Dorothea Mihm, Annette Bopp: Die sieben Geheimnisse guten Sterbens

Dieses Buch handelt auch von der Kraft, die das alles überspannt: der Liebe, dem Mitgefühl. Wo der Tod ein Zeichen für das Vergänglichen das Sterblich ist, steht die Liebe für den göttlichen Funken, für das Ewige, das Unzerstörbare, bleibende. Die Liebe ist die einzige Kraft, die dem Tod und der Angst überlegen ist, die unsere Hoffnung nährt und damit unser Leben stärkt.

Sterben und Tod sind, wenn man so will, die großen Unbekannten in unserem Leben. Genausowenig wie wir unsere Geburt aus eigenem Erleben kennen, genau so ist uns das, was im Sterben vor sich geht und was mit dem Tod endet, unbekannt und bleibt es uns prinzipiell weitgehend. Wir können nur Rückschlüsse ziehen aus Beobachtung, aus empathischer, einfühlsamer Begleitung und – wenn wir offen sind – aus unserer Intuition. Mögen Sterbende auch noch in vielen Fällen von der eigenen Befindlichkeit, von Schmerzen, Sehnsüchten, Gedanken berichten können, so sind dies deren Erfahrungen, die wir nicht unbedingt auf uns übertragen können: Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Und der Tod selbst als Ende des Lebens bleibt ein nie zu lösendes Geheimnis, dem wir unterworfen sind. Wie wir mit dieser Tatsache umgehen oder umgehen können, entscheidet darüber, ob wir „gut“ sterben, einen „guten“ Tod haben oder das Sterben schwer ist. Einen großen Einfluss darauf hat die Art und Weise, wie Sterbende begleitet werden, ob man den Sterbenden, der oft eher nicht mehr in der Lage ist, in der gewohnten Art und Weise zu kommunizieren, in seinen Wünschen, Bedürfnissen oder auch Sehnsüchten versteht und wie man damit umgeht. Das vorliegende Buch von Dorothea Mihm und Annette Bopp über Die sieben Geheimnisse des guten Sterbens gibt darüber Auskunft.

Inhaltlich lassen sich in dem Buch drei Hauptthemen ausmachen. Zum einen ist es eine kurze Biographie der ‚buddhistischen Palliativschwester“ Dorothea Mihm, die von der Journalistin Annette Bopp bei der Verfassung des Manuskripts unterstützt worden ist. Die Spiritualität von Mihm als zweites Hauptthema, ihr Weg zum tibetanischen Buddhismus in der Bön-Tradition, beeinflusst ihre Arbeit als Krankenschwester entscheidend und last not least erläutert Mihm anhand von vielen Fallbeispielen ihre Erfahrungen und zieht allgemeine Rückschlüsse daraus.

Auf die ersten beiden Ebene will ich hier nur kurz eingehen. Mihm hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter bekam sie auf die kindliche Frage, wo diese denn jetzt sei: Ihre Seele ist im Himmel. zur Antwort. Dies weckte ihr den Drang, diese „Seele“ zu finden, viele tote Tiere, die sie damals als Kind fand, kamen so zu ihrer Obduktion. Gefunden hatte sie nirgends eine Seele, aber der unbedingte Wunsch, Krankenschwester zu werden, war geweckt. Ihre erste Bekanntschaft mit einem Krankenhaus machte sie als Reinigungskraft. Es folgten dann noch einige schwierige Jugendjahre, bis sie endgültig den Beruf der Krankenschwester erlernte.

Mihm war fasziniert von der Arbeit im Krankenhaus und auch vom medizinischen Gerät, so daß sie letztlich die Energie aufbrachte, diese Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. War anfänglich für sie der/die Kranke immer nur die Krankheit, die es zu bekämpfen galt, traten im Lauf der Zeit doch Zweifel auf, ob dies der richtige Weg des Umgangs mit Kranken bzw. Sterbenden sei. Parallel dazu entwickelte sich ihre Spiritualität, auch hier war sie lange Zeit Suchende, bis sie im tibetanischen Buddhismus bzw. in der in diesem integrierten Bön-Spiritualität ihre Heimat gefunden hatte. Im Gegensatz zu allen anderen Religionen gibt es in dieser Spiritualität eine explizite Beschreibung der Vorgänge, die sich im Sterbeprozess abspielen, festgehalten sind sie im Das Tibetanische Totenbuch (Bardo Thödol Chenmo; untenstehend eine Abbildung der Titelseite der bei mir stehenden Ausgabe dieses Werkes. Einen Überblick über den Inhalt verschafft z.B. diese Seite (https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/religion/tibetisches-totenbuch-thema100.html) oder auch dieser kurze Videoclip https://www.youtube.com/watch?v=ETCVi0xfNlo)

Im Tibetanischen Totenbuch sind die einzelnen Phasen, die der Sterbende vor seinem Tod im Sterbeprozess durchläuft, beschrieben. Sie sind eng mit den Chakren verbunden, haben ihre jeweiligen Charakteristika, deren Kenntnisse für den Begleiter eines Sterbenden wichtig sind, um adäquat reagieren zu können. Nicht immer, so eine Erkenntnis, die man den Beschreibungen Mihms entnehmen kann, bedeutet beispielsweise eine äußere Ruhe des Sterbenden auch, daß er im Inneren ruhig ist. Im Gegenteil können sich dort heftige Kämpfe abspielen, die mit dem „Loslassen“ in den einzelnen Phasen des Sterbens zu tun haben.

Mihm wandelte sich im Lauf der Jahre von der apparateverzückten Krankenschwester zu einer Palliativkrankenschwester, die sich dem Sterbenden öffnen konnte, die ihn als ganzen Menschen, nicht nur als Kranken sehen konnte, die aufgrund ihrer Vorbildung auch die Bedürfnisse eines solchen Menschen erkennen konnte. Hier greifen die Fallgeschichten, die Mihm erzählt, vor allem die Beschreibungen der Basalen Stimulation, die sie häufig mit großem Erfolg anwendet und mit der sie auch Menschen wieder (teil)mobilisieren kann, die von anderen schon aufgegeben worden waren. Die allgemeinen Aussagen, die sie aus diesen Fallgeschichten für den Leser zieht, sind im Buch auch typographisch abgesetzt.

Mihm/Bopp widmen ein Kapitel dem mittlerweile aufgegebenen Plan, ein stationäres Hospiz zu gründen, daß nach den Erfahrungen Mihms als Haus mit ganzheitliches Ansatz geführt werden soll, also einem Konzept, das sowohl schul-/palliativmedizinische als auch alternative Methoden anwendet. Es sollte ein Haus werden, daß wie jedes Hospiz ein Haus ist zum Leben, nicht zum Sterben. Ich erwähne das an dieser Stelle, weil dieser Abschnitt für mich ein Déjà-vu war: So wie Mihms Projekt an Intrigen, Widerständen und Verleumdungen scheiterte, so hat bis dato ‚mein‘ Hospizverein für unseren Plan, ein stationäres Hospiz zu gründen, noch kein Grundstück gefunden. Der letzte, anfänglich recht erfolgsversprechende Versuch des Erwerbs eines Grundstück in einer kleinen Ortschaft scheiterte u.a. auch daran, daß die Anwohner ein durch den Betrieb der Einrichtung steigendes Verkehrsaufkommen fürchteten. Na klar, wer will schon jeden Tag -zig Leichenwagen (Vorsicht: Ironie!) sehen und derart an die eigene Sterblichkeit erinnert werden…

Mihm schildert offen, wie sehr sie durch das Scheitern dieses Herzensprojekts in eine persönliche Krise geraten ist, in der auch die Beziehung zu ihrer Lebensgefährtin zerbrach. Einen Ausweg aus dieser Krise bildeten die Rückbesinnung auf ihre spirituellen Wurzeln und auch, ganz praktisch, neue Betätigungs- und Arbeitsfelder, die sich ihr auftaten.


Obwohl mich diese Fallgeschichten und die Erfolge, die sie dort für ihre Arbeit mit den Sterbenden beschreibt, beeindrucken und mir auch die buddhistischen Gedanken ihrer Spititualität nicht völlig fremd sind, bin ich doch über ein oder zwei Punkte im Buch gestolpert. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nur auf einen Punkt näher eingehen, da ich ihr für wesentlich halte.

Auf Seite 192 der von mir gelesenen Ausgabe des Buches fängt ein Abschnitt an, der überschrieben ist mit „Gespräche mit Hirntoten„. In diesem Abschnitt kommen Aussagen vor wie: Oft leben Patienten aber dennoch [i.e. Abschalten der Beatmung, keine Medikamentengabe mehr, keine Nahrung oder Flüssigkeitszufuhr mehr] weiter. Sie atmen selbstständig, ihr Herz schlägt. oder: [S. 194]: …. die mir unzweifelhaft zeigten, daß auch Hirntote ein Bewusstsein haben, das wahrnehmen und erfassen kann, was mit ihm passiert.

Man sollte dazu wissen, daß (zumindest in Deutschland) der Hirntod definiert ist als völliger Funktionsausfall von Groß,- Klein- und Stammhirn (vgl dazu die Buchvorstellung, die ich vor geraumer Zeit zu diesem Thema geschrieben habe: https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/26/klaus-schafer-hirntod/ bzw.
https://radiergummi.wordpress.com/2017/08/30/klaus-schaefer-vom-koma-zum-hirntod/). Atmung und Herzschlag werden über das Stammhirn gesteuert, ein selbstständig atmender Mensch kann also per definitionem nicht hirntot sein, dies ist ein Widerspruch in sich. Auch die Fallbeispiele [S. 196 – 200] werfen Fragen auf: Die Neurologen attestierten seinen Hirntod. … [dann wurde er offensichtlich in ein Hospiz eingeliefert] Herr N. lag ja bei uns, um zu sterben. … Herr N. liegt schon elf Tage bei uns,Achtzehn Tage nachdem er zu uns gekommen ist, stirbt er.

Ich erwähne diesen Kritikpunkt deshalb auch so ausführlich, weil die Feststellung des Tods über Hirntod die absolute Ausnahme (wenige Tausend Fälle pro Jahr, vgl. z.B. hier) ist, die nur im Falle einer potentiellen Organ-/Gewebeentnahme für eine Transplantation z.B. bei Unfallopfern durchgeführt wird. Im „normalen“ Todesfall ist nach wie vor der Herzstillstand (Herztod) maßgeblich, zusammen mit den sicheren Todeszeichen, die sich kurze Zeit später ausbilden. Da jedoch die gesamte Transplantationsmedizin von der sicheren Feststellung des Hirntodes abhängt, sind Aussagen, daß ein Hirntoter nach 18 Tage stirbt (siehe oben) kontraproduktiv und tragen daher nur zur Verunsicherung bei.


Ich will diese Buchvorstellung aber nicht beenden, ohne kurz auf die titelgebenden Sieben Geheimnisse des guten Sterbens einzugehen. Diese sind jeweils am Ende größerer Abschnitte typographisch abgesetzt eingefügt und fassen die praxisnahen Erfahrungen von Mihm zusammen. Sie sind überschrieben mit Memento mori: Der Tod gehört zum Leben beim ersten Geheimnis über Das Sterben verstehen bis hin zum letzten Kapitel Die Liebe finden. In diese Abschnitte fließen sowohl die fachliche wie auch ihr spirituelle Kompetenz der Autorin ein, wenn es beispielsweise um das Thema „Loslassen“ oder auch um das große Feld der „Trauer“ geht. Ebenso wie die Fallbeispiele sind auch diese Ausführungen sehr lehr- und hilfreich, sie zeigen, daß mit dem Tod, so unvermeidlich er auch ist, umgegangen werden kann, daß wir ihm nicht hilflos ausgeliefert sind.

Trotzdem kann ich das Buch von Mihm/Bopp summa summarum nur mit Einschränkungen empfehlen. Die Fallbeispiele, insbesondere was die Wirkung der Basalen Stimulation angeht, sind beeindruckend, die Entwicklung von Mihm sowohl hinsichtlich ihrer fachlichen Kompetenz als auch ihr spiritueller Weg sind interessant und die „Geheimnisse“ hilfreich und auch tröstlich. Aber man sollte das Buch mit kritischem Blick lesen und das eine oder andere für sich selbst hinterfragen.

Dorothea Mihm, Annette Bopp
Die sieben Geheimnisse guten Sterbens
Erfahrungen einer buddhistischen Palliativschwester
diese Ausgabe: Goldmann, TB, ca.280 S., 2017

4 Kommentare zu „Dorothea Mihm, Annette Bopp: Die sieben Geheimnisse guten Sterbens

  1. Ein schwieriges Thema. Ich werde dieses Buch sicher nicht bestellen, den Titel und die Verfasserinnen aber im Hinterkopf behalten, und sollte es mir auf dem Tisch einer Buchhandlung begegnen, wird es von meiner „Tagesform“ abhängen, ob ich es kaufe oder nicht. Auch daran sieht man, wie schwierig ich das Thema finde, nämlich dass ich selbst den Dialog mit mir selbst darüber immer wieder unterbreche.

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    1. liebe christa, daß du dir über deine schwierigkeiten so klar bist, ist doch schon ein guter anfang. irgendwann wird die zeit kommen, in der du dich bereit fühlst, dich damit auseinander zu setzen. vllt, weil ich ein großer verlust in deiner nähe eingestellt hat, vllt auch einfach so… eins kann ich dir aus meiner erfahrung sagen: das thema verliert seinen schrecken, wenn man sich damit befasst! und wenn der tod dich schreckt, geht es dir mit der tödin möglicherweise besser.. das ist ernst gemeint, ich finde die weibliche form des todes, die leider sehr verdrängt worden ist durch den knochenmann, sehr viel tröstlicher und wärmer…..

      liebe grüße
      gerd

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