josepha

Was ein Buch, was für ein Roman, was für eine Geschichte… sie führt zurück ins Jahr 1976 jenseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze in eine gemütliche Wohnung, in der sich Therese Schlupfburg (sic!) und ihre Urenkelin Josepha in ihrer eigenen Welt eingerichtet haben. Das ’sic!‘ steht dort nicht von ungefähr, wir werden es im Verlauf des Buches bzw. dieser Besprechung zu deuten wissen bzw. gedeutet bekommen.

Die jüngere der beiden Frauen, Josepha also, ist zu zweit: in ihrem Inneren wächst ein schwarz-weißes Kind heran, der Vater, der werdenden Mutter bekannt nur für eine Nacht, ist Angolaner, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, wird von Josepha den neugierigen Offiziellen gegenüber, die sich um die Schwangere und deren Gesundheit kümmern, hartnäckig verschwiegen, so hartnäckig, daß auf der Schwangerenpappe – zumindest zeitweilig – ein ‚A‚ erscheint, für Asozialenkartei. Überhaupt spielen die Männer in dieser Geschichte allenfalls die von der Natur her als notwendig erachtete Rolle der Besamer und Befruchter, die wahre Macht obliegt den Frauen, der Geschlechtlichkeit zu wahren Wundertaten fähig ist.

Da härtet schon einmal eine Achtzigjährige das Gemächt des über Neunzigjährigen, um sich lustvoller Umarmung zu erfreuen, da empfangen über Sechzigjährige nach der Menopause noch Kinder, die nach wenigen Monaten geboren werden und deren ultraschnelle Entwicklung zu Sensationsmeldungen Anlaß gibt. In Sturzgeburten auf die Welt gekommene Zwillinge werden mit solch nahrhafter und mit unfassbarem Druck der Drüse entweichender Milch genährt, daß man ihrem Wachsen zusehen kann. So erregend der Anblick, daß dem anwesenden Amtmann spontan Sperma entweicht und sich in der Luft mit der Milch mischt, einer Milch, die just jenen spillerigen Amtmann süchtig macht, ihn zu athletischer Form bringt und seinen Stoffwechsel so umstellt, daß er nur noch mit Muttermilch funktioniert. Muttermilch, die ihm aus anscheinend nie versiegender Brust verabreicht wird….

Auch die Kinder, deren Väter wie erwähnt meist unwichtig sind und die ohne den Segen von Staat und Kirche die Welt erblicken, sind nicht ohne. Ottilies, der Therese lang vermisste und diesseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze lebende Tochter beispielsweise schenkt (vorstehend schon erwähnt) spät in ihrem Leben einem Sohn noch selbiges, einem Säugling, dessen ausgeschiedene verdaute Nahrung den Geruch der jeweilig herrschenden Uniform annimmt – was beim Besuch der Mutter, d.h. jenseits der … etc pp, in der Öffentlichkeit zu heftiger Verwirrung unter den Menschen führt, ja, zu Panik fast. Überhaupt ist dieses Kind ein Kind mit drei Vätern, einen biologischen, einem Ziehvater und einem Zahlvater. Wie ist es überhaupt zu diesem Kind gekommen, dies ebenso eine wunderlich-magische Begebenheit, denn in Ottilies Nähe implodierten neuerdings sämtliche Bildschirme. Was wiederum zur Bekanntschaft mit dem Fernsehmechaniker Revenslueh führt, der zwar noch verheiratet war, aber doch bald zu den drei Vätern zählen sollte… das mit dem Verheiratetsein gab sich jedoch schnell, stürzte die Frau sich in ihrer Verzweiflung ob der Untreue des Gatten doch aus dem heimischen Fenster, fiel zwar relativ weich, war trotzdem verletzt. Es gab noch eine Versöhnung zwischen den Eheleuten, doch just in dieser versetzt Revenslueh seiner Frau unbeabsichtigt – sozusagen – den Todesstoß. So starb sie glücklich, der kleine wurde für sie zum großen Tod… und für den Mann hieß es jetzt: Leinen los, Ottilie ahoi!

Man sieht, es geht durchaus deftig zu, keine der Körperflüssigkeiten, die der Mensch absondert, bleibt unerwähnt und ohne Bedeutung. Nun passiert das Ganze aber nicht ohne Plan. Den beiden Frauen, Therese und Jospha, kommt nicht nur aufgrund ihrer Weiblichkeit Macht zu, ihnen wohnt auch Magisches inne, auf einer imaginären Leinwand nämlich in das Leben ihrer Vorfahrinnen blicken zu können. Diese Sitzungen, die die beiden abhalten, ihre Familiengeschichte zu erforschen, stellen die Stationen der titelgebenden Gunnar-Lennefsen-Expedition dar.

Sie beginnt 1914 in Ostpreusen mit einem Brudermord, die junge Therese nämlich sieht sich den Bruder mit einem Holzschuh erschlagen, um ihm den Gastod im tobenden Krieg zu ersparen. Therese arbeitete damals als Dienstmädchen und wurde vom Sohn des Gutsbesitzers geschwängert, besagte Ottilie war die Frucht dieser Nächte, doch eine Heirat zwischen Magd und Junker kam natürlich nie in Frage….. ein älterer Kürschner und Steineschneider wurde ihr angetraut, aber dieser Erbs machte es nicht lange, schon an der Hochzeitstafel zeigte er Schwächen, kotzte das gerade Verzehrte quer über den Tisch – nur weil Therese etwas schmatzte beim Essen… Nach seinem baldigen Tod wurde die Ehe annulliert, Fritz (der ein ungefähres anderthalb Jahrzehnt später beim Wettmasturbieren seines verkrümmten Penisses wegen Hemmungen haben sollte), die Frucht der beiden, wurde somit von einer ledigen Mutter als eheliches Kind geboren….

Die Tochter Ottilie selbst lernte die Liebe ebenfalls früh kennen, ihr Erwählter war der jüdische Fahrende Avraham Rautenkrantz aus Riga, der gelegentlich in Königsberg weilte. 1933 sollte sie ihn zum letzten Mal sehen, Rudolph nannte sie das Kind, das sie einem Deutschen Beischläfer unterschob. Dieser Rudolph ist wichtig für die Geschichte des Buches, denn er sollte später zum Vater werden von Josepha, deswegen wäre das Verschweigen seiner Herkunft hier ein Fehler gewesen. Verschweigen bzw. nur darauf hinweisen will ich jedoch darauf, daß es Ottilie nach dem Krieg nach Bayern verschlagen hat, daß Josphas Mutter bei der Geburt verstarb und Rudolph selbst sein Kind bei der Oma ließ, um mit einer anderen Frau noch einmal sein Glück zu finden, einer Frau, die ihr eigenes, tragisches Schicksal mit sich zu tragen hat…..

Aber bevor es dazu kam, war der zweite Weltkrieg zu überstehen, die Reihe der Ahnen geschlossen zu halten, was nicht einfach war, folgerichtig ist die Geschichte oder wäre sie es, würde ich es unternehmen hier an dieser Stelle, kompliziert zu erzählen. Jedenfalls ist die Mutter Josephas ein weiteres, ein Wasserkind der schon hier erwähnten Sturzgebärenden, Wasserkind, weil sie durch das Badewasser empfangen wurde, in dem sich vorher der ejakuliert habende, nur noch durch Muttermilch nährende Amtmann gereinigt hatte…. Eaulalia nannte sie ihre Mutter, die Kleine war bei der Geburt nur wenige Zentimeter groß, aber voll entwickelt – zum Erstaunen aller.

Es ist kompliziert und das Vorstehende nur ein auf wenige der vielen Figuren konzentrierter Auszug. Es gab Situationen, an denen wäre die Kette der Ahninnen fast unterbrochen worden, weil sie z.B. verdampften in der Hitze des Dresdener Infernos, der Krieg zerriss die Familien, es kam zu Vergewaltigungen und ‚Judenf***s‘, Kinder wurden mit versteckt und mit anderen Identitäten in andere Leben geworfen, in Leben, in denen sie gleichzeitig Tochter, Adoptivtochter und Vergewaltigungsopfer ein und desselben Mannes wurden….

Ohne die Hilfe eines speziellen Kosmos von Göttinnen wäre es nicht gelungen, wäre die Linie der Schlupfburgs irgendwann geendet. Göttinnen wie Inklinatia, die Göttin der Gleichgewichtsstörung, Diploida, die Göttin der Abstammungslehre, Östromania, die Göttin der weiblichen Tollheit, Fidelia, die Göttin der grundlos heiteren Stunden, Exkrementia, die Göttin … na ja, gut, das wird wohl jeder ahnen…. ein bunter Göttinenkosmos also (ich habe nur Beispiele genannt), der sich in der Gestaltung, Begleitung und Behütung der Weiberschicksale hin und wieder  über die Jahrzehnte hinweg in die Quere kam, weil die Interessenlage manchmal etwas unterschiedlich war, der aber summa summarum das Projekt ‚Schlupfburg‘ erfolgreich in die Gegenwart geführt hat.

Es sind nur winzig kleine Leckerbissen, Appetizer sozusagen, des Inhalts, auf die ich hier eingegangen bin. Das Buch ist so randvoll mit Episoden, Geschichten und Ereignissen, daß eine nur halbwegs vollständige Inhaltsangabe ziemlich lang geriete, sofern sie überhaupt möglich ist, ohne das halbe Buch zu referieren…. aber ich wiederhole mich….


In Schmidts Roman wechseln sich die Erzählebenen ab. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1976 in der DDR, in den einzelnen Etappen der Gunnar-Lennefsen-Expedition führt uns die Autorin anhand der Schicksale der diversen Vorfahrinnen zurück in die deutsche Vergangenheit, in das Ostpreussen anfangs des 20. Jahrhunderts, in den Zeit zwischen den Kriegen, in den Zweiten Weltkrieg mitsamt seinen Gräueln des Holocaust, die direkt in die Familiegeschichte hineinwirken. Die Teilung Deutschlands dann mit Ottilie auf jenseitiger und den anderen noch lebenden Gliedern der Familie auf diesseitiger der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze, eine Formulierung, die sich häufig im Text der selbst 1958 in Gotha gebürtigen Autorin findet.

Die neunzehnjährige Josepha arbeitet in einer Druckerei, der ‚VEB Kalender und Büroartikel Max Papp‘ in der thüringischen Kleinstadt W.. Im Verlauf des Romans erfahren wir eine Menge über das Leben in dieser damaligen DDR, über die Arbeitsbedingungen, über soziale Umstände, über das Alltagsleben. Natürlich fällt Josepha durch die hartnäckige Verweigerung, den Vater des (wie nur sie weiß) schwarzweißen Kindes zu nennen, auf, hat Nachteile, will sich ganz aus der staatlichen Betreuung herausziehen und kann nur durch Not und Mühe von einer Freundin überredet werden, sich zu arrangieren mit dem staatlichen System. Auch hier, in der Umgebung der DDR, spart Schmidt nicht mit wunderlichen und slapstickartigen Einlagen: die Faust Josephas, die im Zimmer der Meisterin bei Gelegenheit voller Wut in die Fruchtmarmelade schlägt, expediert beispielsweise eine Kirsche auf das wandhängige Bild des Staatsratvorsitzenden, dessen Mund sich daraufhin unabwischbar kirschrot färbt. Nicht nur dies…. mit unzüchtigen Aufforderungen, die fortan den gespitzten Lippen des formals zu Spröden entweichen, treibt das Bild später die Meisterin, die das Bild bei sich zu Hause seiner marmeladigen Schändung wegen verstecken wollte, zu unerhörten Manipulationen am eigenen Körper an, bis schließlich rauchverzehrte Gestalten, von den ‚zuständigen Stellen‘ ausgesandt, sich ihrer annahmen und sie nie mehr gesehen wurde…. immer waren es die ‚zuständigen Stellen‘, durch geheime Nummern alarmiert, die für Ordnung im Sinne der Ordnungsmacht sorgten, für eine Ordnung, die ängstigte….

Zeitgeschichte also aus weiblicher Sicht. Aber mehr noch stellt der Roman eine Hommage an die Macht der Frauen dar, einer Macht, die sich auch und gerade ihrer Geschlechtlichkeit bedient. Die schlupfburgischen Frauen bekennen sich zu ihrer Lust, viele ihrer Kinder sind unehelich (zumindest gemacht worden), werden ohne Vater erzogen. Sie bedien(t)en sich der Männer so wie es selbst Josepha mit dem schwarzweißen Kind im Bauch (der ‚Schlupfburg‘) noch praktiziert: im Urlaub auf der Luftmatratze in der Ostsee schaukelnd lädt sie in plötzlich erregter Lust den unerwartet auftauchenden Schnorchler ein, seinen anderen Schnorchel doch flugs (oder besser schwimmend und klammernd) in ihr zu versenken… derart tauscht Schmidt in diesen Passagen ihres Roman die übliche Rollenverteilung: der Mann wird hier zum Objekt, dessen sich die Frau bedient. In anderen Episoden retardiert der Mann zum Säugling, dessen Leben voll und ganz von der Mutter(milch) abhängt: der erwähnte Amtmann Thalerthal beispielsweise, der sich nur noch von Muttermilch nähren kann. Auch Erbs, der später annullierte Ehemann Thereses war so ein schwaches Geschöpf, das neben seiner Frau nicht existieren konnte und von dannen ging….


Die Gunnar-Lennefsen-Expedition war als Buch ein großer Erfolg, die Kritik (mit wenigen Ausnahmen) feierte es, es 1998 beim Ingeborg-Bachheim-Wettbewerb mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet [2]. Es ist in der Tat ein Lesespaß, ein Roman, der beim Fabulieren und Erzählen keine Grenzen kennt und vor nichts scheut. Attribute wie ‚derb‘, ‚prall‘, ’sinnenfroh‘ (so wie es die aus- und einladende Rückenansicht auf dem Buchcover suggeriert), aber auch ‚phantastisch‘ charakterisieren diesen Roman durchaus treffend, dabei hat er ebenfalls genügend ernste und tragische Passagen, in denen sich Bilder und Beschreibungen historischer Zeiten formen. Die Art und Weise in der Schmidt geschrieben hat, entspricht dem teilweise märchenhaften Inhalt: es ist zwar kein Text ohne Punkt und Komma, aber über weite Strecken ohne Absatz und Unterbrechung, häufig ein nur spärlich strukturierter Fließtext über viele Seiten, so wie ein atemloser Erzähler sein Werk eben verrichten würde. Ob man es dagegen tatsächlich als Geschichtsschreibung aus weiblicher Sicht (so im Klappentext des Romans) nehmen kann, sei dahin gestellt oder ob der Roman doch eher ein in den historischen Kontext eingebundenes Fabulat ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls ist Schmidts Roman ein opulenter Lesespaß, wenngleich der Spaß für mich genauso groß gewesen wäre, wäre das Buch ein wenig kürzer geraten. Denn da auch eine Autorin wie Schmidt nicht immer nur Neues oder Altes neu erzählen kann, verliert der Verstoß gegen übliche Inhalte und Beschreibungen im Lauf der Episoden an manchen Stellen an Reiz und wiederholt sich, die Magie der beiden Frauen Therese und Josepha verflacht sozusagen. Abgesehen davon jedoch kann ich aus meiner Sicht das Studium dieses ganz speziellen Expeditionsberichts nur anraten.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite bei ihrem Verlag: https://www.randomhouse.de/Autor/Kathrin-Schmidt/p77677.rhd
[2] http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bp98/fs_autoren.html

ferner gibt´s bei mir im Blog noch die Besprechung von Kathrin Schmidts Roman: Du stirbst nicht aus dem Jahr 2009:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/11/03/kathrin-schmidt-du-stirbst-nicht/

Kathrin Schmidt
Die Gunnar-Lennefsen-Expedition
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 428 S., 2007

seethaler

Robert Seethaler, dieser 1966 in Wien geborene Österreicher, ist ein Meister des unaufgeregten, einfachen Stils – zumindest habe ich ihn in seinem famosen Trafikanten so kennengelernt [1]. Mit diesem vorliegende Roman (einhundertvierundachtzig locker gesetzte Taschenbuchseiten – ein schmaler Roman also) bestätigt sich dieser Eindruck: ein Stil, der unprätentiös einfach beschreibt, was ist und was geschieht und was letztendlich das ausmacht, um das es geht: Ein ganzes Leben.

Der Romantitel ist doppeldeutig. An einer Stelle des Buches läßt Seethaler seine Figur des Andreas Egger feststellen, daß der Mensch geboren wird, daß er stirbt und die Zeit dazwischen sein Leben ist. Diesen Zeitraum also umfasst der Roman, nehmen wir es nicht allzu eng, der frühkindlichen Anamnses geschuldet, tritt Egger erst im Alter von drei oder vier Jahren leibhaftig in das Geschehen ein, aber dazu später mehr, erst noch einmal eine andere Facette des Titel: Ein ganzes Leben im Sinne von: ein rundes, in sich stimmiges, mithin: ein gutes Leben. Ob es das tatsächlich war, dies wird sich am Ende des Romans gezeigt haben.


Am Beginn des letzten Jahrhunderts taucht beim Kranzstocker, einem Bauern in einem unbenannten Tal in den Alpen ein ungefähr vierjähriger Junge auf, der Bankert der flatterhaften Schwägerin, der wohl nur deswegen beim Kranzstocker aufgenommen wird, weil er einen Beutel mit Talern um den Hals trägt. Die folgenden Jahre wächst der Junge heran, er ist auf dem Hof geduldet, mehr nicht. Wann immer es dem Bauern passt, schlägt er den Knaben mit der Rute auf den nackten Hintern, eines Tages so derbe, daß der Knochen kracht. Der Knochenrichter versucht sein bestes, es dauert lange und hinterher hinkt der Egger.

Doch ist er jetzt auch körperlich gezeichnet, so wächst er doch heran und wird so stark, daß er sogar dem Kranzstocker Angst einjagt… er lernt nichts, aber da er kräftigt ist, hat er immer zu tun. Bis auf hin und wieder einen Krauterer in der Wirtschaft legt er sein Geld zurück, kann sich ein Häuschen auf einem Stückchen Ödland, auf dem nur Steine wachsen, pachten. Hier wohnt er fortan und träumt davon, durch Gartentürchen für jemanden, der ihn besucht, öffnen zu können. In Wahrheit hat er es sogar nur aus diesem Grunde angebracht….

Mitte Dreißig ist er, als er den Ziegenhirten sterbend in dessen Behausung findet, ihn aufschultert und ins Dorf bringen will. Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht: der Hörnerhannes, wie der Hirt genannt wird, rappelt sich noch einmal auf und entkommt dem Egger in die verschneiten Berge hinauf. In der Wirtschaft jedoch, Egger braucht jetzt einen Krauterer, ändert sich Eggers Leben: Marie, die Bedienung streift ihn am Arm, als sie den Schnaps vor ihn hinstellt. Und noch etwas passiert den kommenden Frühling in Eggers Dorf: eine Baufirma zieht mit ihrem Gerät ein und errichtet ein Lager. Gebaut werden soll, und zwar eine Seilbahn. Und Strom soll gelegt werden für das Dorf.

Egger fragt sich um Arbeit, überzeugt den Prokuristen damit, daß er der einzige ist, der am Hang gerade stehen und gehen kann…. Er ist ein guter Arbeiter und auch wenn er nicht weiß, wie das mit den Frauen richtig macht, so weiß er doch, was er will: Marie. Für sie öffnet er sein Gartentörchen…. Und er macht ihr einen Antrag, einen leuchtenden, brennenden Antrag und Marie sagt Ja.

Eine Lawine zerstört nur wenig später Haus und Glück, auch Egger überlebt nur knapp. Bei Bittermann, der Baufirma, übernimmt er jetzt Wartungsarbeiten… 1939, in den Krieg, für den er sich meldet, darf er nicht als Hinkender, ein paar Jahre später ist man nicht mehr so wählerisch und Egger muss. Er kommt in den Kaukasus, insgesamt sollte er zwei Monate an der Front sein, aber fast acht Jahre im Lager, erst 1951 kommt er wieder in sein Dorf zurück, in dem sich mittlerweile so viel geändert hat.

Eine zeitlang kann er von den Geldern leben, die er als Kriegsgefangener zur Entschädigung und Überbrückung erhält. Dann, eine paar Jahre später, bringt ihn mehr oder weniger der Zufall auf die Idee, die immer zahlreicher werdenden Touristen durch die Berge zu führen.

Noch einmal versucht eine Frau in das Leben des Andreas Egger zu treten, Anna Hollers, die Lehrerin in der Dorfschule. Aber Egger verweigert sich, kann nicht, will nicht. Es ist die Zeit, in der er seine Unterkunft, in der er Jahre lebte, verläßt und in einen abseits des Ortes gelegene alten Viehstall zieht. Hier lebt er allein für sich, mit dem Blick in die Berge, in das Tal. Mittlerweile vergisst er schon manches, sein Leben zieht in Bildern an ihm vorbei, er ist ganz zufrieden hier oben… die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht, hatte er das Gefühl, daß vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war.

Nur einmal wacht er mit einer Unruhe auf, sieht die Autos das Tal hinaufkommen in das Dorf und ihm wird bewusst, daß er – ausser dem russischen Lager – eigentlich nur dieses Tal kennt. So setzt er sich in den Bus, weiß garnicht, wohin und sagt dem Fahrer als Ziel „Endstation“… dort jedoch sieht er sich selbst als alten Mann, nutzlos und verloren, mitten auf einem leeren Platz, und er schämte sich wie noch nie in seinem Leben. Der Fahrer führte ihn wieder in den Bus und brachte Egger in sein Dorf, das seine Welt war, sein Leben, zurück.

… und dann, nur wenige Wochen später .. stirbt Andreas Egger so wie er gelebt hatte: unauffällig, einfach so. Ein Leben war zu Ende, es war ein gutes Leben, ohne allzu viele Fehler. Seine Marie liebte er bis zum Schluss, einmal erschien sie ihm sogar, sah er sie deutlich. Beerdigt wurde Andreas Egger neben seiner Frau.


Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. …. 

Seethaler führt uns mit seinem schmalen Roman zurück in eine Welt, wie wir sie heute nicht mehr kennen, die sich auch im Laufe der Handlung, sprich: des Lebens seiner Figur Egger, ändern wird. Es ist eine Lebensumwelt, die noch stark von der Natur geprägt ist, die Berge verlangen dem Menschen viel ab, wenn er dort überleben will: steinige Wiesen und Äcker, steile Hänge, heftige Wetter, Einsamkeit auch. Das Leben in den Alpen ist ein Kampf auch um´s Überleben.

Im Kranzstocker, dem Bauern, bei der der elternlose Egger unterkommt, hat Seethaler eine Ausformung des Menschen, genauer: des Mannes, dargestellt, der hier überleben kann: Der Mann wurde geformt und gehärtet von Gottes Hand, um sich die Erde, und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und spricht Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer…. Dieser Schilderung nach könnte man auch sagen, er ist gottähnlich, dieser Kranzstocker in seinem eigenen Weltbild. Auch der Egger ist hart, nie schreit er unter den Schlägen (die in dieser Zeit üblich waren) und Misshandlungen des Bauern, aber, er Egger war kein Bauer und wollte keiner sein, im Gegenteil war er, der nie was gelernt hat, eigentlich garnichts, musste sich erst einmal finden, nachdem er mit Marie eine Aufgabe in dieser Welt bekommen hatte.

Zwei Lebensentwürfe also, die gegensätzlicher kaum sein konnten und die Seethaler auch entgegengesetzt enden läßt. Während Egger gegen Ende seines Lebens, in einem unerwartet hohem Alter, resümieren kann, daß er auf …. sein Leben … ohne Bedauern zurückblicken kann mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen, verliert der Kranzstocker im Alter alle Kraft und bettelt um seinen Tod, der ihn von seinem Leben befreien soll.

Egger war ein Mensch, der (mit einer Ausnahme) nie Liebe erfuhr. Vom Kranzstocker allenfalls geduldet, waren die sporadischen Streicheleinheiten der alten Oma auf dem Hof die einzigen Lichtblicke, freilich sehr wenige. Es wurde wenig geredet mit ihm, seine Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen war entsprechend eingeschränkt, er war Aussenseiter und Einzelgänger, freilich genoß er bei den Arbeitskollegen Respekt, weil er ein guter Arbeiter war, sie waren es auch, die ihm bei der Werbung um seine Marie halfen. Einzig in der endlosen Gefangenschaft in Russland zeigt er vermehrt soziale Verhaltensweisen, kümmert sich um seine Mitgefangenen. Selbst später, als Tourenführer, bleiben ihm die Touristen fremd, kann er, der in den Bergen groß geworden ist und sie ohne Verklärung sieht, die Sehnsucht, die diese Menschen romantisierend in die Natur treibt, nicht nachvollziehen. Gegen Ende seines Lebens drängt es ihn wieder in die Einsamkeit, wie eine Art Eremit haust er ausserhalb des Dorfes, ist aber mit seinem Leben dort zufrieden.

Die Neuerungen, die mit der Zeit auch in sein Alpental gekommen sind, nimmt er staunend zur Kenntnis. War seinerzeit die Elektrifizierung des Dorfes noch ein großes, auch von ihm begrüßtes Ereignis, so sagt ihm nach seiner Rückkehr ins Dorf das Fernsehen nichts mehr, er staunt zwar, aber das, was er sieht, ist nicht mehr seine Welt. So ist es ebenso nicht verwunderlich, wenn sein panikartiger Ausflug in die ‚weite Welt‘ am Ende seines Lebens grandios scheitert: sein Platz ist im Tal, in seiner Hütte, nicht irgendwo da draußen.

Seine Welt war die Natur, und alles in seinem Leben musste er erkämpfen. Aber er nahm dies an, sein Leben war nicht von Zukunftsvisionen und Plänen bestimmt, sondern vom Hier und Jetzt. Einzig Marie war für ihn eine Zukunft, denn mit ihr wollte er sein Leben teilen bis zum Ende, aber Marie wurde ihm genommen und damit auch seine Lebensperspektive.

Eggers Leben ist somit eine Art Gegenentwurf zum modernen Leben. Seethaler schildert uns einen Menschen, der sein Leben trotz aller Unbillen in all seiner Härte angenommen hat, der sich nicht ungerecht behandelt fühlt vom Leben, der (möglicherweise) nicht genutzten Chancen nicht nachweint, der einfach am Ende zusammenfassen kann: so war es und so wie es war, war es gut. Ein wenig von dieser akzeptierenden Einstellung würde in heutiger Zeit manchem von uns in seinem Leben gut tun….


Seethaler beginnt seinen Roman mit der Schilderung, wie Egger sich den sterbenden Hörnerhannes auf den Buckel schnallt, um ihn ins Dorf zu bringen. Auf diesem Weg ’sehen‘ sie den Tod bzw, und das ist (für mich zumindest) das Interessante: die Tödin, denn es ist eine Frauenfigur, die Seethaler beschreibt. Diese Figur taucht dann am Ende des Romans noch einmal auf – und ebenso in der Mitte, in der Anna Hollers nämlich, denn u.a. als Holla oder Holler ist die aus dem Allgemeinwissen weitgehend verschwundene Tödin in die Sagenwelt eingegangen. Bezeichnenderweise geht Egger keine Verbindung mit dieser Frau ein, aber er zieht sich bald nach der Begegnung zurück aus dem Dorf an den Ort, der sein Sterbeort werden soll [3].


Mit Ein ganzes Leben ist Robert Seethaler mithin ein Buch gelungen, das man ohne Wenn und Aber empfehlen kann, ein zeitloses Kleinod in einer stimmigen, von vielen Bildern geprägten einfachen, aber nicht simplen Sprache, in der einem beim Lesen die Figur des Andreas Egger so richtig ans Herz wächst.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.robert-seethaler.de
[2] R. Seethaler: Der Trafikant, Besprechung hier im Blog
[3] zufällig hatte ich zeitnah das Buch von Erni Kutter gelesen, so daß mir diese Figur des weiblichen Todes hier sofort aufgefallen war: Erni Kutter: Schwester Tod; Besprechung hier im Blog.

Last not least möchte ich mich bei meinen Kolleginnen vom Lesekreis herzlich für die fruchtbare Diskussion und den ‚weiblichen‘ Blick auf diesen Roman bedanken.

Robert Seethaler:
Ein ganzes Leben
Erstausgabe: Hanser-Verlag, 2016
diese Ausgabe: Goldmann, TB, ca. 184 S., 2016

Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Simone Meier: Fleisch

12. Februar 2017

fleisch

Simone Meier ist eine schweizer Autorin, die bislang einen Roman (Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben, 2000) veröffentlicht und mit Fleisch jetzt, immerhin siebzehn Jahre später, einen weiteren ans Licht der Welt gebracht hat. Es ist nicht allzuviel von der studierten Germanistin im Netz zu finden, aber immerhin existiert ein Facebook-Account von ihr [1], die als Redaktorin bei einem schweizer Newsportal arbeitet.

Fleisch – als Buchtitel suggeriert er eher ein Kochbuch als einen Roman, die dieser nächstliegende Assoziation dürfte dann im Bereich des (derb?)-erotischen liegen. Von beiden ist aber nur ansatzweise im Roman die Rede, ansatzweise insofern als daß die Protagonistin, die vierundvierzigjährige Anna eine leidenschaftliche Esserin ist, die auch Fleisch nicht verschmäht bzw. ebenso, weil die erotischen Aspekte des Lebens, wiewohl keineswegs in derber Schilderung, ihre Bedeutung haben in der Handlung.


Glück war doch nur die Klarheit, dass etwas stimmte. Stimmen könnte.

Anna, eine reife Frau mit wunderbaren blauen Augen, blonden Haar und schöner Haut, war jedoch keineswegs glücklich mit ihrer persönlichen Situation, denn sie hasste ungefähr eine Million Dinge. Und von allen hasste sie das Altern am meisten. …. die Differenz zwischen ihrem jetzigen und ihrem früheren Selbst. … daß ihr im Spiegel nicht mehr sie selbst, sondern andere Frauen begegneten: ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, ja sogar die Urgroßmutter… all diese Frauen ergriffen Besitz von ihr, von ihrem Gesicht, ihren Brüsten, ihrer Mitte, ihren Beinen. Sie wollte wieder sich selbst sein, die frühere Anna. .. nur äußerlich … Und dazu musste sie ihr Fett loswerden. 

Man sieht, Anna, die von der jungen, gertenschlanken Kellnerin ihres Lieblingsbistros, in dem sie sich mit Leckereien über die Unsäglichkeiten ihres Äußeren hinwegtröstet, angehimmelt wird, weil sie diese an Jean Seberg erinnert, hat ein Problem mit der Selbstwahrnehmung, die sie ihr Aussehen eher in die Nähe eines ‚Sackes mit Kartoffeln, der nach stundenlangem Kochen an die Wand geklatscht wurde‘, rücken läßt. Beruflich andererseits geht es ihr recht gut, sie ist im Städtchen für die Kulturförderung verantwortlich; sexuell ist sie dagegen eher auf die Unterstützung durch mechanische Hilfsmittel angewiesen, denn mit Max, ihrem gleichaltrigen ‚Begleitfreund‘, läuft nach unbefriedigenden Versuchen nur noch Fernsehen und Dosenbier, dies aber vordergründig sehr verläßlich.

Mit Max sind wir bei einer zweiten Hauptperson des Romans, dem männlichen Gegenspieler zu Anna. Er ist Lehrer an einer Schule für Kinder, die nicht die normale Schulkarrieren einschlagen können, sieht eigentlich noch ganz gut aus und fängt an, unter der drögen Beziehung zu Anna zu leiden, so daß sich Trennungsgedanken bei ihm einstellen. Er ist nicht gerade der Typ ‚Frauenheld‘, den ersten Schritt, um sich von Anna zu lösen, versucht er im Bordell zu gehen. Beim Gehen bleibt es dort, zum Stehen kommt´s nicht an diesem Ort. Er, der Kunde will letztlich reden, sie, die Prostitierte, hat dagegen nur Lust auf´s F***. Verkehrte Welt.

Aber immerhin begegnet er auf seinem Streifzug einer Fee, die ihm bezaubert, die er – dem arrangierten Zufall sei´s gedankt – auch ein zweites Mal noch trifft, weil sie ihm nach dem ersten kurzen Blick, den er im Vorübergehen auf sie erhaschte, nicht aus dem Sinn ging. Ein etwas plumpe Anmache, zu der er aber steht, das Angebot, auch bei ihr zu zahlen für eine Stunde fleischlichen Zusammenseins, das die Fee schnell überzeugt: man kommt im Zimmer der Dame zusammen …. im Zimmer, weil die lesbische (aber sehr pragmatische und gefühlsmäßig eher untertemperierte, die dieses Arrangemant mit einem Mann mehr als physikalisches Problem ansieht) Fee, die Max Charlie nennen darf, in einer Wohngemeinschaft lebt.

Einer versifften Wohngemeinschaft zusammen mit Lilly, der jungen Frau, die irgendwo zwar studiert, die aber eher im Bistro beim Kellnern anzutreffen ist, mit Alex, der in dieser Gemeinschaft die Hausfrau gibt, mit Jonas, dem fünfzehnjährigen Bruder Lillys, der aber zwölf Jahre jünger ist als sie. Und mit Kakerlaken und ähnlichem Gesocks, das sich in dieser WG äußerst wohl und heimisch fühlt….

Hier, in dieser Wohnung, ist also der potentielle Ort, an dem sich alles zusammenfügen kann: Lilly, die Anna aus dem Bistro kennt und anhimmelt, Anna, der diese sie anhimmelnde Kellnerin ebenso aufgefallen ist, sowie Max, der sich nach seiner Trennung von Anna (die er zwar betrieben hat, die er aber nicht überwinden kann) hoffnungslos in Sue bzw. ‚Charlie‘ verliebt hat…. bevor es aber soweit kommt und von Meier in einer Art Showdown arrangiert wird, vergehen noch ein paar Monate, in denen den Figuren noch so einiges widerfahren soll. Anna beispielsweise traf in dieser Zeit auf den Schauspieler F., ‚dessen Schwanz optimal in ihrer Hand lag und den sie als hervorragendes Füllmaterial empfand‘, Max dagegen erlag einem psychischen Zusammenbruch, in dessen Folge er (von der Arbeit beurlaubt) zum ersten Mal auf einer großen Reise sein Leben geniessen konnte. Jonas, der spätgeborene Sohn von Lillys Eltern, seit Jahren vergeblich auf der Suche nach Liebe und leicht verhaltensgestört, findet unter der Betreuung von Alex, Lilly und (ja, ja) Max (der sich irgendwie in dieser WG heimisch fühlte) wieder in normale Bahnen zurück….


Modernes Leben ist es, welches uns die Autorin präsentiert. Für Anna, die Kreative, zeigt es sich ohne große Linien. Besteht es, so fragt sie sich, tatsächlich nur aus One-Night-Stands und Facebook-Posts, aus fünf Sekunden langen bewegten Bildern und Dreiminuten-Ausschnitten aus amerikanischen Talkshows.…. Lilly geht es keineswegs besser, wenn sie ihr Leben überdenkt: Sie hatte die eigene Unentschiedenheit und Unsicherheit angesichts von tausend Möglichkeiten in einem orientierungslosen Übereifer erstickt, sieht sich irgendwie als Mädchen ohne Zukunft. … und Max? Auch er ein Mensch, der an seinem Leben leidet…. Einzig der vorgeb- und anfänglich tatsächlich gestörte Jonas, der wieder in die Bahn zurückfindet: Ich lieb euch voll, aber ihr seid alle allein, unglücklich und habt kein Geld. Und das Haus hier stinkt immer. … redet er Klartext mit seinen WG-Mitbewohnern. Was tun dagegen? Zurück auf´s Land, Bauer werden, die Idylle im Grünen, die stallwarme Zukunft, … in der glückliche Jungtiere mit kleinen Kinder um die Wette scheissen….

Versagensängste, Angst vorm Alter, Verlustängste…. steh ich nun auf Männlein oder Weiblein? Es sind diese Fragen und Unsicherheiten, denen sich die Protagonisten von Fleisch ausgesetzt sehen. Der Suizid als letzte Ausstiegsmöglichkeit, nicht unbedingt erst, wann der Körper völlig unansehnlich geworden ist, sondern schon dann, wenn die Möglichkeiten, ein angenehmes Leben zu führen, geschwunden sind… Diese lebensfeindliche und -ängstliche Einstellung… Meier verpasst ihren Figuren Lebensläufe, die schon in der Kindheit ihre Brüche aufweisen: kaputte Elternhäuser,  mit überforderten, an ihren Kindern uninteressierte Eltern. Einzig die Eltern von Lilly und Jonas sind sich zugetan geblieben, doch die waren vom Nachzügler hoffnungslos überfordert. Nichtsdestotrotz scheinen sie ihm (Bauernhof, Tiere etc pp) einiges mitgegeben zu haben, das den Pubertierenden langfristig wieder gesunden läßt.

Die tragische Figur ist Max, der Begleitfreund. Ihm gönnt Meier kein Happy-End, er, den die Eltern wie ein schweres, liebloses Gewicht gehangen hatten, wird erst zum Schluss für sie interessant: er liefert ihnen das, was ihnen fehlt: ein Schicksal. Ein trauriges dazu.

… und dann war da noch das Zählen lernen mit Anna und Lilly: Der oberste stand offen. … oh, jetzt auch der zweitoberste! Und schon wieder einer. .. Vier Knöpfe standen nun offen, fünf, sechs. … Sieben Knöpfe standen nun offen. … Acht, neun. Kleid weg. Wow. Eine ganz liebe, gelungene, entzückende Szene.


Auf der letzten Umschlagseite wird nicht ohne Grund Doris Knecht mit ihrem Eindruck vom Buch (Ein sehr appetitliches Buch!) wiedergegeben, denn beim Lesen von Fleisch fühlt man sich an z.B. Gruber geht [2] von ihr erinnert: flott und respektlos geschrieben, oft szenisch und damit unterhaltsam-schnell zu lesen, bissig-schmissige Formulierungen und keine Scheu vor potentiell ekelhaften Szenen. Und zum Schluß hat hie wie da jeweils eine Sarah die Chance für ihr persönliches Glück. Mit ihrer Geschichte gelingt Meier damit das Portraits einer von Ängsten, Sehnsüchten und Verunsicherungen geplagten Generation, in der sich das Versagen der Elternhäuser fortgepflanzt hat. Aber Gottseidank ist da ja immer noch die Liebe als potentielles Allheilmittel….

Fleisch ist mithin, um es auf den Punkt zu bringen, eine kurzweilige, unterhaltsame und gut geschriebene Geschichte über modernes Leben und seine Klippen in unserer Gesellschaft. Sie ist zwar keineswegs seicht, aber doch ohne ausgeprägte analytische Tiefe und grüblerische Gedankenschwere, bestens geeignet also für einen entspannten und durchaus witzigen Lesespaß.

Links und Anmerkungen:

[1] siehe hier: https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/simone-meier/ und hier: https://www.facebook.com/simone.meier.75
[2] Doris Knecht: Gruber geht, Besprechung hier im Blog

Simone Meier
Fleisch
Diese Ausgabe: Kein & Aber, HC, ca. 256 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Leon de Winter: Malibu

8. Februar 2017

malibu

Malibu – ein Roman de Winters aus dem Jahr 2002. Er spielt, der Titel verrät es, in den USA, im Großraum Los Angeles, der Pacific Coast Highway , diese an der Küste entlang laufende Straße mit ihren fantastischen Ausblicken spielt eine große Rolle im Roman. Denn am 22. Dezember 2000 verloren um acht Minuten nach halb eins die Räder meiner Harley in einer Kurve des Pacific Road Highways […] die Haftung auf dem Asphalt, und wir stürzten mit dem Motorrad.

Der dies erzählt ist ‚God‘ (wobei God von Godzilla kommt…), der diesen Unfall im Nachhinein penibel rekonstruieren sollte und eine Ursache-Wirkungskette bis in die Zeit, in der die feste Landmasse noch als Pangäa auf einem Ozean von Lava trieb, aufstellte. Und das ‚er‘ bzw. ‚ich‘ zum ‚wir‘ machte Mirjam, das junge Mädchen, das genau an diesem Tag ihren siebzehnten Geburtstag feiern wollte, und das God hinten auf seinem Sozius hatte. Die beiden waren auf der Heimfahrt vom Gym (God musste nach Malibu fahren, der ehemalige Karateweltmeister hatte dort Trainingsstsunden mit einen Bodyguard und er hatte Mirjam angeboten, sie mitzunehmen) als sie stürzten, weil God auf der Ölspur, die ein Lieferwagen mit defekter Ölwanne hinterlassen hatte, ausrutschte. Während ihm nichts geschah, wurde das Mädchen von einem entgegenkommenden Auto überrollt. Sie kam noch ins Krankenhaus, starb aber bald darauf.

Mirjam war ein Scheidungskind, das bei ihrem Vater Joop Koopman lebte. Joop Koopman, ein aus den Niederlanden stammender, aber schon seit Jahrzehnten in den USA lebend, war ein mäßig erfolgreicher Drehbuchautor, aber ein liebevoller und besorgter Vater – seit vielen Jahren schon, denn die Ehe, der Mirjam entsprang, wurde kurz nach ihrer Geburt schon wieder geschieden. Nach langwierigen Auseinandersetzungen bekam er seinerzeit das Sorgerecht zugesprochen.

Soweit die Ausgangssituation des Romans.

Zentrale Figur des Romans, der ausgehend vom Unfall ungefähr einen Zeitraum von einem Vierteljahr umfasst (während der letzten Szenen (die jedoch nicht in Kalifornien spielen) fällt noch Schnee…) ist dieser Joop Koopman, den der Tod seiner Tochter völlig aus der Bahn zu werfen droht. Gewohnt packend und intensiv schildert de Winter die Qualen, die dieser Mann erleidet, das Gefühl, hinausgeschleudert geworden zu sein aus dem normalen Lauf der Welt, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, das Unfassbar nicht fassen zu können.

Wenn es nur so einfach wäre!

Denn Joop Koopmans Trauer wird gestört. Und hier mutet de Winter seinen Lesern schon ein gehöriges Mass an Zufälligkeiten zu. Denn just zu der Zeit, in der Mirjam verstirbt, wird Joop von einem ehemaligen Schulfreund, von dem er Jahrzehnte nichts mehr gehört hat, kontaktiert. Philip van Gelder war mittlerweile Angehöriger des israelischen Geheimdienstes und brauchte zur Beschattung aus Ausspähung eines potentiellen Terroristen mit niederländischen Wurzeln jemanden völlig Unverdächtigen, der niederländisch sprach. Gleichzeitig taucht God bei Joop Koopman auf, um bei diesem in geradezu aufdringlicher Ergebenheit und völliger Hintanstellung eigener Interessen seine ‚Schuld‘ abzutragen und seinen Selbstvorwürfen zu begegnen. Auch wenn Koopman God Anwesenheit anfangs kaum ertragen kann, ist dieser ihm doch eine große Hilfe, der langsam eintretenden Vernachlässigung von Äußerlichkeiten zu begegnen.

Jopp Koopman findet sich also in diesem Spannungsfeld wieder, gebildet aus der Trauer, die ihn aus allem zurückziehen will und den Anforderungen und Bitten der Umwelt, die ihn in Aktivitäten einbinden will, die ihm (zumindest im Moment) fernliegen. Gut, daß God da ist, der wenigstens das Notwendige in die Hand nehmen kann, um Mirjam ein würdiges Begräbnis zu organisieren. Und dann war da noch im Krankenhaus, da Mirjam eine gesunde, junge Frau war, natürlich sofort die Frage nach einer Organspende aufgekommen, der der Vater in seiner Verwirrung (‚Was hätte ihre Tochter gewollt?‘) nachgab…. auch hier – aber das erfahren wir als Leser erst spät – spielt der Zufall große Rolle…

Trauerzeit ist immer auch Zeit der Erinnerung, so auch bei Joop Koopman. In Rückblenden entblättert sich im Lauf des Romans das Leben Koopmans, seine Schulzeit, die ersten erotischen Erfahrungen, die er mit seiner Cousine Linda hatte und die, als sie von den Eltern in der Badewanne erwischt worden waren, abrupt endete. Man verlor sich aus den Augen. Später dann lernte er Ellen kennen und lieben. Ellen arbeitete in der Filmindustrie, sie gingen in die USA, hatten dort immerhin so viel Erfolg, daß sie bleiben konnten – und dann kam Mirjam…. Die Ehe, wie angedeutet, scheiterte schnell, aber Ellen ist wichtig, denn über Ellen erfährt Linda vom Tod Mirjams und taucht in Begleitung eines buddhistischen Mönchs bei Koopman auf…. Kann der Protagonist auch mit dem Metaphysischen, was Linda und ihr Begleiter von sich geben, wenig anfangen, so dauert es nicht lange, bis er und Linda, was das Bett angeht, dort weitermachen, wo sie drei Jahrzehnte zuvor final gestört worden waren…. wundert es nach all diesen Verkomplizierungen seines Lebens, daß ihm ausgerechnet Omar, den er ausspähen soll, sympathisch erscheint?

Damit will ich es genug sein lassen mit dem Inhalt des Buches, dessen Handlung ein paar überraschende Voten schlägt. Selbstverständlich spielt auch in diesem Roman de Winters jüdisches Selbstverständnis eine Rolle, die Lage Israels geographisch aber auch ideologisch/religiös eingeschlossen von Feinden, so daß stetige Aufmerksamkeit und Verteidigungsbereitschaft verlangt ist, die auch Juden, die wie Koopman im Ausland leben und ihre Jüdischkeit kaum noch empfinden, in die Pflicht nimmt.


Ich habe mich beim letzten Roman ja schon als de-Winter-Fan geoutet, auch dieses Buch habe ich wieder in einem Rutsch durchgelesen. Der Mann schreibt einfach gut, hat den richtigen Mix aus szenischem Schreiben und eher langsameren reflektierenden Passagen, er versteht es, Spannungsbögen aufzubauen und die Sentimentalitäten seiner Geschichte wirken nie übertrieben. In Malibu baut er einen Gegensatz auf: der zwingend wirkenden Kausalkette zu Anfang des Romans, die zu dem tragischen Unfall führt, setzt er die Unkalkulierbarkeit des Zufalls entgegen, die den Rest der Geschichte ausmacht: der völlig unerwartete Besuch Philips (mit all seinen Folgerungen), das Auftauchen Lindas, die Fürsorge Gods: nichts davon war absehbar. Und doch ist dieser Gegensatz von Kausalität und Zufall nur scheinbar: einer der God´schen entsprechende Kausalkette läßt sich von jedem Ereignis aufstellen – in die Vergangenheit hinein, vom Ende des Romans könnte man also zum Anfang hin Schritt für Schritt die aus Ursache und Wirkung gebaute Leiter absteigen.

Für mich persönlich waren es ein paar Zufälle zuviel, die de Winter in seine Geschichte eingebaut hat, es war mir zu unglaubwürdig, was dort alles geschah – just in diesem einen kurzen Zeitintervall. Bereut habe ich das Lesen des Buches natürlich trotzdem nicht, de Winter ist ein versierter Autor spannender und intelligenter Unterhaltungsliteratur, was er auch in diesem Roman unter Beweis gestellt hat. Aber vielleicht wollte er in diesem Buch einfach zu viel unter einen Hut bringen….

… zum Schluss: ebenfalls ohne Antwort bleibt für mich die Frage, aus welchen Gründen oder in welchem Sinnzusammenhang eine Nu bleu von Matisse den Schutzumschlag ziert…..

Leon de Winter
Malibu
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe: God´s Gym, Amsterdam 2002
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 420 S., 2003

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