematisiert werden können. Mitte des 18. Jhdts. fand in Deutschland eine Revolution statt: der württembergische Herzog schickte eine Delegation aus, die aus Spanien Merinoschafe mit ihrer extrem feinen und wertvollen Wolle besorgen sollte. Die Expedition war erfolgreich, mit den eingeführten Merinos wurden die genügsamen heimischen Landschafe veredelt zu der heute weitverbreiteten Rasse der Merinolandschafe. Auf einen leicht übersehenen Effekt dieser Aktion mach Fuhr aufmerksam: die konservativen heimischen Schäfer taten sich schwer mit den neuen Tieren und mussten in neu zu gründenden Schäferschulen an-, ein- und umgelernt werden mit dem Ergebnis, daß sich das allgemeine Bildungsniveau erhöhte, Schäfer des Lesens und des Schreibens mächtig wurden.

Bevor Fuhr am Ende seines Büchleins einige Schafrassen beschreibt, geht er noch einmal auf die von mir vorstehend schon erwähnte moderne Bedeutung des Schafes im Kontext mit der Rückbesinnung auf die Natur (die neue ‚Landlust‘) ein. Dieser im gesamten Buch durchgängig etwas romantisierend eingefärbte Blick auf unserer Beziehung zum Schaf wird durch diverse Abbildungen unterstrichen. Gemälde von Caspar David Friedrich (Der einsame Baum), Thomas Sidney Cooper (der Schafe wohl zu seinen Lieblingsmotiven gezählt haben dürfte) oder auch das berühmte Agnus Dei von Francisco Zubaran. Neben den genannten Gemälden enthält das Bändchen noch eine Vielzahl weiterer Abbildungen.

Der Rassenportraits sind es nicht allzu viele angesichts der vielen existierenden Rassen. Die Portraits sind – so Fuhr – weitgehend nach persönlichem Gefallen ausgesucht. btw: Die „eindrucksvoll gedrehten Hörner bei den Böcken“ der Heidschnucke nennt man im übrigen ‚Schnecken‘, weiß man dies, kann man bei Heidschnuckenhaltern Punkte sammeln….


Fuhrs Rassenportaits Schafe ist weniger ein Sachbuch über Schafe als vielmehr eine kleine Kulturgeschichte der Beziehung Mensch-Schaf. So schön dieses Thema ist und so ansprechend es in Schalanskys Reihe dargeboten wird, so ist es doch etwas einseitig, es vernachlässigt einen sehr negativen Aspekt der modernen Zeit: das Schaf an sich als Wirtschaftsgut im Rahmen der Globalisierung. Was hier so geschraubt klingt, ist grausame Realität und gehört auch zum Lebensbild des Schafes: Die Verschickung von abertausenden von Tieren unter grausamen Bedingungen von Europa aus in den Nahen Osten oder in die Türkei oder auf der anderen Erdhalbkugel die Transporte von Schafen aus Neuseeland in alle Welt. Youtube bietet unter den entsprechenden Suchwörtern genug Anschauungsmaterial für diese Qual, welche Menschen des Profits wegen den Tieren antun. Dieses traurige, verabscheuungswürdige Faktum gehört in die Wechselbeziehung Mensch-Schaf genauso hinein wie die so romantisch daher kommende Transhumanz. So schön und liebens- und damit auf jeden Fall auch empfehlenswert Fuhrs Büchlein also ist: es ist auch unvollständig, verschweigt in seiner kulturgeschichtlichen Ausrichtung all diese Inhumanitäten, die wir den Schafen antun. Nicht immer, nicht überall – aber viel zu oft. Und kaum ein Verbraucher, der im Supermarkt neuseeländisches Lammfleisch kauft, macht sich Gedanken darüber, was dahinter steckt [5]. Und dies ist nur ein Beispiel.

In diesem Sinnzusammenhang auch wenig kritisch möchte ich noch folgende Anmerkung anbringen: Im Abschnitt ‚Rasseportraits‘ zum Karakulschaf steht: „…hat das Fell neugeborener Karakullämmer einen seidigen Glanz….“ (Hinweis: es ist das Ausgangsprodukt für Persianerfelle). Dieser auf den ersten Blick harmlos klingende Satz bedeutet bei näherem Hinsehen natürlich, daß diese Lämmer nach der Geburt getötet werden, ihnen wird das Fell vom Leib gezogen und der Rest dann entsorgt. Ja, sogar das Töten der Föten noch im Mutterleib ist nicht unbekannt [6]. Wie immer im Leben bringt das Hinterfragen auch von auf den ersten Blick unverdächtigen Aussagen manchmal Häßliches zu Tage.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Reihe Naturkunden beim Verlag Matthes & Seitz Berlin
[2] Judith Schalansky: der kurze Eintrag bei der Wiki
[3] Landesjagdgesetz (LJG) Rheinland-Pfalz, vom 9. Juli 2010
[4] https://www.oejv-bayern.de/presseinformationen/1609-pm-muffelwild/
[5] das internet bietet hierzu natürlich viel Information, hier ist nur eine dieser Quellen, willkürlich ausgewählt:  http://www.tier-im-fokus.ch/..ostern_ein_lamm
[6] http://www.pelzinfo.ch/pelztiere/karakulschaf/pelzgewinnung.html
[7] ich bin gerade durch Zufall auf diese Besprechung eines Bildbandes über die Transhumanz gestoßen: http://www.auf-den-berg.de/bergfilm-und-outdoor-buch/ueber-gletscher-und-grenzen/

Weitere Bücher der Reihe Naturkunden von Matthes & Seitz in diesem Blog:

Holger Teschke: Heringe
Jutta Person: Esel und von
Cord Riechelmann: Krähen

und von Judith Schalansky, der Herausgeberin gibt’s außerdem im Blog noch über:

den Atlas der abgelegenen Inseln
und den Der Hals der Giraffe zu lesen.

Eckhard Fuhr
Schafe
Ein Portrait.
Illustration: Falk Nordmann
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, 136 S., 2017

Der deutsche Priester Johannes Kopp (1927 – 2016) gehörte dem Orden der Pallottiner an. Unter dem japanischen Namen Ho-un-Ken Roshi wirkte er als Zen-Meister, auf ihn geht das Programm Leben aus der Mitte des Erzbistums Essen zurück, dessen Führung jetzt bei seinem Schüler, dem Pallottiner und Zen-Lehrer Paul Rheinbay liegt. Kopp gehörte zu der ersten Generation christlicher Geistlicher, die sich vom Zen-Weg des Buddhismus inspirieren ließen und die eine innere und spirituelle Nähe zwischen dem Zen-Weg und der christlichen Mystik sahen. Kopp war gut bekannt mit dem Jesuiten Hugo Lasalle (bzw. nach dessen japanischer Einbürgerung Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle), wohl dem ersten Ordensbruder, der trotz vieler Widerstände diese beiden Wege in sich vereinigte und beschritt.

Es war keineswegs der erste Kontakt des Westens mit dem Zen-Buddhismus. Schon in den sechziger Jahren weckte Zen unter vielen Intellektuellen großes Interesse, jedoch lag der Fokus seinerzeit auf ganz anderen Aspekten, der Titel des Buches von Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm (damals sehr verbreitet, aber nur eins unter vielen) Zen-Buddhismus und Psychoanalyse macht dies deutlich.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in Dir.
Suchst du Gott anderswo, 
Du fehlst ihn für und für. [3]

Die vorliegende kleinen Schrift Gebet als Selbstgespräch, die 2015, also ein Jahr vor dem Tod P. Johannes Kopps erschienen ist, geht auf eine Frage zurück, die auf einer Veranstaltung (Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen) im Jahr 2014 gestellt wurde, wie es nämlich zu verstehen sei, daß ein Zugang zur Heiligen Schrift für Glaubenserfahrung nur über die Koanweise erreichbar sei, dies – so der Referent – habe ihm ein japanischer Kollege gesagt. Diese Frage zu behandeln ist Ziel der vorliegenden Schrift von P. Johannes Kopp.


Es scheint wohl,
dass in unserer Zeit Gott sich vornehmlich finden lässt
im Gottsucher selbst.
Jeder ist auf dem Weg zu Gott die erste Instanz.

Dem Mystiker ist es eine den Verstand transzendierende Wahrheit, in der kontemplativen Innenschau sein Wahres Selbst und dessen Gottebenblichkeit zu erkennen. Je weiter der Übende auf seinem Weg zur Wahrnehmung des göttlichen Geheimnisses in sich fortgeschritten ist, desto intensiver wird seine Gotteserfahrung werden. Je mehr er sich selbst auf den Grund kommt, desto mehr leuchtet in diesem Grund die unendliche Wirklichkeit durch, in der in christlicher Offenbarung Gott sich erfahren läßt. Kopp hält auch folgendes fest: Die unendliche Wirklichkeit, die in größter Wortscheu in jüdisch-christlicher Tradition Gott genannt wird, ist in der menschlichen Natur angelegt. Besser gesagt: Die menschliche Natur ist auf Gott hin angelegt. Verliert mit dieser Feststellung bzw. ‚Definition‘ Gott seine Eigenschaft als Entität, als Wesenheit? Und wie sind dann all die Geschichten und Gleichnisse, die in der Bibel stehen, zu verstehen? Und was wird aus Begriffen wie Paradies, Auferstehung, Jüngstes Gericht? 

Die Anerkennung der unendlichen Wirklichkeit in der jedem Menschen eigenen Wesensnatur ist Voraussetzung für den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. …. Ohne den Glauben, daß die unendliche Wirklichkeit in uns ist, ist der Zen-Weg unmöglich [dem Sinne nach zitiert]. … In christlichem Verständnis ist die Anonymität der unendlichen Wirklichkeit aufgehoben mit der offenbarten Wahrheit als Bild und Gleichnis Gottes. Diese Aussage erhebt den Menschen zu seiner unendlichen Würde, weil Größeres vom Menschen nicht gesagt werden kann. …  Mit diesem Verständnis ist Selbstfindung gleich Gottfindung, ist – um den Titel dieser Schrift aufzugreifen – jedes Gebet zu Gott Selbstgespräch.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis müssen die limitierenden Grenzen des Verstandes mit seinen Gedanken überwunden bzw. umgangen werden. Umgangen in dem Sinne, daß man sich als Übender in die achtsame Wahrnehmung seines Atems und damit seiner Selbst begibt, daß man übt, durch schweigendes, absichtsloses, geschehenlassendes Sitzen und stete Zurückführung der Achtsamkeit auf den Atem im Hier und Jetzt zu verweilen und zu verbleiben – es ist der Weg des Zazen, der die Methodik dazu liefert, denn Zen, so Kopp, ist keine Religion, sondern ein Selbststudium zu meiner Vollendung. … Zen ist das eigentlich Religiöse in jeder Religion. 

Überwunden werden die Grenzen des Verstandes auf andere Weise. Denn das Schweigen ist nicht absolut und immer gut und weise, es ist nach Kopp töricht zu Schweigen, wenn Reden angebracht und töricht zu Reden, wenn Schweigen angebracht ist. So lassen sich die Gleichnisse der Bibel – wie vorstehend schon zitiert – (nur) über die zengemäße Koanweise ausdeuten.

Dies ist ein neuer Zugang zum Inhalt der Bibel, der viele Probleme, die man als moderner Mensch in heutiger Zeit mit dem dort seit Jahrtausenden festgehaltenen Überlieferten hat, vermeidet, weil er sie aus der Ebene des Verstandes in eine andere Dimension hebt. Mir jedenfalls ist der wörtliche Glaube an eine jungfräuliche Empfängnis, an eine Auferstehung von den Toten oder auch an eine Himmelfahrt nicht möglich. Sicherlich stehe ich damit aber nicht allein.

Zum Koan schreibt Kopp, daß es den Durchbruch zur unendlichen Wahrheit eines jeden Menschen [meint], die die Ratio nicht erfassen kann, weil sie nicht das Instrument dafür ist, die aber erfasst werden muss, damit der Sinn des Daseins erfüllt wird. Solange man diesem Sinn nicht nahekommt, solange bleibt Unruhe. … Daraus ergibt sich für den Christen eine Konsequenz: die Bibel zu werten und zu lesen als eine Koan-Sammlung. 


In den einzelnen Abschnitten seiner Schrift widmet sich Kopp folgenden Themen:

  • Schweigen und Reden
  • Selbstfindung und Gottfindung
  • Zen und Eucharistie
  • Koan-Zugang zur Heiligen Schrift
  • Biblische Koans
  • Christliche Kommentare zu Koans aus dem Mumonkan

Inhaltlich umfassen diese Kapitel natürlich sehr viel mehr als das von mit Angedeutete, deswegen hier noch ein paar wenige Stichworte:

Für Kopp ist Zen, dieser in der japanischen Tradition schwierige und ‚harte‘ Weg, keineswegs nur für starke Menschen, sondern auch für schwache gangbar, an zwei Beispielen kranker Nonnen beschreibt er dies.

Der Text enthält auch viel Biografisches zum Verfasser, speziell auch zur Bekanntschaft und Freundschaft mit P. Lasalle. Insbesondere ist diesem der Abschnitt über Zen und Eucharistie gewidmet. Auch verweist Kopp des öfteren auf das von ihm initiierte Programm des Lebens aus der Mitte.

In dem Kapitel zum Koan-Zugang zur Heiligen Schrift stellt Kopp die Forderung auf, daß die christliche Katechese einen neuen Schwerpunkt bekommen [muss]. Sie muss wegkommen von der Belehrung, von dem Eifer, eine sogenannte objektive Wahrheit darzustellen. Sie muss hinkommen zu der Leidenschaft, in der derjenige, der sich in irgendeiner Weise für das Christliche interessiert, zu der Erkenntnis kommt, dass das Wesentliche in ihm selbst ist [Hervorhebung von mir]. Das erinnert mich an eine Aussage, die ich vor geraumer Zeit [wo nur…] gelesen habe und die dem Sinne nach lautete, der moderne Gläubige könne nur noch ein Mystiker sein.

In den zwei abschließenden Abschnitten zeigt Kopp beispielhaft, wie zum einen biblische Gleichnisse auf Koan-Weise ‚verstanden‘ werden können, zum anderen reziprok dazu, wie klassische Koans im Sinne der Bibel ausgedeutet werden können.


Ein Schrift zu verfassen, die sich im Grunde damit beschäftigt, wie die Limitierung rationaler Erkenntnis zur Gotteserfahrung überwunden werden kann, ist – für mich – selbst eine Art Koan, ein Paradoxon: ich nutze das, was ich überwinden will, um zu beschreiben, wie ich es überwinden kann. Ich erinnere mich sehr gut und mit Vergnügen an meine eigene Einführung in die Kontemplation, in der der Lehrer am Ende gefragt wurde, welche Bücher er denn empfehlen könne. „Bücher? Bücher?“ Nicht nur im übertragenen Sinne schlug er die Hände über’m Kopf zusammen. „Was wollen Sie denn mit Büchern? Üben müssen Sie, üben, üben, üben….“

Jedenfalls bringt es das Thema mit sich, daß nicht alles, was man in Kopps Schrift liest, sofort oder überhaupt verständlich ist. Es ist mancher Satz dabei, der kryptisch scheint, sich wohl er auf einer anderen Ebene verstehen läßt. Doch das Wichtige des Textes wird deutlich und klar: Gott ist kein alter Mann mit Bart, der irgendwo auf einer weißen Wolke sitzt und sich von Münchnern mit Harfenklängen lobpreisen läßt. Wenn ich Gott suchen und schauen will, muss und kann ich mich auf den Weg dazu begeben. Es ist der Weg der Kontemplation, des Zen, und er führt durch die Selbstfindung zur Gottesfindung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Programms Leben aus der Mittehttp://zen-kontemplation.de
[2a] Wikiartikel zum Orden der Pallottiner: https://de.wikipedia.org/wiki/Pallottiner
[2b] – zu P. Lasalle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle
[2c] – zu P. Johannes Kopp:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kopp_(Pallottiner)
[3] Dieser Spruch des Angelus Silesius (z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Silesius) ist nicht dem Buch entnommen, passt aber sehr gut zu dessen Aussage.

P.S.: Alles, was am vorstehenden Text unklar, undeutlich oder gar falsch verstanden und/oder wiedergegeben sein sollte: man kreide es mir an, nicht dem Autoren….

Weitere Titel zum Thema ‚Kontemplation‘ in diesem Blog:

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation
Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Johannes Kopp
Gebet als Selbstgespräch
Gebet und Koan als Beziehung zu Gott in mir
diese Ausgabe: Hrsg: Freundeskreis LEBEN AUS DER MITTE, Softcover, ca. 96 S., 2014

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