Die Summe der Tränen bleibt konstant.

Eine Frau in Berlin, ein etwas antiquiert klingender Titel, sind Tagebuchaufzeichnungen einer ca. Dreißigjährigen, die den Zeitraum vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 überstreichen. Drei dichtbeschriebene Schulheft, deren Inhalt – so wird im Vorwort erläuterte – noch im Juli ´45 aus der frischen Erinnerung heraus ausführlicher dargestellt und auf Maschine getippt wurde. Ein Bekannter der Autorin, deren Identität mittlerweile gelüftet ist, erkannte, daß diese sehr persönlichen Aufzeichnung darüber hinaus als Zeitdokument Bedeutung haben, geben sie doch weibliche Perspektive der letzten Tage Berlins im 2. Weltkrieg wieder. Die Erlebnisse der Autorin, die sich in den Aufzeichnungen erhalten haben, sind somit cum grano salis zumindest für den Teil der Hauptstadt repräsentativ, der von den Russen erobert wurde.

Am 20. April, dem Tag, mit dem das Tagebuch beginnt, ist das, was gestern noch fernes Murren war, Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein. … Eine Richtung ist längst nicht mehr auszumachen. Wir leben in einem Ring von Rohren, er sich stündlich verengt. Wir, das ist das Kellervolk, der Haufen mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelte Menschen, die im Keller der Häuser hocken, ein paar als wichtig erachtete Sachen im Arm, greinende Kinder auf dem Schoß, in Angst und Schrecken versetzt durch die Erschütterungen, verbunden im Ausblick auf eine bittere Zukunft. Knappheit, Mangel beherrscht das Leben, die letzte Milch ist getrunken, das Gas reicht kaum noch, um etwas kochen zu können, die Angst vor dem Russen ist schon da…

Man sieht an diesen zitierten Zeilen, daß die Schreiberin keine gewöhnliche Frau war im Gegensatz zu den meisten anderen im Keller. Aus dem Tagebuch ergibt sich, daß sie Abitur gemacht hatte, viel gereist war, Städte wie Paris, London oder Moskau kannte, von letzterer auch russische Sprachkenntnisse mitgebracht hatte. Mit der Aufdeckung ihrer Identität [3] ist natürlich auch der berufliche Werdegang der polyglotten Autorin, die tatsächlich Journalistin war, bekannt geworden.

Noch gibt es die Leute, die an den Sieg glauben, die Parolen verbreiten, doch längst lösen sich die Strukturen auf. Bei Plünderungen kann man noch Nahrungsmittel ergattern….Die Bomben fallen immer näher, Tote sind zu sehen, heruntergekommene deutsche Soldaten, denen man die Müdigkeit und die Niederlage allzu deutlich ansieht und denen nichts mehr zuzutrauen ist, wanken durch die Straßen.

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Die Frauen wissen, daß der Russe kommt und was auf sie wartet. Es herrscht ein gewisser Galgenhumor, lieber ein Ruski auf´m Bauch als ein Ami auf´m Kopf oder Nun woll´n wir doch mal ehrlich sein – Jungfern sind wir wohl alle nicht mehr. … solche Sprüche sollen eine gewisse Zuversicht erzeugen und zeigen doch nur – nachvollziehbare – Naivität. Schließlich sind ja auch Russen “bloß Männer”, denen man auf irgendeine weibliche Art, mit List und Kniffen, beikommen könnte; die man hinhalten, ablenken, abwimmeln kann… daß sich zwanzig in einer Schlange aufstellen und warten, bis sie an die Reihe kommen, bei einer Frau, wird die eine oder andere noch erfahren. Es sind nicht immer solch exzessiven Massenvergewaltigungen, aber zu zweit, zu dritt oder zu viert sind sie oft, stürmen in die Keller, überraschen die Frauen in den Treppenhäusern, schlagen die Türen der Wohnungen ein….

Am 27. April tauchen russische Soldaten in der Straße auf, fast klingt es idyllisch, der muntere Soldatenbetrieb mit den Pferden, die gutmütigen Gesichter der Männer, ihr freundlicher Ton “Haben Sie einen Mann?” Die andere Seite: Kein Leitungswasser mehr, kein Strom, kein Gas, gar nichts. Nur Iwans. Viele Iwans, auf der Suche nach Uhren, nach Schnaps… sie finden Schnaps und abends dann im Keller da haben sie mich, irgendwelche, die beiden haben hier gelauert…. ich schreie, schreie...

Das Zusammenleben des Kellervolks  organisiert sich um, die Menschen können wieder in ihre Wohnungen – soweit diese noch bewohnbar sind. Viele tun sich zusammen, gegen die Einsamkeit, die Angst, auch gegen den allgegenwärtigen Hunger. Schutz bietet diese Gemeinschaft den Frauen kaum, sie werden gegriffen, in andere Zimmer gestoßen, einer hält Wache, der andere…

Nicht Ekel, bloß Kälte. Das Rückgrat gefriert, eisige Schwindel umkreisen den Hinterkopf. Ich fühle mich gleiten und fallen, tief, durch die Kissen und die Dielen hindurch. In den Boden versinken – so ist das also. 

….später dann:

Es war mir, als läge ich flach auf meinem Bett und sähe mich gleichzeitig selbst daliegen, während sich aus meinem Leib ein leuchtendweißes Wesen erhob, eine Art Engel, …. Mein Ich läßt den Leib, den armen, verdreckten, mißrauchten, einfach liegen. .. Es soll nicht mein Ich sein, dem dies geschieht…. 

Dissoziation: ein Schutzmechanismus, den diese Frau gegen den Schrecken, den Schmerz, die Erdniedrigung anwendet: es ist nur mein Körper, dem dies angetan wird, es ist nicht mein “Ich”, es ist nicht das, was “mich” ausmacht, was hier geschändet wird….

Groteskes: riesige, in Uniform gesteckte sibirische Bauernjungen, die vor ihren gerade vergewaltigten Opfern in Liebesschwüre ausbrechen….

Um dieser Schutzlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein, braucht man Schutz.. deutsche Männer können den nicht liefern, sind im Gegenteil vernünftig, geh´ jetzt mit, sonst müssen wir es doch alle ausbaden….. für Widerstand hätte weder Frauen noch Männer im Gegenteil kein Verständnis…. ein paar Tage später wird die Tagebuchschreiberin gegenüber einer Freundin sagen, daß sie sich hochgedient hat, von der Mannschaft über den Oberleutnant zum Major….

Es mutet seltsam an, die Schändungen gehören bald zum Tagesablauf, sie sichern auch das Überleben. Es bildet sich eine lockere Gemeinschaft heraus, die sich in der Wohnung, in der die Autorin mit einer weiteren, älteren Frau, der Witwe, die ihrerseits einen noch einem bettlägerigem Mann, Herrn Pauli, aufgenommen hat, trifft. Es kommen wechselnde Russen mit Schnaps und Essen, es wird gefeiert, gesungen, gefressen…. Schnaps, Brot, Hering, Büchsenfleisch, Beischlaf, Anatol … Anatol, der Oberleutnant, hat die Schreiberin als seine Beute akzeptiert, er ist ihr Schutz geworden, sie und ihre Mitbewohner sind Anatols privater Hirschpark – für den Preis, den sie ihm zahlen muss. Diese Arrangements von Frauen mit höheren Dienstgraden findet man nach den ersten Tagen öfters: viele der geschändeten Frauen sind auf die gleiche Idee gekommen….

Beim Major, der mit seinem Burschen auftaucht, läuft es etwas anders. Dieser ist gebildet, eloquent, schüchtern. Sie ist sich sicher, ihn könnte sich ablehnen, wegschicken.. sie tut es nicht. Es ist keine Vergewaltigung, was dann geschieht, das weiß sie…verzeihen Sie mir, ich habe schon so lange keine Frau mehr gehabt… das durfte nicht kommen. Schon liege ich mit meinem Gesicht auf seinen Knien und schluchze und heule und heule mir einmal den ganzen Jammer von der Seele…  ist dies Prostitution, ist sie damit zur Dirne geworden? Verkauft sie sich gegen Nahrung und Schutz? Zweifel …..

Tagsüber immer wieder das gleiche: Immerzu Russen, Schnaps, Küchenarbeit, Wasserschleppen. Wasser muss an einer Pumpe in Eimern geholt werden, Russen haben dort Vorrang, so kann es lange dauern… Die Frage “Wie oft?” wird zur Begrüßungsfrage unter Frauen, die Sprache passt sich an, es wird von Schändungsbetrieb gesprochen, von Plünderwein, Klaukohle, Majorszucker…. die Gemeinschaft, das Wissen, daß fast alle Frauen (nur wenige können sich in Verstecken retten) das gleiche Schicksal erleiden, hilft: man kann darüber frei reden, findet Verständnis unter Gleichen. Die Vergewaltigung als Witz, der präsentiert wird: aus Daumen und Zeigefinger beider Hände einen Kreis bilden: so ist Ukrainerfrau, den Kreis mit einer Hand: du so. Damit erntet die Witwe überall Gelächter….

Nicht alle Frauen überstehen diese Zeit so “gut” wie die Autorin, die im Schreiben ihres Tagebuches viel Last von ihrer Seele abwälzen kann. Manche werden krank, manche werden schwanger, manche ertragen die Last nicht….

Die zeitlose Zeit, die wie Wasser dahinrinnt und deren Uhrzeiger für uns einzig die Männer in den fremden Uniformen sind.

Aber auch diese Tage des ungezügelten Sturms gehen vorbei, es tritt eine gewisse Ordnung zu Tage. Am 8. Mai ist der Krieg zu Ende, jeder ist schon immer gegen Adolf gewesen… der Radius der Lebenswelt wächst wieder über die Nachbarhäuser hinaus, man schaut sich die Straßen an, wo man früher gearbeitet hat, wo Freundinnen wohnen… Trümmer, Schutt, armselige Gestalten, Karawanen mit Handkarren, Tote, “stille Einquartierungen” in Gärten und Parks…. Die Notgemeinschaften in den Häusern, ein paar Tage später sogar die Wohngemeinschaft der Autorin: sie zerbrechen wieder, lösen sich auf: das schlimmste Chaos ist vorbei, die russische Verwaltung macht Anstalten, das Leben der Bevölkerung zu organisieren.

Mit den russischen Beschützern und nach dem Auszug bei der Witwe verliert die Autorin auch die Lebensmittel, gut, daß sie sich vorher reingestopft hat, was ging … sie lebt wieder allein in der Dachwohnung im Haus, hungert, musste auf Betreiben von Herrn Pauli ausziehen, weil sie selbst jetzt nichts mehr zum Unterhalt beitragen konnte und die Vorräte mit aufbrauchte. Daß sie selbst eine zeitlang Essen angeschlafen hatte, zählte nicht mehr…

Arbeitseinsätze bei der Demontage der Fabriken: zwölf Stunden Tage bei knapper Kost, mit Belästigungen und Schikanen… den versprochenen Lohn? .. vielleicht nächste Woche…

Leben im Hier und Jetzt… da taucht ein Ungar auf mit Plänen, voller Tatendrang. Zeitungen seien jetzt gefragt, all das, was die letzten Jahre nicht gedruckt werden durfte. Sie starten ein Projekt… jeden Tag muss die Frau zwanzig Kilometer durch Berlin laufen, bis sie im Büro bzw. wieder zu Hause ist. Die Schuhe durchgelaufen, die Ernährung auf Löwenzahn, Brennnessel und Melde (man denkt sofort an Müller und ihren Hungerengel) zurückgeschrumpft. Daß es Lebensmittelkarten gibt, bedeutet nicht unbedingt, daß es auch Lebensmittel gibt….. aber die Zeitung ist eine Perspektive, es ist etwas, was in die Zukunft weist – auch wenn völlig offen ist, ob sie jemals erscheinen wird.

Völlig überraschend steht auf einmal Gerd in der Tür, ihr Freund aus so lange vergangenen Zeiten. Er war an der Ostfront, konnte sich durchlavieren und ist gut genährt in Berlin angekommen. Zwei Welten prallen aufeinander, der Mann mit seiner “alten” Moral und die Frau, die sich anpassen musste, um überleben zu können. Sie gibt ihm ihr  Tagebuch zu lesen, er versteht nicht alles.

“Was soll das zum Beispiel heißen?” fragte er und deutet auf “Schdg”.  Ich musste lachen: “Na, doch natürlich Schändung.”

“Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden. Merkt ihr das denn nicht? …. Alle Maßstäbe sind euch abhanden gekommen.” …

Seit gestern ist er wieder fort. .. 

Der 22. Juni
…….

Gestern erlebte ich was Komisches: Vor unserem Haus hielt eine Karre mit einem alten Gaul davor, einem Tier aus Haut und Knochen. Lutz Lehmann, vier Jahre alt, kam an Mutters Hand daher, blieb vor dem Karren stehen und fragte mit träumerischer Stimme: ” Mutti, kann man das Pferd essen?”
Gott weiß, was wir noch alles essen werden. Ich bin noch längst nicht am äußersten Rande der Lebensbedrohungen angelangt, weiß nicht, wie weit es noch ist bis dahin. Ich weiß nur, daß ich überleben will – ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier. 


Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Wie oft habe ich beim Lesen dieser Aufzeichnungen an dieses Gleichnis, dieses Bibelwort gedacht. Und zwar gleichermaßen für diese Frauen, die einfach nur überleben wollten und mussten, für die Männer, die sie gehen ließen, sogar aufforderten und – am Schluss – auch für Gerd, ihren Freund. Wie hätte man selbst reagiert, in dieser Situation? Natürlich ist es so gut wie unmöglich, sich in eine solch extreme Lage zu versetzen, aber wäre man nicht vielleicht, wahrscheinlich auch geschockt und angewidert gewesen? Wer wollte dies für sich von der Hand weisen…. und hätte man seine Frau auch aufgefordert, mit zu gehen? .. und wie haben die Paare nachher miteinander gelebt, wie haben sie diese persönlichen Katastrophen in ihr Leben eingebaut?

Als ich mich in das Buch eingelesen hatte, einige Dutzend Seiten, kam mir der Gedanke, daß ich aufpassen müsse, diese Aufzeichnungen, in den fünfziger Jahren publiziert, zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg tobte, waren doch sicher ein gefundenes Fressen für die Propaganda gegen die UdSSR, die Russen, die Bolschewisten, die Rote Gefahr…. Wie naiv von mir! Nein, in realiter hatte “Gerd” gewonnen, die deutsche Erstveröffentlichung von 1959 wurde verdammt, weil die Ehre der deutschen Frau beschmutzt wurde, das Buch eine Schande sei [1]…. Man wollte das Geschehene nicht wahrhaben, die Verdrängung der Tatsachen war noch voll im Gange, auch auf diesem Gebiet. Auch das freizügige Thematisieren unter den Betroffenen selbst dürfte bald aufgehört haben, war man in den ersten Tagen noch eine Schicksalgemeinschaft, die sich gegenseitig stützte, so zog man sich doch mit zunehmender äußerer Ordnung auch hier ins Private zurück, redete nicht mehr darüber, verdrängte dies. Auch dies nachvollziehbar, wenngleich nicht gesund: im Untergrund der Seele (von Frauen und Männern!) war das Trauma nur vergraben, nicht aus der Welt.

Nach dieser Erstausgabe von 1959 dauerte es dann bis Mai 2003, bis der Tagebuchtext als Ausgabe der “Anderen Bibliothek” wieder in die Öffentlichkeit gebracht und einer der Bucherfolge dieses Jahres wurde [1]. Aufgekommene Zweifel an der Authentizität des Textes wurden wiederlegt [2], auch der Name der “Anonyma” ist mittlerweile bekannt [3]. Im Jahr 2008 wurde das Tagebuch mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt [4].

Inwieweit diese Schilderungen der Autorin repräsentativ sind, kann ich zumindest nicht beurteilen. Aber warum sollte es woanders anders gewesen sein, in Leizpig zum Beispiel oder Dresden….? Es ist nun mal so, daß dieses Tagebuch wohl recht allein steht und damit ein seltenes Zeugnis ist vom Krieg und den ersten Tagen der russischen Besatzung. Was hat sich unter den anderen Besatzungsregimes abgespielt, den Amis, den Tommies und den Franzosen? Was dort passiert ist und wie: auch das ist nicht bekannt, zumindest nicht in solcher Deutlichkeit beschrieben…. so ist man auf Vermutungen angewiesen, erinnert sich vielleicht an Andeutungen, hat das altbekannte Schema im Kopf: hier die Guten, dort die Bösen… aber Männer waren es in jedem Fall und Rachegefühle dürften hie wie dort vorhanden gewesen sein..

Eine Frau in Berlin ist jedenfalls ein erschütternd zu lesendes Dokument, das einmal mehr beweist, daß im Krieg die Frau im Falle einer Niederlage einfach eine Beute ist, die der Sieger sich krallt und die er benutzt: zur eigenen Befriedigung und zur Demütigung, zur Erniedrigung.

Eine Frau in Berlin ist aber mehr als eine traurige Geschichte von Massenvergewaltigungen. Es ist auch ein Bild und eine Beschreibung einer zusammen gebombten Stadt, die sich aus ihren Trümmern heraus wieder zum Leben wendet, die den Ausnahmezustand abschüttelt und sich wieder zu organisieren versucht. Fliegende Friseure tauchen auf, die den Frauen die Haare wieder schneiden, nach ein paar Tagen können die Frauen aufhören, sich alt und häßlich zu machen und auch wieder ein nettes Kleid anziehen… Lebenswille, der Wille, durchzukommen, es zu überstehen… Lebenpläne tauchen wieder auf, wie wird es weiter gehen, gehen wir nach Russland, finden wir dort Arbeit, was wird aus Deutschland, ein einziger, riesiger Acker für Kartoffel?

Langsam sickern Nachrichten durch, Wasser und Strom und damit auch das Radio funktionieren nach ein paar Tagen wieder. Im Osten zum Beispiel sollen Millionen Juden umgebracht und zu Kunstdünger verarbeitet worden sein. Hitler, für den jetzt natürlich kein Baum zu hoch gewesen wäre, sei tot, andere gefangen…. die Sieger würden feiern, die Besiegten müssen flaggen, die deutsche Hausfrau improvisiert, die Flaggen des 3. Reichs werden umgeschneidert, am einfachsten zu der russischen Fahne…. ein hübsches Detail, sehr symbolträchtig… ein interessanter Gedanke der Autorin: wäre Hitler am 20. Juli tatsächlich getötet worden, wäre dann ein Rest Glorienschein über ihm geblieben?


Ich möchte diese Besprechung mit einem Zitat der Autorin aus dem Jahr 1947 schließen, das in gewissen Sinn an die Aussage des weiter oben stehenden Absatzes über Sieger und Besiegte anknüpft, denn in diesem verdammten Krieg von vor siebzig Jahren waren auch die Deutschen eine zeitlang die Sieger. Manchem/r war dies bewusst, auch wenn es noch lange Jahre dauern sollte, bis dies in das Bewusstsein der Allgemeinheit durchgedrungen ist:

Keins der Opfer kann das Erlittene
gleich einer Dornenkrone tragen.
Ich wenigstens hatte das Gefühl,
daß mir da etwas geschah,
was eine Rechnung ausglich.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Frau_in_Berlin
[2] zur Authentizität des Buches: Joachim Güntner: Walter Kempowski legt Gutachten vor: Eine Frau in Berlinhttp://www.nzz.ch/article9CNMS-1.202394
[3] Wiki-Beitrag zu Marthe Hillers:  https://de.wikipedia.org/wiki/Marta_Hillers
[4] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anonyma_–_Eine_Frau_in_Berlin

ein Übersichtsartikel über “Sexuelle Gewalt im 2. Weltkrieg” ist in der Wiki nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg

Anonyma 
Eine Frau in Berlin
mit einem Nachwort von Kurt M. Marek

Erstausgabe: Ffm, 1959 (auf deutsch)
diese Ausgabe: R&M Buch und Medien GmbH/Buchgemeinschaften, HC, ca 290 S., 2003

Von Antje Vollmer habe ich schon aus Anlaß des Jahrestages des 20. Juli die große Doppelbiographie über Heinrich Graf von Lehndorff und seine Frau Gottliebe hier vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com…doppelleben/). Heinrich von Lehndorff war ein wichtiges Mitglied der Verschwörer, aber ein relativ unbekanntes. Solche gibt es einige, Männer und auch Frauen, die Widerstand leisteten oder einer Widerstandsgruppe angehörten – an einige von ihnen erinnert Vollmer hier zusammen mit dem Journalisten Keil.

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Wie schon die Biographie Lehndorffs nehmen sich die Autoren die Zeit, nicht nur das Wirken der Personen im Widerstand, sondern auch ihre Herkunft, ihre Erziehung im Elternhaus und in der Schule zu beleuchten. Bei vielen der Genannten wird deutlich, daß gerade eine gute Erziehung, die das eigene Urteil der Heranwachsenden stärkt, viel Einfluss auf den späteren Lebensweg hatte.

Häufig spielte auch der Zufall eine Rolle. Gerade Henning von Tresckow scheint eine Art “Menschenfänger” gewesen zu sein, der unabhängig und der militärischen Hierarchie übergeordnet junge Untergebene beeindrucken und überzeugen konnte.

Es wird aber auch deutlich in diesen einzelnen Biographien (die von Lehndorff inclusive), daß sich die Männer des 20. Juli viel, vielleicht zu viel vorgenommen hatten. Mir ist erst im Studium dieser Lebensläufe klargeworden, daß es nicht wie z.B. bei Elser, nur darum ging, Hitler zu töten: das war nur die conditio sine qua non, ohne die der notwendige Staatsstreich überhaupt nicht möglich gewesen ist. Und mag man auch viel gegen die Nazis sagen können, ihr Staat, ihr Regime war hervorragend organisiert, d.h. entsprechend schwer zu stürzen. So arbeitete der Widerstand (durch die Verhältnisse notgedrungen) nicht optimal koordiniert, war zahlenmäßig gering, , musste mit Ablehung des Volkes rechnen, hatte keine Unterstützung von aussen und war letztlich gegründet auf viele Annahmen und Notwendigkeiten, aber nur auf wenige Sicherheiten.

Im Einzelnen befassen sich die Autoren mit folgenden Personen, von denen ich nur eine ganz, ganz kurze (und hoffentlich nicht verzerrende) Rollendarstellung hier wiedergeben möchte, um so ihre jeweiligen Aktivitäten einordnen zu können:

Friedrich Karl Klausing (1920-1944)

.. so fragt nicht mehr nach mir, sondern laßt mich damit ausgelöscht sein. …

Dieser Satz in seiner Abschiedsbrief an die Eltern, nachdem er als 24jähriger vom Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt worden war, kennzeichnet die besondere Situation Klausings: er stammt aus einer überzeugt nationalsozialistischen Familie, hat mit seinem Engagement für den Widerstand des 20. Juli also mit allem brechen müssen.

Klausing war enger Mitarbeiter von Stauffenberg, begleitete ihn bei den ersten Attentatsversuchen am 11. und am 15. Juni. Am 20. Juni ist er es, der trotz inzwischen eingetretender Erkrankung den “Walküre”-Befehl telefonisch durchgibt.

Erich Fellgiebel (1886-1944)

Dem General der Nachrichtentruppe, Erich Fellgiebel, wird schon bald nach dem gescheiterten Sturz des Regimes eine Hauptverantwortung dafür zugeschanzt, in (wie sie später gezeigt hat) obskuren nachrichtendienstlichen Berichten von Gisevius (s.u.) werden ihm schwerwiegende Versäumnisse vorgeworfen. In seinem Portraits widerlegt Keil diese Anschuldigungen und rehabilitiert Fellgiebel.

Heinrich Graf zu Dohna-Tolksdorff (1882-1944)

Im Gegensatz zu anderen Verschwörern, für die der Vorwurf, anfänglich Anhänger Hitlers gewesen zu sein, zutreffend ist, war das Ehepaar Dohna-Tolksdorff den Nationalsozialisten von Anfang an gegenüber kritisch eingestellt und vermittelte dies auch den vier Kindern. Im Rahmen der Aktion “Walküre” war Dohna als Politischer Beauftragter für den Wehrkreis I (i.e. Ostpreussen) vorgesehen. Den ersten aktiven Widerstand leistete Dohna schon 1933 im Rahmen des “Kirchenkampfes” in Ostpreussen, als die Nationalsozialisten versuchten, das Führerprinzip in einer NS-affinen, antisemitischen Kirche zu etablieren und damit auf offenen Widerstand stießen.

Albrecht Graf von Bernstorff (1890-1945)

Albrecht Graf von Bernstorff war ein polyglotter Mensch, der seine Ausbildung in Oxford genoss und dort aktiv für eine deutsch-britische Verständigung eintrat. Im diplomatischen Dienst war er in Wien und in London, tat sich als Botschafter in London immer schwerer damit, das sich immer militärischer gebende Deutschland zu vertreten. Seine Versuche, das Ausland zu warnen und über das NS-Deutschland zu informieren, stießen auf wenig Interesse. Schon seit Anfang 1944 in Dachau wurde er in den letzten Kriegstagen noch exekutiert.

Margarethe von Oven (1904-1991)

Der Führer Adoff Hitler ist tot. Eine gewissenlose Clique frontferner Parteiführer hat unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den Rücken zu fallen…. [so beginnen die Walküre-Befehle]

Auch Umstürze brauchen Pläne, die getippt werden müssen, die aktualisierte, verwahrt und (wenn überholt) vernichtet werden müssen. Eine wichtige, eine gefährliche Aufgabe, die Margarethe von Oven, die Henning von Tresckow zu sich geholt hatte, erledigte.

Hans-Ulrich von Oertzen (1915-1944)

Hans-Ulrich von Oertzen trat 1943 seinen Dienst im Stab der Heeresgruppe Mitte an, dort lernte er Henning von Tresckow kennen und schnell schätzen, was aber auf Gegenseitigkeit beruhte. So bemühte sich Tresckow immer, bei wechselnden Verwendungen Oertzen nachzuholen, zum Beispiel 1944 als Operationsoffizier in den Stab der 2. Armee. Bei den Umsturzplänen war er ein wichtiger Akteur, was die Organisation der militärischen Operationen der Ersatzheer-Einheiten u.ä. anging. von Oertzen suizidiert sich nach dem fehlgeschlagenen Attentat, er war erst 29 Jahre alt.

Karl Freiherr von Plettenberg (1891-1945)

Freiherr von Plettenberg war exzellenter Jäger. Von seiner Wohnung in Berlin aus, gegenüber des Grabmales des unbekannten Soldaten, hätte er, wie er seinem Besuch, Marion Gräfin Dönhoff, 1942 demonstrierte, ihn leicht umlegen können…. Als Zivilist war von Plettenberg nicht in die militärischen Aktionen des 20. Juli eingebunden, er war auf Grund seiner mannigfaltigen Kontakte und umfangreichen Kenntnisse jedoch eine wichtige Person im Hintergrund. Eine Festnahme durch die Gestapo erfolgte aber erst am 3. März 1945, nach wenigen Tagen Haft suizidierte sich von Plettenberg.

Georg Schulze-Büttger (1904-1944)

Büttger war als junger Fähnrich in die Unruhen des November 1923 in München involviert und in der Folge des Erlebten von diesen hitzköpfigen und abenteuerlichen Männern enttäuscht. Trotzdem machte er eine militärische Karriere, sein Leitbild sollte Generaloberst Ludwig Beck werden, dessen Adjudant er mehrere Jahre war.  Im Generalstab lernte er auch Henning von Tresckow kennen, mit dem er eng zusammenarbeitete. So testeten die beiden während ihrer Fronteinsätze verschiedene Sprengstoffe aus. Am 20. Juli ist Büttger (wie von Tresckow) in Russland. Büttger wird im Oktober 1944 hingerichtet.

Randolph Freiherr von Breidbach-Bürresheim (1912-1945)

Die anfängliche Sympathie für die Nationalsozialisten hielt nicht lange an, u.a. Erfahrungen, die Breidbach als junger Mann bei Auslandsreisen sammelte, änderten seine Meinung über das Wesen demokratischer Strukturen, die er am Beispiel der Weimarer Republik nicht positiv erfahren hatte. Zur prägenden Figur im Leben Breidbachs wurde Rechtsanwalt Josef Müller, der dem NS-Regime ebenfalls kritisch gegenüber stand und besonders auch mit kirchlichen Kreisen konspirierte.
Die Erlebnisse in Russland erschütterten den jungen Offizier tief, auf Anregung Müllers verfasste Breidbach Berichte über das Gesehene. Sie, so der Plan Müllers und Dohnanyis, sollten gegenüber dem Ausland auch als Zeugnis dienen für den Widerstand gegen das NS-Regime. Im April 1943 wurden Müller und Dohnanyi in Haft genommen, bei Müller wurden neben anderem belastendem Material auch die Berichte gefunden. Einen Monat später kam auch Breidbach in Haft. Nach dem 20. Juli verschärfte sich die Situation. Breidbach starb im Juni 1945 an Tuberkulose, die Befreiung des KZ Sachsenhausen hat er nur wenige Wochen überlebt.

Hans-Bernd Gisevius (1904-1974)

Gisevius ist eine der schillerndsten Figuren des Widerstands, eine Rolle und Bedeutung einzuschätzen, bereitet den Autoren des Buches sichtbar Probleme. Er war einerseits einer der wenigen Überlebende, der am 20. Juli im Bendlerblock war, damit kam ihm damit Deutungshoheit zu, die er in Berichten und später auch in Buchform nutzte. Auf seinen Angaben beruht beispielsweise die falsche Einschätzung der Person Fellgiebels. Das Verhältnis zu Stauffenberg war ebenfalls schlecht, ihm unterstellte Gisevius eine starken Hang zum Bolschewistischen und die absurde Idee eines Bündnisses mit Stalin. Gisevius hatte geheimdienstlich gearbeitet und dem amerikanischen OSS zugetragen, durch geheimdienstliche Unterstützung gelang ihm nach dem 20. Juli die Ausreise in die Schweiz.

Zwei Protokollen von Gesprächen mit Richard von Weizsäcker und Ewald-Heinrich von Kleist runden das Buch ab.

Anmerkungen

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch an folgende Bücher zum Thema erinnern, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

Wibke Bruhns über ihren Vater, der am 26. August 1944 im Zusammenhang mit dem 20. Juli in Plötzensee gehenkt wurde: Meines Vaters Land (https://radiergummi.wordpress.com/2013/03/07/wibke-bruhns-meines-vaters-land/)
Die Bonhoeffer-Biografie von Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen  (https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/09/renate-wind-dem-rad-in-die-speichen-fallen/) und
Hans Falladas dokumentarischer Roman über das Arbeiterehepaar Quangel: Jeder stirbt für sich allein (https://radiergummi.wordpress.com/2011/04/25/hans-fallada-jeder-stirbt-fur-sich-allein/) sowie
von Antje Vollmer die Biographie über das Ehepaar von Lehndorff: Doppelleben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/20/antje-vollmer-doppelleben/)

Antje Vollmer, Lars-Broder Keil
Stauffenbergs Gefährten
Das Schicksal der unbekannten Verschwörer

Erstausgabe: Hanser Berlin, 2013
diese Ausgabe: dtv, TB, ca.250 S., 2015

Die Geschichte von Irène.. dieses surrealistischen erotischen Romans, erstveröffentlicht mit Illustrationen von André Masson [2] im Jahr 1928, wird im Vorwort der Neuauflage vom Verleger, Jean-Jacques Pauvert, dargelegt. Dessen Ausführungen sind zugleich auch ein Rückblick auf die literarische Szene im Frankreich dieser Jahre, in denen erotische bzw. pornographische Bücher durchaus verlegt wurden, aber nicht für den allgemeinen Verzehr, sondern in Kleinauflagen, die verdeckt gehandelt wurden und für Liebhaber gedacht waren, denen sie dann das heimische Giftschränkchen zieren sollten. Man ging stillschweigend davon aus, das derjenige, der sich diese “Bückware” leisten konnte, auch sittlich so gereift war, daß sie ihm nichts mehr anhaben würde….

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Offensichtlich hat Irène lange in Ruhe verbracht, eine Neuauflage des Buches, zu dem sich der (höchstwahrscheinliche) Autor Louis Aragon [3, 6] nie bekannte, wurde 1968 von Regine Deforges auf den Markt gebracht, von der ich ja vor geraumer Zeit schon hier eine Adaption des Stückes: “Der Tote” von Bataille, eines weiteren Surrealisten, vorgestellt habe: Das Unwetter [7]. Erst von diesem Zeitpunkt an trägt das Werk den einsamen Namen der Dame, vorher verriet es dagegen seinen eigentlichen Gegenstand: “Le Con d`Irène” ließ keinen Zweifel aufkommen, was im Zentrum des Buches stand. Aber selbst diese Umbenennung schützte die Herausgeberin nicht vor dem Vorwurf der Pornographie. Im selben Jahr 1968 veröffentlichte der Propyläen-Verlag den Roman auch in Deutschland (Bild links), auch mit diesem verschleiernden Kurztitel.

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Jahre später, 1991, dann erschien das schmale Büchlein noch einmal als Faksimile-Ausgabe der deutschen Erstveröffentlichung im Rahmen einer Buchreihe mit erotischer Literatur des Frankfurter Eichborn-Verlages .

zum Buch…

Das Buch hat keine wirkliche Handlung. Hauptperson ist ein ca. fünfundsechzigjähriger Mann. Die Syphilis hat ihn niedergestreckt, gelähmt und stumm sitzt er in der Stube eines Bauernhauses in seinem Sessel, denken kann er noch und sehen … und ihm wird gezeigt im Laufe der Jahre…

Den Anfang des Textes macht eine fulminante, förmlich ausgekotzte Suada gegen alles und jeden, vollgepfropft mit vulgären und obszönen Ausdrücken und Flüchen: eine Wutrede gegen die Welt – sie steht einleitend, aber auch recht isoliert im Buch. Wahrscheinlich kann man sie dem alten Mann zuordnen, nicht dem jungen, mit der eigentliche Text beginnt.

Dieser hat die Einladung von Verwandten angenommen, sie in der ostfranzösischen Stadt “C…” (Commercy, [1]) zu besuchen. Es ist eine lausige Stadt und der Protagonist kein Familienmensch,  es ist die französische Provinz. Die Häßlichkeit der Französinnen. Die Dummheit ihrer Körper, ihrer Haare. Wie Spülwasser. Gut. Gegen die große Langeweile und den lästigen Trieb geht er mit einem Besuch des örtlichen Bordells vor. Kein glamouröser Ort ist dies im Armenviertel der Stadt, ein fader Essensgeruch lag noch auf der Haut der Mädchen.. er entschied sich für die, die den kleinen Kopf einer Katze, die mit einer Ratte bebumst hatte, hatte; die anderen Frauen, die, welche nicht bei der Arbeit waren, fingen wieder an zu häkeln, als die beiden die Treppen hochstiegen…

Nach dieser Bordellszene wechselt das Setting abrupt. Vierzig Jahre sind ins Land gezogen, der Protagonist sitzt, seit er fünfundzwanzig Jahre alt ist, gelähmt und stumm in der Stube eines Bauernhauses. In Gedanken zieht sein Leben noch einmal an ihm vorbei, die Erinnerung an seine Frau, an das Leben hier mit der Tochter und mit Irène, der Enkelin…. Am Anfang, als ich noch auf Heilung in weiter Ferne hoffte, …. machte ich unmenschliche Anstrengungen, um mit einem Blick meiner Frau zu verstehen zu geben, .. daß ich immer noch, daß ich genau jetzt ein Mann war. Sie sagte, in dem sie ihre Hand auf meine Schulter legte: “Er bewegt sich, wie er sich bewegt!” …. mit der sanften leuchtenden Hoffnung in ihren Augen, … daß doch endlich ein richtiger Hirnschlag mich endlich und endgültig hinwegnehmen möchte. Es war keine Liebe zwischen ihnen, auch in seinen traurigen Augen [mischten] sich Hass und Begehren

Ihr Körper, Körper, Körper all der Menschen um mich herum,
meine festgenagelte Hände rissen euch die Kleider weg,
die eure teuflischen Formen verhüllten,
rissen und zerkratzten eure verführerische Haut…

Die Frau starb eines Winters, doch auch die Tochter Victoire hasste ihn, seit er sie beobachtet hatte, wie sie gierig aus dem Fenster nach dem Knecht schaute,  der, als er danach durchs Zimmer ging, sich die Hose zuknöpfen musste… und so, wie sie ihn hasste, erregte sie ihn, und nicht nur sie…. es gab Mägde, deren Anwesenheit mich aufwühlte wie der Pflug den Acker… es gab welche, die sich vor ihm aufpflanzten, den Rock hoben und ihn sehen ließen, was es zu sehen gab. Die Mädchen und Jungs auf dem Hof genierten sich kaum vor ihm, es gab sogar verliebte Paare, die aus seiner Anwesenheit ihr eigenes Vergnügen zogen… und es gefiel ihm, bereitete ihm Vergnügen … und er wünschte es sich, daß sie seine Tochter begehrten….

Ihr Fische, ihr Fische, ich bin es, ich rufe euch:
ihr hübschen, beweglichen Hände im Wasser.
Ihr Fische, ihr gleicht der Mythologie.
Eure Liebschaften sind vollkommen,
und eure Glut ist unerklärlich.

Irène ist die Tochter Victoires. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich sowohl mit  Frauen als auch mit Männern vergnügen kann, zieht sie eindeutig die Männer vor. In seinen Gedanken führt der Gelähmte uns in ihr Zimmer, dort, wo sie die Liebe pflegt.. und er beschreibt sie uns, die Liebe, die sie mit dem Mann dort macht und den Blick zwischen ihre Beine, den sie ihm gewährt und den er uns erlaubt… Was nun folgt, ist eine ausführliche Hommage, eine Liebeserklärung, eine poetische Würdigung des weiblichen Geschlechts, ein hohes Lied der Verehrung auf den Ort der Wonne und des Schattens, dieser Vorhofes der Glut und in seinen perlmuttfarbenen Grenzen das schöne Bild des Pessimismus… ein geliebter, schwindelerregender Abgrund.

Es ist eine seltsame Familie, in der seit zwei Generationen die Männer von ihren Gefährtinnen unterworfen werden und der Vater Victoires seit vierzig Jahren im Krankenstuhl sitzend den Triumph der Frauen (Victoire wird als Königin in ihrem Reich bezeichnet) und ihre stolze Gesundheit betrachten muss, ein menschliches Wrack, das einst die Tochter eines Bauern verführte, ein Schatten seiner Selbst, der nur noch in Gedanken Wolllust geniessen kann….


Es ist eine bürgerliche Manie,
alles zu einer Geschichte zu arrangieren. 

Recht unvermittelt schließt der Roman mit Betrachtungen zum Schreiben, zum Erzählen von Geschichten, von diesem Zwang, alles Festhalten zu wollen, von den Nebeneinander gefälschter Interviews, Schreckensnachrichten und Werbung für Evian-Mineralwasser in der Zeitung…. die ihn mutlos werden läßt, denn wieviel Wert hat das, was weiß er schon im Verhältnis zu dem, was man nicht weiß….

Los, ein bischen Humor zum Teufel!
Noch ein Gläschen Weinbrand.


So ist der Text eine Mischung aus Träumen, Fantasien, Erinnerungen, Beschreibungen und Exkursen. An eine Deutung dieses Textes will ich mich nicht wagen, der ungenannte Rezensent des Spiegels [5] bezeichnete ihn jedenfalls als lyrische Pornographie, als ländlichen Sexualtraum von dampfenden Frauenleibern und vom syphilitisch zerfressenen Großvaterhirn und befindet, daß das, was sich hier ergießt, … pure Literatur [ist], daran änder[te]n [auch] alle Urogenital-Vokabeln nichts…. so sei es denn so. Wenn Interesse besteht, die historischen Umstände der Entstehung des Romans zu erfahren, so lassen sich einige Details dem Beitrag in L`Express [6] entnehmen.

ir----man

Eine weitere Würdigung des Buches (auf die, für mich verwunderlich, nirgends verwiesen wird) ist auf der Rückseite des Umschlags der Propyläen-Ausgabe [s.u.] wiedergegeben, sie stammt von einem weiteren Schriftsteller aus dem Umkreis der Surrealisten, Andrè Pieyre de Mandiargues, und ist hinter diesem kleinen Vorschaubild versteckt.

Was meinen eigenen Eindruck vom Text angeht, so muss ich bekennen, daß ich ihn zweimal lesen musste, um mich einzufinden. Irène enthält jedenfalls ein paar wunderschöne, poetische Passagen, in vielen Teilen verwirrt der Text aber auch und ist, da man Bezüge und Anspielungen nicht versteht (sofern es welche im Text gibt….), rätselhaft. Daß ich ihn mehrfach gelesen habe, empfinde ich jedoch nicht als Nachteil, weil es eben summa summarum ein schöner Text ist, der sich wohltuend von vielen anderen, reinen Kopulationsfantasien unterscheidet. Wer so etwas sucht, wird – nach den Worten Mandiargues – sogar enttäuscht , ja sogar entsetzt sein über das rasende Wüten des Autors gegen die Niederträchtigkeit der Welt…. [im] … Frankreich von 1928. …

Links und Anmerkungen

[1] François Bond: Surrealist, Stalinist, Ästhet – Der Proteus der französischen Gegenwartsliteratur: Louis Aragon,  DIE ZEIT, 10.10.1969 Nr. 41
[2] Illustrationen von André Masson zur Originalausgabe (1928) von Le Con d´Irène: http://www.pileface.com/sollers/article.php3?id_article=1270 (im unteren Drittel der umfangreichen Seite, hier ein Screenshot, aber: NSFW!)
[3] Wiki-Artikel zu Louis Aragon:  http://en.wikipedia.org/wiki/Louis_Aragon
[4] http://www.goodreads.com/book/show/52592.Irene_s_Cunt
http://en.wikipedia.org/wiki/Irene’s_Cunt
[5] Sohn des Wahnsinns: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45522299.html
[6] http://www.lexpress.fr/informations/aragon-le-fou-d-irene_724321.html
[7] Georges Bataille: Das obszöne Werk,  https://radiergummi.wordpress.com/2012/03/12/georges-bataille-das-obszone-werk/ bzw. Regine Deforges: Das Unwetter,  https://radiergummi.wordpress.com/2008/07/26/regine-deforges-das-unwetter/

Weitere erotische Literatur wird im Themenblog vorgestellt: https://erotischebuecher.wordpress.com

Louis Aragon (Pseudonym: Albert de Routisie)
Irène
Übersetzt aus dem Französischen von Ilse Walther-Dulk und Robert Weisert
Originalausgabe: Le Con d´Irène, 1928
diese Ausgabe(n): Propyläen Verlag, Berlin; 145 S, 1968 bzw: Eichborn, HC, ca. 145 S., 1991

Diese Buchvorstellung kann auch als Audio-File im literatur RADIO bayern gehört werden: Ralf Rothmann: Im Frühling sterben (Audiofile)


Ralf Rothmanns Roman über die Freunde Walter Urban und Friedrich Caroli, die in den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges noch einrücken müssen, ist im Moment ein vielbesprochenes Buch, sowohl in der Literaturkritik als auch in den Blogs. Siebzig Jahre nach Kriegsende ein Roman, bei dessen Lektüre ich an 08/15 denken musste, an Stalingrad oder So weit die Füße tragen [3]. Siebzig Jahre nach dem Ende des letzten Weltkrieges ein solches Buch: auch ein Zeichen dafür, daß es notwendig ist, über diese Zeit noch zu reden, daß es noch Wunden gibt, die auch Jahrzehnte überdauert haben – und daß es um Fragen geht, die zeitlos sind, Fragen nach Schuld und Nicht-Schuld, Fragen nach dem Umgang mit solchen Traumata und wie sich diese auf andere Menschen auswirken……


rothmann cover

Die von Rothmann erzählte Geschichte ist einfach. Die beiden schon erwähnten jungen Männer Walter und “Fiete” arbeiten in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Norddeutschland als Melker. Mit Speck fängt man Mäuse: der Speck ist die vom Reichsnährstand gesponsorte Tanzveranstaltung in der örtlichen Kneipe, die Mäuse, das sind die jungen Männer, die sich die Wärme der Mädels, mit denen sie zu tanzen hoffen und das Freibier nicht entgehen lassen wollen…. Es gab jedoch schon damals Angebote und Vorschläge, die man nicht ablehnen konnte, so eins wie dieses der örtlichen Bonzen mit dem goldenen Parteiabzeichen: ….schlage ich vor, daß jeder Mann auf diesem Fest, ….. noch heute abend freiwillig in die siegreiche Waffen-SS eintritt. …. [4].

Februar ´45, die Amis nähern sich von Westen, der Russe rollt von Osten heran. Tiefflieger und Bomber beherrschen den Himmel über Deutschland, die einzige Devise, die für den einfachen Mann noch Gültigkeit hat, ist die vom “jetzt-bis-zum-Ende-nur-nicht-noch-draufgehen”… Walter und Fiete dagegen, beiden noch keine zwanzig Jahre alt, fahren gen Osten, werden in Ungarn eingesetzt, Walter als Fahrer bei einer Versorgungseinheit, Fiete muss an die Front.

Während Walter es als LKW-Fahrer noch relativ gut getroffen hat (obwohl auch er brenzlige Situationen zu überstehen hat), wird Fiete verletzt. Im Lazarett fasst er den Entschluss, nicht mehr an die Front zurückzukehren, er will dort nicht sterben… trotz der Warnung von Walter desertiert er, läuft aber den Feldjägern in die Arme, schon wieder so ein Romantiker ist deren unbarmherziger Kommentar….

Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe und Fiete ist nicht der einzige, der es versucht hat…. viele der Aufgegriffenen werden gleich an Ort und Stelle aufgehängt, Fiete jedoch wird in den Bunker geworfen und soll am nächsten Morgen exekutiert werden. Zum Exekutionskommando gehört auch sein Freund Walter.

Walter überlebt den Krieg und auch die Nachkriegszeit, in der er Ende der 50er Jahre ins Ruhrgebiet als Bergmann geht. Dreißig Jahre später bricht eine schwere Krankheit bei ihm aus, der Arzt prognostiziert den baldigen Tod.


Mit dieser Szene beginnt Rothmann seinen Roman. Ein Ich-Erzähler, der Sohn, erinnert sich an seinen Vater und in der Schilderung dieser Erinnerungen wird das anfänglich positive Bild Vaters immer düsterer… Kluge Empathie, schalkhafte Menschlichkeit, hochanständig, Hilfsbereitschaft, steter Ernst, einschüchternde Autorität, vornehme Sinnlichkeit – mit solchen Attributen wird der Vater versehen, doch es gibt noch die andere Seite, überdunkelt von seiner Vergangenheit. Im Alter war er zerarbeitet, früh verrentet, zum Alkoholiker geworden, im Suff wurde Mobiliar zertrümmert. Der Lärm unter Tage hat ihn taub werden lassen, dies bedingte eine Stille im Haus, die sich auf alle anderen ebenfalls übertrug…. An Zärtlichkeiten zwischen den Eltern kann sich der Sohn nicht erinnern, eher an stete Vorhaltungen und Streit….

Hab ich dir´s nicht erzählt? Du bist der Schriftsteller.

Februar 1945. Ausbildung im Schnelldurchgang, dann an die Front. Eine Front, die sich Richtung Heimat bewegt – man muss für den großen Gegenschlag schließlich Anlauf holen. Sarkasmus war schon immer ein probates Mittel, mit dem Schrecken umzugehen. Eine Front, eine Soldateska, die sich auflöst.. um die Soldaten in die andere Richtung, gegen den Russen, zu treiben, werfen die eigenen Offizieren ihnen Handgranaten in die Hacken…

Drei Menschen stehen auf Hockern, das von zu engen Drähten gestautes Gewebe der hinter dem Rücken gefesselten Hände quillt über, oben ist ihr Hals mit einem Strick an den Deckenbalken gebunden. Walter kennt diese Bauern, mit seiner Einheit war ein paar Tage vorher dort. Jetzt sind Soldaten einer anderen Einheit im Haus, die haben sie dort platziert, Standrecht, am Tage vorher schon auf die Hocker gestellt. Komm her, die Frau ist für dich. Den beiden Männern treten die Soldaten selbst die Hocker weg, die Frau ist für Walter…. er soll es doch lernen, das Töten. Sollte man mal gemacht haben. Walter weigert sich. Auch gut, bleibt die Alte eben da stehen. Fressen sie die Ratten. 

Auflösungserscheinungen, zur reinen Triebhaftigkeit reduziertes Agieren, die große Orgie, vor allem bei den Offizieren: Saufen, Fressen, Huren bis zum Eintritt der Gesichts- und anderer Lähmungen. Für die Mannschaften ist eher der Schnaps zuständig, Tabletten werden geschluckt, ohne dies geht nichts mehr, der Schnaps wärmt und betäubt, die Tabletten putschen auf für den letzten Einsatz…. die große Entmenschlichung ist im Gange…

Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs und drücken der Landschaft ihren Stempel auf. Walter gelingt es, einen Marschbefehl für drei Tage zu erhalten: er will das Grab seines Vater suchen, der in der Nähe gefallen ist… mit seinem Krad durchfährt der Junge eine Landschaft des Weltuntergangs. Raben und Krähen in der Luft, die Flüsse sind verstopft vor Leichen, an dem Bäumen baumeln aufgegriffene Deserteure, hängen sie zu niedrig, sind ihre Füße schon angenagt und des Fleisches ledig…. zerstörte Häuser, Trümmer überall, die Straßen zerbombt und zerrissen, stete Fliegerangriffe aus der Luft und viel Regen, der alles in nasse Düsternis taucht. Visualisiert man das Geschriebene, so steht man in der dystopischen Kulisse einer untergehenden Welt….

Es ist in der Tat eine Welt die untergeht, von wenigen Fanatikern noch mit äußerster Gewalt aufrechterhalten. Es ist ein aussichtsloser Kampf nicht nur gegen den Feind, es ist auch einer gegen die eigenen Leute, die sinnlos verheizt werden, die mit drakonischen Strafandrohungen zum Gehorsam gezwungen werden.

Walter kommt im Lauf der Geschichte Rothmanns zweimal in die Situation, daß er zum Töten eines Menschen aufgefordert wird. Beim ersten Mal kann er sich weigern, die, die ihn auffordern, haben keine Befehlsgewalt über ihn, können ihm nicht direkt schaden. Trotzdem ist er letztlich derjenige, der den Tod der Frau verursacht. Trägt er auch Schuld? Und wie ist es beim zweiten Mal, als er im Exekutionskommando für seinen Freund Fiete steht? Walter hat alles versucht, was in seiner Macht stand, die Exekution zu verhindern, hat sich selbst quasi als Opfer angeboten – umsonst. Ein Exempel war zu statuieren. Möglicherweise hängen sechs Menschenleben an seiner Entscheidung, auf den Freund zu schießen oder nicht…

Diesem “Höhepunkt” der Geschichte, der eigentlich ein Tiefpunkt ist, gehen zwei fulminante Szenen voraus. In der einen versucht Walter bei seinen Vorgesetzten zu erreichen, daß die Hinrichtung verhindert wird und muss sich dort jedoch erst einmal eine Belehrung über die richtige Verwendung von dem Genetiv anhören, eine Grammatikeinheit, die den herrschenden Zynismus und Verbohrtheit der damaligen Fanatiker bloßlegt.

Die andere, berührende und aufwühlende Situation ist der Abschied, den Walter von Fiete nimmt. Immerhin hat er von seinem Vorgesetzten eine Besuchserlaubnis erhalten, zwar nur für zehn Minuten, aber immerhin.. Fiete ist krank, fiebert, zittert, fragt Walter, ob er morgen auch dabei sei…. eine letzte Umarmung zweier Freunde…

Zwischen Scylla and Charybdis, ein klassisches Dilemma, ein tödliches dazu…. eine unauflösliche Situation, die wie der gordische Knoten aufgelöst wird, mit einem Alle fertig? .. und zack! des Offiziers. Es ist nicht mehr rückgängig zu machen und auch wenn juristische Schuld nicht besteht, bestehen mag: wie lebt ein Mensch, ein junger zumal, der noch in der Entwicklung ist, der noch formbar ist, mit solcher Last? Verformt sie ihn?

Es [gibt] ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper, … das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu sein, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen. Eigentlich logisch, oder?

Rothmann geht nicht weiter auf diese Behauptung einer seiner Figuren ein, auch der Erzähler der Rahmenhandlung, der Sohn Walters, bleibt weitgehend uncharakterisiert, ob er die Verwundungen des Vaters “geerbt” hat, ist nicht zu ersehen. Daß aber die Nachkriegsgeneration allgemein durch die Erziehung durch traumatisierte Eltern unter indirekten Kriegsfolgen litt, ist erwiesen. Sprüche wie “Ein Indianer weint nicht” oder “Hart wie Kruppstahl” waren nicht mit dem 8. Mai ausgestorben, die dahinter stehende Gesinnung noch lange Zeit Maxime einer auf Strenge angelegten Erziehung, die ihre Ursachen auch im Krieg und sicher in der Ideologie der Vergangenheit hatte. Subtiler, aber nicht weniger gravierend war die Sprachlosigkeit, die nach dem Krieg eingetreten war: man wollte von den vergangenen Jahren nichts mehr wissen, vergrub alles in den hintersten Winkeln des Gedächtnisses und der Seele…es sind eigene Erfahrungen des Schriftstellers, die hier einfließen: …ein Vakuum, das mein Vater bei mir als Kind hinterlassen hat, als ich ihn fragte, ob er denn im Krieg auch geschossen habe. Er schaute ganz verdattert meine Mutter an und fragte: Was soll ich denn jetzt darauf antworten? Und meine Mutter sagte zu mir: Los, geh dein Zimmer aufräumen. [2] … oft kamen die Erlebnisse, die Verletzungen, auch die Schuld, erst im Alter, im Sterben wieder hervor – wie bei Walter, die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort wüsste…

Im Frühling sterben hat mit der Exekutionsszene seinen dramaturgischen Höhepunkt erreicht. Danach malt Rothmann mit einem recht groben Pinsel noch die ersten Monate der Nachkriegszeit für Walter, der bei den Amis in eine kurze (?) Kriegsgefangenschaft gerät, aber sich bald aufmacht in Richtung Norden, zu seinen Kühen. Aber auch dort hat sich alles verändert, neue Zeiten sind angebrochen, Handmelker werden durch Melkmaschinen ersetzt, das Futter aus Südafrika herangekarrt…. Auf einem Nachbarhof, so der Verwalter, nicht so groß wie der hier, dort wird jemand gesucht, aber ein Ehepaar muss es sein….. hatte er nicht damals Elisabeth gemocht, die war zwar frech wie Rotz, …. aber gründlicher und schneller als ein Geselle… war?

“….Wir sollten uns nur mal entscheiden, am Wochenende ist der Erste. Kommst du mit?”
….
Und dann sagte sie leise: “Ja”. 


Der 2. Weltkrieg ist Vergangenheit, aber er ist noch nicht vorbei: seine Folgen sind noch spürbar. Die Generation der Väter (bei uns schon etwas älteren),  die noch selbst am Krieg teilgenommen haben, geht jetzt zu Ende, aber – wie bei Rothmann [2] – ihre Antworten oder ihr Ausweichen auf Fragen bleibt in Erinnerung. Bei den jüngeren unter uns sind es die (Ur)Großväter (also auch noch Menschen, die man persönlich wahrscheinlich/vielleicht noch gekannt hat), die damals in den Krieg gezogen waren, den Krieg erlitten, im Krieg vielleicht Schuld auf sich luden, Bauersleute auf Hocker stellten…. irgendjemand muss es ja gewesen sein, der solches tat….   waren die eingangs erwähnten Romane (es sind ja nur Beispiele) recht zeitnah am Krieg und eine erste (beschönigende?) Bewältigungswelle der grausamen Ereignisse, so liegt ein Verdienst dieses Romans sicherlich darin, dies auf eindringliche Art wieder in Erinnerung zu rufen, wieder zu zeigen, wie dünn die Schicht von Moral und Ethik ist und wie schnell sie sich abnutzt.

Die Frage nach der Schuld: sie steht im Mittelpunkt. Die Frage natürlich auch: Wie hätte ich gehandelt, was hätte ich gemacht, wie hätte ich mit den Konsequenzen meines Handelns gelebt? Rothmanns Protagonist ist nach außen hin vielleicht nicht zerbrochen, aber innerlich hat er zeit seines Lebens, das ihm – der Eindruck wird erweckt – gar nicht so viel wert war schwer an seinem Handeln getragen. Man mag gar nicht daran denken, was dies mit einem selbst gemacht hätte….

Fasst man diese zentrale Frage des Romans etwas weiter, kommt man zu dem Problem der Aufrechenbarkeit von Leben: darf ich ein Leben opfern, um mehrere zu retten (im Roman wird ja angedeutet, daß im Falle der Verweigerung alle Schützen zumindest an die Front kommen)? Eine Frage, deren Beantwortung keineswegs leichter ist und wo sich auch der Gesetzgeber heutzutage schwer tut….

Rothmanns Buch jedenfalls erinnert eindringlich daran, daß Kriege nicht nur die moralische Politur des Menschen abschleifen, nicht nur töten und äußerliche Wunden schlagen, sie verletzen auch die Seele und ein halten sie Leben lang am bluten. Unter diese “inneren”, seelischen Verletzungen leiden unter Umständen auch andere Menschen: die Partner/-innen, die Kinder…. Sprachlosigkeit verstärkt das Ganze, aber wo hätten die Menschen, die in dieser Zeit lebten, das sprechen lernen können? Es sind Erkenntnisse, Methoden und Wege, die zum Teil wir in neuerer Zeit erst gefunden haben – auch, in dem solche Traumatisierungen untersucht wurden.

In der Geschichte findet Walter das Grab seines Vater nicht, ebenso wenig wie in der Rahmenhandlung am Ende des Romans Walters Sohn das der Eltern auf dem Friedhof in Oberhausen nicht mehr findet. Als er es sucht, ist es ist zwar am Ende des Winters, doch ein letztes Mal wehen Schneeflocken und fallen lautlos auf die Erde, es war jetzt noch einmal stiller.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ralf_Rothmann
[2] Britta Heidemann: “Ich habe die Toten in den Särgen damals angesehen”, ein Gespräch mit Ralf Rothmann, inhttp://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article142862427/Ich-habe-die-Toten-in-den-Saergen-damals-angesehen.html 
[3] Hans Hellmut Kirst: 08/15 (1954), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/08/15_(Roman)
Theodor Plievier: Stalingrad (1954), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Stalingrad_(Roman)
Josef Martin Bauer: So weit die Füße tragen (1955), vgl hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/So_weit_die_Füße_tragen
[4] Wie andere Rezensenten erwähne ich es auch: Rothmann schickt die beiden jungen Männer in die Waffen-SS-Division “Frundsberg”, in die auch Günther Grass gedient hat. Ein “hübsches Detail”, wie im Spiegel [s.u.] steht, nur wenn man sich anschaut, wo diese Division eingesetzt war in den letzten Kriegstagen, stößt man auf Fürstenwalde, nicht aber auf Ungarn [s.u.]. Ein weniger hübsches Detail, völlig unnötig auch noch

Maren Keller und Sebastian Hammelehle: “Das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe”; in:  http://www.spiegel.de/kultur/literatur/im-fruehling-sterben-von-ralf-rothmann-soll-ich-das-lesen-a-1041128.html
Wiki-Seite zur
10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“”:  https://de.wikipedia.org/wiki/10.SS-Panzer-Division„Frundsberg“
Ralf-Georg Reuth: Günther Grass -Die Wahrheit über seine SS-Division; in: http://www.bild.de/news/2006/guenter-grass-wahrheit-ss-division-720658.bild.html

zu den Rückzugsgefechten aus Ungarn (hier wird auch ein Zahl von über 500 standrechtlich erschossenen Deserteuren genannt) siehe diesen Abschnitt in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_um_Ungarn#Der_R.C3.BCckzug_aus_Ungarn

Ralf Rothmann
Im Frühling sterben
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, 242 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.


Diese Buchvorstellung kann auch als Audio-File im literatur RADIO bayern gehört werden: Ralf Rothmann: Im Frühling sterben (Audiofile)

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


Antje Vollmer erinnert in ihrer Doppelbiografie über das Ehepaar Gottliebe und Heinrich von Lehndorff an einen der Angehörigen des Widerstands vom 20. Juli 1944 gegen Hitler, dessen Namen in der Öffentlichkeit weniger präsent ist. Überhaupt, so die Autorin, erfährt der Widerstand dieser Gruppe viel weniger Interesse als zum Beispiel andere Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus, des 2. Weltkrieges oder des 3. Reiches allgemein. Dies liegt auch daran, daß der aus den eigenen Reihen stammende Attentäter und Umstürzler per Definitionem auch ein Verräter ist: er bricht notwendigerweise den einst geleisteten Treueschwur. Wer dazu fähig ist, kann man dem überhaupt trauen? Dazu kommt, daß aus historischen Gründen, wie Vollmer erläutert, die führende Schicht des Militärs (und nur aus dieser Schicht konnte ein Umsturz geplant und verwirklicht werden, denn das Volk stand in großer Mehrheit hinter Hitler und seinem Nationalsozialismus, bzw. war derart unter Kontrolle, daß organisierter Widerstand von hier (sprich: eine Revolution) nicht mehr möglich war, ganz im Gegenteil mussten die Verschwörer davon ausgehen, daß sie mit ihrem Tun nicht dem Willen des Volkes nachkommen) dem Adel angehörte, der Großteil der Generalität waren “von”´s und Angehörige der Aristokratie. Dies führte dazu, den Widerständlern aus diesen Reihen Eigeninteresse zu unterstellen: sie wollten nur ihre eigenen Besitztümer und Vorrechte wahren und sichern. Insbesondere galt dies auch für die ostpreussischen Junkern (und Lehndorff gehört zu dieser Schicht) mit ihren zum Teil riesigen Gütern. Zu den weiteren abwertenden Vorwürfen gegen die Männer vom 20. Juli gehört der des Dilettantismus: zu spät, zu zögerlich, zu schlecht vorbereitet und zu allem Überfluss noch erfolglos. Es musste doch möglich gewesen sein (wenn man es nur wirklich wollte), Hitler einfach zu erschießen oder sich mit ihm zusammen in die Luft zu sprengen. Außerdem: waren diese Leute nicht selber Anhänger Hitlers gewesen? Daß diese Vorwürfe wesentliche Randbedingungen der damaligen Zeit ignorieren und unberücksichtigt lassen, versucht die Autorin in ihren Ausführungen deutlich zu machen, so daß sich letztendlich ein diffenzierte(re)s und ihnen gerechter werdendes Bild der Männer des 20. Juli ergibt. So wird diese Doppelbiographie eines Mannes im Widerstand sowie seiner Frau notwendigerweise auch die Geschichte eines Attentats und seiner Randbedingungen.

lehndorff coverVollmer ist ein behutsames Buch [2] gelungen, das getragen wird von merkbarer Sympathie für das Paar, ihre Familie und ihre Freunde. Sie hatte die Gelegenheit, viele bis dato nicht bekannte Dokumente aus dem Besitz der Angehörigen einsehen zu können, es standen ihr auch einige Tonbandaufzeichnungen von Gottliebe im Gespräch mit ihren Töchtern zur Verfügung, aus denen sich vor allem persönliche Eindrücke und Gefühle rekonstruieren ließen. Ebenso ist der sehr persönliche und sehr bewegende Abschiedsbrief von Heinrich von Lehndorff, den wird am Tag vor seiner Hinrichtung an seine Frau schrieb, hier wiedergegeben, überhaupt gibt Vollmer viele dieser Dokumente (auszugsweise) als Zitate wieder, so daß  in der Ursprünglichkeit der Reden und des Geschriebenen auch eine Ahnung vom Atmosphärischen vermittelt wird.


Die Lehndorffs gehörten zu den großen Familien Ostpreussens, ihren Adel führen sie auf die Zeit noch vor den Ordensrittern zurück, d.h. er war nicht vom König verliehen, sondern “in grauer Vorzeit” war einer ihrer Vorfahren als “Erster” gewählt worden. Gleiches gilt im übrigen für die Familie von Kalnein, der die Frau Heinrichs, Gottliebe, entstammte. Der Stammsitz der Lehndorffs lag in Steinort [3] in Masuren, Schloss Steinort war ein großes Haus, der Besitz umfasste viele Tausend Hektar Ackerland, Weiden, Wälder und Seen. Vollmer gibt einen Überblick über die Familiengeschichte der Lehndorffs (die Familie hatte sich im Lauf der Zeit in drei Linien aufgesplittet), die in einer früheren Phase durch das Militärische geprägt war, sich aber dann Mitte des 19. Jhdts auf die wirtschaftliche Entwicklung des Besitzes konzentrierte, die Zucht von Pferden, die Reiterei war eine der großen Leidenschaften.

Heinrich Lehndorff übernahm den Besitz Steinort nach dem Fideikommiss von “Onkel Carol”, einer legendären Figur der Familie, der mit seinem exzentrischen Verhalten gut auch in Sitwells [4] Sammlung gepasst hätte. So hatte Onkel Carol beispielsweise zwei Bedienstete im Schloss, die eigens dafür da waren, den Gästen Streiche zu spielen… Da seine Extravaganzen teilweise recht kostspielig waren, musste zum einen der Familienrat des öfteren tagen, zum anderen hatte er Steinort schlicht und einfach vernachlässigt, Schloss und Wirtschaft waren, als Heinrich sie übernahmen, in keinem guten Zustand.


Heinrich von Lehndorff wurde 1909 in Hannover geboren und verbrachte seine Kindheit in Preyl. In seiner Bewerbung zum Abitur (1929) bezeichnet er sich selbst als lebensfrohen Charakter, als ausgesprochenes Landkind, das in seinen Flegeljahren keinen Tag ohne Streich vergehen ließ…. Die Eltern Heinrichs waren zwar in ihrer Grundeinstellung konservativ, aber liberal, der Junge wuchs in großer Freiheit auf. Die Eltern sah er zu den Mahlzeiten und bei Festen, ansonsten schien die “Erziehung” im Wesentlichen durch das Beispiel des tägliche Leben und durch die Arbeiter und Bediensteten erfolgt zu sein. Zu der “Alterskohorte”, mit der Heinrich seine Tage vorwiegend draußen verbracht, zählte neben Verwandten und den Brüdern u.a. auch Marion Gräfin Dönhoff. Von ihr ist folgender Ausspruch aus dieser Zeit zitiert, der den Zusammenhalt und die Verbundenheit dieser jungen Menschen trefflich charakterisiert: … Wenn wir mal alt sind, stoßen wir die Angeheirateten wieder ab und ziehen alle wieder zusammen. … Eine Verbundenheit, die noch sehr zum Tragen kommen sollte, auch wenn dieser halb scherzhafte, halb ernstgemeinte Plan nie verwirklicht werden konnte, da die meisten dieser Kinder den Krieg nicht überleben sollten. Jedenfalls war im Ergebnis dieser Kinder- und Jugendjahre der Bildungsstand Heinrichs nicht sehr hoch, zwar waren im Lauf der Jahre einige Hauslehrer verschlissen worden, als der Junge mit dreizehn Jahren aber dann in eine reguläre Schule nach Königsberg kam, zeigten sich einige Defizite. 1925 wechselt Heinrich dann in die Klosterschule von Rossleben, die sich über lange Zeit gegen den Einfluss des langsam aufkeimenden Nationalsozialismus stellte. Aus ihrem Einflussbereich sind später einige Widerständler gegen das Hitlerregime hervorgegangen.

Nach dem überraschenden Tod von Onkel Carol muss Heinrich, der nach dem Abitur in Frankfurt/Main Betriebswirtschaft studierte, im Alter von 27 Jahren Steinort übernehmen. Das Landkind kam wieder zurück in sein geliebtes Ostpreussen und stürzte sich dort in die Arbeit, um den Besitz wieder in bessere Zeiten zu führen. Um diese Zeit, Mitte der Dreißiger Jahre, lernte er auch Gottliebe von Kalnein, seine zukünftige Frau kennen. Deren Jugend war weitaus freudloser, die Eltern (deren Ehe scheiterte) sehr auf das Einhalten von Konventionen und Stil fixiert. Nachdem sich die Tochter dann zum ersten Mal verliebt hatte, wurde sie prompt für zwei Jahre nach Südamerika verbannt, nach ihrer Rückkehr lernten Heinrich und sie sich dann kennen – und offensichtlich verliebte Heinrich sich in die wunderschöne junge Frau…. Gottliebe war bei ihrer Rückkehr nach Deutschland erschüttert: in den zwei Jahren ihrer Abwesenheit von 1932 bis 1934 hatte sich das Land grundlegend verändert: die unzähligen Hakenkreuzflaggen, die sie auf ihrer Zugfahrt nach Hause sah, waren ein sichtbares Zeichen dafür…

Die Trauung der beiden fand im November 1936 durch Pfarrer Niemöller statt, das Paar bekam insgesamt vier Töchter. Ein Jahr nach der Hochzeit wird Heinrich als Parteimitglied geführt. Ein Aufnahmeantrag ist zwar nicht vorhanden, aber Vollmer hält eine Aufnahme gegen Wissen und Willen für unwahrscheinlich, ebenso eine aus Tarnungsgründen. Wahrscheinlicher wird es sein, daß Heinrich von Lehnsdorff aus opportunistischen Aspekten und vllt auch aus seiner Ablehnung des Bolschewismus heraus tatsächlich einen Aufnahmeantrag gestellt hatte. Auch in diesen Kreisen war die Ansicht, die neue Bewegung würde “national” und “sozial” verbinden und einen Aufbruch darstellen, weit verbreitet ebenso wie die Überzeugung, die abstoßenden Randerscheinungen seien eben solche und würden bald aufhören.

Die militärische Karriere verlief nicht sonderlich glanzvoll. Heinrich war als Reservist eines Reiterregiments registriert und wurde noch vor Kriegsbeginn einem Radfahrer-Ersatzschwadron zugeteilt. Noch im September 1939 jedoch forderte ihn Generalfeldmarschall von Bock als Ordonnanzoffizier an. Damit war der Leutnant militärisch zwar nur “ein Mädchen für alles”, aber er war in direkter Nähe zu einem der höchsten Militärs der Wehrmacht stationiert und saß daher an einer reich sprudelenden Quelle von Informationen.

“Du, ich muss dir was dringendes sagen. … Ich habe etwas Schreckliches erlebt. ein SS-Mann packte ein Kind und schleuderte es so lange gegen einen Baum, bis es tot war. Ich habe mich jetzt entschlossen, endgültig dem Widerstand beizutreten. Wir sind ein ganze Gruppe bei Bock. Das sind Tresckow, Schlabrendorff und Hardenberg. Sie wollen alle, daß Hitler beseitigt wird.” Damit waren die Würfel gefallen. … erinnert sich Gottliebe von Lehndorff (ca 1970) an ein Gespräch mit ihrem Mann, der an der Ostfront war und vllt sogar selbst das Massaker der SS vom Sommer 1941 an 7000 Juden in Borissow miterlebt hat.


Um die Bedeutung und Rolle Heinrich von Lehndorffs für den Widerstand einschätzen zu können, müssen ein paar Ausführungen gemacht werden.

Im Zusammenhang mit der Person Hitlers fallen immer wieder Begriffe, die eher dem religiösen Raum zuzuordnen sind wie Vorsehung oder Erlösung und seine Anfangs”erfolge” auf diplomatischer und auch militärischer Ebene schienen ihm recht zu geben: Rückgewinnung des Saarlandes, der Anschluss seiner Heimat Österreich ans Deutsche Reich, das Flottenabkommen mit England von 1935, der Austritt aus dem Völkerbund, der Wiederaufbau der Wehrmacht und ganz besonders das Münchner Abkommen steigerten Schritt für Schritt sein Allmachtsgefühl, allein zu wissen, wie der Gang der Geschichte zu laufen habe, … die übrige westliche Welt werde vor seinem mit überirdischen Energien geladenem Willen zurückschrecken … die von ihm verkörperte Urkraft bewog ihn auch zu der realitätsfernen Beurteilung, nach der Rückgewinnung des Sudetenlandes, der Zerschlagung des Restes der Tschechoslowakischen Republik nun auch noch das Restärgernis des Versailler Vertrages, den polnischen Korridor, auf Kosten Polen beseitigen zu können. … .Daß auf diese Kriegsdrohung gegen Polen aber die Kriegserklärung Englands folgte, macht ihn kurzzeitig fassungslos und in der Folge entwickelte er die Idee der sogenannten “Führerhauptquartiere”, in denen er sich bevorzugt aufhielt mit der Adresse “im Feld”, um so nahe bei seinen Soldaten zu sein und ihnen als ihr Feldheer Mut und Durchhaltevermögen zu geben.

Das bekannteste (aber nicht das einzige) dieser Führerhauptquartiere war die “Wolfsschanze” in Ostpreussen und diese lag auf dem Land des Grafen Lehndorff, genauso wie das Quartier des Oberkommandos der Heeres nur wenige Kilometer vom Schloß Steinort entfernt. Die Bunkeranlage Wolfsschanze war ein trostloser Ort, dunkl, feucht und deprimierend; Hitler kein Erzherzog Franz Ferdinand, der im offenen Cabriolet durch die Straßen fuhr. Im Gegenteil war Hitler verschlossen, misstrauisch, vergrub sich in seiner männerbündischen Umgebung immer weiter in seine Fantasievorstellungen. Unter etwa zweitausend Militärs und Sicherheitsbeamten lebten ganze sieben Frauen… es gab keine Vergnügungen, keine Tanzstätte, noch nicht einmal ein Bordell. … Die Anlage hatte ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept mit strengen Zugangskontrollen in die einzelnen Zonen [8]. In die Nähe Hitlers, der ausserdem eine schusssichere Weste  und eine Metallkappe unter der Mütze trug, kamen nur ausgesuchte Personen, die Hitler auch oft lange warten ließ, bis er sie vorließ oder er auch die Besprechung schließlich ganz absagte. Immer waren einige bewaffnete SS-Leute im Raum. Im weiteren Verlauf des Krieges verließ Hitler seine Quartier immer seltener, die Außentermine, die er wahrnahm, waren in Planung und Durchführung so erratisch, daß diverse Anläufe zu Attentaten immer wieder scheiterten.

War es unter diesen Bedingungen ein Wunder, daß die Offiziere immer gerne nach Steinort zu dem jungen und freundlichen Grafenpaar kamen, um sich dort ein paar Stunden zu erholen? Zudem hatte sich auch der deutsche Außenminister von Ribbentrop auf eigene Einladung hin im Schloss einquartiert: er ursupierte den linken Flügel, gestaltete diesen nach seinen Vorstellungen um und hielt dort Hof: auch er “im Felde” – zumindest, was den Briefkopf angeht. So wimmelte es auf Steinort zu Tag und Nacht von Gestapo und SS-Leuten, von Militär und Beamten: gab es eine bessere Tarnung für Besuche, die Lehndorff dort von seinen Freunden empfangen konnte? Man muss sich diese schizophrene Situation vorstellen: man betritt das riesige Anwesen der Lehndorffs durch den imposanten Haupteingang und wendet sich nach links, um ins Zentrum der Nazi-Aussenpolitik zu gelangen, geht man nach rechts, trifft man auf die Widerständler… Gottliebe sowie die anderen Familienmitglieder waren eingeweiht in die Aktivitäten Heinrichs, ohne daß sie Einzelheiten wussten, Gespräche zum geplanten Attentat wurden prinzipiell nur ausserhalb des Hauses, im Wald, bei Kutschfahrten durchgeführt, man rechnete selbstverständlich damit, daß innerhalb des Hauses durch die Gestapo oder SS Abhörmaßnahmen installiert waren.

Lehndorff war die Aufgabe eines Verbindungsoffiziers zwischen den verschiedenen “Zentren der Macht” zugefallen, denn auch ein erfolgreiches Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze hätte als solches kaum Auswirkungen gehabt, wenn die Machtzentralen in Berlin (Gestapo, SS, Militär) nicht auch unter Kontrolle des Widerstands zu bringen wären. Darüber war man sich im Kreis der Verschwörer klar. Eine heikle Aufgabe, aus den Reihen von SS und Gestapo Mitverschwörer zu finden, es gab sie, aber es waren nicht allzuviele. Beim Militär sah das anders aus. Daß militärisch viele Fehler gemacht wurden, sahen die Offiziere wohl, und viele signalisierten, daß man mit ihnen, für den Fall, daß das Attentat erfolgreich sei, auch rechnen könne. Sich beteiligen das Risiko des Scheiterns eingehen wollten dagegen nur die wenigsten.

So standen die Männer um Stauffenberg und Treskow weitgehend allein, auch die Unterstützung des feindlichen Auslands blieb aus. Dort wollte man die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und hatte kein Interesse am Sturz Hitlers. Schon 1938 gab es ernst zu nehmende Umsturzpläne aus Reihen des Militärs, denen aber eine Unterstützung Englands versagt blieb. Vielleicht war dies sogar die aussichtsreichste Gelegenheit, Hitler zu stürzen bzw. sogar zu töten, wie es einige aus der seinerzeitigen Widerstandsgruppe vorhatten. Es ist jedenfalls schon erstaunlich, wie viele Attentatsversuchen dieser Mann überlebte [5].

Vollmer erläutert noch einmal explizit, welche große, fast nicht zu bewältigende Aufgabe die Männer um Stauffenberg und Tresckow sich mit dem Anschlag auf Hitler vorgenommen hatten. Abgesehen von den eher “technischen” Schwierigkeiten, rein physisch in Hitlers Nähe zu gelangen (und dann noch Pistole oder Sprengstoff mitzuführen), war es wie gesagt nicht damit getan, Hitler zu töten: ein anderer der Clique, Göring, Himmler oder wer auch immer (auch diese Personen müssten also bei dem Anschlag getötet werden) hätte sich auf einen weitestgehend funktionierenden Apparat stützen können und alles wäre so weiter gegangen. Nach den immer wieder angepassten Einsatzplänen der Operation “Walküre” waren der Ausnahmezustand auszurufen, die Waffen-SS ins Heer einzugliedern, hohe Funktionäre von Partei und SS zu verhaften, die Konzentrationslager zu besetzen und es musste eine Übergangsregierung eingesetzt werden – und das alles, ohne das die eigene Bevölkerung hinter den Widerständlern gestanden hätte. Und die Kriegsgegner, mit denen Friedensverhandlungen zu führen seien, wollten auf jeden Fall eine bedingungslose Kapitulation… [9]

Vollmer schildert die einzelnen Versuche, das Attentat durchzuführen, immer wieder scheitern sie, 1943 insgesamt dreimal. Im Jahr darauf hat sich die äußere Lage dermaßen zugespitzt, daß Zweifel laut wurden, ob ein Anschlag auf Hitler überhaupt noch Sinn habe. Tresckow läßt Stauffenberg daraufhin über Lehndorff folgende Botschaft übermitteln: Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden, denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung von der Welt und vor der Geschichten den entscheidenden Wurf gewagt hat.  … Stauffenberg stimmte dieser Vorgabe zu, es müsse gehandelt werden, koste es, was es wolle.

Begründung und Zielsetzung hatten sich für die Verschwörer damit grundlegend geändert. Sie hatten keine Hoffnung mehr, das Kriegsgeschehen und damit das Schicksal Deutschlands ändern zu können, es ging ihnen jetzt darum, für die Nachwelt zu hinterlassen, daß es in Deutschland allem Anschein zum Trotz Widerstand gegen Hitler gegeben hat, in die Argumentation ist eine moralische Dimension, die vorher keine Rolle spielte, gebracht worden.

Am 11. und am 15. Juli kommt Stauffenberg in neuer Verwendung in die Nähe von Hitler, bricht aber beide Male den Anschlag ab: am 11. Juli, weil weder Himmler, Bormann oder Göring mit im Raum sind. Am 15. Juli will er den Sprengsatz zünden, obwohl wieder niemand der drei Personen anwesend ist und er meldet dies seinen Kameraden in Berlin. Weil Hitler den Raum in der Zwischenzeit aber verlassen hat, misslingt auch dieser Versuch mit der fatalen Langzeitfolge, daß auf den Anruf Stauffenbergs in Berlin “Walküre”alarm für den Beginn des Umsturzes ausgegeben worden ist, der nur schwierig wieder einzufangen war. Am 20. Juli führte dies dazu, daß die Meldung über den erfolgten Anschlag in Berlin erst mit fataler Verzögerung das Signal zum Umsturz auslöste [7].

Das Ergebnis dieses Tages ist bekannt, Hitler entging dem Anschlag mit nur leichten Verletzungen, er schäumte vor Wut und auf die Angehörigen des Widerstands wurden sofort Jagd gemacht. Lehndorff kann seinen Verfolgern zweimal entkommen, wird aber jedes mal wieder aufgegriffen. Das erste mal stellt er sich “freiwillig”, weil er aus dem Dickicht heraus sieht, daß die Gestapo seine Frau in ihrem Auto dabei hat, zum zweiten Fluchtversuch kann er in Berlin direkt vor der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße spontan aus dem Transport springen und um sein Leben rennen. Noch ist er in Zivilkleidung, aber ohne Schuhriemen (der Sand sollte ihm die Füße blutig scheuern) und ohne Hosengürtel. Er wendet sich nach Norden, in die Richtung des Gutes, auf dem seine Schwiegermutter lebt, durchquert dabei Karinhall, den Jagdsitz Görings, aber im Wald kennt er sich ja aus seit Kindertagen… Kurz vor dem Ziel wird er am sechsten Tag seiner Flucht frühmorgens vom Förster entdeckt. Lehndorff redet nicht lange um seine (offensichtliche) Situation herum, er überläßt damit dem Förster die Entscheidung über sein Handeln – und damit über sein, Lehndorffs, Leben. Der Förster denkt nach, gibt ihm etwas zu essen und ruft die Polizei. Heini Lehndorff versucht nicht erneut, sich der Verhaftung zu entziehen. Die Flucht ist zu Ende… , die Bewachung des Gefangenen wird jetzt konsequenter durchgeführt….

Vollmer rekonstruiert – soweit dies möglich ist – die letzten Tage Heinrich von Lehndorffs. Wie alle seine Kameraden verrät er niemanden, es wird in den (gewalttätigen) Verhören nur soviel zugegeben, wie unvermeidlich ist: Treffen auf Steinort beispielsweise, die ja unter den Augen der “Öffentlichkeit” stattfanden, Beteiligungen von Männern, die schon tot oder hingerichtet worden waren wie z.B. Stauffenberg und denen man dadurch nicht mehr schaden konnte So kommt es z.B. dazu, daß vor dem Volksgerichtshof (fälschlicherweise) festgehalten wird, daß Lehndorff erst im Dezember 1943 in Umsturzpläne eingeweiht wurde… das konkrete Verhalten der einzelnen Widerständler in den Verhören ist unterschiedlich, im Gegensatz zu anderen hatte sich Lehndorff entschieden, alles, was seine Rolle bei den Anschlägen betraf, zuzugeben – soweit es eben ging, ohne anderen zu schaden. Er war wohl des Leugnens, des sich Versteckens, des Auslegens falscher Fährten, um damit Zeit zu gewinnen, müde….. diesen Entschluss fasste nach einem misslungenen Suizidversuch mit einer Rasierklinge, die er in den Sohlen seiner Schuhe in seine Zelle schmuggeln konnte.

In internen Berichten an die vorgesetzten Behörden und Minister, in denen der propagandistische Tenor fehlt und die halbwegs neutral formuliert sind, wird deutlich, daß man über das Ausmaß der Verschwörung erstaunt war. Hie und da, so schreibt Vollmer, klingen sogar selbstkritische Töne an nach dem Motto: Wenn so viele gute Männer, die früher unsere Anhänger waren, bereit waren, ihr Leben zu opfern, um Hitler zu töten und uns zu stürzen, haben wir da vllt doch an der einen oder anderen Stelle etwas falsch gemacht, etwas übertrieben? Teile der Lehndorffschen Aussagen über Motive und Beweggründe tauchen in diesen Berichten explizit auf. Nach außen drang davon natürlich nichts, nach innen hatte diese Gesichtspunkte auch keine Auswirkungen.

Der Prozess gegen Heinrich von Lehndorff (und andere) fand am 4. September 1944 statt, die Urteile wurde gegen 14 Uhr verkündet, die Hinrichtungen fand schon anderthalb Stunden später in Plötzensee statt.

Für die Ausstellung des Totenscheins – soweit die erfolgte und er den Familien ausgehändigt wurde – wurden selbstverständlich eine Gebühr verlangt.


Es waren aber nicht nur die Männer, die im Visier der Nazi-Fahnder waren, auch die Familien fielen unter die “Sippenhaft” [6]. Gottliebe stand um diese Zeit vor der Geburt ihrer jüngsten Tochter, die dann auch in einem Gefängnis geboren wurde. Sie selbst kam mit ihrem Baby in ein Lager, die drei älteren Töchter wurden von ihr getrennt und in ein geräumtes Erholungsheim der NS-Volkswohlfahrt im Harz-Kurort Bad Sachsa eingeliefert. Marion Dönhoff, die dies erfuhr, holte die Kinder von dort im Dezember 1944 heraus und brachte sie zurück zu Gottliebe, die mittlerweile bei ihrer Mutter war.

Um diese Zeit, ab Herbst 1944, war alles in Auflösung, die Rote Armee rückte bedrohlichst näher und nachdem Hitler selbst seine Wolfsschanze aufgab, gab es auch für den Rest der Bevölkerung, der bis dahin Flucht bei Androhung der Todesstrafe verboten war, kein Halten mehr: die Menschenmassen wälzten sich im Winter nach Westen. So auch Gottliebe und die anderen Angehörigen der Familien Lehndorff und Kalnein. Welch eine Situation! Zwar hatte Heinrich vorsorglich im “Westen” ein Haus als Fluchtziel für seine Familie gekauft, die Unterlagen dazu wurden Gottliebe bei ihrer Verhaftung jedoch sofort abgenommen: sie wusste nicht, wo das Haus war… so hatte sie praktisch nichts mehr und war mit ihren vier kleinen Töchtern in einem in Auflösung begriffenen und in Schutt und Asche fallendem Land auf andere angewiesen.

Vollmer schildert diese Odyssee der fünf Frauen durch das Nachkriegsdeutschland, die über Hamburg und viele Zwischenstationen in den späten sechziger Jahren auf eine Hofanlage in Peterskirchen, nicht weit von München führt, die Gottliebe aus Mitteln des Lastenausgleichs kaufen kann. Die entfernt an Steinort erinnernde Anlage gestaltet sie nach ihren Vorstellungen, sie wird zu einem beliebten Treffpunkt von Künstlern und Kreativen, die dort, wie Hanna Schygulla (deren Erinnerungen an ihre Freundin Gottliebe dem Buch beigefügt sind), zum Teil jahrelang wohnen. Waren die(ser Zweig der) Lehndorffs in Preussen in Steinort angesiedelt, so zerstreuen sich die Überlebenden nach dem Krieg: Gottliebe ist auf ihrem Gut, die Töchter (von denen Vera als Veruschka (Fotomodel) wohl die bekannteste geworden ist) zieht es an die verschiedensten Ort in Deutschland und Europa. Die Eltern Heinrichs schließlich finden wieder zu ihrer alten Leidenschaft, den Pferden: sie leiten ein berühmtes Gestüt im Rheinland. Die Bestattung des Vaters, der 1962 gestorben ist, beschreibt Marion Dönhoff in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt in eindrucksvollen Worten.

Zum hundersten Geburtstag Heinrich von Lehndorffs wird im Steinort eine Gedenktafel aufgestellt, es klingt bei Vollmer an, als ob diese Feier, dieses Treffen, nach fast siebzig Jahren, für die Töchter mit das erste Mal gewesen ist, daß sie das Damalige in Sprache bringen konnten: Hier aber, am 22. Juni 2009, begannen alle, vorsichtige gemeinsame Worte zu suchen für das, was einmal war….

In der  ersten Zeit nach der Hinrichtung und nach dem Krieg hat Gottliebe verzweifelt versucht, Zeugen zu finden, die ihr von ihrem Mann berichten konnten, Dokumente, Briefe von ihm, Aussagen… es gab solche Zeugnisse, vereinzelt, es gab Menschen, die diese Dokumente funktionalisierten als Zeugnis dafür, wie gut sie doch eigentlich sind und daß sie schon immer im Inneren “dagegen” waren und man sähe das ja daran, daß sie dafür gesorgt habe, daß die Frau diesen letzten Brief ihres Mannes erhält…. Monate nach der Hinrichtung bekommt Gottliebe diesen Abschiedsbrief Heinrichs von einem SS-Offizier ausgehändigt, zehn engstbeschriebene Seiten eines Mannes, der mit sich im Reinen war, der sich seiner Frau noch einmal in aller Liebe öffnete und der versuchte, ihr Sorgen zu nehmen und die untragbare Last tragbarer zu machen…. ich muss zugeben, ich konnte diese Zeilen kaum lesen, zu wissen, daß diese Worte kein Produkt eines Schriftstellers waren, der sie sich ausdachte, sondern daß die ein Mann an seine Frau geschrieben hat, der wusste, daß er bald getötet werden würde…. dies macht mir auch jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, noch  zu schaffen….


Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und aktiver Teilnehmer des Hitler Attentats am 20. Juli 1944 Bildquelle: [B]

Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und einer der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944
Bildquelle: [B]

Doppelleben ist ein intensives Buch, das sich bemüht, seinen Personen, denen es sich widmet, gerecht zu werden. Es will in der Person und der Vita Heinrich von Lehndorffs, einem der unauffälligeren, aber nichtsdestotrotz wichtigen Angehörigen des Widerstands die mannigfaltigen Vorurteilen entkräften, die dieser Aktion des Attentats vom 20. Juli 1944 noch immer entgegen gebracht werden. Dazu nimmt es sich die Zeit, die Randbedingungen, unter denen die Männer damals agieren mussten, herauszuarbeiten und zu beschreiben. Für besonders wertvoll halte ich die Tatsache, daß Vollmer viele persönliche Dokumente (der Begriff “viel” ist hier natürlich relativ…) der Familie mit in ihr Buch einarbeiten konnte und sie im Originalwortlaute wieder gegeben hat. Dadurch gewinnt man als Leser eine gewisse Nähe zu den Personen, ohne daß jedoch die notwendige Objektivität verloren geht. Dies gilt nach meinem Eindruck auch für die Autorin, deren Sympathie für Heinrich und Gottliebe spürbar ist, was jedoch nicht zu einer einseitigen Darstellung führt. Für mich jedenfalls war das Lesen und das Rekapitulieren des Gelesenen in dieser Buchvorstellung sehr wertvoll.

Links und Anmerkungen:

[1] Website der Autorin: http://www.antje-vollmer.de/doppelleben.htm
[2] https://www.youtube.com/watch?v=Wc091xV0oOI
[3] Steinort: http://www.masuren.com/html/Schloss_Steinort.html
[4] Edith Sitwell: Englische Exzentriker. Vgl z.B. hier: https://phileablog.wordpress.com/2015/03/01/englische-exzentriker/
[5] Liste der Attentate auf Hitler:  http://de.wikipedia.org/wiki/..Attentate_auf_.. Hitler
[6] Vollmer dürfte damit wohl die “Aktion Gitter” (http://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Gitter) gemeint haben, ohne diesen Namen explizit zu erwähnen. In der (dort verlinkten) Aufstellung “Opfer der Aktion Gitter (1944)”, fehlt jedoch der Name der Lehndorffs ebenso wie der anderer Familien, deren Angehörige beim 20. Juli beteiligt waren…
[7] zum Ablauf des Attentats am 20. Juli:  http://www.stauffenberg.lpb-bw.de/ablauf_des_20_juli.html
[8] eine etwas andere Erinnerung an die Sicherheitsbestimmungen stammt von Kurt Salterberg, dem wohl (?) letzten Augenzeugen des Attentats. Einem Bericht der Rhein-Zeitung vom 18. Juli 2015 [Dirk Eberz: Der letzte Zeuge, Journal, S. 3] zufolge galt: “Wir hatten Anweisung, niemanden zu kontrollieren, der mit Keitel kam.” So kam Stauffenberg am 20. Juli unkontrolliert mit seiner Tasche in den innersten Bereich der Wolfsschanze. Auch die generelle Auswahl der Angehörigen des Führerbegleitkommandos wird als recht lax beschrieben.
[9] Elisabeth Raiser: Margarethe von Oven (1904-1991), S. 102; in: Antje Vollmer u. Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten, München, 2015

Bildquellen

Gedenksteinhttp://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Graf_von_Lehndorff-Steinort; von SPBer (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Antje Vollmer
Doppelleben
Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop
Mit einem Essay von Kilian Heck
Nachwort von Hanna Schygulla
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Band 309, 416 S., 2010

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