Leon de Winter: SuperTex

24. August 2016

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Simon Breslauer war Jude. Seine Schulbildung war gering, seine Neigung zu Schöngeistigem ebenfalls. Er war behaart, dick und schaufelte Essen in jeder angebotenen Quantität in sich hinein.

Nach dem Krieg, den er als einziger der Familie überlebte, baute er ein Textilimperium aufgebaut. Aus kleinen Anfängen heraus eröffnete er einen Laden nach dem anderen, in dem er Billigtextilien an die Mann bzw. die Frau brachte. Vieles davon in Asien gefertigt, Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts nahm die Globalisierung Schwung auf. Ihm brachte es mit seiner Ladenkette ‚SuperTex‘ Geld, viel Geld, haufenweise Geld. Aus Angst vor Anschlägen verkugelsicherte er seinen dicken Benz 560 SEL, in dem er dann letztlich im zarten Alter von neunundfünfzig Jahren leicht alkoholisiert einen Herzanfall erlitt, von der Straße abkam und in einem See ersoff. Das Ausmaß der Trauer bei den Familienangehörigen war unterschiedlich; zur Trauerfeier jedenfalls erschien sogar ein Brenninkmeijer.

Die Breslauers waren also wer in Amsterdam. Zu ihnen gehörte neben dem Verblichenen dessen Frau bzw. dessen Witwe Annie, die sich im Lauf der Jahre immer mehr dem Idealbild der jiddischen Mame angenähert hatte sowie die zwei Söhne Max und der zwei Jahre jüngere Benjamin, genannt Boy. Unterschiedlicher wie diese beiden konnte man als Brüderpaar kaum sein, Max war intelligent, renitent, kräftig, durchsetzungsfähig, er kam, kurz gesagt – und er selbst empfand es als beängstigend – auf den Vater. Boy dagegen war sanft, zwar nicht dumm, aber er konnte einfach nicht lernen und schaffte daher kaum die Realschule, nahm die Rolle des Verlierers im Brüderpaar klaglos und immer wieder an, ein Muttersohn. Er war derjenige, der bis fast zum Schluss im Elternhaus wohnen blieb, während Max dieses so früh es ging, verließ und ein freies, ungebundenes Studenten- und Liebesleben führte. Während Max sich später als Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei niederließ (bevor er nach einigen Jahren aus Liebeskummer auch in die väterliche Firma einstieg), stieg Boy im Lauf der Jahre in der Firma des Vaters zum Chefbuchhalter auf.

Ein herrschendes und ein heranwachsendes Alpha-Tier in einer Familie, das konnte nicht gut gehen. Zwischen Vater Simon und Sohn Max gab es Streit und Ärger, Max konnte die Art seines Vaters nicht ausstehen, der ewige Hinweis auf den Holocaust, den er als einziger der Familie überlebte, er nervte ihn ebenso wie die unzähligen jiddischen Alltagsweisheiten, die in Sprichwörter gepresst von Simon zu allen möglichen Gelegenheiten wiedergegeben wurden. Trauriger und tragischer Tiefpunkt des schwierigen Verhältnisses der beiden war der Beinahe-Mord des Sohnes am Vater….. Zwei Alpha-Tiere: so wie das zweite über die Markierung des ersten pinkelt, übernahm nach dem Tod des Vaters Max dessen Geliebte Maria, von deren Existenz er bis dato nichts gewusst hatte: Sexuelle Aspekte im Leben seines Vater zu vermuten, war ihm bis zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen.

SuperTex spielt auf zwei Ebenen. Die äußere, die als Rahmen fungiert, überspannt einen Tag von morgens bis abends. In dieser Zeit, die sich Max Breslauer teuer erkauft hat, liegt derselbige auf der Couch der Analytikerin Dr. Jansen, einem zarten Wesen, das von der Statur her eher einer Elfjährigen glich als einer Siebzigjährigen. Einerseits. Andererseits ist Max Breslauer auch davon überzeugt, daß, wenn G’tt eine Frau wäre, sie die Stimme von Frau Dr. Jansen hätte. Wie auch immer, dieser Dr. Jansen, bei der Max Breslauer vor Jahresfrist schon einmal einer erektilen Dysfunktion (die sich nach dem Tod des Vater jedoch spontan zurückbildete) wegen vorsprach, dieser Dr. Jansen erzählt er, warum und aus welchem Grund er heute morgen anrief und sie mit einen hohen Stundensatz zur Absage anderer Termine überredete, so daß sie ihm den ganzen Tag reservieren konnte. Max Breslauer nämlich hatte eine Geschichte zu erzählen, nein, musste eine Geschichte erzählen, musste diese Ereignisse loswerden.

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Porsche 928 Bildquelle: siehe Links und Anmerkungen


Wenn Sie ein Jude sind,
was tun Sie dann am Schabbes-Morgen
in einem Porsche?

Neben dem Vater-Sohn-Konflikt, der in der Erzählung Max Breslauers einen breiten Raum einnimmt und der bis fast zum Vatermord führt, kennzeichnet genau diese Frage, die in seinem Leben bisher dreimal an ihn gestellt wurde, das zweite, das wahre Hauptthema des Romans: die Frage nach dem jüdischen Selbstverständnis in der heutigen Zeit, wobei man angesichts der jahrtausende alten jüdischen Geschichte die wenigen Jahre seit der Veröffentlichung des Roman durchaus ignorieren kann.

Jetzt im aktuellen Geschehen, sind die zwei Pole sind eindeutig: auf der einen Seite Max Breslauer, ein großer, dicker Mann mit feuerroten Gesicht wie ein deutscher Biertrinker, der weder Schinken noch Schicksen verschmäht, auf der anderen Seite diese drei Chassidim, die er mit seinem Lieblingsspielzeug, dem Porsche 928, fast über den Haufen fährt, ein Vater mit zwei Söhnen, auf dem Weg zum Schabbesgottesdienst in der Synagoge: „Ist das hier ein Porsche?“, rief der Vater nach dem Beinahe- Crash. „Also das ist das Auto von Herrn Professor Porsche, der für Herrn Hitler den Volkswagen gebaut hat? Und deswegen kommen wir zu spät zum Haus des Herrn?“ Mit der ganzen Autorität ihrer Tradition und ihres Glaubens belehrt ihn der jüngere der Söhne, den er mit seinem Porsche gerade noch so eben leicht touchiert hat: Moses wurden sechshunderund dreizehn Regeln gegeben … Dreihundertfünfundsechzig Verbote und zweihunderachtundvierzig Gebote. Ein guter Jude lebt nach den Regeln. worauf Max Breslauer nur arrogant erwidern kann: Was du nicht sagst! Regeln von vor ein paar tausend Jahren. Von einem Wüstenvolk. Damit schüchtert er das Kind natürlich nicht ein: Die Luft, die wir atmen, ist die neu? Die Sonne über unserem Kopf, ist sie von heute? Was konnte er darauf schon antworten, denn der kleine Junge hatte recht. Was bin ich eigentlich? Ein Jude? Ein Goj? Worum dreht sich mein Leben? Was bin ich außer einem Samenkorn im Wind?

Diese Fragen sind es, die ihn zu Dr. Jansen auf die Couch treiben. Nicht nur diese drei Chassidim haben ihn darauf gestoßen, schwer kommt ihm noch die Entscheidung seines Bruder Boy an, alles hinter sich zu lassen und wieder als gläubiger Jude zu leben. Was ist schließlich ein Jude ohne Hut? wurde Boy in Marokko gefragt, in einer Lebenskrise, in die ihn seine mangelnde Eignung für´s Geschäft getrieben hatte. Eine Frage, in der er gleichzeitig jedoch auch die (Er)Lösung für sich fand… und nicht nur das, Boy hatte  Sulamith gefunden. … ein durchaus symbolisch zu nehmender Name [3].

Max dagegen hatte seinerzeit seine Esther verloren. Dieser schon etwas zurückliegende Verlust seiner großen Liebe ist quasi das zu Boys Rückbesinnung auf seine ‚jiddischkajt‘ inverse Ereignis: Esther, eine aufgeklärte sephardische Jüdin [4], gab sich (Max und sie waren schon ein Paar zu diesem Zeitpunkt, Esther fühlte sich durch die permanente Suiziddrohung ihres Ex-Mannes erpresst) die Schuld an dessen Suizid und der einzige Trost, den sie fand, war die Hinwendung zum orthodoxen Judentum, eine Entscheidung, die Max nicht mitgehen konnte, obwohl es ihm das Herz brach. Max hatte einfach keinen Glauben.

Dreimal also klopft die ‚jiddischkajt‘ an die Tür von Max und bringt ihn dazu, an seinem Leben, wie er es führt, zu zweifeln. Leon de Winter, dieser großartige Erzähler, bettet diese Grundfrage eines jeden Lebens, die Frage nach dem Sinn, die sich mit der Besonderheit des Judentums noch einmal potenziert (gleichwohl sie natürlich auf für Andersgläubige existiert) ein in die Lebensgeschichte eines jähzornigen, durchsetzungsstarken Geschäftsmannes, der sich an der Überfigur seines Vaters abarbeitet, bis er durch seine eigene Sinnkrise erkennt: Ich wollte, daß er gleichzeitig Albert Schweitzer, Ghandi und Ben Gurion war, aber er war nur Simon Breslauer. … er war als Habenichts geboren und starb mit neunundfünfzig in einer goldenen Kutsche. Für Breslauer, den Sohn ist diese Erkenntnis eine Befreiung, endlich kann er akzeptieren, daß er der Erbe ist, daß er das Erbe seines Vaters übernehmen und weiterführen kann. Dieser Gedanke erwärmt mich, und das Ziel, das nun auf einmal hell und klar vor mir auftauchte, beruhigte und tröstete mich. Ich war der Erbe. Ich würde mich nicht mehr dagegen wehren.

Wie schon festgehalten, de Winter ist ein großartiger Erzähler. Schon nach wenigen Seiten packt der Roman den Leser, auch wenn Max Breslauer in seinem Jähzorn und seiner gesamten Art nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, so nimmt man doch starken Anteil an seinem Leben. Mit ähnlicher Aufmerksamkeit wie Dr. Jansen verfolgt man seine Erzählung, spürt man die Wege und die Irrwege in Max Breslauers Leben. Es ist eine jüdische Geschichte, geprägt durch die fast vollständige Vernichtung einer Familie im Holocaust, die nicht einfach mit dem Kriegsende vorbei war, sondern sich fortpflanzt in den Nachkommen, die unter den Traumatisierungen zu leiden haben, die oft, da sie es nicht selber erlebt haben, das Grauen nicht nachempfinden können und eher nach vorne sehen als in die Vergangenheit. Aber, auch das zeigt de Winter, sein Erbe, zumindest diese Art von Erbe, hat man und man kann es nicht abstreifen wie einen Mantel, es ist zu akzeptieren und anzunehmen.


Was ist ein Jude ohne Hut? 

Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Nicht viel. de Winter packt es in ein schönes Bild: Boy, dem sie gestellt wird, erhält einen Hut von Abdul, den Juden, der ihn ein paar Stunden zuvor noch über den Tisch gezogen hat und den er durch Zufall in der Stadt wiedertraf um mit großem körperlichem Einsatz verfolgte. Boy setzte diesen Hut auf, fühlte Abduls Augen auf [sich], aber das Geld und …. SuperTex ließen [ihn] vollkommen kalt.- [Er] hatte Sulamith gefunden. Sulamith, die Liebe und die Rückbesinnung auf die jüdische Tradition und seinen Glauben.

Max, du verstehst das nicht. Was war ich schon? Ein Jud ohne Hut! Was ist ein Jud ohne Hut? …. Ich bin eine bestimmte Sorte Mensch. Ein Jude. … Im Amsterdam, was war ich da? Ein Jude in einem Mercedes! Gütiger Gott, das ist doch nicht unser Lebensziel, Max? … Ich habe wieder angefangen, nach der Überlieferung zu leben…
…..
Der einzige, zu dem ich gehöre, ist G’tt. Und du? Fährst du noch in Deinem Porsche 928 durch Amsterdam? Machst gute Geschäfte und frisst dich voll? … Wohnst mit einer Schickse zusammen, und mit was für einer, der ehemaligen Mätresse von Papa … Fährt dir niemals das flammende Schwert der Scham durch Dein fettes Herz? Fragst Du Dich nie: ein Jude in einem Porsche, geht das?

 


Das sind eindringliche Passagen, die beim Lesen nicht ohne Wirkung bleiben. Der Sinn des Lebens, eine Frage, die sich jedem stellt, die jeder auf seine Weise beantworten muss und deren Antwort hin und wieder hinterfragt werden muss, damit man nicht wie Max Breslauer in die Porsche-Falle läuft und Nichtigkeiten zum Fetisch erhebt….

Ein durchaus schwieriges Thema also, daß de Winter sich erkoren hat, auf intelligente und fesselnde Art und Weise aufbereitet und dargeboten. Auch wenn der Roman nicht mehr ganz neu ist, er lohnt des Lesens immer noch!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Leon_de_Winter 
[2] —
[3] Sulamith ist der Name der Frauenfigur aus dem Hohelied Salomons
[4] im Gegensatz zu den meist aus ärmlichen Verhältnissen stammenden orthodoxen chassidischen Juden des askenischen Judentums des Ostens stammen die Sepharden, der jüdische Adel, von der iberischen Halbinsel, von der sie 1492 aus Spanien und wenig später auch aus Portugal vertrieben worden waren. Zwar gingen die meisten der Vertriebene ins Osmanische Reich, einige blieben jedoch auch in Europa, u.a. in den Niederlanden.

Weitere Roman von Leon de Winter hier im Blog:
Leo Kaplan
Hoffmans Hunger
Recht auf Rückkehr
– Sokolows Universum
– Ein gutes Herz

Bildquelle: ‚Porsche 928‘: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Porsche928_S4_1990.jpg; Bild gemeinfrei, von Cybergötti (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Leon de Winter
SuperTex
Originalausgabe: De Bezige Bij, Amsterdam 1991

übersetzt aus dem Niederländischen von Sibylle Mulot
deutsche Erstausgabe: Piper, 1993
diese Ausgabe
: Diogenes, TB deluxe, 352 S., 2014

Die Autorin dieses Buches, Françoise Frenkel [1], wurde 1889 als Frymeta Idesa Frenkel in Piotrków, Region Lodz, Polen, in einem jüdischen Elternhaus geboren. Nach ihrer Kindheit und Jugend erhielt sie eine Musikausbildung in Leipzig und studierte später in Paris Literaturwissenschaft. 1921 eröffnete sie mit ihrem Mann in Berlin eine Buchhandlung, die sie bis 1939 betrieb. Kurz vor Ausbruch des Krieges floh sie nach Frankreich, wo sie nach der Besetzung durch die Nazi-Truppen und die Vichy-Regierung aber weiter verfolgt wurde. Nach mehreren misslungenen Anläufen gelang ihr im Juni 1943 die Flucht in die Schweiz, wo sie bald nach ihrer Ankunft mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen begann. Diese erschienen schon im September 1945 im (nicht mehr existierenden) Genfer Verlag Jeheber. 2015 wurde das Buch in einem Antiquariat zufällig wiederentdeckt und neu veröffentlicht. Nichts, um sein Haupt zu betten ist die deutsche Übersetzung der französischen Neuauflage der Erinnerungen Françoise Frenkels, die 1975 in Nizza gestorben ist.

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Und offensichtlich ist es für die Darstellung des historischen Sachverhaltes wichtig, daß dieses Buch wieder aufgelegt worden ist. Unten [2] habe ich zwei Beispiele angeführt, die zeigen, daß die Daten über diese Buchhandlung, die sicherlich im kulturellen Leben Berlins in dieser Epoche ihre Rolle hatte, widersprüchlich und ungenau sind und nicht mit den Angaben von Frenkel in ihrem Aufzeichnungen übereinstimmen.


Einführend beschreibt die Autorin im ersten Kapitel, daß und wie sie sich schon als Kind in Bücher eine Leidenschaft für Bücher entwickelt hatte und daß ihre Eltern diese Leidenschaft unterstützten. Das Studium und die Zeit des 1. Weltkrieges verbrachte Françoise Frenkel in Paris, danach machte sie ein Praktikum in einer Buchhandlung. Ihr Entschluss, Buchhändlerin zu werden, war bald gefasst.

Nach dem Krieg waren die deutsch-französischen Beziehungen denkbar schlecht, bei einem Reisestop in Berlin konnte die junge Frau feststellen, daß dort (mit Ausnahme von ein paar Klassikern) praktisch keine französische Literatur mehr erhältlich war. Der aufkeimende Plan, in Berlin eine französische Buchhandlung aufzumachen, wurde in Paris von ihrem Professor unterstützt: Berlin? Das ist ein Mittelpunkt! Versuchen Sie doch ihr Glück! … Eine Buchhandlung in Berlin… das ist fast eine Mission.

1921 wares soweit, nach vielen bürokratischen Nickeligkeiten konnte sie ihre Buchhandlung eröffnen. Aus kleinen Anfängen heraus wurde das Geschäft bald bekannt und zog aus den Räumen einer Privatwohnung in ein Ladengeschäft in prominenter Lage um, in die Passauer Str. 39 (An der Stelle befindet sich heute eine Erweiterung des KaDeWe). Frenkel beschreibt in ihren Aufzeichnungen die Entwicklung der Buchhandlung, die Kunden, die sie besuchten, die Beschaffung der Bücher, die sie aus Frankreich bezog… Sie veranstaltete Lesungen mit französischen Autoren, die Buchhandlung muss ein Juwel gewesen sein [7]. Wie Modiano in seinem Vorwort zum Buch andeutet, beschreibt Nabokov in seinem Roman Die Gabe eine Buchhandlung, die der von Frenkel gleichen dürfte; ein großer Teil des Publikums im Maison du livre français kam aus slawischen Ländern.

Anfang der 30er Jahre wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen aber sukzessive schlechter. Durchsuchungen und Beschlagnahmungen häuften sich bis hin zu Blockwarten, die in die Suppentöpfe schauten; die Beschaffung von Büchern aus Frankreich wurde immer schwieriger ebenso wie deren Bezahlung aufgrund von Devisenbestimmungen. Im Buch wird es nicht erwähnt, aber 1933 kehrte ihr Mann zurück nach Frankreich und sie führte die Buchhandlung allein weiter.

Frenkel erlebte das vor allem gegen Juden immer repressiver und unverhohlener vorgehende Nazi-Regime mit. Mit ihrem besonderen und prominenten Status als Ausländerin (sie ist mit ihrem Geschäft sowohl in publizistischen als auch diplomatischen Kreisen bekannt) war Frenkel trotz ihres ‚Judentums‘ zumindest anfänglich noch geschützt, noch nahm das Nazi-Regime Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Ausland. Bei den Ausschreitungen und Verwüstungen in der Reichsprogromnacht stand ihr Geschäft nicht auf den Listen der Brandschatzer, mit Entsetzen und Angst sah sie die braunen Horden durch die Straßen ziehen und ihre Verwüstungen anrichten.

Konsequenz und Verblendung des Nazi-Regimes wurden lange unterschätzt, erst Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges sah sich Francois Frenkel, von Freunden dringend dazu aufgefordert, gezwungen, Berlin zu verlassen. Die meisten ihrer Kunden hatten zu diesem Zeitpunkt Deutschland schon den Rücken gekehrt. Es war knapp, aber die Ausreise gelang.

Für ein paar Monate konnte Frenkel in Paris bleiben, aber auch in Frankreich nahmen die Repressionen gegen Ausländer zu. So war es schwierig für sie, den Passierschein zu erhalten, um in den Süden, nach Avignon, zu flüchten. Hier, in Südfrankreich, strandeten so viele der Ausländer, der Juden, die vor den Nazis flohen, doch die Vichy-Regierung ließ ihnen auch hier immer weniger Luft zum Leben [im Juni 1940 war mit einem Waffenstillstandsabkommen Frankreich zweigeteilt worden, zur Situation (jüdischer) Flüchtlinge in Südfrankreich vgl auch Anmerkung 3]. Noch beschreibt Frenkel Avignon als einen verträumten Ort wie aus der Zeit gefallen, das sollte sich aber bald ändern. Weitere Fluchtstationen von Frenkel waren Vichy und vor allem Nizza.

Sie wohnte anfänglich in Hotels und Pensionen, begegneet immer häufiger entwurzelten, immer hoffnungsloser werdenden Menschen. Die äußeren Randbedingungen des Überlebens wurden zunehmend schwieriger, Lebensmittel wurden rationiert und nur noch auf Bezugsscheine ausgegeben, die Preise stiegen, da die deutschen Besatzer jeden Preis, der verlangt wurde, zahlen konnten, es entwickelte sich daher ein umfangreicher Schwarzmarkt. Immer wieder verfügte die Vichy-Regierung neue Registrierungen, jetzt auch mit Angaben zur ‚Rassenzugehörigkeit’…

1942 entging sie der Deportation nur, weil ein Hotelgast die vom Einkauf Zurückkehrende vom Balkon aus warnen konnte: der Totentanz hatte begonnen, die Juden wurden gejagt und eingesammelt, in Busse verfrachtet und in Lager gebracht. In ihrer Panik betrat sie das Friseurgeschäft des Ehepaares Marius, um sich dort zu verstecken, das Paar war ihr bekannt. In den nächsten Monaten zeigten diese beiden eine bewundernswerte Courage und viel, viel Mut: immer wieder wurden sie zur Anlaufstation von Françoise Frenkel, die von diesem Zeitpunkt an im Untergrund leben musste.

Immer wieder wurden ihre diversen Unterkünfte, in denen sie Unterschlupf findet, unsicher: Unvorsichtigkeiten, Zufälle oder die Schlechtigkeit der Menschen verrieten ihre Anwesenheit, jedesmal war das Ehepaar Marius für sie da.

Über Freunde konnte sie ein Schweizer Visum erhalten, ein offizieller Grenzübertritt war jedoch absolut unmöglich. Beim ersten Versuch, in einer Gruppe mit einem Schleuser in die Schweiz zu kommen, wurden sie entdeckt und verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung wurde sie aufgrund des guten Leumunds, für den sie noch entsprechende Empfehlungsschreiben aus längst vergangenen Zeiten vorweisen konnte, freigesprochen…. erst der dritte Versuch, die Grenze zu überwinden, sollte erfolgreich sein, mit Not und Mühe und der ‚Hilfe‘ des italienischen Grenzers [4], der in die Luft schoß, überwand sie den Stacheldraht fiel auf schweizer Boden.


Françoise Frenkels Geschichte ist wichtig, in zweierlei Hinsicht. Zum einen zeigen die sich teilweise widersprechenden Daten die Unsicherheit, die bezüglich der Kenntnisse über das Maison du livre français in Berlin herrschen. Dieses Geschäft war nicht irgendeine beliebige Buchhandlung, als Vertreterin und in gewissem Sinne auch ‚Botschafterin‘ (Frenkel selbst bezeichnet ihre Tätigkeit in Berlin selbstbewusst als ‚Dienst am französischen Geist in Deutschland‘) ihrer Kultur muß das Haus über viele Jahre eine Institution im kulturellen Leben der Hauptstadt gewesen sein – über das kaum etwas bekannt ist, die aus dem Gedächtnis gelöscht ist. Dem schafft das vorliegende Buch Abhilfe, ferner korrigiert sie die wenigen Daten, die über die Buchhandlung bekannt sind (bei Defrance [2b] stimmen weder das angegebene Gründungs- noch das Datum der Flucht respektive der Aufgabe der Buchhandlung mit den Angaben von Frenkel überein). Rätselhaft bleibt jedoch die Tatsache, daß die Autorin ihren Mann, mit dem sie die Buchhandlung viele Jahre (ihrer Zählung nach wohl 12 Jahre) geführt hat, völlig unerwähnt läßt, weder die Hochzeit noch die gemeinsame Arbeit werden beschrieben [5]. Auch der Name ‚Raichenstein‘ taucht im Buch nicht auf, Modiano beschreibt in seinem Vorwort, daß er diese Daten zur Autorin im Staatsarchiv Genf auf der Liste der Personen, denen nach ihrem Grenzübertritt der Aufenthalt in der Schweiz gestattet war, erfahren hat.

Über die Gründe für dieses Verschweigen kann nur spekuliert werden, Zimmermann mutmaßt in ihrer Rezension [9], daß Frenkel ihren Mann nicht erwähnt, um ihn zu schützen. Ihre Erinnerungen hat die Autorin jedenfalls sehr bald nach ihrer Flucht angefangen auf Papier zu bringen, schon 1945 sind sie als Buch publiziert worden. Die Erinnerungen beschreiben, dies ist ein anderer Grund, warum sie so wichtig sind, das auf eine Person heruntergebrochene Schicksal flüchtiger Juden in Europa. Francoise Frenkel war in der ‚glücklichen‘ Lage, dies für die Nachwelt festhalten zu können – sie stellte dieses Motiv, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufoperung Unbekannter missachtet werden, ihren Aufzeichnungen voran. Ich habe ‚glückliche‘ Lage geschrieben, denn viele andere der flüchtigen Juden wurden aufgegriffen, wurden denunziert, wurden deportiert und wurden schließlich ermordet [6]. ‚Glücklich‘ auch, weil sie in den Ehepaar Marius zwei Menschen gefunden hatte, die persönlich viel riskierten, um ihr immer wieder zu helfen.

So legt Frenkel tatsächlich beredtes Zeugnis ab über diese schweren, für viele tödlichen Jahre in Südfrankreich. Über Menschen, die verzweifelt sind, die apathisch sind, die entwurzelt alles verloren haben. Die niemand mehr aufnehmen will, die nirgends mehr ein Ziel finden. Über Menschen aber auch, die der Propaganda erliegen, die die rassistischen Wahnideen nacheifern, die glauben, was man ihnen aus allen Richtungen eintrichtert. Sie berichtet über Angst und Schrecken, über die kleinen Freuden auch, die sich in seltenen Momenten noch einstellen. Über den Hunger und die Probleme, sich einfach nur am Leben zu halten…. über die Unausweichlichkeit, sich wildfremden Menschen anvertrauen zu müssen, ihnen ausgeliefert zu sein, in jeder Hinsicht erpressbar. Und sie berichtet – und das ist nicht wenig – über Menschen, die Menschen geblieben sind, die helfen, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen.

Es ist ein Glücksfall, daß Françoise Frenkels Aufzeichnungen wieder entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt worden sind. Es ist ein Buch, das man jedem, der sich für diese Zeit und das Schicksal von Menschen damals interessiert, wärmstens ans Herz legen kann.
Ein Anhang ergänzt das Buch um eine Zeittafel und weitere Dokumente aus dem Leben und von der Flucht Françoise Frenkels.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Françoise_Frenkel

[2a] So findet man beispielsweise in der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin) [Stand: 14.08.2016]): „Selbst eine französischsprachige Buchhandlung, das „Maison du livre francais“ in der Passauer Straße 39a, wurde von einem Exilanten aus Russland betrieben und richtete sich über die Zeit ihres Bestehens von 1923 bis 1933 auch vornehmlich an gebildete Russen.“ (vgl. aber auch [7]!)

[2b] Corine Defrance schreibt in ihrem Aufsatz: Die Maison du livre français in Berlin (1923-1933) und die französische Buchpolitik in Deutschland; in: Hans Manfred Bock (Hrsg): Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik: kultureller Austausch und diplomatische Beziehungen, daß das Wissen um die Existenz dieser Buchhandlung nur einem Zufall, einem Brief eines Besuchers an seine Eltern nämlich zu verdanken ist. Andererseits erwähnt sie eine Aufzeichnung des Inhabers der Buchhandlung, Simon Raichenstein, aus dem Jahr 1934 über die Buchhandlung und eine in einem Archiv gefundene Notiz, daß die Buchhandlung 1933 geschlossen worden wäre und die Raichensteins in der ersten Emigtrationswelle 1933 Berlin verlassen hätten. Auf die Tatsache, daß Defrance die Gründung der Buchhandlung auf das Jahr 1923 verlegt, sei nur hingewiesen. Möglicherweise ist dies das Jahr, in dem das neue Ladengeschäft eröffnet wird. Quelle:  https://books.google.de/books?…..
Auf der anderen Seite ist es mir ebenso sehr merkwürdig vorgekommen, daß Françoise Frenkel ihren Mann Simon Raichenstein an keiner Stelle des Buches erwähnt (auch nicht, daß sie überhaupt verheiratet ist), weder vor noch nach 1933, dem Jahr, in dem er Berlin mit einem Nansen-Pass [siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass] verließ.

[3] Lion Feuchtwanger hat dies sehr anschaulich in seinen Aufzeichnungen: Der Teufel in Frankreich; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/…frankreich/

[4] Die Region stand eine Zeit lang unter italienischer Verwaltung, was für die sich dort versteckenden Juden eine gewisse Entlastung bedeutete.

[5] Simon Raichenstein, so schreibt Modiano, ist am 24. Juli 1942 von Drancy aus nach Auschwitz deportiert worden, in den Tagen zuvor hatte die französische Polizei die Juden aus Paris im Stadion d´Hiver zusammen getrieben (Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können. aus einem Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942; aus: Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982

[6] Bei den Schilderungen Frenkels musste ich so häufig an Charlotte Salomon denken, diese junge deutsch-jüdische Frau, eine Künstlerin, die sich ebenfalls in der Nähe von Nizza versteckt gehalten hatte und durch einen Verrat letztlich doch ihren Mördern in die Hände gefallen war. David Foenkinos hat dies in seinem bewegenden Buch Charlotte beschrieben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/12/20/david-foenkinos-charlotte/)

[7] Die Passauer Straße in Berlin war für eine Buchhandlung offensichtlich ein ausgesucht geeigneter Platz. Ich kopiere hier eine Passage aus dem entsprechenden Beitrag der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin)):

Leben in der Vorkriegszeit

In der Passauer Straße 23 lebte bereits 1905 der Indologe Richard Pischel. In den 1920er Jahren lebten vor allem südlich der Kreuzung mit der Augsburger Straße zahlreiche bedeutende Schriftsteller, auch einige Verlagshäuser fanden hier ihren Sitz.

In der Passauer Straße 19 wohnte von 1917 an bis Mitte der zwanziger Jahre Gottfried Benn mit seiner Familie. Nach dem Tod seiner Ehefrau bot die Wohnung auch Gästen Raum, so zum Beispiel dem Schriftsteller Klabund und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Carola Neher.[15] Benns spätere Geliebte, die Schriftstellerin Ursula Ziebarth, lebte für kurze Zeit in einer Pension in der Straße im Oktober 1954.

Die Passauer Straße 1920, rechts unten die Tauentzienstraße, unten Mitte das KaDeWe

Vladimir Nabokov lebte von 1926 bis Anfang 1929 mit seiner Frau in zwei Zimmern in der Passauer Straße 12. In seinem ersten englischsprachigen Roman Das wahre Leben des Sebastian Knight aus dem Jahr 1941 eröffnet er mit den Worten „Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ich auf ein häßliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war.“ eine Szene, in der der Held bei der Suche nach einer Augenzeugin auf die Aufbahrung derselben stößt.

Von 1926 an hatte der MalikVerlag seinen Sitz in der Passauer Straße 3. Im selben Haus hatte bereits zu Anfang der 1920er Jahre der russische Romancier Andrej Belyi gelebt. Die Passauer Straße 8/9 war von 1929 bis 1935] Adresse des Rowohlt Verlags, bevor er in die Eislebener Straße weiterzog. Die dort verlegte Literarische Welt hatte ihre Redaktion in der Passauer Straße 34.

Im September 1930 lebte Antonin Artaud in der Passauer Straße 10. Zu dieser Zeit lernte er Georg Wilhelm Pabst kennen und wirkte in den Wochen danach an dessen Film Die Dreigroschenoper mit.

In der Passauer Straße eröffneten Françoise Frenkel und Simon Raichenstein 1921 La Maison du Livre français, die erste französische Buchhandlung der Stadt.

[8] Margarete Zimmermann: Die erste französische Buchhandlung in Berlin: Françoise Frenkel, Rien où poser sa tête; in: http://literaryfield.org/review-frenkel/ 
Dieses Motiv erscheint mir jedoch nicht unbedingt plausibel. Da Simon Raichenstein in der großen Sammelaktion 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert worden war, ist es wohl unwahrscheinlich, daß sie zwischen 1942 und 1945 noch Informationen über ihn bekommen hat oder gar Kontakt zu ihm hatte. Françoise Frenkel konnte wohl daher davon ausgehen, daß ihr Mann den Nazis zum Opfer gefallen war. Ihr Buch erschien ferner nach Ende des Krieges, eine Erwähnung darin hätte Simon Raichenstein kaum schaden können. Abgesehen davon ist es für mich nicht überzeugend, daß das Faktum, daß Simon Raichenstein bis 1933 in Berlin als Buchhändler tätig war, die Tatsache, als Jude von den Nazis verfolgt zu werden, noch verschlimmern könnte.

Françoise Frenkel
Nichts, um sein Haupt zu betten
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Mit einem Vorwort von Patrick Modiano
Originalausgabe: Rien où poser sa tête, Genf, 1945
Neuausgabe: Paris, 2015
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 284 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Ich bin eine Hebräerin – Gottes Wille und nicht der Hebräer Willen;
ich liebe sein kleinstes Volk, die Hebräer, fast wie den Ewigen Selbst.
Ich liebe mein Volk, ärgere mich nicht an seinem Satz:
trinke ich doch des Hebäerlandes Traube
und ärgere ich mich nicht des geringen trüben Rests im Glase.
Doch der Andersgläubige, der den Satz meines Blutes verhöhnt,
genieße auch nicht mich und – mein Gedicht.
Aber er blicke auf seines eignen Blutes Boden!

hebraeer


Ich habe vor wenigen Tagen hier im Blog die von Brigitte Landes herausgegebene Sammlung einiger Briefe Else Lasker-Schülers an ihren Mann bzw. dann Ex-Mann Herwarth Walden aus dem Jahr 1912 vorgestellt, ein allerliebstes Insel-Büchlein [7]. Dies hat mich selbst dazu verführt, zum wiederholten Male mit dem kleinen dtv-Bändchen von ihr aus lange vergangenen Zeiten (Zeiten, in denen Celestino Piatti [6] noch die wunderschönen Umschlaggestaltungen verantwortete) zu liebäugeln.

Das Hebräerland hatte ich schon mehrfach in den Händen, sah auch Anmerkungen und Unterstreichungen früherer Leseansätze darin – nur fertig gelesen hatte ich es nie, wahrscheinlich erschien es mir immer zu abgehoben, zu esoterisch, zu wenig realitätsnah: Die Tatsachen sind manchmal geradezu grotesk falsch dargestellt, so daß niemand, der das Land nicht kennt, sein äußeres Bild aus diesem Buch erfahren wird – so steht in einer frühen Besprechung des Buches aus dem Erscheinungsjahr [2a]. Wahrscheinlich trifft genau dieser Sachverhalt meine Unfähigkeit, bislang Lasker-Schülers Prosadichtung lesen zu können. Nach dem erwähnten Insel-Büchlein jedoch war bei mir das Interesse an der Dichterin erneut geweckt, ein neuer Anlauf also, erfolgreicher… denn auch das steht in obiger Besprechung, und dafür bin ich mittlerweile und möglicherweise sensibler geworden:  In ihm tritt uns eine Wahrheit auf höherer Ebene, die innere Wahrheit des Landes entgegen.

Else Lasker-Schüler, noch 1932 für ihr Lebenswerk mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, sah sich ein Jahr später nach tätlichen Angriffen gezwungen, Deutschland zu verlassen, sie ging 1933 in die Schweiz, nach Zürich, einer Stadt, in der sie jedoch unwillkommen und diversen bürokratischen Beschränkungen unterworfen war. Vor dort aus unternahm sie 1934 eine erste Reise nach Palästina. Über Genua erreichte sie Alexandria in Ägypten, wo sie einen Zwischenaufenthalt macht, den sie auch im Buch beschreibt. In Palästina trifft sie Anfang April 1934 ein, sie bleibt dort bis Ende Mai, also nur wenige Wochen. Die Frage von Bekannten nach dem Grund, warum sie überhaupt zurückreist, beantwortet sie recht kryptisch: Ich reise nach Europa zurück, und zwar aus – geographischen Gründen; festzustellen, ob man von dem Bibelstern wieder zur Erde gelangen kann. Eine Auskunft, die im Grunde die Ausgangsfrage nur transformiert: Warum überhaupt sie wieder ‚zur Erde gelangen‘ will, wo sie doch im ‚Bibelstern‘ angekommen ist…. Noch zweimal sollte Else Lasker-Schüler nach Palästina reisen, 1937 und 1939. Der Kriegsausbruch und die Verweigerung des Rückreisevisums in die Schweiz zwangen sie, in Palästina zu bleiben. Sie starb dort 1945 nach einem Herzanfall, wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben [1].

Die Arbeit an dem vorliegenden Büchlein nahm Lasker-Schüler erst in der Schweiz auf, auch hierüber berichtet sie kurz: Jerusalem und sein Land taucht lächelnd auf aus meiner Erinnerung und belebt mich mächtig. Wie die Nachkur einer Kur. Meine beiden Begleiterinnen, die Dichtung und die Malerei, beginnen die wohltätige Folge der heiligen Stadt zu fühlen. Ausgeruht erschließt sich die Zeile meines Verses und blüht … Kunst ist Wein! Der will gären, sich filtrieren, je länger der kostbare Most im Herzen des träumenden schäumenden Künstlers ruht, desto unvergleichbar süßer der Dichtung Blume. Der Text beschränkt sich nicht ausschließlich auf Eindrücke aus Palästina, es sind an einigen Stellen ebenso frühe Erinnerungen an ihre Kindheit in den Text eingeflossen, an den Vater und die geliebte Mutter… ebenso an ihren verstorbenen Sohn Paul.


Ganz Palästina ist eine Offenbarung!
Palästina getreu zu schildern,
ist man nur imstande, indem man das Hebräerland dem zweiten – offenbart.
Man muß gerne vom Bibelland erzählen;
wir kennen es ja alle schon von der kleinen Schulbibel her.
Nicht wissenschaftlich, nicht ökonomisch;
Palästina ist das Land des Gottesbuchs, Jerusalem – Gottes verschleierte Braut.
Ich kam von der Wüste aus, reiste zur heiligen Hochzeit,
eingeladen zur Feier, die immer Jerusalem umgibt.
Immer ist Hochzeit unter dem Baldachin seines Himmels.
Gott hat Jerusalem lieb.
Er hat es in Sein Herz geschlossen.
Er hat diese ewige Stadt der Städte erwählt.

Das Hebräerland ist also kein Reisebericht einer Touristin, die ein fremdes Land bereist und darüber Rechenschaft abgelegt hat. Auf dieser Ebene kontrastiert es völlig mit anderen Büchern und Berichten aus dieser Zeit, ich denke dabei insbesondere für mich an die Erinnerungen eines italienischen Juden, Vittorio Segre [ich habe diese Erinnungen hier im Blog vor kurzem ebenfalls vorgestellt: vgl. 4], der zur gleichen Zeit wie Lasker-Schüler nach Palästina kam (dieser für immer) und einen gänzlich anderen Eindruck vom Land übermittelt.

Lasker-Schüler sieht Palästina, insbesondere Jerusalem, die Braut Christi, den Vorhimmel, als Jüdin, die heimgekehrt ist, sie sieht es schwärmerisch, poetisch, verklärend, vielleicht auch ein wenig naiv. Sie sieht es so, wie sie es sehen möchte, sie sieht es als Fromme mit dem Herzen, das hier zu ihrem Gott schlägt, das dessen Anwesenheit allüberall spürt. Sie erfährt das Land mit in einer Art Innenschau, sieht das was sie sehen will und sehen will sie ihren Traum. Palästina ist für sie der Ort, den die Bibel als Paradies bezeichnet [5], entsprechend überzeichnet und – für unser heutiges Empfinden – überfrachtet sie das, was sie sieht.

Gottes Herz ist Jerusalem.

Insbesondere gilt dies für ihre Eindrücke von Jerusalem (das damalige dürfte nicht mit dem heutigen vergleichbar sein….), dieser Stadt, die für sie ein Bindeglied ist zwischen Himmel und Erde, nur im Äußeren auf letzterer beheimatet, im Inneren aber schon im göttlichen Reich [5]. So schildert sie ihre Gänge durch die Gassen der Stadt, die Begegnungen, die sie hat, die Eindrücke, die auf sie einwirken. Voller Demut ist ihr alles ‚lieb‘ in diesem Land, einerlei, ob es die ‚lieben jüdischen Pflanzer‘ sind, die sie sieht oder die ‚lieben, blinden, jüdischen Musikanten‘, die sie zum Hochzeitstanze aufspielen hört. Für Lasker-Schüler ist der Araber kein Fremder, für sie ist es der semitische Bruder, der mit dem jüdischen in Frieden lebt und auskommt: Die Artigkeit beider Semitenvölker tut einem gut. Wo ich aus weile unter ihnen, auf den Straßen, Plätzen, auf den Pfaden, aber auch in den Shops, Bars und Wirtschaften, begegnet man Güte…..

Nur an ganz vereinzelten Stellen schieben sich Töne in den Vordergrund, die realitätsnäher scheinen. So beschreibt sie in einer Passage [S. 89]: Aber die jungen Judenbauern … setzen sich immer von Neuem in ihren Pflanzungen großen Gefahren aus. Um unerschrocken, wahrhaft heldenmütig, die sie nächtlich überfallenden Bergvölker, im Grunde arglosen, doch aufgestachelten Arabern, für das geheiligte Werk ihrer Emeksiedlungen [Emek: Jesreel-Ebene in Palästina] zu gewinnen, mit ihnen in Freundschaft zu leben. …. Mag das Zitat auch ein Beispiel sein für den verspielten Schreibstil der Autorin, der ein aufmerksames Lesen erfordert. Und für ihre teils maßlos anmutende Idealisierung des Juden sowie für ihr Bemühen, den semitischen Stiefbruder (i.e. den Araber) gleich wieder in Schutz zu nehmen und von Schuld freizusprechen.

Noch ist Lasker-Schüler als ‚Touristin‘ im Land, lebt sie im Hotel, wird oft eingeladen und hofiert. Das Jahr, das zwischen Erleben und Niederschreiben vergangen ist, mag zusätzlich zur Verklärung beigetragen haben. Wie Brigitte Landes [7] andeutet, barg das Leben in Palästina für Else Lasker-Schüler später Enttäuschungen, ist ist plausibel, daß der Zusammenprall des wirklichen Lebens als Bewohnerin des Landes mit dem Traum letzteren zerschellen ließ…


Lasker-Schüler ist keine Unbekannte im Land, man weiß von ihren Gedichten, hört sie gerne, sie wird gelobt dafür und eingeladen, vorzulesen und vorzutragen. Auch trifft sie viele Bekannte im Land, darunter auch viele Flüchtlinge und Emigranten: Maler, Schriftsteller, andere Künstler. Der Aderlaß aus dem faschistischen Europa hat längt begonnen und Palästina erreicht….. Auch Uri-Zwi Greenberg begegnet sie, dem alten Freud aus längst vergangenen Berlintagen, von denen Rozier in seinem Buch berichtet [3], mich freuen solche Querverbindungen aus Büchern, die als Buch, gleichwohl nicht als Thema, weit von einander entfernt sind.

So wechseln in dem Büchlein Passagen spirituellen Inhalts mit Beschreibungen von Orten, Menschen und Ereignissen, die Erinnerungen an ihr vergangenes Leben in Deutschland haben ihren Platz und vor allem auch die Erinnerung an ihre Kindheit, an den Vater und die geliebte Mutter. Ihr eigener Sohn Paul, der 1927 im Alter von nur 28 Jahren gestorben war, hat ebenso seinen Platz in den Rückblicken.

Mag man Else Lasker-Schüler vorwiegend als Prinz Jussuf in Erinnerung haben, als schillerndes Mitglied der Berliner Boheme der Zwanziger rund um´s Café des Westens und später das Romanische Café, als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen, so offenbart sich in Das Hebräerland die vom Schicksal geschlagene, fromme und suchende Jüdin, eine träumende Jüdin.

Else-Lasker Schüler, eins von so vielen, vielen Tausenden jüdischen Schicksalen aus dunkelster Zeit. Ein Opfer, das nicht direkt ermordet wurde, aber wohl indirekt an seinem Schicksal litt und starb. Erinnern wir uns an sie und ihren Traum.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie von Else Lasker-Schüler: https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Lasker-Schüler; aber auch hier: http://www.kj-skrodzki.de/inhalt.htm
[2] a: Palästina (Wien). Jg. 20, Nr. 7 vom Juli 1937. S. 386; http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_041.htm
[3] Rozie: Der Palast der Erinnerung; Buchvorstellung hier im Blog
[4] Vittorio Segre: Ein Glücksrabe; Buchvorstellung hier im Blog
[5] in apokryphen Schriften zum Alten Testament steht geschrieben, daß die Stadt Jerusalem an dem Ort steht, an dem G`tt Adam erschaffen hat. Da passt es gut, daß Lasker-Schüler in Palästina das Paradies wiedererkennt.
[6] Wiki-Beitrag zum Piatti: https://de.wikipedia.org/wiki/Celestino_Piatti
[7] Brigitte Landes (Hrsg und Nachwort): Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus; Besprechung hier im Blog

Lesenswert auch diese Buchvorstellung im Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 37, Nr. 19 vom 7. Mai 1937. S. 3 f.; in http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_050.htm 

Else Lasker-Schüler
Das Hebräerland
Erstausgabe: Mit 9 Zeichnungen, Verlag Dr. Oprecht und Helbling A.-G., Zürich 1937
diese Ausgabe: dtv, ca. 190 S., 1981

 

blue

Man kann dieses Buch, diesen Roman, von Solomonica de Winter nicht besprechen, ohne auf das eine oder andere Detail einzugehen. So ist zum Beispiel der Name ‚de Winter‘ nicht dem Zufall geschuldet, sondern dem Vater, Leon de Winter, der bekanntlich zudem mit einer gewissen Jessica Durlacher verheiratet ist. Mithin, um in den deutschen Sprachwortschatz zu greifen, ist mit Solomonica, der Tochter, die Äpfelin nicht weit vom Stamm gefallen. Zur Zeit der Erstausgabe 2014 – welch ein Zufall, der Diogenes-Verlag, Hausverlag der Eltern, hatte sich die Rechte für diesen auf Englisch geschriebenen Roman gesichert und ihn auf Deutsch erstpubliziert – war die 1997 geborene Verfasserin bemerkenswerte erst siebzehn Jahre jung.

Die Kritik bzw. die meisten Kritiker überschlägt bzw. überschlagen sich fast vor Begeisterung. Da ist davon die Rede, dies sein eins jener Bücher, die einen umhauen. Vor denen man noch Jahre später sagen wird: Diesen Roman müssen sie unbedingt lesen. Da wird konstatiert, Solomonica de Winter hämmere Sätze heraus .. wie Charles Bukowski und das ganze sei unglaublich cool, abgeklärt und stilsicher [1]. WOW!


Hören Sie sich die Geschichte an
von einem dreizehnjährigen Mädchen,
das einen Mann tötet.
Und eine Frau. 

Blue, die Protagonistin, war ursprünglich ein normales, aufgewecktes junges Mädchen. Ihre Eltern waren glücklich miteinander, betrieben mit viel Engagement ein Restaurant. Leider reichte Engagement alleine nicht, trotz der vielen Arbeit kam die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, der Vater Oliver musste Kredite aufnehmen, die er nicht zurückzahlen konnte. Man kennt das: der Finanzhaifisch, den man angepumpt hatte, der hat Zähne und die fletscht er bald. Um ihn zufrieden zu stellen, heckte der Vater einen idiotischen Plan aus: er wollte das Geld durch einen Überfall besorgen. Das ging gründlich schief, er wurde bei der Aktion erschossen und die Tochter Blue verkraftete diesen Verlust, den Tod des Vaters nicht. Sie verstummte (im wörtlichen Sinne) und driftete immer stärker in eine Phantasiewelt ab, die durch das Märchen vom Zauberer von Oz [2] gestaltet wurde: Während ihre Kindheit durch den Mord an ihrem Vater und die sich entwickelnde Drogensucht ihrer Mutter Daisy brutal zerstört worden war, wurde Oz ihr Sehnsuchtsland, Dorothy ihr sehnsuchtsvolles Alter Ego. Das Buch mit dem Märchen, das sie damals vom Vater bekam, wurde nicht nur ihr stetiger Begleiter, es wurde zu ihren Fetisch, ihrem einzigen Halt in dieser Welt.

In Blue wuchs ein Plan heran, langsam, aber sicher nahm er Besitz von ihr. Es war der Plan, den Schuldigen an allem, den Schuldigen am Tod des Vaters zu töten. Er heißt James, ist ein typischer Gangster, hat das Restaurant der Eltern übernommen. Sie, Blue, benannt nach dem Dunkelblau in den aufziehenden grauen Wolken vor reinem Gewitter, kundschaftete ihn aus, wußte bald über seine Gewohnheiten Bescheid.

Blues Leben, ein Leben voller Probleme. Steter Krach mit der Mutter, in der Schule die gehänselte Aussenseiterin, die nie sprach und keinen Kontakt hatte, ihr einziger Halt war das Buch Der Zauberer von Oz, das sie von ihrem Vater hatte. Und Charlie, der langsam in ihre Geisteswelt diffundierte, ein Junge der hinter der Kasse eines Minimarktes saß und sie anscheinend so akzeptierte, wie sie war: stumm, verschüchtert, Dorothy-affin. Bei und mit Charlie sah sie den Film vom Zauberer… wundert es, daß sie sich in diesen Jungen verliebte?


Von dem allen (und wie die Handlung weiter geht) erfahren wir durch ein Buch im Buch, Aufzeichnungen nämlich, die Blue für einen Psychologen, der sie mit dem Ziel begutachtet, eine Behandlungsempfehlung zu erstellen, angefertigt hat. Wir erinnern uns: Blue spricht nicht (genauer gesagt: Charlie gegenüber hat sie mit viel Mühe nach Jahren des Schweigens wenige Worte herausquetschen können….), ihr Kommunikationsmittel mit ihrer Umwelt sind Zettel, auf den sie ihr Anliegen, ihre Worte schreibt.

So entblättert sich vor uns Lesern langsam und im wesentlichen chronologisch mit einzelnen Rückblenden das Leben dieses kranken Mädchens, immer wieder auch unterbrochen durch ihre direkten ‚Ansprachen‘ an den Psychologen, für den sie ihre Geschichte aufschreibt. Es ist ein Blick in eine Psycho, die in einer engen Endlosschleife bzw -spirale gefangen ist, der Gedanke, den Vater zu rächen, wird immer obsessiver und nimmt das junge Mädchen immer mehr gefangen, derweil das ‚richtige‘ Leben immer weiter auf einen Abgrund zusteuert: die Probleme in der Schule, der Konflikt mit der koksenden Mutter. Die Welt, Blues Welt, ist schlecht und böse. Den einzigen Halt stellt ausgerechnet die Fantasie dar, Dorothy zu werden, in ein Land Oz zu kommen….

Ich habe vorstehen erwähnt, wie positiv die Reaktion der Kritik auf diesen Roman war bzw. ist. Diese Begeisterung läßt sich auch in vielen Blogs, in denen das Buch vorgestellt wird, finden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür (pars pro toto) möchte ich ziteren, es stammt aus dem Blog booknerds.de [3]: Heftig ist, mit welcher Wortgewalt und Ausdruckskraft die Autorin dieses Werk verfasst hat. Dieses Werk, an dem kein Nanogramm verbales Fett hängt. In welchem repetitive Elemente bewusst eingesetzt wurden und dadurch mit einer beklemmenden Eindringlichkeit auf den Leser wirken. „Die Geschichte von Blue“ liest sich oftmals wie die Arbeit eines jahrzehntelang erfahrenen Schriftstellers – imaginär-visuell derart wirkungsvoll….

Die hier vom Bloggerkollegen angemerkten ‚repetetiven Elemente‘: ich habe sie auch bemerkt, sicherlich, im wesentlichen beim Lesen jedoch leider als langatmig bis langweilig empfunden, keineswegs als eindringlich. Sie mögen der dargestellten psychischen Situation des jungen Mädchens entsprechen, diese sozusagen 1:1 – Darstellung durch die Autorin, in der die sich wiederholenden Gedankenschleifen also genauso wiederholt beschrieben werden,  hat mich jedoch nicht überzeugt. Die Kunst wäre gewesen, diese Situation der Mädchens kürzer und vom konkreten Geschehen abstrahierter zu schildern. Erst im letzten Drittel des Romans gelingt es de Winter, den Spannungsbogen ihrer Geschichte besser in Szene zu setzen, sie wartet dort auch mit einer überraschenden Volte auf und löst deren Handlung mit einer (im Laufe des Lesens irgendwo schon aufgekeimten und vermuteten) Wendung auf. Und falls jemand durch den Vergleich mit dem ‚Dirty Old Man‘ Bukowski neugierig geworden ist: hin und wieder das f-Wort in den Text einzustreuen, reicht bei weitem nicht aus, um Henry Chinasky zu toppen.

Für mich, um mein Leseerlebnis zusammen zu fassen, war Blues Geschichte also etwas langatmig, die allgemein vorherrschende Begeisterung teile ich nicht. Ungeachtet dessen ist der Roman angesichts der Jugend seiner Autorin schon bemerkens- und auch lesenswert, er läßt in jedem Fall gespannt sein, was wir von Solomonica de Winter noch zu erwarten haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Der hinteren Einbandseite entnommen. In der Reihenfolge: Christine Westermann, wdr/ Bettina Klee, Gala / Melina Savvidon, FAZ
[2] Wiki-Artikel zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_von_Oz und zum Film (1939), der im Roman auch seine Rolle spielt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_von_Oz_(1939)
[3] Chris Popp: Solomonica de Winter – Die Geschichte von Blue (Buch); in:  http://wp.me/p37jsc-43v

Solomonica de Winter
Die Geschichte von Blue
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 288 S., 2014

 

teufelsinsel

Der Autor dieses Romans, Einar Kárason, gehört zu den wichtigen Gegenwartsliteraten Islands. Geboren wurde er 1955 in Reykjavik, er studierte Literaturwissenschaft und veröffentlichte früh Gedichte. Seine Durchbruch als Romanautor hatte er mit diesem 1983 erschienen Buch Die Teufelsinsel, dem zwei weitere Teile (Die Goldinsel, 1986 und Das Gelobte Land, 1989) folgten, die zusammen die Barackentrilogie bilden.

Kárason führt uns mit seiner Geschichte in eine Aussenseitergruppe der isländischen Gesellschaft, der Name Barackentrilogie läßt es schon vermuten. Wir kommen ins proletarische, möglicherweise kann man auch schon sagen, asoziale Milieu der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Es ist ein Randbereich der Stadt, der eng mit der Anwesenheit der Amerikaner auf Island verbunden ist, hier lebt die Familie um Karolina und Tommi, die im Mittelpunkt der Handlung steht.

Amerikaner (und Briten) hatten im 2. Weltkrieg Island besetzt, die Amis nutzten die Insel nach dem NATO-Beitritt der Isländer weiterhin militärisch. In den von ihnen gebauten halbtonnenförmigen Baracken hausen unsere Protagonisten am Rand der Stadt, Baracken, die unter dem Schnee des Winters sogar den alten isländischen Torfhäusern zu ähneln scheinen. Und doch: es waren nur Halbkreise aus Holz, umspannt von Wellblech, Holzplanken auf gletscherglatt geschliffenem isländischem Boden isolierten nach unten, der Rauch des Kohleofens zog durch ein Rohr durchs Dach. Man kann sich vorstellen, wie heimelig das Leben in diesen Baracken sein konnte…

Doch wann beginnt nun die Geschichte der Familie? Vielleicht mit Karolina selbst, denn sie war die Älteste. … Nein, näher läge es, die Geschichte damit beginnen zu lassen, wie Lina Tomas heiratete, der ebenfalls allein der Welt stand, ….

Karolina und Tomas, Tommi, stehen im Mittelpunkt der Familiensaga, ein Stammbaum, den Kárason beigefügt hat, erleichtert das Verständnis des Buches sehr (die Straßen- und Häuserskizze des Barackenvierteles, die ebenfalls abgebildet ist, ist dagegen leider recht schlecht lesbar, was den Gebrauchswert etwas mindert). Das Schicksal Karolinas war damals, noch vor der Zeit dieser Erzählung, nicht einfach, sie war eine von drei Schwestern, und sie war nun weiß Gott beinhart – nie sah jemand sie lächeln -, laut und nörglerisch, und darüber hinaus galt sie als verdammt kundig in schwarzer Magie. Es grenzte an Zauberei und Wunderwerk, wie sie es schaffte am Leben zu bleiben, nur mit ihrem Kind und völlig alleinstehend, nachdem sie ihre nächsten Verwandten verloren hatte…. Gogo hieß es, dieses einzige Kind, das sie, die so viele Kinder aufzog, selbst in die Welt gesetzt hatte, Gogo, das Fundament der gesamten Großfamilie. Die Großmacht. Gogo war fruchtbar und fiel man auch der Ächtung anheim, wenn man sich mit Ausländern einließ, so brachte sie doch insgesamt acht Kinder auf die Welt, die bei weitem nicht alle denselben Vater hatte und bei Gott: nicht alle Väter kamen aus Island. Aber wichtig für die Geschichte sollten nur drei dieser Kinder sein: Baddi, Danni und die Schwester Dolli, die anderen fünf sind nur vermerkt. Letztlich heiratet Gogo sogar einen Amerikaner namens Charlie Brown und mit dieser Heirat wendet sich für die Familie alles zum Besseren: sie können sich ein Haus bauen und aus der Baracke ausziehen und Gogo versorgt sie mit allem möglichen Hausrat. Später dann sollte Gogo mit ihrem Charlie nach Amerika gehen und für eine Zeit besuchen sie dort auch die Söhne Baddi und Danni, die recht verschieden sind. Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, daß nicht jeder Einfluss – und ja, the American Way of Life war attraktiv, besonders für die Jugend – der Amerikaner wirklich begrüßenswert war und später dann die Lebensqualität im Viertel heben konnte.

Verdiente sich Lina also mit Wahrsagerei ein paar Kröten, so stieg Tommi, der seinerzeit zur See gefahren war, vom fliegenden Händler zum Ladenbesitzer auf. Er war in dieser Familie der ruhende Pol und wurde dies auch im Lauf der Zeit für das ganze Barackenviertel, trat nur selten in den Vordergrund, wirkte mäßigend und beruhigend, versuchte Unheil abzuwenden oder zumindest abzumildern. Und dazu hatte er reichlich Gelegenheit im Lauf der Jahre.

Aus dieser Grundkonstellation heraus entwickelt Kárason eine Familiengeschichte oder im größeren Rahmen gesehen eine Milieugeschichte, die geprägt ist von Armut, von Alkohol und Schlägereien, von Kleinkriminalität und Brutalität. Der Autor schildert ein Milieu, das seine eigenen Gesetze hat und nach diesen funktioniert – oder auch nicht, wenn sich beispielsweise ein Zwölfjähriger mit Frostschutzmittel besäuft und sich irgendwann selbst die Kehle durchschneidet. So waren Alkoholexzesse und Schlägereien an der Tagesordnung, die Kinder wurden in diesem Klima groß (von erziehen kann man kaum reden) und verinnerlichten die immanenten Mechanismen ihrer Gesellschaft.

Es gibt in den Jahren nach dem Krieg (die Handlung dieses Bandes der Trilogie endet in etwa zu der Zeit, in der Elvis nach Deutschland kommt, um dort seinen Militärdienst abzuleisten, also 1958) für das Viertel ein herausragendes Ereignis: Tommi gelang es, die anderen Männer davon zu überzeugen, daß der Jugend etwas geboten werden müsse, um ihr eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu geben. Freizeit – für die Männer, die sofort in nostalgische Erinnerungen über die eigene Jugend versanken, war dies ein Fremdwort, sie selbst hatte natürlich von Kindesbeinen an gearbeitet, aber heutzutage.. . jedenfalls wurde ein Fußballverein gegründet und es wurde mit viel Enthusiasmus und auf Teufel hinaus improvisiert. Beispielsweise gab es keine Schiedsrichterpfeife und Tommi, der als Trainer und Schiedsrichter fungierte, nahm eine Trompete für seine Arbeit… der Verein, der FC Kauris, war jedoch eine zeitlang ein großer Erfolg. Die Jungen, die zuvor als gefürchtete Schlägerbanden durch die Gegend zogen, bildeten ein Team und waren so erfolgreich, daß sie sogar zu Spielen ins Ausland fuhren. Doch als Baddi und Gjorni und andere der Helden keine Lust mehr hatten und aufhörten, ins Training zu kommen und zu spielen, brach das Team zusammen…

Dies also die Ausnahme. Allenfalls könnte man wohl den Weltrekord im Kugelstoßen, den Hreggvid erzielte, noch erwähnen, aber da dies letztlich eine peinliches Ende hatte, lassen wir es lieber…


Kárason schildert in seinem Roman den eher lausigen Alltag im Barackenviertel und konzentriert sich mehr auf Personen und deren Schicksale. Beispielsweise auf Fia und Toti, die als einzige im Viertel viel Geld haben, aber dadurch nicht glücklich geworden sind, haben sie doch große Angst davor, das Geld zu verschwenden und vor allem für Fia ist ‚verschwenden‘ gleichbedeutend mit ‚ausgeben’…. oder Halldor, der unglückliche Schreiner, der zwischen zwei Frauen gerät, der seine eigene verläßt und von der anderen selbst verlassen wird und der danach ein trauriges, einsames Leben führen muss…. die Katzennärrin Seaunn mit ihrem Sohn Bard, die dem Wahn nah ist seit dem Tod des Mannes und die im Feuer ein Ende findet…. Hyln, der Automechaniker, der sich so stolz gab auf seine beiden Söhne Otto und Olaf, die sich bei näheren Hinsehen jedoch als ebensolche Verlierer erwiesen wie viele der anderen.

Lina, die Mutter, wird nicht müde, ihren Baddi zu lieben und zu verteidigen, selbst und gerade als er nach seiner Rückkehr aus Amerika mehr als einmal mit seinen Kumpels im brutalst möglichen Rausch die Einrichtung der Wohnung zerschlägt… ist er mal wieder verhaftet worden, lotst sie ihn mir ihren Beziehungen (schließlich ist sie eine bekannte Wahrsagerin) wieder heraus und betüdelt den verlorenen Sohn, dessen Dankbarkeit ihr gegenüber sich allerdings in überschaubaren Grenzen hält.

Man kann das alles ‚verteufelt human‘ nennen, man kann die Menschen dort ‚echte Helden‘ nennen, man kann auch davon reden, sie seien ‚hemmungslos menschlich‘ und es herrsche ‚eine seltsame Aufbruchstimmung‘ – man kann natürlich auch über den Klappentext des Taschenbuches den Kopf schütteln, denn was Kárason schildert, ist einfach nur deprimierend und desillusionierend. Er schildert ein Milieu mit eigenen Gesetzen, aber ohne Zukunft, es ist eine Gesellschaft, in der die üblichen Werte keine Rolle spielen, Bildung oder Ausbildung sind Fremdworte: sie tauchen im Roman einfach nicht auf. Das kann man – wie vorstehend zitiert – aus der gut geheizten Stube und einer gesicherten Existenz heraus romantisieren, es sollte allerdings nicht vergessen werden, daß ein Milieu, in dem einzig das Recht des Stärkeren gilt, in einer Gesellschaft, die sich entwickeln will, bald abgehängt werden wird. Ich bin daher sehr gespannt, wie Kárason die weitere Entwicklung ’seines‘ Viertels in den nachfolgenden Teilen der Trilogie schildert.

Für das Buch selbst jedoch muss ich resümieren: Kárason ist mit Die Teufelsinsel ein absolutes Highlight gelungen. Ein toller Roman voller Tempo, voller Liebe zu seinen Figuren, mit Passagen, die wie im Rausch geschrieben scheinen, spannend, unterhaltsam und bei aller Düsternis: Vitalität kann man weder dem Roman noch den Figuren absprechen. In diesem Punkt hat der Kritiker recht!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Einar Kárason: https://de.wikipedia.org/wiki/Einar_Kárason

Einar Kárason
Die Teufelsinsel
(Barackentrilogie Bd. 1)
Übersetzt aus dem Isländischen von Marita Bergsson
Originalausgabe: Par sem djöflaeyan rís, Reykjavik, 1983
diese Ausgabe: btb, Tb, ca. 240 S. 2011

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