…..denn ohne dass er etwas Böses getan hätte,
wurde er eines Morgens verhaftet.“

Was hier der hochberühmte Schriftsteller K. seinem Protagonisten Josef K. erleiden liess [3], transferiert die junge, in Berlin geborene Autorin Julia Rothenburg [1] für ihre Hauptperson K, die in ihrem Roman jedoch einen vollständigen Namen führt, welcher Koslik lautet, in einen anderes, aber ebenso unangreifbar scheinendes, im Dunkeln und anonym wirkendes System als das der Justiz: sie liefert den um die vierzig Jahre alten René Koslik dem deutschen Gesundheitssystem aus. Denn ohne dass dieser etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens von Schwindel erfasst, von Taubheit in den Beinen gar und anderen Malaisen, von einer Symptomatik also, die er sofort mit einem möglicherweise erlittenen Schlaganfall in Verbindung brachte und durchaus logisch und berechtigt suchte Koslik die ‚Stroke Unit‘ des Universitätskrankenhauses seiner Wohnstadt Freiburg [2] auf.

Dort also ist er jetzt und verläßt dieses während des kammerartig aufgebauten Stückes, das Rothenburg ablaufen läßt, aus – wie ihm erläutert wird – Versicherungsgründen nur sehr sporadisch und erst am Schluss des Romans endgültig: das Krankenhaus mit seinen freiheitsbeschränkenden Randbedingungen fungiert für ihn als eine Art Gefängnis, in das sich Koslik jedoch nahezu freiwillig fügt. Selbst eine im Verlauf des Aufenthalts sich ergebende ‚Flucht’möglichkeit (ein Versäumnis der Klinikplanung, was ist hier eigentlich mit der dräuenden Gefahr eines immer möglichen Haftpflichtfalles?) wird er nicht nutzen. Wie ein Gefängnis tritt das Haus auch in Erscheinung: grau ist die vorherrschende Farbe, quietschende Linoleumböden, endlose Flure und Gänge, in denen sich der Einzelne verloren fühlt, billiges, schäbiges Plastikmobiliar [2]. Selbst der Himmel über Freiburg betrübt häufig durch dieses farblose Grauen. Die Pfleger und Schwestern, aber auch die Ärzte, kommen ähnlich farb- und konturlos daher, die Hierarchie dieses Ortes jedoch ist klar und unangreifbar: die Funktion des Patienten ist der Gehorsam und die Fügsamkeit unter das System.

Auf seinem Weg durch das Krankenhauslabyrinth quert Koslik die Wege anderer Mitpatienten: Friese, der bewegungsunfähig in seinem Bett liegt und sein Leid zu dulden hat, inclusive der später einsetzenden Ernährung mit der PEG; Bude, der Rheinländer mit dem aus dem tiefem Grund seines Leibes hinaufrollenden Lachen, das ihm aber im Lauf der Tage vergeht, bis er für Koslik unsichtbar und aus Datenschutzgründen vom Personal nicht erläuterbar, einfach nicht mehr da ist.

Wirklich kritisch für Koslik ist dagegen ein anderer Patient, auf den er unvermutet trifft, bzw. der ihn trifft, denn Koslik selbst wäre ihm wahrscheinlich aus dem Weg gegangen, hätte dies in seinen Möglichkeiten gelegen. Frank, ein Kommilitone aus noch gar nicht so lange zurückliegenden Studienzeiten. Das Verhältnis mit Frank, dessen Charakter so ganz anders ist als der des eher introvertierten und sich abschottenden Koslik, ist gespannt, es hat Ereignisse gegeben, die die damalige Freundschaft belasteten. Marlies ist eine dieser Belastungen, Marlies, Ex-Freundin von Koslik, die plötzlich im Krankenhaus auftaucht – als Besuch von Frank…

Diese Koslik bis ins Innere belastenden Begegnungen sind nicht die einzigen Herausforderungen, denen er sich im Lauf seinen Aufenthalts stellen muss. Da ist noch die Familie, beziehungsweise die Mutter und zwei Schwestern, auch diese müssen informiert werden, eine Aufgabe, vor der sich Koslik am liebsten drücken würde, aber er braucht ein paar Sachen zum Anziehen und hat sonst niemanden… Zwar ist das Verhältnis zur einen Schwester nicht wirklich gut, zur Mutter erst recht nicht, aber es sind eben Schwester und Mutter, das verpflichtet.

Auf seiner Arbeitsstelle, der VHS, hinterläßt er nur eine Nachricht auf dem Anfrufbeantworter. Bei einem späteren Gespräch erfährt man, daß man ihm alles Gute wünscht, natürlich, des weiteren, daß seine Kurse aber problemlos von einem Kollegen übernommen worden sind.


Rothenburg schildert die klaustrophobe Situation in diesem Krankenhaus ihres Romans mit beängstigender Intensität. Ob verschuldet oder nicht verschuldet, sprich, ob krank oder nicht krank: wer hier eingeliefert ist, hat seiner Entmündigung zugestimmt. So ist auch bei Koslik schnell klar, daß er gesund ist beziehungsweise keine Ursache für seine sowieso schnell wieder abgeklungenen Symptome gefunden werden konnte, daß man aber zur Sicherheit weitere Diagnosen abwarten müsse, frei nach dem Motto: wenn wir nur tief genug graben, werden wir etwas finden. Diese suggestive Kraft (wer will nicht gesund sein und alles dafür tun?) ist – unabhängig davon, daß die Ärzte in ihrem Machtbewusstsein ohne Rücksprache mit Koslik (er ist im Grund als Mensch völlig überflüssig, sondern nur Objekt weiterer diognostischer Möglichkeit wichtig) einfach anordnen, so stark, daß Koslik sich in kürzester Zeit tatsächlich krank fühlt, seinen Herzschlag aufs Genaueste beobachtet, die Schwäche der Beine, wenn er läuft, wahrnimmt, und überhaupt – dieses schlappe Gefühl und das Bedürfnis nach Schlaf… bald scheint Koslik bereit, die schlimmste Diagnose bereitwillig zu vermuten, giert geradezu danach, durch weitere Untersuchungen abzuklären: Langzeit-EKG, Herzecho, MRT… sein Aufenthalt zieht sich hin, denn hinter den Kulissen des Krankenhauses läuft es nicht rund, treten Fehler auf, die Zeit kosten. Die er dann herumbringen muss, mit sinnlosen Spaziergängen, im Aufenthaltsraum, der die Gefahr birgt, Frank zu begegnen, im Zimmer dösend und schlafend, langsam zu einem Teil des Graus werdend, das ihn umgibt.

Sich ganz aus den Zwängen der äußeren Lebenssituation herausgelöst findend, arbeiten sich in Koslik die verdrängten Probleme seines Lebens langsam an die Oberfläche. Hat nicht die eine Frau im Speisesaal, eine Maltherapeutin, darüber geredet, Krankheiten wären die Antwort des Körpers auf solche verdrängten Probleme? Bei Koslik jedenfalls tauchen sie auf, diese längst vergangenen Ereignisse und brechen sich Bahn nach außen. In dieser Hinsicht gleicht das Krankenhaus einer Art Meditation, in dem der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen wird, sich selbst in den Mittelpunkt seiner Achtsamkeit stellt und dem Un(ter)bewussten keine Schranke mehr auferlegt wird. Dementsprechend kräftig sind die Verwerfungen, die diese Bilder und Erinnerungen in Koslik hervorrufen.


Koslik ist krank ist ein beeindruckend intensiver Text einer jungen Autorin, die Kafkas Plot des Prozesses, in dem ein Mann einer anonym agierenden Macht unterworfen wird und sich ihr selbst unterwirft, in die Neuzeit und in eine neue Situation transferiert, in der sie ihren Protagonisten quasi zwingt, sich grüblerisch einer Selbsterforschung auszusetzen. Das Stück ist klaustrophob, vielschichtig, beängstigend und was die Krankenhaussituation betrifft, sogar ein wenig dystopisch; es läßt sehr auf weitere Werke der Autorin gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] im Internet ist über die Autorin noch nicht so viel zu erfahren, aber es gibt eine Facebook-Seite:
https://www.facebook.com/julia1rot und die Webseite der Autorin selbst:  https://www.juliarothenburg.de/jr/
[2] https://www.juliarothenburg.de/aktuelles/
in der Bildergalerie ist das von Rothenburg geschilderte triste Ambiente dieses ungastlichen Ortes schön zu erkennen….
[3] Franz Kafka: Der Prozess; Besprechung hier im Blog:
https://radiergummi.wordpress.com/2010/12/19/franz-kafka-der-prozess/

Julia Rothenburg
Koslik ist krank
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 256 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Anfang Juli 1863 tobte in der pennsylvanischen Kleinstadt Gettysburg eine der blutigsten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie forderte um die fünfzigtausend (andere nennen höhere Zahlen, dies ist jedoch die im Roman kolportierte) Opfer, endete mit einer Niederlage der Konföderierten Armee und wird als einer der Wendepunkte dieses Bürgerkriegs angesehen.

Jede Zeit hat ihre Waffen, jede Waffe hat die ihr eigene Grausamkeit. Entsprechend sind die Art der Verletzungen, an denen die Menschen sterben – oder auch nicht, wenn sie ihre Verwundungen als Krüppel überleben. Stichwunden durch Bajonette, vom Säbel abgeschlagene Hände, Arme, Beine, Köpfe: der Boden war schnell so sehr vom Blut getränkt, daß er nichts mehr aufnehmen konnte, die Luft roch nach Eisen von all dem Blut…. die relativ neuen Minie-Waffen/Geschosse rissen fürchterliche Wunden, die Kampftaktik der Heere hatte sich an die entscheidend ver’besserte‘ Waffentechnik (Zielgenauigkeit, Reichweite) noch nicht angepasst….

In dieses Szenario stellt der amerikanische Autor Robert Olmstead [1] seine Geschichte vom vierzehnjährigen Robey Childs, der mit seiner Mutter auf einer einsamen Farm in Virginia lebt, der Vater ist im Krieg. Im Mai 1863 erfährt die Mutter vom Tod Thomas Jacksons [2], einem der fähigsten Männer General Lees, für sie damit der Krieg verloren: Es ist vorbei. … Es hat keinen Sinn mehr. … Es war ein Fehler….,  und sie schickt ihren Sohn aus, den Vater nach Hause zu holen, spätestens im Juli solle er zurück sein.

In seinem Alter, mit vierzehn Jahren, sei er alt genug zum Sterben, deswegen kann er diesen gefährlichen Weg jetzt gehen. Beladen mit Ratschlägen der Mutter (Trau‘ niemanden / Überleg‘ nicht lang, du musst als erster schießen / Wenn man der Gefahr ins Auge schaut, zieht sie an einem vorbei / Versprich, daß du zurückkommst), verabschiedet mit einer der seltenen Zärtlichkeiten, die sich die Mutter erlaubt, reitet der Junge noch in der Nacht los, vielleicht hat er die Prophezeiung der Mutter noch im Ohr: Dann sagte sie, daß es Männer gebe, welche die Erde, das Wasser und die Luft mit Schrecken erfüllten, und er würde diesen Männern auf seiner Reise begegnen, und sein Vater sei einer von ihnen. … vielleicht werde auch er eines Tages einer von ihnen sein. 

Sein Pferd ist schon nach der ersten Nacht durch das noch vom weichenden Winter vereiste Tal so am Huf verletzt, daß er es im Tal beim Krämer zurücklassen muss. Der Krämer jedoch hat ein herrenloses Pferd, einen prächtigen Rappen, den er dem Jungen leiht. Dieses Pferd zeigt bald fast mystische Eigenschaften, findet den Weg allein, geht bei Begegnungen mit andern in Deckung… so kann der Junge fast Tag und Nacht reiten, lernt im Sattel zu schlafen. (Man kann in diesen Wechsel des Pferdes, zu dem Robey gezwungen ist, einiges hineininterpretieren, wenn man sich aus der Mythologie (s.u.) bekannte Rappen vor Augen hält.)

Es ist eine Reise in die Hölle, die Robey unternimmt. Sein Weg kreuzt sich mit dem von Männern, die gefährlich sind, mit Sklavenjägern, die entlaufene Sklaven wieder gen Süden treiben. Durch eine Unvorsichtigkeit läßt sich Robey das Pferd stehlen, er selbst kommt noch einmal mit dem Leben davon. Es ist eine Lektion, die er hier lernt, die er noch oft anwenden kann, es ist das, was ihm die Mutter mitgab: Schieß‘ als Erster! Aber noch ist er ein Junge, fühlt sich hilflos, muss beispielsweise der Vergewaltigung eines jungen Mädchens zuschauen, weil er sich ohnmächtig fühlt, einzugreifen…

Er gerät in Gefangenschaft, viele Tage sind schon vergangen, der Juli, in dem er eigentlich wieder zuhause sein sollte mit dem Vater, ist da und noch immer hat er den Vater nicht gefunden. Eine Spur des des ihm gestohlenen Rappen  jedoch hat sich aufgetan, als plötzlich die Schlacht in der kleinen Stadt beginnt…

So wird aus dem Jungen ein Mann nicht dadurch, daß er das Leben kennen lernt, sondern durch die Bekanntschaft mit dem Tod, in einer Zeit, in der Menschen getötet werden, einzig aus dem Grund, weil sie leben. Weder der Tod schreckt den Jungen nach kurzer Zeit, noch die Schreie der Verwundeten, die Tränen der Trauernden sowenig wie der Gestank der Verwesung und erst recht nicht die Fledderer, die die Landschaft durchkämmen, um die Toten auszurauben und ebenso die, die noch nicht ganz tot sind…

.. unter diesen findet Robey schließlich auch seinen Vater und er spürt, daß er es jetzt ist oder bald sein wird, auf den die Rolle des Vaters übergehen wird, so wie sie seit Urzeiten von einer Generation an die nachfolgende übergeben wird…. und noch jemanden hat Robey in dieser menschengemachten Hölle getroffen: das Mädchen, dem er damals nicht helfen konnte….

Sie reiten nachts und verstecken sich am Tag, kommen nach Tagen, nach vielen Tagen, auf die Farm zur Mutter zurück. Robey ist ein Mann geworden, ein Mann, der das Töten gesehen und gelernt hat und der das Leben der ihm jetzt Anvertrauten mit aller Konsequenz verteidigt. Das Reden gehört nicht dazu, es ist beeindruckend, wie Olmstead seine Figur in eine Wortkargheit und Lakonie packt, die der Kargheit der Landschaft entspricht. Was getan werden muss, muss getan werden und über das, was offensichtlich ist, muss man nicht weiter reden. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum… und ein Mann ist ein Mann ist ein Mann.


Der amerikanische Bürgerkrieg, der vor jetzt gut einhundertfünfzig Jahren tobte, ist uns wahrscheinlich allen nur wenig präsent. Man weiß natürlich um ihn, hat auch ein paar Namen im Gedächtnis, Gettysburg eben, Lincoln, General Lee (dessen Namen ja ganz aktuell wieder in den Nachrichten aufgetaucht ist und der im Zusammenhang der Ereignisse zeigt, daß der Bürgerkrieg in gewissem Sinn immer noch nicht vorbei ist, sondern in den Seelen einiger Menschen immer noch sein Unwesen treibt), aber dann? Omstead kommt durch seinen Roman das Verdienst zu, uns in seinen Schilderungen an die unfassbare Grausamkeit des Kampfes und die fast noch unfassbarere Verrohung der Menschen in diesen bzw. solchen Schlachten zu erinnern. Unter diesem Gesichtspunkt ist Der Glanzrappe ein blutgetränktes Buch, so wie damals die Bäche tagelang rot eingefärbt waren. Nun ist der Roman aber keineswegs ein Roman über den Bürgerkrieg,ein historischer Roman also, dieser Krieg ist vielmehr eine eher grausame Kulisse, in der Olmstead die Frage beantwortet, was mit einem jungen Menschen geschehen kann, der durch diese (oder verallgemeinert: eine solche) Hölle gehen muss.

An Robey zerren die Kräfte der Natur, die ihn mit seinen vierzehn Jahren in der Pubertät gepackt haben. Er ist also auf dem Absprung von der Kindheit (die in diesen Zeit eh nicht so ausgeprägt war wie in den unsrigen) zum Mann und das Prägende in diesem Übergang ist die Gewalt, das Töten und das Getötet werden. Das hat er verinnerlicht, so wie die prophetischen Worte der Mutter es bei seinem Abschied vorausgesagt hatten.

Auch der titelgebende Glanzrappe ist ein Symbol dafür: Hades, der griechische Gott der Unterwelt fuhr in einem von Rappen gezogenen Wagen, die isländische Mythologie kennt mit Hrimfaxi ebenfalls einen Rappen, der mit der Nacht, dem Dunklen, verbunden ist. So ist für Robey der Rappe ein mythischer Freund und Beschützer, und Robey selbst wird zu einer Figur der Dunkelheit, des Todes….


Besonders zu Beginn des Romans musste ich viel an einen anderen, großen amerikanischen Erzähler denken: an John Williams. Olmsteads Landschaftsbeschreibungen sind ähnlich poetisch, kommen mit ähnlich schönen Bildern und Stimmungszeichnungen daher; später, bei den Schilderungen der Kämpfe und Grausamkeiten wird die Sprache drastischer und deutlicher, verliert aber nie ihre Schönheit. Auch unter diesem Aspekt (obwohl der Titel auf den ersten Blick eher an einen Roman für pubertierende Mädchen denken läßt) ist Olmsteads Geschichtes des jungen Robey, der durch den Krieg erwachsen wird, daher eine Empfehlung wert.

Links und Anmerkungen:

[1] die sehr knappe Wiki-Seite zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Olmstead
[2] Wiki-Beiträge zum Sezessionskrieg:
– https://de.wikipedia.org/wiki/Sezessionskrieg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Gettysburg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Jonathan_Jackson

Robert Olmstead
Der Glanzrappe
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke
Originalausgabe: Coal Black Horse, 2007
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Erfolgsausgabe), HC, ca. 260 S., 2009

The woman in white (1890), Cover
Bildquelle: [B]

Dieser Roman, dessen Erstveröffentlichung als Fortsetzungsroman 1860 erfolgte, stand Jahrzehnte bei mir als ungelesenes – und ich wage zu behaupten, seinerzeit ratlos in selbiges gestellte – Exemplar im Regal. Vielleicht brauchte ich als Leser einfach die vielen Jahre, um sozusagen ‚reif‘ zu werden… jedenfalls habe ich die letzte Zeit Spaß gewonnen an Büchern, deren Handlung im viktorianischen England angesiedelt ist und dazu gehört dieser Roman ganz zweifelsohne und unbestreitbar. Zudem begründet er ein Genre, er wird als einer der ersten Detektivromane angesehen, auch wenn die Hauptfigur des Walter Hartright [9] als Zeichenlehrer recht deutlich von dem abweicht, was man sich so als Detektiv vorstellt. Andererseits ist die Profession gar nicht so schlecht gewählt: ein Zeichner muss beobachten können und das kann Walter Hartright.

Man merkt dem Buch auch seine ursprüngliche Fassung als Fortsetzungsroman an: um die Leser bei der Stange zu halten (korrekterweise hätte ich wohl ‚Leserinnen‘ schreiben müssen, 1860 dürfte die Zahl von Männern, die Fortsetzungsromane gelesen haben, noch überschaubar gewesen sein), braucht es Spannung, braucht es Witz und Leichtigkeit, braucht es Dramatik, Tragik und die dazu passenden Figuren. All das bietet Die Frau in Weiß und in der deutschen Fassung, die ich gelesen habe kommt mir Arno Schmidt noch ein fantastischer Übersetzer hinzu, der nicht nur neue Wortkreationen in seinen Text einbaute (sonnenscheinte, submissirte….), sondern der auch die Stimmung des Textes in seiner Übersetzung eingefangen hat [4].


Worum geht es?

Besagter Walter Hartright ist Zeichenlehrer in London. In den Häusern, in denen er unterrichtet, ist er mit einem Professor Pesca bekannt geworden, einen nach England geflohenen (der Grund wird vom ansonsten redseligen Professor erst gegen Ende des Romans – und auch dann erst unter großer Not – enthüllt) Italiener mit beeindruckend kleinen Körpermaßen aber dem unbedingten Ehrgeiz, in jeder Beziehung zum echten Engländer zu werden. Diesem Pesca rettete Walter eines Tages das Leben, als dieser nämlich seine Schwimmkünste hoffnungslos überschätzend beim Bade im Meer unaufhaltsam dem Grund entgegensank. Die italienisch-temperamtentvoll überschäumende übergroße Dankbarkeit kann Pesca zu seiner Genugtuung ein wenig abtragen, als er eines Abends mit der Botschaft kommt, in der Provinz, in Cumberland, werde ein Zeichenlehrer gesucht. Die äußeren Bedingungen für diese Stellung sind excellent, trotzdem zögert Walter ein wenig, das allen verlockend erscheinende Angebot anzunehmen, kann aber letztlich keinen stichhaltigen Grund dafür nennen und gibt den Überredungsversuchen der Familie und Pescas nach.

Johnson’s England and Wales (1862) Cumberland ist die nördlichste der violett eingefärbten Regionen

Am Abend vor der Abfahrt wandert er vom Landhaus seiner Mutter im Hampstead langsam zurück nach London, in seine Wohnung. Es ist nach Mitternacht und er erschrickt, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürt. Er dreht sich um und sieht eine junge Frau, die ganz in Weiß gekleidet ist. Sie bittet um Hilfe, verrät jedoch kaum etwas von sich… und das wenige, das Walter erfährt, verblüfft ihn, ja, mehr als das: diese Frau erwähnt ihre glückliche Kindheit, die sie zum Teil in dem Haus verbracht hat, in das Walter morgen reisen wird….. Walter hält sein Versprechen, bedrängt die Frau nicht mit Fragen, setzt sie, in der Stadt angekommen, in eine Kutsche und läßt sie fahren. Kurz darauf kommt in großer Eile eine weitere Kutsche mit Männer auf der Suche nach einer in weiß gekleideten Frau, die aus einem Sanatorium geflüchtet ist….

Szenenwechsel: Zwar mit Verspätung, aber doch erreicht Walter Limmeridge House in Cumberland, lernt dort die Halbschwestern und zukünftigen Schülerinnen Marian Halcomb und Laura Fairlie kennen sowie deren Onkel Sir Frederick Fairlie, Esqu., die alte Gouvernante und diverse Diener. Laura ist blond und schön, Marian (nach eigenem Bekunden) brünett und häßlich (wobei sich dieses ‚Häßliche‘ nur auf das Gesicht bezieht, Walter, der sie beim Eintreten in den Raum zuerst von hinten sieht (Marian schaut ohne ihn zu bemerken aus einem der Fenster), ist von diesem Anblick entzückt..). Marian ist die erste Person, auf die Walter (außer dem Diener) am nächsten Morgen trifft, sie gibt ihm beim Frühstück eine sehr launige, amüsante Einführung in die Verhältnisse auf Limmeridge House… ihr gegenüber erwähnt Walter auch diese seltsame Begegnung am Vorabend seines Reisetages, woraufhin Marian verspricht, die alten Briefe der Mutter, die Lehrerin an der Schule war, an ihren Mann durchzuschauen, sei sei sicher, wenn das was wäre, stünde es in einem der Briefe…

…. und in der Tat, in einem der letzten Briefe, die Marian noch zu lesen hatte, berichtete die Mutter ihrem Mann von einer Frau, die mit ihrem süßen, aber in der Entwicklung etwas zurück gebliebenen Kind namens Anne Catherick aus familiären Gründen in das Dorf gekommen ist, und sie erzählt, das sie sich ein wenig um das Kind kümmerte. Unter anderem kleidete sie es neu ein, ganz in weiß…. es ist genau dies der Moment des Berichts von Marian an Walter, in dem die Schwester Laura, ganz in Weiß gekleidet, von außen durch das Fenster auf die beiden schaut und Walter eine frappierende Ähnlichkeit erkennt mit der Unbekannten, die er in London getroffen hatte.

Das ist in etwa die Ausgangsituation, die sich in den ersten knapp 100 Seiten ergibt. Aber keine Angst, ich werde nicht so ausführlich weiter schreiben, diese Ausführungen waren jedoch notwendig, um herauszuarbeiten, um was es im Roman geht: um die Identität dieser rätselhaften Frau in Weiß und um die Frage, was die Ähnlichkeit zwischen Laura und dieser Frau bedeutet: mit anderen Worten, es geht um das Schicksal der Personen, die wir bisher kennen gelernt haben, denn auch Walter ist direkt darin involviert, hat er sich doch – soviel sei verraten – schon sehr bald in Laura verliebt…

… ein unglückliches, zwar von beiden empfundenes, gottseidank jedoch nie ausgesprochenes Gefühl, denn die Hochzeit Lauras mit Sir Percival Glyde steht bevor. Und justament in diesem Augenblick wird ein anonymer Brief überbracht, der dunkle Andeutungen über den zukünftigen Ehemann Lauras enthält. Damit ist der Keim des Misstrauens gesät und obwohl sich der zukünftige Ehemann, der kurz darauf in Limmeridge House eintrifft, allem Anschein nach als tadellos höflich und bezüglich der gegen ihn im Raum stehenden Vorwürfe als ebenso auskunftsfreudig erweist, wandelt sich langsam aber sicher die Sympathie für ihn in Angst vor ihm… doch Laura fühlt sich durch ein dem Vater am Sterbebett gegebenes Versprechen gebunden, auch um den hohen Preis ihres ganzen, möglicherweise unglücklichen Lebens.

Man ahnt es, die Schicksale der beiden Frauen, Anne Catherick und Laura Fairlies, sind im tief Verborgenen miteinander verknüpft, die Szene, in der Walter Lauras Schwester Marian von seiner seltsamen Begegnung erzählt und Laura weiß gekleidet vor der großen Flügeltür erscheint, spricht Bände… und so handelt der ganze Roman, der einen Zeitraum von knapp zwei Jahren umfasst, davon, die Geheimnisse, die sich im Schicksal der beiden Frauen und in dem Sir Percivals verbergen, zu lüften, und das Leben Lauras, das nach der Hochzeit mit Sir Percival unglücklich zu nennen in der Tat ein heilloser Euphemismus wäre, zu retten und zum Glück zu führen….


Die Frau in Weiß ist ein voluminöser Roman von 295.000 Worten. Ich habe sie nicht selber gezählt, die Zahl wird von Vollmann genannt (wie auch immer er an diese Angabe gekommen ist) [8] und trotz dieses Umfangs ist das Buch in keiner Phase auch nur andeutungsweise langatmig. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe. Sicherlich ist die Entstehungsgeschichte als Fortsetzungsroman einer davon (Die erste Folge des Romans erschien am 26. November in der von Charles Dickens (der mit Collins verschwippschwägert war) herausgegebenen Zeitschrift All the Year Round, (die online verfügbar ist und man sich daher das Vergnügen gönnen kann, das Original des Romans zu sichten [7]), die letzte Folge erschien dann am 25. August des Folgejahres. Der Autor musste also jeweils entsprechende Spannungsbögen aufbauen, die die Leserinnen bei der Stange hielten und auf die nächste Folge lauern ließen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet, auch heutzutage mochte ich das Buch kaum aus der Hand legen.

Einfüh-rung des Protago-nisten in die von ihm doku-mentierte Geschichte [7]

Ferner bediente sich Collins eines Kunstgriffes: anstatt die Geschichte in Gänze von seiner Hauptfigur erzählen zu lassen oder von einem auktorialen Erzähler baut er seinen Roman wie eine Art Zeugenvernehmung vor Gericht auf: es kommen, wie er in seiner Einführung (siehe nebenstehende Abbildung) schreibt, jeweils die Personen zu Wort, die in der entsprechenden Situation am direktesten beteiligt und daher die glaubwürdigsten Berichterstatter waren. Diese Vorgehensweise macht den Text abwechslungsreich, da (zumindest in der Übersetzung) sich die individuellen Eigenheiten der jeweiligen Erzähler in ihrer Sprache niederschlagen. Das Geschehen ist aus der Rückschau geschildert, von daher ist zumindest eindeutig, daß die zentrale Figur des Walter Hartright alle Malaisen und Gefahren überlebt hat. Was für die wesentlichen Figuren des Buches nicht unbedingt gelten muss, beispielsweise erfahren wir im Lauf der Handlung davon, daß Laura Fairlie offensichtlich ihrer nervlichen Zerrüttung, die wohl zu einer Schwächung des Herzens geführt hat, erliegt. Ich kann mir förmlich vorstellen, wie sich in dieser Szene weiland jedwede Leserin in Tränenströmen gebadet wiederfand, auch ich dachte mir an dieser Stelle: ey, boay, kann doch wohl nich sein, ey, dat feine Mädchen jetz so apnippeln lassen… boay. dat ist man hart, ey. wenn dat man keine fehler is!: Ein weiteres Stilmittel Collins` also: das, was man heutzutage ‚Cliffhanger‘ nennt: man will, falsch: man muss einfach wissen, wie es weitergeht.

Ein Kampf des Guten gegen das Böse, David gegen Goliath, ein Duell, bei dem eine Partei eine geladene Waffe, die andere eine Erbsenpistole in der Hand hat…. ein lichtes Dreigestirn gegen den Fürsten der Hölle und das übrige Pack. Natürlich sind die Sympathien klar vergeben, aber gnadenlos führt Collins seine Figuren immer weiter in Unglück, läßt er die dunklen Mächte immer weiter vordringen, bis sie schier auf ganzer Linie triumphieren. Doch Walter nimmt den Kampf auf [6]…

Die Figurenzeichnung: zwar sind die Sympathien selbstsprechend auf Seiten der Guten, doch interessatnerweise sind weder Walter noch Laura meine Favoriten gewesen. Zu rein, zu engelhaft, zu wenig Makel wiesen auf, da waren andere interessanter: zuvördert ist hier natürlich auf Don Bosco.. ähhh den Conte Fosco zu verweisen, eine zwielichtige Figur, nach außen hin ein hochintelligenter, hochgebildeter, charismatischer Menschenverführer, aber unter dieser Oberfläche ein Schurke, das Mastermind hinter all den dunklen Plänen und Intrigen, die im Roman gesponnen werden. So dunkel-gefährlich er ist, eine Leidenschaft jedoch teile ich mit Don dem Conte: die Hinwendung zu Marian, von der ich ebenso wie er gefesselt wurde, eine Frau mit Mut, mit Intelligenz, mit Verantwortungsbewusstsein und auch Entscheidungsfreude; sicherlich eine Identifikationsfigur, ein Idol für viele der damaligen Leserinnen.

Im Roman jedoch ist die Welt noch in Ordnung, herrscht noch das Primat des Mannes, insofern spiegelt er die damalige Lebensumwelt. Laura beispielsweise dümpelt die ganze Handlung hindurch bis zum Ende auf dem Selbstständigkeitsniveau und mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes herum, die Contessa ist ihrem Mann geradezu in Hörigkeit ergeben, ansonsten kommen als Frauenfiguren fast nur Dienstpersonal vor. Einzig die unsympathische Mutter Annes sticht heraus, die sich trotz widrigster Umstände Ansehen erkämpft hat, sie ist im Roman jedoch nur eine der Nebenfiguren, die Collins braucht, um der Handlung einen entscheidenden Impuls zu geben. Bleibt Marian als Hauptfigur, die ich vorstehend so herausgehoben habe. Aber auch sie ist immer wieder in einer selbst auferlegten Beschränkung gefangen, in der sie sich als Frau natürlicherweise sieht: selbst diese starke Persönlichkeit orientiert sich am Manne. Da ich aber nichts als eine Frau bin, und ergo zeitlebens verdammt zu Prüderie, Phlegma und Petticoats, ….. oder Er [i.e. der Conte Fosco] schmeichelt meiner Eitelkeit dadurch, daß er sich mit mir so ernst und verständig unterhält, als wäre ich ein Mann. Jawohl! sind Aussagen aus Marians Tagebuch, indes der Conte Fosco z.B. verkündet: … denn wir Beide [i.e. er und seine Frau] haben nur noch eine Meinung, und das ist die meine. 

Nicht alle Männer jedoch sind stark. Lauras Onkel Frederick beispielsweise ist eine Karikatur, möglicherweise des ganzen Adels: kränklich, wehleidig, hypochondrisch, selbstmitleidig, permanent unpässlich, unhöflich, ungerecht und was einem an ‚un-’s noch einfallen mag. So sehr man ihn auch durchschütteln möchte, so sorgt er für doch für manch heiteren Moment im Stück – er ist die komische Figur im Buch, wenngleich eine mit unheilvoller Machtbefugnis. Ein Beispiel für inhärenten Humor, den er in die Handlung trägt: Ihm wird die Zofe Lauras gemeldet. „Lady Glyde’s Zofe soll hereinkommen, Louis. – Halt! knarren die Schuhe?“ – Ich konnte nicht umhin, diese Frage zu stellen. Knarrendes Schuhwerk reicht hin, mich für den Rest des Tages zu ruinieren. .. Selbst meine Dulderkraft hat ihre Grenzen. … gleichfalls ist der ungeliebte Mann Lauras, Sir Percival Glyde auf seine Art ebenfalls schwach: böse, unbeherrscht, jähzornig und wenig weitschauend. Er kompensiert seine Schwäche durch Aggressivität, in der Nähe des Conte wird er von diesem meist erfolgreich geführt.

Last aber bei weiten not least ist es jedoch der gesamte Plot der Geschichte, die Collins erzählt: Tragik, Dramatik, Herz und Schmerz, Liebe und Verrat, Lug und Trug, Verbrechen und edelste Gesinnung: an nichts sparte der Autor und gegen Ende der Handlung kommt es sogar zu einer gewissen ‚Action‘: Alles spitzt sich zu auf die finale Auseinandersetzung!

In einem Roman von fast 300k Worten ist viel enthalten. So könnte man noch auf die immer wieder durchscheinende abfällige Meinung, die gegenüber Ausländern durchscheint (Nun habe ich Ausländern gegenüber prinzipiell Gefühle menschlicher Duldung in mir zu nähren gesucht. Unsere Segnungen und Vorzüge sind ihnen nun einmal nicht zuteil geworden, …. so die Haushälterin Sir Percivals), eingehen, andererseits gibt es ebenso selbstkritische Passagen über England, wie hier beispielsweise über die zeitgenössische Stadtplanung: Gibt es in den Ödnissen Arabiens wohl eine Sandwüste, inmitten der Ruinen Palästinas den Anblick einer Verlassenheit, der mit dem widerwärtigen Eindruck auf das Auge, der niederschlagenden Wirkung auf das menschliche Gemüt wetteifern kann, wie ihn ein englisches Landstädtchen in den ersten Anfängen seiner Entstehung, im Übergangsstadium zum Wohlstand, mühelos erzeugt? 

Gegen Ende des Romans gibt Collins seiner Leserinnenschaft dann noch einmal so richtig Zucker: …. erzähle ich auch diese ganze Geschichte mit veränderten Namen. klingt beinahe so, als wäre das alles – so oder so ähnlich – in realiter tatsächlich geschehen. Ein Geschehen, das so außergewöhnlich ist, daß Collins auch noch einen Ratschlag bereit hält und Walter Hartright zum Schluss ausrufen läßt: Welch eine Situation! Ich empfehle sie den knospenden Romanschreibern Englands. Ich offeriere sie als gänzlich neu, den ausgeschriebenen Dramatikern Frankreichs…

Es ist genug geschrieben und kann abschließend mit einem Wort gesagt werden: Die Frau in Weiß war für mich was den Inhalt angeht, ein riesiges Lesevergnügen, die Freude des Lesens beruhte jedoch ebenso auf der Art und Weise, wie Wilkie Collins das alles in Szene gesetzt hat und wie es mit Hilfe Arno Schmidt für uns in Deutschland in Worte gefasst wurde.

Links und Anmerkungen:

[1] in der Wiki zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilkie_Collins
es gibt aber auch eine Vielzahl von ‚Fan’seiten zu Collins, z.B. diese hier: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=v&cont=start&s=a
[2] es ist nicht überraschend, daß das Internet voll ist mit Hinweisen zum Buch. Hier zwei  davon, einmal die unvermeidbare Wiki: http://www.wilkie-collins.info/books_woman_white.htm und ferner eine literaturkritische Analyse des Romans, auch schon etwas angejahrt, aber der Name des Verfassers erinnert mich an was: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=1&cont=life&s=w&kapitel=5
[3] —
[4] es schweift zwar etwas ab und gehört zwar nicht direkt zum Thema, aber die Einstellung Schmidts zum Genre des Kriminalromans ist diese Abschweifung wert. Dieser Aufsatz bietet einen schönen Überblick: Jan Süselbeck: Gedankenspiele von Lust & Mord – Ein kurzes Profiling zur notorischen Krimiverachtung Arno Schmidts;  http://literaturkritik.de/id/8510
Sofern jemand den im Text erwähnten Essay Schmidt zur Frau in Weiß auftreiben kann, wäre ich für eine Info dankbar!
[5] interessanter Artikel zum 150. Geburtstag des Romans: https://www.theguardian.com/books/booksblog/2009/nov/26/woman-in-white-150-years-sensation
[6] darin ähnlich unkaputtbar wie diese Maus:  https://www.youtube.com/watch?v=scXdT4ObY9k
[7] http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/serial?id=allyearround; hier der Link zum Romanbeginn: https://archive.org/stream/allyearround02dick#page/94/mode/2up/search/Collins
[8] Rolf Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer – Ein Romanverführer; Eichborn, 2004; S. 1046
[9] manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen, die den Klappentext verzapfen, das Buch überhaupt aufgeschlagen haben. So heißt die Hauptfigur auf dem hinteren Umschlag William anstatt Walter, auch dessen Begegnung mit der Titelfigur wird ziemlich falsch wiedergegeben….

Bildquellen:

(i) Cover 1890: By Cover art 1889 Chatto & Windus yellowback [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_woman_in_white_Cover_1890.jpg)
(ii) England Karte: Alvin Jewett Johnson [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1862_Johnson_Map_of_England_and_Wales_-Geographicus-_England-johnson-1862.jpg#)

Wilkie Collins
Die Frau in Weiß
Übersetzt aus dem Englischen von Arno Schmidt
Originalausgabe: The Woman in White, erstveröffentlicht in: All the Year Round, 1859/60
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 870 S., limit. Sonderausgabe 1998

Jürgen Bauer ist ein junger österreichischer Autor, der mit Ein guter Mensch seinen mittlerweile dritten Roman vorgelegt hat [1, 2]. Es ist ein dystopischer Roman, der in einer nahen (?) Zukunft spielt (es werden noch fossile Betriebsmittel verwendet), in einem von Trockenheit gepeinigten Mitteleuropa, in dem Wasser ein kostbares Gut geworden ist, das rationiert und nach einem bestimmten Plan unter die Menschen verteilt wird.

Der Ort der Handlung liegt ‚dazwischen‘: im Norden ist es noch wasserreicher als hier, im ‚Süden‘ dagegen ist es noch trockener. So nehmen die Wanderungsbewegungen nicht wunder: viele der Bewohner haben sich nach Norden aufgemacht, vom Süden her rollt dagegen eine von Gerüchten über paradiesische Verhältnisse gespeiste Flüchtlingswelle in das trockene Land. Mit diesem Szenario, in dem sich kaum versteckt aktuelle politische Ereignisse niederschlagen, ist Bauers Roman auch der Versuch eines Kommentars zu diesen überregionalen Migrationsbewegungen, die durch eine Ungleichverteilung materieller Güter verbunden mit der Hoffung auf die Verbesserung der eigenen Verhältnisse ausgelöst wird.

Wir finden in Bauers Roman das wieder, was uns auch die Realität bietet: Mauern, Flüchtlingslager, Containerdörfer, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Drogenkonsum, Aggressivität. Die Flüchtlinge sind die ersten, bei denen gekürzt wird, wenn die Zuteilungen mal wieder verknappt werden müssen, die ärztliche Versorgung ist schlecht, sie werden in den Lagern eingepfercht gehalten.

Die Hoffnungslosigkeit hat das Land fest im Griff, der Egoismus der Menschen nimmt zu, jeder denkt nur noch an sich, Neid herrscht und Misstrauen. Es dürstet, der Drang nach Wasser ist so allbeherrschend, daß Menschen (‚Die Durstigen‘) sich die Pulsadern aufschneiden, nur um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden und dort zu Trinken zu erhalten, Tote sind keine Seltenheit. Rationierungen in der Strom- und Treibstoffversorgung tun ein Übriges zur Verschlimmerung der Lage. Und über allem die schier unerträgliche Hitze mit der gleissenden Sonne.

Inmitten dieser Zustände formiert sich mit ‚Die dritte Welle‘ im Land eine innere Protestbewegung aus jungen Leuten, die abstreiten, daß Wasser ein knappes Gut sei, die es im Gegenteil öffentlich für kindisch anmutende Spiele verschwenden und die so die herrschende Aggressivität unter den durstenden Menschen noch steigern.

Über alles herrscht das „Institut für Notfallbewirtschaftung“, das per Radio seine Parolen und Dekrete ex cathedra verkündet, ansonsten aber anonym und ohne Gesicht bleibt. Es ist wie eine unangreifbare Macht, die ihre Entscheidung nicht diskutiert, sondern sie zur Not mit Gewalt durchsetzt.

In diesem Szenario versucht Bauers Hauptfigur dem Titel gerecht zu werden, ein guter Mensch zu sein und zu bleiben. Marko Draxler ist Fahrer eines Tankwagens, damit er einerseits derjenige, der Wasser bringt, andererseits tut er das streng nach Plan, denn nur die Einhaltung des Plans garantiert, daß die Ordnung aufrecht erhalten wird. Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen…. erwidert er seinem Kollegen, als er an der Frau, die sich aus Durst und Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat, vorbeifährt, das Problem ist, daß sie eben nicht dürfen….. Ein guter Mensch?

Was überhaupt ist ein ‚guter Mensch‘ in solchen Ausnahmezeiten? Ist es Kali, die Ärztin, die sich um die Menschen im Krankenhaus kümmert, ist es der ansonsten hallodrige Aleksander, der – in diesen Zeiten! – die ungewollte Rolle eines werdenden Vaters annimmt? ‚Gut sein‘ ist immer auch eine Sache der Position, aus der man es betrachtet oder der Angelegenheit, um die es geht: so pflichtbewusst, wie Marko der Durstigen seine Hilfe verweigert, so sehr kümmert er andererseits um seinen kranken Bruder Norbert, der weiterhin auf dem völlig verwahrlosten und verlassenen elterlichen Bauerhof lebt…. Nicht nur für Norbert, für viele Menschen ist Marko ein Anker in diesem trostlosen Leben: er vermittelt Arbeit, wenngleich nicht an jeden, er kümmert sich, er hält seiner Frau, die ihn verlassen hat, um in den Süden zurück zu ihren Eltern zu gehen, die Treue. Aber im Lauf der Wochen und Monate wachsen die Zweifel, bekommt das Selbstbild Markos Risse, immer mehr setzt ihm sowohl die äußere Situation als auch seine persönliche zu, bis er am Ende der Geschichte einen Entschluss fasst.


Das Umweltbundesamt erwartet bis 2100 für Mitteleuropa eine Zunahme der Hitzewellen [3]. Vor diesem Hintergrund hat Bauer seinen Roman entwickelt, der sich sowohl mit den politischen, den sozialen als auch mit persönlichen Auswirkungen einer ins Apokalyptische hin gesteigerten Trockenheit und Hitze befasst. Diese umfassen nicht nur den Mangel an Wasser zum Trinken, sondern bedingen eine Verwahrlosung der gesamten Gesellschaft, da auch grundlegende Bedürfnisse der Hygiene nicht mehr eingehalten werden können, Krankheiten zunehmen, asoziales Verhalten gegenseitige Rücksichtnahme verdrängt.

Unter diesen Umständen ein ‚guter‘ Mensch zu bleiben – unabhängig wie dieses ‚Gutsein‘ definiert wird – ist schwierig bis unmöglich, zu gegensätzlich die Positionen, die vereint werden müssten. Damit tritt automatisch die Frage nach Verantwortung und Schuld auf die Bühne, auf die der Autor aber nicht weiter eingeht. Er schildert seinen Protagonisten als eingebunden in ein anonymes Versorgungs- und Zuteilungssystem (dessen Erscheinungsbild mich an ‚Big Brother‘ in Orwells 1984 erinnert hat), dessen Vorgaben er erfüllt. Die Gegenposition zu diesem Marko bildet Kowalski, sein unmittelbarer Vorgesetzter, der korrupt ist und später auch abgelöst wird – Marko weigert sich in dieser Situation die Nachfolge anzutreten, er bleibt lieber als subalterner Tankwagenfahrer ohne die Last, Entscheidungen treffen zu müssen.

Ein guter Mensch ist ein schmaler Roman. Bauer beschränkt sich auf kurze Szenen, aussagekräftige Dialoge wechseln mit Beschreibungen und Schilderungen. Sein ‚Bühnenbild‘ ist auf eine heute für unsere Region (noch) nicht Extremsituation angelegt, die neben der physischen Not sämtliche Normen des Alltagslebens außer Kraft setzt und damit Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Gut und Böse aufwirft. Die politische Führung, vertreten durch das Institut für Notfallbewirtschaftung, wird seiner Verantwortung nicht gerecht, es gelingt ihr nicht, eine Ordnung aufrecht zu halten, umstürzlerische Umtriebe zu verhindern: Wir sind Gefangene von unvernünftige Positionen. … Man verkauft uns unsere Gefangenschaft auch noch als alternativlos. Wir hätten keine Wahl! Aber das glauben wir nicht mehr!

Ein guter Mensch ist dystopisch, klaustrophobisch und konsequent. Er treibt die zu erwartende Klimaänderung ins Extreme und seine Auswirkungen auf das menschliche Miteinander erschrecken, sind aber leider durchaus plausibel. Es ist ja nicht so, als ob es solche Phänomene in Ansätzen nicht schon zu beobachten gäbe oder gegeben hätte, vielleicht nicht gerade bei uns, aber dies ist weiß Gott keine Garantie für die Zukunft. Bauer jedenfalls ist ein Autor, der mit seiner fesselnd formulierten Geschichte zum Nachdenken verführt.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage Jürgen Bauers
[2] Jürgen Bauer: Was wir fürchten; Besprechung hier im Blog:
[3] http://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/zu-erwartende-klimaaenderungen-bis-2100

Aufgestoßen ist mir….:

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: 2.-3. April. Auf S. 17 heißt es dann: …. auf dem Maisfeld stehen nur wenige Pflanzen aufrecht. Bald liegt Popcorn auf den Feldern. Mais jedoch wird erst im Frühjahr (bis Anfang Mai) gesät und braucht eine gewisse Bodenfeuchtigkeit zum Keimen, keineswegs hat er (in Mitteleuropa) Anfang April schon Kolben geschoben… es sein denn in einem Roman über Gentechnik…..

Der große Waldbrand ab S. 64: „Noch ist es weit genug entfernt“, … „Sicher fünfzig Kilometer. ..“ Fünfzig (!) Kilometer und wie geht es weiter im nächsten Satz: An die zwanzig Meter hoch schlagen die Flammen inzwischen und erleuchten das ausgetrocknete Flussbett und die Landschaft davor. Die Strommasten auf den Feldern werfen riesenhafte Schatten… Marko und seine Freunde mögen halb vertrocknet sein, die Augen jedenfalls sind allem Anschein nach noch gut…..

Jürgen Bauer
Ein guter Mensch
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Lesexemplars.

Die Geschichte, die der amerikanische Autor Donald Ray Pollock uns hier erzählt, fängt mit Willard Russel an. Und ein wenig auch, wenngleich im Hintergrund, mit Helen. Denn Helen, so hatte sich Willards Mutter Emma geschworen, wollte sie mit ihrem Sohn verheiraten. Daß Helen so aussah, daß sich freiwillig niemand an sie herangemacht hätte, verblasste für sie vor den inneren Werten dieser durch und durch gottesfürchtigen jungen Frau. Willard jedoch war dafür nicht empfänglich, er kam gerade aus dem Krieg zurück, hatte im Kampf gegen die Japse Dinge gesehen, die ein Mensch nicht sehen müssen dürfte… Damals gab es den Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung noch nicht, geschweige denn eine Behandlung, gleich gar nicht in diesem im tiefsten Hinterlang gelegenen Kaff in Ohio…

Willard blieb nicht lang bei den Eltern, sondern fuhr bald zurück zu der Busstation, wo er diese wunderschöne junge Frau gesehen hatte. Kurz darauf erreichte die Eltern die Nachricht, daß die beiden geheiratet hätte. Es kam ein Kind, Arvin, Willard fing in der Fabrik an zu arbeiten und man zog in ein altes, heruntergekommenes Haus. Egal, es war ihr Haus und sie richteten sich ein.

Helen dagegen fiel einem verrückten Wanderpredigerpaar zum Opfer, in vielerlei Hinsicht… man fand ihre Leiche später verscharrt im Wald, die Tochter, Lenora blieb bei Willards Eltern, bei denen sie Helen kurz abgegeben hatte, weil sie mit Roy einen kleinen Ausflug machen wollte, so sagte sie ganz glücklich….

Als Arvins Mutter starb, nein: verreckte (Arvin war so um die sieben, acht Jahre alt), packte Willard der Wahn, aber all sein Beten, seine Blutopfer halfen nicht… Letztlich kam Arvin dann zu den Großeltern und wuchs dort auf, im Haus, in dem auch sein Vater aufgewachsen war.

Und dann waren da noch Sandy und Carl… Sandy, die Schwester des korrupten Sheriffs, die im schmierigen Restaurant bediente und an der Hintertür jedem Kerl, der ihr etwas Geld dafür gab, den Hintern zur Nutzung hinhielt und Carl, der fette, weißfleischige Kerl, den sie in diesem Schuppen kennengelernt und nach einer oder zwei Wochen geheiratet hatte und der von sich behauptete, Fotograf zu sein. Ja, er machte Bilder, von Sandy und den Models, aber es waren Bilder der Art, die man noch nicht einmal unter dem Ladentisch zeigen geschweige denn verkaufen konnte….

Der Teufel, der nicht nur ein Eichhörnchen ist, sondern auch sein Handwerk versteht, richtete es schließlich ein, daß sich die Lebenswege all dieser Menschen an der einen oder anderen Stelle trafen. Und man kann wirklich nicht sagen, dies für irgendjemanden von ihnen gut war oder von Vorteil….


Puhhh… was ein Roman. Donald Ray Pollock weiß, wovon er schreibt. Er ist in dieser Ecke der USA [2] geboren, hat schon 2008 Knockemstiff, eine Sammlung von Erzählungen herausgegeben, den ich seinerzeit hier vorgestellt hatte [4]. Was ich dort zum Atmosphärischen schrieb, könnte ich eins zu eins hier einfügen: es ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Es ist bezeichnend, daß Arvin den Tag für den besten mit seinem Vater hält, an dem dieser einem Mann, der zuvor die Mutter beleidigt hat, sämtliche Knochen im Leib bricht…. Dazu herrscht unvorstellbarer Dreck, die Menschen stinken, sie waschen sich nicht, putzen sich nicht die Zähne und die Kleidung nicht zu wechseln bereitet ihnen keine schlaflosen Nächte. Die Autos sind so gammelig wie die Wohnungen versifft sind, Alkohol ist ein weidlich genutztes Ablenkungsmittel (die große Zeit des Hillbilly-Heroins, des Oxycontin, sollte erst noch nicht gekommen).

Sicherlich gibt es auch andere Menschen in dieser Region, in Pollocks Romanen tauchen aber nur wenige davon auf. Der Rechtsanwalt, der der Vermieter des Hauses der Russels ist, ist zwar gut angezogen und Mitglied im Country-Club, aber er ist ein Schwein und schaut hilflos zu, wie seine nymphomane Gattin sich vom farbigen Gärtner bearbeiten läßt. Der Sheriff ist, wie schon erwähnt, korrupt bis an die Halskrause und um Ärzte in die Geschichte einzuführen, reicht das Geld der Leute nicht…. und der (Ersatz)Pfarrer, der seinen todkranken Onkel vertritt… na, was das für ein Früchtchen ist, verrate ich hier nicht, der Handlung gibt er jedenfalls einen weiteren tragischen Impuls.

In den anderhalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, erlebten die Vereinigten Staaten einen ungeheurlichen Wirtschaftsaufschwung. Der Krieg brachte die Rückkehr des Wohlstandes, und die USA. konnten ihre Stellung als die reichste Nation der Welt festigen. [3] Von diesem Aufschwung scheint in der Region nichts angekommen zu sein, obwohl die Handlung des Romans genau diesen Zeitraum, die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst. Im Gegenteil könnte man als Leser ohne die Hinweise des Autoren keinen zeitlichen Verlauf in der Geschichte feststellen, in ihrer Armseligkeit, Schäbigkeit, ja: Schlechtigkeit, die noch schlimmer wird durch die Tatsache, daß sie offensichtlich als Normalzustand des Lebens akzeptiert wird, obwohl im Gleichschritt mit dieser äußeren Verkommenheit auch innere Maßstäbe verloren gegangen sind: es scheinen mit wenigen Ausnahmen alle vom Wahn, mag er nun religiöser Natur oder einfach nur abartig sein, erfasst.

Die einzigen halbwegs anständigen Menschen im Roman sind die Eltern von Willard Russel, bei denen der Enkel Arvin groß wird, selbst Helen und Lenora, die beiden Frauen, die von Gott mir ihrem Äußeren geschlagen sind, sind zwar gute Menschen, aber seltsam sind sie auch, hilflos vor allem. Und Arvin, die Hauptperson der Geschichte? Tragisch verstrickt in ein Schicksal, daß er sich nicht ausgesucht hatte, geprägt von der Konsequenz der Handlung, die ihm sein Vater an jenem Tag, der ihm noch immer als der beste deucht, den er mit seinem Vater erlebte, als Handlungsprinzip mitgab…. so lädt er Schuld auf sich, wieder und wieder, obwohl er im Grunde kein schlechter Mensch ist: er hat es nie anders gelernt.

Die Sprache, in der Pollock uns diese Geschichte erzählt, ist unaufgeregt. Lakonisch nimmt er uns sprachlich an die Hand und führt uns oft nur bis an eine Grenze, hinter der dann unsere eigene Fantasie anfängt, sich den Fortgang der Situation vorzustellen, Pollock punktet also nicht durch Schock, durch explizite Beschreibungen. Selbst wenn er mal detaillierter schildert (z.B. den Gebetsbaum Willards und die dort abgehaltenen Rituale) versteht er es grandios, die Wirkung eher indirekt durch die Visualisierung, die er in unserer Fantasie antriggert, zu entfalten. Ich habe mir entgegen meiner  Gewohnheit keine Notizen beim Lesen des Romans gemacht: er war so fesselnd, das ich das Lesen einfach nicht unterbrechen wollte. Das sagt wohl alles….

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: http://en.wikipedia.org/wiki/Donald_Ray_Pollock
[2] https://www.google.de/maps/@39.2492458,-83.1853021,11.25z
[3] https://usa.usembassy.de/geschichte-postwar.htm [Status: 02.09.2017, die orthographischen Fehler im Zitat stammen aus der Originalstelle]
[4] Donald Ray Pollock: Knockemstiff, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/05/25/donald-ray-pollock-knockemstiff/

Donald R. Pollock
Das Handwerk des Teufels
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Torberg
Originalausgabe: The Devil all the time, NY, 2011
diese Ausgabe: Heyne Hardcore, Tb, ca. 300 S., 2013

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