Wer hätte sie nicht selbst, diese ungeschriebenen Bücher [2], diese Ideen fantastischer Plots, die dann aber doch nie in Buchstaben gegossen werden, worden sind? Jeder von uns Leser und Bücherfreunden kennt dies wohl, dieses aufblitzende Gefühl: das wäre mal eine Geschichte, wert erzählt zu werden. Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben sich der Mühe unterzogen, genau diese Bücher, die möglicherweise für immer ‚pränatal‘ bleiben werden, ein Blitzen in den Augen ihrer Mütter und Väter, in ihrer Idee zumindest an das Licht der Welt zu holen. Befragt haben sie Schriftsteller, die.. doch halt! Kommando zurück, so ist es ja gar nicht.. also, es ist schon so, nur im vorliegenden Buch führt der Titel in die Irre, teilweise zumindest, denn es geht im Grunde um die verworfenen Titel möglicher Bücher oder auch realer, die später dann unter einem anderen Titel erschienen sind: Tote Hunde im Titel gehen auf gar keinen Fall. Nicht in Deutschland. Punktum. Nach diesem verlegerischen Machtwort beispielsweise wurde aus dem handfesten Hundesterben in Byzanz (so wie es sich der Autor Christoph Peters vorgestellt hatte) ein eher mystisches Das Tuch aus Nacht. (Anmerkung: grün werden Zitate wiedergegeben, purpur sind reale oder verworfene Titel)

Aber bevor es inhaltlich losgeht, noch ein paar Informationen zum Projekt. Über zweihundert Schriftsteller wurden angeschrieben und um Beiträge gebeten. Es waren mehr oder weniger bekannte Autoren/-innen darunter, beispielsweise Ilija Trojanow, Terézia Moria, Juli Zeh, Arno Geiger u.a.m. als (zumindest mir) bekanntere. Insgesamt antworteten 71 Schriftsteller, der Rücklauf lag also bei knapp über einem Drittel, diese 71 Antworten bilden den textlichen Inhalt des Buches. Neben diesem textlichen Inhalt gibt es noch den grafischen, denn ein Titel braucht einen Platz, an dem er steht und dem potentiellen Käufer und Leser ins Auge fällt: das Umschlagbild des Buches. So hat jeder der nie gedruckten Titel durch angehende junge Grafiker und Designer (aus Karlsruhe und Bielefeld) einen Umschlag gestaltet bekommen, mit dem das vorliegende Buch illustriert ist.

Eingeleitet wird die Textsammlung durch ein Vorwort, welches das Projekt erläutert und die Bedeutung und Rolle eines Titels für ein Buch, wobei die Titelgebung ja nichts anderes ist als das Vergeben eines Namens – und das will und muss gut überlegt sein.

Nicht immer, unter Umständen vielleicht sogar seltener, ist der spätere Buchtitel mit dem Arbeitstitel, unter dem der Autor bzw. die Autorin geschrieben hat, identisch. Verlag und Vertrieb haben ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Titelvergabe. Die Problematik von Hunden im Titel habe ich vorstehend mit einem Beispiel ja schon erläutert, auch andere Autoren können über ähnliche Erfahrungen berichten: Zu viel Hund wies z.B. der Titel: Musik in den Träumen von Hunden von Rolf Lappert auf. Man muss, so der Vertrieb, bei der Titelauswahl darauf Rücksicht nehmen, daß es eine Menge Menschen gibt, die Hunde nicht mögen. Auseinandersetzungen mit den Verlagen und dem Vertrieb gehören wohl zur Tagesordnung des Geschäfts, nur selten wird festgehalten, daß die Arbeitstitel klaglos übernommen wurden. Es gibt jedoch auch Autoren mit hoher Standfestigkeit, die ihre Titelvorstellung durchsetzen können, Markus Orth konstatiert daher: der Autor hat immer das letzte Wort. Und ohne diese Standfestigkeit gäbe es einen so herrlichen Titel wie: Wer geht wo hinterm Sarg? (dem ich natürlich sofort nachgespürt habe) nicht. 

Das Inverse zum Problem: ‚Text sucht optimalen Titel‘ ist der Komplex: Titel sucht Text. Auch der ist häufig vertreten, die Überschrift, ein prägender Satz, eine gelungene Wortkombination (Seilschläfer bei Terézia Mora, Erneuerung der Fransen bei Kathrin Passig, Hüten fremder Hunde bei Tilman Rammstedt – um nur einige zu nennen) setzen sich im Hirn fest – allein, es fehlt das Fleisch am Gerüst des Titels. Lutz Seiler schildert in seinem Beitrag ein weiteres Phänomen: der Titel Sonntags dachte ich an Gott stand fest und sogar schon in den Verlagsankündigungen – allein, diese Überschrift mutierte für ihn bald zum Sinnbild einer qualvollen Pflicht. Es brauchte eine Entwicklung, eine innere Erkenntnis, bis das Projekt von der Hand ging und der titelgebende Beitrag ist heute sein Lieblingstext in diesem Band.

Annett Gröschner berichtet von Erfahrungen anderer Art. Ihr Werk Eingefrorene Guthaben, bei dem es um einen in einer Kältetruhe sterbenden Kälteingenieur ging, verlor seinen Namen, als gleichzeitig die Spendenaffäre der CDU aufkam: hier hätte der Ursprungstitel eine missverständliche Spur gelegt. Heute heißt das Werk Moskauer Eis, ist direkter und eindeutiger, Gröschner hat jedoch ihren Frieden damit geschlossen…. Noch einmal Gröschner, weil es so witzig ist: Vom Schlachthof zum Kanzler. Damit würde, so der Verlag seinerzeit, der Kanzler beleidigt., wobei man festhalten muss, daß Kohl zu dieser Zeit schon einige Jahre nicht mehr im Amt war. Aber zugegeben, ich dachte tatsächlich spontan an ihn. Es geht übrigens auch nicht um die Karriere eines Metzgers, sondern.. ach das verrät am besten der Titel(wurm) selbst, unter dem das Buch dann 2002 erschien: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus – Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft.

Diese Beispiele sollen genügen, die Zusammenstellung der Herausgeber (die im Buch selbst von sich sagen, sie hätten alles ‚zusammengetragen‘, aber Zusammenträger ist jetzt als Begriff wenig elegant, deswegen habe ich sie kurzerhand zu Herausgebern gemacht) zu charakterisieren, schade, daß ich hier keine Abbildungen wiedergeben kann. Einige wenige Umschlagentwürfe sind jedoch in dieser Besprechung des Buches zu sehen [1], sehenswert sind alle der 71 Entwürfe.

Ergänzt wird der Textteil noch durch biografische Angaben zu den Autoren/-innen sowie durch eine Liste der beteiligten Grafiker/-innen und Designer/-innen.


Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese Bibliothek der… gekommen bin, aber ich bin froh, daß sie in meinem Bücherschrank steht. Ein wunderschönes Buch, ein Schmuckstück, eine Perle in der Sammlung: Bücher über Bücher.

…. und dann sind da noch ein paar Anmerkungen meinerseits, die zum Thema passen, aber mit dem Buch selbst nix zu tun haben ;-) (die Links führen alle zu Beiträgen innerhalb dieses Blogs):

Es würde mich beispielsweise interessieren (falsch: es interessiert mich), wie zum Beispiel Joachim Meyerhoff seine beiden Titel (Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war und – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke) durchgesetzt hat (ich gehe mal davon aus, daß die Vorschläge von ihm kamen), oder auch – um bei ‚M‘ zu bleiben, der Thomas Meyer mit Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Aber es gibt ja schließlich Menschen, die gerade auf ausgefallenere Titel zugreifen, weil schlicht und einfach die Neugier angeregt wird, ich gehöre sicherlich in diese Kategorie Leser.

Dazu passt folgende Erfahrung: als ich noch meinen eigenen Lesekreis hatte, schlug ich seinerzeit Who the Fuck is Kafka? von Lizzy Doron vor und erntete entgeisterte Blicke aus der Runde. Nun ja, wir haben es gelesen, das ‚Urteil‘ war am Ende auch positiv, zumindest hat jeder dem Buch zugestanden, daß es sehr interessant war und viele neue Einblicke beschert hat. Aber gekauft, so die einhellige Meinung damals, hätte man das Buch ohne den Zwang des Lesekreises freiwillig nie. Nicht bei diesem Titel.

Links und Anmerkungen:

[1] Annette Pehnt, Friedemann Holder, Michael Staiger (Hrsg) – „Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“; in:  https://zuerilitteraire.wordpress.com/2014/11/22/…ungeschriebenen-bucher-piper/

[2] ich natürlich auch, das versteht sich – denke ich – von selbst. Das unermessliche Glück beim Einnehmen der Embryonalhaltung, so wird mein Werk heißen, bzw. nach den geschilderten Erfahrungen in diesem Buch, in die Auseinandersetzung mit den Verlagen gehen. Leider fällt das Projekt noch unter die Kategorie: Titel sucht Text. Bislang stehen allerdings schon Grundzüge der Danksagung (an meine Eltern, Groß- und Urgroßeltern, deren hemmungsloses Treiben meine Existenz und damit die des Romans erst möglich machte…), aber was nicht ist, wird noch werden. Ich bin Optimist voller Iden. Auch außerhalb des März.

Weitere von mir unter ‚Bücher über Bücher‘ vorgestellte Titel:

Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger (Hrsg):
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Originalausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2014

Offensichtlich gehört es zum guten Ton bei Titeln aus diesem – zugegebenermaßen – schwierigen Themenbereich, darauf hinzuweisen, daß das Thema ‚Sterben‘ bzw. ‚Tod‘ gesellschaftlich tabuisiert ist und verdrängt wird. Sowohl der Autor Gottschling als auch seine Vorwortverfasserin Käßmann folgen dieser Tradition, deren Aussage mich persönlich in ihrer Absolutheit nicht mehr so recht überzeugen will. Schau ich mir z.B. die Zugriffszahlen des letzten (Zeit)Jahres auf meinen eigenen Blog an, so sind unter den ersten zehn Titeln zwei Jugendromane, die sich mit dem frühen Krebstod eines Menschen auseinandersetzen [1]. Daraus schlussfolgere ich schon eher, daß viele Menschen – auch junge – bereit sind, sich mit diesen letzten Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn diese selbstverständlich als reines Partythema und für den unverbindlichen Small Talk nicht geeignet sind. Egal, es ist nur eine persönliche Anmerkung von mir, jetzt zum Buch von Prof. Dr.med. Sven Gottschling und Lars Amend [siehe dazu die Bemerkung am Schluss meiner Besprechung].


Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er ist noch jung, 44 Jahre alt, und hat sich mit ‚Haut und Haaren‘ der Aufgabe verschrieben, Sterbenden und ihren Angehörigen durch eine kompetente Begleitung und Betreuung diesen letzten Weg zu erleichtern. Was dies in der Praxis bedeutet, was dies einschließt, auch was es begrenzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht zuletzt, welche sich hartnäckig haltenden Mythen es zu bekämpfen gilt, dem ist dieses Buch gewidmet.

Während es andere Titel zum Themenkomplex gibt, bei deren Studium einem so richtig die Freude am Sterben genommen wird, weil von den gewählten Fallbeispielen eins schlimmer ist als das andere [2], ist der Grundtenor von Gottschlings Buch positiv: Wir können nicht alles Leid verhindern, aber doch sehr, sehr viel Leid mindern. Der Tod, so der Autor, ist nichts Schreckliches. Die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn erst furchtbar.

Ich will mich in diesem Beitrag auf einige Punkte von Gottschlings Ausführungen konzentrieren, den Inhalt des Buches wiederzugeben, wäre deutlich zu viel.

Unter den schon erwähnten Mythen geht der Autor auf folgende ein:

  • Sterben und Tod sind leidvoll und schmerzhaft
    Hier räumt Gottschling mit dem weitestverbreiteten Glauben medizinischer Laien, mit dem Sterben verbundenes körperliches Leid (z.B. Schmerz, Atemnot) sei nicht linderbar und die Ärzte täten alles in ihrer Macht stehende, auf: beides ist nicht so. Man kann praktischen jeden Schmerz (hier differenziert der Autor verschiedene Schmerzarten [3]) zumindest deutlich lindern und die Kenntnisse der deutschen Ärzteschaft über moderne Schmerztherapie sind im Schnitt, dürftig, liegen Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft zurück. Aber: auch viele Betroffene hängen noch der ‚ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz‘-Philosophie an.
  • „Wie lange noch, Herr Doktor?“
    Auch der Arzt ist kein Herrgott, nirgends kann man sich so sehr verschätzen wie bei einer Antwort auf die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit…. Manche Betroffene wollen es auch gar nicht wissen, andere planen auf der Grundlage der Auskunft schon die Trauerfeier und sind dann empört, daß Oppa immer noch schnauft, wo doch die Grube schon ausgehoben ist….
  • Nahrung und Flüssigkeiten sind Lebenserhaltung
    No, das ist einfach nicht so. Wenn der Sterbende nicht mehr essen will, dann braucht er keine Nahrung mehr. Wenn er nicht mehr trinken will, dann ist es praktisch immer kontraproduktiv, ihm Flüssigkeit zu verabreichen, die weder vom langsam abschaltenden Kreislauf noch von den Nieren, die ihre Funkion auch peu a peu aufgeben, verarbeitet werden kann. Der häufig noch ausgeübte moralische Druck (sprich: Erpressung): „Sie wollen ihren …. doch nicht verhungern/verdursten lassen?“ ist perfide. Künstliche Ernährung. so Untersuchungsergebnisse, verlängert die Lebenszeit nicht, mindert aber häufig die Lebensqualität. Was das Trinken angeht, ist die Mundpflege beim Sterbenden viel wichtiger!
  • Schmerzmittel machen süchtig
    Dies bezieht sich natürlich vor allem auf Opiate. Hier klingen die Ausführungen Gottschlings bzgl. des wohl bekanntesten Opiats, Morphin (das er pars pro toto nimmt) fast schon wie ein Appell, doch endlich die Bedenken gegen dieses segensreiche Medikament fallen zu lassen und es in adäquater Dosierung (die durchaus sehr hoch sein kann) einzusetzen!
  • Man muss sich zwischen Lebenszeit oder Lebensqualität entscheiden
    Gottschling verweist auf eine Studie, die zeigt, daß onkologische Patienten mit sehr schlechtem Zustand, die sich noch einer Chemotherapie unterzogen haben, eine deutlich geringere Restlebensspanne hatten als die Patienten, denen die Chemo erspart geblieben ist. Facit: eine Behandlung ist nicht unbedingt lebensverlängernd, aber häufig verschlechtert sie die Lebensumstände. Daraus folgt die Forderung, frühzeitig palliativmedizinische Fachkompetenz bei der Behandlung lebensbegrenzend Erkrankter hinzuzuziehen.
  • Man darf einem Menschen die Hoffnung nicht nehmen
    Dieser Satz dient dem medizinischen Personal häufig als Feigenblatt dafür, dem Patienten gegenüber nicht ehrlich zu sein. Der Umgang mit der Hoffnung des Patienten auf… verlangt jedenfalls ein hohes Maß an Sensibilität…

Das Lebensende ist gespickt mit Beschwerden: Körper und auch Geist sind in die Jahre gekommen. Im Abschnitt Beschwerden am Lebensende und was wir wirklich tun können, befasst sich Gottschling damit. Konkret sind dies folgende Themenbereiche: (noch einmal) Schmerzen, Atemnot/Luftnot, Übelkeit, Angst und Erschöpfungszustände sowie neuropsychiatrische Symptome wie Unruhe, Verwirrtheit, das nicht mehr Erkennen von Menschen. Und das Sterben selbst? Wenn man sich darauf vorbereitet, was einen erwartet, wenn ein geliebter Mensch tatsächlich im Sterben liegt, verliert es seinen Schrecken. Der Autor beschreibt dies und gibt auch Hinweise für Notfälle, die auftreten können (Krampfanfälle, Blutungen u.ä.)

Im Grunde sollte man eigentlich den Begriff ‚Sterbende/r‘ vermeiden, denn er verdeckt nur zu häufig, daß dieser Mensch eine Lebender ist, freilich in einer bestimmten Lebensphase. Und so sollte man ihn auch behandeln und mit ihm umgehen. Die Kommunikation mit lebensbegrenzt erkrankten Menschen (die Umschreibung, die Gottschling häufig benutzt), deren Angehörigen und beteiligten Kindern ist Inhalt des nächsten Abschnitts. Die Frage, wie Kinder mit dem Tod naher Menschen umgehen und wie man als Erwachsener darauf reagieren sollte, bildet einen Schwerpunkt der Ausführungen.

Und wenn es soweit ist, wo bekomme ich Hilfe? Hier geht Gottschling darauf ein, unter welchen Randbedingungen das Sterben zu Hause oder in diversen Einrichtungen (Krankenhaus, Heim…) tatsächlich ablaufen kann oder abläuft. Speziell, wenn dem häufig geäußerten Wunsch des Sterbens zu Hause nachgekommen wird, ist es wichtig, zu wissen, wo welche Hilfe nachfragbar ist. In diesem Bereich sind zwar schon seit Jahren gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, aber (Stichwort: SAPV) noch lange nicht flächendeckend umgesetzt.

Im Kapitel 6: Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe klärt Gottschling eingangs die Begrifflichkeiten einzelner Tatbestände: alt: aktive Sterbehilfe, neu: Tötung auf Verlangen; alt: Beihilfe zur Selbsttötung, neu: assistierter Suizid; alt: passive Sterbehilfe, neu: Sterben zulassen.

Der Autor hält fest, daß in einer Studie (2015) festgestellt wurde, daß selbst bei schwerstkrankem Patientengut (?) die Suizidquote um mehr als eine Zehnerpotenz niedriger lag als in der Gesamtbevölkerung, wenn eine qualitativ hochwertige und verlässliche Palliativversorgung aufgebaut werden konnte.

Des weiteren gibt Gottschling einen Überblick über die Situation betr. Tötung auf Verlangen/assistierter Suizid im europäischen Ausland. Die Zahlen aus den Niederlanden und aus Belgien (vor allem aus Flandern), in denen dies per Gesetz unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, rechnet er auf die deutsche Bevölkerungszahl um und plausibilisiert dadurch das erschreckende Ausmaß, in dem in unseren Nachbarländern Menschen von Ärzten getötet werden. Der Autor positioniert sich ganz klar und eindeutig gegen diese Vorgehensweise, wobei ihm die obige Aussage zum Einfluss der Palliativversorgung auf die Suizidalität lebensbegrenzt Erkrankter Recht gibt. Auf die naheliegende Frage, wie der Stand der Palliativversorgung in den Niederlanden und in Belgien ist (diese Frage stellt sich natürlich) geht Gottschling jedoch nicht ein.

An dieser Stelle wird Gottschling leider ein wenig tendenziell, in dem er zwei Fallbeispiele konstruiert, die extreme Situationen darstellen, die in dieser Reinform wohl eher die Ausnahme sind. Beiden liegt ein 43jähriger Familienvater (zwei Töchter im Alter von 8 und 16 Jahren) zugrunde, der unter schwerster Symptomatik an einem metastasierendem Tumorleiden erkrankt ist.

Im Szenario ohne Palliativversorgen baut Gottschling nun angefangen vom Vierbettzimmer auf einer normalen Krankenhausstation ein Horrorszenario auf, in dem der Erkrankte bei unzureichende Pflege und mangelhafte Systemkontrolle schließlich an nicht behandelter Atemnot stirbt. Dies ruft eine posttraumatische Belastungsstörungen bei der Mutter hervor und führt damit zu deren Arbeitsplatzverlust.. Schulversagen eines Kindes und einer Vielzahl weiterer psychischer Schäden (z.B. Einnässen): es tritt alles ein, was prinzipiell in so einer tragischen Situation vorkommen kann: ein Worst-Case-Szenario also, das sehr mit der Angst arbeitet.

Dem gegenüber stellt er die fast heile Welt der Palliativstation, in der Vater unter bestmöglicher Systemkontrolle in einem Familienzimmer liegt, die Kinder in einem Begegnungszimmer mit gleichaltrigen, ebenfalls betroffenen Kindern Kontakt aufnehmen können, beide Eheleute finden in kleinen Zeitinseln noch einmal Gelegenheit zu Nähe, Sexualität und können letzte Dinge regeln… bevor der Vater nach Hause entlassen wird und dort vom SAPV begleitet im Kreis der Familie friedlich stirbt…. wobei die Familie selbstverständlich auch nach dem Tod des Vaters in ihrer Trauerphase nicht allein gelassen wird.

Gottschlings Ziel, den überaus segensreichen Effekt einer adäquaten Palliativversorgung deutlich zu machen, ist hehr, aber in diesen konstruierten Fällen trägt er meiner Meinung doch etwas zu dick auf…


Leben bis zuletzt ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Der Autor führt viele Fallbeispiele an, die ihm in seiner Praxis untergekommen sind, er ist in seinen Aussagen klar und deutlich, seine Sprache ist gut verständlich, auch für den medizinischen Laien. Er scheut sich ebenfalls nicht, hin und wieder ins Umgangssprachliche zu wechseln, wenn er beispielsweise einen Kollegen zitiert, der in Bezug auf die Darreichungsform von Medikamenten der (nachvollziehbaren) Meinung ist „Zäpfchen sind was für Arschlöcher“. Diese Formulierung ist natürlich die Ausnahme, macht aber deutlich, daß die Aussagen das Buches klar und deutlich formuliert sind.

Gottschling spart auch nicht mit Kritik an seinen ärztlichen Kollegen. Die Verordnung von Zäpfchen für Menschen, die bald Sterben werden, die absolut mangelhaften Kenntnisse in moderner Schmerztherapie, die partielle Inkompetenz bei der Kommunikation mit lebensbegrenzt Erkrankten und deren Angehörigen, die Unkenntnis über viele aktuelle Untersuchungsergebnisse (siehe oben: Mythen wie über Nahrung, Trinken), die immer noch anzutreffende Geringschätzung der Palliativmedizin…. Es gäbe viel zu tun in der Ärzteschaft…. Natürlich steht der Gesetzgeber nicht aussen vor war Kritik angeht: die lächerliche Vergütung palliativmedizinischer und sprechender Medizin, die gesetzlich zwar geregelte, aber bis dato nur unzureichend umgesetzte ambulante Palliativversorgung in der Fläche, die unzureichende Pflegesituation für Sterbende in vielen Heimen und Krankenhäusern, die immer stärker auf wirtschaftliche Ziele hin optimiert werden….

Liest man als Laie das Buch, so wird man mit einer Menge soliden Halbwissens aufmunitioniert. ‚Solides Halbwissen‘ soll auch heißen, daß für Patienten und Angehörige ein Problem bestehen bleibt, auf das Gottschling allenfalls indirekt eingeht: ‚wie sag ich´s meinem Arzt‘ bzw. wie setze ich mich gegen die Meinung eines Arztes durch, wenn diese z.B. hinsichtlich der Schmerztherapie anders ist als die meinige…. Ich spreche hier aus leidvoller eigener Erfahrung. Mein Vater, der jetzt schon einige Jahre tot ist, hatte durch Krieg und Beruf (er war einige Jahre Bergmann und hat Kohle gemacht) kaputte Knie, die ihm im Alter starke Schmerzen verursachten. Der Heimarzt verordnete jedoch trotz eindringlicher Bitten meinerseits nichts dagegen: er habe beim Besuch keine Schmerzanzeichen gesehen (klar, mein Vater saß ja immer) und habe auf die Frage nach Schmerzen mit ‚Nein‘ geantwortet (auch klar, in seinem schon länger zurückliegenden Sibirienaufenthalt hatte er verinnerlicht, daß derjenige, der über Schmerzen klagt oder sagt, er sei krank, verloren war….)….. was man jedoch aus Gottschlings Ausführungen auf jeden Fall mitnehmen kann, ist der Rat, frühzeitig (!) einen Palliativmediziner in die Behandlung eines bald Sterbenden miteinzubeziehen. Der hat zum einen die Fachkompetenz und kann diese zum zweiten gegenüber seinen Kollegen – so dies nötig ist – besser zur Geltung bringen als ein durch die Situation eh schon derangierter betroffener Laie.


Zum Abschluss noch Anmerkungen, der aber wohl eher dem Verlag als dem Autoren zuzurechnen ist. In meinen Regalen stehen einige Bretter voll mit Büchern zum Themenkreis rund um´s Sterben, doch dieser Titel von Gottschling ist der einzige, der bei der Autorennennung auf dem Umschlag mit der vollen Wucht professoraler und medizinischer Autorität daherkommt: Prof. Dr. med. Sven Gottschling. Und selbst die allbekannte und fast schon ubiquitäre Margot Käßmann, von der das Vorwort stammt, ist nicht einfach Margot Käßmann, sondern Prof. Dr. Dr.hc Margot Käßmann… Dabei hat das Buch diesen etwas plumpen Aufwertungsversuch doch gar nicht nötig….

Gottschlings Werk und Amends Beitrag… immerhin wird dieser Lars Amend auch auf dem Umschlag, wenngleich etwas kleiner geschrieben, genannt, auf der Verlagsseite sogar in gleichberechtigter Größe (‚Sven Gottschling + Lars Amend‘, Stand: 01.05.17),  in welcher Weise dieser Herr Amend jedoch zum Buch beigetragen hat, ist mir nicht ersichtlich geworden. Ein einziges Mal noch findet er Erwähnung im Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. So bleibt die Frage, warum steht der Name da? unbeantwortet….

… und last not least: Greifen sie zu, die einmalige Gelegenheit: Sieben Kapitel zum Preis von sechsen! Denn wie anders soll man es interpretieren, wenn der Verlag auf seiner Ankündigungseite für den Titel davon redet: Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, … [steht wirklich so mitsamt des grammatikalischen Stolpersteins auf der Webseite, Stand: 03.05.2017; Hervorhebung von mir].


… und dennoch: diese letzten Kritikpunkte haben leicht ersichtlich nichts mit der inneren Qualität des Buches zu tun. Jeder, der sich über das traurige und leidvolle Thema ‚Sterben und Tod‘ kundig machen will, auch weil es unter Umständen ganz akut geworden ist im familiären, persönlichen Umfeld, sollte Gottschlings Buch ganz oben auf seine Liste der Bücher setzen, die es in die engere Auswahl zu nehmen gilt. Mich hat es jedenfalls überzeugt.

Links und Anmerkungen:

[1] … und zwar: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Die Links führen zu den Besprechungen hier im Blog)
[2] ich denke hier jetzt an das (ebenfalls empfehlenswerte) Buch von Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung, erschienen im Piper Verlag, das ich hier irgendwann noch vorstellen werden
[3] Wer etwas tiefer in den ‚Schmerz eintauchen‘ will, dem kann ich das gleichnamige Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers empfehlen (https://radiergummi.wordpress.com/..schmerz/)

Mehr hier auf dem Blog zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ vorgestellte Bücher sind über dieses Inhaltsverzeichnis zu finden: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Sven Gottschling/Lars Amend
Leben bis zuletzt
Originalausgabe: S. Fischer Verlage, Klappenbroschur, ca. 270 S., 2017

Das letzte (Zeit)Jahr war ein Jahr der unerwarteten, teils auch schwer erklärbaren politischen Entscheidungen, Entscheidungen, die durch Wahlen getroffen worden sind und die bei vielen Ratlosigkeit hinterließen. Der Brexit der Engländer war die erste dieser Einschnitte in die politische Landschaft, die Wahl des bekennenden ‚pussy-grabbers‘ und notorischen Lügners Trump zum Präsidenten das dies noch toppende Ereignis. Daß jetzt kürzlich die Türken (und prozentual gesehen vor allem die nicht in der Türkei lebenden, wahlberechtigten Türken) für die ‚Käfighaltung‘ stimmten, rundet das Bild ab. So giert der politisch interessierte Mensch, der im Inneren immer noch an die Vernunft glaubt, nach Deutungen, nach Erklärungen, nach Antwort auf die Frage: Was zur Hölle ist denn da schief gelaufen?


Eine Antwort auf das weltpolitisch wohl bedeutendste dieser drei Ereignisse (nicht unbedingt ‚Die‘ Antwort, dazu ist der Komplex doch zu vielschichtig) gibt J.D. Vance in seiner Biographie Hillbilly Elegy . Zwar ist Vance erst 33 Jahre alt, hat aber schon ein ganzes Leben gelebt, dem er durch verschiedene glückliche Umstände  äußerlich entkommen konnte, wenngleich es ihn innerlich durch die erlittenen mentalen und psychi- schen Schädigungen noch lange nicht losgelassen hat.

Der Term ‚Hillbilly‘ bezeichnet ursprünglich die Menschen, die in den Appalachen, einen Mittelgebirge in der Nähe der amerikanischen Ostküste, das sich über fast 2500 km erstreckt, leben. Hillbillys haben ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Traditionen. Ein hohes Gewalt- und Aggressionspotential prägen ihr Verhalten, der Begriff der ‚Ehre‘, die verteidigt werden muss, ist zentral, vor allem für den männlichen Teil der Bevölkerung. Vance führt für die irisch-schottischen Einwanderern abstammende Bevölkerungsschicht folgendes Zitat an: Wenn ich durch Amerika gereist bin, haben mit die Ulster-Schotten immer beeindruckt als die beharrlichste und konstanteste regionale Subkultur des Landes. Ihre Familienstrukturen, Religion und Politik, ihr Gesellschaftsleben, all das bliebe angesichts der vollständigen Aufgebe jeglicher Tradition, die beinahe überall sonst stattgefunden hat, komplett unverändert. [4] Oder in Vance‘ eigenen Worten: Wir mögen Außenseiter nicht besonders oder Leute, die anders sind als wir, egal, ob sich dieses Anderssein in der äußeren Erscheinung manifestiert oder im Verhalten oder – und dies ist entscheidend- in der Sprache. Vance dehnt den Begriff in seinem Buch aber umfassender auf die gesamte weiße Arbeiterklasse aus.

Nach beiden Weltkriegen gab es eine Migrationswelle unter den Hillbillys aus dem Süden in die seinerzeit prosperierenden Industriestädte des heutigen ‚rust belts‘, aus denen sich heute ein großer Teil des Wählerreservoirs von Trump rekrutiert. So zogen auch nach dem 2.Weltkrieg (durch andere Vorkommnisse wie eine ungewollte Schwangerschaft notwendigerweise und die Aktion eher sogar als Flucht ausgestaltend) auch die Großeltern des Autoren von Jackson, Kentucky, nach Middletown, Ohio, wo der Großvater Arbeit in einem Stahlwerk fand. Die (spätere) Großmutter des Autoren war damals dreizehn, der (spätere) Großvater sechzehn Jahre alt.

Die große Zahl der in die Industriestädten ziehenden Hillbillys führte dazu, daß sie ihre Traditionen und Verhaltensweisen aufrecht erhielten und am neuen Wohnort auch unter sich blieben. Der häufige und regelmäßige Besuch der zurückgelassenen Familien war Pflicht, so daß damit ein zusätzlicher Anker bestand, Althergebrachtes beizubehalten.

Die Ehe der Großeltern lief nicht besonders gut, der Mann arbeitet zwar, trank aber viel und hatte wohl auch Affären. Es gab viel Streit. Bezeichnend für das Aggressionspotential der Hillbillys, und besonders der (waffenverliebten) Großmutter ist die Episode, in der sie ihren volltrunken schlafenden Mann mit Benzin übergoß und anzündete. Ein paar Tage vorher hatte sie ihm angedroht, ihn umzubringen, wenn er noch einmal besoffen nach Hause käme. Und sie machte ungerne leere Versprechungen…. die ältere von insgesamt zwei Töchtern, es gab noch einen Sohn, konnte ihren Vater noch rechtzeitig löschen. Später dann lebten die beiden in getrennten Häusern, war ihrem ‚Zusammenleben‘ gut tat, auch ließ der Mann irgendwann die Hände vom Alkohol.

Von den drei Kindern der Großeltern schafften letztlich zwei den Absprung aus Middletown und bauten sich ein ’normales‘ Leben außerhalb der Hillbilly-Gemeinschaft auf. Das dritte Kind, die Tochter Bev, jedoch war der psychischen Belastung, die sie in dieser desolaten Familie zu tragen hatte, nicht gewachsen. Der ständige Streit und der Alkoholismus hatten sie stark belastet. … sie warf sich einfach auf den Boden und hielt sich die Ohren zu. … Für viele Kinder ist Flucht der erste Impuls, aber Menschen, die auf den Ausgang zutaumeln, finden meist nicht den richtigen. … Das ist der Grund, warum meine Mutter, die zweitbeste Absolventin ihres High-School-Jahrgangs, ein Baby hatte und geschieden war, aber nicht einen Fuss in ein College gesetzt hatte, bevor ihre Teenagerjahre zu Ende waren.

Der Autor, J.D. Vance, ist das zweite Kind von Bev, hat aber einen anderen Vater als seine Schwester Lindsay. Beziehungen, die die Mutter nach der Scheidung einging, dauern nie lange und zerbrechen bald, der junge J.D. hat im Grunde keine männliche Bezugsperson bzw. Vaterersatz. Er wird früh zu Adoption freigegeben, da sich sein leiblicher Vater überhaupt nicht für ihn interessiert. Wegen dieser Umstände und weil die Mutter immer weiter in den Strudel von Arbeitslosigkeit, Alkohol, später dann auch andere Drogen und Gewalt gerät, lehnt sich der Junge sehr stark an die Großeltern (‚Mamaw‘ und ‚Papaw‘) an, die ihm bei aller Aggressivität, die auch bei ihnen zu finden ist (und die in ihrem sozialen Umfeld nicht weiter auffällig ist) ein hohen Maß an Geborgenheit bieten. Auch die Bindung zu seiner älteren Schwester ist sehr eng, Lindsay ersetzt ihm zeitweise die Mutter.

Es ist bemerkenswert, daß diese erste Generation der Hillbillys, die der Arbeit in die Städte nachgezogen sind, noch Werte wie Fleiß oder Strebsamkeit hochhielten, sie strampelten sozusagen, ohne jedoch dem Sumpf wirklich entkommen zu können. Die zweite Generation der Kinder jedoch ließ sich in realiter großenteils gehen, war faul und arbeitsscheu (Vance schildert dafür einige Beispiele), hatte aber ein völlig anderes Selbstbild: Daddy sagt, dass er mal gearbeitet hat. Aber das Einzige, was er je gemacht hat, ist, seinen Arsch zu massieren. Warum gibst du es nicht einfach zu, Papa? Daddy war Alkoholiker. Er war immer besoffen, und er hat nicht zu essen mit nach Hause gebracht. Mom war es, die ihre Kleinen versorgt hat…. lautet ein Zitat, das Vance zu diesem Punkt anführt.

Ein Wendepunkt in Vance` Leben war der Versuch seiner Mutter, ihn umzubringen. Dies führte zu einer häßlichen Szene mit Polizeieinsatz und einer Gerichtsverhandlung, in der der Junge seine Mutter aber nicht belastete, der ‚Fall‘ wurde intern geregelt. J.D. Vance lebte danach bei seiner Großmutter, seine Mutter konnte, musste er aber nicht mehr besuchen. Damit zog nach den vielen ‚Stiefvätern‘ und den damit einhergehenden häufigem Wohnungswechseln eine gewissen Konstanz in das Leben des Jungen ein.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis für ihn war es, daß er seinen Adoptivvater kennenlernte. Dieser lebte mit seiner neuen Familie außerhalb der Hillbillys in einer evangelikalen Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Wertesystem. Als J.D. ihn dort besucht, macht es ihn schier fassungslos, daß die Erwachsenen sich nicht anbrüllen, sich nicht streiten oder aufeinander einschlagen…. Es sind im Grunde solche Szenen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die gewaltbereite Tradition der Hillbillys besonders deutlich hervortreten lassen. Selbst als Erwachsener mit Uniabschluss sollte er später noch z.B. über seine Schwiegereltern in spe staunen, die völlig harmonisch ohne böse Worte miteinander umgingen.

Mit der relativen Geborgenheit bei ‚Mamaw‘ und deren Ehrgeiz bezüglich des Jungen bessern sich die Schulleistungen und ein Besuch der Ohio State University wird möglich. Ratlos sitzen Oma und Junge vor den Bewerbungsunterlagen, die Fragen der Fragebögen passen nicht in ihre Welt… Vance fühlt sich jedoch noch nicht bereit, auf die Uni zu gehen und verpflichtet sich bei den Marines, bei denen er durch eine völlig neue Welt kennenlernt, dies aber, man muss es zugeben, zu seinem Besten. Er lernt viel dort, vieles, was man als Kind in einem funktionierenden Elternhaus automatisch lernt, was aber in einer so desolaten Tradition wie die der Hillbillys unbekannt ist. Selbstbild, Selbstwertgefühl, einfache Alltagsfähigkeiten, all das wird in dieser Zeit nachhaltig verbessert bzw. erst ausgebildet. Nach vier Jahren (er war auch im Iraq) wird Vance entlassen, graduiert sich an der Ohio University und bewirbt sich in Yale für Jura, wo er auch angenommen wird. Das Studium in Yale ist für ihn viel ‚billiger‘ als an anderen Universität, es gibt für Studenten schwacher sozialer Schichten eine Menge Förderprogramme, die andere Universitäten nicht haben, so daß einfacherer Unis unter Umständen teuer sind als eine Eliteuniversität wie Yale. Aber wer weiß das schon? Die Großmutter war inzwischen verstorben, Vance selbst löste sich innerlich in dieser Zeit endgültig von Middletown, das Verhältnis zu seiner Mutter, die immer tiefer in den Teufelskreis Droge-Entzug-Droge… gerät, wird sehr ambivalent.

Auch sein Studium in Yale schließt Vance erfolgreich ab, heute arbeitet er für eine Investmentfirma [5].


Im umfangreichsten Teil der Hillbilly Elegie schildert J.D. Vance sein Leben, eingebettet in die Geschichte seiner Familie. Der kleinere (nichtsdestotrotz sehr interessante und aufschlussreiche) Teil des Buches befasst sich der Analyse seiner Situation, der Reflektion über den Charakter der Subkultur der Hillbillys und den daraus folgenden Schlüssen. Das Ergebnis dieser Betrachtungen, in die auch Erkenntnisse soziologischer Studien einfließen, sind alles andere als optimistisch.

Die weiße Arbeiterklasse weist als einziges Milieu in den Staaten eine abnehmende (und sowieso schon geringere) Lebenserwartung auf, die eigenen Zukunftsaussichten werden als schlecht eingestuft, auch damit unterscheiden sie sich von anderen Bevölkerungsgruppen, sogar die Gruppe der Afroamerikaner sieht ihr Leben nicht derart düster. Der sprichwörtliche amerikanische Traum ist für sie nicht mehr existent. Man muss aus der Schilderung von Vance sogar folgern, daß diese Hillbillys dabei sind, sich in Gänze von der Gesellschaft abzukoppeln, ein Mann wie Obama, so schildert Vance, ist für sie wie ein Ausserirdischer, mit dem sie nichts mehr gemein haben, die andere Hautfarbe ist noch das geringste Problem dieser Art von ‚Rassismus‘. Er verkörpert einfach eine andere Welt, in der alles anders ist und die nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Hillbillys zu tun hat. Sprache, Ausbildung, Kleidung, Umgang: von einem anderen Stern.

Eine Lebenswirklichkeit, die sich die Hillbillys selbst zurechtbiegen. Verdrängung, Schuldzuweisungen nach außen, verbunden mit einer miesen Schulbildung und einer katastrophal schlechten Familienstruktur, dazu das wachsende Drogenproblem – das sind nur einige Punkte, die man verantwortlich machen kann. Eine Kultur der Gewalt, der Aggression, die sich auch physisch niederschlägt, weil die körpereigenen Stresssysteme immer auf Hochtouren laufen und permanent und noch jahrelang (selbst wenn man in ganz anderen Verhältnissen lebt) stete Verteidigungsbereitschaft gegen vermeintliche Angriffe aufrechthalten. Menschen, die nicht mehr in der Lage (oder willens) sind, sich zu informieren, die Zeitungen prinzipiell misstrauen, die dagegen bereit sind, jede auch noch so unwahrscheinliche Behauptung zu glauben (Obama ist Muslim, Bill und Hillary Clinton sind in Kinderhandel auf Haiti, Ritualmorde und Satanismus verwickelt und ähnlich abstruses mehr), wenn sie in ihr persönliches Weltbild passt. Wenn man diese Ausführungen von Vance gelesen hat, wundert man sich nicht mehr, daß Trump trotz seiner wirren Aussagen wählbar war und immer noch ist, vielleicht ist er es sogar wegen dieser Aussagen, völlig unabhängig von deren Realitätsgehalt. Dazu passt die aktuelle Meldung, daß nach 100 Tagen Regierungszeit nur 2% der Trumpwähler bedauern, ihn gewählt zu haben, sehr gut [8].


Ich bin überzeugt, dass wir Hillbillys die zähesten, unerschütterlichsten Menschen der Welt sind. Wer unsere Mütter beleidigt, wird mit der elektrischen Säge traktiert. Wir zwingen junge Männer dazu, Baumwollunterwäsche zu essen, um die Ehre unserer Schwester zu verteidigen. Aber sind wir auch zäh genug, eine Gemeinde aufzubauen, die Kinder wie mich zwingt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, statt sich aus ihr zurückzuziehen? Sind wir zäh genug, um in den Spiegel zu sehen und zuzugeben, daß unser Verhalten unseren Kinder schadet? […] Nicht Regierungen oder Konzerne haben diese Probleme geschaffen, auch sonst niemand. Wir haben sie selbst geschaffen, und nur wir können sie lösen. […] Die genaue Lösung kenne ich auch nicht, aber ich weiß, daß sie dort ansetzt, wo wir aufhören, Obama oder Bush oder irgendwelche gesichtslosen Konzerne verantwortlich zu machen, und uns fragen, was wir selbst tun können, um die Lage zu verbessern.


In Hillbilly Elegie zeichnet J.D. Vance von eigenen Erfahrungen ausgehend und diese mit u.a. soziologischen Untersuchungen untermauernd, erweiternd und verallgemeinernd das Bild einer Subkultur, die den Kontakt zur Lebenswirklichkeit zu verlieren droht. Das Resümee, das man aus der Darstellung Vance‘  ziehen kann, bietet wenig Anlaß, optimistisch in die Zukunft zu sehen, da vor allem nicht erkennbar ist, daß bei den Betroffenen selbst der Wille da ist, zu verändern. Das stetig wachsende Drogenproblem verschärft diese Tatsache vollends. Es bedarf offensichtlich vieler glücklicher Umstände, daß jemand diesem Milieu zumindest die äußerlichen Verhältnisse betreffend entkommt, Vance macht aber auch deutlich, daß die gesamte, von Aggression u.a. Stress bestimmte Lebensweise der Hillbillys irreparable psychische Schäden hervorruft [6]. Auch wenn der jetzige Präsident der USA natürlich noch andere Wähler hatte, verwundert es nach der Lektüre des Buches jedenfalls nicht, daß Trump in den ‚Hillbilly-Staaten‘ wie Ohio, Kentucky, oder West-Virgina, die z.T. auch als Swing-States galten, gewonnen hat [7]. All die Eigenschaften und Äußerungen Trumps, die ihn den Augen der ‚anderen‘ unmöglich machen, sind für die Hillbillys allenfalls ein Zeichen dafür, daß er zu ihnen gehört [vgl. auch Sailer in 4]. Jemand, der seine Arbeitsstelle selbst kündigt und Obama dafür verantwortlich macht, ist auch für alternative Fakten empfänglich….

Sicher ist einiges von dem, was Vance beschreibt, im Analogschluss auf andere Milieus, auf andere Gruppen, die in Gefahr sind, Parallelgesellschaften auszubilden, übertragbar. Bildungsferne, ein mit erheblichem Aggressionspotential verbundener Ehrbegriff, eine falsche Selbstwahrnehmung, die Verweigerung, für die eigene Lebenssituation Verantwortung zu übernehmen und diese auf andere zu deligieren oder auch das Ausnutzen von sozialen Hilfen und Unterstützung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Hillbillys. Insofern kann man aus diesem Lebenslauf von J.D. Vance unter Umständen auch Lehren ziehen für eigene gesellschaftliche Probleme.

So macht Vance mit seiner Biographie deutlich, wie gespalten die Gesellschaft der USA ist. Und schlimmer noch: auch er, der dieser Gesellschaft entstammt, kann nicht sagen, womit man diese Spaltung rückgängig machen könnte, im Gegenteil, scheint dieser Prozess im Irreversiblen angekommen zu sein. Der Teufelskreis aus faktischem Stellenmangel, aus persönlicher Faulheit, aus immer anspruchsvolleren Berufsbildern, die mit einer absolut unzureichenden Schulbildung konfrontiert werden – wer soll, wer kann (und vor allem wie) diesen Kreislauf durchbrechen?

Links und Anmerkungen:

[1] zur offiziellen Webpräsenz des Autoren: http://www.jdvance.com
[2] Wiki-Seite zu den Appalachen: https://de.wikipedia.org/wiki/Appalachen
[3]
[4] Razib Khan: The Scots-Irish as indigenous people; in:  http://blogs.discovermagazine.com/gnxp/2012/07/the-scots-irish-as-indigenous-people/#.WPhUvqVSDcs
vgl. auch diesen Aufsatz: Steve Sailer: Is Trump Scots-Irish? in:  http://www.unz.com/isteve/is-trump-scots-irish/
[5] siehe hier: http://www.mithril.com/team/
[6] als ich diesen Abschnitt las, fiel mir auf, daß ich mir selbst heute noch hin und wieder an Sonntagen sage, du musst da morgen nicht hin und ich damit eine aufkeimende Nervosität ersticke. Den Job, um den es geht, hatte ich Anfang der neunziger Jahre (!) gekündigt…
[7] vgl. die Landkarte z.B. hier:  https://www.welt.de/politik/…Trump.html
[8] ZEIT online: Donald Trumps Umfragewerte auf Rekordtief; in:  http://www.zeit.de/…amtsjubilaeum

J. D. Vance
Hillbilly-Elegie
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Originalausgabe: Hillbilly Elegy, NY, 2016
diese Ausgabe: Ullstein, HC, ca. 304 S., 2017

Matthew Battles, Bibliothekar in Harvard [1] und Kolumnist in verschiedenen Magazinen, hat mit Die Welt der Bücher ‚Eine Geschichte der Bibliothek‘ vorgelegt. Das Werk ist nicht mehr ganz neu, 2003 erschienen, aber bei der Zeitspanne, die das Buch thematisch überstreicht, spielen die paar Jahre kaum eine Rolle – obwohl wir Jetzigen ja mittendrin sind in einer Revolution, dem Aufkommen der digitalen Welt auch auf dem Sektor des Schriftlichen und zumindest der Etablierung nur noch elektronisch gespeicherter Inhalte als parallelen Zweig zum Gedruckten. Jedoch spielt diese Tatsache in Battles Betrachtungen praktisch noch keine Rolle, er sieht diesen Wandel zwar kommen, doch mit dem Analogschluss, die Bibliothek als Institution habe schon so manche Entwicklung im Buchwesen überdauert, äußert er sich optimistisch, was die Zukunft angeht: Indem sie die Bücher und die in ihnen enthaltenen Worte beschützte, hat die Bibliothek sich immer aufs Neue gegen die Technik und die Kräfte der Veränderung behauptet und es geschafft, die Macht der Herrscher im Zaum zu halten. Solche Veränderungen sind Teil jenes endlosen Zyklus der Erneuerung, für den die Bibliothek ihren Lesern danken muss.


Es kommt nicht darauf an,
wie viele Bücher man besitzt,
sondern wie gut sie sind.

Seneca

Dieser Ausspruch des Römers kann als eine Art Motto gesehen werden für die frühen Bibliotheken, deren Werke eine Essenz darstellen alles dessen, was gut und schön im klassischen Sinn ist oder klassisch im Verständnis des Mittelalters. … eine streng orchestrierte Zusammenstellung von Idealen. Entsprechend auch die Ordnung in der Bibliothek und die Funktion des Bibliothekars als Hüter und Wissender, wo ein Werk steht und zu finden ist. Nach der Erfingung des Buchdrucks, der eine inflationäre Vermehrung von Büchern hervorrief, geriet dieses Ordnungsprinzip heftig ins Wanken – eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder Bücherfreund früher oder später macht, wenn intuitive Ordnungsprinzipien ab einer bestimmen Anzahl von Büchern im Regal einfach nicht mehr greifen. So habe ich selbst meine Bücher (Belletristik) anfänglich streng in Hardcover und Taschenbücher getrennt, die HC-Ausgaben farblich und innerhalb der Farben nach absteigender Größe geordnet. Nachdem sich dann aber zeigte, daß ich mehrere Titel in drei oder gar vier verschiedenen Ausgaben besaß, wusste ich: es muss etwas geschehen. Fortan gab das Alphabet die Reihenfolge vor.

Aber angefangen hatte es ganz anders. Die ersten Textsammlungen in Mesopotamien bestanden aus Tontafeln, in Ägypten wurden in der berühmten Bibliothek von Alexandria hunderttausende Papyrusrollen verwahrt, Brände zerstörten immer wieder Teile des Bestandes. Nach Battles war die Bibliothek von Alexandria in gewisser Weise der Prototyp der modernen Universalbibliothek: eine Einrichtung mit universalen Ambitionen … und dem erklärten Ziel, .. alles zu besitzen.

Weitere Stationen der Battles’schen Betrachtung sind das alte China, in dem Herrscher ihren Machtanspruch dadurch festigten, daß sie die Erinnerung, sprich: auch die schriftlichen Zeugnisse, an ihre Vorgänger tilgten. Auch Rom hatte seine Sammler und Bibliotheken, Cicero ist einer der bekanntesten, ein ‚Homme de lettres‘. Gebildete Sklaven hatten die Aufgabe, alte Texte abzuschreiben und zu vervielfältigen, damit sie unter Sammlern weitergereicht werden konnten.

Dem mittelalterlichen Europa waren Bücher nicht so wichtig, Werke aus alter Zeit eher suspekt. Wäre der Islam nicht gewesen, der viele der alten griechischen Bücher (und andere ebenfalls) ins Arabische übertragen und gesammelt hätte…. in Cordoba umfasste allein der Katalog der Bibliothek von Al-Hakim 44 Bände, die Anzahl der Bücher bewegte sich zwischen 400.000 und 600.000…. In Europa lebte das Bibliothekswesen erst im 15. Jhdt wieder unter den Medici in Florenz und dann in Venedig mit der ersten modernen ‚öffentlichen‘ Bibliothek auf: Das alles ist eindeutig Teil eines Programms zur Eigenwerbung und zur öffentlichen Feier des Familiennamens. …

Die Kirchen, natürlich hatten sie Büchereien und Büchersammlungen, deren Titelbestand jedoch nur wenige Hundert Stück umfasste und die in einem Raum aufzustellen waren und die von den klassischen Werken beherrscht wurden. So besaß die Bibliothek von Lorsch im 10. Jhdt. bei einer Gesamtzahl von 590 Bänden allein 98 von Augustinus… unter diesen Umständen ließ sich leicht Ordnung halten.

Beim Übergang zum 14. Jhdt gab es jedoch auch schon Bibliotheken, deren Bestände größer waren, die Bibliothekare fingen an, eine alphanumerische Ordnung einzuführen. Die Kataloge, von ’scriptores‘ erstellt, wurden zum Schlüsselelement der neuen Gelehrsamkeit. Noch ‚rangen‘ die Ordungsprinzipien miteinander, wurden die Titel nach Wissensgebieten unterteilt, und in diesen dann aber alphabetisch.


Ein ausführlicher und wahrhaftiger Bericht über die Schlacht, die letzten Freitag in der St. Jakobsbibliothek zwischen den alten und den modernen Büchern ausgefochten wurde.

Eine zentrale Stellung nimmt in Battles Darstellung die ‚Bücherschlacht‘ ein, der berühmte Streit über die alte und die moderne Gelehrsamkeit. … [3] was nichts anderes meint, als das ein Teil der Bibliothekare der Meinung war, die Auswahl der Bücher, die man lesen solle, sei nicht schwer zu treffen, … Es sind die ältesten, jene, die in unmittelbarer Nähe um goldenen Zeitalter Homers geschrieben worden sind. Diese Bücher dürften nicht von pingeligen Philologen auseinander genommen und wissenschaftlich geprüft werden, sondern sie seien mit Ehrerbietung zu lesen …. während die Gegenposition der Meinung war, daß …mit der Vervielfältigung der Kopien von Büchern dank des Buchdrucks … die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt beginnen könne. Anfang des 18. Jhdt. war mithin eine Entscheidung notwendig zwischen der Gelehrsamkeit des Alten oder den neuen Techniken der Kritik. Und es war die Zeit, in der Journale aus dem Boden sprossen und die ersten Romane, die nicht die Erziehung, die Bildung oder die Anleitung des Lesers zu Ziel hatten, sondern seine Unterhaltung, erblickten das Licht der Welt.

Es begann die Zeit, in der das Buch vom Kunsthandwerk zur Massenware eines industsriellen Herstellungsprozesses wurde, die große Zeit der Nationalbibliotheken begann, der Bestände schnell in die Hundertausende wuchs. Auch, weil die Verleger verpflichtet wurden, von jedem Titel aus ihrer Produktion Pflichtexemplare an die Nationalbibliothek zu liefern. Je größer die Bestände, desto wichtiger wurde als direkte Folge davon der Bestandskatalog. Hier geht Battles ausführlich auf den in Italien geborenen Antonio Panizzi ein, der als Bibliothekar der British Library ein völlig neues Katalogsystem entwickelte.

Auf einer zweiten Schiene entwickelten sich eine andere Art von Bibliotheken, die sich erklärtermaßen das Ziel setzten, die armen und bildungsfernen Bevölkerungsschichten an das Buch heranzuführen: man hatte erkannt, daß auch die Bildung bei Arbeitern für die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft von Bedeutung war. Und daß Bibliotheken ein höheres Gut zu bieten hatten als nur Verstand: Sie machten auch glücklich. So entstanden letztlich steuerfinanzierte öffentliche Bibliotheken und Leihbüchereien.


Der Schwerpunkt der Betrachtungen Battles‘  liegt auf den angelsächsischen Bibliotheken, Einrichtungen anderer Länder werden nur sporadisch genannt. Deutschland, wen wundert’s, dient vor allem als Beispiel für die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern in schier unvorstellbarer Menge, wie sie im Dritten Reich geschah. Wobei der 10. Mai 1933 nur ein Tag in diesem Prozess war, der sich über Monate hin über das gesamte Land legte, in dem sukzessive geächtete Schriftsteller und/oder Bücher nicht nur aus öffentlichen Bibliotheken und aus Buchhandlungen, sondern aus Angst vor Repressionen und Denunziationen auch aus privaten Beständen vernichtet wurden.

Auf der anderen Seite stellten die Nationalsozialisten aus den gestohlenen Beständen jüdischer Bürger, die sie deportiert oder gleich ermordet hatten, neue Büchersammlungen mit Judaica zusammen, andere ‚erbeutete‘ Bestände wurden verbrannt, als Altpapier genutzt oder auch an ausländische Interessenten verkauft.

Battles erinnert gleichfalls daran, welch wichtige Funktion (improvisierte) Bibliotheken in den jüdischen Ghettos im Dritten Reich hatten, die Bibliothek des Musterlager Theresienstadt umfasste um dei 100000 Bücher, die des Block 31 in Birkenau acht Titel…..

… überall dort, wo gelesen wird, brennen auch Bücher: in Tibet nach Annexion durch die VR China, 1981 die Tamilen-Bibliothek in Sri Lanka, Buchsammlungen in Afghanistan durch die Taliban. Gegen 22:30 am 25. Augusgt 1992 fingen die Serben unter Ratko Mladic an, die Nationalbibliothek in Sarajewo gezielt zu beschießen und in Brand zu setzen. In gleicher Weise wurdne das Orientinstitut mit seinen bedeutenden Beständen, das bosnische Nationalmuseum, die Universitätbibliothek von Mostar und hunderte weitere Bibliotheken vernichtet, um so die Erinnerung an die gemeinsamen Jahrhunderte auszulöschen, in denen die verschiedenen Ethnien zusammen und fruchtbarem Miteinander lebten. [4]

Den Abschluss des Buches bilden noch einmal Gedanken des Autoren zur gegenwärtigen und vermutlich zukünftigen Bedeutung von Bibliotheken.


Die Welt der Bücher ist, obwohl sie in Kritiken zum Teil derbe verrissen wird [2], für einen normalen Leser eine durchaus interessante Lektüre. Natürlich ist es keine umfassende Geschichte der Bibliothek(en), dazu ist sie viel zu sehr auf den angelsächsischen Kulturkreis fokussiert. Andererseits diskutiert der Autor anhand ’seiner‘ Bibliotheken Themen von allgemeiner Gültigkeit wie die Rolle und Funktion eines Bibliothekars im Lauf der Zeiten, die Bedeutung der Kataloge und der systematischen Einordnung von Büchern in ein Katalogsystem. Stellenwert, Funktion, Aufgabe: all das hat sich im Lauf der Jahrhunderte, vllt sogar Jahrtausende gewandelt und dieser Wandel ist im Buch erkennbar. Die neuerliche Herausforderung an das geschriebene Wort und seine Dokumentation durch die elektronischen Medien wird nicht ausführlich behandelt, dies dürfte dem ‚Alter‘ des Buches von Battles geschuldet sein.

Zusammenfassend kann ich festhalten, daß mir das Buch einige interessante Stunden vermittelt hat, in denen ich eine Menge Fakten erfahren habe, die mir so noch nicht bekannt waren.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://cyber.harvard.edu/people/mbattles
[2]  z.B. von Jörg Plath: Das große Abbild; in:  http://www.deutschlandfunk.de…81739
[3] vgl. hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bucherschlacht-7222/2
[4] Eine Übersicht über kriegsbedingte Vernichtungen von Bibliotheken findet sich z.B. hier: Into the flames: Libraries in the time of armed conflict: Why the world needs a new Non-Governmental Organization: Librarians Without Borders (LWB); in: http://capping.slis.ualberta.ca/global/andrew/into%20the%20flames.htm

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Matthew Battles
Die Welt der Bücher
Eine Geschichte der Bibliothek
Übersetzt aus dem XXX von Sophia Simon
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Artemis & Winkler, HC, ca. xyz S., 2003

Schaut man sich die Liste aller bisherigen Nobelpreisträger [3] an, so fällt der Name ‚Curie‘ heraus, weil er insgesamt fünfmal dort auftaucht:

  • 1903 wurde der Preis für Physik an Pierre Curie und seine Frau Marie Curie vergeben,
  • 1911 erhielt Marie Curie als alleinige Preisträgerin die Auszeichnung in der Kategorie Chemie und
  • 1935 schließlich erhielten Tochter Irène Joliot-Curie und Schwiegersohn Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis

Aus diesen nüchternen Fakten läßt sich die beeindruckende Ausnahmestellung Marie Curies (1867 – 1934) herauslesen: Sie war die erste Frau überhaupt, der ein Nobelpreis verliehen worden war, sie war die erste (von insgesamt nur sechs) Personen, die den Preis zweimal erhielten und mit ihrer Tochter Irène sind sie das einzige Mutter/Tochter-Paar, das diesen Preis bisher zuerkannt bekam. Daß sie ihre erste Auszeichnung zusammen mit ihrem Ehepartner erhielt, ist ebenfalls eine große Ausnahme.

Eine imponierende Frau also, die in Polen als fünftes Kind eines Lehrerehepaares geboren worden war. Polen war zu dieser Zeit kein selbstständiger Staat, sondern gehörte zum Reich des russischen Zaren, der Polnisches im Land verbot, so z.B. die Sprache… Der Familie Sklodowski wurde mangelhafte Loyalität zu Russland vorgeworfen, was zu Repressionen führte. Die Tochter Maria (die Umbenennung in Marie fand erst später statt) interessierte sich früh für wissenschaftliche Geräte und Probleme. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, schloss sie mit ihrer Schwestern Bronja einen Pakt, nach Frankreich zu gehen, wo Frauen einen Studienplatz erhalten konnten. Erst wollte die jüngere Schwester die ältere unterstützen, danach sollte es umgekehrt sein.

Ich will jetzt weder den wissenschaftlichen Werdegang von Marie Curie noch ihren privaten Lebenslauf wiedergeben, dies nämlich ist Inhalt des ersten Teils von Schadwinkels Ausführungen. Mit ihrer Arbeit geht es der Verfasserin im wesentlichen darum, das öffentliche Bild der Frau, die ihre Rollen als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter in der öffentlichen Wahrnehmung mit einschüchternder Perfektion ausgefüllt hat und die mit ihrer Einstellung Frauen den Weg in der Forschung geebnet habe, unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und als Ergebnis einer spektakulären Imagekampagne zu erkennen. „Dieser war es nämlich gelungen, das Bild einer Art Superheldin zu schaffen, die zu klug, zu engagiert und zu talentiert war, um von normalen Frauen nachgeahmt zu werden.“ Die normalen „Erdlinge“ waren nicht gut genug für diesen Mythos, sie konnten nur scheitern. Marie Curie also als übermächtige, einschüchternde Person. Wobei diese ‚Korrektur‘ nichts ändert an der Großartigkeit der Leistung und der Person Marie Curies.

Was war passiert? Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre (1906) trauerte Marie Curie sehr unter ihrer Verlust.  Wenige Jahre nach dem Tod Pierres kam es zu einer Schmutzkampagne gegen sie, die Polin, weil ihre Liebesbeziehung mit dem verheirateten Physiker Langevin bekannt wurde und zu üblen Rufschädigungen führte [6]. Daß sie Nobelpreisträgerin war (im allgemeiner Einschätzung jedoch eher die Assistentin ihres Mannes galt), spielte in der voyeuristisch aufgeheizten Debatte keine Rolle mehr, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit litt dramatisch. Dazu kam, daß – später auch unter der Nachwirkung des Krieges – ihr Labor miserabel ausgestattet war, es fehlte an allen Ecken und Enden.

In dieser Situation kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Journalistin Marie Mattingly Meloney [9] auf sie zu und bot ihr die Möglichkeit, über eine Kampagne in den USA Geld zu sammeln, um Forschungsmaterial, sprich Radium, für ihr Labor zu kaufen. Durch die Not gedrungen, stimmte Marie Curie dem Vorschlag der Amerikanern zu, die daraufhin die sowieso schon herrschende Sympathie, die Curie in den Staaten genoss, geschickt immer weiter anheizte und hochpushte.

Weitere Faktoren für das positive Bild Marie Curies in der Öffentlichkeit war die verklärende Biographie, die Eve Curie, die zweite Tochter Maries, verfasste und 1934 veröffentlichte.

In ihrem letzten Abschnitt befasst sich Schadwinkel mit der heutigen Situation von Frauen in der Wissenschaft. Gekennzeichnet ist diese dadurch, daß der Anteil von Frauen auf und in den unteren Stufen, sprich dem Studium, hoch ist, aber je ‚höher‘ hinauf auf der akademische Leiter es kommt, desto geringer wird der Anteil der Frauen, die man trifft. Nur relativ wenigen gelingt es noch ‚oben‘. Die Gründe sind mannigfach und bestehen trotz vieler Förderanstrengungen nach wie vor.

Kurze Abschnitte widmet Schadwinkel ferner möglichen Anwendungen von radioaktiven Substanzen als Strahlenquellen (von radioaktiver Strahlung zu reden ist etwas irreführend, denn die Strahlung ist nicht radioaktiv, sondern sie ist Radioaktivität von Substanzen äußert sich u.a. als Strahlung) z.B. in der Medizin bei der Bekämpfung von Krebs. Erschreckend ist die Naivität, mit der damals die Risiken nicht gesehen wurden. So nutzten ‚Strahlenärzte‘ nach Schadwinkel damals die Rötung der eigenen Haut als eine Art Dosimeter für die an Patienten vorgenommene Bestrahlung…. Ganz kurz geht die Verfasserin auch auf die GAU in Tschernobyl und Fukushima ein. Größeren Raum widmet sie der Diskussion um die heutige Rolle und die Möglichkeiten von Frauen und Forschung und Wissenschaft.


Schadwinkels übersichtsartige Ausführungen sind in der Reclam-Reihe 100 Seiten erschienen [5]. Sie sind knapp gehalten und geben einen konzentrierten Überblick über die biographischen und wissenschaftlichen Eckdaten des Lebens von Marie Curie und daraus resultierenden Fragen von heute.

Als Überblick und Einstieg ist das Heftchen sicher gut geeignet. Leider ist es jedoch so, daß die unter ‚Gemecker‘ angemerkten ‚Klopse‘, die die Wissenschaftsredakteurin [7] in ihrem Text versteckt hat, diesem etwas vom Glanze nehmen.


Gemecker:

An zwei Stellen des Buches bin ich heftig ins Schlingern geraten:

… So nimmt 1942 in Chicago der weltweit erste Atomreaktor den Betrieb auf. Er produziert Material für das Manhattan-Projekt, das die erste Atombombe entwickelt. Sie basiert auf Polonium. Am 6. August schließlich setzt das amerikanische Militär die neue Waffe zum ersten Mal ein. [S. 63]

Tja… Polonium hatte damit nur wirklich nichts zu tun und Polonium mit Plutonium zu verwechseln – das ist schon ein grober Schnitzer von Autorin und Verlag. Der Rest der Aussage ist ebenso zumindest missverständlich. Die erste Bombe (Hiroshima) basierte auf U-235, das in Oak Ridge über eine Gaszentrifugenanlage gewonnen worden war. Plutonium (sic!) war Ausgangsmaterial für den Trinity-Test (der aber nur ein Test und keine Bombe war) und dann für ‚Fat Man‘, den zweiten Atombombeneinsatz der Amerikaner am 9. August 45 über Nagasaki.

Das zweite Schlingern ist dagegen schon fast humoristisch:

… liefert das Paar den Beweis, dass sich ein Element von Menschenhand in ein andres verwandeln lässt. … wird Aluminium nach dem Beschuss zu radioaktivem Phosphor. Die Halbwertszeit des strahlenden Elements beträgt dreieinhalb Minuten – dann zerfällt es zu stabilem, nicht radioaktivem Silikon. [S. 77]

Jetzt erfahren wir Heim- und Handwerker also endlich, wo das Zeug in der Kartusche (oder dem Brustimplantat…) wirklich herkommt…. Mit Silikon ist natürlich das Element gemeint, das den guten, alten und allgemein üblichen Namen Silizium trägt[4]; ‚Silikone‘ dagegen – die es tatsächlich gibt – sind chemisch was völlig anderes, stellen eine eigene Substanzklasse in der (organischen) Chemie dar… Wie steht es so treffend (und vllt auch hier gültig) in der Wiki: „Silikon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Die im Englischen ähnliche Schreibweise führt oft zu falschen Übersetzungen.“ [8]


Links und Anmerkungen:

[1] —-
[2] Alina Schadwinkel: Als Ikone vermarktet, aber der Forschung verschrieben; in:  http://www.zeit.de/wissen/geschichte…komplettansicht
[3] z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger  oder auch hier: https://www.planet-wissen.de/…diefamiliecurie100.html
[4] siehe z.B. hier: http://www.periodensystem-online.de/…nuklid
[5] vlg. hier: https://www.reclam.de/…Infobroschuere.pdf
[6] vgl. z.B. hier: http://www.sciencesofa.info/…dangereuse/
[7] Autorenprofil bei der ZEIT, wo sie im Ressort Wissen arbeitet:  http://www.zeit.de/autoren/S/Alina_Schadwinkel/index
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Silikone
[9] https://www.britannica.com/biography/Marie-Mattingly-Meloney

Alina Schadwinkel
Marie Curie
diese Ausgabe
 (Originalausgabe): Broschiert, 100 S., 2017

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