Schickse

Seit dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert bezeugt; ursprünglich die westjiddische Bezeichnung für „Christenmädchen“, sowie im Gegenzug dazu wohl in Sprachformen mit Kontakt zum Jiddischen „Judenmädchen“; zum andern ist das Wort im Rotwelschen zu „Mädchen, Frauenzimmer“ verallgemeinert worden, woraus sich wohl die abwertende Bedeutung „Flittchen“, die zuerst in der Studentensprache aufkam, herausbildete; das jiddische Wort שיקסע‎ (YIVO: shikse) ist eine Femininbildung zum westjiddischen שײגעץ‎ (YIVO: sheygets) ‚Christenbursche; Schimpfname für einen jüdischen Burschen‘, welches auf das hebräische שָׁקֵץ‎ (CHA: šāqēṣ) ‚Abscheuliches; Gräuel‘ zurückgeht; das Femininum hat jedoch wegen der christlichen Dienstmädchen in jüdischen Familien eine erheblich größere Rolle gespielt. [1]

Ich kann mich noch an meine frühe Kindheit erinnern, ich weiß noch, daß mein Vater diesen Ausdruck (wie auch andere aus dem Jiddischen oder Rotwelschen) verwendete. Ob dies abwertend war oder neutral einfach für ein junges Mädchen/eine junge Frau, kann ich nicht mehr sagen. Im Sprachgebrauch selbst habe ich “Schickse” schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehört, wieder begegnet ist mir der Begriff erst wieder in Meyers Roman über Wolkenbruchs wunderliche Reise… [4], die ich hier vor kurzem ebenfalls vorgestellt habe und die mich letztlich auch zu diesem Roman von Dominique Valentin führte.


schickse cover

Ich habe eben den Roman von Thomas Meyer erwähnt. Auch bei Valentin geht es wie in seinem Buch um das grundlegende Problem, daß sich ein jüdischer Mann in eine goje, eine Schickse, ein nicht-jüdisches Mädchen bzw. Frau verliebt. In beiden Schicksalen führt diese Tatsache zu einem Bruch mit der Familie, in beiden Fällen jeweils über die Mutter. Mag der (sexuelle) Kontakt eines Juden mit einer Nichtjüdin unter Umständen, wenn es diskret läuft, noch tolerabel sein (der Mann der Mutter, der eigentlichen Hauptperson in Valentins Buch, selbst hat im Lauf der Jahre diverse christliche Frauen, zu denen er geht), stellt die Absicht, sie zu heiraten, einen absoluter Bruch dar: die Kinder aus dieser Ehe wären keine Juden mehr, dann das Jüdischsein wird über die Mutter auf die Kinder vererbt.

Die Schickse ist ein autobiographischer Roman, Dominique Valentin ist diese Schickse, die Hure, die mit ihrem Geschlecht Moses eingefangen hat, eine zweiundreißigjährige alte Jungfer, die kein Goj haben wollte und die mit ihren Schlichen ihren zarten Jungen eingefangen hat – so die Mutter von Moses in einem Brief an ihren Sohn. Wir werden nie eine Schickse akzeptieren: im Namen deiner toten Familie, im Namen der Unschuldigen, die zerstückelt und verbrannt worden sind, weil sie Juden waren. Laß deine Eltern und dein Volk nicht im Stich. Es ist eure Pflicht, eine jüdische Generation aufzubauen.

Ein wenig führt die Kategorisierung des Klappentextes “autobiogaphischer Roman” in die Irre: Dominique Valentin tritt selbst nur selten in Erscheinung, das meiste über sie erfahren wir noch über die Ermittlungsergebnisse des Privatdetektivs, den die Mutter auf sie ansetzt, um im letzten Moment die Hochzeit zu verhindern. Erst ganz spät im Buch erscheint sie auch als “Ich”-Erzählerin. Valentin ist die indirekt Hauptperson des Buches, sie steht in direkter Konkurrenz zur Mutter ihres Geliebten Moses, beide kämpfen um ihn, als Frau die eine, als Mutter und Jüdin die andere.

Valentin bemüht sich, die Motivation ihrer Feindin, anders kann man das Verhältnis von Seiten der Mutter aus nicht bezeichnen, zu verstehen. Nie erfahren wir den Namen der Mutter, sie ist immer nur die Mutter von Moses, genauso wie der Vater immer nur der Vater von Moses ist. Anders dagegen verfährt Valentin mit anderen Verwandten, der Onkel Klein-Moses lebt mit seiner Familie in den USA, die Tante Sarah lebte in direkter Nachbarschaft zu Moses´ Familie.

Das Leben hat die Mutter von Moses hart gestraft. Der Vater wurde von einem der ersten Autos, die es in Lodz gab, überfahren. Vor den Nazis floh die Familie nach Osten, dort wurde sie, noch ein Mädchen, mit einem Mann verheiratet. Mit zugebissenem Mund ertrug sie fortan für ihr ganzes Leben das, was man wohl eheliche Pflicht nennt. Beide, Mann und Frau, waren nicht imstande, sich zu lieben. Ein einziges Mal in ihrem Leben war der Mann zärtlich und liebe(voller), ein einziges Mal breitete sich so etwas wie Wärme in ihrem Bauch aus… Drei Kinder brachte sie zur Welt, Moses war der mittlere der drei Jungs.

Mutter und Vater überlebten den Krieg, andere, viele, Familienmitglieder dagegen nicht. Nach dem Krieg hatte der Vater großen geschäftlichen Erfolg. Auch ohne Schulbildung schuf er mit seinem Instinkt ein großes Vermögen mit Immobilien, ausgehend von Frankfurt expandierte er z.B. auch in die USA. Dort war sein Schwager Klein-Moses sein Statthalter. Geld jedenfalls war im Überfluss vorhanden.

Schuf der Vater ein geschäftliches Imperium, so war das der Mutter ein Netzwerk des Hasses, des Misstrauens, der Bespitzelung. Sie, die nie Liebe empfangen hatte, konnte auch keine geben. Einzig, wenn die Kinder krank waren, kam so etwas wie Fürsorge in ihr zum Vorschein. Wenn jemand in dieser Familie lieben konnte, war es Sarah, die Tante der Jungs.. ein unglückliche Liebe ist es, die das Leben der ledig bleibenden bestimmte…

Dominique Valentin versucht als verhasste Geliebte ihres Sohnes den Charakter von dessen Mutter zu verstehen, nachzuvollziehen, wie sich ihr Leben zu solch einem Ergebnis formte. Natürlich – die vielfachen Traumatisierungen der Kindheit, der frühe Tod des Vater, der Holocaust, der soviele Familienmitglieder verschlang, die unglückliche Hochzeit mit den lebenslang erfolgenden “geduldeten” Quasi-Vergewaltigungen hat aus dem resoluten, lustigen, feurigen Mädchen eine verbitterte Frau gemacht, die ihr Leben lang schwieg. Als ihr durch den Reichtum nach dem Krieg die Möglichkeiten gegeben waren, kompensierte sie diese Traumatisierungen, diesen absoluten Vertrauensbruch in das, was das Leben zu bieten hat, auf zwei Arten: durch den Aufbau einer absoluten Kontrolle über alle Menschen, mit denen sie zu tun hatte und dadurch, daß sie das Jüdischsein zum Absoluten erhob. Die Erhaltung und der Fortbestand der Juden war für sie das, dem sich alles unterzuordnen hatte.

Die Kontrolle, die die Mutter ausübte, war absolut. Immer wusste sie Bescheid, fand sie Zuträger und Informanten, die sie über die Vorgänge draußen, bei Moses und seiner Schickse in Kenntnis setzten: es war Sache des Preises. Selbst in den USA war ihr Einfluss auf ihren Onkel beherrschend. Sie war der (fast) unangefochtene Tyrann der Familie. Fast – denn an den Rändern franzte es aus. Schon der jüngste der Söhne, der ungewollte und ungeliebte Willy, war mit einer Christin zusammen und damit verstoßen; auch Moses entzog sich ihrer Kontrolle, je älter er wurde, immer mehr. Und in den USA verstand es die Schickse sogar, beim Besuch des Onkels in New York durch einen zündenden Witz die Atmosphäre soweit aufzulockern, daß sie nicht mehr wie durchsichtig behandelt wurde.

Trotz nahezu verzweifelt anmutender Bemühungen konnte die Mutter von Moses die Hochzeit von Moses und seiner Geliebten nicht mehr verhindern. Schwiegermutter und Schwiegertochter wechselten nie ein Wort, begegneten sie sich selten bei (wenigen) Familienfeiern der Brüder, zu denen Moses und sie im Lauf der Zeit dann doch eingeladen wurden, ignorierte die Mutter von Moses die Anwesenheit ihrer Schwiegertochter mit zusammen gepressten Lippen und hoch erhobenem Haupt. Der Vater von Moses dagegen war bei einem offiziellen Termin, an dem der Sohn ihm die Schwiegertochter vorstellte, sogar gezwungen, ihr die Hand zu geben. Wenigstens wechselte er noch ein paar Worte mit seinem Sohn….

pars pro toto: das individuelle Problem, das die Autorin hier schildert, kann ohne große Verfälschung verallgemeinert werden, handelt es doch von den Problemen des Zusammenlebens von Juden, die den Holocaust mit- und überlebt haben und Nicht-Juden. Selbst wenn sich das Verhältnis in den letzten Jahren entspannt hat, ist es sensibel, die Probleme, die auftreten, wenn israelische Politik (insbesondere von Deutschen) kritisiert wird, sind bekannt.

Ein erschütterndes Schicksal entfaltet sich in Dominique Valentins autobiographischem Roman. Eine Überlebende des Holocaust, die ihr Leben lang an den seelischen Verletzungen zu tragen hatte und den Widrigkeiten des Lebens zuvor kommen wollte, in dem sie alles unter ihre Kontrolle brachte. Sie machte den anderen damit das Leben zur Hölle, das Kind Moses kann einem leid tut, liest man von den Folgen, die die Lieblosigkeit der Mutter bei ihm zeitigte und von denen die Autorin berichtet.

Natürlich interessiert, wer dieses Familie war, die in Frankfurt (und anderswo) so beherrschend und wichtig war, man könnte es sicher aus Angaben des Buches, die an mehreren Stellen sehr konkret sind (Moses war/ist Theatermensch, es sind Daten angegeben, wo und wann er welche Stücke inszeniert hat, die Rezensentin in der SZ hat seinerzeit auch die Identität genannt) ermitteln. Aber letztlich ist es nicht wichtig. Interessanter war und ist für mich die Frage, warum Dominique Valentin dieses Buch geschrieben hat. Ihre Schwiegereltern sind beide tot, mit dem Begräbnis ihrer Schwiegermutter endet die erzählte Familiengeschichte im Buch. Mit dem überwiegenden Rest der Familie, so habe ich es gelesen, herrschte zumindest ein friedliches Nebeneinander.

Aber wie tief müssen die Verletzungen gewesen sein – oder noch sein -, die der Hass der Mutter von Moses bei ihr hervorgerufen haben. Wie tief auch ihr Gefühl, ihre Liebe für Moses, an dem sie trotz aller Widrigkeiten festhielt… Daß sie sich nicht auch in Hass flüchtete, sondern versuchte, das Schicksal ihrer “Feindin” zu ergründen, hat sicherlich dabei geholfen, einen Teil des Schmerzes abzufangen. Musste der andere Teil durch diesen Schrei hinaus in die Öffentlichkeit geheilt werden? Eine Art Karthasis also? Wehleidig oder selbstmitleidig ist Valentins Schilderung dagegen nie, sie selbst, ich sagte es, tritt auch erst spät in Erscheinung, ein großer Teil des Textes bemüht sich, ein Bild vom Leben der Mutter und der Familie zu zeichnen.

Zur reinigenden Karthasis, dem Schrei in die Öffentlichkeit, würde der Stil des Romans (man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, daß es sich um einen Roman handelt, der eine Bearbeitung realer Gegebenheiten wiedergibt) passen: wie in einem einzigen Guss auf´s Papier gebracht wirkt der Text, kaum gegliedert, Rückblenden und Gegenwart gehen zum Teil nahtlos ineinander über. Dies passt hervorragend zur Arbeitsweise unseres Gedächtnisses, das sein Erinnerung ja auch nicht chronologisch, sondern in “Happen” abspeichert, die dann wieder zusammengesetzt werden zu einer Geschichte [3]. Exakt so liest sich der Text, der sehr fesselnd ist, der mitnimmt, gefangen hält, der anschaulich und farbig ist, der erschüttert, entsetzt und von einem großen Erzähltalent kündet: so überrascht es nicht, wenn ich Die Schickse voller Überzeugung empfehlen kann. Leider habe ich von Dominique Valentin keine weitere (ins Deutsche übertragene) Arbeit mehr gefunden, das ist wirklich schade.

Links und Anmerkungen:

[1] aus: https://de.wiktionary.org/wiki/Schickse, dort sind auch die entsprechenden Quellenangaben zu finden
[2] Webseite der Autorin: http://www.dominiquevalentin.com/index_accueil.php
[3] dazu ist im Spiegel (in anderen Zusammenhang zwar) ein verständlicher Beitrag gewesen, in dem die Funktionsweise des Gedächtnisses anschaulich erklärt wird
[4] Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse; Besprechung hier im Blog

die grün unterlegten Stellen sind (u.U. grammatikalisch angepasste) Zitate aus dem Buch.

Dominique Valentin
Die Schickse
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Schöffling & Co, HC, ca. 206 S., 1996

Klepper marke

Sondermarke zum 50. Todestag Jochen Kleppers 1992 Bildquelle [B]

Das “eigentliche” Lutherjahr [3] ist ja erst nächstes Jahr, 2017, in dem sich zum 500. Mal der Anschlag der Thesen an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg jährt. Kein Grund natürlich, nicht 2016 auch schon im Umfeld dieses Jubiläums zu begehen (Stichwort: Lutherdekade), offiziell mit einem Themenjahr Reformation und die eine Welt [4]. So ganz passt das Buch, welches ich jetzt vorstellen möchte, nicht in das Thema dieses Jahres 2016, aber wie gesagt, die Feierlichkeiten ziehen sich ja sowieso über eine ganze Dekade hin…

Die Flucht der Katharina von Bora von Jochen Klepper (ich gehe einfach davon aus, daß jeder weiß, daß Katharina die Frau von Luther, die Lutherin [2] also, war) ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist es kein vollständiger Roman, sondern das Fragment eines größeren Werkes, das der Autor nicht mehr vollenden konnte. Jochen Klepper, der, so wie ich mutmaße, wohl nur noch Fach- und Kirchenleuten [5] bekannt ist, hat sich zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner jüdischen Stieftochter am 11. Dezember 1942 suizidiert. Die Zwangsscheidung stand unmittelbar bevor und damit die Deportation der geliebten Menschen in ein Konzentrationslager. Die zweite, ältere Stieftochter konnte rechtzeitig nach England fliehen.

Jochen Klepper hat ein Tagebuch geführt, das auszugsweise wieder gegeben ist. Hier sind sowohl seine vorbereitenden Arbeiten für den geplanten Roman Das ewige Haus beschrieben als auch der Kampf um das (Über)Leben der Familie. Sicherlich gibt es heute aktuelle Literatur zur Person Katharina von Boras, zur Zeit Kleppers war dies den Angaben Kleppers zufolge nicht der Fall, mühsam sammelte und recherchierte der Autor Material für seinen Roman. Die Arbeit daran wurde u.a. durch eine Einberufung zum Wehrdienst unterbrochen, nur ein paar Monate nach Einberufung Ende 1940 wurde Klepper jedoch, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wegen “Wehrunwürdigkeit” unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen. Er nahm die Arbeit an seinem Roman über Katharina wieder auf, sie gab seinem Leben einen Halt (Es ist seltsam: Während ich keines neuen Kirchenlieds mehr fähig bin, glaube ich, ließe man mir von aussen ein wenig Ruhe, Das ewige Haus wie aus einer unauslöschbaren Erinnerung schreiben zu können. Es ist eben so, daß das fremde Leben Katharinas völlig in mir dominiert. (31. Jan. ´42)) , denn die äußeren Bedingungen für die Familie wurden immer schlechter.

10. 12. 1942

Nachmittags die Verhandlung mit dem Sicherheitsdienst.

Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott -,
wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild
des segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.

Zwar konnte Klepper in der ersten Zeit noch durch direkte Kontakte mit Frick, dem damaligen Innenminister, erreichen, daß für seine Frau und Stieftochter Ausnahmegenehmigungen (Befreiung von Auflagen für Juden) galten, als jedoch Frick die Zuständigkeit für das Sachgebiet entzogen und auf die Gestapo übertragen worden war, verschlimmerte sich die Lebensituation dramatisch. Für kurze Zeit gab es noch einmal Hoffnung, da sich die Möglichkeit der Emigration der Stieftochter zumindest, vllt auch der Ehefrau, nach Schweden eröffnete. Eichmann selbst deutet wohl an, die Möglichkeit einer Ausreiseerlaubnis zu überdenken. Als er diese jedoch nicht erteilte, sah die Familie Klepper keine andere Möglichkeit mehr zusammen zu bleiben als im Tode.

Das Fragment  des unvollendet gebliebenen Romans, Die Flucht der Katharina von Bora, wurde (in der von mir hier vorgestellten Buchausgabe) aus dem Nachlass herausgegeben und eingeleitet von Karl Pagel.


Wir schreiben das Jahr 1523, die Osternacht im Kloster Marienthron [6], einem Zisterzienserorden im Kurfürstentum Sachsen. Noch ist der Konvent der Frauen unter der Äbtissin Margarete von Haubitz dreiundvierzig Nonnen stark, aber in dieser Nacht passiert Ungeheuerliches. Im Schutze der Dunkelheit und der Osternacht, in der die strenge Ordnung des Klosters nicht gegeben ist, schleichen sich acht Nonnen auf die Pforte nach außen zu. Ein Schrecken durchfährt die Nonnen – im Kreuzgang taucht eine Gestalt vor ihnen auf, sie wittern Verrat, daß ihr Fluchtversuch entdeckt worden sei von dieser Nonnen, in der sie Katharina von Bora erkennen. Doch auch Katharina schlupft durch die von heimlicher Hand geöffnete Pforte nach aussen, wo sie erwartet werden. Zwei Knaben noch, Diener der Äbtissin helfen ihnen, die Klostermauer zu überwinden und zu dem Fuhrwagen zu kommen, der ihrer erwartet. Leonhard Koppe, der Kaufmann aus Torgau, der mit dem Kloster viele Geschäfte machte, versteckt (erstaunt über die nicht erwartete neunte Nonne und ihr gegenüber misstrauisch) die Nonnen hinter Fässern und Planen und macht sich mit seinen Helfern auf den Weg nach Torgau, wo die Flüchtenden in Sicherheit sein werden. Nach langer nächtlicher Fahrt auf schlechten Wegen durchqueren sie das dem Kloster naheliegende Grimma und gelangen schließlich ans Ziel, wo die Nonnen zwar sicher sind, sich für sie eine unsichere Zukunft offenbart [7].

Die Flucht der Nonnen ist in zweierlei Hinsicht etwas Ungeheuerliches: sie, die Bräute Christi, brechen das heilige Gelübde und kehren in den Stand zurück, den sie auf immer zu verlassen hatten. Und sie berufen sich auf den Ketzer aus Wittenberg, den Doktor Martinus, der die heilige Ordnung der Kirche gehörig durcheinander wirbelt mit seinen Predigten, mit seinen Ansichten, mit der Verdammung des Ablasshandels, der die Menschen verwirrt mit seiner Übersetzung der Bibel, so daß sie auf einmal verstehen, was dort geschrieben steht und sie anfangen, Fragen zu stellen, nicht mehr widerspruchslos alles hinzunehmen.

Gespalten hat diese Irrlehre die Kirche und die Welt schon. Schon bekennen sich einzelne Landesherren zu dieser neuen Lehre, während andere weiterhin der alten anhängen. Risse gehen durch das Land, politische Verwerfungen wie in Sachsen. Der Herzog Georg ist ein Feind Luthers im Gegensatz zum Kurfürsten…. die Nonnen, wiewohl die ersten Frauen, sind nicht ersten, die aus den Klösterkonvente wieder in die Welt gegangen sind. Viele Mönche haben den geistlichen Stand schon verlassen, heimliche Botschaften werden mit anderen ausgetauscht, so wie auch die neun Nonnen von des Doktor Martinus Lehre erfahren haben.

Geschickt baut Klepper seine historischen Exkurse über z.B. die Vorgeschichte der Reformation in der Region von Grimma, über das Klosterleben, über die Tradition, aus wirtschaftlichen Gründen insbesondere junge Mädchen in Klöster zur Erziehung “abzuschieben” (wobei dies nicht für die Mädchen/Frauen nicht unbedingt die schlechtere Alternative ist), über den Widerspruch zwischen dem Gebot der persönlichen Armut von Mönch bzw. Nonne und dem Reichtum eines Klosters an sich in seine Geschichte ein.

Klepper läßt seine Flüchtigen, bevor sie am Ostermorgen beim rettenden Torgau das Lamm und den Hirten auf der Straße sehen noch die Region des Todes durcheilen: das Moor, das dunkel ist, dessen Nässe alle Wurzeln abtötet bis auf die der Eibe, des Baumes der Hel, der alten Totengöttin. Im neuen Glauben, so zeigt er damit, liegt die Hoffnung und das Leben, der alte Glauben birgt dies nicht mehr, wer sich in ihm verwurzeln will, endet wie die Bäume im Moor: als tote Stämme.

In Torgau, im Haus von Koppe, zeigt sich deutlich, was die flüchtigen Nonnen schon vorher in Briefen von Verwandten angedeutet bekamen: niemand will sie aufnehmen, ihr weiteres Schicksal ist völlig offen, genauso wie das der Katharina von Bora, die sich in ihrem nächtlichen Gespräch mit Koppe, bei dem sie während der Fahrt saß, als weitsichtige, intelligente und auch selbstbewusste Frau gezeigt hatte.

Hier endet das Fragment….


Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526 Bildquelle [B]

Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526
Bildquelle [B]

Das weitere Schicksal Katharina von Boras ist bekannt. Erste Versuche, zu heiraten, scheiterten, weil sie als abtrünnige Nonnen von den jeweiligen Familien abgelehnt wurde. Auch Luther wandelte auf Freiersfüßen, bekam jedoch “einen Korb” und da war halt dann noch die Katharina da… um es etwas launig auszudrücken. Katharina war Luther eine große Stütze, sie managte ein durchaus Respekt abnötigendes “Familienunternehmen” bis hin zum Bierbrauen, schenkte sechs Kindern (von denen ein im frühen Kindesalter starb) das Leben und war ihrem Mann eine geschätzte (auch Gesprächs)Partnerin. Nach dem Tod Luthers 1546 bekam sie finanzielle Schwierigkeiten, musste zwischenzeitlich kriegsbedingt nach Magdeburg umziehen, danach die zerstörten Güter (mit Hilfe verschiedener Fürsten) wieder aufbauen. 1552 hatte sie einen Unfall mit einer Kutsche, an dessen Spätfolgen sie schließlich starb. Bestattet wurde sie in Torgau [2], der genaue Ort der Grablege ist nicht bekannt.

Kleppers Romanfragment ist ein sehr ruhiger, nachdenklicher Text, der mit Sorgfalt zu lesen ist. Er stellt das Einzelschicksal dieser bedeutenden Frau in den geschichtlichen Kontext der Reformation, die die Vormachtstellung der katholischen Kirche frontal und in ihren Grundfesten angriff. Leider ist der Roman ein Fragment geblieben, zwar sind noch Exzerpte nachfolgender Kapitel vorhanden, aber ausgearbeitet worden ist nur das vorliegende 1. Kapitel des 1. Teils.

Seine besondere Eindringlichkeit erhält der Text durch das Schicksal des Autoren. Er ist das Thema, das Jochen Klepper in den letzten Monaten, ja: Jahren beschäftigt und innerlich umgewälzt hat, sicherlich hat es ihm auch Kraft und Willen gegeben, die immer bedrohlicher werdende Lebensituation ein Stück weit besser zu ertragen. Erstaunlich war für mich seine weiter vorne zitierte Tagebucheintragung, daß ihm dieser Katharina-von-Bora-Stoff noch möglich war, während er schon keine Kirchenlieder mehr schreiben konnte. Ich hätte erwartet, daß er eher im Kirchenlied Trost gefunden hätte….

Ein stilles, sehr tragisches Schicksal: drei Menschen, denen der Suizid als die bessere Wahl galt. Eine Treue dreier Menschen zueinander tatsächlich bis in den Tod hinein. Der Tod hat sie nicht geschieden, er hat sie vereint. Ist dies, angesichts des Schicksals, das die beiden Frauen dadurch vermieden haben, ein Trost? Und wer von uns hätte die Kraft dieses Mannes, der sich, um zu überleben, “nur” hätte scheiden lassen müssen…..

Diese ältere Ausgabe enthält neben dem Romanfragment ferner folgende Beiträge:

  • Jochen Klepper: eine Darstellung der letzten Monate seines Lebens, nach seinem Tagebuch
  • Das Tagebuch der letzten Wochen
  • zur Entstehung des Fragments

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Klepper
– Eintrag im Ökonomischen Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Jochen_Klepper.htm
[2] zu Katharina von Bora:
–  Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_von_Bora
–  eher stichwortartige Lebensdaten: http://www.lutherin.de/
[3] http://www.luther2017.de/de/2017/reformationsjubilaeum/
[4] http://www.luther2017.de/de/2017/lutherdekade/themenjahr-2016/
[5] Klepper war ein bekannter Kirchenmusiker, sie Liedbeispiel in [1] “Heiligenlexikon”
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Nimbschen
[7] Die Entfernung Grimma – Torgau beträgt Luftlinie ungefähr 40 km. Man kann sich vorstellen, was die drei Pferde, die Zugtiere gespannt waren, geleistet haben in dieser Nacht.

Bildquelle:

Briefmarke: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DBP_1992_1643-R.JPG, gemeinfrei nach § 5 Abs. 1 UrhG
Portraits Katharina von Bora: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Katharina-v-Bora-1526.jpg; gemeinfrei

Jochen Klepper
Die Flucht der Katharina von Bora
Erstausgabe: ?
diese Ausgabe: Evangelische Verlagsanstalt Berlin, HC, ca. 212 S., 1956

GEO-Epoche: Die Pest

28. Januar 2016

GEO Pest cover

Ich habe mich hier im Blog schon des öfteren mit der Pest, dieser schrecklichen Krankheit beschäftigt; ihren Einfluss auf die Entwicklung des Abendlandes kann man kaum überschätzen. Gemeinhin meint man, wenn man von der Pest spricht, den fürchterlichen Seuchenzug, der 1346 in Asien begann und dann ein Jahr später Europa erreichte. Cirka ein Drittel der Bevölkerung starb seinerzeit an der “Pest”, mit der Folge, daß staatliche, kirchliche, gesellschaftliche und soziale Ordnungen völlig überfordert waren und in sich zusammenbrachen. Aus dieser Erschütterung der Grundfesten einer Gesellschaft ergab sich dann aber andererseits auch das Einsetzen neuer Entwicklungen und Vorstellungen, Anna Bergmann hat dies in ihrem interessantes Buch: Der entseelte Patient [1] ausführlich dargestellt.

Ist der Seuchenzug 1347/48 auch der dramatischste der Pestzüge durch Europa, so war/ist er doch bei weitem nicht der einzige. Schon einige Jahrhunderte früher gab es die sogenannte Pest des Justinian [2], die sich wohl von Ägypten ausgehend bis hin zum Rhein und den Britischen Inseln ausgebreitet hatte. Auch in den Jahrhunderten nach 1347 kam es immer wieder zu Seuchenausbrüchen, die jedoch nie das katastophale Ausmass diesen einen hatten. Selbst heute noch ist die Pest keineswegs ausgerottet, zwischen 1987 bis 2009 wurden weltweit 53417 Pestfälle registriert, durch die mittlerweile mögliche ursächliche medizinische Behandlung gab es dabei “nur” 4060 Tote. Selbst in den USA kommt es immer wieder zu Einzelfällen [3].

Auch literarisch hat die Seuche natürlich ihren Niederschlag gefunden. Boccaccios Decameron spielt in Florenz, eine Gruppe von Menschen ist der engen, verseuchten Stadt entflohen und vertreibt sich die Zeit in ihrem ländlichen “Exil” mit Erzählungen. Charakteristisch ist, daß sich in dieser Endzeitstimmung u.a. auch die Sitten gelockert haben und das Leben (das so schnell vorbei sein kann) noch einmal ohne Hemmungen ausgekostet wird. Dieses Motiv der Flucht und der Ausschweifung findet sich auch in anderen literarischen Zeugnissen wie Edgar Allen Poes Erzählung Der rote Tod wieder, deren Titel darauf hindeutet, daß u.U. die Pest (die ja als Der schwarze Tod bezeichnet wird) nicht die einzige Seuche war, die unter den durch verschiedene politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen geschwächten Menschen wütete. Zumal man sich vor Augen halten muss, daß sowohl Diagnostik als auch Fallbeschreibungen natürlich nur entfernt Ähnlichkeiten damit haben, was wir heute darunter verstehen.

Alessandro Manzoni beschreibt sehr konkret die Auswirkungen des Pestzuges, der ca 1630 Mailand heimsuchte (Die Verlobten), die Stadt, die seinerzeit erstaunlicherweise vom großen Seuchenzug 1347 weitgehend verschont geblieben war; Daniel Defoe berichtet ausführlich vom Wüten der Pest in London im Jahr 1665 und Hilde Schmölzer schildert das Pestschicksal der Stadt Wien. Sicherlich gibt es noch viel mehr literarische Zeugnisse, aber die genannten sind die, die mir vorliegen bzw. die ich hier auch schon vorgestellt habe [1, 4, 5, 6].


Das in der Reihe GEOEPOCHE erschienene Heft Die Pest befasst sich mit dem großen Seuchenzug 1347/48 und trägt den Untertitel Leben und Sterben im Mittelalter. In insgesamt 13 Abschnitten werden einzelne Aspekte diese apokalyptischen Jahre beschrieben, wodurch ein anschauliches Bild auch der damaligen Zeit entsteht, das erstaunliche Parallelen zu unserer modernen Zeit aufweist. Eine der auffälligsten ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie die Pest (höchstwahrscheinlich) nach Europa gekommen ist, nämlich in der Folge einer frühen Ausformung der Globalisierung. Die großen italienischen Handelsstädte Genua und Venedig hatten damals bedeutende Niederlassungen am Nordrand des Schwarzen Meer, der unter der Herrschaft der Mongolen stand, die sie aber dort duldeten, da sie am Gewinn beteiligt waren – bis es eben zum Streit kam. Während der Belagerung der venzianischen Niederlassung von Caffa auf der Krim brach im Mongolenheer die Pest aus, die sich aus Zentralasien nach Westen verbreitete. Der Überlieferung nach ließ der Khan seine Pesttoten mit riesigen Katapulten in die belagerte Stadt schießen, bei deren Bewohnern die Krankheit daher ebenfalls ausbrach. Mit fliehenden Schiffen kam die Seuche so nach Europa.

Dieses Europa war anfällig. Politische Querelen, Kriege, durch schlechte Witterung bedingte Missernten mit Hunger und Not hatten seine Widerstandskraft geschwächt. Bis man das ganze Ausmass der Gefahr erkannt hatte und in völliger Unkenntnis der Ursachen, hatte sich Yersinia pestis schon in der Bevölkerung eingenistet und fand unter den herrschenden hygienischen Bedingungen hervorragende Lebensbedingungen. In einer unglaublichen Geschwindigkeit verbreitete sich die Seuche über ganz Europa.

Die medizinische Fakultät konnte nicht helfen, sie konzentrierte sich auf Buchwissen aus der Antike und ortete die Krankheitsursachen in Planentenkonstellationen oder schlechter Luft, die Autorität der Kirche nahm Schaden angesichts ihrer Machtlosigkeit und des unerbittlichen Wütens des Todes, die alther gebrachten Riten, mit Sterben und Tod umzugehen, konnten nicht mehr eingehalten werden, jegliche Organisation des täglichen Lebens brach zusammen, da die Seuche vor niemanden halt machte, jeden – egal welchen Standes, welchen Berufes – töten konnte und dies auch tat.

Schuldige mussten her, wie bestellt und gerufen gab man den Juden die Schuld. Das das Sterben unten ihnen ebenfalls in gleicher Weise wütete, kümmerte nicht: Brunnen sollten sie vergiftet haben und so wurden sie erschlagen und verbrannt. Daß mancher der Mörder dadurch seine Schulden los wurde und Grundstücke der Ermordeten an die Städte fielen – nun ja….

Buße war zu tun… die Geisslerzüge formierten sich mit ihren Ritualen der Selbstzüchtigung und zogen von Stadt zu Stadt. Sie hatten starken Zulauf mit ihren spektakulären Aufführungen. In der ersten Zeit noch von der Amtskirche geduldet, verbot diese die Geisslerzüge bald, jedoch ließ der Wirkungslosigkeit wegen auch die Anziehungskraft auf die Bevölkerung bald nach.

Natürlich war die Seuche nicht mit einem Schlag zu Ende. Bis Anfang der 50er Jahre des 14. Jhdt hatte sie über West- und Mitteleuropa auch den Osten des Kontinents und Russland erreicht. Überall musste sich nach ihrem Abflauen das Leben neu organisieren, ganze Landstriche waren entvölkert (und sind es bis heute), Städte mussten Menschen zu sich locken, um wieder Bewohner zu bekommen, mussten sie attraktive Angebote machen (z.B. Befreiung von Abgaben…), die alten Gesellschaftsstrukturen waren damit auf immer verloren. In Frankreich beispielsweise kam es zu Aufständen der Landbevölkerung, die durch den Adel ausgepresst wurde.

Die einzelnen Aufsätze des Heftes sind gut verständlich geschrieben, sie betten das Seuchengeschehen in den Kontext der damaligen Zeit ein, so daß man, wenn man das Heft gelesen hat, auch eine Ahnung davon bekommen hat, wie das Leben im Mittelalter “funktionierte”. In manchem Teilen war es erstaunlich “modern”, in anderen genauso verblüffend “ignorant”, wenn z.B. Ärzte über Krankheiten sprachen, ohne sich die Kranken anzusehen…. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Apokalypse jedenfalls, auch das wird deutlich, auf die Entwicklung Europas und damit eines Großteiles der Erde, sind kaum zu überschätzen.

Links und Anmerkungen:

[1] Anna Bergmann: Der entseelte Patient; https://radiergummi.wordpress.com/2015/03/05/anna-bergmann-der-entseelte-patient/ Buchvorstellung hier im Blog
[2] Wiki-Artikel zur Justinianische_Pest:  https://de.wikipedia.org/wiki/Justinianische_Pest
[3] Frank Thadeusz: Angriff der Eichhörnchen; in:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139787763.html
[4] Daniel Defoe: Die Pest in London; hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Pest_zu_London
[5] Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien: in:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/11/19/hilde-schmoelzer-die-pest-in-wien/
[6] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; in: https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/25/allessandro-manzoni-die-verlobten-das-2-buch/

GEOEPOCHE
Die Pest
Leben und Sterben im Mittelalter
diese Ausgabe: Gruner + Jahr, Zeitschrift, ca. 160 S., 2015

wolkenbruch cover

Mordechai Wolkenbruch ist fünfundzwanzig Jahre alt und alle Welt kennt ihn nur als “Motti”. Der Name läßt es schon vermuten, er ist ein jid, für seine mame noch ein jingele und diese ist es auch, die ihn als eine Art “Tyrannosaurus mame” im Moment mächtig nervt: eh klar, sowieso und überhaupt. Eh klar: sie ist auf permanenter tour de schidech für ihr jingele, für den es nach elterlicher Ansicht höchste Zeit wird, zu heiraten. Sowieso: die frojen, die sie präsentiert, sind allesamt kleine Abbilder ihrer selbst, das heißt, vor allem ausgestattet mit einem mächtigen tuches. Überhaupt: auch ein frommer jid in Zürich lebt nicht völlig abgeschottet von der Welt, sondern geht beispielsweise noch auf die Universität und sieht dort gojete, vor allem eine, ach… Laura mit Namen….

Prinzipiell ist die Welt von Motti klar geregelt, denn der jid wandelt sein ganzes Leben lang auf einem scharf gezogenen Pfad […] und es gibt nichts, was den jid veranlassen würde, diesen Pfad zu verlassen zugunsten von einem, den er selbst zeichnen würde. Denn es ist der Schöpfer, der die Lebenswege bestimmt, nicht das Geschöpf.

Nichts? Wirklich nichts? – Wir kommen später auf diese Frage zurück.

Vorerst jedenfalls wohnt der Held noch zuhause, kleidet sich in das einem jid geziemende Gewand (schwarze Hose, weißes Hemd, Ärmel und Beine von unmodischer Länge), trägt die Brille des jiddischen Optikers, dessen Brillen alle jehudim tragen, weil alle zum selben Optiker gehen, der nur ein Modell zur Auswahl hat, trägt seinen Zauselbart und die Kippa, befolgt die Rituale, leistet die Gebete, gehorcht der mame folgsam und stopft die mazes-knajdlech, auch wenn er schon lange satt ist, in sich hinein. Und geht brav, die frojen zu treffen, die ihm die Mutter auf der tour de schidech serviert…

Aber es gibt einen Riss in der ehernen Schale der jiddischkajt des Motti, einen Ermüdungsriss, Fatigue nennt man das wohl in anderen Zusammenhängen, diese gojete, diese schickse, die sich in seinen Gedanken eingenistet hat… G´t spricht ihm ob der unzüchtigen Wünsche, die diese hervorruft im braven jid seiner Phantasie… dem darob auffällt, daß er noch nicht einmal weiß, wie eine froj aussieht, der heimlich im Internet sucht nach naket froj aber nur “seltsame Kunst” geboten bekommt. Erst die Sprache der goj “nackte Frau” bietet ihm den gewünschten Anschauungsunterricht [2]. Und immer wieder der Anblick von Laura im Hörsaal…

Nein, keine der frojen aus dem mütterlichen tour de schidech gefällt ihm und mame weiß sich keinen anderen Rat, als das jingele zum Rabbi zu schickender wiederum empfiehlt, Motti solle nach Israel reisen, denn da verliebe er sich noch am Flughafen. … Gesagt, getan, mame hat das Ticket nach Tel Aviv zu ihrem Bruder und seiner Frau, die dort leben, schon auf seinem Bett liegen, als Motti abends wieder in die Höhle der mame zurückkehrt.

Mittelmeer, Israel, Tel Aviv…. wieviel lockerer als Zürich! Wieviel mehr Licht…. beim Meditieren in des Onkels Haus lernt er, daß “Om” und “Schalom” einiges gemeinsam haben, den Rest, den zuckersüßen, der ihn so beschäftigt, lehrt ihn Michal, die schöne Michal, dann in der Nacht…. mit der Schwägerin werden noch bunte Klamotten gekauft, dann geht es wieder zurück ins miefige Zürich…. in Tel Aviv lernte Motti jedenfalls, wie gut es einem Menschen doch gehen kann, wenn….

Merkt ihr es? Der Riss im Kokon weitet sich…

Farkakt! In der irrigen Vorfreude auf die (angeblich) kommende chassene baut mame einen Auffahrunfall. Immerhin, es ist ein deutscher Horch, den sie zerlegt – das tröstet… aber Motti braucht danach eine neue Brille und der Optiker (jener, zu dem alle gehen) verliert einen Kunden, denn Motti verfällt in Renitenz, verweigert den Kauf und wechselt zum Optiker der goj, der ihm ein urbanes (? – städtisches) Modell andient und ihm gleich noch eine Rasur empfiehlt.

Es knistert und knackt, die hermetische Hülle der jiddischkajt zerlegt sich. Bunte Kleider, urbane Brille und derb gestutzter Bart sind eine Kampfansage an mame, Motti wird für sie zum merder der jiddischkajt.

Zumal der Damm jetzt endgültig gebrochen ist, denn Laura, die angehimmelte schickse findet im Hörsaal nur noch einen einzigen freien Platz: den neben Motti. Der die ganze Vorlesung nur noch auf ihren tuches schielt… was Laura auffällt und so kommt man trotz Schüchternheit ins Gespräch, in dem Laura ihn ermuntert, zum ersten Mal im Leben das Wort “Arsch” von sich zu geben. Ach, das Leben der gojim, so ungezwungen, so reich an allem…….

… und es sollte nicht beim Gespräch bleiben….

Laura bietet ihm die Frucht vom Baum der Erkenntnis an und Motti nimmt sie entgegen, mit Freuden. Und mame vertreibt ihn aus dem Paradies, am nächsten Abend ist das Schloss zur elterlichen Wohnung ausgewechselt, eine Tasche mit seinen Sachen steht vor der Tür und die Eltern sitzen schiwe, die jüdische Trauerwoche. Der jüngste Sohn ist ihnen verloren gegangen.

… und noch einmal bietet ihm Laura ihm von der Frucht an und noch einmal verzehrt Motti sie genussvoll (Das ist der Geschmack von G´t.) und noch einmal wird er vertrieben, diesmal von Torsten, bei dem er zwischenzeitlich Unterschlupf gefunden hatte…

.. und so steht Motti, zwiefach vertrieben, buchstäblich fast nackt auf der Straße. Er hat alles, was er bis dato hatte, verloren: die Eltern, die Arbeit, die Freunde, die jiddischkajt. Ab nun muss er sich alles im Schweiße seines Angesichts erarbeiten und ob Laura, die nicht ihn, sondern mehr seinen beschnittenen potz erotisch findet und die im Moment eigentlich keine Beziehung will, ihm eine Hilfe sein wird, ist nicht ausgemacht….


.. womit ich schon bei meiner Interpretation des Romans angelangt wäre. Natürlich ist es eine Entwicklungsgeschichte: der in Unmündigkeit gehaltene Motti, dessen Lebensweg durch eine mehrtausendjährige Tradition vorgezeichnet war, bekommt Zweifel an der Sinnhaftigkeit all dieser Vorgaben, Zweifel, die auch und gerade über das Sexuelle gesät werden. Das Naschen vom Baum der Erkenntnis – im Paradies eine kaum verhüllte Metapher für den sexuellen Akt – ist es auch hier, was ihn aus dem “Garten Eden” (wenn man diese vom Muttertyrannen gehegte Stück Erde so bezeichnen will) vertreibt. Die Schickse ist verboten, aber die “Feige” [3], die sie ihm bietet, ist so süß und verlockend, der Sündenfall nicht vermeidbar und – schlimmer noch – bewusst eingegangen, gewollt.

Es ist aber nicht nur der kerper der schickse und seine Geheimnisse, der ihn lockt, es ist auch ihre Offenheit und Ungezwungenheit. Die Welt der weißen Hemden, der schwarzen Hosen, der knaidlech, nostichl, ejzes und zu langer armeln ist ihm zu eng geworden, zu erstickend. In seinen Gedanken kommen jetzt Jeans vor und farbige Hemden. Und eben Nichtjüdinnen, die solches tragen…

So steht Mordechai mit seinen fünfundzwanzig Jahren wieder ganz am Anfang, mit bloßen Händen wieder auf der Straße, die Welt mit ihren Chancen und Risiken steht ihm offen. Die jiddischkajt, zumindest die seiner mame, hat er abgelegt – eine andere noch nicht gefunden. Konsequenerweise läßt Meyer daher auch das Ende offen, das weitere Schicksal Mordechais ist unbestimmt.

Die Züricher Gemeinde schildert Meyer, der selbst eine jüdische Mutter (und einen christlichen Vater) hat und daher das züricher Judentum kennen wird, als geschlossene Gruppe, die wenig weltoffen ist und unter sich bleibt, im krassen Gegensatz zum Onkel Mordechais und dessen Frau in Tel Aviv, die als Juden ein völlig anderes, offenes, auch freudvolles Leben führen; es gibt also Hoffnung für unseren erwachsen gewordenen Helden.


Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse ist ein amüsanter, vom Wortwitz lebender Roman, bei dem man sich blendend unterhalten kann, wie dieser Gesprächsausschnitt auf einer Party (Wolkenbruch ist schon leicht ongetrunken, ob etwas koscher ist oder nicht, interessiert ihn seit kurzem nicht mehr so sehr) zeigt: […] ich muss mich jetzt entschuldigen. Stoffwechsel. Mögen Sie Stoffwechsel? – Ja, sejer. Ich bin Jude. Wir nehmen aus vollem Herzen Anteil am Metabolismus unserer Mitmenschen. Planen Sie einen kleinen oder einen großen Stoffwechsel? – Einen großen, Herr Wolkenbruch. Wir Deutsche sind ja nicht umsonst Exportweltmeister. […] Sind gar nicht so übel, die dajtschn, fand ich. Nicht ohne Grund fällt in der Geschichte der Name Woody Allen, in manchen Passagen erinnert das Buch in der Tat an die neurotischen Geschichten aus dem jüdischen NY.

Dabei wird Meyers Witz und Ironie nie böse, nie verletzend. Er verurteilt nicht, sondern zeichnet mit nie versiegender Sympathie sowohl mame , die so dominant über das Leben anderer herrscht als auch den Rest der mischpoke bis hin zu den Nebenfiguren (zu denen auch der von mir nie erwähnte tate Mottis gehört, was in etwa seinem Rang in der Familie entspricht), ach, eigentlich die gesamte geschlossene Gesellschaft der orthodoxen züricher jiddischkajt .

Das Lesen des Buches ist erst einmal ungewohnt, mischt Meyer doch so wie ich es hier anzudeuten versucht habe (man möge mir Fehler etc pp nachsehen…), viele jiddische Begriffe in seinen Text. Die sofort verständlicher werden, wenn man – so sein Rat – das Wort laut liest. Womit er recht hat, aber wenn auch das nicht hilft, bringt ein Blick ins angehängt Glossar (oder für diese Buchvorstellung hier [4]) Aufklärung.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Meyer_(Schriftsteller)
Webseite des Autoren: http://www.thomasmeyer.ch
[2] das habe ich natürlich in einem aufwendigen und aufopferungsvollen Selbstversuch zu verifizieren versucht und musste feststellen, daß auch naket froj den einen oder anderen Einblick (ähemm…) in die anatomischen Besonderheiten der frojen ermöglicht. Aber es ist sicherlich nicht der effektivste Zugang…. Von Kunst dagegen habe ich weniger gesehen.
[3] Die Darstellung des Baums der Erkenntnis als Apfelbaum setzte wohl erst im späten Mittelalter ein. In der Bibel selbst ist nur allgemein vom Baum der Erkenntnis die Rede, das in der Genesis geschilderte Verhüllen der Genitalien mit Feigenblättern legt natürlich nahe, daß es sich bei diesem Baum tatsächlich um einen Feigenbaum handelte (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Baum_der_Erkenntnis)

Glossar für die jiddischen Ausdrücke:

[4] http://www.thomasmeyer.ch/downloads/Wolkenbruch-Jiddisch-Glossar.pdf

Thomas Meyer
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Erstausgabe: 2011, Zürich

diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 280 S., 2014

Sterben und Tod: zwei Themen, die nur langsam in den gesellschaftlichen Diskurs gelangen. Immer noch sind sie tabubehaftet, werden oft verdrängt und beiseite geschoben. Kurzfristig tauchen sie beispielsweise auf, wenn wichtige Gesetzesänderungen anstehen, wie Ende letzten Jahres die Diskussion zwischen Befürwortern oder Gegnern von Sterbehilfe. Auch der Tod oder (dramatischer) der Suizid Prominenter vermag das Thema für ein paar Tage auf den Agenda zu setzen. Im Allgemeinen jedoch wehrt man sich dagegen, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen, auch wenn man natürlich weiß, daß man in jedem Fall früher oder später damit konfrontiert werden wird.

Spätestens seit Kübler-Ross über die Symbolsprache Sterbender geschrieben hat, ist die Metapher des Reisens in vielen Varianten (Fahrkarte lösen, Koffer packen u.a.m.) ein Bild geworden für diesen letzten Lebensabschnitt, der mit dem Tod endet. Die drei Autoren/innen des vorliegenden Buches greifen das Bild auf und kombinieren es mit dem ebenfalls üblichen Begriff der “Begleitung” von Betroffenen, herausgekommen ist also ein Reisebegleiter, mit eben jenem Koffer auf dem Cover.

Der Reisebegleiter fuer den letzten Weg von Dorothea Seitz


Hauptautor des vorliegenden Buches ist mit Berend Feddersen ein erfahrener Palliativmediziner vom Klinikum Großhadern der Universität München. Die beiden Autorinnen Dorothea Seitz und Barbara Stäcker schildern ihre Erfahrungen im Umgang mit Sterbenden aus der Sicht von Angehörigen, insbesondere bei der häuslichen Pflege.

Das Buch knüpft an die herrschende Diskrepanz zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen Sterbeort eines Menschen an. Zwar sterben viele Menschen zuhause, doch äußern den Wunsch dafür mehr als doppelt so viele. Auf der anderen Seite will praktisch niemand im Krankenhaus sterben, aber bei über 40% aller Todesfälle ist dies dann doch der Fall. Was unter anderen daran liegt, daß mangels Patientenverfügung, in der solche Festlegungen gemacht wurden, im Notfall eben doch eine Einweisung in ein Krankenhaus erfolgt.

Nun etabliert sich seit einigen Jahren immer mehr eine Einrichtung in Krankenhäusern, die keinen kurativen Ansatz hat, also auf Heilung ausgerichtet ist, sondern einen sogenannten “palliativen” Ansatz verfolgt, der bei unheilbaren, “austherapierten” Fällen auf Symptonlinderung/-kontrolle, Schmerztherapie und allgemein auf eine Verbesserung der Lebensqualität hin ausgerichtet ist. Diese “Palliative Care”, wie es auch genannt wird, ist ein multidisziplinäres Arbeitsgebiet, in dem u.a. Mediziner, Pflegekräfte und auch Seelsorger in einem Team zusammenarbeiten und auch für Angehörige da sind. Noch kommen zwar die meisten Palliativfälle aus der Onkologie, jedoch haben Menschen mit anderen schweren Erkrankungen, deren Sterben absehbar ist, ebenso ein Recht auf Palliativbetreuung, die über ambulante Dienste auch zuhause möglich ist.

Palliativmedizin ist explizit keine Sterbehilfe, im Gegenteil zeigt die Erfahrung, daß solche Wünsche, wenn es gelingt, Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen und andere, möglicherweise herrschende Ängste abzubauen, bei den allermeisten Patienten verschwinden.

Die Tatsache, daß ein Patient palliativ betreut wird, impliziert die Tatsache, daß in absehbarer, aber nicht definitiv angebbarer Zeit mit seinem Tod zu rechnen ist. Dies ist eine ungeheure psychische Belastung, ruft oft Ängste, Beklemmungen, Wut hervor, bei allen, die davon betroffen sind. Jeder entwickelt seine eigene Strategie, damit umzugehen, dies kann von Verdrängung über eine offensive Auseinandersetzung bis hin zum trotzigen: “bis dahin geniesse ich mein Leben” gehen. Solche Strategien werden an einigen Fallbeispielen beschrieben.

Ein Schwerpunkt des Buches ist neben der Erläuterung dessen, was unter “Palliativ” zu verstehen ist, die Problematik des Sterbeortes, insbesondere des Sterbens zu Hause. Das Sterben im heimischen Umfeld hat seine Besonderheiten. Oft ist es mit einer Umkehrung der Rollen verbunden: werden sterbende Eltern(teile) begleitet, sie sich nicht mehr selbst versorgen können, liegt die Verantwortung dafür jetzt vllt bei den Kindern: in Umkehrung der Rollen sind sie es jetzt, die ihren Eltern u.U. Windeln anlegen müssen. Einerseits müssen beide Parteien dazu bereit sein, andererseits kann man viel mehr leisten, als man gemeinhin denkt. Ferner kann die häusliche Pflege zu Hause sehr belastend sein, sie ist eine 24/7 Aufgabe: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Man ist gut beraten, sich möglichst viel Hilfe zu organisieren, denn auch das eigene Leben hat ein Recht darauf, nicht unterzugehen. Problematisch kann es beim Eintritt von Krisensituationen werden: der Ruf nach dem Notarzt bedingt die Rückführung in das kurative System, sprich: der Notarzt wird die Einweisung in ein Krankenhaus vornehmen, genau das also, was man vermeiden möchte. Als häuslicher Pfleger und Begleitung muss man also auch bereit sein, loszulassen und zu ertragen: Seine Aufgabe besteht in der Begleitung, nicht in der Verhinderung dieses Prozesses. Grundsätzlich aber kann die häusliche Pflege und Sterbebegleitung ein sehr friedvolles Erlebnis sein, sind die Sterbeprozesse meist doch von einer großen inneren Ruhe und Stille getragen.

Alternativ dazu ist z.B. das Sterben in einem Hospiz. Dies sind helle, freundlich eingerichtete Häuser, in den Sterbende unter bestimmten Bedingungen aufgenommen werden. Es ist eine ärztliche Betreuung gegeben, die pflegerische und auch die “spirituelle” Begleitung erfolgt über das Hospiz, die Angehörigen sind als Besucher herzlichst willkommen und von der anstrengenden Pflege entlastet. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten stehen die Bedürfnisse des Gastes (wie die Bewohner hier genannt werden). Auch dies wird anhand eines Fallbeispiels beschrieben.

Nichts ist so ungewiss wie die Voraussage des Todeszeitpunkts. Natürlich fragen die Angehörigen und man ist versucht, ihnen eine Antwort zu geben, mit der man aber häufig falsch liegt. Von allzu expliziten Festlegungen ist daher abzuraten… oft “wissen” es Sterbende selbst recht genau, wann sie sterben werden, die Erfahrung deutet sogar darauf hin, daß sie den Todeszeitpunkt manchmal beeinflussen können: etwas wichtiges muss noch erledigt werden, ein wichtiger Mensch ist noch nicht eingetroffen … manche können nicht sterben, wenn sie nicht alleine sind…

Für die Aussenstehenden gibt es (körperliche) Zeichen, daß der Tod unmittelbar bevorsteht, sie werden im Buch ausführlich beschrieben und eingeordnet, da sie, wenn man nicht weiß, was dahinter steckt, Angst einflössen können, wie beispielsweise die “Rasselatmung”, die häufig in den letzten Stunden einsetzt.

Zum Sterben und zum Tod gehört die Trauer derjenigen, die zurückbleiben. Auch das behandelt der “Reisebegleiter”. Wichtig zu wissen ist, daß es unterschiedliche Arten zu trauern gibt: es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Es gibt Hilfen, Stützen, an denen man sich festhalten kann: Rituale zum Beispiel und auch hier: das Leben geht weiter, auch wenn man in Trauer ist, kann es schöne Momente haben und die sollte man geniessen…

Der Reisebegleiter für den letzten Weg ist gut lesbar geschrieben, theoretische Ausführungen sind nur dann vorhanden, wenn es notwendig ist. So wird zum Beispiel gar nicht auf modellhafte Vorstellungen von Sterbephasen (Trauerphasen) eingegangen, wer zu diesen mittlerweile schon wieder etwas ad acta gelegten Vorstellungen etwas wissen möchte, ist auf andere Bücher angewiesen. Dieses hier ist orientiert sich an ganz praktischen Fragen, wie zum Beispiel: Die Pflege daheim in der Praxis (Welche Hilfsmittel gibt es) oder wie kännen/sollten Kinder in das Geschehen mit einbezogen werden, wie gehe ich mit ihren Fragen um. Wann ist der “richtige” Zeitpunkt gekommen, um zueinander ehrlich zu sein und sich gegenseitig einzugestehen, daß der Tod bald zu erwarten ist und man sich nicht in krampfhaft aufrecht gehaltenem Optimismus aufreibt? Was ist dran an den behaupteten Nebenwirkungen zu Opiaten, die für die effektive Schmerztherapie in vielen Fällen unumgänglich sind? Abschließend werden noch über Basics zum Thema “Bestattung” und “Betreuungsrecht” geschrieben. Teilweise ist der Text fast reportageartig gehalten, als begleite ein Reporter den Autoren Dr. Feddersen bei seiner Arbeit. Das verblüfft im ersten Moment, schafft aber dadurch, daß der Autor immer wieder über seine Arbeit, über bestimmte Patienten redet, eine Art Vertrauensbasis, die in diesem sensiblen Thema sehr wichtig ist.

Nachdem ich jetzt so viel Positives über das Buch geschrieben habe, kommt zum Schluß aber doch noch eine kritische Anmerkung. Im Inhaltsverzeichnis werden “Literaturhinweise” und “Nützliches im Netz” angekündigt. Schlägt man hoffnungsvoll diese Seiten auf – findet man Hinweise auf 2 (!) Bücher (eins von ihnen, Oskar und die Dame in Rosa habe ich vor Jahren hier auf dem Blog vorgestellt [5]) und 1 (!) Link (auf eine Münchner Palliativseite). Hält man sich vor Augen, daß bei der Suche nach den Stichworten “Tod” oder “Sterben” bei den großen online-Buchlieferanten Trefferzahlen im hohen Tausender-Bereich anfallen und selbst ich bei mir auf dem Blog schon weit mehr (70 bis 90, je nachdem, wie eng man das Thema fasst) Bücher in diesem Themenkreis vorgestellt habe [siehe unten], sieht man, wie dürftig diese Angaben sind. Hier ist deutlich zu wünschen, daß das Buch bei einer Überarbeitung durch Autoren und Verlag ein qualifiziertes Verzeichnis empfehlenswerter Bücher,  Links und auch Ansprechpartner wie zum Beispiel auf Selbsthilfegruppen wie die “Verwaisten Eltern” erhält.

Bis auf dieses Manko jedoch ist Der Reisebegleiter…. für diese letzte, schwerste Etappe des Lebens auf jeden Fall empfehlenswert. Er vermittelt klar und verständlich, daß Sterben einfach zum Leben gehört, sowohl zum Leben derjenigen, die zurückbleiben als auch natürlich zum Leben jedes einzelnen als Sterblichem. Und er macht uns einerseits Mut, er zeigt, daß wir, da Sterben natürlich ist, auch alle die nötigen Resourcen haben, damit umzugehen: äußerlich mit den Veränderungen, die eine schwere Krankheit, und ein Sterbeprozeß mit sich bringen, innerlich mit den Gefühlen, die sie auslösen. Und zum zweiten zeigt er: wir sind nicht allein, es gibt Hilfe, professionell und ehrenamtlich, die uns, wenn wir Sterbende begleiten und (ja, auch dann) wenn wir selber sterben, unterstützen und nicht alleine lassen.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Barbara Stäcker:  https://www.randomhouse.de/Autor/Barbara-Staecker/p498517.rhd
[2] Webseite von Dorothea Seitz:  https://dorotheaseitz.wordpress.com
[3] zum “Steckbrief” von Berend Feddersen:  http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Palliativmedizin/de/sapv-team/team/teamleitung/FeddersenBerend/index.html
[4] Ankündigung der Buchpräsentation am 11. Mai 2015:  https://jungschoenkrebs.wordpress.com/2015/04/07/der-reisebegleiter-fur-den-letzten-weg-buchprasentation-am-11-mai-2015/ (auf diesem Blog trifft man einige der Personen wieder, die man u.U. vom Buch her schon kennt….)
[5] Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2008/04/27/eric-emmanuel-schmitt-oskar-und-die-dame-in-rosa/

Mehr Bücher zum Themenkreis “Krankheit, Sterben, Tod, Trauer” in meinem Themenblog: https://mynfs.wordpress.com, allgemeinere Infos auch auf meiner Facebook-Seite: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Berend Feddersen, Dorothea Seitz, Barbara Stäcker
Der Reisebegleiter für den letzten Weg
Das Handbuch zur Vorbereitung auf das Sterben
diese Ausgabe: Irisiana, Klappenbroschur, ca. 190 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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