Ich habe bei den beiden Büchern der amerikanischen Essayisten, Schriftstellerin und Intellektuellen Joan Didion, nämlich: Das Jahr magischen Denkens und Blaue Stunden die falsche Reihenfolge gewählt, die Chronologie des Lebens damit nicht eingehalten. Joan Didion [1] hat den ersten Titel  nach dem Tod ihres Mannes 2003, des Drehbuchautoren John Gregory Dunne, geschrieben. Nur zwei Jahre später verstarb auch ihre Tochter Quintana Roo nach einer Leidenszeit von 20 Monaten, ein weiteres, lebenserschütterndes Ereignis, das in den Blauen Stunden Niederschlag findet.

Die Blauen Stunden, dies zur Erklärung sind ein Phänomen, das – nicht überall – in den Frühlingsmonaten einsetzt und in dem “das Licht selbst blau ist und sich im Lauf einer Stunde vertieft, intensiviert und dunkler wird….”. Aber diese Zeit des blauen Lichts währt nicht ewig, gegen Ende des Herbstes, wenn ein Frösteln schon einsetzt, endet sie…. Joan Didion, die dieses vorliegende Buch in New York schreibt, wo diese “Blauen Stunden” zu erleben sind (im Gegensatz zu Kalifornien, wo sie geboren wurde und lange lebte und wo es sie nicht gibt) wähnt sich selbst im übertragenen Sinn am Ende dieser Phase, am beginnenden Verfall, gedanklich schon den Krankheiten, dem Alter verbunden: Dieses Buch heißt Blaue Stunden, weil ich mich in der Zeit, als ich es zu schreiben begann, gedanklich immer stärker der Krankheit zugewandt habe, dem Ende des Versprechens, den kürzer werdenden Tagen, der Unausweichlichkeit des Vergehens….

didion blau cover

Was bleibt, wenn ein Mensch gestorben ist und einen anderen zurückgelassen hat in dieser Welt der realen Dinge? Die Erinnerung bleibt und ob sie willkommen ist oder nicht, sie läßt sich nicht verscheuchen. So geht es auch Didion, die in diesem Erinnerungsbuch (das in der Mitte umschlägt, als folge es einer plötzlichen Erkenntnis und zum Text wird, in dem die Autorin über sich selbst und über ihre Endlichkeit und ihr Altern reflektiert) Bilder sammelt, reale Bilder und solche aus dem Gedächtnis, die zurückdenkt und bei der immer wieder zu beobachten ist, daß die Frage nach der Verantwortung (in diesem Sinne auch nach einer “Schuld”) im Raum steht, nach der Frage, ob sie der Rolle der Mutter, der Anforderung einer “gelungenen” Erziehung gerecht geworden ist.

Didion und ihr Mann hatten keine biologischen Kinder. Anfang 1966 kam bei einem geselligen Treffen mit Freunden die Sprache auf das Thema Adoption und schon kurz danach bekamen sie die Nachricht von einem Freund, im Krankenhaus wäre ein wunderschönes Baby, ein Mädchen, das sie adoptieren könnten. Es war ein wunderschönes Mädchen, sie adoptieren es und es bekam den Namen Quintana Roo und vervollständigte von nun an die Familie. Im Unterschied zu einem biologischen Kind, bei dem sich die Eltern normalerweise monatelang mental vorbereiten können, dessen Heranwachsen im Mutterleib auch eine Zeit der Vorbereitung für die Eltern ist, ist eine Adoption, so wie sie bei Didion stattfand, ein plötzliches Ereignis, das noch garnicht in die Lebensplanung einbezogen worden war. Im ersten Impuls wollte Didion seinerzeit ihre Pläne auch wie getroffen, durchführen, das Kind eben mitnehmen. So wurde beispielsweise für die vorbereitete Reise nach Vietnam (die letztlich dann doch nicht stattfand) für das Kind schon ein Sonnenschirm gekauft…

Das Buch setzt am 26. Juli 2010 ein, mit dem 7. Hochzeitstag ihrer Tochter, die ihre eigene Hochzeit gestaltet hat mit Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die Feier ist voller sentimentaler Reminiszenzen. Auch Didion erinnert sich, ihr Mann hatte zu dieser Zeit schon Herzprobleme, sie selbst wenige Tage vor der Feier einen körperlichen Zusammenbruch…. noch ehe das Jahr 2003 endete, war ihr Mann John tot und ihre Tochter Quintana schwebte mit einer Gehirnblutung auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod. Wie lebt man als Frau und Mutter damit? Wie kann man das überstehen?

Zwanzig Monate sollte der Kampf um Quintana dauern, in diversen Krankenhäusern, immer auf der Intensivstation. Schläuche, Kabel, Monitore, Infusionen, Piepen, Notfallwagen, eilige, laufende Ärzte und Schwestern. Man müsse den Handbeatmer einsetzen, die Tochter habe mittlerweile für schon eine Stunde eine Sauerstoffunterversorgung, so teilt man es der Mutter eines Tages mit. Man weiß, was das heißt: selbst wenn die Tochter noch einmal wach würde, wäre die Gefahr einer Gehirnschädigung sehr groß…..

Wenn wir über Sterblichkeit reden, reden wir über Kinder.

Es ist ein Satz Didions, der am Anfang ihrer Gedanken steht. Verbunden mit der Frage: “… aber was heißt das?”, die sie für sich selber nicht schlüssig beantworten kann, weil diese Frage immer weiter nach sich zieht: Didion ist (fast) ausschließlich kopfgesteuert, eine Frage intuitiv oder auf Gefühlsebene zu beantworten, scheint ihr nicht gegeben: „Ich schreibe ausschließlich, um herauszufinden, was ich denke, was ich betrachte, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und was ich fürchte.“ [5]:  denken, betrachten, sehen, interpretieren… das einzige Gefühl, das sie erwähnt, ist die Furcht.

Vielleicht ist der oben zitierte Ausspruch für Didion zu invertieren: “Wenn wir über Kinder reden, reden wir über die Sterblichkeit”. Hier ganz konkret über das Sterben, bzw. die verstorbene Tochter, aber auch darüber, daß die Kinder das sind, was Eltern der Welt hinterlassen, ihr Beitrag dazu, daß sich die Reihen des (menschlichen) Lebens fortsetzt nach dem eigenen Tod….

Die Aufzeichnungen Didions sind nicht chronologisch. Sie knüpfen sich vielmehr an Erinnerungen, hervorgerufen durch Fotos, durch Bilder, durch Gegenstände.. durch Momente auch, die einfach da sind. Immer die Frage im Hintergrund, ob die Elternschaft gelungen ist… als sei ein Kind ein Werkstück, das zu bearbeiten sei zu einem Produkt mit bestimmten Eigenschaften.

Quintana – ein wunderschönes Baby, aber auch ein seltsames Kind, ein Kind, das mit fünf Jahren in der Klinik anruft, um zu erfahren, was sie machen müsse, wenn sie verrückt würde. Die im gleichen Alter bei einer Filmgesellschaft anruft, was sie machen müsse, ein Star zu werden. Der zerbrochene Mann, die Alptraumfigur des Kindes: Hallo Quintana, ich werde dich hier in der Garage einsperren, der später (die Alpträume hatten schon längst aufgehört) in ihrem Romanfragment wieder auftaucht, das sie geschrieben hat, um es euch zu zeigen. Die “Handlung” des Fragments endet mit ihren eigenen Tod…. Ein Kind, das wenige Jahre nach diesen Telefonaten des Abends auf der Treppe sitzend und auf die Eltern wartend, diesen nüchtern mitteilt, sie habe Krebs (es sind Windpocken)…. Ein Kind, das Erwachsene spielt…. in die Erwachsenenrolle hineingedrängt wird? Eine Selbsterkenntnis Didions: …dass ich sie wie eine Puppe groß gezogen hatte: 60 Kleidchen hängen im Schrank des kleinen Mädchens…

Nicht in den Blauen Stunden erwähnt, aber sehr bezeichnend folgende Episode, die Boris Kachka in seinem sehr lesenswerten Beitrag zu Joan Didion [3] erzählt: „Es machte sie früher verrückt, dass ihre Eltern alles so im Griff hatten“, sagt Traylor. Sie erinnert sich an eine Autofahrt zur Schule mit Dunne und Quintana: Quintana zeigte ihm eine Hausarbeit, die sie abgeben wollte. Er fragte sie, ob sie sie schon Didion zum Korrekturlesen gegeben habe. Als sie verneinte, warf er die Arbeit aus dem Fenster. 

Ich sagte weiter oben, daß mir Didion völlig verkopft erscheint. Dazu passt die Episode, daß Didion beim Blättern in alten Hausaufgabe automatisch anfängt, zu korrigieren. Liegt es daran, daß sie die Augen verschließen will vor dem, was dort in der zitierten Gedichtzeile steht: Es gibt eine Zeile, die von meiner gegenwärtigen Lebensangst zu erzählen scheint: Ins Nichts vergehn. Nur langsam versteht Didion, daß meine Beschäftigung mit den Worten, die sie verwendet, jede Möglichkeit ausblendet, zu verstehen, was sie mit ihrem Eintrag von jenem Tag im März 1^984 wirklich sagen will.

Stimmungsschwankungen, das auf dem Boden liegende Kind, das in die Erde gelassen werden will… Borderline, der Begriff fällt …. Depressionen, suizidale Gedanken, später dann Alkoholmissbrauch und auch Therapieversuche. Das wunderschöne Baby…. die Puppe, von der Mutter nicht ins Leben entlassen: „Ich habe Quintana wie ein Baby und nicht wie ein menschliches Wesen behandelt.“ [3]

Didion wird von den Erinnerungen erschlagen, sie mag sie nicht mehr, sie weisen sie permanent auf das hin, was vergangen ist. Ich kann keine Schublade öffen, ohne etwas zu sehen, … was ich nicht sehen möchte…. es gibt keinen Schrank, in dem Platz wäre für Kleidung, die ich veilleicht noch tragen möchte…. Es muss, treffen diese Beschreibungen zu, ein exzessives Aufheben von Memorabilien (gewesen) sein…

Wenn wir über Kinder reden, reden wir über die Sterblichkeit: die Umkehrung des Satzes von Didion. Die Sterblichkeit der Kinder, des Kindes – und die eigene. Didion ist eine sehr schmale, zerbrechliche Frau.. in den Blauen Stunden beschreibt sie, wie die Erkenntnis, daß auch sie altert, daß auch sie den Tod als reale Möglichkeit in Betracht zu ziehen hat, in ihr Raum einnimmt. Bis dato hat sie dieses Faktum verdrängt. Didion fällt, wacht in Blutlachen vor dem Bett liegend auf, hat Angst, vom Stuhl aufzustehen, weil sie nicht weiß, was dann geschieht. Welche Angst verbirgt sich wirklich hinter dieser?

Nach dem Tod Quintanas stürzt sie sich in Arbeit, verdrängt sie: sie inszeniert ein Theaterstück. Hinter der Bühne wird ein provisorischer Esstisch aufgebaut, an dem das Team nach den Proben noch zusammensitzt und isst und trinkt. Was in Didions Diktion wie eine normale Gruppenaktivität klingt, beschreibt Kachka [3] als Aktion des Teams, sicherzustellen, daß Didion, die kaum noch 40 Kilogramm wog, auch aß…. Medizinische Untersuchungen können keinen Befund liefern, auch was ihre neurologischen Ausfälle angeht. Die Physiotherapie dagegen macht ihr überraschenderweise Spaß….  das Alter jedenfalls klopft heftig an ihre Tür eines Menschen, der sich davor gefeit fühlte…

Die Angst kommt von dem, was noch verloren gehen kann.

Noch einmal kehrt sie zu ihrer Tochter zurück. Didion/Dunne hatten ihrer Tochter gegenüber aus der Adoption kein Geheimnis gemacht. Für Quintana war dies kein Problem, aber immer herrschte in ihr die retrospektive Angst, das Erschrecken darüber, das alles hätte anders kommen können, das Erstarren vor der Macht des Zufalls: “Was, wenn du nicht zu Hause gewesen wärst, als Dr. Watson anrief?”  [i.e. bei der Nachricht, daß ein wunderschönes Baby zur Adoption stünde]… Was, wenn es auf dem Freeway einen Unfall gegeben hätte – was wäre dann aus mir geworden?

1998 meldet sich die biologische Familie tatsächlich bei Quintana, die Schwester per Brief, aber auch die Mutter. Letztere ruft viel an, stört Quintana bei der Arbeit und reagiert dann extrem, als Quintana ihr das sagt: sie stellt nicht nur die Anrufe ein, sie meldet ihr Telefon ganz ab. Auch zum Vater gibt es Kontakte, Fehler in den Akten (nicht gelöschte Daten sind lesbar) machen dies möglich….

Die Möglichkeit, daß es solche Kontakte zu den biologischen Eltern geben könne, war Didion/Dunne immer bewusst, aber sie zu akzeptieren, war etwas anderes.


Didions Aufzeichnungen Blaue Stunden sind ein Buch über die Trauer: die unermessliche Trauer über den Tod der Tochter, deren Sterben sich kontinuierlich in die Trauer über den verstorbenen Mann einfügt, die Trauer aber auch angesichts der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit, der eigenen Schwäche, die spürbar wird in, mit und durch dieses Ereignis.

Trauer ist Schmerz und aus diesem Grund bleibt der Eindruck beim Lesen der Blauen Stunden seltsam unbeteiligt und mit dieser Unbeteiligung, dem dadurch herrschenden Abstand zur Autorin auch verstört: Didion berichtet, erzählt kühl, mit großem Abstand zum Ganzen, ihre Trauer äußert sich in Fragen, in Zweifeln, in Feststellungen. Selbst die Ängste, die sie spürt, scheinen nicht aus dem Bauch zu kommen: bei Didion geht alles über den Kopf, die Ratio, den Intellekt. Wo andere schreiben würden: “Wie hat sie nur glauben/meinen können…” schreibt Didion: “Wie hat sie nur denken können….”

Selbst die Beobachtungen, mit denen sie ihren eigenen Verfall wahrnimmt und dokumentiert, klingen seltsam neutral und unbeteiligt, sie lesen sich irritierend ob der Bedeutung, die sie haben. Und wieder schwört Didion den Gefühle ab: Nicht jammern hängt als Zettel an der Pinwand.

Didions Buch ist inhaltsschwer, man könnte über jede Seite darin, jeden Absatz nachdenken und diskutieren. Man empfindet beim Lesen und Nachdenken über das Gelesene ein gewisses Mitleid mit der Autorin, der man mehr Gefühle gegönnt hätte, mehr Herzenswärme, ein anderes Ventil, um jetzt mit dem, was sie loslassen musste und – bezogen auf sich selbst – loslassen muss, umgehen zu können. Die Fragen aber, die sie sich stellt, können eines Tages auch unsere Fragen an das Leben sein. Ob wir dann Antworten finden werden oder ob wir – wenn wir keine finden – die Kraft haben, die Fragen einfach im Raum stehen zu lassen?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: http://de.wikipedia.org/wiki/Joan_Didion
[2] Ulrich Rüdenauer: Altwerden ist keine Bagatelle;   http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-02/joan-didion-blaue-stunden
[3] ein muss: Boris Kachka: Blaue Nächte; http://dreizehn-magazin.de/blaue-naechte/
[4] Gabriele von Arnim: Radikales Tagebuch des eigenen Zerfalls;  http://www.deutschlandradiokultur.de/radikales-tagebuch-des-eigenen-zerfalls.950.de.html?dram:article_id=141286
[5] Thomas David: Ist der Tod ihre einzige Realität, Mrs Didion? (Interview)  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/joan-didion-im-gespraech-ist-der-tod-ihre-einzige-realitaet-mrs-didion-11661176.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

ferner möchte ich noch auf diese beiden Bücher der Niederländerin Connie Palmen hinweisen, die ihre zwei Männer verloren hat und diese Lebenskatastrophen ebenfalls in sehr beeindruckender Weise literarisch festhielt:

I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam:  https://radiergummi.wordpress.com/2013/05/01/connie-palmen-i-m-ischa-meijer-in-margine-in-memoriam/
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres:  https://radiergummi.wordpress.com/2013/05/05/connie-palmen-logbuch-eines-unbarmherzigen-jahres/

Mehr zum Themenkreis “Krankheit, Sterben, Tod und Trauer” in meinem Themenblog:
https://mynfs.wordpress.com und auf meiner facebook-Seite: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod

Joan Didion
Blaue Stunden
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel

Originalausgabe: Blue Nights, NY, 2011
diese Ausgabe: List, TB, ca. 210 S., 2013

Der Eckhaus-Verlag aus Weimar [1] ist ein noch junges Unternehmen, eine Verlagsgründung in den Zeiten, in denen das e-Book den Markt durcheinanderwirbelt – eine mutige Entscheidung und der Ehrgeiz, ein angesehener deutscher Verlag zu werden: ein löbliches Vorhaben. Thema des Verlages ist das Wahren der Erinnerung, denn geht die Erinnerung verloren, kann Zukunft nicht gestaltet werden.

Diesem Motto gehorcht auch das Buch von Ulrich Völkel, Cheflektor des Verlages, mit dem Titel Das ferne Grab. Der Inhalt des Buches ist weitgehend (auto)biographisch, die Ausgestaltung eine Fiktion. Völkel nennt seinen Text “Novelle”, was sich mir nicht erschließt, denn die “unerhörte Begebenheit”, das “seltsame, unerhörte Ereignis” , welches einer Novelle zugrunde liegen sollte – sie ist nicht erkennbar. Denn leider geht es um ein Schicksal, daß viele, Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Frauen teilen bzw. geteilt haben: ihre Männer sind auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges geblieben, ohne daß sie Abschied nehmen konnten und/oder daß sie – insbesondere bei den toten Soldaten in Russland/der Sowjetunion – das Grab besuchen konnten.

voelkel

Völkel [2], Jahrgang 1940, erzählt in seinem Buch seine Familiengeschichte, besonders die Geschichte seiner Mutter, die er im Buch als Elisabeth (“Li”) Thal auftreten läßt. Es ist keine aussergewöhnliche Geschichte für die damaligen Zeiten, es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die beiden Verliebten waren arm wie die Kirchenmäuse, als sie 1938 heirateten. Ihr Vater war nicht begeistert, er hätte lieber einen Mann mit einem handfesten Beruf an der Seite seiner Tochter gesehen als einen arbeitslosen kaufmännischen Angestellten. Aber die Mutter stand auf der Seite ihrer Tochter…. daß diese schon ihr erstes Kind unter dem Herzen trug, verschwieg Li allerdings wohlweislich….

Arm, arbeitslos, die Versicherung Lis aufgelöst, um halbwegs einen Hausstand gründen zu können – der Mann Robert verpflichtete sich bei der Wehrmacht auf 12 Jahre. Die wollte er auf einer Arschbacke abreißen und von dem Entlassungsgeld dann eine Farm in Afrika kaufen. Wärme, unendliche Weite.. das lockte ihn und Li wäre mitgegangen. Probleme mit den Losungen und Plänen der Nationalsozialisten hatte er nicht, natürlich saugten die Plutokraten und Juden Deutschland aus…. auch darin unterschied sich Robert kaum von vielen, den meisten anderen Deutschen.

Doch es kam anders als geplant… Robert machte den Feldzug nach Russland mit (.. ein längerer Aufenthalt in Russland… so steht es in einem seiner Briefe an Li), unendliche Weiten, unendlicher Schmutz, ein unangenehmer Gegner. Trotzdem wich das Überlegenheitsgefühl Roberts nicht, der Optimismus, den Feind bald besiegt zu haben: Seit den frühen Morgenstunden greifen wir an, um den Bolschewiken den Rest zu geben. Und daß es diesmal nach meiner Meinung nicht allzu lange gehen kann, davon bin ich überzeugt, weil deren Kampfmoral und vor allem das Menschenmaterial sehr mies ist. …. schreibt er im Mai 1942 nach Hause.

Auch zu Hause wird es immer schwieriger für Li. Zwei Kinder hat sie, das dritte ist unterwegs. Die Nahrungsmittel werden knapp, im Winter fehlt Heizmaterial, Medikamente gegen die Erkrankung der Kinder auch. Sorgen, Angst, Enttäuschungen, und immer wieder Hoffnungen, daß der Papa, der Mann Urlaub bekommt und wieder einmal, endlich, nach Hause kann….

Im September 1942 bekommt Li das letzte Lebenszeichen von Robert, der Brief vom 20. trifft eine Woche vor der Geburt ihres dritten Sohnes ein. Erst im Juni 1943 bekommt sie die offizielle Nachricht vom Wehrkreiskommando, daß Robert am 7. Dezember 1942 durch einen Kopfschuss in der Nähe von Stalingragd gefallen ist.


Elisabeth Thal und ihre drei Kinder haben den Krieg überlebt, Li hat jedoch viele der Verwandten verloren. Nach dem Krieg lebte sie mit ihren Kindern in der damaligen DDR. Die “Wende” 1989 in Deutschland und die “Perestoika” in der ehemaligen UdSSR ermöglichten etwas, woran sie vielleicht nicht mehr geglaubt hatte: sie hatte jetzt die Möglichkeit, Abschied zu nehmen, das Grab ihres Mannes zu besuchen, eine Blume dort niederzulegen, den tief in ihr – auch nach Jahrzehnten noch – nagenden Zweifel, ob er wirklich tot sei, auszuräumen.

Denn dieser Zweifel war da, die widersinnige Hoffnung, daß Robert vielleicht doch noch leben würde, in Russland, ohne Gedächtnis möglicherweise wo er eigentlich herkäme… Innere Ruhe würde sie erst finden, wenn sie durch das Grab die Gewissheit seines Todes hätte, wenn sie buchstäblich “begreifen” könnte, daß er tot ist.


In der Wirklichkeit ist die hochbetagte Elisabeth Thal nicht mehr in der Lage, eine Reise zum großen Soldatenfriedhof bei Wolgograd [3]. Dies übernimmt ihr Sohn Ulrich: Sie hatte die Kraft nicht mehr, eine Reise nach Wolgograd zu unternehmen. Ich habe diese Reise für sie in meinem Gedanken gemacht. …. der ihr aber von ihrer fiktiven, als Novelle festgehaltenen Reise, nichts erzählt, um sie nicht unnötig aufzuregen.

Völkel läßt die “fiktive” Li mit einer Gruppe von Kriegerwitwen nach Wolgograd fliegen. Auf dieser Reise werden bei Li noch einmal die Erinnerung wach an diese Zeiten, an ihre Hochzeit, die Kinder, die Kriegsjahre, auch die Jahre in der DDR… ihren größten Schatz hatte Li retten können, auch als alles in Schutt und Asche gebombt worden war: Briefe von Robert und auch von ihr, die als unzustellbar zurückgekommen waren. Diese Briefe hat Völkel in seinen Text eingefügt, sie sind neben den Erinnerung ein wesentlicher, vielleicht sogar der aussagekräftigere Teil des Buches.

Völkel beschreibt, wie schwierig es für ihn war, diese Briefe des zu DDR-Zeiten als “faschistischer Soldat” bezeichneten Robert Völkels zu lesen. Den Briefen ist kein Zweifel zu entnehmen – gab es wirklich keine? -, ungebrochener Optimismus und Glaube an den Sieg herrschen vor, auch wenn es Klagen gibt über die mangelhafte Versorgung und die schlechten hygienischen Verhältnisse. Aber Russland ist ein riesiges Land, der Vormarsch war schnell, man kam in der Etappe nicht nach. Ja, Kameraden starben, aber das ist so im Krieg und man stellt die Toten dem Russen ordentlich in Rechnung. Sehnsucht nach der Frau, den Kindern, nach gutem Essen, Hoffnungen.. Anweisungen und Bitten um Pakete… alles ist Willkommen. Vielleicht sind diese Bitten ein Zeichen dafür, daß an der Front doch nicht alles kritiklos gesehen wurde…

Von ihrer Seite aus immer wieder die Hoffnung, ihren Mann endlich wieder zu sehen, die Enttäuschen, zu Weihnachten allein zu bleiben wie auch zu Silvester. Schilderungen über die Probleme in der Heimat: Knappheit an Nahrung, Medikamenten, Spielzeug, Heizmaterial…. und gleich wieder die Beschwichtigung: man will dem geliebten Mann an der Front ja nicht die Seele schwer machen….. die Kinder, die ohne den Vater aufwuchsen, sich nach ihm sehnten.. auch sie immer wieder enttäuscht.

In Russland dann die direkte Auseinandersetzung mit dem fremden Land, dem einst unverbrüchliche Freundschaft geschworen, mit dem Friedhof für die deutschen Gefallenen, der von den Russen keineswegs mit Freuden begrüßt wurde, dann aber dazu führte, daß auch für russische Gefallene ein Friedhof angelegt wurde – in der Schilderung dieser Vorgänge durch eine junge Russin werden auch die unterschiedlichen Mentalitäten und der Umgang mit der Vergangenheit deutlich…


So ist Völkes schmales Büchlein, das durch einen Gedichtzyklus schöne kindheit gewesen ergänzt wird, ein sehr privates Buch, eine späte Aufarbeitung auch des Verlustes des Vaters, der Zerstörung der Familie, es ist ein Dank auch an die Mutter dafür, wie sie ihr Schicksal getragen hat. Die Mutter, die ein Leben lang die Trauer nicht wirklich in ihr Leben integrieren konnte, weil die Ungewissheit an ihr nagte, nicht nur ob Robert wirklich tot sei, sondern auch die, ob die Aussage, er habe einen schnellen, schmerzlosen Tod gehabt, stimmt…. es bleibt die Hoffnung, daß sie, die taggenau 70 Jahre  nach ihrem Mann, kurz vor ihrem 99. Geburtstag gestorben, ist, in Frieden gegangen ist. Insofern ist es auch ein Buch über die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen.

Das Buch ist mit Familenfotos illustriert, die in den Text eingestreuten Briefe strukturieren die Erinnerungen der Mutter zu jeweils weitgehend abgeschlossenen Abschnitten. Ich denke, für jede, der nicht nur an der großen Weltpolitik interessiert ist, sondern auch am Schicksal einzelner, das unter Umständen genommen werden kann als stellvertretend für viele Schicksale, ist Das ferne Grab in seiner unaufgeregten, nachdenklichen Art eine lohnende Lektüre.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Verlages: http://www.eckhaus-verlag.de
[
2] Homepages des Autoren: http://www.ulrichvoelkel.de
[3] auf einem dieser Granitwürfel ist der Name “Robert Ludwig Völkel” eingraviert:  http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kriegsgräberstätte_Rossoschka


Ulrich Völkel
Das ferne Grab

mit dem Gedichtzyklus: schöne kindheit gewesen
diese Ausgabe: Eckhaus-Verlag, brosch., 135 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

Er wollte nicht werden wie all diese wunderlichen Insekten,
hinter einer Glasscheibe auf eine Nadel gespießt.
Der Unterschied zwischen der zugesperrten Tür und dem Glas,
das die Insekten bedeckt, war sehr gering.

mankell anti cover

Hans Bengler ist nicht das, was man einen zielstrebigen jungen Mann nennen kann. Er stammt aus einer kaputten Familie, die Mutter war gestorben, als er fünfzehn Jahre alt war, die Schwester leben im Ausland und im Elternhaus siecht mit seinen Kiefern malmend der syphilitische Vater vor sich hin, die alte Haushälterein betreut ihn.

Mankell führt uns mit seinem Roman Die rote Antilope in das Schweden der siebziger Jahre des 19. Jhdts. zurück, in den Süden das Landes, in dem Hans Bengler aus Växjö in Lund Medizin studieren will. Als jedoch in seiner ersten Anatomiestunde ein liederliches Frauenzimmer, das besoffen zu Tode gekommen war, obduziert werden sollte, bricht er sowohl zusammen als auch das Medizinstudium ab. Mehr durch Zufall als durch Absicht landet er daraufhin in der Biologie und wird Insektenforscher.

Der Wunsch, ein bis dato unbekanntes Insekt, eine Fliege vielleicht oder einen Käfer, zu entdecken und damit seinen Namen unsterblich zu machen, treibt ihn in das südliche Afrika. Schon auf der langen Schiffspassage verändert er sich, die Vergangenheit verblasst, selbst die Erinnung an Matilda, die kleine Prostituierte, zu der er immer gegangen war….

Von Kapstadt aus macht er sich 1876 mit einem kleinen Treck bestehend aus Ochsenwagen und einheimischen Treibern auf den Weg nach Norden in die Kalahariwüste. Schon jetzt und hier wird klar, daß Bengler die Mentalität dieser Einheimischen nicht begreift, dafür begreift er aber, daß er Macht hat über diese Menschen, sie sogar schlagen könnte. Er ist der Herr, letztendlich hier über Leben und Tod.

Nach einem anstrengenden und zermürbenden Treck stoßen sie nach zwei Monaten dem Verdursten nahe völlig unerwartet auf eine Hütte, in der Bengler vom Besitzer, als wäre es selbstverständlich, auf Schwedisch angeredet wird. Anderson, so sein Name, ist selber hier vor fast zwei Jahrzehnten gestrandet und lebt nun mehr oder weniger vom Tauschhandel mit den Eingeborenen. Zuerst aber bittet er Bengler, ihm ein Furunkel am Rücken, aus dem vielleicht neben Blut und Eiter auch ein paar Spinnen herauskommen könnten, aufzuschneiden, er selbst käme nicht dran und andernfalls müsse er wohl sterben….

Bengler bleibt erst einmal bei Anderson, Freunde werden sie nicht. Eines Tages findet Bengler in eine Kiste eingesperrt ein eingeborenes Kind, Anderson hat es gegen eine Sack Mehl getauscht. Seine Eltern sind ermordet worden, ob von einem anderen Stamm oder von Deutschen, die gerne Jagd auf Eingeborene machen, war nicht festzustellen. Bengler packt so etwas wie Mitleid (im besten Fall) oder ein missionarischer Impuls (im zweitbesten Fall) oder eine Geschäftsidee (im schlechtesten Fall) – er ist wohl selber darüber nicht im Klaren: jedenfalls adoptiert er den Jungen kurzerhand und reist ab, da er zu diesem Zeitpunkt seinen unbekannten Käfer schon gefunden hatte. Wobei man sich fragt, wer hier wirklich der unbekannte Käfer ist, mit dem sich Bengler einen Namen machen will: das aufgespiesste Insekt in der Kiste oder der Junge?

Natürlich wehrt sich der Junge, dem man nichts erklären kann, weil keiner die Sprache des jeweils anderen spricht, mit Händen und Füßen dagegen, abtransportiert zu werden, so daß Bengler sich gezwungen sieht, ihn zu fesseln und an den Wagen zubinden. Im Herbst 1877 schließlich erreichen die beiden per Schiff Frankreich, von dort aus geht es weiter auf See nach Schweden. In der Zwischenzeit haben sich die Bengler und Daniel (auf diesen Namen hat Bengler seinen Adoptivsohn “getauft”) etwas angenähert. Daniel lernt – oder unterliegt er nicht vielmehr einer Dressur? -, mit Messer und Gabel zu essen, Schuhe zu tragen und kann auch ein paar Brocken Schwedisch. Jedoch ist und bleibt er verschlossen, schweigsam und sehr zurückgezogen, nie lacht er. Das erste Lachen von ihm ist zu hören, als er aus einem Hotelfenster heraus im Hinterhof zwei Mädchen Seilspringen sieht.

Aber nicht nur für Daniel beginnt jetzt ein neues Leben, auch Hans Bengler merkt, daß sich in den Monaten seiner Abwesenheit sein altes Leben aufgelöst hat und er ein neues finden muss.

Im zweiten Teil des Romans wechselt der Erzähler die Perspektive, von jetzt an wird die Geschichte aus der Sicht des Jungen, der Molo heißt, was nie jemanden auch nur im geringsten interessierte, erzählt.

Für Molo (wie ich den Jungen jetzt nennen will, Mankell bleibt – obwohl er seinen Erzähler die Perspektive hat wechseln lassen, bei dem oktroierten Namen Daniel) ist in diesem kalten, nassen, dunklen Land alles fremd und unverständlich. Er weiß nicht, was er hier soll, zwar lernt er die Sprache im Lauf der Monate besser verstehen und auch sprechen, aber damit wächst sein Verständnis nicht. Er begreift, daß der Mann, der ihn hierher gebracht hat, ihm nichts Böses will, was er ihm Gutes tut, weiß er indes auch nicht. Molo vermisst die Wüste, den Sand unter den Füßen… alles ist so schwierig und kompliziert in diesem dunklen Land, angefangen vom Verrichten der Notdurft über das Essen bis hin zum Zwang, Schuhe zu tragen. Für alles gab es Regeln, und Daniel versuchte sie zu lernen, ohne daß er verstand, wozu.

Er wird angestarrt, fällt überall auf, fremde Menschen kommen, um ihn anzufassen, zu vermessen, festzustellen, wie groß sein Schädel ist, wie weit der Abstand zwischen den Augen, wie lang sich sein Penis ziehen läßt…. Er ist Objekt geworden einer dumpfen Neugier, Sensation eines Volkes, das sich am Exotischen mit einen kurzen Reiz für einen Moment aus dem eigenen dumpfen und dunklen Leben befreit.

Ich heiße Daniel. Ich glaube an Gott.

Sie leben in den übelsten Kaschemmen und Hotels, Benglers Plan, mit Vorträgen über die Insekten der Kalahari Erfolg zu haben und Geld zu verdienen, geht nur bedingt auf. Immer öfter spricht der Mann dem Alkohol zu und kommt abends besoffen in das Hotelzimmer zurück, in dem der Junge auf ihn wartet. Die wahre Attraktion seiner Vorträge soll Molo sein, der unter einem Tuch verdeckt, auf der Bühne zu sitzen hat und dann im geeigneten Moment entblößt wird: Ich heiße Daniel. Ich glaube an Gott. Wie ein dressiertes Tier.. Doch Molo ist kein Tier, sondern ein kleiner Junge, der sich nach seinen Eltern sehnt….

…. seinen Eltern, die er im Traumland trifft, die ihn von dort aus rufen, die ihm erscheinen. Kiko und Be sind nicht wirklich tot für ihn, sie sind nur auf der anderen Seite…. er trifft sie, kann sich manchmal an ihnen wärmen… er vermeint sie auch sehen, ganz wirklich, in dem großen Saal mit den vielen Menschen ganz hinten steht Kiko und Molo springt auf will zu Kiko laufen und die Leute geraten in Panik und entsteht ein Tumult und Kiko ist nicht mehr da und Bengler weiß nur, daß wieder alles schief gegangen ist, warum, das interessiert ihn nicht…

Molo hat einen Auftrag bekommen von seinem Vater Kiko, damals, als sie noch eine Familie waren: er soll die Antilope, die in den Felsen in der Wüste geritzt ist, der Heimstatt ist für die Götter, die in ihm wohnen, vollenden… Mankell erzählt uns über die Figur des Molo viel aus der Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen im südlichen Afrika, die für die Europäer der damaligen Zeit kaum mehr waren als abrichtbare Arbeitstiere oder jagdbares Wild…. alles, was Molo dort hatte, die Familie, die Nähe, die Wärme, auch die der Körper, das Gefühl des warmen Sandes unter den Füßen, die Geräusche des Windes in der Wüste – all das vermisst er, nichts davon interessiert die Menschen in dem fremden Land.

Molo in seiner Unwissenheit schmiedet Pläne, wie er wieder nach Hause, in die Wüste  kommen kann, auch, um den Auftrags des Vaters zu erfüllen. Er muss lernen, so wie der Gott, den diese Menschen hier in ihm so unverständlicherweise an die Planken genagelt haben, über das Wasser zu gehen, über das Wasser, über das er mit “Vater” in dieses Land gekommen ist… aber es ist schwer, sich so leicht zu machen, daß man auf dem Wasser laufen kann, immer wieder sinkt er ein, wenn er nachts heimlich ans Meer läuft, um es zu lernen…

Nicht alle sind schlecht zu ihm. Eine Reporterin, der Bengler eine Lügengeschichte über Molos Herkunft erzählt und die dies durchschaut, spricht mit Molo selbst. Es ist dies eine Szene, bei der man nicht weiß, ob sie einfach nur kitschig ist oder ob sie in anrührender Weise von Menschlichkeit erzählt… ich habe mich für letzteres entschieden: Molo sieht in der jungen Frau seine Mutter, glaubt, Be habe sie zu ihn geschickt und er bittet sie, die Knöpfe zu öffnen, er möchte sich wie bei Be an ihre warmen Brüste schmiegen…. Als Bengler in diese Szene platzt gibt es einen Eklat, bei dem Bengler die Beherrschung verliert: rasend stürzt er sich auf die junge Frau. Was genau passiert, bleibt im Dunkeln, jedenfalls müssen Bengler und Molo fliehen…

Durch diese Flucht drehen sich die Verhältnisse um: Bengler geht zurück nach Afrika in die Wüste, diesem so heiß ersehnten Ziel Molos und Molo läßt er (und er gibt den Leuten Geld dafür) bei einer Bauersfamilie zurück. Alma und Edvin sind gute Menschen, Alma versucht, sich mit dem Jungen zu unterhalten, Kontakt zu ihm zu bekommen, aber Molo ist misstrauisch geworden, kein Mensch soll durch seinen Panzer in ihn hineinsehen und in ihm eventuell seine Fluchtpläne entdecken können. Aber wie soll ein kleiner, schwarzer Junge im schwedischen Winter fliehen? Fast erfriert er, bis man ihn findet und wieder zurück bringt, zitternd, hustend, fast tot….

Sanna ist ein Hoffnungsschimmer für ihn, das Mädchen, das völlig unbefangen ist, das dreckig ist, das stark riecht, das nicht bei Trost ist, das den Menschen lauscht, die in der Erde versteckt sind und das im Lehm wühlt, um zu ihm zu kommen. Etwas wie Zuneigung zu ihr entsteht in Molo, er spürt, daß diese Waise ebenso einsam und verloren ist wie er…

Noch einmal will er fliehen, zusammen mit Sanna, die jetzt mitkommen will: der Bauer, bei dem sie wohnen darf, hat ihr Gewalt angetan und sie will nur weg. Sie kommen recht weit, auf einem Boot rudern sie hinaus – und werden doch noch aufgegriffen und Molo, der lieber ins Wasser gehen will als sich auf das fremde Schiff bringen zu lassen, wird von Sanna verraten, sie hält ihn fest, so daß er nicht über Bord springen kann und so kann er nicht zu Be, die ihn ruft… böse Geister hindern ihn, Sanna kann kein Mensch sein, sie ist ein böser Geist, sie ist ein böser Geist, ein böser Geist, er muss sie vernichten, sie töten….

Molos weiteres Leben bei Alma und Edvin, zu denen er zurückgebracht wird, ist wie das Flackern einer sterbenden Kerzenflamme. Molo zieht sich immer weiter zurück…. nein, eigentlich ist es kein Rückzug, es ist eine Rückkehr nach Hause, er kehrt zurück, er läßt sich in den Urgrund seines Ichs, seines Seins fallen, er kommt der Wüste immer näher, er spürt, daß Kiko und Be auf ihn warten… es ist Edvin, der “sieht”, daß Molo umgeben ist von Menschen, die man nicht sieht, er, dem Molo ansonsten ein Rätsel ist, er ist es, der die Anwesenheit von Kiko und Be spürt, nicht Alma, die sieht, daß der Junge, den sie in Herz geschlossen hat, aus Sehnsucht stirbt ….. ein Hindernis muss er noch überwinden, den bösen Geist, der zwischen ihm und Be steht, zwischen ihm und der Wüste, ihm und Kiko, zwischen ihm und seinem Sein….

Die Krähen zankten sich. Sie tauchten hinab in den Lehm, rissen sich wieder empor, und ihr Gezeter tönte schneidend durch den Wind. Es hatte lange geregnet, in diesem Augustmonat 1878. Die Unruhe der Krähen kündigte den Herbst an und einen langen, strengen Winter. Aber einer von den Kätnern, die zum Schloss Kågeholm gleich nordwestlich von Tomelilla gehörten, wunderte sich über die Krähen. An ihrer Unruhe war etwas, das er nicht kannte. Und Krähenschwärme hatte er schon sein ganzes Leben lang gesehen. Spät am Nachmittag ging er an einem Graben entlang, der mit Wasser gefüllt war. Fast bis zuletzt blieben die Krähen sitzen. Aber als er zu nahe kam, verstummten sie und flatterten weg. Und er, der gekommen war, um zu sehen, was die Unrast der Vögel verursachte, entdeckte sofort, was es war: Da lag ein totes Mädchen, zur Hälfte unter einem Reisighaufen begraben.

 Jetzt ist der Weg frei für Molo, er kann nach Hause zurückkehren. Der Sarg, der in die Erde gelassen wird, ist in Wirklichkeit leer.


Mankells Roman Die rote Antilope schildert das Schicksal eines – vielleicht sogar aus guter Absicht -nach Europa verschleppten afrikanischen Jungen. Dort jedoch wird die gute Absicht konterkariert durch die Instrumentalisierung des Jungen, der als exotisches Schauobjekt (aber auch als wissenschaftliches einer neuen Disziplin: Rassenkunde) missbraucht wird. Fast niemand kümmert, daß Molo/Daniel ein Mensch ist, ja, manchmal wird das sogar angezweifelt, niemand fragt ihn nach seinen eigenen Bedürfnissen, seine Wünsche, seine Träume – nichts davon interessiert Bengler oder die anderen. Für sie ist nur wichtig, daß er lernt, sich zu benehmen.

Die zwei Kapitel des Romans, deren Inhalt ich oben skizziert habe, werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Im ersten Teil wird auf das Schicksal Benglers eingegangen, es endet mit dem Entschluss, den Jungen zu adoptieren. Die Nennung konkreter Zahlen und Daten suggeriert ein historisches, tatsächlich stattgefunden habendes Ereignis, ein den beiden Abschnitten nachgeschalteter Epilog über einen Schrifsteller in der Jetztzeit (Mankell selber?), der sich in der Kalahari auf die Suche macht nach dem Stamm Molos, verstärkt dies zwar, aber Mankell betont im Nachwort, daß dies eine Geschichte ist, die so hätte geschehen können

Speziell im zweiten, aus der Sicht Molos geschilderten, Abschnitt will uns Mankell, ein Freund Afrikas, wohl die besondere Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen dort vermitteln. Er läßt dazu die völlig konträren Welten Europas und Afrikas aufeinander”prallen”, wer aus dieser Kollision als Verlierer  hervorgeht, steht damit schon von Anfang an fest. Eine an Träumen und Traumwelten orientierte Lebenswelt kann dem Ansturm einer wissenschaftlichen, an Geld und messbaren Erfolgen interessierten Gesellschaft kaum standhalten, zumal diese sich ihrer vorgeblichen zivilisatorischen Überlegenheit sehr bewusst ist….

Es ist – nicht nur hautfarblich – ein Roman in Schwarz/Weiß. Das Schweden, das Mankell beschreibt, ist dunkel, es ist arm, dreckig, es stinkt, es ist verlaust und verwanzt, die Menschen sind zumeist dumpf, dumm und/oder unsympathisch. Afrika dagegen weist die Exotik auf, die man liebt: Sonne, warmer Sand, fröhliche Eingeborene, die ihren unbeschwerten (?) Tätigkeiten nachgehen, schwatzhaft sind die Frauen, ernsthaft der Mann, der an Felsen Götterbilder ritzt. Sonderlich arbeitsam und fleißig sind sie nicht, deswegen muss man manchmal streng sein als Weißer…. prallen beide Welten aufeinander, verliert die afrikanische: in Afrika selbst werden die Einheimischen gerne niedergemetzelt, wie es ihnen nach Europa verschleppt ergeht, ist das Thema des gesamten Romans. Diese Konstellation führt dazu, daß der Leser seine Sympathien sehr schnell nur noch auf Molo konzentriert

Mit Bengler und Molo hat Mankell zwei Archetypen geschaffen: den gescheiterten Europäer, der nach Afrika geht: “Es kommt oft vor, daß Europäer, die untalentiert sind, nach Afrika kommen. Hier können sie ihre Hautfarbe und ihren Gott geltend machen. Müssen nichts können, nichts wollen. Hier lebt man gut davon, Menschen zur Unterwerfung zu zwingen. ….” Ein deutliches Statement Mankells… Bengler entspricht dem weitgehend: zu Hause kein rechtes Bein auf den Boden bekommen, die Entdeckung eines Käfers, um seinen Namen für die Ewigkeit zu konservieren: ein eher bescheidenes Ziel (bei allem Respekt für den Käfer). Und die Afrikaner? Haben der Brutalität und dem Selbstbewusstsein der Fremden ihre Träume entgegenzusetzen, aber selten nur behalten Träume gegenüber Peitschen und Gewehren die Oberhand…

Mankells Roman ist auch eine Einführung in die afrikanische Seele ebenso wie eine Anklage an die europäische, die auf diesem Kontinent Schuld auf sich geladen hat. Inwieweit seine Darstellung des Molo und seiner Träume zutreffend ist oder übertrieben – ich vermag es nicht zu beurteilen, ich kann es mir aber gut vorstellen. Insofern sehe ich in den Kritiken, die gerade die gerade die Figurenzeichnung des Jungen als exotisch, drastisch, klischeehaft, im Ganzen als unglaubwürdig bezeichnen, auch einen Erscheinung derartiger Ignoranz, die das Fremde, oder hier: das Ge-/Beschriebene als solches nicht gutheißt, da es den eigenen Erwartungen nicht entspricht [1].

Zusammenfassend kann ich festhalten, daß Die rote Antilope ein sehr berührendes, tragisches Schicksal beschreibt, das sich aus dem Zusammenprall zweier unterschiedlicher Kulturen ergibt, denn gut gemeint (unterstelle ich dies mal) ist noch lange nicht gut gemacht. Und daß Mankell gut, unterhaltend und spannend schreiben kann, muss man  – glaube ich – nicht extra betonen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.perlentaucher.de/buch/henning-mankell/die-rote-antilope.html

Henning Mankell
Die rote Antilope
Übersetzt aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Originalausgabe: Vinders Son, Stockholm, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 380 S., 2003

Das Mystische – meist kommt es uns im verwandten Begriff des “Mysteriösen” entgegen, des nicht unmittelbar Einsichtigen, des nicht Erklärbaren. Als solches ist es oft Ingredienz eines Krimis oder Thrillers, gab andererseits aber auch einem ganzen Genre seinen Namen: Mystery. Wer würde sich nicht an Scully und Mulder erinnern…

Aber dies sind Profanisierungen eines Begriffes, der zutiefst spirituellen Ursprungs ist. Die Erkenntnis Gottes, des Göttlichen kann auf verschiedene Arten erfolgen, über den Glauben, über das Wort und über die unmittelbare Gotteserfahrung durch eine Erleuchtung, eine mystische Vereinigung mit dem Urgrund allen Seins. Dieses Phänomen ist nicht auf das Christentum beschränkt, es setzt noch nicht einmal einen Gottesbegriff voraus, mystische Traditionen gibt es ebenso in der östlichen Weisheitslehre des Buddhismus im Zen, auch die Hindus kennen den mystischen Weg, im Islam sind die Tanzenden Derwische ein Beispiel einer mystischen Tradition. Aus vorchristlichen Europa sind die Feste des Dionysos bekannt, die Bacchanalien, Mysterien, bei denen “…das orgiastische Auflodern … körperlich als die fleischliche Allgegenwart der Göttlichkeit empfunden wurde” [1]. In der christlichen Theologie wurde dieses leibliche Element dann letztlich zurückgedrängt, der Leib und leibliche Begierden wurden im Gegenteil eher zur Last bei der Suche und der Schau Gottes.

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Das Mysterium ist mit Worten nicht zu beschreiben, die Einswerdung mit Gott, mit dem Göttlichen ist unfassbar, ein Beschreibung mit Menschenwort würde sie und damit Gott auf die Ebene des Menschen hinabziehen. “Es gilt ganz grundsätzlich, daß man Worte von der Gottheit geistig auffassen muss, auch wenn sie in menschlicher Ausdrucksweise ausgesprochen sind” bescheidet uns Origines. Das mystische Geheimnis ist zutiefst arkan, es darf nicht verbreitet werden, nur dem Eingeweihten und Initiierten wird es zugänglich gemacht. In den ersten Jahrhunderten des Christentums ist diese Möglichkeit zur Schau Gottes nur dem geistlichen Stand möglich, da nur dieser der Schrift und des Lateinischen mächtig ist und so über den geheimen Inhalt der Schriften in das Mysterium eingewiesen werden kann. Entsprechend lebt die Mystik in Bildern, in Gleichnissen, deutet Gleichnisse in ihrem Sinn. Das Hohelied Salomons ist ein gutes Beispiel dafür: Zwischen Gott und der Seele besteht das Verhältnis von Braut und Bräutigam. Diese Bildsprache des Hohenliedes wird bei Origines und in den Jahrhunderten nach ihm zum Vokabular der Brautmystik. Der göttliche Logos ist der Same, den die Braut von ihrem Geliebten empfängt. Die erotischen Metaphern des Salomon´schen Lieds bieten sich für mystische Deutungen als besonders empfänglich dar: die Suche des Bräutigams nach der Braut ist die Suche des Mystikers nach Gott…. Ein weiteres Beispiel für das Bemühen, Arkane hinter dem geschriebenen Wort zu finden, ist die jüdische Mystik der Kabbala, deren Einflüsse auf die europäisch-christliche Mystik ebenfalls nachweisbar sind.

Von Bedeutung für die Entwicklung der Mystik in Europa ist gleichfalls die Spaltung der christlichen Kirche in eine Ost- und in eine Westkirche. Während die Westkirche zunehmend weltlicher agierte und auch den Missionsgedanken weiterhin pflegte, so daß die Innenschau theologisch an den Rand rückte, beharrte die Ostkirche viel stärker auf diesem kontemplativen Aspekt, der sich bis heute in Liturgie und Ritus erhalten hat.

Ein weiteres wichtiges Element war, daß im Zuge der Entwicklung der Nationalsprachen und der Übertragung von Schriften in diese Sprachen auch andere als nur Kleriker Zugang zum niedergeschriebenen Wort Gottes bekamen. Damit bekamen insbesondere auch Frauen die Möglichkeit, sich ihren spirituellen Zugang zu Gott schaffen. Theresa von Avila in Spanien, Hildegard von Bingen und ihre Zeitgenossin Elisabeth von Schönau (die Hildegard im Mittelalter an Reputation noch übertraf) sind bekannte Beispiele von Frauen, die ihre eigene mystische Gottesschau erleben durften. Insbesondere bei Hildegard ist erwähnenswert, daß sie die Einheit von Körper, Geist und Seele sah und sich auch den natürlichen Vorgängen des Körpers ohne Ablehnung zuwendete – eine Ausnahme in der Spiritualität der damaligen Zeit.

Mystik mit ihrer Bildersprache klandestiner Inhalte war dem Klerus ein stetes Ärgernis: es drohte ihm die Kontrolle zu entgleiten, Häresie und Ketzerei lag in der Luft. So wurde zum Beispiel der hochangesehende Dominikaner Meister Eckhart der Ketzerei angeklagt und auch verurteilt, nach seinem Tod, der um 1327/28 in Avignon eingetreten sein muss.

Die unmittelbare Gottesschau in der Mystik zu erreichen, ist nicht leicht. Es gibt aus heutigen Tagen die Lebenserinnerung eines Mönches, der davon erzählt, wie er in den Jahrzehnten des Chorgesang, den er geübt hat, Berge von Sand vor seinen Gott getragen hat und nur ganz vereinzelt, völlig unerwartet, tauchte ein Körnchen Gold wahrer Hingabe in diesem Sandberg auf. Es gibt keine Methode, vorherzusagen, wann und wo ein solches Körnchen zu finden ist, und so bleibt als einziges, weiterhin Sand vor Gott zu tragen, mit all der Hingabe, zu der er eben fähig ist…. Selbstverständlich wussten dies auch die Alten, sie wussten um die Rückschläge, die Verführungen, die Verzweiflungen, die den Übenden immer wieder überfallen konnten….


Der Theologe und Mystik-Experte Gerhard Wehr gibt ein seinem kleinen Buch eine Übersicht über gut zweitausend Jahre Mystik in Europa, die fast ausschließlich christliche Mystik ist, als solche aber zumindest in den Anfängen stark verwurzelt in der griechischen Philosphie des Platon und des Neuplatonikers Plotin. Ferner sind Einsprengsel aus der jüdischen Kabbala und auch Einflüsse aus dem Islam, der über Spanien einwirkte, nachweisbar. Erst in modernen Zeiten gewann man auch Kenntnisse über die östlichen Traditionen der Meditation, insbesondere der Zen-Buddhismus mit seiner Methode des Sitzens übte auf viele Westler, auch auf viele Ordensleute, eine starke Attraktion aus. Christliche Mönche gingen nach Japan, wurden dort Zen-Meister und kehrten dann nach Europa zurück, aber auch japanische Zen-Meister selbst kamen in den Westen, um zu unterrichten.

In seiner einführenden Übersicht über die Europäische Mystik vermittelt Wehr einen Eindruck über die Vielfalt dieses besonderen Weges der Gottesschau, die oftmals mit bestimmten Personen verbunden sind: Platon beispielsweise, der als geistiger, ja: geistlicher Führer anerkannt wurde, Origines als einer der großen frühen Theologen, Gregor von Nyssa, Augustinus natürlich, Bernhard von Clairveaux, Franz von Asissi sind einzelne Abschnitte gewidmet, während im zweiten Teil der Übersicht mehr geographische Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt werden. So stellt Wehr mystische Bewegungen in Italien, Spanien, Frankreich, England, Russland dar und natürlich als besonderen Schwerpunkt die Mystik in Deutschland/Niederlande (die geographischen Einheiten glichen damals nicht unbedingt den heutigen Grenzen).

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Mystik, die sich nach der Reformation im Protestantismus durchaus noch entwickelte, wenngleich nicht in der Bedeutung, die sie im Katholizismus hat und auch nicht immer zum Gefallen der Kirchenleitung: Wenn von einem Aufbruch mystischer Frömmigkeit innerhalb des Protestantismus gesprochen werden kann, so ist dies nicht auf die jeweils dominierende Theologie und Kirchenleitung zurückzuführen. … Die Zeugen spiritueller Erfahrung konnten in den landesherrlich kontrollierten “Landeskirchen” keinesfalls der Duldung der jeweiligen Konsistorien gewiss sein. Folgerichtig sind die Namen, die Wehr in diesem Kontext nennt, weniger bekannt, die Wirkung ihrer Träger nach aussen hin wird begrenzt gewesen sein.

Ein letzter Abschnitt befasst sich mit der Mystik in der Moderne. Hier wird u.a. auf mystische Tendenzen bei Rudolf Steiner verwiesen, es wird über die Bedeutung der Meditation gesprochen, auch der gegenstandslosen Meditiation, der Kontemplation, auch die Rezeption östlicher Vorstellungen aus dem Zen oder auf das erwachende Interesse am Herzensgebet der Ostkirche wird angerissen. Mit einer kurzen Charakterisierung der Wirkideen Karlfried Graf Dürckheims schließlich endet die Übersicht.

Europäische Mystik” ist kein Buch, das einführt in mystisches Denken, sondern es stellt die Entwicklung der Mystik in Europa anhand hervorragender Mystiker und Mystikerinnen dar. Deren Wirken wird mit charakterisierenden Zitaten belebt, es werden die Einflüsse dieser Männer und Frauen auf ihre Zeit und auf ihre Nachfolger geschildert. Naturgemäß kann so ein schmales Kompendium nur eine Auswahl bieten und nur einen ersten Eindruck vermitteln, den jeder bei Interesse für sich vertiefen muss. Ein umfangreiche Bibliographie erleichtert dies und gibt einen Einstieg, auch wenn diese Einführung schon 2005 erschienen ist. Aber was bedeutet dieses Jahrzehnt schon angesichts der Jahrtausende alten Geschichte, von der es handelt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Gerhard Wehr:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Wehr
[2] Georges Marbeck: Orgies, ipso facto publishers, 1999 (S. 210)

Gerhard Wehr
Europäische Mystik
in der Reihe: Grosse Denker
diese Ausgabe: Panorama, TB, ca. 308 S., 2005

 

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Zu Philip Roth muss man nicht allzuviel mehr sagen. Auch wenn ihm der höchste der Literaturpreise versagt blieb (zumindest bis dato), ist er doch einer der bedeutendsten Romanciers der USA und man kann es getrost so sagen, einer der wichtigsten wohl überhaupt. Was ihn ferner auszeichnet, ist die Tatsache, daß er sozusagen benediktartig 2012 seinen Rückzug vom Literaturbetrieb verkündet hat, “…er empfinde nicht mehr den Fanatismus, den er zum Schreiben braucht…” wird kolportiert [3]. Am Ende des vergangenen Jahrtausends hat er aber noch geschrieben und dieser Roman Der menschliche Makel, 2000 veröffentlicht, ist das Ergebnis.

In diesem Roman erzählt uns Nathan Zuckerman, diese in vielen Werken auftauchende Figur Roths, die Lebensgeschichte von Coleman Silk.

Coleman Silk ist bzw. war als Professor für klassische Literatur Dekan einer Universität in Neuengland. Er war es lange Jahre und er war so etwas wie ein Rausschmeisser, ein Erneuerer, ein Revolutionär, der im Auftrag und mit Billigung des Rektors die alten Zöpfe, die sich über Jahrzehnte geflochten hatten, abschnitt und entsorgte. … und dies nicht nur im übertragenen Sinn.. wenn altgediente Professoren im Eingangsgespräch gesagt bekamen: “Dann haben Sie ja die letzten dreißig Jahre nichts gemacht!”, verließen sie meist bald darauf ihre “Wirkungs”stätte. Für sie stellte Dekan Silk junge Leute mit Biss ein, die fachlich gut waren, die neuen Schwung brachten, auch der erste Professor mit dunklen Pigmenten in der Epidermis, der nach Athena geholt wurde, war dem Wirken Dekan Silks zu verdanken.

Mitte der 90er Jahre jedoch kippte die Stimmung gegen Silk. Ein neuer Rektor stand nicht mehr vorgehaltlos hinter ihm und dann geschah das, was im Grunde so unendlich nichtig war und in der Folge jedoch aufgebläht und zur Vernichtung Silks instrumentalisiert wurde. In einem der Seminare Silks fiel diesem auf, daß er zwei der eingeschriebenen Studenten noch nie im Seminar gesehen habe: “Kennt jemand diese Leute… oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?” [4]. Da die beiden fehlenden Studenten Afroamerikaner sind, konstruieren seine Gegner aus dieser irrelevanten Bemerkung einen Rassismus-Vorwurf , den sie Keule gegen Silk einsetzen. Da sich niemand für den alten Dekan einsetzt, die Hetze immer größer wird, seine Frau sogar an einem Schlaganfall stirbt, was er direkt und voller Hass und Wut auf “die” zurückführt, legt er seine Ämter an der Universität nieder, verläßt diese und zieht sich verbittert zurück.

Mit dieser Wut kommt er zu seinem Nachbarn, dem Schriftsteller Nathan Zuckerman, gestürmt, dieser solle die Geschichte und den “Mord” an seiner Frau zu einem Buch verarbeiten. Zuckerman macht dies nicht, aber die beiden Männer (auch Zuckerman lebt sehr zurückgezogen) freunden sich ein wenig an. In einer ganz bezaubernden Szene läßt Roth die beiden älteren Männer (Silk ist einundsiebzig Jahre alt, Zuckerman Mitte sechzig) zusammen tanzen und gönnt ihnen einen Augenblick tiefer Zufriedenheit (auch Zuckerman hat so seine Probleme, von denen viele auf die Nachwirkungen seiner Prostataoperation zurück geführt werden können…).

Jedenfalls erzählt Coleman seinem Nachbarn von seiner Geliebten, einer Frau, die knapp halb so alt ist wie der jetzt 71jährige, die in der Universität als Putzfrau arbeitet und die eine Menge der Kelche, die das Leben für eine Frau bereithalten kann, bis zur bitteren Neige gekostet hat: sexuelle Übergriffe im Kindesalter, eine Ehe mit einem Mann, der durch zwei Stationierungen in Vietnam traumatisiert und extrem brutal geworden war, der Tod zweier Kinder, die in der Wohnung verbrannten, die Scheidung, Nachstellungen und Bedrohungen durch ihren Exmann… ob sie früher auch zeitweise als Prostituierte gearbeitet hatte, wird nicht ganz klar. Außerdem ist sie Analphabetin. In Athena putzt sie in der Universität und in der Poststelle, ferner arbeitet sie auf einem Biohof und melkt dort die Kühe.

Die beiden geben sich Mühe, ihre Beziehung geheim zu halten. Aber egal wie abgeschieden man wohnt, wie vorsichtig man ist, ein solches Verhältnis läßt sich nicht geheim halten und kaum gerät der Rassismus-Vorwurf ein wenig in Vergessenheit, erfahren einige Leute von Colemans Verhältnis und die Hexenjagd geht von vorne los….

Es ist eine berührende Liebesgeschichte zweier verwundeter Menschen, die beide strikt leugnen, daß es sich um Liebe handeln könnte. “Mach es nicht kaputt, Coleman!” so bescheidet sie ihn, wenn sie das Gefühl hat, er würde diese Grenze überschreiten. Sie haben Sex miteinander, viel und ohne Hemmungen, es ist ihre gemeinsame Flucht aus einem Leben, das ihnen böse mitspielt. Faunia ist keine Schönheit im landläufigen Sinn, sie ist eher herb und knochig, in ihren Äußerungen unverblümt und direkt, diese Eigenschaften sind es, die Coleman zugleich liebt und die ihn verwirren. Sie dagegen liebt sein Alter, daß sie sich auf keine Überraschungen mehr einstellen muss und sie fühlt sich geschätzt und gleichberechtigt..

Die Gerüchteküche kocht und die Doppelmoral feiert Triumphe. Alles, was in die Welt gesetzt wird, wird auch geglaubt: z.B. habe Coleman Faunia zu einer Abtreibung gezwungen, danach hätte Faunia einen Suizid versucht, bei einem Unfall sei Colemann von der Straße abgekommen, weil Faunia ihn während der Fahrt oral befriedigt hätte und er abgelenkt gewesen sei, er habe in ein Büro einer Ex-Kollegin eingebrochen und in ihrem Namen diskriminierende Mails verschickt.. nichts ist zu absurd, als daß es die ehemaligen Kollegen, die Studenten, die Menschen nicht glauben würden…

Dies sind so in etwa die Dinge, die Nathan von Coleman selbst erfährt oder die er von dessen Leben mitbekommt, wenn sie zusammen hocken, was trinken und den alten Big-Bands lauschen…

Die Lebensstationen, die vor seiner Zeit in Athena liegen, erfährt Nathan dagegen von Ernestine, Colemans Schwester. Colemann als bester Schüler der Schule, der Vater, der seinen Kindern die Bedeutung des Wortes bzw. der Wörter lehrt und der für alle Gelegenheiten ein Shakespearezitat bereit hat, die Leidenschaft Colemans für´s Boxen und seine kurze Karriere als Profiboxer, seine Zeit in der Army, die Frauen, die er liebte, bis er schließlich dann Iris  heiratete, das Zerwürfnis mit der Mutter nach dem Tod des Vaters, die er verstieß, woraufhin ihm sein älterer Bruder strikt verbot, jemals wieder Kontakt mit der Familie aufzunehmen… Nathan lernt die Schwester Colemans auf einer Beerdigung kennen und ihm fällt die Ähnlichkeit der beiden auf, die auf ein Geheimnis weist, daß Colemann ein halbes Jahrhundert gewahrt hat…

Ausser dieser bemerkenswerten Lebensgeschichte von Coleman Silk und der Geschichte seiner letzten Liebe setzt sich Roth in teilweise etwas ausufernd langen Passagen auch mit (damals) aktuellen politischen Themen in den USA auseinander. Auf die Clinton/Lewinsky-Affäre geht er häufig ein, ferner auf das Schicksal der Vietnam-Veteranen, die in den USA nach ihrer Rückkehr ein schweres Schicksal zu stemmen hatten: hochtraumatisiert waren sie kaum noch zu normalen Sozialkontakten fähig, sie verachteten die Regierung mit Slick Willie im Weißen Haus und ihr Hass konnte jederzeit in einem Gewaltausbruch enden.

“Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel,
ein Zeichen, einen Abdruck.
Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen –
der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.”


Ich kannte diesen Roman vor dem Lesen nicht und war an einigen Stellen überrascht, ja, verwirrt, da es ein paar Volten in der Geschichte gibt, die unerwartet kamen und nur langsam aufgelöst wurden. Eine davon, die überraschendste, war, daß, nachdem Roth sein Schicksal nach den unglückseligen “dunklen Gestalten” und sein Zusammentreffen mit Zuckerman schilderte, im zweiten Abschnitt des Buches seine Jugend beschrieben wurde und dabei, ohne es extra zu erwähnen, en passant sozusagen, es sich für mich herausstellte, daß Coleman (der Name klingt ja fast wie “Coalman”) selbst ein Afroamerikaner war, der eine so helle Hautfarbe hatte, daß er, ohne dies ausdrücklich von sich selbst zu behaupten, als Weißer (müsste man hier jetzt konsequenterweise sagen: Kaukaso-Amerikaner?) angesehen wurde. Er befolgte nur den Rat seines Boxtrainers: “Wenn dich keiner fragt, erwähne es von dir aus nicht!”. So dient er im Zweiten Weltkrieg als Weißer und zieht knapp zwanzigjährig (wie schon erwähnt) den Schlussstrich unter sein bisheriges Leben: Er bricht seiner Mutter das Herz mit der Ankündigung, sie und seine Herkunft in Zukunft zu verleugnen.

Es ist eine Flucht in ein besseres Leben, in ein weißes Leben, in dem ihm, den hochintelligenten jungen Mann alle Türen aufstehen. Bis auf eine einzige Ausnahme, einer Prostituierten noch während seiner Zeit in der Armee, erkennt ihn niemand als Afro-Amerikaner, niemand stellt seine Zugehörigkeit als “Weißer” in Frage, er macht Karriere an einer “weißen” Universität in einem der klassischen “weißen” Fächer, er ist, wie es sein Bruder verbittert konstatiert, “weißer als die Weißen”.

Eine Flucht, die sich selbst im Lauf der Jahrzehnte überholt hat. Kurz nach dem Krieg brachte sie Coleman ein besseres, einfacheres Leben, heutzutage, so konstatiert seine Schwester, würde kein Neger (ja, sie verwendet diesen Ausdruck, ein Zeichen der Zeit, aus der sie stammt) seine Hautfarbe mehr verleugnen…

Seine Herkunft war für Silk ein Geheimnis, ein Lebensgeheimnis – den Menschen, die ihm nahestanden, seiner Frau zum Beispiel und den Kindern, gegenüber  war die Wahrung dieses Geheimnisses eine Lebenslüge. Wäre es offenbar geworden, wäre sein Leben zerstört gewesen. Mit wieviel Risiken hat er gelebt, mit jedem seiner vier Kinder hätte seine Abstammung herauskommen können. Was, so Ernestine, würde geschehen, wenn seine Tochter, die von nichts weiß, ein dunkles, kraushaariges Kind bekäme? Was würde ihr Mann vermuten (müssen)? Wie geht ein Mensch damit um, sein Leben auf so dünnem Eis gebaut zu haben?

Angesichts seiner eigenen Herkunft wirkt der Rassismus-Vorwurf, mit dem man Silk an seiner Uni diskriminierte, noch absurder… Absurd genug wäre er schon als solcher, man mag kaum glauben, daß er in der Tat realiter der Ausgangspunkt für den Roth´schen Roman darstellt: ein Freund Roths, Melvin Tumin, seinerzeit Soziologieprofessor in Princeton, hat ihn 1985 getätigt und musste nach heftigen Attacken Abbitte leisten (es lohnt sich, die in diesem Zusammenhang erfolgte Diskussion Roths mit der Wikipedia zumindest zu überfliegen: es fällt dort von Seiten der Wiki ein wunderbares Statement über die Rolle eines Autoren hinsichtlich seines Werkes [5]). Natürlich ist dieser Vorgang auch ein herausragendes Beispiel für den politischen Stil des amerikanischen Alltags, der in den letzten Jahren – soweit man das von hier aus beurteilen kann – sicher nicht besser geworden ist.

Die Hexenjagd auf Silk: sicherlich ist es kein Zufall, daß Roth seiner Figur dieses Verhältnis angedichtet hat. Zum einen kann er hier wunderbar die Doppelmoral und die Bigotterie der Gesellschaft aufzeigen, die sich scheinheilig nur allzu gerne in Sachen einmischt, die sie nun wirklich nichts angehen – womöglich mit eigenen “Leichen” im Keller. So wie der Rassismusvorwurf ein Instrument war, den Einfluss und die Stellung von Silk am College zu schmälern, wurde die vorgebliche Ungeheuerlichkeit seiner Beziehung zu Faunia Farley als sexuelle Ausnutzung einer ungebildeten, auf der sozialen Stufenleiter weit unten rangierenden Stufenleiter Frau definiert und als weitere Keule genutzt, um Silks Ruf zu zerstören. Niemand scheute sich, dem Verhältnis weitere Lügen anzudichten, die allesamt, so unsinnig sie auch waren, Glauben fanden… niemand schien sich des einst so geachteten Dekans Silk zu erinnern, Silk war zum lüsternen, alten, eine abhängige, ungebildete, arme Analphabetin unterdrückenden Rassisten mutiert.

Verdichtet und in Person gebracht hat Roth diese Hexenjagd in der Figur der Delphine Roux, einer jungen, intelligenen, karrierebewussten Französin, die Silk selbst ans College geholt hatte. Sie ist diejenige, die Silk in einer spontanen Unüberlegtheit einen anonymen Brief schickt, sie ist diejenigen, die den letzten Rufmord an Silk begehen sollte, um ihre eigene Reputation aufrecht zu halten, die sie selbst leichtfertig und dumm auf´s Spiel gesetzt hatte. Die Figur der Roux bleibt im Roman unvollständig; seine anderen Protagonisten entwickelt Roth zu einem – wie auch immer gearteten – Abschluss, Roux´ Schicksal nach der letzten Intrige bleibt unbeschrieben, wahrscheinlich ist, daß niemand Interesse hat, den offensichtlichen Widersprüchen der Lügen nachzugehen, so daß sie ungeschoren davon kommen wird…

Ferner ist in der Beziehung Silk/Farley die Parallelität zum Fall Clinton/Lewinsky kaum zu übersehen: auch dies ein Verhältnis zweier sehr unterschiedlicher Menschen, das im Grunde zwar privat war und nur Clinton, seine Frau und Monica Lewinsky was angegangen wäre, das aber in eine beschämende und entwürdigende und würdelose (teilweise sogar gesetzesbrechende) Hexenjagd mündete – unabhängig davon, wie geschickt oder ungeschickt sich Clinton selbst in dieser Affäre verhalten hat und wie diese moralisch zu beurteilen gewesen war. Ebenso wie die Romanfigur Silk mutierte Clinton seinerzeit in der Öffentlichkeit zu einer peinlichen, zigarrerauchenden, geilen Witzfigur, die nur noch lächerich wirkte. Auf Clinton/Lewinsky kommt Roth mehrmals im Roman zurück, in einer bemerkenswerten Passage läßt er drei Unbekannte sich in recht vulgärer Art und Weise dazu äußern…

Bill Clinton alias Slick Willie ist eine gute Überleitung zu einem weiteren Aspekt des Romans. Der Ex-Mann Faunias, Les Farley war, wie schon erwähnt, Vietnam-Veteran. Da er sich nach seiner ersten Dienstzeit in den USA nicht mehr richtig einlebte und sich nicht willkommen fühlte, ging er wieder zurück nach Vietnam. Diese zweiten Dienstzeiten in diesem Krieg müssen aus den sowieso schon psychisch angeschlagenen Soldaten endgültig gefühllose Killer gemacht haben, die wahllos alles, was “Schlitzaugen” hatte, niedermähten… bis hin zum Kellner im Chinarestaurant. Zwar war “schon” 1980 wurde die Diagnose Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) in das amerikanische Diagnose-Manual aufgenommen [6], dies verhinderte jedoch nicht, daß viele der Veteranen seelisch und körperlich verkrüppelt ein Leben als Ausgestoßene führen mussten. Für die Regierung, ja, das ganze Land hatten sie oft nur Verachtung übrig, sie fühlten sich verheizt, im Stich gelassen, unwillkommen, der Mann im Weißen Haus, der noch nicht einmal inhaliert hatte, war für sie ein rotes Tuch.


So spielt der Roman “Der menschliche Makel” auf drei Ebenen: zum einen auf der persönlichen Ebene des Lebens von Coleman Silk und auch von Faunia Farley, auf der der Öffentlichkeit im Umkreis der beiden Figuren und schließlich dreht er auch am großen Rad, der Kritik an diversen Erscheinungen in den USA Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dies alles wird uns von einem Erzähler, Nathan Zuckerman, berichtet, der dies zum Teil aus eigenem Erleben weiß (in diesen Passagen ist er daher auch Akteur des Romans), dem andere Passagen aber auch selbst berichtet worden sind. Demzufolge besteht ein erheblicher Teil des Textes aus Rückblenden. Ergänzt werden diese Darstellungen durch Spekulationen des Erzählers, über ein “Könnte es so gewesen sein?” oder auch ein “Ich stelle mir vor”. Teilweise etwas ermüdend sind trotz des Könnens von Roth lange Textpassagen, in denen er recht belehrend daher kommt und es den Eindruck macht, er wolle dem Leser hier seine Meinung bzw. die des Erzählers regelrecht eintrichtern. Wie meist bei Texten, die aktuelle Bezüge auf Vorgänge in fremden Ländern enthalten, kann man als Leser das meiste von Gesagten nicht beurteilen oder einordnen, aber das ist schließlich nicht die Schuld der Autoren, das man daraus lernen kann, bleibt unbestritten.

“Der menschliche Makel” ist trotz des kleinen Einwandes ein wunderschöner Roman, sehr intelligent, sehr gut lesbar und unterhaltend geschrieben – und ein Zeitzeugnis ist er obendrein. Daher kann ich nur empfehlen: wer noch nicht hat, sollte!

 

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Philip Roth
[2] zur freien Verfügung
[3] Philip Roth will nicht mehr schreiben; in: ZEIT online vom 11. November 2012; http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-11/philip-roth-ruhestand
[
4] Es muss ein Alptraum für einen Übersetzer sein, wenn/daß es für das zentrale Wort eines solche mächtigen Romans, hier: spook, keine deutsche Entsprechung gibt. van Gunsteren erläutert sein Problem damit in einer vorgeschalteten Anmerkung, übersetzt den Ausdruck letztlich mit “dunkle Gestalten (die das Seminarlicht scheuen)”
[5] Offener Brief Philip Roths an den “New Yorker”: http://www.newyorker.com/books/page-turner/an-open-letter-to-wikipedia bzw. in der “Wel”t: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article109112546/Philip-Roth-und-sein-bizarrer-Streit-mit-Wikipedia.html
[6] vgl. hier:  https://gestalttherapieluebeck.wordpress.com/2012/04/21/psychotraumatologie-geschichte/

Weitere Besprechungen von Büchern Philip Roths hier im Blog:

Mein Leben als Sohn
– Jedermann – Everyman

Philip Roth:
Der menschliche Makel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsterem
Originalausgabe: The Human Stain, NY, 2000
diese Ausgabe: Rowohlt, TB, ca. 400 S., 2004

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