Der Autor dieses Fachbuches, Klaus Schäfer, hat einen bemerkenswerten Lebenslauf. Nach zwölf Jahren Bundeswehr studierte der 1959 Geborene katholische Theologie, trat dem Orden der Pallottiner bei und arbeitete von 1999 – 2014 als Klinikseelsorger, eine Tätigkeit, die er – nach einem lesenswerten Bericht über ihn in der Stuttgarter Zeitung – Ende des Jahres wieder aufnehmen wird [1].

Das große Engagement Schäfers gilt der Organspende und damit auch dem Konzept des Hirntodes, dessen Feststellung beim Spender unabdingbare Voraussetzung für eine Organspende ist. Es sei  schon hier – weil man dieser unzutreffenden Behauptung immer wieder begegnet – das wichtige Faktum festgehalten, daß das Konzept vom Hirntod als Todeskriterium des Menschen nicht entwickelt worden ist, um Organspende zu ermöglichen, sondern um bei Komapatienten ein eindeutiges Todeskriterium zu haben. In diesem Zusammenhang ist allerdings die Stellungnahme diverser Fachgesellschaften aus dem Jahr 2014, die Schäfer punktweise zusammengefasst anführt, etwas irritierend: Die Feststellung des Hirntods wird vor dem Hintergrund einer eventuellen Transplantation durchgeführt. Zumal zu diesem Zeitpunkt der Organspendeskandal von 2012 noch nicht vergessen war und sich die Stellungnahme der Fachgesellschaften von 1994 wesentlich deutlicher positionierte: Es gibt nur einen Tod, den Hirntod. …. Der Tod wird unabhängig davon festgestellt, ob eine anschließende Organentnahme möglich ist.

Schäfer geht in seinem Buch ausführlich auf die geschichtliche Entwicklung des Konzepts ein. Das Hirntodkonzept ist eng mit dem Bild des Menschen, dem Bild, das wir uns vom Menschen machen, verbunden. Über Jahrtausende hinweg galt das Herz als zentrales Organ des Menschen, in dem das ‚Menschsein‘ verortet ist. Noch heute klingt dies in Redewendungen wie ‚jemanden ins Herz schließen‘ an, auch die ‚herzlichen Grüße‘, mit denen Nachrichten häufig beendet werden, haben diese Geschichte noch in sich. Jedoch gab es auch schon frühe Beobachtungen, die zu dem Schluss führten, daß wesentliche Aspekte des Menschseins über das Gehirn gesteuert werden. Der ‚Tanz der Gehängten‘ (oder nach Rimbaud: ‚Der Ball der Gehängten‘) zeigte andererseits, daß der Körper eines Menschen auch nach dessen Tod noch Reaktionen zeigen konnte, ein Phänomen, das jeder, der schon mal Hühner geschlachtet hat (oder dabei gewesen ist) wohl kennt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Klaus Schäfer geht ausführlich auf diese Punkte ein und macht – zum Teil drastisch – deutlich, daß wir heute die Persönlichkeit eines Menschen im Gehirn verorten müssen, weil hier das Bewusstsein, die  Gefühle, die kognitiven Fähigkeiten, die Wahrnehmung u.a.m. ablaufen. Daraus folgt eindeutig und unbezweifelbar, daß mit dem Tod des Gehirns auch die Einheit Körper/Seele (theologisch gesehen) bzw. Körper/Geist aufgebrochen ist. Viele Körperfunktionen können andererseits bei künstlicher Beatmung aufrecht erhalten werden. Der Komapatient, bei dem der Hirntod festgestellt und der damit als Toter erkannt worden ist, weist daher oberflächlich betrachtet Eigenschaften eines lebenden Körpers auf, dies macht das Akzeptieren des Hirntodes als Todeskriterium psychologisch oftmals schwierig: das Herz schlägt, er atmet (wenngleich die Atmung auch maschinell aufrecht erhalten wird), der Körper ist warm, der Stoffwechsel funktioniert, durch Reize können Reflexe hervorgerufen werden u.a.m.

Das Konzept des Hirntodes greift nur bei Komapatienten. Daher geht Schäfer auch auf dieses Phänomen ausführlich ein, ebenso charakterisiert er andere Krankheiten, bei denen der Patient möglicherweise einen komaartigenEindruck erweckt, weil er sich nicht mehr bewegen und/oder kommunizieren kann: Lock-in Syndrom, apallisches Syndrom, Stupor u.ä. Wichtig ist daher die penible Untersuchung des Patienten: nach einem im Lauf der Jahre immer wieder überarbeiteten Untersuchungsschema wird nach strengen Kriterien auf einen möglicherweise eingetretenen Hirntod untersucht (Hirntoddiagnostik, HTD). Der Hirntod ist ein ‚unsichtbarer‘ Tod, der offizielle Todeszeitpunkt ist der der Feststellung des Hirntodes. Wann das Gehirn tatsächlich seine Tätigkeit eingestellt hat, ist nicht feststellbar, ein Komapatient und ein Hirntoter unterscheiden sich äußerlich nicht. Ausführlich beschreibt Schäfer die Vorgänge im Hirn, die letztlich zu seinem Tod führen können/werden.

Nach der Feststellung des Hirntodes kann, soweit die Erlaubnis zur Organspende vorliegt, die künstliche Beatmung weitergeführt werden und eine Behandlung unter der jetzt geltenden Prämisse, Spenderorgane im bestmöglichem Zustand entnehmen zu können, erfolgen. Psychologisch kann dies für das Pflegepersonal problematisch sein, da jetzt plötzlich ein Toter zu betreuen und zu pflegen ist. Schäfer betont ein ums andere Mal, wie wichtig es ist, daß das Team, das sich um einen Hirntoten kümmert, das Konzept des Hirntodes verinnerlicht hat und es glaubwürdig auch gegenüber Hinterbliebenen vertritt. Schon ein leise anklingender Zweifel durch ein Teammitglied kann deren Vertrauen in das Team nachhaltig und kaum wiederherstellbar zerstören. Im Teil IV: Kommunikation und Seelsorge gibt Schäfer eine Vielzahl von Ratsschlägen und Beispielen für gelungene oder auch misslungene Kommunikation mit Patienten bzw. Hinterbliebenen.

Ausführlich geht Schäfer ebenfalls auf Argumente von Kritikern des Konzepts ein, immer wieder geht ja durch die Presse, daß vorgeblich Hirntote wieder ins Leben zurückgefunden hätten oder doch noch Schmerz empfinden könnten bzw. Reste von Bewusstsein aufwiesen. Letztlich lassen sich diese Meldungen auf drei zugrunde liegende Tatsachen zurückführen: (i) in anderen Staaten wird der Hirntod nicht wie in D/A/CH als totaler Funktionsausfall des Gesamthirn (i.e. Groß-, Klein und Stammhirn), sondern als Tod nur des Stammhirns definiert (z.B. in den USA). Bei letzterer Definition sind Restaktivitäten z.B. des Großhirns prinzipiell möglich. (ii) es wurde keine oder keine korrekte Hirntoddiagnostik (HTD) durchgeführt und (iii) werden in der Kommunikation durch Medien und Gegner des Hirntodkonzepts häufig Begriffe und die damit verbundenen Phänomene nicht streng getrennt, Komapatienten oder Apalliker beispielsweise als Hirntote bezeichnet.

Ein Komapatient wird auf Hirntod untersucht, wenn es Anzeichen gibt, daß das Gehirn ausgefallen ist und ein Hirntod vermutet wird. Wird der Hirntod festgestellt, kann die intensivmedizinische Behandlung eingestellt werden, es sei denn, die dann im Raum stehende Frage einer Organspende wird positiv beantwortet. Dann wird die künstliche Beatmung des toten Spenders bis zur Organentnahme aufrecht erhalten. Es ist daher konsequent, wenn Schäfer in seinem Buch dem Thema Organ- und Gewebespende einen breiten Raum einräumt und in allen Aspekten diskutiert. Fakt ist, daß durch einen Organspender im Schnitt bei drei Empfängern Lebenszeit und/oder -qualität deutlich erhöht bzw. verbessert werden können, Fakt ist aber auch, daß es an Spenderorganen mangelt und viele Menschen sterben, bevor man ein Ersatzorgan zur Implantation bereit steht.

Selten tritt der Fall auf, daß bei einer schwangerer Frau der Hirntod diagnostiziert wird; es muss daher/jedoch jede hirntote Frau im gebärfähigen Alter auf eine mögliche Schwangerschaft untersucht werden. Wird diese festgestellt, wird – soweit im Bereich des Möglichen – versucht, die Körperfunktionen der Hirntoten aufrecht zu erhalten, um den Fötus im Mutterleib bis zur Geburt reifen zu lassen. Das Aufrechterhalten der Körperfunktionen wird jedoch um so schwieriger, je länger es durchgeführt werden muss. Auch dieser Fall mit dem Ziel, ein gesundes, entwickeltes Baby auf die Welt zu bringen, wird von Schäfer ausführlich beleuchtet.

Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang mit nützlichen Infos (Adresslisten, Ansprechpartner etc.) sowie kurzgefassten Erklärungen und einem Glossar.


In einer Erklärung medizinischer Fachgesellschaften wird 2015 gefordert, daß die Bevölkerung … stärker über den Hirntod aufgeklärt werden [muss]. In diesem Sinne sieht der Autor Klaus Schäfer sein Fachbuch als geeignet an nicht nur für Profis (unter diesen Begriff subsummiert Schäfer alle von Berufs wegen mit der Problemtik Koma/Hirntod/Organspende Konfrontierten), sondern ebenso für Laien [3]. Unter dieser Prämisse ist das Buch letztlich auch auf meinen Schreibtisch gelandet ebenso wie konsequenterweise diese Buchvorstellung gleichfalls aus der Sicht eines interessierten Laien erfolgt. Ich kann der Meinung des Autoren insoweit zustimmen, als daß die Kernaussagen auch für Laien klar erkennbar und in der Begründung nachvollziehbar sind. Die medizinischen Details, die Schäfer in den ersten Abschnitten ausbreitet, sind – nehme ich mich pars pro toto – für den Laien wohl nicht im Detail verständlich, allein die Fachterminologie, deren sich der Autor bedient, ist da ein großes Hindernis. Will Schäfer sein Buch also auch ausserhalb der Fachwelt verbreiten, wären an dieser Stelle sicherlich zielgruppenorientiert Verbesserungen möglich, die den Text verständlicher machen. Zumal Schäfers Sprache knapp und entschieden ist, ebenso wie er konsequent Kürzel nutzt und einer Herztransplantation bei ihm eben eine Herz-TX ist, weil er durchgängig diesen Term „TX“ für Transplantation verwendet.

Überhaupt die Sprache. Zu Recht besteht Schäfer auf eine korrekte Terminologie, die beispielsweise bei allen Aussagen, die sich auf einen Hirntoten beziehen, berücksichtigen, daß sie sich auf einen Toten beziehen, nicht auf einen lebenden Menschen. Wie schwer dies konsequent zu praktizieren ist, zeigt der Autor selbst an ein, zwei Stellen: … Das ist die einzige Möglichkeit der Sterbebegleitung, die man Hirntoten angedeihen lassen kann. …. [S. 132]. Wie entschieden Schäfer teilweise urteilt, erkennt man, wenn er ohne Wenn und Aber konstatiert: Solange wir unseren Schriftverkehr „Mit herzlichen Grüßen“ beenden, bleiben wir Gefangene. [….der Sprichwörter und Redewendungen, die nach naturwissenschaftlich überholter Vorstellung Gefühle im Herzen verorten.]. Eine Aussage, die im Übrigen zum Widerspruch reizt, werden Redewendungen ja nicht nur über medizinische Fachaussagen definiert…

Auch an anderer Stelle tauchen beim Lesen Fragen auf, beispielsweise in Abb 21: Regionen der DSO. Auf der hier abgebildeten Deutschlandkarte vermisst man eine Legende,  die erklärt, was die drei unterschiedlichen Grautöne und die unterschiedlichen Symbole bei den Städten aussagen. Wobei in der Region NRW überhaupt keine Stadt genannt wird. Auf den benachbarten Seiten 126 und 127 wird zweimal dasselbe Zitat wiedergegeben. Das die Überschrift nicht immer zum Text passt, fällt ebenfalls auf: Unter dem Titel: Britischer Arzt will bei Organentnahme Narkose wird z.B. über die unterschiedliche Definition des Hirntods in verschiedenen Staaten berichtet [S. 114]. Interessant ist auch der Titel einer Dissertation aus dem Jahre 2014 mit dem Titel: Die Erlanger Fälle 1992 und 2007 (bei denen es jeweils um Schwangerschaften bei hirntoten Frauen ging; S.144), deren erste von Schäfer zitierte Stelle lautet: Zudem wurde in den 20 Jahren, die zwischen den beiden Fällen liegen, …


Hinter der Kernaussage, daß der Tod des Menschen, auch wenn sein Körper weiter funktioniert, über den Tod des Gehirns definiert ist, stehe ich selbst voll und ganz, ohne abzustreiten, daß wahrscheinlich auch ich in konkreten Fall Probleme hätte mit einer solchen Situation. Hier sind besonders die letzten Abschnitte des Buches, die sich auf die Kommunikation mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen konzentrieren und auch sehr praxisbezogene Hilfen geben, wertvoll. Zwar sind sie aus der Sicht des Arztes geschrieben („Wie sag ich es meinem Gegenüber“), aber gerade dieser Perspektivwechsel bringt wichtige Erkenntnisse: daß nämlich auch der Arzt, vor allem aber nicht entsprechend geschultes Pflegepersonal seine Probleme hat, Informationen über den Gesundheitszustand bzw den möglicherweise eingetretenen Hirntod, der eine entsprechende Diagnostik nötig macht, zu kommunizieren.

Im Zusammenhang mit dem Hirntod gewinnt der Begriff der ‚Totenwürde‘ eine neue Bedeutung. Die unantastbare Würde des Menschen reicht über den Zeitpunkt seines Todes hinaus, Ärzte sind bei Organentnahmen verpflichtet, die Würde des toten Spenders zu wahren. Dies ebenso wie die Forderung, den Angehörigen bzw. den Hinterbliebenen ausreichend Zeit und Gelegenheit zu geben, in angemessener Form Abschied zu nehmen ist wichtig, ebenso wie das Angebot einer seelsorgerischen Begleitung.

Mein Facit zu Schäfers Buch Vom Koma zum Hirntod ist der vorstehend aufgeführten Beispiele wegen durchwachsen. Als Laie kann man die Kernaussagen und deren medizinische Grundlagen nachvollziehen, ohne jedoch die Details wirklich zu verstehen. Die Abschnitte über Kommunikation und Begleitung sind wertvoll, da sie in ihren Hilfen natürlich allgemein gelten und nicht nur für dieses spezielle Thema. Sollte das Buch in einer Neuauflage erscheinen, wäre eine Überarbeitung sicherlich sinnvoll, um es für Laien besser lesbar zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Andreas Steidel: Es geht um Leben und Tod – Der Pallottiner-Pater Klaus und sein Engagement für die Organspende; in: Stuttgarter Zeitung vom 01. Juni 2017; http://www.stuttgarter-zeitung.de/….html
[2] Klaus Schäfer: Hirntodhttps://radiergummi.wordpress.com/2014/10/26/klaus-schafer-hirntod/
[3] Persönliche Mitteilung des Autoren vom 08.08.2017

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema „Organspende“ betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Vom Koma zum Hirntod
Pflege und Begleitung auf der Intensivstation
diese Ausgabe: Kohlhammer, Softcover, ca. 251 S., mit vielen Abb. und Tabellen, 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Eckhard Fuhr: Schafe

13. Juli 2017

Bücher- und Naturliebhaber werden sie kennen, die Reihe Naturkunden, die bei Matthes & Seitz in Berlin verlegt werden, betreut und herausgegeben von Judith Schalansky. Als Band oder vielmehr Bändchen (denn diese Portraits einzelner Tier- und Pflanzenarten sind meist schmal) No 31 sind Schafe das Thema. Da ich seit Jahrzehnten selbst Schafhalter bin, nehme ich mir die Freiheit, diese Besprechung mit einigen Bildern der eigenen Schafe zu illustieren.

 

Der Autor Eckhard Fuhr, nach eigenen Angaben Journalist, Jäger und Waldläufer beginnt seine Ausführung mit einem tagesaktuellem Aufhänger: dem Wiederauftauchen des Wolfes in heimischen Regionen, aus/in denen der Beutegreifer vor anderthalb Jahrhunderten endgültig vertrieben/ausgerottet worden war. Der Wolf ist sozusagen der natürliche Feind des Schafes, da diese für ihn die adäquate Beute darstellen, zumal, wenn sie auf Koppeln gehalten dicht beieinander stehen. Auch wenn Schafe in Deutschland nie ein wirklich wichtiger Produktionsfaktor in der Landwirtschaft waren, tritt hier ein Interessenkonflikt auf, da die Schäfer sich zum Schutz ihrer Herden wieder auf lang vergessene Praktiken besinnen müssen bzw. auch die Gesellschaft – so sie die Rückkehr des Wolfes will – ihn entschädigen muss.

Dem Schaf haftet friedfertiges an, die Opferrolle. Wer jedoch je auf eine Schafkoppel geraten ist, in der ein z.B. Ostfriesischer Milchschafbock im Ritt ist, wird gemerkt haben, daß diese Friedfertigkeit nicht unter allen Bedingungen gewahrt wird, weit über hundert Kilo kampfbereite Kraft, die auf einen zustürmen, flößen Respekt ein und verleihen eine ungeahnte Fluchtgeschwindigkeit. Nichtsdestotrotz hat das Schaf als ‚Lamm Gottes‘ und Symbol Christi in der christlichen Religion einen zentralen Platz eingenommen, ist als Osterlamm aus diesem Fest nicht wegzudenken und steht auch in Begleitung von Ochs und Esel zu Weihnachten an der Krippe. Aber auch im weltlichen Rahmen symbolisiert das Schaf heute vor allen anderen landwirtschaftlichen Nutztieren noch oder wieder eine Rückbesinnung auf die Natur, auf natürliches Leben: der Beruf des Schäfers ist auch bei Frauen beliebt (wenngleich die harte Realität schon oft so manche romantische Vorstellung widerlegt hat), die Haltung von Schafen, auch seltener Rassen, selbst wenn es nur wenige sind, Liebhaberei von Menschen, die sich etwas Gutes tun wollen.

Wo kommt es her, unser Schaf? Zusammen mit der Ziege gehört es zu den ersten domestizierten Wildtieren, die Forschung geht davon aus, daß es ca. zehn Jahrtausende (vielleicht auch zwölf) her ist, daß man im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds das Wildschaf häuslich machte. Stammvater des Schafs ist das Mufflon, das heute noch in der Wildform auf Korsika und Sardinien lebt, aber auch in heimischen Gefilden anzutreffen ist und – sofern der Wolf zurückkehrt und sich wieder einbürgert – durch diesen ausgerottet werden wird. Das mag bedauerlich klingen, ist aber durchaus zu begrüßen. Schon heute besteht prinzipiell für die Jägerschaft (vgl. Landesjagdgesetz Rheinland-Pfalz §31 Abs. 4) unter bestimmten Bedingungen die Abschusspflicht für weibliche und für Jungtiere [3]. Das Muffel ist nun mal keine heimische Tierart, im übrigen bekommt ihm, aus steinigen Gebirgslagen stammend, weder unser gutes, eiweißreiches Futter noch die weichen, feuchten Böden besonders gut [4]. Neben dem Mufflon gibt es noch weitere Wildschafarten, überhaupt ist das Schaf eine Tierart, die in weiten Teilen der Welt vorkommt: in Asien z.B. das asiatische Argali oder in Amerika das Dickhornschaf.

Mit dem Schaf erschloss sich der Mensch ein Tier, das Wolle, Fleisch und Milch lieferte, und dazu aus Ressourcen, die ihm ansonsten unzugänglich geblieben wären: der Wiederkäuer Schaf kann Futter verwerten, das qualitativ schlecht ist bzw. auf Böden wächst, auf denen kein anderes, hochwertiges Futter (oder auch Getreide) gedeiht.

Aber das Schaf brachte nicht nur Segen über die Menschen. Spätestens mit der Erfinung der Spinnmaschine wurde Wolle so wertvoll, daß es lohnend war, Ackerland in Weide umzuwandeln. Wo vorher -zig Menschen von Ackerbau lebten, fanden danach nur noch wenige Arbeit beim Hüten der Schafe. Ganze Landstriche z.B. in England wurden menschenleer, die wildromantische Landschaft Schottlands ist Ergebnis einer solchen Vertreibung der Bevölkerung an die Küsten. Das in Kleinstaaten zersplitterte Deutschland entkam diesem Phänomen, kein Landesfürst konnte es sich leisten, der Wolle wegen seine Untertanen zu vertreiben.

Die ‚Transhumanz‘ ist ein Begriff, der nicht jedem geläufig sein wird. Er bezeichnet die Wanderweidewirtschaft, also die Wirtschaftsform, in der Schafe teils über weite Strecken auf Jahrhunderte alten Pfaden (‚Triften‘) zwischen Sommer- und Winterweiden hin- und hergetrieben werden. Sie kommt ohne Stall und Winterfütterung aus und ist nicht an einen landwirtschaftlichen Betrieb gebunden, schreibt Fuhr [7]. Andere altherbebrachte Wirtschaftsformen sind der Wanderschäferei in z.B. Süddeutschland und die Alpwirtschaft in Gebirgen. Bei wandernden Schafherden kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, auf den Fuhr ausführlich eingeht: der Hund ist wichtig als Helfer und Partner des Schäfers.

Das Hausschaf existiert in vielen Rassen, die nach diversen Kriterien systematisiert werden können. Mitte des 18. Jhdts. fand in Deutschland eine Revolution statt: der württembergische Herzog schickte eine Delegation aus, die aus Spanien Merinoschafe mit ihrer extrem feinen und wertvollen Wolle besorgen sollte. Die Expedition war erfolgreich, mit den eingeführten Merinos wurden die genügsamen heimischen Landschafe veredelt zu der heute weitverbreiteten Rasse der Merinolandschafe. Auf einen leicht übersehenen Effekt dieser Aktion mach Fuhr aufmerksam: die konservativen heimischen Schäfer taten sich schwer mit den neuen Tieren und mussten in neu zu gründenden Schäferschulen an-, ein- und umgelernt werden mit dem Ergebnis, daß sich das allgemeine Bildungsniveau erhöhte, Schäfer des Lesens und des Schreibens mächtig wurden.

Bevor Fuhr am Ende seines Büchleins einige Schafrassen beschreibt, geht er noch einmal auf die von mir vorstehend schon erwähnte moderne Bedeutung des Schafes im Kontext mit der Rückbesinnung auf die Natur (die neue ‚Landlust‘) ein. Dieser im gesamten Buch durchgängig etwas romantisierend eingefärbte Blick auf unserer Beziehung zum Schaf wird durch diverse Abbildungen unterstrichen. Gemälde von Caspar David Friedrich (Der einsame Baum), Thomas Sidney Cooper (der Schafe wohl zu seinen Lieblingsmotiven gezählt haben dürfte) oder auch das berühmte Agnus Dei von Francisco Zubaran. Neben den genannten Gemälden enthält das Bändchen noch eine Vielzahl weiterer Abbildungen.

Der Rassenportraits sind es nicht allzu viele angesichts der vielen existierenden Rassen. Die Portraits sind – so Fuhr – weitgehend nach persönlichem Gefallen ausgesucht. btw: Die „eindrucksvoll gedrehten Hörner bei den Böcken“ der Heidschnucke nennt man im übrigen ‚Schnecken‘, weiß man dies, kann man bei Heidschnuckenhaltern Punkte sammeln….


Fuhrs Rassenportaits Schafe ist weniger ein Sachbuch über Schafe als vielmehr eine kleine Kulturgeschichte der Beziehung Mensch-Schaf. So schön dieses Thema ist und so ansprechend es in Schalanskys Reihe dargeboten wird, so ist es doch etwas einseitig, es vernachlässigt einen sehr negativen Aspekt der modernen Zeit: das Schaf an sich als Wirtschaftsgut im Rahmen der Globalisierung. Was hier so geschraubt klingt, ist grausame Realität und gehört auch zum Lebensbild des Schafes: Die Verschickung von abertausenden von Tieren unter grausamen Bedingungen von Europa aus in den Nahen Osten oder in die Türkei oder auf der anderen Erdhalbkugel die Transporte von Schafen aus Neuseeland in alle Welt. Youtube bietet unter den entsprechenden Suchwörtern genug Anschauungsmaterial für diese Qual, welche Menschen des Profits wegen den Tieren antun. Dieses traurige, verabscheuungswürdige Faktum gehört in die Wechselbeziehung Mensch-Schaf genauso hinein wie die so romantisch daher kommende Transhumanz. So schön und liebens- und damit auf jeden Fall auch empfehlenswert Fuhrs Büchlein also ist: es ist auch unvollständig, verschweigt in seiner kulturgeschichtlichen Ausrichtung all diese Inhumanitäten, die wir den Schafen antun. Nicht immer, nicht überall – aber viel zu oft. Und kaum ein Verbraucher, der im Supermarkt neuseeländisches Lammfleisch kauft, macht sich Gedanken darüber, was dahinter steckt [5]. Und dies ist nur ein Beispiel.

In diesem Sinnzusammenhang auch wenig kritisch möchte ich noch folgende Anmerkung anbringen: Im Abschnitt ‚Rasseportraits‘ zum Karakulschaf steht: „…hat das Fell neugeborener Karakullämmer einen seidigen Glanz….“ (Hinweis: es ist das Ausgangsprodukt für Persianerfelle). Dieser auf den ersten Blick harmlos klingende Satz bedeutet bei näherem Hinsehen natürlich, daß diese Lämmer nach der Geburt getötet werden, ihnen wird das Fell vom Leib gezogen und der Rest dann entsorgt. Ja, sogar das Töten der Föten noch im Mutterleib ist nicht unbekannt [6]. Wie immer im Leben bringt das Hinterfragen auch von auf den ersten Blick unverdächtigen Aussagen manchmal Häßliches zu Tage.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Reihe Naturkunden beim Verlag Matthes & Seitz Berlin
[2] Judith Schalansky: der kurze Eintrag bei der Wiki
[3] Landesjagdgesetz (LJG) Rheinland-Pfalz, vom 9. Juli 2010
[4] https://www.oejv-bayern.de/presseinformationen/1609-pm-muffelwild/
[5] das internet bietet hierzu natürlich viel Information, hier ist nur eine dieser Quellen, willkürlich ausgewählt:  http://www.tier-im-fokus.ch/..ostern_ein_lamm
[6] http://www.pelzinfo.ch/pelztiere/karakulschaf/pelzgewinnung.html
[7] ich bin gerade durch Zufall auf diese Besprechung eines Bildbandes über die Transhumanz gestoßen: http://www.auf-den-berg.de/bergfilm-und-outdoor-buch/ueber-gletscher-und-grenzen/

Weitere Bücher der Reihe Naturkunden von Matthes & Seitz in diesem Blog:

Holger Teschke: Heringe
Jutta Person: Esel und von
Cord Riechelmann: Krähen

und von Judith Schalansky, der Herausgeberin gibt’s außerdem im Blog noch über:

den Atlas der abgelegenen Inseln
und den Der Hals der Giraffe zu lesen.

Eckhard Fuhr
Schafe
Ein Portrait.
Illustration: Falk Nordmann
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, 136 S., 2017

Der deutsche Priester Johannes Kopp (1927 – 2016) gehörte dem Orden der Pallottiner an. Unter dem japanischen Namen Ho-un-Ken Roshi wirkte er als Zen-Meister, auf ihn geht das Programm Leben aus der Mitte des Erzbistums Essen zurück, dessen Führung jetzt bei seinem Schüler, dem Pallottiner und Zen-Lehrer Paul Rheinbay liegt. Kopp gehörte zu der ersten Generation christlicher Geistlicher, die sich vom Zen-Weg des Buddhismus inspirieren ließen und die eine innere und spirituelle Nähe zwischen dem Zen-Weg und der christlichen Mystik sahen. Kopp war gut bekannt mit dem Jesuiten Hugo Lasalle (bzw. nach dessen japanischer Einbürgerung Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle), wohl dem ersten Ordensbruder, der trotz vieler Widerstände diese beiden Wege in sich vereinigte und beschritt.

Es war keineswegs der erste Kontakt des Westens mit dem Zen-Buddhismus. Schon in den sechziger Jahren weckte Zen unter vielen Intellektuellen großes Interesse, jedoch lag der Fokus seinerzeit auf ganz anderen Aspekten, der Titel des Buches von Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm (damals sehr verbreitet, aber nur eins unter vielen) Zen-Buddhismus und Psychoanalyse macht dies deutlich.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in Dir.
Suchst du Gott anderswo, 
Du fehlst ihn für und für. [3]

Die vorliegende kleinen Schrift Gebet als Selbstgespräch, die 2015, also ein Jahr vor dem Tod P. Johannes Kopps erschienen ist, geht auf eine Frage zurück, die auf einer Veranstaltung (Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen) im Jahr 2014 gestellt wurde, wie es nämlich zu verstehen sei, daß ein Zugang zur Heiligen Schrift für Glaubenserfahrung nur über die Koanweise erreichbar sei, dies – so der Referent – habe ihm ein japanischer Kollege gesagt. Diese Frage zu behandeln ist Ziel der vorliegenden Schrift von P. Johannes Kopp.


Es scheint wohl,
dass in unserer Zeit Gott sich vornehmlich finden lässt
im Gottsucher selbst.
Jeder ist auf dem Weg zu Gott die erste Instanz.

Dem Mystiker ist es eine den Verstand transzendierende Wahrheit, in der kontemplativen Innenschau sein Wahres Selbst und dessen Gottebenblichkeit zu erkennen. Je weiter der Übende auf seinem Weg zur Wahrnehmung des göttlichen Geheimnisses in sich fortgeschritten ist, desto intensiver wird seine Gotteserfahrung werden. Je mehr er sich selbst auf den Grund kommt, desto mehr leuchtet in diesem Grund die unendliche Wirklichkeit durch, in der in christlicher Offenbarung Gott sich erfahren läßt. Kopp hält auch folgendes fest: Die unendliche Wirklichkeit, die in größter Wortscheu in jüdisch-christlicher Tradition Gott genannt wird, ist in der menschlichen Natur angelegt. Besser gesagt: Die menschliche Natur ist auf Gott hin angelegt. Verliert mit dieser Feststellung bzw. ‚Definition‘ Gott seine Eigenschaft als Entität, als Wesenheit? Und wie sind dann all die Geschichten und Gleichnisse, die in der Bibel stehen, zu verstehen? Und was wird aus Begriffen wie Paradies, Auferstehung, Jüngstes Gericht? 

Die Anerkennung der unendlichen Wirklichkeit in der jedem Menschen eigenen Wesensnatur ist Voraussetzung für den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. …. Ohne den Glauben, daß die unendliche Wirklichkeit in uns ist, ist der Zen-Weg unmöglich [dem Sinne nach zitiert]. … In christlichem Verständnis ist die Anonymität der unendlichen Wirklichkeit aufgehoben mit der offenbarten Wahrheit als Bild und Gleichnis Gottes. Diese Aussage erhebt den Menschen zu seiner unendlichen Würde, weil Größeres vom Menschen nicht gesagt werden kann. …  Mit diesem Verständnis ist Selbstfindung gleich Gottfindung, ist – um den Titel dieser Schrift aufzugreifen – jedes Gebet zu Gott Selbstgespräch.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis müssen die limitierenden Grenzen des Verstandes mit seinen Gedanken überwunden bzw. umgangen werden. Umgangen in dem Sinne, daß man sich als Übender in die achtsame Wahrnehmung seines Atems und damit seiner Selbst begibt, daß man übt, durch schweigendes, absichtsloses, geschehenlassendes Sitzen und stete Zurückführung der Achtsamkeit auf den Atem im Hier und Jetzt zu verweilen und zu verbleiben – es ist der Weg des Zazen, der die Methodik dazu liefert, denn Zen, so Kopp, ist keine Religion, sondern ein Selbststudium zu meiner Vollendung. … Zen ist das eigentlich Religiöse in jeder Religion. 

Überwunden werden die Grenzen des Verstandes auf andere Weise. Denn das Schweigen ist nicht absolut und immer gut und weise, es ist nach Kopp töricht zu Schweigen, wenn Reden angebracht und töricht zu Reden, wenn Schweigen angebracht ist. So lassen sich die Gleichnisse der Bibel – wie vorstehend schon zitiert – (nur) über die zengemäße Koanweise ausdeuten.

Dies ist ein neuer Zugang zum Inhalt der Bibel, der viele Probleme, die man als moderner Mensch in heutiger Zeit mit dem dort seit Jahrtausenden festgehaltenen Überlieferten hat, vermeidet, weil er sie aus der Ebene des Verstandes in eine andere Dimension hebt. Mir jedenfalls ist der wörtliche Glaube an eine jungfräuliche Empfängnis, an eine Auferstehung von den Toten oder auch an eine Himmelfahrt nicht möglich. Sicherlich stehe ich damit aber nicht allein.

Zum Koan schreibt Kopp, daß es den Durchbruch zur unendlichen Wahrheit eines jeden Menschen [meint], die die Ratio nicht erfassen kann, weil sie nicht das Instrument dafür ist, die aber erfasst werden muss, damit der Sinn des Daseins erfüllt wird. Solange man diesem Sinn nicht nahekommt, solange bleibt Unruhe. … Daraus ergibt sich für den Christen eine Konsequenz: die Bibel zu werten und zu lesen als eine Koan-Sammlung. 


In den einzelnen Abschnitten seiner Schrift widmet sich Kopp folgenden Themen:

  • Schweigen und Reden
  • Selbstfindung und Gottfindung
  • Zen und Eucharistie
  • Koan-Zugang zur Heiligen Schrift
  • Biblische Koans
  • Christliche Kommentare zu Koans aus dem Mumonkan

Inhaltlich umfassen diese Kapitel natürlich sehr viel mehr als das von mit Angedeutete, deswegen hier noch ein paar wenige Stichworte:

Für Kopp ist Zen, dieser in der japanischen Tradition schwierige und ‚harte‘ Weg, keineswegs nur für starke Menschen, sondern auch für schwache gangbar, an zwei Beispielen kranker Nonnen beschreibt er dies.

Der Text enthält auch viel Biografisches zum Verfasser, speziell auch zur Bekanntschaft und Freundschaft mit P. Lasalle. Insbesondere ist diesem der Abschnitt über Zen und Eucharistie gewidmet. Auch verweist Kopp des öfteren auf das von ihm initiierte Programm des Lebens aus der Mitte.

In dem Kapitel zum Koan-Zugang zur Heiligen Schrift stellt Kopp die Forderung auf, daß die christliche Katechese einen neuen Schwerpunkt bekommen [muss]. Sie muss wegkommen von der Belehrung, von dem Eifer, eine sogenannte objektive Wahrheit darzustellen. Sie muss hinkommen zu der Leidenschaft, in der derjenige, der sich in irgendeiner Weise für das Christliche interessiert, zu der Erkenntnis kommt, dass das Wesentliche in ihm selbst ist [Hervorhebung von mir]. Das erinnert mich an eine Aussage, die ich vor geraumer Zeit [wo nur…] gelesen habe und die dem Sinne nach lautete, der moderne Gläubige könne nur noch ein Mystiker sein.

In den zwei abschließenden Abschnitten zeigt Kopp beispielhaft, wie zum einen biblische Gleichnisse auf Koan-Weise ‚verstanden‘ werden können, zum anderen reziprok dazu, wie klassische Koans im Sinne der Bibel ausgedeutet werden können.


Ein Schrift zu verfassen, die sich im Grunde damit beschäftigt, wie die Limitierung rationaler Erkenntnis zur Gotteserfahrung überwunden werden kann, ist – für mich – selbst eine Art Koan, ein Paradoxon: ich nutze das, was ich überwinden will, um zu beschreiben, wie ich es überwinden kann. Ich erinnere mich sehr gut und mit Vergnügen an meine eigene Einführung in die Kontemplation, in der der Lehrer am Ende gefragt wurde, welche Bücher er denn empfehlen könne. „Bücher? Bücher?“ Nicht nur im übertragenen Sinne schlug er die Hände über’m Kopf zusammen. „Was wollen Sie denn mit Büchern? Üben müssen Sie, üben, üben, üben….“

Jedenfalls bringt es das Thema mit sich, daß nicht alles, was man in Kopps Schrift liest, sofort oder überhaupt verständlich ist. Es ist mancher Satz dabei, der kryptisch scheint, sich wohl er auf einer anderen Ebene verstehen läßt. Doch das Wichtige des Textes wird deutlich und klar: Gott ist kein alter Mann mit Bart, der irgendwo auf einer weißen Wolke sitzt und sich von Münchnern mit Harfenklängen lobpreisen läßt. Wenn ich Gott suchen und schauen will, muss und kann ich mich auf den Weg dazu begeben. Es ist der Weg der Kontemplation, des Zen, und er führt durch die Selbstfindung zur Gottesfindung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Programms Leben aus der Mittehttp://zen-kontemplation.de
[2a] Wikiartikel zum Orden der Pallottiner: https://de.wikipedia.org/wiki/Pallottiner
[2b] – zu P. Lasalle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle
[2c] – zu P. Johannes Kopp:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kopp_(Pallottiner)
[3] Dieser Spruch des Angelus Silesius (z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Silesius) ist nicht dem Buch entnommen, passt aber sehr gut zu dessen Aussage.

P.S.: Alles, was am vorstehenden Text unklar, undeutlich oder gar falsch verstanden und/oder wiedergegeben sein sollte: man kreide es mir an, nicht dem Autoren….

Weitere Titel zum Thema ‚Kontemplation‘ in diesem Blog:

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation
Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Johannes Kopp
Gebet als Selbstgespräch
Gebet und Koan als Beziehung zu Gott in mir
diese Ausgabe: Hrsg: Freundeskreis LEBEN AUS DER MITTE, Softcover, ca. 96 S., 2014

Wer hätte sie nicht selbst, diese ungeschriebenen Bücher [2], diese Ideen fantastischer Plots, die dann aber doch nie in Buchstaben gegossen werden, worden sind? Jeder von uns Leser und Bücherfreunden kennt dies wohl, dieses aufblitzende Gefühl: das wäre mal eine Geschichte, wert erzählt zu werden. Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben sich der Mühe unterzogen, genau diese Bücher, die möglicherweise für immer ‚pränatal‘ bleiben werden, ein Blitzen in den Augen ihrer Mütter und Väter, in ihrer Idee zumindest an das Licht der Welt zu holen. Befragt haben sie Schriftsteller, die.. doch halt! Kommando zurück, so ist es ja gar nicht.. also, es ist schon so, nur im vorliegenden Buch führt der Titel in die Irre, teilweise zumindest, denn es geht im Grunde um die verworfenen Titel möglicher Bücher oder auch realer, die später dann unter einem anderen Titel erschienen sind: Tote Hunde im Titel gehen auf gar keinen Fall. Nicht in Deutschland. Punktum. Nach diesem verlegerischen Machtwort beispielsweise wurde aus dem handfesten Hundesterben in Byzanz (so wie es sich der Autor Christoph Peters vorgestellt hatte) ein eher mystisches Das Tuch aus Nacht. (Anmerkung: grün werden Zitate wiedergegeben, purpur sind reale oder verworfene Titel)

Aber bevor es inhaltlich losgeht, noch ein paar Informationen zum Projekt. Über zweihundert Schriftsteller wurden angeschrieben und um Beiträge gebeten. Es waren mehr oder weniger bekannte Autoren/-innen darunter, beispielsweise Ilija Trojanow, Terézia Moria, Juli Zeh, Arno Geiger u.a.m. als (zumindest mir) bekanntere. Insgesamt antworteten 71 Schriftsteller, der Rücklauf lag also bei knapp über einem Drittel, diese 71 Antworten bilden den textlichen Inhalt des Buches. Neben diesem textlichen Inhalt gibt es noch den grafischen, denn ein Titel braucht einen Platz, an dem er steht und dem potentiellen Käufer und Leser ins Auge fällt: das Umschlagbild des Buches. So hat jeder der nie gedruckten Titel durch angehende junge Grafiker und Designer (aus Karlsruhe und Bielefeld) einen Umschlag gestaltet bekommen, mit dem das vorliegende Buch illustriert ist.

Eingeleitet wird die Textsammlung durch ein Vorwort, welches das Projekt erläutert und die Bedeutung und Rolle eines Titels für ein Buch, wobei die Titelgebung ja nichts anderes ist als das Vergeben eines Namens – und das will und muss gut überlegt sein.

Nicht immer, unter Umständen vielleicht sogar seltener, ist der spätere Buchtitel mit dem Arbeitstitel, unter dem der Autor bzw. die Autorin geschrieben hat, identisch. Verlag und Vertrieb haben ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Titelvergabe. Die Problematik von Hunden im Titel habe ich vorstehend mit einem Beispiel ja schon erläutert, auch andere Autoren können über ähnliche Erfahrungen berichten: Zu viel Hund wies z.B. der Titel: Musik in den Träumen von Hunden von Rolf Lappert auf. Man muss, so der Vertrieb, bei der Titelauswahl darauf Rücksicht nehmen, daß es eine Menge Menschen gibt, die Hunde nicht mögen. Auseinandersetzungen mit den Verlagen und dem Vertrieb gehören wohl zur Tagesordnung des Geschäfts, nur selten wird festgehalten, daß die Arbeitstitel klaglos übernommen wurden. Es gibt jedoch auch Autoren mit hoher Standfestigkeit, die ihre Titelvorstellung durchsetzen können, Markus Orth konstatiert daher: der Autor hat immer das letzte Wort. Und ohne diese Standfestigkeit gäbe es einen so herrlichen Titel wie: Wer geht wo hinterm Sarg? (dem ich natürlich sofort nachgespürt habe) nicht. 

Das Inverse zum Problem: ‚Text sucht optimalen Titel‘ ist der Komplex: Titel sucht Text. Auch der ist häufig vertreten, die Überschrift, ein prägender Satz, eine gelungene Wortkombination (Seilschläfer bei Terézia Mora, Erneuerung der Fransen bei Kathrin Passig, Hüten fremder Hunde bei Tilman Rammstedt – um nur einige zu nennen) setzen sich im Hirn fest – allein, es fehlt das Fleisch am Gerüst des Titels. Lutz Seiler schildert in seinem Beitrag ein weiteres Phänomen: der Titel Sonntags dachte ich an Gott stand fest und sogar schon in den Verlagsankündigungen – allein, diese Überschrift mutierte für ihn bald zum Sinnbild einer qualvollen Pflicht. Es brauchte eine Entwicklung, eine innere Erkenntnis, bis das Projekt von der Hand ging und der titelgebende Beitrag ist heute sein Lieblingstext in diesem Band.

Annett Gröschner berichtet von Erfahrungen anderer Art. Ihr Werk Eingefrorene Guthaben, bei dem es um einen in einer Kältetruhe sterbenden Kälteingenieur ging, verlor seinen Namen, als gleichzeitig die Spendenaffäre der CDU aufkam: hier hätte der Ursprungstitel eine missverständliche Spur gelegt. Heute heißt das Werk Moskauer Eis, ist direkter und eindeutiger, Gröschner hat jedoch ihren Frieden damit geschlossen…. Noch einmal Gröschner, weil es so witzig ist: Vom Schlachthof zum Kanzler. Damit würde, so der Verlag seinerzeit, der Kanzler beleidigt., wobei man festhalten muss, daß Kohl zu dieser Zeit schon einige Jahre nicht mehr im Amt war. Aber zugegeben, ich dachte tatsächlich spontan an ihn. Es geht übrigens auch nicht um die Karriere eines Metzgers, sondern.. ach das verrät am besten der Titel(wurm) selbst, unter dem das Buch dann 2002 erschien: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus – Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft.

Diese Beispiele sollen genügen, die Zusammenstellung der Herausgeber (die im Buch selbst von sich sagen, sie hätten alles ‚zusammengetragen‘, aber Zusammenträger ist jetzt als Begriff wenig elegant, deswegen habe ich sie kurzerhand zu Herausgebern gemacht) zu charakterisieren, schade, daß ich hier keine Abbildungen wiedergeben kann. Einige wenige Umschlagentwürfe sind jedoch in dieser Besprechung des Buches zu sehen [1], sehenswert sind alle der 71 Entwürfe.

Ergänzt wird der Textteil noch durch biografische Angaben zu den Autoren/-innen sowie durch eine Liste der beteiligten Grafiker/-innen und Designer/-innen.


Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese Bibliothek der… gekommen bin, aber ich bin froh, daß sie in meinem Bücherschrank steht. Ein wunderschönes Buch, ein Schmuckstück, eine Perle in der Sammlung: Bücher über Bücher.

…. und dann sind da noch ein paar Anmerkungen meinerseits, die zum Thema passen, aber mit dem Buch selbst nix zu tun haben ;-) (die Links führen alle zu Beiträgen innerhalb dieses Blogs):

Es würde mich beispielsweise interessieren (falsch: es interessiert mich), wie zum Beispiel Joachim Meyerhoff seine beiden Titel (Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war und – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke) durchgesetzt hat (ich gehe mal davon aus, daß die Vorschläge von ihm kamen), oder auch – um bei ‚M‘ zu bleiben, der Thomas Meyer mit Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Aber es gibt ja schließlich Menschen, die gerade auf ausgefallenere Titel zugreifen, weil schlicht und einfach die Neugier angeregt wird, ich gehöre sicherlich in diese Kategorie Leser.

Dazu passt folgende Erfahrung: als ich noch meinen eigenen Lesekreis hatte, schlug ich seinerzeit Who the Fuck is Kafka? von Lizzy Doron vor und erntete entgeisterte Blicke aus der Runde. Nun ja, wir haben es gelesen, das ‚Urteil‘ war am Ende auch positiv, zumindest hat jeder dem Buch zugestanden, daß es sehr interessant war und viele neue Einblicke beschert hat. Aber gekauft, so die einhellige Meinung damals, hätte man das Buch ohne den Zwang des Lesekreises freiwillig nie. Nicht bei diesem Titel.

Links und Anmerkungen:

[1] Annette Pehnt, Friedemann Holder, Michael Staiger (Hrsg) – „Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“; in:  https://zuerilitteraire.wordpress.com/2014/11/22/…ungeschriebenen-bucher-piper/

[2] ich natürlich auch, das versteht sich – denke ich – von selbst. Das unermessliche Glück beim Einnehmen der Embryonalhaltung, so wird mein Werk heißen, bzw. nach den geschilderten Erfahrungen in diesem Buch, in die Auseinandersetzung mit den Verlagen gehen. Leider fällt das Projekt noch unter die Kategorie: Titel sucht Text. Bislang stehen allerdings schon Grundzüge der Danksagung (an meine Eltern, Groß- und Urgroßeltern, deren hemmungsloses Treiben meine Existenz und damit die des Romans erst möglich machte…), aber was nicht ist, wird noch werden. Ich bin Optimist voller Iden. Auch außerhalb des März.

Weitere von mir unter ‚Bücher über Bücher‘ vorgestellte Titel:

Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger (Hrsg):
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Originalausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2014

Offensichtlich gehört es zum guten Ton bei Titeln aus diesem – zugegebenermaßen – schwierigen Themenbereich, darauf hinzuweisen, daß das Thema ‚Sterben‘ bzw. ‚Tod‘ gesellschaftlich tabuisiert ist und verdrängt wird. Sowohl der Autor Gottschling als auch seine Vorwortverfasserin Käßmann folgen dieser Tradition, deren Aussage mich persönlich in ihrer Absolutheit nicht mehr so recht überzeugen will. Schau ich mir z.B. die Zugriffszahlen des letzten (Zeit)Jahres auf meinen eigenen Blog an, so sind unter den ersten zehn Titeln zwei Jugendromane, die sich mit dem frühen Krebstod eines Menschen auseinandersetzen [1]. Daraus schlussfolgere ich schon eher, daß viele Menschen – auch junge – bereit sind, sich mit diesen letzten Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn diese selbstverständlich als reines Partythema und für den unverbindlichen Small Talk nicht geeignet sind. Egal, es ist nur eine persönliche Anmerkung von mir, jetzt zum Buch von Prof. Dr.med. Sven Gottschling und Lars Amend [siehe dazu die Bemerkung am Schluss meiner Besprechung].


Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er ist noch jung, 44 Jahre alt, und hat sich mit ‚Haut und Haaren‘ der Aufgabe verschrieben, Sterbenden und ihren Angehörigen durch eine kompetente Begleitung und Betreuung diesen letzten Weg zu erleichtern. Was dies in der Praxis bedeutet, was dies einschließt, auch was es begrenzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht zuletzt, welche sich hartnäckig haltenden Mythen es zu bekämpfen gilt, dem ist dieses Buch gewidmet.

Während es andere Titel zum Themenkomplex gibt, bei deren Studium einem so richtig die Freude am Sterben genommen wird, weil von den gewählten Fallbeispielen eins schlimmer ist als das andere [2], ist der Grundtenor von Gottschlings Buch positiv: Wir können nicht alles Leid verhindern, aber doch sehr, sehr viel Leid mindern. Der Tod, so der Autor, ist nichts Schreckliches. Die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn erst furchtbar.

Ich will mich in diesem Beitrag auf einige Punkte von Gottschlings Ausführungen konzentrieren, den Inhalt des Buches wiederzugeben, wäre deutlich zu viel.

Unter den schon erwähnten Mythen geht der Autor auf folgende ein:

  • Sterben und Tod sind leidvoll und schmerzhaft
    Hier räumt Gottschling mit dem weitestverbreiteten Glauben medizinischer Laien, mit dem Sterben verbundenes körperliches Leid (z.B. Schmerz, Atemnot) sei nicht linderbar und die Ärzte täten alles in ihrer Macht stehende, auf: beides ist nicht so. Man kann praktischen jeden Schmerz (hier differenziert der Autor verschiedene Schmerzarten [3]) zumindest deutlich lindern und die Kenntnisse der deutschen Ärzteschaft über moderne Schmerztherapie sind im Schnitt, dürftig, liegen Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft zurück. Aber: auch viele Betroffene hängen noch der ‚ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz‘-Philosophie an.
  • „Wie lange noch, Herr Doktor?“
    Auch der Arzt ist kein Herrgott, nirgends kann man sich so sehr verschätzen wie bei einer Antwort auf die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit…. Manche Betroffene wollen es auch gar nicht wissen, andere planen auf der Grundlage der Auskunft schon die Trauerfeier und sind dann empört, daß Oppa immer noch schnauft, wo doch die Grube schon ausgehoben ist….
  • Nahrung und Flüssigkeiten sind Lebenserhaltung
    No, das ist einfach nicht so. Wenn der Sterbende nicht mehr essen will, dann braucht er keine Nahrung mehr. Wenn er nicht mehr trinken will, dann ist es praktisch immer kontraproduktiv, ihm Flüssigkeit zu verabreichen, die weder vom langsam abschaltenden Kreislauf noch von den Nieren, die ihre Funkion auch peu a peu aufgeben, verarbeitet werden kann. Der häufig noch ausgeübte moralische Druck (sprich: Erpressung): „Sie wollen ihren …. doch nicht verhungern/verdursten lassen?“ ist perfide. Künstliche Ernährung. so Untersuchungsergebnisse, verlängert die Lebenszeit nicht, mindert aber häufig die Lebensqualität. Was das Trinken angeht, ist die Mundpflege beim Sterbenden viel wichtiger!
  • Schmerzmittel machen süchtig
    Dies bezieht sich natürlich vor allem auf Opiate. Hier klingen die Ausführungen Gottschlings bzgl. des wohl bekanntesten Opiats, Morphin (das er pars pro toto nimmt) fast schon wie ein Appell, doch endlich die Bedenken gegen dieses segensreiche Medikament fallen zu lassen und es in adäquater Dosierung (die durchaus sehr hoch sein kann) einzusetzen!
  • Man muss sich zwischen Lebenszeit oder Lebensqualität entscheiden
    Gottschling verweist auf eine Studie, die zeigt, daß onkologische Patienten mit sehr schlechtem Zustand, die sich noch einer Chemotherapie unterzogen haben, eine deutlich geringere Restlebensspanne hatten als die Patienten, denen die Chemo erspart geblieben ist. Facit: eine Behandlung ist nicht unbedingt lebensverlängernd, aber häufig verschlechtert sie die Lebensumstände. Daraus folgt die Forderung, frühzeitig palliativmedizinische Fachkompetenz bei der Behandlung lebensbegrenzend Erkrankter hinzuzuziehen.
  • Man darf einem Menschen die Hoffnung nicht nehmen
    Dieser Satz dient dem medizinischen Personal häufig als Feigenblatt dafür, dem Patienten gegenüber nicht ehrlich zu sein. Der Umgang mit der Hoffnung des Patienten auf… verlangt jedenfalls ein hohes Maß an Sensibilität…

Das Lebensende ist gespickt mit Beschwerden: Körper und auch Geist sind in die Jahre gekommen. Im Abschnitt Beschwerden am Lebensende und was wir wirklich tun können, befasst sich Gottschling damit. Konkret sind dies folgende Themenbereiche: (noch einmal) Schmerzen, Atemnot/Luftnot, Übelkeit, Angst und Erschöpfungszustände sowie neuropsychiatrische Symptome wie Unruhe, Verwirrtheit, das nicht mehr Erkennen von Menschen. Und das Sterben selbst? Wenn man sich darauf vorbereitet, was einen erwartet, wenn ein geliebter Mensch tatsächlich im Sterben liegt, verliert es seinen Schrecken. Der Autor beschreibt dies und gibt auch Hinweise für Notfälle, die auftreten können (Krampfanfälle, Blutungen u.ä.)

Im Grunde sollte man eigentlich den Begriff ‚Sterbende/r‘ vermeiden, denn er verdeckt nur zu häufig, daß dieser Mensch eine Lebender ist, freilich in einer bestimmten Lebensphase. Und so sollte man ihn auch behandeln und mit ihm umgehen. Die Kommunikation mit lebensbegrenzt erkrankten Menschen (die Umschreibung, die Gottschling häufig benutzt), deren Angehörigen und beteiligten Kindern ist Inhalt des nächsten Abschnitts. Die Frage, wie Kinder mit dem Tod naher Menschen umgehen und wie man als Erwachsener darauf reagieren sollte, bildet einen Schwerpunkt der Ausführungen.

Und wenn es soweit ist, wo bekomme ich Hilfe? Hier geht Gottschling darauf ein, unter welchen Randbedingungen das Sterben zu Hause oder in diversen Einrichtungen (Krankenhaus, Heim…) tatsächlich ablaufen kann oder abläuft. Speziell, wenn dem häufig geäußerten Wunsch des Sterbens zu Hause nachgekommen wird, ist es wichtig, zu wissen, wo welche Hilfe nachfragbar ist. In diesem Bereich sind zwar schon seit Jahren gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, aber (Stichwort: SAPV) noch lange nicht flächendeckend umgesetzt.

Im Kapitel 6: Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe klärt Gottschling eingangs die Begrifflichkeiten einzelner Tatbestände: alt: aktive Sterbehilfe, neu: Tötung auf Verlangen; alt: Beihilfe zur Selbsttötung, neu: assistierter Suizid; alt: passive Sterbehilfe, neu: Sterben zulassen.

Der Autor hält fest, daß in einer Studie (2015) festgestellt wurde, daß selbst bei schwerstkrankem Patientengut (?) die Suizidquote um mehr als eine Zehnerpotenz niedriger lag als in der Gesamtbevölkerung, wenn eine qualitativ hochwertige und verlässliche Palliativversorgung aufgebaut werden konnte.

Des weiteren gibt Gottschling einen Überblick über die Situation betr. Tötung auf Verlangen/assistierter Suizid im europäischen Ausland. Die Zahlen aus den Niederlanden und aus Belgien (vor allem aus Flandern), in denen dies per Gesetz unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, rechnet er auf die deutsche Bevölkerungszahl um und plausibilisiert dadurch das erschreckende Ausmaß, in dem in unseren Nachbarländern Menschen von Ärzten getötet werden. Der Autor positioniert sich ganz klar und eindeutig gegen diese Vorgehensweise, wobei ihm die obige Aussage zum Einfluss der Palliativversorgung auf die Suizidalität lebensbegrenzt Erkrankter Recht gibt. Auf die naheliegende Frage, wie der Stand der Palliativversorgung in den Niederlanden und in Belgien ist (diese Frage stellt sich natürlich) geht Gottschling jedoch nicht ein.

An dieser Stelle wird Gottschling leider ein wenig tendenziell, in dem er zwei Fallbeispiele konstruiert, die extreme Situationen darstellen, die in dieser Reinform wohl eher die Ausnahme sind. Beiden liegt ein 43jähriger Familienvater (zwei Töchter im Alter von 8 und 16 Jahren) zugrunde, der unter schwerster Symptomatik an einem metastasierendem Tumorleiden erkrankt ist.

Im Szenario ohne Palliativversorgen baut Gottschling nun angefangen vom Vierbettzimmer auf einer normalen Krankenhausstation ein Horrorszenario auf, in dem der Erkrankte bei unzureichende Pflege und mangelhafte Systemkontrolle schließlich an nicht behandelter Atemnot stirbt. Dies ruft eine posttraumatische Belastungsstörungen bei der Mutter hervor und führt damit zu deren Arbeitsplatzverlust.. Schulversagen eines Kindes und einer Vielzahl weiterer psychischer Schäden (z.B. Einnässen): es tritt alles ein, was prinzipiell in so einer tragischen Situation vorkommen kann: ein Worst-Case-Szenario also, das sehr mit der Angst arbeitet.

Dem gegenüber stellt er die fast heile Welt der Palliativstation, in der Vater unter bestmöglicher Systemkontrolle in einem Familienzimmer liegt, die Kinder in einem Begegnungszimmer mit gleichaltrigen, ebenfalls betroffenen Kindern Kontakt aufnehmen können, beide Eheleute finden in kleinen Zeitinseln noch einmal Gelegenheit zu Nähe, Sexualität und können letzte Dinge regeln… bevor der Vater nach Hause entlassen wird und dort vom SAPV begleitet im Kreis der Familie friedlich stirbt…. wobei die Familie selbstverständlich auch nach dem Tod des Vaters in ihrer Trauerphase nicht allein gelassen wird.

Gottschlings Ziel, den überaus segensreichen Effekt einer adäquaten Palliativversorgung deutlich zu machen, ist hehr, aber in diesen konstruierten Fällen trägt er meiner Meinung doch etwas zu dick auf…


Leben bis zuletzt ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Der Autor führt viele Fallbeispiele an, die ihm in seiner Praxis untergekommen sind, er ist in seinen Aussagen klar und deutlich, seine Sprache ist gut verständlich, auch für den medizinischen Laien. Er scheut sich ebenfalls nicht, hin und wieder ins Umgangssprachliche zu wechseln, wenn er beispielsweise einen Kollegen zitiert, der in Bezug auf die Darreichungsform von Medikamenten der (nachvollziehbaren) Meinung ist „Zäpfchen sind was für Arschlöcher“. Diese Formulierung ist natürlich die Ausnahme, macht aber deutlich, daß die Aussagen das Buches klar und deutlich formuliert sind.

Gottschling spart auch nicht mit Kritik an seinen ärztlichen Kollegen. Die Verordnung von Zäpfchen für Menschen, die bald Sterben werden, die absolut mangelhaften Kenntnisse in moderner Schmerztherapie, die partielle Inkompetenz bei der Kommunikation mit lebensbegrenzt Erkrankten und deren Angehörigen, die Unkenntnis über viele aktuelle Untersuchungsergebnisse (siehe oben: Mythen wie über Nahrung, Trinken), die immer noch anzutreffende Geringschätzung der Palliativmedizin…. Es gäbe viel zu tun in der Ärzteschaft…. Natürlich steht der Gesetzgeber nicht aussen vor war Kritik angeht: die lächerliche Vergütung palliativmedizinischer und sprechender Medizin, die gesetzlich zwar geregelte, aber bis dato nur unzureichend umgesetzte ambulante Palliativversorgung in der Fläche, die unzureichende Pflegesituation für Sterbende in vielen Heimen und Krankenhäusern, die immer stärker auf wirtschaftliche Ziele hin optimiert werden….

Liest man als Laie das Buch, so wird man mit einer Menge soliden Halbwissens aufmunitioniert. ‚Solides Halbwissen‘ soll auch heißen, daß für Patienten und Angehörige ein Problem bestehen bleibt, auf das Gottschling allenfalls indirekt eingeht: ‚wie sag ich´s meinem Arzt‘ bzw. wie setze ich mich gegen die Meinung eines Arztes durch, wenn diese z.B. hinsichtlich der Schmerztherapie anders ist als die meinige…. Ich spreche hier aus leidvoller eigener Erfahrung. Mein Vater, der jetzt schon einige Jahre tot ist, hatte durch Krieg und Beruf (er war einige Jahre Bergmann und hat Kohle gemacht) kaputte Knie, die ihm im Alter starke Schmerzen verursachten. Der Heimarzt verordnete jedoch trotz eindringlicher Bitten meinerseits nichts dagegen: er habe beim Besuch keine Schmerzanzeichen gesehen (klar, mein Vater saß ja immer) und habe auf die Frage nach Schmerzen mit ‚Nein‘ geantwortet (auch klar, in seinem schon länger zurückliegenden Sibirienaufenthalt hatte er verinnerlicht, daß derjenige, der über Schmerzen klagt oder sagt, er sei krank, verloren war….)….. was man jedoch aus Gottschlings Ausführungen auf jeden Fall mitnehmen kann, ist der Rat, frühzeitig (!) einen Palliativmediziner in die Behandlung eines bald Sterbenden miteinzubeziehen. Der hat zum einen die Fachkompetenz und kann diese zum zweiten gegenüber seinen Kollegen – so dies nötig ist – besser zur Geltung bringen als ein durch die Situation eh schon derangierter betroffener Laie.


Zum Abschluss noch Anmerkungen, der aber wohl eher dem Verlag als dem Autoren zuzurechnen ist. In meinen Regalen stehen einige Bretter voll mit Büchern zum Themenkreis rund um´s Sterben, doch dieser Titel von Gottschling ist der einzige, der bei der Autorennennung auf dem Umschlag mit der vollen Wucht professoraler und medizinischer Autorität daherkommt: Prof. Dr. med. Sven Gottschling. Und selbst die allbekannte und fast schon ubiquitäre Margot Käßmann, von der das Vorwort stammt, ist nicht einfach Margot Käßmann, sondern Prof. Dr. Dr.hc Margot Käßmann… Dabei hat das Buch diesen etwas plumpen Aufwertungsversuch doch gar nicht nötig….

Gottschlings Werk und Amends Beitrag… immerhin wird dieser Lars Amend auch auf dem Umschlag, wenngleich etwas kleiner geschrieben, genannt, auf der Verlagsseite sogar in gleichberechtigter Größe (‚Sven Gottschling + Lars Amend‘, Stand: 01.05.17),  in welcher Weise dieser Herr Amend jedoch zum Buch beigetragen hat, ist mir nicht ersichtlich geworden. Ein einziges Mal noch findet er Erwähnung im Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. So bleibt die Frage, warum steht der Name da? unbeantwortet….

… und last not least: Greifen sie zu, die einmalige Gelegenheit: Sieben Kapitel zum Preis von sechsen! Denn wie anders soll man es interpretieren, wenn der Verlag auf seiner Ankündigungseite für den Titel davon redet: Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, … [steht wirklich so mitsamt des grammatikalischen Stolpersteins auf der Webseite, Stand: 03.05.2017; Hervorhebung von mir].


… und dennoch: diese letzten Kritikpunkte haben leicht ersichtlich nichts mit der inneren Qualität des Buches zu tun. Jeder, der sich über das traurige und leidvolle Thema ‚Sterben und Tod‘ kundig machen will, auch weil es unter Umständen ganz akut geworden ist im familiären, persönlichen Umfeld, sollte Gottschlings Buch ganz oben auf seine Liste der Bücher setzen, die es in die engere Auswahl zu nehmen gilt. Mich hat es jedenfalls überzeugt.

Links und Anmerkungen:

[1] … und zwar: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Die Links führen zu den Besprechungen hier im Blog)
[2] ich denke hier jetzt an das (ebenfalls empfehlenswerte) Buch von Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung, erschienen im Piper Verlag, das ich hier irgendwann noch vorstellen werden
[3] Wer etwas tiefer in den ‚Schmerz eintauchen‘ will, dem kann ich das gleichnamige Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers empfehlen (https://radiergummi.wordpress.com/..schmerz/)

Mehr hier auf dem Blog zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ vorgestellte Bücher sind über dieses Inhaltsverzeichnis zu finden: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Sven Gottschling/Lars Amend
Leben bis zuletzt
Originalausgabe: S. Fischer Verlage, Klappenbroschur, ca. 270 S., 2017

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