Francois Lelord: Die kleine Souvenirverkäuferin

Der Autor Francois Lelord (Frankreich, * 1953) kennt das Land, über das er in diesem kleinen, feinen Roman schreibt, denn außer in Paris lebte und arbeitete er einige Jahre in Hanoi, außerdem ist er mit einer Vietnamesin verheiratet [https://de.wikipedia.org/wiki/François_Lelord]. Es geht also um Vietnam, dieses Land, das so lange Kolonie war der Franzosen, das so lange Kriegsschauplatz war für grausame Kämpfe nicht nur mit den Franzosen und später dann den Amerikanern, sondern auch untereinander, der kommunistische Norden gegen den kapitalistischen Süden. Diese Zeit hat Wunden geschlagen, die nur langsam verheilen und obschon verheilt, immer noch schmerzende Narben sind in den Seelen der Menschen. Auch davon berichtet der Roman, der im Jahr 1996 spielt und dann 2002 in Deutschland publiziert worden ist.

Hauptperson ist der Arzt Julien, der sich in Paris durch seine Prinzipientreue die Gunst seines Professoren verscherzt hatte und der beruflich, obschon kaum angefangen, damit am Ende seiner Karriere angelangt war. So nahm er die Stellung als Botschaftsarzt an der französischen Botschaft in Hanoi an, eine Stellung mit normalerweise nur geringem Stressfaktor. Normalerweise, denn eines Tages wird er in ein Krankenhaus gerufen, in dem eine alte Nonne mit Fieber liegt und Atemnot hat, sie liegt im Sterben. Sowohl Julien als auch der vietnamesische Krankenhausleiter, mit dem er sich gut versteht, sind ratlos und können die Krankheit nicht einordnen, sie vermuten, da die Nonne aus dem unwegsamen Norden, Nahe der Grenze zu China kommt, eine Viruserkrankung und sie fürchten, dass sich daraus eine Epidemie entwickeln könnte.

Zusammen mit seiner Kollegin Clea, einer britischen Ärztin, die Julien von früher kennt und die aus Saigon anreist, fährt Julien in den Norden, um die Herkunft des Virus festzustellen. Unterdessen erreicht die beiden die Nachricht, daß sich das Virus ausbreitet und Todesopfer fordert, das Krankenhaus steht unter Quarantäne. Kaum zurück in Hanoi wird Clea krank und muss nach Saigon in ein Krankenhaus gebracht werden, auch Julien liegt kurz darauf mit starken Fieberschüben im Bett.

Diesem Handlungsgerüst ist eine weitere, eine menschliche Ebene überlagert. Julien interessiert sich für das Land, versucht die Sprache, die so komplex ist für westliche Ohren, zu lernen und die Menschen zu verstehen. Er ist gerne am „See des zurückgegebenen Schwerts“ im Zentrum der Stadt [ https://goo.gl/maps/FSjmWawUUVQAUp1B ], dort trinkt er Tee und wird als Ausländer von den Souvenirhändlern belagert. Deren Arbeit ist zwar illegal, aber meist drückt die Polizei ein Auge zu. Nicht alle dieser fliegenden Händler sind gleich aufdringlich, Julien fällt eine junge Frau auf, die im Gegenteil sehr schüchtern und zurückhaltend ist, aber auch sie weist er ab. Was er schnell bereut, irgendetwas an dieser Frau hat ihn in Beschlag genommen. Doch er trifft sie wieder und kauft ihr ein paar Sachen ab….

Julien ist ein zurückhaltender, nachdenklicher junger Mann, der gerade durch seine leise Art auf Frauen wirkt. Er jedoch hinterfragt seine Gefühle, traut ihnen nicht wirklich und zweifelt. So ist sein Gefühls- und Liebesleben kompliziert, Clea beispielsweise ist in ihn verliebt, ohne daß er diese Liebe erwidern kann, mehr als Freundschaft fühlt er nicht für die junge, attraktive Frau, obgleich sie von außen gesehen wie ein wunderbares Paar wirken. Dagegen läßt ihn der Gedanke an Herbstwind, so die Bedeutung des Namens der kleinen Souvenirverkäuferin, nicht los, trotz der schier unüberwindlichen scheinenden kulturellen Unterschiede, in denen er und sie leben, ganz zu schweigen von den politischen Randbedingungen, die eine solche Verbindung extrem schwierig gestalten würden. Herbstwind bekommt dies auch zu spüren, als Julien im Norden ist, wird sie von der Polizei abgeholt und in ein Umerziehungslager gesteckt – für die Familie, die von dem bischen Geld, das sie nach Hause bringt, abhängig ist, ist dies eine Katastrophe…


Lelord erzählt seine Geschichte in vielen kleinen Abschnitten, man merkt seine große Sympathie, vielleicht sogar Liebe zu diesem Land Vietnam. Dies kommt auch in einem amerikanischen Ehepaar zum Ausdruck, dem Julien (und auch Herbstwind) immer wieder in einem dieser Teeläden am See begegnen, obwohl der Mann lange Zeit Gefangener des Vietkong war, kommen sie jetzt immer wieder zurück in dieses faszinierende Land. Allmählich formt sich derart beim Lesen ein Bild, sicher nicht vollständig, das ist natürlich nicht möglich, aber es ist ein Eindruck von der Vielschichtigkeit dieses Landes, das sich um die Zeit, in der der Roman spielt (1996) gerade wieder vorsichtig der Welt öffnet (mit den USA waren ein Jahr zuvor wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen worden). Es ist ein poetisches Land, das Lelord beschreibt, ein Land, das arm ist, in dem die Menschen hart arbeiten müssen, um zu überleben, ein Land auch, in dem die Not so groß sein kann, daß Frauen sich selbst anbieten müssen… in den großen Hotels oder in verschwiegenen Bars, die von den Ausländern genau deswegen besucht werden. Zudem hat auch der Bruderkrieg hat bei den Vietnamesen selbst nur schwer heilende Wunden und Narben hinterlassen, ebenso sind die kulturellen Unterschiede zwischen Nord und Süd beachtlich.


So wie seine Hauptfigur Julien ist Die kleine Souvenierverkäuferin ein kleiner, feiner Roman voller Menschlichkeit und Gefühle, voller Sympathie für ein Land, das für uns so exotisch ist. Ohne die Probleme zu verschweigen vermittelt er die Poesie, die Stimmung, die über der Szenerie liegt (oder liegen kann), auch verfällt er am Schluss nicht der Versuchung, ein süßes Happy End zu konstruieren, das unglaubwürdig wäre. So bleibt das Schicksal von Herbstwind im Unklaren, es werden ihr Chancen eröffnet, aber ob diese unter den herrschenden Randbedingungen tatsächlich für sie nutzbar sind, bleibt offen, Juliens Zeit in Vietnam dagegen wird plötzlich beendet, man muss dies noch als Glück für ihn ansehen. Nach diesem Ende schlägt man das Buch vielleicht ein wenig wehmütig zu, denn natürlich würde man beiden anderes wünschen, aber so ist das Leben nun mal, oft sind die Randbedingungen unverrückbar und stärker als man selbst.

Francois Lelord
Die kleine Souvenirverkäuferin
Übersetzt aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch
Originalausgabe: La Petite Marchandes des Souvenirs
diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 320 S., 2002 (als Taschenbuch noch erhältlich)

2 Kommentare zu „Francois Lelord: Die kleine Souvenirverkäuferin

  1. Ein Roman, den ich sehr gern gelesen habe, und der bleibende Eindrücke verleiht von einer anderen Welt in einer bestimmten Zeit. Ein Handlungsstrang passt auch sehr gut in unsere von der Angst vor einer Infektion besetze Gegenwart.

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    1. liebe christa, ich danke dir herzlich für deinen kommentar. ja, so habe ich das auch empfunden, eine schöne, sensibel und mit viel liebe zum land erzählte geschichte, die mir ihrem hintergrund gut in diese zeit passt…
      liebe grüße
      gerd

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