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Spätestens, wenn man im Kurzportraits des englischen Autoren William Boyd [1] den Namen Nat Tate liest, sollte man stutzen. Nat Tate – da war doch was [2]? Genau – ein riesiger Bluff, auf den viele reinfielen…. und derart misstrauisch geworden hilft die Internetsuche nach der Protagonisten dieses Romans mit dem Untertitel Die vielen Leben der Amory Clay ebenfalls weiter. Ich kann es hier ohne zu spoilen ruhig verraten, da es in den Kritiken, die schon publiziert sind, ja auch nicht verschwiegen wird: auch Amory Clay (1908 – 1983), deren vorgebliche Biografie Boyd vorlegt, ist eine fiktive Person.

Betrachten wir die Lebensspanne von Amory Clay: sie umfasst die beiden Weltkriege, die beiden Nachkriegszeiten, andere Kriege wie  den in Vietnam. Natürlich gäbe es außer diesen drei Nennungen noch viele weitere Ereignisse, aber diese Kriege mit den nachfolgenden Zeiträumen stehen sozusagen im Mittelpunkt des Romans. Denn Boyd hat nicht weniger vor, als uns Lesern einen großen Teil des letzten Jahrhunderts noch einmal durch das Leben seiner Hauptfigur vorzuführen.

Boyd nutzt das vorgebliche Leben der Amory Clay als Vehikel zu einer Tour de Force durch einen großen Teil des 20. Jahrhunderts. Sie ist das älteste Kind von insgesamt dreien, die jüngere Schwester sollte als musikalisches Wunderkind Pianistinnenkarriere machen, der Bruder, der die ersten Jahre Sorge machte, weil er ein Spätentwickler war, mauserte sich  zum Lyriker, der später im Weltkrieg No 2 bei der britischen Luftwaffe diente und über Frankreich abgeschossen wurde. Das schriftstellerische Talent verdankt Amory wohl dem Vater, obschon dieser mit seinen literarischen Werken einen gut überschaubaren Erfolg hatte, immerhin reichte es zum Leben. Was ist über die Mutter zu sagen? Nun, vielleicht soviel: Herzlichkeit und Mutterliebe waren wohl nicht ihre herausragenden Charaktereigenschaften….

Der entscheidende Moment im Leben Amorys war das Geschenk des von ihr geliebten Onkels Greville, einem Fotografen, der ihr, als sie sieben Jahre alt war, einen Fotoapparat schenkte. Von nun an fühlte sich Amory als Herrin der Zeit, die sie mit ihren Bilder anhalten und konservieren konnte….

Der Vater nahm am ersten Weltkrieg teil, überlebte ihn zwar, trug aber einen schweren seelischen Schaden davon, der auch Ursache war für einen weiteren Wendepunkt im Leben seiner ältesten Tochter. Die bis dahin hervorragenden schulischen Leistungen verschlechterten sich, die Aussicht auf einen anständigen Beruf sanken und Amory beharrte darauf, Fotografin zu werden. Für eine Frau war das Mitte der 20er Jahre ein recht ausgefallener Wunsch…

Kürzen wir es ab: mit Hilfe ihres Onkels konnte sie zumindest die ersten Schritte als Fotografin machen. Sie reiste mit seiner finanziellen Unterstützung in das verruchte und mondäne Berlin der Goldenen Zwanziger, die Bilder, die sie von Prostituierten und aus den Nachtclubs mitbrachte, provozierten in England aber einen (lokalen) Skandal, der die junge Fotografin ins gesellschaftliche Abseits manövrierte. Andererseits lernte sie durch die Ausstellung ihrer Bilder Cleve Finzi kennen, einen amerikanischen Verleger, der sie in die USA holte. Amory wusste natürlich, daß dies seinen Preis hatte, aber es war ihr nicht wirklich unangenehm, diesen Rate für Rate zu begleichen, Finzi war ein intelligenter und attraktiver Mann….. und auch der französiche Romancier, den sie interviewen sollte, hinterließ Eindruck bei ihr, er sollte Jahre später ihr Geliebter werden…

Doch zuvor wurde sie von Finzi nach London geschickt, um aus Europa zu berichten. Dort keimte und wuchs die faschistische Bewegung immer stärker… Amory erlebte ein Desaster: sie wurde von den britischen Braunhemden der BFU zusammengetreten und sehr schwer verletzt…. der neuen Job, den Finzi ihr nach langer Krankheit besorgte, die Arbeit als Modefotografin, lag ihr nicht besonders…. eher reizte sie dann, den 2. Weltkrieg, nachdem die Amerikaner in die Kampfhandlung eingetreten waren, als Kriegsreporterin zu begleiten… in den letzten Kriegstagen traf sie dort auf einen jungen Offizier, der offensichtlich Schweres hinter sich hatte…. Sholto Farr, der sich als Landwirt vorgestellt hatte, wurde 1947 ihr Mann und machte sie zur Lady, Lady Farr, Herrin über ein großes Refugium in Schottland. Die Bezeichnung ‚Landwirt‘ war etwas tief gestalpelt… die Ehe der beiden war einige Jahre glücklich, dann kamen völlig unerwartet (angeblich konnte Amory nach dem Zwischenfall in England keine Kinder bekommen) Zwillinge, zwei Mädchen, auf die Welt. Doch ihr Mann Sholto litt immer offensichtlicher an den seelischen Verletzungen, die er im Krieg erlitten hatte…. es gab Probleme mit dem Testament, mit der Verteilung des Erbes, die Exfrau Sholtos hatte noch große Ansprüche… Amory wählte für sich und ihre Kinder unter anderem ein altes, einsame Cottage als Wohnsitz aus, Barrandale, auf einer kleinen ‚Insel‘ vor der schottischen Küste.

Noch ein Krieg… Boyd schickt seine Protagonisten im zarten Alter von immerhin neunundfünfzig Jahren noch einmal in die Hölle, nach Vietnam [3]. Amory merkte aber dort, daß sie irgendwie zu alt war für diesen Job… außerdem geriet sie hinter den Kulissen in Gefahr, weil sie Dinge gesehen hatte, die sie nicht sehen sollte…

Barrandale, der Ruhestand… mit Sorgen, die ihr Blythe, eine der Töchter macht, mit gesundheitlichen Problemen, die sie mit einem (später auch umgesetzten) Suizid sympathisieren läßt….


Boyd läßt seine Amory, die sich immer wieder mit spontanen, hastig getroffenen Entscheidungen in Probleme brachte, als Ich-Erzählerin ihres eigenen Lebens schildern. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, aber immer wieder durch Abschnitte unterbrochen bzw. aufgelockert, in denen die Protagonisten aus ihrer Gegenwart des Jahres 1977 auf ihr Leben zurückblickt. Daß die Hauptfigur trotz des biografischen Anstrichs, den sich der Roman gibt, fiktiv ist, ist kein prinzipielles Problem, teilt sie doch dieses Schicksal mit unzähligen anderen Romanfiguren, die von Autoren geschaffen wurden.

Was mich mehr gestört hat, ist die ausschließlich Konzentration der Geschichte auf ihre Hauptperson. Im Buch selbst ist in Bezug auf Cleve Finzi einmal von Solipsismus die Rede, genau dies trifft auf das Buch und seine Hauptfigur auch zu: nur deren Ich existiert. So schrumpft beispielsweise das Berlin der Goldenen Zwanziger, in dem Amory einige Zeit weilte, zusammen auf einen lesbisch-schwulen Kosmos, der sich zwischen Bordellen, halbseidenen Nachtclubs und privaten Pornoshows bewegt. Mehr des Alibis wegen wurden Amory und eine Freundin des Nachts auch mal von Braunhemden belästigt, aber das war es dann schon, mehr erfährt man von Berlin nicht. Weltgeschehen ist und bleibt nur Hintergrund für Amory Clays persönliches Schicksal.

Leider nimmt man dieser Figur auch nicht ab, daß sie als Fotografin besonderes geschaffen hätte. Der Roman ist, eine schöne Idee, illustriert mit (angeblichen) Bilder Amorys, deren Geschichte und Motiv in die Romanhandlung eingebaut ist. Oder waren am Ende die Bilder sogar zuerst da und der Roman wurde um sie herum geschrieben? Das läßt sich nicht entscheiden, entscheidend ist eher, daß die Bilder – auch wenn ich kein Fachmann für Fotografie bin – allenfalls die Qualität von Schnappschüssen oder Erinnerungsfotos haben.

Dabei ist der Roman jedoch flott geschrieben und unterhaltsam zu lesen. Allzuviel Ansprüche stellt er nicht, ich habe hin und wieder, wenn es mir zu langatmig wurde, auch einmal ein paar Seiten nur überflogen….

Was wollte der Dichter uns mit seinen Worten sagen? Das zu beantworten fällt mir schwer… ging es darum, die Biografie einer Frau zu schildern, die in eine Männerdomäne eingebrochen ist, die beruflich und privat ein Leben mit Brüchen geführt hat, die mehrfach indirekt von Spätfolgen des Krieges betroffen worden ist (Vater, Bruder und Mann waren jeder auf seine Art Opfer des Krieges)? Das Weltgeschehen, in dem Amory agierte blieb jedenfalls immer nur schwach ausgeleuchteter Hintergrund ihrer Geschichte.

So ist meine Begeisterung über das Buch eher verhalten, für eine Entspannungskur zwischendurch scheint es mir jedoch bei aller Kritik geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.williamboyd.co.uk
[2] z.B. hier: William Boyd: How David Bowie and I hoaxed the art world; in: https://www.theguardian.com/music/2016/jan/12/art-david-bowie-william-boyd-nat-tate-editor-critic-modern-painters-publisher
[3] ich hatte mir noch nie klar gemacht, wie interessant und vielschichtig das Thema ‚Kriegsberichterstattung‘ ist. Z.B. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73169/kriegsberichterstattung?p=all

William Boyd
Die Fotografin
Die vielen Leben der Amory Clay

Übersetzt aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer
Originalausgabe: Sweet Caress, 2015, London
diese Ausabe: berlin-Verlag, HC, ca. 560 S., 2016

…. und Liebe ist Liebe.

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Ulrike Voss ist Autorin aus der Nähe von Frankfurt, ihr Thema sind lesbisch-erotische Geschichten. So auch dieser Roman Rebeccas Küsse, der mit der Ich-Erzählerin Julia eine junge Frau als Protagonisten hat, die in einer festen Beziehung mit Gudrun lebt. Die beiden Frauen wohnen und arbeiten zusammen: sie betreiben eine Event-Agentur in Berlin. Das ist viel Arbeit und wie im richtigen Leben so leidet auch im Roman die erotische, prickelnde Seite der Beziehung unter der Belastung des Alltags und der Tatsache, daß es prinzipiell schwer ist, das Feuer über lange Zeit am Lodern zu halten: oft, meist, fast immer fällt die Flamme zur Glut zusammen, die sorgsam gepflegt werden muss. So auch bei Julia und Gudrun, wobei hier selbst die Pflege schon schwierig geworden zu sein scheint: Ein Vierteljahr ohne Sex, das konnte doch nicht wahr sein!

Hab gerade Ihre Nippel unter dem Hemd bewundert! Es herrscht nicht gerade eine harmonischer Stimmung zwischen den beiden, als Julia am Abend diese Nachricht auf ihrem Facebook-Account findet. Liegt es an dieser Mißstimmung, daß sie sie nicht einfach wegklickt, sondern reagiert? Von welchen Bildern sprechen Sie? Zwei Gefühle streiten in ihr: das der sexuellen Unterversorgung und die blitzartig auftauchende Gewissheit, mit dieser Frau im Bett zu landen sowie das Wissen darum, diesen beginnenden Kontakt besser abzubrechen.

Nein, sie bricht ihn nicht ab, vor Gudrun verheimlicht chattet sie mit Rebecca, so nennt sich die Unbekannte, von der sie fast nichts weiß. Manchmal macht sie den Rechner aus, es gibt Pausen, aber immer wieder kommt es zu Kontakten. Rebecca kann auch über Literatur reden, kennt sich in Lyrik aus, aber…. Julia fängt an, ihr Leben zu überdenken, die Beziehung zu Gudrun, sie erinnert sich an Liebeleien von beiden Seiten, die selten und kurz nur nebenher liefen…. Sie liebt Gudrun, natürlich….

Im Sommer fährt Julia in ein Ferienhäuschen auf Gran Canaria, sie fährt alleine, Gudrun will im Herbst endlich in den Norden, nach Skandinavien fahren und hat ihre Reise schon gebucht… Schrei, bitte schrei, lass es dir kommen! Allein, unter dem sternenbedeckten Himmel, ein wenig Wein – die Chats mit Rebecca werden heiß, die beiden reden nicht mehr um den heißen Brei herum, was sie sich schreiben ist klar und eindeutig und hart und heiß und nass. Dirty Talking. Und es ist gut, daß sie ihre Musikanlage so laut gestellt hat, denn ja, Julia schreit und schreit und wälzt sich während sie schier ausläuft… Rebeccas Sätze und ich auf dem Liegestuhl neben der lauten tobenden Palme, mit geöffneten Beinen…

Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich?

Sie vertraut sich einer Freundin an, die nach zwei Wochen kommt und ebenfalls in dem Häuschen wohnt. Bis jetzt sei es ja eigentlich nur Selbstbefriedigung, so Claudia, aber sie solle vorsichtig sein, hinter dem Namen Rebecca könne sich jeder verbergen, auch ein Mann, der sich nur aufgeilen will… Oder hast du dich verliebt?  Hatte sie sich verliebt?

 Wieder zurück in Berlin genießt Julia einerseits die vertraute Nähe zu Gudrun, vermisst aber schmerzlich den Sex, zumal Gudrun ihr in ihrer Abwesenheit ein eigenes Bett in ihr Zimmer gestellt hat, damit sie beide ungestört schlafen können…

Der große, entscheidende Entschluß: Julia und Rebecca verabreden sich zu einem realen Treffen in Frankfurt, lernen sich kennen. Es ist für Julia nicht so, wie sie sich das ausgemalt hatte, Rebecca sieht so ganz anders aus wie in der Phantasie ausgemalt, groß und muskulös. Eine fremde Frau .. in einem schäbigen Zimmer mit häßlich grün-braunem Teppichboden und grünlich gelben Wänden auf einem weiß bezogenen Bett… der Sex ist nicht wild, eher verhalten, sie haben nicht viel Zeit und Julia ist befangen.

Aber sie treffen sich noch einmal und noch einmal und als Rebecca in Frankfurt die Wohnung einer Freundin nutzen kann, wird aus den gelegentlichen Treffen etwas Regelmäßiges. Gudrun gegenüber versinkt Julia immer mehr in Lügen, sie schiebt ihre Mutter vor, die krank sei und besucht werden müsse…. in Frankfurt mit Rebecca entwickelt sich still und unaufhaltsam eine Beziehung, mal rutscht das Wort ‚meine Freundin‘ aus Julia heraus, auch das Wort ‚Liebe‘ steht deutlich am Horizont…..

Das eine bekommen und das andere behalten. Kann man eine Nebenbeziehung, eine zweite Liebe führen neben der ersten? Die Wärme Gudruns, die Vertrautheit, die bekannte Nähe – Julia möchte das alles nicht verlieren, aber genauso wenig möchte sie Rebecca verlieren mit ihren Küssen… Um ihre Beziehung mit Gudrun aufzufrischen, fahren die beiden ein paar Tage nach Lanzarote, ins ‚Yaiza Princess‘ (eine gute Wahl, ich kenne das Hotel…), besuchen La Graciosa, die Sandinsel im Norden von Lanzarote. Sie urlauben auch in der Nähe, treffen sich mit Freundinnen, mit denen sie was unternehmen.

Wir müssen reden.

So wird Julia nach der Rückkehr von einem der Treffen mit Rebecca von Gudrun empfangen. Wir müssen reden.


Ein Thema, so alt wie die Liebe selbst. Es ist völlig unabhängig davon, wie man sexuell orientiert ist, niemand ist davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der einen im Innersten anrührt, man nennt das wohl Liebe. Das kann schon an sich kompliziert sein, noch komplizierter wird es natürlich dann, wenn man – wie es die Konstellation im Roman von Voss ist – schon fest liiert ist, halbwegs glücklich und zufrieden ist, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hin und wieder knirscht, so wie zwischen Julia und Gudrun. Trotzdem möchte man den anderen nicht missen, die Liebe zum Partner hört nicht automatisch auf, nur weil man sich in einen weiteren Menschen verliebt, das Gewohnte gibt auch Sicherheit, die man schätzt.

Das ist die uralte Frage: kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und kann man diese Beziehungen so gestalten, daß alle drei glücklich werden dabei? Sicherlich fängt die Zweitbeziehung erst einmal heimlich an, wird durch Lügen kaschiert so wie im Roman bei Julia. Dabei weiß sie, daß dies kein Dauerzustand sein kann…. aber der Mut zur Wahrheit, er ist schwer zu finden, zu groß auch die Angst vor einem Bruch….

Voss findet in ihrem Roman einen Ausweg aus dieser schwierigen Situation, ein Ausweg, der alle glücklich werden läßt (als Leser ahnt man schon vorher, in welche Richtung Voss ihre Geschichte auflösen will) und damit ein bischen arg zuckersüß erscheint. Ob sich solche Geschichten im ‚richtigen Leben‘ nicht doch anders abspielen? Aber gut, es ist nicht das richtige Leben, es ist ein Roman und da hat die Autorin für ihre Geschichte eben ein befriedigendes Ende gewählt, es ist ihr gutes Recht.


Was früher der Briefroman war, dann vor ein paar Jahren heutzutage schon fast rührend nostalgisch anmutend mit Glattauer (und anderen) zum erfolgreichen Mailroman wurde, ist im ersten Teil bei Voss eine Art Chat-Roman – zumindest passagenweise. Was mit Brief und Mail funktioniert, funktioniert auch im Chat: zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die noch nicht einmal wissen, wer der/die andere ist und ob er/sie nicht sogar fakt, entwickeln sich starke Gefühle. Es ist mehr als betreutes Masturbieren, die Emotionen sind real, besetzen die Fantasie und können zur Obession ausarten. Voss läßt ihre Protagonisten genau diesen Weg gehen: Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich? 

Der/Die im Grunde unbekannte Gegenüber wird zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse, da kein Bild existiert, mache man sich ein Bild, setzt es wahrscheinlich unbewusst aus Versatzstücken der eigenen Idealvorstellung zusammen. Vielleicht fällt es deswegen ab einem bestimmten Punkt so leicht, alle Hemmungen beseite zu schieben, denn gegenüber sitzt ja schließlich mein idealer Partner, vor dem ich keinerlei Scheu zu haben brauche. Da dies auch in der anderen Richtung funktioniert, schaukelt sich die virtuelle Beziehung schnell und leicht auf: aus Dirty Talking wird Very Dirty Talking. Ich bin nass. – Dann rein mit der Hand ins Nasse.


Der Lackmus-Test für eine solche virtuelle Beziehung ist die Realität, die nicht selten ein Schock ist. Voss arbeitet dies schön heraus. Was haben die heißen kanarischen Nächte voller Palmenrauschen unter klarem Sternenhimmel zu tun mit dieser fremden Frau, die groß und muskulös im Türrahmen des schäbigen Zimmers steht, dessen Interieur farblich sehr an Mageninhalt erinnert? Vorbei ist es mit der Hemmungslosigkeit, Befangenheit und Zurückhaltung dominieren, auch wenn Voss ihrer Julia einen immerhin leisen Höhepunkt gönnt. Aber wie auch immer, bei beiden verfliegt der Zauber nicht völlig, stellt sich, wie ich vorstehend angedeutet habe, wieder ein..


Voss ist mit Rebeccas Küsse ein frischer, unterhaltsamer, auch anregender Roman gelungen. Ein Roman, der seine nachdenklichen Passagen hat, der Zwiespalt, in dem die Autorin ihren Protagonisten schickt und der sie immer stärker in eine Geflecht aus Lügen und Ausreden einbindet, zwingt diese dazu, ihr Leben zu überdenken. Die Handlung ist in der Jetzt-Zeit angesiedelt und nah am Leben geschildert, junge Frauen (aber nicht nur diese!) in ähnlicher Lage können sich in Julia und ihrer Situation durchaus wiederfinden – unabhängig von der sexuellen Orientierung (Liebe ist schließlich Liebe). Wer sich schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Julia befunden hat, wird sich in deren aufgewühlter Gefühlslage gut einfühlen können.

Die erotischen Szenen, die Voss anfänglich als Chat beschreibt, kann man nicht als raffiniert bezeichnen, sie kommen schnell zur Sache und benennen sie mit klaren Begriffen und Aufforderungen. Aber ok, auch ein Quickie hat schließlich seinen Reiz. Im zweiten Teil des Romans ändert sich die Art der Beschreibung und wendet sich vom Dirty Talking ab zugunsten einer subtileren Darstellung der erotischen Szenen, die aber keineswegs als Selbstzweck fungieren, die sich im Gegenteil harmonisch in den Zusammenhang der Handlung einpassen. Das zuckersüße Ende, das einer eher unwahrscheinlichen Auflösung der verzwickten Situation zwischen den Frauen entspricht, hat mich persönlich ein wenig gestört, es sieht mir ein wenig arg nach Wunschdenken aus… was mich aber nicht daran hindert, Rebeccas Küsse insgesamt als gelungenen Roman zu beschreiben, der gerade auch unter dem Aspekt des Erotischen aus dem, was der Buchmarkt auf diesem Sektor heute vorwiegend bietet, deutlich herausragt. Einen Dank auch an Claudia Gehrke, die mit ihrem konkursbuch Verlag immer wieder solche literarische Erotik anbietet.

Ulrike Voss
Rebeccas Küsse
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, Softcover, ca. 310 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Besprechungen vom mir über erotische Literatur sind über diesen Link zugänglich:
https://erotischebuecher.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Dezsö Kosztolanyi: Anna

15. Januar 2017

Als ich neulich von Márai die Bekenntnisse eines Bürgers las [4], liess dieser sich seitenlang über das Verhältnis Hausherrin zu Dienstbotin bzw. -mädchen aus. Da dachte ich so bei mir, es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht einen Dienstbotenroman aus dem Ungarn vor oder nach dem 1. Weltkrieg gibt… und siehe da: kaum gesucht, schon gefunden!

Dezső Kosztolányi, Anfang des 20. Jhdt. Bildquelle: [B]

Dezső Kosztolányi, Anfang des 20. Jhdt.
Bildquelle: [B]

Der mir bis dato unbekannte ungarische Autor Dezsö Kosztolanyi hat 1926 einen Roman mit dem Titel Anna Édes veröffentlicht, der explizit als ‚Dienstmädchenroman‘ bezeichnet wird. Dezsö Kosztolanyi übrigens muss ein sehr interessanter Autor sein, liest man, was so über ihn geschrieben wird, so ist das allermeiste des Lobes voll. Nur von – genau! – ausgerechnet dieser Anna heißt es (oder genauer gesagt, wird so zitiert [3]), er sei ‚kantig‘. Aber da auch geschrieben wird, der Roman sei von 1920 (obwohl er inhaltlich bis in das Jahr 1923 reicht und letztlich 1926 veröffentlicht wurde), muss man diesem Urteil möglicherweise nicht allzuviel Gewicht beimessen.


Anna, man errät es unschwer, ist dieses Dienstmädchen. Aber bevor es uns leibhaftig als Figur entgegentritt, müssen wir etwas Geduld aufbringen. Denn der Autor läßt sich Zeit, nimmt sich die Zeit, uns Lesern das Dienstmädchenwesen in Budapest im allgemeinen und im speziellen zu erläutern. Beispielhaft dazu dient ihm die Familie von Vizy, der wir zum ersten Mal begegnen am 31. Juli des Jahres 1919. Dieses Jahr war für Ungarn turbulent:  die nach dem Ende des 1. Weltkriegs errichtete demokratische Republik unter Mihály Károlyi wurde durch  eine Räterepublik unter der Führung von Béla Kun abgelöst, die wiederum selbst nach der Niederlage im Krieg gegen Rumänien unterging. Dieser Bela Kun leitet den Roman in einer Art Prolog, der mit der eigentlichen Handlung nur indirekt zu tun hat, ein, deutet aber schon an, daß die politischen Verhältnisse im Hintergrund der Geschichte immer mal wieder erhellt werden werden. Bela Kun jedenfalls flieht mit von Schmuck überfüllten Taschen mit einem niedrig fliegenden Flugzeug und winkte den Bürgern höhnisch und voll ausgesuchter Bosheit zum Abschied zu.

Die Fenster seien ob dieser Nachricht zu schließen, doch Katica, das Dienstmädchen, rund und prall gefüllt wie eine Taube, läßt sich bitten, ist keineswegs gewillt, dieser Aufforderung Herrn von Vizy unverzüglich oder zumindest überhaupt nachzukommen, gelangweilt besah sie sich die Spitzen ihrer Lackschuhe, sie wollte ausgehen. Ist es ein Wunder, daß Herr und Frau Vizy unzufrieden waren mit Katica, ihrem Dienstmädchen? Ach was, mit allen diesen Mädchen, die durch ihre Art und Weise, ihren Dienst (nicht) zu verrichten, in Wahrheit ihre Herrschaft terrorisieren. Ein neues muss her, ein weiteres Glied in der langen Kette der Dienstmädchen, die im Hause Vizy schon dienten. Es trifft sich gut, daß Fiscor, der Hausmeister, der alte Marxist, jetzt, wo sich der politische Wind wieder gedreht hat und der ehemalige (und zukünftige) Ministerialbeamte Kornél von Vizy wieder Licht in seinem Leben sah, daß also Fiscor gut Wetter machen musste, um zu überleben. Anna, so heißt das Mädchen, ihm verwandt und ohne Fehl und Tadel mit der einzigen Leidenschaft, zu arbeiten und dem einzigen Fehler, daß sie eine Anstellung hat, aus der sie eigentlich nicht weg will. Das aber verschweigt Fiscor der Frau von Vizy wohlweislich und hält sie mit Ausreden hin…

Kürzen wir´s ab: irgendwann, man hat nachgeholfen, kommt Anna zu von Vizys ins Haus, bezieht ihr Bett in der Küche und – arbeitet. Sie arbeitet tatsächlich, von früh bis spät, die freien Stunden weiß sie nicht, was sie anfangen soll mit sich und so wird sie bald unentbehrlich im Hause. Was nicht bedeutet, daß man ihr große Anerkennung entgegenbringt. Im Gegenteil halst man ihr immer mehr Aufgaben auf, nicht nur in der Wohnung Vizy, sondern im gesamten Haus (das den Vizys gehört) wird sie bald eingespannt.

Ein solches Dienstmädchen gab es noch nicht, ihr Name macht die Runde im Viertel, wird zum Mythos. Die Menschen sprechen über sie, erkennen sie auf der Straße, es ist ihr nicht angenehm, sie macht schließlich nur ihre Arbeit… und daß Angela von Vizy sie bei Einladungen ihren Freundinnen wie einen Zirkusgaul vorführt, peinlich und unangenehm ist ihr dies, denn es ist keineswegs ein Zeichen von Wertschätzung darin verborgen.

Irgendwann in dieser Zeit schneit der junge Janos, ein Verwandter des Herrn von Vizy, ins Haus. Nachdem dieser die strenge Militärschule [5] durchlaufen hatte, genießt er alle Freiheiten des zivilen Lebens, sprich: er ist ein Bruder Leichtfuß, ein Tunichtgut, ein Schlawiner geworden. Der bei von Vizys einquartiert wird, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat, denn unter der Schirmherrschaft des Onkels tritt er seine Arbeit bei einer Bank an.

Die Herrschaften verreisen übers Wochenende, vier Tage ist Anna mit Janos, genannt Jani, allein in der Wohnung. Und da sich der junge Herr da in etwas hineinsteigert, kommt es dazu, daß das Dienstmädchen auch diese Funktion aus dem (inoffiziellen) Katalog der Dienstleistungen erfüllen muss. Was Anna jedoch viel mehr überrascht als der nächtliche Besuch des jungen Herrn ist dessen verliebtes Getue, das am nächsten Morgen keineswegs vorbei war…. und das einen zarten Gedanken in ihr weckte, der dann flugs allerdings doch bald enttäuscht wurde….

Sie leugnet nichts, gibt alles zu, weiß nur nicht warum. Ein grausames Verbrechen, nicht zu verstehen, andererseits, war sie nicht immer schon etwas….? Warum haben von Vizys damals eigentlich der Katica gekündigt, dem besten Mädchen, das sie je hatten? Klatsch, Tratsch und Sensationslust, einzig der todkranke Arzt aus dem Haus, der selbst schwach und als unbedeutend eingestuft, hält noch zu ihr: „Ich habe das bestimmte Gefühl, daß sie nicht menschlich behandelt wurde. Man hat sie nicht wie einen Menschen behandelt, sonder wie eine Maschine.  Man hat eine Maschine aus ihr gemacht“, und jetzt brach es aus dem alten Arzt heraus, er schrie beinahe. „Man hat sie unmenschlich behandelt, unmenschlich und erbärmlich.“


Auch wenn Kosztolanyis Roman in seinem Epilog, der etwas seltsam anmutet und für die Romanhandlung unwesentlich ist (in einem Nachwort wird dies erklärt), einen längeren Zeitraum überstreicht, so ist die eigentliche Handlung doch in der Zeitspanne vom 31. Juli 1919 bis Ende Mai 1920 angesiedelt. Das Ehepaar von Vizy, das unter den Bolschewisten immer in Gefahr war, wittert nach dem Umsturz wieder die Morgenluft sich für sie bessernder Verhältnisse. Privat leidet insbesondere die Frau unter der Knute der jeweiligen Dienstmädchen, denen sie ausgeliefert ist. Man fürchtete sich in der eingenen Wohnung. Ein Feind, den man auch noch bezahlt (Marai [4] verwendete ähnliche Worte, nach ihm war das Dienstmädchen der natürlich Feind der Hausfrau). Beispielsweise Katica: Noch niemals .. hatte man so ein Biest gehabt. Katica war stinkdaul, dazu unverfschämt, liederlich und gleichgültig. .. oder Luise Hering, die hatte gestohlen wie eine Elster … die Budapester Handwerkertöchter stahlen alle. …. Bauernmädchen arbeiteten zwar, schickten dafür aber Eingemachtes und Gewürze nach Hause. Und sie aßen. Gott im Himmel, was die zusammenaßen! Am liebsten hätten sie das ganze Haus aufgefressen. … Die Schwabenmädchen? Sauber waren sie, aber unzuverlässig. Und die Slowakinnen waren zwar fleißig, aber zu sinnlich …. Dieses existentielle Dienstmädchen-Problem der bürgerlichen ungarischen Hausfrau wird noch weit ausführlicher und detaillierter dargestellt, es ist ein sehr amüsanter Blick zurück in die damalige Welt. In einem erkärenden Nachwort wird erläutert, daß Dienstmädchen bis zum Zweiten Weltkrieg mit 34,7 % sogar die größte Gruppe unter den erwerbstätigen Frauen in Budapest darstellten. Das für die Anstellung maßgebliche Rechtsgrundlage aus dem Jahr 1876 weist noch erhebliche feudale Elemente auf wie das Recht auf körperliche Züchtigung bei Verstößen des Mädchens, das auf der anderen Seite für seine Handlungen nicht voll verantwortlich war, auch der Dienstherr konnte wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht zur Verantwortung herangezogen werden.

Der psychische Druck auf die Frauen war groß: sie kamen oft vom Land, wurden aus ihren sozialen Bindungen herausgerissen, konnten in der Stadt kaum neue Kontakte knüpfen, waren ihren Herrschaften weitgehend ausgeliefert, wurden ausgenutzt und ausgebeutet. Als Folge war die Suizidrate hoch, auch glitten viele Frauen in die Prostitution ab.

Für von Vizys jedenfalls war die Aussicht auf ein Mädchen wie Anna wie eine Verheißung und die Schilderung, was sich Frau von Vizy alles einfallen lassen muss, um dieses Musterexemplar aus dem Anstellungsverhältnis, in dem sie ist, herauszulösen ist wie der ganze Roman farbig und anschaulich, und auch nicht ohne eine Prise Ironie und Sarkasmus.

Leider weiß Frau von Vizy nicht, wie man mit so einer Perle, als die sich Anna dann zur Überraschung tatsächlich entpuppen sollte (sie stahl nicht (man stellte sie auf harte Proben), sie aß auch kaum und sinnlich.. nun ja, auch das war sie nicht sonderlich) umgehen sollte, um sie zu erhalten. Im Gegenteil, Anna wurde zwar zu einem Phänomen, mit dem Frau von Vizy nach außen hin angeben konnte, nach innen hin jedoch wurde Anna desto stärker ausgenutzt. Moviszter, der alte, kranke Arzt, hat Recht mit seinem Ausbruch vor Gericht: Anna wurde nicht wie ein Mensch behandelt, sondern wie eine Arbeitsmaschine.

Da Anna kein Mensch war, der zu Widerstand und Gegenworten neigte, ließ sie alles mit sich machen. Arbeit war in der Tat das einzige, was ihr Leben ausfüllte. In den Freistunden, die ihr zustanden, langweilte sie sich, mit dem Kino, in das sie andere Dienstmädchen, die im Haus tätig waren, mitnahmen, konnte sie nichts anfangen…. Anna war es zufrieden, wenn andere Menschen für sie dachten und ihr sagten, was sie tun solle.

Aus dieser inneren Lethargie wird sie ein einziges Mal herausgerissen. (Mit dieser Episode legt Kosztolanyi übrigens auch für Leser eine falsche Spur, das Verhängnis, das man schon seit längeren kommen sieht, geht dann doch ganz anders weiter.) Jani, dieser junge Schnösel, der verdreht Anna tatsächlich den Kopf. Nicht so sehr, weil er zu ihr in die Küche kommt, dann ins Bett kommt, dann in ihr kommt, sondern weil er am nächsten Tag mit seiner vorgeblichen Verliebtheit weiter um sie ‚wirbt‘ und ganz tief drinnen in diesem schlichten Mädchen eine zartes Gefühl sich entwickeln läßt…

Bemerkenswert ist das letzte, etwas längere Kapitel des Romans. Es ist ein schweres, grausames Verbrechen verübt worden, Anna leugnet nicht noch unternimmt sie den Versuch, zu fliehen. Das ‚Wie‘ der Tat ist schnell geklärt, das ‚Warum‘ bleibt im Dunkeln. Anna, im Gefängnis, findet die Zelle – sie ist größer als ihre Küche – gar nicht so schaurig, wie sie es sich dort vorgestellt hat, auch der Richter, kein schlechter Mensch. Er sprach freundlich und wohlwollend mit ihr … redete ihr zu, sie solle sich doch erinnern … das gelang ihr aber nicht recht; daraufhin half ihr der Herr Richter, der sich besser an alles zu erinnern schien als sie. Ebenso in der Verhandlung selbst erzählte sie nicht mit den eigenen Worten, sondern mit denen, die sie von der Polizei und dem Untersuchugnsrichter gehört hatte. So stellte sie den Verlauf des Mordes ziemlich zusammenhängend dar.

In den Augen der aufgerufenen Zeugen, vormals des Lobes über sie voll, hat sich die Ansicht geändert. Mißtrauisch sei sie gewesen, habe sich verdächtig benommen, grübelte immerzu und war traurig, man habe davon gehört, sie hätte schon früher mit einer Sichel nach ihrer Mutter geworfen. Andere hatten sie als heiter in Erinnerung, was nicht verwunderte, sei doch Frau von Vizy die Güte in Person gewesen…

Wo bist du, alter Doktor, du Sterbender mit der unheilbaren Krankheit, mit deinen acht Prozent Zucker? … Wenn du noch bist und noch einen Funken Leben in dir ist, dann gehörst du jetzt hierher, dann müßtest du kommen. In der Tag, der alte Moviszter ist der einzige, der dem Mädchen gerecht wird in dieser Verhandlung…

Unbarmherzig beschreibt Kosztolanyi die Wankelmütigkeit der Menschen. In dem Maße, wie Anna in ihrer Erinnerung zu einem Mädchen wird, das schon immer schlecht war, wertet die Erinnerung die anderen, verflossenen Dienstmädchen immer weiter auf, wandelt die verfressen, unzuverlässigen Trampel in wahre Perlen des Haushalts.

Zwar bleibt das Motiv für Annas Tat ungenannt und im Ungefähren. Berücksichtigt man jedoch die Ausführungen im Dossier über das Schicksal vieler Mädchen, die sich suizdieren oder in die Prostitution abgleiten, so kann man sich vorstellen, daß der innere Druck bei Anna dieses Ventil genommen hat, um zu entweichen: Sie verstand zwar auch nicht, warum sie es getan hatte, aber sie hatte es getan. Und da sie es getan hatte, mußte tief, sehr tief in ihrem Inneren etwas sein, das notwendig und unausweichlich gefordert hatte, daß sie es tun solle. Und wer etwas von Innen sieht, sieht es anders als diejenigen, die es nur von außen sehen. 

Dezsö Kosztolanyis Anna: ein tragischer Roman, ein Sitten- und Zeitengemälde, ein zeitloses Stück Literatur, das seinen Wert nicht verlieren wird und viele Leser verdient hätte!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dezső_Kosztolányi
[2] es gibt sicher noch mehr im Netz, aber ich habe diese beiden Aufsätze über Kosztolanyi gelesen:
– Tobias HeylWie man über ein Buch plaudert, ohne es gelesen zu haben, Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010; http://www.sueddeutsche.de/kultur/buch-dezsoe-kosztolnyi-wie-man-ueber-ein-buch-plaudert-ohne-es-gelesen-zu-haben-1.249720
– Dieter Hildebrandt: Ungarische Rhapsodie; ZEIT.ONLINE, 19. August 2004; http://www.zeit.de/2004/35/L-Kostolanyi
[3] … und zwar findet sich dieses Zitat auf eine Besprechung der NZZ im Perlentaucher:  https://www.perlentaucher.de/buch/dezsoe-kosztolanyi/anna-edes.html
[4] Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers; Besprechung hier im Blog
[5] vgl. Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze;  Besprechung hier im Blog

Mehr ungarische Literatur auf aus.gelesen:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/ungarische-literatur/

Bildquelle: Portraits: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dezső_Kosztolányi.jpg?uselang=de; Publisher: Biblioteca Județeană „Octavian Goga“ Cluj / „Octavian Goga“ Cluj County Library [Public domain], via Wikimedia Commons (Bild gemeinfrei)

Dezsö Kosztolanyi
Anna
Übersetzt (1963) aus dem Ungarischen von Irene Kolbe

Originalausgabe: Anna Édes (oder Édes Anna?), Budapest, 1926
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 34), HC, ca. 280 S., 1987

Erni Kutter: Schwester Tod

11. Januar 2017

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

Edmund de Waal [1] hat mit seiner Familiengeschichte Der Hase mit den Bernsteinaugen [4] vor wenigen Jahren ein wunderbares und zu Recht sehr erfolgreiches Buch über seine Suche nach den Wurzeln der Familie, aus der er stammt, geschrieben. Leittier dieser Suche war nämlicher Hase, ein Netsuke, einer aus einer Sammlung von 264 Figuren, die das Einzige war, was vom Werk vieler Generationen der jüdischen Familie Ephrussi nach dem Krieg geblieben ist. Mit der gleichen Intensität und Tiefe hat sich de Waal (er war während dieser Suche wohl nach am Verfassen des Manuskripts vom ‚Hasen…‘) ebenfalls einem anderen Thema gewidmet, dem Stoff, der sein Leben bestimmt, seiner Obsession, wie er selbst schreibt, dem Porzellan. Steht beim Hasen… also die Familiengeschichte im Zentrum, ist es bei Die weiße Straße die Erforschung der eigenen Leidenschaft.

Ich bin Töpfer, sage ich, wenn man mich fragt, was ich mache. …
es ist Porzellan – weiße Gefäße – die ich als mein eigenes reklamiere ….

a short history of china trade, 2016 Bildquelle [B]

a short history of china trade, 2016
Bildquelle [B]

Denn von Beruf her ist de Waal keineswegs Schriftsteller, sondern ‚Töpfer‘, ein Bezeichnung, die für mich einen falschen Zungenschlag hat, denn was de Waal, Professor für Keramik, schafft, hat nichts mit dem zu tun, was ich mir unter ‚Töpferei‘ vorstellen: braune, ggf. bunt glasierte Töpfe, Teller, Schüsseln, Krüge. Ich empfehle sehr, sich die Homepage de Waals, auf der Bilder seiner diversen Ausstellungen zu sehen sind, anzuschauen, einige dieser Ausstellungen spricht er auch im Buch an [1], der nebenstehende Screenshot gibt einen Eindruck von seiner Kunst der Töpferei.


Wir Heutigen sind von Porzellan umgeben, sei es nun das Geschirr, von dem wir essen, das stille Örtchen, das wir besuchen, die künstlichen Zähne, mit denen wir kauen oder auch Figürchen und Teller, die im Regal als Erinnerungsstücke stehen: Porzellan ist allgegenwärtig für uns, die Hype, die in vergangenen Jahrhunderten um dieses Material gemacht worden ist, ist uns kaum noch verständlich.

Was aber ist das besondere an Porzellan? Man muss dies zum Lesen des Buches nicht unbedingt wissen, aber als Hintergrund erleichtert es doch das Verständnis. Prinzipiell zählt Porzellan zu den keramischen Massen so wie Irdengut, Steingut oder Steinzeug bzw. auch die keramischen Sondermassen, die in der Technik Anwendung finden. All diese Materialien bestehen aus Tonen, Feldspaten und Quarz in verschiedenen Mischungsverhältnissen. Die Unterscheidungen zwischen einzelnen Keramikarten sind daher auch nicht streng, sondern überlappen.

Der besondere Ton, der zur Herstellung von Porzellan verwendet wird, wurde zum ersten Mal in China abgebaut und zwar am Berg Kao-ling, der ihm auch seinen Namen gab: Kaolin. Kaolin ist ein Verwitterungsprodukt, ein feines, weißes, eisenfreies Gestein mit hohem Schmelzpunkt, es wird durch Aufschlämmen gereinigt. Der klassische Kaolin besteht aus 40% Tonerde (i.e. Aluminiumoxid), 46% Quarz und 14% Wasser, er ist weiß bis weißgrau, oder wie de Waal eine der von ihm verwendeten Porzellanerden beschreibt, in der Farbe fettiger Vollmilch, grünlich angehaucht wie von Schimmel. [2]. Der zweite Bestandteil der Porzellanmasse ist Feldspat, Petuntse, wie er in China heißt, er wird ebenfalls durch Schlämmen gereinigt. Gebrannt ist Porzellan immer weiß, wobei wir durch de Waal lernen, daß es unendlich viele ‚Weiß‘ zu geben scheint…..

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur Bildquelle [B]

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur
Bildquelle [B]

Die Besonderheit des Porzellans liegt darin, daß, wie man schön an diesem Diagramm sehen kann, nach dem Brennen, das bei sehr hoher Temperatur erfolgt, ein großer Teil des Materials verglast ist, im Gegensatz zu anderer Keramik, bei der das Material beim Brennvorgang kristallisiert. Ab ca. 600 °C verliert das Werkstück ferner merklich an Volumen (’schwindet‘), da die freien Poren verschwinden. Porzellan ist daher wasserundurchlässig, klingt hell beim Anschlagen, ist es dünn genug, wird es (halb)transparent. Es ist beständig gegen Temperaturwechsel, Säuren (ausgenommen Flusssäure) und Laugen, ferner ist es ein guter Isolator. Da das verwendete Kaolin kein Eisen enthält, ist Porzellan weiß – in verschiedenen Schattierungen. Für de Waal, um wieder auf das Buch zu kommen, ist dies ein wichtiger Punkt, denn ‚Weiß‘ ist für ihn als Projektionsfläche wichtige Eigenschaft des Porzellans.

Die besonderen Eigenschaften der Porzellanmasse und die hohe Temperatur, bei der Porzellan gebrannt wird, machen den Brennvorgang technisch/handwerklich anspruchsvoll, in früheren Zeiten war es nicht selbstverständlich, solche Temperaturen von über 1300° C überhaupt zu erreichen, man brauchte gute Brennmaterialien. de Waal schildert in seinem Abschnitt über englisches Porzellan, wie problematisch dieser Punkt an den feuchten, diesigen Küsten Englands seinerzeit war. Aber selbst, wenn die Temperatur beim Brennen hoch genug war, konnte noch viel passieren, die Stätten, an denen Porzellan hergestellt wurde, wurden wurden im Lauf vieler Jahre buchstäblich von Scherben eingekreist…

Dem Töpfern wohnt es Mythisches inne. Nicht ohne Grund wird der Mensch in vielen Schöpfungsmythen vom Schöpfergott aus Ton geformt, und ihm wird Leben eingehaucht. Auch der Töpfer nimmt den Ton, formt ihn und gibt ihm zwar kein Leben, aber transmutiert ihn im Brennprozess zu etwas anderen, dauerhaften, stabilen, oder am Beispiel des Porzellans, zu etwas Wertvollem. Zu etwas Weißem.

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Dieses Buch beschreibt eine Art Wallfahrt zu den Anfängen, eine Chance, den Berg zu besteigen, von dem die weiße Erde kommt. … Ich habe vor, drei Orte aufzusuchen, wo das Porzellan erfunden oder wiedererfunden wurde, drei weiße Berg in China und Deutschland und England. Jeder von ihnen ist mir wichtig. … Ich muss an diese Orte fahren, muss sehen, wie Porzellan unter anderen Himmel aussieht, wie Weiß sich mit dem Wetter verändert. … Diese Reise ist eine Schuldabstattung an diejenigen, die früher waren.

ich muss… ich muss…. Schon diese frühen Zeilen des Buches über das Motiv de Waals lassen ahnen, daß dieser Mann sich wieder auf eine Expedition begibt, die ihn an Grenzen führen wird, so wie es schon seine Suche nach den Wurzeln seiner Herkunft getan hat [4].

Was definiert dich?

Porzellanmachen ist für de Waal ein kontemplativer Akt, wenn man aus Ton etwas herstellt, existiert man im Augenblick. … Ich bin in diesem Augenblick und anderswo. Ganz und gar anderswo. Denn Porzellanmasse ist zugleich Gegenwart und historisches Präsenz. … und während ich den Krug anfertige, bin ich in China. So entpuppt sich auch diese Weiße Straße als eine Weg, der de Waal zu seinen Wurzeln führen soll, zu seiner Verankerung als Töpfer, der in einer vielhundertjährigen Tradition steht, die so viel mehr bedeutet, als einfach nur Gefäße machen. Porzellan ist einer alchemistischen Wandlung unterworfen, einer Wiedergeburt. … Es [hier: die Porzellanmasse] fühlt sich weiß an. Damit meine ich, es  ist voller Antizipation., voller Möglichkeiten. Es ist ein Material, das jede Denkbewegung, jeden Wechsel der Gedanken aufzeichnet. ‚Weiß‘ nicht als Farbe, sondern als Gefühl, als Versprechen, als Verheißung, aber auch als Verlockung…

Ich war siebzehn, als ich zum ersten Mal Porzellanerde in die Hände bekam.

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Von Marco Polo heißt es, er habe den ersten Gegenstand aus Porzellan mitgebracht, aus China nach Europa. Es ist auch die nachfolgenden Jahrhunderte selten in Europa, es ist teuer, wertvoll und niemand weiß, wie es gemacht wird. Die Herstellung beginnt, wie ich mir habe sagen lassen, mit dem Sammeln einer bestimmten Erde, die wie Erz gefördert und aufgehäuft wird. So bleibt sie liegen, 30 oder 40 Jahre, Wind, Sonne und Regen ausgesetzt. In dieser Zeit verfeinert sich die Erde, bis sie zur Verarbeitung taugt. So beschreibt es Marco Polo in seinen Reiseberichten [4b]. Viel mehr sollte man über Jahrhunderte hinweg auch nicht erfahren. Erst die Briefe, die der Jesuitenpater Père d’Entrecolles aus China schreibt [3], geben weitergehende Auskünfte…. de Waal reist auf den Spuren dieses Paters nach Jingdezhen, einer Stadt, ca. 250 km südwestlich von Shanghai gelegen. Eine Stadt, förmlich auf Porzellan erbaut, Berge von Scherben, zum Fluss hin eine meterhohe Böschung aus Porzellanscherben.

Ich bin lächerlich glücklich, innen in meinem weißen Berg gewesen zu sein. 

Eine mythische Vereinigung, eine Art alchemistischer Hochzeit, de Waal und sein erster weißer Berg: Die Öffnung ist gerade breit genug, um hineinzuklettern, … Ich schlüpfe hinein, halte inne, … fahre mit der Hand über die Oberflächen. Sie schimmern feucht. Die Wände sind große, weiße, grün gestreifte Schnittwunden. … unten liegt saubereres, weißes Geröll. … Das ist es. Kaolin, mein Ursprung.

Porzellan an jeder Ecke, in jedem Hof in der Stadt. Alles ist Staub. Auf den Märkten sechshundert Jahre alte Stücke, letzte Woche hergestellt. Auch dies eine Kunst, die Kunst der Nachahmung, sie ist hochentwickelt. Jeder Brennvorgang ein Schritt ins Ungewisse, jeder Fehler bei der Herstellung rächt sich im Feuer, produziert Scherben anstatt Geschirr. Unsägliche Arbeitsbedingungen, Porzellanherstellung ist Ausbeutung.

Der kaiserliche Hof verlangte unendliche Mengen an Porzellan, Tausende, -zigtausende Stück an Tellern, Bechern, Gegenständen. Die Winter waren eiskalt, so daß man nicht arbeiten konnte, weil der Ton nicht trocknen konnte… 26350 Schalen mit Drachen in Blau, 30500 Teller im selben Muster, 6900 Becher, innen weiß und außen blau etc pp…. eine Bestellung des Hofes von 1554. Jahrhunderte später sollte sich alles geändert haben. 1911 sehen sich die Töpfer in Jingdezhen nicht mehr in der Lage, die Bestellung des Kaisers Puyi zu erfüllen, sie teilen es ihm mit und schicken ihm anderes. Damit enden tausend Jahre kaiserliches Porzellan.

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Die zweite Station: Dresden. Aber vorher noch Versailles, damals europäisches Machtzentrum, das dem Kaiserhof in China entsprach – zumindest vom Anspruch her. China war interessant für europäische Intellektuelle, Leibniz zum Beispiel, beschäftigte sich sehr mit dem Land. Über die Jesuiten hatte man ein Standbein in China, man konnte den Kaiser mit Genauigkeit beeindrucken, Genauigkeit war gefragt, um Sonnen-und andere Finsternisse vorhersagen zu können. Und da man den Kaiser auch von einer Krankheit befreien konnte, erteilte dieser 1692 ein Toleranzedikt. Wenige Jahre zuvor hielt sich ein junger deutscher, genauer: sächsischer Adliger in Versaille auf, der später einmal als August der Starke herrschen sollte. August verstand sich schon damals, in jungen Jahren, aufs Geldausgeben. Porzellan zu besitzen wurde Zeichen der Macht und des Geldes, nur herstellen konnte man es nicht. Colbert, der geniale Finanzminister Ludwigs, war das egal, dann wurde es eben nachgemacht, contre façon. Dieses Steinzeug war nicht schlecht, aber es war kein Porzellan…

August, jetzt König und Kurfürst und.. und.. und… wurde von der Porzellankrankheit befallen. Es kamen mehrere Faktoren zusammen: mit August ein Herrscher, der maßlos war, mit Böttger ein kleiner betrügerischer Apotheker und Alchimist mit Intuition sowie mit Tschirnhaus ein systematisch arbeitender Wissenschaftler. Aber all das hätte nichts genutzt, hätte es nicht in Sachsen einen weißen Berg gegeben, de Waals zweiten weißen Berg.

Sicherheitshalber war Böttger von August festgesetzt worden: da er in einem ‚gelungenen‘ Experiment unter Zeugen Gold hergestellt hatte, wollte jeder ihn haben. Natürlich war das Experiment nicht reproduzierbar, aber es gelang ihm und Tschirnhaus, August auf Porzellan umzupolen, eigenes Porzellan, nicht die blau-weiße Ware aus China oder Kakiemon aus Japan, für die er Geld haufenweise ausgab…

Im Goldhaus zu Dresden in Sachsen, einem Land mit langer Bergbautradition, mit Archiven und Aufzeichnungen, war Tschirnhaus, der Mathematiker, der Mann der Brennspiegel, auf dem Weg zum Porzellan. Und wieder spürt man bei de Waal diese Aufseufzen um Weg, den es für ihn nachzuvollziehen gilt: Wenn Tschirnhaus hier ist, dann muss ich Zeit mit Alchimisten verbringen. Wie schwierig kann das sein? Die Antwort lautet: sehr. Ich schenke ihnen grimmige Konzentration. Ich muss.

In diesen Stunden vor dem Morgengrauen wirbeln meine Sorgen herum –
Geld, ein neues Studio, die Ausstellung, für die ich nichts tue -,
bis sie sich im Innersten niederlassen. 

Vase aus Bötterporzellan Bildquelle [B]

Vase aus Böttgersteinzeug
Bildquelle [B]

Tschirnhaus probiert systematisch Materialien aus, bereist Manufakuren in Europa, um sich umzusehen. Ein Jahrzehnt seines Lebens hat er dafür aufgewendet…. Wieder kein Erfolg. August wird wütend, läßt Böttger in ein geheimes Labor nach Meissen bringen. Meißen ist die Hölle. … Das Licht ist fahl. … Sie sind begraben. Sie können kaum atmen. Von Schlaf keine Rede mehr. … es gibt keine Luft. Böttger fängt an, wirr zu reden, seine Leute machen sich Sorgen. Aber er hat das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen. Ende Mai 1706 öffnen Tschirnhaus und Böttger den Brennofen und sie finden etwas, was sie vorweisen können. Es ist kein weißes Porzellan, aber etwas Ausserordentliches, ein rotes Material, das poliert wie Jaspis glänzt: Jaspis-Porzellan (oder auch Böttgersteinzeug).

… und milchweiß wie eine Narzisse.

Es ist zwanzig Jahre her, seit Tschirnhaus seine Versuche begann, einen Scherben aus einem reinen weißen, lichtdurchlässigen Ton zu erzielen. Es ist acht Jahr her, seit ein junger, verängstiger Apothekerlehrling nach Dresden gebracht wurde. Sieben Jahre, seit die beiden aufeinandertrafen. Es ist siebenhundert Jahre her, seit das Porzellan erstmals nach Europa kam.

Es ist der 15. Januar 1708. Scherben No 5 war von den drei Scherben ‚album und pellucidatum‘ der Beste. Ein gutes Vierteljahr später unterschreibt August ein Dekret zur Gründung einer Porzellanfabrik in Dresden, im Oktober des Jahres stirbt Tschirnhaus, nur zwei Tage, nachdem der erste durchscheinende Becher aus dem Ofen geholt wurde.

Mein Kaffeekonsum nimmt wieder zu. … Meine Hand zittert, bloß ein klein wenig.

Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss so vieles noch einmal ansehen.
Ich muss die Farbe der Seladonwaren neuerlich überprüfen,
die August für das Japanische Palais in Auftrag gab,
…. ich streife vor und zurück

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1719 bricht in Knabe zu einem langen Fußweg von Devon nach London auf, ein Weg über 207 Meilen, eine Woche mühsames Dahinstapfen zu einer Lehrstelle, in der er für sechs Jahre lang in Chemie ausgebildet werden soll. William Cockworthy wird nach dieser Zeit Apotheker sein so wie auch Böttgers Porzellan letztlich in einer Apotheke seinen Anfang nahm. Apotheker und Quäker.

Meine Notizen und Mappen sind ein einziges Durcheinander, die Notizen aus China sind irgendwie zwischen die aus Meißen geraten, darüber Tschirnhaus, und jetzt die gesammelten Werke von Defoe und die Briefe von Samuel Smiles. … Gott helfe mir, denke ich, während ich meinen Schreibtisch betrachte. Ich bin die Jesuiten losgeworden und jetzt habe ich die Quäker am Hals.

William geht nach sechs Jahren in London nach Plymouth, deren Wetter sich durch drei Stufen definiert: ‚einiges an Regen‘, ‚eine erkleckliche Menge an Regen‘ und ‚andauernder und heftiger Regen‘. Er durchstreift das Land, um Kundschaft zu gewinnen. Durchstreift das Land, sieht es, durchwühlt von Minen, ein Alchimistenland und der Traum eines Mineralogen. Ein ungehobener Schatz, wo man in Sachsen seit Jahrhunderten Karten hat und Erzproben verwahrt…. Eine Landschaft auf Spekulation.

Lag in Dresden das Problem des Porzellans eher darin, das richtige Ausgangsmaterial, das Kaolin, zu finden, war in England schnell bekannt, wonach man suchen musste. Im Heimatland des Autoren zeigten sich die Probleme eher in der Technologie.

Auch hier der Zufall – und wieder die Jesuiten, die fleißigen Berichterstatter und Briefschreiber aus fernen Landen. Ein gewisser Pater Du Halde bindet siebzehn dieser Briefe zu prachtvollen Bänden, sie gelangen in die Hände Williams. Das Kapitel Vom Porzellan oder der China-Ware im zweiten Band sollte dessen Leben ändern, denn hier steht es schwarz auf weiß, von Père d’Entrecolles vor zwanzig Jahren niedergeschrieben: Porzellan … bestehe aus zwei Arten von Gestein, die zermahlen und vermischt und dann bei ausreichender Hitze gebrannt werden müssen. Das eine ist Kaolin, das andere Petuntse. Das Arkanum ist aufgelöst. Für William, aber auch ein anderer junger Mann notiert sich etwas in sein Buch: ein gewisser Josiah Wedgwood, ein 15jähriger Bursche, der in der Töpferei seines Vater arbeitet.

Viele suchen nach dem Stein, William, dessen geliebte Frau unterdessen gestorben war, findet ihn am Tregonning Hill; dieser Hügel in Cornwall wird de Waals dritter weißer Berg. Der Versuch, Porzellan herzustellen, wird seine [i.e. William Cockworthys] Obsession, eine Art Erschöpfung in Weiß. Es ist eine Möglichkeit, sich der Welt zuzuwenden, sich von den Abwesenden in seinem Leben fernzuhalten. Eine Obsession kann hilfreich sein.

Im ersten Stock, wo früher die Büros waren, ist mein Raum zum Schreiben samt den Büchern. … Es gibt …. ein wenig schwülstigen Goethe über Farbe und Licht, woraus ich nicht recht schlau werde, doch in weiß, ich muss es schaffen, falls ich ein paar Tage abzweigen kann. Eine Woche? Habe ich eine Woche für Goethe?

Wieder dieses ‚Ich muss…‘, dieser Druck, den seine Leidenschaft auf den Autoren ausübt. Jeder Spur wird nachgegangen, jedem Hinweis gefolgt. Melville: Obschon das Weiß vieles Schöne aus dem Reich der Natur veredelt und verfeinert, so als verleihe es ihm etwas ganz eigenes und Besonderes – wie bei Marmor, Kamelien und Perlen …. Der Gedanke an die Farbe Weiß ist omnipräsent.. Es ist die Farbe der Trauer, denn es enthält alle Farben. Auch Trauern ist endlose Refraktion; es zerbricht einen in Stücke.

Cockworthy hat die Schürfrechte für sein Material und bekommt ein Patent. Doch er ist kein Geschäftsmann, eher ein Tüftler, nie wird er mit seinem Porzellan erfolgreich. Sein Patent, so sollte sein Konkurrent später gegen seinen Verlängerungsantrag argumentieren, behindere die Entwicklung der englischen Porzellanfabrikation eher als daß es ihr nutze, da er, Cocksworthy, es nicht umsetzen kann. Er, der Konkurrenet, Josiah Wedgwood, dagegen könne ein Patent zum Wohl des Landes nutzen. Wedgwood hatte sich sein Kaolin damals aus Amerika bringen lassen, die weiße Erde der Cherokee … äußerst weiß, zäh und glitzernd tauchte diese Erde auf, er besorgte sich ein paar Tonnen, liess sie nach England verschiffen, kein einfaches Unterfangen. Jetzt kann er Cockworthy bzw. seinen Nachfolger – denn William hatte seine ‚Fabrikation‘ einem anderen übergeben – aus dem Geschäft drängen, hat er Zugriff auf englisches Kaolin. Der Markt in England gehört ihm.

Diese englische Reise … ist etwas sehr persönliches geworden. .. Ich versuche, zu verstehen, … Wie kann man Engländer sein und Porzellan machen? Wo in diesem feuchten Land kann weißes Porzellan zum Leben erwachen?

Möglicherweise fühlt sich de Waal Cockworthy am nächsten. Im Verlauf seiner Beschreibungen nennt er ihn immer durchgängiger beim Vornamen William, eine weitere Leidenschaft teilen beide: das Schreiben. de Waal notiert über Cockworthy einen Satz, der auch über seinem Leben stehen könnte: So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

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de Waal wäre nicht de Waal, von seiner Leidenschaft besessen, besuchte er nicht auch die weiße Erde der Cherokee, Ayoree Hill in den Great Smokey Mountains [5]: … die Weiße dieses Tons, die Frage, wem er gehört, seine umstrittene, provokante Geschichte setzen mir zu. – de Waals vierter weißer Berg.

Seine Reise ist noch nicht zu Ende. Als ich in seinen Gesammelten Schriften, Band 31, Lenins Rede auf dem Gesamtrussischen Verbandstag der Glas- und Porzellanarbeiter lese, …. das Porzellan wird in den Dienst der Revolution gestellt, dieses Weiß ist eine Revolution. Die Objekte, die Malewitsch schafft, sind robust und betörend zugleich… Du willst ein Manifest? Hier ist es. Du nimmst die Idee eines Gebrauchsgegenstandes und übermalst ihn, streichst ihn weiß an, sodass du schließlich eine Teekann hast, die nicht zu gebrauchen ist. Eine einfache Tasse als kämpferisches, revolutionären Porzellan.

Es sind zuviele weiße Objekte. Ich muss mich konzentrieren.

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Ein letztes, bedrückendes, erschütterndes Kapitel führt de Waal wieder nach Deutschland zurück. Im Jahr der Revolutionen, 1919, wird Gropius Direktor des Bauhauses, des Töpfer in Handarbeit Gefäße fertigen, die unbedingt den Eindruck erwecken sollen, maschinengefertigt zu sein…. und dann dieses Zitat [6], einige Jahre später, nachdem der Reichsführer SS die allerbesten Künstler, Designer, Töpfer und alle Personen, die mit der Herstellung von feinem Porzellan befasst waren an einem Ort sammelte. Diese einmalige Konzentration von Talenten … ermöglichte es, dass das Allacher Porzellan von solch hoher Qualität war und deswegen auch äußerst gefragt. 

Allach – wer kennt diesen Namen? de Waal, der Porzellanbesessene kannte ihn nicht, getilgt, der heutige Stadtteil Münchens, aus der Geschichte des Porzellans. Diese einmalige Konzentration von Talenten… Dachau. Im Lager Dachau. Die Formulierung macht einen schwindelig. Allach-Porzellan sei eine Art Reklametafel für die kulturelle Darstellung der SS gewesen. … Nur Hochwertiges, künstlerisch Wertvolles sei produziert worden, so herausragend, dass es die größten technischen Schwierigkeiten zu überwinden imstande gewesen sei. Figurinen zur Auszeichnung der Schergen. Aber auch: die Arbeit mit dem Porzellan schützte vor der Front…

Im weißen Porzellan verkörperte sich die deutsche Seele…. ein schöner Körper wird desto schöner sein, je weißer er ist. wird zum Credo des Allacher Porzellans…

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de Waal schließt sein Buch mit einer ‚Atemwende‘. Es ist eine Art Resümee, eine Zusammenfassung, eine Nachbetrachtung seiner Reise zum Porzellan – und zum Weiß. Ich hätte der Kaiser des Weiß sein sollen. Es sollte eine Reise durch weiße Seiten sein. … Was ist mir entgangen? Meine Listen habe ich aufgegeben. Aus meinen drei Porzellanbechern sind fünf porzellanene Gegenstände geworden. Meine drei weißen Berge sind jetzt vier. Ich wurde in eine andere Richtung geführt. 

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Ich habe dieses Buch, diesen Bericht gelesen, ich denke, sorgfältig. Andeutungsweise wie der Autor auch bin ich Fragen, die ich hatte, nachgegangen, habe ich in Büchern, die ich habe, nachgeblättert, Zeitschriften gewälzt, von denen ich meinte, in ihnen stünde etwas über Porzellan oder Keramik, natürlich auch das Internet befragt (btw: dem Buch, obschon kein Fachbuch, hätte ein kleines Glossar gut getan. Welcher ’normale‘ Leser kennt schon den Unterschied zwischen Irdengut, Steingut, Steinzeug, Jaspis-Porzellan, Hartporzellan, Knochenporzellan, Böttger-Porzellan und Böttger-Steinzeug, Frittenporzellan, Hart- und Weichporzellan….). Herausgekommen ist vorstehende Buchvorstellung, die einen groben Überblick gibt über die Geschichte des Porzellan, so wie sie de Waal, festgemacht an Orten und den Hauptakteuren, erfahren und geschildert hat.

de Waal, ich denke, das kann man konstatieren, lebt Porzellan. Porzellanmasse und der schöpferische Akt, mit ihr einen Gegenstand zu formen (‚mit‘ weil beide, Töpfer und das Material mit seinen Eigenschaften dazu beitragen) und diese Form durch Feuer in ein Gefäß zu transformieren (auch dabei, beim Brennen, kann durch Besonderheiten des Materials Unerwartetes geschehen, eine neue Nuance von Weiß beispielsweise in der Glasur auftauchen) sind für ihn Ausdrucksmöglichkeiten für sein inneres Leben.

Insofern Töpfern ein kontemplatives Handeln ist (…. existiert man im Augenblick …), ist der Töpfer im ‚Sein‘, in der Gegenwart, bereichert den Schaffensprozess mit einer weiteren, einer spirituellen Dimension. Die Gefäße, als Einzelstücke und in der Komposition, in der de Waal sie in Ausstellungen präsentiert, sprechen in dieser kontemplativen Dimension zum Betrachter, vermitteln diesen ‚Augenblick‘ des Seins, der sich dem Töpfer bei seiner Tätigkeit geöffnet hat. Es ist nicht einfach nur Geschirr, sind nicht einfach nur Teller und Becher, die dort in den Regalen und Vitrinen stehen, es sind ihrem Wesen nach Produkte eines Schöpfungsprozesses, die diesen (auch inneren) Prozess widerspiegeln.

de Waals Buch schildert auf einer tieferen Ebene als der der Geschichte des Porzellans von diesem Prozess. Er spürt, daß ihm, wenn er diese drei Orte, die er für sich definiert hat (seltsamerweise ist Japan nicht dabei, die Töpfertradition, in der er selbst sozusagen seine ‚Erleuchtung‘ als Töpfer erlebt hat), die Erdung in seinem Schaffen fehlt, daß seine Töpferkunst erst dann komplett ist, wenn er diesen Weg des Porzellans nachvollzogen hat. Dementsprechend euphorisch (und mit fast schon sexueller Konnotation) klingt es, wenn er schildert, wie er in China in den Stollen seines ersten weißen Berges eindringt.

Wie schon im Hasen… erweist sich de Waal auch bei dieser Expedition als Getriebener. Wie oft taucht das Ich muss…. im Text auf als Symbol eines auf ihn einwirkenden, ihn antreibenden Zwangs, der ihn im Griff hält, obwohl im bewusst ist, in schlaflosen Nächten bewusst wird, daß er Verpflichtungen hat, Aufgaben zu erfüllen hat. Er hat Aufträge angenommen, Ausstellungen zu gestalten und zu kuratieren, er muss, ganz profan, auch Geld verdienen, mit seinen Reisen gibt er es im wesentlich nur aus. Das Manuskript für den Hasen… muss fertig gestellt werden… Hat er eine Woche für Goethe? An manchem Stellen möchte man ihm zurufen: Setz´ Prioritäten! Setz` Grenzen!

Die dritte Ebene des Buches ist die der Selbsterforschung, der Rekonstruktion und Betrachtung des eigenen Weges als Töpfer. Der ist keineswegs von Anfang an mit Erfolg gepflastert, der junge de Waal müht sich, baut sich die Brennöfen selbst, viele Brände gehen daneben, die meiste ist unverkäuflich oder muss preisgünstig abgegeben werden. Erst in Japan, ohne den Druck von Erwartungen, befreite de Waal sich. Ich war Sheffield entkommen für ein einjähriges Studium in Tokio. … Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich angstfrei töpfern… Meine Töpfe wurden entspannter…. hatten ihre Lernphase hinter sich. … Als ich sie das erste Mal ausstellte, verkaufte ich alles.

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Die weiße Straße, die ein Pilgerweg ist, ich habe dieses Buch zwar 2016 gelesen, meine Gedanken dazu gehen aber erst Anfang des neuen Jahres online. Schon jetzt, das weiß ich, ist dieses Buch ganz oben auf der Liste der Lesehöhepunkte dieses Jahres 2017. Edmund de Waal ist nicht nur ein wunderbarer Töpfer, er ist ein genauso bemerkenswerter Schriftsteller. Letzteres hat er mit diesem Buch erneut bewiesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.edmunddewaal.com
[2] Webseiten zur Infomation:
– Kaolin: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin.
– Wer Zugriff auf die Zeitschrift des Deutschen Museums in München hat (Kultur und Technik), findet in Heft 2/2016 eine Ausgabe, die ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf ‚Keramik‘ legt und in der vieles sehr schön erklärt ist.
[3] Briefe des Jesuiten Père d’Entrecolles aus China:  http://www.gotheborg.com/letters/
[4] vgl. meine Buchbesprechung: de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
[5]
vgl. auch hier: George Ellison: Region’s kaolin history is nearly forgotten;  http://www.smokymountainnews.com/…?tmpl=component&print=1, 20. Oktober 2010
[6] vgl. dieses Kapitel des Buches hier: https://www.pressreader.com/austria/der-standard/20160924/282291024712582
– Passmore, Michael J., edited by Tony L. Oliver: SS Porcelain Allach; 107 S., Published by T.L.O. Publications, 1972

Bildquellen:

  • a short history… : screenshot von der Webseite, Stand 24.12.2016
  • Zustandsdiagramm: aus Römpp, Chemie Lexikon Bd. 3, Thieme-Verlag, 1990, S. 2191 (Eintrag ‚Keramik‘)
  • Vase Böttger-Porzellan: http://www.vam.ac.uk/content/articles/w/white-gold/
  • Siegel: dem Buch entnommen….

Edmund de Waal 
Die weiße Straße
Auf den Spuren meiner Leidenschaft

Übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Originalausgabe: The White Road, London, 2015
diese Ausgabe: Paul Zsolnay, HC, ca. 460 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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