Viele von uns, die ‚Rücken haben‘ (oder auch ‚Knie‘ etc pp), werden diesen Begriff schon gehört haben: Feldenkrais oder Feldenkrais-Methode. Was das genau ist, läßt sich auch nach dem Studium dieses Buches, das ich hier vorstellen möchte, nur schwer definieren, aber das ist auch nicht Ziel und Zweck dieser ersten Biografie über den Mann, nach dem diese Methode benannt: Moshé Feldenkrais. Um aber doch einen Eindruck zu geben, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, will ich hier kurz die auf dem Vorblatt zu Feldenkrais‘  eigenem Werk Bewußtheit durch Bewegung [2] angeführte Beschreibung zitieren:

Drei Dinge sind es, die nach Moshé Feldenkrais‘ Überzeugung den Menschen prägen: Vererbung, Erziehung und Selbsterziehung. Feldenkrais zufolge ist der Mensch Gegenstand und Opfer einer repressiven Erziehung und muß sich erst seiner selbst, d.h. auch seines Körpers und dessen Funktionen, bewußt werden, wenn er wirklich Mensch sein will. Die Methode, mit der das erreicht werden kann, ist ein bewußtes Trainieren aller Funktionen, der geistigen ebenso wie der körperlichen. 


Geboren wurde Moshé Feldenkrais im Mai 1904 in Slawuta, einer Stadt in der heutigen Ukraine, damals im zaristischen Ansieldungrayon für Juden gelegen. Es war eine gefährliche Zeit für Juden, auch wenn sie in eine relativ gut situierte Familie hinein geboren worden waren: ab 1905 häuften sich Progrome und Slawuta wurde davon nicht verschont, die Familie Feldenkrais konnte sich 1907 im letzten Augenblick verstecken. Moshé war der Erstgeborene, nach ihm kamen noch die Brüder Baruch und Yona, sowie die Schwester Malka auf die Welt. In der Familie war die Mutter Sheindl die tatkräftige und auch die bestimmende Person, ihre Leidenschaft war es, Armen und Notleidenden zu helfen, eine Passion, die sie bis an ihr Lebensende beibehielt.

Den ersten Weltkrieg erlebten die Feldenkrais´in Baranowicze, einer damals ‚modernen‘ Stadt mit einem Eisenbahnknotenpunkt mit internationalen Verbindungen. Fast jeder zweite der gut zwölftausend Einwohner war Jude, was aber nicht hieß, daß jeder Juden liebte. Ein für den Schüler Moshé prägendes Erlebnis war damals der Zorn, den er bei seinem Lehrer erregte, als er diesen an der Wange berührte, um zu zeigen wo dieser einen Tintenfleck hatte. Nach dieser rüden Abweisung durch den christlichen Lehrer schwor sich Moshé, nie wieder in seinem Leben einen Christen zu berühren.

Die Familie überlebte den Ersten Weltkrieg mit all seiner Not und seinen Gefahren. Daß sich 1917 die Engländer in der Balfour-Erklärung mit dem zionistischen Ziel, in Palästina eine Heimstatt für Juden zu errichten, einverstanden erklärten, animierte (und ermöglichte es dem) den erst 15jährigen 1919 nach Palästina auszuwandern. Moshé wollte damit einerseits dem Erwartungshaltung der Eltern entkommen, erhoffte sich andererseits auch eine Verbesserung seines gesundheitlichen Zustands (er litt seit Monaten unter nicht kurierbaren Halsschmerzen), außerdem beunruhigten ihn die Gerüchte, die im Zusammenhang mit der Revolution herumschwirrten.

Ein Schleuser, so würde man heute sagen, führte ihn durch die Sümpfe auf polnisches Gebiet, von dort aus ging es immer weiter Richtung Mittelmeer. War er allein losgelaufen, so schlossen sich dem Jungen, der ohne Begleitugn anch Erez Israel unterwegs war, immer mehr Menschen an, so daß letztlich Hunderte von Emigranten mit Moshé am Hafen in Italien ankamen.

Tel Aviv – damals noch ein kleines Nest. Moshé muss ein ‚wilder‘ Kerl gewesen sein, als Bauarbeiter hat er mitgeholfen, Häuser für die neuen Siedler zu errichten, abends wurde gefeiert und getanzt, auch junge Frauen waren für ihn keineswegs tabu. Bei Auseinandersetzungen mit Arabern war er nicht feige: er wuchs zu einem ungestümen Muskelpaket heran. In dieser Zeit erlitt er eine schwere Knieverletzung, die Jahre später (indirekt) ausschlaggebend werden sollte für sein weiteres Leben.

Moshé wurde Mitglied der Haganah, der paramilitärischen Untergrundorganisation der Siedler. Er entwickelte ein auf Effektivität ausgelegtes Selbstverteidigungssystem, dessen Methoden bald in die allgemeine Ausbildung der Kämpfer einfloss.

Als ihm durch eine Abweisung klar wurde, welcher gesellschaftlichen Schicht er als Bauarbeiter angehört, beschloss er, sein Abitur nachzuholen. Dies schaffte er aber nur, weil er aufgrund einer schweren Krankheit aufhören musste, auf dem Bau zu arbeiten und er entsprechend dadurch Zeit zum Lernen hatte . 1925 legte er das Abitur ab, 1926 trat er eine Stelle als Landvermesser bei der britischen Mandatsregierung in Palästina an. Die er jedoch schon 1930 wieder aufgab, um nach Paris zu gehen und zu studieren. 1933 schloss er das Ingenieurstudium mit Auszeichnung ab, man bot ihm an, auf der Sorbonne zu promovieren. Zu dieser Zeit lernte der ehemalige Ausbilder der Haganah für Selbstverteidigung in Paris Jigoro Kano kennen, den Vater des Judo. Dieser zeigte sich von dem jungen Mann sehr beeindruckt: Feldenkrais hatte eine effektive Abwehr gegen Messerangriffe entwickelt, die dem Kodokan, dem heiligen Gral des Judo, unbekannt war. Bald war Feldenkrais der Repräsentant von Kanos Judo in Europa und lehrte diese neue Sportart [4].

Beruflich fand Feldenkrais Arbeit beim Ehepaar Joliot/Joliot-Curie, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die Engländer in der Militärforschung, hier lernte er den bekannten Physiker Paul Langevin kennen. Zwar arbeitete er für die Briten, doch durfte er in Frankreich bleiben. Nach der Besetzung Frankreichs gelang es ihm nur knapp – beladen mit einer Menge geheimer Dokumente – mit dem letzten Schiff das Festland zu verlassen. Immer noch gab er – neben seiner militärischen Forschung – Unterricht im Judo. Dabei fiel er sehr unglücklich auf sein seinerzeit verletztes Knie, ein Kreuzbandriss, den er des Risikos wegen nicht operieren ließ. Ein paar Monate später fiel er wiederum – auf das gesunde Knie, das dadurch ebenfalls stark lädiert wurde. Er konnte sich nur noch mühsam hopsend bewegen. Als Moshé am nächsten Morgen erwacht war, versuchte er ins Badezimmer zu gehen. Zu seiner Überraschung ging dies leichter, als er erwartet hatte, denn sein bandagiertes Knie [i.e. die alte Verletzung] schmerzte plötzlich nicht mehr. „Irgendwie hatte das Trauma des bisher guten Knies“, so vermutete Moshé, „das verletzte Bein brauchbarer gemacht. …“. 

Die große, absolut rätselhafte Frage war für Moshé jetzt: Wie kann es sein, daß das gestern noch ‚unbrauchbare‘ verletzte Knie über Nacht – in Grenzen, aber immerhin – funktionsfähig geworden ist? Nach dem ersten ‚Schock‘ stürzte sich Feldenkrais auf alle Informationen, die er zur Funktionsweise des Körpers erhalten konnte – um zu erkennen, wieviel ‚vollkommener Schwachsinn‘ geschrieben wurde und daß es kein einziges Buch gab, das sich damit befasste, wie wir funktionieren. Also musste Feldenkrais dies selbst erforschen….

Ich habe diesen ersten Teil bis zur Geburts- bzw. eher Zeugungsstunde (denn es dauerte noch viele Monate und Jahre, bevor die Methode entwickelt war) etwas ausführlicher (aber keineswegs vollständig) dargestellt, um zu verdeutlichen, welch ein aussergewöhnlicher Mensch Moshé Feldenkrais gewesen sein muss. Es war ja nicht so, daß er bei all seinen Tätigkeiten nur einer von vielen war, sein strotzendes Selbstbewusstsein ließ ihm im Gegenteil jede ihm gestellte Aufgabe anpacken und mit großem Erfolg bewältigen, egal, ob nun als Judoka, auf wissenschaftlichem Gebiet bei Joliot-Curie oder in der Militärforschung bei den Briten, später dann den Israelis. Möglicherweise war es gerade diese Kombination von Fähigkeiten und Kenntnissen aus nicht-medizinischen Gebieten, die ihn seine Fragestellung zur Funktion des Menschen (womit er die unabdingabe und unauflösliche und sich gegenseitig beeinflussende Einheit von Körper und Geist verstand) unter neuen Gesichtspunkten erforschen ließ.

Nachdem er die Prinzipien dieser ‚Einheit‘ erkannt und formuliert hatte, versuchte er, seine Erkenntnisse zu etablieren. Er hatte viele Erfolge bei Einzelbehandlungen (das Biografie beginnt mit der Schilderung seiner ‚Heilung‘ Ben-Gurions), die ihm begeisterte Anhänger bescherten, von medizinischer Seite her schlug ihm jedoch eher Ablehnung entgegen. Sein Traum war ein anerkanntes und gefördertes eigenes Institut gewesen, die Erfüllung dieses Traumes war ihm jedoch nie vergönnt. Die wenigen Chancen, die es zur Gründung einer solchen Einrichtung gegeben hat, verstand er nicht zu nutzen. Es hat ihn auch zeitlebens gekränkt, daß er in seinem Heimatland viel weniger Anerkennung fand als beispielsweise in Amerika, wo er große Kurse abhielt und später dann auch in seiner Methode ausbildete: die Angst, daß sie mit ihm sterben würde, war übermächtig geworden und hatte ihn die Unausweichlichkeit einsehen lassen, Therapeuten und Trainer auszubilden.

Nach Feldenkrais sollte seine Methode den Menschen reifen lassen, er selbst, das erkennt man beim Lesen der Biografie, war für die Richtigkeit dieser These nicht unbedingt ein Paradebeispiel. So einfühlsam er in der Einzelbehandlung von Kranken war, so aufbrausend bis beleidigend konnte er bei der Gruppenarbeit sein. Er redete und diskutierte für sein Leben gern, er raucht, genoss das Essen und die Frauen (seine einzige Ehe wurde nach dem Krieg geschieden, man hatte sich auseinandergelebt).

Moshé Feldenkrais starb 1984 nach diversen Schlaganfällen, Spätfolgen möglicherweise eines Unfalls aus dem Jahr 1971.


Buckards Biografie über Moshé Feldenkrais ist verdienstvoll, um diesen Mann auch in der breiteren Öffentlichkeit etwas bekannter zu machen. Es ist außergewöhnlich, auf wieviel verschiedenen Gebieten Feldenkrais Ausserordentliches geleistet hat. Bleiben wird seine Methode, deren Grundlagen, die wechselseitige Beeinflussung von Psyche und Physis, die insgesamt gesehen eine Einheit bilden, die erst den Menschen in seiner Individualität ausmachen, durch die moderne Hirnforschung bestätigt wird.

Buckard konzentriert sich tatsächlich auf seine Hauptperson, andere Personen werden nur in dem Ausmass berücksichtigt, in dem sie für das Leben von Feldenkrais wichtig sind. Da dem Autoren dessen nicht veröffentlichte autobiografischen Aufzeichnungen zur Verfügung standen [3], bekommt der Text ein hohes Maß an Authentizität. Immer wieder unterbricht Buckard seine Ausführungen durch Zitate entweder von Feldenkrais selbst oder von Freunden über Feldenkrais. Der gesamte Text liest sich sehr flüssig, daß er hochinteressant ist, auch als Zeitdokument, versteht sich bei diesem Lebenslauf von selbst. Wie eingangs schon erwähnt, vermittelt das Buch nur bedingt, was diese von Moshé entwickelte Methode ist bzw. wie sie angewendet oder durchgeführt wird. Zwar wird immer wieder mal beschrieben, wie eine beispielsweise eine Einzelbehandlung (als Appetizer des Buches die von Ben Gurion) ablief, aber dies dient eher zur Illustration der Erfolge, die Feldenkrais so erzielte.

Was mich erstaunt hat, ist der enge Zusammenhang, der sich zwischen der fast meditativen Feldenkrais-Methode und dem Kampfsport Judo, erwiesen hat. Meditativ: als Körperspürübungen, als Achtsamkeitsübungen bauen einige Meditationslehrer Feldenkraiselemente beispielsweise in ihre Kurse mit ein, wobei es ausschließlich um die absichtslose Wahrnehmung dessen geht, was im Körper geschieht, wenn diese oder jene Bewegung gemacht wird. Judo dagegen hat ein Ziel, den Partner zu werfen oder auch (Feldenkrais schien dies als sehr effektiv eingeschätzt zu haben) durch Würgen zur Aufgabe zu zwingen. Feldenkrais bringt beides zusammen, das ‚ju‘ des Judo und Ausschöpfen er Potentiale, die Körper und Geist für den Menschen bereithalten.

Während die von Feldenkrais selbst geschriebenen Bücher keineswegs leicht verständlich sind (er wollte seine Leser durchaus mit Absicht zum Nachdenken über das Geschriebene bringen, nicht nur zum Konsumieren), ist seine Biografie, geschrieben von Bukard eine sehr gut und flüssig zu lesende, zudem noch hochinteressante Darstellung des Lebens von Moshé Feldenkrais. Ergänzt wird der Text ferner durch ein ausführliches Verzeichnis der Quellen und eine Bibliographie, Lea Wolgensinger steuert ein Nachwort bei.

Links und Anmerkungen:

[1] eine Übersicht über die biografischen Daten von Moshé Feldenkrais: https://feldenkraisleipzig.com/moshe-feldenkrais/
[2] Moshé Feldenkrais: Bewußtheit durch Bewegung, FFm, 1996
[3] vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=-gbS7dMK_Js
[4] zum ‚Komplex‘ Feldenkrais und Judo vgl. z.B. hier: http://www.somatics.de/artikel/for-professionals/2-article/84-feldenkrais-and-judo

Christian Buckard
Moshé Feldenkrais

Der Mensch hinter der Methode
mit vielen Abbildungen
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 365 S., 2017

… der Aufenthalt auf dem Mond im Lande des Tages erscheint so angenehm, daß jene, die hoffen können, unverzüglich dorthin zu gelangen, kaum den Tod zu fürchten haben. So ist der Selbstmord eine Versuchung, zu der der Mondgeist ermutigt. Dort oben werden die Auserwählten bei fortgesetzten Jagden und Spielen leben, ohne je Kälte und Hunger zu verspüren und werden auf eine Wiedergeburt warten, um die der Mond sich ebenfalls sorgen wird. …. [3]


Dieses Textzitat soll die ungeheuerliche Tragödie, die Anna Kim in ihrem Buch Anatomie einer Nacht romanhaft aufgearbeitet hat, nicht verharmlosen, sondern vor Augen fähren, daß der Suizid (leider wird auch im Buch immer von Selbstmord gesprochen, ein Ausdruck, der einen völlig falschen Zungenschlag auf den Sachverhalt wirft) bei den Inuit in einem anderen kulturellen Kontext steht als bei uns. Auch die Autorin Anna Kim hält (wenngleich in anderem Zusammenhang) dieses Faktum an einer Stelle ihres Textes fest (dem Sinne nach: „… daß die Kultur der Inuit den Selbstmord nicht verurteilt …“[S.283]). Es wäre sicherlich eine interessante Diskussion, welche Auswirkung eine solche Einstellung zur Selbsttötung auf eine Gesellschaft hat.

Anna Kim, deren wunderbare Geschichte aus einem fernen Land [2], nach dessen endgültiger Teilung neben ihrem Geburtsland ein so skurril wirkender Staat wie Nordkorea entstand, mir so gut gefiel, hat schon 2012 mit Anatomie einer Nacht einen äußerst bemerkenswerten Roman verfasst, der aus dem Üblichen herausfällt. Es liegt ihm eine Tragödie zugrunde: 2008 hatten sich in einer Stadt im Osten Grönlands, in Tasiilaq, in einer Nacht fünfzehn Jugendliche versucht, zu suizidieren, davon starben elf [4]. Dieses Ereignis ist jedoch nur ein trauriger Tiefpunkt der Tatsache, daß die allgemeine Suizidrate auf Grönland extrem hoch liegt. Einer Studie aus den Jahren 2005 bis 2007 beispielsweise hat u.a. ergeben, daß „… 25 Prozent der jungen Frauen und 17 Prozent der jungen Männer … bereits einen Suizidversuch unternommen [hätten]“ [5].

Anatomie einer Nacht versucht an Hand dieser einen Nacht, Gründe oder Ursachen für dieses Phänomen zu finden. Dazu hat Kim vor Ort recherchiert, auch einige Zeit dort bei einer Inuitfamilie gelebt [6]. Herausgekommen ist ein schwieriges Buch, in dem sich letztlich die Geschichte und Unterdrückung eines Volkes durch ‚Eroberer‘ widerspiegelt, deren Einfluss die alte Kultur zurückgedrängt und in großen Teilen zerstört hat. Die elf individuellen Schicksale, die Kim uns, dem Verlauf dieser Nacht folgend, schildert, sind voll von Toten, von Suiziden, von Alkohol, von Entwurzelung, von Missbrauch und von Mord. Die Inuit sind des Schreibens und Lesens meist nur eingeschränkt fähig, übermäßiger Alkoholgenuss bis zum Eintritt der Gesichtslähmung betäubt sie und entführt sie eine Zeit lang aus dem Elend ihrer Existenz, die hart am Rand des Minimums verläuft, ein großer Teil ihrer sowieso schon geringen Einkünfte werden für Alkohol ausgegeben. Die dänische Oberschicht schaut herab auf sie, nutzt ihre Überlegenheit aus, Missbrauch ist nicht selten, führt hin und wieder zu unerwünschten Schwangerschaften. Manchmal werden Inuitkinder adoptiert, dann beschleicht einen das Gefühl, sie seien eher so etwas wie Haustiere denn Spielkameraden für die dänischen Kinder oder Inuit gelangen über Eheschließungen auf´s Festland nach Dänemark und sind dort als Grönländer Menschen zweiter Klasse. Zwar mögen sie sich an die Kultur und die Lebensbedingungen in Dänemark gewöhnen, aber für die Dänen sind und bleiben sie Grönländer und für die Grönländer werden sie zu Abtrünnigen.

Es ist die Geschichte der Zerstörung einer Kultur, die alten Legenden haben ihre Kraft verloren, die Schamanen sind nicht mehr zuständig für die Seelen der Menschen, für die jetzt der Pfarrer so sorgen hat. Und parallel dazu sind die ehemaligen Lebensgrundlagen geschwunden, zwangsweise eingetauscht gegen Errungenschaften europäischer Zivilisation. Männer, die früher ihr Selbstbewusstsein aus der Jagd schöpften, sind entmutigt, deprimiert: die Jagd wird immer schwieriger, die Tiere weniger… aber das Gewehr ist noch da… die Existenz zieht wie Ballast am Leben, sie unterdrückt jegliche Lebensfreude, dazu kommen die äußeren Umstände auf Grönland: die Schwärze der Nacht, die undurchdringliche Dunkelheit, die sämtliche Grenzen verwischt und auflöst und die zusammen mit der schreienden Stille den Eindruck erweckt, aufgesogen zu werden in eine alles verschlingende Unendlichkeit.

Mildernde Umstände…. in dieser Passage [S. 283ff] hat Kim eine Art Resümee der sozialen Umstände des Lebens der Inuit und der sich daraus ergebenden Epidemie … als sich ganze Wohnblocks solcherart zu leeren begannen, gegeben und der Unfähigkeit der Dänen, zu erkennen, daß das Leben dieser Menschen eben nicht nach den Gesetzen eines europäischen Lebens verläuft: Warum, fragten sie, nehmen sich diese Menschen das Leben, sie haben doch alles, was man braucht, haben ein Zuhause und Geld für Nahrung, wir geben ihnen doch alles …. sie verstanden nicht, dass all das Geld, das von Dänemark nach Grönland floss, keine milde Gabe war, sondern die Bezahlung für eine Selbstaufgabe, die in diesem Ausmaß unbezahlbar war. 

Was Kim uns erzählt, sind meist keine Bilanzsuizide oder Suizide aus einem Affekt heraus. Fast scheinen die Tode wie das natürliche und logische Ende, das eigentlich gar nicht anders sein kann, weil das ganze Leben darauf hinausgelaufen ist und jetzt, in dieser Augustnacht ist es eben genau der Zeitpunkt zum Sterben gekommen oder durch einen Auslöser angetriggert worden. …die Frau verläßt das Waschhaus, bevor die Wäsche fertig ist, küsst zu Hause das Kind noch einmal, legt sich für Minuten zu ihm ins Bett, holt dann einen Gürtel und hängt sich auf… als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, daß dies jetzt so sein müsse… ein anderes Mal vermutet man eine genetische Fixierung, schon mit neun Jahren hatte … Iven das erste Mal versucht, sich umzubringen, doch er hielt nicht lange genug im kalten Wasser aus, … Mit vierzehn Jahren hatte er es das zweite Mal probiert, doch er schoss daneben, … mit sechzehn wurde er unterbrochen, als er versuchte, sich zu aufhängen: Sein Vater kam ihm zuvor. Am Tag nach seiner Hochzeit erhängte sich sein ältester Bruder, und eine Woche, ehe sich dieser tötete, brachte sich sein Onkel um. 

So ist Anatomie einer Nacht in mehrerlei Hinsicht ein schwieriges Buch: zum einen des Inhalts wegen zum anderen der Art und Weise wegen, in der Kim in darbietet. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern wechselt immer wieder (auch unvermittelt und plötzlich) die Zeitebenen der Gegenwart und verschieden lang zurückliegender Vergangenheiten. Erkenntlich oft erst nach ein paar Zeilen, wenn man sich wundert, wo der Zusammenhang ist. Leichter wird es, wenn man im Gedächtnis behält, daß die Schilderung aktueller Vorgänge im Präsenz , die vergangener Ereignisse dagegen im Imperfekt beschrieben sind. In gleicher Weise wechselt Kim oftmals zwischen den einzelnen Personen, deren Schicksal sich im Lauf der Darstellung teilweise als miteinander verzahnt erweist, ohne daß darin jedoch ursächliche Zusammenhänge erkennbar sind. Schwierig auch die Passagen zu verstehen, in denen Kim den nahezu mystischen Einfluss der Natur, deren Farben sich vorwiegend zwischen Weiß und Schwarz bewegt, die so blumen- und blütenfeindlich ist, daß man sich auf alle Viere begeben muss, um Blumen, die am Boden kriechend leben, überhaupt zu erkennen. Die Dunkelheit, das Schweigen, die Stille, die Schwärze: das Nichts, das sich darin zu materialisieren scheint, herrscht über die Gemüter.

Anatomie einer Nacht: ein schwieriger, anstrengender, deprimierender Roman, aber auch eine tiefgründige,  einfühlsame Analyse eines Volkes, das von einer fremden Kultur beherrscht seinen materiellen und geistigen Halt verloren hat und sich dem Ausweg hingibt, den die alte Lebensweise ihm von alters her offengehalten hat. Die lebensfeindliche Natur mit ihrer alles verschlingenden stillkalten Schwärze tut ein übriges dazu.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2]  Anna Kim: Die grosse Heimkehr (Besprechung hier im Blog)
[3] zitiert aus: E. Lot-Falck: Die Mythologie der Eskimos, in: Mythen der Völker 3 (Hrsg: Pierre Grimal), Fischer TB, 1977; Zitat: S. 303
[4] vgl. z.B. hier:  http://diepresse.com/home/…groenlaendischem-Dorf
[5] vgl. z.B. hier: http://www.rp-online.de/…groenland-aid-1.2022858
[6] http://www.deutschlandfunkkultur.de/…article_id=224422

Anna Kim
Anatomie einer Nacht
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 300 S., 2012

 


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Anthony McCartens funny girl erschien 2014 in deutscher Übersetzung, interessanterweise habe ich keine englische Ausgabe gefunden, auch bei z.B. goodreads wird nur auf den bei Diogenes erschienen, übersetzten Roman verwiesen [3]. Falls es tatsächlich keine englischsprachige Ausgabe gibt, hat dies möglicherweise (aber das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits) damit zu tun, daß die Hoffung des Autoren, jeder würde das Buch als Aufruf zur Toleranz und ‚Brücke zwischen den Kulturen‘ verstehen, dann doch nicht so gesichert ist [4]. Sei es drum, vielleicht gibt es ja auch verlagsinterne Gründe für diese zumindest ungewöhnliche Publikationsgeschichte.


Bei funny girl (nicht zu verwechseln mit der 1964 mit gleichen Titel publizierten Geschichte (?) etc pp. einer gewissen Isobel Lennart; sogar der große online-Händler ist hier ins Schleudern geraten [5]) handelt es sich um die Geschichte des Emanzipationsprozesses einer jungen Britin, deren Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei geflohen und nach England emigriert sind.

Die Familie Gervas wohnt in Green Lanes [6], einer Gegend im Norden Londons, in der sich viele kurdische bzw. türkische Emigranten angesiedelt haben, so daß diese hier im Großen und Ganzen ihr Leben noch nach den Traditionen ihrer Herkunftsorte gestalten können. Zwar haben sie sich durchaus eingerichtet im neuen Land, die Gervas sprechen sogar mittlerweile in der Familie im Alltag die Sprache des neuen Landes, wenngleich sie in Krisensituationen wieder in die uralte Sprache ihre Heimat mit all den Gesten und Mimiken ‚zurück’fallen. Der sowieso schon immer potentiell schwelende Konflikt zwischen den Generationen wird in diesen Familien durch den Zusammenprall der Kulturen in seiner Härte noch potentiert. Die erste Generation, der die Titelheldin Azime angehört, ist zwischen den zwei Kulturen wie zwischen zwei Mahlsteinen eingeklemmt, denn deren konstituierenden Merkmale sind kaum miteinander zu vereinbaren.

Diesen existentiellen Konflikt bekommt Azime zu spüren. Sie, die zwanzigjährige Britin, liebt das Leben, sie lacht gerne so wie sie gleichfalls die Begabung hat, sich Witze zu merken und sie zu erzählen. Sie kann ihre beste Freundin Buna damit aus deren Trübsal über ihr Schicksal, das dem Azimes entgegengestellt wird und ihr den Horror vermittelt, den ein tradionelles Leben potentiell für sie als Frau bereit hielte, herauskatapultieren und ins Lachen bringen. In der elterlichen Wohung dagegen darf sie der kleine Bruder mit seinen sechzehn Jahren ungestraft, mit Billigung des Vaters, ohrfeigen, er wird sie bald im Auftrag des Vaters aus Lokalen zerren, in denen sie sich mit einem jungen Männern getroffen hat: die traditionelle Rollenverteilung des ländlichen Kurdistan lebt in der Wohnung weiter. Azime unterliegt zuhause in solchen Fällen der Standardstrafe der Mutter für ungebührliches Verhalten (x Tage Zimmerarrest). Ferner muss sie im schlecht laufenden Möbelgeschäft des Vaters arbeiten, diese ungeliebte Beschäftigung bietet ihr andererseits Muße für ihre Träume.

Da Azime aber niemand ist, der sich das alles gefallen läßt (so hat sie sich seinerzeit nach dem Probemonat beispielsweise geweigert, weiterhin ein Kopftuch zu tragen) kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzung, auch ist Azime zu Heimlichkeiten gezwungen und zu Lügen. Daß sie zum Beispiel Deniz kennt, diesen ungeheuer sympathischen Schlacks, durch den ihr Leben einen entscheidenden Kick bekommen sollte.

Deniz nämlich ist im eigenen Verständnis der so ziemlich weltbeste Stand-up Comedian, den man sich vorstellen kann. Daß dieses Verständnis ein Alleinstellungsmerkmal von Deniz ist, merkt Azime schnell, als sie ihn eines Abends heimlich in den Comedy-Kursus von Kristin begleitet….

Der weitere Ablauf der Handlung ist jetzt vorhersehbar: für Azime wird es eine reale Möglichkeit, als Comedian (die erste muslimische Stand-up Comedian der Welt) aufzutreten – und zwar in einer Burka, denn natürlich darf niemand erfahren, wer sie ist und was sie dort treibt…. nach anfänglichen Problemen (natürlich ist Azime schüchtern, hat Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstein etc pp) kommen erste Erfolgserlebnisse und sie merkt, daß sie den Menschen etwas zu sagen hat und sie zum Lachen bringen kann…

Azime bekommt aber auch sofort die Schattenseiten zu spüren. Dank Deniz, der sich als ihr Manager geriert, erfährt die Presse ihren Namen und damit ist zuhause die Hölle los. Aber nicht nur zuhause brodelt es, auch bei Facebook schlägt ihr offene Feindschaft bis hin zu (Mord)Drohungen entgegen. Diese Drohungen sind keineswegs nur so dahingesagt, Azime und Deniz werden nach einem Auftritt sehr real attackiert.

Es gibt Zeiten des Zweifels, der immer währenden Angst – natürlich, wer könnte dies verdenken. Der Druck der Gemeinschaft ist groß, die Familie wird zusammengetrommelt und Azime steht ganz allein gegen alle, die sie, die Abtrünnige, zurückholen wollen in die althergebrachten Traditionen. Die steten Verheiratungsversuche der Mutter beispielsweise (die Azime jedoch sehr witzig zu lesen stets erfolgreich sabotiert) sind eine parallel laufende Nebenhandlung in der Geschichte.

So geht es eine ganze Zeit lang hin und her, bis es dann etwas ’süßlich‘ wird: der Vater (der die Tochter natürlich heiß und innig liebt) entdeckt deren versteckte Notizen und Einfälle und kann sich vor Lachen kaum noch halten, auch ist er in seiner Eitelkeit geschmeichelt, denn Azime hat viele seiner Sprüche für ihre Auftritte notiert. Azime andererseits hat bei dem Versuch, sich dann doch in die Gemeinschaft einzufügen, endgültig gemerkt, daß sie das nicht kann. Zudem bekommt sie das Angebot zu einem Auftritt, daß sie einfach nicht abschlagen kann… und unter den fünfzehntausend Zuhöreren ist schluss- und endlich auch ihre gesamte Familie. Ende gut, alles gut?


funny girl, das sei zu Anfang festgehalten, ist trotz des ernsten Themas ein sehr amüsant und gut zu lesender Roman, er ist Unterhaltung der besseren Art. Es gab einige Stellen, an denen ich laut aufgelacht habe, weil die Azime in den Mund gelegten Sprüche das einfach verlangten. Aber auch die Geschichte als solche ist natürlich wichtig.

Es ist der – jetzt hätte ich fast geschrieben: die ewig alte Geschichte vom – Zusammenprall der Kulturen am Beispiel des Lachens. Der Westen mit seiner auf individuelle Freiheit ausgelegten Kultur, in dem das Lachen, der Witz keineswegs verpönt ist, im Gegenteil, und dem Islam, für den das Lachen eine seichte Ablenkung ist vom wahren und gläubigen Leben (den vermeintlich schädlichen Einfluss des Lachens hat ja schon Umberto Ecos in seinem Roman Im Namen der Rose erfolgreich thematisierte).

Azime als Heldin der Geschichte ist sehr mutig. Sie nimmt die Position einer Aussenseiterin in Kauf, eines Menschen, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, in die er hineingeboren worden ist, in der er eingehüllt und getragen werden könnte. In der Geschichte werden ihr mehrere Personen gegenübergestellt, die genau dies machen: ihre jüngere Schwester Döndü, die allen verbalen Bekundungen zum Trotz letztlich das Kopftuch tragen wird, weil sie nur dadurch in der sie umgurrenden Gemeinschaft der Frauen bleiben kann, die Mutter Babite selbst natürlich, die die traditionellen Werte des verlassenen kurdischen Dorfes lebt und leben will, die beste Freundin Banu, die sich ihre unglückliche, von massiver häuslicher Gewalt geprägte Ehe schönredet… und dann war da noch dieses sechzehnjährige Mädchen, das ebenfalls wie Azime rebelliert, weil es in einen italienischen Jungen verliebt war, den sie nicht lieben durfte und das den Eltern den Gefallen tat, ihnen den Ehrenmord zu ersparen, indem es vom Balkon springt….

In einem zweiten Aspekt weist die Titelheldin ebenfalls großen persönlichen Mut auf, unterstützt und ermuntert durch ihren Freund Deniz: sie überwindet die Angst, die ihr durch Hass und Drohungen eingeflößt wird. Sie wird als Witze erzählende, in einer Burka öffentlich auftretende Muslima zur Hassperson per se, auf sie konzentriert sich die angesammelte Wut und Frustration all derer, die sich berufen fühlen, ihr radikales Verständnis von Religion und Kultur zu verteidigen – und das sind nicht wenige und sie sind nicht zimperlich.

McCarten läßt das Ende seiner Geschichte teilweise offen. Weiter vorne schrieb ich, daß es etwas ’süßlich‘ wird, damit meinte ich die letztendlich stattfindende Aussöhnung mit der Familie. Offen bleibt jedoch, wie sich der Hass, der sich in den sozialen Netzwerken, aber ebenso ganz konkret in Angriffen auf Azime persönlich, zeigt, weiter entwickelt.


McCarten greift in funny girl aktuelle gesellschaftliche Phänomene auf: die Zerrissenheit der ersten Generation zwischen den alten Traditionen des Herkunftslandes der Eltern und dem Land, in dem sie groß geworden und aufgewachsen sind. Dieser Zwiespalt äußert sich teilweise radikal mit Hass und Gewalt: anonym und enthemmt in sozialen Netzwerken, aber auch mit anonymen Briefen, mit ganz handfesten Angriffen auf Leib und Leben. Nicht umsonst läßt der Autor seine Geschichte vor dem Hintergrund der Serie von Terroranschlägen 2005 in London spielen.

Anthony McCarten ist in Neuseeland geboren, lebt aber in London. Muslim ist er erkennbar nicht (zumindest für mich), in funny girl schreibt er also über eine gesellschaftliche Gruppe, der er selbst nicht angehört. Natürlich klingt das, was er schreibt, plausibel und glaubhaft – es bedient schließlich alle Vorurteile, die man als Leser möglicherweise selbst hat und widerspricht auch nicht dem, was man gegebenenfalls tatsächlich gesehen oder gehört hat, entweder in persönlichen Erlebnissen oder durch z.B. Hasskommentare und -beiträge auf Facebook. Trotzdem habe ich mir beim Lesen immer mal wieder vor Augen gehalten, daß funny girl ein Roman ist, daß er mit einiger Sicherheit verdichtet, zuspitzt, akzentuiert und übertreibt: er ist kein Tatsachenbericht und man sollte ihn nicht dazu missbrauchen, eigene Vorurteile bestätigt zu sehen. Möglicherweise hat McCarten auch aus diesem Grund einen ’schlechten‘ Christen mit in seine Geschichte eingebaut.

funny girl ist trotz des ernsten Themas ein sehr witziger Roman, McCarten fügt immer wieder Passagen ein, in denen er das ‚Programm‘ von Azime (und anderen Comedians) wiedergibt. Nicht weniger köstlich sind die Szenen der angestrebten Verheiratungen Azimes durch die Mutter und schließlich die Treffen der Tochter mit den bedauernswerten Kandidaten. McCarten versteht es, zu formulieren, zu erzählen, zu unterhalten. Dialoge, Gespräche und Beschreibungen wechseln sich ab, mit der ‚Nebenfigur‘ Kirsten, die Leiterin des Comedykurses, hat er eine sehr lebenskluge Frau in die Handlung mit hereingebracht. Azime, die Heldin der Geschichte, wächst einem im Lauf der Handlung immer mehr ans Herz, so viel Angst, aber auch so viel Mut und so viel Witz…

… und wer dann noch eine Aufzählung von Oxymora zu schätzen weiß, der ist mit funny girl absolut richtig bedient.

Und? Hat jetzt jeder mitbekommen, wie gut mir das Buch gefallen hat, wie gern ich es gelesen haben? Nicht? Na ja, für euch sag ich´s noch deutlich: Well done, McCarten!

Links und Anmerkungen:

[1] die Autorenseite beim Verlag: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/m/anthony-mccarten.html
[2] —
[3] vgl. Bibliographie bei goodreads:  http://www.goodreads.com/author/show/288213.Anthony_McCarten
[4] vgl. hier: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/175223/index.html
[5] vgl. hier: https://www.amazon.com/funny-girl-Isobel-Lennart/dp/3257068921/ref=asap_bc?ie=UTF8
[6] die Gegend, in der der Roman spielt, wie sie bei Wiki beschrieben wird: https://en.wikipedia.org/wiki/Green_Lanes_(London)

Mehr von Anthony McCarten auf diesem Blog:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden

Anthony McCarten
funny girl
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: ? 
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 370 S., 2014

Eckhard Fuhr: Schafe

13. Juli 2017

Bücher- und Naturliebhaber werden sie kennen, die Reihe Naturkunden, die bei Matthes & Seitz in Berlin verlegt werden, betreut und herausgegeben von Judith Schalansky. Als Band oder vielmehr Bändchen (denn diese Portraits einzelner Tier- und Pflanzenarten sind meist schmal) No 31 sind Schafe das Thema. Da ich seit Jahrzehnten selbst Schafhalter bin, nehme ich mir die Freiheit, diese Besprechung mit einigen Bildern der eigenen Schafe zu illustieren.

 

Der Autor Eckhard Fuhr, nach eigenen Angaben Journalist, Jäger und Waldläufer beginnt seine Ausführung mit einem tagesaktuellem Aufhänger: dem Wiederauftauchen des Wolfes in heimischen Regionen, aus/in denen der Beutegreifer vor anderthalb Jahrhunderten endgültig vertrieben/ausgerottet worden war. Der Wolf ist sozusagen der natürliche Feind des Schafes, da diese für ihn die adäquate Beute darstellen, zumal, wenn sie auf Koppeln gehalten dicht beieinander stehen. Auch wenn Schafe in Deutschland nie ein wirklich wichtiger Produktionsfaktor in der Landwirtschaft waren, tritt hier ein Interessenkonflikt auf, da die Schäfer sich zum Schutz ihrer Herden wieder auf lang vergessene Praktiken besinnen müssen bzw. auch die Gesellschaft – so sie die Rückkehr des Wolfes will – ihn entschädigen muss.

Dem Schaf haftet friedfertiges an, die Opferrolle. Wer jedoch je auf eine Schafkoppel geraten ist, in der ein z.B. Ostfriesischer Milchschafbock im Ritt ist, wird gemerkt haben, daß diese Friedfertigkeit nicht unter allen Bedingungen gewahrt wird, weit über hundert Kilo kampfbereite Kraft, die auf einen zustürmen, flößen Respekt ein und verleihen eine ungeahnte Fluchtgeschwindigkeit. Nichtsdestotrotz hat das Schaf als ‚Lamm Gottes‘ und Symbol Christi in der christlichen Religion einen zentralen Platz eingenommen, ist als Osterlamm aus diesem Fest nicht wegzudenken und steht auch in Begleitung von Ochs und Esel zu Weihnachten an der Krippe. Aber auch im weltlichen Rahmen symbolisiert das Schaf heute vor allen anderen landwirtschaftlichen Nutztieren noch oder wieder eine Rückbesinnung auf die Natur, auf natürliches Leben: der Beruf des Schäfers ist auch bei Frauen beliebt (wenngleich die harte Realität schon oft so manche romantische Vorstellung widerlegt hat), die Haltung von Schafen, auch seltener Rassen, selbst wenn es nur wenige sind, Liebhaberei von Menschen, die sich etwas Gutes tun wollen.

Wo kommt es her, unser Schaf? Zusammen mit der Ziege gehört es zu den ersten domestizierten Wildtieren, die Forschung geht davon aus, daß es ca. zehn Jahrtausende (vielleicht auch zwölf) her ist, daß man im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds das Wildschaf häuslich machte. Stammvater des Schafs ist das Mufflon, das heute noch in der Wildform auf Korsika und Sardinien lebt, aber auch in heimischen Gefilden anzutreffen ist und – sofern der Wolf zurückkehrt und sich wieder einbürgert – durch diesen ausgerottet werden wird. Das mag bedauerlich klingen, ist aber durchaus zu begrüßen. Schon heute besteht prinzipiell für die Jägerschaft (vgl. Landesjagdgesetz Rheinland-Pfalz §31 Abs. 4) unter bestimmten Bedingungen die Abschusspflicht für weibliche und für Jungtiere [3]. Das Muffel ist nun mal keine heimische Tierart, im übrigen bekommt ihm, aus steinigen Gebirgslagen stammend, weder unser gutes, eiweißreiches Futter noch die weichen, feuchten Böden besonders gut [4]. Neben dem Mufflon gibt es noch weitere Wildschafarten, überhaupt ist das Schaf eine Tierart, die in weiten Teilen der Welt vorkommt: in Asien z.B. das asiatische Argali oder in Amerika das Dickhornschaf.

Mit dem Schaf erschloss sich der Mensch ein Tier, das Wolle, Fleisch und Milch lieferte, und dazu aus Ressourcen, die ihm ansonsten unzugänglich geblieben wären: der Wiederkäuer Schaf kann Futter verwerten, das qualitativ schlecht ist bzw. auf Böden wächst, auf denen kein anderes, hochwertiges Futter (oder auch Getreide) gedeiht.

Aber das Schaf brachte nicht nur Segen über die Menschen. Spätestens mit der Erfinung der Spinnmaschine wurde Wolle so wertvoll, daß es lohnend war, Ackerland in Weide umzuwandeln. Wo vorher -zig Menschen von Ackerbau lebten, fanden danach nur noch wenige Arbeit beim Hüten der Schafe. Ganze Landstriche z.B. in England wurden menschenleer, die wildromantische Landschaft Schottlands ist Ergebnis einer solchen Vertreibung der Bevölkerung an die Küsten. Das in Kleinstaaten zersplitterte Deutschland entkam diesem Phänomen, kein Landesfürst konnte es sich leisten, der Wolle wegen seine Untertanen zu vertreiben.

Die ‚Transhumanz‘ ist ein Begriff, der nicht jedem geläufig sein wird. Er bezeichnet die Wanderweidewirtschaft, also die Wirtschaftsform, in der Schafe teils über weite Strecken auf Jahrhunderte alten Pfaden (‚Triften‘) zwischen Sommer- und Winterweiden hin- und hergetrieben werden. Sie kommt ohne Stall und Winterfütterung aus und ist nicht an einen landwirtschaftlichen Betrieb gebunden, schreibt Fuhr [7]. Andere altherbebrachte Wirtschaftsformen sind der Wanderschäferei in z.B. Süddeutschland und die Alpwirtschaft in Gebirgen. Bei wandernden Schafherden kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, auf den Fuhr ausführlich eingeht: der Hund ist wichtig als Helfer und Partner des Schäfers.

Das Hausschaf existiert in vielen Rassen, die nach diversen Kriterien systematisiert werden können. Mitte des 18. Jhdts. fand in Deutschland eine Revolution statt: der württembergische Herzog schickte eine Delegation aus, die aus Spanien Merinoschafe mit ihrer extrem feinen und wertvollen Wolle besorgen sollte. Die Expedition war erfolgreich, mit den eingeführten Merinos wurden die genügsamen heimischen Landschafe veredelt zu der heute weitverbreiteten Rasse der Merinolandschafe. Auf einen leicht übersehenen Effekt dieser Aktion mach Fuhr aufmerksam: die konservativen heimischen Schäfer taten sich schwer mit den neuen Tieren und mussten in neu zu gründenden Schäferschulen an-, ein- und umgelernt werden mit dem Ergebnis, daß sich das allgemeine Bildungsniveau erhöhte, Schäfer des Lesens und des Schreibens mächtig wurden.

Bevor Fuhr am Ende seines Büchleins einige Schafrassen beschreibt, geht er noch einmal auf die von mir vorstehend schon erwähnte moderne Bedeutung des Schafes im Kontext mit der Rückbesinnung auf die Natur (die neue ‚Landlust‘) ein. Dieser im gesamten Buch durchgängig etwas romantisierend eingefärbte Blick auf unserer Beziehung zum Schaf wird durch diverse Abbildungen unterstrichen. Gemälde von Caspar David Friedrich (Der einsame Baum), Thomas Sidney Cooper (der Schafe wohl zu seinen Lieblingsmotiven gezählt haben dürfte) oder auch das berühmte Agnus Dei von Francisco Zubaran. Neben den genannten Gemälden enthält das Bändchen noch eine Vielzahl weiterer Abbildungen.

Der Rassenportraits sind es nicht allzu viele angesichts der vielen existierenden Rassen. Die Portraits sind – so Fuhr – weitgehend nach persönlichem Gefallen ausgesucht. btw: Die „eindrucksvoll gedrehten Hörner bei den Böcken“ der Heidschnucke nennt man im übrigen ‚Schnecken‘, weiß man dies, kann man bei Heidschnuckenhaltern Punkte sammeln….


Fuhrs Rassenportaits Schafe ist weniger ein Sachbuch über Schafe als vielmehr eine kleine Kulturgeschichte der Beziehung Mensch-Schaf. So schön dieses Thema ist und so ansprechend es in Schalanskys Reihe dargeboten wird, so ist es doch etwas einseitig, es vernachlässigt einen sehr negativen Aspekt der modernen Zeit: das Schaf an sich als Wirtschaftsgut im Rahmen der Globalisierung. Was hier so geschraubt klingt, ist grausame Realität und gehört auch zum Lebensbild des Schafes: Die Verschickung von abertausenden von Tieren unter grausamen Bedingungen von Europa aus in den Nahen Osten oder in die Türkei oder auf der anderen Erdhalbkugel die Transporte von Schafen aus Neuseeland in alle Welt. Youtube bietet unter den entsprechenden Suchwörtern genug Anschauungsmaterial für diese Qual, welche Menschen des Profits wegen den Tieren antun. Dieses traurige, verabscheuungswürdige Faktum gehört in die Wechselbeziehung Mensch-Schaf genauso hinein wie die so romantisch daher kommende Transhumanz. So schön und liebens- und damit auf jeden Fall auch empfehlenswert Fuhrs Büchlein also ist: es ist auch unvollständig, verschweigt in seiner kulturgeschichtlichen Ausrichtung all diese Inhumanitäten, die wir den Schafen antun. Nicht immer, nicht überall – aber viel zu oft. Und kaum ein Verbraucher, der im Supermarkt neuseeländisches Lammfleisch kauft, macht sich Gedanken darüber, was dahinter steckt [5]. Und dies ist nur ein Beispiel.

In diesem Sinnzusammenhang auch wenig kritisch möchte ich noch folgende Anmerkung anbringen: Im Abschnitt ‚Rasseportraits‘ zum Karakulschaf steht: „…hat das Fell neugeborener Karakullämmer einen seidigen Glanz….“ (Hinweis: es ist das Ausgangsprodukt für Persianerfelle). Dieser auf den ersten Blick harmlos klingende Satz bedeutet bei näherem Hinsehen natürlich, daß diese Lämmer nach der Geburt getötet werden, ihnen wird das Fell vom Leib gezogen und der Rest dann entsorgt. Ja, sogar das Töten der Föten noch im Mutterleib ist nicht unbekannt [6]. Wie immer im Leben bringt das Hinterfragen auch von auf den ersten Blick unverdächtigen Aussagen manchmal Häßliches zu Tage.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Reihe Naturkunden beim Verlag Matthes & Seitz Berlin
[2] Judith Schalansky: der kurze Eintrag bei der Wiki
[3] Landesjagdgesetz (LJG) Rheinland-Pfalz, vom 9. Juli 2010
[4] https://www.oejv-bayern.de/presseinformationen/1609-pm-muffelwild/
[5] das internet bietet hierzu natürlich viel Information, hier ist nur eine dieser Quellen, willkürlich ausgewählt:  http://www.tier-im-fokus.ch/..ostern_ein_lamm
[6] http://www.pelzinfo.ch/pelztiere/karakulschaf/pelzgewinnung.html
[7] ich bin gerade durch Zufall auf diese Besprechung eines Bildbandes über die Transhumanz gestoßen: http://www.auf-den-berg.de/bergfilm-und-outdoor-buch/ueber-gletscher-und-grenzen/

Weitere Bücher der Reihe Naturkunden von Matthes & Seitz in diesem Blog:

Holger Teschke: Heringe
Jutta Person: Esel und von
Cord Riechelmann: Krähen

und von Judith Schalansky, der Herausgeberin gibt’s außerdem im Blog noch über:

den Atlas der abgelegenen Inseln
und den Der Hals der Giraffe zu lesen.

Eckhard Fuhr
Schafe
Ein Portrait.
Illustration: Falk Nordmann
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, 136 S., 2017

%d Bloggern gefällt das: