rom cafe

Liest man Bücher, bevorzugt biographisch angehauchte, die sowohl im Künstlermilieu als auch im Berlin zwischen den beiden Weltkriegen spielt, so ist es nicht unwahrscheinlich, das einem an irgendeiner Stelle das Romanische Café, seinerzeit in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gelegen, begegnet.

Die Voraussetzungen für Künstler und andere Kreative waren nach dem ersten Weltkrieg in Berlin gut. Berlin war als ein Zentrum europäischer Gesittung neu, schrieb Heinrich Mann, Berlin empfing, es war zugänglich noch mehr als schöpferisch…. Bereitwillig aufgenommen wurden die avantgardischen Strömungen aus Frankreich und der jungen Sowjetunion ebenso wie die der kommerziellen Massenkultur aus Amerika. Dazu kam die rasante technische Entwicklung von Rundfunk, Schallplatte und Film.

Schebera nennt beeindruckende Zahlen für Berlin: 1927 spielten in Berlin 49 Theater, es gab 3 Opernhäuser, drei große Varietés, 75 Kabaretts, viele Kleinkunstbühnen und Lokalitäten mit Unterhaltungsprogramm. Für 1929 nennt der Autor 363 Kinos, für die 37 Filmgesellschaften jährlich ca. 250 abendfüllende Spielfilme produzierten. Ferner erschienen in der Stadt 45 Morgenzeitungen, 2 Mittagsblätter und 14 Abendzeitungen; es gab fast 200 Verlagsunternehmen in Berlin…. und das alles wollte auch mit Texten gefüttert werden, die Theater brauchten Stücke, die Verlage Manuskripte, die Zeitungen Reportagen und Kritiken, die Varietés Texte etc pp. Das was man heute Vernetzung nennt, war schon damals wichtig, sehen und gesehen werden, Kontakte knüpfen, Kontakte pflegen… und ein wichtiges Element dieser Kontaktpflege waren die Künstlercafés, von den das Romanische Cafés wohl heutzutage das bekannteste ist, es aber bei weitem nicht das einzige war.


Die letzte Augustwoche des Jahres 1911 beginnt.
Eine Frau geht nach Hause.
Sie geht ins Café, in ihr Café.
Oder sollte man sagen: Sie geht zur Arbeit? [2]

Die Cafés der Zwanziger Jahre hatten ihren Vorläufer, der ein paar Jahre (und einen Weltkrieg) früher Treffpunkt der Boheme war: das Café des Westens bzw. das Café Größenwahn. Über dieses bin ich aktuell überhaupt dazu gekommen, mich ein klein wenig mit dieser Thematik zu befassen. Die Briefe Else Lasker-Schülers nämlich an ihren (Ex-)Mann Herwarth Walden aus dem Jahre 1912, die der Insel-Verlag in diesem lesenswerten Bändchen zugänglich gemacht hat [1], haben oft das Café und das Leben in ihm zum Thema. Der Kreis um Lasker-Schüler und Walden ‚lebte‘ praktisch in diesem 1893 gegründeten Café und von Tilla Durieux hat um 1903 es so beschrieben: „Dieses Ehepaar, mit ihrem unglaublich verzogenen Sohn, konnte man nun von mittags bis spät nachts im Café des Westens unter all den wilden Kunstjüngern und Kunstfrauen antreffen. Die kleine Familie nährte sich, wie ich vermute, nur von Kaffee.“ Andere Künstler, die dort verkehrten, waren unter anderen Erich Mühsam, Alfred Döblin oder  als einer der ersten Stammgäste der Maler Edmund Edel. Während das Café Größenwahn für die Stammgäste schon längst zu einem Teil des Lebens geworden war, verhielt es sich mit dem Romanischen Café anders. Dieses hatte ab 1917/18, nachdem das Café des Westens umgezogen war und dadurch seine Charakter eingebüßt hatte, jenes in seiner Funktion als Stammlokal vieler Künstler abgelöst.

Dazwischen lag aber ein Weltkrieg, die Zeiten hatten sich geändert und die Umstände auch. War das Café des Westens tatsächlich noch so etwas wie eine erweiterte Wohnstätte für die Stammgäste, so spielte sich im Romanischen Café so etwas wie ein festgelegter Rhythmus ein, zu den die einzelnen Gruppen von Gästen kamen, ein paar Stunden blieben und dann weiterzogen.

Es gab Hierarchien und Gruppen, di einzelnen Kreise hatten ihre Stammtische und ihre Bereiche im Café, in denen sie sich niederließen. Man darf nicht vergessen, daß viele der heute bekannten Künstler damals noch am Anfang ihrer Karriere standen und unbekannt waren, viele der Gäste hatten kaum Geld. Ein strenger Verzehrzwang bestand in den Lokalitäten nicht, nur demjenigen, der exzessiv nichts verzehrte, wurde eine Verwarnung ausgesprochen. Manche der Künstler hatten auch Gönner, die ihnen spendierten.

Neben dem bekannten Romanischen Café widmet sich Schebera auch anderen Lokalen wie „Schwanneke“, einem Weinlokal, das von einem ehemaligen Schauspieler betrieben wurde und bald nach Eröffnung Stammlokal von Theaterleuten und Literaten war. Fritz Kortner und Max Reinhardt gehörten zu den Stammgästen, auch Ödön von Horwath war oft dort.

Das Lokal von Änne Maenz war eine einfache Bierstube, nichtsdestoweniger war es ein weiterer beliebter Treffpunkt von Theaterleuten, unter vielen anderen Lubitsch, Jannings und der Verleger Rowohlt. Bertolt Brecht verkehrte häufig bei ‚Schlichter‘, lernte dort auch Weill kennen, mit dem zusammen er die Dreigroschenoper schuf.

Dann gab es noch die ganz Prominenten, die, die es hoch hinaus geschafft hatten, Gerhart Hauptmann beispielsweise oder Thomas Mann, aber auch Erich Maria Remarque. Diese hielten Hof kann wohl schon sagen in den Nobellokalitäten des Adlon, des Kempinski oder des Eden….

Kästner, Erich Kästner muss noch erwähnt werden, ein Schriftsteller, der seine Werke tatsächlich in einem Lokal schrieb, in ganzen Trubel der anderen. Erich und die Detektive beispielsweise im Frühsommer 1928 am Tisch des Café Carltons, seinem literarischen Büros, das er im gleichen Jahr aber ins Café Leon im ersten Stock eines neu errichteten Kinopalastes verlegte.

Anfang der 30er Jahre verdunkelte sich der Himmel über Deutschland und besonders über viele Künstler. Wer jüdischen Glaubens war, wusste meist genau, daß ihm eine Verhaftung bevorstand, Arbeits- und Auftrittsverbote traten in Kraft, es blieb nicht bei diesen Schikanen. Viele der Stammgäste der Künstlerlokale verließen Deutschland und mussten emigrieren, mit ihnen der Geist und der Esprit, der die besondere Epoche der Zwanziger Jahre in Berlin ausgemacht hatte; es gab aber auch Künstler, die sich mit dem Regime arrangierten….


Scheberas Büchlein über die Künstlercafés im Berlin der Zwanziger Jahre ist ein kleiner Schatz. Voll mit Anekdoten aus dieser Zeit, mit Namen (die wahrscheinlich den älteren unter uns mehr sagen weren als den jüngeren) mehr oder weniger bekannter Künstler und Schriftsteller, viele davon standen am Anfang ihrer Karriere. Es muss eine besondere Zeit gewesen sein damals, eine aufgeregte, niemals zur Ruhe kommende Atmosphäre, die allenfalls zwischen fünf Uhr in der früh und mittags etwas langsamer schlug – bis auf diejenigen, die schon am frühem Morgen nach Frühstück verlangten. Es war die Zeit der Kritiken, eines Kisch, wo man nach dem Theaterabend noch ein paar Stunden im Lokal diskutierte und feierte, bis drei Stunden später die ersten Vorkitiken gedruckt waren, die man dem Zeitungshändler aus der Hand riss – um den Verriss des Stückes zu lesen oder das Hosianna…. Von der Intention und vom Umfang des Bändchens her ist ein Gesamtüberblick über die damalige Szene nicht zu leisten gewesen. Aber, diese Atmosphäre so authentisch wie möglich wiederzugeben, bestimmt[e] die Machart des vorliegenden Bandes. Und genau das ist Schebera gut gelungen, sein Büchlein voller Leben läßt die damalige Zeit für den Leser noch einmal am Horizont aufblitzen.

Ergänzt wird das Buch außerdem durch ein ausführliches Sach- und Personenverzeichnis, durch ein Verzeichnis von Literaturhinweisen zum Thema und durch Anmerkungen.

Links und Anmerkungen:

[1] Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus; Besprechung hier im Blog
[2] Mit diesen Sätzen beginnt Kerstin Decker ihre große Biographie von Else Lasker-Schüler: Mein Herz – Niemandem, Berlin 2009

Jürgen Schebera
Damals im Romanischen Café
Künstler und ihre Lokale im Berlin der zwanziger Jahre
Erstausgabe: Verlag Edition Leipzig, 1988
diese Ausgabe: Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH (vom Autor revidierte Neuausgabe), HC, ca. 190 S., viele Abbildungen

Michael Krüger: Das Irrenhaus

25. September 2016

irrenhaus

Er hat ein Haus geerbt, durch die Tante einer Tante, die ihn zum Ärger anderer ins Testament gesetzt hat. Nicht irgendein Haus, ein großes Haus, mit vielen Mietern, in bester Münchner Wohnlage. Die Geschichte dieses Hauses, besser noch, seines Besitzes ist wie so vieles im Immobilienbereich irgendwie undurchsichtig, ähnlich wie diese Beziehung zur Tante. Jedenfalls setzt das Haus ihn, den unbenamten Helden, in die Lage, seinen Posten zu kündigen. In einem Archiv hat er gearbeitet, dieser sterbenden Institution von Verlagen und Redaktionen, seit das Internet das Wissensmonopol übernommen hat und alles, was nicht im Internet zu finden ist, überhaupt zweifelhaft in seiner Existenz wird.

Er zieht inkognito selbst ein in dieses Haus, die Wohnung des Dichters Georg Faust ist freigeworden, obwohl niemand so recht weiß, wo er hingegangen ist oder allgemeiner (da im Grunde noch nicht einmal jemand weiß, ob er gegangen ist): was mit ihm geschehen ist. Lassen wie mal beiseite, wie dieser im wesentlichen erfolglose Dichter und Lyriker die monatlich fälligen zweitausend Euro für die Sechs-Zimmer-Wohnung aufbringen konnte, jetzt jedenfalls wohnt unerkannt unser Protagonist in den weitestgehend leeren Räumen.

Und leer sollen sie bleiben. Nur die spärlichst denkbare Möblierung, ein Tisch, zwei Stühle, ein Gestell für den nächtlichen Schlaf.  An den Wänden Schatten, wo früher mal Bilder hingen, an deren statt mehr und mehr gelbe Zettel angebracht werden mit Zitaten anderer Denker. Diese Leere sucht unser Held, der sich anderen gegenüber als ‚freier Philosoph‘ bezeichnet, das Leben nicht leben, sondern es geschehen lassen, eine Philosophie des Nichts, der Bewegungslosikeit und der Langeweile ist sein Thema, ‚zum ersten Mal in seinem Leben wollte er sich mit Hingabe langweilen, ein Leergelassensein von der Welt, das wollte er erreichen.‘

Ich bin. So herrscht der Baum den Baum an, und den Kiesel, den arglosen Kiesel.

Eine derartige Abstinenz von der Welt zu pflegen ist ein Mietshaus mit vielen Parteien ein ungeeigneter Ort. Ansonsten nur dem sizilianischen Wirt seines Lieblingsitalieners und dem türkischen Gemüsehändler verbunden, wird er in diesem Haus nolens volens zum Objekt der nachbarlichen Neugier der wundersamen Mitbewohner. Welche ihn zum Kauf exotischer Derivate animieren wollen, ihn als Kompagnon zur Neuordnung des Bestattungswesens (Friedhöfe zu Baugebieten, Verkehrsinsel für Urnenbestattungen) gewinnen wollen, ihn – benennen wir es so, wie es ist – ihn sogar ehelichen wollen… und diese Beispiele sind nur die Spitzen des mietwohnhauslichen Irrsinns. Einzig Sibelius ist noch ein Schutzschirm gegen die Anmutungen der Aussenwelt.

Zertifikate liegen vom Risikoprofil her meist zwischen der Anleihe und der Aktie.

Der Mieter ohne Namen, unser Held der Geschichte, Durchwanderer seiner sechs Zimmer, ist gleichwohl Empfänger von Post. Sein Vorgänger, besagter Georg Faust, erhält noch Briefe an diese Adresse, Briefe von Familienmitgliedern, aus denen sich auch Tiefpunkte eines Lebens schlussfolgern ließen, retournierte Manuskripte von Verlagen, besonders aber Schreiben einer Frau aus Gießen, die auf eine nähere, wenn auch einseitige Beziehung schließen lassen. Plagiatsvorwürfe, Obszönes bis hin zu Morddrohungen… nichts lassen diese wirren Schreiben aus, von Ekel, Hass und Erbarmungslosigkeit getränkt. Zunehmend nimmt der Erzähler diese Briefe persönlich: Georg Faust bemächtigt sich langsam aber sicher seiner. So nimmt die Gestalt des Vormieters Raum ein in der ansonsten weitgehend leeren Wohnung, nistet sich das Gefühl ein der Anwesenheit des Abwesenden, der Durchdringung unseres Protagonisten und der Verschmelzung gar mit Georg Faust. Ja, es kommt soweit, daß er sich ausgibt als jener…

Ich spürte, wie mir Ameisen oder winzige Käfer über die Hand liefen, die auch eine Botschaft hinterließen, gekritzelt auf die nackte Haus.
Und aus der Krone der Linde rieselte feiner Staub.

Ich saß wie betäubt am Küchentisch, das Elend neben mir. Mein Haus kam mir vor wie ein Container für extreme Unglückselten, und mir wurde immer klarer, dass ich etws mit dem Haus machen musste, bevor das Haus mich zur Schnecke machte, mich auslöschte, beseitigte. … Dann muss einer von uns weg, es oder ich. 

… du musst lernen, aufzugeben, sonst wird dir der Rest deines Lebens zur Last.

… der Ratschlag des Türken, dem alles ausserhalb seines Obststandes im Reich der Dekadenz angesiedelt war und mit dem der Erzähler Tee aus bauchigen Gläsern trinkt…


Krügers Irrenhaus, solches geworden nicht durch Bestimmung, sondern durch die normative Kraft des Faktischen, der Tatsache nämlich, daß die Bewohner – und Krüger schildert dies exemplarisch sehr anschaulich – als leicht abgedriftet, vulgo: irre angesehen werden können. Seien es nun der Händler der Derivate, dem der Erzähler erst einmal einen K.O. verpasst, sei es Frau Doktor Keller, die einst über Dionysos-Kulte promovierte, sei des der Revolutionär des Bestattungswesens, der beim Kauen des Nagelbetts ganze Finger der Haut entledigt…. Menschen also, die sich wie Fliegen auf den Protagonisten stürzen, diesen Menschen, der aus einer als immer sinnloser empfundenen Tätigkeit kommend im Bewusstsein neu gewonnener finanzieller Unabhängigkeit sein bisheriges Leben umstellen will: Der Zufall sollte die Abfolge meines Lebens regeln, ich wollte es von jeder Planung befreien. … Mein Platz in der Welt war der am Fenster geworden. …, der des Beobachters, des Schauenden, nicht mehr der des Handelnden.

Die Wand bleibt nur für den leer, der keine Fantasie hat.

Der Beobachter, der sich dem Philosophieren hingibt, dem kritischen Betrachten der Umwelt. Daß hier von Krüger, dem ehemaligen Chef des Hanser-Verlages, auch so mancher Seitenhieb auf die Literaturszene (immerhin ja ist der ominöse Faust ja Literatu und selbst der Erzähler hat ein kleines, klitzekleines literarisches Vorleben) gegeben wird, versteht sich von selbst. Eine schöne Passage ist auch die Beschreibung des Kataloges, der eines Tages als Postwurfsendung beim Protagonisten ankommt. Dinge des Lebens sind dort abgebildet, Dinge, die jeder kennt und auch braucht, jedoch sie kosten nichts mehr. Schopenhauers Aphorismen für 1,99 Euro zuzüglich Porto, ein Kleid für 30 Euro und ein Fahrrad für 69 Euro. Wenn man alle drei Gegenstände kaufte, erhielt man ein halbes Kilo Schweineleber gratis. …. 

Krügers Roman ist besonders. Ein Mann nimmt sich aus dem aktiven Leben heraus, wird dadurch frei und empfänglich für Neues, auch wenn er dies nicht vorgesehen hatte. Dies Neue belegt ihn bis ins Extreme: er identifiziert sich damit. Andererseits erscheint ihm die Umwelt in Gestalt seiner Mitbürger bzw. Nachbarn auf einmal nicht mehr normal, sondern eben ‚irre‘: sein Blickwinkel auf die Welt hat sich geändert, er ist nicht mehr Teil der Welt, sondern steht am Fenster und schaut auf sie. Aber da die Trennung nur einseitig proklamiert worden ist, läßt ihn andererseits die Welt nicht los: sie stellt Ansprüche an ihn, will ihn für sich vereinnahmen, wieder in Gestalt der Nachbarn mit ihren jeweiligen Plänen. So bleibt dem Helden nur die endgültige Flucht, denn letztlich erweist sich auch die Übernahme der Identität dieser anderen Person als Irrweg.

Dies alles erzählt Krüger in einem Stil, der sich Zeit für Gedanken läßt, der bedächtig ist, nachdenklich, aber auch bissig und ironisch sein kann, langweilig ist er dagegen nicht. Er hält uns, dieser unserer Zeit, einen Spiegel vor, führt uns den Wahn der zwanghaften Aktivität vor, die unser Leben beherrscht: immer etwas planen, machen, mit allen interaktive verbunden sein. Daß das Sichherausnehmen aus dieser ‚Modernität‘ offensichtlich auch weder wirklich möglich noch eine Lösung ist, könnte einem beim Lesen pessimistisch stimmen, dafür aber ist der Roman dann doch zu schön. Also wäre Nachdenklichkeit eine Alternative, die Überlegung also, wie man es selbst hält mit seiner Fähigkeit zur Muße, zum Müßiggang..

Mir hat Krügers Das Irrenhaus summa summarum also gefallen: intelligent, nachdenklich, aber mit ausreichend skurrilen und schrägen Szenen geschmückt, so daß es zudem noch unterhaltend und keineswegs langweilig ist. Und daß der Mann nicht nur verlegen, sondern auch schreiben kann (es ist mein erster Roman von ihm), das weiß ich jetzt auch.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Michael Krügers: Kurzbio in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Krüger_(Schriftsteller)
– Thomas Bärnthaler, Gabriela Herpell: Der Letzte seiner Art, (Interview in der SZ); http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39949/Der-Letzte-seiner-Art
[2] Michael Krüger im Interview zum Buch, Haymon-Verlag; http://magazin.haymonverlag.at/2016/07/krueger-irrenhaus/

Michael Krüger
Das Irrenhaus
diese Ausgabe: Haymon, HC, ca. 190 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Jón Kalman Stefánssons Das Herz der Menschen bildet den Abschluss seiner beeindruckenden Trilogie um seinen namenlos bleibenden, immer nur ‚der Junge‘ genannten Protagonisten. Die Geschichte selbst führt uns ein gutes Jahrhundert in die Vergangenheit, sie führt uns nach Island, in den kalten, dunklen Norden dieser Insel, in eine Landschaft, die den Menschen, die in ihr leben, überleben wollen, so viel abverlangt. Noch herrscht die Natur fast absolut über die Menschen und diktiert die Bedingungen, unter denen sie leben müssen: Wind und Sturm, Regen und Meer, den Schmerz der Engel und den Rotz des Teufels, Berge, Fjorde und Hochflächen – all das muss der Mensch dort ertragen und sich in diesen Gewalten einrichten. Vom Fisch ist er abhängig, vom Dorsch, der aus dem Meer geholt wird, in Nussschalen rudern die Männer hinaus und werfen ihre Leinen ins Meer an denen der Fisch anbeißt und hochgezogen wird und wenn es gut geht, ist es ein guter Fang und unter der Voraussetzung, das Meer läßt das Boot und die Männer wieder ans Ufer kommen und der Fisch wird gut gesalzen, hilft er beim Überleben, denn er kann verkauft werden bis in den Süden, dort, wo die Sonne nicht nur die Haut, sondern auch das Herz wärmt.

Vergisst man aber seinen Anorak, wenn man in einen der dieses Jahr nicht weichen wollenden Winterstürme rudert, so dudrchnässt einen das Meer und man stirbt, wird als Eisklotz wieder angelandet, genauso wie es Bárður im ersten Band der Trilogie ergangen ist, der sich eines Gedichtes wegen, in das er sich verloren hatte, eilen musste und den lebensschützenden Anorak vergass…

Bárður war der Freund des Jungen und nach dessen Tod hatte der Junge den sehnlichen Wunsch, auch zu sterben, Bárður wieder zu treffen und seine eigene Familie, von denen auch die meisten schon gestorben waren. Doch vorher musste er dieses Buch zu Kolbeinn zurückbringen in die kleine Stadt, das Buch, in dem Bárður noch das Gedicht lesen musste anstatt sich um sein Leben zu kümmern.

So kam der Junge in die Stadt, traf dort auf die stolze Geirprúður, die sich um die Meinung der Leute nicht scherte und auf Kolbeinn, den blinden Kapitän, der Besitzer dieser sagenhaft vielen Bücher. Geirprúður nahm sich des Jungen an, der seinen Plan, zu Bárður zu gehen, zurückstellte, der im Gegenteil, als er die hochmütige und schöne Ragneiður im Laden traf, ein anderes Gefühl in sich sich regen spürte. Doch bevor er sich darüber klar werden konnte, schickte Geirprúður ihn als Begleitung von Jens, dem Postboten, mit diesem nach Norden, einen Auftrag zu erledigen.

Auf dieser Reise bringen sie die Stürme des nicht weichen wollenden Winters an den Rand des Todes, fast sterben sie, nur knapp finden sie Unterschlupf in zugeschneiten Torfhäusern, in denen der Tod haust oder sich ankündigt, in denen die Armut aus jeder Ritze stinkt und die Hoffnung oder auch die Hoffnungslosigkeit – wer könnte dies schon unterscheiden, wenn man auf den Frühling wartet, der Winter aber nicht gehen will – in den Augen flackert oder auch nur stumpft…

Des letzten Bauern verstorbene Frau Asta zum Friedhof zu bringen in ihrem nach geräucherten Fleisch riechenden Sarg, ist ihr Versprechen. Zusammen mit dem Knecht ziehen sie im wütenden Schneesturm los. Und es stürzen alle vier, Jens, der Knecht, der Junge und Asta im Sarg irgendwann, weil weder oben noch unten, weder vorn noch hinten, noch rechts und links im Sturm noch zu unterscheiden sind, einen Hang hinunter, aber es kommen nur drei von den Vieren im Ort, der unten am Hang liegt, an. Der Knecht bleibt verschollen.

herz menschen


Hier setzt der dritte Teil der Romanreihe ein. Jens und der Junge werden im Haus des örtlichen Arztes von Slèttueyri wach, sie sind völlig erschöpft, Jens hat einige Erfrierungen, wie sie dort hingekommen sind, wissen sie nicht… sie werden versorgt, die Frauen kümmern sich gut um sie, besonders die rothaarige Álfheiður bewegt etwas im Jungen, manchmal schaut er sie länger an als es gut ist…. Jens und der Junge kommen schnell wieder auf die Beine, haben keine Ruhe, vor allem Jens nicht, der schwach geworden ist und sich quälen muss … das Schiff von Kapitän Brynjólfur nimmt sie mit zurück von Slèttueyri nach Hause, aber nicht bevor der Junge noch im Kaufladen war und nach Büchern geschaut hat….

Endlich scheint auch der Frühling anzubrechen, es fängt an zu tauen, die Düsternis weicht dem Licht der Sonne, der Goldregenpfeifer ist zu hören, so sehnsüchtig erwartet, daß er Tränen in den Augen hervorquellen läßt. In der Stadt nimmt die Aktivität zu, die Menschen arbeiten ohne Rast, den Fisch anzulanden und zu konservieren: ohne den Fisch kann der Mensch nicht leben. Der Junge wird wie versprochen von Gisli, dem Rektor, unterrichtet, Gisli, diesem schwachen Mann, dem schwächsten Glied einer starken Kette, der im Alkohol Trost sucht…

Die Macht der Worte… der Brief, den der Junge vor wenigen Tagen (sind wirklich erst so wenige?) an Andrea schrieb, die Frau von Petur, in dessen Boot vor wenigen Wochen  Bárður erfroren war.. Worte sind gefährlich, Worte können die Welt ändern: Andrea hat der Worte des Jungen wegen ihren Mann verlassen, eine unerhörte Tat, eine Frau hat dem Mann zu gehorchen, nicht ihn zu verlassen… auch Andrea findet bei Geirþrúður  Unterschlupf und Arbeit, der Junge dagegen ist sich nicht sicher, was er fühlt, als er Andrea sieht…. denn auch er ist der Macht der Worte ausgesetzt: „Du bist ein Idiot, wenn du an mich denkst. Tust Du das?“ schreibfragt ihn die Rothaarige, die ihm nicht mehr aus dem Sinn geht…

Ein schweres Schiffsunglück mit vielen Toten überschattet das Leben im Hafenort. Ein plötzlicher Orkan hat das entladene Schiff des Kapitäns, den Liebhaber Geirþrúðurs, zum Kentern gebracht… Geirþrúður, die so vielen ein Dorn im Auge ist mit ihrer Intelligenz, ihre Selbstsicherheit, ihrer Unangepasstheit, man muss etwas tun gegen diese Frau und man tut etwas… aber kampflos gibt diese Frau nicht auf, auch wenn nicht sicher ist, ob ihr Plan aufgeht, auf was ist schon sicher im Leben, sicher ist nur der Tod….

Der Roman und damit die gesamte Trilogie endet unerwartet. In gewisser Weise schreit das Ende geradezu nach einer weiteren Folge, der Autor hatte sich ja schon im Schmerz der Engel nicht gescheut, die Helden in aussichtslos erscheinender Situation einfach überleben zu lassen – warum nicht auch hier? Andererseits könnte es hier aber genauso gut tatsächlich das Ende sein – für mich als Leser allerdings ein sehr unbefriedigendes Ende, ich bekenne es, etwas gewollt und konstruiert wirkt es, als wolle der Autor an dieser Stelle einfach einen Schlusspunkt setzen und den Gegensatz auflösen, in den sich der Junge manövriert hatte: er, der in Büchern das Leben entdeckte, Bücher zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, war dabei, sich für ein ’normales‘, armes, entbehrungsreiches isländisches Leben zu entscheiden….


Das Herz der Menschen greift die dunkle, melancholisch bis niederdrückende Atmosphäre der beiden Vorgängerromane auf. Es ist ein zähes Ringen um das Leben wie um die Erkenntnisse vom Leben, alle Kraft wird zum Überleben gebraucht und es bleibt wenig übrig, sich mit anderem zu befassen. Nur sehr langsam finden modische und technische Neuerungen Eingang in diese Welt: symptomatisch geht im Orkan das Segelschiff unter, wenige Tage später kommt das erste Dampfschiff, das einem Isländer gehört in den Hafen gefahren… Erste Kabel für Telefonleitungen werden gespannt, bei den Kaufleuten, die das Geld dafür haben, die auch Kontakt haben in die ‚große Welt‘. Diese andere Welt weit ab ist auch die Quelle für andere Neuerungen, gelbe Kleider zum Beispiel, die die Tochter des Kaufmanns Friðrik, Ragnheiður, trägt… und das größte Übel sind die Bücher, die vom Arbeiten abhalten, die auf dumme Gedanken bringen… in dieser Gesellschaftsschicht, in der der Roman spielt, in der der Arbeiter und der Fischer sind Menschen, die sich mit Worten befassen, Exoten – ohne daß sie dieses Wort kennen würden.

Geld bedeutet auch in dieser Welt und damals schon Macht. Und das Geld ist beim Manne, in dieser Geschichte beim Kaufmanne. Insofern ist Geirþrúður mit ihrer Unabhängigkeit (finanziell, aber auch gesellschaftlich) für die Männer ein Störfall, zumal sie in ihrer Wirtschaft zum Sammelpunkt wird für andere unangepasste Menschen: der blinde Kapitän Kolbeinn mit seinen vielen Büchern mag noch angehen, aber schon der Junge passt nicht ins Bild, ein Junge aus diesem Milieu, dem Ragnheiður, die Tochter des Kaufmanns, unerhörterweise hinterherruft? Andrea, die ihrem Mann weggelaufen ist, die Frau des trinkenden Kapitäns Brynjólfur, die bei ihr arbeitet.. all dies Menschen, die gegen die ‚Ordnung‘ verstoßen und die Mächtigen stören in ihrem Weltbild.

Die andere Art von Männern findet in Petur ihr Bild: hilflose Gestalten, die mit allem, was über ihre Arbeit, das Fischen, hinausgeht, überfordert sind, die diese Hilflosigkeit angesichts der ‚Komplexität‘ (alles ist relativ) mit Gewalt zu kompensieren versuchen – oder mit Alkohol.

Im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden enthält Das Herz des Menschen überraschend viele Szenen, in denen Körperlichkeit und Sex eine Rolle spielen. Ob sich nun Geirþrúður unter ihrem Kapitän in dem sich im Winde biegenden Grase windet, ob der Junge in ähnlichem Setting eine Unschuld verliert, ob Marta die Dänen provoziert, um ihren Mann aus der Lethargie zu wecken (auch Andrea und Petur begegnen sich noch einmal)…. manchmal geschieht es aus Liebe, manchmal ist es pure Machtausübung, manchmal einfach auch nur die nicht mehr beherrschbare Sehnsucht nach Nähe und Wärme, die die Menschen dazu bringt, sich aneinander zu reiben, aneinander zu pressen, denn wo beginnt das Leben und wo wird dem Tod Einhalt geboten, wenn nicht in einem Kuss?


Stefánssons Trilogie um den ‚Jungen‘ ist ein beeinruckendes Werk, das uns Lesern das Leben, das vor ungefähr einem Jahrhundert in Island gelebt wurde, plastisch vorführt. Die Figur des Jungen steht zwischen den Welten, der althergekommenen isländischen Leben der Fischer, das dem Überleben gewidmet war und der anderswo schon längst angebrochenen neuen Zeit mit neuen technischen Errungenschaften. In diesem Zwiespalt versucht sich der Junge zurecht zu finden, dies kommt in der Trilogie teils sehr bedeutungsschwanger und etwas quälend daher, ich selbst habe daher zwischen den einzelnen Bänden immer eine kleine Lesepause eingelegt. Dies tat dem Genuss des Werkes, das auch und gerade der Bedeutung des Wortes, des Geschriebenen, gewidmet ist, gut.

Links und Anmerkungen:

Die Besprechungen der Teile 1 und 2 der Trilogie:

Jón Kalman Stefánsson:
– Himmel und Hölle
– Der Schmerz der Engel (hier ist eine Landkarte von der Region zu finden, in der die Geschichte spielt)

Jón Kalman Stefánsson
Das Herz des Menschen
Übersetzt aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Originalausgabe: hjarta mansinns, Reykjavik, 2011
diese Ausgabe: Piper TB, ca. 415 S., 2014

 

 

Connie Palmen: Du sagst es

18. September 2016

Die niederländische Autorin Connie Palmen hat mit Du sagst es, einer fiktiven Autobiografie, dem 1998 verstorbenen englischen Lyriker und Schriftsteller Ted Hughes [1] ihre Stimme geliehen und stellt in seinem Namen eine siebenjährige Epoche in seinem Leben dar, die sieben Jahre, in denen er mit der amerikanischen Lyrikerin und Schriftstellerin Sylvia Plath [1] verheiratet war. Da die beiden in ihrer rauschhaften Liebe schon vier Monate nach ihrem Kennenlernen heirateten, sind diese sieben Jahre cum grano salis identisch mit ihrer gesamten gemeinsamen Lebenszeit.

Ted Hughes und Sylvia Plath

Ted Hughes und Sylvia Plath

Sylvia Plath wurde einer größeren Öffentlichkeit erst nach ihrem Tod bekannt, sie erlebte diesen zu Lebzeiten so sehr begehrten Ruhm nicht mehr, in ihrer gemeinsamen Zeit war Ted Hughes der erfolgreichere der beiden. Nimmt man jedoch die Zahl der Biografien über die Künstler als Maß, so stellt Sylvia Plath ihren ehemaligen Mann weit in den Schatten, Connie Palmen schreibt in ihrer Anmerkung über die von ihr verwendeten Quellen, daß es zu Hughes gerade mal eine Biografie gibt, Simon Garfield erwähnt in seinem Werk über Briefe [5], daß Carol Hughes, die Frau des Dichters angekündigt hätte, ihre Erinnerungen zu schreiben, ehe sie sie vergesse (Stand 2013). Plath dagegen wurde eine Ikone des Feminismus, ihr Leben wurde entsprechend häufig dargestellt, Plath selbst hat mit Die Glasglocke [2] letzlich selbst einen autobiographischen Roman geschrieben. Durch den tragischen Suizid Sylvia Plaths und die in der Folge gierig aufgesaugten vorgeblichen Fakten aus ihrer Ehe war nach außen hin der Schuldige, der Böse definiert: es war ihr Mann Ted Hughes, über den sich das Gewitter der Schuldzuweisungen entlud.

Tatsächlich hatte Ted Hughes, dem Plath immer wieder einen Hang zu anderen Frauen unterstellte, zum Schluss ein Verhältnis, das das Innenverhältnis des Paares zerrüttete: das Paar betriebt die Scheidung. Zum Zeitpunkt des Suizids waren sie jedoch noch verheiratet, so daß Hughes in den folgenden Jahren den Nachlass seiner Frau verwaltete. Dieser Nachlass muss umfangreich gewesen sein, beide waren exzessive Schreiber von Notizen, Briefen, Anmerkungen, Entwürfen etc pp…. Hughes veröffentlichte noch mehrere Bände mit Gedichten Sylvia Plaths, er selbst publizierte 1998 den Gedichtband Birthday Letters [6], in dem er in 88 Gedichten die gemeinsame Zeit mit Sylvia Plath für sich verarbeitete.

Es ist sinnvoll, vor der Besprechung von Palmens Buch knapp ein paar biografische Daten zu Sylvia Plath aufzuführen, sie sind im Internet leicht zugänglich, ich habe mich am Autorenporträts orientiert, daß Jutta Rosenkranz in ihrer schönen Zusammenstellung Zeile für Zeile mein Paradies [7] gibt.

Sylvia Plath wurde 1932 als Tochter des deutschstämmigen Otto Plath, einem Professor für Biologie und der Highschool-Lehrerin Aurelia Schober Plath geboren. Der Vater starb, als Sylvia acht Jahre alt war: eine Diabetis blieb unbehandelt, da Otto Plath auftretende Beschwerden auf seine Krebserkrankung zurückführte. Die richtige Diagnose kam zu spät, die zum Schluss notwendige Amputation eines Beines rettete ihn nicht mehr. Nach dem Verlust des Vaters schrieb die Achtjährige ein Gedicht (Auszug): Papi, ich mußte dich töten. / Du starbst, bevor ich soweit war – / Mormorschwer, ein Sack voller Gold, / …  , die Mutter musste einen Zettel unterschreiben: Ich verspreche, daß ich nie mehr heiraten werde.

Als Studentin gewinnt sie Preise und Auszeichnungen mit ihren Gedichten und Kurzgeschichten, leidet aber zunehmend an Konzentrations- und Schlafstörungen, mit 20 Jahren unternahm Sylvia einen Suizidversuch, der fast erfolgreich war, sie schloss sich im Keller des Hauses in einen Wandverschlag ein. Komponente einer anschließenden psychiatrischen Behandlung waren brutale Elektroschocks. In ihrem Roman Die Glasglocke ist diese Epoche ihres Lebens von ihr selbst dargestellt.

1956 schließlich kam sie mit einem Stipendium nach England und lernte in Cambridge Ted Hughes kennen, bzw., so legt es Palmen ihrem Ted Hughes in die Feder: sie erbeuteten sich gegenseitig.

Mit diesem Ereignis des Kennenlernens und ‚Blutsaufens‘  setzt Palmens Buch ein.

Noch eine kleine Vorbemerkung: warum ausgerechnet Palmen, warum ausgerechnet Hughes? Es gibt eine sehr tragische Parallelität in beider Leben: beide, Palmen und Hughes haben zweimal die Menschen verloren, die sie liebten. Bei Hughes war es – so man eine solche ‚Rangfolge‘ der Katastrophen überhaupt aufstellen kann – von aussen gesehen noch tragischer: auch seine zweite Frau starb durch Suizid mit Gas, sie tötete dabei auch noch das gemeinsame Kind. Palmen hat ihre Verlustschicksale in zwei sehr intensiven Büchern aufgearbeitet [3]. Vielleicht ist es ja diese Parallelität der Schicksale, die für Connie Palmen ausschlaggebend war – aber das ist reine Spekulation meinerseits. Den Suizid des gemeinsamen Sohnes mit Sylvia Plath im Jahr 2009 musste Ted Hughes nicht mehr ertragen, er war zu diesem Zeitpunkt schon seit elf Jahren verstorben.


palmen

Für die meisten Menschen existieren wir, meine Braut und ich, nur in Büchern. In den vergangenen fünfunddreißig Jahren habe ich mit ohnmächtigem Grauen zusehen müssen, wie unser wahres Leben unter einer Schlammlawine aus apokryphen Geschichteten, falschen Zeugnisse, Gerüchten, Erfindungen, Mythen verschüttet wurde, wie man unsere wahren, komplexen Persönlichkeiten durch klischeehafte Figuren ersetzt, zum simplen Images verengt, für ein sensationslüsternes Leserpublikum zurechtgestutzt hat.
    Und da war sie die zerbrechliche Heilige und ich der brutale Verräter.
    Ich habe geschwiegen.
    Bis jetzt.

Mit diesem Abschnitt läßt Palmen ihren Roman beginnen, ein Abschnitt, der schon vieles andeutet. Bei Du sagst es handelt es sich also um eine Art Rechtfertigung, den Versuch, ein über Jahrzehnte fixiertes Bild der Ehe Plath/Hughes, das auf falschen Annahmen beruht, zu korrigieren. Auch das Ergebnis oder der Inhalt dieses Versuchs sind schon klar: sie war die Heilige – ist es danach nicht mehr. Er war der brutale Verräter – und löst sich von dieser Zuweisung. Der etwas plakative Schluss der Passage ist ein im gesamten Roman immer wieder auftauchendes Stilelement, der im ersten Moment befremdliche Begriff „Braut“, den Palmen für seine Frau Sylvia Plath verwendet, wird praktisch im gesamten Buch durchgängig eingesetzt. Er kontrastiert durch das damit symbolhaft verbundene ‚Weiß‘ mit dem der ’schwarzen Muse‘ für eine Frau, die Jahre später entscheidend in das Leben der beiden eingreifen sollte. Ferner wird in dieser ersten Buchpassage klar gestellt, daß alles, was bislang zu und über die Ehe Plath/Hughes gesagt wurde, nicht zutreffend ist, die Wahrheit dagegen wird durch den bis jetzt Schweigenden verkündet werden.

Diese ‚Schlammlawine‘, auf die Palmen/Hughes hier anspielt, muss Hughes sehr getroffen haben – verständlicherweise. Im letzten Drittel des Romans sind mehrere Passagen, in denen dargestellt wird, wie er sich durch in der Öffentlichkeit auftauchende Geschichten und Schilderungen, die nur aus dem Mund von ‚Freunden‘ und Bekannten kommen konnten, geärgert hat, wie sie ihn getroffen haben, er sie als Verrat empfunden hat. Befeuert wurde dieser Verrat oftmals auch durch Briefe Sylvia Plaths beispielsweise an ihre Mutter, Briefe, in denen sie ihr anderes Gesicht zeigte, ihr dunkles, Briefe, in den sie anschwärzte, sich beklagte, jammerte, Vorwürfe erhob. Nach ihrem Suizid tauchten solche Anschuldigungen gegen Ted Hughes in der Öffentlichkeit auf, Aurelia Plath hatte offensichtlich auch ein Netz von Zuträgern und Spionen um Ted Hughes herum aufgestellt, um ihn zu überwachen: es ging wohl um das Sorgerecht für die Kinder.

Sylvia Plaths Suizid, der in der Öffentlichkeit derart mit Informationen gefüttert immer massiver als von Ted Hughes verursacht angesehen wurde, fiel zusammen mit den Erstarken des radikalen Feminismus einer Simone de Beauvoir, nach dem ’nicht das System Frauen unterdrückt, sondern die Männer die Unterdrücker sind.‘ (nach Wiki [4]): in Sylvia Plath fand dieser Feminismus eine Ikone, eine Frau, die ihre eigenen Talente nicht entfalten konnte, sondern die ihrem Mann Vortritt lassen musste, einem Mann, der sie hinterging, betrog und verriet – bis sie daran verzweifelte und nicht mehr damit leben konnte. Mit Schildern, auf denen „Mörder“ stand, jagte man Ted Hughes…

Der Anfang. Als sei Öl in Feuer gegossen worden entflammte nach der ersten Begegnung zwischen dem Engländer Ted Hughes und der als genial geltenden amerikanischen Studentin Sylvia Plath eine rauschhafte Beziehung, die schon nach vier Monaten in einer vor der Öffentlichkeit verborgene Ehe führte. Mit der Heimlichtuerei wollten die beiden verhindern, daß Sylvias Stipendium, das nur für Studenten erteilt wurde, gestrichen wurde. Dieser Rausch – er hatte beider Körper erfasst, beider Seelen und auch ebenso beider dichterisches, poetisches Vermögen. Während Plath für ihn zunehmend zu seiner Göttin wurde, war deren Wahrnehmung durch die Aussenwelt durchaus anders: Plath wurde von aussen als zicking, exaltiert oder theatralisch empfunden. Hughes kümmerte dies nicht, für ihn waren das Zeichen für die Energie, die in dieser Frau schlummerte und die zu wecken, zu kanalisieren er sich berufen fühlte.

Dabei war Plath natürlich auch in dieser Phase ihres Lebens schon nicht unkompliziert. Mit ihrem fast erfolgreichen Suizid kokettierte sie, ihre emotionale Nähe zu Todesgedanken, ja, eine gewissen Todessehnsucht verheimlichte sie nicht. In Träumen immer wieder solche Bilder von Tod und von Amputationen (wie sie der Vater vor seinem Tod noch erleben musste). Nur: wenn Plath vom richtigen, dem echten Tod redete, deutete Hughes dies als symbolisch gemeint: als den Tod im Sinne von Loslassen, Abschied nehmen, den jeder Dichter erleiden muss, wenn er Neues schaffen will….

Später, sehr viel später sollte Hughes erfahren, daß seine Beziehung zu Sylvia in dieser Zeit keineswegs exklusiv war: Was Frauen können und Männer nicht, ist, den Geruch anderer auf der Haut ihres Geliebten zu riechen, und ich roch sie nicht, die auf dieser Reise [einer Studienreise Plaths nach Paris, München, Venedig und Rom] benutzten Liebhaber, ausprobiert und zurückgelassen gestrichen von der Liste möglicher Bräutigame. Ich glaubte der Einzige zu sein …. Dem Geliebten in Paris drohte sie in kriecherischen Bettelbriefen… ihren Körper umzubringen, wenn dieser ohne die an den Mann verpfändete Kostbarkeit weiterleben müsse….. so findet Hughes es Jahre später in der Hinterlassenschaft seiner Frau, auf Hunderten von eng beschriebenen Seiten, auf denen ihre Version unserer Fakten … der meinen oft diametral entgegengesetzt war. Er lernte sie neu kennen, ohne Tarnfarbe, traurig, rachsüchtig, misstrauisch und streitbar.

Beide waren esoterisch veranlagt: Hughes legte Tarot, erstellte Horoskope, sie machten Sitzungen am Hexenbrett, bei denen Pan aber auch der tote Vater erschien und Sylvia mit tiefer Kehlstimme sprach. Unter Hypnose versuchte Hughes Verspannungen und Blockaden bei Plath zu lösen.

Sie schrieben wie besessen, lasen sich ihre Gedichte vor. Die Lebensbedingungen waren anfangs bescheiden, jedes von einer Zeitung zum Abdruck angenommene Gedicht wurde bejubelt. Unermüdlich verschickte Plath die sauber abgetippten Gedichte Hughes an Redaktionen in Amerika und in England. Hughes bekam langsam einen Namen, gewann Wettbewerbe und Preise, erste Buchveröffentlichungen kamen. Sylvia Plath stellte sich zu diesem Zeitpunkt ganz in den Dienst ihres Mannes, war auch für den Haushalt zuständig: Vom Tag unseres Kennenlernens an befreite sie mich von allem, was meinen Schreibfluss gehemmt hatte, … energisch und engagiert machte sie sich an die Aufgabe, meinem Namen die Berühmtheit zu verschaffen, die ihm ihrer Meinung nach gebührte, …

Immer wieder (auch während eines mehrjährigen Amerikaaufenthalts) die Sprunghaftigkeit Sylvia Plaths, bei der von einer Minute auf die andere Stimmungen kippen konnten. Es gab Eifersuchtsszenen, wenn sie sah, daß eine Studentin mit Ted Hughes, der zeitweise Lehraufträge hatte, redete, Anfälle ohnmächtiger Wut, in denen sie in seinem Zimmer hockte und alles zerriss, was er geschrieben hatte…. Immer wieder auch die zwei Gesichter, das eine, daß Sylvia nach außen trug und das andere, das sich Ted Hughes später in den Tagebüchern offenbarte, in denen offener Hass auf alles und jeden zutage trat.

Chronologisch breitet Palmen/Hughes diese Leben vor uns aus. ‚Die Braut‘ als diejenige, die ihn in ihrem Bann geschlagen hat, so daß er ihr – in der Aussenwahrnehmung – widerspruchslos folgte und von ihr und ihren Launen abhängig war: In meinem Umfeld fanden alle, dass ich meine Braut zu sehr in Schutz nähme, dass sie zu besitzergreifend, fordernd und eifersüchtig sei und ich mich am Gängelband führen ließe, so von ihr eingelullt, daß ich gar nicht merkte, wie ich manipuliert, dressiert und abgerichtet würde.  Wäre es ‚richiger‘ gewesen, mehr Widerstand zu zeigen, fragt sich Hughes? Aber der feindselige Blick der anderen ließ mich ihr gegenüber sofort unbedingt loyal sein.

Später aber auch dies: Natürlich durchschaute ich selbst auch, dass die Angstattacken, Schweigekriege und Weinkrämpfe ….. dazu dienten, mich gefühlsmäßig zu manipulieren, aber ich hatte mich schon zu sehr mit der atemberaubenden Vorstellung angefreundet, ihr so wichtig zu sein, dass sie nicht eine Sekunde ohne mich auskommen konnte. Geschmeichelte Eitelkeit…

Hughes selbst sieht sich berufen und mit der Aufgabe betraut, die Dämonen, die seine Braut quälen, zu bekämpfen, ihr wahres ‚Selbst‘, das unterdrückt wird von den übermächtigen und todesnahen Erinnerungen an den Vater und das Bestreben, sich die Liebe der Mutter durch Ruhm, Ehren und Mutterglück zu verdienen, zu befreien. Nach einer ihren Wutattacke beispielsweise erlitt Sylvia Plath einen Abort, Hughes fand später einen Brief seiner Braut an die Mutter, in dem sie ihr versprach, schnellstens wieder ein neues Baby für sie zu machen…. Sollte er jetzt, als er dies las, vor Wut oder vor Elend aufheulen?

Zeitweise arbeitete auch Sylvia Plath als Lehrerin an ihrem eigenen, alten College, eine Tätigkeit, mit der sie unglücklich war, für die sie, so wie sie glaubte, nicht geeignet war. Später dann ging sie für ein paar Wochen als Krankenschwester in ein psychiatrische Abteilung, zu dieser Zeit war Hughes über die Tage, an denen er allein war und sich auf sich uns seine Arbeit konzentrieren konnte, glücklich. Das Gefühl, erstickt zu werden, das unzuverlässige Herz, die Nerventicks, und die Alpträume führte ich auf die Hektik und die enteignende Macht des Ruhms zurück sowie darauf, dass mir die Natur schmerzlich fehlte, läßt Palmen ihren Hughes später räsonieren, als der zunehmende Erfolg als Lyriker ihn immer stärker in die Öffentlichkeit rückt. Es wird nicht nur dies gewesen sein, was ihn belastete…

Dichtete ihm Sylvia Plath auch regelmäßig Verhältnisse und Seitensprünge an, so führte die Begegnung mit Assia Wevill, der Frau eines Bekannten, einem kanadischen Lyriker und Kritiker, zu einem emotionalen Chaos bei ihm: es schlug ein wie ein Blitz. Von Sylvia Plath als Vertreterin der Kategorie dreimal verheirateter kinderloser Gattinnen eines angesehenen Mannes hämisch abqualifiziert, war dies die Frau, die das Leben von Plath/Hughes entscheidend verändern sollte. Ausgerechnet dieser Frau gegenüber zeigte Sylvia Plath keine Eifersuchtswallungen…

Plath erwischte die beiden bei einer ersten, noch zögerlichen Annäherung, damit war ein Fels ins Rollen gebracht, der nicht mehr aufzuhalten war. Sie trennten sich, vorerst auf Zeit, Ted Hughes war bereit, sich selbst aufs Spiel zu setzen, alle häuslichen Sicherheiten zu verlieren, wollte nichts lieber, als von dieser schwarzen Muse zerrissen zu werden. Durch ein Verzweiflungsgedicht Plaths aufgewühlt, gestand er sich ein, sich in den Jahren der Ehe selbst verloren zu haben, während ich mich der Geburt dieses poetischen Selbst [seiner Frau] widmete. Nun, da sie ihre Stimme gefunden hatte, … verloren wir einander. Sie wollte zu ihrem Vater, ich wollte in die Wirklichkeit. mmm Ein Teil der zerstörerischen Energie Plaths kanalisierte sich in Gedichten, die sie in dieser Zeit rauschhaft verfasste, Gedichte, in denen sie ihren eigenen poetischen Stil und eine einzigartige Bildersprache kreiert: „Ich bin eine geniale Schriftstellerin: ich hab´s in mir. Ich schreibe die besten Gedichte meines Lebens; sie werden mir einen Namen machen.“: Dying / Is an art, like everything else. / I do it exceptionally well.  lauten Zeilen aus einem Gedicht dieser Tage[7].

Hughes` Hoffnung, daß die Entfernung voneinander vorübergehend sei, daß wir uns einander – neu geboren, trauriger, weiser – wiederfinden würden, trog. Die Trennung war endgültig, Sylvia Plath zog mit den beiden Kindern nach London, war aber mit der neuen Situation völlig überfordert. Versuche, ihren Tag streng zu takten ( wie sie die galoppierend Angst zu zügeln versuchte, in dem sie die Zeit im Zaum hielt. Sie plante den Tag Minute für Minute durch, …); am 11. Januar 1963 wurde sie gefunden, sie hatte sich mit Gas suizidiert, nicht ohne noch vorher den Kindern Essen hinzustellen und die Türen zu deren Zimmer abzudichten.

Sylvia Plaths Suizid war der Beginn dessen, was Hughes als Schlammlawine empfand: Die Stimmer Aurelias war freilich nur eine in einem Chor bösartiger Frauen, die meiner nach Beistand hungernden Frau in den Monaten unserer Entfernung voneinander mit fatalen Ratschlägen, Anleitungen zum Widerstand, belastenden Informationen, kolportieren Gesprächen, ausspionierten Begegnungen zugesetzt hatten. Dies Verleumdungen nahmen kein Ende, Hughes wurde über fünfunddreißig Jahre die schweigende Geisel in einem Mythos, … eingesperrt in ein Mausoleum, in dem er als die Reliquie einer tragischen Ehe zur Schau gestellt wurde.

Erst wenige Monate vor seinem Tod meldete sich Hughes selbst zu Wort, die 88 (man beachte sie Symbolik!) Gedichte in seinen Birthday Letters (der Geburtstag ist im Gegensatz zur Todessehnsucht seiner Frau zu sehen): Die Gedichte erzählen die Geschichte dieser stürmischen und stets gefährdeten Beziehung. Sie erzählen sie mit großer poetischer Kraft und hoher Sensibilität, mit so viel Takt, Schmerz und Wissen, daß man dieses Zeugnis als ein endgültiges nehmen darf  schreibt dazu Alexander von Bormann in seiner Kritik des Gedichtbandes [6]. Es handelt sich … um persönliche, gezielte Ansprachen, wenngleich rhetorischer, erklärender und offener Natur, noch dazu von einer Art, die einen Anflug des „… sagte er, … sagte sie“  in Gerichtsunterlagen hat… charakterisiert Garfield [5] diese Gedichte, woraus sich auch ein Hinweis auf den Titel des Romans von Palmen ableiten läßt, für die die Gedichtsammlung eine Hauptquelle war. (Das flammende Cover der Erstausgabe wurde seiner Tochter mit Sylvia Plath, Frieda Hughes, gestaltet, vgl. [1]) Diese Gedichte definiert die Autorin auch den ‚wichtigsten Leitfaden‘ in ihrem Buch. In einem Literaturnachweis führt sie weitere von ihr benutzen Quellen an, Buchpublikationen, aber auch Teile des Archivs aus Hughes` Nachlass.

Als Leser läßt es sich kaum vermeiden, daß man durch die ‚Ich-Form‘ der Darstellung tatsächlich Hughes als Autor des Textes empfindet und nicht Palmen. Was jetzt belastbare Fakten, was Interpretationen sind oder Ergänzungen – das ist nicht erkennbar, immerhin wird Du sagst es als Roman kategorisiert, nicht als Biografie. Es ist der Roman einer besonderen Beziehung, Sylvia Plath und Ted Hughes galten als das Traumpaar der jungen englischsprachigen Lyrik, als exzentrisch, grandios, vielversprechend [9], einer Beziehung, in der einer der Partner (in laienhafter Einschätzung) einer Behandlung bedurft hätte. Die hat Sylvia Plath offensichtlich nie in adäquater Form erhalten. Zwar war sie zwischenzeitlich in psychiatrischer Therapie (bei der Psychiaterin, die nach dem ersten Suizidversuch Plath für deren Elektroschocks verantwortlich war), jedoch beunruhigten die Therapiegespräche Plath eher noch mehr, zumindest schien Hughes dies so empfunden zu haben. Unter diesem Aspekt kommt im Lauf des Buches immer mehr Mitleid mit Sylvia Plath auf, ein Mensch mit großem Problemen, mit ausgeprägter Todessehnsucht, deren Partner sich in dem Gefühl wiegt, unentbehrlich für sie zu sein und der sich noch dazu berufen fühlt, die in der Psyche seiner Frau wütenden ‚Dämonen‘ (die er ja nur zu deutlich erkennt) durch Hypnose und ähnliche Praktiken besiegen zu können….

Du sagst es ist ein sehr intensives, eindringliches Buch, auch weil man des Ende, den Suizid Plaths natürlich immer im Kopf hat und man weiß, daß und wie alles auf diese schlimme Ende zuläuft. Für Schuldzuweisungen ist kein Raum mehr, denke ich, Plath war wohl (in laienhaftem Sinn) psychisch krank, für Hughes wurde die Ehe in der letzten Phase immer mehr zu einem Gefängnis, das ihn einschnürte und ihn seiner kreative Kraft beraubte. Die aussereheliche Beziehung zu Assia Wevill war die Flucht aus dieser Enge, die Tragik liegt auch darin, daß das, was ihm half, in der Rückschau für seine Frau der Todesstoß war.


Sie wollte nichts lieber,
als jemanden lieben,
aber sie hasste es,
wenn sie es tatsächlich tat.
Sie wollte nichts lieber,
als geliebt werden,
aber sie hat jeden,
der sie je geliebt hat,
gnadenlos für diese Liebe bestraft. 

Connie Palmens Roman ist kein einfaches Buch, auch in den Stil, in dem es geschrieben ist, muss man sich erst einlesen. Er mischt Biographisches mit Reflektionen und Analysen nicht nur zu dieser Paarbeziehung, sondern auch zur Rolle, Funktion und innerer Struktur von Literatur und Poesie, so wie sie Hughes gesehen hat – zumindest in dieser Zuschreibung aus der Feder der Autorin. Du sagst es beschäftigt einen, läßt einen nicht los, ist auch ein guter Anlass, die Glasglocke, Plaths autobiografischen Roman [2], noch einmal mit anderen Augen und neuem Hintergrundwissen zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Daten zu: Sylvia Plath: https://de.wikipedia.org/wiki/Sylvia_Plath
Ted Hugheshttp://www.abaa.org/blog/post/ted-hughes-signed-scarce-items diese Webseite konzentriert sich mehr auf die Publikationen von Hughes, viele der dort gezeigten Bücher werden bei Palmen erwähnt.
Bilder des Paares aus verschiedenen Lebensphasen sind beispielsweise auf dieser Seite bei pinterest zu finden: https://de.pinterest.com/w006kdj/sylvia-plath/
[2] Sylvia Plath: Die Glasglocke; Besprechung hier im Blog
[3] Connie Palmen:
I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam
– Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
(Besprechungen jeweils hier im Blog)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Feminismus
[5] Simon Garfield: Briefe! (Besprechung hier im Blog)
im ‚the guardian‘ (11. Oktober 2015) wird ferner diese Biografie vorgestellt: Ted Hughes: The Unauthorised Life is published by William Collins; https://www.theguardian.com/books..wevill , 
[6] Wiki-Beitrag zu den Birthday Letters: https://en.wikipedia.org/wiki/Birthday_Letters
vgl auch diese Besprechung in der ZEIT:  http://www.zeit.de/1998/07/plath.txt.19980205.xml/komplettansicht sowie
Alexander von Bormann: Birthday Letters;  http://www.deutschlandfunk.de/birthday-letters.700.de.html?dram:article_id=81116
[7] Jutta Rosenkranz: Zeile für Zeile mein Paradies, München 2014

Bildquelle: Porträtfoto des Paares:  https://www.flickr.com/photos/summonedbyfells/12592779424; Lizenz: (CC BY 2.0)

Connie Palmen
Du sagst es
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe: Jij zegt het, Amsterdam, 2015
aktuelle deutsche Ausgabe
: Diogenes, HC, 288 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

mitgutsch

Von der österreichischen Autorin Anna Mitgutsch habe ich vor einigen Jahren an dieser Stelle schon den Roman Wenn du wiederkommst vorgestellt [2]. Es war ein gedankenschweres Buch (ist es natürlich immer noch), zu dem ich seinerzeit schrieb: „Das Buch verlangt hohe Aufmerksamkeit, zu differenziert und tiefgründig sind die Gedankenwelten, die Mitgutsch schildert.“ Wenn ich mich jetzt also ihren neuesten Roman Die Annäherung widmete, wusste ich daher, auf was ich mich einlasse…

Aber zuvor zum Inhalt.

Im Zentrum des Romans Die Annäherung steht Theo, der gleich zu Anfang einen leichten Schlaganfall erleidet. Theo ist zu diesem Zeitpunkt sechsundneunzig Jahre alt, er ist verheiratet mit der siebzehn Jahr jüngeren Beate, zur Tochter Frieda aus seiner ersten Ehe ist das Verhältnis abgekühlt: Beate stellte Theo seinerzeit, es sind mittlerweile Jahrzehnte verflossen, vor die Alternative: sie oder ich. Theo entschied sich für seine Frau und seine Tochter bekam Hausverbot.

Der Schlaganfall Theos macht dem alten Paar ’schlag’artig klar, daß sie spätestens jetzt in die letzte Lebensphase eingetreten sind. Zwar erholt sich Theo recht gut von den Symptomen, findet auch seine Sprache wieder, er wird jedoch nicht wieder derjenige, der er vor dem Schlaganfall war. Ein großer Sprecher war er eh nie, er war schweigsam, schluckte Gegenworte lieber hinunter, ordnete sich unter, wenn jemand die Regie übernahm. So wie es Berta gleich anfangs ihrer Ehe gemacht hatte, sie, die ihn gleich richtig eingeschätzt hatte, die die Welt realistisch sah, durchsetzungsfähig war und die Theo damals mit ihrer sinnlichen Wärme einhüllte. Von letzterer ist nicht mehr viel geblieben, mittlerweile und verstärkt durch Theos Handicaps schleichen sich immer wahrnehmbarer Misstöne und Nickeligkeiten in ihr Leben ein.

Berta ist nach der Rückkehr ihres Mannes nach Hause bald schon mit dessen Pflege überfordert, muss sogar selbst als Notfall ins Krankenhaus. Die beiden wissen auf die Schnelle keine andere Möglichkeit, als Frieda, die ungeliebte Tochter/Stieftochter ins Haus zu holen, damit diese sich um ihren Vater kümmern kann.

Frieda nimmt diese unverhoffte Gelegenheit, sozusagen offiziell wieder mit ihrem Vater in Kontakt zu kommen, ohne Zögern wahr. Nach all den Jahrzehnten der Entfremdung hat sie es nicht aufgegeben, auf eine Annäherung an ihren Vater zu hoffen. Und auf die Wahrheit, denn eine Frage quält Frieda ebenfalls schon seit Jahrzehnten, seit ihr eine Freundin in Jugendtagen ein Foto gezeigt hat, auf dem ein Mann in Uniform einem anderen in den Kopf schießt und in der Grube hinter diese Szene ein einer Schlangenbrut gleichendes Gewirr menschlicher Glieder und Körper zu erkennen war: Hat ihr Vater, der als Soldat den Krieg sechs Jahre lang mitmachte, solches auch auf seinem Gewissen, hat er Schuld auf sich geladen? Schon als Jugendliche drang Frieda mit dem inquisitorischen Eifer von Menschen, die überzeugt sind, es gäbe eine Wahrheit und Schuld und Unschuld seien eindeutig zu bestimmen, auf ihren Vater ein, aber dieser verneinte, stritt ab, wich aus, gab keine Antwort mehr und verschloss sich. Für Theo gab es mehr als nur Schuld und Unschuld, es sah hier auch Zwischentöne, aber von denen wollte Frieda nichts wissen.

Nach Bertas Rückkehr aus dem Krankenhaus müssen die beiden Alten eine Pflegekraft ins Haus holen, es ist Ludmila, die aus der Ukraine stammt. Ludmila weiß mit Theo umzugehen, sie hat mit ihm keine Vergangenheit gemein, die sie hemmen könnte und vorsichtig machen. Sie findet genau das richtige Maß an Fürsorge, läßt ihm, wo es geht, seine noch vorhandene Eigenständigkeit, läßt ihn auch ihre Wärme spüren, wenn sie ihn, was zu ihren Aufgaben gehört, vorsichtig wäscht und pflegt. Es sind Momente, in denen Theo sich wie ein Baby geborgen fühlt, in denen er die Fürsorge, die Vorsicht eines anderen Menschen wahrnimmt und er sich in dieses Wohlgefühl hineinfallen lassen kann. Es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden, bei Ludmila findet Theo wieder Worte, ihr erzählt er wie sonst noch nie im Leben, so wie sie ihm von sich erzählt.

Doch Berta wäre nicht Berta, wenn ihr das nicht mißfallen würde. Nach dem Geburtstag Theo eskaliert die Situation, es kommt zum Streit und konsequent, wie sie ist, sorgt Berta dafür, daß Ludmila geht und eine andere Pflegerin ins Haus kommt, mit der sie sich besser versteht – auf Kosten von Theo, der nach dem Verlust ‚Milas‘ in sich zusammenfällt. Zu einer Großtat kann sich dieser jedoch noch aufraffen: er bittet Frieda, dafür zu sorgen, daß Ludmila wiederkommt und Frieda will ihm diese Bitte erfüllen.


Der Roman überstreicht einen Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr, das erste und das letzte Kapitel des Buches, das nach den Jahreszeiten unterteilt ist, spielen im Winter. Es ist das letzte Lebensjahr Theos, dessen Nachnamen wir nicht erfahren. Daher ist Die Annäherung auch ein Buch über das Altern, das Alt-werden und das Warten auf den Tod, ein Buch, das diesen Teilen des Lebens sensibel und genau nachspürt. Theo, der praktisch so begabt war, fast alles reparieren konnte, wird immer unselbstständiger, braucht immer mehr Hilfe, zum Schluss sogar bei den besonders schambesetzten Funktionen seines immer hinfälliger werdenden Körpers. Er konnte fast alles reparieren, dieses ‚fast‘ ist wichtig, denn es ist das Schicksal, das ihm zweimal seinen Berufswunsch zerstörte: seine Lehre als Uhrmacher konnte er nicht beenden, weil sein Meister starb und Feinmechaniker konnte er seiner Kriegsverletzung an der Hand wegen nicht mehr werden. Überhaupt war sein Leben von Armut und Beschränkung geprägt. Der Nachzügler auf einem alten Hof, das zwölfte Kind, siebzehn Jahre nach dem ersten….

Nach dem Krieg die Hochzeit mit der Tochter des Bürgermeisters, aber gesellschaftlich aufgestiegen war er nicht deswegen. Und gut ging die Ehe auch nicht… Bis Wilma dann starb und er ein Jahr später Berta kennenlernte und sich die pubertierende Frieda sofort gegen die neue Frau stellte. Sie nahm es dem Vater übel, daß er so schnell nach Mutters Tod eine neue Frau gefunden hatte. Peu a peu entblättert sich für uns Leser das Leben dieser drei Menschen, aus immer wieder anderen Gesichtspunkten (die einzelnen Abschnitten werden alternativ aus der Perspektive von Theo und Frieda erzählt) schildert Mitgutsch die Ereignisse, so daß häufig die Eindrücke, die man gewonnen hat, revidiert werden müssen. Es gibt eben nicht die Wahrheit, für jeden hat die Wahrheit auch einen subjektiven Anteil. Es gibt die Zwischentöne, die Frieda damals nicht sehen wollte und die sie immer noch nicht sieht.

Weder Theo, noch Berta oder Frieda kommen aus ihren Rollen und Verhaltensweisen heraus. Theo ist derjenige, der um des Friedens und seiner Ruhe willen zu allem Ja und Amen sagt, Berta achtet darauf, daß niemand Theo zu nahe kommt und Frieda ist unfähig, aus ihrem emotionalen Wagenburg herauszutreten. Wesentlich ist das Verhältnis von Vater und Tochter, von Theo und Frieda. Auch hier erweist sich erst spät, daß die zurückhaltende Art Theos gegenüber seiner Tochter auch seine Gründe hat – mag man sie billigen oder nicht, sie scheinen erst einmal nachvollziehbar. Und Friedas schon in früher Jugend einsetzende geradezu Besessenheit von der Frage nach der Schuld des Vaters im Krieg hat das Verhältnis ebenfalls nicht gerade gut getan. So sitzen sie jetzt, Jahrzehnte sind vergangen, unfähig, sich zu berühren, die Hand des anderen zu nehmen und zu halten, geschweige dann eine Umarmung.. immer, wenn sie ihm zu nahe kam, ergriff ihn Unbehagen. … diese Stelle der Tochter sollte dann für kurze Zeit Ludmila einnehmen


Das zweite große Thema des Buches ist Friedas Thema: Schuld und Verantwortung, hier herunter gebrochen auf die des Vaters als Soldat im Krieg. Ihr Vater, der schwache Mann, hätte sich nicht gegen seine Vorgesetzten gestellt: So etwas mache ich nicht. Die Frage ist für Frieda: An welchem Punkt wird Schwäche zum Vergehen? Oder: Gleichgültigkeit zur Schuld? Es ist ein Vertrauensbeweis, ein spätes Angebot, daß Theo ihr sein Kriegstagebuch gibt. Aber hilft es ihr wirklich? Ist sie nicht vielmehr enttäuscht? Die erste Zeit durchaus schwärmerische Einträge über die Natur, durch die sie marschieren, später dann nüchterne Angaben und Auflistungen von gefallenen Kameraden. Und die Tage, von denen nichts im Tagebuch steht? Frieda sucht nicht ergebnisoffen, sie sucht Beweise für die Schuld und jeder Tag, über den nichts im Tagebuch steht, ist ihr ein solcher Beweis. Noch an Theos siebenundneunzigstem Geburtstag sorgt sie mir ihrer Radikalität und unbedingen Wahrheitssuche für eine Eklat…

Eine allgemein gültige Antwort auf die Frage nach Schuld und Unschuld findet natürlich auch die Autorin nicht, sie läßt selbst die Frage, ob Theo Schuld auf sich geladen hat in der Schwebe – zumindest für den Leser. Für Frieda scheint sie durch das Tagebuch ihres Vaters beantwortet zu werden, welche Beweise brauchte ich denn noch? … Was passieren hatte können, das Gefürchtete, der Beweis seiner Schuld, war in Kloyzy passiert. Die Stunde der Wahrheit. …


Die Annäherung ist ein gedankenschwerer Roman über persönliche Schuld und Verantwortung, über die Unbarmherzigkeit derjenigen, die nach der Wahrheit suchen und der Gerechtigkeit. Es ist ein Roman über die Unfähigkeit zu verzeihen, eine Geschichte über die Sehnsucht auch nach Nähe, die dadurch unerfüllt bleibt. Tragische Verstrickungen und Brüche, wie sie das Leben der drei Protagonisten, insbesondere aber die Leben von Theo und Frieda, aufweist, brauchen, um überwunden werden zu können, die unbedingte Liebe und den Willen, auch zu vergeben. Dazu scheint Frieda nicht in der Lage zu sein.

Es fällt mir jetzt schwer, ein Resümee zu Mitgutschs Roman zu ziehen. Er hat mir als Roman, als Geschichte, die drei große Themen, miteinander verknüpft, gut gefallen: Auf der persönlichen Ebene ist dies die problematische Vater-Tochter-Beziehung, über die die Frage nach Schuld und Verantwortung für Kriegsverbrechen als zweites Großthema aufgeworfen wird. Und dann ist last not least das Altwerden ein Thema, mit seinen Problemen für alle Betroffenen. All das wird nachdenklich, festgefügte Meinungen immer wieder in Zweifel ziehend, dargestellt. In dieser Hinsicht kann Die Annähung jedem, der an der Thematik interessiert ist, empfehlen – mit einer Einschränkung…

… denn mein eigenes Lesevergnügen ist jedoch leider durch meiner Ansicht nach vermeidbare Ungenauigkeiten im Text getrübt worden. Ich habe sie weiter untenstehend aufgelistet [4], mögen diese einzelnen Punkte auch etwas ‚kleinkariert‘ wirken (ein Autor hat mich betreffend mal die Vermutung geäußert, ich bediene mich einer ‚Rezensionstechnik von gestern‘ [3]), aber wenn ich dauernd vor- und zurückblättern muss, weil ich versuche, die in meinem Kopf auftauchenden Fragezeichen aufzulösen, … ok, ich denke, jeder weiß, was ich meine.

anyway: wer damit leben kann, dem kann ich Die Annäherung zur Lektüre empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Mitgutsch beim Verlag: Anna Mitgutsch
– Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Mitgutsch
[2] Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst (Besprechung hier im Blog)
[3] https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/25/ruprecht-frieling-weltberuehmt-durch-self-publishing/#comment-4782

[4] Vermeidbares bzw. Fragezeichen im Kopf:

Zahlen waren nicht zum Übertreiben da, sondern um Genauigkeit herzustellen ... legt die Autorin ihrer Hauptperson Theo auf S. 261 in den Mund. Und so ist es sicherlich auch im Sinne Theos, wenn ich die folgenden Anmerkungen, bei denen ich die von Theo reklamierte Genauigkeit vermisse, hier exemplarisch anführe…:

  • auf S. 181 ist davon die Rede, daß die lange Linie von Vätern und Söhnen irgendwo im Kaukasus ihren Anfang genommen hatte, auf den Seiten 145 und 182 dagegen werden die Karpaten als Herkunftsort des Großvaters genannt.
  • Theo erleidet einen Schlaganfall, also einen Hirninfarkt, der durch Minderdurchblutung (Verstopfung) von Blutbahnen hervorgerufen wird. Auf S. 148 ist dagegen davon die Rede, daß in seinem Hirn eine Ader platzte (–> Aneurysma)
  • auf S. 232 ist davon die Rede, daß einen ’siebenundneunzigjährigen etc pp‘. Der 97. Geburtstag wird aber erst Wochen später, auf S. 259 begangen.
  • Die Pflegerin Ludmila hat zwei Mittagsstunden frei, sie geht in dieser Zeit in die Stadt (S. 200), einundzwanzig Stunden  am Tag verbringt sie im Haus. (S. 210)
  • Edgar, mein treuer Freund seit fünfzig Jahren (S. 213) vs. .. in den fast fünfundvierzig Jahren, die ich ihn kenne…. (S. 219)
  • mein Versuch, die Altersangaben der Personen und die Angaben über verflossene Zeiträume in ein plausibles Schema zu bekommen, dazustellen, würde ausufern: es ist mir nicht gelungen. Daher nur ein einziges, übersichtliches Beispiel: … es war ein für seine sechsundzwanzig Jahre recht naiver Jüngling, der am 20. Mai 1940 … heißt es auf S. 341. Daraus leitet sich mit dem siebenundneunzigsten Geburtstag ab, daß die Jetzt-Zeit im Jahr 2010/11 angesiedelt ist. Auf S. 224 ist dagegen eine andere Rechung aufgemacht worden: Berta gibt Frieda das Kochbuch ihrer verstorbenen Mutter. Das erste Rezept trug ein Datum, den 1. Dezember 1944. …. zwanzig Jahre Einträge …. Wie hatte er es zulassen können, daß diese Frau fünfzig Jahre lang ein Buch besessen hatte, …. mit diesen Zahlen kommt man auf 2014 für die Jetzt-Zeit. Apropos ‚fünfzig‘, auf S. 441 taucht wie aus heiterem Himmel die Zahl ’sechzig‘ auf..

Anna Mitgutsch
Die Annäherung
Originalausgabe
diese Ausgabe
: Luchterhand Literaturverlag, HC, ca. 450S., 2016 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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