Mathias Menegoz: Karpathia

16. November 2017

Der junge französische Autor Mathias Menegoz hat mütterlicherseits eigene Wurzeln, die in die Weltgegend, das östliche Europa, reichen, in der sein vorliegender Erstling spielt: seine Mutter ist Donauschwäbin (der Vater Franzose) und der Roman führt uns in den südlichen Karpatenraum, nach Transsilvanien bzw. nach Siebenbürgen, heute in Rumänien gelegen, damals, zur Zeit, in der der Roman spielt, an der Aussengrenze des Habsburger Reiches.


Die Handlung setzt jedoch im Wien des Jahres 1833 ein. Der Hauptmann im Generalstab, Alexander Korvanyi, fühlt sich durch das unbedachte Wort eines Offiziers gekränkt: eine junge Dame der Gesellschaft, die er kennt (und offensichtlich mag) wurde in seinen Augen beleidigt. Was nun folgt, ist eine Frage der Ehre und die war seinerzeit das Leben eines Menschen wert. Vor dem Duell (und ohne daß Clara von Amprecht von diesem Duell überhaupt Kenntnis hat) macht er dieser im Wissen, daß er – dies eine conditio sine qua non Claras – den Militärdienst dann quittieren muss, einen Heiratsantrag, den die junge Frau annimmt. Die Zukunft des Paares wird sich also auf dem alten Besitz der Korvanyis  in Transsilvanien abspielen, der Korvanya, die die Familie Korvanyi vor einem halben Jahrhundert nach Unruhen verlassen hat und die seitdem von Verwaltern aus niederem Adel bewirtschaftet wird. Diesen Besitz will der Graf wieder persönlich leiten und zur Blüte bringen.

Die Übersiedlung des Paares vom herrschaftlichen Wien, einem der großen Zentren Europas, in das düster wirkende Transilvanien ist eine kleine Reise in das Herz der Finsternis. Denn keineswegs zieht mit dem Grafenpaar auch Glück und Freude bei den Einheimischen ein: der Verwalter fürchtet um seine Position und sein bequemes Leben, die Leibeigenen der Umgebung und die Dienerschaft bekommen die fremde Art des Grafen zu spüren und fürchten ihn bald.

Die Vorstellungen des Grafen stören die seit Jahrzehnten eingespielten Routinen der Menschen. Und seltsamerweise häufen sich seit der Ankunft des Paares Unglücke und unerklärbare Vorgänge: Kinder verschwinden und einer jungen Frau mit Namen Auranca wird Gewalt angetan. Zwar kann anscheinend der von der Gräfin, einer begeisterten und guten Jägerin, erlegte Wolf, der von der Leiche des Kindes aufgeschreckt wurde, das Verschwinden der Kinder erklären, doch hat dieses in Verbindung mit den sichtbaren Verletzungen Aurancas bei der abergläubischen Bevölkerung schon längst eine andere Deutung erfahren: ein Vampir sei es, der umgeht.

Da der Tod des Wolfes die Menschen nicht beruhigt, ist der Graf immer überzeugter von seinem heimlichen Verdacht, daß er nämlich einen Gegenspieler hat, der im Untergrund gegen ihn arbeitet, ihm schaden will. Ohne Wissen seiner Frau entwickelt er einen Plan, wie er das große Jagdfest, das das Paar zur Begrüßung der Nachbarn ausrichten will, für seine Zwecke einspannen könnte. Damit jedoch setzt er eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang, denn daß sein Grundgedanke zutrifft, zeigt sich bald: er hat einen mächtigen Gegner zu fürchten – und sich gegen ihn zur Wehr zu setzen…


Man kann den Roman von Menegoz natürlich ganz einfach als spannende Geschichte lesen, die vor einer Kulisse vergangener Zeiten spielt. Die Walachei – redewendlich geworden in Deutschland durch ‚Hier sieht´s ja aus wie in der Walachei‘ – ist Sinnbild für die Armut, die Rückständigkeit der Region. Sie ist in Karpathia vertreten durch ihre Landsleute, die Walachen, die als Leibeigene des Grafen in seinem Besitz in armseligen Behausungen leben und für ihn zu arbeiten haben. Sie gehören nicht zu den drei ‚Nationen‘ in dieser Region (neben dem ungarischen Adel, den Szeklern und den Siebenbürger Sachsen [2]). Unter diesen Volksgruppen herrschen Eifersüchteleien und Abgrenzung, man bleibt unter sich und wacht darüber, daß die anderen nicht bevorzugt behandelt werden, der Adel sieht sich sowieso als über allem stehend. Als unterste in der Hierarchie sind die Leibeigenen diejenigen, die als als Zielgruppe Aufständischer zu sehen sind: sie waren es schon 1783, den damals gegen ihre Herren revoltierten und sie zur Abwanderung brachten. Die Skelette der damals ermordeten Vorfahren in der Krypta des schwarzen Teil der Burg sind dem jungen, heimgekehrten Grafen ein stetig bohrender Schmerz im Herz.

So ist der Roman eingebettet in eine Schilderung der Zustände dieses Grenzgebietes zweier Kaiserreiche, weit weg von der ‚fortschrittlichen‘ Zentralgewalt der Hauptstadt, unter einem fast noch archaischen Feudalsystem mit einem standesbewussten und arroganten Adel stöhnend. Die Grenznähe bedingt die Existenz einer im Untergrund lebender Schmuggelorganisation, deren Führer charismatisch als Inkarnation des legendären Vlad [3] angesehen wird, diese Bande sollte sich dann auch als Gegenspieler des Grafen entpuppen.

Die von mir als Reise ins Herz der Finsternis bezeichnete Rückkehr des jungen Grafen auf die Burg und in die Ländereien der Vorfahren führt zu nichts anderen als zu einem ‚Clash of Cultures‘. Graf Alexander Korvanyi, mit besten Vorsätzen, gutem Willen und den Menschen gegenüber keineswegs feindlich gesinnt, zeichnet sich durch ein völliges Fehlen von Einfühlungsvermögen aus. Unsicherheit wird durch Härte kompensiert, auf berechtigte Belange der Bevölkerung kaum Rücksicht genommen, deren Eigenheit und Interessen werden übergangen. Er merkt, daß er als störendes Element empfunden und daß ihm Misstrauen entgegen gebracht wird, allein verleitet ihn das, noch unnachgiebiger zu werden, gnädig sein wäre für ihn unverzeihbare Schwäche. Ein Nicht- bzw. Falschverstehen also, das durchaus wechselseitig ist: auch die Leibeigenen interpretieren die Handlungen des Grafen in ihren gewohnten Mustern… So bauen sich schnell Fronten auf zwischen Herrn und seinen Leibeigenen… ein Muster, das sich in der Geschichte immer wieder wiederholt, wenn Kulturen unterschiedlichen Charakters und Entwicklungsstandes aufeinander treffen, hier von Menegoz in seine Geschichte eingeflochten.

Die blutigen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Menegoz schildert, zeigen ganz deutlich das gegenseitige Unverständnis, die Unfähigkeit jeder Seite, ihren Gegner bzw, hier durchaus ihren Feind, richtig einzuschätzen. Mag der jeweilige Hochmut auch anders ‚begründet‘ sein, so führt er doch bei beiden Parteien dazu, die jeweils andere zu unterschätzen, was zu bitteren Folgen und Niederlagen führt. Auch dieser Aspekt der Geschichte läßt sich sehr leicht in die Moderne übertragen, daß Hochmut vor dem Fall kommt, hat sich nicht geändert, wird sich nicht ändern…

Mir war beim Lesen des Buches der erste Teil, der in Wien spielt, mit seinem ausführlichen Beleuchten des Aspektes ‚Ehre‘ etwas langatmig erschienen. Erst beim weiteren Lesen erkannte ich, daß der Autor mit dieser längeren Schilderung zum einen den Gegensatz zwischen dem Leben in Wien und dem in Transsilvanien herausgearbeitet hat und daß er zum zweiten natürlich die Bedeutung dieses Faktors ‚Ehre‘ für zum einen den Offizier Alexander Kolvanyi und später dann die Adligen, den Grafen und die Gräfin Kolvanyi herausstellt. Die Auswirkungen der Bedeutung dieses Begriffes kann man kaum überschätzen, letztlich ist es die aus dem Ehrbegriff abgeleitete Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung, die Kolvanyi seinen Feldzug erst ermöglicht: die Bewahrung der Ehre steht über dem Leben. Im übrigen, ohne daß ich das jetzt weiter vertiefen möchte, ist ein – wenn auch anders gearteter – Begriff von ‚Ehre‘ auch bei der Schmugglerbande um Vlad zu finden – sozusagen als Antiphon zur Ehre der Adligen.


Nun hat Menegoz nicht einfach nur seine Geschichte erzählt. Immer wieder geht er ausführlich auf das Innenleben seiner Figuren ein, legt ihre Motive dar, ihre Gedanken, ihre Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen. Als Leser bewahrt man Abstand zu den Charakteren, Alexander tut einem wegen der Beschränktheit seiner Möglichkeiten und der Unausweichlichkeit der Situation, die ihm aufgezwungen wird, etwas leid, ohne daß er wirklich mit ihm sympathisiert. Die Gräfin, anfangs eher eine verwöhnte junge Frau, die Spaß haben will, geht durch eine harte Lebensschule und reift im Gang der Ereignisse, was auf die Ehe der beiden nicht ohne Auswirkungen bleibt. Keine der Figuren handelt wirklich aus freiem Willen, alle sind eingebunden in über(k,n)ommene Verhaltensmuster und Rollenbilder, aus denen sie nicht ausbrechen können, um so weniger, je mehr sich die Lage zuspitzt.


Die relativ kurzen Abschnitte, in die der Roman geteilt ist, wechseln jeweils zwischen den Parteien, dadurch gewinnt die Handlung mit Fortschritt an Tempo und Spannung bis hin zur finalen Auseindersetzung der Feinde. So wie es der Autor versteht, die Gedankenwelt seiner Figuren offenzulegen, so anschaulich schildert kann er auch die Kämpfe schildern, die blutrünstig und gewalttätig sind. Es ist anschaulich, was er schreibt, das Beschriebene entsteht in der eigenen Vorstellung, manchmal vermeint man, ihm tatsächlich beizuwohnen, an den Kämpfen teilzunehmen.

Das Buch ist düster wie sein gelungenes Umschlagbild, das ganz hervorragend mit dem Inhalt korrespondiert. So düster es auch ist, ich war gefangen von ihm und wurde, je mehr ich gelesen habe, um so mehr in seinen Bann gezogen.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Menge und Umfang der Infos über den Autoren halten sich im Netz noch im überschaubaren Rahmen, hier z.b.  https://www.histo-couch.de/mathias-menegoz.html
[2] Die Handlung spielt wohl in der nordöstlichen, grenznahen Region Siebenbürgens (alte Karte von 1857!):  https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenbürgen
[3] vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_III._Drăculea

 

Mathias Menegoz
Karpathia
Übersetzt aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Originalausgabe: Karpathia, Paris, 2014
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 640 S., 2017

Ich danke dem Verlag für dieses mir (irrtümlicherweise ;-) ) überlassene Leseexemplar.

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Bei den Büchern von Lothar Schöne [1, 2] bin ich immer gespannt, denn dieser Autor, der von der FAZ immerhin als ‚hinreißender Erzähler` bezeichnet wird [so ein Zitat auf der hinteren Umschlagseite des Romans], liefert durchaus unterschiedliches ab, neben anspruchsvollen Romanen mit Tiefgang wie dem Das jüdische Begräbnis [2] sind dies auch Werke eher leicht- und seichterer Natur. In erfrischender Offenheit schreibt er selbst auf seiner Homepage, daß die Pressekritiken zu seinen Büchern nicht immer positiv sind. Um jedoch wieder aktuell zu werden stellt sich für mich hier also die Frage, zu welcher dieser Kategorien sein neuester Roman Jener unscheinbare Moment gehört, den ich hier vorstellen möchte.


Jener unscheinbare Moment ist eine himmelhochjauchzende, nichtsdestoweniger unter einem tragischen, weil gelben, Stern stehende Liebesgeschichte aus dem Deutschland rsp. der Bundesrepublik der 70er Jahre. Hauptperson ist Mischa, ein junger Mann Anfang zwanzig, der in Mainz BWL studiert – (moralisch) gezwungenermaßen, weil ihm dieses Fach zwar ein Graus ist, aber der innigste Wunsch seiner Mutter ist es, ihn dereinst als Bankbeamten bewundern zu können. Das Lokalkolorit, das Schöne bei der Schilderung Mainzer Verhältnisse aufbaut, dürfte stimmig sein, schließlich hat der Autor daselbst um diese Zeit die Hörsäle der dort wirkenden Germanisten besucht. Womit wir schon einen erheblichen Schritt weitergekommen sind in der Handlung, denn angetriggert durch Dorothee, in die sich Mischa unsterblich verliebt, findet er den Mut, das öde Studium der Tabellen und Statistiken zu verlassen und – geködert durch Tristan und Isolde [3] – bei den Germanisten anzuheuern. Zu denen er sich, Anzeigendirekter der Uni-Zeitung und Freizeitschriftsteller von Kurzgeschichten, eh hingezogen fühlt. Doch das Liebesglück mit Dorothee ist nicht ungetrübt, sie gibt sich janusköpfig: so hinreißend sie an einem Tag ist, so berauschend und offensichtlich auch verliebt, so kalt und abweisend ist sie beim nächsten Treffen – bis sie eines Tages ohne ein Wort zu sagen, verschwindet und bei Mischa große Seelenpein hinterläßt.

Mischas großer Trost und die Frau, die ihn an die Hand nimmt und über die Geheimnisse der Liebe, die über das reine Neandertal hinausgehen, aufklärt, ist Tante Erna, die damals, im August 1939, gerade noch so eben rausgekommen ist aus Deutschland und seitdem in England lebt, mit Onkel Heine, der griesgrämig hinter allem den Russen vermutet, dessen Plan mit dem Suizid von Bader und Co. jedoch gescheitert ist – vorerst. Die beiden sind vor kurzem zurückgekommen nach Deutschland und es zeigt sich, daß Erna ein eigenes, kleines Geheimnis hat…

Erna und Heine sind die einzigen Verwandten, die Mischa und seine Eltern noch haben, alle anderen sind damals den Wahn zu Opfer gefallen. Mischas Mutter, die überlebt hat, weil ihr christlicher Mann sie nicht im Stich gelassen hatte, trägt schwer an dieser Vergangenheit, häufig senkt sich die schwarze Wolke einer Depression auf sie nieder.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Dorothee ist zwar verschwunden, meldet sich jedoch noch einmal bei Mischa, mit einem Brief, der ihre Liebe zu ihm beteuert, aber ebenso die Unmöglichkeit für sie, diese Liebe zu leben, aus einem ganz bestimmten Grund… einem Grund der Mischa förmlich aus den Schuhen hebt. Aber wenigstens weiß er jetzt, wo er seine Dorothee suchen muss – in den USA. Wenn´s weiter nix is… Das klingt fast schon nach einem zukünftigen Band 2 der Geschichte… ;-)


Ja, diese Geschichte ist schön erzählt. Mit Tempo, mit Witz, mit Humor (auch wenn der zum Teil haarscharf am Albernen vorbeischrammt wie z.B. in der Figur des polymeren und in Reimen redenden Ernesto). Sie ist herzerwärmend und die anfänglichen Szenen des Kennen- und Liebenlernens zwischen Dorothee und Mischa sind wunderschön. Ach, wären mir doch damals bei entsprechender Gelegenheit, in der ich sie gebraucht hätte, solch schöne Worte eingefallen… ja, das hat mir gut gefallen. Wie ebenfalls die Tatsache, daß Schöne den tragischen jüdischen Hintergrund seiner Geschichte nicht als Keule gebraucht, sondern – der ist einfach da und ist einfach so. Für Mischa spielt er eh (noch) keine Rolle, auch, weil in der Familie darüber nicht geredet wird, diese Epoche scheint nicht zu existieren. Es ist dies das Phänomen einer kollektiven Verdrängung, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind: die ungeheuerliche Traumatisierung auf der einen, das Bewusstsein der Schuld auf der anderen Seite. Eine breitere Thematisierung der Nazizeit setzte ja erst mit in diesen Jahren, mit der Revolte der 68er, dem Auschwitzprozess, der Holocaust-Serie im Fernsehen langsam ein… So erfährt Mischa auch von seiner Tante Erna nur zögerlich Einzelheiten über das, was damals geschah…

Tante Ernas Geheimnis… es lebt noch, im Osten Berlins. Dieser Teil des Roman jedoch, in dem der junge Mann seiner Tante nach Berlin bis in den Osten hinein folgt und nachspioniert, erscheint etwas arg an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. Zwar will Schöne damit wohl noch einmal deutlich machen, wie verlogen der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seinerzeit oft war, doch versetzt er mit der Umsetzung dieses Anliegens der bis dahin so stimmigen Atmosphäre von Verliebtheit, Liebeskummer, der Frage nach dem unerklärlichen Wesen der Liebe und dem Versuch Mischas, seinen eigenen Weg zu finden, einen Schlag. Gottseidank hat Schöne nach diesem Schlenker jedoch schnell wieder in seine alte Spur zurückgefunden, so daß nach dem Ende des Romans summa summarum trotz des tragischen, wenngleich noch ein wenig offenen Endes, ein gutes Gefühl geblieben ist.

Um also meine Ausgangsfrage zu beantworten: ja, mit Jener unscheinbaren Moment ist Lothar Schöne wieder ein leicht und gerne zu lesender, ein melancholisch-heiterer, den Leser an- und berührenden Roman um eine Liebe und um die Suche nach dem eigenen Weg vor dem Hintergrund jüdischer Schicksale im Dritten Reich gelungen. Danke dafür!

P.S.: sollte ich jetzt vielleicht mal Tristan und Isolde [3] lesen? Ein alter ‚Schinken‘, der wohl allzeit gültige Wahrheiten enthält… ;-) … und im Roman eine gewisse Rolle spielt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: http://www.literatur-rlp.de/db_suche.php?autor=Sch%F6ne%2C+Lothar
[2] weitere hier im Blog vorgestellte Bücher von  Lothar Schöne:
– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch
[3] Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde; z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_und_Isolde

Lothar Schöne
Jener unscheinbare Moment
diese Ausgabe: Klöpfer&Meyer, HC, ca. 260 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

Lasha Bugadze: LUCRECIA515

5. November 2017

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Shūsaku Endō: Skandal

1. November 2017

Ich habe den japanischen Autoren Shūsaku Endō (1933 – 1996; [1]) in meinem Blog schon mit zweien seiner Romane vorgestellt: Meer und Gift befasst sich mit japanischen Kriegsverbrechen und Schweigen geht zurück in die Zeit des Versuchs der christlichen Missionierung Japans [2]. Dieses Thema ist kein Zufall, Endō ist unter den japanischen Schriftstellern eine große Ausnahme, denn er ist mit elf Jahren katholisch getauft und in diesem Glauben von der Mutter erzogen worden. In einem Gespräch, das Manfred Osten Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre mit ihm führte (also nur wenige Jahre nach Publizierung des vorliegenden Romans) und über das er in seinem kleinen Büchlein: Die Erotik des Pfirsichs [3] berichtet, führt Endō aus, daß der christliche Glaube schwierig ist und auch er ein Leben lang damit fremdelte: Ich habe seitdem oft das Bedürfnis empfunden, mich davon loszusagen, aber es ist mir nicht geglückt. Der Grund dafür dürfte sein, daß diese Religion letztlich doch ein Teil von mir selbst geworden ist. Gleichwohl blieb in meinem Herzen das Gefühl wach, daß dies etwas Geliehenes ist, ….. Endō erklärt auch, worin die Problematik (und damit verbunden der geringe Erfolg diverser Missionsversuche in Japan) liegt: Man muss verstehen, dem Japaner bereitet es Mühe, Begriffe wie Sünde oder Schuld einzuordnen. Denn diese sind eine Erfindung des europäischen Individualismus. Der Japaner sieht sich dagegen stets als Angehöriger einer Gruppe und empfindet keine Schuld, nur Scham – die Reaktion auf die Mißbilligung seines Tuns durch die Gemeinschaft.. Auch das Bedürfnis nach Erlösung ist dem Japaner fremd. Denn er versteht den Tod anders, fühlt sich – shintoistisch – einbezogen in den Zyklus der Natur.

Diese Anmerkungen Endōs sind für den vorliegenden Roman insofern von Bedeutung, als gerade die Frage nach Sünde und Erlösung eins der Hauptthemen ist, die sich durch Skandal ziehen. Skandal ist (zumindest der Werksübersicht nach [1] eines der letzten Bücher Endōs, es ist zudem ein Roman, in dem sich viel Biographisches des Autoren finden läßt.


Tief in den Herzen der Menschen herrscht eine Finsternis,
von der sie selber nichts ahnen.

Suguro, sein Protagonist, ist wie Endō selbst, katholischer Schriftsteller, zum Zeitpunkt der Handlung ist er fünfundsechzig Jahre alt, also gut ein Jahrzehnt älter als Endō bei der Veröffentlichung des Buches in Japan. Seltsam mutet dagegen an, daß der Autor das Alter seiner Figur, der er Krankheit und das Bewusstsein eines nicht mehr fern liegenden Todes zuschreibt, tatsächlich nicht ganz erreicht: Endō stirbt im Alter von 63 Jahren.

In der einleitenden Passage, in der Suguro mit einem Preis ausgezeichnet wird und ein befreundeter Kollege die Laudatio hält, werden Details auf Suguros Leben genannt: wie Endō wurde Suguro als Kind von seiner Mutter getauft, schrieb er Romane über das frühe Christentum in Japan. Als Titel eines solchen Romans wird ‚Die Stimme des Schweigens‘ genannt, was unwillkürlich an Endōs Titel Schweigen erinnert, auch der Titel ‚Der Bote‘ suggeriert die Assoziation zu Der Samurai von Endō. In der Lungenkrankheit, die Endō seiner Hauptfigur zuschreibt, spiegelt sich ferner das Thema seine Romans Meer und Gift, in dem es um Menschenversuche an mit Tuberkulose infizierten Kriegsgefangenen geht. Es ist natürlich reine Spekulation und im Grunde nicht zulässig, aber die Vielzahl biographischer Ähnlichkeiten und Anspielungen verführen unwillkürlich dazu, in Suguro eine Art Wiedergänger zu Endō selbst zu sehen.

Dieser Suguro, ein Autor, dessen Werk von Ernsthaftigkeit und Moral geprägt ist, wird auf der erwähnten Preisverleihung von einer betrunkenen Frau, die sich als Künstlerin ausgibt, und von der niemand weiß, wer sie eingeladen hat, lautstark angesprochen. Er selbst, so die Frau, habe sie eingeladen und tue jetzt scheinheilig so, als kenne er sie nicht. Ich verstehe, daß Sie sich nachts an solchen Orten mit uns herumtreiben, soll niemand wissen. Weil Sie ein Christ sind! Natürlich, das wahre Gesicht und das, das man sonst zur Schau trägt, muss man schön auseinanderhalten …

Die Behauptung, sich an ’solchen Orten‘, an denen sich Peep-Shows, Pornokinos und einschlägige Bars aneinander reihen, herumzutreiben, ist für Suguro eine absolut absurde Verleumdung, die er sich nur mit der Existenz eines Doppelgängers erklären kann, der ihm schaden will. Denn würde diese Behauptung öffentlich werden, so wäre sein integerer Ruf als moralischer Schriftsteller mit hohem moralischen Anspruch verloren.

An diesem Abend zerbricht etwas in Suguros Leben: die Fassade erhält Risse. Denn nicht nur, daß Gäste der Preisverleihung den Auftritt der Frau miterlebt haben, Kobari, ein Sensationsreporter, wittert seine Chance darin, Suguro zu enttarnen, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. So entwickelt sich im Lauf der nächsten Monate eine Art Wettlauf zwischen Suguro und Kobari: Will der eine seinen Doppelgänger finden, so sucht der andere Beweise und Zeugen für Suguros angebliche dunkle Leidenschaften, mithin versuchen beide Männer, die gleiche Person zu finden, die sich nachts ihren mit Schmerz und Qual verbundenen Ausschweifungen hingibt.

Dabei hat Suguro ein sozusagen offizielles Doppelleben schon lange institutionalisiert: er hält seine Frau von allem fern, was seinen Beruf angeht, verschweigt ihr, unter der Ausrede, sie nicht beunruhigen zu wollen, in Wirklichkeit aber, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, auch jetzt die auftauchende Gefahr und Bedrohung.

Die Erosion der Fassade, des professionell nach außen hin lächelnden Schriftstellers, schreitet fort, jetzt wo sie eingesetzt hat. So beobachtet er an sich selbst unschickliche Gedanken, die er beim Anblick von Mitsu, einem jungen Mädchen, das zeitweise in seinem Zimmer sauber macht, hat. Besonders dramatisch wird es jedoch erst, als er in das Atelier der Künstlerin geht, die angeblich ein Portraits von ihm angefertigt hat: er sieht dort ein Bild, das ihn darstellt – lüstern, bösartig im Ausdruck. Er erkennt sich darauf und auch wieder nicht…

An diesem Tag lernt er in einem Cafe neben dem Atelier Frau Naruse kennen. Obwohl die Bekanntschaft so frisch ist, wird das Gespräch bald intensiv, dreht sich um Sex, um geheime Begierden, um verheimlichte Süchte. Frau Naruse fasziniert ihn und das Doppelleben, das sie ihm offenbart, erscheint ihm völlig rätselhaft, wenngleich es einen Sog auf ihn ausübt. Tagsüber nämlich betreut sie voller Liebe und Hingabe Kinder im Krankenhaus, andererseits vertraut sie Suguro an, daß sie bei ihrem Mann sexuelle Erfüllung vor allem dann erreicht hat, wenn sie schlimmste Grausamkeiten vorgestellt hat…

Frau Naruse ist es schließlich, die Suguro anbietet, ihn zu seinem gesuchten Doppelgänger zu führen. Durch ein Guckloch in einem präparierten Hotelzimmer schaut Suguro auf die unbekleidete Mitsu, die betrunken auf einem Bett liegt – und er beobachtet einen Mann, der sich ihr nähert, ein Mann, der ihm, Suguro, bis hin zur Narbe der Lungenoperation auf dem Rücken, gleicht… als Suguro wieder zur Besinnung kommt, nimmt er sich selbst wahr, wie er auf Mitsu liegt und dabei ist, sie mit verzerrtem Gesicht, voller Lust, zu erwürgen…


Endō packt viel hinein in diesen Roman, der – an diesem literarischen Vorbild kommt man ja nicht vorbei – an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert, also einen Mann beschreibt, der bei Tageslicht eine moralische Instanz darstellt (was Suguro gar nicht so recht war), der sich bei Nacht jedoch in eine lüsterne, triebgesteuerte Kreatur verwandelt – ohne daß die Taggestalt dies ahnt. Schon in der seinen Roman einleitenden Passage, eine Art stillem Zwiegespräch zwischen dem die Laudatio haltenden Freund und dem über das Gesagte sinnierenden Suguro packt Endō sein Anliegen in Worte. Suguro hatte in seinem gesamten Werk nicht eine einzige lichte und erbauliche Geschichte geschrieben. Immer wieder hatte er die schwarzen und hässlichen Seiten der Gestalten in seinen Werken nachgezeichnet. … Und während er die finstere Seele seiner Gestalten beschrieb, war ihm, als geriete er selbst in eine ebenso finstere Gemütsverfassung. Um ein hässliches Herz zu beschreiben, brauchte man selbst ein hässliches Herz. … Was Suguro hier noch theoretisiert, konkretisiert sich für ihn selbst noch an diesem Abend, auch wenn er dies weit von sich weist und es ein langer, einen ganzen Winter dauernder Prozess ist, bis er die Wahrheit (an)erkennt. Dieser Teil der Geschichte, die Selbstfindung Suguros, erzeugt – obwohl der gesamte Roman spröde ist in seiner Formulierung – einen starken Sog beim Lesen. Und selbstverständlich taucht auch der Gedanke auf, welche Geheimnisse, die man selber hat, man nach außen hin nicht preisgibt – und vor sich selbst leugnet bzw. man dazu steht. Oder, um auf Suguro zurückzukommen: hätte er damals, als Jesus sein Kreuz trug und von den Umherstehenden mit Steinen beworfen wurde, selbst auch einen geworfen?

Ein weiteres, den Roman prägendes Thema ist dieses christliche Konzept der Sünde, das dem japanischen so fremd ist. Auch dazu nimmt die Laudatio schon Stellung: Nach einer Zeit des Herumtastens im Dunkeln, in der Suguro mit Vorliebe von der Sünde des Menschen schrieb, ist es ihm gelungen, in seinen Werken zu zeigen, dass sich in der Sünde das Verlangen nach Wiedergeburt verbirgt. … stets birgt sie den menschlichen Wunsch, einen Ausweg aus dem erstickenden Leben der Gegenwart, aus dem Dasein überhaupt zu finden, … Hier spiegelt sich, denke ich, die eigene Auseinandersetzung des Autoren mit seinem Glauben und dessen Verhältnis zu seinem Land, das dieses Konzept von ‚Sünde‘ nicht kennt, wieder.

Daß Endō, der in Frankreich studiert hat, Europa kennt, zeigen die eingebauten Verweise auf Dante, Poe, Baudelaire oder auch auf fratzenartige Steinmetzarbeiten an Kirchen, die plötzlich Bedeutung gewinnen. Auch Freud wird bemüht, der Vergleich des dunklen Schreibzimmer Suguros, in dem er sich so wohl fühlt, mit einem Uterus, in der er sich dieser Deutung nach zurücksehnt, ist ein Beispiel dafür. Inwieweit solche Deutungen heute noch als gültig angesehen werden können, kann man als Laie wohl nicht beurteilen…

Skandal ist also kein unterhaltsames Buch, man kann Endō nicht vorhalten, er hätte mit (l,s)eichter Literatur auf unser Vergnügen hin geschrieben. Skandal ist eine tiefgründige und intensive Auseinandersetzung mit der Tatsache, daß jeder Mensch Geheimnisse mit sich herumträgt, die oftmals gegen weltliche oder religiöse Gebote verstoßen. Die Frage ist die nach dem Umgang mit solchen geheimen Süchten und Gelüsten, Endōs Figur des Suguro verdrängt sie, auch um in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich aufrecht zu halten, letztlich sogar vor sich selbst, ihr Widerpart ist Frau Naruse, die sich im Gegensatz zu Suguro völlig über die Abgründe in ihrer Seele bewusst ist und sie zwar im Geheimen, aber trotzdem bewusst, auslebt.

Skandal ist sicherlich ein Roman, mit dem man sich länger befassen muss. Er ist, in Endōs typisch sprödem Stil geschrieben, nicht unterhaltsam, zieht einen beim Lesen aber schnell in Bann: die Fragen, die Endō anspricht, sind in gewisser Weise allgemeingültig. Mit dem ‚Wettlauf‘ zwischen Suguro und Kobari, die beide die ‚Wahrheit‘ suchen, bringt Endo einen zusätzlichen Spannungsbogen in seine Geschichte. Wer also einen relativ kurzen Roman sucht, der sich mit den Fragen nach Sünde, Schuld und Authentizität befasst, liegt mit Skandal sicherlich richtig. Und dem kleinen Septime-Verlag in Wien sei gedankt, daß er Endōs Romane in so schöner Form (die ja geradezu zum Sammeln einlädt) wieder aufgelegt hat. Es wäre schön, wenn der Verlag noch weiteres dieses äußerst interessanten japanischen Autoren auflegen würde.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Endō_Shūsaku
[2] Besprechungen hier im blog:
– Meer und Gift
– Schweigen (Diesem Beitrag sind auch Teile der vorliegenden Einführung zum Buch entnommen)
[3] Manfred Osten, Die Erotik des Pfirsichs, Suhrkamp, st2515, ca 162 S.

Shūsaku Endō
Skandal
Übersetzt aus dem Japanischen von Jürgen Berndt
Originalausgabe: スキャンダル (Sukyandaru), , 1986
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 298 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Erling Kagge: Stille

29. Oktober 2017

Stille – welch ein kostbares Gut in einer Zeit, in der immer mehr real-time geschieht, in der der Radius des Menschen immer größer wird, in der er das, was er sieht innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten kann, er aber auch von solchen verbreiteten Bilderflut selbst überschwemmt wird, eine Flutkatastrophe der anderen Art. Jugendliche beschweren sich bei der Konfirmationsfeier, daß im dörflichen Gemeindehaus kein WLAN zur Verfügung steht und sie tatsächlich gezwungen sind, sich selbst zu beschäftigen, sich sogar mal zu unterhalten oder Fantasie zu entwickeln…

Das norwegische ‚Multi-Talent‘ Erling Kagge (er wird als Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer vorgestellt [1]) hat ein Buch vorgelegt, eine Sammlung von dreiunddreißig sehr persönlichen Antworten auf die Fragen: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

Stille ist auch für mich persönlich ein Thema, mit dem ich mich stetig auseinandersetze [3], deswegen möge man es mir nachsehen, wenn ich etwas weiter aushole bei meinen Gedanken zum Buch. Als Hinweis: die in runden Klammern gesetzten Ziffern/Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Kapitel des Buches.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal für ein Wochenende zur Kontemplation in ein Kloster fuhr, war ich auf das Schweigen vorbereitet, dann aber sehr erstaunt, als uns dann vom Kursleiter auch noch ans Herz gelegt wurde, nicht zu lesen, kein Radio oder Fernsehen zu schauen etc pp. Dabei hatte ich mir doch extra schöne Bücher mitgenommen!

Jedoch, das war die erste Lektion, ist Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, Stille ist etwas Eigenes, eine eigene Qualität, sie ist auf tieferer Stufe das Eintauchen in eine andere Welt, in die Innenwelt des Selbst, indem ich die Tür nach außen möglichst schließe, Reize, auch visuelle, möglichst meide, wie die drei Affen: nicht schauen, nicht lesen, nicht hören… Das, was einem dort begegnet, ist nicht unbedingt schön. Chaos. Dieses Wort benutzte Abramovic, um zu beschreiben, was sie in der Wüste erlebte. Obwohl es um sie herum ganz still war, gingen ihr die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Sie bemühte sich, Ruhe zu finden, mitten in der Stille. Erinnerungen und Gedanken wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit. Es kam ihr wie eine leere Leere vor, obwohl das Ziel war, eine erfüllte Leere zu erleben, wie sie sagt. Die leere Leere war so unangenehm, dass sich noch immer lebhaft davon erzählt. In die Stille zu gehen die mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen, ist also eine Herausforderung, für die die Künstlerin (The Artist is Present [2]) jedoch eine Antwort fand (27):

Alles dreht sich um die Atmung

Äußere Stille und innere Stille sind unabhängig voneinander, nichtsdestrotz ist das Aufsuchen und Aushalten äußerer Stille der erste Schritt. Ich kann in einen schallisolierten Raum sitzen und doch in mir Gefühle und Gedanken toben hören, die lauter sind als vorbeifahrenden Autos es wären. Umgekehrt kann ich in einem lauten Raum sitzen und doch innerlich in (völliger) Ruhe verharren. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir. (4) In einem der Klöster, die ich besuche, gab es jahrelange Renovierungsarbeiten in den Gästehäusern. So erlebte man dort durchaus Schweigetage mit Begleitung von Presslufthämmern, die natürlich nicht zu überhören waren, aber wir lernten, sie nur noch wahrzunehmen und uns nicht mehr davon stören zu lassen. Alles dreht sich um die Atmung. (27)

Derjenige, so zitiert Kagge den norwegischen Dramatiker Jon Fosse, der nicht über die Macht der Stille staunt, fürchtet sich vor ihrUnd das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak). Als ich letztens mit der Bahn auf die Frankfurter Buchmesse fuhr, fiel mir genau dies wieder auf: von zehn Fahrgästen hatten bestimmt sechs oder sieben Stöpsel im Ohr. Weiter schreibt Kagge über sich und seine eigene Reaktion dazu: Ich erkenne die Angst wieder, … Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mir irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. … (alle Zitate aus 1) Das ist der Punkt. In der Stille begegne ich mir unvermeidlich selbst mit meinen Ängsten, mit meinem Zorn, meiner Wut, meiner Liebe möglicherweise auch, fällt mir meine Hab- und Selbstsucht und anderes mehr auf: all das Verdrängte, Zurückgeschobene tritt zu Tage…

In seiner ersten Antwort geht Kagge kurz auf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Staunen, ein. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. (1) Im Staunen also werden wir wieder zu Kindern, die das ‚Erstaunliche‘ einfach und ganz unvermittelt wahrnehmen, das Staunen versetzt uns schlagartig in die Gegenwart, wir sind nicht mehr durch Erinnerung in der Vergangenheit und durch Planung in der Zukunft, sondern wir sind beim Staunen im Hier und Jetzt. Aus dem wir jedoch sofort wieder herauskatapultiert werden, wenn das Denken („was ist das denn? sieht aus wie….“) einsetzt…

Ich mag die Vorstellung, dass das Erleben von Stille in erster Linie ein Ziel an sich ist. Es hat einen eigenen Wert und sollte nicht gewogen und gemessen werden, wie so vieles andere, aber Stille kann auch ein Hilfsmittel sein. (18) „Jetzt sei doch mal still!“ Daß es sich ohne Ablenkung besser denken oder überlegen läßt, möglicherweise auch kreative Lösungen für Probleme auftauchen können, ist wohl jedem schon im Alltag untergekommen. Wittgenstein, den Kagge nennt, beispielsweise hat seinen Tractatus logico-philosophicus in der norwegischen Einsamkeit geschrieben. Daß Stille ein Weg ist zur Selbsterkenntnis, ist schon gesagt, Stille ist jedoch auch ein probates Mittel, Gehör zu erlangen: in der Musik sind die Pausen genauso wichtig wie die Klänge (bei John Cage mit 4’33“ ins Extrem gesteigert), routinierte Redner bauen bewusst Pausen in ihre Texte ein, um durch diese Stille Wirkung zu erzielen. Viele der Antworten Kagges drehen sich um solche Beispiele, wie Stille als Hilfsmittel, als Methode, etwas (besser) zu erreichen, eingesetzt wird/wurde/werden kann.

Der Abenteurer Kagge, der sowohl Nord- als auch Südpol erreicht, ferner den Chomolungma (Mt. Everest) bestiegen hat, kennt die äußere Stille, das Zurückgeworfen sein auf sich selbst, und deren innere Wirkung. In seiner Sammlung von Gedanken versucht er, die Bedeutung dieser Qualität Stille (die natürlich auch eine spirituelle Dimension hat: Bei Elia offenbart sich Gott als „stilles, sanftes Sausen“ … Mir gefällt das. Gott ist die Stille. (16)) aufzuzeigen, und uns ihren Wert zu vermitteln. Den Fernseher einfach mal ausgeschaltet, das Tablet links liegen und das Smartphone in der Tasche zu lassen: hin und wieder die äußere Stille zu erzeugen, kann ein erster Schritt auf diesem Weg sein, den Kagge uns so trefflich weist. Alles andere ergibt sich dann von allein. Wer sich dem Abenteuer „Stille“ aussetzt und es einmal aushält, wird dessen Schönheit gewahr werden.

Wenngleich Kagge in seinen Miniaturen viele Beispiele und Gedanken zur äußeren Stille als Abwesenheit von Geräuschen gibt, Stille als Werkzeug oder Methode beschreibt, bestimmte Ziele zu erreichen, so ist sein grundlegendes Anliegen doch die innere Stille, das Zur-Ruhe-Kommen, das Wahrnehmen des eigenen Selbst. In keiner anderen Antwort allerdings hat er dies passender und prägnanter beschrieben, die schöneren und wahrhaftigeren Worte gefunden als in seinem letzten Beitrag (33), der all das zusammenfasst, was zu diesem Thema ‚eigentlich‘ zu sagen ist.

Und – auch das soll erwähnt werden – verpackt ist dies alles in einem wunderschönen Büchlein. Der Schutzumschlag in cremigem Weiß, mit einer angedeuteten Wellenlinie, die die Angaben zum Autor, Titel und Verlag symmetrisch teilt. Diese optische Klarheit, die Reduktion auf das Wesentliche zum Buch – sprich: die Vermeidung unnötigen Lärms – verdeckt die Unruhe des alltäglichen Lebens, den Ansturm äußerer Reize, den Straßenlärm, Lichterflut, Hektik, das Sich-beeilen-müssen…

So wird Stille auch eine wunderbare Geschenkidee für die gleichnamige Nacht, der ja leider so oft eine laute, nicht-stille Zeit vorauseilt…. und wie schön wäre es, wenn sich der/die eine oder andere durch Kagges Gedanken angeregt eine Ecke im Alltag ausgucken würde, in der er/sie sich täglich einfach für ein paar Minuten ausklinken könnte.

Links und Anmerkungen:

[1] so die Angaben im Klappentext. In diesem Beitrag der FAZ wird der Autor etwas ausführlicher vorgestellt: http://www.faz.net/aktuell/reise/ewiges-eis-wir-sind-alle-geborene-entdecker-14499322.html
[2] z.B. hier: http://www.art-magazin.de/kunst/6624-rtkl-marina-abramovic-im-moma-new-york-die-goettliche-marina
[3] Zwei weitere Orte hier im Blog, die der ‚Stille‘ gewidmet sind:
Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/01/stille/ und
Reichtum der Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2012/01/01/reichtum-der-stille/

Erling Kagge
Stille
Ein Wegweiser
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Stillhet I Støyens Tid, Oslo, 2016
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 140 S., 2017, mit Abbildungen (Fotos)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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