Es gibt die bekannten Statistiken über Krebserkrankungen, aus denen man viel ablesen kann, das Internet bietet eine Vielzahl von Informationen dazu [1]. Statistiken sind aber nur das eine, sie sagen wenig bis nichts über den Einzelfall aus. So werden in Deutschland zwar bei 450.000 Neuerkrankungen pro Jahr nur 4.500 bei Menschen unter 40 Jahren diagnostiziert, aber wenn man zu diesen Unglücklichen viereinhalbtausend Menschen gehört, nutzt einem die geringe Wahrscheinlichkeit, die die Staistik anzeigt, nichts mehr.

Wir wissen, entweder intuitiv oder weil wir uns diesem Thema „Sterblichkeit“ nicht verschließen, daß der Tod eines Menschen unausweichlich ist und zum Leben gehört. So trauern wir zwar auch, stirbt ein „alter“ Mensch, aber wir wissen darum, daß dies der natürliche Gang ist, daß hier ein Lebenskreis, das durchschritten und (hoffentlich) in der Fülle, die ein Leben zu bieten hat, durchlebt worden ist, ein Ende gefunden hat. Der Tod eines jungen Menschen dagegen wirft die Ordnung durcheinander: ein Leben erlischt, bevor es gelebt wurde. So auch bei Paul Kalanithi.

kalanithi


Paul Kalanithi muss ein bemerkenswerter Mensch gewesen sein. Schaut man sich seine Biographie an, sieht man, daß der 1977 in New York geborene junge Mann 2000 in Stanford Abschlüsse in Englischer Literatur und „Human Biology“ machte, anschließend beendete er Studien in Wissenschafts- und Medizingeschichte in Cambridge bevor er sich entschloss, Medizin zu studieren. 2007 schloss er dieses Studium in Yale mit besten Noten und diversen Auszeichnungen ab. Im Anschluss spezialisierte er sich auf Neurochirurgie und arbeitete sowohl im Krankenhaus aus Chirurg als auch in der Forschung, auch hier wieder mit Preisen ausgezeichnet [2]. Die Zukunft bot ihm als Arzt und als Forscher alle Möglichkeiten zu einer großen Karriere. Noch keine vierzig Jahre alt starb im März 2015 Paul Kalanithi an einer Krebserkrankung, er hinterließ eine Frau und eine kleine Tochter.

Soweit die Kurzbiographie eines viel zu kurzen Lebens.

Bevor ich jetzt gehe (im Original: Before Breath becomes Air) ist ein euphemistischer Titel dieses biographischen Buches, er entspricht dem, was Caitlin Doughty in ihrem Buch Fragen sie Ihren Bestatter [3] als ‚Todesbeschönigung‘ bezeichnet, das Umschreiben dessen, was tatsächlich passiert ist: ‚Bevor ich jetzt sterbe‘ wäre der ehrlichere Titel gewesen. Denn das Buch ist in einer Art Wettlauf mit dem Tod entstanden, der Autor hat mit aller Kraft, die ihm in seinem Sterbeprozess zur Verfügung stand, geschrieben, ohne es jedoch vollenden zu können. Er bricht mit dem unerfüllten Wunsch ab, noch lange genug leben zu können, daß sich seine Tochter Cady noch an ihn erinnern kann… die letzten Phasen in seinem Leben werden von seiner Frau Lucy in einem Nachwort geschildert.

Der Text selbst hat zwei große Abschnitte. Der zeitlich wesentlich größere umfasst die Schilderung seines Lebens bis zur Krebsdiagnose. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Kalanithi als Neurochirurg in einem Krankenhaus. Mit der Diagnose begann eine Übergangsphase, in der er gleichzeitig Arzt war – und Patient, in der er sehr sinnfällig die Räumlichkeiten, in die er bislang als Arzt mit seinen Patienten ging, um Diagnosen zu besprechen, selber als Patient betrat und seinem Ärzten seine eigene Diagnose besprach. Dies ist Inhalt des zweiten Teils des Buches.

Daß Paul Kalanithi Arzt werden sollte, war keineswegs ausgemacht. Vielmehr war er lange Zeit der festen Absicht, kein Arzt zu werden, so sehr hatte er als Kind die Anwesenheit des eigenen Vater  der als Arzt einen langen Arbeitstag hatte, in der Familie vermisst als daß er dies seinen eigenen Kindern antun wollte. Sein Interesse galt frühzeitig der Literatur, dem Lesen und Schreiben, seine Mutter „versorgte“ ihm mit entsprechenden Werken der Weltliteratur. Eine Notmaßnahme der Mutter, denn dort, wo sie lebten, in dem malerischen Wüstenstädtchen Kingmanm, war die verfügbare Schulausbildung als anerkannt schlecht ausgewiesen.

Während meines ganzen Studiums stand das einsame wissenschaftliche Erforschen der großen Sinnfrage im Widerstreit mit dem realen Leben…. trieb mich das Bestreben an, wirklich zu verstehen, was das menschliche Leben mit Sinn erfüllt.

Kalanithi schloss sein Studium der Englischen Literatur und der Neurowissenschaft mit einer Arbeit zu Whitman ab, die jedoch ein wenig zwischen „den Stühlen“ der Neurowissenschaft, der Psychiatrie und der Literaturkritik angesiedelt war. Whitman jedenfalls war es, der geschrieben hatte, daß nur ein Arzt den ‚physiologisch-spirituellen Menschen‘ wirklich verstehen könne. Es scheint ein Moment der plötzlichen Klarheit gewesen zu sein, den Paul Kalanithi in dieser Phase der Wegfindung erlebte: „Leg die Bücher weg und studieren Medizin.“ […] Nur als praktizierender Mediziner könnte ich mich weiterhin ernsthaft mit der Philosophie der Biologie beschäftigen.

Schon sehr früh im Arztstudium tritt die ethische Dimension dieses Berufes an ihn heran, denn als Arzt verletzt er eines der größten Tabus: er schneidet Körper auf und dringt auf jede erdenkliche Art und Weise in diese ein. […] Der Arzt betrachtet einen Körper als Ding und Mechanismus […] Im Anatomiesaal verdinglichen wir die Toten, wir reduzieren sie buchstäblich auf Organe, Gewebe, Nerven, Muskeln. Es ist ein Abstumpfungsprozess, der so schon sehr frühzeitig einsetzt, den die Anatomie ist so etwas wie eine Initiation in der medizinischer Ausbildung. Am Studienende, so hält Kalanithi fest, ist der Idealismus der ersten Semester gedämpft oder ganz verschwunden, es gab sogar Diskussionen, in den Texten zu Abschlussreden den Passus zu streichen, in dem steht, daß wir die Interessen der Patienten über unsere eigenen stellen. (Die Stelle blieb letztlich drin.) Nachvollziehbar sei diese mit dem ärztlichen Ethos kaum vereinbare Einstellung, schreibt Kalanithi, denn 99% der Menschen suchen ihren Job nach Bezahlung, Arbeitsklima und Arbeitszeiten aus. Dies führe jedoch dazu, daß man zwar einen Beruf findet, jedoch keine Berufung.

Kalanithi beschreibt seine ersten Erfahrungen im täglichen Krankenhausgeschehen und schildert dann, daß er sich entschloß, Neurochirurg zu werden. Die Neurochirurgie mit ihrer unerbittlichen Forderung nach Perfektion hatte mich gepackt. […] Für mich war die Neurochirurgie die anspruchsvolle und direkteste Auseinandersetzung mit der Identität eines Menschen, dem Sinn des Lebens und dem Tod. .

Identität eines Menschen, die Sinnfrage – es sind philosophische Fragen, die Kalanithi bewegen, sich dem Gehirn als ‚Objekt‘ seines ärztlichen Handelns zuzuwenden. Es spiegelt sich hier, denke ich, die breite Ausbildung wieder, die er in den Jahren zuvor genossen hat, den weiten, nicht auf die reine Medizin verengten Blick für den Menschen an sich, dessen Charakter, dessen Bewusstsein – wo und wie auch immer – im Hirn angesiedelt ist. Dies verbunden mit der Bereitschaft, sowohl Verantwortung zu übernehmen als auch das Bestreben, dem hohen ethischen Ideal des Arztes gerecht zu werden, kennzeichnen seinen Berufsweg.


Klar … wäre es eine Prüfungsfrage – Patient, 35 Jahre mit unerklärlichem Gewichtsverlust und heftigen Rückenschmerzen -, wäre die Antwort eindeutig: Krebs. 

Es ist der Beginn vom Ende…. Zwar verdrängt Kalanathi, das Ende seiner Assistenzarztzeit ist absehbar, die Antwort auf die oben gestellte ‚Prüfungs’frage, die hier ganz konkret seinen eigenen Zustand beschreibt und er versucht, andere Ursachen zu finden, aber es nutzt nichts. Zwar bessert sich sein Zustand zwischenzeitlich noch einmal, setzt dann aber wieder mit erneuten heftigen Beschwerden, die sich jetzt auch auf den Brustraum ausdehnen, ein. Letztlich war die Diagnose klar, der Krebs hatte auf verschiedene Organe übergegriffen, Paul Kalanithi hatte den Status gewechselt, er war jetzt Patient geworden in ’seinem‘ Krankenhaus.

Mit Emma hat Kalanithi eine behandelnde Ärztin, mit der er sich gut versteht. Therapien werden diskutiert und eingesetzt, eine Zeitlang sieht es hoffnungsvoll aus, der Krebs bildet sich zurück, Kalanithi kann sogar noch einmal neurochirurgisch tätig werden. Aber der Krebs kommt zurück, Plan A ist zu Ende. Plan B, die Chemo verträgt er nicht, sie bringt ihn fast um…

… ich hatte etwas gelernt, das sich bei Hippokrates, Maimonides oder Osler nicht fand: Die vorrangige Pflicht des Arztes ist es nicht, den Tod abzuwenden oder einem Patienten sein altes Leben zurückzugeben, sondern einem Patienten und seinen Angehörigen Geborgenheit zu schenken und sie zu begleiten, bis sie selbst wieder stehen können…. […] Die Worte eines Arztes können beruhigend sein, und das Skalpell des Neurochirurgen kann eine Gehirnerkrankung lindern, dennoch muss man sich weiterhin mit den Unsicherheiten und Folgeerscheinungen auseinandersetzen. ...

Als Patient erkennt Kalanithis, und seine Ärztin stößt ihn immer wieder darauf, daß er sich neu zu erfinden hatte, sprich, er hatte herauszufinden, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig war. War sein Lebensweg als Arzt vorgezeichnet, in sicheren Bahnen angelegt, herrscht nun Unsicherheit und Angst. Besonders deutlich wird dies, wenn er immer wieder von seiner Ärztin eine „Prognose“ verlangt, wieviel Zeit ihm noch bleibt. Emma verweigert diese Auskunft, kann sie ihm nicht geben – und als Arzt weiß er das auch, als Patient jedoch ist ihm diese Auskunft wichtig: bleibt ihm ein Jahr, wird er seinen Traum vom Buch, das er schreiben will, erfüllen, bleibt ihm ein Jahrzehnt, will er wieder als Chirurg arbeiten….

In der Zeit, in der bei ihm die ersten massiven Symptome der Krebserkrankung auftraten, kriselte seine Ehe mit Lucy, aus ähnlichen Gründen, wie er sie seinerzeit bei seinem Vater sah: die Arbeit als Assistenzarzt nahm viel Zeit in Anspruch, die der Ehe fehlte. Die verhängnisvollen Worte von „Wenn du dies machst, mache ich das!“ fielen…. mit der Diagnose fanden die Eheleute wieder zu einander, seine Krebsdiagnose war wie ein Nussknacker, der uns wieder den weichen, nährenden Kern unserer Ehe nahegebracht hat, formuliert es Lucy Kalanithi in ihrem Nachwort. Der Wunsch nach einem Kind wird manifest und sie leiteten alles in die Wege, eins zu bekommen. Es gelingt und für ein paar Monate sollte die Tochter Cady zur Sonne im Leben Pauls werden….

Obwohl alle, Paul, Lucy, die Eltern Pauls wussten, daß Paul sterben wird, kam der Tod in seiner Plötzlichkeit letztlich doch unerwartet schnell. Am 9. März 2015 starb er im Kreis seiner Familie, es war seine eigene bewusst gefällte Entscheidung, die Beatmung abzustellen: Ich bin bereit.


Bevor ich jetzt gehe ist ein schmales Buch, verfasst von einem Menschen, der sein Sterben vor Augen hatte, der sich und seiner Umwelt Rechenschaft ablegen wollte und auch ein Beispiel dafür, daß wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Paul Kalanithi war ein Arzt, dem nicht nur eine große Karriere bevor stand, sondern auch ein Arzt, dem das ärztliche Ethos wichtig war, das sich noch einmal fortentwickelte, durch die tragische Tatsache, daß er durch seine Krebserkrankung auch die Probleme, die Fragen, die Ängste und die Hoffnungen eines todkranken Patienten am eigenen Leib erleben musste. Der Sinn des Lebens, die Frage, die Kalanathi sein Leben lang umtrieb, möglicherweise ist es der, zu akzeptieren, daß der Tod zum Leben gehört und daß man sich im Leben dieser Erkenntnis stellen muss. Lucy Kalanithi drückt es so aus: Dieses Buch war für den mutigen Seher eine Möglichkeit, auch ein Sager zu sein und uns anzuhalten, dem Tod aufrecht gegenüberzutreten.


Das Buch des ‚Sagers‘ Kalanithi ist nicht umfangreich und schnell gelesen. Es ist flüssig geschrieben, ernsthaft und nachdenklich. Es bietet uns, den Lesern, ein Beispiel für einen Menschen, der sich notgedrungen mit seinem Sterben, seiner Endlichkeit auseinandergesetzt hat, um dem Tod aufrecht gegenüberzutreten. Wir sind – und dies ist ein seltsamer Gedanke – wenn wir den Text lesen, sehr nahe an Paul Kalanithis Sterben, denn er hat an dem Buch geschrieben, solange es ihm möglich war. Irgendwo in dem Text, wahrscheinlich gegen Schluss, musste er sein Sterben endgültig akzeptieren, musste zur Kenntnis nehmen, daß auch dieser Plan, sein „Vermächtnis“ niederzulegen, nicht zur Gänze gelingen wird.

Sein Vermächtnis – wahrscheinlich wird jeder dies in seinem eigenen, persönlichen Kontext etwas anders sehen. Für mich ist es die Aufforderung, sich dem Tod gegenüber offen zu zeigen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, ihn nicht zu verdrängen. Er kann jederzeit „vor der Tür stehen“: eine Krebsdiagnose, eine andere schwere Krankheit, ein Unfall… es kann so schnell gehen – wie beim Autoren. Deswegen ist es keine Frage des Lebensalters, auch den eigenen Tod zum Thema zu machen, denn „so verliert der Tod die Fremdheit und ein Teil von uns ist er ja ohnehin“ [4]. Zusätzlich hilft es sehr dabei, das Leben bewusster und freudiger zu leben, es als nicht selbstverständlich, sondern als Geschenk zu sehen.

Links und Anmerkungen:

[1] ich habe z.B. hier ein wenig herumgestöbert:
https://www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsregister.php
https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/heranwachsende-und-junge-erwachsene-aya-adolescents-and-young-adults/@@view/html/index.html
[2] Webseite von Paul Kalanithi: http://paulkalanithi.com
[3] Buchvorstellung hier im Blog: Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter;  https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/18/caitlin-doughty-fragen-sie-ihren-bestatter/
[4] ich danke meiner Bloggerkollegin von literaturleuchtet für diesen Satz.

Weitere Bücher, die im Umfeld des Themenkreises „Krankheit, Sterben, Tod und Trauer“ besprochen habe, sind hier in einer Übersicht zu finden: https://mynfs.wordpress.com

Paul Kalanithi
Bevor ich jetzt gehe
Was am Ende wirklich zählt – Das Vermächtnis eines jungen Arztes
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gaby Wurster
Originalausgabe: When Breath becomes Air, 2016
diese Ausgabe: Knaus, HC, ca. 190 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Anläßlich des fünfzigsten Todestages des japanischen Autoren Jun’ichiro Tanizaki hat der Manesse-Verlag seinen letzten Roman neu herausgegeben und gegenüber der deutschen Erstausgabe um ein Nachwort von Eduard Klopfenstein bereichert. Auf dieses Nachwort muss ich jedoch leider verzichten, steht in meinem Regal doch die Erstausgabe aus dem Rowohlt-Verlag aus dem Jahr 1966. Aach net schlecht.

Jun’ichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und starb 1965, im Alter von 79 Jahren als einer der wichtigen Autoren Japans [1]. In Japan wurde dieser Roman drei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht, nämlich 1962, die Handlung des Buches ist auf das 35./36. Jahr Showa datiert, das entspricht dem Jahr 1960/1. Zu seiner Zeit war das Tagebuch eines alten Narren also ein hochaktuelles Buch, in dem immer wieder die gesellschaftliche Situation Japans ihren Niederschlag fand. So werden beispielsweise Studentenunruhen erwähnt oder auch der Zusammenprall westlicher und östlicher Kultur bei Fragen der Kleidung oder der (Innen)architektur: das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt erst fünfzehn Jahre zurück und das „traditionelle“ Japan befindet in einer permanenten Auseinandersetzung mit westlichen Einflüssen. Die vom Autor (selten verwendete) Zeitangabe nach alter japanischer Zählung ist ein weiteres Indiz für diesen Konflikt, die angeführte „Showa“-Zeit beginnt nach westlicher Zählung im Jahr 1925.

Zeitangabe.. damit kommen wir zum Charakter des Buches. Es ist ein Tagebuch, das am 16. Juni (1960) mit der Beschreibung eines typisch japanischen Ereignisses einsetzt: der Schilderung des Besuchs eines traditionellen japanischen Theaterstücks durch den Tagebuchschreibers mit seiner Frau und der Schwiegertochter. Schreiber ist der siebenundsiebzigjährige Utsugi Tokusuke, ein gutsituierter Familienpatriarch. Er wohnt mit seiner Frau in einem schönen Haus in Tokio, in dem auch sein verheirateter Sohn Jokichi mit seiner Frau Satsuko lebt.

Sein Leben wird von zwei Sachen beherrscht wird: die gesundheitlichen Probleme, die sich nach einem leichten Schlaganfall bei ihm eingestellt haben und die sich infolge der zunehmenden, auch altersbedingten Hinfälligkeit seines Körpers häufenden Gedanken an das Sterben und an den Tod. Eine dritte Obsession gesellt sich zu diesen zweien hinzu. Das erste Mal begegnen wir ihr in der Eingangssentenz des Buches, in der der Tagebuchschreiber sich erotische Gefühle den Darstellern (im traditionellen japanischen Theater werden auch die Frauenrollen durch Männer dargestellt) des Theaterstücks gegenüber eingesteht, gerade weil es Männer sind, die sich als Frauen kostümiert sind. Auch erinnert er eines lange zurück liegenden erotischen Abenteuers, das er mit einem als Frau gekleideten Schauspieler hatte.

So häßlich der alte, von Impotenz geschlagene Mann ist – er mag sich selbst in Spiegel kaum ansehen mit seinem faltigen Gesicht, seinem eingefallenen zahnlosen Mund und der herunterhängendenn Nase –  so schön ist im Gegensatz zu ihm seine Schwiegertochter Satsuko. Auf sie fixiert er sich in seinen Vorstellungen und Satsuko, die als frühere Revuetänzerin einen schweren Stand in der Familie hat,  scheint dies zu ahnen…. sie bemerkt ihm gegenüber eines Tages, daß sie die Dusche nie abschließt, wenn sie sie benutzt…. nach Tagen des Grübelns, die er in seinen Aufzeichnungen schildert, interpretiert der Mann diese Bemerkung als Aufforderung….

So beginnt eine subtile Beziehung zwischen dem Alten und seiner Schwiegertochter, in der sich der Alte um so glücklicher fühlt, je mehr ihn die Frau erniedrigt. Anfänglich darf er nicht mehr küssen als ihren Fuss und das Bein bis zum Knie, das sie ihm unter dem Duschvorhang hinstreckt. Das Verbotene, Heimliche erregt ihn über alles Maßen, erhitzt ihn so sehr, daß ihn die Sorge befällt, er könne einen Hirnschlag erleiden oder sogar sterben. Trotzdem hörte er nicht auf, Satsukos Zehen zu küssen. Während es [ihn] durchfuhr: ‚Jetzt sterbe ich, jetzt!‘, küsste [er] sie immer weiter. Angst, Erregung, Lust wogten in [seiner] Brust.

Eines Tages aber schlägt sie ihm vor, gegen einen Wunsch, den er ihr erfüllen muss, dürfe er ’necking‘ und ‚petting‘ bei ihr machen. Zwar weiß er mit diesen neuen amerikanischen Begriffen erst einmal nichts anzufangen, aber natürlich willigt er freudig ein… Für den Diamanten, den sich Satsuko als Gegenleistung erbittet, muss der Mann das Geld verwenden, das er zum Umbau des Altersitzes vorgesehen hat. Aber wie glücklich schätzt er sich, so gequält zu werden, sogar Frau und Kinder würde [er] opfern, um ihre Liebe zu gewinnen! …. und um der erhofften Erniedrigung willen will er weiter auf ihre Wünsche eingehen… Als ich in Satsukos siegesstolzes Gesicht blickte, wandelte sich der Schmerz [den ihm seine kranke Hand bereitet] in ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wieviel schöner war es doch als wenn ich das Häuschen für mich und Obaasan gebaut hätte!

Außer dieser „Beziehung“ zu ihrem Schwiegervater hat Satsuko ein weiteres Verhältnis zu einem anderen Mann, der sie des öfteren besucht. Jokichi, ihr Mann, scheint von diesem Verhältnis zu wissen und es zu tolerieren.

Da es dem Protagoisten immer schlechert geht, drängt sich ihm der Gedanke an den Tod, vor dem er vorgeblich keine Angst hat, immer mehr auf. So fährt er mit Sasake, seiner Pflegerin und Satsuko nach Kioto, sich dort eine Grabstelle auszusuchen. Für seinen Grabstein hat er eine ganz besondere Idee: er will von einem Steinmetz die Fußabdrücke Satsukos einziselieren lassen, auf daß diese noch im Tod seine Gebeine mit ihren Füßen tritt….. mit roter Tusche nimmt er aufwändig ihre Fussabdrücke ab, Satsuko fährt daraufhin in der Nacht unangekündigt zurück nach Tokio.

Nach dieser anstrengenden Reise und den Aufregungen erleidet Utsugi Tokusuke einen  Herzinfarkt, es geht ihm nicht gut, er liegt lange im Krankenhaus. Seine Eintragungen im Tagebuch hören am 18. November auf, das Buch Tanizakis endet mit Auszügen aus der Krankenakte und einem Eintrag der in Kioto wohnenden Tochter, die ein schlechtes Verhältnis zum Vater hat. Sie beschreibt den Zustand ihres Vaters und das Bemühen der Familie, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Hierbei spielt Satsuko eine große Rolle, ihre Nähe beruhigt den alten Mann, kann ihn aber auch aufregen… ‚prekär‘ nennt Shiroyama Itsuko dies.


Das Tagebuch eines alten Narren ist ein tiefer Einblick in eine andere Gesellschaft einerseits und in die Psyche eine alten Mannes andererseits. Gerade was letzteres betrifft muss man sich die Entstehungszeit des Romans vergegenwärtigen, erotische Gelüste und Sex im Alter, noch dazu solcher der Art, wie er angedeutet wird, waren damals ein Tabu, ein Thema, an das nicht gerührt wurde. Die Erstausgabe des Buches in Deutschland war entsprechend mit Warnhinweisen versehen….

Der Protagonist ist, frank und frei gesagt, unsympathisch, ein ‚Kotzbrocken‘ wie es in einer Rezension heißt [2]. Er ist egoistisch und egozentrisch, mag keine Kinder, auch seine eigenen nicht; den Neffen, der ihn, der krank im Bett liegt, weist er barsch ab. Auch mit seiner eigenen Frau verbindet ihn kaum mehr als die Vergangenheit. Rücksicht auf andere kennt er nicht, seine zunehmende erotische Fixierung auf Satsuko verheimlicht er mehr schlecht als recht, sie wird schnell zum offenen Geheimnis im Haus.

Interessant ist, wie die Familie damit umgeht: sie anerkennt seine Stellung als Patriarch und toleriert seine Fixierung auf die Schwiegertochter letztlich. Vorwürfe bezüglich des vielen Geldes, das er für seine „Geliebte“ ausgibt, sind verhalten, später, als Utsugi Tokusuke mit seinem Herzinfarkt darnieder liegt, schreibt eigene Tochter: Sowohl Vater wie Satsuko befinden sich in einer prekären Situation. …. Wir richten es heimlich so ein, daß Satsuko ihn nicht allzu liebevoll behandelt; aber dann und wann muss er sich natürlich sehen.

War Sex im Alter seinerzeit als solcher ein Tabuthema (und ist auch heute wohl noch kein Alltagsthema), so ist die Art der Erotik, die den alten Mann erregt, zusätzlich ’shocking‘. Auf die Füße fixiert, sich erniedrigen, um Gunstbeweise bitten und betteln müssen – das musste erst einmal verdaut werden. Die Wunder der Liebe, mit denen Oswald Kolle seinerzeit die „Normal“varianten (ehelicher) Erotik ins Kino brachte und damit Aufklärungsarbeit betrieb, waren ja erst gegen Ende der 60er Jahre zu bestaunen und die Aufforderung an die Kumpel, es jucken zu lassen, erfolgte noch ein paar Jahre später.  Über das Niveau dieser Filme jedenfalls reichen Tanizakis erotische Passagen weit, weit hinaus, in erotischer Hinsicht war der Ferne Osten uns zumindest damals weit voraus.

Eingebettet ist das Werk, ich schrieb es schon weiter oben, in den gesellschaftlichen Umbruch, im dem Japan anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriegsende steckte. Dieser ist schon in der Figur der Schwiegertochter angelegt, eine Revuetänzerin (oder einer Frau aus ähnlicher gesellschaftlicher Schicht) als Schwiegertochter wäre früher niemals in akzeptiert worden. Auch jetzt ist die Familie nicht glücklich mit dieser Wahl des Sohnes, sie hat sich aber damit arrangiert.

Der westlichen Einfluss wird immer größer: Mode, Kleidung, Parfüm – alles, was aus dem Westen kommt, wird begehrt. Er, der Patriarch, will (und hat) ein westliches Bad und eine westliche Toilette – obwohl die Fliesen glatt und rutschig sind und es schon zu Stürzen kam. Seine Frau dagegen besteht auf eine japanische Bad-/Toiletteneinrichtung. Nun, sie haben die finanziellen Möglichkeit, beides zu realisieren. Wenn er, so seine Überlegung, die Toilette für seine Frau ganz am anderen Ende des Hauses… dann wäre sie ihm aus den Füßen und er könnte viel unauffälliger…. so gehen seine Überlegungen.  Das ist aber nur ein Beispiel für den westlichen Einfluss, den der Autor vor allem in der Figur der Schwiegertochter mit ihrem Vorlieben für das Rauchen von Zigaretten, das Tragen von Kostümen, den Besuch von Boxkämpfen und westlichen Kinofilmen thematisiert.

Utsugi Tokusuke ist krank, nach einem früheren Schlaganfall blieben Folgeschäden zurück. Schmerzen in den Gliedmaßen, vor allem der Hand, ein unangenehmes Kältegefühl ebenso. Schriebe man alle Medikamente auf, mit denen der Alte sich selbst behandelt bzw. die er von seinen Ärzten bekommt, es gäbe eine lange, lange Liste. Es herrscht offensichtlich Freude am Prinzip „Versuch und Irrtum“, was die Wirkung von Arzneien angeht (die im übrigen auch zum großen Teil aus dem „Westen“ kommen). Jedenfalls versteht es der Autor, klar heraus zu arbeiten, daß der Vorgang des Alterns keineswegs die reine Freude ist: der Körper wird hinfällig, die Gelüste dagegen möglicherweise abseitig (man könnte natürlich auch feststellen, daß im Alter die Einsicht in die Notwendigkeit, seine Gelüste sozial zu kontrollieren, abnimmt.. was hat man schon noch zu verlieren?).

Das Tagebuch eines Narren ist eine interessante, zum Nachdenken anregende Lektüre, jedoch ohne eine einzige sympathische Figur. Will man es lesen, sollte man jedoch Interesse für die japanische Kultur mitbringen: die anfänglichen Eintragungen beispielsweise über die japanischen Theateraufführungen werden sonst leicht unverständlich, möglicherweise sogar langatmig. Andererseits können sie selbstverständlich auch ein Anreiz sein, sich mit diesem so unterschiedlichen Sujet näher zu befassen….. In der Übertragung ins Deutsche wahrt der Übersetzer [2] viel von der japanischen „Atmosphäre“, indem er eine Vielzahl typisch japanischer Ausdrücke, zum Beispiel ‚Ojiisan‘ (Großvater) oder Anreden wie ‚omae‘ bzw ‚kimi‘ beibehält, im angehängten Glossar werden sie erklärt. Daß das Werk auch unter „erotische Weltliteratur“ kategorisiert wird, sollte niemanden dazu verleiten, zu glauben, er bekäme einen heutzutage darunter üblicherweise zu erwartenden Text vor die Augen, zudem die Jahre das Beschriebene aus der Verborgenheit menschlicher Begierden hinauf geholt hat in eine (Fast)Normalität.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanizaki_Jun’ichirō
[2] auch für die Neuausgabe im Manesse-Verlag wird die anscheinend die ursprüngliche (?) Übersetzung von Oscar Benl verwendet

Jun’ichiro Tanizaki
Tagebuch eines alten Narren
Übersetzt aus dem Japanischen von Oscar Benl
Originalausgabe: 瘋癲老人日記 (Fūten Rōjin Nikki), Tokio 1962
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 236 S., 1966
(Neuauflage: Manesse-Verlag, 2015)

…. selbst die meisten unter den wilden Völkern sind auf diese letzten Augenblicke [des Todes] aufmerksamer, als wir: sie sehen das, was bey uns nur eine Zeremonie ist, als die erst Pflicht an; sie verehren ihre Toten, sie bekleiden sie, sie reden mit ihnen, sie erzählen ihre Thaten, loben ihre Tugenden; und wir, die wir so empfindlich seyn wollen, wir sind nicht einmal menschlich: wir fliehen, wir verlassen sie, wir wollen sie nicht einmal sehen, wir haben weder Muth noch Willen von ihnen zu reden, wir vermeiden sogar die Oerter, die und daran erinnern können; wir sind also zu gleichgültig, oder zu schwach.
[
Albrecht von Haller: Natürliche Historie des Menschen, Hamburg und Leipzig, 1750; siehe 1]

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Caitlin Doughtys Buch ist natürlich aktueller als dieses Zitat, welches über zweieinhalb Jahrhunderte alt ist und das ich meiner Besprechung ihres Buches voranstelle, da es wunderbar zu dessen Inhalt passt  und dem, was uns Doughty vermitteln will – aber dazu später.

Erst einmal die Basics. Caitlin Doughty ist eine junge Frau, geboren 1984 in Hawaii. Als Achtjährige hatte sie ein schlimmes, traumatisierendes Erlebnis: sie beobachtete in einem Shopping-Center, wie ein kleines Mädchen über die Brüstung einer Galerie zehn Meter in die Tiefe stürzte. Caitlin entwickelte in der Folgezeit eine Vielzahl von Neurosen, es dauerte lange, bis sie mit diesem Erlebnis ‚fertig wurde‘. Möglicherweise (Vorsicht! Küchenpsychologie meinerseits!) ist dieses Trauma ein Auslöser für ihr besonderes Interesse, denn Caitlin Doughty ist von allem, was mit Sterben und Tod zu tun hat, fasziniert…. In Chicago studierte sie dann später Mediaevistik und schloss mit einer Arbeit über die mittelalterlichen Hexenprozesse ab, ein Thema, in dem dem Sterben und Tod nicht gerade ein Ausnahmetatbestand sind.

Nach ihrem Studium ging sie 2006 – und hiermit nähern wir uns dem Buch – nach San Francisco, wo sie nach langer Suche eine Arbeit in einem privaten Krematorium, das sie im Buch „Westwind“ nennt, findet. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse dort bilden den Hauptteil des Buches, in dem sie abschließend noch Eindrücke von ihrer ‚offiziellen‘ Ausbildung zur Bestatterin an einer Fachschule berichtet. Im vorletzten Abschnitt, „Die Kunst des Sterbens“, versucht Doughty, ein Resümee aus ihren Erfahrungen zu ziehen.

Caitlin Dougthy ist seit einigen Jahren auf youtube mit einer Serie Ask a Mortician  vertreten, sie hat ferner Order of the Good Death gegründet, eine Organisation, die sich darum bemüht, das Verhältnis der westlichen Gesellschaft zum Sterben und zum Tod zu ändern [2].


Der Tod ist allgegenwärtig, jede Nachrichtensendung präsentiert ihn uns in tausendfacher Ausfertigung, Krimisendungen im TV gehören nach wie vor zu den beliebtesten Formaten und auch das Kino vergießt (Kunst)blut hektoliterweise. Und doch – berührt uns der Tod persönlich, indem er bei nahestehenden Menschen (oder gar uns selbst!) anklopft, sind wir oft ratlos, dem Tod ins Auge zu blicken, ist alles andere als ein einfaches Unterfangen, dem wir nur allzu gerne mit Verdrängen begegnen: wir verlagern das Sterben ins Heim oder ins Krankenhaus und wird doch zu Hause gestorben, so ist der Bestatter schnell vor Ort, den/die Verblichene/n abzuholen. Dabei gilt: Je näher wir [aber] dem Verständnis des Todes kommen, desto besser verstehen wir uns selbst.


Caitlin Doughty ist für ihre Passion den ‚harten‘ Weg gegangen, den Weg, den kaum einer von uns einschlägt. Es gab auf ihrer Arbeitsstelle bei ‚Westwind‘ keine Schonzeit für sie, kein freundlicher Empfang, keine Einarbeitung, nur einen Einwegrasierer drückte ihr Chef ihr in die Hand. Sie formuliert es so: Eine Frau erinnert sich immer an die erste Leiche, die sie rasiert. Es ist das einzige Ereignis in ihrem Leben, bei dem ihr mulmiger wird als beim ersten Kuss oder beim Verlust ihrer Jungfräulichkeit. Wobei das Rasieren einer Leiche noch zu den harmloseren Vergnügen gehört, denen Caitlin im Lauf ihres Jahres in diesem Krematorium begegnen sollte. Denn bei ‚Westwind‘ wurden nicht unbedingt die Prominenten kremiert, sondern eher die Obdachlosen, die, die schon länger ohne Besuch im Wohnzimmer vor sich hinmoderten, die, von denen nur noch der Kopf da war, weil der Rest in der Anatomie angehenden Ärzten schon zum Üben diente…. sie lernte Wasserleichen mit ihrem grünen Teint und der sich ablösenden Haut kennen und konnte die Malaisen der Suizidierten studieren, die die Golden Gate auf dem direkten Weg verlassen hatten….. ja, das ist teilweise makaber, auch eklig und nicht gerade appetitfördernd. Aber es ist nicht die Hauptsache des Buches.

Fragen Sie ihren Bestatter ist nämlich alles andere als eine ‚urkomische‘ [3] Anekdotensammlung, mit der man unter Umständen im fortgeschrittenen Stadium auf Trauerfeiern punkten kann. Fragen Sie ihren Bestatter ist im Gegenteil eine intelligente und fundierte Analyse unseres gesellschaftlichen Umgangs mit dem Phänomen Tod. Die Fallschilderungen Doughty sind geschickte Aufhänger, mit denen sie uns ködert genauso wie mit der schnoddrigen Art, in der sie formuliert und ihr Buch zu einen Pageturner macht. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Frau hat eine Mission, sie will den Tod wieder in die Gesellschaft zurückholen und uns den ‚richtigen‘ Umgang mit ihm und mit unseren Toten lehren, daß heißt, den Umgang, der es uns erleichtert und möglich macht, ohne es zu verdrängen mit dem Wissen um unser eigenes unabänderliches Sterben zu leben.

Dabei sind die Verhältnisse in den USA nicht unmittelbar mit denen in Deutschland vergleichbar. So ist in den USA bei praktisch allen Leichen, die länger als zwei, drei Tage unbestattet/unkremiert bleiben, die Einbalsamierung Standard – und gibt der seinerzeit angehenden Thanatofachkraft Doughty Stoff für lauschige Schilderungen [4]. Überhaupt ist das Herrichten des Leichnams, wenn die Angehörigen sich Verabschieden wollen, eine Maßnahme, die dazu dient, die Realität des Todes überdecken soll, der Tote soll „natürlich“ aussehen, soll keineswegs daran erinnern, daß vom Zeitpunkt des Todes an andere Kräfte walten: die der Zersetzung, der Verwesung, des Verfaulens, des Vergehens. Wobei wir schon beim Umgang mit den Sterbenden oder Todkranken sind: mangelhafte Pflege bei Immobilen führt, wenn das notwendige Umlagern nicht häufig genug vorgenommen wird oder gar unterbleibt, zu äußerst häßlichen und schmerzhaften Wunden, dem Dekubitus. Doughty schreibt, daß diese Dekubiti, häufig natürlich am Rücken und am Po, schlimmer anzusehen sind als manche Leichen, es ist ein Verfaulen bei lebendigem Leib.


Ihre Füße gingen plötzlich in herrlichem granatroten Flammenbändern auf, ohne Rauch und eifrig leckend wie die Feuerzungen, die zu Pfingsten auf die Apostel herabkamen. Und als der Sarg ganz hineinglitt, erfassten ihn die Flammen vollends, und meine Mutter wurde selbst Teil des wunderbaren Feuers.
So beschrieb 1913 George Bernhard Shaw die Kremation seiner Mutter. ..

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges setzte in den USA eine Tendenz ein, die Doughty als ‚Todesbeschönigungsprogramm‘ bezeichnet. In Los Angeles ersetzte der Unternehmer Hubert Eaton den an europäischen Vorgaben orientieren Friedhof mit seinen Grabstellen und -steinen durch einen Memorial Park mit flachen, in den Boden eingelassenen Steinplatten [5]. Eaton war der erste Bestattungsunternehmer, der Zuversicht und Zuckerguss verkaufte. Sein Ziel bestand darin, „alle Anzeichen von Trauer auszulöschen“. Ohne Forest Lawn [so heißt der Memorial Park in LA] wären die meisten der gängigen Euphemismen der amerikanischen Bestattungsindustrie wohl kaum denkbar. Aus dem Tod wurde das „von-uns-Gehen“, der Leichnam wurde zum „geliebten Menschen“, der „heimgegangen“ war und nun, einbalsamiert und kosmetisch perfekt hergerichtet, in einem edel ausgestattenten „Schlummerraum“ seiner Bestattung harrt. [6] Es war dies das Ersetzen hilfreicher und tröstender Rituale durch bloße Inszenierungen. Die Folge dieser „Disneyland des Todes“ waren Bestattungen, die mit zum Teil exorbitantem Aufwand betrieben wurden, Pomp und Protz feierten fröhliche Urstände.

Jessica Mitford [7] bereitete dem Mitte der 60er Jahre ein nicht jähes, aber doch sukzessives Ende. Ihrer Kritik am Bestattungsgewerbe (raffgierige Kapitalisten, die „sich einen bösen, makabren und überteuerten Spaß auf Kosten der amerikanischen Bürger“ machten) fiel auf fruchtbaren Boden, die Bestattung nach/durch Kremierung, die bis dato ein Nischendasein fristete, wurde gesellschaftsfähig, da sich eben diese Gesellschaft vom konventionellen Gewerbe zunehmend betrogen fühlte. War diese „betrogen-Gefühl“ auch im wesentlichen finanzieller Art, so war der Betrug an sich weitergehend: die Angehörigen und Freund wurden auch um ihre Trauer betrogen, ein Betrug, der jedoch fortdauert bis in die Gegenwart.


Doughty schildert ihre Arbeit bei Westwind und ebenso die Art und Weise, wie sich dadurch ihre eigenen Pläne, Vorstellungen und Absichten langsam aber sicher änderten. Nach einigen Monaten war ihr klar, daß sie Bestatterin werden wollte mit Bestattungen, die den Angehörigen den Abschied vom Toten lassen, die Trauer lassen, Rituale anbieten, die Halt und Hilfe geben. Die auch die Toten tot sein lassen in der Erscheinung, die der Tod aus ihnen gemacht hat und nicht mit dem Versuch, sie zu mit Hilfe der Kosmetik zu „blühendem Leben“ zurückzuschminken.

Immer wieder (ich erwähnte schon, die Episoden dienen nur als Aufhänger) streut Doughty Exkurse in die Historie des Bestattungswesens und unseres Umgangs mit dem Tod ein (sie ist schließlich Mediävistin), beides verbunden mit einer deutlichen Kritik am aktuellen (amerikanischen) Bestattungswesen. Aber auch die rein sachlichen Aspekte des Todes erklärt sie, denn mit dem Tod verlieren wir schließlich die Kontrolle über unseren Körper und andere Kräfte walten nun, die ihn (natürlicherweise) in den Kreislauf der Natur zurückführen wollen. Und die durch (die in Amerika übliche) Einbalsamierung und auch durch die Kremierung ausgeschaltet werden.

Caitlin Doughty gründet nach ihrer Ausbildung bald ein eignes Unternehmen und wird zum Enfant terrible der amerikanischen Bestattungsindustrie. Im letzten Abschnitt beschreibt sie ihre Vorstellungen davon, wie es uns gelingen kann, selbst zu jemandem zu werden, der seinen Tod ruhig und gelassen ins Auge sieht, bereit, Abschied  von der Lebensbühne zu nehmen. Es geht um die alte Kunst der „ars morituri“, der Kunst des Sterbens, um das Wissen um einen „guten Tod“.

Gibt es überhaupt nichts Kritisches anzumerken? Nun, nichts wirklich relevantes jedenfalls. Eine Bemerkung von ihr ist mir aufgefallen, weil man sie immer mal wieder liest, sie offenbar zum guten Ton und Standardrepertoire gehört: Schließlich beginnt unser Sterben mit dem Tag unserer Geburt. Ich halte diesen Satz für unsinnig. Jeder Hirnforscher wird bestätigen, daß unser Gehirn bei der Geburt noch bei weitem nicht ausgebildet ist und noch einige Lebensjahre dazu braucht. Und vergleicht man einen Säugling mit einer im vollen „Saft“ stehenden achtzehn- oder auch fünfundzwanzigjährigen Person, egal, ob Männlein oder Weiblein, so kann man die dazwischen liegende Zeitspanne augenscheinlich wohl kaum als Teil eines Sterbeprozess ansehen. Wohl sind wir alle mit dem Zeitpunkt der Geburt, eigentlich schon mit dem des Verschmelzens von Ei- und Samenzelle, dem Tod geweiht, aber bitteschön, das Sterben selbst beginnt doch ein wenig später….


So bleibt als Facit für dieses Buch festzuhalten: Der lockere Tonfall Doughtys hilft beim Lesen zwar, die eine oder andere Ekelhürde zu überwinden, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Fragen Sie ihren Bestatter eine ernsthafte Auseinandersetzung über unserem Umgang mit Sterben und Tod ist und darauf fußend ein Plädoyer dafür folgt, den Tod wieder in unser Leben zu integrieren: als Voraussetzung nämlich, daß Leben überhaupt existieren kann. Sich die Existenz des Todes einzugestehen ist die erste Voraussetzung, selbst einen „guten Tod“ sterben zu können und mit dem Tod der anderen leben zu lernen.

Daß wir nebenbei noch einiges aus dem Leben der Autorin erfahren, die ihre Biographie sehr eng mit dem Thema verknüpft, macht das Buch zusätzlich unterhaltsam und interessant.


Ich bin selbst vor einigen Jahren einige Male mit einem unserer örtlichen Bestatter gefahren und habe geholfen, Verstorbene vorn ihren Familien abzuholen. Als mein Vater starb, saßen wir zu dritt noch ein paar Stunden an seinem Bett, haben uns unterhalten, mit ihrem „geredet“, ihn noch einmal angezogen, bevor ich ihn dann am Abend mit dem Bestatter abgeholt habe. Ihn zu waschen, zu kämmen, zu rasieren, für die Abschiednahme einzukleiden und in den Sarg zu betten, war eine sehr friedliche und stille Tätigkeit, überhaupt geht, wenn der Tod ein guter ist, sehr viel Frieden von einem Sterbenden oder Toten aus. Bei meine Schwiegermutter habe ich ebenfalls bei der Vorbereitung für die Aufbahrung mitgeholfen, es gibt meiner Erfahrung nach keine „bessere“ Trauerarbeit, als noch einmal „Hand anzulegen“ an den/die Liebe/n, die verstorben ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Der unter anderem ‚Königl. Großbritannische Hofrath und Leibarzt etc pp‘ Dr. Albrecht von Haller hat 1750 eine „Allgemeine Historie der Natur“ veröffentlicht, die das älteste Buch ist, was in meinen Regalen steht. Na ja, stehen ist übertrieben, es muss liegen (in dem Alter ist das keine Schande), da es im Lauf der Jahrhunderte etwas gelitten hat und seines Einbandes verlustig gegangen ist….
[2] siehe hier:
– https://www.youtube.com/user/OrderoftheGoodDeath
– The Order of a Good Death: http://www.orderofthegooddeath.com
[3] „urkomisch“, „teuflisch witzig“ „lässt uns aus dem Lachen nicht herauskommen“: ich frage mich, ob die Rezensenten, die auf dem Schutzumschlag derart zitiert werden, ob das Buch überhaupt verstanden haben….
[4] im empfehlenswerten Bestatter-Weblog von Peter Wilhelm sind zu diesem Thema ebenfalls Infos zu finden:
(i) Amerikanische Bestattungen:  http://bestatterweblog.de/amerikanische-bestattungen/
(ii) Einbalsamierung – Embalming: http://bestatterweblog.de/einbalsamierung-embalming/
[5] … die als sogenannte ‚Rasengräber‘ jetzt auch zunehmend auf deutschen Friedhöfen zu finden sind.
[6] Diese sprachliche „Beschönigung des Todes“ ist allgegenwärtig, auch wir selbst fallen ihr natürlich häufig anheim, sagen: „eingeschlafen“ anstatt „gestorben“ und ähnliches. Selbst der Titel des Buches des krebskranken Arztes Paul Kalanithi (das ich zufällig parallel zu Doughtys Buch las und das ich in Kürze hier vorstellen werde), dem ganz deutlich und unverstellt der eigene Tod vor Augen stand, wagt es nicht, dies ebenso klar zu formulieren: Bevor ich jetzt gehe anstelle von ‚Bevor ich sterbe‘ (im amerikanischen Original ist es noch verschleierter: When Breath becomes Air)
[7] Als ich den Namen Jessica Mitford las, klingelten zwei Glöckchen bei mir. Das erste, lautere: das war doch die.. richtig, die mit der amüsanten Familiengeschichte:  Englische Liebschaften und b) das leisere Glöckchen sagte mir, das Büchlein, auf das Doughty hier verweist (Der Tod als Geschäft), das hast du doch.. und richtig, in der Abteilung „seit über 30 Jahren nicht mehr angefasst“ stand es, als Ullstein Taschenbuch 573 aus dem Jahr 1965…..

Weitere Bücher, die im Umfeld des Themenkreises „Krankheit, Sterben, Tod und Trauer“ besprochen habe, sind hier in einer Übersicht zu finden: https://mynfs.wordpress.com

Caitlin Doughty
Fragen Sie Ihren Bestatter 
Lektionen aus dem Krematorium
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Smoke Gets in Your Eyes
& Other Lessons from the Crematory,
diese Ausgabe: C.H.Beck, HC, ca. 270 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

span maerchen

Spanien ist, zumindest im europäischen Rahmen betrachtet, nicht das Land, in dem man eine große Märchenkultur verorten würde. Und in der Tat, die Aufzeichnung und literarische Bearbeitung dessen, was wir als „Volks-“ oder „Hausmärchen“ (im Gegensatz zum Kunstmärchen á la E.T.A. Hoffmann beispielsweise) ansehen, Märchen also, die traditionell mündlich weitergegeben und dann in Sammlungen á la Grimm schriftlich fixiert wurden, ist in Spanien eine relativ neue Entwicklung. In seinem Nachwort An den Leser führt der 1944 in Madrid geborene Schriftsteller Guelbenzu [1] aus, daß die frühen Märchensammlungen vor dem 14. Jhdt sich aus den spanischen Versionen orientalischer Geschichten zusammensetzen. Im Lauf der nächsten Jahrhunderte gab es einige bemerkenswerte spanische Erzähler, bevor im 18. Jhdt das Interesse an Märchen zunehmend nachließ und erst im darauffolgenden Jahrhundert wieder sporadisch zunahm. Summarisch jedoch gilt, daß das literarische Märchen in Spanien keine sehr verbreitete Gattung ist. … von einer Tradition im herkömmlichen Sinn überhaupt nicht die Rede sein kann, sondern man es eher mit einzelnen Schüben zu tun hat, ebenso leidenschaftlich wie selten.

Das spanische Märchen, dies erklärt auch den etwas seltsam anmutenden Titelbestandteil vom „Hungermärchen“ ist im allgemeinen durch bestimmte Charakteristika gekennzeichnet. Zum einen stellt es den Witz, den Einfallsreichtum, die Gerissenheit, Listigkeit in den Vordergrund, da – so der Autor – in Spanien die „Erfindungsgabe“ hoch angesehen war, sie galt in dieser unsicheren, von der Kirche unterdrückten Welt immer als die größte Tugend. Zum zweiten zeigt sich in den Märchen die Liebe des Spaniers zum Wunder als mögliche Lösung aller Probleme, von Hilfe also, die dem Helden vom einem Dritten zuteil wird, und zwar häufig, ohne daß eine Gegenleistung gefordert wird. So heißt es in dem Märchen Das Mädchen ohne Arme beispielsweise: Da zeigte sich ihr eine wunderschöne Frau und sprach: „Nimm diese Decke hier. Wenn du sprichst ‚Tischlein deck dich‘, werden vor deinen Augen Speisen erscheinen, wann immer du brauchst. … Spanische Märchen, zum dritten, sind realistisch. Das Elend des Landes, in dem oftmals Hungersnöte herrschten, ist in vielen Märchen Thema: Armut, Schmutz, Hunger, Krankheit und Tod. An ihnen knüpft sich oftmals eine grausame Handlung an, der Titel des weiter vorne schon zitieren Märchens vom Mädchen ohne Arme [2] zeigt dies: in dieser Geschichte beispielsweise werden der mildtätigen Tochter vom Vater, den ihre Freigiebigkeit ärgert, die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Überhaupt sind Grausamkeiten an der Tagesordnung, das Zerstückeln, Zerhacken, Zerschmettern, Abhacken, Einschlagen, Verbrennen, Verbrühen, Blenden etc pp beliebte Ingredienzien vieler Geschichten, wobei aber – es sind ja Märchen – die Helden oder Heldinnen am Ende wieder geheilt werden oder sind, die Bösewichte eher nicht…..

Natürlich gibt es thematische Überschneidungen und Ähnlichkeiten der Motive mit Märchen aus anderen Kulturkreisen. Das Opfer des eigenen Kindes, ein schon biblisches Motiv. Das Entkommen aus der Höhle des geblendeten, einäugigen Riesen im Durcheinander der Schafherde ist von Odysseus her bekannt… Die Figuren, die uns in den Märchen begegnen sind die, die wir auch aus den heimischen Geschichten kennen: Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Gnome, Müller, Schneider, Köhler und Schuster, schöne Menschen und häßliche, gute und schlechte. Oft sind es drei Brüder oder Schwestern, von denen eine/r, meist die/der Jüngste ein schweres Schicksal hat, bevor sich alles zum Guten wendet… Tod und Teufel sind beliebte Figuren, der Teufel, der vordergründig hilft und Wunder vollbringt, die aber an Bedingungen geknüpft sind, die ihm die Seele des Betreffenden sichert… oder auch nicht, denn durch Gerissenheit und  Einfallsreichtum ist selbst der Teufel zu überlisten. Ein schönes Beispiel dafür ist im Märchen Der Teufel hilft dem Pächter zu finden. Als Preis für seine Hilfe fällt dem Teufel das Kind zu, die Frau jedoch besteht ihm gegenüber darauf, daß die Hälfte des Kindes ja ihr sei und er es nur bekäme, wenn er für sie eine Aufgabe löse, nämlich ein Haar geradezubiegen. Und geschwind riss sie sich ein Achselhaar aus und reichte es dem Teufel. Na, schon ausprobiert, wie das ausgeht?

Die Liebe… natürlich spielt sie eine große Rolle in vielen dieser Märchen. Sie blüht schnell auf, wird auf die Probe gestellt und bewährt sich, fällt niederträchtiger Verleumdung anheim, muss Krisen überstehen….   Da gestattet die Prinzessin dem Niederen schon mal, daß er zu ihr ins Bett kommt, um so in den Besitz der Kostbarkeit zu kommen, die dieser beim Umgraben des Gartens fand…. und häufig ist die Prinzessin der Preis, der für den Helden bzw. den sich erst noch bewähren müssenden Helden ausgelobt wird…. In manchen Werken wird die Liebe zur Erotik und in diese wiederum poetische Bilder gepackt, wenn etwa die schöne Maid nächtens am Fenster singt: Komm schnell herbei, Königssohn / denn die Lavendelblüte, / die öffnet sich schon und der derart Herbeigesehnte dann Nacht für Nacht in Gestalt eines Vogels erscheint. Ob sich die beiden die Zeit bis zum Abschied am Morgen wirklich nur unterhielten, wie es im Märchentext danach weiter heißt? Schließlich läßt er ihr ja jedesmal aus einem Beutelchen das Gold da….


In der vorliegenden Zusammenstellung hat der spanische Autor Guelbenzu [1] Märchen aus allen Regionen und Zeiten Spaniens ausgewählt und bearbeitet. In manchen der Geschichten merkt man das, wenn beispielsweise davon die Rede ist, jemand sei (ohne daß dies vorher bekannt war) Sohn eines Mauren.  Andere Texte wiederum könnten ebenso gut aus anderen Kulturkreisen stammen, etwas verwirrend beim Lesen ist die häufige Verwendung des Namens „Hans“, der nur wenig spanisch klingt…. Teilweise lagen Guelbenzu mehrere Versionen einer Geschichte vor, die er zusammenfasste, beim Neuschreiben wurde versucht, die Charakteristika der mündlichen Erzählweise beizubehalten, ferner bemühte er sich um eine Vereinheitlichung des Stils.

Ich habe dieses Büchlein aus der Andere Bibliothek schon eine geraume Zeit bei mir im Regal stehen. Daß ich es jetzt herausgenommen habe, liegt daran, daß ich für meine Vorleseveranstaltung ein Thema brauchte, das eigentlich ausgesuchte ist sozusagen „geplatzt“. In so einem, – na ja, Notfall ist zwar etwas übertrieben, es aber musste kurzfristig ein neues Motto her – also, in so einer Situation sind Märchensammlungen immer sehr praktisch…. In meine Lesung habe ich zusätzlich noch zwei kleinere Geschichten aus anderen Quellen aufgenommen, die explizit in der Herrschaft der Mauren in Spanien angesiedelt sind und die damit eine wichtige Epoche des Landes (und im Grunde ganz Europas) repräsentieren.

José María Guelbenzus Spanische Hunger- und Zaubermärchen sind eine unterhaltsame, nicht unbedingt auf Kindertauglichkeit herunter entbrutalisierte Sammlung von Geschichten, von denen viele uns gar nicht so fremd erscheinen und in Die Andere Bibliothek wie immer in einem Rahmen präsentiert, der dem Bücherfreund das Herz ein wenig höher schlagen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren gibt es wenig auf deutsch. Wer des Spanischen mächtig ist, findet neben der Website des Autoren: http://www.jmguelbenzu.com/index.php einen Eintrag in der Wiki: https://es.wikipedia.org/wiki/José_María_Guelbenzu, ansonsten hat die Krimi-Couch eine Kürzestbiographie auf deutsch ‚vorrätig‘: http://www.krimi-couch.de/krimis/jm-guelbenzu.html, aus der ersichtlich ist, das Guelbenzu  (auch) in diesem Genre arbeitet.
[2] vom Spiegel (6/2000) in einer Rezension mit dem mustergültigen Titel Torso im Glück beispielhaft aus der Sammlung („verdienstvolle Hispano-Anthologie“) herausgepickt:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16597500.html

José María Guelbenzu
Spanische Hunger- und Zaubermärchen
Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange
mit 12 Fotographien aus dem alten Spanien

Originalausgabe: Edition Cuentos Populares españoles, 1996/7, Madrid
diese Ausgabe: Eichborn, HC, (Die Andere Bibliothek, Bd. 183), ca. 346 S., 2000)

Ich denke, die im ungarisch/rumänischen Grenzgebiet liegende rumänische Stadt Satu Mare [3] nicht zu kennen, ist keine Schande. Um so größer für mich die Überraschung, daß ich innerhalb einer Woche zwei Bücher lese, in denen dieses Städtchen eine große Rolle spielt – welch ein Zufall! Zum einen waren dies die biographischen Aufzeichnungen von Robert Scheer über das Schicksal seiner jüdischen Großmutter [3a] unter den Nazis und eben diese „autobiographische Erzählung“ von Deborah Feldmann, die ihre problematische Kindheit in der ultra-orthodoxen chassidischen Gemeinschaft der ‚Satmarer‘ (die vom Rabbi der Gemeinde in Satu Mare, der vor der Deportation gerettet worden war und in die USA kam, ins Leben gerufen worden war) in Williamsburg/Brooklyn/NY erlebt hat und die jetzt nach einem langen Entwicklungsprozess ein säkulares Leben führt.

feldmann cover


In dem vom Verlag als „autobiographische Erzählung“ kategorisierten Buch erzählt Deborah Feldman über ihre Kindheit, die von den sehr strengen Vorschriften der Gemeinde (nach Klappentext: „die strengsten Regeln … weltweit“) bestimmt war, Vorschriften, deren Sinn sie schon früh im Leben hinterfragte und die sie schon als Kind im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterlief. Entscheidend war später, daß sie als junge Mutter in einer unglücklichen, arrangierten Ehe ihrem Sohn ein ähnliches Schicksal wie sie es aus ihrer eigenen Kindheit kannte, ersparen wollte. Nach langen Jahren des inneren und auch äußeren Kampfes beschloss sie, sich von ihrem Mann und der Gemeinde zu trennen und ein säkulares Leben zu führen. Die deutsche Übersetzung ihres ersten Buches ist Anfang diesen Jahres 2016 passenderweise im Secession-Verlag (Zürich) erschienen.

Deborah oder Devoireh, wie sie als Kind auf Jiddisch hieß, war schon von früher Kindheit an Aussenseiterin. Der Vater fiel durch das soziale Raster der Gemeinschaft und verkam zu einer ungepflegten Person. Er wurde mit einfachsten Arbeiten betraut, spielt im Buch und damit in der Biographie der Autorin keine große Rolle – beziehungsweise nur indirekt eine Rolle, indem er seine Vaterrolle nicht ausgefüllt hat. Die leibliche Mutter des Kindes wird quasi totgeschwiegen, für die Satmarer existiert sie nicht mehr. Viele Jahre später erst sollte Deborah mehr durch Zufall erfahren, was der Grund dafür war, daß sie die Gemeinschaft verlassen hat: in einer kurzen Filmsequenz einer Dokumentation über das Schicksal homosexueller Juden trat auch ihre Mutter auf und bekannte sich zu ihrer Neigung zu Frauen.

Ursprünglich sollte Devoireh bei ihrer Tante Chaya aufwachsen, das kleine Mädchen wehrte sich jedoch dagegen, da Chaya eine sehr strenge, keine Gefühle zeigende, beherrschte Frau war. So nahmen letztlich die Großeltern Bubby und Zeidl das Kind bei sich auf und kümmerten sich um seine Erziehung.

In den folgenden Abschnitten will ich versuchen, wesentliche Eckpunkte des Lebens dieser chassidischen Gemeinde wiederzugeben, unter denen auch Devoireh Feldman aufwuchs.

Das Leben ist dem Juden nicht zur Freude geschenkt, es ist in dieser Hinsicht kein Wert an sich. Das irdische Leben ist die Prüfung für den gläubigen Juden, nach der Gott entscheidet, wie es nach seinem Tod weitergeht. Es ist der alttestamentarische Gott, dem wir hier begegnen, dem strafenden Richtergott, dem Vatergott, dessen Liebe verdient werden muss… Daraus folgt für die Satmarer zweierlei: zum einen gilt, je strikter man die Gesetze befolgt (i.e. je frommer man ist), desto mehr erfreut man Gott und zum zweiten gilt, Unglück und Pech auf Erden ist die Strafe Gottes für Verfehlungen und Sünden. In dieser verquer erscheinenden Logik ist den Satmarern der Holocaust beispielsweise die Strafe Gottes für die z.B. die Anmaßungen des Zionismus. Denn der wahrhaft Gläubige hat auf das Erscheinen des Messias zu warten, sich selbst auf Erden um die Rückgewinnung und den Einzug in das Gelobte Land zu bemühen, ist Frevel. Daß in dieser Logik Hitler und seine Schergen zu Erfüllungsgehilfen Gottes werden, scheint niemanden zu stören. Wir lernen in der Schule, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben. Er kam, um uns zu reinigen, um alle assimilierten Juden zu vernichten, alle frejen Jidden, die dachten, sie könnten sich selbst vom Joch, die Auserwählten zu sein, befreien. Nun büßen wir für deren Sünden. Mit einer analogen Begründung (auf den Messias warten) lehnen (ultra)Orthodoxe den Staat Israel ab (was mir zwar bekannt war, was ich aber bis ich hier die Ausführungen der Autorin las, nicht verstanden hatte). Der Kinderreichtum orthodoxer Juden wird als ultimative Rache an Hitler verstanden. Auf der anderen Seite läßt sich jedoch so ohne große intellektuelle Verrenkungen das Erscheinen und/oder Erstarken solch orthodoxer Gemeinschaften als Folge des von Deutschland Versuchs, die Juden auszurotten, verstehen – nicht im Sinne von „verantwortlich sein“, sondern als kausale Beziehung.

Ist dem gläubigen Juden das Leben nicht zur Freude geschenkt, so spielen positive Gefühle auch nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: jeder hat die Verantwortung dafür, daß sein Mitmensch keine Fehler macht. Denn es fehlt nicht nur derjenige, der gegen Gesetze verstößt, sondern auch die anderen tragen Verantwortung. Die Autorin führt dazu ein drastisches Beispiel aus der Zeit ihrer Ehe an: Chassidischen Männern ist es untersagt, zu masturbieren, erklärte mir Eli [i.e. ihr Mann] immer wieder. Folglich, so erklärt er mir, bin ich dazu verpflichtet, ihn zu befriedigen. damit sich [während der Zeit ihrer „Unreinheit“] keine sexuelle Frustration bei ihm bildet. Wenn ich mich weigere, würde ich ihn zwingen, zu sündigen und damit die Bürde seiner Missetat tragen. (Feldman hat übrigens für diese seinerzeit von ihr zu vollziehenden Verrichtungen den schönen Begriff der „Trockensexsitzung“ geschaffen) [4]. Kontrolle, Tadel, Vorhaltungen, Massregelungen sind also die Regel und das erzieherische Konzept.

Der gesetzliche Rahmen (mit „Gesetz“ ist immer das „religiöse Gesetz“ gemeint [5]), in dem der Satmarer sich einzurichten hat, geht auf die alten mosaischen Vorschriften zurück, maßgebend sind die Thora, der Talmud und andere Schriften. Mer wellen tun und mer wellen heren. Mit diesen Worten wird das blinde Vertrauen auf die am Berg Sinai empfangenen Gesetze bezeugt und die Entscheidung, ein Auserwählter zu sein, gilt für immer und alle, denn nach den Lehren war jede jüdische Seele anwesend, als die Thora dem jüdischen Volk ausgehändigt wurde. Und „jede“ umfasst auch die Seelen der jetzt lebenden Juden. „Koscher“ ist der Begriff für gesetzeskonform, aber koscher ist auch nicht gleich koscher. In einzelnen Gemeinden, die sich z.B nach ihrer Herkunft herausgebildet haben wie Satmarer oder Lubawitscher, bestehen durchaus unterschiedliche Ansichten, ein für Lubawitscher koscherer Wein muss für Satmarer noch lange nicht erlaubt sein….

Aber selbst eine ultraorthodoxe Gemeinde muss mit ihren jahrtausende alten Gesetzen in der Gegenwart leben, d.h., diese Gesetze für das Hier und Jetzt notfalls interpretieren. Dies ist Aufgabe der Rabbis und der Thoragelehrten, und nach Zeidl, dem Großvater Devoirehs, der selbst als Thoragenie gilt, ist ein guter Rabbi derjenige, der fähig ist, einen Heter zu finden, das Schlupfloch im Gesetz, das Flexibilität ermöglicht. Ein schlechter Rabbiner, der den Talmud nicht wirklich kennt, sagt immer nur „Nein“.

Die Rolle der Frau ist in dieser Gesellschaft im Wesentlichen auf zwei Bereiche eingeschränkt: zum einen ist sie Gebärerin möglichst vieler Kinder, zum zweiten muss der Haushalt gemacht werden und Essen auf dem Tisch stehen, wenn der Mann von der Arbeit oder von seinen Studien nach Hause kommt. Für beides, so sieht man es in der Gemeinde, ist Bildung nicht unbedingt von Nöten, Schulbesuch und Ausbildung der Mädchen und Frauen gehen über ein Basislevel nicht hinaus.

Erwähnt werden muss ferner, daß die Sprache der Satmarer das Jiddische ist, die Sprache, die die Juden im 14. Jahrhundert nach ihrer Vertreibung aus dem Rheinland mit nach Osten genommen und dort mit weiteren, lokalen Sprachelementen angereichert haben. Das ausgerechnet eine solch durchmischte Sprache geeignet sein soll, mit Gott zu kommunizieren (im Gegensatz zum verfemten Englisch, das den Geist trübe und unempfindlich mache für Gott) leuchtete dem Mädchen schon sehr früh nicht ein. Englisch wurde sowieso praktisch nicht gesprochen, in der Schule gab es einen Alibi-Unterricht, der zwangsweise auf Anordnung der staatlichen Behörden zur Zulassung der Schule durchgeführt wurde und der kaum mehr als rudimentäre Kenntnisse vermittelte. Lehrerinnen waren Chassidim anderer Gemeinschaften, die aber als nicht so authentisch angesehen wurden wie die Satmarer und entsprechend weniger Autorität genossen.

Damit wären einige Ingredienzien aufgezählt, die das Leben und die Isolation der Satmarer charakterisieren: ein buchstabengetreues Befolgen der alten Gesetze, die sprachliche Isolation, die lokale Isolation (geschlossene Wohngegend), das Arrangieren der Ehen, bei den Frauen kommt noch die untergeordnete soziale Stellung in der eigenen Gemeinde dazu.

Die aus dieser strengen Befolgung der Gesetze bedingte Unfreiheit der Menschen vermittelt ihnen auf der anderen Seite Sicherheit. Für alles und jedes gibt es Vorschriften und Anweisungen bzw. den Rabbi, der in Zweifelsfällen mit seiner Autorität entscheidet. Das ist ein Netz von Verhaltensweisen und Leitlinien, das den Einzelnen, so er sich unterwirft, sicher hält, ihn auch von eigenen Entscheidungen entbindet. Es ist das genaue Gegenteil dessen, was wir unter Aufklärung verstehen, die Eigenverantwortlichkeit und die Freiheit des Menschen, seine eigenen Angelegenheiten selbst zu entscheiden. Bei den Satmarern dagegen sind Gehorsamkeit und Sittsamkeit (‚Ervah‘) oberste Gebote.


In diesem engen religiösen und sozialen Umfeld (über das sich noch einiges andere sagen ließe) wird Devoireh groß. Sie ist intelligent, aufgeweckt und neugierig, das klaglose Akzeptieren aller Gebote ist ihre Sache nicht. Sie erlebt, wie sich Bubby, die das KZ überlebt hat und elf Kindern das Leben schenkte, im Haushalt plagt und wie Zeidl ihr beispielsweise die Anschaffung eines neuen Teppichs als „Luxus“ untersagt. Aber ist es tatsächlich Luxus, wenn Bubby nicht mehr auf Knien rutschen muss, um die heruntergefallenen Krümel aus dem alten, zerschlissen Teppich zu entfernen?

Früh entdeckt Devoireh Bücher für sich, in deren Welten sie sich zurückzieht, Bücher auf englisch, Bücher, die sie verstecken muss, mit denen sie sich nicht erwischen lassen darf. Ihr Zimmer wird natürlich kontrolliert…. älter geworden schleicht sie sich heimlich in Bibliotheken, leiht sich auch Bücher. Dadurch lernt sie gutes und flüssiges Englisch, nach Abschluss ihrer Schule (auf das College darf sie natürlich nicht, dies wäre der erste Schritt in Richtung Pritzus, Freizügigkeit) erhält sie sogar eine Stelle als Englischlehrerin an ihrer Schule. Eine andere Erfahrung: nach einem heimlichen Kinobesuch mit einer Freundin ist sie extrem verwirrt: sie kann das, was sie gesehen hat, nicht einordnen: Da ich über kein Bezugssystem zu ihren Stimmen, ihrer Ausdrucksweise verfügte, glaubte ich, dass diese Figuren ebenso lebendig waren wie Minny und ich, eingeschlossen in einen entsetzlichen Rahmen. Die vielen Toten in dem Film, was für eine alptraumhafte Welt da draußen… einige Jahre später sollte Devoireh aber merken, daß diese Alpträume auch in ihrer Welt existierten – aber totgeschwiegen wurden.

All diese Sachen (ebenso wie ein kleines Radio, wie eine Fahrt in die Stadt…..) werden heimlich unternommen, sind stets begleitet von der Angst, erkannt zu werden. Die Kleidung, die sie tragen muss, macht sie zur auffälligen Person. Sie hatte jedoch früh ihre „Macht“ erkannt, ich kann so tun als ob, ich kann mich derart überzeugend verhalten, dass niemand je die Wahrheit zu entdecken vermag.

Auf diese Weise wächst Devoireh heran, eingebunden in eine strikte und starre Gemeinschaft, aber mit Kontakten zur Aussenwelt, die sie mit ihrer Farbe, ihrer Freiheit und ihren Möglichkeiten, von denen sie ein paar wenige wahrnehmen kann. Kann man dem jungen Mädchen die Zweifel verdenken? Kann man den Ort, dem man entstammt, je wirklich verlassen? Ist es nicht am besten, zu bleiben, wohin man gehört, besser, als einen Versuch zu riskieren, sich woanders einzugliedern und dabei zu scheitern? versus: Ich weiß nicht wie, aber vielleicht wird meine Flucht, wie bei Francie, in kleinen, beständigen Schritten vollzogen werden. Vielleicht wird es Jahre benötigen. Aber ich weiß mit großer Sicherheit, dass es geschehen wird. 

An Devoireh haftet ein Makel: sie wächst ohne Eltern auf und die Eltern, die sie hat, sind eine Belastung für das Mädchen. Als sie ins heiratsfähige Alter kommt, versucht Zeidl, einen Mann für sie zu finden und unter diesen Bedingungen eine Ehe zu arrangieren. Und tatsächlich findet er einen heiratsfähigen jungen Mann, dessen Eltern mit der Verbindung einverstanden sind. Das Einverständnis von Devoireh und Eli wird zwar bei einem ersten, sehr formellen Treffen eingeholt, ist aber reine Formsache. Die junge Frau erhofft sich von der Ehe mit Eli, der ihr sogar recht sympathisch erscheint, mehr Freiheit für sich und mehr Möglichkeiten, ein Leben zu leben. Ein Vorteil hat ihr Status jetzt: Zeidl durchsucht ihr Zimmer nicht mehr, sie ist nicht mehr gezwungen, ihre Bücher zu verstecken.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Sexualität im Leben der jungen Frau schlicht und einfach nicht existiert. Die Menarche war ein Schock für sie und der Beginn der Teilung ihres Lebens in eine unreines Leben und ein reines, beide cirka zwei Wochen lang. Die Rituale, aus dem unreinen in den reinen Zustand zurückzukehren, sind für orthodoxe Frauen streng und umständlich, von aussen gesehen, sind sie entwürdigend – so, wie es die junge Frau auch empfindet.

Aufklärung findet nicht statt. Vor der Hochzeit gehen beide, Eli und Devoireh zum Heiratslehrer. Die letzte Lektion ist die geheimnisumwitterste: mit plumpen Gesten und ungelenken Worten erfährt Devoireh, die diese Stunde allein ist, technische Details. Ich habe dieses Ding einfach nicht, über das Sie hier reden. Es miss san, ich bin ohnedem geboirn! … Ich wüsste doch wohl, wenn ich dort unten ein Loch hätte! … In gewisser Weise hat die junge Frau sogar recht, der prachtvollen Hochzeit (Zeidl scheut keinerlei Kosten) folgt eine erfolglose Hochzeitsnacht, der erfolglosen Hochzeitsnacht folgen viele weitere erfolglose Nächte……

Sowenig wie Devoireh ihren Körper kannte, so wenig wusste Eli, wie eine Frau aussieht. Seine sexuellen Erfahrungen beschränkten sich auf gegenseitiges Masturbieren in der Jeschiwa…. Der Nichtvollzug der Ehe führt auch interfamiliär zu großen Problemen (eine Privatsphäre existiert nicht), Ärzte werden konsultiert und es stellt sich heraus, daß bei Devoireh vor lauter Ängsten, die sich verselbstständigt haben, die Muskulatur so verkrampft ist, daß sie tatsächlich „unten kein Loch hat“…. Die beiden bekommen dieses Problem schließlich in den Griff, aber es dauert lange…. Eli ist begeistert von dem, was er erlebt, der Begriff „Nachspiel“ existiert für ihn jedoch nicht… Devoireh leidet ausserdem sehr unter einem weiteren emotionalen Druck: nach den zwei ‚reinen‘ Wochen, in denen sie langsam Nähe zu ihrem Mann aufgebaut hat, wird sie wieder unrein, darf nicht berührt werden….

Den jungen Paar gelingt es, ausserhalb von Williamsburg eine Wohnung zu bekommen. Es ist eine Siedlung, in der viele junge jüdische Familien wohnen, die der Enge ihrer alten Gegend entkommen wollen. Hier sind die Regeln nicht ganz so streng, die gesellschaftliche Kontrolle nicht so umfassend. Devoireh ist jetzt neunzehn Jahre alt und schwanger.

Die glatte Oberfläche ihrer Welt bekommt weitere Risse: in der Gegend gibt es einen Pädophilen, der sein Unwesen treibt, ein Junge bekommt vom Vater mit der Stichsäge seinen Penis abgeschnitten, weil er beim Masturbieren erwischt worden war… all dies wird verschwiegen, verheimlicht unter der Oberfläche, die von aussen zu sehen ist und trägt zu den Zweifeln Devoirehs bei. Nach der Geburt des Sohnes fängt sie an, heimlich auf´s College zu gehen, in diese andere, bunte, fröhliche Welt, sie freundet sich an, zieht sich bei Verabredungen in der Stadt um, ihre Haare wachsen wieder ein wenig (verheiratete orthodoxe Frauen müssen sich ihr Haar abscheren und tragen Perücken, siehe dazu auch hier [6]). Es reift in ihr…

Als ihr Sohn im Alter von drei Jahren vor der „Einschulung“ in die ‚Cheder‘, die Thora-Schule, steht, steht ihr Entschluss fest: ihr Kind soll nicht unter solchen Bedingungen wie sie aufwachsen. Devoireh trennt sich von ihrem Mann, sie zieht aus, sie hat sich endgültig für ein säkulares Leben entschieden. Die Tragweite dieses Entschlusses läßt sich für Aussenstehende kaum ermessen: mit diesem Schritt hat Deborah ihre Wurzeln abgetrennt, sie hat keine Familie mehr, keine Unterstützung, nichts. Sie muss ihr Leben von vorne an wieder neu aufbauen und hat eine schwierige Sorgerechtsauseinandersetzung mit ihrem (Ex-)Mann vor sich.

Deborah Feldmann, 2015 Bildquelle: [B]

Deborah Feldman, 2015
Bildquelle: [B]

 Deborah Feldmann wird von ihrem Mann geschieden und hat auch gegen jede Wahrscheinlichkeit den Prozess um ihren Sohn gewonnen. Sie lebt heute mit ihrem Sohn Yitzy in Berlin, hat dort Freunde gefunden, Wurzeln geschlagen. Sie kann in dieser Stadt sie selbst sein, die Authentizität finden, die sie gesucht hat, sie hat ausgerechnet in der Stadt, die ihre Familie so brutal hinausgeworfen hat ihre wahres Zuhause zurückerobert. (dem Sinn nach zitiert)


Deborah Feldman hat mit ihrem Buch „Unorthodox“ ein beeindruckends Debüt vorgelegt. Und dieses Buch ist sicherlich einer der Fällen, in denen auch schon ein 25jähriger Mensch berechtigterweise seine Biographie verfassen darf, weil sie Wesentliches enthält. Das Erzählte fungiert auf mehreren Ebenen: zum einen ist es eine Darstellung ihres Lebens, ihres Aufwachsen in einer orthodoxen Familie, aber es ist auch eine Darstellung des Lebens in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft an sich. Dies beides bedingt, daß die möglichen Auswirkungen eines solch starr und strikt reglementierten Lebens auf den Einzelnen sichtbar werden.

Feldman öffnet mit ihrem ein Fenster zum Innenleben einer Gemeinschaft, die nach Regeln lebt, die an der Schwelle des Verschwindens gestanden hatten. Die Sinnhaftigkeit dieser Regeln ist für uns, die wir von außen auf sie blicken, kaum zu erkennen, mit dem Wertesystem, in dem wir leben, betrachtet, erscheint im Gegenteil ein großer Teil der Vorschriften geeignet, natürliche Bedürfnisse des Menschen an sich zu ignorieren bzw. zu unterdrücken. Als Gemeinschaft leben die Satmarer in einer gegenüber den anderen streng abgetrennten Welt [7]: die Sprache insbesondere isoliert und die Tatsache, daß im Grunde alles außerhalb der satmarischen Gemeinschaft trejfe ist, nicht koscher also. Das auf uns etwas befremdlich wirkende Beispiel mit den Perücken für die verheirateten Frauen, bei denen es sich mehr durch Zufall heraus stellte, daß sie nicht koscher waren [6], zeigt, in welche „Gefahr“ ein orthodoxer Jude gerät, wenn er Kontakt hat zum Welt ausserhalb seiner Gemeinschaft.

Die Erziehung der Kinder ist auf Gehorsam gegründet, auf Verbote, auf Tadel und Missbilligung. Eigene Entscheidungen, das eigenständige Gestalten des eigenen Lebens, gibt es nicht, insbesondere für Mädchen und Frauen ist der Ablauf des Leben vorherbestimmt. Das Recht auf Bildung nach ihren Möglichkeiten gibt es nicht, ihre Rolle in der Gesellschaft ist vorher bestimmt und eine weiter gehende Bildung ist dafür nicht nötig. Die Ehen werden arrangiert, Gefühle der Eheleute spielen kaum eine Rolle.

Das Repressive des Systems wird überall, aber besondere beim Thema Sexualität deutlich. Die Frau als solche ist die Hälfte ihres Frauseins „unrein“, darf nicht berührt werden, lebt diese „unreine“ Zeit unter strikten Sanktionen. Das Procedere, wieder rein zu werden, ist entwürdigend und erniedrigend. Das Fehlen jeglicher Sexualaufklärung führt dazu, daß zwei völlig ahnungslose Menschen in der Hochzeitsnacht (und dem Druck der Familie, die einen „Erfolg“ erwartet) auf einander losgelassen werden. Wie es die Autorin von sich selbst schildert, kann dies zu psychosomatisch bedingten Problemen führen, aber auch schwere Verletzungen der Frau können die Folge sein, wenn der junge Ehemann in Panik einfach zustößt, auch davon berichtet Feldman.

Für uns ist es kaum zu ermessen, wie groß der Schritt für eine jungen Frau ist, eine solche Gemeinschaft zu verlassen.  Sie läßt damit alles hinter sich, steht in einer bunten, komplizierten Welt, muss praktisch bei Null wieder anfangen, denn durch die Entscheidung, säkular zu leben, kappt sie den Verbindung zu allem, was bisher für sie die Alltagswelt war. Jetzt ist sie auf sich selbst angewiesen, muss sich den Lebensunterhalt verdienen, eine Wohnung finden, sich einen Freundeskreis aufbauen. Die Autorin zumindest hatte relativ gute Voraussetzungen: für ihre Aufzeichnungen zeigten Verlage Interesse, sie spricht gut Englisch (das ist nicht trivial) und ich gehe davon aus, daß sie über ihr College, das sie heimlich besuchte, auch Freund und Bekannte gewonnen hatte, die sie unterstützten.

Die Aufzeichnungen Feldmans erschienen 2012 in den USA und waren sofort ein großer Erfolg. Von den Satmarern schlug ihr Hass und Anfeindungen entgegen, es ist nachvollziehbar, daß diese Gemeinschaft sich aus ihren Verständnis heraus verraten fühlte. Dabei hat die Autorin konsequent jede Verurteilung ihrer ehemaligen Gemeinschaft vermieden, sie analysiert, stellt Fragen, stellt in Frage und zieht Rückschlüsse. Sie versteht es ferner, vom subjektiven Erleben (der Text ist ja autobiographisch) aus in eine objektive Perspektive zu wechseln, in der beispielsweise religiöse Vorschriften und Procederes beschrieben und dargestellt werden. Analog gilt, daß Feldman ihrer Familie keine Vorwürfe macht: auch hier beschreibt sie und beschränkt sich darauf, ihre Lebensumstände darzustellen. Für ihre Großmutter Bubby, das entnehme ich dem Text, empfindet sie nach wie vor viel Liebe (oder Sympathie?), auch Mitleid, für ihren Großvater Zeidl Respekt.


Mein Text ist etwas länger geworden, ich bitte um Entschuldigung. Aber Feldmans Buch Unorthodox läßt hat mich nicht unberührt gelassen. Der Blick in das Innenleben einer orthodoxen jüdischen Gemeinschaft – er läßt viele Fragen offen, möglich ist, daß man/ich das eine oder andere falsch verstanden habe. Der Text Feldmans enthält eine Menge Fakten über das chassidische Judentum jenseits einer gewissen Verklärung, wie sie manchmal in den Geschichten jiddischer Schriftsteller zu finden ist. Die für uns von aussen gesehen grundlegende Frage, wie es möglich ist, heute, in der heutigen Zeit nach Regeln zu leben, die vor Jahrtausenden aufgestellt wurden und die damals wahrscheinlich ihre Berechtigung hatten, beantwortet das Buch nicht – kann es nicht beantworten, denn das Wesen einer Religion ist es, daß sie nicht auf Vernunft, sondern auf Glauben gegründet ist. Als bedrückend empfinde ich, daß auch dieser orthodoxe Fundamentalismus zumindest in Teilen eine Konsequenz aus dem Grauen des Holocaust ist – eine Erkenntnis, die mir so noch nicht bewusst war.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist diese (zudem noch sehr gut geschriebene) „biographische Erzählung“ von Deborah Feldman absolut empfehlenswert.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Autorin ist im Internet in vielfacher Weise vertreten, z.B.:
– Webseite: http://www.deborahfeldman.com
– tumblr: http://deborahfeldman.tumblr.com (ab 2011 bis 2015)
[2]
[3] Wiki-Seite zu Satu Mare:  https://de.wikipedia.org/wiki/Satu_Mare
– (a) Robert Scheer: Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und ….. (Buchvorstellung hier im Blog)
[4] Das klingt absurd (ist es auch), es ist aber keineswegs so, als ob die dahinter stehende Logik bei uns ausgerottet wäre. Gerade Frauen, die von Männer (sexuell) angegriffen werden, wird immer wieder vorgehalten, durch z.B. Kleidung oder allgemeines Verhalten provoziert zu haben. Im Spiegel (19/2016, S. 50 ff: Sexismusopfer im Bierzelt wehrt sich – und wird bestraft) ist ein Bericht über eine junge Frau enthalten, die auf der „Wies´n“ sexuell belästigt worden war und sich mit dem ersten Gegenstand, den sie greifen konnte (es war ein Maßkrug) wehrte. Sie wurde später u.a. zur Zahlung eines Schmerzensgeldes verurteilt, die Männer dagegen bekamen die Auslagen (Fahrtkosten etc pp) ersetzt.
[5] Vom Berliner Moses Mendelsohn stammt die Feststellung, daß das Judentum keine geoffenbarte Religion sein, sondern ein geoffenbartes Gesetz, das allein für die jüdische Gemeinschaft verpflichtend sei und dieses ausmache (1783, nach: Juden in Berlin, Nicolai, 1988, S. 13)
[6] zum Problem der Perücken hier ein Text aus dem Wall Street Journal:
http://www.wsj.com/articles/SB108509606433917593#:JBcrc5460jnPCA bzw. der NYT:
http://www.nytimes.com/2004/05/17/nyregion/orthodox-jews-in-brooklyn-burn-banned-wigs.html?_r=0
[7] ein einziges Mal berichtet Feldman davon, daß Zeidl von sich aus Zeitungen mit nach Hause gebracht hatte, sogar einen kleines Radio kaufte: nach dem 11. September 2001 waren die Nachrichten aus der Aussenwelt so ungeheuer und so wichtig geworden, denn es gab Befürchtungen, man würde die Juden für den Terrorakt verantwortlich machen.

[B]ildquellehttp://www.jewiki.net/wiki/Deborah_Feldman; Lizenz: Attribution 3.0 Unported

Deborah Feldman
Unorthodox
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Christian Ruzicska
Originalausgabe: NY, 2012
diese Ausgabe: Secession Verlag für Literatur, HC, ca. 320 S., 2016

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