Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Die Spur der Liebe von Bernd Kulik hat anscheinend selbst kaum Spuren hinterlassen. Ich bin kein Detektiv, suche deshalb nicht übermäßig intensiv, aber die normalen Suchmuster haben tatsächlich bis auf eine einzige Besprechung auf einem Blog nichts zum Buch ergeben. Zum Kauf angeboten wird es, freilich, des öfteren über die diversen Kanäle und Anbieter… So kann ich nichts über den Autoren Bernd Kulik vermelden, auch die Geschichte hinter den Geschichten bleibt im Dunkeln und ebenso ist das Buch selbst nicht in einem ’normalen‘ Verlag erschienen ist. Aber es ist erschienen und birgt auf seinen 256 Seiten zehn Geschichten über das ‚Lieben‘ in der ehemaligen DDR, wobei Liebe hier rein körperlich zu verstehen ist, so wie es in einer der Stories (Die Abifeier) zum Ende heißt: „Okay, wir haben zwei geile Nummer geschoben und unseren Spaß gehabt. Nun starten wir ins Leben und werden sehen, was uns noch alles widerfährt.“ – „War’s das?“ – „Das war’s.“ – Frauen konnten manchmal so herzlos sein.

An diesem Zitat läßt sich mehreres festmachen, was sich durchgängig durch alle Geschichten zieht. Zum einen werden die (fast immer) jungen Frauen als sehr initiativ beschrieben und sind keineswegs die schüchternen Mädels, die durch den Mann erst erweckt werden müssen. Im Gegenteil ist der (fast immer) junge Mann oft derjenige, der die leitende und führende Hand der Frau braucht. Zum zweiten ist die Sprache direkt und unverblümt und spart auch Phänomene des Alltags nicht aus, wie dieses Beispiel zeigt (Silvester): (nach der ersten Nummer kost sie ihn unter der Bettdecke langsam vom Bauch aus nach unten und merkt an): „Mein Lieber, hast du auf einem Fischtrawler gearbeitet?“ – „Nee, nur in einem Fischladen verkehrt.“

Die Episoden sind fast alle nach einem Muster aufgebaut. Auf den ersten Seiten wird das Setting beschrieben, also der Ort der Handlung, die näheren Umstände und – das macht das Buch dann zumindest für Wessis doch interessant – auch fernere Lebensumstände in der seinerzeitigen DDR. Dann taucht, da praktisch immer aus Sicht des männlichen Parts geschrieben wird, das meist brünstige Weibchen auf, läßt entweder Initiative zu und/oder – wenn sie des Aussehens oder anderer Umstände wie Monatsblutung wegen keine provoziert – legt selbst (im wahrsten Sinne des Wortes) Hand an und ergreift sozusagen das Zepter. Im Anschluss wird viel missioniert, manche der Damen haben auch Lust auf griechisches, französische Exkursionen kommen vor, sind aber nicht Hauptquelle, aus der die Freude sprießt. Man sieht, es ist eher handfester und bodenständiger Sex, der getrieben wird und der keineswegs an Gefühle gebunden sein muss, sondern der häufig nur der Triebbefriedigung dient.

Zehn Geschichten, von denen bis auf eine Ausnahme (Grenzübertritt: zwar auch der selbe Aufbau der Geschichte, aber die Akteure sind zumindest mal gestandene Erwachsene) alle nach mehr oder weniger dem selben Schema aufgebaut sind, das ist letztlich nicht sonderlich interessant. Wenn man dem Umschlagtext glauben darf, erfährt man durch diese Episoden, wie die Ossis tatsächlich liebten. Nun ja, möglicherweise natürlicher als anderswo, aber so richtig doll war das auch nicht, auf der emotionalen Ebene, meine ich…

So war letztendlich für mich die Schilderung der Alltagsszenen aus der DDR (das Setting der Episoden) interessanter als die doch sehr vorhersehbaren erotischen Abschnitte der Geschichten.

Bernd Kulik
Spur der Liebe
Erotische Geschichten aus der DDR
diese Ausgabe: Softcover, AC Distribution & Marketing, Berlin, ca. 256 S., 2011

…. und Liebe ist Liebe.

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Ulrike Voss ist Autorin aus der Nähe von Frankfurt, ihr Thema sind lesbisch-erotische Geschichten. So auch dieser Roman Rebeccas Küsse, der mit der Ich-Erzählerin Julia eine junge Frau als Protagonisten hat, die in einer festen Beziehung mit Gudrun lebt. Die beiden Frauen wohnen und arbeiten zusammen: sie betreiben eine Event-Agentur in Berlin. Das ist viel Arbeit und wie im richtigen Leben so leidet auch im Roman die erotische, prickelnde Seite der Beziehung unter der Belastung des Alltags und der Tatsache, daß es prinzipiell schwer ist, das Feuer über lange Zeit am Lodern zu halten: oft, meist, fast immer fällt die Flamme zur Glut zusammen, die sorgsam gepflegt werden muss. So auch bei Julia und Gudrun, wobei hier selbst die Pflege schon schwierig geworden zu sein scheint: Ein Vierteljahr ohne Sex, das konnte doch nicht wahr sein!

Hab gerade Ihre Nippel unter dem Hemd bewundert! Es herrscht nicht gerade eine harmonischer Stimmung zwischen den beiden, als Julia am Abend diese Nachricht auf ihrem Facebook-Account findet. Liegt es an dieser Mißstimmung, daß sie sie nicht einfach wegklickt, sondern reagiert? Von welchen Bildern sprechen Sie? Zwei Gefühle streiten in ihr: das der sexuellen Unterversorgung und die blitzartig auftauchende Gewissheit, mit dieser Frau im Bett zu landen sowie das Wissen darum, diesen beginnenden Kontakt besser abzubrechen.

Nein, sie bricht ihn nicht ab, vor Gudrun verheimlicht chattet sie mit Rebecca, so nennt sich die Unbekannte, von der sie fast nichts weiß. Manchmal macht sie den Rechner aus, es gibt Pausen, aber immer wieder kommt es zu Kontakten. Rebecca kann auch über Literatur reden, kennt sich in Lyrik aus, aber…. Julia fängt an, ihr Leben zu überdenken, die Beziehung zu Gudrun, sie erinnert sich an Liebeleien von beiden Seiten, die selten und kurz nur nebenher liefen…. Sie liebt Gudrun, natürlich….

Im Sommer fährt Julia in ein Ferienhäuschen auf Gran Canaria, sie fährt alleine, Gudrun will im Herbst endlich in den Norden, nach Skandinavien fahren und hat ihre Reise schon gebucht… Schrei, bitte schrei, lass es dir kommen! Allein, unter dem sternenbedeckten Himmel, ein wenig Wein – die Chats mit Rebecca werden heiß, die beiden reden nicht mehr um den heißen Brei herum, was sie sich schreiben ist klar und eindeutig und hart und heiß und nass. Dirty Talking. Und es ist gut, daß sie ihre Musikanlage so laut gestellt hat, denn ja, Julia schreit und schreit und wälzt sich während sie schier ausläuft… Rebeccas Sätze und ich auf dem Liegestuhl neben der lauten tobenden Palme, mit geöffneten Beinen…

Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich?

Sie vertraut sich einer Freundin an, die nach zwei Wochen kommt und ebenfalls in dem Häuschen wohnt. Bis jetzt sei es ja eigentlich nur Selbstbefriedigung, so Claudia, aber sie solle vorsichtig sein, hinter dem Namen Rebecca könne sich jeder verbergen, auch ein Mann, der sich nur aufgeilen will… Oder hast du dich verliebt?  Hatte sie sich verliebt?

 Wieder zurück in Berlin genießt Julia einerseits die vertraute Nähe zu Gudrun, vermisst aber schmerzlich den Sex, zumal Gudrun ihr in ihrer Abwesenheit ein eigenes Bett in ihr Zimmer gestellt hat, damit sie beide ungestört schlafen können…

Der große, entscheidende Entschluß: Julia und Rebecca verabreden sich zu einem realen Treffen in Frankfurt, lernen sich kennen. Es ist für Julia nicht so, wie sie sich das ausgemalt hatte, Rebecca sieht so ganz anders aus wie in der Phantasie ausgemalt, groß und muskulös. Eine fremde Frau .. in einem schäbigen Zimmer mit häßlich grün-braunem Teppichboden und grünlich gelben Wänden auf einem weiß bezogenen Bett… der Sex ist nicht wild, eher verhalten, sie haben nicht viel Zeit und Julia ist befangen.

Aber sie treffen sich noch einmal und noch einmal und als Rebecca in Frankfurt die Wohnung einer Freundin nutzen kann, wird aus den gelegentlichen Treffen etwas Regelmäßiges. Gudrun gegenüber versinkt Julia immer mehr in Lügen, sie schiebt ihre Mutter vor, die krank sei und besucht werden müsse…. in Frankfurt mit Rebecca entwickelt sich still und unaufhaltsam eine Beziehung, mal rutscht das Wort ‚meine Freundin‘ aus Julia heraus, auch das Wort ‚Liebe‘ steht deutlich am Horizont…..

Das eine bekommen und das andere behalten. Kann man eine Nebenbeziehung, eine zweite Liebe führen neben der ersten? Die Wärme Gudruns, die Vertrautheit, die bekannte Nähe – Julia möchte das alles nicht verlieren, aber genauso wenig möchte sie Rebecca verlieren mit ihren Küssen… Um ihre Beziehung mit Gudrun aufzufrischen, fahren die beiden ein paar Tage nach Lanzarote, ins ‚Yaiza Princess‘ (eine gute Wahl, ich kenne das Hotel…), besuchen La Graciosa, die Sandinsel im Norden von Lanzarote. Sie urlauben auch in der Nähe, treffen sich mit Freundinnen, mit denen sie was unternehmen.

Wir müssen reden.

So wird Julia nach der Rückkehr von einem der Treffen mit Rebecca von Gudrun empfangen. Wir müssen reden.


Ein Thema, so alt wie die Liebe selbst. Es ist völlig unabhängig davon, wie man sexuell orientiert ist, niemand ist davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der einen im Innersten anrührt, man nennt das wohl Liebe. Das kann schon an sich kompliziert sein, noch komplizierter wird es natürlich dann, wenn man – wie es die Konstellation im Roman von Voss ist – schon fest liiert ist, halbwegs glücklich und zufrieden ist, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hin und wieder knirscht, so wie zwischen Julia und Gudrun. Trotzdem möchte man den anderen nicht missen, die Liebe zum Partner hört nicht automatisch auf, nur weil man sich in einen weiteren Menschen verliebt, das Gewohnte gibt auch Sicherheit, die man schätzt.

Das ist die uralte Frage: kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und kann man diese Beziehungen so gestalten, daß alle drei glücklich werden dabei? Sicherlich fängt die Zweitbeziehung erst einmal heimlich an, wird durch Lügen kaschiert so wie im Roman bei Julia. Dabei weiß sie, daß dies kein Dauerzustand sein kann…. aber der Mut zur Wahrheit, er ist schwer zu finden, zu groß auch die Angst vor einem Bruch….

Voss findet in ihrem Roman einen Ausweg aus dieser schwierigen Situation, ein Ausweg, der alle glücklich werden läßt (als Leser ahnt man schon vorher, in welche Richtung Voss ihre Geschichte auflösen will) und damit ein bischen arg zuckersüß erscheint. Ob sich solche Geschichten im ‚richtigen Leben‘ nicht doch anders abspielen? Aber gut, es ist nicht das richtige Leben, es ist ein Roman und da hat die Autorin für ihre Geschichte eben ein befriedigendes Ende gewählt, es ist ihr gutes Recht.


Was früher der Briefroman war, dann vor ein paar Jahren heutzutage schon fast rührend nostalgisch anmutend mit Glattauer (und anderen) zum erfolgreichen Mailroman wurde, ist im ersten Teil bei Voss eine Art Chat-Roman – zumindest passagenweise. Was mit Brief und Mail funktioniert, funktioniert auch im Chat: zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die noch nicht einmal wissen, wer der/die andere ist und ob er/sie nicht sogar fakt, entwickeln sich starke Gefühle. Es ist mehr als betreutes Masturbieren, die Emotionen sind real, besetzen die Fantasie und können zur Obession ausarten. Voss läßt ihre Protagonisten genau diesen Weg gehen: Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich? 

Der/Die im Grunde unbekannte Gegenüber wird zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse, da kein Bild existiert, mache man sich ein Bild, setzt es wahrscheinlich unbewusst aus Versatzstücken der eigenen Idealvorstellung zusammen. Vielleicht fällt es deswegen ab einem bestimmten Punkt so leicht, alle Hemmungen beseite zu schieben, denn gegenüber sitzt ja schließlich mein idealer Partner, vor dem ich keinerlei Scheu zu haben brauche. Da dies auch in der anderen Richtung funktioniert, schaukelt sich die virtuelle Beziehung schnell und leicht auf: aus Dirty Talking wird Very Dirty Talking. Ich bin nass. – Dann rein mit der Hand ins Nasse.


Der Lackmus-Test für eine solche virtuelle Beziehung ist die Realität, die nicht selten ein Schock ist. Voss arbeitet dies schön heraus. Was haben die heißen kanarischen Nächte voller Palmenrauschen unter klarem Sternenhimmel zu tun mit dieser fremden Frau, die groß und muskulös im Türrahmen des schäbigen Zimmers steht, dessen Interieur farblich sehr an Mageninhalt erinnert? Vorbei ist es mit der Hemmungslosigkeit, Befangenheit und Zurückhaltung dominieren, auch wenn Voss ihrer Julia einen immerhin leisen Höhepunkt gönnt. Aber wie auch immer, bei beiden verfliegt der Zauber nicht völlig, stellt sich, wie ich vorstehend angedeutet habe, wieder ein..


Voss ist mit Rebeccas Küsse ein frischer, unterhaltsamer, auch anregender Roman gelungen. Ein Roman, der seine nachdenklichen Passagen hat, der Zwiespalt, in dem die Autorin ihren Protagonisten schickt und der sie immer stärker in eine Geflecht aus Lügen und Ausreden einbindet, zwingt diese dazu, ihr Leben zu überdenken. Die Handlung ist in der Jetzt-Zeit angesiedelt und nah am Leben geschildert, junge Frauen (aber nicht nur diese!) in ähnlicher Lage können sich in Julia und ihrer Situation durchaus wiederfinden – unabhängig von der sexuellen Orientierung (Liebe ist schließlich Liebe). Wer sich schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Julia befunden hat, wird sich in deren aufgewühlter Gefühlslage gut einfühlen können.

Die erotischen Szenen, die Voss anfänglich als Chat beschreibt, kann man nicht als raffiniert bezeichnen, sie kommen schnell zur Sache und benennen sie mit klaren Begriffen und Aufforderungen. Aber ok, auch ein Quickie hat schließlich seinen Reiz. Im zweiten Teil des Romans ändert sich die Art der Beschreibung und wendet sich vom Dirty Talking ab zugunsten einer subtileren Darstellung der erotischen Szenen, die aber keineswegs als Selbstzweck fungieren, die sich im Gegenteil harmonisch in den Zusammenhang der Handlung einpassen. Das zuckersüße Ende, das einer eher unwahrscheinlichen Auflösung der verzwickten Situation zwischen den Frauen entspricht, hat mich persönlich ein wenig gestört, es sieht mir ein wenig arg nach Wunschdenken aus… was mich aber nicht daran hindert, Rebeccas Küsse insgesamt als gelungenen Roman zu beschreiben, der gerade auch unter dem Aspekt des Erotischen aus dem, was der Buchmarkt auf diesem Sektor heute vorwiegend bietet, deutlich herausragt. Einen Dank auch an Claudia Gehrke, die mit ihrem konkursbuch Verlag immer wieder solche literarische Erotik anbietet.

Ulrike Voss
Rebeccas Küsse
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, Softcover, ca. 310 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Besprechungen vom mir über erotische Literatur sind über diesen Link zugänglich:
https://erotischebuecher.wordpress.com/autorenverzeichnis/

baker

Es ist, liest man hin und wieder ein Werk aus diesem Genre, offensichtlich schwer, über Erotik zu schreiben, über Sex oder auch nur Pornographisches. Wobei bei letzterem ja fast schon zur Definition gehört, daß es intellektuell anspruchslos zu sein hat und nur die entsprechenden Körperfunktionen aktivieren soll, indem die dazu gehörigen Schalter im Kopf umgelegt werden (Aber immerhin läßt sich über den „schlechten Sex“, den die Literatur zu bieten hat, trefflich lästern, Moritz hat es mit großen (zumindest hinsichtlich des Umsatzes) Erfolg vorgeführt [1]. Ist es möglicherweise sogar als gutes Zeichen zu werten, daß Baker in diesem ‚Buch der Verrisse‘ nicht erwähnt wird?)

Nicholson Baker jedenfalls hat keine Berührungsängste, wenn es um Literatur und Erotik geht und er scheut auch nicht, wenn es handfester wird und der schillernde, den moralischen Weltuntergang signalisierende Begriff ‚Pornografie‘ am Horizont erscheint. Denn Baker ist kein ganz Unbekannter im Genre, mit Vox und Die Fermate hat er in den letzten Jahren zumindest zwei erotische Romane veröffentlicht, die einiges an Lob einheimsten. Nun also das Haus der Löcher (HdL). ein doppeldeutiger Titel, der recht eindeutig auf das hinweist, was zu erwarten ist – eine Erwartung, die erfüllt wird, aber auf eine derartige Art und Weise, die dann doch verblüfft.

Das Haus der Löcher ist eine wilde Mischung aus erotischem (Episoden)Roman und Fantasy. Der Hinweis auf Alice im Wunderland ist naheliegend, denn so wie Alice seinerzeit nicht einfach ’so‘ ins Wunderland gelangte, sondern erst dem weißen Kaninchen in seinem Bau folgen musste, sind die Wege ins Sex-Ressort gleichfalls fantastisch: es sind Wege der Löcher: man/frau muss im Waschsalon in den vierten Trockner von links im Waschsalon Ecke 18th Street und Grover Avenue steigen, werden durch einen Strohhalm gesogen oder reisen durch die Öffnung, die Zeigefinger und Daumen bilden…. Endpunkt der wunderlichen Reise ist jenes Haus der Löcher, küstennah, sonnenbeschienen, luxuriös, mit angeschlossenem Vergnügungspark, wo es aber auch passieren kann, daß die Ankömmlingin sich miniaturisiert durch eine Harnröhre in die Freiheit arbeiten muss….

Im Ressort eingetroffen es meist Lila, die Chefin, die die Reisenden in Empfang nimmt, ihre Wünsche und Fantasien erfragt, ausgesuchte Männer (die ‚tipptoppsten‘) zur Waschung ihres kleinen (oder auch größeren) Prinzen schickt (wobei es den ‚Peniswäscherinnen‘ bei Strafe verboten ist, eine ganz bestimmte Grenze beim Waschen zu überschreiten, auch wenn den Männer noch so sehr danach dürstet), Lila ist es auch, die das Finanzielle regelt. Es ist nicht billig…. aber mit etwas Glück kann man bei mangelnder Finanzkraft die Kosten abarbeiten…. und das Reglement ist streng im Haus der Löcher, keineswegs sind Zucht und Ordnung außer Kraft gesetzt. Vieles ist mit Strafen und Sanktionen belegt, keineswegs kann jede/r zu beliebiger Zeit auftauchenden Lüsten nachgehen, aber gar zu oft ist die Versuchung größer als die Scheu vor der Strafe – man kennt das ja auch aus dem richtigen Leben…..

Was bei der Addam´s Family das ‚Eiskalte Händchen‘ ist hier Daves Arm, der die tragende, besser gesagt: massierende und stimulierende Rolle in der einleitenden Episode spielt. Daves Arm: ein selbstständig agierendes, sprechendes, intelligentes Wesen (das mit Fischpaste zu Füttern ist), welches Shandee, die ihn findet, sehr gefühlvoll als Vibratorersatz dient. Dave, der ursprüngliche Träger des Arms, bekam im HdL von Lila ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wären Sie bereit, für einen größeren Penis ihren rechten Arm zu geben? .. vorübergehend.. nur so lange, bis jemand ihn findet, ihn zurück bringt und wieder an ihm befestigt…. Ein Angebot, das Dave nicht ablehnen konnte….

Ähnlich fantastisch geht es weiter im Text. Die Künstlerin Koizumi beispielsweise fertigt Skulpturen, die auch im Gesäßbereich anatomisch korrekt sind und es Marcella ermöglichen, auf schon geschildertem Weg über das dort beheimatete Loch den Zugang zum Ressort zu finden, wo dann passenderweise diese Körperregion auch gleich in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird… Reese dagegen sucht einfach einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste und wird dafür ins ‚Kopflosenzimmer‘ geschickt. Hier denken die Männer nur noch mit dem, was sie haben, nämlich Rückgrat und Genitalien …. der Arsch wird neuronaler Stellvertreter…. Ned ist der arme, beim HdL hoch verschuldete Kerl, an dem Baker uns vorführt, auf welche Art und Weise aufgehäufte Schulden abgetragen werden können…

Da gibt es ‚Pornosaugschiffe‘, die die aufgesaugten Filme in einem Tümpel ablassen, in dem sich daraus ein Monster materialisiert hat, ein Amalgam aus Körperteilen… es dürften hundert Penisse gewesen sein – manche blassrosa, manche kaffeeefarben -, dann Brüste und Augen und Klits …. aber kein Kopf – naturellement. Rhumpa ist die Glückliche, die das Monster mittels eines gigantischen Gangbang mit nur einer Person zähmt…

Handjob-Festivals werden ausgetragen, es gibt ‚Penisbäume‘ genauso wie ‚Penissäle‘, ‚Sex-jetzt-Tasten‘ auf der Fernbedienung im Hotelzimmer, im ‚Weißen See‘ kann muschigeboardet werden und im ‚Pornodekaeder‘, einem zwölfseitigem Projektionskino kann die vorher zusammengestellte Playlist abgearbeitet werden….  Voyeure kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Liebhaber des Dirty Talks, das ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ vermag aus üblichen Sperma Heilsperma zu machen, das die Kraft hat, menschliche Gließmaßen oder Köpfe wieder anzubringen – nicht überflüssig, wie wir gesehen haben. Mittels besonderer Medien haben Männer und Frauen die Möglichkeit, ihre Geschlechtsteile zu transferieren, was die seltene Gelegenheit ergibt, daß Männer  (nunmehr Träger einer Vagina) mit ihrem eigenen Geschlecht penetriert werden können… genug der Beispiele….

Natürlich, Baker ist fantasievoll genug, sich im Vokabular nicht auf die medizinische Fachterminologie zu beschränken. Wollte ich all die verwendeten Ausdrücke für die im Mittelpunkt der Ausführungen stehenden Körperteile auflisten – es wäre eine lange Liste (an dieser Stelle ist es wohl angebracht, auch der Übersetzerin Anerkennung für ihre Mühe, das alles ins Deutsche zu transferieren, auszusprechen).

Es gibt Regeln im HdL, aber keine Grenzen, weder was die geheimen Wünsche der Besucher/-innen angeht noch was deren Umsetzung betrifft. Baker kehrt das Innere nach außen, der aufgeregte Gedanke, die exotische Fantasievorstellung, die dem/der einen oder anderen möglicherweise durch den Kopf gehen mag – hier formuliert Baker sie aus, setzt sie grenzenlos in die Tat um. Mann wünscht sich ein größeres Gerät? Es hat seinen Preis – aber es ist möglich; Frau will endlich einmal die selbstauferlegte verbale oder auch rektale Zurückhaltung aufgeben: Voilá – nur zu! Für jede/n gibt es hier das Passende – aber nicht umsonst.

Es ist eine eindimensionale Utopie, die Baker beschreibt. Kaum eine der Figuren hat ausser ihren Sexvorstellungen weitere Eigenschaften, mit der Ankunft im HdL sind solche der Erwähnung nicht mehr wert. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger und es herrscht Gleichberechtigung an diesem Fantasieort, männliche und weibliche Bedürfnisse werden in gleicher Weise befriedigt, auch wenn die Männer finanziell stärker belastet werden. Es wäre interessant, ein HdL (vielleicht als ‚Heim der Ständer‘) aus weiblicher Sicht geschildert zu bekommen, denn daran kommt man natürlich nicht vorbei: Baker kann als Mann, was seine Frauenfiguren angeht, nur in Szene setzen, was er glaubt, es würde ihren potentiellen Wünschen entsprechen.

Wer will, mag Ironie erkennen im Werk: das erwähnte ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ als Persiflage auf oft obskure Heilmittel, denen Wunderdinge nachgesagt werden, das Pornomonster als Sexanalogon auf die Inflation diverser Aliens, die die Erde heimsuchen…. auch korrespondiert das Haus der Löcher gut mit dem Garten der Lüste, des vor einen halben Jahrtausend verstorbenen Hieronymus Bosch (rein architektonisch ergänzen sie sich sogar), auch wenn natürlich Bakers Text eindimensionaler, weniger subtil und einfacher deutbar ist als dieses Meisterwerk des Niederländers.

Das Haus der Löcher polarisiert sicherlich weniger als daß es erregt – auch wenn es solche Momente durchaus bereit hält. Vielleicht stößt es den Leser, die Leserin sogar ab, nicht jede wird sich mit der Vorstellung anfreunden können, mit Dekapitierten zu kopulieren oder eine Klitdiebin in die Hände zu laufen. Möglicherweise ist das Haus der Löcher aber auch ein Blick in die Untiefen der Begierden, die einen Menschen, egal welchen Geschlechts, heimsuchen können und die wir normalerweise nicht zulassen. Und wie jeder Blick in diese Untiefen bietet auch dieser nicht nur Schönheit und Anmut.

Wer also einen leichten oder lockeren Sexroman erwartet, wird von Bakers Fantasie enttäuscht sein, denn das bekommt er nicht. Wer Ungewöhnliches mag, nun, dem könnte das Buch zusagen, sicher ist aber auch das nicht. Denn das Haus der Löcher ist, um mit Monty Python zu sprechen: Something completely different. Ach ja, bevor ich es vergesse: die Umsetzung seiner Idee ist Baker, schließlich ist es ein arrivierter Autor, literarisch natürlich um Klassen besser gelungen als dem inflationären Gros an Möchtegernsexautoren/-innen, die im Moment dank Selfpublishing in den Markt drängen…. daran hängt Gefallen oder Nicht-Gefallen also nicht….

Nicholson Baker
Haus der Löcher
Übersetzt aus dem Englischen von Elke Schönfeld
Originalausgabe: House of Holes, NY, 2001
diese Ausgabe: rororo TB, ca. 315 S., 2003

narr cover

Anläßlich des fünfzigsten Todestages des japanischen Autoren Jun’ichiro Tanizaki hat der Manesse-Verlag seinen letzten Roman neu herausgegeben und gegenüber der deutschen Erstausgabe um ein Nachwort von Eduard Klopfenstein bereichert. Auf dieses Nachwort muss ich jedoch leider verzichten, steht in meinem Regal doch die Erstausgabe aus dem Rowohlt-Verlag aus dem Jahr 1966. Aach net schlecht.

Jun’ichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und starb 1965, im Alter von 79 Jahren als einer der wichtigen Autoren Japans [1]. In Japan wurde dieser Roman drei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht, nämlich 1962, die Handlung des Buches ist auf das 35./36. Jahr Showa datiert, das entspricht dem Jahr 1960/1. Zu seiner Zeit war das Tagebuch eines alten Narren also ein hochaktuelles Buch, in dem immer wieder die gesellschaftliche Situation Japans ihren Niederschlag fand. So werden beispielsweise Studentenunruhen erwähnt oder auch der Zusammenprall westlicher und östlicher Kultur bei Fragen der Kleidung oder der (Innen)architektur: das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt erst fünfzehn Jahre zurück und das „traditionelle“ Japan befindet in einer permanenten Auseinandersetzung mit westlichen Einflüssen. Die vom Autor (selten verwendete) Zeitangabe nach alter japanischer Zählung ist ein weiteres Indiz für diesen Konflikt, die angeführte „Showa“-Zeit beginnt nach westlicher Zählung im Jahr 1925.

Zeitangabe.. damit kommen wir zum Charakter des Buches. Es ist ein Tagebuch, das am 16. Juni (1960) mit der Beschreibung eines typisch japanischen Ereignisses einsetzt: der Schilderung des Besuchs eines traditionellen japanischen Theaterstücks durch den Tagebuchschreibers mit seiner Frau und der Schwiegertochter. Schreiber ist der siebenundsiebzigjährige Utsugi Tokusuke, ein gutsituierter Familienpatriarch. Er wohnt mit seiner Frau in einem schönen Haus in Tokio, in dem auch sein verheirateter Sohn Jokichi mit seiner Frau Satsuko lebt.

Sein Leben wird von zwei Sachen beherrscht wird: die gesundheitlichen Probleme, die sich nach einem leichten Schlaganfall bei ihm eingestellt haben und die sich infolge der zunehmenden, auch altersbedingten Hinfälligkeit seines Körpers häufenden Gedanken an das Sterben und an den Tod. Eine dritte Obsession gesellt sich zu diesen zweien hinzu. Das erste Mal begegnen wir ihr in der Eingangssentenz des Buches, in der der Tagebuchschreiber sich erotische Gefühle den Darstellern (im traditionellen japanischen Theater werden auch die Frauenrollen durch Männer dargestellt) des Theaterstücks gegenüber eingesteht, gerade weil es Männer sind, die sich als Frauen kostümiert sind. Auch erinnert er eines lange zurück liegenden erotischen Abenteuers, das er mit einem als Frau gekleideten Schauspieler hatte.

So häßlich der alte, von Impotenz geschlagene Mann ist – er mag sich selbst in Spiegel kaum ansehen mit seinem faltigen Gesicht, seinem eingefallenen zahnlosen Mund und der herunterhängendenn Nase –  so schön ist im Gegensatz zu ihm seine Schwiegertochter Satsuko. Auf sie fixiert er sich in seinen Vorstellungen und Satsuko, die als frühere Revuetänzerin einen schweren Stand in der Familie hat,  scheint dies zu ahnen…. sie bemerkt ihm gegenüber eines Tages, daß sie die Dusche nie abschließt, wenn sie sie benutzt…. nach Tagen des Grübelns, die er in seinen Aufzeichnungen schildert, interpretiert der Mann diese Bemerkung als Aufforderung….

So beginnt eine subtile Beziehung zwischen dem Alten und seiner Schwiegertochter, in der sich der Alte um so glücklicher fühlt, je mehr ihn die Frau erniedrigt. Anfänglich darf er nicht mehr küssen als ihren Fuss und das Bein bis zum Knie, das sie ihm unter dem Duschvorhang hinstreckt. Das Verbotene, Heimliche erregt ihn über alles Maßen, erhitzt ihn so sehr, daß ihn die Sorge befällt, er könne einen Hirnschlag erleiden oder sogar sterben. Trotzdem hörte er nicht auf, Satsukos Zehen zu küssen. Während es [ihn] durchfuhr: ‚Jetzt sterbe ich, jetzt!‘, küsste [er] sie immer weiter. Angst, Erregung, Lust wogten in [seiner] Brust.

Eines Tages aber schlägt sie ihm vor, gegen einen Wunsch, den er ihr erfüllen muss, dürfe er ’necking‘ und ‚petting‘ bei ihr machen. Zwar weiß er mit diesen neuen amerikanischen Begriffen erst einmal nichts anzufangen, aber natürlich willigt er freudig ein… Für den Diamanten, den sich Satsuko als Gegenleistung erbittet, muss der Mann das Geld verwenden, das er zum Umbau des Altersitzes vorgesehen hat. Aber wie glücklich schätzt er sich, so gequält zu werden, sogar Frau und Kinder würde [er] opfern, um ihre Liebe zu gewinnen! …. und um der erhofften Erniedrigung willen will er weiter auf ihre Wünsche eingehen… Als ich in Satsukos siegesstolzes Gesicht blickte, wandelte sich der Schmerz [den ihm seine kranke Hand bereitet] in ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wieviel schöner war es doch als wenn ich das Häuschen für mich und Obaasan gebaut hätte!

Außer dieser „Beziehung“ zu ihrem Schwiegervater hat Satsuko ein weiteres Verhältnis zu einem anderen Mann, der sie des öfteren besucht. Jokichi, ihr Mann, scheint von diesem Verhältnis zu wissen und es zu tolerieren.

Da es dem Protagoisten immer schlechert geht, drängt sich ihm der Gedanke an den Tod, vor dem er vorgeblich keine Angst hat, immer mehr auf. So fährt er mit Sasake, seiner Pflegerin und Satsuko nach Kioto, sich dort eine Grabstelle auszusuchen. Für seinen Grabstein hat er eine ganz besondere Idee: er will von einem Steinmetz die Fußabdrücke Satsukos einziselieren lassen, auf daß diese noch im Tod seine Gebeine mit ihren Füßen tritt….. mit roter Tusche nimmt er aufwändig ihre Fussabdrücke ab, Satsuko fährt daraufhin in der Nacht unangekündigt zurück nach Tokio.

Nach dieser anstrengenden Reise und den Aufregungen erleidet Utsugi Tokusuke einen  Herzinfarkt, es geht ihm nicht gut, er liegt lange im Krankenhaus. Seine Eintragungen im Tagebuch hören am 18. November auf, das Buch Tanizakis endet mit Auszügen aus der Krankenakte und einem Eintrag der in Kioto wohnenden Tochter, die ein schlechtes Verhältnis zum Vater hat. Sie beschreibt den Zustand ihres Vaters und das Bemühen der Familie, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Hierbei spielt Satsuko eine große Rolle, ihre Nähe beruhigt den alten Mann, kann ihn aber auch aufregen… ‚prekär‘ nennt Shiroyama Itsuko dies.


Das Tagebuch eines alten Narren ist ein tiefer Einblick in eine andere Gesellschaft einerseits und in die Psyche eine alten Mannes andererseits. Gerade was letzteres betrifft muss man sich die Entstehungszeit des Romans vergegenwärtigen, erotische Gelüste und Sex im Alter, noch dazu solcher der Art, wie er angedeutet wird, waren damals ein Tabu, ein Thema, an das nicht gerührt wurde. Die Erstausgabe des Buches in Deutschland war entsprechend mit Warnhinweisen versehen….

Der Protagonist ist, frank und frei gesagt, unsympathisch, ein ‚Kotzbrocken‘ wie es in einer Rezension heißt [2]. Er ist egoistisch und egozentrisch, mag keine Kinder, auch seine eigenen nicht; den Neffen, der ihn, der krank im Bett liegt, weist er barsch ab. Auch mit seiner eigenen Frau verbindet ihn kaum mehr als die Vergangenheit. Rücksicht auf andere kennt er nicht, seine zunehmende erotische Fixierung auf Satsuko verheimlicht er mehr schlecht als recht, sie wird schnell zum offenen Geheimnis im Haus.

Interessant ist, wie die Familie damit umgeht: sie anerkennt seine Stellung als Patriarch und toleriert seine Fixierung auf die Schwiegertochter letztlich. Vorwürfe bezüglich des vielen Geldes, das er für seine „Geliebte“ ausgibt, sind verhalten, später, als Utsugi Tokusuke mit seinem Herzinfarkt darnieder liegt, schreibt eigene Tochter: Sowohl Vater wie Satsuko befinden sich in einer prekären Situation. …. Wir richten es heimlich so ein, daß Satsuko ihn nicht allzu liebevoll behandelt; aber dann und wann muss er sich natürlich sehen.

War Sex im Alter seinerzeit als solcher ein Tabuthema (und ist auch heute wohl noch kein Alltagsthema), so ist die Art der Erotik, die den alten Mann erregt, zusätzlich ’shocking‘. Auf die Füße fixiert, sich erniedrigen, um Gunstbeweise bitten und betteln müssen – das musste erst einmal verdaut werden. Die Wunder der Liebe, mit denen Oswald Kolle seinerzeit die „Normal“varianten (ehelicher) Erotik ins Kino brachte und damit Aufklärungsarbeit betrieb, waren ja erst gegen Ende der 60er Jahre zu bestaunen und die Aufforderung an die Kumpel, es jucken zu lassen, erfolgte noch ein paar Jahre später.  Über das Niveau dieser Filme jedenfalls reichen Tanizakis erotische Passagen weit, weit hinaus, in erotischer Hinsicht war der Ferne Osten uns zumindest damals weit voraus.

Eingebettet ist das Werk, ich schrieb es schon weiter oben, in den gesellschaftlichen Umbruch, im dem Japan anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriegsende steckte. Dieser ist schon in der Figur der Schwiegertochter angelegt, eine Revuetänzerin (oder einer Frau aus ähnlicher gesellschaftlicher Schicht) als Schwiegertochter wäre früher niemals in akzeptiert worden. Auch jetzt ist die Familie nicht glücklich mit dieser Wahl des Sohnes, sie hat sich aber damit arrangiert.

Der westlichen Einfluss wird immer größer: Mode, Kleidung, Parfüm – alles, was aus dem Westen kommt, wird begehrt. Er, der Patriarch, will (und hat) ein westliches Bad und eine westliche Toilette – obwohl die Fliesen glatt und rutschig sind und es schon zu Stürzen kam. Seine Frau dagegen besteht auf eine japanische Bad-/Toiletteneinrichtung. Nun, sie haben die finanziellen Möglichkeit, beides zu realisieren. Wenn er, so seine Überlegung, die Toilette für seine Frau ganz am anderen Ende des Hauses… dann wäre sie ihm aus den Füßen und er könnte viel unauffälliger…. so gehen seine Überlegungen.  Das ist aber nur ein Beispiel für den westlichen Einfluss, den der Autor vor allem in der Figur der Schwiegertochter mit ihrem Vorlieben für das Rauchen von Zigaretten, das Tragen von Kostümen, den Besuch von Boxkämpfen und westlichen Kinofilmen thematisiert.

Utsugi Tokusuke ist krank, nach einem früheren Schlaganfall blieben Folgeschäden zurück. Schmerzen in den Gliedmaßen, vor allem der Hand, ein unangenehmes Kältegefühl ebenso. Schriebe man alle Medikamente auf, mit denen der Alte sich selbst behandelt bzw. die er von seinen Ärzten bekommt, es gäbe eine lange, lange Liste. Es herrscht offensichtlich Freude am Prinzip „Versuch und Irrtum“, was die Wirkung von Arzneien angeht (die im übrigen auch zum großen Teil aus dem „Westen“ kommen). Jedenfalls versteht es der Autor, klar heraus zu arbeiten, daß der Vorgang des Alterns keineswegs die reine Freude ist: der Körper wird hinfällig, die Gelüste dagegen möglicherweise abseitig (man könnte natürlich auch feststellen, daß im Alter die Einsicht in die Notwendigkeit, seine Gelüste sozial zu kontrollieren, abnimmt.. was hat man schon noch zu verlieren?).

Das Tagebuch eines Narren ist eine interessante, zum Nachdenken anregende Lektüre, jedoch ohne eine einzige sympathische Figur. Will man es lesen, sollte man jedoch Interesse für die japanische Kultur mitbringen: die anfänglichen Eintragungen beispielsweise über die japanischen Theateraufführungen werden sonst leicht unverständlich, möglicherweise sogar langatmig. Andererseits können sie selbstverständlich auch ein Anreiz sein, sich mit diesem so unterschiedlichen Sujet näher zu befassen….. In der Übertragung ins Deutsche wahrt der Übersetzer [2] viel von der japanischen „Atmosphäre“, indem er eine Vielzahl typisch japanischer Ausdrücke, zum Beispiel ‚Ojiisan‘ (Großvater) oder Anreden wie ‚omae‘ bzw ‚kimi‘ beibehält, im angehängten Glossar werden sie erklärt. Daß das Werk auch unter „erotische Weltliteratur“ kategorisiert wird, sollte niemanden dazu verleiten, zu glauben, er bekäme einen heutzutage darunter üblicherweise zu erwartenden Text vor die Augen, zudem die Jahre das Beschriebene aus der Verborgenheit menschlicher Begierden hinauf geholt hat in eine (Fast)Normalität.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanizaki_Jun’ichirō
[2] auch für die Neuausgabe im Manesse-Verlag wird die anscheinend die ursprüngliche (?) Übersetzung von Oscar Benl verwendet

Jun’ichiro Tanizaki
Tagebuch eines alten Narren
Übersetzt aus dem Japanischen von Oscar Benl
Originalausgabe: 瘋癲老人日記 (Fūten Rōjin Nikki), Tokio 1962
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 236 S., 1966
(Neuauflage: Manesse-Verlag, 2015)

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