Die Autorin der Janus-Kammer ist keine ganz Unbekannte. Lange Jahre war sie einer der Stars der Hardcore-Industrie im Bereich der Erwachsenenunterhaltung, wie man es mit jugendfreien Begriffen umschreiben könnte. Aus diesem Bereich der Sexindustrie stieg sie jedoch aus, um sich dem Schreiben und der Musik zu widmen. Aus ihrem ersten literarischen Gehversuch ist mit der Juliette-Society [2] ein Buch entstanden, das sicherlich keine Weltliteratur darstellt, das aber durchaus lesbar ist und für mich über dem Durchschnitt des Grossteils der aktuellen erotischen Literatur anzusiedeln ist.

Die vorliegende Janus-Kammer führt die Geschichte der seinerzeitigen Protagonisten Catherine weiter. Kennt man deren Vorgeschichte, sind einige der Andeutungen bzw. Namen, die einem hier wieder begegnen, leichter zugänglich, aber ein unbedingtes ‚Muss‘ ist die Kenntnis der Juliette-Society nicht (möglicherweise hilft meine Besprechung des Buches ja ein wenig: [2]). Catherine jedenfalls hat sich aus ihren im Erstling geschilderten erotischen Abenteuern zurückgezogen und lebt seitdem mit ihrem Freund Jack zusammen, der ihre momentanen sexuellen Bedürfnisse offensichtlich befriedigend bedienen kann; Grey versäumt nicht, uns zu erzählen, auf welche Art und Weise.


Catherine arbeitet mittlerweile als Journalistin und ist auf der Suche nach einer Story. Dabei stößt sie auf den Namen eines verstorbenen Top-Models: Inana Luna [4]  hat sich nach offizieller Lesart suizidiert, ihre Schwester dagegen ist fest davon überzeugt, daß sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Catherine, die sich über Irana informiert, sich ihre Clips, die im Internet veröffentlicht sind, anschaut, gerät immer mehr in den Bann dieser Frau, die so ganz offensichtlich ihre Grenzen auszutesten versuchte und sie damit die Erinnerung an die Catherine vergangener Jahre wieder hervorruft. Als die Schwester Inanas ihr das Tagebuch der Verstorbenen gibt und sie die Einträge der Toten liest, erkennt sie sich in dieser Gedanken- und Wunschwelt endgültig wieder: in Catherine reift der Plan, den Weg Inanas zu (sexueller) Entgrenzung zu rekonstruieren und selbst zu gehen.

Sie folgt den durch das Tagebuch gelegten Spuren und gelangt an einen mysteriösen Ort in der Wüste, ein geheimes Hotel mit einem Luxusstandard, der die gewöhnliche Sterneeinteilung sprengt: ‚La Notte‘. Aufgrund ihres Aussehens und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit erhält sie auch gleich eine Anstellung an der Rezeption, bewährt sich einigen ‚kritischen‘ Situationen bei der Betreuung der Gäste und wird vom geheimnisvollen Besitzer des Hotels, Max Gold, sukzessive in die geheimen Ort dieses Hauses geführt.

Es sind dies diverse Clubs, Kammern und Zimmern, in denen sexuellen Spielarten aller Couleur nachgegangen wird. Die Reichen und Mächtigen der Welt sind dort unter sich, es gibt keine Geheimnisse mehr so wie es keine Tabus gibt. Diese arkane Welt der Sexualität, die nur für ausgewählte Eingeweihte zugänglich ist, ist eine dunkle Welt der Erniedrigung, der Beschmutzung, des Schmerzes bis hin zu dem Punkt, an dem Schmerz und Lust ununterscheidbar und eins werden und aus dem malträtierten Körper sich das wahre Ich herausgeschält hat.

Auf Catherine übt diese Welt schnell einen unwiderstehlichen Sog aus, der sie dem heimischen Blümchensex immer mehr entfremdet. Obwohl, Blümchensex ist relativ, auch Jack kennt natürlich mehr als nur die Art der Missionare. Vor dem, was sich Catherine jedoch wünscht, die härtere Gangart nämlich, scheut er: sie widert ihn an. So kommt es sukzessive zu tiefgehenden Differenzen zwischen beiden, zumal Jack für den Intimfeind von Catherine, de Ville, arbeitet, der für die nächste Präsidentschaft in den Staaten kandidieren will. Wobei für mich die letzte verbale Auseinandersetzung zwischen Catherine und Jack noch zu den gelungensten Passagen des Romans zählt.

Das soll als grobes Muster des Plots der Janus-Kammer reichen, den zu skizzieren, war die leichtere Aufgabe. Aber was sag ich nun zu diesem Buch ‚an sich‘?


Die Janus-Kammer hat mich gelangweilt. Es ist einfach so. Ein Roman von fast vierhundert Seiten, in denen sich die Autorin in langen Passagen einer schwurbeligen Kultur- und Gesellschaftskritik hingibt, die über Allgemeinplätze meist nicht hinauskommt: die Verlogenheit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft im allgemeinen und der Mächtigen im besonderen, der unheilvolle Einfluss der Religion auf die (sexuelle) Entfaltung der Menschen, der Feminismus, der leugnet, daß Frauen (passive) Gewaltfantasien haben dürfen…

Ein Roman, in dem die Protagonisten (und damit wohl auch die Autorin) nicht müde wird, darauf hinzuweisen, daß sie sich im europäischen Kunstkino vergangener Jahrzehnte auskennt und diese alten Schwarz/Weißfilme liebt. Immer wieder, wie schon in der Juliette-Society, nimmt sie Filmszenen als Hilfsmittel, um ihren Roman zu erklären. Ein explizit erotischer Roman, der ‚dafür‘ praktisch nur den Begriff ‚f*cken‘ verwendet, der einem im Laufe des Romans langsam zum Hals raushängt (es wäre interessant zu erfahren, ob dies auf die Autorin oder auf den Übersetzer zurückzuführen ist)… und dann das immerwährend aus der gerade damit gefüllten Körperöffnung tropfende/laufende Come (auch im Original kursiv gehalten)….

Dabei hat dieser Roman durchaus ein Anliegen: er plädiert für die Entgrenzung der Sexualität, des sexuellen Erlebens, für die Überwindung aller Tabus und für die Anerkennung aller sexuellen Bedürfnisse als gleichwertig: letztlich soll in einer Art mystischer Offenbarung die Erlösung erfolgen. Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich auch und gerade sexuell auszutesten – so wie es die Autorin als achtzehnjährige selbst getan hat, als sie anfing, in der gesellschaftlich geächteten Sexindustrie zu arbeiten. Da Männern in der Gesellschaft dieses Recht auf frei gelebte Sexualität meist eher zugebilligt wird, ist das Anliegen Greys gleichzeitig auch eine Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in sexuellen Dingen.

… und selbstverständlich könnte man jetzt auch anfangen, davon zu schwadronieren, daß dieses Luxushotel ‚La Notte‘ ein Bild ist für die Untiefen der eigenen Bedürfnisse, die man sich selbst nicht eingestehen will… könnte man, man muss aber nicht.

So will ich zusammenfassend festhalten, das Die Janus-Kammer zwar ein respektables Anliegen vertritt, aber die Umsetzung in Literatur aufgrund einer schwurbeligen, teilweise langatmigen Sprache mit eintönigem Vokabular wenig gelungen erscheint. Die Tatsache, daß Grey durch in den Text eingestreute rhetorische Fragen permanent versucht, den Leser direkt anzusprechen, macht das Ganze nicht besser. Und daß der Roman ein offenes Ende hat, läßt zudem ein weiteres Abenteuer Catherines befürchten… wobei mir als noch nicht vorkommende Grenzüberschreitung eigentlich nur noch Kopro- und Nekrophilie (sowie Verwandte davon) einfallen…. Wollen wir hoffen, daß Greys Fantasie in andere Richtungen weist.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin
[2] Sasha Grey: Die Juliette Society (Besrpechung hier im Blog)
[3] —
[4] Grey hat diesen Namen natürlich nicht ohne Hintersinn gewählt, galt Inan(n)a den Sumerern doch u.a. als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens: https://de.wikipedia.org/wiki/Inanna, auch der Nachname ‚Luna‘ passt mythologisch für eine Tochter der Mondgötter…

Sasha Grey
Die Janus-Kammer
Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Müller
Originalausgabe: The Janus Chamber,
diese Ausgabe: Heyne, (Reihe: Heyne Hardcore), Softcover, ca. 384 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der vorliegende Roman Die Muschelöffnerin (im Original Tipping the Velvet) ist der Erstling der britischen Schriftstellerin Sarah Waters [1] aus dem Jahr 1998. Im Englischen noch mehr als im Deutschen deutet der Titel das Genre an, in dem der Roman spielt. So ähnlich wie bei D.H.Lawrence der Titel John Thomas und Lady Jane [in einer anderen Version als Lady Chatterley bekannt; 3] eine umgangssprachliche Umschreibungen der damaligen Zeit für die Geschlechtsteile auf den Einband hob, war ‚Tipping the Velvet‘ in der Zeit, in der der Roman spielt, eine Bezeichnung für Cunnilingus. Man braucht wohl nicht viel Fantasie, um auch den deutschen Titel in diese Richtung zu interpretieren, er hat jedoch im Zusammenhang mit der Handlung auch eine ganz reale Bedeutung.

Aber noch einmal kurz zurück zur Autorin. Diese wurde 1966 in Wales geboren, studierte mit mehreren Abschlüssen englische Literatur und promovierte über lesbisch-schwule Literatur ab 1870. Mit ihrer Lebenspartnerin lebt sie heute in London; ihr Werk ist vielfach ausgezeichnet, einige ihrer Romane, unter anderem auch dieser, wurden verfilmt.


Im Mittelpunkt der Muschelöffnerin steht die Figur der Nancy Astley, mit ihr lassen wir uns von Waters in die Vergangenheit zurückführen, in die Jahre um 1890 nach London. Wir beginnen diese Reise zurück jedoch in Kent, in der Nähe der Stadt Canterbury an der Küste. Dort nämlich betreiben die Eltern von Nancy ein bekanntes Austernlokal, in dem die 17jährige als Muschelöffnerin arbeitet. Es ist eine harmonische Familie, in der Nancy ihre ältere Schwester bewundert, die harte Arbeit in der Küche oder beim Servieren findet sie normal und erledigt sie gerne. Zu den wenigen Vergnügungen, die das Leben für sie bereit hält, gehört der Besuch der Music Hall im nahegelegenen Canterbury…

Dort, an diesem Ort, in dieser Music Hall, sollte sich ihr Leben entscheiden. Eines Tages tritt dort nämlich eine gewisse Kitty Butler auf. Man klatschte und johlte … und ich hörte das Knistern und Rauschen des sich hebenden Vorhangs. Gegen meinen Willen öffnete ich die Augen – dann riss ich sie auf und hob den Kopf. Die Hitze und meine Müdigkeit waren augenblicklich vergessen. Ein einziger rosiger Lichtstrahl durchdrang das Dunkel der leeren Bühne, und mitten darin stand ein Mädchen, das wundervollste Mädchen – ich wusste es sofort – das ich je gesehen hatte. 

Ohne daß man das zu diesem Zeitpunkt schon hätte sagen können, aber mit diesem Moment ist die Weiche für Nancys Leben umgestellt worden. Alle Kapriolen und Volten (und es sind einige), die jetzt noch folgen werden, finden auf der neuen Lebensbahn statt, nie wird zur Diskussion stehen, umzukehren und ein ’normales‘, sprich: konventionelles Leben mit Mann und Kind zu führen.

Nancy jedenfalls versuchte (und es gelang ihr) so viele Vorstellungen von Kitty Butler, wie es für sie möglich war, zu besuchen. Und sie fiel der Sängerin, die mit kurzen Haaren im Kostüm eines Dandys, eines Mannes also, auftrat, auf, sie lernten sich kennen, waren sich sympathisch und als Kitty ein neues Engagement in London annimmt, fragt sie Nancy, ob diese nicht als ihre Garderobiere mitkommen möchte.

So kommt Nancy nach London in die Welt des Theaters. Es zeigt sich nämlich, daß auch sie eine Begabung hat zum Singen und zum Tanzen und so treten die beiden jungen Frauen eines Tages mit viel Erfolg als Duo in Männerkleidung auf. Und auch außerhalb der Bühne überwinden sie diese Grenze, die davor steht, sich dem dem anderen zu öffnen, zumal wenn dieser andere gleichen Geschlechts ist und diese Variation einer Liebe gesellschaftlich stark geächtet ist [2]… Kitty und Nancy werden daher ein heimliches Paar, das in der Öffentlichkeit alles vermeidet, als ‚kesse Väter‘ erkannt zu werden. Doch dann kommt es zum Bruch, Kitty kann sich nicht zu Nancy bekennen, sie heiratet – ob aus Berechnung für die Öffentlichkeit oder aus Liebe, darüber läßt sich diskutieren – ihrer beider Agenten Walter.

Für Nancy bricht die Welt zusammen. Sie flieht, nimmt nur ein paar Kostüme mit. In einem der schmuddeligsten Viertel Londons findet sie schließlich ein unsagbar dreckiges Zimmer, hier verwahrlost sie in überwältigendem Selbstmitleid: Seht nur, was ihr mir antut! Sie wäscht sich nicht mehr, wechselt ihr Kleid nicht, isst kaum… aber auch diese Periode geht vorbei und eines Tages geht sie gebadet und mit geschnitten Haaren, gekleidet in eins der schönen ihrer Männerkostüme als Husar vor die Tür und streift durch die Straßen.

In schmuddeligen Vierteln gibt es Männer mit Gelüsten auf schöne Knaben. Von so einem wird sie angesprochen. Erst ziert sich Nancy, der Husar, doch dann…. so also schmeckt Walter, denkt sie, spuckt das Zeug aus und steckt das Geld ein… ab diesem Zeitpunkt findet man Nancy regelmäßig auf Abtritten, in dunklen Ecken, schummrigen Hauseingängen vor Männern knien… sie lernt die Tricks und Kniffe, die sie in diesem Milieu zum Überleben braucht. Doch eines Tages fühlt sie sich von einer Kutsche verfolgt, die sie nicht abschütteln kann. Sie verweigert sich der Einladung des offensichtlich wohlhabenden Passagiers, bis … ja, bis sie die Stimme einer Frau hört: Du kleine Närrin … steig schon ein.

Diana, die Nancy auf diese Art in ihr luxuriöses Haus holt, ist eine reiche Witwe mit Neigung zum Exzentrischen, auch im Erotischen. Zusammen mit anderen Frauen bilden sie einen sapphischen Club und Nancy wird zum Jungen Dianas, ein Spielzeug, mit dem diese vor ihren Freundinnen angibt, das mit Lust und Luxus ausstaffiert und verwöhnt wird und das die Art von Lust, die ihre Herrin wünscht, zu schenken hat. Und das ungerührt weggeschickt wird, wenn der Dame nicht mehr danach ist.

Setzt Nancy dieses Leben einer Sexdrohne aus Dummheit auf´s Spiel oder will sie unbewusst ein Ende herbeiführen? Diana jedenfalls schlägt sie blutig und schmeißt sie noch in der Minute der Entdeckung aus dem Haus. Die Frauen stülpen Nancy noch eins der alten muffigen Kleider aus dem Seesack über, mit dem sie damals zu Diana kam, und jagen sie in die eiskalte Dunkelheit der Winternacht, die sie im Obdachlosenasyl überlebt.

Nancy erinnert sich in dieser Notlage an eine Frau, mit der sie am Tag, als sie von Diana mitgenommen worden war, eine kurze Unterhaltung und eine nicht eingehaltene Verabredung zu einem Rendevouz hatte. Sie kann sich die Adresse dieser Florence erschleichen, die sie mit ihrem blauen Auge und der blutverkrusteten Wange natürlich nicht wiedererkennt, als sie in der Tür steht. Mit Hartnäckigkeit, Unverfrorenheit, vielen gebrochenen Versprechen, die Wohnung wieder zu verlassen, aber auch mit Saubermachen und Reinigen der vernachlässigten Wohnung in einem armen Viertel, mit dem Versprechen, sich um das Kind zu kümmern, nistet sich Nancy bei Florence und Ralph dann doch ‚auf Probe‘ ein.

Sie bleibt, wird bald Teil der Familie und fängt auch irgendwann an, Florence, die (so würde man heute vllt sagen) Sozialarbeiterin ist und die sich in ihrer Freizeit politisch für Frauen und die Verbesserung der Lebensverhältnisse engagiert, zu helfen. Und sie bekommt wieder Lust darauf, Hosen zu tragen. Eines Tages belauscht Nancy unbeabsichtigt ein Gespräch von Florence mit einer Freundin, die ihr vorhält, sich zu sehr an ihre verstorbene Liebe zu klammern, das Mädchen in den tollen Hosen nicht für sich zu beanspruchen und wenn das schon so wäre, solle sie es doch für ihre Freundinnen ‚freigeben‘. Aber besser wäre es, sie, Florence, würde Nancy bitten, mir ihr zum Stammlokal der Frauen zu gehen und einen lustigen Abend miteinander zu haben.

Diese Ermahnung ist (nicht weiter überraschend) der erste Riss in der Mauer gegenseitiger Abschottung bei Florence und Nancy. Und hat der Damm erst mal einen Riss, dann wird er auch bald geflutet. Und so sollte es nach diesem Abend auch kommen….

Waters läßt ihren Roman, ihre Geschichte von Nancy, in einer Art ‚Showdown‘ enden. Es gibt eine große politische Versammlung im Park, auf der Nancy im Laufe des Tages sämtliche ihrer Liebhaberinnen sieht bzw. trifft, auch Kitty, nach der die Sehnsucht in ihr immer noch zu leben scheint. Doch Nancy ist reifer geworden, hat zu viele Erfahrungen gemacht, um in dieser Konfrontation, in der Begegnung mit ihrer ersten Liebe, nicht deutlich zu erkennen, wo jetzt ihr Platz ist.


Die Muschelöffnerin ist ein Entwicklungsroman, der sieben Jahre im Leben der Nancy Astley schildert, in denen sie vom unschuldigen Mädchen vom Lande zur reifen, ihren Platz im Leben kennenden 25jährigen Frau wird. Die Zwischenzeit, diese Periode des Erwachsenwerdens, weist Höhen und Tiefen auf, die einander zum Teil sehr plötzlich ablösen, Nancys Leben wird mehrfach in den Grundfesten erschüttert: die Erkenntnis, daß sie sich durch ihre Liebe zu Frauen und ihre Arbeit am Theater der eigenen Familie entfremdet hat und die Entdeckung, daß sie von ihrer Liebe, von Kitty, betrogen und belogen wird, findet am selben Tag statt, gefolgt vom Abstieg aus relativ gesichertem und komfortablem Status in die soziale Unterschicht bis schließlich hin in die Prostitution. In der sie in gewisser Weise verbleibt, als die reiche Diana sie aus dem Strichermilieu innerhalb von Minuten in eine Welt des Luxus, des reinen Sexes ohne jegliches Gefühl katapultiert. Monate des raffiniert konstruierten Genusses, gefolgt von einem weiteren Absturz, aus dem heraus Nancy dann endlich in eine gesicherte Existenz gelangt.

Der Charakter eines Entwicklungsromans ist das eine, das andere ist selbstverständlich die (in den Augen des viktorianischen Zeitalters) Verwirrung der sexuellen Orientierung der Nancy Astley, die sich nicht zu Männern, sondern zu Frauen hingezogen fühlt und damit – das deutet Waters als Autorin des Romans an – bei weitem nicht allein steht [2]. Sofern sie überhaupt offen gelebt werden konnte, wurde Homosexualität zwischen Frauen damals entweder geächtet (Waters stellt dies dar in der Figur vor den Frauen ausspuckender Männer), ignoriert (zusammenlebende Frauen wurden konsequent als ‚gute Freundinnen‘ bezeichnet, die offensichtlich keine Sexualität hatten) oder als medizinisches Problem behandelt – durch männliche Vergewaltigungen, damit sie, sozusagen, auf den Geschmack kommen [nach 2]. In diesem Zusammenhang sei an das traurige Schicksal Oscar Wildes erinnert, der 1896 seines Lebenswandels wegen zu harter Zwangsarbeit (zwei Jahre waren das übliche Maß) verurteilt wurde und der letztlich daran zugrunde ging und starb.

Der Roman Walters enthält einige Bett- und Sexszenen, insbesondere im dunklen Dian’schen Zeitalter. Die Eingangsszene mit dem ledernen Strap-on Dildo läßt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig und genießt wohl einen gewissen Ruf. Aber auch sonst geht es nicht prüde zu im herrschaftlichen Ambiente Dianas, überraschender ist da schon der forsche … ähem… Eingriff von Florence bei Nancy, den ich in dieser Ausgestaltung so nicht erwartet hätte. Die Visualisierung der Tätigkeit Nancys als ‚Stricher‘ auf Abtritten etc pp sind wie zu erwarten wenig schön, aber ich gehe davon aus, daß Waters hier schildert und darstellt, was sich seinerzeit genauso abgespielt hat.

Interessant ist die Rolle der Kleidung im Roman bzw. in Nancys Leben. Nancy sieht Kitty zum ersten Mal in Männerkleidung, als Dandy, mit kurzen Haaren und ist begeistert. Auch sie selbst trägt später als Partnerin von Kitty Männerkleidung, die sogar durch Änderung des Schnitts weiblicher gemacht werden muss, da man sie sonst für einen echten Jungen halten würde. Nach der depressiven Periode ihres exzessiven Selbstmitleids geht sie in Männerkleidung wieder auf die Straße und ‚arbeitet‘ sogar als Junge dort. Ebenso kleidet Diana sie als Jungen mit massgeschneiderten Anzügen ein, sie ist es, die den Dildo umschnallen muss und die Männerrolle zu übernehmen hat: “I tore it from her, her gown of black and white and silver… [then] she had me kneel upon it and fuck her, until she came and came again” heißt es im Original. Und ebenso: „Nancy is cast in the role of the male aggressor who takes control of the female victim by undressing her forcefully, ironically inverting the established dynamic of dominant Diana who exercises her power by dressing her “kept boy”“. Dient die Kleidung Nancy im ersten Teil des Romans also dazu, ihre Sexualität auszudrücken, kehrt sich deren Funktion bei Diana insofern um, als sie die Hierarchie in dieser Beziehung spiegelt: Diana ist diejenige, die Nancy anzieht bzw. ihr Anweisungen gibt. Nach der Zeit bei Diana trägt Nancy dann erst einmal wieder konventionell Röcke, bis sie eines Tages wieder unbändige Lust verspürt, eine Hose anzuziehen, nach wenigen Tagen sogar außer Haus, ein Symbol für ihre sich langsam wieder normalisierende Gefühlswelt. Jetzt dient die Kleidung wieder dazu (ebenso wie die Haare) Sexualität auszudrücken, der Sehnsucht einen Ausdruck zu geben, denn selbstverständlich war eine derartige Kleidung damals für andere – Männer wie Frauen – ein Signal, es sein denn, die Menschen waren so arm, daß sie auf derartige Feinheiten keine Rücksicht nehmen mussten, sondern anzogen, was gerade überhaupt da war. Wer Ausführlicheres zu diesem interessanten Aspekt der Geschichte lesen möchte, den verweise ich auf den Aufsatz von Joanna Waszczuk, dem ich auch die beiden englischen Zitate entnommen habe [4].

Womit ich bei einem weiteren Punkt des Romans wäre, denn durch die gesamte Geschichte zieht sich eine Schilderung der Lebensverhältnisse im damaligen London. Meist waren diese Verhältnisse erbärmlich schlecht, die Menschen wurden ausgenutzt, lebten in ungesunden, beengten, muffigen Wohnungen, die völlig überbelegt waren, arbeiteten für einen Hungerlohn und wurden im Schnitt nur halb so alt wie die wohlhabenden Londoner, die sich für Geld alles kaufen konnten. Im letzten Abschnitt des Buches, der unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Verhältnisse ein totales Gegenstück zur degenerierten, blasierten sapphischen Gesellschaft um Diana darstellt, die mit ihrem Luxus nicht weiß, wohin, wird das Erwachen eines politischen Bewusstseins unter den Armen Londons beschrieben: politische Versammlungen werden abgehalten, Gewerkschaften werden gegründet und werben Mitglieder/innen, Flugblättern geschrieben und verteilt, Menschen, die in Not geraten sein, werden unterstützt. Bei all diesen Aktivitäten ist Florence mit ganzem Herzen und viel Einsatz dabei. Sie weiß, daß der Erfolg nur langsam kommen wird, aber für sie ist die Arbeit an sich schon Erfolg und Befriedigung.

So wird parallel zur Geschichte der Nancy Astley auch das London um 1890 lebendig: geschäftig ist es, Kutschen und Droschken rumpeln durch die Straßen, es ist an vielen Ecken und Enden dreckig und versifft, es ist prächtig in den großen Theatern, laut und lustig in den kleineren, schmuddeligeren. Dem Alkohol wird gefrönt, dem Tabak ebenso und die Reichen können sich auch andere Drogen leisten. Wer Sex braucht und keinen Partner hat, kauft ihn sich; die Londoner Halbwelt kann jedes Bedürfnis befriedigen… es ist ein farbenprächtiges, ein lebendiges Bild einer pulsierenden Millionenstadt, die auf dem Rücken der Armen und Geknechteten errichtet ist.


Ich war skeptisch bei diesem Buch, zu groß das Lob, das es allgemein einheimst, obwohl es doch so schwierig ist, einen guten erotischen Roman zu schreiben. Und obwohl ich das Buch gar nicht mal als explizit erotischen Roman ansehe – die Erotik ist nur Teil der Handlung, der Entwicklung Nancys – muss ich bestätigen, daß Sarah Walters mit Die Muschelöffnerin in der Tat einen schönen, einen guten Roman geschrieben hat. Sprachlich zwar ist er nicht sonderlich anspruchsvoll, die Schilderung der Ereignisse ist streng chronologisch, aber die Schauplätze der Handlung sind lebendig und farbig geschildert, daß man sie sich sofort vorstellen kann und viele der Figuren, auch der Nebenfiguren wie beispielsweise Mrs Miles, eine der Zimmervermieterinnen mit ihrer behinderten Tochter Gracie erwecken spontane Sympathie.

Dabei ist Nancy keineswegs ohne Fehl und Tadel… auch wenn sie bei ihrem letzten Besuch der Eltern gemerkt hat, wie anders ihre Lebenswelt doch geworden ist, so ist es doch sehr grausam von ihr, für diese praktisch wie vom Erdboden verschluckt zu verschwinden. Man kann nur hoffen, daß Florence ihr da gehörig die Meinung sagt…. ;-)

Die Muschelöffnerin ist also ein atmosphärisch dichter Roman mit gut und differenziert gezeichneten Figuren, der einen beim Lesen leicht in Bann schlägt.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] es ist mir leider nicht gelungen, die Dissertation von Waters im Internet ausfindig zu machen. Ein interessanter Überblick über Homosexualität im England dieser Zeit (über dessen Qualität ich nichts sagen kann) ist hier zu finden: http://the-gaiety-girl.blogspot.com/2013/02/homosexualitat-im-viktorianischen.html
[3] Besprechung des Buches hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/21/d-h-lawrence-john-thomas-lady-jane/
In beiden Roman geht es (vor dem Hintergrund sozialer Probleme) um eine die gesellschaftlichen Konventionen sprengenden Liebesbeziehung. Unter diesem Gesichtspunkt wäre möglicherweise sogar in Vergleich beider Romane interessant.
[4] Joanna Waszczuk: Cross-Dressing as an Expression of Lesbian Sexuality in Sarah Waters’ Tipping the Velvet; in:  http://www.ia.uw.edu.pl/…Waters_Tipping_the_Velvet.pdf

Sarah Waters
Die Muschelöffnerin
aus dem Englischen übersetzt von Susanne Amrain
Originalausgabe: Tipping the Velvet, London 1998
diese Ausgabe: Daphne, HC, ca. 480 S., 2002

 

 

Wein, Weib und Gesang… ob der Geheimrat seinerzeit gesungen hat, das weiß ich nicht, das Internet ist in dieser Hinsicht nicht sehr ergiebig mit Aussagen. Daß Goethe Wein und Weib aber genossen hat, ist bekannt, man muss nur einmal die Briefe lesen, die er mit seiner Gefährtin und späteren Ehefrau Christiane wechselte. Nicht nur die Vorräte im Weinkeller waren hier Thema, auch die Bestellung des Schreiners, der das mal wieder zusammengebrochene Bett zu richten hatte… [4]. Möglicherweise wurde dabei ja gesungen (womit ich mit dem ‚dabei‘ jetzt nicht das Richten des Betten meine…) genauso, wie ja auch der Wein die Stimme zum Singen beflügelt (was ich mehrfach im Selbstversuch verifiziert habe.). Sei’s drum, in diesem kleinen, liebevoll aufgemachten Büchlein geht es jedenfalls um das Weib und die Freuden, die sich Männlein und Weiblein gegenseitig bereiten können.

Entstanden sind die Verslein (mit wenigen Ausnahmen) in der Reihe der venezianischen Epigramme im Zusammenhang mit der zweiten Reise Goethes nach Italien, auf der er der heimkehrenden Herzogin Anna Amalie entgegenreiste. Diese zweite Italienreise entfaltete beim Dichter nicht den Zauber der ersten (1786-88), der wir den Spruch vom Land, in dem die Zitronen blühen, verdanken. Goethe kam nur bis Venedig, die Eindrücke des Landes auf ihn mäßig bis schleicht. So notiert er über seinen Veronaaufenthalt (25.-28. März 1790):

….. Campanò heißt das unerträgliche Gebimmele, das sie drey Tage zu verschiedenen Zeiten von den Thürmen der Kirche hören lassen, welcher ein Fest bevorsteht.

De Monti Colonnari e altri fenomeni vulcanici dello Stato Veneto. Memoria di Giov. Strange. 1778.

In der Baukunst in Verona außer an den ältesten Gebäuden eine unschickliche Nachahmung der Rustica, welche an der noch stehenden Außenseite des alten Amphitheaters mit großem Verstand gebraucht ist. Die Gebäude des M. Sanmicheli verdienen alle Achtung und ein besonder Studium.

Die Architektur des neuen Hospitals ist nicht glücklich. Es scheint mir kein Theil derselben wohl räsonnirt zu sein, überhaupt in denen neuern Gebäuden scheint nur noch ein Gespenst der alten Kunst nachzuspuken. Beyspiele von dem schlimmsten Geschmack der mittlern Zeiten, ….. [1]


… aber im Grunde ist dies ja auch nicht das Thema im Büchleins, mit dessen Inhalt der Dichter sich möglicherweise die eigene Befindlichkeit verbessern wollte. Auf Venedig bezogen und des Dichters Impression von der Stadt wird man in den Eprigrammen ebenalls fündig. So heißt es z.B. …. Hättest du Mädchen wie deine Kanäle, Venedig und Vötzchen / Wie die Gäßchen in dir, wärst du die herrlichste Stadt.

Als Motto stellt Goethe seiner Sammlung folgende Spruch voran, datiert auf das Jahr 1790, geschrieben in der Lagunenstadt:

Wie man Zeit und Geld verthan,
Zeigt das Büchlein lustig an.

Daß uns Nachkommen die Verslein überhaupt erhalten geblieben sind, ist nicht selbstverständlich. Im erläuternden Nachwort des Markuskreises, der 1924 die Erstausgabe verantwortete [3] wird festgehalten, daß Goethe die Verse versiegelt an seinen Sohn August reichte, damit dieser sie prüfte (oder prüfen lasse) und sie ggf. vernichte oder auch publiziere. Publiziert wurden sie nicht, aber eben auch nicht vernichtet, letztlich sorgte die Großherzogin Sophie dafür, daß diese Epigramme zum einen zensiert und entschärft, zum andern auch nicht in die ihren Namen tragende Gesamtausgabe aufgenommen wurden. Erst auf Betreiben späterer wurden die Verse in den letzten Bänden der Ausgabe sozusagen ‚vergraben‘.

Dem ‚Markuskreis‘ (zu dem ich keine Informationen finden konnte) kommt jedenfalls der Verdienst zu, die Epigramme 1924 in konzentrierter Form und illustriert zusammengestellt zu haben, wenngleich auch in einer limitierten Privatausgabe [3]. Heute gibt es natürlich eine Reihe von Publikationen, die mehr oder weniger schön sind, zu den schönen, repräsentativen rechne ich diese Ausgabe von Walde+Graf, die in diesem Jahr als Sonderausgabe erschienen ist [s.u.].

Die Illustrationen sind wie auch der Text in einem gedämpften Blau gehalten, die Radierungen stammen von Walter Günteritz (i.e. Carl Heinz Roon), einem 1888 in Neubrandenburg geborenen Maler, der Jahre nach dieser Arbeit in der SA dienen sollte [2]. Einige wenige der Illustrationen findet man über die Google-Bildersuche, so daß man einen Eindruck von ihrer Art gewinnen kann.

Die Qualität der Verse… wer bin ich, daß ich dazu was sagen könnte? Goethe selbst scheint sich jedenfalls des Pikanten seiner dichterischen Ergüsse bewusst gewesen zu sein, brachte er sie ja selbst nicht an die Öffentlichkeit, es findet sich auch ein Vers, in dem es gefragt wird: Wagst du deutsch zu schreiben unziemliche Sachen? worauf er die folgende Antwort gibt: Mein Guter / Deutsch dem kleinen Bezirk, leider ist griechisch die Welt …. Man sieht, es bleibt genug Anregung, das eine oder andere auszudeuten. Eine gewisse Grundkenntnis der antiken Mythologie schadet ebenfalls nicht, sondern erleichtert das Verständnis wenn etwa Priapus angerufen wird, der Fruchtbarkeitsgott der Lampsaken, was andererseits der Römer mit ‚mentula‘ bezeichnet, läßt sich leicht aus dem Zusammenhang erschließen…

Goethes geheime erotische Epigramme gehören für mich zu den Büchlein, die man einfach mal aufschlägt, in denen man blättert und sich für ein paar Minuten erfreuen kann. Für den einen oder anderen mag es ebenso als schönes Geschenk geeignet sein, ein kleines, pikantes Mitbringsel aus Venedig….

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.zeno.org/Literatur….Reise
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Günteritz
[3] die Beschreibung des Büchleins: 29,3 x 19,8 cm. Blaue Halbleinenkassette, seitlich in Silber gefasst, mit Extra-Abdeckungspappe für die Kassette und Pergamentschnalle. Inliegend: 1 w. Bl., Titelblatt, 77 (1) Seiten, 1 w. Blatt. Die Seiten sind einseitig bedruckt mit insgesamt 36 Versen und einem 2seitigen Nachwort. Des Weiteren 37 Blätter mit jeweils einer handsignierten Radierung (7×5 bzw. 4×5 cm groß), diese liegen jeweils zwischen zwei Versen. Texte und Radierungen in Blaudruck. …. Begleittext: Von diesem Werke wurden 30 Exemplare in Venedig im Jahre 1924 als Privat-Ausgabe für den Markuskreis auf der Manutius-Presse gedruckt. Carl Heinz Roon radierte die Platten und druckte und signierte eigenhändig die Abzüge. …[entnommen aus einen Antiquariatsangebot bei ZVAB (Wegner, Berlin)]
[4] vgl hier: Sigrid Damm: Christiane und Goethes Ehebriefe;  https://radiergummi.wordpress.com/…ehebriefe/

Goethes geheime erotische Epigramme
Mit 37 Radierungen von Carl Heinz Roon
Originalausgabe: Venedig, Privat-Druck für den Markuskreis, 1924
diese Ausgabe: Frölich&Kaufmann (Sonderausgabe), HC, ca. 40 S., 2017

Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Die Spur der Liebe von Bernd Kulik hat anscheinend selbst kaum Spuren hinterlassen. Ich bin kein Detektiv, suche deshalb nicht übermäßig intensiv, aber die normalen Suchmuster haben tatsächlich bis auf eine einzige Besprechung auf einem Blog nichts zum Buch ergeben. Zum Kauf angeboten wird es, freilich, des öfteren über die diversen Kanäle und Anbieter… So kann ich nichts über den Autoren Bernd Kulik vermelden, auch die Geschichte hinter den Geschichten bleibt im Dunkeln und ebenso ist das Buch selbst nicht in einem ’normalen‘ Verlag erschienen ist. Aber es ist erschienen und birgt auf seinen 256 Seiten zehn Geschichten über das ‚Lieben‘ in der ehemaligen DDR, wobei Liebe hier rein körperlich zu verstehen ist, so wie es in einer der Stories (Die Abifeier) zum Ende heißt: „Okay, wir haben zwei geile Nummer geschoben und unseren Spaß gehabt. Nun starten wir ins Leben und werden sehen, was uns noch alles widerfährt.“ – „War’s das?“ – „Das war’s.“ – Frauen konnten manchmal so herzlos sein.

An diesem Zitat läßt sich mehreres festmachen, was sich durchgängig durch alle Geschichten zieht. Zum einen werden die (fast immer) jungen Frauen als sehr initiativ beschrieben und sind keineswegs die schüchternen Mädels, die durch den Mann erst erweckt werden müssen. Im Gegenteil ist der (fast immer) junge Mann oft derjenige, der die leitende und führende Hand der Frau braucht. Zum zweiten ist die Sprache direkt und unverblümt und spart auch Phänomene des Alltags nicht aus, wie dieses Beispiel zeigt (Silvester): (nach der ersten Nummer kost sie ihn unter der Bettdecke langsam vom Bauch aus nach unten und merkt an): „Mein Lieber, hast du auf einem Fischtrawler gearbeitet?“ – „Nee, nur in einem Fischladen verkehrt.“

Die Episoden sind fast alle nach einem Muster aufgebaut. Auf den ersten Seiten wird das Setting beschrieben, also der Ort der Handlung, die näheren Umstände und – das macht das Buch dann zumindest für Wessis doch interessant – auch fernere Lebensumstände in der seinerzeitigen DDR. Dann taucht, da praktisch immer aus Sicht des männlichen Parts geschrieben wird, das meist brünstige Weibchen auf, läßt entweder Initiative zu und/oder – wenn sie des Aussehens oder anderer Umstände wie Monatsblutung wegen keine provoziert – legt selbst (im wahrsten Sinne des Wortes) Hand an und ergreift sozusagen das Zepter. Im Anschluss wird viel missioniert, manche der Damen haben auch Lust auf griechisches, französische Exkursionen kommen vor, sind aber nicht Hauptquelle, aus der die Freude sprießt. Man sieht, es ist eher handfester und bodenständiger Sex, der getrieben wird und der keineswegs an Gefühle gebunden sein muss, sondern der häufig nur der Triebbefriedigung dient.

Zehn Geschichten, von denen bis auf eine Ausnahme (Grenzübertritt: zwar auch der selbe Aufbau der Geschichte, aber die Akteure sind zumindest mal gestandene Erwachsene) alle nach mehr oder weniger dem selben Schema aufgebaut sind, das ist letztlich nicht sonderlich interessant. Wenn man dem Umschlagtext glauben darf, erfährt man durch diese Episoden, wie die Ossis tatsächlich liebten. Nun ja, möglicherweise natürlicher als anderswo, aber so richtig doll war das auch nicht, auf der emotionalen Ebene, meine ich…

So war letztendlich für mich die Schilderung der Alltagsszenen aus der DDR (das Setting der Episoden) interessanter als die doch sehr vorhersehbaren erotischen Abschnitte der Geschichten.

Bernd Kulik
Spur der Liebe
Erotische Geschichten aus der DDR
diese Ausgabe: Softcover, AC Distribution & Marketing, Berlin, ca. 256 S., 2011

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