Aschenputtel: eine Interpretation des Märchens

Aschenputtel gehört zu den beliebtesten Märchen überhaupt, einige seiner Motive wie der Verlust des Schuhs und die Anprobe desselben mit anschließender Hochzeit sind schon aus vorchristlicher Zeit bekannt. Hildegunde Wöller gibt hier eine Deutung des Märchens, die ihre Wurzeln noch viel tiefer in der Vergangenheit sucht, sie geht davon aus, daß es in diesem Märchen gelungen ist, Erinnerungen an eine vormals herrschende Muttergöttin zu konservieren und in eine Form zu bringen, in der sie auch in patriarchalischer Zeit überleben konnte.

Märchen sind nicht mein Spezialgebiet, obwohl ich über die Vorleserei die letzten Wochen doch zum Teil damit zu tun hatte. So war ich schon etwas skeptisch, als ich gefragt/gebeten worden bin, im Kreise einiger (älterer) Damen [2] doch mal etwas über Märchen zu sagen und auch am Beispiel des Aschenputtels etwas mehr in die Tiefe zu gehen. Warum nicht, auch Märchen bestehen letztlich aus Buchstaben und stehen damit dem Lesekundigen offen…. Über Aschenputtel gibt es einiges auch an deutender Literatur und anderen Quellen, sie sind im Internet leicht zu finden. so daß ich hier nichts extra angebe…. Meine Haupt“inspiration“ habe ich jedoch dem Buch von Wöller entnommen. Zwar hat mich der Drewermann [1] mit seiner tiefenpsychologischen Deutung auch interessiert, doch ist er recht kompliziert und war in der Kürze der Zeit in der erforderlichen Sorgfalt nicht durchzuarbeiten.

Zur Märcheninterpretation (im wesentlichen nach Wöller)

Die Mutter stirbt, ein kleines Mädchen bleibt zurück. Und hier schon der entscheidende Satz des Märchens: „Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein!„. Berücksichtigt man das Alter des Märchens (viele Motive sind schon aus vorchristlicher Zeit bekannt) kann man hier (wie es Wöller macht) eine Erinnerung an die Muttergöttinnen vergangener Zeiten sehen (daß der (männliche) Gott erwähnt wird, kann Alibifunktion haben, um eben die Existenz der Muttergöttin zu kaschieren, andererseits kann man über die Deutung der Situation: Muttergöttin stirbt, Mann (=männliche Gottheit ?) bleibt zurück.. heiratet wieder…) auch reichlich spekulieren): DIE Mutter stirbt, die Muttergöttin nämlich und sie lässt ihre Töchter, die Frauen, zurück. Aber sie ist bei ihnen, sie lässt sie nicht im Stich. Sie begleitet ihre Tochter auf ideren Weg, der ein alter, mystischer Initionsritus ist vom Mädchen zur Frau, der in der himmlischen Hochzeit des Mannes mit der Muttergöttin münden soll und wird und der damit das Leben bewahrt und weiterführt. Im Märchen gehört zu den Aufgaben des Aschenputtels das Feuermachen und –hüten, das Essen bereiten, Wasser holen etc., lebenswichtige, -erhaltende Tätigkeiten, die im nachmatriarchalischen, durch die böse Stiefmutter repräsentierten patriarchalischen Zeitalter umgewertet werden zu niederen Arbeiten. Die Tochter fügt sich in diesen Weg. Nur Aschenputtel weiß noch um die Mutter, findet am Grab der Mutter, unter dem Baum, in dem diese lebendig geblieben ist, ihre Mitte. Sie konzentriert alle Stärke nach Innen, geht ihren Weg in aller Konsequenz mit Hilfe der Mutter zu Ende und am Ende des Weges vereinigen sich innere und äußere Schönheit zur vollkommenen Frau, die aber weiß, dass sie zur Vereinigung bei der Himmlischen Hochzeit noch eines entsprechenden Mannes bedarf. Und in diesem Moment hat sie auch die Kraft, ihren Gehorsam hinter sich zu lassen und sich gegen die Stiefmutter aufzulehnen, erst etwas zögerlich (sie zieht aus diesen Prüfungen aber noch mehr Kraft) und dann handelt sie sehr entschlossen gegen das Verbot. So besteht sie auch voller Selbstbewusstsein die letzte aller Prüfungen, die Schuhprobe, besteht. Aschenputtel ist am Ende ihrer Entwicklung angelangt, der Stab weitergegen von der Mutter auf die Tochter, die Täubchen. Boten der Muttergöttin, setzen sich nun auf deren Schultern.

Das Verhalten von AP ist also nur auf den ersten, oberflächlichen Blick von Unterordnung und Gehorsam geprägt. In Wirklichkeit geht sie mit aller nach innen gerichteten Energie den Weg von der Dunkelheit in das Licht des weiblichen Mysteriums, dem Wissen um das Geheimnis von Leben und Tod, der Fruchtbarkeit, der Leidensfähigkeit, der Geduld und der Tragfähigkeit. Weibliche Eigenschaften, die Tugenden sind, sobald man aus der inneren Stärke heraus in der Lage ist, sie auch als Tugenden zu erkennen.

Aber auch der Mann, der Prinz, geht seinen Entwicklungsweg. Ebenso wie Aschenputtel weiß er, dass ihm eine Frau fehlt, und er hat (wie sie) ein genaues Bild von ihr in der Seele, denn als er sie sieht, weiß er sofort, dass Aschenputtel DIE Frau ist, die er sucht: „Das ist meine Tänzerin.“ Aber Aschenputtel macht es ihm nicht leicht. Sie, die schon weiter ist auf dem Weg, zwingt ihn seinerseits zu reifen, in dem sie ihm entflieht und er um sie kämpfen muss, er das Rätsel um ihre Identität lösen muss. Er hat keine Hilfe (der Vater APs, den er fragt, nimmt sogar den Tod des Mädchens in Kauf) und so greift er am dritten Abend (seiner letzten Chance) zu einem drastischen Mittel: er bestreicht die Treppe (vom Wortstamm her verwandt mit engl. Trap: Falle) mit Pech, einem Sinnbild dafür, dass er seine Seele gereinigt und das Dunkle in ihr offengelegt hat. Und er hat Erfolg (im Gegensatz zu dem Vater mit seiner Brachialmethode Hau-drauf): ein goldener Schuh des AP bleibt dort hängen. Im Bild wird also das Reinigen der Seele mit Gold belohnt, der alte alchemistische Traum der Umwandlung von minderwertigem Stoff in Gold geht hier bildhaft in Erfüllung. Da gleichzeitig der Schuh auch ein Symbol für das weibliche Geschlecht ist (sehr bildhaft durch das Hineinschlüpfen in einen Schuh…), signalisiert Aschenputtel dem Prinzen damit auch, daß sie ihn als Mann will. Später wird sich erweisen, dass er jetzt soweit geläutert ist, daß Muttergöttin mit ihm in Kontakt tritt: auch er versteht jetzt wie Aschenputtel die Vögel. (Unklar bleibt, ob er auch mit ihnen reden kann…)

Mit dem Schuh von AP hat er nun den Schlüssel zur Frau, mit der er sich vereinigen will und muss, um die Harmonie der Welt herzustellen. Noch kennt er die richtige nicht, aber er weiß, wo er sie suchen muss. Und er zögert nicht, die falschen zurückzubringen, als er sie durch die Worte der Göttermutter erkennt. Voller Selbstbewusstsein drängt er darauf, auch das unscheinbare Aschenputtel zu sehen. Und dieses seinerseits reinigt sich, aber es hat es nicht mehr nötig, güldene Kleider anzuziehen: es sieht, dass auch ihr Prinz am Ende seines Weges ist. So streift sie den Schuh über und reitet mit dem Prinzen zur (himmlischen) Hochzeit.

zu verschiedenen Symbolen, die im Märchen auftauchen, gibt es hier ein paar Stichworte

[1] Eugen Drewermann: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Der Wolf und die sieben Geißlein, dtv, ISBN-9783423351638
[2] ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Damen für ihr Interesse und ihre rege Beteiligung. Ich habe von euch noch einiges gelernt!

Hildegunde Wöller
Aschenputtel
Kreuz-Verlag, Zürich, 1989, HC, 142 S.
ISBN-3268000185

Nachtrag vom 18. Mai 2010

Ich habe gerade (man sollte öfter mal die eigenen Regale durchforsten) in Grenos „Die Andere Bibliothek“ einen Band mit Märchen gefunden (Asbjoronsen/Moe: Norwegische Märchen, Nördlingen, 1986), deren erstes eins von einem (männlichen) Aschenbrödel ist: „… Du da“, sagten die Brüder zu ihm, „taugst zu nichts anderem als in der Asche zu wühlen!“ Der Inhalt ist ein ganz anderer, es wäre aber sicher sehr interessant, den Symbolgehalt mal aufzuschlüsseln und die Märchen zu vergleichen!

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2 Kommentare zu „Aschenputtel: eine Interpretation des Märchens

  1. Im Bereich Märchen und ihre Deutung bin ich ein paar Wochen über ein Buch gestolpert, was die Mutter in Märchen besonders in der Mittelpunkt rückt. wars sehr interessant zu lesen und vielleicht haben Sie ja auch Interesse das Thema ein bisschen ausführlicher zu lesen. ( die Autorin hat einen Schwerpunkt auf die die Theorien von Jung gelegt, Man versteht das Buch aber auch ohne ihn gelesen zu haben. ;))

    Sibylle Birkhäuser – Oeri:
    Die Mütter im Märchen, Deutung der Problematik des Mütterlichen und des Mutterkomplexes am Beispiel bekannter Märchen
    Verlag Adolf Bonz 1977

    http://www.amazon.de/Jungiana-Beitr%C3%A4ge-Psychologie-Mutter-M%C3%A4rchen/dp/3908116597/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1269128218&sr=1-1

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    1. Ich danke Ihnen für diesen Hinweis. Aber ich bin ja kein Märchenspezialist, in diese „Sache“ bin ich ja eher durch Zufall gerutscht… Im Hinterkopf behalte ich es auf jeden Fall mal, vllt ergibt sich eine Gelegenheit, schließlich hatte die Leserei und Deuterei ja gefallen gefunden…

      lf
      fs

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