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Dem Buch Der entseelte Patient von Bergman liegt – davon gehe ich aus – die Habilitationsschrift der an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) als apl. Professorin an deren Kulturwissenschaftlichen Fakultät arbeitenden Autorin [1] zugrunde. Zwar wird dies im Buch nicht explizit erwähnt, die Ersterscheinung des Buches 2004 korrespondiert jedoch gut mit dem Auslaufen des Habilitationsstipendiums 2003. Den wissenschaftlichen Charakter der Arbeit merkt man dem Buch ebenfalls deutlich in Aufbau und Sprache an, der Umfang von knapp 450 Seiten umfasst ein Fußnotenverzeichnis von immerhin 70 Seiten und nachgeschaltet ein Literatur- und Quellenverzeichnis von noch einmal knapp 60 Seiten.

Der Inhalt teilt sich in drei Abschnitte:

  • Massensterben und traumatische Todeserfahrung in Europa (14. – 19. Jhdt)
  • Entstehung der modernen Medizin: Rituale des Tötens, Opferns und Heilens
  • Das Opfer im medizinischen Fortschritt: Von der Anatomie zur Transplantationsmedizin

Massensterben und traumatische Todeserfahrung in Europa
(14. – 19. Jhdt)

Etwas überraschend beginnt diese Arbeit über die moderne Medizin und den Tod mit der Aufzählung von Wetter- und Naturphänomenen ab dem 10. Jhdt, die durch Kälteperioden (Kleine Eiszeit), Überschwemmungen, Trockenperioden, Sturmfluten, Erdbeben, Seuchenzüge etc pp immer wieder große Not über Europa gebracht haben. Diese einschneidenden Ereignisse sind nach Ansicht der Autorin für die Entwicklung der modernen Gesellschaft entscheidend gewesen und bis dato gegenüber politischen Faktoren (z.B. Kriege) zu wenig gewürdigt worden. Insbesondere konzentriert sich Bergmann in den folgenden Ausführungen auf die Folgen der diversen Pestausbrüche und Seuchenzüge, die ab dem 14. Jhdt Europa heimsuchten und im Zusammenspiel mit mit Hunger und Armut verheerende Auswirkungen hatten.

Ab dem Herbst 1347 verbreitete sich die Pest rasant von Südeuropa ausgehend durch den ganzen Kontinent, in den folgenden Jahrhunderten folgten diesem Seuchenzug noch viele andere kleinere oder auch größere Ausbrüche, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingeprägt haben. Diese Seuchenzüge, deren (bakterielle) Ursache man natürlich zu dieser Zeit nicht (er)kannte [2], hatten vielerlei Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dazu gehörte in erster Linie die starke Dezimierung der Bevölkerung. Bergmann führt an, daß in Deutschland von 1300 bis 1500 die Zahl der Siedlungen von 170.000 auf 130.000 zusammen schmolz [3]. Im ländlichen Bereich führte dies z.B. dazu, daß der arbeitsintensive Feldfruchtbau zugunsten der weniger aufwendigen Viehwirtschaft zurück ging, sich damit auch die Ernährungsgewohnheiten der Gesamtbevölkerung änderten.

Ein solch katastrophaler Seuchenzug führte in kurzer Zeit zu einem Anfall von vielen Toten. Da vor der Seuche sozusagen alle gleich sind, ging dieses Sterben cum grano salis in allen Gesellschaftsschichten um: letztlich brach die gesamte Sozialstruktur einer Gemeinschaft zusammen, da auch Ärzte, Notare, Priester, Beamte, Handwerker etc pp starben. Der große Anfall von Toten führte ebenfalls dazu, daß die seit altersher bewährten Bestattungsriten nicht mehr wie gewohnt eingehalten werden konnten: zum einen fehlten irgendwann die dazu notwendigen Totengräber und Priester, zum anderen reichte schlicht und einfach der Platz auf dem Friedhof nicht mehr zur Bestattung aller Toten aus: es mussten Massengräber ausgehoben werden, in die die Leichen unter Missachtung aller Riten und Totenrituale gestapelt und mit Erde bedeckt wurden.

Dieser respektlose und unehrenhafte Umgang mit den Leichen führte zu Schuldgefühlen. Noch herrschte die Vorstellung, daß der Tod nicht endgültig ist in dem Sinne, daß auch der Verstorbene vom Jenseits aus Einfluss ausüben kann (guten oder auch schlechten) auf das Leben seiner Angehörigen im Diesseits [4]. Daher war es wichtig, die Angehörigen gut und nach den erprobten Riten zu bestatten, eine Unmöglichkeit in den Zeiten der Pest.

Wusste man auch nicht, welches die Ursache der Krankheit war, so war man sich sehr wohl über die Tatsache bewusst, daß man sich an Erkrankten anstecken konnte, behördliche Massnahmen zielten also darauf ab, Erkrankte zu isolieren und alles, mit dem sie in Berührung gekommen waren, zu verbrennen, d.h. die reinigende Kraft des Feuers einzusetzen. Dies wurde mit recht rabiaten Methoden durchgeführt: Erkrankte und ihre Familien wurden beispielsweise in ihren Häusern eingemauert oder die Türen und Fenster wurden mit Brettern verschlossen, Essen wurde durch Klappen hineingereicht. Verbrannt wurde nicht nur die Kleidung, sondern auch Mobiliar, ja, ganze Häuser wurden in Brand gesetzt. Selbstverständlich war die Weitergabe, der (Ver)Kauf  von z.B. Kleidung Erkrankter strengstens verboten.

Isolierstationen wurden gegründet: die ersten Lazarette sind Lager für Pestkranke, die dort von der Umwelt abgetrennt werden. Die Verhältnisse in diesen Lazaretten müssen grauenhaft gewesen sein. Es war auch nicht so, als ob diese Massnahmen ohne Widerstand durchgesetzt werden konnten: viele Familien versteckten ihre erkrankten Angehörigen, wehrten sich dagegen, daß ihre Habe verbrannt werden sollte, bestachen Ärzte oder Beamte. Diebstahl, Raub und Plünderungen bei Betroffenen waren an der Tagesordnung, denn mit dem Umgang mit Pesterkrankten waren gerade die sozialen Schichten beauftragt, die unzuverlässig und ehrlos waren.

Auch die Gemeinwesen selbst waren in der Zwickmühle: die offizielle Feststellung oder auch nur das Gerücht, daß eine Stadt von der Pest betroffen sei, führte zur sofortigen Isolation, sämtliche Handelsbeziehungen brachen zusammen, einen Warenaustauch gab es nicht mehr. Umgekehrt wurden in Zeiten der Pest automatisch alle Fremden,  die in eine Stadt kamen, misstrauisch beäugt und ggf. sofort in Isolation genommen. Unter diesen Personenkreis fielen insbesondere die Nicht-Sesshaften: Arme, Zigeuner, fahrende Händler und Handwerker, also oftmals Juden, auf die mithin ohne konkreten Verdacht, einfach, weil sie dieser Personengruppe zugehörten, förmlich Jagd gemacht wurde: eine Stigmatisierung, die sich tief bis in unsere Zeit eingeprägt hat.

Alle Personen, die mit der Pest in Berührung kamen (Ärzte, Totengräber etc pp), mussten bestimmte Kleidung und Kennzeichen tragen, ein System, das sich über die Pestzeiten hinaus erhalten hat. Da der Umgang mit den Toten viele Tabus verletzte und daher auch in dieser Hinsicht gefährlich war, gerieten die Betreffenden an den Rand der Gesellschaft, wurden Aussgestoßene oder sie wurden gleich aus solchen sozialen Gruppen requiriert.

Auch das Töten durch Gas (Vergasen) hat seinen Ursprung nach Bergmann in der Pestbekämpfung. Da Ratten auf Schiffen als Hauptgefahrenquelle erkannt worden waren, sie aber auf den verwinkelten Schiffen nur schwer zu bekämpfen waren, wurde ab Beginn des 20. Jhdt die Vergasung mit Kohlenmonoxid eingeführt – das Dritte Reich übernahm diese Methode dann für die Massenermordung der Juden, auch eine weitere Gleichsetzung von Juden und Ungeziefer [5], überhaupt ähnelt das gesamte Prozedere der Konzentrationslager fatal dem der Pestlazarette, es scheint bis hin zur räumlichen Aufteilung der Lager fast 1:1 übernommen.

Die Pestbekämpfung und sich über Jahrhunderte entwickelnde Seuchenpolitik, so ein Resümee der Autorin, ist bis dato vor allem auf medizinische und hygienische Fortschritte fokussiert gewesen, hingegen blieben die sozialpsychologischen Auswirkungen der Isolationspraktiken weitgehend ausgeblendet, die Implikationen, die sie in Bezug auf Projektionsbildung und Stereotypenbildung hatte, wirken weit über den Nationalsozialismus hinaus.

Entstehung der modernen Medizin: Rituale des Tötens, Opferns und Heilens 

Da sich Pest, Hunger und Not über Jahrhunderte hinweg hielten, waren sie nicht weiter geeignet, apokalyptische Visionen eines bevorstehenden Weltuntergangs zu bedienen, andere Erklärungsmuster in dieser von Tod, Angst und Trauer gekennzeichneten Welt waren vonnöten. Der Tod, der massenhafte Tod, konnte nicht mehr als religiöses, heilsgeschichtliches Ereignis gelten, langsam dämmerte die düstere Ahnung, er könne etwas Endgültiges sein und fortan war das Motiv, diesen endgültigen Tod zu bekämpfen, ein treibendes Moment für den Menschen: die ungeheure Anstrengung der Weltverbesserung, die die Moderne auf sich nimmt, ist eine Kampfansage an diesen Tod. Letztendlich, so führt die Autorin aus, liegt in diesem Bestreben auch ein ganz starke Ursache für das Aufkommen der Naturwissenschaften ab der Renaissance. Da man der Willkür der Natur nicht mehr ausgeliefert sein wollte, wendete sich der Mensch vom mittelalterlichen Buchwissen ab hin zu einer praktischen bis experimentellen Beschäftigung mit der Natur. Für Mediziner bedeutete dies z.B., daß jetzt das bis dato ignorierte Wissen, das bei Hebammen, Badern, Chirurgen vorhanden war, wichtig wurde.

Diesen einsetzenden Wissensdurst zu stillen, bedurfte es der Untersuchungsobjekte. Vesalius [6] war es 1537, der eine öffentliche Sektion an einer Leiche durchführte, also das starke Tabu durchbrach, das die Toten, auf deren Wohlwollen man ja auch nach ihrem Tod angewiesen war, bis dahin schützte. Sektionen an Leichen, vornehmlich, soweit legal beschafft, an Hingerichteten, wurden jetzt hin und wieder erlaubt. Wie tabubehaftet diese Auslieferung an einen Anatomen aber noch waren, verdeutlicht die Tatsache, daß sie als strafverschärfend für den Malefikanten wirken sollten. So wie der Anatom durch die Untersuchung der Leiche ein starkes Tabu verletzte, verletzte es auch der Henker bei der Hinrichtung eines zum Tode Verurteilten. En Detail analysiert Bergmann die strenge Ritualisierung des gesamten Prozesses gegen eine/n Beschuldigte/n, in dem auch der Folter ein reinigender, purgativer Charakter zukam, mit dem Ziel, den Übeltäter zu echter Reue zu verhelfen, so daß er als “armer Sünder” reingewaschen dem Tod überantwortet werden konnte: Die Hinrichtung als “harmonischer Akt” zwischen dem Geläuterten und dem Henker, eingebettet in vielerlei Rituale.

Die Analoga zwischen der Funktion/Person des Henkers und der des Sektion/Person des Anatomen, die beide mit Leichen hantierten, also im “ehrlosen” Raum wie seinerzeit die Personen, die mit den Pesterkrankten zu tun hatten, sind nach Bergmann zahlreich und groß, bis hin zu den öffentlichen Aufführungen in theaterähnlichen Räumen, in denen die Zergliederung des Leichnams durch den Arzt der den Körper malträtierende Marterung in der Folter entspricht.

Dem  Scharfrichters kamen nach Bergmann zweierlei Funktionen zu: zum einen war er derjenige, der den “armen Sünder” vom Leben in den Tod brachte, also derjenige, der dem Tod sehr nahe kam, vom gesellschaftlichen Leben war ein Scharfrichter daher weitgehend ausgeschlossen. Ferner war er, der die Gesellschaft von schlechten Elementen reinigte, oft auch für die ganz profane Reinigung z.B. von Kanälen, Abtrittgruben etc zuständig. Auf der anderen Seite schrieb man Hingerichteten magische Kräfte zu, bei den unter großer Publikumsbeteiligung und sakraler Begleitung stattfindenden Exekutionen kam es häufiger zu Tumulten, wenn die Umstehenden z.B. versuchten, das Blut Enthaupteter aufzufangen und zu trinken. Es entwickelte sich ein richtiggehender Medizinzweig, in dem aus Leichen gewonnene Präparate zur Heilung eingesetzt wurden [vgl. 8], der Hingerichtete war zum helfenden Toten geworden. Der Henker als derjenige, der mit den Malefikanten zu tun hatte war auch derjenige, der durch seine Tätigkeit Kenntnisse der Anatomie und allgemeiner Heilkunde hatte.

Eine weitere große Umwälzung fand in der Philosophie mit Descartes statt. Waren im Mittelalter alle Lebewesen als göttliche Geschöpfe beseelt, sprach Descartes ihnen diese Seele ab, Tiere waren im nicht mehr als Reiz-Reaktions-Maschinen, Automaten also, nur dem Menschen kam eine Seele zu. Uns heutzutage seltsam anmutend ist damit auch die Tatsache, daß im Mittelalter durchaus auch Tiere vor Gericht gestellt und gegen sie prozessiert wurde [7].

Obwohl, wie oben angedeutet, die Hinrichtung im Ideal als harmonischer Akt zwischen zwei Akteuren (Henker und Malifikant) stattfinden sollte, durfte der Scharfrichter nicht mit dem zu Exekutierenden in Berührung kommen: strenge Kleidervorschriften (Handschuhe, Kapuzen) und die Verwendung von “Distanz”werkzeugen (Schwert, Beil) halfen dabei. Aber immer ging es noch um den Einzelnen. Mit dem Aufkommen “maschineller” Hinrichtungsmethoden, sprich: der Guillotine, änderte sich dies: der Scharfrichter wurde bei der “Fließband”arbeit dieser Hinrichtungen zum reinen Maschinisten, der zum Tode Verurteilte wurde zum Werkstück, dessen Kopf abgetrennt werden musste, entwürdigt.

Ein weiteres Kapitel widmet die Autorin den “Anatomischen Theatern”, in denen die öffentlichen “Zergliederungen” von Leichen stattfanden. Die Räumlichkeiten waren in der Tat einem Theater nachempfunden mit Rängen für das zahlende Publikum (bei der Zergliederung eines weiblichen Leichnams waren die Eintrittsgelder deutlich höher als bei männlichen Leichen) und einer Bühne, auf der wie bei einem Theaterstück, die Zergliederung vor meist hochkarätigem Auditorium stattfand. Stand kein Theater zur Verfügung, wurden diese Vorführungen auch häufig in Kirchen abgehalten. Diese Spektakel erhoben durchaus den Anspruch der wissenschaftlichen Erforschung des menschlichen Körpers, die benötigten Leichen waren begehrt, staatliche Stellen mussten die Erlaubnis für solche Sektionen geben. Die derart untersuchten Leichen wurden in gewisser Weise wieder zu Leben erweckt: als Abbildungen in anatomischen Lehrbüchern oder nach Mazeration als Skelette in Sammlungen…. der Tod wurde endgültig rationalisiert, seiner Magie beraubt.

Bergmann sieht hier eine bis in moderne Zeiten laufende Kontinuität der “Nutzung” von Hingerichteten, als Beispiel sei China genannt, wo zum Tode Verurteilten noch vor der Exekution Organe entnommen werden für Transplantationen.

Das Opfer im medizinischen Fortschritt:
Von der Anatomie zur Transplantationsmedizin

In diesem dritten großen Kapitel ihrer Arbeit untersucht Bergmann, welche Auswirkungen der Verwissenschaftlichung der Medizin, die den Menschen (lebend und als Toten) zum reinen Objekt degradiert, auf die Entwicklung der Medizin hat. Wesentlich ist beispielsweise, daß die Psychiatrie Definitionsgewalt bekommt: sie kann über die Attribute “normal” und “un/abnormal” und damit über den sozialen Status entscheiden. Abnormales wird separiert und in Lagern konzentriert, hier sind diese minderwertigen Menschen verfügbar.

Bergman beschreibt ausführlich, in welcher Art und Weise die medizinische Forschung in der beginnenden Neuzeit betrieben wurde, sei es nun an “liederlichen” schwangeren Frauen, an Häftlingen oder auch in Kolonialgebieten an Eingeborenen. Es sind bedrückende Schilderungen, die dort zu lesen sind und sie erinnern an Zusammenhänge, die man sich normalerweise nicht mehr klar macht: Wie zum Beispiel hat Robert Koch seine bedeutenden bakteriologischen Entdeckungen erforscht? Wie sind Impfstoffe entwickelt und getestet worden: Der (minderwertige) Mensch als Versuchsmaterial, zum Teil mit Ratten in einem Zusammenhang genannt (Wir unternahmen unsere Versuche “.. an einem Material von etwa 100 Ratten und 20 Kindern…“), wie wurde der Nachweis geführt, daß zum Beispiel Lepra eine Infektionskrankheit ist. Versuche, Mediziner rechtlich wegen zum Beispiel Körperverletzung zu belangen, waren erfolglos, der Staat stützte das Vorgehen der Forscher und ging gegen Exzesse nicht vor. Der Mensch, bzw. der sozial ausgegrenzte Mensch wurde zum Forschungsobjekt eines reduktionistischen naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Dies galt auch für den Bereich der “Chirurgie”. Die schon in früherer Zeit durchgeführten Vivisektionen an Tieren wurden auf Menschen übertragen und mit dem höheren Ziel, dem sie dienten, gerechtfertigt: der wissenschaftliche Fortschritt sei von elementarem Interesse für die Gesellschaft. Nahtlos scheint das mittelalterliche System übernommen worden zu sein, das “tötbare Leben” zum Tode Verurteilter für die Forschung zu nutzen gegen die Hoffnung auf eine Anrechnung als Strafverbüßung im Falle des Überlebens… Das Arzttum, besonders auch das Arzttum im Kriege, erfordert in dieser Geisteshaltung Mut, Grenzen zu überschreiten und stellt die Spitze der Mannhaftigkeit dar. In diesem Sinn ist folgerichtig die medizinische “Forschung” im 3. Reich durch die Menschenversuche in den KZs keine Ausgeburt von Hass und Menschenverachtung, sondern die konsequente Endstufe dieser entmenschlichenden und entseelenden Vorgehensweise, die als Metapher auf die gesamte Gesellschaft, den Volkskörper, angewendet wird: dieser wird gesundet, in dem die kranken, minderwertigen Teile entfernt werden.

Der letzte Teil des Buches befasst sich mit der Verwertung von Leichenteilen durch die Übertragung bzw. Verpflanzung von Organen. Dieses Thema ist nicht diskutierbar, ohne daß man den Begriff “Tod” derart fasst, daß er als Kriterium für ärztliches Handeln verwendbar ist. Seit 1997 ist dafür in Deutschland mit dem Transformationsgesetz die gesetzliche Grundlage geschaffen, hier wird die Feststellung des Hirntods als Kriterium festgeschrieben [9]. Bergmann geht ausführlich auf die Probleme, die mit der Feststellung des Hirntods und der eigentlichen Organentnahme zu tun haben ein, bei der die Totenwürde des Spenders oftmals sehr angegriffen wird und auch ansonsten viele der mit Sterben und Tod verbundenen Tabus verletzt werden. Letztlich plädiert sie für eine Rückkehr zu einer ganzheitlichen Medizin, die diese Konzentration auf einzelne Organe und Körperteile zugunsten einer Gesamtbetrachtung des Menschen als Geist/Körper-Wesen aufgibt.


…Das Buch von Bergmann einzuordnen fällt nicht ganz leicht. Der erste Abschnitt, in dem sie über die vierhundert Jahre Pest in Mitteleuropa schreibt und über die Prägung, die sie im kollektiven Bewusstein hinterließ, ist hochinteressant. Es gelingt ihr hier ganz hervorragend, Zusammenhänge deutlich zu machen, historische Entwicklungen aufzuzeigen, die bis in die Gegenwart reichen (Stichworte: SARS, Vogelgrippe, MKS u.a.) und beispielsweise Massnahmen wie Quarantäne, Isolierung, Impfung, Keulung, Stigmatisierung umfassen.

Je näher wir der Neuzeit kommen und sich eine “moderne” Medizin herausbildet, desto deutlich sind die Vorbehalte Bergmanns zu spüren. Die Person des Scharfrichters, der auch als Heiler fungiert, das Bemühen, ein rationales Erklärungsmuster für die Katastrophen wie die Pest zu finden, die in eine Medizin führen, die handwerklich und invasiv den Leichnam seziert (Stichwort: anatomisches Theater) und damit zum Objekt macht und die Descartes´sche Polarität Geist-Körper ganz praktisch umsetzt, all das ist ihr suspekt. Je näher wir zeitlich der Jetzt-Zeit kommen, desto mehr gewinnt man aus dem Buch den Eindruck, die forschende Medizin dieser Zeit sei eine durchweg kriminelle, menschenverachtende Tätigkeit gewesen – ob dieser Eindruck, der die Auswüchse für das Ganze nimmt, korrekt ist, kann der normale Leser, der kein Fachmann ist, wohl nicht beurteilen.

Ganz exponiert äußert sich Bergmann abschließend zum Thema der Organtransplantationen und zum Hirntod-Konzept. Diesen Abschnitt würde ich als tendenziell und nicht objektiv einstufen, die Autorin intendiert hier eine massive Ablehnung der Transplantationsmedizin. Einen Satz wie “Mit Ausnahme der nationalsozialistischen Ära, als der Staat in enger Verschmelzung von Justiz und Medizin auf Grundlage eines erbbiologischen Diagnoseschemas die massenhafte Durchführung von Sterilisationen als “Therapie” für das Wohl des “Volkskörpers” anordnete, ist es ein Novum in der Geschichte des modernen Staates, die Durchsetzung einer sehr speziellen und im Tötungsverdacht stehenden Therapieform zur staatseigenen Aufgabe zu erklären.” muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die staatliche Förderung der Transplantationsmedizin wird hier – mit dem luziden Hinweis, man würde gerade dies nicht machen – in Analogie gesetzt zu den erbbiologischen Exzessen des Nationalsozialismus, ferner wird (zum wiederholten male) suggeriert, sie würde die Organspender bei lebenden Menschen vornehmen und diese erst durch die Spende töten.

Bei aller Kritik, die am Hirntodkonzept geäußert werden können, verschweigt Bergmann wichtige Fakten. Der lebende Eindruck, den ein Hirntoter macht und der es so schwer macht, ihn als Leiche zu sehen, ist ein künstlich aufrecht erhalter Zustand. Wenn nach Feststellung des Hirntods (für den Fall, daß keine Organentnahme erfolgen soll) die künstliche Beatmung auf jeden Fall abgeschaltet wird, bleibt das Herz nach kurzer Zeit stehen und der seit alters her “gewohnte” Herztod tritt ein, die Atmung setzt aus und der Körper verliert Farbe und wird kalt.

Auch auf die klare Feststellung, daß ein Verzicht auf Organtransplantationen den frühzeitig Tod vieler Menschen bedeuten würde, die mit transplantierten Organen länger leben würden, verzichtet Bergmann. Im Gegenteil versucht sie aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen und Nachteile mit der Transplantation für den Patienten verbunden sind. Verdeutlicht man sich jedoch, mit welcher Energie Menschen, die im Sterbeprozess liegen, oft noch für manchmal nur ein paar Tage weiteres Leben kämpfen und bereit sind, Belastungen dafür auf sich zu nehmen, relativieren sich diese Ausführungen der Autorin, die auf der letzten Seite ihres Buches den Wunsch nach einer neuen, ganzheitlich orientierten Ausrichtung der Medizin mit entsprechenden zweckgebundenen Neudefinitionen des Lebens und des Todes, der die therapeutische Verwertung .. von Körperteilen sterbender Patienten methodisch ausschließt. .. und äußert auch hierbei wieder polemisch unterstellt, daß transplantierte Organe von lebenden Menschen stammen.

Diese Kritik hat nichts damit zu tun, daß auch ich der Ansicht bin, daß der Mensch als Wesen seine Sterblichkeit annehmen muss und nicht alles, was im medizinischen Sinn machbar erscheint, auch durchgeführt werden sollte. In diesem Sinne sind selbstverständlich ebenso medizinische Forschungsvorhaben auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen [10]. Meine Kritik bezieht sich vielmehr auf die Darstellung der Autorin, die zum einen prinzipiell negativ ist und die zum zweiten immer wieder suggeriert, ein Organspender würde (entgegen dem, was allgemein anerkannt ist) erst durch der Organentnahme getötet. Im Gegensatz zu dieser Andeutung ist nach korrekter Hirntodfeststellung und dem nachfolgenden Abschalten der künstlichen Beatmung (in Deutschland ca. 4000 mal pro Jahr) noch niemand wieder “aufgewacht” [9].


Der entseelte Patient ist somit kein einfaches Buch, es ist sicher nicht für den Massenmarkt geschrieben. Wer es liest, muss bereit sein, sich durch komplizierte Satzkonstruktionen zu wühlen und entsprechenden Gedankengängen zu folgen. In weiten Teilen lohnt sich diesund belohnt mit neuen Erkenntnissen und einer Vielzahl von Fakten.

An mancher Stelle hätte ich mir allerdings mehr Genauigkeit gewünscht. Im Abschnitt beispielsweise, in dem es um Anatomische Theater geht, werden die Begriffe: Vivisektion, Menschenversuch, Menschenvivisektion, Menschenexperiment, Menschenopfer, Humanversuch verwendet, ohne daß deutlich wird, ob dies Synonyma sind oder daß sie gar definiert wären. Ähnliche Fragen wirft die Verwendung der Begriffe Hirntod, Koma, hirntodverdächtig, hirnsterbend auf, die man gerne – vor allem hinsichtlich einer evtl unterschiedlichen Bedeutung – definiert gesehen hätte. Auch diese kleinen Nickeligkeiten wie “IG Farben (heute: BASF)” [vgl 5] untergraben im großen Zusammenhang des Buches ein wenig das Vertrauen in die Sorgfalt der Autorin. Daß das abschließende Kapitel, das sich mit der Transplantationsmedizin befasst, meines Erachtens nicht geeignet ist, über diesen Themenkomplex zu informieren, weil die Autorin hier mit einer eindeutig ablehnenden Grundeinstellung nicht mehr objektiv darstellt, mindert den ansonsten guten Gesamteindruck des Buches in meinen Augen erheblich.

So bleibt mir abschließend zu diesen hochinteressanten Buch leider nur zu sagen, daß das Lesen durchaus ein Gewinn ist, man es mit einem kritischen Auge betrachten sollte.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: http://www.kuwi.europa-uni.de/de/….bergmann_anna/index.html
[2] zur Geschichte der Pest siehe auch diesen Übersichtbeitrag der Wiki:  http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Pest
[3] wobei interessant zu wissen wäre sowohl, was für diesen Zeitraum unter “Deutschland” verstanden wird, als auch das Zustandekommen der Zahlen.
[4] ich erlebe gerade im engen Freundeskreis, daß fest daran geglaubt wird, die verstorbene Mutter würde jetzt, von den Behinderungen ihres irdischen Daseins befreit (Krankheiten, Demenz), wieder aktiv und helfend in das Leben der Kinder eingreifen, für die Betroffenen eine Vorstellung mit viel Trost.
[5] 1950 verfügten die Alliierten in den Westzonen die Entflechtung der I.G. Farben. Am 30. Januar 1952 entstanden hieraus die folgenden 11 Unternehmen: Agfa, BASF, Cassella GmbH, Chemische Werke Hüls AG, Bayer AG, Hoechst AG, Duisburger Kupferhütte AG, Kalle & Co. AG, Dynamit AG, Wasag Chemie AG und Mainkur AG. (Quelle: Wiki-Beitrag zur BASF: http://de.wikipedia.org/wiki/BASF). Die Formulierung im Buch (S. 77) im Zusammenhang mit der Produktion von Zyklon B “I.G.-Farben (heute: BASF)” ist zumindest missverständlich, zumal selbst die Produktion des Giftgases nicht bei der “BASF”, sondern bei der “Degesch” (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) erfolgt war.
[6] Wiki-Artikel zu Vesalius: http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Vesalius
[7] Philip Bethge weist in einem Aufsatz darauf hin, daß diese skurril anmutende Einstellung durchaus ihre humanen Seiten hat: heutzutage wird ein Hund, der ein Kind verletzt, häufig sofort aus dem Verkehr gezogen, sprich eingeschläfert. Früher hätte er ggf einen Prozess bekommen und damit eine Chance…. (denn das falsche Verhalten, das zu solchen Unfällen führt, liegt oft beim Menschen, nicht beim Hund…), in: Philip Bethge: Kriminelle Käfer, DER SPIEGEL 9/2015, S. 122
[8] Philip Bethge: Die Heilkraft des Todes in: http://www.spiegel.de/spiegel/a-604175.html
[9] vgl: Klaus Schäfer: Hirntod, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/26/klaus-schafer-hirntod/
[10] Das Vorhaben, über den diese Meldung berichtet, wäre sicherlich so etwas, dessen Sinnhaftigkeit zu hinterfragen wäre: Ulli Kulke: 2017 soll der erste Kopf transplantiert werden; in: http://www.welt.de/vermischtes/article137912632/2017-soll-der-erste-Kopf-transplantiert-werden.html

Anna Bergmann
Der entseelte Patient
Die moderne Medizin und der Tod
diese Ausgabe: Steiner, HC, ca. 450 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zuverfügungstellung eines Leseexemplars.

John Williams (1922 – 1994) [1] hat zu Lebzeiten nur vier Romane geschrieben, ein fünfter liegt als Fragment vor, ist aber unveröffentlicht. Letztes Jahr erzielte er posthum einen überraschenden Welterfolg mit seinem schon 1965 erschienen und 2012/2013  neu aufgelegten Roman Stoner um einen amerikanischen Professor für Englische Literatur. Das vorliegende Buch, auch dies eine Neuauflage, ist älter als Stoner [5], er wurde schon 1960 erstveröffentlicht, will man also Parallelen oder Vergleiche ziehen zwischen diesen beiden Werken – und dies liegt nahe -, ist dies zu berücksichtigen.

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Williams führt uns zurück in´s Jahr 1873, in den späten Hochsommer, August. Butcher´s Crossing, eine miese, staubige, verdorrte Ansammlung von wenigen Hütten und einigen Zelten, nicht allzuweit weg vom Smokey Hills Trail [3], den wir im Verlauf der Handlung noch kennen lernen werden. Ein Barbier (entlarvenderweise mit Joe Long Barbar beworben), ein Saloon, ein Hotel, eine Kurzwarenhandlung, Schmied und Stall, etwas ausserhalb McDonald, ein Fellhändler und in der Stadt ein paar Prostituierte, die, so werden wir erfahren, überlebenswichtig sind für den Ort. Ein paar Leute also, die dort leben und viele, die dort nur eine Durchgangsstation haben: Jäger auf der Jagd nach Büffeln, Butcher´s Crossing eben: die Kreuzung der Schlachter….

Doch die “große” Zeit der Jagd nach Bisons ist vorbei, das ganz große Gemetzel ist gehalten, schon sind die Herden – sofern noch da – geschrumpft auf wenige Tiere und müssen erst gesucht werden; die Felle sind klein und schlecht und die Erinnerung der Jäger an die alten Tage voller Wehmut. Und mit den Bisons ist der Indianer verschwunden, Williams läßt ihn an einer Stelle im Roman noch einmal auftreten, so armselig erscheinen sie in dieser Szene, daß sich für die Vorbeireitenden das Erschießen nicht lohnt. Jetzt liegt die Hoffnung vieler auf der Eisenbahn, die vielleicht in den Ort kommen wird….

In diese Szenerie von Butcher´s Crossing holpert die von Mulis gezogene Postkutsche, umwabert von einer Wolke aus Staub, Hitze und Schweiß. Noch ist schwach die Bügelfalte in der Hose zu erkennen, schütter drängt das Haar am Kinn durch die Haut, das Gesicht, die Hände: noch weich die Haut. So trifft nach vierwöchiger Reise die Hauptfigur des Romans William (Will) Andrews, in Butcher´s Crossing ein.

Ich will nur ich selbst werden.

William Andrews ist noch jung, kaum über zwanzig Jahre alt. Nach drei Jahren hat er sein Studium an der Harvard Universität in Boston aufgegeben, eine Sehnsucht, im Inneren tobende Fragen nach seinem wirklichen “Ich”, dem, was er als sein “Selbst” erkennen will, haben ihn in den Westen getrieben. Warum es ausgerechnet Butcher´s Crossing ist, in dem er strandet, bleibt unklar, vielleicht liegt es an dem Empfehlungsschreiben, das ihm der Vater, ein Prediger, an seinen weitläufigen Bekannten aus früheren Tagen, den schon erwähnten Fellhändler McDonald, mitgegeben hat.

In diesem ersten Abschnitt des Buches erinnert William Andrews in einigen Aspekten stark an Henry David Thoreau. Nicht umsonst ist dem Buch ein Zitat von Ralph Waldo Emerson, einem engen Freund Thoreaus, vorangestellt. Thoreaux hatte sich 1845 auf dem Grundstück seines Freundes Emerson eine Blockhütte gebaut, in der er die nächsten zwei Jahre abseits der Zivilisation in der Natur gelebt hat. Thoreau hat darüber in seinem Buch “Walden oder Leben in den Wäldern”  berichtet, einem der einflussreichsten Bücher der amerikanischen Literatur, so etwas wie eine Bibel, ein Klassiker der Alternativen [2]: „Ich zog in die Wälder, weil ich bewusst leben, mich nur mit den wesentlichen Dingen des Lebens auseinandersetzen und zusehen wollte, ob ich das nicht lernen konnte, was es mich zu lehren hatte, um nicht auf dem Sterbebett einsehen zu müssen, dass ich nicht gelebt hatte.” [2b]

Ebenso wie der Protagonist des Romans studierte Thoreau in Harvard, so wie Andrews sein Studium aufgab, um in die Natur zu gehen, so verließ jener den Schuldienst, weil er nicht bereit war, sich der üblichen Prügelpädagogik zu unterwerfen. Konnte Thoreau stundenlang an einer Stelle verharren, um Tiere zu beobachten, so läßt John Williams seinen William stundenlang am Fenster seines Hotelzimmers verbringen mit einem sehnsüchtigen Blick in die Natur ausserhalb der Hütten, in die es ihn so zieht… [2b]

Den gut gemeinten Rat McDonalds, nicht wie all die anderen den Verlockungen und Verführungen zu verfallen, sondern bei ihm zu arbeiten, schlägt Will spätestens dann endgültig in den Wind, als ihm Miller von seinem großen Traum erzählt. Mögen die Bisonherden auch überall klein geworden sein, Miller kennt eine Herde in einem versteckten Hochtal, die noch groß ist, die noch nicht bejagt worden ist. Zwar sei dies gut ein Jahrzehnt her, daß er dieses Tal entdeckt habe, aber dort könne man noch eine große Jagd haben….

Will läßt sich von diesem Traum anstecken, er erklärt sich bereit, die Jagd zu finanzieren, Miller, der sich (so muss selbst McDonald, der ihn nicht ausstehen kann, einräumen) mit der Jagd und der Landschaft auskennt, organisiert sie…. Will kann es kaum erwarten, aufzubrechen. Nicht nur zieht ihn die Sehnsucht wie magisch nach draußen, auch will er hier weg, eine Art Flucht, denn die üppige Landschaft ihres Körpers, die ihm Francine anbot, nicht weil sie arbeitete, im Gegenteil, die stieß er von sich, die Bilder all der Männer, die ihr Gesicht schon gesehen, die Lippen geküsst, ihren Atem gespürt haben, ekelten ihn, ihn, der das Wahre sucht, die Reinheit, die Unverfälschtheit.  So weich sind seine Hände noch und sein Gesicht, doch Francine prophezeit es ihm, drei, vier Tage lang bist du noch weich und jung. Doch William riss die Tür auf und rannte hinaus und dachte …. an die drei, vier Tage, die er an diesem Ort noch warten musste

Miller ist der unumstrittene Führer der kleinen Gruppe, die sich auf den Weg macht. Es ist kein einfacher Ritt, er führt erst den Trail [3] entlang Richtung Colorado, dann biegen sie in die freie Prärie ein. Hitze umgibt sie, ein endloses Grasmeer mit Hügeln, die wie sanfte Wellen auf und ab schwingen und die Zeit in sich aufnehmen, die es nicht mehr zu geben scheint, so ununterscheidbar ist alles geworden. Zeit ist spürbar nur in der Veränderung, im Geschehen und auf diesem Ritt versinkt alles in einer Art ewigen Gleichmass´….. Durst quält sie und die Hitze und der ewig gleiche Anblick um sie herum, sie sind in der Natur, so wie es sich William gewünscht hatte, aber die Natur schmerzt, alle Glieder tun ihm weh vom Reiten, der Mund trocknet aus, Zunge und Lippen werden dick und schwerfällig, die Haut verbrennt…. Aus Zeit und Raum gefallen schöpfen sie irgendwann neue Energie, als sie eine dunkle, schmale Linie am Horizont erkennen: die Berge, sie kommen ihrem Ziel näher….. endlich.

Der Aufstieg in die Berge mit den Ochsengespann ist schwer, aber sie schaffen auch dies und sehen im (paradiesischen, weil noch nicht vom Menschen entdeckten) Talgrund die Herde, die Miller entdeckt hatte, grasen. Hunderte, Tausende von Büffeln, die im Grasmeer weiden, sich vollfressen, arglos, nicht ahnend, daß der Tod in ihr Paradies Einzug gehalten hat…

McDonald hat nicht übertrieben, Miller kennt sich aus. Mit der Präzision einer Uhrwerks weiß er die Büffel zu töten, -zig von ihnen, Hunderte, Tausende… als wäre ein riesiges Metronom über das Tal gestülpt, hallen die Echos seiner Schüsse durch die Landschaft, unaufhörlich von morgens bis abends… und der Geruch des Todes fängt an, sich im einst paradiesischen Tal einzunisten, das Fleisch der Büffel fault und stinkt, so eng liegen sie, daß man auf ihnen laufen könnte wie auf eienm Teppich ohne den Boden zu berühren, Fliegenschwärme färben die Kadaver schwarz und des nachts kommen die Wölfe, doch selbst diese werden getötet, feige durch Gift.

Miller tötet solange, bis ein plötzlicher Wetterumschwung den Winter mit Sturm und Schnee bringt, der den Tod unter einer weißen Decke verbirgt, der aber die Unschuld nicht bringen kann. Die vier Männer müssen im Tal überwintern, monatelang sind sie dort eingeschlossen und allein. Auch hier, wie schon im Grasland, scheint die Zeit nicht mehr zu existieren, ein Tag ist wie der nächste, nichts verändert sich mehr unter dem Schnee, alles, was die Männer machen können ist warten, Nahrung besorgen, das Feuer unterhalten. Jeden Tag auf´s Neue…

Sie wachsen nicht zusammen, sondern entfernen sich immer weiter voneinander. Schneider, der Häuter, rebelliert des öfteren, kann sich aber gegen den souveränen Miller nicht durchsetzen, so sondert er sich ab und wird seltsam. Miller tötet die Tiere, das es ein Morden ist, das Schießen wird sein Lebensinhalt, es ist Teil seines Wesen. Den anderen gegenüber wird er immer verschlossener und unzugänglicher. Und William? Trotz aller Entbehrungen spürt er dem Zauber der Landschaft nach, der Faszination der Natur, auch wenn er scheinbar herzlos wie die anderen mit den Tieren umgeht.

Im Frühjahr, nachdem der größte Teil des Schnees geschmolzen ist, können sie endlich aufbrechen, mit einem Wagen, hochbeladen mit Fellen, obwohl sie die allermeisten zurücklassen müssen, um sie später zu holen. Es sei hier nur verraten, daß sie wieder nach Butcher´s Crossing kommen, aber einer von ihnen wird sterben auf der Fahrt und in den Händen werden sie nicht mehr haben als zerronnene Träume, denn außerhalb des Tals und der Graswüste hat die Zeit sich weitergedreht. Unserem Helden ist dies gleichgültig, er war sowieso aus anderem Grund gefahren, das Töten, die Felle, interessierten ihn nie wirklich und einiges weiß er jetzt über sich, es ist genug, um dieses Mal in Francines Zimmer zu bleiben, in ihren Landschaften zu träumen, aber nicht genug, um sich damit zufrieden geben zu können….


Butcher´s Crossing ist ein großartiger Roman. Es ist eine auf wenige Personen herunter gebrochene Geschichte Amerikas. Eines Landes, das auf Blut gegründet ist, das tötete, mordete, weil dies das Wesen der Neuankömmlinge war. Miller metzelt nicht im Blutrausch, wie man beim Lesen unwillkürlich denken mag, an einer Stelle betont Williams ausdrücklich, daß die Vernichtung der Büffel nicht als Blutrausch zu begreifen war, … das Abschlachten war vielmehr die kalte, hirnlose Reaktion auf das Leben, auf das Miller sich eingelassen hatte… Es war das Töten um des Tötens willen, weil er dazu in der Lage war und weil er sich zu diesem Töten entschlossen hatte. In einem Nebensatz erwähnt der Autor, daß seine Figur Miller auch schon beim großen Abschlachten der Biber mitgemacht hatte, das mit einer analogen Erfahrung für ihn endete. 1960 geschrieben liefert der Roman auch für heute eine passende Beschreibung, für das Verprassen des natürlichen Reichtums der USA, für das Zerstören der eigenen Lebensgrundlage. Diese destruktive Energie in seiner Figur des Miller wird noch einmal gegen Ende des Romans sehr deutlich: mit Feuer rächt er vermeintliches Unrecht, das ihm widerfahren ist – dabei fiel er nur in die Grube, an der er selbst so fleißig schaufelte….

Der bulgarische Wissenschaftler Zwetan (Tzvetan) Todorow hat Anfang der 80er Jahre den Begriff der “Massakergesellschaft” geprägt: “ Dagegen offenbart das Massaker die Schwäche des Gesellschaftsgefüges, den Zerfall der moralischen Prinzipien, die den Zusammenhalt der Gruppe sicherten […]: deshalb wird es auch vornehmlich fernab begangen, dort wo sich das Gesetz nur schwer durchsetzen kann: Bei den Spaniern in Amerika oder notfalls auch in Italien. […] Fern der Zentralmacht, fern dem königlichen Gesetz, fallen alle Schranken, das bereits gelockerte soziale Band zerreißt, und es offenbart sich nicht eine primitive Natur, die in jedem von uns schlummernde Bestie, sondern ein modernes und sogar zukunftsvolles Wesen, das keine Moral mehr kennt und tötet, weil und wann immer es ihm Spaß macht. Die „Barbarei“ der Spanier hat nicht Atavistisches oder Animalisches; sie ist durchaus menschlich und kündigt das Kommen der modernen Zeit an.” Diese auf das Eindringen der Spanier in Südamerika bezogene Äußerung Todorows läßt sich wohl ohne Abstriche auch für das Wüten der Siedler gegen die Indianer in Nordamerika und gegen die Büffel anwenden: es gibt keine äußere Macht, die den Massenmord zügeln könnte, keine innere Macht (sprich Moral) mehr, die ihn verhinderte [5]. Williams hat diesen erst später geprägten Begriff in seiner Figur des Miller nur allzu exemplarisch beschrieben, selbst das Auseinanderbrechen des sozialen Gefüges der kleinen Gruppe von Männern hat er erfasst: es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen ihnen, keine soziale Kontrolle, die Exzesse verhindern könnte. Moderne Zeiten.

Butcher´s Crossing, dieses miese Kaff, das seine Zukunft hinter sich hatte und auf eine neue hoffte, die mit der Eisenbahn kommen sollte, stirbt mit den Büffeln. Wie die sprichwörtlichen Ratten das sinkende Schiff verlassen, so wandern die Einwohner weiter, als die Hoffnung auf die Bahn zerstieb: die Gleise werden einige -zig Meilen entfernt vom Ort verlegt. So bricht letztendlich auch die Hoffnung des ansässigen “Kapitalisten”, des Fellhändlers McDonald, auf das große Geschäft zusammen wie ein Kartenhaus….

Die einzigen Frauenfiguren in diesem Roman sind Huren, sie bekommen in Francine ein Gesicht. Francine ist keine billige Nutte, der man ihre Arbeit (so wird ihre Tätigkeit umschrieben) moralisch ankreiden mag.. die Bezeichnung “Arbeit” ist auch nicht wirklich ein Euphemismus, eher drückt es eine Art Wertschätzung für ihre Tätigkeit aus, die diese fragile Gesellschaft aus Glücksritter und  Jägern, in der die Männer so sehr dominieren, stabilisiert.

Und Williams, der Idealist… auch er zieht weiter, natürlich, Francine kann seine Heimat nicht sein, er kennt sein Ziel, noch immer sucht er sein Selbst, die Harmonie, die er nach der gemachten Erfahrung vielleicht erahnen mag…. so reitet er auf gut Glück los, in die ungefähre Richtung, die der aufklarende Tag ihm weist. Vielleicht die einzige Szene im Roman, die einem Klischee entspricht: lonesome wolf hier: will, der mit der Sonne im Rücken zu neuen Ufern aufbricht….


Natürlich liegt die Verlockung nahe, Butcher´s Crossing mit Stoner, dem fünf Jahre später veröffentlichten Roman Williams, zu vergleichen. So wie Stoner führt auch sein Protagonist in diesem Buch seinen Namen, William, als Vornamen, und auch der Autor brach wie er es von Andrews erzählt, sein Studium ab. Ist es zu abwegig, die “Lebensläufe”, zumindest diese Stationen, der beiden Figuren zusammenzuführen? Andrews verläßt Universität und Stadt , um eine ursprüngliche Beziehung zur Natur  zu finden. Stoner, der “draußen” auf dem Land (in der Natur) geboren wird und dort aufwächst, verläßt  diese, um in die Stadt zu gehen, wieder an eine Universität und um dort zu bleiben: dies entspricht cum grano salis wichtigen Lebensstationen des Autoren, der in Texas geboren wurde, dessen Großeltern eine Farm hatten, der die Universität verließ, arbeitete und irgendwann wieder zurückging….

Ich habe überhaupt noch kein Wort zur Sprache Williams verloren. Es sind viele Schilderungen in dem Roman vorhanden, von Landschaften, von Menschen, von Erlebnissen. Besonders hervorstechend sind zum einen der an die absolute Grenze aller führende Trail durch die Prärie und natürlich der Aufenthalt in dem Hochtal mit dem Abschlachten der Bisons und später mit dem Überwintern. Es ist mir tatsächlich passiert (ich notiere mir ja parallel zum Lesen Stellen, die mir aufgefallen sind), daß mich der Text auch in diesen potentiell langatmigen Passagen so eingefangen hat, daß ich erschrocken feststellen musste, daß ich dreißig, vierzig Seiten lang keine einzige Anmerkung gemacht habe…. und all das weit entfernt von jeglichem Kitsch.

Als Fazit kann ich zu Butcher´s Crossing nur festhalten: es ist noch früh im Jahr und doch bin ich absolut sicher, daß dieses Buch zu den Lesehöhepunkten für 2015 gehört. Also, unbedingt lesen!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  http://de.wikipedia.org/wiki/John_Williams_%28Autor%29
[2] Wiki-Seite zum Buch “Walden oder Leben in den Wäldern”:  http://de.wikipedia.org/wiki/Walden
[2b] Webseite zu Thoreau: http://www.henry-david-thoreau.de
[3] eine kleine Seite zum Smokey Hills Trail: http://www.legendsofamerica.com/ks-smokyhillstrail.html. Das in der letzten Bildunterschrift erwähnte Ellsworth (http://www.legendsofamerica.com/ks-ellsworth.html) spielt auch im Roman eine kleine Rolle, das imaginäre Butcher´s Crossing wurde von Williams in dessen Nachbarschaft angesiedelt. Der Ort liegt ca. 200 km westlich von Kansas City (westlich von Salina) und 100 km nördlich von Wichita (https://www.google.de/maps/@38.7333025,-98.22735,7z)
[4] Buchvorstellung von Stoner bei aus.gelesen:  https://radiergummi.wordpress.com…stoner/
[5] Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas,  http://www.suhrkamp.de/….todorov_11213.html; das Zitat ist folgender Quelle entnommen:  http://www.filmzentrale.com/rezis2/nacktundzerfleischtnb.htm.

John Williams
Butcher´s Crossing
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben
Originalausgabe: Butcher´s Crossing, 1960, Neuausgabe: 2007
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 370 S. 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

Erotische Literatur ist, was die reine Quantität angeht, durch die Phänomene des Self-Publishing und des e-Books, stark im Kommen [4]. Mit Werken wie Shades of Grey wird sogar der Mainstream bedient, so manche Buchhandlung hat mit dieser Trilogie ihr Geschäftsergebnis sehr schön hübschen können. Auch Roches Feuchtgebiete fallen sicher unter diese Kategorie – ob alle, die diese Bücher gekauft haben, sie auch lasen: das ist eine ganz andere Frage. Genau wie die, ob die genannten Werke in einigen Jahren zu den Klassikern der Literatur oder zumindest des Genres zählen werden:

Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt. … Darüber hinaus bildeten sich in der Genreliteratur Werke, die eine größere Bekanntheit erreicht haben und innerhalb einzelner Genres zum Vorbild für nachfolgende Romane wurden…  [1].

Die Begriffsbestimmung ist also alles andere als eng, sie läßt weiten Raum übrig für andere Meinungen und Diskussionen, ich werde ihn weiter unten aus meiner Sicht nutzen…

klass-erotik

Die Autoren der vorliegenden Sammlung, Barbara Sichtermann und Joachim Schöll, beschränken sich – so die Vorgabe der Reihe des Gerstenberg-Verlages – auf 50 Werke von Anbeginn der Zeit an bis in die 80er Jahre. Was danach kommt, muss sich – so die Autoren – erst beweisen… ich gehe davon aus, daß zumindest implizit noch andere Kritierien in diese Sammlung eingegangen sind, vllt geographische oder auch persönliche. Interessanterweise setzen die beiden Verfasser wohl voraus, was unter “Erotisch” zu verstehen ist und wo sie eine Grenze ziehen zu Texten, die nicht mehr darunter fallen.

Auf den inneren Umschlagseiten des Buches ist eine Zeitskala wiedergegeben, in der die angeführten Werke eingeordneet sind. Die älteste Dichtung ist das Hohelied von Salomo (ca. ein Jahrtausend vor Christus), das neueste der Roman Salz auf unserer Haut von Benoite Groult aus dem Jahr 1988. In der gesamten Aufmachung erinnert die Sammlung stark an Reiseführer, im übertragenen Sinn ist sie das ja auch, ein Führer durch die Beschreibungen der Landschaften bestimmter menschlicher Freuden und Leiden….

Einleitend skizzieren die Autoren einige Gedanken zum Thema “Erotische Literatur”, die immer und in besonderer Weise ja auch ein Spiegel der jeweiligen Zeiten sind. Die Beiträge zu den Werken selbst sind meist ca. vier bis sechs Seiten lang und bebildert. Soweit bekannt wird einiges zur Entstehungsgeschichte des Buches erzählt, bzw. natürlich auch über den Autor resp. die Autorin, denn es ist keineswegs so, daß die erotische Literatur eine Domäne der Männer wäre – und das ist gut so. Farblich abgesetzt gibt es jeweils eine zusätzliche Info-Seite zum Buch, die auch weiterführende Literatur aufführt.


Ich war erstaunt, beim Durchzählen festzustellen, daß ich immerhin die Hälfte der “Klassiker” bei mir im Regal stehen habe, das ist schon bemerkenswert. Die Hetärengespräche des Lukian von Samosata (in einer schönen Ausgabe der “Anderen Bibliothek”), ein Büchlein, das ich schon einmal der Eselsgeschichte wegen erwähnte [2] ebenso wie zwei oder drei Ausgaben des Kamasutra (das eigentlich mehr technischen Handbüchern ähnelt und für mich kaum erotisch wirkt, eher ermüdend…). Das Dekameron, dieses der Pest geschuldete Erotikon. Das Jin-Ping-Mei ist ein in der Gesamtausgabe recht umfangreiches Werk, es kann eigentlich nur als stellvertretend für die zahlreiche erotische Literatur aus dem Reich der Mitte genommen sein, Jou Pu Tuan, Dschu-lin Yä-schi oder (was man sich besser merken kann) Der Traum der roten Kammer wären andere Werke. Viele dieser Romane und Erzählungen (die in entsprechenden Ausgaben auf dem Markt sind) sind von Adrian Baar ins Deutsche übertragen und uns so zugänglich gemacht worden. Überhaupt ist der Umgang mit Erotik in Fernen Osten viel freudvoller und unbefangener und auch abwechselungsreicher als im christlich geprägten Okzident, der den Leib zu dieser Zeit zumindest eher als Ballast empfand auf dem Weg zur Erlösung [3].

Tausendundeine Nacht – der Klassiker aus den alten Persien, Scheherzades Erzählen von Märchen um des Lebens willen, auch Casanova mit seiner Lebensgeschichte und seinen Amouren darf nicht fehlen – natürlich, sein Name ist ja fast zum Sprichwort, zum Synonym geworden. Weniger bekannt dürfte dagegen die Anti-Justine von Bretonne sein (die hier “braun” zu sehen ist [3]), das Gegenstück – man ahnt es – zur Justine… des Marquis, von dessen Werken man viele hier hätte erwähnen können.

Die philosophische Therese die sich, wie viele andere Werke der Zeit, an Religion, Kirche und deren Vertretern auf Erden abarbeitet gehört zweifelsfrei in diese Liste, aber auch sie stellvertretend für einige andere, die man auch hätte einfügen können. Aus England sind Die Memoiren der Fanny Hill zu nennen, ein Buch, das sicherlich klassische Erotik ist, aber nicht mehr sonderlich prickelnd. Ähnliches gilt für die Josefine Mutzenbacher aus dem österreichischem Raum, deren Verfasser nicht bekannt ist. Da die “Kindheit” im jetzt verstandenen Sinne im wesentlichen eine Erfindung der Neuzeit ist, schien es früher unproblematisch zu sein, wenn erste Erfahrungen schon in jungen Jahren gesammelt wurden, eine Tatsache, die man nicht nur in der Mutzenbacher so findet.

Unbestreitbar Klassiker sind auch die Viktorianischen Ausschweifungen (Mein geheimes Leben) von Walter, bei dem es von der ersten bis zur letzten Zeile seines durchaus umfangreichen Werkes (in der Ausgabe von Haffmann immerhin drei ordentlich dicke Bände, der originale Privatdruck hat es immerhin auf 4000 Seiten gebracht) nur um das “Eine” geht… sowie einige Jahre zuvor die autobiographisch angehauchte Venus im Pelz von Sacher-Masoch, der überhaupt nicht glücklich darüber war, daß sein Name kurz darauf für den in diesem Roman beschriebenen Weg zum Glücks- und Lustempfinden synonymisiert wurde…. Die Traumnovelle von Schnitzler, ein sehr psychoanalytisches Stück, vor einigen Jahren mit Tom Cruise verfilmt, Lady Chatterleys Liebhaber, auch Notre-Dame-des-Fleurs von Genet. Das sind alles keine Ein-Hand-Bücher, bei denen man ohne Pause unter Strom gesetzt wird, es sind eher Werke, in denen allgemeine Grenzen gesellschaftlicher Konventionen verschoben und aufgebrochen werden.

Die Römerin habe ich vor geraumer Zeit hier schon vorgestellt, ebenso wie Erica Jongs Angst vorm Fliegen [5]. Erstaunlicherweise findet sich auch Tod in Venedig mit Manns sublimer Homoerotik in dieser Liste. Nabokovs Lolita, Millers Sexus und Réages Geschichte der O gehören unbestreitbar auf diese Klassikerauflistung, auch Nin mit ihrem Delta der Venus ist vertreten und wie schon erwähnt Groult mit dem Salz auf unserer Haut. … und dann noch die anderen Werke, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie nicht (nach Lektüre dieser 50 Klassiker…: noch nicht) in meinem Regal stehen.


50 Klassiker: Erotische Literatur ist eine Auswahl, es gibt mehr von diesen Klassikern, unbestreitbar. Nehmen wir Miller, der mit einem Roman vertreten ist, es könnten auch mehrere sein. Die stillen Tage von Clichy  [5], ein Text voller Lebensfreude und freudvollem Sex und das auf hohem sprachlichen Niveau, oder sein Skandalbuch Opus pistorum, wie Nins Delta der Venus Auftragsarbeit, durchaus pornografisch, aber trotzdem große Literatur. Dafür wäre bei mir Anais Nin nicht in der Liste, zumindest nicht mit dem Delta…. Ich habe das Büchlein vor einiger Zeit mal wieder aus dem Regal genommen und bald darauf zurückgestellt. Zugegeben, Nin ist eine Ikone, aber das Buch heutzutage einfach langweilig. Mein Erstaunen über Th. Mann habe ich schon geäußert, und ob man Fanny Hill und Die Mutzenbacherin beide in diese Liste aufnehmen muss, auch wenn sie – zugegeben – beide die Jahrhunderte überdauert haben…. ähnliches gilt m.E. für die Geschichte der O: bekannt, weil skandalös und verfilmt…  ich las sie mit Zwiespalt, weil es nicht die Geschichte von Menschen ist, deren sexuelle Präferenzen sich ergänzen, sondern weil es explizit darum geht, einem Menschen zu brechen, ihn zum Objekt der Willkür zu machen. Hier wäre de Bergs Die Frau [5] sicher eine Alternative gewesen, eine intelligentere sogar… ähnliches gilt vllt für Arsans Emanuelle…, die ich nur aus längst vergangen pubertären Tagen in der Kino-Softpornoversion in Erinnerung habe, wie sie als Buch ist, kann ich nicht sagen, aber ich könnte mir vorstellen, daß es für diese Liste hier Alternativen gegeben hätte….

Die umfangreiche erotische Literatur Chinas ist nur (aber immerhin) mit einem Werk vertreten, ähnliches gilt die japanische Literatur. Bei letzterer wäre zumindest die exemplarische Erwähnung eines der großen Werke der Holzschnittkunst, wie sie von Moronobu oder Utamaro geschaffen wurden und die seinerzeit in den bibliophilen Taschenbüchern aus dem Harenberg-Verlag zugänglich waren, schön gewesen… Erotische Literatur aus Arabien fehlt ganz. Ja, die gibt es, zumindest Scheik Nefzauis Der duftende Garten des Scheik Nefzaui [6] hätte Erwähnung verdient gehabt…. ähnliches gilt für den indischen Lebensraum, auch dessen erotischer Niederschlag in Literatur fehlt…

Leider gilt dies auch für die gesamten Surrealisten. Bataille mit seinem Das obszöne Werk [5b], sicher kein Mainstream, aber wichtig. Oder Iréne von de Routsie, von immerhin Camus als immerhin schönsten aller erotischen Texte geadelt…. es gäbe noch so viele Bücher, die sich angeboten hätten… von der moderneren Literatur her tut es mir leid, daß die Autoren 1988 den Schnitt gemacht haben, ein Jahr später, 1989, ist Lulu [5b] von Grandes erschienen, die sicherlich das Zeug zum Klassiker hat und ein Beispiel für die seinerzeit erblühende erotische Literatur aus dem frankobefreiten Spanien gewesen wäre…


Was sich hier so anhört wie Kritik soll solche nicht sein. Wie schon ausgeführt, liegt es im Wesen einer Auswahl, daß jeder sie anders treffen würde. Nicht umsonst haben wir ja im Fussball Millionen kompetenter Bundestrainer – aber eben einen, der letztlich verantwortlich ist. Und hier, in diesem Fall sind es die beiden Autoren, die ein sehr informatives, unterhaltsames und in diesem Sinne wertvolles Kompendium der erotischen Literatur zusammengestellt haben. Für alle, die sich für erotische Literatur interessieren (und nimmt man die Verkaufszahlen von z.B. Shades of Grey müssen das ja viele sein….), ist dieses Büchlein sehr zu empfehlen.

Links und Anmerkungen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Klassiker
[2] Jutta Person: Esel in: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
[3] obwohl interessanterweise, wie im Klappentext zu Der Goldherr besteigt den weissen Tiger (Verlag Die Waage, Zürich) ausgeführt wird, daß die Verfasser solcher Romane im alten China wenig galten, diese Texte waren schi: Liebesromane ohne Bedeutung, Trivialliteratur, Schund. Folgerichtig bekannte sich auch kein Autor zu Lebzeiten zu seinen Texten…
[4] z.B. hier:  – Erotische Literatur bei facebook
– Jule Blum, Elke Heinicke: Warum es so schwer ist, gut über Sex zu schreiben und hier
Warum gibt es eigentlich so wenig gute erotische Literatur?
[5] Besprechungen von im Buch erwähnten Klassikern bei mir im Blog:
– Alberto Moravia: Die Römerin
– Erica Jong: Angst vorm Fliegen
– Henry Miller: Die Stillen Tage von Clichy
– Jeanne de Berg: Die Frau
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
– Thomas Mann: Der Tod in Vendig
– Pauline Réage: Die Geschichte der “O”
– Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben): Aus den Memoiren einer Sängerin
– Sacher-Masoch: Die Venus im Pelz
[5b] – Almudena Grandes: Lulú
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
[6] Scheik Nefzaui: Der duftende Garten des Scheik Nefzaui; http://www.zeno.org/Literatur/M/Scheik+Nefzaui/Abhandlung

Barbara Sichtermann & Joachim Scholl
Erotische Literatur
Sinnliche Zeilen über die Liebeskunst
Reihe: 50 Klassiker
diese Ausgabe: Gerstenberg, Softcover, ca 270 S., 2011

Max Dauthendey: Lingam

23. Februar 2015

Eines der auffälligsten Merkmale der Antibewegung im neunzehnten Jahrhundert war das neu erwachende Interesse am Orient. Der Osten, mit seiner Aura des Mysteriösen, galt in Deutschland bereits vorher als Symbol für die Revolte gegen den Rationalismus, zumindest seit dem 12. Jahrhundert, als die Autoren mittelalterlicher Romanzen wie König Rother und Herzog Ernst ihre Helden bis nach Konstatinopel und noch weiter ziehen ließen auf ihrer Suche nach Abenteuern und magischem Wissen – denn in Europa gab es dergleichen nicht mehr zu entdecken. Allerdings begann erst mit Herder jenes mythische Bild Indiens zu entstehen, das einerseits die Nachforschungen von Gelehrten wie Friedrich Schlegel, Friedrich Maier und Josef von Hammer-Purgstall, anderseits aber auch die Vorstellungswelt der Dichter inspirierte, wie die Schriften Novalis´, des älteren Goethe und Schopenhauers – um nur einige wenige Beispiel zu nennen….. Der Orient wurde zum beliebten Ressort all derjenigen – Schriftsteller, Theosophen und Leser gleichermassen -, die nach einer Philosphie der Einheit und Ganzheit suchten,…..

so leitet der amerikanische Germanist Theodore Ziolkowski seinen Aufsatz über Hermann Hesses Siddhartha – Die Landschaft einer Seele ein [1]. Auch wenn der Begriff der “Antibewegung” etwas seltsam erscheint und villeicht der Übersetzung geschuldet ist (an anderer Stelle nennt Ziolkowski es “diese Reaktion auf den Positivismus“, die dem mystischen Bild vom Orient einen neuen Anstoß gibt) und er in seiner Auflistung von Schriftstellern Dauthendey nicht explizit erwähnt, dürfen wir diesen – denke ich – doch auch unter die Gemeinten zählen.

Ebenso wie Hesse oder Keyserling, die beide 1911 nach Indien bzw. zu einer Reise um die Welt aufgebrochen waren, besuchte er Ostasien, allerdings ein paar Jahre früher, nämlich 1906. Bis dahin führte der 1867 in Würzburg geborene und zu seiner Zeit beliebte Autor ein unstetes Wanderleben, malend und schreibend verweigerte er sich den Konventionen seiner Zeit. Die Erlebnisse seiner Ostasienreise (man muss sich vergegenwärtigen, daß die “Landkarte” Ostasiens um die vorletzte Jahrhundertwende sich grundlegend von der heutigen unterschied) fanden bei Dauthendey ihren Niederschlag in einem opulenten Verswerk (“Die geflügelte Erde – ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere“, 1910), für das der Autor nicht gerade bescheiden mit der Auszeichnung durch den Nobelpreis rechnete [2]. Ungleich bescheidener kommt im Gegensatz zu diesem großen Reiseepos die kleine Sammlung von Novellen einher, die unter dem Titel Lingam ein Jahr früher, 1909, veröffentlicht wurde und hier vorgestellt wird [3]. Max Dauthendey starb übrigens kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs in Ostjava, die Kriegswirren hatten die Heimreise von seiner zweiten Fahrt nach Asien, die er kurz vor Kriegsausbruch begann, unmöglich gemacht.


Die Schale mit dem in ihr ruhenden Stein, "das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens" Bildquelle [B]

Die Schale mit dem in ihr ruhenden Stein, “das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens”
Bildquelle [B]

Nachdem ich mich so ein wenig kundig gemacht habe über die damalige und auffallende Beschäftigung deutscher Schriftsteller mit Asien, ist dieses Büchlein eine kleine Enttäuschung gewesen. Wenig ist zu spüren von philosophischen Anwandlungen, Religion und Lebenseinstellung der Asiaten spielen nur als folkloristischer Hintergrund eine Rolle. Die Geschichten, zwölf an der Zahl, sind auch weniger Novellen, es sind eher farbenfrohe Miniaturen aus exotischen Gegenden, zur Unterhaltung geschrieben, oft mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Prise (schwülstiger) Erotik angereichert – und damit auch diskriminierend, zumindest für meinen Geschmack. Denn nackt sind immer nur die Asiaten, es sind beispielsweise kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickblütig und üppig genährt, nackt und nur von der Bräune ihres Leibes bekleidet, die  sich auf den Bahnstationen in den Tälern gleich Herden brauner, feister Maikäfer drängen, die Rikschafahrer ziehen derart im Naturzustand ihr Gefährt (zur fantasievollen Sehnsucht heimischer Leserinnen?), sie tauchen unbekleidet nach Münzen, die ihnen von Schiffen aus ins Meer zugeworfen werden…. für die männliche Leserschaft eher geeignet sind die Vorstellungen von schwellenden Brüste unter loser Gewandung, hier schieben schon mal nackte Unterarme ungeduldig die lockeren Brüste hinter dem Blusenstoff hin und her, als wären das ein paar reife, unbequeme Früchte….(“Der Garten ohne Jahreszeiten”) oder der Blick, den der geöffnete Seidenmantel der chinesischen Kurtisane im Schlummer bietet, deren schmaler Leib an das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale erinnert und die vom malaiischen Photographen, der die Situation blitzschnell erfasst, voller Verlangen fotografiert wird (“Im Blauen Licht von Penang”). Es sollte ihm kein Glück bringen, die Magie, die mit solch einem Bild verbunden ist, quälte ihn immerfort in seinen Träumen, erst der Tod der Kurtisane sollte ihn erlösen.

Außer der natürlichen, paradiesischen Nacktheit, die der Autor den Einheimischen gönnt (Die Kolonialherren sind selbstverständlich immer gekleidet, die langen, weißen Schleppen der Damen zum Beispiel erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weiße fliegende Blütenbäume, helle Magnolien oder lichte Jasminbüsche, die ohne Wurzeln durch die offenen Türen der Steinwände aus und ein wandern konnten), die steten Vergleiche mit Tieren (nackte Frösche, durcheinander krabbelnde feiste Maikäfer) sind natürlich auch ein ganz stark rassistischer Ton in einigen der Geschichten.

Dauthendey erzählt von anderen Moralvorstellungen. Die oben schon erwähnte Geschichte vom “.. Garten…” zum Beispiel ist aufgebaut wie die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. In der Gegend von Nuwara Eliya, einer Stadt in der Nähe des höchsten Berges von (damals noch) Ceylon gibt es einen geradezu etherischen Garten, in dem es keine Jahreszeiten gibt und der das ganze Jahr über voll mit verschiedensten Blüten ist, Früchte jedoch reifen dort nicht. Ähnlich etherisch vom Wesen her ist das singhalesische Ehepaar, das diesen Garten für die Kolonialherren pflegt (ähnlich wie Adam von Gott Eva zur Seite gestellt bekam, wurde der Gärtner Bulram durch den Vater mit der jungen Talora verheiratet…). Vom Herrn auf eine Fahrt nach Colombo mitgenommen verwirrt und ängstigt die Stadt den Singhalesen, er verschwindet. Monate später kommt auch Talora, die nie verzweifelt schien ob des Verschwindens des Mannes, mit ihrer Herrin nach Colombo und verschwindet auch…. So erfahren wir dann schließlich, daß sich Bulram tagsüber sein Geld “verdient”, in dem er nackt wie ein Frosch nach Münzen taucht, die die Engländer von den Schiffen des Hafens ins Meer werfen, um mit diesem Geld des nachts die Dirnen zu bezahlen, bei denen er schläft. Und in einem solchen Dirnenhaus trifft er dann auch eines Nachts auf Talora, seine Frau, und nach einiger Zeit kehren sie gemeinsam zurück in den Garten am Berg, als ob nichts geschehen wäre in der Ebene, in der auch die Früchte reifen… der entscheidende Unterschied zur Bibel: eine Vertreibung aus dem Paradies findet nicht statt, obwohl von beiden ausgiebigst von den Früchten gekostet worden war…

Am besten gefallen hat mir die Geschichte “Unter den Totentürmen”, die bei den Parsen spielt. Deren Tote werden bekanntlich “luftbestattet”, d.h., die Leichname werden auf Türmen niedergelegt, wo die Geier sie verzehren. Jedenfalls heiratet einer der reichen Parsensöhne eine Schöne, die ihn zwar nicht liebt, die ihm das Ja-Wort aber trotzdem gibt, eben weil er nicht darauf besteht, daß sie ihn liebt. Denn in seiner Eitelkeit geht der junge Mann davon aus, daß die Liebe sich schon noch einstellen wird: So wie du dich an die Liebe gewöhnen wirst und an das Gebären von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewöhnen……. er irrt, denn weder wollte sie den Ring noch seine Liebe, denn die Liebe dieses Mädchens gehört nicht den Menschen, sondern den Büchern…. und auch, wenn seine Frau tatsächlich schwanger wird von ihm, so stirbt sie bei der Geburt eines toten Kindes. Wie zusammengekauerte Männer in schwarzen Röcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen Hälsen und kahlen Schädeln um den Turmrand, zu dem man die Tote trägt. Später dann, der Mann ist im Garten, kommt ein Diener voll mit Schrecken und bringt in einem Tuch einen Finger der Toten, den ein Geier im Garten fallen ließ und an dem Finger der Ring, den der Mann seiner Frau damals schenkte…. so verweigerte die Frau noch im Tod die Liebe.

Gut, so ist die Geschichte in groben Zügen, das beeindruckende sind die plastischen Schilderungen der Totentürme, der Geier, die um sie kreisen mit ihren großen schwarzen Schwingen wie aufgewirbelte Totentücher… es ist eine Geschichte aus einem ganz anderen Milieu als der Großteil der anderen Novellen, die Parsen waren seinerzeit im Finanzgeschäft tätig und entsprechend reich.

Was vielleicht noch erwähnenswert ist, ist die Tatsache, daß in vielen der Geschichten der Tod eine Rolle spielt, nicht nur die Liebe. Etwas skurril zum Beispiel ist die der zwei Dirnen (hier sind Brüste und Hintern derb und schwer….) in Singapur, die in Haft genommen werden, denen von aussen ein Schwamm mit Schnaps in die Zelle gereicht wird und die sich daraufhin im Streit gegenseitig umbringen, ihre Diskussion über Tod, Sterben und Morden dann in einem imaginären Raum aber fortsetzen….

Es sind “asiatischen Novellen”, die Handlungen sind entsprechend nicht nur im (damaligen) Indien angesiedelt, sie spielen auch im (heutigen) Malaysia und China, die letzte Geschichte dann in Japan. In dieser Miniatur geht es auch um eine Liebe, doch auf eine ganz andere, subtilere Art und Weise als in den Geschichten, die in Indien spielen… diese unglückliche Liebe, offenbart sich erst ganz am Ende, man meint, alles steure auf eine Katastrophe hin, die aber durch die späte Einsicht des Verschmähten dann doch vermieden wird…. Japan ist eben nicht Indien, hier werden Begierden nicht offen ausgelebt, sondern sublimiert… überhaupt passt sich Dauthendey den Regionen an, das schwülstige, schwül-warme der Handlungen läßt er hinter sich, wenn er Geschichten hat, die in China spielen oder eben Japan.

Ich will nicht jede der Geschichten hier im Einzelnen aufführen, deswegen mögen die bisherigen Beispiele reichen. Dauthendeys Büchlein jedenfalls war – trotz der nicht erfüllten Erwartung – eine unterhaltsame Lektüre, die auch einiges über die Zeit aussagt, in der sie geschrieben worden ist. Das erotische Verlangen, das in jedem Zeitalter zwar vorhanden ist, aber nicht immer ausgelebt oder gezeigt werden kann (das Büchlein erschien 1909), findet hier eine Lücke: fremde Länder mit fremden Sitten eröffnen der Phantasie einen Freiraum, in der sie sich austoben kann. …. das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale…. als Beschreibung einer unbekleideten Frau: das ist schon ein recht eindeutiges Bild mit wenig Interpretationsspielraum, aber viel Kraft zur Imagination…. die koloniale Arroganz, die durch manche Formulierungen schimmert, dürfte damals niemanden aufgefallen sein, heutzutage mutet es seltsam an. Andererseits versteht es der Autor farbig und anschaulich geschildert, auch Atmosphärisches einzufangen;  Dauthendey hat sein Handwerk als Schriftsteller sicher verstanden und seine Beliebtheit zu seiner Zeit kann man nachempfinden, auch mit dieser Sammlung wird er sein Publikum gefunden haben.

Denn die Menschen sind vergeßlich und unwissend, und alles muß ihnen immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe – das bedenke, o Mensch.

lingam-cover

Links und Anmerkungen:

[1] Volker Michel (Hrsg): Materialien zu Hermann Hesses “Siddhartha”, Zweiter Band, st 282, 1978, S. 133 (dort auch Angabe der Originalquelle)
[2] Volker Zenk: Innere Forschungsreisen: Literarischer Exotismus in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, S. 228ff; in: https://books.google.de/books?…Dauthendey…
[3] unverhofft kommt oft: … bei der Beschäftigung mit Lingam habe ich mich erinnert, daß ich einem anderes Büchlein Dauthendeys, nämlich den “Die acht Gesichter vom Biwasee, japanische Liebesgeschichten” (dtv) ebenfalls Unterschlupf in meinen Regalen gewähre, auch diese Sammlung kleiner Geschichten ein Niederschlag besagter Asienreise
[4] Biographie Max Dauthendeys aus der WürzburgWiki: http://wuerzburgwiki.de/wiki/Max_Dauthendey

Bildquelle [B]: Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Linga; von Cweiss at de.wikipedia (de:Benutzer:Cweiss) [CC BY-SA 2.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/at/deed.en)%5D, vom Wikimedia Commons
(Das von Dauthendey in seiner Einleitung beschriebene Lingam sieht etwas anders aus, aber vom Prinzip her gleicht das Abgebildete jenem natürlich)

Der Text im Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/lingam-1037/1 bzw. bei zeno.org:  http://www.zeno.org/Literatur/M/Dauthendey,+Max/Roman/Lingam

Max Dauthendey
Lingam
Zwölf asiatische Novellen
diese Ausgabe: Albert Langen, München, HC, ca. 200 S., 1909

louki Modiano führt uns mit seinem schmalen Roman zurück in das Paris der 60er Jahre, auch wenn die zeitliche Einordung der Handlung deutlich verschwommener ist als die örtliche. Es ist das Paris der melancholischen Schwarz/Weiß-Aufnahmen von Cafés, von Boulevards, Bildern der Seine, die sich durch die Stadt windet, Menschen, die auf den Straßen flanieren – oder auch eilen, die sich umarmen, küssen, trennen. Wie ein Zauberer ruft Modiano solche Bilder in uns hervor, weckt er das kollektive (?) Gedächtnis, durch das wir seine Zeilen mit Bildern unterlegen. Er verführt uns mit einem Paris, in dem Menschen wohnen, einfache, arme, reiche, gepflegte und ungepflegte, Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen oder ihrem Laster… Menschen, die sich ihres Lebens freuen, die stolz sind – oder die traurig sind, verzweifeln. Menschen, die einsam sind oder zu zweit oder in einer Gruppe, Menschen, die verloren scheinen oder doch geborgen sind?

Wir begegnen der Bohème (Modiano verwendet diesen Begriff selbst), dieser Einstellung von meist künstlerischen Menschen, die sich nicht um ihre Zukunft scheren, die den Tag, der gerade ist, leben und genießen, ohne sich um den morgigen zu kümmern. Sie sind jung, nur wenige von ihnen schon im reiferen Alter und sie treffen sich regelmäßig in einem der Cafés, im Café “Le Condé”. Dort trinken sie (recht viel), reden, diskutieren, vertreiben sich die Zeit…. zu ihnen gesellt sich eine schüchterne, zurückgezogene, stille junge Frau, der sie den Namen “Louki” geben, später sollen wir erfahren, daß sie Jacqueline Delanque heißt und verheiratet ist.

Wer ist diese Louki, kann man sich einem Menschen so nähern, daß man diese Frage beantworten kann? Was will diese junge Frau, wovor ist sie weggelaufen, was treibt sie auf die Straße, in das Café mit diesen Männern, die sie zwar aufnehmen in ihren Kreis, denen sie im Wesen aber fremd bleibt? Modiano nähert sich der Frau an, in dem er Figuren seines Romans aus jeweils verschiedenen Perspektiven über sie berichten und erzählen läßt.

Der erste Erzähler bleibt anonym, es ist ein junger, vielleicht sogar sehr junger Mann, der sich im Hintergrund hielt, meist nur zuhörte und beobachtete, der im Café einen Hort sah gegen alles, was das Leben an Eintönigkeit für ihn vorsah. Er stellt uns die Stammgäste seiner Runde vor, beschreibt das erste Auftreten der jungen Frau, ihre Aufnahme in die Gruppe und auch eine zufällige Begegnung, bei der er sie in der Stadt traf. Unter den Gästen – auch ebenfalls, weil Modiano selbst zeitlich so unbestimmt ist – ist ein gewisser Bowing besonders interessant, weil dieser angefangen hat, eine Art Protokoll zu führen, welcher Gast sich wann und zu welchen Zeiten sich im Café aufgehalten hat. Es ist eine exakte Liste, für Bowing ist es der Versuch, Fixpunkte zu schaffen, ein Netz zu werfen in eine ansonst so fluiden Welt, die keinen Halt gibt.

Diesem Versuch, sich Halt zu verschaffen, begegnen wir noch einmal, und zwar beim Ehemann der Gesuchten, für den die Heirat mit der charmanten jungen Frau eben genau dieser Versuch war, sich über die Bindung Halt zu verschaffen. So zumindest antwortet er auf die Frage des Detektivs, den er engagiert, um seine Frau Jacqueline, die ihn ohne ein Wort verlassen hat, wieder aufzufinden. Mit diesem Detektiv, Caisley, führt Modiano den zweiten Erzähler ein, mit einer eigenen unklaren Vergangenheit (von Geheimdiensten ist die Rede), die nicht weiter beleuchtet wird, aber doch immer irgendwo im Hintergrund vorhanden ist. Selbst die Jacqueline, die er suchen soll, taucht dort auf als eine der vielen, vielleicht sei es die letzte Jacqueline für ihn… Seine Befragung des Ehemannes in dessen Wohnung ist traurig, zutiefst deprimierend: kalt und unpersönlich ist die Wohnung, der Mann wirkt völlig verloren, man kann sich kaum vorstellen, daß in dieser Wohnung je Lebensfreude geherrscht haben kann…. Caisley findet schließlich heraus, wo sich die vermisste Frau aufhält, verrät aber dem Mann nichts: Sie hatte nichts zu befürchten, er würde ihr nicht mehr auflauern. Sie konnte auf ihn zählen, er würde ihr Zeit lassen, sich endgültig in Sicherheit zu bringen.

Im Zentrum des Romans leiht der Autor der Gesuchten selbst sein Wort. Jacqueline berichtet von ihrem Leben, das wenig Freude enthält. Der Vater ist unbekannt, die Mutter arbeitet im Moulin Rouge und ist abends bis spät in die Nacht nicht zu Hause. Schon in jungen Jahren schleicht sich das Mädchen heimlich aus dem Haus, streunt durch die Straßen, wird von der Polizei aufgegriffen und von der Mutter dort wieder abgeholt. Auf der Polizei befragt man sie, was für eine Erlösung, als die Worte aus meinem Mund kamen… und ich sprach immer schneller, die Worte überstürzten sich... so erinnert sich die junge Frau an diese Situation, dieser sie ausfragende Polizist war das erste Mal, daß ihr jemand zuhörte, interessiert war an dem, was sie erzählte….

Bald würde ich den Rand des Felsens erreichen und mich ins Leere stürzen. Was für ein Glück, in der Luft zu schweben und endlich jenes Gefühl der Schwerelosigkeit zu verspüren, nachdem ich schon immer gesucht habe. 

Sie lernt eine junge Frau kennen, schwindelt ihr etwas vor was das eigene Alter angeht, sie sei Studentin, orientalische Sprachen. Sie sind oft zusammen, Jeanette führt sie in eine Clique ein, ein anderes Café als später das Condé. Der “Schnee”, den sie bei ihrer Freundin kennenlernt, es macht es leicht, macht es schweben…. Sie heiratet, warum, bleibt im Grunde offen so wie bei ihrem Ehemann auch. Von sich selbst sagt sie, sei sei nur dann wirklich sie selbst, wenn sie ausriss… Ist auch die Ehe eine Flucht aus dem Bisherigen? Unerklärte Andeutungen, die der Autor streut und im Raum stehen läßt, ich nehme an, du hast deinem Ehemann nichts erzählt von den Partien nach Cabassud, einem Landgasthof in der Nähe von Paris – was trieben die beiden jungen, drogennehmenden Frauen dort?…. Und dann ist das Leben weitergegangen, mit seinen Höhen und Tiefen. An einem trübseligen Tag habe ich auf dem Einband eines Buches… Louise de Neánt … den Vornamen durch meinen eigenen ersetzt: Jacqueline de Neánt, Jacqueline aus dem Nichts.

Roland, ein junger, angehender Schriftsteller, ist der nächste Erzähler. Er lernt Jacqueline auf einer Art “spiritueller” Lesung eines Autoren kennen. Die Beiden erkennen sich als Seelenverwandte, als Menschen ohne Verankerung. Zwar sagt sie ihm, daß sie verheiratet sei und bei ihrem Mann lebe, aber sie gibt ihm trotzdem ihre Telefonnummer und bald gehen sie gemeinsam in ein Hotel, ein Hotel im Viertel der Verschollenen und eines Abends, nachdem sie aus dem Condé in dieses Hotel gegangen waren, geht sie von dort aus einfach nicht mehr nach Hause.

Die Schatten der Vergangenheit scheinen Jacqueline zu verfolgen, Bekannte aus der Zeit, als sie mit Jeanette herumstreunte, eine panische Angst bei der Vorstellung bei der Vorstellung, die Statisten, die man hinter sich gelassen hat, könnten einen wiederfinden und Rechenschaft fordern.Sie wollte ausbrechen, fliehen, immer weiter, kompromisslos Schluss machen mit dem Alltagsleben und in freier Luft atmen. Aber das Ausbrechen gelingt ihnen beiden nicht…. die Pläne für den Süden bleiben Pläne nur…. spät in der Nacht gehen sie in ein schäbiges Hotel in ein schäbiges Zimmer mit einem schmalen Bett.. Du hattest recht, wir hätten für immer dort bleiben sollen. ..

Durch Roland erfahren wir auch das Ende der Geschichte, die uns damit wieder ins Condé führt, ins Café der verlorenen Jugend. Dort trifft eines Tages die Nachricht ein, die alles erschüttert. ….. Louki hat die Schwerelosigkeit, nach der sie sich so sehnte, gefunden, für sie war die Zeit gekommen, sie hatte sich jetzt fallen lassen können…


Modianos schmaler Roman (es ist das dritte Büchlein von ihm, das ich gelesen habe) ist wiederum eine rätselhafte Geschichte um einen Menschen, der nicht fassbar bleibt. Im Mittelpunkt steht diese junge Frau, die eines Tages in dieses Café kommt und auf die Gruppe meist (sehr) junger Männer stößt, die sie nach einer Art “Taufe” in ihren Kreis aufnehmen und akzeptieren. Vielleicht spüren sie eine Art Seelenverwandtschaft, auch die Männer sind ohne großen Plan für ihr Leben unterwegs, verbringen ihre Zeit in diesem Café, geben sich brotlosen Tätigkeiten hin oder gehen noch zur Schule, die sie aber unter dem Einfluss der Gruppe beenden…

Es gibt natürlich eine Zukunft auch für diese jungen Männer, aber man sieht sie nicht. Im letzten Abschnitt des Buches, der aus dieser Zukunft im Rückblick erzählt wird, erfahren wir, daß das Café geschlossen ist, einem Ledergeschäft gewichen ist. Einer der Schriftsteller der Gruppe lebt jetzt in Mexiko, er ist auf Besuch und derjenige, der vom Schicksal Loukis berichtet. Was aus den anderen geworden ist – wir erfahren es nicht.

Auch wenn die Geschichte in den 60er Jahren spielt, also ca. 20 Jahre nach Kriegsende, bleibt dieser nicht ganz vor. In Andeutungen spielt Modiano auf diese Zeit an, das Gedächtnis Caisleys reicht soweit zurück, er selbst hat damals wohl für den Geheimdienst gearbeitet, was – auch dies bleibt ungenannt.

Eine große Rolle spielt die Stadt selbst, Paris. Modiano läßt sie fast als eigenständigen Akteur agieren, durch seine Figuren gibt er ihr Leben, wenn sie durch die Straßen laufen, die Metro benutzen, die Stadt ordnen und klassifizieren,  in das Viertel der Verschollenen etc pp. Roland schreibt für seine Louki einen eigenen Text: Für Louki aus den neutralen Zonen…. wenn links und rechts der Seine unterschiedliche Lebensverläufe möglich sind. Um das aber tiefergehend zu verstehen, bräuchte man eine bessere Ortskenntnis. Modiano jedenfalls konserviert und erhält ein Paris, das wahrscheinlich vor langer Zeit schon verschwunden ist so wie das Condé selbst für die Nachwelt, melancholisch, sehnsuchtsvoll, ein wenig in schwarz-weiß gehalten…

So bleibt man als Leser dieser Lebensgeschichte(n) letztlich mit vielen Fragen zurück und eine dieser Fragen ist sicherlich die, ob es überhaupt möglich ist, einen Menschen und sein Leben zu verstehen und im Innersten nachzuvollziehen? Wahrscheinlich, nein sicher, nicht… wir sind uns selbst ja oft ein Rätsel, schillern in unseren Eigenschaften und Verhalten in verschiedensten Nuancen, für jeden Aussenstehenden sind wir so anders und einzig. So wie Louki, von der die grundlegenden Charakteristika deutlich werden, die Einsamkeit, der Drang, einer empfundenen Enge und eines Zwanges zu “entfliehen”, auszuweichen, zu entkommen, die Schwere des Lebens hinter sich zu lassen….

“Im Café der verlorenen Jugend”: der Romantitel läßt sich auf zwei Arten interpretieren: zum einen kann man darunter die jungen Menschen verstehen, die in dem Café verkehren, zum anderen – bezogen auf die Individuen – könnte es meinen, daß diese Männer (und auch Louki) ihre eigene Jugend verloren haben, oder auch: sie nie gehabt haben, auch wenn wir nur das Leben von Louki ansatzweise verfolgen konnten. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor eine Deutung bevorzugt, ich denke aber, er meint die Jugend als Generation der 60er Jahre. Ein paar Jahre (?) später wird sie auf die Barrikaden gehen, wird als 68er in die Geschichtsbücher eingehen, wird die Gesellschaft aufwecken und umkrempeln – vielleicht nicht so, wie sie es wollte, aber ihre Spuren werden unübersehbar sein. Vielleicht ist dieser Aufstand auch ein Aufstand gegen diesen Verlust der Jugend, der Unbeschwertheit, der Hoffnung auf ein freies, offenes Leben, das nicht von der Vergangenheit wie mit einer Decke von der Luft abgeschnürt wird… Spekulationen, Vermutungen – wie so oft und so vieles bei Modiano…. dessen Kunst es ist, den Leser gerade durch diese Unbestimmtheit, dieses Vermeiden, sich festzulegen, klare Aussagen zu machen, dieses ofmals nur anzudeuten, zu fesseln.

Links und Anmerkungen:

Wiki-Beitrag zum Roman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Café_der_verlorenen_Jugend

(…. und interessieren würde mich, wer die Verunstaltung des Cover mit diesem schönen Vintagebild durch das Einfügen eines Kommentars zum Buch zu verantworten hat… ;-) )

Weitere Titel von Modiano, die im Blog vorgestellt worden sind:
– Dora Bruder und
– Place de l’Étoile

Patrick Modiano
Im Café der verlorenen Jugend
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Originalausgabe: Dans le café de la jeunesse perdue, Paris, 2007
diese Ausgabe: dtv, ca. 160 S., 2013

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