Ruprecht Frieling ist ein alter Hase im Geschäft. In dem durchaus anerkennenden Artikel von Henryk M. Broder aus dem Jahre 1996 wird seine Geschichte als Verleger und Ansprechstelle für Literaten, die das konventionelle Verlagswesen nicht haben will, aufgezeigt. Begonnen hat alles für den gebürtigen Bielefelder (den Ort gibt es also doch?) schon 1980 in Berlin und auch wenn der Verlag mittlerweile in anderen Händen liegt, so ist Frieling doch immer noch am Puls der Zeit. Und der schlägt in der Zwischenzeit immer deutlicher auch digital und elektronisch.

Als „Prinz Rupi“ nutzt Frieling („Grandfather des Self-Publishings“) selbstverständlich alle digitalen Medien, die zur Verfügung stehen und gerade im eBook-Sektor und dem damit rapide anwachsenden Segment der Eigenverleger (darf man dafür das deutsche Wort überhaupt verwenden oder muss es wirklich dieses sperrige Self-Publisher/-ing sein?) sieht Frieling eine Riesenchance für alle diejenigen, denen es ein Bedürfnis ist, ihren Namen als Autor auf einem Buch oder eBook zu sehen. Wer schreibt, bleibt: es ist offensichtlich immer noch ein Ziel, sich einen Teil an der Unsterblichkeit zu sichern…. Summa summarum: der Mann weiß, wovon er redet und er scheut sich nicht, das Establishment, womit hier das „konventionelle“ Verlagswesen gemeint ist, zu provozieren.

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Weltberühmt durch Self-Publishing ist sein neuester Ratgeber. Es ist ein Mutmachbuch, eine Ermunterung für alle, die Scheu abzulegen und sich am Beispiel verschiedener, heute weltberühmter Schriftsteller anzuschauen, daß der Schritt zum bzw. über die Eigenverlegung der eigenen Schriftwerke, durchaus der erste Schritt zum Ruhm sein kann. Nach Frieling ist das vielleicht sogar systemimmanent, denn das etablierte Verlagswesen scheut oftmals das Risiko, ist zu sehr eingefahren auf „bewährte“ Muster und erkennt die Chance im Neuen nur schwer.

Was weiland James W. Marshall für den Goldrausch in Kalifornien war, ist heutzutage E. L. James für den Self-Publisher: das leuchtende Beispiel, dem nachzueifern ist.

Frielings Buch ist in mehrere Abschnitte geteilt. Nach einer knappen Erläuterung „Was ist Self-Publishing“ wird eine „Kurze Geschichte des Veröffentlichens“ dargestellt, die aber wirklich kurz ist, im wesentlichen Stichworte gibt, mit denen man sich, will man mehr wissen, in anderen Quellen weiterhangeln kann. Überstrichen wird der Zeitraum von der Entwicklung der Sprache überhaupt bis zur Internet-Galaxis der Jetztzeit. Es folgt ein Kapitel über die „Rolle des Autoren“ im Veröffentlichungsprozess, der auch auf die unterschiedlichen Interessen zum Verleger eingeht, bevor das Büchlein zum Titelthema übergeht: Weltberühmt durch Self-Publishing.

Frieling hat fünfzehn berühmte Autoren (u.a. Poe, Stendhal, Dickens, Brontë,  Whitman, Tolstoi, Solschenizyn, Nika Lubitsch, Wondratschek, H. Mann, Proust, Wallace oder Hesse) als Beispiele ausgesucht. Er beschreibt deren erste Versuche, zu publizieren, Versuche, die misslangen, weil Verleger – aus welchen Gründen auch immer – die Manuskripte ablehnten, so daß die damals hoffnungsvollen Jungautoren unter zum Teil persönlichen Opfern dazu übergingen, ihre Texte selbst zu verlegen oder den Verleger für seine Arbeit zu bezahlen. Hier ist manches an Informationen zu finden, die so wohl den meisten von uns nicht präsent sind, die einzelnen Kurzbiografien lesen sich gut, sind informativ und unterhaltsam.

Das Buch schließt mit einer kurzen Darstellung Frielings über seine eigene Rolle als Dienstleister für Autoren, der – im Gegensatz zu etablierten Verlegern, die nach Frieling meist verschweigen, daß sie auch Bücher mit Fremdfinanzierung herausgeben – offen zu seiner Tätigkeit und seinem Geschäftsmodell steht. Der Erfolg von Büchern ist allermeist nicht planbar, es werden Titel Bestseller, von denen man es nicht erwartet hat, andere, die mit viel Macht auf den Markt geworfen werden, sind kurze Zeit später vergessen… Aus dieser Tatsache und aus den mittlerweile zur Verfügung stehenden Möglichkeiten des Publizierens heraus appelliert Frieling an alle potentiellen Autoren, ihrem Stern zu folgen, den Mut zu haben, ihr Werk selbst zu verlegen und in die Öffentlichkeit zu bringen: es gibt genug Beispiele für Autoren, die auf diese Art vielleicht nicht gerade weltberühmt geworden sind, aber doch ihr Publikum gefunden haben. Und für alle, die Bedenken haben, als Eigenverleger zukünftig für etablierte Verlage gebrandmarkt zu sein, hat Frieling den Trost, daß sich auch hier die Zeiten und Einstellungen geändert haben: ein erfolgreicher Self-Publisher hat heutzutage immer auch eine gute Chance, später in einem etablierten Verlag veröffentlicht zu werden – und das kann durchaus derjenige sein, der sein Erstlingsmanuskript einst noch abgelehnt hat.


So weit, so gut.

Frieling Ratgeber und Mutmachbuch, das mir der Autor für diese Besprechung als eBook zur Verfügung gestellt hat (dafür danke ich ihm an dieser Stelle) ist selbst ein gutes Beispiel für Licht und Schatten beim Eigenverlegen.

Beides hängt eng zusammen, als Buchblogger kenne ich dies auch aus anderem Zusammenhang, wenn mir hoffnungsvolle Jungautoren/-innen Manuskripte zur Besprechung zuschicken: bei vielen Texten merkt man den Unterschied zwischen „Schreiben können“ und „Schreiben wollen“ schnell. Und bei den Texten, die sich lesen lassen, entpuppt sich dann vielleicht sogar ein etablierter Autor, der dieses Manuskript lieber unter einen Pseudonym publizieren will, als Verfasser…. Hinzu kommt, daß Texte wohl nicht immer gegengelesen oder gar lektoriert werden: der Eigenverleger schreibt, was er schreiben will… im Ergebnis, das merkt auch Frieling an, klingen die Elaborate oft hölzern oder sind mühsame Gehversuche auf den Stoppelfeldern der Literatur.

Beispiele für das, was ich meine, findet man auch in diesem Buch. So wird (Position 258) darauf hingewiesen, daß im Spätmittelalter nur eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung des Lesens mächtig war. Selbst Karl der Große war Analphabet. Lebte allerdings ungefähr 500 Jahre vor dieser Epoche des Spätmittelalters, ist also hier als Beispiel etwas fehl am Platz. Da wird an anderer Stelle (Position 309) durch die Telegrafie Raum und Zeit aufgelöst, durch die Elektroenergie gar das Raum-Zeit-Gefüge aufgehoben... die Physiker wird´s freuen….. An einigen Stellen ist der Satzspiegel fehlerhaft, zwar kann man dies durch Verändern der Zeichengröße u.ä. korrigieren, doch tun sich dann an anderer Stelle entsprechende Fehler auf…. das möge reichen an Beispielen für Formulierungen, Aussagen und Details, über die ich beim Lesen gestolpert bin.

Ich weiß nicht, wie Frieling sein Buch geschrieben hat, ob es gegengelesen oder lektoriert worden ist (was auch keineswegs ein Allheilmittel ist), aber solche Lapsi fallen dem aufmerksamen Leser durchaus auf und sind in der Lage, den Gesamteindruck zu beeinflussen. Daß es also nicht mit dem bloßen Schreiben und Veröffentlichen getan ist, sollte sich der Eigenverleger deutlich machen; die mit entscheidende Frage über Erfolg oder Nicht-Erfolg eines Werkes ist auch die nach der Qualität eines auf eigene Kosten verlegten Werkes, Frieling geht – wie oben angedeutet – selbst kurz darauf ein.

Natürlich kann man sich an Tolstoi ein Beispiel nehmen, der seine Karriere als Self-Publisher mit Krieg und Frieden begründete. Doch wie wahrscheinlich ist es, daß man ähnlichen Erfolg hat? Oder, ein aktuelleres Beispiel: daß man ähnlich weltberühmt wird wie die Britin E. L. James? Frieling schreibt über seine eigene Dienstleitertätigkeit als Verleger, daß er in dieser Funkion gelegentlich selbst als Steigbügelhalter gedient hat, führt ein Beispiel für eine Autorin an, die später erfolgreich in einem Publikumsverlag veröffentlichte – bei Tausenden von Autoren, die er betreute.

Jeder, der will, kann berühmt werden! Ja, das ist wohl so, es gibt Beispiele dafür aus alten und aus neuen Zeiten und nie waren die Möglichkeiten zum Eigenverlegen so gut wie heute. Doch sollte sich jeder trotz des Optimismus, mit dem Frieling aufwartet, ermuntert und ermutigt, darüber im Klaren sein, wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, Frieling erwähnt immerhin die Zahl von 100.000 Autoren, die zur Zeit im Self-Publishing aktiv sind…

Frielings Ratgeber jedenfalls strahlt Optimismus aus, ist flott geschrieben und gut lesbar. Auch die Stolperstellen verdaut man schnell, der biographische Teil des Textes bietet vieles, was unbekannt sein dürfte und ein Verzeichnis weiterführender Literatur fehlt auch nicht. Und sich an Nika Lubitsch ein Beispiel zu nehmen, kann nicht falsch sein…. es sollte noch angemerkt werden, daß hier keine Ratschläge gegeben werden, über das „Wie“ und „Wo“ des Eigenverlegens, das hat der Autor an anderer Stelle praxisnah festgehalten. So mag dieses Büchlein jedenfalls dem einen oder anderen tatsächlich den letzten, vielleicht entscheidenden Impuls geben: Yes, I can!

Links und Anmerkungen:

[1] Henry M. Broder: Der Buchmacher, Kultur-Spiegel 1/96; http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-9075133.html

Wilhelm Ruprecht Frieling
Weltberühmt durch Self-Publishing
Was Autoren aus der Geschichte des Selbstveröffentlichens lernen können
diese Ausgabe: Internet-Buchverlag, Berlin, Version 1.0, 2015

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Carla Berling ist eine in Köln ansässige Autorin, die vorwiegend im Krimigenre beheimatet ist. Mit dem Roman Im Netz der Meister, der als Taschenbuch schon vor einigen Jahren und als eBook 2014 erschienen ist, hat sie sich dagegen in den Bereich der erotischen Literatur begeben und zwar mit dem Thema S/M, das ja spätestens seit ein paar Jahre durch die „Schatten des Grauens“ sogar mainstreamfähig  geworden ist (und dem Begriff „Hausfrauenporno“ eine neue Variante gegeben hat). Nun also ein Netz, fragen wir uns also, wer ist bei Berling die Spinne und welches Opfer wird sich in ihrem Netz verfangen?

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Simone Sänger ist vierzig Jahre alt und hat eine kleine Buchhandlung in Bonn. Seit achtzehn Jahren ist sie mit ihrem Gerald verheiratet, die beiden haben zwei halbwüchsige Töchter. In diesem Alter ist es nicht ungewöhnlich, daß der weitere Lebensweg vorgezeichnet ist. Sicher, im ehelichen Leben ist die Ekstase mittlerweile oft verlustig gegangen, aber bei Sängers wird Luthers Empfehlung noch eingehalten – auch nicht schlecht! Der Sex ist routiniert unaufgeregt, er sichert den beiden die gegenseitige Nähe und Wärme, die Verbundenheit. So oder so ähnlich könnte, so würde es weitergehen, wenn nicht… ein Zufall oder ähnliches die Weiche für den weiteren Lebensweg verstellen würde.

Diese Weiche – bei Simone Singer war es ein Klick. Ein harmloser Klick, den sie eigentlich gar nicht machen wollte und der sie in ein Chat-Forum brachte. Dort war sie sofort fasziniert vom lockeren Umgangston, von der Spontanität der „Unterhaltung“, von Tempo und auch von den vielen blinkenden Gifs und Winkies…

Die Neugier war geweckt, sie suchte ein wenig im Netz herum und stieß schließlich auf einen Erotik-Chatroom, der etwas in ihr zum Klingen brachte. Sie meldete sich als „Lady Chatterly“ mit einem entsprechenden Profil an…. die erste Phase des Selbstbetruges war für sie erreicht, hier zu chatten wäre, so redete sie sich ein, nun auch nicht viel was anderes als sozusagen interaktives Fernsehen…

Hier im Chat traf sie auf eine andere Welt als die, die sie kannte, eine faszinierende Welt, eine, die im Bauch kribbelte, eine, die auch dunkel war und einen ungeheuren Sog auszuüben schien. Sie lernte andere Forenteilnehmer kennen, Männer vorwiegend, die sie über ihr Profil anschrieben… was waren das für Menschen, die Lust dabei empfanden, sich schlagen zu lassen, sich demütigen zu lassen, befehlen zu lassen – oder andere zu erniedrigen, auszupeitschen, zu bestrafen? Waren es Perverse, das war doch nicht normal… Simone war ins Netz gegangen, obwohl sie alles nicht so richtig nachvollziehen konnte, versuchte sie, in diese Welt hineinzukommen, sie surfte herum, lernte Begriffe, schaute sich Bilder an, die sie auf den entsprechenden Seiten fand….

Heimlichtuerei… natürlich chattete und surfte sie von ihrer Buchhandlung aus, sorgfältig musste sie darauf achten, daß es dort weder die Kundschaft noch ihre Mitarbeiterin Karin merkte…. ja, es gab Männer, die interessant waren und bald gab es erste Anweisungen, was sie zu tragen habe beispielsweise oder wie sie sich schminken müsse.. und daß die Antwort „Ja, Herr“ laute… lächerlich, dieses „Herr“, aber sie gewöhne sich daran, genauso wie sie begann, sich bewusster zu kleiden und zurecht zu machen (wobei uns Berling verschweigt, wie Gerald, der ja von nichts weiß, auf die plötzliche Intimrasur reagiert…)… das erste reale Treffen mit einem der „Herren“ war ein Schritt, der nach langem Zögern folgte…

Ein schwieriger Schritt… etwas ganz anderes als als Lady Chatterly anonym zu chatten: hier würde etwas ganz Reales geschehen, das bisher weitgehend Virtuelle würde sehr konkret in ihr Leben treten. Andererseits – traf sie sich nicht auch mit Kunden und Vertretern auf einen Café? Das ist doch praktisch dasselbe… außerdem will sie ja nur ihre Neugier befriedigen, sonst nichts, zu weiterem käme es nicht..

…mit Ralf sicher nicht. Dieser kleine Mann mit piepsiger Stimme, der selbst eher an feuchten Träumen zu leiden schien, wollte ihr Dom sein, ihr Anweisungen geben, sie, die sie auf ihn heruntersehen konnte, schlagen? Ein harmloses Treffen, ein erstes und gleichzeitig letztes Rendevous mit dieser Karikatur…. die ihr gleichwohl die Scheu genommen hatte, diesen entscheidenden Schritt mit ihrer Lust in die „richtige Welt“ zu machen. Und die sie immer tiefer in die Lüge hineinzog, in die Heimlichkeit: auf ihrer Lebensbahn hatte sich ein „Unfall“ ereignet: sie fing an, sich aufzusplitten in das normale Leben und das heimliche, zweite, verborgende, prickelnde Leben, das ihren Unterleib zusammenzog und dem sie nicht widerstand. Wiederstehen wollte.

Um Boris zu treffen, musste Simone Britta, ihre alte Freundin in Berlin einschalten: ein Alibi musste her, denn das Treffen mit ihm sollte in Berlin sein. Simones erste Session, sie hatte ihm verheimlicht, daß es ihre erste Erfahrung sein würde…. Die Nacht war hart, Boris, extrem gut aussehend und scharf, legte ihr Klammern an, schlug sie grün und blau, fesselte sie und verband ihr die Augen und schlug weiter und weiter… Das Erwachen am nächsten Morgen, die Zweifel, der Unglaube über das, was in der Nacht geschehen war und auch das Erschrecken darüber, wie intensiv sie dies alles gefühlt hatte: Simone konnte die Tränen nicht zurückhalten, sie brach die Session ab.. wie konnte sie nur so zerschlagen, voller Striemen wieder nach Hause, Gerald würde mit ihr schlafen wollen.. unmöglich….

Zu Hause.. alles erschien ihr glanzlos. Klein. Gewöhnlich. Ihre Lügen jedoch waren offensichtlich überzeugend, weder der leicht enttäuschte Mann noch die Mädchen bemerkten etwas….

… und so blieb es nicht bei Boris, denn die Sehnsucht war wichtig, die Sehnsucht war da….

Nach Boris kam Karel, ein Holländer, mit dem sie sich in Frankfurt traf…. Ich weiß, daß du mir gleich diese eine Frage stellen wirst. Wenn ich sie mit „ja“ beantworte, übergebe ich dir meinen Alltag, meine übliche Dominanz, meinen Körper und vielleicht für einige Stunden meine Seele. So ist es abgesprochen. Ich sehe die Vorfreude in deinen Augen, als ich „ja“ sage. Schön, sagst du mit deiner tiefen, festen Stimme. .. Du stehst immer Mittelpunkt. … Ich mag dieses Gefühl, gewollt zu werden, ich mag es so sehr. …. ein – wenn man das so feststellen kann – Lehrbuch-Dom, der alles nach den Bedürfnissen seiner Sub ausrichtete…

Nach Karel traf Simone Mark, sozusagen seinen Antigonisten, einen sadistischen Quäler von Leib und Seele, für den sie nicht Mittelpunkt aller Aktionen war, sondern nur das Objekt, um seinen Hass abzureagieren. Simone brauchte lange, um sich davon zu erholen.. viele Fragen gingen ihr durch den Kopf, doch sie hatte Angst vor den Antworten… sie hasste sich selbst, denn trotz der Torturen, obwohl sie auf das Codewort zurückgreifen musste – sie hatte es auch genossen…

Reue, der Versuch, das normale Leben wieder aufzunehmen. Das Leben mit Mann und Kindern, dem Vorgarten und der Küche… kein Chat mehr, keine Kontakte.. bis sich Karel wieder meldete.. In der Nähe von Hannover, an einer Halskette führt er Simone in einen Swingerclub. Im Spiegel sehe ich einen großen, stattlichen Mann in Lederhosen. Er zieht eine schlanke Frau hinter sich her. Sie hält ihre Hände hinter dem Rücken. Die Frau trägt hochhackige rote Schuhe und halterlose Strümpfe. … Das schwarze Lederhalsband um ihren Hals und die lange Kette, an dem der Mann sie durch den Gang führt, sind ein attraktiver Schmuck. Die Frau sieht sehr schön aus. Die Frau bin ich. …. Geht es dir gut? Ja, es geht mir gut. Danke, daß du fragst. Peitsche. Gerte. Hand. Ruhe. .. Der Schmerz auf meiner Haut verwandelt sich in Lust. .. Du bist stolz auf mich und dein Besitzanspruch macht mich glücklich. Du willst allen zeigen, daß ich dir gehöre. Ich verstehe das. Ich bin schön für dich. Das macht mich schön und stolz. Das ist das Gefühl, das ich gesucht habe. Lange.

Nach Karel wird ihr Kontakt zu Arno intensiver, auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, daß dieser ältere, dickliche Mann ihr Dom werden könnte. Zusammen ziehen sie eine ganze Nacht durch St. Pauli… Aber Arno verunsichert sie, sie sei im Grunde keine Sub, sie sei eine Domme… als völlig abwegig empfindet sie dies… Arno fädelt jedoch etwas ein und nach langem Zögern akzeptiert Simone den jungen Cornelius als  ihren willigen Sklaven.. und schon wieder dieses Kribbeln im Bauch, unerwartet. Schön. Geil.

Nach dieser Verunsicherung gibt es ein nochmaliges Aufbäumen von Simone, ein Versuch, zurückzukehren in ihr altes Leben, das sie sehr vernachlässigt hat. Die Buchhandlung läuft schlecht, weil sie sich nicht mehr um die Kunden kümmert, Gerald wird zunehmend desinteressiert an ihr, zu den Kindern hat sie kaum noch Zugang. Weihnachten, nichts hat sie vorbereitet, ist eine Quälerei genauso wie der anschließende Familienurlaub, alle sind froh, als es vorbei ist. Es zerreißt Simone, wenn sie nachts schlaflos im Bett liegt. Und sie schafft es, wieder löscht sie alle Profile im Chat, ihr Mailadresse, ihr Adressbuch, sie kehrt zu ihrer Familie zurück, zu Haus und Garten… nachts aber kommen Zweifel.. die Sehnsucht taucht wieder auf, ist nicht tot.

Eine älter Dame betritt den Buchladen und fragt nach D.H. Lawrences „Lady Chatterley“.. damit hatte vor zwei Jahren alles begonnen.. Simone fängt an zu zittern…. Was bedeutete es eigentlich, ihr selbstverordnetes „Nie mehr“. Nie mehr? Immerfort tobte dieses selbst erteilte, schreckliche Gebot „nie mehr“ in ihr, nahm ihr die Kraft für den Tag und die Luft zum Atmen. .. Einmal, ein einziges Mal, wollte sie es noch wissen. … und dann nie mehr.  …. Sie loggte sich wieder ein, diesmal ohne „Lady“. Und die (Sehn)Suche begann erneut…

Simone hatte eine Nachricht in ihrer Mailbox.
„Guten Tag, Chatterley.
Es ist Zeit für ein Gespräch. Rule.“


Mit Simone Sänger, 40, begegnet uns eine Frau, deren Welt am Zerfallen ist. Bis jetzt, bis hierher, hatte sie ihren festen Platz, verankert in Familie und Beruf, sie glaubte, sich selbst zu kennen und war mit ihrem Leben ganz zufrieden, nichts aufregendes, aber belastbar. Dachte sie. Bis sie diese „dunkle Seite“ an sich entdeckte, diesen Hang zu etwas, was sie bislang nicht verspürte bzw. vielleicht auch nur sehr tief in sich verbarg. Dafür kommt es jetzt um so heftiger zum Ausbruch, wie eine Flutwelle droht es, ihr Leben mitzureißen.

Berling weist an ihrer Protagonisten viele Zeichen von Suchtverhalten aus. Der Chat in ihrem Erotik-Forum wird immer wichtiger für sie, so wichtig, daß sie letztlich ihren Beruf vernachlässigt, die Buchhandlung gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ihr ganzes Bestreben ist darauf gerichtet, diesen ultimativen Kick, diese nie gekannte Befriedigung, die sie vor allem in den Treffen mit den diversen Doms erlangt hat, wieder zu spüren, die schlechte Erfahrung mit Mark bringt sie nur zeitweise zur Zurückhaltung. Ist sie als Sub selbstbewusst, selbstsicher, fühlt sich/ist schön und von ihren Herren („Du stehst immer im Mittelpunkt“) gewürdigt, so wird sie ausserhalb dieser Welt immer fahriger, frustrierter, unsicherer und zerrissener. Familie und Beruf werden vernachlässigt bis hin zur „Zerstörung“, daß sich ihr Mann ihr gegenüber immer gleichgültiger zeigt – sie merkt es praktisch nicht mehr: ihr Sinn ist nur noch, in diese andere Welt einzutauchen und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, das Einloggen in ihre Forenwelt, das Treffen mit einem Dom ist Flucht aus ihrer Norm-Realität in ein anderes Sein mit genau diesem Gefühl, abzutauchen und eine andere zu werden. Ging es ihr vorher schlecht, so geht es ihr im gleichen Maße jetzt gut.

Die Droge „S/M“ zwingt sie in eine Doppelleben und in die Lüge. Natürlich weiß Simone, daß man vom Sub-Sein nicht leben kann, daß ihr Beruf im Gegenteil Voraussetzung ist, daß sie diese Seite ihres Wesen überhaupt ausleben kann, und dennoch findet sie kaum die Kraft, sich darauf zu konzentrieren: ihr Einfallstor, der Rechner, lockt unwiderstehlich. In „lichten“ Momenten sieht sie ebenso, wie ihr Familie leidet, wie sie sich entfremdet haben: für sie, Simone, ist die Familie nur noch ein lästiges, störendes Anhängsel, das sie vernachlässigt.

Ebenso ist der ehemals große Freundeskreis der Sängers geschmolzen: sie hat kein Interesse mehr an diesen Menschen, was könnten die mit ihrer spießigen, piefigen Welt ihr, der schönen Sub, die durch Schmerz Stolz und Lust erfährt, schon noch sagen….

Sie sieht dies und bemüht sich, dagegen anzugehen, von ihrer „Droge“ runter zu kommen, die Schönheit und Befriedigung eines Familienlebens wieder zu sehen.. es scheint zu gelingen, doch Berling gönnt ihr das nicht. So wie bei einem Alkoholiker ein Schluck reicht, um ihn rückfällig werden zu lassen, so bricht der Buchtitel des berühmten Romans von Lawrence bei ihr alle Schutzwälle wieder ein…

Ein Doppelleben läßt sich durch ein Outing („… und das ist gut so.“) auflösen, für Simone aber würde dies den Sturz in ein Nichts bedeuten. Mir fällt an dieser Stelle Fiona Maye ein, die McEwan (Kindeswohl) denken läßt: „Wenn du eine offene Ehe willst, hättest du das vor der Hochzeit sagen sollen, nicht nach fünfunddreißig Jahren“. Ähnlich könnte man hier dem Ehemann Gerald in den Mund legen: „Wenn du auf Schläge und Erniedrigung stehst, hättest du mir das vor zwanzig Jahren sagen sollen….“. Mit größter Wahrscheinlichkeit würde ihre Familie zerbrechen, ihre geschäftliche Zukunft wäre vollends fraglich …..

Mit Britta hat Berling eine Figur eingeführt, die gegen Simone redet. Zwar ist sie ihre alte Schulfreundin und diese Freundschaft bricht auch nicht, aber durch Britta kommen die Stimmen in die Handlung, die die Faszination von S/M nicht nachvollziehen können, die diese Neigung als unnormal ansehen, im Roman sind des öfteren die Begriffe „krank“ und „pervers“ verwendet. Ihr als einziger Vertrauter gegenüber versucht Simone sich zu erklären, aber ihre Freundin kann die Empfindungen, die Metamorphose von Schmerz in Lust, in ungeheure Lust nicht nachvollziehen….

Wenn wir jetzt bei den Figuren des Romans sind, muss man sagen, daß sich die Autorin auf ihre Hauptperson konzentriert. Die Männer bzw. „Meister“ werden nur insofern charakterisiert, wie es für ihre Rolle in der Handlung wichtig ist, auch der Ehemann Gerald bleibt als Figur relativ farblos. Etwas mehr Platz widmet Berlin der Mitarbeiterin Simones in der Buchhandlung, Karin, die aber – und das war für mich etwas nervend – als ziemlich exaltierte Persönlichkeit mit einer fürchterlich affektierten Sprache dargestellt wird. Es kommt ihr aber als Nebenfigur eine über die Mitarbeit im Geschäft hinausgehende Bedeutung im Roman zu.

Wir erfahren als Leser nicht, ob und wenn, wie Simone ihre Konflikte auflöst. Berling schließt ihren Roman mit einem offenen Ende für ihre Protagonistin, das ein wenig dem im Western ähnelt, wo die Helden auf ihren Pferden in den Sonnenuntergang reiten… das ist jedoch auch nicht verwunderlich, dieser Cliffhanger weist schließlich schon auf Teil 2 der Geschichte hin..


Wenn man einen S/M-Roman liest und vielleicht sogar einschätzen will, so kommt man im Grund um einen Vergleich mit dem Klassiker des Genres nicht umhin, der Geschichte der O [x1] nämlich (Eine Gegenüberstellung mit dem im Intro erwähnten Shades of Grey kann ich, weil ich dieses Werk nicht kenne, nicht vornehmen, aber allem Angelesenem nach, lohnt sich das auch nicht….). Ich kann daran auch gleich mein Facit knüpfen: während ich mich durch die Geschichte der O gequält habe, weil sie mich schlicht und einfach langweilte, war im Netz der Meister ein fesselndes Erlebnis – und nur dieser Ausdruck ist, so glaube ich, für einen solchen Roman angemessen. Fesselnd, weil ich die Zerrissenheit und die Gefühle der Protagonistin gut dargestellt und nachvollziehbar fand, fesselnd, weil die Schilderung der einzelnen Sessions (ob realistisch oder nicht, sei dahin gestellt, es ist schließlich ein Roman und keine Dokumentation) beim Lesen ob ihrer Intensität auch schon mal die Zeit vergessen läßt, fesselnd, weil Berling es versteht, spannend schreibt, wobei sie in ihrer Sprache immer ausserhalb des Vulgären bleibt und die allseits bekannten „Schlüsselworte“ fast völlig vermeidet. Was die „Sexszenen“ angeht, möchte ich jedoch eine kleine Warnung aussprechen: es ist kein Blümchensex, den Berling beschreibt und Löffelchen gibt es – wenn ich mich recht erinnere – nur ein einzige Mal…. wer also etwas empfindlich ist, sollte dies einkalkulieren.

Im Text wird des öfteren die Erzählperspektive von der 3. Person, die über das Geschehn berichtet hin zu Simone, die ihre Gefühle selbst beschreibt, gewechselt. Der Gesamtaufbau des Romans ist interessant, da die einzelnen Abschnitte, in denen Simones Weg geschildert wird, jeweils von kurzen Texten unterbrochen werden, in denen ihre letzte Session beschrieben wird, in der unsere Heldin brutal behandelt wird, ihr Peiniger aber auch so seine Probleme hat….

Summa summarum: wer ein Faible hat für dieses Genre S/M, der ist mit dem Netz der Meister gut, ja, sogar sehr gut, bedient [3].

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.carla-berling.de
[2] Buchvorstellung im Blog „Erotische Literatur“: https://erotischebuecher.wordpress.com/2014/08/07/regine-deforges-pauline-reage-die-o-hat-mir-erzahlt/
[3] was die Einschätzung des Romans angeht, ist die Diskussion der Kundenrezensionen bei einem mittlerweile leidlich bekannten online-Händler interessant, gehen diese doch vom Totalverriss bis hin zu großer Zustimmung.

mehr Besprechungen erotischer Literatur im Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Carla Berling
Im Netz der Meister
diese Ausgabe: eBook, (im Print ca. 294 S.), 2014

Laura Lay ist bei mir im Blog schon mit einer kleinen erotischen Erzählung vertreten, der „Flamingofrau“. Hier legt sie mit der „Pyromantischen Affäre“ eine weitere Kostprobe ihrer erotischen Fantasie vor, auch wenn der Titel nur die halbe Wahrheit ist, denn es sind zwei Geschichten, die Lay parallel erzählt und im letzten Kapitel dann überraschenderweise miteinander verbindet.

Den nicht pyromentischen Teil könnte man „die Gelegenheit bei den Zöpfen packen“ nennen, denn hier beschreibt sie ein Rollenspiel zwischen einer jungen Frau, genannt Lila, und einem Mann, über den wir nicht allzuviel erfahren, mit Namen Joe. Lila kleidet sich zu kindlich für ihr Alter, mit Kniestrümpfen, Lackschühchen und eben Zöpfen.. so gewandet holt sie Joe vom Flughafen ab. Leider hat Joe Grund, verärgert zu sein, kam doch ein Brief von der Schule, in der ihm berichtet wird, wie ungezogen Lila ist… Lila entschuldigt sich, doch ein „es tut mir leid“ reicht Joe diesmal nicht und er erinnert Lila daran, was er ihr neulich beigebracht hat.

Berit – aus der Parallelgeschichte – dagegen ist Malerin und hat ein Stipendium, sie ist mit anderen Künstlern zusammen auf einem abseits gelegenen Hof einquartiert. Am rätselhaftesten von allen dort ist ihr Yui, die Pyromantikerin, die sich ein wenig abseits der Künstlerkolonie hält und sich auch spröde gibt, als Berit sie anspricht. Aber schließlich fahren sie doch eines Nachtss gemeinsam hinaus an den See, wo Yui ihre Raketen abschießt und Berit den Widerschein der Lichter auf der Oberfläche des Wassers filmen soll. Yui hilft ihr, indem sie ihr die richtige Standposition zeigt, damit die Aufnahmen nicht verwackelt werden. Dazu muss Yiu Berit allerdings berühren….

Von den beiden Geschichten ist besonders die Episode mit Lila und Joe geheimnisvoll, denn die Autorin ist sparsam mit Erklärungen. Sie beschreibt, schildert, aber für den Leser bleibt manches geheimnisvoll bzw. rätselhaft und klärt sich erst im Lauf der Handlung weiter auf. Es ist vllt sogar eine Stärke der Autorin, Fragen nur aufzuwerfen, sie aber nicht zu beantworten: dies hält die Spannung über die gesamte Geschichte aufrecht.

Dabei lebt diese erotische Geschichte nicht vom geschilderten Sex, obwohl Lay zumindest eine prickelnde Szene eingebaut hat. Es ist eher die unterschwellige Spannung, die Visualisierung des Geschriebenen in der eigenen Fantasie, mit der Lay es versteht, das erst einmal sexuell motivierte Rollenspiel zu einem auch erotischen zu gestalten, das trotz der deutlichen Sprache seine eigene Sensibilität bewahrt. Wer also „Ein-Hand-Literatur“ sucht, ist bei Lay an der falschen Adresse. Wenn man einen Kritikpunkt an den Geschichten anbringen will, dann ist es der, daß sie zu kurz sind, dieses Lesevergnügen würde man sich länger wünschen….

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Die Bonusgeschichte handelt von „Mr. Wonderful“, einem dem äußeren Anschein nach wenig attraktiven Mann mit krummen Beinen, ohne Taille aber mit Bierbrüsten, auf den dessen ungeachtet die Frauen aber fliegen. Mag dies nun den meisten Männern vielleicht beneidenswert erscheinen, unserem Titelhelden ist eher lästig, denn all die armen Frauen in ihrem Begehren allein zu lassen, das bekommt er auch nicht übers Herz. Eigentlich, so meint, müssten seine Finger schon Hornhaut tragen bei all dem, was sie schon mitgemacht haben…. „Aber ich hab genug! Es reicht! Ich bin nicht verklemmt. Nein, wirklich nicht. Aber was zuviel ist, ist einfach zuviel.“ .. wenn er sich da mal nicht täuscht…

Laura Lay läßt ihren „Adonis“ sein Leid in einem großen Monolog schildern, er redet sich seinen Kummer von der Seele, schildert seine Erlebnisse und die Qual, die es heißt, Objekt der Begierde zu sein, zumal – wie gesagt – sein mildes, mitleidendes Herz keine Körbe verteilen kann…

„Mr. Wonderful“ ist eine nette, kleine überspitzte Satire auf die durchsexualisierte Alltagskultur unserer Gesellschaft. Sind dort in realiter die „schönen“ Menschen Projektion (auch) sexueller Sehnsüchte (bzw. definiert sich Schönheit oft erst dadurch, daß bestimmte Menschen oder Typen als Figuren prominent gemacht werden), stellt Lay dieses Prinzip in ihrer Erzählung auf den Kopf: ein völlig unattraktiver Mann (jetzt hätte ich fast geschrieben, jemand wie du und ich, aber mir selbst fehlt ja noch die fehlende Taille…) wird Objekt, denn das ist er, ein Objekt, auf das Frauen fliegen wie Fliegen auf den Klebstreifen. Die Schönen und das Biest…. das der Ausgang der Geschichte letztlich nicht völlig überraschend ist, tut dem Lesespaß keinen Abbruch.

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Website der Autorin: http://laura-lay.jimdo.com/. Über diese Seite kann das ebook auch erworben werden. Ferner bedanke ich mich bei Frau Lay für die Überlassung eines Rezensionsdateinfiles.

Mehr erotische Literatur ist im Themenblog zu finden.

Laura Lay
Eine pyromantische Affäre
Kindle-Edition, 42 S. (print)

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