Ingeborg Jacobs: Freiwild

21. September 2015

Auf Ingeborg Jacobs´ Buch über das Schicksal deutscher Frauen am und nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Osten Deutschlands bin ich aufmerksam geworden, als ich das Tagebuch Eine Frau in Berlin [1] las, in dem eine mutige Journalistin über die Zeit Ende April bis Mitte Juni schreibt, die für die Frauen anfangs durch zum Teil massenhafte Vergewaltigungen, danach zunehmend auch durch Arbeitseinsätze gekennzeichnet war.

Im Osten des Deutschen Reiches brach die letzte Kriegsphase schon früher an. Anfang Januar startete die Rote Armee auf einer mehr als Tausend Kilometer langen Front von der Ostsee bis in die Karpaten mit ihrer Offensive. Zu diesem Zeitpunkt war die Rote Armee der Hitlerschen in allen Belangen (Stärke, Bewaffnung, wahrscheinlich auch Kampfmoral) weit überlegen, sie drängte daher immer weiter auf Reichsgebiet vor.

In den Städten und Dörfern waren vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder geblieben, praktisch alle halbwegs tauglichen Männer waren eingezogen und an der Front. Es herrschte Angst vor den Russen, speziell die Frauen ahnten oder wussten, was sie erwartet. Es ging aber nicht nur um die Demütigung und Demoralisierung (Der deutsche Mann kann noch nicht einmal seine Frau schützen.), die russische Propaganda hat in den Tagen des deutschen Vormarsches den Heiligen Hass gegen Deutschland gepredigt, den viele Soldaten verinnerlicht hatten. Auch hatten die Russen das Wüten der Deutschen während des Vormarsches, deren Töten und Vergewaltigen nicht vergessen, ferner waren mittlerweile die Zustände in den Konzentrationslagern bekannt, was den Hass auf Deutschland und Deutsche ebenfalls schürte.

Auf deutscher Seite versuchte die Nazi-Propaganda durch Gräuelgeschichten noch den letzten Willen zum Widerstand zu wecken. Die Ereignisse um Nemmersdorf, einem wegen seiner Brücke strategisch wichtigem Ort, waren beispielhaft dafür. Als diese Ortschaft nach kurzzeitiger Besetzung durch die Russen zurück erobert wurde, wurden zahlreiche Leichen gefunden. Die Nazi-Propaganda bauschte dies weiter auf, u.a. mit der (wohl erfundenen [4]) Behauptung, Frauen seien Scheunentore genagelt worden, eine Aussage, die man z.B. auch bei Grass in seinem Roman „Im Krebsgang“ findet. Auch die Bilder, die man zu diesem Massaker von Nemmersdorf findet, sind mit Vorsicht anzuschauen, auch hier hat die Propagandaabteilung ihre Hände im Spiel. Jedenfalls führte die sich rasch verbreitende Kunde über diese Erschießungen und Gräuel zu einer weiter gesteigerten Angst und zu vermehrter Flucht [3].

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Ingeborg Jacob widmet sich in ihren Ausführungen dem allgemeinen Schicksal der Frauen, sie legt den Begriff „Freiwild“ großzügiger aus und subsumiert darunter praktisch alles, was die Frauen erdulden mussten. Das waren beispielsweise „normale“ Vergewaltigungen, mehrtägige Verschleppungen zum Zwecke der Vergewaltigung, Plünderungen, Verhöre, Internierungen, Gewaltmärsche, Vertreibungen und auch Deportationen nach Russland – dies alles unter Hunger und eisiger Kälte.

Das Vergewaltigen der Frauen (die auch polnische, ukrainische oder jüdische Frauen betraf) war auch bei den Russen nie erlaubt. So wurde im April ´45 in einem Bericht an den Chef der politischen Abteilung der Roten Armee festgehalten, daß die Deutschen aufgrund der Vergewaltigungen in dauernder Angst und Anspannung leben.  Daher würden Plünderungen und Vergewaltigungen bekämpft. In der Euphorie und dem Durcheinander des Vormarsches jedoch hing es von den Kommandeuren vor Ort ab, inwieweit – meist gar nicht – solche Vorgänge bestraft wurde, prinzipiell stand die Todesstrafe darauf. Immerhin kam es vor, daß Offiziere in Einzelfällen Vergewaltigungen verhindern konnten; feste Freundin eines Offiziers zu werden war – so wie in Eine Frau in Berlin beschrieben ist – eine der Möglichkeiten der Frauen, sich einen gewissen Schutz zu schaffen. Jedoch waren Fraternisierungen bald verboten, wer eine deutsche Freundin hatte, wurde nach Russland zurückgeschickt. Es muss auch festgehalten werden, daß bei weiten nicht jeder russische Soldat ein Vergewaltiger war. . Den Nachstellungen und der Gewalt versuchten sich die Frauen durch Flucht und durch Verstecken zu entziehen. So führt Jacobs in ihrem Bericht Beispiele an, in denen russische Soldaten Frauen die Flucht ermöglichten oder sie gegen marodierende Kameraden in Schutz nahmen.

Ein großes Problem waren auftretende Schwangerschaften. Da die Männer fast immer an der Front waren oder die Frauen noch sehr jung waren, war es klar, wer Erzeuger des kommenden Russenbalgs war. Manche der Frauen versuchten abzutreiben oder Aborte zu provozieren, in dem sie immer wieder auf den Boden sprangen. Viele Kinder jedoch wurden auch ungeliebt geboren, erfuhren keine Zuneigung, wuchsen nach dem Krieg in Waisenhäusern auf. Welche Ehe hätte nach der Rückkehr des Mannes aus der Gefangenschaft schon ein Russenkind ausgehalten? Überhaupt wurde, nachdem die Verhältnisse nach dem Krieg wieder anfingen, sich zu „normalisieren“, dieses Thema bei Männern und bei Frauen weitestgehend verdrängt, zumindest aus dem öffentlichen Raum. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele von Frauen, die das ungewollte Kind akzeptierten und als eigenes Kind (und Halbgeschwister) annahmen.

Das Ausmaß der Vergewaltigungen nahm mit Organisation der russischen Armee und Verwaltung in den eroberten Gebieten ab. Dafür nahm andere Drangsal zu. Polnische Familien wurden in die deutschen Siedlungen einquartiert, auch hier berichtet Jacobs von Hass- und Racheausbrüchen der Polen gegen Deutsche. Glücklich war, wer in den Westen umgesiedelt wurde…. denn als immer größeres Schreckgespenst tauchten Deportationen nach Sibirien auf. Fuhr der Zug nach Osten, war dies üblicherweise der Beginn eines jahrelangen Lebens als Zivildeportierte, die in russischen Lagern Zwangsarbeit unter widrigsten Umständen leisten musste. Hunderttausende wurden in solchen Lagern eingesperrt, in Erdbunkern, mit Schlafplätzen aus rohen Brettern, in völlig unzureichender Kleidung, von Werkzeug nicht zu reden. Die Nahrung: viel zu wenig und mangelhaft, Fehlernährung war die Folge. Am Beispiel der 15jährigen Wanda Schultz aus einem pommerschen Dorf schildert Jacobs ein solches Schicksal.

Für die u.a. Zivildeportierten hatten die Russen eine eigene Verwaltung und ein eigenes Lagersystem, das dem Archipel Gulag entsprach: GUPWI (Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten) [2]. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen, denen bereits in den ersten Jahren erlaubt worden war, Karten an ihre Verwandten zu senden, hatten die Zivildeportierten dieses Recht nicht. Jahrelang, bis endlich Post erlaubt wurde, fehlten also alle Lebenszeichen und es gab keine Hinweise auf den Verbleib der verschleppten Deutschen. In der Zwischenzeit waren jedoch viele der Verschleppten verstorben, von vielen weiß man heute noch nichts. Die Gesamtzahl der Zivildeportierten wird – je nach Quelle – unterschiedlich hoch benannt, Jacobs geht von wahrscheinlich einer halben Million Menschen aus.

Jacobs widmet sich dem Osten des damaligen Deutschen Reichs, insofern führt der Untertitel ein wenig in die Irre. An den sechs Kriegsschauplätzen Schlesien, Ostpreussen, Pommern, Königsberg, Berlin und Mecklenburg versucht sie das Schicksal der Frauen anhand von Einzelschicksalen aufzuzeigen. So individuell verschieden auch solche Einzelschicksale gewesen sind, fallen sie doch alle in das große Raster unsagbaren Leids, das sich en Detail für jede Familie, jedes Kind und jede Frau möglicherweise anders darstellte. Über allem aber schwebte der „Hungerengel“ (nach Herta Müller), es gab kaum etwas zu essen, auch nach der Besetzung durch die Russen änderte sich das kaum, auch das russische Hinterland war ja zerstört, so daß die Russen selbst keine Nahrung im Überfluss hatten. Und der Hungerengel wurde begleitet von der Angst vor einer Zukunft, die man sich nicht mehr vorstellen konnte.

Es gab Unterschiede in den genannten Regionen. Aus Berlin zum Beispiel wird nicht von Deportationen berichtet, die Berliner Frauen wurden zum Arbeitseinsatz vor Ort herangezogen, im Gegensatz zu den Frauen in den östlichen Regionen, von denen viele nach Sibirien kamen.

Das Ausgeliefertsein den russischen Soldaten gegenüber war gleich, in Berlin wie in Ostpreussen. In Mecklenburg wuchs sich die Angst vor Vergewaltigungen (und bei den Männern (!) vor dem Ehrverlust) so weit aus, daß sich in einer Massenpsychose Hunderte von Menschen, ganze Familien, suizidierten, Jacobs nennt die Zahl von über 3000 Tote in verschiedenen Ortschaften. Auf der anderen Seite gab es ebenso viele Frauen, die zwar den „Glauben“ an die Männer, die den Krieg angezettelt hatten, sie jetzt aber nicht schützen können, verloren haben, die aber den Mut hatten, ihr Leben weiter zu leben – trotz der Schändungen und Erniedrigungen. Die Kraft der meisten Frauen war größer als das Unglück, sie entschieden sich für das Leben.

Und immer wieder die ungewollten Schwangerschaften, die Versuche, abzutreiben, was nicht immer einfach, aber immer gefährlich war. Geschlechtskrankheiten – natürlich, auch die gab es, zusätzlich zu „normalen“ Seuchen wie Typhus, die auftraten…. Spätfolgen: die Traumatisierungen durch die Vergewaltigungen dauerten unter Umständen lange, sehr lange an. Psychologische Betreuung gab es nicht, die eigenen Ressourcen, um damit umzugehen, war meist nicht entwickelt oder gar nicht vorhanden. Über das Thema reden viel vielen schwer, Ehen und Lieben wurden auf eine harte Probe gestellt, viele zerbrachen. So absurd es ist, auch in diesem Kontext tauchte der Vorwurf auf, es wären ja oft die Röcke von den Frauen selbst gehoben worden…. Der „Eichhörnchentrieb“ blieb häufig ein Leben lang: nichts wegschmeissen, alles sammeln….

So grausam, primitiv und barbarisch das Verhalten russischer Soldaten oft war, muss doch immer im Hinterkopf behalten werden, daß es auch Ausnahmen gab. Russische Soldaten, die halfen, die ein Auge zudrückten, die Essen zusteckten…. das Schizophrene: es konnte durchaus sein, daß der Vergewaltiger des Vorabends am nächsten Tag Liebesschwüre von sich gab und mit Essen in der Tür stand…. Kinder wurden gut behandelt, oft wurde ihnen zu Essen gegeben. Andererseits wird auch davon berichtet, daß selbst siebenjährige Mädchen nicht verschont wurden.

Und eine zweite Sache ist nicht zu vergessen. In vielerlei Hinsicht kann man sagen, daß „der Russe“ mit der Münze zurückzahlte, die „der Deutsche“ in Russland ließ. Jacobs erwähnt einen jungen Wehrmachtssoldaten auf Urlaub, der sich brüstete, Zivilisten in Russland erschossen und andere lebendig begraben zu haben. [S.212]. Nach Öffnung der Archive Mitte der 90er Jahre wurde endgültig klar, daß auch die deutschen Soldaten russische Frauen vergewaltigt hatten, junge Frauen wurden in die Wehrmachtsbordelle gebracht.. Wer sich weigerte, im Bordell zu bleiben, wurde erschossen. ..


Freiwild ist ein grausames, schlimmes Buch. Und was am Schlimmsten ist: auch wenn es Schicksale aus dem 2. Weltkrieg zum Thema hat, ist es ein überaus aktuelles Buch. Frauen und Kinder sind nach wie vor Opfer des Molochs Krieg, der sie frisst: Terrorgruppen wie Boko Haram entführen Tausende von Frauen und Kindern, um sie zu versklaven und um mit ihnen Nachwuchs zu züchten, im IS werden entführte Frauen und Kinder auf Märkten verkauft… das sind plakative Beispiele, aber ich denke, man kann davon ausgehen, daß in jedem Krieg, der geführt wird, immer noch, still und leise, Frauen für den Sieger Beute sind.

Jacobs´ Buch ist wichtig, es beleuchtet (zusammen mit anderen Veröffentlichungen, die jetzt, Jahrzehnte nach dem Krieg in diesem Kontext erscheinen) einen häßlichen, mit Scham besetzten Aspekt des Krieges. Die betroffenen Frauen waren und sind dabei gleich mehrfach Opfer: in einem ganz physischen Sinn als Beute ihrer Peiniger mit allen Folgen wie Krankheiten, Schwangerschaften, zerbrechenden Partnerschaften u.ä., als Traumatisierte, denen nicht geholfen wurde oder werden konnte und zu allem Überfluss kommt oft noch Unverständnis bis hin zu Vorwürfen, so wie es Marta Hillers in ihrem Buch Marta Hillers als persönlich gemachte Erfahrung beschreibt[1].

Freiwild ist ein detailreiches Buch, das zwischen der Darstellung von Einzelschicksalen und dem Versuch, daraus einen Überblick herauszuarbeiten, wechselt. Das macht das Lesen nicht immer einfach, wenn die Schilderung von Lebensläufen unterbrochen und später wieder aufgenommen wird. Hier wäre es unter Umständen sinnvoller gewesen, bei den einzelnen Leben zu bleiben und diese zusammenhängend darzustellen, bevor daraus verallgemeinernde Aussagen gezogen werden. Aber dies ist nur ein untergeordneter Gesichtspunkt, dessen ungeachtet ist der Autorin für ihre Arbeit zu danken, weiß man vom Schicksal dieser Frauen, wird vielleicht das eine oder andere Verhalten unserer Mütter oder Großmütter, was einem bis dato rätselhaft erschien, verständlicher…

Links und Anmerkungen:

[1] Anonyma: Eine Frau in Berlin, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/
[2] siehe z.B. Stefan Karner: Die sowjetische Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierte;  http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_3_6_karner.pdf
[3] Wiki-Seite zum „Massaker von Nemmersdorf“:  https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf

Ingeborg Jacobs
Freiwild
Das Schicksal deutscher Frauen 1945
Erstausgabe: Propyläen Verlag, 2008
diese Ausgabe: Propyläen Verlag, HC, ca. 230 S., 2008
Verlagsseite zur Taschenbuchausgabe

Erich Hackl hat mit dieser Begebenheit (so klassifiziert er seinen Text) das Schicksal eines Mannes und damit auf das Engste verbunden, das einer Frau, herausgegriffen, welches sich durch ein einziges Merkmal aus der Geschichte vieler, sehr vieler anderer Menschen heraushebt. Der Titel verrät es nur zu deutlich: Das Standesamt Auschwitz, das ansonsten nur Todesfälle zu registrieren hatte (und zwar in solch einer Anzahl, daß auswärtige Statistiker zweifelnd nachfragten und daraufhin die wahren Todesfallmeldungen durch 180 geteilt wurden) beurkundete eine einzige Hochzeit, nämlich die von Rudolf Friemel (Häftlingsnummer 25.173) mit der Spanierin Margarita Ferrer Rey [5].

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Wer waren diese beiden, Rudolf Friemel und Margarita („Marga“) Ferrer, wie lernten sich sich kennen und lieben und wie „ging die Geschichte aus“: das ist Inhalt des Büchleins von Hackl. Ich will die Geschichte der beiden hier nur ganz kurz anreißen, damit man sich im Vorfeld ein Bild davon machen kann.

Er war ein lieber Junge, Automechaniker, Motorradnarr. Ein überzeugter Sozialist. Ein bisschen verrückt. Ein Draufgänger, verwegen, abenteuerlustig…. ein Frauenheld

Friemel [1] wurde 1907 in Wien geboren, er war KFZ-Mechaniker und politisch links eingestellt, war auch Mitglied der Gewerkschaft und anderer Organisationen. 1934 nahm er am bewaffneten Aufstand gegen das Dollfuß-Regime teil und musste danach fliehen. Nach seiner illegalen Rückkehr aus der Tschecheslowakei wurde er im gleichen Jahr verhaftet und zu sieben Jahren schwerem Kerker verurteilt, 1936 aber freigelassen. Es folgte die Emigration über Frankreich nach Spanien, wo er ab 1937 bei den Internationalen Brigaden gegen das Franco-Regime kämpfte. Hier lernte er die Spanierin Margarita Ferrer Rey kennen, der er schon nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag machte, obwohl er selbst noch verheiratet war.

Nach der Niederlage gegen die Republikaner floh er wieder nach Frankreich, lebte dort mit Marga zusammen, ihr Sohn Eduard wurde 1941 geboren. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen meldete sich Friemel freiwillig zum Rücktransport nach Wien.

Während seine Frau mit dem Kind weiter nach Deutschland reisen durfte und über Stuttgart nach Kirchheim-Teck gelangte, wurde Friemel von der Gestapo festgesetzt und im Januar 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort kam er als KFZ-Mechaniker in die Fahrbereitschaft und hatte als Funktionshäftling ein – den Umständen entsprechend – privilegiertes Leben. Offenbar hatte Rudolf Friemel auch eine derart einnehmende Persönlichkeit, daß ihm selbst die SS-Männer/Offiziere meist gut gesonnen waren.

Im Lager gehörte Friemel zu einer Widerstandsgruppe von Österreichern, die sich 1943 mit Polen zusammentaten und eine Kampfgruppe bildeten. Ein Fluchtversuch, um gegen Ende des Krieges einer drohenden Liquidation zu entgehen, misslang aufgrund eines Verrats, Ende Dezember 1944 wurden Friemel und seine Kamerade gehängt.

Hochzeitsfoto von Marga und Rudolf Friemel, Bildquelle [B]

Hochzeitsfoto von Marga und Rudolf Friemel,
Bildquelle [B]

Nachdem seine erste Frau, mit der er einen Sohn, Norbert, hatte, in die Scheidung eingewilligt hatte, stellte Friemel im Lager das Gesuch, seine Liebe, die Spanierin Marga Ferrer heiraten zu dürfen. Mit der Unterstützung des Vaters aus Wien gelang es tatsächlich, diese Genehmigung zu erhalten, im März 1944 durfte Margarita Ferrer mit dem gemeinsamen Sohn sowie Friemals Vater das Lager betreten, die Zeremonie wurde vor dem Standesamt im Lager vorgenommen, ein Fotograf [2] machte Bilder, es war ein Essen vorbereitet worden und den beiden Eheleuten war eine Nacht in den Räumlichkeiten des Lagerbordells genehmigt worden.

Auch Margarita Ferrer stammt aus einer revolutionären Familie, ihr Vater war sozialistischen Idealen zugetan, er lernte seine Frau bei einem Treffen von Anarchisten kennen: auch hier Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Studium praktizierte er als Mediziner, betrieb aber seine biologischen Forschungen erfolgreich weiter (sein Bild – das Bild eines Mannes mit jüdischen Wurzeln – hing, so schreibt Hackl, im Naturhistorischen Museum der Nazis in Berlin). Im Gegensatz zu ihm war die Mutter eine gute Arbeiterin, aber kein großes Licht, wie Hackl der Schwester Margas, Marina, in den Mund legt. Nach ihr, der Mutter, sei Marga geraten: …scheu, unsicher, sehr feminin. Sie hat jede Entscheidung anderen überlassen… konnte aber ziemlich stur sein. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, hat sie erreicht. Im Gegensatz zu Marina und dem Bruder Paco war sie aber politisch nicht engagiert, dazu war sie zu zurückhaltend und … ängstlich.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges wollte Marina für den Widerstand arbeiten, Margarita arbeitete bei ihrem Vater als Sekretärin. Frauen wurden nur in den ersten Monaten des Bürgerkrieges mobilisiert, nachher nicht mehr. Sie wurden aber zu den Truppen der Internationalen Brigaden gefahren, um in einer Art Truppenbetreuung für ein paar Stunden Ablenkung und Zerstreuung zu schaffen. Bei einer solchen Fahrt, die Marina und Margarita zusammen machten, lernten beide Rudolf Friemel kennen, der der lustigste unter den vielen Männern an der langen Tafel war, die man errichtet hatte, um zusammen zu essen. Am Nachmittag kam ein Einsatzbefehl, die Frauen mussten zurück, die Männer halfen ihnen auf den Wagen. Bei dieser Gelegeheit bekannte Friemel Marina, daß er sich in ihre Schwester verliebt hätte – was (wie Marina auf der Rückfahrt feststellen konnte) auf Gegenseitigkeit beruhte.

Franco gewinnt den Bürgerkrieg 1939 und viele der Kämpfer fliehen nach Frankreich, wo sie z.B. in Gurs interniert werden. Friemel meldet sich hier zum freiwilligen Arbeitsdienst, er lebt auch bis 1941 mit Marga zusammen. Ihr Sohn wird im April dieses Jahres geboren, wenige Wochen später meldet sich Friemel für die Rückführung nach Wien, zuvor hat es einen heftigen Streit mit Marina gegeben, die diese Rückkehr nach Nazi-Deutschland (realistischerweise) für idiotisch hält und zumindest erreichen will, daß Marga nicht mitkommt. Vergeblich. In Wien werden die beiden – wie schon berichtet – getrennt, er kommt letztlich in KL Auschwitz, sie kann mit dem Kind nach Deutschland und landet in Kirchheim-Teck. Nur für diesen einen besonderen Tag sehen die beiden sich noch einmal wieder.

Verzweiflung ist nicht aktenkundig. (Über Margas Leben in Kirchheim-Teck)


Die Ehe der beiden – es ist natürlich keine Ehe im üblichen Sinn: er ist und bleibt Lagerinsasse, sie muss mit dem Sohn zurück in ihre kümmerliche Existenz in Kirchheim-Teck. Das Lager allerdings, zumindest die unmittelbar Beteiligten, haben durch dieses außergewöhnliche Ereignis einen Impuls bekommen, als ob es Hoffnung gäbe auf etwas Licht, auf etwas Schönes. Sogar das lang verschüttete Gefühl, lieben zu können, wurde freigesetzt: eine der Standesbeamtinnen bzw. Totenschreiberinnen verliebte sich in Friemel, der zwar versuchte, standhaft zu bleiben, aber irgendwann dann doch schwach wurde.

Auch Marga lernt nach dem Krieg einen anderen Mann kennen, eine ehemaligen Häftling aus Mauthausen, einen spanischen Republikaner, der die gesamten Traumata des Lagers mit in die Beziehung brachte. Die Schwester Marina äußert sich nicht sehr positiv über diesen Suárez, aber sie bleiben zusammen und – was Marina anerkennt – Suárez pflegt Marga in ihrer Demenz, der sie im Alter verfällt.


„Marina äußert sich…“ ist ein gutes Stichwort für dieses Buch, erzählt Hackl doch die Geschichte der beiden nicht wirklich, er montiert vielmehr wie in einer Art Collage die Aussagen, die Erinnerungen von Menschen, die Friemel und/oder Marga getroffen, begleitet oder gekannt haben, zusammen. Aus diesen Schnipseln ergibt sich langsam ein kohärentes Bild, das zwar Lücken aufweist, natürlich, es ist nicht alles nachvollzieh- und nachweisbar, das aber doch die Leben zweier Menschen in verwirrten, grausamen Zeiten wieder auferstehen läßt. So kommen im Text die Söhne Friemels, Norbert (aus erste Ehe) und Eduard (mit Marga) zu Wort, Marina spielt eine wichtige Rolle, was Margas Leben angeht, Verwandte Friemels berichten über ihn, es wird aus Lagerprotokollen erzählt, Kameraden und Freunde schildern ihre Erinnerungen, auch Fernando, der liebenswerte Schweiger an Marinas Seite, trägt zur Geschichte bei.

Die besondere Form, in der Hackl diese Geschichte erzählen läßt, macht es nicht immer ganz einfach, sie zu verfolgen. Es wird nicht gesagt, wer jetzt gerade über wen berichtet, man muss den Text aufmerksam lesen, manchmal wird es erst spät deutlich. wo man sich „befindet“. Dadurch bekommt die Geschichte einen sehr dokumentarischen Charakter, man hat das Gefühl, in eine Sammlung von Interviews hineingeraten zu sein – was ja gar nicht so falsch ist.


Kristan [Stellvertretender Leiter des Standesamtes] liebte das Töten.
Er war immer gut gelaunt, wenn er von Exkursionen zurückkam.
Er liebte ebenso die Topfpflanzen in seinem Büro.
Einmal war er zärtlich zu einem Kätzchen.
Besseres kann ich über ihn nicht sagen. 

Die Hochzeit von Auschwitz ist aber nicht nur die Geschichte von Marga und Rudolf Friemel, es ist auch eine Geschichte der Lebensumstände und Zeiten. Es sind brutale Schilderungen, die Hackl in seine Geschichte eingebaut hat:

Einmal beobachtet ich von meinem Bürofenster aus, wie Quackernack [Leiter des Standeamtes] einen Kindertransport zur Gaskammer brachte. Als die Kinder vom Lastwagen getrieben wurden, ging ein kleines, blondes Mädchen auf Quackernack zu. Ich sah, wie es das Gesicht zu ihm hob und ihn lächelnd etwas fragte. Ich sah auch, wie er dem Mädchen mit aller Kraft einen Fusstritt versetzte. Erst blieb es eine Weile benommen liegen, dann rappelte es sich weinend auf. Auch ich weinte, ich hatte schon lange nicht mehr geweint.

berichtet beispielsweise eine der Frauen aus dem Standesamt. So wird die Grausamkeit der Verhältnisse in Auschwitz gerade durch den Gegensatz zwischen den „normalen“ Gegebenheiten und dem Besonderen und – ja, doch – Feierlichen einer Hochzeit betont und deutlich. Einer Hochzeit, von der niemand sagen kann, warum sie gewährt worden ist – meiner Meinung nach ein Willkürakt der Herrschenden, eine Art „Gnade“ die gewährt wurde in der Verblendung einer selbstverliehenen Gottähnlichkeit, wie sie z.B. Lem für die Nazi-Ideologie postuliert hat [3].

So traurig es auch klingt, das Leben und das Schicksal der beiden Hauptpersonen war für die damalige Zeit nichts Besonderes. Verfolgung, Inhaftierung und letztlich auch die Ermordung Andersdenkender waren konstituierender Bestandteil der herrschenden (wenn auch schon dem Untergang geweihten) Nazi-Ideologie. Was mir nach wie vor rätselhaft ist, ist die Naivität, mit der der erklärte Sozialist die Rückführung nach Deutschland beantragt hat. Zwar kam von der Partei die Losung – aber kein eindeutiger Befehl – dazu, weil diese fürchtete, „die Kader würden in Frankreich zugrunde gehen und sie auch davon ausging, daß der deutsch-sowjetische Pakt Hoffnung machen würde“, aber Hackl gibt Kameraden folgendermaßen wieder:

Ich hätte es auch verstanden, wenn er heimlich nach Deutschland gefahren wäre, bewaffnet, um im Widerstand zu kämpfen. Wir haben so gedacht, damals. Wir haben unser Leben riskiert, unser Glück, unsere Gesundheit, alles für die Freiheit. Ich habe es riskiert. Ich habe es nicht bereut. Aber ich war nicht so naiv wie Rudi. Meldet der sich doch offiziell zurück, samt Frau und Kind.“

Aber so wie Rudi, mit seiner roten Vergangenheit, verfolgt, zur Fahndung ausgeschrieben, aus Wien geflüchtet…. Nein, nein und nochmals nein. … Ich war überzeugt, der Mann ist übergeschnappt.

Und Friemel selbst? Vielleicht hat er so gedacht in seiner Besessenheit, Österreich vom Faschismus zu befreien:

… es ist gescheitert. Wir fahren nach Deutschland, als wir gehen in Frankreich vor die Hunde. Es ist gefährlich und ungewiß, aber immerhin wir kommen raus aus dem Dreck, so schlimm wird es schon nicht sein, und Heimat ist Heimat. Fahren wir nach Haus! So einfach.

Aber warum ist er nicht allein gegangen, warum hat er Frau und Kind mitgenommen, anstatt sie später, wenn alles gut gelaufen wäre, nachkommen zu lassen? Habt ihr den Verstand verloren, der Junge ist doch erst drei Monate alt.


Nichts kann die Abscheulichkeit des Lagers und derjenigen, die es betrieben, mildern, auch das Faktum dieser seltsamen Hochzeit nicht: es ist die einzige Hochzeit, eher eine Verhöhnung als eine menschliche Geste, denn die Machthabern werden keinen Augenblick daran gedacht haben, auch das Friemel zugedachte Ende zu ändern: er ist im Lager nach wie vor dem Tod geweiht – früher oder später. So ändert die Tatsache dieser Begebenheit nichts, auch wenn es im Internet Seiten gibt, auf denen sie zum Leugnen des Grauens instrumentalisiert wird [4].


Die Hochzeit von Auschwitz ist ein bedrückendes, erschütterndes, dunkles Buch, ein Bericht über eine Begebenheit, von der man vielleicht, wahrscheinlich noch nie etwas gehört hatte, in sehr intensiver Weise dargestellt. Hackl zeichnet die Lebenswege der Beteiligten nach, sie sind repräsentativ für viele und doch ist es ein einzigartiges Schicksal, der einen Funken Hoffnung in das Dunkel trägt und der doch nur ein verhöhnender Willkürakt der Unmenschlichkeit ist.

Die Hochzeit von Auschwitz – ein kleines Od unter den Büchern.

Links und Anmerkungen:

[1] zu Rudolf Friemel:  – Wikibeitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Friemel
– Kurzbio im „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“: http://www.doew.at/erinnern/biographien/spanienarchiv-online/spanienfreiwillige-f/friemel-rudolf (wobei sich aus dem Hackls Buch ergibt, daß er im Gegensatz zur Angabe auf dieser Seite zwei Söhne hatte, Norbert aus der ersten Ehe und Eduard aus der zweiten)
[2] der Fotograf war Murio´ Wilhelm Brasse:  http://www.tercerainformacion.es/spip.php?article43648
vgl auch den Beitrag von Kamilla Pfeffer in der SZ vom 17.05.2010: Viertel Sekunde, Blende 16:  http://www.sueddeutsche.de/…..1.441699
[3] Stanilaw Lem: Provokation:  https://radiergummi.wordpress.com,,,lem-provokation/
[4] ich gebe den Link zu zumindest einer solchen Seite, auf die ich durch Zufall bei der Bildersuche gestoßen bin, hier nicht wieder, zitiere auch nicht die Behauptungen, die dort wiedergegeben sind, da ich nicht möchte, daß dieser Blog in solchem Zusammenhang zu ergoogeln ist.

[5] .. die uns im Klappentext des kleine Büchleins, welches immerhin im Diogenes-Verlag erschienen ist und zumindest in der mir vorliegenden Ausgabe, als Maria Ferrer vorgestellt wird….

Lesenswert ist ferner der Artikel von Julia Kospach in der Berliner Zeitung vom 14.10.2002: Verzweiflung ist nicht aktenkundighttp://www.berliner-zeitung.de/…verzweiflung-ist-nicht-aktenkundig,…..html

Bildquelle: Homepage der „Monte Laa´er“ in Wien Favoriten:  http://www.montelaa.biz/monte-laa-geschichte/rudolf-frieml/#diehochzeit. 

Erich Hackl
Die Hochzeit von Auschwitz
Eine Begebenheit
diese Ausgabe: Diogenes-Verlag, Zürich 2002

Kurz nach der Jahrhundertwende wird im Jahr 1906 in Breslau Felix Guttmann geboren. Er ist das einzige Kind eines liberalen jüdischen Tuchhändlers und seiner Frau, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Das Reglement im Haus ist streng, der Vater ist die unumstrittene Herrscherfigur, die Mutter spielt im Leben des Jungen kaum eine Rolle, tritt auch gegenüber dem Mann kaum in Erscheinung. Daß sie, wenn der Mann mit dem Essen fertig ist, das Recht hat, ungefragt zu reden, ist kennzeichnend für ihre Rolle. Dann ist da noch Elena im Haus, der gute Geist, die einzige Person, von der der kleine Felix so etwas wie Zuwendung erfährt. Aber wir wollen ihn nicht allzusehr bedauern, auch wenn seine Kindheit in dieser Beziehung nicht sehr reich war. Ferner dürfen wir Onkel Jona nicht vergessen, den körperreichen Schneider, den er so gerne besuchte und ihm unter dem Tisch sitzend bei seinen Erzählungen, zuhörte. Bei ihm fühlt sich der kleine Felix wohl, dies soll so bleiben, bis Onkel Jona viele Jahre später dem Moloch zum Opfer fällt.

In dieser Umgebung wird Felix groß, oder sagen wir richtiger, wächst er auf, denn groß wird er nicht, er bleibt ein schmächtiges Jüngelchen, das sich gegen die Spielkameraden im Hof kaum durchsetzen kann. Einmal macht er die Erfahrung, daß klug gesetzte Worte einen Streit vermeiden und ihn als „Sieger“ hervorgehen lassen können, ansonsten ist er eher geduldet unter den gleichaltrigen Kindern. Schlimm wird es, als 1914 der Weltkrieg ausbricht, der nachher der „Erste“ genannt werden sollte: ihm kam die Rolle des Feindes zu, des Franzmanns, des Russen, weil er doch der Jud war, bei dessen Schwänzel etwas fehlt, so kreischen sie ihn an.

So wird der hochintelligente Knabe vorwiegend alleine groß, in einer Phantasiewelt, die er sich schafft, in der er lebt und die er auch seinen Eltern vorlebt. In der Schule hat er keine Schwierigkeiten mit dem Lernen, nur Freunde findet er nicht. Bis, ja bis der neue kommt, den es nach Breslau verschlagen hat, der Casimir Liebstock, ein hochgeschossenes, dürres Stück Mensch. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen, doch beschränken sie sich, um die Spannung zu steigern, für die ersten Wochen auf einen Briefverkehr zwischen ihnen, der ihrer beider Leben darlegt; bei der persönlichen Begegnung in der Klasse oder auf dem Hof geben sie sich fremd. Es soll eine Freundschaft werden zwischen den beiden auf Lebenszeit.

Obwohl körperlich klein geblieben, merkt Felix schnell, daß die Mädels, später dann die Frauen, ihn mögen. Er erwidert dies. Und so teilen sie jede für sich, manchmal gleichzeitig, eine Lebensstrecke mit Felix: Irene, Mirijam, Katja, Laura und Olga… in Breslau, später dann in Berlin, wohin er zum Studium der Rechte geht, nicht ohne vorher seinen Vater davon überzeugen zu müssen. Im Kreis um Casimir und Laura wird politisch gedacht, Felix hält sich zurück, teilt vielleicht ihre Ansichten und ihre Ablehnung des herrschenden Regimes und des sich am Horizont abzeichnenden Unglücks, wiegelt aber gerne ab, es wird schon nicht so schlimm werden, Hitler in Haft, er wird doch kaum zurückkommen…. Felix zieht sich in die Rolle des Beobachters zurück, wenn überhaupt, mehr verdrängt er eigentlich als daß er beobachtet, was um ihn herum geschieht. Zusammen mit Mirijam durchstreift er die Berliner Nächte in Theatern, Shows und Kabaretts, das ist seine Welt hier, dort fühlt er sich wohl. Dieses Sich-nicht festlegen wollen, sich nicht einbinden lassen wollen, beherrscht auch seinen privaten Bereich. So sehr er auch liiert ist, die Frage nach der Hochzeit, dem Heiraten, beantwortet er immer mit „Nein“, auch um den Preis der Trennung willen.

Das Studium geht ihm gut von der Hand, er wird zum Doktor der Rechte, macht sich selbstständig mit einer Kanzlei. Sein erster Fall, ihm von einem ihn protegierenden Kollegen ihm vermittelt, ist gleich ein politischer, sein grenzdebiler Mandant wird verurteilt und suizidiert sich später. Felix verlegt sich in der Folge auf Scheidungen… dann wird ein Gesetz erlassen, daß jüdischen Anwälten die Lizenz entzieht, Felix steht (wie viele andere) vor dem beruflichen Aus [5]. Jetzt kann selbst Felix nicht mehr verdrängen, zumal das Straßenbild immer brauner wird. Die Freunde, immer noch Freunde, müssen fliehen, werden verfolgt, Casimir muss ausser Landes gehen, Laura verschwindet… Sommerfeld, sein anwaltlicher Protegé, nimmt ihn mit zu jüdischen Organisationen und jetzt, in der Verfolgung, fängt Felix an, sich als Jude zu begreifen. Er arbeitet im Palästinaamt, in dem Ausreisen von Juden organisiert werden, nicht ohne, daß ihnen vorher noch das letzte abgepresst wird. Aber immerhin, noch läßt man sie um ihr irdisches Vermögen erleichtert, gehen. In letzter Minute, nach einem Termin bei Eichmann, in dem er über Casimir ausgefragt wird, kann auch Felix das Land noch verlassen. Die nächste Dekade seines Lebens verbringt er in Israel, mit einem israelischen Pass wird er in US-Uniform Deutschland 1948 wieder betreten. Er bleibt in Deutschland, arbeitet in Frankfurt als Rechtsanwalt, heiratet sogar, diesmal.

Felix Guttmann stirbt 1977, eine Straßenbahn erfasst ihn und schleift ihn mit sich.

Der Roman Härtlings umfasst nach der Kapiteleinteilung die Jahre 1906 bis 1977, jedoch ist die Zeit nach Felixs Flucht 1937 nur sehr andeutungsweise ausgeführt. So gibt das Buch eher ein Bild des Deutschland in dunkler und in seiner schwärzesten Zeit. Härtling verliert sich aber nicht in Details, er hält ebenso wie sein Held Abstand, deutet an, nennt Namen, aber wenn man diese Namen, so sie einem nichts sagen, googelte, bekäme man eine Zeitgeschichte Deutschlands zustande. So bin ich z.B. hier auch den Rexinger Juden wiederbegegnet, die mich neulich an anderer Stelle überraschten [4]. Stimmungen transportiert Härtling, leise, aber eindringlich, ein Geschichtsunterricht der besonderen Art.

Felix Guttmann ist kein reines Kunstprodukt, ihm liegt eine reale Person zugrunde, eine Person, die ihm nach „langer, vaterloser Zeit den Vater ersetzt hat.“ Denn Härtling bringt sich als Erzähler selbst ein in diesen Roman, versucht, sein Verhältnis zu klären zu Felix, den er geschaffen hat und der ein Eigenleben entwickelte im Lauf der Zeit und dessen Verhältnis zu der realen Person, die er dichterisch vertreten soll. So fließt auch biographisches ein in das Werk, das kalte Verhältnis zum Vater etwa. Aber da ich hier auch nur Angelesenes nachplappere, verweise ich in dieser Beziehung einfach auf die einschlägige Literatur… [1-3] zum Beispiel].

Facit: ein leiser und intensiver Roman über das Schicksal eines Einzelnen, der unpolitisch sein wollte, der sich aber den Zeitläuften nicht entziehen konnte.

[1] Bericht des hr über die Person, die dem Felix Guttman zugrunde liegt
[2] Biographisches zu Härtling aus der BücherWiki
[3] eine Buchkritik in der Zeit
[4] Wenn der Roman sich hier an die historische Wahrheit hält, war Felix Guttmann an der Ausreise eines ganzen Dorfes nach Palästina beteiligt
[5] Eine Dokumentation über die betroffenen jüdischen Anwälte in Berlin ist in Buchform erschienen: Simone Ladwig-Winters: Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933, be.bra Verlag, 2007

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