Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

Ist man von einem Buch enttäuscht, muss man aufpassen, daß man nicht über das Ziel hinausschießt, wenn man dieses Buch vorstellt und bespricht, das ist nicht immer ganz einfach. In dieser Situation bin ich jetzt. Erling Kagge, ein norwegischer Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer hat vor einigen Monaten ein kleines Büchlein über die Stille vorgestellt, von dem ich sehr angetan war, weil es Saiten in mir berührt und zum Klingen gebracht hat (https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/29/erling-kagge-stille/). In seinem Buch über das „Gehen“, das in gewisser Weise als zweiter Teil der persönlichen Erfahrung Kagges aufzufassen ist,- er selbst sagt: Stille ist abstrakt, Gehen ist konkret. -, ist dies leider nicht der Fall gewesen.

Der Mensch an sich ist ein Geher. Er stammt als Homo sapiens – auch wenn die Details noch keineswegs so klar sind, wie sie Kagge in einer Minikurzform darstellt – aus den Weiten Afrikas, die er zu Fuß durchstreifte. Die Bipedität, die er entwickelt hat, entband die vorderen Gliedmaßen von der Aufgabe, mit für die Fortbewegung zu sorgen, sie bildeten sich zu Armen plus Händen um, mit denen beispielsweise breithüftige Venusse geschaffen werden konnten. Wie wichtig das Gehen war zeigt sich auch sprachlich. Viele Wortwurzeln gehen auf den alten Wortstamm zurück, noch heute sind Begriffe und Wendungen wie: etwas (zum Lernen) durchgehen, jemanden übergehen, wie ergeht es dir?, das geht mich was an u.a.m. mit diesem Verb verknüpft.

Gehen ist gesund, psychisch wie physisch – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist, aber in Zeiten, in denen sitzende Tätigkeiten immer mehr überhand nehmen, an Bedeutung gewinnt. Als „Waldbaden“ (z.B. http://www.waldbaden.org/definition-waldbaden/) kommt dem absichtslosen Gehen im Wald mittlerweile sogar von Japan her übernommen therapeutische Bedeutung zu. Aber auch zu früheren Zeiten gingen die Menschen spazieren (soweit sie sich die Musse leisten konnten wie z.B. Kant oder Kierkegaard) und wussten um die positive Wirkung des Waldes (z.B. Henry Thoreau). Das gemeine Volk hingegen hatte im Normalfall kaum Bewegungsmangel.

Heute jedoch sitzen wir, am Tisch, im Auto, vor dem Rechner… verlieren so den Bezug zur Bewegung als auch zur Umwelt. Das Auto überbrückt Entfernungen in kurzer Zeit, jedoch bleibt der Insasse isoliert von sich mit der Landschaft ändernden Eindrücken wie Geruch oder Geräuschen. Ebenso hat man beim Autofahren (zumindest dem in dichtem Verkehr) keine Zeit Loszulassen: seine Gedanken schweifen zu lassen, möglicherweise Unerhörtes zu finden, Geistesblitze, oder neue Erkenntnisse…

In seinem Buch gibt Kagge eine Menge Beispiele für solche Momente, als extremer Geher hat er dafür ein großes Erfahrungsreservoir. Dabei schwankt der Inhalt leider zwischen Trivialem, Unverständlichem und hin- und wieder Bemerkenswertem. Beschreibt er etwa: Stimmen und Radio [im Auto] erlebe ich als Lärm. Die Playlist scheint immer dieselbe zu sein, die Nachrichten auch… möchte ich ihm zurufen: Mach das Radio doch einfach aus! Ein paar Seiten später wird es agegen komplizierter: In der existenziellen Mathematik [??] bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: Der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Wow! Munter vermengt der Autor hier Hierarchieebenen: Vergessen und Erinnern liegen auf einer Ebene, Langsamkeit ist (genauso wenig wie übrigens auch Kälte) etwas Eigenes, es ist einfach nur eine Bezeichnung für ein (zudem noch relatives oder auch subjektives) Maß an Geschwindigkeit. [Zur Erläuterung: es geht darum, daß man sich beim langsamen Fortbewegen besser auf Erinnerungen konzentrieren kann als bei einer schnellen Gangart]. An der Unsinnigkeit dieses Satzes könnte man sich lange aufhalten…

Noch ein Beispiel für eine Feststellung, in der es begrifflich ebenfalls wieder durcheinander geht: Heute wird auf der ganzen Welt geforscht, wie das Gehen [eine Tätigkeit] die Kreativität beeinflusst. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: wie unsere Füße [ein Körperteil] das Gehirn beeinflussen, und nicht umgekehrt. Füße haben wir natürlich auch beim Sitzen und beim Liegen, damit wird der Satz unsinnig. Es geht natürlich auch nicht um die Füße, sondern einzig und allein ums Gehen… und was mit und nicht umgekehrt gemeint ist (wo das Gehirn doch den gesamten Organismus steuert), bleibt mir ebenso verschlossen.

Genug an den wenig positiven Beispielen im Text. Nein, nein, Kommando zurück, eins noch, es ist zu schön: Du denkst mit deinem ganzen Ich [hier wird auf Merleau-Ponty, einem Philosophen, Bezug genommen]. Mit dem Kopf, mit dem Körper. Sein Ansatzpunkt war, dass der Körper nicht nur aus einer Ansammlung von Atomen aus Fleisch und Knochen besteht. … Atome aus Fleisch und Knochen – da ist wohl etwas gehörig daneben gegangen….

Aber etwas habe ich letztlich danan doch dazu gelernt aus dem Buch: der Plural von Moos ist nicht (wie auf S. 12 geschrieben) Mose, sondern nach Duden: Moose (oder ggf. Möser; https://www.duden.de/rechtschreibung/Moos)). Tja, hätten Sie’s gewusst?

Interessant – ich möchte ja nicht nur Negatives berichten – wird das Buch an den Stellen, an denen der Extremgeher Kagge von seinen Erlebnissen erzählt: Ich quäle mich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Ich verausgabe mich psychisch. … Am liebsten gehe ich, bis ich beinahe zusammenbreche. Ich will das Glück, die Erschöpfung und die Absurdität beim Gehen spüren, wenn sich alles vermischt und ich nicht smehr trennen kann. … die Gedanken verschwinden aus meinem Kopf, und ich werde zu einem Teil des Grases, der Steine, des Mooses, der Blumen und des Horizonts.

Gehen. Weiter gehen ist ein sehr persönliches Buch voller Episoden aus Kagges Leben, gespickt mit vielen historischen Anekdoten. Leider ist es weder eine Anleitung, wie es das Cover ankündigt, noch beschreibt es über eben Anekdotisches hinausgehend den meditativen Charakter des Gehens (Im Zen beispielsweise ist die Geh-Meditation ‚Kinhin der Sitzmeditation gleichwertig)‘. Es bleibt meist an der Oberfläche, ist trivial bis unverständlich, der Wert des Buches liebt im wesentlichen darin, daß man überhaupt den Wert des Gehens thematisiert.

Schade.

Erling Kagge
Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Å gå. Ett Skritt om gangen; Oslo, 2018
diese Ausgabe: Insel Verlag, HC, ca. 156 Seiten, 2018, mit Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Sabine Hossenfelder: Das häßliche Universum

Realität ist das, was nicht verschwindet wenn man aufhört daran zu glauben.
Philip K. Dick (https://www.nur-zitate.com/autor/Philip_K_Dick)

Die Belletristik ist voll von Titel, auf denen uns Protagonisten bzw. -innen auf einem Selbsterfahrungstrip begegnen, auch biographisches in dieser Hinsicht ist nicht seltenm Dieser Blog hier enthält einiges an Beispielen, Was seltener ist oder vielmehr die Ausnahme, das ist eine solche Hinterfragung des eigenen Treibens, ist die Suche nach einer Antwort aus inneren Unbefriedigung heraus im Sachbuchbereich. Hossenfelder legt mit ihrem Titel Das häßliche Universum genau das jedoch vor.

Sabine Hossenfelder ist nicht irgendwer, sie ist Insiderin, ein theoretische Physikern, die ihr Fach und die Klaviatur der modernen Medien beherrscht [http://sabinehossenfelder.com, hier finden sich auch die Links zu ihren social-web-accounts]. Fachlich befasst sie sich mit (so formuliert es die Wiki) „Gravitation und Quantengravitation sowie Physik jenseits des Standardmodells“ und das merkt man dem Buch an, denn obwohl die Darstellung einer Sinnsuche, ist es durchsetzt von fachlichen Aspekten.


Worum geht es? Seit der Mensch denken kann, versucht er sich die Welt zu erklären. Die alten Griechen hatten ihre Modelle, die Religionen hatten sie und schließlich natürlich auch die moderne Wissenschaft, für die es Regeln gibt, die einzuhalten sind, wenn es gute Wissenschaft sein soll. Denkt man. Und denkt nicht oder nur selten daran, welche anderen Kriterien immer wieder, ex- und implizit verwendet werden: Schönheit, Einfachheit, Natürlichkeit…. So konstruierte beispielsweise Kepler sein Sonnensystem ursprünglich mit auf Kreisbahnen rotierenden Planeten in Abständen, die aus den platonischen Körpern ableitbar waren: es war einfach ein harmonisches, schönes, Modell. Mit dem Nachteil, daß die Überprüfung an der Realität zeigte, daß es nicht stimmte…. Maxwell, um ein zweites Beispiel zu nennen, war seinerzeit über seine wunderschönen Gleichungen gar nicht so glücklich, der (nach damaligem Konsens) notwendige Bezug zur Mechanik (in den Gleichungen tauchen ja nur Felder auf….) fehlte ihm…

Solange das Wechselspiel zwischen erklärender Theorie und praktischer Überprüfung durch Experimente und Beobachtungen funktionierte, war dieses implizite Einbeziehen nicht-wissenschaftlicher Kriterien nur wenig problematisch, Kepler schwenkte auf Ellipsenbahnen um, und die Felder, von den Maxwell in seinen Gleichungen erzählt, sind einfach da, brauchen keinen mechanischen ‚Anker‘.

Die moderne Physik leidet, so habe ich Hossenfelder verstanden, an mehreren Stellen. Nachdem Anfang des letzten Jahrhunderts Einsteins Relativitätstheorie und die Quantentheorie unser Verständnis von der Welt grundlegend geändert haben, sind die Physiker nach wie vor bemüht, beide Theoriegebäude zusammenzuführen, aber die Gravitation weigert sich beharrlich der Quantisierung; es ist Hossenfelders eigenes Arbeitsgebiet, dort Fortschritte zu erzielen. Das im Lauf der Jahre durch Theorie und Experiment entwickelte Standardmodell dessen, wie Materie aufgebaut ist (und das mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens als fünfundzwanzigstes des Teilchenzoos vervollständigt ist) hat bei allem Erfolg auch seine Schwachstellen, die der Klärung bedürfen – oder von denen die Gemeinschaft der Physiker annimmt, daß sie Fragen offen lassen, weil sie deren Vorstellung von einer „schönen“Theorie widersprechen oder einfach nur Erscheinungen sind, die seltsam wirken. Nur böse Zungen (wie beispieslweise Hossenfelders) würden behaupten, daß solche (vorgeblich?) zu lösenden Fragen auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Physiker sind… Ergebnis der Suche sind dann Theorien, die nach den Kriterien der Symmetrie (die wir als schön empfinden) gestaltet werden wie z.b. SUSY, die Supersymmetrie oder – bekannter noch – die Stringtheorie. All das ist dann zu schön, um nicht wahr zu sein – das kleine Problem, daß eine experimentelle Bestätigung der hehren Theorie nicht gelingt, oder sogar prinzipiell nicht möglich ist – man kann eben nicht alles haben… Lese ich als Laie von Vorstellungen von Multiversen und zwar von fast unzählig vielen denke ich mir, dann kann ich doch eigentlich auch an Gott glauben, dessen Existenz oder Nicht-Existenz (wenngleich das keine Frage der Physik ist) ebenso wenig beweisbar ist.

SUSY, um noch einmal darauf zurück zu kommen, sucht nach Teilchen, deren Existenz sie als Theorie, die Subjektives wie Schönheit und vor allem Symmetrieeigenschaften mit berücksichtigt, postuliert. Bei CERN, wo die Gemeinschaft der Physiker so große Hoffnung auf den LHC gesetzt hat, ist jedoch bis jetzt nichts entdeckt worden – schlecht oder vllt doch nicht, kann man damit doch die Forderung nach einem potenteren Beschleuniger begründen, mit dem dann ganz sicher… Auch eine Art Arbeitsplatzsicherung. Die SUSY-Teilchen im Übrigen sind ebenfalls Kandidaten für die Dunkle Energie bzw. Materie, mit der die Kosmologen den  offensichtlich und zur Erklärung des Galaxienbewegung fehlende Massenanteil … nun ja… erklären. Ein anderer Kandidat für diese offene Frage sind die WIMPs, zu deren Charakteristikum gehört, daß man sie praktisch nicht entdecken kann (WI: weakly interacting) – es sei denn, man hat große, mächtig große Experimente. Aber bis jetzt sind sie jedenfalls nicht mächtig groß genug…

Der eine oder andere naturwissenschaftlich Interessierte hat’s villeicht gelesen und erinnert sich an die Beule, die in einem der LHC-Messreihen bei 750 GeV auftrat ((Diphoton Excess, https://en.wikipedia.org/wiki/750_GeV_diphoton_excess): die Gemeinschaft der Wissenschaftler rotierte und hatte, so schildert es Hossenfelder, nach kurzer Zeit schon Hunderte von Aufsätzen zum Thema inclusive Deutungen und Erklärungen. Dumm nur, daß erneute Messreihen die Beule als statistische Fluktuation entlarvten, einem Nichtereignis also, für das die Wiki im oben zitieren Beitrag immer noch die/eine Deutung dokumentiert, anstatt sich auf den letzten Absatz zu beschränken…

Einfachheit, Natürlichkeit, Schönheit – es sind Gesichtspunkte, die nicht naturwissenschaftlich sind, die von Menschen intuitiv verwendet werden. Ganz sicher ist vieles, was an Erkenntnissen gewonnen wurde, ’schön‘ so wie wir heute die schon erwähnten Maxwell-Gleichungen als ’schön‘ empfinden. Aber die Bedeutung der Begriffe wandelt sich im Lauf der Zeit, allein das schon schließt sie im Grunde aus. Nicht alles, was ‚wahr“ ist, muss auch schön sein – oder anders herum formuliert: ‚wahres‘ kann auch ‚häßlich‘ sein. Und ebenso gilt, daß nicht alles, was schön ist, auch wahr sein muss, dies ist der Knackpunkt, an dem Hossenfelder ansetzt. Die Suche unter der Berücksichtigung dieser Begriffe kann (und nach Hossenfelder tun sie es) die gesamte Forschung in die Irre führen. Manche Dinge sind eben einfach so, wie sie sind.

Ich kann mir vorstellen, daß Sabine Hossenfelders Buch ihr nicht nur neue Freunde beschert, gut gemeinte Ratschläge, die sie erhielt, rieten ihr vom Schreiben des Buches ab, auch, weil es sie von eigener Forschung abhielt. Aber – dies kann man nachvollziehen – wenn solche fundamentalen Fragen im Hinterkopf bohren, dürfte das kritiklose einfach-weiter-so schwer fallen… Andererseits spürt man bei den Antworten der Kollegen auf ihre Fragen, daß auch bei Ihnen oft Unsicherheiten herrschen, Zweifel nagen und Irritationen verwirren – wobei man natürlich als Leser nicht weiß, wie repräsentativ die befragte Forschergemeinde für diese Zweifel ist, jedenfalls gibt es dieses Unbehagen [Hinweis: Im neuesten Heft Spektrum der Wissenschaft 11.18 befassen sich zwei große Beiträge unter Berufung auf Hossenfelders Buch im Titelthema Die Schönheit der Naturgesetze ebenso mit dieser Frage, falls da also jemand Zugriff hat…]

Hossenfelder beschreibt in ihrem Buch die Suche nach Antworten, es ist in der Tat so etwas wie eine ‚Road-Faction‘. Sie interviewt Kollegen, besucht sie, diskutiert mit ihnen, stellt ihnen Fragen zur Zukunft der Physik und hört oft zweifelnd die Antworten. Das Buch enthält eine Menge Physik, wenn die Autorin versucht, die Problemfelder darzustellen, es sind Passagen, die ich zugegebenermaßen nicht immer wirklich nachvollziehen konnte. Aber darauf kommt es glaube ich auch nicht so drauf an, Das häßliche Universum ist schließlich kein Lehrbuch. Wichtig ist, daß das Unbehagen der Autorin an der ihrer Meinung nach vermehrt unter nicht-wissenschaftlichen Einflüssen stehenden Methodik der gegenwärtigen physikalischen Forschung deutlich und nachvollziehbar wird.

Es ist nicht gerade populär, den eigenen Stamm zu kritisieren.
Aber dieses Zelt stinkt.

Ein hartes Diktum Hossenfelders als Facit aus ihrer Sinnsuche, das ich mit zwei Zitaten veranschaulichen will: Das blinde Vertrauen der theoretischen Physiker auf Schönheitskriterien und der daraus entstehende Mangel an Fortschritten offenbaren das Versagen der Wissenschaft, sich selbst zu korrigieren. Damit meint Hossenfelder u.a., daß die Trennung zwischen Philosophie und Physik nicht mehr beachtet wird, philosophische Kriterien zur Beurteilung physikalischer Gesetze herangezogen werden. Dies führt sie zu Fragen wie Sollten wir numerischen Zufälligkeiten überhaupt Aufmerksamkeit schenken oder: Haben wir Grund zu der Annahme, daß grundlegende Gesetze einfach sein sollten? , Ansätze, die die physikalische Forschung in eine Sackgasse führen, die neue Physik, die sich angeblich hinter dem Standardmodell verbirgt, wird jetzt schon Jahrzehnten gesucht, aber nicht gefunden: Fünfhundert Theorien, um ein Signal zu erklären, das keines war [vgl. oben Diphoton-Excess], und 193 Modelle für das junge Universum beweisen überdeutlich, dass die heutigen Qualitätsstandards für die Bewertung unserer Theorien nicht mehr zu gebrauchen sind. Um künftig vielversprechende Experimente auszuwählen, brauchen wir neue Regeln.

Notgedrungen und unausweichlich muss (und die Autorin macht dies sehr deutlich) an der Wissenschaftspolitik Kritik geübt werden. Hatte Gauß noch das Arbeitsmotto ‚pauca sed matura‘, gilt heute ‚publish or perish‘: veröffentliche viel und häufig (aber bitte keine Nicht-Ergebnisse, die wollen wir nicht). Wenig zu publizieren und damit in der Masse der Forscher unterzugehen, kann sich kaum noch jemand leisten: da Festanstellung immer seltener werden, müssen Fördergelder beantragt werden und wer bekommt die? Genau… Auch hier weiß Hossenfelder, wovon sie spricht, die USA, Schweden, Kanada und jetzt Deutschland sind ihre Stationen auf der Jagd nach eigener Förderung…

Parallel dazu ist eine weitere Folge dieser Entwicklung, daß unkonventionelle Ideen unterdrückt werden: man arbeitet und publiziert in dem Fachgebiet, das bevorzugt gefördert wird, in dem man hoffentlich zitiert wird und sich einen Namen machen kann. Alternative Arbeitsansätze haben so kaum eine Chance. Zudem ist beispielsweise ein Stringtheoretiker ‚billig‘ zu haben, experimentelle Verifizierung spielt in diesem Fach eine eher untergeordnete Rolle, eine Investion in die Stringtheoretiker also recht kostengünstig: das ganze Procedere erinnert an ein sich selbst erhaltendes System.

Vielleicht befinden wir uns in der Grundlagenphysik in einer Sackgasse, weil wir die Grenzen dessen erreicht haben, was Menschen begreifen können. Mit dieser aufrüttelnden Frage Hossenfelders, die ich hier einfach so stehen lasse,  will ich es gut sein lassen mit dieser Vorstellung eines Buches, das mutig ist, denn es stellt begründete Fragen, die man nicht als Nebensächlichkeiten abtun kann. Der LHC beispielsweise, der bis jetzt nichts von einer versprochenen „Neuen Physik hinter dem Standardmodell“ aufgezeigt hat, hat schließlich Milliarden gekostet. Es dürfte provozieren, falls man es in der Gemeinde der Physiker nicht einfach verdrängt, im besten jedoch Fall zum Nachdenken anregen. Grundlagenphysik ist auf der experimentellen Seite extrem teuer und es sind Steuergelder, mit denen die riesigen Anlagen gebaut werden. Eine Argumentation, die mehr ist als die vage Hoffnung, mit dieser (oder jener) Maschine bestimmt etwas zu finden, reicht da nicht, wenn man verantwortlich handeln will.

Suma summarum kann ich das Buch jedem naturwissenschaftlich Interessiertem nur empfehlen, zumal Hossenfelder zwar viel Fachliches geschrieben hat, aber das Ganze mit einer gehörigen Portion Humor und (Selbst)Ironie zu würzen weiß. Es ist ein persönliches Buch, in dem eine Physikern ihr Tun hinterfragt, wissen will, ob sie überhaupt mit der Fragestellung, die sie untersucht, geerdet ist oder ob sie sich in ein wissenschaftliches Traumschloß begeben hat, in dem sie losgelöst von der Realität agiert. Deutlich zu spüren ist der Wunsch – und die Forderung! – an die Gemeinschaft der theoretischen Physiker, sich selbst und ihr Tun zu hinterfragen und auf Relevanz zu überprüfen.

Sabine Hossenfelder
Das hässliche Universum
Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt

Originalausgabe: Lost in Math. How Beauty Leads Physics Astray
Übersetzt aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher, Kollektiv Druck-Reif
diese Ausgabe: Fischer, HC, ca. 360 S., mit ausführlichem Register und Anmerkungen, 2018

 

 

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Der Name Irmgard Keun (http://berlin-woman.de/index.php/2015/02/03/berlin-women-irmgard-keun-das-kunstseidene-maedchen/) ist mir zum ersten Mal in Bettina Baltschevs sehr empfehlens- und lesenwerter Arbeit über die Emigration deutscher Künstler nach Amsterdam (Bettina Baltschev: Hölle und Paradies) begegnet. Sie, d.h. die ebenfalls in die Emigratin gegangene Irmgard Keun, hatte sich dort mit Joseph Roth angefreundet (Die Legende vom heiligen Trinker (https://radiergummi.wordpress.com/2017/04/16/joseph-roth-die-legende-vom-heiligen-trinker/) und Hiob (https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/) sind die beiden Titel Roths, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe), der so tragisch sein Ende fand – und, Ironie des Schicksals (?), das ein Ende war, das auch Keun in Teilen und in ferner Zukunft erleben sollte.

Seit dieser Zeit ist Keun auf meiner Wunschliste, und jetzt endlich habe ich es auch mal umgesetzt und ihren wohl bekanntesten Roman von Doris, dem ‚kunstseidenen Mädchen‘, das von der mittleren Stadt nach Berlin geht, um dort ein „Glanz“ zu werden, gelesen.

Das kunstseidene Mädchen spielt nach der Weltwirtschaftskrise in den Endjahren der Weimarer Republik, die Handlung setzt im Sommer 1931 ein und geht bis zum Frühjahr 1932. Doris ist achtzehn Jahre alt, arbeitet, muss von dem Geld, das sie verdient, zu Hause abgeben, der Vater (wobei fraglich ist, ob es der Vater ist, es gibt Auswahl an Kandidaten) versäuft das meiste davon. Und auch draußen, in der Stadt, auf der Straße… Die Zeiten sind furchtbar, keiner hat Geld und es herrscht ein unsittliches Fluidum – denkt man bei einem, den kannst du anpumpen – pumpt er einen im Augenblick schon selber an.

Doris träumt davon, aus diesem Milieu zu entkommen, ein „Glanz“, etwas Besseres, zu werden, Geld zu haben, Bekannte zu haben, eingeladen zu werden, sich intelligent unterhalten zu können. Aber wie? … immerzu sind in meinem Leben Dinge, die ich nicht weiß, und immer muss ich tun als ob und bin manchmal richtig müde vor lauter Aufpassen, und immer soll ich mich schämen müssen, wenn Worte und so Sachen sind, die ich nicht kenne und nie sind Leute gut und so, dass ich Mut hätte zu ihnen, um zu sagen: ich weiß ja, dass ich dumm bin, aber ich habe ein Gedächtnis, und wenn man mir was erklärt, gebe ich mir Mühe es zu behalten. So setzt Doris notgedrungen auf das, was ein junges Mädchen hat, das sonst nichts hat, nämlich, das, war ihr die Natur mitgegeben hat an Körper und Aussehen. Nicht, daß sie an der Straße steht und Freier wartet oder daß sie eine wird wie Hulla, die sich von ihrem Zuhälter das Gesicht zerschlagen lassen muss und die später dann einmal aus dem Fenster springen sollte, eines Goldfisches wegen.. nein, Doris sucht einen Begleiter, einen mit Geld, der sie einlädt, sie mit ins Hotel nimmt, ihr Kleider schenkt und zum Essen einlädt. Wobei sie bedauernd konstatieren muss, daß die Galane beim Ausgeben von Wein und Sekt viel großzügiger sind als beim Einladen zum Essen…

Doris muss die mittlere Stadt verlassen, genauer gesagt, sie muss fliehen, denn sie hat den Feh mitgenommen, diesen weichen, wunderbaren Pelz, in den sie sich schmiegen kann und der zu ihrem Fetisch wird. Sie wird von der Polizei gesucht, geht nach Berlin. Sie lernt dort Männer kennen, weil sie überleben muss, Männer mit Geld, deren Frauen zu früh zurück kommen und sie aus dem Bett schmeißen, in dem sie überrascht wird, Männer, die blind sind, denen sie Berlin erzählen muss, Männer, die selbst arm sind und ihr nichts bieten können außer, daß sie sie lieben. Männer, die den weggelaufenen Frauen nachtrauern und sie mit nach Hause nehmen, damit die Wohnung nicht so leer ist, ein Wesen dort drin schläft, badet, isst und sich bewegt. Ausgerechnet hier, bei Ernst, wie er heißt, ein Mann, der nichts von ihr will, fängt sie an, sich heimisch zu fühlen, von „wir“ zu reden und zu denken und zu reden und auch so zu leben: gemeinsam spazieren zu gehen, gemeinsam einzukaufen, zu kochen, zu putzen – und irgendwann auch, Liebe zu machen…

Keun schenkt ihrer Doris kein Happy End, das Ende ihrer Geschichte ist offen, Doris ist desillusioniert, die unsichere Rückkehr zu Karl, dem, der selbst nichts hat, außer sie lieb, scheint ihr noch die einzige Möglichkeit für sich zu sein. Ich will alles mit ihm zusammen tun. Wenn er mich nicht will – arbeiten tu ich nicht, dann gehe ich lieber auf die Tauentzien und werde ein Glanz. – Aber ich kann ja auch eine Hulla werden – und wenn ich ein Glanz werde, dann bin ich vielleicht noch schlechter als eine Hulla, die ja gut war. Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.


Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman, der mich berührt hat. Keun hat ihn als nicht datiertes Tagebuch geschrieben, ihre Protagonisten Doris vertraut diesem Heft ihre Gedanken und Gefühle an, wir bekommen ihre Geschichte, die im Abgesang der Weimarer Republik und in der braunen Morgendämmerung spielt, in ihrer Sprache erzählt, die immer mal wieder knapp daneben liegt, die vom Berliner Dialekt geprägt ist und die andererseits häufig wunderbare Sprachbilder und Ausdrücke parat hält. Aber zuvörderst ist eine Geschichte unerfüllter Träume, unerfüllter Sehnsüchte nach Liebe [Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht gibt, vielleicht kaum gibt.], nach dem Geliebtwerden, nach auch materieller Sicherheit, nach einem Leben, das sich nicht nur nach der Befriedigung der momentanen Nöte orientieren muss. Aber wie das erreichen in einer Stadt, in der monatlich über dreihundert Menschen an Schwindsucht sterben, der Suizid ganzer Familien aus purer Not zu vermelden ist [Materialien, S. 158]? Die Männer, die Doris trifft, jedenfalls bieten die Chance, ihre Sehnsucht zu erfüllen, nicht. Sie sind selbstverliebt wie der dilletierende Poet, dem Doris immerhin ein paar Hemden klauen kann, bevor sie sich abmacht, sie werden von der Polizei geholt wie der Geschäftsmann, dessen Frau sie zu gleicher Zeit aus seinem Bett jagt… und bei Ernst wagt sie den Schritt nicht in ein anderes Leben, wagt nicht das Risiko, ihn auf sich aufmerksam zu machen, oder – wie Keun es selbst formulieren läßt -: … so richtige Gefühle, das sollte man nur mit seinesgleichen, denn sonst geht es glatt schief.

Ich hasse alle, ich hasse alle 
– schlag doch die Welt tot,
Mutter,
schlag doch die Welt tot.

Keuns Buch spielt in den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren in Berlin, die offensichtlich so golden gar nicht waren, wenn man nicht zu den wenigen gehörte, die ganz oben mitschwammen. Es gibt (für uns Bücherfreunde interessant) eine kleine Passage im Roman, in dem Keun das Publikum des Romanischen Cafes beschreibt [vgl. meine Buchvorstellung von Jürgen Scheberas: Damals im Romanischen Café] und aus der erkennbar wird, daß die meisten der Gäste dort den Tag bei einer Tasse Kaffee verbringen mussten, mehr war nicht drin… Wenn man von „unten“ kam, so wie Doris, (und es gab viele, die wie Doris waren und an den Straßen standen und warteten, daß sie gesehen und angesprochen wurden), sah man wenig vom Glanz der Stadt, war man der heuchlerischen Moral ausgeliefert: Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld uns nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld schläft mit einem ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.  

Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman über eine Zeit mit wenig Licht und viel Schatten, von der meist nur das Licht überliefert wird, Keun hat, so wird sie wiedergegeben, Beobachtetes in ihrem Werk verarbeitet [Materialien, S. 136], die der von mir gelesenen Ausgabe beigefügten „Materialien“ geben einen Einblick in die Armut und das Elend dieser großen Stadt, in der so viele auf der Strecke blieben und in der sich zu dieser Zeit die braune Brut breitzumachen begann, an einigen Stellen fließt dies mit in die Handlung ein. In einer Szene beispielsweise erzählt Doris ihrem Galan (Fragt mich die Großindustrie [i.e. ihr Begleiter], ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte: Wenn er das gerne will, tu ihm den Gefallen. … ), sie sei Jüdin – was dem strammen Nationalen wenig gefiel. Es bedurfte (eine entlarvende Szene, die Keun hier konstruiert hat] einiger Überredung und einiger Alkohlika, bis dann der Trieb die Ideologie wieder verdrängte: Wie die Großindustrie dann betrunken war, kam es ihr nicht mehr so drauf an, und sie wollte. … Aber mir war die Lust vergangen, denn wenn er wieder nüchtern wird … man kann nie wissen, ob man nicht politisch ermordet wird, wenn man sich da reinmischt. 

Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen
Textausgabe mit Materialien
Erstausgabe: Berlin, 1932
diese Ausgabe: Klett, TB, 176 S., 2004

Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007

Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus

Und Pilatus erschrak und wollte sich von seinem Richterstuhl erheben. Da ließ ihm seine Frau durch einen Boten sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Da rief Pilatus die Juden heran und sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß meine Frau gottesfürchtig ist und es in der Religion mehr mit euch Juden hält. Hört, was sie mir sagen ließ: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Doch die Juden antworteten dem Pilatus: Wir haben dir gesagt, daß er ein Magier ist! Siehe, er hat deiner Frau einen Traum geschickt! 

So steht es im zweiten Kapitel der apokryphen Schrift des Evangeliums nach Nikodemus, eine Episode, die in den kanonischen Evangelien nur bei Matthäus noch auftaucht, aber dort deutlich kürzer: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19).

Das neue Testament ist nicht besonders reich an Frauengestalten, die Zeiten waren damals so. Maria natürlich, die Mutter Jesu, ferner Maria von Magdala (vgl. hier:http://www.seinetoechter.de/?page_id=632) , die eine sehr bedeutende Rolle spielt, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten von einer männlich dominierten Kirche als Prostituierte verunglimpft wurde. Andere Frauen, die Jesu folgten, werden erwähnt, bleiben aber meist im Anonymen, auch an die Frau des Pilatus erinnert sich wohl kaum jemand.

Dabei ist es doch interesssant, was beispielsweise bei Nikodemus steht: sie als Römerin, hält es mehr mit dem jüdischen Glauben, sie hat ferner einen Traum, der sie quält und uns zu der Frage führt, woher dieses Gesicht, daß ihr die Zukunft des nächsten Tages offenbarte, herrührt? Und wer war diese Frau überhaupt? [Eine schöne Analogie findet man übrigens bei Calpurnia und Cäsar vor dessen Ermordung: In der Nacht plagten Cäsars Frau Calpurnia böse Träume. Alle Türen und Fenster des Schlafzimmers sah sie plötzlich aufspringen, den Giebel des Hauses einstürzen – ihren Mann wähnte sie leblos auf ihrem Schoß: erdolcht. (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-84408274.html)]

Ich bin auf Claudia Prokula, so Name dieser Frau (https://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Procula) erstmals gestoßen durch einen Roman von Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium des Pilatus (das ich hier im Blog aber erst aus gegebenen Anlaß zu Ostern vorstellen werde, es dauert also noch ein wenig….) und über diesen Einstieg (und weil ich kurz danach schon einen Roman von dieser fast vergessenen deutschen Schriftstellerin gelesen hatte) auf die Novelle Gertrud von le Forts: Die Frau des Pilatus.


Jesus vor Pilatus, der seiner Frau zuhört.

Die Novelle ist geschrieben als Brief: Die freigelassene Griechin Praxedis zu Rom an Julia, die Gattin des Decius Gallicus zu Vienna. … und gibt Bericht über das Leben ihrer geliebten Herrin Claudia Procula. Die Geschehnisse setzen mit dem Traum Claudias ein: nach einer erfüllten Liebesnacht dämmert Claudia noch einmal leicht ein, Pilatus selbst ist am Morgen schon aufgestanden und zur Verhandlung gegangen. So glücklich Claudia nach der Nacht war, so schreckensbleich erwacht sie nach dem Traumgesicht, das sie durch unbekannte Zeiten und bis dahin ungesehene Tempelarten führte, begleitet von dem Ausruf: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. als sie den Lärm der Straße hört und Praxides ihr sagt, das dies die Leute sind, die zur anstehenden Gerichtssverhandlung kommen, erbleicht sie und schickt ihre vertraute Dienerin zu ihrem Mann: O ich wusste, daß die Morgenträume Wahrträume sind … durch diesen Gefangenen wird sich mein Traum erfüllen, der Prokurator darf ihn nicht verurteilen!

… nun ja, man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist…

Zurück in Rom… die Jahre sind vergangen, die Jahrzehnte… auf Claudia lastet ein schwerer Schatten, die grübelnde, nachdenkliche stille Frau passt nicht mehr in die römische Gesellschaft; auch die Ehe leidet, wird aber nicht geschieden. Claudia ist auf der Suche nach einer – so würden wir heute vielleicht sagen – spirituellen Heimat, doch jeder Glaube, dem sie anzuhängen versucht, enttäuscht sie. Dann wird sie eines Tages von einer Wahrsagerin in das ärmste Viertel der Stadt geschickt… verhüllt gehen sie und ihre treue Dienerin dorthin, zu den Ärmsten der Armen und hören dort im Gebet die seinerzeit im Traum gehörten Worte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. Auch wenn Claudia und ihre Dienerin verhüllt bleiben und sie sich nicht als Gattin des Pilatus zu erkennen gibt, findet sie in dieser Gemeinschaft ihren Glauben und ihren Halt. Doch dann kommt es zu den Verfolgungen der Nazarener, wie sie hier heißen, durch den jungen Kaiser Nero, man macht sie für den Brand Roms verantwortlich (https://de.wikipedia.org/wiki/Neronische_Christenverfolgung). In ihrer klandestinen Gruppe verlangt man jetzt, ihren Namen zu hören, sie nennt ihn, doch als sie um Gnade und Vergebung für ihren Mann fleht – denn auch er wusste nicht, was er tat – weist man sie ab: … dein Gatte ist verurteilt, weil der den Herrn verurteilte ….

Noch einmal träumt Claudia diesen alten Traum, durchmisst jetzt die zerfallenen Kathedralen der Zukunft und sieh Jesu als sich erbarmenden Richter auf dem Richterstuhl. Wiederum versucht Claudia, ihren Mann umzustimmen, denn dieser erhält vom Kaiser den Auftrag, die Nazarener zu verfolgen. Und wieder hört ihr Mann nicht auf sie… So kann sie nur noch die Verfolgten warnen, heimlich verläßt sie das Haus, wohlwissend um die Gefahr, in die sie sich begibt. Und tatsächlich, sie wird gefangen genommen und der Kaiser weidet sich bald darauf an den Qualen des Pilatus, den er mit in seine Loge im Circus nimmt, wo beide der Zerfleischung der Gefangen, unter ihnen Claudia, durch die Löwen zusehen.


Claudia, so erfahren wir bei Nikodemus, hängt dem Glauben der Juden mehr nach als dem der Römer. Inwieweit sie Jesus kennt, ihm vielleicht sogar folgt, darüber schweigt der Text. Der Traum, den sie hat, ist jedenfalls rätselhaft. Haben sie und ihr Mann, dem der anstehende Prozess unangenehm war, da er durchaus spürte, daß er hier vom Sanhedrin funktionalisierte werden sollte, am Abend darüber gesprochen? Spekulationen… in von le Forts Novelle jedenfalls erlebt Claudia ein Wechselbad der Gefühle: nach einer offensichtlich sehr befriedigenden und anstrengenden Liebesnacht (sie schlummert nach dem Aufwachen noch einmal ein) träumt sie diesen rätselhaften Traum, der mit der Durchmessung der vielen offensichtlich sakralen Räume weit in die Zukunft deutet und das Schicksal Jesu, das sich noch nicht erfüllt hat, vor dem sie ihn zu bewahren sucht, offenlegt: Gekreuzigt und gestorben…

Der Traum, ihr vergeblicher Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, und der Tod Jesu erschüttern Claudia, sie ist ein anderer Mensch geworden, dem Äußerliches nichts mehr gilt. Somit entfremden sich die Eheleute, Kinder gibt es keine, aber eine Trennung nehmen sie auch nicht vor. von le Fort schildert in ihrer Novelle die Suche der Frau nach Gott, den sie in den vielen Religionen, mit denen Rom konfrontiert wird, nicht findet, bis sie eben auf die Nazarener trifft. Aber auch dort wartet dann eine Enttäuschung auf sie, das dogmatische Verweigern der Gnade und Barmherzigkeit, die dem Predigen Jesu so sehr widerspricht, sie jedoch auf dessen Lehre zurückführt. Die Taufe, für die sie der Gruppe nicht bereit war, erlebt sie dann schließlich in der Manege, sie wird Märtyrerin.


Die Frau des Pilatus ist leises, nachdenkliches, im Stil alterthümliches Stück Literatur über ein sehr religiöses Thema. Die Novelle rückt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, die meist unbeachtet bleibt, die in der offiziellen Bibel nur mit einem rätselhaften Satz erwähnt wird, der jedoch viele Fragen aufwirft und damit viele Möglichkeiten zum Spekulieren, bis hin zu der Deutung der Frau als Symbol dafür, daß Pilatus im Grunde überhaupt keinen Grund sieht, diesen Juden Jesu zu verurteilen (es dürfte in der Tat recht ungewöhnlich gewesen sein, daß eine Frau/Dienerin/Bote während der Verhandlung zum Prokurator vordringt und sich mit ihm bespricht….). Es ist auch die Geschichte einer Suche nach Gott, die mit der Begegnung mit Jesu (auch wenn sie ’nur‘ indirekt stattfand) eine Erfüllung fand, nachdem sie mit dem alles verzeihenden, barmherzigen Blick des Todgeweihten in Jerusalem begonnen hatte. Möglicherweise spiegelt sich in diesem Vorgang auch ein wenig das eigene Schicksal der Autorin, die – evangelisch geboren – 1926 selbst zum Katholizismus übertrat. In der Figur der Claudia findet sich, wenn man mag, ein weibliches Pendant zu Jesu selbst, sie erleidet den Märtyrertod, um damit ihren Mann zu erlösen. Da spielt ihr letztlich sogar der sadistische Zug Neros in die Hände, der Pilatus mit in den Zirkus nimmt, damit er den grausamen Tod der Gattin dort miterleben muss…

Links und Anmerkungen:

Bildquelle: In dieser Darstellung aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian Library in Oxford befindet, wird der gefesselte Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen, die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum zu erzählen und ihn zu warnen. (Bild und Text aus: http://brautdeslammes.blogspot.com/2011/04/der-traum-der-frau-des-pilatus.html?m=1)

ferner:

http://www.gertrud-von-le-fort.eu: die Webpräsenz der Literaturgesellschaft Gertrud von le Fort e. V.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frau-pilatus-hatte-einen-traum….Frau Pilatus hatte einen Traum von Herma Brandenburger (Kirchensendung im Deutschlandfunk, 2010)

Gertrud von le Fort
Die Frau des Pilatus
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca 60 S., 1956