…. und Liebe ist Liebe.

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Ulrike Voss ist Autorin aus der Nähe von Frankfurt, ihr Thema sind lesbisch-erotische Geschichten. So auch dieser Roman Rebeccas Küsse, der mit der Ich-Erzählerin Julia eine junge Frau als Protagonisten hat, die in einer festen Beziehung mit Gudrun lebt. Die beiden Frauen wohnen und arbeiten zusammen: sie betreiben eine Event-Agentur in Berlin. Das ist viel Arbeit und wie im richtigen Leben so leidet auch im Roman die erotische, prickelnde Seite der Beziehung unter der Belastung des Alltags und der Tatsache, daß es prinzipiell schwer ist, das Feuer über lange Zeit am Lodern zu halten: oft, meist, fast immer fällt die Flamme zur Glut zusammen, die sorgsam gepflegt werden muss. So auch bei Julia und Gudrun, wobei hier selbst die Pflege schon schwierig geworden zu sein scheint: Ein Vierteljahr ohne Sex, das konnte doch nicht wahr sein!

Hab gerade Ihre Nippel unter dem Hemd bewundert! Es herrscht nicht gerade eine harmonischer Stimmung zwischen den beiden, als Julia am Abend diese Nachricht auf ihrem Facebook-Account findet. Liegt es an dieser Mißstimmung, daß sie sie nicht einfach wegklickt, sondern reagiert? Von welchen Bildern sprechen Sie? Zwei Gefühle streiten in ihr: das der sexuellen Unterversorgung und die blitzartig auftauchende Gewissheit, mit dieser Frau im Bett zu landen sowie das Wissen darum, diesen beginnenden Kontakt besser abzubrechen.

Nein, sie bricht ihn nicht ab, vor Gudrun verheimlicht chattet sie mit Rebecca, so nennt sich die Unbekannte, von der sie fast nichts weiß. Manchmal macht sie den Rechner aus, es gibt Pausen, aber immer wieder kommt es zu Kontakten. Rebecca kann auch über Literatur reden, kennt sich in Lyrik aus, aber…. Julia fängt an, ihr Leben zu überdenken, die Beziehung zu Gudrun, sie erinnert sich an Liebeleien von beiden Seiten, die selten und kurz nur nebenher liefen…. Sie liebt Gudrun, natürlich….

Im Sommer fährt Julia in ein Ferienhäuschen auf Gran Canaria, sie fährt alleine, Gudrun will im Herbst endlich in den Norden, nach Skandinavien fahren und hat ihre Reise schon gebucht… Schrei, bitte schrei, lass es dir kommen! Allein, unter dem sternenbedeckten Himmel, ein wenig Wein – die Chats mit Rebecca werden heiß, die beiden reden nicht mehr um den heißen Brei herum, was sie sich schreiben ist klar und eindeutig und hart und heiß und nass. Dirty Talking. Und es ist gut, daß sie ihre Musikanlage so laut gestellt hat, denn ja, Julia schreit und schreit und wälzt sich während sie schier ausläuft… Rebeccas Sätze und ich auf dem Liegestuhl neben der lauten tobenden Palme, mit geöffneten Beinen…

Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich?

Sie vertraut sich einer Freundin an, die nach zwei Wochen kommt und ebenfalls in dem Häuschen wohnt. Bis jetzt sei es ja eigentlich nur Selbstbefriedigung, so Claudia, aber sie solle vorsichtig sein, hinter dem Namen Rebecca könne sich jeder verbergen, auch ein Mann, der sich nur aufgeilen will… Oder hast du dich verliebt?  Hatte sie sich verliebt?

 Wieder zurück in Berlin genießt Julia einerseits die vertraute Nähe zu Gudrun, vermisst aber schmerzlich den Sex, zumal Gudrun ihr in ihrer Abwesenheit ein eigenes Bett in ihr Zimmer gestellt hat, damit sie beide ungestört schlafen können…

Der große, entscheidende Entschluß: Julia und Rebecca verabreden sich zu einem realen Treffen in Frankfurt, lernen sich kennen. Es ist für Julia nicht so, wie sie sich das ausgemalt hatte, Rebecca sieht so ganz anders aus wie in der Phantasie ausgemalt, groß und muskulös. Eine fremde Frau .. in einem schäbigen Zimmer mit häßlich grün-braunem Teppichboden und grünlich gelben Wänden auf einem weiß bezogenen Bett… der Sex ist nicht wild, eher verhalten, sie haben nicht viel Zeit und Julia ist befangen.

Aber sie treffen sich noch einmal und noch einmal und als Rebecca in Frankfurt die Wohnung einer Freundin nutzen kann, wird aus den gelegentlichen Treffen etwas Regelmäßiges. Gudrun gegenüber versinkt Julia immer mehr in Lügen, sie schiebt ihre Mutter vor, die krank sei und besucht werden müsse…. in Frankfurt mit Rebecca entwickelt sich still und unaufhaltsam eine Beziehung, mal rutscht das Wort ‚meine Freundin‘ aus Julia heraus, auch das Wort ‚Liebe‘ steht deutlich am Horizont…..

Das eine bekommen und das andere behalten. Kann man eine Nebenbeziehung, eine zweite Liebe führen neben der ersten? Die Wärme Gudruns, die Vertrautheit, die bekannte Nähe – Julia möchte das alles nicht verlieren, aber genauso wenig möchte sie Rebecca verlieren mit ihren Küssen… Um ihre Beziehung mit Gudrun aufzufrischen, fahren die beiden ein paar Tage nach Lanzarote, ins ‚Yaiza Princess‘ (eine gute Wahl, ich kenne das Hotel…), besuchen La Graciosa, die Sandinsel im Norden von Lanzarote. Sie urlauben auch in der Nähe, treffen sich mit Freundinnen, mit denen sie was unternehmen.

Wir müssen reden.

So wird Julia nach der Rückkehr von einem der Treffen mit Rebecca von Gudrun empfangen. Wir müssen reden.


Ein Thema, so alt wie die Liebe selbst. Es ist völlig unabhängig davon, wie man sexuell orientiert ist, niemand ist davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der einen im Innersten anrührt, man nennt das wohl Liebe. Das kann schon an sich kompliziert sein, noch komplizierter wird es natürlich dann, wenn man – wie es die Konstellation im Roman von Voss ist – schon fest liiert ist, halbwegs glücklich und zufrieden ist, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hin und wieder knirscht, so wie zwischen Julia und Gudrun. Trotzdem möchte man den anderen nicht missen, die Liebe zum Partner hört nicht automatisch auf, nur weil man sich in einen weiteren Menschen verliebt, das Gewohnte gibt auch Sicherheit, die man schätzt.

Das ist die uralte Frage: kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und kann man diese Beziehungen so gestalten, daß alle drei glücklich werden dabei? Sicherlich fängt die Zweitbeziehung erst einmal heimlich an, wird durch Lügen kaschiert so wie im Roman bei Julia. Dabei weiß sie, daß dies kein Dauerzustand sein kann…. aber der Mut zur Wahrheit, er ist schwer zu finden, zu groß auch die Angst vor einem Bruch….

Voss findet in ihrem Roman einen Ausweg aus dieser schwierigen Situation, ein Ausweg, der alle glücklich werden läßt (als Leser ahnt man schon vorher, in welche Richtung Voss ihre Geschichte auflösen will) und damit ein bischen arg zuckersüß erscheint. Ob sich solche Geschichten im ‚richtigen Leben‘ nicht doch anders abspielen? Aber gut, es ist nicht das richtige Leben, es ist ein Roman und da hat die Autorin für ihre Geschichte eben ein befriedigendes Ende gewählt, es ist ihr gutes Recht.


Was früher der Briefroman war, dann vor ein paar Jahren heutzutage schon fast rührend nostalgisch anmutend mit Glattauer (und anderen) zum erfolgreichen Mailroman wurde, ist im ersten Teil bei Voss eine Art Chat-Roman – zumindest passagenweise. Was mit Brief und Mail funktioniert, funktioniert auch im Chat: zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die noch nicht einmal wissen, wer der/die andere ist und ob er/sie nicht sogar fakt, entwickeln sich starke Gefühle. Es ist mehr als betreutes Masturbieren, die Emotionen sind real, besetzen die Fantasie und können zur Obession ausarten. Voss läßt ihre Protagonisten genau diesen Weg gehen: Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich? 

Der/Die im Grunde unbekannte Gegenüber wird zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse, da kein Bild existiert, mache man sich ein Bild, setzt es wahrscheinlich unbewusst aus Versatzstücken der eigenen Idealvorstellung zusammen. Vielleicht fällt es deswegen ab einem bestimmten Punkt so leicht, alle Hemmungen beseite zu schieben, denn gegenüber sitzt ja schließlich mein idealer Partner, vor dem ich keinerlei Scheu zu haben brauche. Da dies auch in der anderen Richtung funktioniert, schaukelt sich die virtuelle Beziehung schnell und leicht auf: aus Dirty Talking wird Very Dirty Talking. Ich bin nass. – Dann rein mit der Hand ins Nasse.


Der Lackmus-Test für eine solche virtuelle Beziehung ist die Realität, die nicht selten ein Schock ist. Voss arbeitet dies schön heraus. Was haben die heißen kanarischen Nächte voller Palmenrauschen unter klarem Sternenhimmel zu tun mit dieser fremden Frau, die groß und muskulös im Türrahmen des schäbigen Zimmers steht, dessen Interieur farblich sehr an Mageninhalt erinnert? Vorbei ist es mit der Hemmungslosigkeit, Befangenheit und Zurückhaltung dominieren, auch wenn Voss ihrer Julia einen immerhin leisen Höhepunkt gönnt. Aber wie auch immer, bei beiden verfliegt der Zauber nicht völlig, stellt sich, wie ich vorstehend angedeutet habe, wieder ein..


Voss ist mit Rebeccas Küsse ein frischer, unterhaltsamer, auch anregender Roman gelungen. Ein Roman, der seine nachdenklichen Passagen hat, der Zwiespalt, in dem die Autorin ihren Protagonisten schickt und der sie immer stärker in eine Geflecht aus Lügen und Ausreden einbindet, zwingt diese dazu, ihr Leben zu überdenken. Die Handlung ist in der Jetzt-Zeit angesiedelt und nah am Leben geschildert, junge Frauen (aber nicht nur diese!) in ähnlicher Lage können sich in Julia und ihrer Situation durchaus wiederfinden – unabhängig von der sexuellen Orientierung (Liebe ist schließlich Liebe). Wer sich schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Julia befunden hat, wird sich in deren aufgewühlter Gefühlslage gut einfühlen können.

Die erotischen Szenen, die Voss anfänglich als Chat beschreibt, kann man nicht als raffiniert bezeichnen, sie kommen schnell zur Sache und benennen sie mit klaren Begriffen und Aufforderungen. Aber ok, auch ein Quickie hat schließlich seinen Reiz. Im zweiten Teil des Romans ändert sich die Art der Beschreibung und wendet sich vom Dirty Talking ab zugunsten einer subtileren Darstellung der erotischen Szenen, die aber keineswegs als Selbstzweck fungieren, die sich im Gegenteil harmonisch in den Zusammenhang der Handlung einpassen. Das zuckersüße Ende, das einer eher unwahrscheinlichen Auflösung der verzwickten Situation zwischen den Frauen entspricht, hat mich persönlich ein wenig gestört, es sieht mir ein wenig arg nach Wunschdenken aus… was mich aber nicht daran hindert, Rebeccas Küsse insgesamt als gelungenen Roman zu beschreiben, der gerade auch unter dem Aspekt des Erotischen aus dem, was der Buchmarkt auf diesem Sektor heute vorwiegend bietet, deutlich herausragt. Einen Dank auch an Claudia Gehrke, die mit ihrem konkursbuch Verlag immer wieder solche literarische Erotik anbietet.

Ulrike Voss
Rebeccas Küsse
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, Softcover, ca. 310 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Besprechungen vom mir über erotische Literatur sind über diesen Link zugänglich:
https://erotischebuecher.wordpress.com/autorenverzeichnis/

baker

Es ist, liest man hin und wieder ein Werk aus diesem Genre, offensichtlich schwer, über Erotik zu schreiben, über Sex oder auch nur Pornographisches. Wobei bei letzterem ja fast schon zur Definition gehört, daß es intellektuell anspruchslos zu sein hat und nur die entsprechenden Körperfunktionen aktivieren soll, indem die dazu gehörigen Schalter im Kopf umgelegt werden (Aber immerhin läßt sich über den „schlechten Sex“, den die Literatur zu bieten hat, trefflich lästern, Moritz hat es mit großen (zumindest hinsichtlich des Umsatzes) Erfolg vorgeführt [1]. Ist es möglicherweise sogar als gutes Zeichen zu werten, daß Baker in diesem ‚Buch der Verrisse‘ nicht erwähnt wird?)

Nicholson Baker jedenfalls hat keine Berührungsängste, wenn es um Literatur und Erotik geht und er scheut auch nicht, wenn es handfester wird und der schillernde, den moralischen Weltuntergang signalisierende Begriff ‚Pornografie‘ am Horizont erscheint. Denn Baker ist kein ganz Unbekannter im Genre, mit Vox und Die Fermate hat er in den letzten Jahren zumindest zwei erotische Romane veröffentlicht, die einiges an Lob einheimsten. Nun also das Haus der Löcher (HdL). ein doppeldeutiger Titel, der recht eindeutig auf das hinweist, was zu erwarten ist – eine Erwartung, die erfüllt wird, aber auf eine derartige Art und Weise, die dann doch verblüfft.

Das Haus der Löcher ist eine wilde Mischung aus erotischem (Episoden)Roman und Fantasy. Der Hinweis auf Alice im Wunderland ist naheliegend, denn so wie Alice seinerzeit nicht einfach ’so‘ ins Wunderland gelangte, sondern erst dem weißen Kaninchen in seinem Bau folgen musste, sind die Wege ins Sex-Ressort gleichfalls fantastisch: es sind Wege der Löcher: man/frau muss im Waschsalon in den vierten Trockner von links im Waschsalon Ecke 18th Street und Grover Avenue steigen, werden durch einen Strohhalm gesogen oder reisen durch die Öffnung, die Zeigefinger und Daumen bilden…. Endpunkt der wunderlichen Reise ist jenes Haus der Löcher, küstennah, sonnenbeschienen, luxuriös, mit angeschlossenem Vergnügungspark, wo es aber auch passieren kann, daß die Ankömmlingin sich miniaturisiert durch eine Harnröhre in die Freiheit arbeiten muss….

Im Ressort eingetroffen es meist Lila, die Chefin, die die Reisenden in Empfang nimmt, ihre Wünsche und Fantasien erfragt, ausgesuchte Männer (die ‚tipptoppsten‘) zur Waschung ihres kleinen (oder auch größeren) Prinzen schickt (wobei es den ‚Peniswäscherinnen‘ bei Strafe verboten ist, eine ganz bestimmte Grenze beim Waschen zu überschreiten, auch wenn den Männer noch so sehr danach dürstet), Lila ist es auch, die das Finanzielle regelt. Es ist nicht billig…. aber mit etwas Glück kann man bei mangelnder Finanzkraft die Kosten abarbeiten…. und das Reglement ist streng im Haus der Löcher, keineswegs sind Zucht und Ordnung außer Kraft gesetzt. Vieles ist mit Strafen und Sanktionen belegt, keineswegs kann jede/r zu beliebiger Zeit auftauchenden Lüsten nachgehen, aber gar zu oft ist die Versuchung größer als die Scheu vor der Strafe – man kennt das ja auch aus dem richtigen Leben…..

Was bei der Addam´s Family das ‚Eiskalte Händchen‘ ist hier Daves Arm, der die tragende, besser gesagt: massierende und stimulierende Rolle in der einleitenden Episode spielt. Daves Arm: ein selbstständig agierendes, sprechendes, intelligentes Wesen (das mit Fischpaste zu Füttern ist), welches Shandee, die ihn findet, sehr gefühlvoll als Vibratorersatz dient. Dave, der ursprüngliche Träger des Arms, bekam im HdL von Lila ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wären Sie bereit, für einen größeren Penis ihren rechten Arm zu geben? .. vorübergehend.. nur so lange, bis jemand ihn findet, ihn zurück bringt und wieder an ihm befestigt…. Ein Angebot, das Dave nicht ablehnen konnte….

Ähnlich fantastisch geht es weiter im Text. Die Künstlerin Koizumi beispielsweise fertigt Skulpturen, die auch im Gesäßbereich anatomisch korrekt sind und es Marcella ermöglichen, auf schon geschildertem Weg über das dort beheimatete Loch den Zugang zum Ressort zu finden, wo dann passenderweise diese Körperregion auch gleich in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird… Reese dagegen sucht einfach einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste und wird dafür ins ‚Kopflosenzimmer‘ geschickt. Hier denken die Männer nur noch mit dem, was sie haben, nämlich Rückgrat und Genitalien …. der Arsch wird neuronaler Stellvertreter…. Ned ist der arme, beim HdL hoch verschuldete Kerl, an dem Baker uns vorführt, auf welche Art und Weise aufgehäufte Schulden abgetragen werden können…

Da gibt es ‚Pornosaugschiffe‘, die die aufgesaugten Filme in einem Tümpel ablassen, in dem sich daraus ein Monster materialisiert hat, ein Amalgam aus Körperteilen… es dürften hundert Penisse gewesen sein – manche blassrosa, manche kaffeeefarben -, dann Brüste und Augen und Klits …. aber kein Kopf – naturellement. Rhumpa ist die Glückliche, die das Monster mittels eines gigantischen Gangbang mit nur einer Person zähmt…

Handjob-Festivals werden ausgetragen, es gibt ‚Penisbäume‘ genauso wie ‚Penissäle‘, ‚Sex-jetzt-Tasten‘ auf der Fernbedienung im Hotelzimmer, im ‚Weißen See‘ kann muschigeboardet werden und im ‚Pornodekaeder‘, einem zwölfseitigem Projektionskino kann die vorher zusammengestellte Playlist abgearbeitet werden….  Voyeure kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Liebhaber des Dirty Talks, das ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ vermag aus üblichen Sperma Heilsperma zu machen, das die Kraft hat, menschliche Gließmaßen oder Köpfe wieder anzubringen – nicht überflüssig, wie wir gesehen haben. Mittels besonderer Medien haben Männer und Frauen die Möglichkeit, ihre Geschlechtsteile zu transferieren, was die seltene Gelegenheit ergibt, daß Männer  (nunmehr Träger einer Vagina) mit ihrem eigenen Geschlecht penetriert werden können… genug der Beispiele….

Natürlich, Baker ist fantasievoll genug, sich im Vokabular nicht auf die medizinische Fachterminologie zu beschränken. Wollte ich all die verwendeten Ausdrücke für die im Mittelpunkt der Ausführungen stehenden Körperteile auflisten – es wäre eine lange Liste (an dieser Stelle ist es wohl angebracht, auch der Übersetzerin Anerkennung für ihre Mühe, das alles ins Deutsche zu transferieren, auszusprechen).

Es gibt Regeln im HdL, aber keine Grenzen, weder was die geheimen Wünsche der Besucher/-innen angeht noch was deren Umsetzung betrifft. Baker kehrt das Innere nach außen, der aufgeregte Gedanke, die exotische Fantasievorstellung, die dem/der einen oder anderen möglicherweise durch den Kopf gehen mag – hier formuliert Baker sie aus, setzt sie grenzenlos in die Tat um. Mann wünscht sich ein größeres Gerät? Es hat seinen Preis – aber es ist möglich; Frau will endlich einmal die selbstauferlegte verbale oder auch rektale Zurückhaltung aufgeben: Voilá – nur zu! Für jede/n gibt es hier das Passende – aber nicht umsonst.

Es ist eine eindimensionale Utopie, die Baker beschreibt. Kaum eine der Figuren hat ausser ihren Sexvorstellungen weitere Eigenschaften, mit der Ankunft im HdL sind solche der Erwähnung nicht mehr wert. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger und es herrscht Gleichberechtigung an diesem Fantasieort, männliche und weibliche Bedürfnisse werden in gleicher Weise befriedigt, auch wenn die Männer finanziell stärker belastet werden. Es wäre interessant, ein HdL (vielleicht als ‚Heim der Ständer‘) aus weiblicher Sicht geschildert zu bekommen, denn daran kommt man natürlich nicht vorbei: Baker kann als Mann, was seine Frauenfiguren angeht, nur in Szene setzen, was er glaubt, es würde ihren potentiellen Wünschen entsprechen.

Wer will, mag Ironie erkennen im Werk: das erwähnte ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ als Persiflage auf oft obskure Heilmittel, denen Wunderdinge nachgesagt werden, das Pornomonster als Sexanalogon auf die Inflation diverser Aliens, die die Erde heimsuchen…. auch korrespondiert das Haus der Löcher gut mit dem Garten der Lüste, des vor einen halben Jahrtausend verstorbenen Hieronymus Bosch (rein architektonisch ergänzen sie sich sogar), auch wenn natürlich Bakers Text eindimensionaler, weniger subtil und einfacher deutbar ist als dieses Meisterwerk des Niederländers.

Das Haus der Löcher polarisiert sicherlich weniger als daß es erregt – auch wenn es solche Momente durchaus bereit hält. Vielleicht stößt es den Leser, die Leserin sogar ab, nicht jede wird sich mit der Vorstellung anfreunden können, mit Dekapitierten zu kopulieren oder eine Klitdiebin in die Hände zu laufen. Möglicherweise ist das Haus der Löcher aber auch ein Blick in die Untiefen der Begierden, die einen Menschen, egal welchen Geschlechts, heimsuchen können und die wir normalerweise nicht zulassen. Und wie jeder Blick in diese Untiefen bietet auch dieser nicht nur Schönheit und Anmut.

Wer also einen leichten oder lockeren Sexroman erwartet, wird von Bakers Fantasie enttäuscht sein, denn das bekommt er nicht. Wer Ungewöhnliches mag, nun, dem könnte das Buch zusagen, sicher ist aber auch das nicht. Denn das Haus der Löcher ist, um mit Monty Python zu sprechen: Something completely different. Ach ja, bevor ich es vergesse: die Umsetzung seiner Idee ist Baker, schließlich ist es ein arrivierter Autor, literarisch natürlich um Klassen besser gelungen als dem inflationären Gros an Möchtegernsexautoren/-innen, die im Moment dank Selfpublishing in den Markt drängen…. daran hängt Gefallen oder Nicht-Gefallen also nicht….

Nicholson Baker
Haus der Löcher
Übersetzt aus dem Englischen von Elke Schönfeld
Originalausgabe: House of Holes, NY, 2001
diese Ausgabe: rororo TB, ca. 315 S., 2003

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Anläßlich des fünfzigsten Todestages des japanischen Autoren Jun’ichiro Tanizaki hat der Manesse-Verlag seinen letzten Roman neu herausgegeben und gegenüber der deutschen Erstausgabe um ein Nachwort von Eduard Klopfenstein bereichert. Auf dieses Nachwort muss ich jedoch leider verzichten, steht in meinem Regal doch die Erstausgabe aus dem Rowohlt-Verlag aus dem Jahr 1966. Aach net schlecht.

Jun’ichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und starb 1965, im Alter von 79 Jahren als einer der wichtigen Autoren Japans [1]. In Japan wurde dieser Roman drei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht, nämlich 1962, die Handlung des Buches ist auf das 35./36. Jahr Showa datiert, das entspricht dem Jahr 1960/1. Zu seiner Zeit war das Tagebuch eines alten Narren also ein hochaktuelles Buch, in dem immer wieder die gesellschaftliche Situation Japans ihren Niederschlag fand. So werden beispielsweise Studentenunruhen erwähnt oder auch der Zusammenprall westlicher und östlicher Kultur bei Fragen der Kleidung oder der (Innen)architektur: das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt erst fünfzehn Jahre zurück und das „traditionelle“ Japan befindet in einer permanenten Auseinandersetzung mit westlichen Einflüssen. Die vom Autor (selten verwendete) Zeitangabe nach alter japanischer Zählung ist ein weiteres Indiz für diesen Konflikt, die angeführte „Showa“-Zeit beginnt nach westlicher Zählung im Jahr 1925.

Zeitangabe.. damit kommen wir zum Charakter des Buches. Es ist ein Tagebuch, das am 16. Juni (1960) mit der Beschreibung eines typisch japanischen Ereignisses einsetzt: der Schilderung des Besuchs eines traditionellen japanischen Theaterstücks durch den Tagebuchschreibers mit seiner Frau und der Schwiegertochter. Schreiber ist der siebenundsiebzigjährige Utsugi Tokusuke, ein gutsituierter Familienpatriarch. Er wohnt mit seiner Frau in einem schönen Haus in Tokio, in dem auch sein verheirateter Sohn Jokichi mit seiner Frau Satsuko lebt.

Sein Leben wird von zwei Sachen beherrscht wird: die gesundheitlichen Probleme, die sich nach einem leichten Schlaganfall bei ihm eingestellt haben und die sich infolge der zunehmenden, auch altersbedingten Hinfälligkeit seines Körpers häufenden Gedanken an das Sterben und an den Tod. Eine dritte Obsession gesellt sich zu diesen zweien hinzu. Das erste Mal begegnen wir ihr in der Eingangssentenz des Buches, in der der Tagebuchschreiber sich erotische Gefühle den Darstellern (im traditionellen japanischen Theater werden auch die Frauenrollen durch Männer dargestellt) des Theaterstücks gegenüber eingesteht, gerade weil es Männer sind, die sich als Frauen kostümiert sind. Auch erinnert er eines lange zurück liegenden erotischen Abenteuers, das er mit einem als Frau gekleideten Schauspieler hatte.

So häßlich der alte, von Impotenz geschlagene Mann ist – er mag sich selbst in Spiegel kaum ansehen mit seinem faltigen Gesicht, seinem eingefallenen zahnlosen Mund und der herunterhängendenn Nase –  so schön ist im Gegensatz zu ihm seine Schwiegertochter Satsuko. Auf sie fixiert er sich in seinen Vorstellungen und Satsuko, die als frühere Revuetänzerin einen schweren Stand in der Familie hat,  scheint dies zu ahnen…. sie bemerkt ihm gegenüber eines Tages, daß sie die Dusche nie abschließt, wenn sie sie benutzt…. nach Tagen des Grübelns, die er in seinen Aufzeichnungen schildert, interpretiert der Mann diese Bemerkung als Aufforderung….

So beginnt eine subtile Beziehung zwischen dem Alten und seiner Schwiegertochter, in der sich der Alte um so glücklicher fühlt, je mehr ihn die Frau erniedrigt. Anfänglich darf er nicht mehr küssen als ihren Fuss und das Bein bis zum Knie, das sie ihm unter dem Duschvorhang hinstreckt. Das Verbotene, Heimliche erregt ihn über alles Maßen, erhitzt ihn so sehr, daß ihn die Sorge befällt, er könne einen Hirnschlag erleiden oder sogar sterben. Trotzdem hörte er nicht auf, Satsukos Zehen zu küssen. Während es [ihn] durchfuhr: ‚Jetzt sterbe ich, jetzt!‘, küsste [er] sie immer weiter. Angst, Erregung, Lust wogten in [seiner] Brust.

Eines Tages aber schlägt sie ihm vor, gegen einen Wunsch, den er ihr erfüllen muss, dürfe er ’necking‘ und ‚petting‘ bei ihr machen. Zwar weiß er mit diesen neuen amerikanischen Begriffen erst einmal nichts anzufangen, aber natürlich willigt er freudig ein… Für den Diamanten, den sich Satsuko als Gegenleistung erbittet, muss der Mann das Geld verwenden, das er zum Umbau des Altersitzes vorgesehen hat. Aber wie glücklich schätzt er sich, so gequält zu werden, sogar Frau und Kinder würde [er] opfern, um ihre Liebe zu gewinnen! …. und um der erhofften Erniedrigung willen will er weiter auf ihre Wünsche eingehen… Als ich in Satsukos siegesstolzes Gesicht blickte, wandelte sich der Schmerz [den ihm seine kranke Hand bereitet] in ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wieviel schöner war es doch als wenn ich das Häuschen für mich und Obaasan gebaut hätte!

Außer dieser „Beziehung“ zu ihrem Schwiegervater hat Satsuko ein weiteres Verhältnis zu einem anderen Mann, der sie des öfteren besucht. Jokichi, ihr Mann, scheint von diesem Verhältnis zu wissen und es zu tolerieren.

Da es dem Protagoisten immer schlechert geht, drängt sich ihm der Gedanke an den Tod, vor dem er vorgeblich keine Angst hat, immer mehr auf. So fährt er mit Sasake, seiner Pflegerin und Satsuko nach Kioto, sich dort eine Grabstelle auszusuchen. Für seinen Grabstein hat er eine ganz besondere Idee: er will von einem Steinmetz die Fußabdrücke Satsukos einziselieren lassen, auf daß diese noch im Tod seine Gebeine mit ihren Füßen tritt….. mit roter Tusche nimmt er aufwändig ihre Fussabdrücke ab, Satsuko fährt daraufhin in der Nacht unangekündigt zurück nach Tokio.

Nach dieser anstrengenden Reise und den Aufregungen erleidet Utsugi Tokusuke einen  Herzinfarkt, es geht ihm nicht gut, er liegt lange im Krankenhaus. Seine Eintragungen im Tagebuch hören am 18. November auf, das Buch Tanizakis endet mit Auszügen aus der Krankenakte und einem Eintrag der in Kioto wohnenden Tochter, die ein schlechtes Verhältnis zum Vater hat. Sie beschreibt den Zustand ihres Vaters und das Bemühen der Familie, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Hierbei spielt Satsuko eine große Rolle, ihre Nähe beruhigt den alten Mann, kann ihn aber auch aufregen… ‚prekär‘ nennt Shiroyama Itsuko dies.


Das Tagebuch eines alten Narren ist ein tiefer Einblick in eine andere Gesellschaft einerseits und in die Psyche eine alten Mannes andererseits. Gerade was letzteres betrifft muss man sich die Entstehungszeit des Romans vergegenwärtigen, erotische Gelüste und Sex im Alter, noch dazu solcher der Art, wie er angedeutet wird, waren damals ein Tabu, ein Thema, an das nicht gerührt wurde. Die Erstausgabe des Buches in Deutschland war entsprechend mit Warnhinweisen versehen….

Der Protagonist ist, frank und frei gesagt, unsympathisch, ein ‚Kotzbrocken‘ wie es in einer Rezension heißt [2]. Er ist egoistisch und egozentrisch, mag keine Kinder, auch seine eigenen nicht; den Neffen, der ihn, der krank im Bett liegt, weist er barsch ab. Auch mit seiner eigenen Frau verbindet ihn kaum mehr als die Vergangenheit. Rücksicht auf andere kennt er nicht, seine zunehmende erotische Fixierung auf Satsuko verheimlicht er mehr schlecht als recht, sie wird schnell zum offenen Geheimnis im Haus.

Interessant ist, wie die Familie damit umgeht: sie anerkennt seine Stellung als Patriarch und toleriert seine Fixierung auf die Schwiegertochter letztlich. Vorwürfe bezüglich des vielen Geldes, das er für seine „Geliebte“ ausgibt, sind verhalten, später, als Utsugi Tokusuke mit seinem Herzinfarkt darnieder liegt, schreibt eigene Tochter: Sowohl Vater wie Satsuko befinden sich in einer prekären Situation. …. Wir richten es heimlich so ein, daß Satsuko ihn nicht allzu liebevoll behandelt; aber dann und wann muss er sich natürlich sehen.

War Sex im Alter seinerzeit als solcher ein Tabuthema (und ist auch heute wohl noch kein Alltagsthema), so ist die Art der Erotik, die den alten Mann erregt, zusätzlich ’shocking‘. Auf die Füße fixiert, sich erniedrigen, um Gunstbeweise bitten und betteln müssen – das musste erst einmal verdaut werden. Die Wunder der Liebe, mit denen Oswald Kolle seinerzeit die „Normal“varianten (ehelicher) Erotik ins Kino brachte und damit Aufklärungsarbeit betrieb, waren ja erst gegen Ende der 60er Jahre zu bestaunen und die Aufforderung an die Kumpel, es jucken zu lassen, erfolgte noch ein paar Jahre später.  Über das Niveau dieser Filme jedenfalls reichen Tanizakis erotische Passagen weit, weit hinaus, in erotischer Hinsicht war der Ferne Osten uns zumindest damals weit voraus.

Eingebettet ist das Werk, ich schrieb es schon weiter oben, in den gesellschaftlichen Umbruch, im dem Japan anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriegsende steckte. Dieser ist schon in der Figur der Schwiegertochter angelegt, eine Revuetänzerin (oder einer Frau aus ähnlicher gesellschaftlicher Schicht) als Schwiegertochter wäre früher niemals in akzeptiert worden. Auch jetzt ist die Familie nicht glücklich mit dieser Wahl des Sohnes, sie hat sich aber damit arrangiert.

Der westlichen Einfluss wird immer größer: Mode, Kleidung, Parfüm – alles, was aus dem Westen kommt, wird begehrt. Er, der Patriarch, will (und hat) ein westliches Bad und eine westliche Toilette – obwohl die Fliesen glatt und rutschig sind und es schon zu Stürzen kam. Seine Frau dagegen besteht auf eine japanische Bad-/Toiletteneinrichtung. Nun, sie haben die finanziellen Möglichkeit, beides zu realisieren. Wenn er, so seine Überlegung, die Toilette für seine Frau ganz am anderen Ende des Hauses… dann wäre sie ihm aus den Füßen und er könnte viel unauffälliger…. so gehen seine Überlegungen.  Das ist aber nur ein Beispiel für den westlichen Einfluss, den der Autor vor allem in der Figur der Schwiegertochter mit ihrem Vorlieben für das Rauchen von Zigaretten, das Tragen von Kostümen, den Besuch von Boxkämpfen und westlichen Kinofilmen thematisiert.

Utsugi Tokusuke ist krank, nach einem früheren Schlaganfall blieben Folgeschäden zurück. Schmerzen in den Gliedmaßen, vor allem der Hand, ein unangenehmes Kältegefühl ebenso. Schriebe man alle Medikamente auf, mit denen der Alte sich selbst behandelt bzw. die er von seinen Ärzten bekommt, es gäbe eine lange, lange Liste. Es herrscht offensichtlich Freude am Prinzip „Versuch und Irrtum“, was die Wirkung von Arzneien angeht (die im übrigen auch zum großen Teil aus dem „Westen“ kommen). Jedenfalls versteht es der Autor, klar heraus zu arbeiten, daß der Vorgang des Alterns keineswegs die reine Freude ist: der Körper wird hinfällig, die Gelüste dagegen möglicherweise abseitig (man könnte natürlich auch feststellen, daß im Alter die Einsicht in die Notwendigkeit, seine Gelüste sozial zu kontrollieren, abnimmt.. was hat man schon noch zu verlieren?).

Das Tagebuch eines Narren ist eine interessante, zum Nachdenken anregende Lektüre, jedoch ohne eine einzige sympathische Figur. Will man es lesen, sollte man jedoch Interesse für die japanische Kultur mitbringen: die anfänglichen Eintragungen beispielsweise über die japanischen Theateraufführungen werden sonst leicht unverständlich, möglicherweise sogar langatmig. Andererseits können sie selbstverständlich auch ein Anreiz sein, sich mit diesem so unterschiedlichen Sujet näher zu befassen….. In der Übertragung ins Deutsche wahrt der Übersetzer [2] viel von der japanischen „Atmosphäre“, indem er eine Vielzahl typisch japanischer Ausdrücke, zum Beispiel ‚Ojiisan‘ (Großvater) oder Anreden wie ‚omae‘ bzw ‚kimi‘ beibehält, im angehängten Glossar werden sie erklärt. Daß das Werk auch unter „erotische Weltliteratur“ kategorisiert wird, sollte niemanden dazu verleiten, zu glauben, er bekäme einen heutzutage darunter üblicherweise zu erwartenden Text vor die Augen, zudem die Jahre das Beschriebene aus der Verborgenheit menschlicher Begierden hinauf geholt hat in eine (Fast)Normalität.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanizaki_Jun’ichirō
[2] auch für die Neuausgabe im Manesse-Verlag wird die anscheinend die ursprüngliche (?) Übersetzung von Oscar Benl verwendet

Jun’ichiro Tanizaki
Tagebuch eines alten Narren
Übersetzt aus dem Japanischen von Oscar Benl
Originalausgabe: 瘋癲老人日記 (Fūten Rōjin Nikki), Tokio 1962
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 236 S., 1966
(Neuauflage: Manesse-Verlag, 2015)

Was dem Verfasser dieses Buches seine Hesse-Lektüre war, war mir, der ich – cum grano salis – in derselben Alterskohorte heimisch bin, mein Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (wobei ich seinerzeit eher auf meine Kosten gekommen sein dürfte als der junge Moritz mit Narziss und Goldmund, aber Jasmin war ja auch keine wirkliche Literatur…). Dann gab´s da noch Candy im Schrank der schon verehelichten Schwester, ein Titel der amerikanischen Autoren Southern/Hoffenberg [3], der für mein damals noch prägbar-jugendliches Gemüt recht Eindeutiges bot. Beides übrigens in aller Heimlichkeit, aber das versteht sich wohl von selbst – genauso wie die fast verzweifelte Suche nach weiteren Titeln dieser Art. Aber der Rest des Bücherschranks enthielt mehr Werke von Hamsun und ähnlichen, Autoren, auf die noch nicht einmal Moritz hier zurückkommt. Also völlig asexuelles offensichtlich….

moritz


Das Erotische, der Sex. Wohl unbestritten gehört er „dazu“, wir alle verdanken dem Sex unser Leben. Um so erstaunlicher eigentlich, wie – ich schwenke jetzt einfach mal rüber zum hiesigen Biotop der Buch- und Literaturblogs – rar gesät Mitteilungen aus dieser Welt hier zu finden sind. Kaum jemand scheint erotische Literatur zu lesen, Erotisches in Literatur für bemerkenswert zu halten. Blogger und Rezensenten, die sich dem Sujet annehmen, sind nicht nur im übertragenen Sinn, fast an den Fingern einer Hand abzuzählen. Gar nicht zu reden vom freimütigen Bekenntnis, an erotisch eindeutiger Literatur interessiert zu sein.

Der Autor dieser Zusammenstellung, Rainer Moritz, seines Zeichens Leiter des Literaturhauses in Hamburg, steht zu seinem Interesse und was er für sein Stellenbuch zusammengesucht hat, bestätigt dies. In insgesamt fünfzehn Abschnitten, die jeweils eigenen Schwerpunkten gewidmet sind, befasst er sich mit der literarischen Darstellung von Erotischem, beginnend mit den persönlichen Erstkontakten (der erwähnte Hesse…) bis hin zur Moderne, die mit den Feuchtgebieten und 50 Shades of Grey offensichtlich Massenkompatibles geschaffen hat.

Das Definitorische… auch Moritz versucht, seinen Untersuchungsgegenstand näher zu bestimmen, obschon nachher die sowieso fragwürdige und kaum eindeutig zu treffende Unterscheidung zwischen Erotik und Pornographie keine Rolle mehr spielen wird. Intuitiv „weiß“ man ja, was gemeint ist und was man erwartet, das weiß man noch besser (frei nach dem Motto: „Für ein paar Euro fünfzig kann ich schließlich erwarten, daß an meine niedersten Instinkte appelliert wird!“). Entsteht doch vieles von dem, was ein Autor mit Worten schriftlich fixiert, als Bild oder Film erst im Kopf des Lesers, geformt nach seinen Vorlieben. Wohl kaum ein Genre hängt in der Rezeption so von persönlichen Vorlieben und Einstellungen ab wie die schriftliche Darstellung von Erotischem.

Wer hat den schlechtesten Sex? Was wie eine Frage aus der Klasse der Herrenwitze klingt, ist doppeldeutig: einerseits kann man die Frage so nehmen, wie sie dort steht und in einigen Abschnitten wie beispielsweise dem über Matratzendesaster macht Moritz dies auch: […] ist die Literatur durchzogen von mal peinlichen, mal ekligen, mal hilflosen Beischlafanläufen. […] Im größten Teil des Buches jedoch konzentriert sich der Autor darauf, für seine literarische Stellensuche Beispiele zu präsentieren, in denen Sex (der durchaus gut gewesen sein kann) handwerklich schlecht in Worte gefasst worden ist. Was mich fast verlockt festzuhalten, daß Moritz, der seinen Schriftstellerkollegen seine Meinung recht deutlich sagt, für sein eigenes Werk einen im Grunde leicht irreführenden Titel gewählt hat. Nun ja. Wir jedenfalls wissen, worum es geht. Und es tut ja auch gut, mal so richtig abzulästern bzw. einem anderen dabei zuzuhören bzw. es zu lesen.

Früher war alles einfacher. Erotisches gab es im wesentlichen als Bückware für die Herren, denen eine gewisse sittliche Reife zubilligt wurde und die die plastischen Beschreibungen solcher Bücher, die zum Teil noch illustriert waren, entsprechend einordnen konnten. Die Dichter und Schriftsteller, die für die Allgemeinheit schrieben, waren darauf angewiesen, das Geschehen in Gottes weiter Flur oder im abgeschlossenen Schlafraum durch Leerzeilen angedeutet der Phantasie des Lesers anheim zu stellen – oder sie verwendeten Symbolisches und beschreiben, wie das Erblühen der Knospe durch Kälte zurückgehalten wurde, selbst auf die Gefahr hin, daß [er] die Knospe abwerfe, damit er nicht eher blühe als heute. „Er“ ist hier der blütentragende Kaktus, gemeint ist aber doch das, was wir in die Bildern Georgia O’Keeffe spontan hinein interpretierenDie Stelle übrigens ist bei A. Stifter (Nachsommer) zu finden.

Man muss Moritz recht geben, dem Dichter ermangelt bei diesem Sujet an der adäquaten Sprache. Der medizinische Fachjargon ist nüchtern und keineswegs luststeigernd (ja, es ist erlaubt, sich durch erotische Literatur anregen zu lassen!), ihm gegenüber steht die Vulgärsprache, die zwar deutlich mehr an begrifflicher Auswahl zu bieten hat, aber in der mehr oder wenig Hochliteratur oft deplatziert wirkt. Ich beispielsweise gebe zu, daß ich, stoße ich auf jenes Wort, das sich auf „nicken“ reimt, jedesmal zusammen zucke, ich mag es einfach nicht, zumal nicht in Texten, die ansonsten einen Anspruch erheben wollen. Treffend stellt Moritz fest, daß […] alles – wie freizügig sich die Gesellschaft auch geben mag -, was mit dem Sexualakt zusammenhängt, weiterhin schambesetzt ist [..]. So kämpft der Literat an mehreren Fronten: rein handwerklich fehlt es an adäquatem „Werkzeug“, sprich einem anerkannten Vokabular und verständlichen Bildern/Metaphern, er konfrontiert den Leser mit dessen Schamgefühl und Peinlichkeitsgrenzen und natürlich dürfte auch seine eigene Einstellung gegenüber dem Sexuellen mit in die Niederschrift einfließen.

In seinem Buch befasst sich Moritz freilich weniger mit explizit erotischer Literatur, die abzufassen in den Zeiten des Internet sich mittlerweile anscheinend fast jeder befähigt fühlt, sondern mit Erotischem in der Literatur. Da, wie festgestellt, Erotik und Sex zum Leben gehören und Literatur Leben schildert, sind solche Passagen, nachdem das Leerzeilenzeitalter verklungen ist, keine Seltenheit mehr. Auch wenn es – gottseidank (?) – durchaus Autoren gibt, die bei ihrem Leisten bleiben und für sich akzeptieren, daß sie besser auf die Schilderung sexueller Handlungen verzichten. Frisch beispielsweise gehört in diese Kategorie von Autoren, Lenz auch, obwohl Moritz von diesem eine überaus köstliche Passage über einen Luftmatratzenaufblaswettbewerb zitiert. Was völlig übergangslos Familie Hoppenstedt ins Spiel bringt, deren Mutti ja seinerzeit bekanntlich durch den Heinzelmann saugende Unterstützung beim Blasen bekam. Denn Moritz, man vermutet es, schweift manchmal etwas ab, schaut über den Gartenzaun in den TV/Filmbereich bzw. den deutschen Schlagertext. Wo er bei Loriot lobend fündig wurde (fündig nicht nur bei ihm natürlich, aber hier eben ausnahmesweise mal lobend).

Viele Autoren jedoch schreiben munter drauflos, lassen kopulieren und fellieren, lassen die Mundwerkzeuge auch anderswo Volten schlagen, entledigen ihre Protagonisten mehr oder weniger feinfühlig der Kleidung, paaren sich in der freien Natur oder wälzen sich im stockigen Bettzeug alter Hotels in Bahnhofsnähe. Der Schwerpunkt der von Moritz herausgesuchten Stellen liegt bei deutschen Autoren, in der Minderheit sind ausländische Literaten wie Philip Roth, aber auch Brodkey, Millet u.a.m. werden zitiert. Es ist müßig, es hier eine Auflistung zu geben, das Buch enthält ein entsprechendes Verzeichnis.

Interessanter ist die inhaltliche Gliederung der Moritz´schen Stellensuche. Nach den einleitenden Abschnitten über Persönliches, Definitorisches und den Hürden bei der literarischen Adaption des Sujets fasst Moritz den Sex, den er betrachtet, mit dem jeweiligen Hintergrund/Umfeld, in dem er stattfindet, zusammen. Das (so es nötig ist) Entkleiden beispielsweise, das elegant sein kann, stolprig, hastig oder knöpfeverschleissend. Vom BH-Verschluss garnicht zu reden…. „Mach mir den Hengst“: jawohl, auch Tierisches spielt eine Rolle und besagtes „hengstliches“ kann auch heißen, […] daß er kam wie ein trinkendes Pferd. […]. Aber natürlich sind es nicht nur die Equiden, die zum Vergleich bemüht werden, wer kennte nicht den Witz vom Blinden im Fischgeschäft: Hallo, Mädels! Das Getier des Meeres einerseits und Wasser, Meer und anderes an Flüssigem andererseits… Was dem Tier recht ist, ist dem Obst billig, so gären bei Ortheil die Feigen vor lauter Hitze im Zimmer (was mir zeigte, daß ich das Buch [4] seinerzeit viel zu naiv gelesen hatte….) und über Einsatzmöglichkeiten von Bananen, Gurken und ähnlich phallischem Obst herrscht keine Unklarheit mehr. Sofern Zunge und Lippen nicht anderweitig im Einsatz sind, kann aber muss Sex nicht unbedingt still sein, vom aufmunternd-fordernden „Tiefer, tiefer..“ bis hin zur Kündigung durch den Vermieter wegen andauernder Lärmbelästigung reicht die Spannweite der Lautäußerungen… und wie unvollständig wäre die Übersicht ohne die Zusammenhänge zwischen Sex und Wasser bzw. Sex und Essen/Trinken zu betrachten…. Die immer wieder so gern bemühte Flutwelle und das große Fressen, das sich gegenseitig mit diverser Nahrung einschmieren und wieder Ablecken… und das Obszöne der Auster sowieso…  Nun ja…. lassen wir es genug sein, Moritz selbst bietet noch einiges mehr…

Das alles ist flott geschrieben, mit Witz bis hin zur beissenden Ironie, liest sich unterhaltsam und amüsant. So weit, so gut. Der Autor hat sich für seine Zusammenstellung eine sichere Methodik ausgedacht: kleine Textschnipsel, aus dem Zusammenhang gerissen und an seinen Erwartungen gemessen. Das ist freilich immer eine schlechte Ausgangsposition für den Text, ich will ein Beispiel dafür geben, was ich meine.
Moritz zitiert Peter Härtling mit einem Werk aus dem Jahr 1983 (Das Windrad):
Ihre Haut war warm, weich, sonderbar nachgiebig. Als er auf ihr lag, bäumte sie sich kurz auf, als wolle sie ihn wieder abwerfen. Sein Atem strengte ihn an.
Sei ruhig, sei doch lieb . Sie redete neben seinem Ohr. Rammel doch nicht einfach los, Mann. Sie lachte mit ihrem Bauch gegen seinen, schob ihn behutsam zur Seite, wälzte ihn auf den Rücken, streichelte ihn mit ihren Brüsten, setzte sich auf ihn. Jetzt kannst du. Und ich auch. 
Nach einer Weile legte sie sich sanft auf ihn. Er sah hinter seinen Lidern ein sphinxähnliches Wesen, eine Frau mit dem Leib einer Löwin. 

Wie gesagt, die Geschmäcker sind verschieden: mir gefällt die Textstelle, ich finde sie authentisch, nahe an dem, wie es tatsächlich passieren könnte oder auch schon vieltausendmal geschehen ist. Moritz dagegen macht sich lustig, vergleicht den Text mit Gebrauchsanweisungen eines esoterisch angehauchten Erotikratgebers, wie man ihn damals in der Tübinger Altstadt kaufen konnte… um zwei Zeilen später zu konstatieren: Als konkrete Handlungsanweisung taugt das nicht. Was denn nun? Gebrauchsanweisung: ja, Handlungsanweisung: nein? Und überhaupt: wer sucht denn bei Härtling (!) Handlungsanweisungen, wie man Sex machen soll(te)?? Wenn man Härtling liest, sollte man besser mit Erwartungen an den Text gehen, die dem Autoren gerecht werden. Apropos: Handlungsanweisung. Ein paar Seiten vorher wird eine Passage aus Puzos Der Pate zitiert, in der recht genau geschildert wird, wie die beiden Protagonisten sichanschicken, sich dem Rausch der Sinne hinzugeben, man könnte das im Stehen erfolgende Präludium durchaus als Vorlage nutzen. Aber auch das ist nicht recht, Moritz macht sich hier die resignierende Äußerung eines anderen Kritikers zu eigen: Sex schien eine komplizierte akrobatische Nummer zu sein, es wurde gesprungen, gefangen, hochgehoben, gestoßen, die eine Hand, die Zunge, die andere … Ich würde es nie lernen. .. Da mag man den Kritiker trösten: wenn die Situation da ist, ist sie da und vieles ergibt sich von selbst und auch anscheinend überfordernde Handlungsabläufe klären sich, schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen…. und überhaupt ist es die Frage, ob jede Darstellung solch eher hormonell bedingter Tätigkeiten unbedingt auf ihre Plausibilität zu prüfen ist – Moritz hängt sich da z.B. auch sehr an dem öfter zu lesenden „Rissen sich die Kleider vom Leibe“ auf, nimmt es sehr wörtlich [5]… nun ja, für mich ist es eher ein bildlicher Ausdruck für die hohe Dringlichkeit des Vorhabens denn unbedingt eine Beschreibung eines tatsächlich stattfindenden aggressiven Aktes gegen körperverhüllende Textilien.

Nur der Vollständigkeit halber: Sex dient nicht nur der Fortpflanzung oder dem Vergnügen, Sex ist auch ein Machtinstrument zur Unterdrückung der Frau, eine Ansicht, die Moritz insbesondere bei Autorinnen verortet, die getragen vom Geist des (Post)Feminismus, [..] das ausbeuterische patriarchalische System in den Geschlechterbeziehungen aufspüren und schonungslos brandmarken. Beispielhaft verweist er auf Autorinnen wie Verena Stefan (Häutungen), Elfriede Jelinek (Lust), Sibylle Berg (Ein paar Leute machen das Glück und lachen sich tot) und Helene Hegmann (Axolotl Roadkill [4]). Ob die in diesem Zusammenhang zitierten Stellen jetzt hinsichtlich der Form oder des Inhalts angeführt werden (z.B Berg: Er verbringt schnell sein Glied in Nora und beginnt seine Arbeit.) wird nicht ganz klar. Aber anregend ist es jedenfalls nicht.

Ich habe mir – welch ketzerischer Gedanke! – während des Lesens hin und wieder überlegt, ob man mit denselben Zitaten, die der Autor anführt, ein Buch mit gegensätzlichem Tenor schreiben könnte, ein Stellenbuch also, wie man es kennt, zum Erheitern, zur Anregen der Fantasie und der Vorstellungen…. Unmöglich wäre es sicher nicht, die Interpretationsmöglichkeiten von fast allem sind bekanntlich unbegrenzt.

Was dem einen, und damit will ich langsam zum Ende kommen (eins der Verben, die zum Thema gehören und über dessen Sinnhaftigkeit beim Schildern sexueller Akte sich der Autor ebenfalls lang und breit mokiert), seine Himbeere (hmmm… auch dieses Obst würde ganz gut ins entsprechende Kapitel passen), ist dem anderen der seit 1993 verliehene Literary Review’s Bad Sex in Fiction Award [6] für den regelmäßig nicht nur Nobodys, sondern auch Größen wie Murakami oder Erica Jong nominiert werden. Ob der Leitfaden über „Dirty Writing“ von Ines Witka [7] da Abhilfe schaffen kann? Nun, bei dem einen oder anderen Selfpublisher, der sich vom erotischen Pegasus geritten fühlt, möglicherweise…

Es wird manchmal etwas viel des Spottes bei Moritz, der dann bemüht wirkt bzw. nicht sonderlich überzeugt.  In solchen Momenten kann man das Werk auch zur Seite legen, sich etwas erholen und am nächsten Tag weiterlesen – wenn einem wieder danach ist. Darin ähnelt es seinem Thema, in dem ja auch nicht unbegrenzt Höhepunkte am laufenden Meter zu produzieren sind.

Es gibt „schlechtesten Sex“ – zweifelsohne und Beschreibungen desselben, die grottig [8] sind – möglicherweise sogar fallen die einem nach der Lektüre der Moritz´schen Übersicht auch auf: dann haben wir als Leser wieder etwas dazu gelernt…. aber ansonsten ist die Zusammenstellung, die uns der Autor an die Hand gibt, gute Unterhaltung und man sollte sie nicht allzu ernst nehmen. Denn eins ist auch wahr: was beim Sex und das gilt meiner Meinung nach auch für seine literarische Darstellung, gelungen ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person des Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Moritz
[2] –
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46462472.html und http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135666.html
[4] Einige wenige der von Moritz benutzten Titel habe ich auch in meinem Blog schon vorgestellt. Es wären (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
– Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe
– Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
– Charlotte Roche mit Schossgebete und Feuchtgebiete
– Harold Brodkey: Unschuld
– Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
[5] z.B. auch hier: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/sendung-vom-15032015-100.html
[6] https://literaryreview.co.uk/bad-sex-in-fiction-award
[7] http://blog.konkursbuch.com/buchpremiere-zum-mitmachen/
[8] in seinem Buch Frauen und Bücher (btb, 2015; S. 403) zitiert Stefan Bollmann eine schöne Übersicht, die Herrn Moritz auch gefallen würde. Und zwar hat sich jemand die Mühe gemacht, in Shades of Grey die Häufigkeit, mit der bestimmte Begriffe auftauchen, festzustellen. So wird (in Band 1) 94-mal gestöhnt, 44-mal zieht sich Anastasias Unterleibsmuskulatur auf köstliche Art und Weise zusammen und anderes mehr….. Den Verkaufserfolg hat diese eintönige Begriffshäufung jedoch nicht geschmälert. Erotisches liest man eben nicht (nur) mit der Strichliste in der Hand.

Rainer Moritz
Wer hat den schlechtesten Sex?
Eine literarische Stellensuche
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 235 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

ritter cover

August Schmölzer, der Autor dieses schmalen, aber leicht pikanten Werks, ist Fernseh- und Filmschauern vielleicht eher als Schauspieler bekannt, am Anfang seiner Karriere findet sich in der Filmographie ein Auftritt in Spielbergs Film „Schindlers Liste“ [1]. Aber Schmölzer ist auch Autor, wenngleich dieses Büchlein in der Liste seiner Veröffentlichungen nicht mehr aufgeführt ist. Zugegeben, es ist kein aktuelles Werk, sondern stammt aus dem Jahr 2005, aber trotzdem…

Sei´s d´rum! Der arme Ritter, eine einfache Speise aus altbackenen Semmeln, Eier, Milch, Zucker und Schmalz, dazu noch eine Füllung. Wie genau die Zubreitung ist, erfahren wir im Buch, ebenso wie die Liste der Zutaten. Ein wenig erinnert diese Idee an einen schon älteren Roman des vor einigen Jahren verstorbenen Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein [2]; auch in diesem seinerzeit sehr erfolgreichen Buch erfuhr das Handeln des Protagonisten immer wieder durch Koch- und Esseinlagen eine spezielle Würzung. Eine Würzung, die auch eine erotische Komponente hatte, den ein besonderer Genuss war es für den Helden, diese Speisen in Gesellschaft schöner Frauen zu geniessen. Womit wir wieder den Übergang zu Schmölzers “ Der arme Ritter geschafft hätten….

… denn auch dessen Hauptfigur mit dem etwas affektierten Namen Karl Kater kocht gerne, ist hauptberuflich Koch. Meiden wir die inflationäre Verwendung des Begriffs „genial“ und beschränken uns auf ein „hochbegabt“: Karl Kater hat das Kochen im Blut, es ist sein besonderes Talent. Und sein Traum ist es, ein eigenes Restaurant zu führen, in dem er nur für die Menschen, die er mag, die er kennt, kochen will und für die er sozusagen „maßgeschneiderte“ Essen kreieren kann.

„Der arme Ritter“ in seiner zweiten, viel häufiger im Buch verwendeten Bedeutung ist nicht sein Alter Ego, aber doch etwas an ihm, das fast schon eigenständig agiert (und damit leichte Erinnerungen weckt an Albert Moravia: Er und Ich [3]) und seinen Namen der Speise verdankt, bei der er sozusagen initiiert wurde. Ein nostalgischer Name also, der Arme Ritter mit dem roten Helm und seinen beiden Knappen…..

Obwohl das Buch insgesamt vierzehn einzelne Kapitel mit eigenständigen Episoden umfasst, wird es doch durch eine Art Rahmenhandlung zusammengehalten. Wir lernen Karl Kater als Koch in einem Hotel kennen, der nach Dienstschluss in der hoteleigenen Bar noch auf Ansitz geht, alleinstehende, einsame Frauenherzen zu finden. Denn Karl Kater ist Frauenversteher, ein Mann, der sich in Frauen eindenken kann und der zudem das liebt und begehrt, was die Frau zur Frau macht. Auf diese Weise lernt er Regina kennen, die dort an der Theke sitzt, man kommt ins Gespräch, es gibt unabsichtlich wirkende Berührungen, nicht zu beherrschende Ausbeulungen und halbwegs trunken finden die beiden den Weg ins Zimmer der Dame. Dort divergieren die Interessen ein wenig: während Karl Kater sich eher verbal seinem Weltschmerz hingeben will, hat die Dame eher Lust auf den süßen Schmerz, den ihr der arme Ritter zufügen könnte, wenn… ja wenn dessen Träger sich nicht einfach an sie gekuschelt hätte und sanft eingeschlafen wäre. Das Erwachen für ihn ist unsanfter, die von ihm unbeglückte Regina schmeißt ihn hochkant hinaus, so steht Kater Karl (aber nicht dessen Ritter), nackt im Hotelflur. Er fleht an ihrer Türe um Einlass, und wie weiland die Ritter Lieder der Minne anstimmten, versucht er das Weib mit einer Speisefolge zu besänftigen, die er nur für sie erdenkt: Gänseleber á la Regina.

Es endet dramatisch, der Alkohol, die Aufregung, das hektische Leben als Koch insgesamt: das Herz streikt, es wird dunkel um ihn ….. bis wir ihn, Kater Karl, im letzten Abschnitt wieder treffen: im Krankenhaus, treu begleitet und besucht von … eben: jener Regina, die letztlich von der Singularität des Abends doch überwältigt worden war….

Zwischen diesen beiden Episoden liegen zwölf weitere, die den Lebensweg von Karl Kater, der sich, fragen ihn die Frauen nach seinem Namen, immer „John“ nennt, beschreiben. Es ist müßig, die jetzt alle hier zu beschreiben, deshalb nur soviel:

Karl lernt in einem Restaurant den Beruf des Koches. Es ist ein besondere Art der Lehre, denn sein Meister läßt ihm noch eine zweite, eher inoffizielle Ausbildung zukommen. Für diese Ausbildung ist Sarah verantwortlich, eine Dame aus dem Milieu, denn das Lokal, in dem er lernt, liegt in einschlägiger Umgebung und – obwohl nicht direkt an dessen Gewerbe beteiligt – man muss sich arrangieren uns so gibt es die eine oder andere Kooperation zwischen den Parteien. So gehen beide, Karl, der sich John nennt, und – falls die Gelegenheit es verlangt – auch der arme Ritter gut angeleitet ihrer Profession nach, lernen die unterschiedlichsten Frauen kennen, und auch wenn diese besondere Menage a trois durchaus nicht immer von „Erfolg“ gekrönt ist, sind es doch Begegnungen, die voller Leidenschaft und Erotik sind, gekrönt von der Fantasie einer dazu passenden Speise….

Schmölzer schildert abwechslungsreiche Settings mit „Riesinnen“ ebenso wie mit militärisch angehauchten Soldatinnen, es gibt Situationen mit mehr als einer Frau und solche mit weniger als einer…. Rendezvous´ in den Bergen ebenso wie im Schwimmbecken… das Kochen und das Lieben, beide Tätigkeiten verlangen nach Einfühlungsvermögen, nach Aufmerksamkeit, nach Fantasie… sie kommen in den Schmölzer´schen Episoden zum Tragen, auch wenn sich diese Bezeichnung „Der arme Ritter“ im Lauf der Seiten etwas aufbraucht genau wie der der „Freundin“…. Nie wird das Beschriebene vulgär oder gemein, stets bemüht sich der handelnde Kater, das Unverwechselbare, das Einmalige seiner Gegenüber wahrzunehmen. Insofern – auch wenn hie und da der männliche Blick nicht zu verleugnen ist – ist es ein einfühlsames erotisches Vergnügen, dieses Büchlein zu lesen, vielleicht sich sogar vorzulesen und animieren zu lassen, zum Kochen, zum Essen, zum Lieben…

… ach ja, der Vollständigkeit halber: zum Schluss erfüllt sich auch der Lebenstraum des Helden und das ist jetzt nicht nur erotisch gemeint, obwohl – so streng trennt Herr Kater dies ja sowieso nicht…

Die Speisen und deren Zutaten und Anwidmungen, gleichzeitig die einzelnen Episoden:

Menü 1:  Manna à la Mama
Menü 2: Gänseleber à la Regina mit Zuckererbsen und Salzburgernockerln
Menü 3: Der arme Ritter mit Füllung für Michi
Menü 4: Rinderfilet Sarah mit Reis
Menü 5: Soup Isabel
Menü 6: Kalbsnieren à la Lydia und Marie
Menü 7: Ochsenfleisch à la Bärbel mit Apfelkren
Menü 8: Auster Ulrike
Menü 9: Überbleibsel à la Katharina (eine improvisierte Küche aus dem Vorhandenen)
Menu 10: Palatschinken mit Marillenmarmelade für Harfe
Menü 11: Carpaccio Jeannine
Menü 12: Kaschubischer Rehrücken mit Serviettenknödeln für Tunjascha und ihren Freund
Menü 13: Forelle Julia
Menü 14: Gegrillter Lachs natur

Alle Rezepte vom Autoren…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://augustschmoelzer.com
[2] wer etwas Zeit hat, kann sich z.B. bei Dieter Wunderlich die ausführliche Inhaltsangabe und Besprechung des Romans zu Gemüte führen:  http://www.dieterwunderlich.de/Simmel_kaviar.htm
[3] Albert Moravia: Er und Ich; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2012/09/04/alberto-moravia-ich-und-er/

mehr erotische Literatur ist im Themenblog: https://erotischebuecher.wordpress.com zu finden.

August Schmölzer
Der arme Ritter
mit Zeichnungen von Irene Brischnik
diese Ausgabe: morre & nöst medienverlag, Softcover, ca. 160 S., 2005

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