Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

Ist man von einem Buch enttäuscht, muss man aufpassen, daß man nicht über das Ziel hinausschießt, wenn man dieses Buch vorstellt und bespricht, das ist nicht immer ganz einfach. In dieser Situation bin ich jetzt. Erling Kagge, ein norwegischer Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer hat vor einigen Monaten ein kleines Büchlein über die Stille vorgestellt, von dem ich sehr angetan war, weil es Saiten in mir berührt und zum Klingen gebracht hat (https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/29/erling-kagge-stille/). In seinem Buch über das „Gehen“, das in gewisser Weise als zweiter Teil der persönlichen Erfahrung Kagges aufzufassen ist,- er selbst sagt: Stille ist abstrakt, Gehen ist konkret. -, ist dies leider nicht der Fall gewesen.

Der Mensch an sich ist ein Geher. Er stammt als Homo sapiens – auch wenn die Details noch keineswegs so klar sind, wie sie Kagge in einer Minikurzform darstellt – aus den Weiten Afrikas, die er zu Fuß durchstreifte. Die Bipedität, die er entwickelt hat, entband die vorderen Gliedmaßen von der Aufgabe, mit für die Fortbewegung zu sorgen, sie bildeten sich zu Armen plus Händen um, mit denen beispielsweise breithüftige Venusse geschaffen werden konnten. Wie wichtig das Gehen war zeigt sich auch sprachlich. Viele Wortwurzeln gehen auf den alten Wortstamm zurück, noch heute sind Begriffe und Wendungen wie: etwas (zum Lernen) durchgehen, jemanden übergehen, wie ergeht es dir?, das geht mich was an u.a.m. mit diesem Verb verknüpft.

Gehen ist gesund, psychisch wie physisch – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist, aber in Zeiten, in denen sitzende Tätigkeiten immer mehr überhand nehmen, an Bedeutung gewinnt. Als „Waldbaden“ (z.B. http://www.waldbaden.org/definition-waldbaden/) kommt dem absichtslosen Gehen im Wald mittlerweile sogar von Japan her übernommen therapeutische Bedeutung zu. Aber auch zu früheren Zeiten gingen die Menschen spazieren (soweit sie sich die Musse leisten konnten wie z.B. Kant oder Kierkegaard) und wussten um die positive Wirkung des Waldes (z.B. Henry Thoreau). Das gemeine Volk hingegen hatte im Normalfall kaum Bewegungsmangel.

Heute jedoch sitzen wir, am Tisch, im Auto, vor dem Rechner… verlieren so den Bezug zur Bewegung als auch zur Umwelt. Das Auto überbrückt Entfernungen in kurzer Zeit, jedoch bleibt der Insasse isoliert von sich mit der Landschaft ändernden Eindrücken wie Geruch oder Geräuschen. Ebenso hat man beim Autofahren (zumindest dem in dichtem Verkehr) keine Zeit Loszulassen: seine Gedanken schweifen zu lassen, möglicherweise Unerhörtes zu finden, Geistesblitze, oder neue Erkenntnisse…

In seinem Buch gibt Kagge eine Menge Beispiele für solche Momente, als extremer Geher hat er dafür ein großes Erfahrungsreservoir. Dabei schwankt der Inhalt leider zwischen Trivialem, Unverständlichem und hin- und wieder Bemerkenswertem. Beschreibt er etwa: Stimmen und Radio [im Auto] erlebe ich als Lärm. Die Playlist scheint immer dieselbe zu sein, die Nachrichten auch… möchte ich ihm zurufen: Mach das Radio doch einfach aus! Ein paar Seiten später wird es agegen komplizierter: In der existenziellen Mathematik [??] bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: Der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Wow! Munter vermengt der Autor hier Hierarchieebenen: Vergessen und Erinnern liegen auf einer Ebene, Langsamkeit ist (genauso wenig wie übrigens auch Kälte) etwas Eigenes, es ist einfach nur eine Bezeichnung für ein (zudem noch relatives oder auch subjektives) Maß an Geschwindigkeit. [Zur Erläuterung: es geht darum, daß man sich beim langsamen Fortbewegen besser auf Erinnerungen konzentrieren kann als bei einer schnellen Gangart]. An der Unsinnigkeit dieses Satzes könnte man sich lange aufhalten…

Noch ein Beispiel für eine Feststellung, in der es begrifflich ebenfalls wieder durcheinander geht: Heute wird auf der ganzen Welt geforscht, wie das Gehen [eine Tätigkeit] die Kreativität beeinflusst. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: wie unsere Füße [ein Körperteil] das Gehirn beeinflussen, und nicht umgekehrt. Füße haben wir natürlich auch beim Sitzen und beim Liegen, damit wird der Satz unsinnig. Es geht natürlich auch nicht um die Füße, sondern einzig und allein ums Gehen… und was mit und nicht umgekehrt gemeint ist (wo das Gehirn doch den gesamten Organismus steuert), bleibt mir ebenso verschlossen.

Genug an den wenig positiven Beispielen im Text. Nein, nein, Kommando zurück, eins noch, es ist zu schön: Du denkst mit deinem ganzen Ich [hier wird auf Merleau-Ponty, einem Philosophen, Bezug genommen]. Mit dem Kopf, mit dem Körper. Sein Ansatzpunkt war, dass der Körper nicht nur aus einer Ansammlung von Atomen aus Fleisch und Knochen besteht. … Atome aus Fleisch und Knochen – da ist wohl etwas gehörig daneben gegangen….

Aber etwas habe ich letztlich danan doch dazu gelernt aus dem Buch: der Plural von Moos ist nicht (wie auf S. 12 geschrieben) Mose, sondern nach Duden: Moose (oder ggf. Möser; https://www.duden.de/rechtschreibung/Moos)). Tja, hätten Sie’s gewusst?

Interessant – ich möchte ja nicht nur Negatives berichten – wird das Buch an den Stellen, an denen der Extremgeher Kagge von seinen Erlebnissen erzählt: Ich quäle mich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Ich verausgabe mich psychisch. … Am liebsten gehe ich, bis ich beinahe zusammenbreche. Ich will das Glück, die Erschöpfung und die Absurdität beim Gehen spüren, wenn sich alles vermischt und ich nicht smehr trennen kann. … die Gedanken verschwinden aus meinem Kopf, und ich werde zu einem Teil des Grases, der Steine, des Mooses, der Blumen und des Horizonts.

Gehen. Weiter gehen ist ein sehr persönliches Buch voller Episoden aus Kagges Leben, gespickt mit vielen historischen Anekdoten. Leider ist es weder eine Anleitung, wie es das Cover ankündigt, noch beschreibt es über eben Anekdotisches hinausgehend den meditativen Charakter des Gehens (Im Zen beispielsweise ist die Geh-Meditation ‚Kinhin der Sitzmeditation gleichwertig)‘. Es bleibt meist an der Oberfläche, ist trivial bis unverständlich, der Wert des Buches liebt im wesentlichen darin, daß man überhaupt den Wert des Gehens thematisiert.

Schade.

Erling Kagge
Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Å gå. Ett Skritt om gangen; Oslo, 2018
diese Ausgabe: Insel Verlag, HC, ca. 156 Seiten, 2018, mit Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Sabine Hossenfelder: Das häßliche Universum

Realität ist das, was nicht verschwindet wenn man aufhört daran zu glauben.
Philip K. Dick (https://www.nur-zitate.com/autor/Philip_K_Dick)

Die Belletristik ist voll von Titel, auf denen uns Protagonisten bzw. -innen auf einem Selbsterfahrungstrip begegnen, auch biographisches in dieser Hinsicht ist nicht seltenm Dieser Blog hier enthält einiges an Beispielen, Was seltener ist oder vielmehr die Ausnahme, das ist eine solche Hinterfragung des eigenen Treibens, ist die Suche nach einer Antwort aus inneren Unbefriedigung heraus im Sachbuchbereich. Hossenfelder legt mit ihrem Titel Das häßliche Universum genau das jedoch vor.

Sabine Hossenfelder ist nicht irgendwer, sie ist Insiderin, ein theoretische Physikern, die ihr Fach und die Klaviatur der modernen Medien beherrscht [http://sabinehossenfelder.com, hier finden sich auch die Links zu ihren social-web-accounts]. Fachlich befasst sie sich mit (so formuliert es die Wiki) „Gravitation und Quantengravitation sowie Physik jenseits des Standardmodells“ und das merkt man dem Buch an, denn obwohl die Darstellung einer Sinnsuche, ist es durchsetzt von fachlichen Aspekten.


Worum geht es? Seit der Mensch denken kann, versucht er sich die Welt zu erklären. Die alten Griechen hatten ihre Modelle, die Religionen hatten sie und schließlich natürlich auch die moderne Wissenschaft, für die es Regeln gibt, die einzuhalten sind, wenn es gute Wissenschaft sein soll. Denkt man. Und denkt nicht oder nur selten daran, welche anderen Kriterien immer wieder, ex- und implizit verwendet werden: Schönheit, Einfachheit, Natürlichkeit…. So konstruierte beispielsweise Kepler sein Sonnensystem ursprünglich mit auf Kreisbahnen rotierenden Planeten in Abständen, die aus den platonischen Körpern ableitbar waren: es war einfach ein harmonisches, schönes, Modell. Mit dem Nachteil, daß die Überprüfung an der Realität zeigte, daß es nicht stimmte…. Maxwell, um ein zweites Beispiel zu nennen, war seinerzeit über seine wunderschönen Gleichungen gar nicht so glücklich, der (nach damaligem Konsens) notwendige Bezug zur Mechanik (in den Gleichungen tauchen ja nur Felder auf….) fehlte ihm…

Solange das Wechselspiel zwischen erklärender Theorie und praktischer Überprüfung durch Experimente und Beobachtungen funktionierte, war dieses implizite Einbeziehen nicht-wissenschaftlicher Kriterien nur wenig problematisch, Kepler schwenkte auf Ellipsenbahnen um, und die Felder, von den Maxwell in seinen Gleichungen erzählt, sind einfach da, brauchen keinen mechanischen ‚Anker‘.

Die moderne Physik leidet, so habe ich Hossenfelder verstanden, an mehreren Stellen. Nachdem Anfang des letzten Jahrhunderts Einsteins Relativitätstheorie und die Quantentheorie unser Verständnis von der Welt grundlegend geändert haben, sind die Physiker nach wie vor bemüht, beide Theoriegebäude zusammenzuführen, aber die Gravitation weigert sich beharrlich der Quantisierung; es ist Hossenfelders eigenes Arbeitsgebiet, dort Fortschritte zu erzielen. Das im Lauf der Jahre durch Theorie und Experiment entwickelte Standardmodell dessen, wie Materie aufgebaut ist (und das mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens als fünfundzwanzigstes des Teilchenzoos vervollständigt ist) hat bei allem Erfolg auch seine Schwachstellen, die der Klärung bedürfen – oder von denen die Gemeinschaft der Physiker annimmt, daß sie Fragen offen lassen, weil sie deren Vorstellung von einer „schönen“Theorie widersprechen oder einfach nur Erscheinungen sind, die seltsam wirken. Nur böse Zungen (wie beispieslweise Hossenfelders) würden behaupten, daß solche (vorgeblich?) zu lösenden Fragen auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Physiker sind… Ergebnis der Suche sind dann Theorien, die nach den Kriterien der Symmetrie (die wir als schön empfinden) gestaltet werden wie z.b. SUSY, die Supersymmetrie oder – bekannter noch – die Stringtheorie. All das ist dann zu schön, um nicht wahr zu sein – das kleine Problem, daß eine experimentelle Bestätigung der hehren Theorie nicht gelingt, oder sogar prinzipiell nicht möglich ist – man kann eben nicht alles haben… Lese ich als Laie von Vorstellungen von Multiversen und zwar von fast unzählig vielen denke ich mir, dann kann ich doch eigentlich auch an Gott glauben, dessen Existenz oder Nicht-Existenz (wenngleich das keine Frage der Physik ist) ebenso wenig beweisbar ist.

SUSY, um noch einmal darauf zurück zu kommen, sucht nach Teilchen, deren Existenz sie als Theorie, die Subjektives wie Schönheit und vor allem Symmetrieeigenschaften mit berücksichtigt, postuliert. Bei CERN, wo die Gemeinschaft der Physiker so große Hoffnung auf den LHC gesetzt hat, ist jedoch bis jetzt nichts entdeckt worden – schlecht oder vllt doch nicht, kann man damit doch die Forderung nach einem potenteren Beschleuniger begründen, mit dem dann ganz sicher… Auch eine Art Arbeitsplatzsicherung. Die SUSY-Teilchen im Übrigen sind ebenfalls Kandidaten für die Dunkle Energie bzw. Materie, mit der die Kosmologen den  offensichtlich und zur Erklärung des Galaxienbewegung fehlende Massenanteil … nun ja… erklären. Ein anderer Kandidat für diese offene Frage sind die WIMPs, zu deren Charakteristikum gehört, daß man sie praktisch nicht entdecken kann (WI: weakly interacting) – es sei denn, man hat große, mächtig große Experimente. Aber bis jetzt sind sie jedenfalls nicht mächtig groß genug…

Der eine oder andere naturwissenschaftlich Interessierte hat’s villeicht gelesen und erinnert sich an die Beule, die in einem der LHC-Messreihen bei 750 GeV auftrat ((Diphoton Excess, https://en.wikipedia.org/wiki/750_GeV_diphoton_excess): die Gemeinschaft der Wissenschaftler rotierte und hatte, so schildert es Hossenfelder, nach kurzer Zeit schon Hunderte von Aufsätzen zum Thema inclusive Deutungen und Erklärungen. Dumm nur, daß erneute Messreihen die Beule als statistische Fluktuation entlarvten, einem Nichtereignis also, für das die Wiki im oben zitieren Beitrag immer noch die/eine Deutung dokumentiert, anstatt sich auf den letzten Absatz zu beschränken…

Einfachheit, Natürlichkeit, Schönheit – es sind Gesichtspunkte, die nicht naturwissenschaftlich sind, die von Menschen intuitiv verwendet werden. Ganz sicher ist vieles, was an Erkenntnissen gewonnen wurde, ’schön‘ so wie wir heute die schon erwähnten Maxwell-Gleichungen als ’schön‘ empfinden. Aber die Bedeutung der Begriffe wandelt sich im Lauf der Zeit, allein das schon schließt sie im Grunde aus. Nicht alles, was ‚wahr“ ist, muss auch schön sein – oder anders herum formuliert: ‚wahres‘ kann auch ‚häßlich‘ sein. Und ebenso gilt, daß nicht alles, was schön ist, auch wahr sein muss, dies ist der Knackpunkt, an dem Hossenfelder ansetzt. Die Suche unter der Berücksichtigung dieser Begriffe kann (und nach Hossenfelder tun sie es) die gesamte Forschung in die Irre führen. Manche Dinge sind eben einfach so, wie sie sind.

Ich kann mir vorstellen, daß Sabine Hossenfelders Buch ihr nicht nur neue Freunde beschert, gut gemeinte Ratschläge, die sie erhielt, rieten ihr vom Schreiben des Buches ab, auch, weil es sie von eigener Forschung abhielt. Aber – dies kann man nachvollziehen – wenn solche fundamentalen Fragen im Hinterkopf bohren, dürfte das kritiklose einfach-weiter-so schwer fallen… Andererseits spürt man bei den Antworten der Kollegen auf ihre Fragen, daß auch bei Ihnen oft Unsicherheiten herrschen, Zweifel nagen und Irritationen verwirren – wobei man natürlich als Leser nicht weiß, wie repräsentativ die befragte Forschergemeinde für diese Zweifel ist, jedenfalls gibt es dieses Unbehagen [Hinweis: Im neuesten Heft Spektrum der Wissenschaft 11.18 befassen sich zwei große Beiträge unter Berufung auf Hossenfelders Buch im Titelthema Die Schönheit der Naturgesetze ebenso mit dieser Frage, falls da also jemand Zugriff hat…]

Hossenfelder beschreibt in ihrem Buch die Suche nach Antworten, es ist in der Tat so etwas wie eine ‚Road-Faction‘. Sie interviewt Kollegen, besucht sie, diskutiert mit ihnen, stellt ihnen Fragen zur Zukunft der Physik und hört oft zweifelnd die Antworten. Das Buch enthält eine Menge Physik, wenn die Autorin versucht, die Problemfelder darzustellen, es sind Passagen, die ich zugegebenermaßen nicht immer wirklich nachvollziehen konnte. Aber darauf kommt es glaube ich auch nicht so drauf an, Das häßliche Universum ist schließlich kein Lehrbuch. Wichtig ist, daß das Unbehagen der Autorin an der ihrer Meinung nach vermehrt unter nicht-wissenschaftlichen Einflüssen stehenden Methodik der gegenwärtigen physikalischen Forschung deutlich und nachvollziehbar wird.

Es ist nicht gerade populär, den eigenen Stamm zu kritisieren.
Aber dieses Zelt stinkt.

Ein hartes Diktum Hossenfelders als Facit aus ihrer Sinnsuche, das ich mit zwei Zitaten veranschaulichen will: Das blinde Vertrauen der theoretischen Physiker auf Schönheitskriterien und der daraus entstehende Mangel an Fortschritten offenbaren das Versagen der Wissenschaft, sich selbst zu korrigieren. Damit meint Hossenfelder u.a., daß die Trennung zwischen Philosophie und Physik nicht mehr beachtet wird, philosophische Kriterien zur Beurteilung physikalischer Gesetze herangezogen werden. Dies führt sie zu Fragen wie Sollten wir numerischen Zufälligkeiten überhaupt Aufmerksamkeit schenken oder: Haben wir Grund zu der Annahme, daß grundlegende Gesetze einfach sein sollten? , Ansätze, die die physikalische Forschung in eine Sackgasse führen, die neue Physik, die sich angeblich hinter dem Standardmodell verbirgt, wird jetzt schon Jahrzehnten gesucht, aber nicht gefunden: Fünfhundert Theorien, um ein Signal zu erklären, das keines war [vgl. oben Diphoton-Excess], und 193 Modelle für das junge Universum beweisen überdeutlich, dass die heutigen Qualitätsstandards für die Bewertung unserer Theorien nicht mehr zu gebrauchen sind. Um künftig vielversprechende Experimente auszuwählen, brauchen wir neue Regeln.

Notgedrungen und unausweichlich muss (und die Autorin macht dies sehr deutlich) an der Wissenschaftspolitik Kritik geübt werden. Hatte Gauß noch das Arbeitsmotto ‚pauca sed matura‘, gilt heute ‚publish or perish‘: veröffentliche viel und häufig (aber bitte keine Nicht-Ergebnisse, die wollen wir nicht). Wenig zu publizieren und damit in der Masse der Forscher unterzugehen, kann sich kaum noch jemand leisten: da Festanstellung immer seltener werden, müssen Fördergelder beantragt werden und wer bekommt die? Genau… Auch hier weiß Hossenfelder, wovon sie spricht, die USA, Schweden, Kanada und jetzt Deutschland sind ihre Stationen auf der Jagd nach eigener Förderung…

Parallel dazu ist eine weitere Folge dieser Entwicklung, daß unkonventionelle Ideen unterdrückt werden: man arbeitet und publiziert in dem Fachgebiet, das bevorzugt gefördert wird, in dem man hoffentlich zitiert wird und sich einen Namen machen kann. Alternative Arbeitsansätze haben so kaum eine Chance. Zudem ist beispielsweise ein Stringtheoretiker ‚billig‘ zu haben, experimentelle Verifizierung spielt in diesem Fach eine eher untergeordnete Rolle, eine Investion in die Stringtheoretiker also recht kostengünstig: das ganze Procedere erinnert an ein sich selbst erhaltendes System.

Vielleicht befinden wir uns in der Grundlagenphysik in einer Sackgasse, weil wir die Grenzen dessen erreicht haben, was Menschen begreifen können. Mit dieser aufrüttelnden Frage Hossenfelders, die ich hier einfach so stehen lasse,  will ich es gut sein lassen mit dieser Vorstellung eines Buches, das mutig ist, denn es stellt begründete Fragen, die man nicht als Nebensächlichkeiten abtun kann. Der LHC beispielsweise, der bis jetzt nichts von einer versprochenen „Neuen Physik hinter dem Standardmodell“ aufgezeigt hat, hat schließlich Milliarden gekostet. Es dürfte provozieren, falls man es in der Gemeinde der Physiker nicht einfach verdrängt, im besten jedoch Fall zum Nachdenken anregen. Grundlagenphysik ist auf der experimentellen Seite extrem teuer und es sind Steuergelder, mit denen die riesigen Anlagen gebaut werden. Eine Argumentation, die mehr ist als die vage Hoffnung, mit dieser (oder jener) Maschine bestimmt etwas zu finden, reicht da nicht, wenn man verantwortlich handeln will.

Suma summarum kann ich das Buch jedem naturwissenschaftlich Interessiertem nur empfehlen, zumal Hossenfelder zwar viel Fachliches geschrieben hat, aber das Ganze mit einer gehörigen Portion Humor und (Selbst)Ironie zu würzen weiß. Es ist ein persönliches Buch, in dem eine Physikern ihr Tun hinterfragt, wissen will, ob sie überhaupt mit der Fragestellung, die sie untersucht, geerdet ist oder ob sie sich in ein wissenschaftliches Traumschloß begeben hat, in dem sie losgelöst von der Realität agiert. Deutlich zu spüren ist der Wunsch – und die Forderung! – an die Gemeinschaft der theoretischen Physiker, sich selbst und ihr Tun zu hinterfragen und auf Relevanz zu überprüfen.

Sabine Hossenfelder
Das hässliche Universum
Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt

Originalausgabe: Lost in Math. How Beauty Leads Physics Astray
Übersetzt aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher, Kollektiv Druck-Reif
diese Ausgabe: Fischer, HC, ca. 360 S., mit ausführlichem Register und Anmerkungen, 2018

 

 

Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossongs [1] Buch Rotlicht ist, denke ich, ein erfolgreiches Buch, die Besprechungen sind positiv. Anne Haeming adelt es in Spiegel-online sogar als neues ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘ [2], sie legt die Latte damit hoch, denn das soll ja wohl bedeuten, daß jeder, der dieses Buch liest, über Sex und Prostitution umfassend informiert wird. Na, wenn das man nicht leicht übertrieben ist… schaumeruns das Buch aber am besten mal selber an….


Im einleitenden Kapitel erinnert sich Bossong an ihre Kindheit, an die Faszination, die das rote Licht mancher Geschäfte auf sie ausgeübt hat, diesen Reiz, auch das Wissen um das Tabu, das solche Läden umgibt, allein schon dokumentiert durch die Altersbeschränkung, die zum Eintritt berechtigt [3]. Betrat man solchen Laden dann in späteren Jahren, aber immer noch zu früh, so tappte man durch düstere Räume, die das Licht aussperrten und in deren Regalen seltsames Gerät zu bestaunen war. Und, natürlich, Männer, die Magazine, künstliche Vaginen, Videoangebote oder, oder, oder begutachteten…. Diese schummrige Atmosphäre der Sex-Shops ist mittlerweile fast überall verschwunden (gleichwohl haben Bossong und ihr Begleiter im Rahmen ihrer Suche noch einen solchen ‚altmodischen‘ Laden aufgetrieben), heutzutage sind die Geschäfte hell, die Vibratoren körpergerecht ausgestaltet, es geht steril und fast schon öffentlich zu. Und will man es unbeobachteter haben, kann der ‚butt plug mit USB-Anschluss‘ auch bequem von zu Hause aus per online-Großhändler geordert werden (immerhin 4 von 5 Sternen von 378 Bestellern, Stand: Anfang Jan ’18)… aber das nur am Rande, davon handelt Bossongs Buch nicht.

Hat sich das äußere Bild der Sexindustrie somit in den letzten Jahrzehnten teilweise gewandelt (ebenso wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen), einiges ist unverändert geblieben, gehört also offensichtlich zum Kernbereich. So zum Beispiel die Tatsache, daß zu den wenigen Bereichen des Lebens, zu denen Frauen keinen oder kaum Zutritt haben, die Sexindustrie gehört. Das klingt auf den ersten Blick etwas absurd, funktioniert diese Industrie doch ohne Frauen nicht, jedoch ist ihre Funktion streng eingeschränkt auf der Seite der Anbieter von Sexdienstleistungen. Frauen auf der Seite der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen (sozusagen als „Freierin“) existieren, so Bossong, praktisch nicht. … die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann. … Als Frau kann man lediglich käuflich sein, … andere Rollen sind nicht vorgesehen. … Ich wollte sehen, was wirklich geschieht in Sexkinos und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen, mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. …

Damit ist der Inhalt des Buches im Grunde schon recht vollständig umrissen, bei der Aufzählung der besuchten Einrichtungen fehlen jedoch noch das Wohnungsbordell, die Tantra-Massage, eine Table-Dance Bar, der FKK-Club und die Sexmesse. All diese Einrichtungen besucht Bossong in Begleitung von männlichen Bekannten, ihre Befürchtung, andernfalls als Exotin zu sehr aufzufallen bzw gar nicht erst Zutritt zu erhalten, ist plausibel. Zudem half Begleitung dabei, die innere Hemmschwelle zu überwinden.

Man begann sachte und tastete sich vor. Zum Einstieg diente eine in der Beschreibung traurig wirkender Lokalität im tristen Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem Table Dance angeboten wurde. Die beiden Besucher kamen mir vor wie die sich ängstlich aneinander klammernden Hänsel und Gretel im dunklen Wald, in dem der Wald durch das schummrige, auf den billigen Plätzen keineswegs gemütliche Lokal mit Eisdielen-Ambiente ersetzt wurde und die böse Hexe durch die Damen, die ihren mehr oder wenig knackigen Körper den Blicken darboten. Denn das tun die beiden schon: die Frauen, die sich an der Stange abmühen, taxieren. So läßt die Schilderung Bossong an einen Zoobesuch denken, man wolle nur mal gucken wird ein anderer Besucher beschieden, der sich dem Paar fragend genähert hatte. Letztlich verließen die beiden Lokal und Bahnhofsviertel geradezu fluchtartig.

So geht es weiter zu anderen Hot-Spots des horizontalen Gewerbes. So schrill und klinisch die Sex-Messe auftritt, so versifft und nach Sperma und Schweiß müffelnd stellt sich das Sex-Erlebniskino auf der Reeperbahn dar. Ein trauriger Ort, über eine nur spärlich beleuchtete Kellertreppe zu erreichen… für 12 Euro darf man wohl auch nicht mehr erwarten. GangBang Area und kopulierende Paare wecken keinerlei Lustgefühle, eher Ekel. In Dortmund sind die seinerzeit bundesweit berühmt gewordneen Verrichtungsboxen  sind längst wieder abgebaut, der Straßenstrich steht unter behördlicher Kontrolle und die nach 2007 zu Tausenden angereisten bulgarischen Frauen sind weitestgehend wieder weg – wohin, weiß man nicht. Die beiden Frauen, mit denen Bossong spricht, romantisieren ihr Leben und reden es schön, sind stolz auf ihre Stammkunden, zu denen sich ein fast persönliches Verhältnis aufgebaut hat… ‚Pretty Women‘ Atmosphäre… Der Swinger-Club: allein erscheinende Frauen zahlen keinen Eintritt. Handtuchverhüllt rührt hier zum ersten Mal die dunkle Seite der Macht leise ihre Verführungskunst: Bossong Begleiter, der im S/M-Zimmer in einen Käfig steigt, muss energisch „Nora“ rufen, um wieder herausgelassen zu werden. Und hier, in dieser fast intimen Atmosphäre des Clubs, wirken auch die Geräusche, die ein Paar, das mit sich selbst beschäftigt ist, macht, aufregend…

Ich komme noch mal auf die Einschätzung der Spiegel-Rezensentin (wohlgemerkt: nicht der Autorin) zurück, Rotlicht sei das neue ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘. Das ist wohl ein wenig zuviel der Ehre, zu etwas zu schaffen, hatte Bossong wohl selber nicht im Sinn. Dazu fehlen auch die methodischen Basics wie Definitionen, Festlegung von Kriterien etc pp. Manche der Erlebnisse scheinen im Gegenteil dem Augenblick geschuldet: …Wir sind doch eigentlich überhaupt nicht wegen der Kinos in Hamburg. … ein paar Minuten später: „Wir gehen da jetzt rein“, sagt Daniel. 


Rotlicht ist vielmehr ein sehr interessanter Bericht über eine Selbsterfahrung, Selbsterkundung. Immer wieder stößt die Autorin an ihre Grenzen, sind ihr Situationen unangenehm: Am liebsten würde ich sofort verschwinden. [in obigem ‚Adult Cinema‘, nachdem ihr dort Partnertausch angeboten worden war.] Oder, beim Warten auf ihren Gesprächspartner, einen Kinobesitzer in der Schweiz: … wäre eigentlich doch gerne schon jetzt am Flughafen. Es ist erkennbar, daß Bossong und ihr Begleiter keine neutralen, aussenstehenden Beobachter sind, sie sind immer Teil des Ereignisses. So wie sie selbst taxieren und kritisch feststellen, wenn beispielsweise Brüste langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren, so werden sie, bzw. vor allem wohl die Autorin selbst, taxiert: im Kino, im Swinger-Club oder im Hamburger Laufhaus. Aber Bossong tritt auch als Kundin auf, also in der männlichen Rolle im Sexgeschäft: sie kauft von zwei Damen, die an der Straße stehen, eine Stunde, in der sie sich deren Leben erzählen läßt, sie geht zur Tantra-Massage, in den Swinger-Club oder zahlt im Bordell für Zusehen bei der Stunde, die ihr Partner gebucht hat.

Dieses Eingebundensein in die Ereignisse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Beteiligten, vor allem scheint es das Verhältnis der Autorin zu ihrem jeweiligen Begleiter zu beeinflussen. Besonders diese scheinen oft hin- und hergerissen: hin, das meint die Anziehungskraft des Milieus, her dagegen das Verdruckste, Verklemmte, offen dazu zu stehen. Daß jemand seine Souveränität behält, ist die Ausnahme.


Prostitution: die Meinungen dazu überstreichen das ganze Spektrum zwischen ‚PorNo‘ und PorYes. Vertreten die einen (wie z.B. Alice Schwarzer [6] oder siehe auch hier [4]) die Überzeugung, jegliche Prostitution beruhe auf Zwang, keine Frau würde sich freiwillig prostituieren, so vertritt z.B. Hydra [5] die Ansicht, jede Frau habe das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und dies schließe auch ein, ihr zeitlich befristet zu vermieten. Man findet ja auch ohne größer Mühe immer wieder Erfahrungsberichte junger Frauen, die z.B. für eine gewisse Zeit Escort-Service gemacht haben. Hier liegen die Stärken des Buches, wenn Bossong, die Vertreterinnen beider Positionen besucht und mit ihnen gesprochen hat, dies reflektiert und analysiert.

Das Sexgeschäft ist auf Männer ausgelegt, dies liegt der Recherche von Bossong zugrunde. Die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer, behutsamer, spricht auf andere Reize an, so erklärt ihr die Tantra-Masseuse. Der vorstehend schon erwähnte Kinobesitzer aus der Schweiz bekennt im Interview freimütig, er wisse nicht, wie man Pornografisches für Frauen machen müsse, das sei ihm ein Rätsel [vgl. dazu 7]. Dazu kommt, daß Männer für sich ein Recht auf Sex reklamieren – das er zur Not bei Prostituierten einkauft (wobei die Ehefrauen oft die Augen zumachen und sich denken, daß das immer noch besser ist als eine Geliebte), dieses Selbstverständnis gibt es bei Frauen nicht. Der Umgang mit Prostituierten, so erfährt Bossong in den Gesprächen, hat sich in den letzten Jahren geändert: die Preise sind gesunken, die Männer sind oft unverfrorener geworden, die Frauen werden oft eines letzten Restes Würde beraubt und sind nur noch Ware, die nach Preis eingekauft wird.


Bossongs Ausführungen werden dann souverän, wenn sie reflektiert und analysiert, wenn sie sich selbst beobachtet hinsichtlich der eigenen Reaktion auf ihre Recherchen bzw. auch auf die allgegenwärtige Sexualisierung der Lebenswelt. Beispielsweise stellt sie fest, daß sich der eigene Wertekanon modifiziert. Wir alle, auch ich, übernehmen solche Imperative beständig freiwillig. Wer will schon gerne dem gesellschaftlichen Konsens hinterherhinken, der festlegt, was eine vitale, ausgelebte Sexualität bedeutet? … Die kritische Frage, wer oder was eigentlich solche Imperative steuert, bleibt dahinter zurück. … . In diesem Kontext sind die geführten Interviews interessant, mit dem Kinounternehmer, der Tantra-Masseurin, den zwei Frauen von Straßenstrich, aber auch Vertreterinnen von Hydra bzw. dem Dortmunder Ordnungsamt.

Natürlich sind auch die Schilderungen der Erlebnisse Bossongs und ihres jeweiligen Begleiters wichtig. Diese Erlebnisse vermitteln nicht unbedingt Neues, man kann ähnliche Berichte oder Reportagen ohne große Mühe auch anderswo finden, möglicherweise war sogar der/die(?) eine oder andere schon mal in direktem Kontakt mit einer dieser Einrichtungen, die im Buch vorkommen. Ihre Relevanz haben diese Passagen durch die ehrliche Analyse der Autorin, welche Rolle, Funktion und Bedeutung ihnen zukommt und welche Wechselwirkung sie mit sich selbst feststellt. Im Gegensatz zur Souveränität der eher theoretischen Abschnitte schildert Bossong in diesen Kapiteln immer wieder auch die Unsicherheit, die sie in diversen Situation befallen hat und gegen die sie aktiv vorgehen musste. Aber sich in der Öffentlichkeit ‚dazu‘ zu bekennen (und in einer belebten Straße an der Tür zum Swinger-Club zu klingen, ist öffentlich…) heißt eben auch und immer noch, eine Grenze zu überschreiten, eine Hemmung, die jedoch – auch das wird deutlich – im Lauf der Zeit abnimmt.

Bossong Rotlicht ist also zwar kein Standardwerk über das ‚Milieu‘, aber eine sehr interessanter,  informativer und reflektierter Erfahrungsbericht aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Links und Anmerkungen:

[1] vlg. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong oder auch die Autorenseite bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/nora-bossong/
[2] Anne Haeming: Eine Frau dringt einhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/nora-bossong-buch-rotlicht-ueber-prostitution-in-deutschland-a-1135665.html
[3] Bei dieser Passage erinnerte ich mich sofort an den Roman Red Light der Karlsruher Schriftstellerin Phoebe Müller, die von ähnlichen Reiz roten Lichtes auf ihr Protagonistin ausgehend diese auf ganz andere (im Sinne Bossongs konventionelle) Weise die Prostitution, das Sexgewerbe, erkunden läßt: Phoebe Müller: Red Lighthttps://radiergummi.wordpress.com/2015/06/25/phoebe-muller-red-light/
[4] Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibthttps://radiergummi.wordpress.com/…uebrig-bleibt/
[5] http://www.hydra-berlin.de/startseite/
[6] vgl. auch diese beiden Beiträge in der Wiki:
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorNO-Kampagne
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorYes bei diesem Label geht es vor allem um eine Art Gütesiegel für feministische, frauenorientierte Pornographie
– dieser aktuelle Beitrag aus der ze.tt passt auch ganz gut ins Thema:
Eva Reisinger, Frauke Vogel: Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“; in: https://ze.tt/frauen-gehoeren….

Nora Bossong
Rotlicht
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Werner Fuld: DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER

Der 1947 in Heidelberg geborene Schriftsteller und Literaturkritiker Werner Fuld ist ein Freund der dezidierten Meinung und der klaren Aussage, auch wenn sie – vielleicht sogar gerade dann – gegen vorherrschende Ansichten verstößt. Dieses im Deutschlandfunk „Kultur“ [2] veröffentlichte Interview mit ihm, das sich auf das vorliegende Buch bezieht, gibt ein wunderbares, erfrischendes Beispiel für die Vehemenz, mit der Fuld auch unpopuläre Thesen vertritt. Unpopuläre Thesen: das ist schon fast eine Überleitung zu dem vorliegenden Werk Fulds, in dem es nicht nur um unpopuläre Thesen geht, sondern um die durch alle historischen Erfahrungen widerlegte Überzeugung von Machthabern, man könne mit der Existenz von Büchern (und Autoren) auch die zugrunde liegenden missliebigen Ideen auslöschen.

Daß sich diese Ansicht durch alle Jahrtausende und alle Kulturkreise zieht und schon früh aufgekommen ist, belegt Fuld durch diverse Beispiele wie das des Kaisers Augustus, der durch Verbote der frühen Schriften Cäsars dessen „Bild in der Öffentlichkeit bestimmte“, der aber auch sich aber auch nicht scheute, missliebige Autoren zu unterdrücken und auszuschalten. Unter dem Nachfolger von Augustus wurden die entsprechenden Gesetze dann zu einer regelrechten Gesinnungsjustiz ausgeweitet.

Gut zwei Jahrhunderte vor Augustus kommt dem chinesischen Kaiser Quin Shihuangdi die zweifelhafte Ehre zu, einer der ersten Bücherverbrenner zu sein: „Schriften, die das Alte verherrlichen und das Neue herabsetzen, wurden kurzerhand vernichtet.“

Fulds Buch ist gespickt mit Informationen zu Bücher und zu Autoren, die er in insgesamt zwölf Kapiteln unter den verschiedensten Aspekten aufbereitet. Einer der Hauptdarsteller im großen Zirkus der Zensur ist naturgemäß die katholische Kirche mit ihrem Index, auf den sie über Jahrhunderte die verschiedensten Titel setzte. Die letzte Ausgabe des nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils abgeschafften Liste enthielt immerhin ca 6000 Titel [7]. Man findet bzw. fand dort einen großen Teil der Weltliteratur wieder, für Autoren gab es kaum eine bessere Werbemöglichkeit. Vom Index entfernt zu werden, verurteilte ein Werk nicht selten zu Bedeutungslosigkeit, wie Fuld es für z.B. die Lady Chatterley konstatiert. Ja, es war zeitweise so, daß Autoren förmlich darum nachsuchten, mit ihrem Buch indiziert zu werden.

„Eine Zensur findet nicht statt.“ verspricht uns das Grundgesetz, trotzdem gibt es in Deutschland eine „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ [3], bei der jedermann auch Vorschläge machen kann. Eine Liste der indizierten/verbotenen Bücher ist nicht offen zugänglich, aus oben schon erläuterten Grund: „die ausführenden Behörden [möchten] vermeiden , daß damit erst ein Markt/eine Nachfrage entsteht.“ Einen Über- und Einblick vermittelt jedoch diese Internetseite Liste verbotener Medien in der BRD [4]. Jedenfalls lernen wir durch Fuld, daß das Grundgesetz die Vorzensur meint, die nicht stattfindet: jeder kann schreiben, was er will, eine staatliche Beurteilung findet ggf. erst nach der Veröffentlichung statt. Daß in den Anfängen der BRD sogar Tarzan-Hefte indiziert waren, sei nur des Gags wegen erwähnt und um die Absurdität einer Zensur zu zeigen.

Findet, wie in totalitären Staaten üblich, eine Vorzensur statt, muss der Autor sein Werk vor der Veröffentlichung dem Zensor vorlegen, als Ergebnis folgt daraus nach Fuld, daß die gesamte Literatur dieses Staates glatt gebügelte Einheitsliteratur im Sinne des Regimes ist [2]. Werke wie ein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Issajewitsch Solschenizyn verdanken ihre Existenz kurzfristigen Perioden politischer Freiheiten.

Hört man den Begriff „Zensur“ denkt man unwillkürlich an erotisches/pornografisches Material, das jedoch mengenmäßig bei weitem nicht die größte Rolle spielt. Viel häufiger werden Werke zensiert, die gegen die herrschende politische und weltanschauliche Meinung der Machthaber verstoßen. Die Bücherverbrennung des Dritten Reiches ist dafür ein herausragendes Ereignis. Sie umfasst ja nicht nur die punktuelle öffentlichkeitswirksame Verbrennung am 10. Mai, sie bedeutet in realiter das Auslöschen einer ganzen Generation von Schriftstellern, die in der Zeit des 3. Reiches in Vergessenheit geraten sind und die Auslöschung der gesamten jüdischen Literatur in Deutschland.

Einige Jahrhunderte früher stand in Frankreich das Riesenprojekt der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences von Diderot und d’Alembert immer am Rand des Verbots, insbesondere Diderot legte sich und seiner Meinung keine Zügel an. Ausgerechnet dem Hauptzensor ist es jedoch zu verdanken, daß dieses Hauptwerk der Aufklärung letztlich erscheinen konnte – für den Normalmenschen unerschwinglich und daher in seiner ’staatsgefährdenden‘ Wirkung begrenzt.

Aber natürlich – was wäre eine Zensur schon wert, wenn der Staat nicht ebenso die Entscheidung darüber anmaßen würde, was für das moralische und ethische Empfinden seiner Bürger zuträglich ist – dem weiten Feld der erotisch-pornographischen Literatur widmet sich Fuld ebenfalls ausführlich. Hier habe ich an einer Stelle aufgemerkt: Henry Millers Opus Pistorum wurde selbstverständlich auch ein Opfer dieser staatlichen Fürsorge für seine Bürger – sage und schreibe über 700 Polizisten wurden 1985 aufgeboten, die Linzenzausgaben im Buchhandel zu konfiszieren. Die Originalausgabe aus dem Rowohl-Verlag allerdings blieb unbehelligt, der für diese zuständige Richter wog die Kunstfreiheit höher als ein vermeintliches Schutzbedürfnis der Bürger. Und exakt diese Entscheidung machte es möglich, das dieses Buch, das ich mir just zu dieser Zeit kaufte, bei mir heute noch im Regal steht. Aber auch deutsche Autoren von Romanen gibt und gab es, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen. wie es die Staatsanwaltschaft im Falle von Pocahontas formulierte [6]. Dies aber nur zwei Exemplar für viele mehr, auf die Fuld eingeht, daß ebenso die Mutzenbacher, Fanny Hill, Irene und auch O prominent vertreten sind, ist wohl selbstverständlich [8]…

Interessant ist die anfangs erwähnte These Fulds, in einem Staat, der (Vor)Zensur ausübt, wäre eine Literatur in dem Sinne, wie wir die westeuropäische Literatur  [kennen, nicht möglich] … Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen. … [2]. Das ist ein sehr radikal zu Ende gebrachter Gedanke, der im Grunde davon ausgeht, daß Zensur, wenn sie existiert, sowohl direkt auf Literatur einwirkt (… bestimmte Probleme, bestimmte Formen…), aber auch indirekt, in dem das ganze künstlerische Klima, in dem Literatur geschaffen wird, durch den Geist der Zensur geprägt ist. Mir selbst – ich bin kein Literaturwissenschafter o.ä., von daher ist meine Meinung letztlich irrelevant – erscheint Fulds Rigorosität wie dem Interviewer auch etwas übertrieben, da sie sich jedoch schon im Bereich des Definitorischen befindet (ich, Fuld, definiere: in einem Staat mit Zensur gibt es keine unserer vergleichbare Literatur) und Definitionen nie falsch, allenfalls unpraktisch sind, muss man seine Meinung letztlich akzeptieren. Wie das provokante Interview mit Frank Meyer zeigt, regt sie aber zu Widerspruch und Diskussion ein.

Der Autor beschließt seinen Überblick mit einigen Gedanken und Ausblicken zum Thema „Selbstzensur“, die Schere im Kopf und der vorauseilende Gehorsam im Sinne einer ‚political correctnis‘, die beispielsweise die Darstellung rauchender und Alkohol trinkender Figuren im künstlerischen Werken ächtet [5]. Die formierte Gesellschaft wird das für selbstverständlich halten und erst eine zukünftige Geschichte der Zensur wird sich darüber wundern. Hoffentlich.

Fulds Übersicht ist faktenreich, der gute Mann kann eigentlich nichts anderes machen als lesen, lesen, lesen… DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER ist ja nicht sein einziges Werk. Uns als Lesern wird es durch umfangreiche Personen- und Werksregister sowie ein Sachregister erschlossen, dazu kommt noch ein Literaturverzeichnis. Das Buch ist voller Fakten und Informationen, pointiert geschrieben und damit auch ein im besten Sinne unterhaltsames Kompendium eines traurigen Kapitels innerhalb der Kulturgeschichte der Menschheit. Ist es doch einzig ein Zeichen der Dummheit, Bücher und Autoren (im übertragenen Sinn oder auch ganz real) zu verbrennen: die Ideen bleiben am Leben.

Links und Anmerkungen:

[2] Fuld: DDR-Literatur war nur „Lebenshilfe“: Werner Fuld im Gespräch mit Frank Meyer; in http://www.deutschlandfunkkultur.de/fuld-ddr-literatur-war-nur-lebenshilfe.954.de.html?dram:article_id=147173
[3] http://www.bundespruefstelle.de
[4] http://de.metapedia.org/wiki/Liste_verbotener_Medien_in_der_BRD
[5] wenn auch in anderem Zusammenhang, hat sich die Autorin Thea Dorn neulich über solchen ‚moralischen Totalitarismus‘ geäußert:  http://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-ueber-sexuelle-belaestigung-metoo-moralischer.2162.de.html?dram:article_id=400969
[6] Arno Schmidt: Pocahontas, Zitatquelle hier:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/02/arno-schmidt-seelandschaft-mit-pocahontas/
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Index_Librorum_Prohibitorum
[8] zumindest über die Geschichte der O und über Irene habe ich schon etwas geschrieben:
https://erotischebuecher.wordpress.com/2014/08/07/regine-deforges-pauline-reage-die-o-hat-mir-erzahlt/ und
– https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/

Weitere Titel, die ich zum Themenkomplex ‚Bücher über Bücher‘ hier im Blog schon vorgestellt habe:

Weitere Bücher über Bücher, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Werner Fuld
DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER
Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
diese Ausgabe: Galiani, HC, ca. 350 S., 2012