Bei allem,
was mir wichtig ist und mein Leben ausmacht,
fürchte ich,
dass es mir wieder abhanden kommen könnte.
Das gilt vor allem für Menschen. [2]

hartwell cover


Ihre 2013 in einem Beitrag im ZEIT-Magazin gemachte Aussage, die ich diesem Beitrag voranstelle, setzt die junge Autorin Katharina Hartwell, die mit ihrem Erstling Das fremde Meer großen Erfolg hatte, in ihrem neuen Buch Der Dieb in der Nacht romanhaft um.

Sie führt uns nach Berlin: Die Familie Heller besteht aus dem Vater Simon, der kaum in Erscheinung tritt und so ganz anders ist als fast alle anderen, dann sind da Agnes, die Mutter, Professorin für Skandinavistik, intelligent, belesen, elegant, sowie die zwei Kinder Louise und Felix. Und Paul, der aus einer Familie stammt, in der er nicht glücklich ist, die aber im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle mehr spielen wird, da er, Paul, sozusagen bei der Familie Heller groß wird.

Eine Freundschaft liegt dem zugrunde, die zu Felix. Sie ist langsam gewachsen zwischen den beiden Schülern, aber sie ist intensiv, sie lebt nicht nur an der Oberfläche äußerlicher Beziehungen, sondern bildet ein festes Band zwischen den beiden Jungen. Felix ist es, der sich um Paul kümmert, ihn umsorgt und bemitleidet. Und Paul ist der, der deswegen vom Rad stürzt, der stolpert, sich stößt…..Die dritte im Bunde ist Louise, die lauter ist als die Felix und Paul, poltriger. Es ist keine böse Absicht von ihr, sie ist einfach so und so wird sie auch bleiben…

Wir machen jetzt einen Sprung in der Zeit……

Es ist Hochsommer, der heißeste Tag des Jahres wird angekündigt und es ist heiß, eine Hitzeglocke liegt glastend über dem Land. Agnes, die schon lange von Simon getrennt lebt, ist mit den dreien nach Dornheim gefahren in das kleine Häuschen dort mit Garten und am See gelegen. Die beiden Jungs haben ihr Abitur in der Tasche, Felix wird Berlin verlassen, nach Frankfurt gehen, für Paul ist dies grotesk lächerlich, grausam unnötig und willkürlich, er fühlt sich verraten… Träge verläuft der Tag, zu heiß zum Lesen, man döst, trinkt und knabbert Chips… als Felix Durst hat, ist nichts mehr da und er macht sich auf, an der nahen Tankstelle Nachschub zu holen. Sie sehen ihn gehen, er war bei der Tankstelle, die Befragung des Tankwarts hat dies bestätigt, aber er kam nicht zurück in das Haus, zu seiner Familie, zu Paul. Felix verschwindet an diesem Tag, ohne Nachricht, ohne Spur….

Zehn Jahre später…. die kontrollierte Agnes hat den Verlust ihres Sohnes akzeptiert, Louise und Paul dagegen sind auf ihrem Lebensweg ins Schlingern geraten, er ist nicht so verlaufen, wie er verlaufen wäre, wenn… Paul ist in Prag, soll dort für einen Mann, der ein Projekt mit/über Kafka plant, Bilder machen, von Orten und Plätzen, die mit Kafka verknüpft sind. An einem der letzten Abende sieht er in einem schummerigen Kellerlokal einen Mann, der ihn – obwohl alle Ähnlichkeit fehlt – an Felix erinnert. Das Muttermal am Handgelenk macht ihn sicher, für ihn ist es Felix.

Ist es Felix?

Der Mann nennt sich Ira Blixen, ist Künstler und vor ungefähr einem Jahrzehnt aus der Moldau gezogen worden, ohne Erinnerung an das Leben, das er bisher gelebt hatte. Es würde passen, ist eine Erklärung, die dem Geschehenen entspräche… Blixen will nichts davon hören, hat sich in seinem Leben, das vor zehn Jahren begann, eingerichtet, ein anderes Leben, das ihm auf einmal eröffnet würde, würde ihm diese Sicherheit rauben….

Paul fährt zurück nach Berlin, der Auftrag ist erledigt. Mit hohem Fieber muss er sich ins Bett legen, er ist krank – und da steht Blixen vor der Tür, Blixen, der für ihn Felix ist, der jetzt, wo er krank ist, wieder kommt, sich kümmert…

Blixen bleibt bei Paul, der ihn bei sich aufnimmt und Louise darüber informiert. Louise kommt, sieht Blixen und ist aufgebracht, Blixen hat für sie keinerlei Ähnlichkeit mit Felix, sie ohrfeigt Paul und verschwindet wütend. Doch irgendwie gelingt es Blixen, sie ein paar Tage später zu treffen. Er spricht sie an und obwohl Louise dies nicht will, entwickelt sich so etwas wie eine Gespräch. Und Blixen weiß, welche Bilder vor Jahren in dem Medaillon, das sie um den Hals trägt, waren…

Auch Louise zieht jetzt zu Paul in die Wohnung, sie hat sich wegen Blixen mit ihren Mitbewohnern zerstritten und zieht aus der WG aus. Damit ist äußerlich/formal die Konstellation früher Kinder- und Jugendtage wieder hergestellt: Paul-Felix/Blixen-Louise. Zwischen diesen drei Figuren entwickelt Hartwell nun ein immer düsterer werdendes psychologisches Spannungsfeld. Paul und Louise, die überzeugt sind, daß Blixen Felix ist, geraten immer stärker in den Bann dieses immer mysteriöser werdenden Mannes. So wie Insekten, egal, wie sie sich zu befreien versuchen, bei bestimmten fleischfressenden Pflanzen immer tiefer in das Innere, zu den Verdauungssäften hin geleitet werden, so gewinnt Blixen immer mehr Einfluss auf sie und zieht sie immer stärker in seinen Bann.

Dabei wird er selbst immer undurchsichtiger. Schon seine Art, zu sein, sich zu bewegen, unvermittelt in Räumen aufzutauchen, ohne daß man gesehen, wie und woher er erschienen ist, sein Äußeres, die bleiche, glatte Haut, die Nagetierzähnchen…. der Wein, den er seines Mitbewohner jeden Abend einschenkt, ist dunkel wie Blut und bitter und macht sie trunken.. kleine Lügen fallen auf, kleine Diebstähle ebenso … ohne daß Blixen im mindesten irritiert ist, wenn er daraufhin angesprochen wird…. andererseits weiß er immer wieder Dinge, die er “eigentlich” nur wissen kann, wenn…..

Es läuft was falsch, im Verlauf der nächsten Wochen merken Paul und Louise dies, sie haben aber nicht die Kraft, dagegen anzugehen, so holt Paul Agnes, die in Frankfurt ist, zu Hilfe. Doch auch wenn diese Blixen gegenüber ablehnend ist und schroff regiert, gelingt es ihm auf seine nicht beschreibbare Art, sie zu einem Gespräch über seinen Vater zu bewegen… im Gegenzug läßt sich Agnes versprechen, daß Blixen eine wahre Aussage über sich selbst macht, in einer Sache die Wahrheit sagen wird….

Unter einem Vorwand fahren Paul und Louise mit Blixen nach Dornheim. Der Kreis schließt sich, dort wo Felix zehn Jahre zuvor verschwand, tauchen die beiden mit Blixen wieder auf. Hier kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Paul und Louise einerseits und Blixen. Beide sind mittlerweile entschlossen, diesen notfalls mit Gewalt los zu werden. Sie fesseln Blixen, der davon aber unbeeindruckt ist. Es kommt zu einen letzten Disput zwischen ihnen, in denen Paul und Louise Wahrheiten hören, vor denen sie bis jetzt immer die Augen verschlossen hatten. Kurz verlassen sie den Raum, als sie zurückkehren hat Blixen die Fesseln gelöst, er geht ohne ein Wort nach draußen und verschwindet in der winterlichen Landschaft.

Schweigend sehen sie zu, wie Blixens dunkle Gestalt sich in sich selbst zusammenzieht, bis fast nichts mehr da ist, bloß ein Riss, der noch einige Sekunden in der dichten Textur der weißen Weite vor ihnen klafft, bevor er sich endgültig schließt.

Etwas Entsetzliches war durch sie hindurch und weiter gezogen. Es hatte entschieden, sie aufzugeben, sie in der Welt zurückzulassen.

Aber vielleicht gibt es Blixen garnicht?


Vielleicht ist Blixen nur die Manifestation eines Wunsches, aus zehnjähriger Traurigkeit, Verlust, Alleinheit und Fehlen eines “Objekts” der Liebe geschaffen, eine Manifestation, die nur in der Vorstellungswelt Pauls existiert. Mag sein, er hat  in Prag wirklich jemanden gesehen, der diesen letzten Schritt aus einem Unterbewussten ins Bewusste triggerte, eine Mann mit Muttermal an der “richtigen” Stelle möglicherweise… hat er sich dann vielleicht vorgestellt, sich hineingesteigert in die Fantasie, wie es wäre, diesen Mann zu besuchen, dann festzustellen, ob/daß es Felix sein könnte…

Vielleicht sind es nur Rationalisierungen von ihm, sich in Blixen einen Mann ohne Gedächtnis zu denken: welche Erklärung sonst, ausser dem Tod, hätte es für die zehn Jahre Stille geben können? Vielleicht ist es ein stiller Kampf in seinem Unterbewussten zwischen dem Wunsch, Felix wieder zu finden und der Angst, daß eben dieses nie passieren wird, daß Blixen so viel oder so wenig Ähnlichkeit mit Felix hat…. mag sein, Paul will die DNA-Untersuchung gar nicht, ist froh über Blixens Weigerung und insistiert deshalb nicht weiter, würde sie doch vielleicht? möglicherweise? wahrscheinlich ? seinen Traum zerstören…. vielleicht ist alles nur ausgedacht, ein konjunktives Leben in der Vorstellung eines “wie es sein könnte, wenn…” gelebt…, das Wollen, das Paul innehat, könnte so stark sein, daß er sich in diese Wunschvorstellung maßlos hineinsteigerte…

… vielleicht ist Paul nach der Rückkehr aus Prag auch nur krank geworden, um so wie früher von Felix versorgt zu werden, Blixen/Felix derart auf irgendeine magische Weise wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Hut holt, herbeizulocken – und es ist ihm gelungen: er sieht, was er sehen will, das Wollen ist so unbedingt, daß für ihn Blixen Realität ist….

… so wie sich auch die möglichen Reaktionen von Louise und Agnes vorstellt, ihre Zweifel, die mögliche Überzeugung…. aber pro und contra kämpfen in ihm und letztlich gesundet er, er vertreibt Blixen und der Riss, der noch einige Sekunden … klafft, der Riss, der auch durch seine Psyche gingverschließt sich wieder. Paul kann jetzt akzeptieren, nach zehn Jahren, daß Felix nie mehr auftauchen wird.

Vielleicht ist Blixen auch nur so eine Figur aus einem Märchen, wie es Agnes erzählt, die sich in Märchen auskennt.. ein Schatten [3] möglicherweise von irgendetwas Großem, der jetzt auf Paul und Louise fällt und sie verdunkelt…

Zu dieser Interpretation würde die Beschreibung von Blixen, wie sie die Autorin gibt, passen. Wir wissen praktisch nichts über ihn, auch ein Versuch Louises, Blixen zu ergoogeln, endet ohne Ergebnis. Hartwell läßt ihn sich aber entwickeln, im Lesen hat man immer mehr das Gefühl, er werde zu einer Art Reptil, dessen Zunge sich vortastet bis in jeden Winkel von Pauls Mund, bis in Pauls Herz, seine Lungen, seinen Unterleib. Und dann, gerade als Paul denkt, der Kuss werde andauern, … schnellt Blixen zurück, so unvermittelt, dass Paul ins Taumeln gerät. Blixen ist im Winter zu leicht angezogen, doch er friert nicht. Seine Hände sind kühl, seine Haut glatt und bleich, sein Minenspiel verrät nichts, sein Blick fixiert oder ist leer, nichts bringt ihn aus der Ruhe. Blixen geht nicht, er scheint zu schweben, er erscheint, ohne daß man weiß wie, es ist eher eine Art Materialisation denn ein Kommen und Gehen, Blixen wird im Lauf der Zeit immer mehr zu einem seine Tentakel auswerfenden Dämon, einem Phantom, der Paul und auch Louise unter seinen Einfluss bringt, man denkt an eine dunkle Vampirgestalt, die ihre Arme um die beiden ausbreitet und den Mantel um sie legt und die Arme schließt und die beiden in seine Welt hineinzieht, um sie endgültig auszusaugen.


Aus einem Beziehungsdreieck wird eine der Personen herausgerissen – oder löst sie sich in einem Akt der Selbstbestimmung selbst heraus? Es wird nicht klar, in diesem Sinne bleibt der Roman von Hartwell offen, vielleicht hat Blixen in ja recht mit seiner Behauptung, schließlich ist Felix ja Simons Sohn und auch Simon ist gegangen. Jedenfalls verliert das Dreieck der Personen seine Stabilität, die zwei Zurückgebliebenen schlingern fortan auf ihre Zukunft zu. Schlimmer noch als der Tod eines geliebten Menschen kann dessen unerklärliches Verschwinden sein, das keinen Trost bietet, kein Ende kennt und keinen Platz zum Trauern. So besetzt die Trauer das ganze Leben und wird zum (mit)bestimmenden Faktor: immer ist der Blick offen dafür, ob man Felix nicht zufällig trifft, ob nicht jemand entgegenkommt, der Ähnlichkeit hat mit ihm, der ein Muttermal an der richtigen Stelle hat – so wie Blixen.

Die Autorin, soviel sei verraten, löst ihre Geschichte nicht wirklich auf. Für Paul und Louise jedenfalls ist die Begegnung mit Blixen der Auslöser eines kathartischen Erlebnisses, eine Reinigungsprozedur für ihre Seele, mit der sie jegliche nicht mehr begründbare Hoffnung auf die Rückkehr Felix´ aufgeben können. Der Mutter, Agnes, war dies schon vorher gelungen, sie wird zwar zur Hilfe gerufen, aber nicht wirklich gebraucht, ihre Wirkung ist eher katalytisch, ihre Funktion in der Geschichte ist mehr die, den dämonischen Charakter Blixens noch einmal hervorzuheben und die Figur des Simon und damit auch ihre eigene Ehe mit Substanz zu füllen, denn über Simon, den Vater, läßt sich ein neuer Zugang zu einem anderen Felix, dem Sohn, finden als der zuckersüße über den verliebten Paul.

Während des Lesens kommen einem ja immer schon Gedanken, zum Beispiel der des Dreiecks, das die Beziehung von Personen darstellt: Felix/Paul/Louise bzw. weniger deutlich zwar aber trotzdem existent das von Paul/Agnes/Louise zum Beispiel oder ähnlich Jahre später dann Paul/Blixen/Louise. Und ich erinnerte mich, daß ich vor Jahren schon einmal in einem Roman dieses Bild zur Beschreibung gebraucht hatte, in Zsuzsa Bánks: Die hellen Tage [4] nämlich. Und genau an dieses Buch erinnert mich auch der Roman von Hartwell: Der Dieb in der Nacht ist ähnlich elegisch geschrieben, widmet sich den Figuren in aller Ausführlichkeit, geht jeder Verästelung eines Gedanken, eines Gefühles, eines Umstands nach (so sehr, daß man sich hin und wieder schuldbewusst an die eigene Brust klopft und fragt, wie tumb man eigentlich selbst ist, liegt man doch nur in der Sonne und läßt sich wärmen, während aber – wie man hier liest – darin für einen aufmerksamen Menschen ungeahntes an Bedeutungs- und Geheimnisvollem manifest zu werden scheint…). Elegisch, einfühlsam, aufmerksam, ruhig, nachdenklich – Hartwell fängt einen beim Lesen ein, umhüllt einen und läßt den Leser nicht mehr los. Bei aller Ruhe und Nachdenklichkeit, die der Text ausstrahlt, ist er dennoch spannend, man legt das Buch beiseite, um über eine Passage nachzudenken und erwischt sich dabei, daß man es schon wieder in der Hand hat, um weiterzulesen….

Der Dieb in der Nacht gehört sicherlich zu meinen Lesehöhepunkten dieses Jahres. Soviel zum Schluss…..

Links und Anmerkungen:

[1] Facebook-Seite von Katharina Hartwell:  https://www.facebook.com/pages/Katharina-Hartwell/327686380699596
[2] Jörg Böckem: “Der Fahrstuhl steigt höher und höher. Dann stehe ich im Freien”, in: Ich habe einen Traum (Katharina Hartwell, Kolumne im ZEIT-Magazin); http://www.zeit.de/2013/42/traum-katharina-hartwell
[3] Hans Christian Andersen: Der Schatten, Text online im Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/100
[4] Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/08/zsuzsa-bank-die-hellen-tage/

Katharina Hartwell
Der Dieb in der Nacht
diese Ausgabe: berlin-VERLAG, HC, ca. 320 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Vom Autoren dieses Buches, dem Spanier Leopoldo Azancot, ist nicht allzuviel zu erfahren. Begibt man sich auf die Suche, wird man praktisch nur im Spanischen fündig, einzig sein Roman: Verbotene Liebe, der in Spanien mit dem Literaturpreis La Sonrisa Vertical [2] ausgezeichnet worden ist und den ich hier vorstellen will, scheint ins Deutsche übertragen. Mir liegt die 1991 von Eichborn herausgegebene Hardcover-Ausgabe, die in der “Erotischen Reihe” des Verlages verlegt worden ist, vor.

Der 1935 geborene Azancot jedenfalls ist ausgebildeter Jurist, der seinen literarischen Ambitionen erlag und nach kurzer Anwaltstätigkeit u.a. als Literaturkritiker arbeitete und 1977 seinen ersten Roman veröffentlichte. Wer mehr erfahren will und des Spanischen mächtig ist oder sich an der google-Übersetzung erfreuen will, kann sich hier gütlich tun: [1]


azancot

Sein schmaler Roman Verbotene Liebe spielt ein paar Jahr nach Francos Tod, also so um 1980, in Spanien, genauer in Madrid, aber es könnte ebenso gut in fast jede anderen spanische Stadt sein. Denn die Handlung gleicht, abgesehen von einer Art Rahmenhandlung, einem Kammerspiel, einer Auseinandersetzung und Annäherung zweier Menschen in einer Wohnung…

… aber der Reihe nach…

Obwohl die Ampel von Gelb zu Rot gewechselt hatte, hielt das Auto nicht an, sondern raste weiter. Der Fahrer des mit zwei jungen Männern besetzten Wagens versuchte einem Hindernis auszuweichen, kam ins Schleudern und verunglückte. Die Bremsen eines Streifenwagen quietschen, dieser und ein weiteres mit Polizisten besetztes Auto hielten bei dem Unglückswagen, in dem der Fahrer offensichtlich tot war und der Beifahrer sich auf der Flucht befand.

Miguel, diesen Namen nennt uns der Autor für diesen jungen Mann, rennt die Straße hinab, spricht eine junge Frau an, die seinen Weg kreuzt, packt sie am Arm und nach einem kurzen Disput gehen beide zusammen in ein Haus, in eine Wohnung. Für Esther, so der Name der Frau, ist dies nicht ungewöhnlich, sie verdient ihr Geld damit, mit Männer in ihre Wohnung zu gehen, so viel ist jetzt schon klar, ebenso, daß Esther diesem Miguel gefällt und auch umgekehrt…

Miguel erzählt Esther, was passiert ist, daß er und sein toter Freund auf einer Versammlung waren, weil sie der Meinung sind, die politische Situation sei eine Farce, unter der das ganze Land leidet. Oder glaube sie, man hätte hier eine wirkliche Demokratie?  Miguel ist müde und dennoch aufgebracht, doch er sah großartig aus – stählern, zornig, männlich – und sie betrachtete ihn mit leuchtenden Augen. Leidenschaftlich fährt er fort, seine politische Überzeugung vor Esther darzulegen, man müsse einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, eine gnadenlose Säuberung durchführen und die Verbrechen und Diebstähle der Diktatur verurteilen – und zwar nicht nur der Form halber…. Wer soll denn an Gesetze und Gerechtigkeit glauben, wenn die vom Staat begangenen Diebstähle und Verbrechen nicht bestraft werden?

Die nachfolgende Diskussion der beiden wird durch ein Klingeln an der Tür unterbrochen, ein Kunde, dem sie empfohlen worden ist. Da Esther ihn nicht abwimmeln kann, muss Miguel sich verstecken, er hört nur Geräusche, kann nichts sehen, seine Fantasie versucht, die Geräusche umzusetzen in das Spiel, das die beiden jetzt spielen… Doch plötzlich hört er, “Bitte nicht” und dann mit dünner, sich überschlagender Stimme “Hilfe!” .. im Zimmer liegt Esther auf dem Boden, auch er wird niedergeschlagen als er in den Raum eilt, “Als der Caudillo noch lebte, hätte es sowas nicht gegeben!” und “Ich bin noch nicht fertig mit euch!”.. Der Mann verschwindet wütend….

Esther und Miguel geraten in einen Streit, er will wissen, was los war, warum der Mann so wütend war, er reisst ihr das Laken, das sie vor ihren Körper hält, weg und sieht sie nackt, mit einem kleinen Penis, der ihr zwischen ihren Beinen hängt.

Das sind sie also in dieser Wohnung: ein von der Polizei gesuchter “Terrorist” und eine Transsexuelle [3], beide ausserhalb der normalen Gesellschaft stehend, Aussenseiter, Verfemte… zwei Menschen, die dabei waren, sich zu mögen, sich ineinander zu verlieben. Esther, die wunderschöne Frau mit den zarten Gliedern, dem engelsgleichen Haar, den vollen Brüsten… und dem, was sie an ihre Vergangenheit als Mann erinnert, was Miguel auf äußerster verstört, diese beiden sich “eigentlich” ausschließenden Fakten. Die Esther, die ein Höschen anhat, begehrt er, die andere, die er jetzt sieht, scheint ihm pervers…

Die Geschichte der beiden geht jetzt natürlich weiter. Trotz allem (Esther bittet ihn, zu gehen…) bleibt er noch in der Wohnung, muss Esther mit einem weiteren, jungen und unerfahrenen Kunden erleben, der über das Glück, das ein Mund spenden kann, völlig verwirrt ist, so verwirrt wie er, der der Anziehung der Frau immer noch unterliegt und einen inneren Kampf mit sich ausficht, dem er sich letztlich ergibt…. Esther bedeckt “ihn” mit einem Tuch und er gibt sich der Illusion hin….

Nichts ist so, wie es scheint. Esther sieht (mit dieser einen, kleinen Ausnahme) aus wie eine Frau, fühlt wie eine, redet wie eine, benimmt sich wie eine… und ist doch irgendwas dazwischen. Es verunsichert Miguel, manifestiert sich in seinem Begehren zu Esther vielleicht eine unterdrückte homosexuelle Neigung? Ein Mann darf sich nicht in einen anderen Mann verlieben…. Miteinander ins Bett gehen, ja, kein Problem. Aber das andere…. Nein, auch wenn du wie eine Frau aussiehst, das macht es vielleicht sogar noch schlimmer. Man fühlt sich auf einem Terrain, das es gar nicht gibt und weiß nicht, was einen erwartet oder was man machen soll. Ich schwöre dir, es macht mir Angst. … Ich bin nicht mal mehr sicher, ob ich ich selbst bin, für mich ist überhaupt nichts mehr sicher. .. . …

Ich will jetzt aber niemanden auf die falsche Fährte führen, Verbotene Liebe ist kein kopf- und theorielastiges Werk, es geht durchaus fest zur Sache. Ihren Auftritt haben noch die Portiersfrau, deren Mann sich schon vor Jahren in den sexuellen Ruhestand verabschiedet hat und die per Erpressung von Miguel erwartet, noch einmal so richtig…. genau das, was jetzt jeder denkt… des weiteren hat Esther noch einen dritten Kunden in diesen Tagen, jemanden, der durchaus, wie deutlich wird, von ihrem kleinem Geheimnis weiß und genau das stellt für ihn den Reiz dar, die Erregung….

Miguel ist allein in der Wohnung, Esther ist ausgegangen. Er schaut sich um, durchwühlt Esthers Sachen, ein leichtes, himmelblaues Plisseekleid, praktisch formlos, sehr weit. …. Miguel konnte einen wolllüstigen Schauer nicht unterdrücken, als die Seide über seine Brust streichelte und er sah, wie sie die Rundung seines Geschlechts betonte. Was passierte, wenn er den Slip ausziehen würde? … die Situation erregt ihn, erregt ihn heftig…. Jetzt noch ein wenig Make-up! … Zuletzt malte er sich die Lippen rot.Und er lachte nicht vor den Spiegeln. Im Gegenteil: Er setzte eine besonders ernste Miene auf. Denn er fand sich weit über Erwarten verändert; er war ein Fremder, beinahe eine Schönheit. …..

Esther kommt zurück, sieht ihn in ihren Sachen, fühlt sich gedemütigt, ist wütend, zornig, reißt ihm die Sachen vom Leib, schlägt mit ihren Fäusten auf seinen Rücken und Miguel bleibt stehen und Esther in ihrem Zorn wird noch einmal Mann und Miguel wehrt sich nicht dagegen, sie in sich zu spüren….

Ist dies die eigentliche Demütigung für Esther, daß der als Frau verkleidete Miguel in ihr das tot geglaubte Männliche wieder zum Leben erweckt hat und damit die Illusion zerstört ist, nur und völlig Frau zu sein, unabhängig davon, daß sie das männlich Attribut noch trägt? Es ist gegenüber der Ausgangssituation des Romans ein Rollentausch, der Mann Miguel hat die Funktion der Frau eingenommen, die Frau Esther die des Mannes. Ein extremes, aber schönes Bild dafür, daß es das eine bzw. andere in absoluter Ausprägung nicht gibt, zu jedem Mensch gehören auch Attribute des “anderen” Geschlechts….

Die Esther des Romans ist davon wohl überfordert, sie will ihre Sicherheit in der Rolle, die sie für sich in Anspruch nimmt, wieder haben und da stört sie Miguel, der sie so sehr verunsichert hat und der alles in´s Wanken bringt…. so endet der Roman nicht mit einem Happy-End, Esther, die wieder allein in ihrer Wohnung ist, legt eine Schallplatte mit Mozartmusik auf, Cosi fan tutte, holt das vor wenigen Tagen auf den Wunsch Miguels in den Schrank verbannte Bild Alfonso Suárezs wieder heraus..

Jetzt ist alles wieder in Ordnung.


Ich denke, aus dem Vorstehenden wird deutlich, daß dieser erotische Roman nicht einfach nur dazu da ist, der Fantasie ein wenig Nahrung zu geben. Er befasst sich hinter dem Erotischen mit grundlegenden Fragen, mit der Eindeutigkeit von Dingen, mit der Fragwürdigkeit, ob das, was man sieht, auch das ist, was das Wesen ausmacht. Miguel zum Beispiel muss nicht nur zur Kenntnis nehmen, daß die schöne Esther etwas noch sehr Männliches hat, diese Erkenntnis, daß der äußere Schein täuschen kann, überträgt er auch auf seine politische Überzeugung: vielleicht trifft diese Eindeutigkeit, diese Teilung in gut oder böse, in richtig oder falsch gar nicht zu….

Es gibt diese Pole nicht als Pole, sondern nur als Endpunkte einer dazwischen liegenden Skala: ist der erste Kunde Esthers angewidert, so kommt der letzte Mann gerade deswegen und Miguel ist irgendwo dazwischen.. so wie sich in beiden, Miguel und Esther sich Männliches und Weibliches ganz offenbar zeigt. Tragisch ist, daß Miguel offenbar bereit ist, dies zu akzeptieren, er sieht durchaus im Fremden, der er geschminkt ist, eine Schönheit aufblitzen und er wehrt sich auch nicht gegen seine Rolle während es für Esther nicht möglich ist, dieses männlichen Aspekt in sich anzunehmen. Lieber opfert sie Miguel, so daß nach außen hin für sie wieder alles seine Ordnung hat.

Verbotene Liebe bringt damit das Kunststück fertig, beides zu sein: ein prickelnder erotischer Text (mag sein, daß man beim Lesen diese angesprochene Verunsicherung an der einen oder anderen Stelle auch spürt…) und ein intelligentes Infragestellen gültig geglaubter Sicherheiten. Das alles vor dem Hintergrund der unruhigen Zeit, die in Spanien in den ersten Jahren nach Francos Tod herrschte und die von den beiden Protagonisten immer wieder diskutiert wird.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://es.wikipedia.org/wiki/Leopoldo_Azancot bzw. in der google-Übertragung ins Deutsche:  http://translate.google.de/translate?….Leopoldo_Azancot
[2] vgl hier: http://www.tusquetseditores.com/coleccion/la-sonrisa-vertical
[3] im Buch (1991) wird Esther noch als Transvestitin bezeichnet

Mehr erotische Literatur wird im Themenblog:           https://erotischebuecher.wordpress.com vorgestellt.

Leopoldo Azancot
Liebe verboten
Übersetzt aus dem Spanischen v. Bernhard Straub
Originalausgabe: Los amores prohibidos, Barcelona, 1980
diese Ausgabe: Eichborn (Erotische Reihe), HC, ca. 165 S., 1991

Ruprecht Frieling ist ein alter Hase im Geschäft. In dem durchaus anerkennenden Artikel von Henryk M. Broder aus dem Jahre 1996 wird seine Geschichte als Verleger und Ansprechstelle für Literaten, die das konventionelle Verlagswesen nicht haben will, aufgezeigt. Begonnen hat alles für den gebürtigen Bielefelder (den Ort gibt es also doch?) schon 1980 in Berlin und auch wenn der Verlag mittlerweile in anderen Händen liegt, so ist Frieling doch immer noch am Puls der Zeit. Und der schlägt in der Zwischenzeit immer deutlicher auch digital und elektronisch.

Als “Prinz Rupi” nutzt Frieling (“Grandfather des Self-Publishings”) selbstverständlich alle digitalen Medien, die zur Verfügung stehen und gerade im eBook-Sektor und dem damit rapide anwachsenden Segment der Eigenverleger (darf man dafür das deutsche Wort überhaupt verwenden oder muss es wirklich dieses sperrige Self-Publisher/-ing sein?) sieht Frieling eine Riesenchance für alle diejenigen, denen es ein Bedürfnis ist, ihren Namen als Autor auf einem Buch oder eBook zu sehen. Wer schreibt, bleibt: es ist offensichtlich immer noch ein Ziel, sich einen Teil an der Unsterblichkeit zu sichern…. Summa summarum: der Mann weiß, wovon er redet und er scheut sich nicht, das Establishment, womit hier das “konventionelle” Verlagswesen gemeint ist, zu provozieren.

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Weltberühmt durch Self-Publishing ist sein neuester Ratgeber. Es ist ein Mutmachbuch, eine Ermunterung für alle, die Scheu abzulegen und sich am Beispiel verschiedener, heute weltberühmter Schriftsteller anzuschauen, daß der Schritt zum bzw. über die Eigenverlegung der eigenen Schriftwerke, durchaus der erste Schritt zum Ruhm sein kann. Nach Frieling ist das vielleicht sogar systemimmanent, denn das etablierte Verlagswesen scheut oftmals das Risiko, ist zu sehr eingefahren auf “bewährte” Muster und erkennt die Chance im Neuen nur schwer.

Was weiland James W. Marshall für den Goldrausch in Kalifornien war, ist heutzutage E. L. James für den Self-Publisher: das leuchtende Beispiel, dem nachzueifern ist.

Frielings Buch ist in mehrere Abschnitte geteilt. Nach einer knappen Erläuterung “Was ist Self-Publishing” wird eine “Kurze Geschichte des Veröffentlichens” dargestellt, die aber wirklich kurz ist, im wesentlichen Stichworte gibt, mit denen man sich, will man mehr wissen, in anderen Quellen weiterhangeln kann. Überstrichen wird der Zeitraum von der Entwicklung der Sprache überhaupt bis zur Internet-Galaxis der Jetztzeit. Es folgt ein Kapitel über die “Rolle des Autoren” im Veröffentlichungsprozess, der auch auf die unterschiedlichen Interessen zum Verleger eingeht, bevor das Büchlein zum Titelthema übergeht: Weltberühmt durch Self-Publishing.

Frieling hat fünfzehn berühmte Autoren (u.a. Poe, Stendhal, Dickens, Brontë,  Whitman, Tolstoi, Solschenizyn, Nika Lubitsch, Wondratschek, H. Mann, Proust, Wallace oder Hesse) als Beispiele ausgesucht. Er beschreibt deren erste Versuche, zu publizieren, Versuche, die misslangen, weil Verleger – aus welchen Gründen auch immer – die Manuskripte ablehnten, so daß die damals hoffnungsvollen Jungautoren unter zum Teil persönlichen Opfern dazu übergingen, ihre Texte selbst zu verlegen oder den Verleger für seine Arbeit zu bezahlen. Hier ist manches an Informationen zu finden, die so wohl den meisten von uns nicht präsent sind, die einzelnen Kurzbiografien lesen sich gut, sind informativ und unterhaltsam.

Das Buch schließt mit einer kurzen Darstellung Frielings über seine eigene Rolle als Dienstleister für Autoren, der – im Gegensatz zu etablierten Verlegern, die nach Frieling meist verschweigen, daß sie auch Bücher mit Fremdfinanzierung herausgeben – offen zu seiner Tätigkeit und seinem Geschäftsmodell steht. Der Erfolg von Büchern ist allermeist nicht planbar, es werden Titel Bestseller, von denen man es nicht erwartet hat, andere, die mit viel Macht auf den Markt geworfen werden, sind kurze Zeit später vergessen… Aus dieser Tatsache und aus den mittlerweile zur Verfügung stehenden Möglichkeiten des Publizierens heraus appelliert Frieling an alle potentiellen Autoren, ihrem Stern zu folgen, den Mut zu haben, ihr Werk selbst zu verlegen und in die Öffentlichkeit zu bringen: es gibt genug Beispiele für Autoren, die auf diese Art vielleicht nicht gerade weltberühmt geworden sind, aber doch ihr Publikum gefunden haben. Und für alle, die Bedenken haben, als Eigenverleger zukünftig für etablierte Verlage gebrandmarkt zu sein, hat Frieling den Trost, daß sich auch hier die Zeiten und Einstellungen geändert haben: ein erfolgreicher Self-Publisher hat heutzutage immer auch eine gute Chance, später in einem etablierten Verlag veröffentlicht zu werden – und das kann durchaus derjenige sein, der sein Erstlingsmanuskript einst noch abgelehnt hat.


So weit, so gut.

Frieling Ratgeber und Mutmachbuch, das mir der Autor für diese Besprechung als eBook zur Verfügung gestellt hat (dafür danke ich ihm an dieser Stelle) ist selbst ein gutes Beispiel für Licht und Schatten beim Eigenverlegen.

Beides hängt eng zusammen, als Buchblogger kenne ich dies auch aus anderem Zusammenhang, wenn mir hoffnungsvolle Jungautoren/-innen Manuskripte zur Besprechung zuschicken: bei vielen Texten merkt man den Unterschied zwischen “Schreiben können” und “Schreiben wollen” schnell. Und bei den Texten, die sich lesen lassen, entpuppt sich dann vielleicht sogar ein etablierter Autor, der dieses Manuskript lieber unter einen Pseudonym publizieren will, als Verfasser…. Hinzu kommt, daß Texte wohl nicht immer gegengelesen oder gar lektoriert werden: der Eigenverleger schreibt, was er schreiben will… im Ergebnis, das merkt auch Frieling an, klingen die Elaborate oft hölzern oder sind mühsame Gehversuche auf den Stoppelfeldern der Literatur.

Beispiele für das, was ich meine, findet man auch in diesem Buch. So wird (Position 258) darauf hingewiesen, daß im Spätmittelalter nur eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung des Lesens mächtig war. Selbst Karl der Große war Analphabet. Lebte allerdings ungefähr 500 Jahre vor dieser Epoche des Spätmittelalters, ist also hier als Beispiel etwas fehl am Platz. Da wird an anderer Stelle (Position 309) durch die Telegrafie Raum und Zeit aufgelöst, durch die Elektroenergie gar das Raum-Zeit-Gefüge aufgehoben... die Physiker wird´s freuen….. An einigen Stellen ist der Satzspiegel fehlerhaft, zwar kann man dies durch Verändern der Zeichengröße u.ä. korrigieren, doch tun sich dann an anderer Stelle entsprechende Fehler auf…. das möge reichen an Beispielen für Formulierungen, Aussagen und Details, über die ich beim Lesen gestolpert bin.

Ich weiß nicht, wie Frieling sein Buch geschrieben hat, ob es gegengelesen oder lektoriert worden ist (was auch keineswegs ein Allheilmittel ist), aber solche Lapsi fallen dem aufmerksamen Leser durchaus auf und sind in der Lage, den Gesamteindruck zu beeinflussen. Daß es also nicht mit dem bloßen Schreiben und Veröffentlichen getan ist, sollte sich der Eigenverleger deutlich machen; die mit entscheidende Frage über Erfolg oder Nicht-Erfolg eines Werkes ist auch die nach der Qualität eines auf eigene Kosten verlegten Werkes, Frieling geht – wie oben angedeutet – selbst kurz darauf ein.

Natürlich kann man sich an Tolstoi ein Beispiel nehmen, der seine Karriere als Self-Publisher mit Krieg und Frieden begründete. Doch wie wahrscheinlich ist es, daß man ähnlichen Erfolg hat? Oder, ein aktuelleres Beispiel: daß man ähnlich weltberühmt wird wie die Britin E. L. James? Frieling schreibt über seine eigene Dienstleitertätigkeit als Verleger, daß er in dieser Funkion gelegentlich selbst als Steigbügelhalter gedient hat, führt ein Beispiel für eine Autorin an, die später erfolgreich in einem Publikumsverlag veröffentlichte – bei Tausenden von Autoren, die er betreute.

Jeder, der will, kann berühmt werden! Ja, das ist wohl so, es gibt Beispiele dafür aus alten und aus neuen Zeiten und nie waren die Möglichkeiten zum Eigenverlegen so gut wie heute. Doch sollte sich jeder trotz des Optimismus, mit dem Frieling aufwartet, ermuntert und ermutigt, darüber im Klaren sein, wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, Frieling erwähnt immerhin die Zahl von 100.000 Autoren, die zur Zeit im Self-Publishing aktiv sind…

Frielings Ratgeber jedenfalls strahlt Optimismus aus, ist flott geschrieben und gut lesbar. Auch die Stolperstellen verdaut man schnell, der biographische Teil des Textes bietet vieles, was unbekannt sein dürfte und ein Verzeichnis weiterführender Literatur fehlt auch nicht. Und sich an Nika Lubitsch ein Beispiel zu nehmen, kann nicht falsch sein…. es sollte noch angemerkt werden, daß hier keine Ratschläge gegeben werden, über das “Wie” und “Wo” des Eigenverlegens, das hat der Autor an anderer Stelle praxisnah festgehalten. So mag dieses Büchlein jedenfalls dem einen oder anderen tatsächlich den letzten, vielleicht entscheidenden Impuls geben: Yes, I can!

Links und Anmerkungen:

[1] Henry M. Broder: Der Buchmacher, Kultur-Spiegel 1/96; http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-9075133.html

Wilhelm Ruprecht Frieling
Weltberühmt durch Self-Publishing
Was Autoren aus der Geschichte des Selbstveröffentlichens lernen können
diese Ausgabe: Internet-Buchverlag, Berlin, Version 1.0, 2015

Mercedes Lauenstein: Nachts

21. August 2015

Mercedes Lauenstein ist eine junge Autorin aus München, im Internet ist nicht allzuviel über sie zu erfahren. Sie arbeitet als Journalistin bei der SZ im jetztmagazin, der vorliegende Titel nachts ist ihr Erstling, der heute im Berliner Aufbau-Verlag erscheint. Am aufschlussreichsten ist noch die kurze Biographie Lauensteins, die vor wenigen Jahren in der ZEIT im Rahmen eines Beitrages über junge Menschen, die nach dem Abitur nicht studieren wollen, erschienen ist. Die Links zu diesen beiden Quellen sind unter [1, 2] zu finden.

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Das Buch mit dem kühlen, ins Nachtblaue gehenden und an eine Jalousie erinnernden Motiv auf dem Cover irritiert. Die ersten Seiten ist man noch im Zweifel, ob es sich um eine Reportage handelt, wirklich um ein Forschungsprojekt, das sich Menschen widmet, die nachts wach sind. Dies wenigstens ist die Auskunft der Protagonistin, die nachts Menschen in ihren Wohnungen besucht Und auch die Sprache Lauensteins ist danach, sie ist distanziert, auf Abstand bedacht, die Beiträge – sie porträtiert insgesamt funfundzwanzig Personen, Männer wie Frauen – haben einen ähnlichen Aufbau bzw. Anfang: eine kurze, sachliche Beschreibung der Wohnsituation des/der Betreffenden, bevor dann das Gespräch zwischen Nachteule und ihrem unerwarteten Besuch, manchmal aber auch ein Monolog des/der Besuchten widergegeben wird.

Die Person, die da nachts durch die Straßen streift, ist eine Frau, eine junge Frau. Sie ist auf der Suche nach beleuchteten Fenstern, klingelt auf gut Glück bei den Menschen an und wird eingelassen. An einer Stelle beantwortet sie die entsprechende Frage nach ihrer Erfolgsquote mit “drei von zehn”… Bald tauchen Zweifel beim Lesen auf, ob dies wirklich eine Reportage ist, zu erratisch ist alles, die Geschichte der jungen Frau, die namenlos bleibt, zu widersprüchlich, eigentlich bin ich gar keine Forscherin, korrigiert sie Albert, den Ex-Bäcker, der aus Gewohnheit früh aufsteht und dessen Frau, die durch das Gespräch der beiden wach geworden ist, skeptisch nachfragt, sondern nur neugierig….

Fünfundzwanzig Nachtmenschen… es ist klar, daß dies keine repräsentative Auswahl von Menschen ist, wir finden unter diesen niemanden, der morgens um sechs Uhr aufstehen muss, um sich oder die Kinder oder was auch immer für den Tag, die Arbeit, die Schule fertig zu machen. Oft sind es junge Menschen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben in der Welt, die ihre Rolle dort noch ausprobieren oder die sich einfach noch nicht festlegen wollen  Manche sind auch aus der Bahn geworfen worden…

Ich bin nach dem Abi zehn Monate durch die Welt gereist und danach nach Berlin gezogen – einfach so. Ich wollte erstmal gucken, was das Lebensbuffet so hergibt… Diese Eigenbeschreibung der Autorin [1] trifft auch auf manche ihrer Personen zu. Todesfälle, zerplatzte Liebesträume werfen bei anderen die gewohnten Strukturen durcheinander, wieder andere lieben die Nacht, die Ruhe, die friedliche Atmosphäre, die sich mit dem Schlaf, der sich über die Menschen senkt, in der Stadt verbreitet. Alles wird intensiver in der Nacht, die Geräusche, das wenige Licht, das zu sehen ist, das Erwachen des neuen Tages im Morgengrauen…. Es gibt auch welche, die die Ruhe der Nacht nicht ertragen, die warten, bis die Stadt wieder erwacht, die ersten Lieferwagen zu hören sind, das stetige Rauschen des Menschenstroms auf den Bürgersteigen, der Autos auf den Straßen einsetzt und sie beruhigt, daß das Leben nicht zu Ende ist, sondern weitergeht. Erst dann können sie einschlafen…

Erfahren wir auch so manches über die besuchten Personen, so unbekannt bleibt uns die junge Frau. Nur an ganz wenigen Stellen öffnet sich ihr Geheimnis, selten mehr als zu einer Andeutung. Auch sie ein Nachtmensch – natürlich. Schließlich ist sie es, die nächtens durch die Stadt läuft und erleuchtete Fenster sucht…. Was treibt sie an, die Mär von der Forschung verschwindet irgendwann, und schließlich trifft sie auf einen jungen Mann, der die Rollen vertauscht: Du bist dran zu beantworten deine eigene Frage!


Lauensteins Buch ist schwer einzuordnen, auch der Verlag gibt kein Genre an, im Katalog ist der Titel unter “Romane/Erzählungen” zu finden. Die einzelnen Besuche/Zwiegespräche/ Monologe haben bis auf die Grundkonstellation keinen inneren Zusammenhang, auch wenn in vielen der Gespräche durchaus Ähnlichkeiten feststellen sind…. aber die eigentliche Hauptperson des Buches bleibt weitgehend im Dunkeln. Interessiert sie sich wirklich für ihre Gegenüber oder sind diese nur Anker auf ihrer eigenen Reise durch die Dunkelheit? Wie eine Nomadin, eine Stadtnomadin, scheint sie ruhelos durch München zu streifen, immer auf der Suche – oder auf der Flucht. Schaut man sich die Texte Laurensteins auf jetzt.de [3] an, erkennt man auch hier diese Liebe zum Herumstreifen in der Stadt, zum Charakterisieren und Erkunden von Straßen, auch viele nächtliche Exkursionen beschreibt Laurenstein, über Nächte in Universitäten, über die Abende der anderen, über Nächte in Hotelbetten.. über das Radeln in der Stadt eine ganze Nacht lang [4]. Lauenstein weiß also, wovon sie schreibt, mag sein, daß auch sie von einer Art Nomadentum, wie es Chatwin als Grundbedürfnis des Menschen überhaupt postuliert hat, geprägt ist.

Lauenstein bietet keine wirkliche Auflösung für ihre Figur der Protagonistin an. Zwar löst die Aufforderung ihres letzten Gastgebers, sie solle ihre eigene Frage beantworten, in ihr eine Gedankenkaskade aus, die sie jedoch nicht in Sprache bringen kann… und wie sollen wir, die Leser, entscheiden können, ob diese Gedanken die Wahrheit widerspiegeln, wenn doch selbst die Protagonisten die Geschichte ihrer Kindheit und ihrer Familie so oft neu erfunden [hat], daß [sie selbst es] nicht mehr weiß, welche Geschichte wahr ist. So bleibt alles im Ungefähren, im Ungewissen, getragen von einer melancholischen Grundstimmung. selbstgrüblerisch, mit Selbstmitleid durchsetzt, gelähmt, das eigene Schicksal zu gestalten. Nur daß sie keine Bettlerin ist, daß weiß sie und daß man tagsüber unbehelligter ist, wenn man schläft, das auch….

nachts ist somit ein melancholischer, leicht depressiver Text. Die Dunkelheit, die das Licht verdrängt hat (um der Dunkelheit derart eine physikalische “Substanz” zu verleihen, die sie nicht hat) bettet die Einsamkeit der Menschen ein, läßt sie sich auf sich selbst konzentrieren. Das illustriert Lauenstein an vielen ihrer Figuren, die fast alle nicht dem Bild des zielorientiert agierenden Menschen entsprechen. Es ist eine Gegenkultur, die sich des nachts zeigt, eine Kultur von Menschen, die lieber allein sind als in Gesellschaft, die in der Abwesenheit des Lichts umgestört um sich selbst kreisen können.

Lauensteins Sprache ist klar und nüchtern, zum Teil distanziert – dem Stil eines vorgeblichen Forschungsvorhaben entsprechend. Fünfundzwanzig Mal klingelt sie erfolgreich [5], meist zwischen ein Uhr nachts und halb fünf morgens und guckt durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein. Von diesem Leben erfahren wir äußere Umstände, die Art, zu wohnen oder zu leben und meist Fakten zur aktuellen Lebenssituation, die oft Krisen sind. Das alles ist flüssig und gut lesbar geschrieben, hinterläßt aber bei mir auch dieses Gefühl der Unsicherheit bezüglich des Textes so wie bei den Figuren oft hinsichtlich der Frage, wie es morgen weiter gehen soll. Ein interessanter Text aber und ein gelungenes Debüt ist nachts in jedem Fall.

 

Links und Anmerkungen:

[1]  Wlada Kolosowa: Warum wir nicht an die Uni wollen; ZEIT online,  8. Oktober 2010; http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2010-10/protokolle-studienverweigerer
[2] jetzt.de (Süddeutsche Zeitung), jetztpage:  https://jetzt.sueddeutsche.de/jetztpage/mercedes-lauenstein
[3] https://jetzt.sueddeutsche.de/texte/liste/u/mercedes-lauenstein
[4] siehe auf der Webseite der Autorin:  http://www.mercedeslauenstein.de, aber z.B. auch hier:  http://mercedesundjuri.de/post/118795523265/was-passiert-wenn-man-eine-ganze-nacht-lang-durch
[5] hier im BLOCK-Magazin sind Textbeispiele zu finden:  http://www.block-magazin.de/entschuldigung-bei-ihnen-brannte-noch-licht-2/

Mercedes Lauenstein
Nachts
diese Ausgabe: Aufbau Verlag, HC, ca. 190 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

 

 

 

Am 12. August jährte sich der Todestag von Thomas Mann zum sechzigsten Mal [2]. Deswegen und weil wir (auch aus diesem Anlass) in meinem Lesekreis seine Novelle Der Tod in Venedig gelesen haben, ist das hier eine Premiere für/in meinem Blog: es ist eine zweite Version der Buchvorstellung zu diesem Titel.

Zum ersten Mal habe ich den Text letztes Jahr gelesen [1] und jetzt beim “Zweitlesen” gemerkt, daß ich auf einen Gesichtspunkt, auf den ich zwischenzeitlich gestoßen bin, u.a. durch einen Artikel in der Wiki, gar nicht eingegangen bin. Was erstaunlich ist, gehören doch Tod und Sterben zu den Schwerpunktthemen meines Blogs. Unter diesem Gesichtspunkt also stelle ich meine Gedanken zu der Novelle hier noch einmal vor und zur Diskussion, nicht ohne meinen Kollegen/-innen vom Lesekreis für ihre Gedanken und Anregungen, die hier mit einfliessen, zu danken.


mann venedigGustav Aschenbach ist Literat, ein hochgeachteter, hochgeehrter und zu seinem 50. Geburtstag mit dem persönlichen Adel ausgezeichneter Mann, der sich dem Schreiben gewidmet hat, dem Formulieren und Schaffen tiefgründiger Gedanken, die nicht nur der Erbauung, sondern auch und gerade der Erziehung dienen sollen. So ist sein Werk ausgewählt worden, die Jugend zu leiten zu sittsamen und den Regeln gehorchendem Tun und Leben…. doch Aschenbach ist ein Kämpfer, er ist jemand, der erwählt wurde, der sich dies nicht ausgesucht hat.. von Natur aus eher schwächlich (als Kind wurde den Eltern angeraten, ihn nicht zur Schule zu schicken, sondern zu Hause zu unterrichten) unterwirft er sich seit alters her einer von Disziplin beherrschten Lebensführung und Arbeit. Doch Aschenbach verspürt ein Nachlassen der Zucht, die Jahrzehnte in ihm regierte, ein Erbteil väterlichseits, während von mütterlichem Blute das Künstlerische in ihm stammt, es ist für ihn ein sich täglich erneuernder Kampf zwischen seinem …. oft erprobten Willen und dieser wachsenden Müdikgeit…. geworden.

Es ist Frühling in München, Aschenbach flaniert ein wenig, ist in der Nähe eines Friedhofs gelangt. Auf seinen Weg sieht er einen Unbekannten, auch weiß er nicht, wie dieser dorthin, wo er steht, gekommen ist (noch sollte er darauf achten, wo er hingeht, nachdem…). Ein rothaariger Mann mit einem Adamsapfel stark und nackt, mit farblosen, rotbewimperten Augen, einer zu kurz aufgeworfenen Nase, auch die Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, bis zum Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen hervorbleckten.

Das Duell der Blicke mit diesem Unbekannten, der mit gekreuzten Beinen auf einen Stock gestützt dastand, verliert Aschenbach – er wendet sich ab und geht. Doch ein Gedanke, ein Gefühl hat sich eingenistet in ihm, eine Sehnsucht, das Verlangen, eine Reise zu unternehmen ….

Ins Südliche zieht es ihn, doch konveniert der Ort nicht, zu dem er ans Adriatische fährt, die Menschen nicht, die Küste nicht, das Wetter nicht.. so entschließt er sich (und fragt sich, warum nicht gleich so…) das Meer zu queren, sich fähren zu lassen hinüber nach Venedig, dieser Stadt, die er liebt, obwohl er sich schon einmal fliehen musste, des Sciroccos wegen und des Klimas.

Ein schmuddeliger Kahn, er wird ins höhlenartige Innere geführt zum Zahlmeister, dem er seinen Obolus gibt.  Auf dem Deck, an das er sich begibt, beobachtet er eine Gruppe von jungen Leuten, von denen sich einer besonders hervortut. Zu seinem nicht geringen Erstaunen erkennt er, daß dieser Eine ein Geck ist, ein Geschminkter, auf jung Zurechtgemachter, dessen Falten und Gräue nur auf die Entfernung hin unter Farbe und Paste verborgen werden konnte…. Aschenbach wendet sich ab.

Auch in Venedig ist Seltsames um ihn: der Gondoliere, zu dem er ins Boot, das ihm schwarz wie ein Sarg scheint, steigt, gehorcht ihm nicht, fährt nicht zum genannten Ziel, sondern zum Hotel, in dem Aschenbach unterkommen will, das zu erreichen er aber auf andere Art und Weise geplant hatte. Ein zweiter Fährmann also, der ihn übersetzt, ein nicht zugelassener Gondoliere ohne Lizenz, so verrät man ihm an Kai, wo er anlandet.

Im Hotel beobachtet Aschenbach noch am gleichen Abend zur Zeit der Abendspeisung im Saale seine Mitgäste. Doch bleibt sein Auge hängen und wird eingefangen von einer besonderen Gruppe, Gästen wohl aus Polen, eine Gouvernante, eine edle Mutter, drei unauffällig und schlicht gekleideten Schwestern und ihm – den vielleicht 14jähren Knaben, der dem Beobachter als das Schöne schlechthin erscheint, von göttlicher Schönheit gar…. bald sollte er erfahren, daß der Knabe Tadzio gerufen wird, was abgeleitet ist von Tadeusz.

Aschenbachs Sehnsucht, etwas Verborgenes in ihm, hat ein Objekt gefunden, zu dem sie sich hingezogen fühlt. Mit stetig zunehmender Leidenschaft beobachtet Aschenbach den holden Knaben mit seinem lockigem Haar beim Spiel, am Strand, beim Umgang mit seinen Geschwistern. Daß er darüber das Arbeiten, das Schreiben immer mehr vernachlässigt – es dauert ihn nicht weiter.

Doch wie weiland schon einmal leidet Aschenbach wieder unter dem Wetter der Stadt, dem Wind, den fauligen Miasmen, die durch die Luft wabern und sie so schweren, daß sie fast körperlich auf den Menschen lastet. Seines Bleibens ist nicht länger, so sein Entschluss, den er am Abend dem Manager des Hotels verkündet. Doch am nächsten Morgen schon (die Luft scheint nicht mehr ganz so schwer, die Bedrückung nicht ganz so heftig, der Entschluss des gestrigen Tages ein wenig übereilt und möglicherweise nur einer momentanen Unpässlichkeit, die in ihrer Bedeutung völlig falsch eingeschätzt worden war, geschuldet) auf der Gondelfahrt zum Bahnhof bedauert Aschenbach seine Abreise. Da sie auch bedeutet, Abschied von Tadzio zu nehmen, wird ihm immer deutlicher, daß die Abreise, die Flucht übereilt, ein Fehler gar, ist.

Doch ist es nicht wie ein Wink des Schicksals, daß das Hotel seinen zum Bahnhof schon vorab geschickten Koffer falsch adressiert hat? Soll er etwas ohne Koffer in seinem neuen Reiseziel ankommen? So kehrt er um, quartiert sich erneut ein in seinem Hotel und ist wieder in der Nähe zu Tadzio…

Noch herrscht Distanz zwischen dem Knaben Tadzio und dem Sehnsüchter Aschenbach. Doch als sich beide eines Abends unverhofft im Park begegnen und der Knabe von appolonischer Schönheit von Aschenbach anlächelt: …. sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Lächeln erst langsam öffneten, ist es um den Älteren geschehen. Dieses Lächeln dringt unvermittel und direkt hinein in von Aschenbachs Innerstes: … Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen Schönheit die Arme streckt. Tadzio ahnt, weiß um das Interesse des Älteren an ihm und von Aschenbach ist ihm der Spiegel für sein Lächeln, dessen Wirken einer Erschütterung gleich die Potemkinsche Fassade distanzierten Interesses an allgemeiner Schönheit zum Einsturz bringend ihm seine Schönheit, seinen Glanz, sein Götterähneln zurückwirft wie ein Sonnenstrahl sich auf glatter Wasseroberfläche reflektiert. Der Ältere weiß um dies, weiß, daß er besiegt ist, daß Gegenwehr nicht mehr möglich: Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln! und er wird durchströmt von heil´gem Gefühl, das flüsternd sich nach außen bringt: Ich liebe dich!

So brechen alle Dämme beim Verliebten, der vor sich selbst seine Liebe eingesteht: So wusste und wollte der Verwirrte nichts anderes mehr, als den Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Selten nur durchbrach ein Innehalten diesen Strom süßer Verwirrung, um bald darauf wieder zu versiegen und befremdlichsten, unfassbar die Vernunft überschreitenden Gedanken Platz zu machen….

Es fällt dem Verliebten auf, daß nach gewisser Zeit im Hotel der jahreszeit übliche Anstieg der Gäste ausbleibt, ja, daß sogar deren Zahl eher ab- als zuzunehmen scheint. Auch verschwindet das Deutsche im Sprachgewirr des Hotels, bald schon sind nur noch andere, fremde Sprachen zu hören. Gleichfalls hat sich in das faulige Miasma der unter der Hitze und dem Wind leidenden Stadt ein Geruch nach Krankenhaus gemischt, leicht, aber unverkennbar wabert der Karboldampf durch die Gassen und über die Kanäle der Stadt. Die Auskünfte jedoch, die Aschenbach einholt, ähneln sich bei allen: eine Vorsichtsmaßnahme der Polizei, um Krankheiten, deren Entstehen durch das Wetter möglicherweise begünstigt seien, zu verhindert.

An einem der Abende findet sich vor dem Hotel eine Gauklertruppe ein, Komädianten, Musiker, Tänzer, die aufspielen, derbe, volkstümliche Weisen.. der, der sich hervortut aus dieser Truppe ist einer mit einem groß und nackt wirkenden Adamsapfel, mit einem bleichen, stumpfnäsigen Gesicht und mit rötlichen Brauen. Aschenbach wohnt der Vorführung bei und trinkt einen Granatapfelsaft, auch Tadzio (den trotz seiner vielen Spiele am Strand Sonne und Seeluft nicht verbrannt hatten und dessen Hautfarbe marmorhaft gelblich wie zu Anfang geblieben war, lauscht der Darbietung….

In einem englischen Reisebüro schließlich erfährt Aschenbach die Wahrheit über das Seltsame in Venedig: die Cholera hat sich eingenistet, eine Abreise (solange dies noch möglich ist) wird ihm dringend empfohlen! Doch er bleibt, natürlich, eine Abreise bedeutete die Trennung von Geliebten und er behält das Geheimnis für sich, sagt auch nichts der Familie Tadzios…

Nun schwinden sämtliche Hemmungen beim Alternden, die verwunderten Blicke der Menschen sind im gleich, und gleich dem einst verachteten Gecken läßt er sich vom Kosmetiker künstliche Jugend angedeihen. Er durchstreift die miasmendurchwallte Stadt, quert die Brücken, rastet auf den Plätzen, stillt seinen Hunger mit eilig gekauften, weichen und überreifen Erdbeeren…

Ein Traumgesicht sucht ihn heim, ein verstörender Traum von einem dionysischen Gelage, von der Verehrung des göttlich Hartem, das angebetet wird von wilden Horden mit ungebändigter Musik. All das, was Jahrzehnte an Wildheit, an Zügellosigkeit, an Ausschweifung von ihm nicht gelebt wurde, manifestiert sich in dieser Orgie des Unsagbaren.

Tadzio und seine Familie haben gepackt, er trifft den Geliebten noch einmal am Strand. Müde und erschöpft sinkt er auf seinen Stuhl. Fiebrig die Stirn und glänzend die Augen muss er beobachten, wie sein Liebling kämpfen muss (er wird nicht lange leben, schwächlich wie er ist, so denkt Aschenbach) gegen einen, der bis dahin sein ergebener Freund war und der ihn nun in den Sand drückt, bis er des Erstickens nahe. Erst als Tadzio nur noch zuckt, und bevor Aschenbach eingreifen kann, läßt er ihn frei aus seinem Klammergriff.

Und er sah Tadzio, aus dem klammernden Griff entlassen, an den Rand des Wassers und ins Meer hinein bis zur ersten Sandbank gehen, sich dort anmutig zu drehen und in die Ferne zu deuten… in die Ferne und von Aschenbach folgte diesem Deuten, wie so oft, diesem Deuten ins Verheißungsvoll-Ungeheure…..

Aschenbach sank auf seinem Stuhl zusammen. Nach geraumer Zeit erst ward er gefunden und man brachte ihn noch auf sein Zimmer. Die Nachricht von seinem Ableben erschütterte noch am gleichen Tag die Welt.


Durch den gesamten Text zieht sich der Tod und das Sterben, angefangen vom Titel der Novelle natürlich, der vieldeutig ist und in jeder dieser Deutungen zutreffen. Der Tod ist (in Form der Cholera) in Venedig, einer Stadt, die zu keiner Zeit in dieser Novelle den Eindruck vermittelt, als Luftkurort durchzugehen, sondern stetig durchwabert ist vom Fauligen, von Verderbnis; die Hauptfigur Aschenbach selbst findet ihren Tod in dieser Stadt. Selbst der Name “Aschenbach”, enthält diese zwei Silben, die einen Gegensatz darstellen: die Asche steht für den Tod, der Bach für das quirlige Leben…

Es ist schon ganz zu Beginn des Textes, daß der Spaziergang Aschenbachs ihn in die Nähe eines Friedhofs führt, dort findet ebenso die Begegnung mit dem mysteriösen Fremden statt, dessen Beschreibung einer zu kurz aufgeworfenen Nase, auch die Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, bis zum Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen hervorbleckten an einen Totenschädel denken lassen, die Figur: der Tod also, dem Aschenbach in dem (Blick)duell unterliegt. Danach die Idee zur Reise, in der Symbolsprache Sterbender (Stichwort: Kübler-Ross) oftmals ein starker Hinweis darauf, daß das Sterben unmittelbar bevorstehen könnte.

Diese gehäuften Hinweise gleich zu Anfang der Geschichte in Verbindung mit dem tatsächlich eintretenden Tod der Figur könnte so interpretiert werden, daß “Der Tod in Venedig” in toto (und nicht nur im allerletzten Teil) eine Geschichte vom Sterben seiner Hauptfigur ist, zumal sich weitere Elemente und Symbole des Todes im Text finden.

Da wären zum Beispiel der Zahlmeister, dem er im höhlenartigen Inneren der schmuddeligen Fähre seinen Obolus entrichtet: erinnert das nicht an Charon, den Fährmann über den Styx? Und legt Aschenbach nicht den zweiten Teil seiner Überfahrt nach Venedig in einem Fahrzeug aus balladesken Zeiten … so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge es sind, zurück, gesteuert von einem zweiten, geheimnisvollen Fährmann? Und Aschenbach soll in den nächsten Wochen noch des öfteren in eine Gondel steigen und sich durch die Kanäle fahren lassen…

Die Stadt Venedig selbst tut Aschenbach nicht gut, das Klima bekommt ihm nicht, die Luft ist schwer und erinnert mit ihren fauligen Dämpfen an Tod und Verderbnis. Aschenbach fühlt sich so schlecht, daß er wieder abreisen will, doch der Tod, der ihn hierher gelockt hat, hat einen starken Köder ausgelegt: die Liebe, eine Liebe, die an ein zweifaches Tabu rührt: das des eigenen Geschlechts und an das des Alters, den das verführerische Objekt der Begierde ist ein vielleicht vierzehnjähriger Knabe, über den gegen Ende der Geschichte festgehalten wird, daß seine Hautfarbe marmorhaft gelblich wie zu Anfang geblieben war. Marmorhaft-gelblich, ist dies nicht die Farbe, die sich im Gesicht Gestorbener ausbreitet, wird Tadzio damit nicht als zumindest Gehilfe des Todes in Venedig deutbar, der ihn zum Schluss der Geschichte, fast in den letzten Zeilen noch ins Verheißungsvoll-Ungeheure locken will? Und wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen…..

Die Gauklertruppe, die vor dem Hotel aufspielt: sie hat einen, der sich hervortut, einen, dessen Beschreibung uns schon ganz am Anfang des Textes begegnet ist, einem Mann mit rötlichen Brauen, einem groß und nackt wirkenden Adamsapfel und einem ebenfalls bleichen, stumpfnäsigen Gesicht. Mit dieser Figur im Mittelpunkt wird die Aufführung der Truppe zu einer Art Totentanz, der Aschenbach mit einem Granatapfelsaft im Becher beiwohnt: der Granatapfelsaft, seit alters her auch ein Symbol des Todes, den der Mann leert wie einst Sokrates seinen Schierlingsbecher….

Möglicherweise läßt sich auch das Bild von der lebhaften lauten Gruppe, die auf dem adriatischen Fährboot auftauchte und den auf jung geschminkten Alten im Zentrum hatte, in diesen permanenten Zusammenhang mit dem Tod stellen, denn Aschenbach unterliegt am Ende der Geschichte selbst dem Zwang, das an ihm, an seinem Körper sichtbare Alter (und damit den nahenden Tod) zu “bekämpfen”, in dem er ihn zumindest unterdrückt, ihn zuschminkt, und versteckt und sich damit so lächerlich macht, wie es weiland der Geck für ihn war.


Der Tod in Venedig gehört zu den Werken Manns, in denen er auch seine persönliche Situation reflektierte. Daß Thomas Mann dem eigenen Geschlecht zugetan war, ist heute kein Geheimnis mehr, in der damaligen Zeit (der Text ist ja weit über ein Jahrhundert alt) war dies völlig anders. Fand Mann in der Figur Aschenbachs ein literarisches Ventil, den inneren Druck seines persönlichen Dilemmas zu mindern, indem er ihr diese homoerotische Komponente, die jedoch niemals in eine aktive Handlung mündete, gab? Eine Sehnsucht, die letztlich zum Tode Aschenbachs führte, denn zweimal hatte er Gelegenheit, Venedig zu verlassen, beide Male blieb er Tadzios wegen…. Schon der Lebenslauf Aschenbachs, wie er sehr kurz angedeutet wird, läßt sich im Zusammenhang des Buches in Sinne einer homoerotischen Neigung deuten: einer früh verstorbenen Frau läßt Thomas Mann keine weitere Ehe folgen, Aschenbach lebt sein Leben in schaffensreicher Einsamkeit.

Ein Schaffen, daß seinem Willen, seiner Zucht geschuldet ist. Das Schreiben ist ihm mittlerweile ein sich täglich erneuernder Kampf zwischen diesem Willen und einer stetig wachsenden Müdigkeit, geschuldet seinen abgenutzten Kräfte, geworden sowie dem Anspruch, daß das Produkt des Schaffens dieser inneren Auseinandersetzung auf keine Weise durch ein Zeichen des Versagens und der Laßheit verraten durfte.

Das Schreiben und das Formulieren tiefgründiger Weisheiten und Gedanken wird ihm, dem geehrten und geadelten Autoren in seinem Aufenthalt in Venedig immer unwichtiger. Der Gedanke an Tadzio erodiert die Zucht, der er sich seit Jahrzehnten unterwarf, diese Erosion findet ihren Höhepunkt in dem Traumbild, das ihn gegen Ende heimsucht: ihm erscheint im Schlaf aus den Tiefen seiner Seele ein grenzen- und tabusprengendes Bacchanal, eine dionysische Orgie der Enthemmung, der Anbetung des Phallischen: all das Jahrzehnte, ein Leben lang Unterdrückte bildet sich hier wieder so wie Aschenbach auch im Lauf des Aufenthalts in Venedig ein anderer wird, der immer mehr von seiner Zurückhaltung auf- und der Versuchung nachgibt – bis hin zum Auflegen der Maske einer längst verflossenen Jugend durch den Kosmetiker.

Thomas Mann hat mit den Buddenbrocks, die zwar nicht seine Erstveröffentlichung waren, die aber doch sehr früh in seinem Schaffen entstanden, einen Maßstab , einen Anspruch an seine schriftstellerische Leistung gesetzt, den einzuhalten eine große Bürde gewesen sein dürfte. In die Schilderung des Aschenbachschen Probleme dürfte also eine Menge persönlicher Erfahrungen mit eingeflossen sein, mag also sein, daß Mann mit Aschenbach, der ursprünglich (zumindest ließ der diesen selbst so denken) der Erholung und des Auftankens willen die Reise in den Süden unternahm, die Bürde, die der Literat, die er – Thomas Mann – selbst zu tragen hatte, sterben lassen wollte, auf daß eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode empfänge…

Abschließend will ich festhalten, daß ich, als ich meine “alte” Buchvorstellung [1] durchlas, sehr erstaunt über mein damaliges Urteil war: Diese Satzkonstruktionen, diese Worte, diese Kunst! schrieb ich…. ganz sicher ist es das immer noch, aber ich muss zugeben (und das war auch die Mehrheitsmeinung in meinem Lesekreis), daß viele Passagen doch recht schwallig und schwülstig daherkommen, meine Begeisterung über den Text sich beim Zweitlesen daher zugegebenermaßen in Grenzen hielt… ungeachtet dessen, daß die Novelle trotzdem natürlich immer noch großartige Literatur ist – und solches bleiben wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Besprechung hier im Blog von 2014:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/18/thomas-mann-tod-in-venedig/, dort sind auch weitere Links zu finden, mit denen ich hier gearbeitet habe.
[2] eine kompakte Übersicht über das Leben Manns ist z.B. hier zu finden: Norman Weiss: Thomas Mann – Gedanken zum 140. Geburtstag; in:  https://notizhefte.wordpress.com/2015/06/06/thomas-mann-gedanken-zum-140-geburtstag/

Thomas Mann
Der Tod in Venedig
Originalausgabe: Hyperion, 1912
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 140 S., 2010

 

 

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