Portrait von Sándor Márai; (Lajos Tihanyi, 1924) Bildquelle: [B]

Portrait von Sándor Márai;
(Lajos Tihanyi, 1924)
Bildquelle: [B]

Sándor Márai gehört zu den großen ungarischen Autoren des letzten Jahrhunderts, das er fast in Gänze durchlebt hat. Geboren wurde er 1900 in der kleinen ungarischen Provinzstadt Kaschau (heute in der Slowakei), die ca. 260 (Straßen)Kilometer nordöstlich von Budapest liegt. Dort verlebte er Kindheit und Jugend, studierte dann nach dem 1. Weltkrieg in Budapest, Leipzig, Frankfurt und Berlin. Danach begann ein unstetes Leben mit Reisen und längeren Aufenthalten in Paris und Italien, bevor er (mittlerweile verheiratet) ab 1923 für mehrere Jahre in Paris lebte und 1928 nach Budapest zurückkehrte, wo er als Journalist tätig war. 1948 schließlich verließ er Ungarn aus politischen Gründen und lebte ab 1952 in den USA, wo er sich 1989 suizidierte [1].


marai-bekenntnisse

Das vorliegende Buch über die Bekenntnisse eines Bürgers hat Marai im Alter von vierundreißig Jahren veröffentlicht: Es wird zwar als fiktive ‚Romanbiographie‘ bezeichnet, die das Leben ‚erfundener Personen‘ im Zeitraum von 1900 bis 1930 beschreibt, ist aber doch nichts weniger als die Schilderung seines Lebens in diesem Zeitraum.

Die Erinnerungen Márais beginnen sehr systematisch. Im ersten Teil des Buches schildert er das zweigeschossige Haus, von denen es im Städtchen noch nicht viele gibt, in dem die Familie zur Miete wohnen. Der Anfang des 20. Jahrhunderts bringt technische Errungenschaften, die (noch) nicht immer auch ein Fortschritt sind oder als solcher empfunden werden wie elektrisches Licht, das gegenüber dem warmen Licht der Petroleumleuchten so flackrig und grell ist oder einer Zentralheizung, für die man in manchen Räumen den Heizkörper vergaß mit der Folge bitter Kälte dort im Winter. Auch das Dienstbotenklosett an der Nebentreppe war eine modische Neuerung, die aber von den Dienstboten nicht angenommen wurde; wo diese sich jedoch Erleichterung verschafften, blieb und bleibt im Dunkeln… So erfahren wir vieles über die Lebensverhältnisse damals, über die Dunkelheit des Kinderzimmers, das ärmliche, ausgenutzte Leben der Dienstboten, das schlechter war als früher das Leben der Dienerschaft, die in gewisser Weise zum Haus gehörten und auch eine Art Fürsorge genossen während das Arbeitsverhältnis jetzt durch Vorschriften geregelt war (die kaum eingehalten wurden) und die Dienstboten als ‚bezahlte Gegnerin‘ der Hausherrin empfunden wurden, durch die sie sich prinzipiell bestohlen und hintergangen fühlte. Daß junge weibliche Dienstbotin auch häufig dem männlich pubertierenden Nachwuchs in die Technik körperlicher Liebe einzuführen hatte, war nichts besonderes.

Die Familie Márais (der diesen Namen erst später annahm und dessen Geburtsname : ‚Grosschmid‘ lautete) hat deutsche Wurzeln, in aller Ausführlichkeit legt der Autor seine Herkunft dar. In jungen Jahren war die Mutter bzw. die mütterliche Seite für ihn nicht wichtig, auch weil nicht standesgemäß. Während sein Vater aus geringem Adel stammte, wuchs seine Mutter als Tochter eines Handwerkers heran, der sich zwar zu Ansehen hocharbeitete und dann euphemistisch als ‚Fabrikant‘ bezeichnet wurde, aber er war eben doch Mitglied einer anderen gesellschaftlichen Klasse: … Wir ließen ihn im Chaos der Vergangenheit versinken und sprachen, wenn es gerade nötig war, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen von ihm, dem Frabrikanten. […] wir Kinder hatten ihn nie gekannt, er war taktvoll im Tod entschwunden. … Diese Einstellung war nicht ohne Folgen für die Familie, die mit der Zeit in zwei Parteien zerfiel, in Mutters Partei und in Vaters Partei. Dabei waren, hält Márai fest, die Handwerker, die in ihrer Gesellenzeit noch auf die Walz gingen, meist deutlich weltläufiger und weitgereister als der Beamte, der Zeit seines Lebens nie hinter dem staubigen Pult seiner Arbeitsstätte hervorkam. Márais Mutter selbst war Lehrerin, sein Bezug zu ihr wurde erst nach und nach intensiver.

Aber bevor Márai die einzelnen Familienmitglieder sehr ausführlich charakterisiert und beschreibt, gibt er noch eine Darstellung des Lebens in dem Städtchen, das beschaulich verläuft, auf dem der allabendliche ‚Korso‘ straßenseitig streng nach gesellschaftlichem Stand getrennt stattfindet, in dem in einzelnen, wohlbekannten Häusern körperlichen Bedürfnissen vieler Männer abgeholfen wurde, in dem die Literatur und Bücher ansehen genossen und mehrere Buchläden am Leben hielten, in dem es Rummel und Markt gab, man im Sommer in die umliegenden Wälder mit ihren kleinen Siedlungen und Sommerhäusern fuhr.

Die Verwandten, die Onkels und Tanten – es würde zu weit führen, sie alle hier aufzuzählen. Von mütterlicher Seite aus waren sie fast alle bemerkenswerte Menschen mit ebensolchen Schicksalen wie z.B. Onkel Ernő, der nach sechzehn Jahren Abwesenheit völlig selbstverständlich wieder bei der Familie auftauchte, schweigsam seine geliebten Zigaretten genoss und peu a peu von allen in´s Herz geschlossen wurde. Er war in dieser Zeit Soldat gewesen, hatte aber den Rock an den Nagel gehängt und Jahre in Lokalen mit seiner Musikgruppe zum Tanz aufgespielt… oder die Tante mit ihren sechs Töchter und dem Künstlermann, dem Maler…. Sie lebten wahrhaftig wie die Vögel. Lebten unglaublich bescheiden, zwitscherten in ihrer Hietzinger Wohnuing und warteten auf deas Glück…. Die Verwandten väterlicherseits waren ‚farbloser‘, nüchterner, wie beispielsweise ein unter Genieverdacht stehende Rechtsprofessor, der in Pest das ungarische Zivilrecht dieser Zeit ausformte oder Onkel Mátyás, der mit sozialem Impetus in Wien Jura lehrte. In dieser ‚Tradition‘ stand dann auch Márais Vater, der als Jurist im Städtchen hohes Ansehen genoss.

Es gab in der Kindheit ein bzw. zwei Ereignisse, die das Leben Márais bestimmen sollten. Im Alter von zwei Jahren kam noch ein Schwesterchen auf die Welt, das aber nach einem tragischen Unfall starb. Die nächsten Jahre konzentrierte sich die ganze Mutterliebe – und sie muss eine wunderbare Mutter gewesen sein (…. ihr unnachahmlicher Humor, ihre Seelenfrische, ihre fast geniale Kindernähe, die sie sich ihr Leben lang bewahrte, das alles weckte bei den Kindern Sympathie und Vertrauen; wir spürten, daß sie nicht nur eine Erwachsene war, die mal eben ein bißchen mit den Kinders spielte, sondern daß …. vom gleichen Spielbedürfnis durchdrungen war wie wir ….) – auf den Jungen, bis dann einige Jahre später ‚das Mädchen‘ auf die Welt kam und den verwöhnten Jungen aus dem Zentrum vertrieb: Die Geburt meiner Schwester und meine Entthronung waren wahrscheinlich einer der Gründe oder vielleicht nur Anlässe für meinen ‚Defekt‘; sicher ist, daß ich mich in dieser Zeit von der Familie löste, neue Gemeinschaften suchte und eigne Wege zu gehen begann. In der vielköpfigen, lauten, warmen Menge, die eine Familie darstellt, blieb ich allein. …

Der Junge suchte woanders Anschluss, in Jugendbanden beispielsweise, die unter dem Einfluss charismatischer Anführer standen, aber das waren nur temporäre ‚Lösungen‘. Es kam eines Sommers bei einer Landpartie, einem Familienausflug zu einem regelrechten Anfall bei ihm, er floh die Familie, riss aus. Dieses Ereignis war insofern wichtig, weil der Familienrat die Konsequenz zog, ihn in eine ‚Anstalt‘, eine Schule, zu geben. Die dortige Pädagogik war ’schwarz‘ [3], es war eine Welt des Faustrechts, eine Welt mit militärischer Strenge, in der die jeweilige Herkunft der Jungen wichtig war und über deren Status bestimmte. Das erste Anstaltsjahr endet in einem Sommer, der Junge ist mit der Familie in der Sommerfrische, als die Nachricht vom Tod des Thronfolgers bekannt wird.

An dieser Stelle macht Márai einen großen Zeitsprung in das Jahr 1923, über die Zeit des 1. Weltkrieges ist in seinen Erinnerungen praktisch nichts geschrieben, nimmt man alles zusammen, wird man kaum auf ein bis zwei Seiten kommen. 1923 jedenfalls reist er mit seiner Frau im Zug nach Paris, nach Europa, die Jahre zuvor hat er mehr oder meist weniger studierend in Deutschland verbracht. So war 1919 als Neunzehnjähriger nach Leipzig gekommen, um Journalistik zu studieren. Deutschland war ihm mental nicht fremd, daheim in Kaschau und in ganz Oberungarn lebten wir unbewußt – oder vielleicht nicht ganz unbewußt – ein wenig auf deutsch Weise. Deutsch habe ich schon als Kind fließend und, wie ich glaube, einigermaßen richtig gesprochen. […] In Dresden oder Weimar empfand ich nie die Fremdheitspanik, die mich später in französischen oder englischen Städten oft heimsuchte, …. Das Studium betrieb er jedenfalls nicht ernsthaft, in der kriegsgebeutelten Stadt war er mit seinem Äußeren eine exotische Erscheinung, die sich lieber in Cafés aufhielt und die Menschen träumend beobachtete (Ich konnte halbe Tage lang im Café Merkur hinter der Universität sitzen, …. träumte ich und sah durch das Fenster auf die Leipziger Straßen, die öde waren uns so fremd wie eine Oase mit Ölbäumen und Palmen in der Wüste). Das väterliche auf mehrere Monate berechnete Geld war nach ein paar Tagen ausgegeben, die Ernährung wurde auf in Blechdosen gepresstes Rindfleisch und Haferflockensuppe, wie sie von Missionen angeboten wurden, umgestellt. Er las den damals noch kaum bekannten Kafka, betrachtete die zarten Aquarelle Lasker-Schülers, entdeckte damals als hoffnungsvoll erklärte, heute unbekannte Schriftsteller wie Kurt Heynicke oder Lyriker wie Albert Ehrenstein…. Über Kafka schreibt Márai diesen wunderbaren Satz: In einer Buchhandlung zog ich unter tausend Büchern einfach die Verwandlung heraus , begann das Heftchen zu lesen und wußte: Das ist es. Kafka war kein Deutscher. Er war auch kein Tscheche. Er war Schriftsteller, wie die Größten es sind, unverwechselbar und unmissverständlich. [2]

In Leipzig und unter dem Eindruck Kafkas fängt Márai an zu schreiben, gibt in einem Provinzverlag einen Gedichtband heraus, zusammen mit einem Holländer gründet er eine literarische Zeitschrift, die über eine Ausgabe nicht hinauskommt, er gewinnt die Sympathie des alten Brockhaus, der ihm öfter aus finanziellen Notlagen hilft, schreibt jetzt auch seinen ersten Artikel für ein Wochenblatt – in Deutsch. Durch viele Reisen quer durch Deutschland lernt er das Land kennen, immer verknüpft mit der Sinnsuche für sein eigenes Leben.

Die nächste Station in seinem Leben war Frankfurt am Main, diese reiche Stadt mit Goethes Geburtshaus und dem Stammhaus der Rothschilds, deren älteste Ahnin Gudula er noch täglich mit der Kutsche fahren sieht. In der ersten Zeit lungerte ich durch Frankfurt wie ein romantischer Romanheld. Ich stand gegen Mittag auf, dann saß ich bis zum Abend im Café Hauptwache, …. trotzdem macht er Bekanntschaften, wird nach einiger Zeit sogar in die geschlossenen Gesellschaften eingeladen und bekommt Kontakte zur Frankfurter Zeitung, für die er anfängt, Artikel zu schreiben.

Innerlich ist Márai noch bei weitem nicht gefestigt, auch wenn er den Eindruck hat, ‚das Frankfurter Jahr hätte etwas in ihm locker umrissen … eine ungewollte, vage, mutlose Grundhaltung …. Meine Lebensweise lehnt sich an die der Schriftsteller an. Schreiben ist im letzten Sinn nichts weiter als eine Haltung, als eine … moralische Haltung. … diese Aufgabe erfüllte mich mit Angst und manchmal mit Abscheu.‘

Natürlich macht Márai auch Bekanntschaften mit Frauen, hat Liebesverhältnisse. Nie jedoch knüpft er wirklich emotionale Nähe, immer bleibt er der Dame im Herzen fremd. Aus Frankfurt entführt er sogar eine verheiratete Frau, die in Scheidung lebte, sie lag die ganze Nacht mit Magenkrämpfen im Zug.Von meiner Situation begriff ich da lediglich, daß ich ein Jahr in einer fremden Stadt zugebracht hatte und mir zur Erinnerung eine Frau mitnahm, die ich nicht liebte und die ich möglichst bald wieder loswerden wollte.  Ein Grundmuster, daß sich durch sein Leben ziehen sollte, selbst seiner Frau Lola gegenüber bleibt immer eine Distanz, am Ende seines Lebens fragt er sich, ob er sie geliebt habe oder ob sie einfach nur zu ihm gehört hatte, wie ein Bein oder die Milz, die man ja auch nicht liebt…. 

Berlin in den Zwanziger Jahren. So groß und doch so provinziell. Hier spürt er seine Einsamkeit, die innere Isolation: Ich suchte menschliche Wärme, Nähe, etwas Zuverlässiges. Meine Einsamkeit machte mir zu schaffen, die künstliche Pseudokultur-Einsamkeit. […] Eisige Einsamkeit umfing mich. […] Sie kam von innen, aus meinem Wesen, meinen Erinnerungen, und sie war bereits eine Haltung, dei hoffnungslose Einsamkeit des Schriftstellers. …

Berlin brodelt, es beginnt eine rauschhafte Zeit für Márai, eine Zeit, in der auch der Alkohol für ihn zur Gefahr wird (Ohne Rauschmittel ist das Leben sehr schwer zu ertragen. .. überzeugt, daß ich damals in ständiger Lebensgefahr war….) Er sich selbst als neurotischen Mensch sieht, als Einsamkeitsfanatiker. Auch in Berlin die langen Cafébesuche, natürlich auch im Romanischen Café [4], wo er Lasker-Schüler auf ihren Ausflügen nach Theben begleitet. Und Lola begegnet ihm hier, die aus Kaschau nach Berlin geschickt worden war, um einen Mann zu vergessen, Márais Freund…. Als ich Lola begegnete, erklärte ich weder mir noch sonst wem etwas, wie man es unnötig findet, zu erklären, daß man lebt und atmet. … Sie heiraten: Meine Pflichten als Familienoberhaupt nahm ich außerordentlich ernst. Vor allem kaufte ich, nach langem Überlegen, einen Schuhschrank. … Es war ein sehr schöner Schuhschrank …. mit Millionen oder Milliarden Inflationsgeld bezahlt… sie lebten von dem wenigen Geld, das in wenigen Stunden noch weniger wurde, daß er für Artikel und kleine Zeitungsbeiträge bekam, die er an ungarische Blätter schickte.

Lola war der erste Mensch, der einen Weg zu meiner Einsamkeit suchte; ich wehrte mich verzweifelt. [….] immer auf der Hut, daß Lola meine Einsamkeit nicht antastete. […] Ich wehrte mich gegen Lola, […] Einsamkeit ist ein Lebenselement des Schriftstellers. Vor Freundschaft war ich immer geflohen, ich empfand sie als Verrat, als Schwäche. …

Ich habe mich bei der Lektüre der Erinnerungen des öfteren gefragt, ob es Lola im Leben Márais überhaupt noch gibt, kapitellang wird sie nicht erwähnt, sind die Ausführungen in der ‚Ich‘-Form geschrieben, als hätte der Autor keinen Menschen an seiner Seite gehabt. Liest man die Abschnitte, aus denen ich zitiert habe, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, das sei – zumindest im Inneren Márais und im übertragenen Sinne – so gewesen. Die ‚Wirklichkeit‘ war Lola, ein Wirklichkeit mit all ihrem unbewußt-erbarmungslosen Terror, ich musste aus dem ‚wirklichen‘ Theben und Athen [i.e. das Theben und Athen, in das er in der Phantasie mit Else Lasker-Schüler reiste] emigrieren, um unter den Meridianen von Lolas Wirklichkeit leben zu können. …. in dieser Wirklichkeit Lolas folgte die Zeit, in der ich keine Gedichte mehr schrieb.

Nichtsdestotrotz war Márai ein scharfsinniger Beobachter, der die immer barbarischere, leer-geschwätzige, messerwetzende Welt der Bürger erkannte, eine Welt, die die Dichter in Angst und Schrecken versetzte. Singende Bürger bereiten sich selbstbewusst auf Revolutionen vor, in München, auf seinen Reisen, erlebte er dies als Alltag, hörte man Schüsse, ging man kurz in Deckung und danach wieder seinen Geschäften nach.

1923 verlassen die beiden Berlin und reisen im Zug nach Paris, sie ließen das ‚bekannte‘ und doch so fremde Deutschland … zurück und kamen in eine Stadt, die schmutzig war, in der sie niemanden kannten, in der sie einsam waren und Menschen, die sich immer noch am Sieg berauschten. Márais Frau wird unter ärmlichsten Verhältnissen schwer krank, muss operiert werden, danach fahren sie nach Italien und erleben eine schwere Ehekrise: sie fährt zurück nach Kaschau, meine Aufgabe, so formuliert es Márai, war es, in Florenz zu bleiben, solange es die geheimen Mächte, die sein Leben lenkten, erlaubten […] du mußt bleiben, du darfst nicht feilschen, du darfst nicht zurückschrecken.

In diesen Monaten wurde die [italienische] Sozialdemokratie vom Faschismus zerschlagen, vernichtet, in alle Winde zerstreut. Die Sozialisten verkamen zu einer Art unterirdischer Sekte und heilten ihre Versammlungen wie die ersten Christen in Katakomben ab. Márai erlebt den Aufstieg Mussolinis mit, diese heute so skurril wirkenden Menschen: sein Wesen und Auftreten hatte etwas Unverletzliches. Er hatte in das Italien des Dolcefarniente eine Energie von hundert Pferdestärken eingebracht und das neue Tempo riss alle mit. […] Wer nicht die erster Zeit des Faschismus in Italien erlebt hat, kann nie das Geheimnis des Erfolgs seiner Bewegung begreifen. …

Nach Italien (Lola war zurückgekehrt) erfolgte ein weiterer Aufenthalt in Paris, diesmal für einige Jahre. Die Wohnverhältnisse waren besser, Márai lebt sich in die Stadt ein, obwohl er sich bis zum Ende als Fremder in Paris sieht, mit einen Auto, das er sich wider alle Vernunft gekauft hatte, bereist er Frankreich und lernt seine Landschaften und Menschen lieben. Doch wieder packt ihn innere Unruhe, es folgt eine mehrmonatige Reise in den Nahen Osten, dann fährt er nach London, wo ihn wieder das Gefühl der Einsamkeit umschließt, obwohl er sich letztlich im warmen sonnigen Herbst wie im Glücke badend fühlt. Auch hier die scharfe Beobachtungsgabe Márais, der die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihn umgeben, präzise erfasst. London ist eine Art Hochschule. Wenn du sie besuchst, bist du nicht klüger, aber du meinst, viel könne dir im Leben nicht mehr zustoßen.

Was geschah im tragischen Vaterland? […] Nun hatte ich auf einmal das Gefühl, meine Zeit sei abgelaufen, ich hätte hier nichts mehr ‚zu tun‘ und müsse nach Hause fahren. Dieser geheimnisvolle Imperativ überkommt Márai in der Schweiz und er folgt ihm, reist nach Ungarn, nach Budapest, zurück, ein Jahrzehnt ist vergangen, es ist 1928 geworden. In Budapest arbeitet er als Journalist, fängt an, wieder ungarisch zu schreiben. Die Aufzeichnungen enden mit dem Tod des Vaters, der für ihn einen großen Verlust darstellt, denn er erkannte, daß im ganzen Leben nur er selbstlos und gütig zu mir gewesen war. […] Ich wusste, daß ich ein bedingungsloses, menschliches Verhältnis zu niemandem mehr finden würde; ich würde mich ganz der Arbeit hingeben müssen, der ‚Lebensweise‘, und in sie alles hinüberretten, was in mir und der Welt menschlich geblieben war. 


Márais Erinnerungen, weit über vierhundert Seiten für gut dreißig Lebensjahre, sind ausführlich und detailliert. Sie ermöglichen im ersten Teil einen Über- und Einblick in die gesellschaftliche Struktur eines kleinen ungarischen Städtchens mit ihren diversen sozialen Schichten um die vorletzte Jahrhundertwende, ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren mehr oder weniger geheimen Vergnügungen. Die Familie des Autoren mit ihren vielen Mitgliedern selbst stellt ein weites Spektrum an Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen dar. Inwieweit das Trauma der Zurücksetzung des jungen Márais in der Familienhierarchie nach der Geburt der Schwester ursächlich für seine späteren Schwierigkeiten und Eigenschaften verantwortlich zu machen ist, läßt sich selbstverständlich von hier aus nicht beurteilen.

Im zweiten Teil des Buches, der nach dem Ende des 1. Weltkrieges einsetzt, ist das Leben des Autoren selbst der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Immer wieder kommt ein Grundmotiv seines Lebens hervor: das Leiden am Leben, das Baden in der Einsamkeit, das Abschotten gegen alle Versuche anderer, ihm näher zu kommen, dies geht ins Extreme, bis hin zu Suizidgedanken, jedenfalls zum zeitweiligen Alkohlmissbrauch. Er bezeichnet sich selbst als Neurotiker. Dabei bleibt Márai aber immer ein scharfsinniger Beobachter, der stundenlang dem Leben um ihn herum lauschen und zusehen kann, der es in seinen Motiven und Erscheinungen wahr- und auseinandernimmt, das ist in einer so brodelnden Epoche wie der zwischen den Weltkriegen auch von heute aus betrachtet, immer noch sehr interessant.

Márais Leiden am Leben geht parallel zu seiner Sinnsuche als Schriftsteller. Auch hier sieht er sich als einsamer Wolf, der zum Leben Abstand halten muss, um es erfassen und beschreiben zu können. Seitenlang führt er seine Gedanken zu diesem Thema aus, das ist manchmal etwas langatmig, da auch nicht immer nachvollziehbar. Márai war Zeitgenosse vieler Künstler und Schriftsteller, mit vielen hatte er Kontakt, andere, wie Kafka oder auch Proust, die für uns heutige Lichtgestalten sind, standen zu seiner Zeit allenfalls am Anfang ihrer Berühmtheit. So war Márai trotz seines postulierten Hanges zur Einsamkeit kein Isolierter, kein Einzelgänger, zwar schien er in der Tat wenige, wenn überhaupt, Freundschaften geschlossen zu haben, aber er war Bestandteil der Gesellschaft, wurde eingeladen und nahm diese Zerstreuungen auch an.

Bekenntnisse eines Bürgers sind jedenfalls eine hochinteressante Lektüre, für die man sich Zeit nehmen muss, Zeit, die sich trotz vereinzelter Längen lohnt. Es ist eine Blick zurück in eine Welt, die sich zweimal im Umbruch befand: der 1. Weltkrieg zerstörte das etwas behäbige gesellschaftliche Gefüge der Doppelmonarchie, deren Ausformung Márai am Beispiel seiner Geburtsstadt Kaschau beschreibt. Ebenso spürt Márai aber auch das dumpfe Grollen und Rumoren im Untergrund, das das Heraufziehen des Faschischmus mit all seinen Konsequenzen, die damals noch kaum einer ahnte, ankündigte.

Links und Anmerkungen:

[1] Ausführliche Beschreibung seines Lebens in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sándor_Márai, aber auch in http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/MaraiSandor
[2] zur Buchvorstellung von Kafkas Die Verwandlung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/20/franz-kafka-die-verwandlung/
[3] vgl dazu den Roman von Géza Ottliks: Die Schule an der Grenze, in der der Autor die Verhältnisse in solchen Schulen beschreibt: http://wp.me/paXPe-9el

Bildquelle: Portraits: Lajos Tihanyi [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sándor_Márai_portrait.jpg?uselang=de)

Sándor Márai
Bekenntnisse eines Bürgers
Erinnerungen
Übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki
Originalausgabe: Egy polgár vallonásai, Budapest, 1934
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 420 S., 2000 (der Link führt auf die aktuelle TB-Ausgabe)

lord

So berühmt, wie der gleichnamige Film mit Alec Guinness und Ricky Schroder aus dem Jahr 1980 ist [2], brauche ich eigentlich den Inhalt des Buches hier gar nicht wiedergeben, er gehört wohl zum Allgemeingut: so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so weicht naive Unschuld und der Glaube an das Gute im Menschen auch noch das verhärteste Herz eines Misanthropen auf. Nun denn..

Verfasst wurde dieser Jugendbuchklassiker von der 1849 in England geborenen und 1865 nach dem Tod des Vaters mit ihrer Familie in die USA ausgewanderten Frances Hodgson Burnett [1], die insgesamt drei solcher Jugendbücher verfasst hat. Um jetzt doch noch einmal auf den Film zurückzukommen: im Film schließt die Handlung mit einem großen Fest, dem Weihnachtsfest nämlich. Dies entspricht nicht der Buchvorlage, auch wenn die dem Roman inhärente Botschaft durch das Weihnachtsfest gut wiedergegeben wird: Nächstenliebe, der Glaube an das Gute im Menschen, Versöhnung und auch Erlösung, des alten Grafen nämlich von seiner Menschenfeindlichkeit. Im Buch von Burnett ist das abschließende Fest profaner: es ist schlicht und einfach der achte Geburtstag des kleinen Lords, der im Kreise aller gefeiert wird. Aber zugegeben, ein Weihnachtsfest vermarktet sich besser und verwandelt die Handlung des Buch nolens volens in ein feiertagstaugliches Erlebnis.


Um das Nachschlagen zu ersparen, mach ich´s jetzt doch und fasse den Inhalt kurz zusammen:

Cedric Errol ist ein siebenjähriger Junge in New York. Vom Aussehen her muss er einem Engel gleichen, vom Wesen her ebenfalls. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und dem Kindermädchen Mary in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater des Jungen ist an einer schweren Krankheit gestorben, daher sieht Cedric seine Aufgabe jetzt darin, die Mutter zu trösten. Cedric ist bei aller Vollkommenheit dann doch ein normaler Junge, der mit anderen Jungs tobt, der aber Freunde unter den Erwachsenen hat, zum Beispiel den Kolonialwarenhändler Mr. Hobbs, mit dem er die Nachrichten aus den Zeitungen diskutiert und dem er seine streng republikanische Gesinnung zu verdanken hat.

Daß Cedric und seine Mutter unter bescheidenen Bedingungen leben müssen, hat einen Grund, denn Cedrics Vater, der dritte Sohn eines reichen englischen Adligen, dem  Earl of Dorincourt, wurde der Heirat mit einer Amerikanerin wegen verstoßen. Man ahnt es: der alte Earl hat den Bewohnern der abtrünnigen Kolonie gegenüber eine prinzipiell negative Einstellung. Da aber seine zwei älteren Söhne zum einen rechte Taugenichtse waren und zum anderen sowieso früh verstorben und damit tot sind, fällt der gesamte Besitz des alternden Großvaters der Erbfolge nach an seinen Enkel Cedric. Um diesen wenigstens halbwegs zu erziehen schickt er seinen Notar, einen gewissen Mr. Havisham los, Cedric, den ab jetzigen Lord Fauntleroy mitsamt seiner verachteten Mutter nach England auf sein Schloss zu holen, bzw. die Mutter wird, weil ihr das Betreten des Schlosses verwehrt wird, in einem anderen Gebäude auf dem riesigen Anwesen einquartiert.

Als Cedric auf dem Schloss eintrifft, quält den alten Großvater wieder einmal die Gicht, die sowieso schon Nullpunktslaune sinkt dadurch noch tiefer. Und dann die Sorge, dieser amerikanische Bastard könne auch äußerlich ein Scheusal sein….. daß seine Erziehung nichts tauge, stand für den Alten von vornherein fest. Die Bediensteten des Grafen, die um dessen Laune wussten, bedauerten den kleinen Lord, der sich jedoch, von der Mutter ermuntert, darauf freute, den Großvater kennen zu lernen und der völlig unbefangen in seiner offenherzigen Art auf den alten Mann zugeht…

Es kommt so, wie es kommen muss… der alte Graf findet Gefallen an dem munteren Bürschchen, will sich´s selbst gar nicht so recht eingestehen, er spielt mit ihm lustige Brettspiele und geht mit grimmiger Miene sogar auf die menschenfreundlichen Anregungen des Jungen ein, mit denen dieser Bitten der Untergebenen des Grafen nachkommt. Die Menschen können´s kaum fassen, wie sich der gefürchtete Graf auf einmal benimmt, zumal Cedric nicht müde wird, den Leuten gegenüber die Güte des von ihm bewunderten Großvaters zu loben….

Es sollte noch eine Krise geben in diesem kleinen Rührstück, eine Krise allerdings, aus der wiederum Gutes entsteht. Es taucht nämlich plötzlich eine Person weiblichen Geschlechts auf, die behauptet, für kurze Zeit mit einem der Söhne verheiratet gewesen zu sein und die ihrerseits eine Frucht dieser Ehe, vulgo: einen Sohn, präsentieren kann. Porca miseria, wie der Italiener jetzt rufen würde, miseria ladra! Um diese vertrackte Situation, die den alten Grafen brutalstmöglich erzürnt und in Wut bringt, während der kleine Lord sie mit rechtem Gleichmut angeht, aufzulösen, müssen die alten republikanischen Freunde Cedrics aus Amerika eingreifen…. und das Gute dieser Komplikation ist, daß der Graf jetzt endlich erkennt, welches Goldstück seine Schwiegertochter doch ist….

Ende gut, alles gut! Und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern so noch heute Weihnachten oder auch Geburtstag….


So rührselig das Stück auch ist, so kann man doch ebenfalls einiges an Zeitgeschichte herauslesen. Bei der Erstveröffentlichung des Buches lag der Unabhängigkeitskrieg der USA gut ein Jahrhundert zurück, die Ressentiments, die Vorurteile gegen die jeweils andere Seite kommen deutlich heraus. Der Engländer, der die Bewohner der abtrünnigen Kolonie für ungebildet, roh, hinterwälderisch und aufrüherisch hält, während er (bzw. genauer, die aristokratische Schichte) selbst als dekadent und wahrer Menschenunterdrücker gilt. Da die Autorin beide Seite kannte (in England geboren, in die USA ausgewandert), dürfte diese Bündelung von Vorurteilen wohl den damaligen Tatsachen entsprechen. Sie löst diese jedoch im Lauf der Geschichte auf, Mr. Hobbs, der eingefleischte Republikaner und Verächter der Aristokratie modifiziert seine Meinung genauso wie auf der anderen Seite der Earl. Beide werden nicht gerade Herzensfreunde, aber kommen doch, nachdem sie sich erst einmal kennen gelernt haben, gut mit- und nebeneinander aus.

Mich hat die Geschichte in gewisser Weise an The Chrismas Carol von Dickens [3] erinnert. Hie wie dort ein hartherziger Mensch, einsam und von den anderen verachtet und gefürchtet. Während bei Dickens eine Art schwarzer Pädagogik zu Wandelung führt, indem Mr Scrooge die schlimmen Konsequenzen seines verbitterten Herzens vor Augen geführt werden, wird hier die Wandlung durch pure Liebe vollzogen: die unerschütterliche Zuneigung des Enkels zu seinem Großvater verhindert einerseits, daß dieser seinen Enkel genauso schlecht behandelt wie die anderen Menschen und sie weicht sein Herz langsam, aber sicher auf…. und beide, Ebenezar und der Earl sind über dieses neue, unbekannte Gefühl, das sie in sich spüren, dieses Gefühl der Menschenliebe, einfach nur glücklich. schnief.

Die 'Schlussszene', in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt Beispiel für die Illustrationen im Buch Bildquelle: [B]

Die ‚Schlussszene‘, in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt
Beispiel für die Illustrationen im Buch
Bildquelle: [B]


Eigentlich ist ein Titel wie Der kleine Lord keine typische Lektüre für mich, ich habe mich da (ich kenne den Film nicht…) in die Irre führen lassen. Habe ich ein Buch erwartet im Stile von Mitford oder Waugh? Vielleicht…. nun, dann habe ich mich getäuscht, denn natürlich ist Der kleine Lord eher ein Rührstück für die Tränendrüse. Andererseits: warum nicht? Warum nicht einfach mal eine Art modernes Märchen lesen, sich in diese Geschichte hineinfallen lassen, mitverfolgen, wie ein Mensch sich wandeln kann und mit der Autorin die Unschuld eines engelgleichen Jungen feiern. Und warum sollte man dies nicht gerade auch zu Weihnachten tun, die Welt ist realistisch genug, so daß man sich ruhig einmal eine kleine Flucht gönnen sollte. So habe auch ich mich nach einigen Seiten ‚in mein Schicksal ergeben‘ und die Geschichte mit zunehmenden Gefallen gelesen. Zumal sie in dieser schönen Ausgabe des homunculus-Verlages, stilecht in der Bodoni-Antiqua gedruckt und mit den Illustrationen der Originalausgabe (siehe Abbildung) versehen, dargeboten wird. Es handelt sich um den leicht überarbeiteter Text der deutschen Erstübersetzung, wenngleich ich hier einfach einen Kritikpunkt anbringen muss, der mich bis zum Schluss des Buches (sehr) irritiert hat: im Bemühen, die traurige Mutter nach dem Tod ihres Mannes wieder glücklich zu machen, orientiert sich der Knabe am Wesen und Verhalten seiner verstorbenen Vaters. Unter anderem also nennt er seine Mutter ‚Liebste’… vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mit dieser Anrede eines Siebenjährigen an seine Mutter habe ich das ganze Buch hindurch gehadert ….

Trotz dieser kleinen Eintrübung des Lesevergnügens ist jedoch festzuhalten, daß dem Verlag hier ein wunderschönes Buch gelungen ist, das wohl nicht zufällig kurz vor Weihnachten herausgegeben worden ist. Möge ihm Erfolg beschieden sein!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Hodgson_Burnett
[2] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Lord_(1980)
[3] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/

Bildquelle [B]: By Reginald Bathurst Birch (1856-1943) (scanned book (archive.org)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Frances Hodgson Burnett
Der kleine Lord
Übersetzt aus dem Englischen von Emmy Becher
behutsam bearbeitet von Laura Jabobi
Originalausgabe: Little Lord Fauntleroy, 1886
diese Ausgabe: homunculus-Verlag, HC, 288 S., 2016
(Verlagsangabe: Die Ausgabe enthält alle 26 Abbildungen der Illustrationen von Reginald Bathurst Birch (1856–1943) aus der englischen Originalausgabe sowie mehrere Schmuckinitialen. Die deutsche Erstübersetzung wurde behutsam überarbeitet; es handelt sich um eine ungekürzte Fassung.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

weiterleben

Die Autorin dieses Buches mit Schicksalen von Menschen, die mit dem Tod geliebter Menschen weiterleben müssen, habe ich vor einiger Zeit schon mit ihrem ersten Buch Dieser Mensch war ich vorgestellt [2], in dem Menschen in der Art eines Nachrufs ihr eigenes Leben mit Höhen und Tiefen, mit dem, was es ihrer Meinung nach ausmachte, dargestellt haben. Weiterleben (was auch als Weiter Leben lesbar ist) dagegen läßt Menschen zu Wort kommen, die durch den Verlust von Kindern oder Partnern durch eine teilweise sehr intensive Trauer gegangen sind und die ihre Erfahrungen schildern, trotz ihrer Verzweiflung wieder ins Leben hinein zu kommen.

Christiane zu Salm, die hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Durch den frühen Tod ihres Bruders war und ist ihr eigenes Leben und das ihrer Familie dauerhaft beeinflusst worden.


Die Autorin läßt in vierzehn Abschnitten Menschen ihre Schicksale schildern, es sind elf Frauen, die zu Wort kommen, zwei Männer und ein Paar, die Frauenschicksale sind also deutlich in der Überzahl. Es sind zum Teil sehr schwere Lebensläufe, die beschrieben werden, wenn beispielsweise bei einer Frau das Schicksal Mehrfachsuizide bei den Geschwistern, den Tod der Eltern und den Tod des Mannes umfasst, ist die Schwere dieser Schicksalsschläge kaum zu erahnen… Manche der Trauerfälle sind noch nicht so alt, manche der Verlusterfahrungen liegen schon Jahrzehnte zurück, sind aber in der Seele immer noch präsent.

So verschieden die Schicksale sind, die zu Salm schildert, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten bei ihnen herausspüren. Auch wenn die Idee der Phasenmodelle über das Trauern, daß also der Trauerprozess in bestimmten Phasen abläuft, mittlerweile überwunden ist, so sind doch die bekannten Ausprägungen des Trauerprozesses immer wieder festzustellen: das Unfassbare des eingetretenen Todes, das Verdrängen des Ereignisses, verbunden teilweise mit dem wie ferngesteuert Agieren auf einer rein funktionalen Ebene, Gefühle wie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst auch und Wut und Zorn. Von Apathie und Handlungsunfähigkeit wird erzählt, von der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und von den Problemen, die bei Paaren auftreten, wenn Männer und Frauen unterschiedlich um ihr totes Kind trauern: viele Beziehungen zerbrechen daran, es besteht aber auch die Möglichkeit, durch diese Herausforderung sich wieder näher zu kommen.

Nähe und Begleitung zu spüren, hat vielen dieser Menschen in ihrem Schicksal geholfen, manche haben professionelle Hilfe von Therapeuten in Anspruch genommen. Manchmal musste das Leben wieder ganz ‚klein‘ begonnen werden, von Stunde zu Stunde geplant, was man jetzt macht und wenn das geschafft war, was dann zu machen war, bis die Tage wieder eine Struktur hatten, die Halt geben konnte. Oft war es die Notwendigkeit, für die Kinder zu sorgen, die nach dem Tod des Partner verhindert hat, daß der/die Trauernde ins Endlose fiel, manchmal gab der Glauben Kraft, manchmal stützte auch die Arbeit. Nicht selten gibt es Schuldgefühle, die belasten: man hätte doch eigentlich… wäre man doch…..

Aber irgendwann hat das Leben diese Trauernden wieder zu sich geholt, manchmal anfangs mit einer Prise Fatalismus, weil der Alltag, das Leben eben, einfach Ansprüche stellte – und weil die Trauer sich auch verändert im Lauf der Zeit und mit dieser Veränderung sind auch die Menschen anders geworden, haben sich andere Prioritäten gesetzt, gehorchen einer anderen Werteskala, sind einfühlsamer, aufmerksamer, ja: stärker geworden.


Zu Salms Buch ist eine Sammlung von Schicksalen, nicht weniger, aber leider auch kaum mehr. Diese Schicksale sind Beispiele für Menschen, die mit einem (oder mehreren) großen Trauerereignissen umgehen lernen mussten und dies geschafft haben. In einem kurzen Vorwort zieht die Autorin ein knappes Resümee dieser Lebensläufe und bindet dies in eine ebenso knapp gehaltene, allgemeine Betrachtung über das Phänomen Trauer ein. So kurz das Vorwort ist, so sehr regt gerade dies (im Gegensatz zu den persönlichen Schicksalen, die man nur mehr oder weniger erschüttert zur Kenntnis nehmen kann) zur Diskussion an.

… gehört sie [i.e. die Trauer] sogar wirklich zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die das Leben an uns stellt? Ist eine solche These nicht vielmehr eher geeignet, dieses zweifelsohne sehr schwere Thema noch zusätzlich mit Versagensgsangst zu belasten, indem sie als ‚Aufgabe‘ bezeichnet wird? Ist es nicht vielmehr so, daß Trauer zu den Grunderfahrungen des Mensch-Seins gehört : etwas zu verlieren, etwas loslassen zu müssen, was einem lieb ist, fängt im frühesten Kindesalter an und macht traurig bis hin zu dem Gefühl, Zeit und Raum unter den Füßen zu verlieren, sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Aber da Traurigkeit und Trauer so fundamental sind, haben wir als Menschen auch innere Mechanismen entwickelt, damit umzugehen und die Verluste in unser Leben zu integrieren. ‚Das Leben geht weiter‘, dieser Spruch, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen so überhaupt nicht trösten kann, er stimmt trotzdem, auf verschiedenen Ebenen, wie ja auch die von zu Salm beschriebenen Schicksale zeigen. Deswegen sehe ich Trauern nicht als Aufgabe, sondern als etwas, was geschieht, was wir zulassen müssen, akzeptieren müssen in der Art, wie es auftritt. Trauer ist ein natürlicher Prozess, die Seele braucht die Zeit, sich auf den Verlust des geliebten Menschen einzustellen, der Mensch braucht Zeit, sich in seinem Leben (das anders sein wird als vor diesem Tod) neu einzufinden. Dafür sind wir von der Natur aus gerüstet und nur bei den allerwenigsten Menschen zeigen sich Trauerprozesse, die ‚behandelt‘ werden müssen.

Auch kann man sich auf Trauer nicht vorbereiten. Auch bei dieser These zu Salms bin ich persönlich anderer Ansicht, denn ich bin überzeugt davon, daß die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod auch den Trauerprozess, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen einsetzt, positiv beeinflusst. Man kann damit nicht die Schwere des Verlustes, nicht die Wucht der Trauer beeinflussen, aber man kann die Angst vor der Trauer mindern (letztlich ist genau das ja der Impetus von zu Salm, dieses Buch zu veröffentlichen), man stärkt durch diese Auseinandersetzung die eigene Resilienz. Und es gibt natürlich auch ganz Konkretes, was man machen kann: aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es beispielsweise ist, dem Bestatter beim Zurechtmachen des/r Verstorbenen für die Aufbahrung und die Bestattung zu helfen. Sich vorzunehmen, das zu machen, ist Vorbereitung auf´s Trauern.


Ich schrieb vorstehend, da zu Salm in vierzehn Kapiteln Menschen zu Wort kommen ließ. Ich hoffe, diese Angabe stimmt, denn leider enthält das Buch kein Inhaltsverzeichnis. Auch ist den einzelnen Abschnitten nichts vorangestellt (oder als Zusammenfassung hinzugefügt), was einen kurzen Eindruck vermittelt, was die Autorin gerade an diesem Schicksal zeigen will, warum sie dieses Schicksal hier aufgenommen hat. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in der ‚Ich-Form wiedergegeben, ob die jeweiligen Personen diese Texte wirklich selbst verfasst haben, ob sie auf einem Interview beruhen, inwieweit zu Salm bearbeitet oder redigiert hat, auch das wird nicht leider nicht erwähnt.

So ist Weiter Leben nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Sammlung von Beispielen für trauernde Menschen, die ins Leben zurückgefunden haben und die beschreiben, wie sie dies gemacht haben bzw. wie dies geschehen ist. Mit ein wenig mehr Aufwand hätte das Buch jedoch deutlich mehr sein können.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich; Besprechung hier im Blog

Christiane zu Salm
Weiterleben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen
diese Ausgabe: Goldmann, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

buecherwurm_wbg

Der Bücherwurm ist eins der schönen Bücher über Bücher, ein Buch also auf der Meta-Ebene. Erinnert sich noch jemand an das Kinderspiel „Teekesselchen“, diesem Spiel mit Homonymen oder Polysemen, abgesehen ganz von der Frage, woher dieser seltsame Name kommt… ? Na ja, so ein wenig erinnert dieses wunderhübsche Buch des Münchner Professors für Kulturjournalismus und Medientheorie, Hektor Haarkötter, an dieses Spiel. Denn der Bücherwurm ist zweierlei: Ein sich von Büchern ernährender Schädling einerseits und der die Bücher nur im übertragenen Sinne verschlingende Leser und Büchersammler. Obwohl Haarkötter auch über die ‚Missing Links‘, die Bindeglieder, berichtet, diejenigen also, die die Bücher, die sie lesen, auch buchstäblich verschlingen… man führt, nur um es erwähnt zu haben, beispielsweise das Fehlen der Erstausgaben von Alice im Wunderland darauf zurück, daß diese schlicht und einfach von den Kindern aufgefuttert worden sind. Es gibt aber auch aktueller Buch-Gourmets, es sei nur an den österreichischen Schriftsteller Philipp Weiss erinnert [4]

Ein Buch jedenfalls ist ein Produkt aus organischem Material und damit prinzipiell dem Zerfall ausgesetzt und potentiell stellt es ebenso Nahrung dar für all diejenigen, die sich in diesem Habitat ansiedeln können. Beide Vorgänge tragen zum Tod des Buches bei, womit die Betrachtungen Haarkötters eine wunderbare Ergänzung sind zu denen, die Steinhauer in seinen Büchergrüften über den Zusammenhang zwischen Buch und Tod angestellt hat [s.u.: ‚Weitere Bücher‘]. Hier jedoch steht der Buchwurm, der nagende oder kauende oder mümmelnde Parasit im Vordergrund, der sich durch Bücher gräbt, Gänge hinterläßt und Kot (es ist einfach so), der Eier legt und sich vermehrt.

Folgerichtig beginnt Haarkötter seine Ausführungen mit dem Bücherwurm als tierischem Schädling, dessen erste Erwähung er auf Aristoteles zurückführt, auch Horaz und andere berichten über ihn und den Ägyptern wird er gleichfalls nicht unbekannt gewesen sein, Papyri haben ihm sicher gemundet. Nach dieser antiken Beschäftigung mit ihm konnte der Bücherwurm aber erst einmal seine Ruhe geniessen und in selbiger seiner Tätigkeit nachgehen. Erst im 17. Jahrhundert trat er wieder in den Focus des Interesses und den des Mikroskops, das mittlerweile erfunden worden war und bei dem Forscher eine Rolle spielen, die wir hier im Blog schon an anderer Stelle kennen gelernt haben, die Herren Leeuwenhoek und Swammerdam nämlich [3].

Krimis werden verschlungen, Pflichtlektüren durchgekaut.
Philosophische Traktate sind schwer verdaulich.
Weltliteratur wird geistige Nahrung genannt.
Der Leser verspürt Lesehunger.

Der innere Zusammenhang zwischen Lesen und Essen ist offensichtlich, manches ist schwerere, manches leichtere Kost (so hätte man das Zitat oben durchaus noch erweitern können). Aber wer oder was war dieser Bücherwurm jetzt endlich und wer taufte ihn so und war es überhaupt ein Wurm oder war es am Ende ein Insekt? Ein gewisser Robert Hooke war hier wegweisend (übrigens derselbe, der das Hooke´sche Gesetz zur Federkraft aufstellte), der 1666 in seiner Microphagia einen Stich veröffentlichte (siehe hier) und das abgebildete Tier als ‚book-worm‘ bezeichnete: Sie haben einen konischen Körper, der in 14 Teile geteilt sei, die wiederum von einer großen zahl durchsichtiger Schuppen bedeckt seien.

Der Buchwurm ist viele, um einen bekannten Buchtitel aufzugreifen und so wurden im Lauf der Jahre einige Schädlinge, die Büchern per Verdauungstrakt eine Ende bereiten, identifiziert. Wenn mich meine Erinnerung nicht trüft, nennt Haarkötter hier irgendwo die Zahl hundertfünfzig, jedenfalls schildert er Leben, Wirken und Schädigen vieler dieser Schädlinge aufs Lebendigste, bis hin zu den echten Würmern, die seinerzeit den unerwünscht zugesandten Rezensionsexemplare, die Hermann Hesse (der Dichter mit dem grünen Daumen) einfach in seinem Garten vergrub, ein organisches Ende bereiteten.

Wie jedoch ward nun der Mensch – der Mensch!- zum Wurm? Nun war der Wurm im Lauf der Zeiten keineswegs immer dieser kleine, kalte Regenwurm, der hilflos über das Pflaster kroch und noch kriecht… im Nibelungenlied beispielsweise war´s ein Lindwurm, bei Eva eine Schlange, lange lagen Drachen in Höhlen herum und wurmten so vor sich hin. Erinnern wir uns nur an die Stadt Worms, die den Namen behalten hat von dem großen Wurm oder Trachen. Irgendwann jedoch im 16./17. Jhdt. schickte sich der Mensch an, die Rolle des Unholds und Scheusals selbst zu übernehmen und er nahm die Bezeichnung ‚Wurm‘ mit. Bei Luther beispielsweise wurden viele zum ‚Wurm‘: Christus in der Rede der Juden über ihn, allgemein der moralischen Verderbnis verfallene Menschen, aber auch (Korn)wucherer oder zänkische Ehefrauen, die ihren Ehrentitel vom ‚Hausdrachen‘ heute noch nicht verloren haben.

Den Bücherfreund, den Lesenden, zum Wurm gemacht hat jedoch ein anderer, Jahrhunderte nach Luther war es. Zum ersten Mal betritt der im Januar 1748 die Bretter, die die Welt bedeuten, und zwar in Leipzig und dorthin gebracht hat ihn kein anderer als Gotthold Ephraim Lessing in seiner Komödie Der junge Gelehrte, Lessing war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ihm den Kopf zu verdrehen fällt Lisette schwer, hat er doch nur die Bücher im Kopf und mit Verständnis wendet sich der Diener an sie und verwendet dabei nämlichen Begriff. Damit war er also in der Welt, der menschliche Bücherwurm (1748 – ∞).

Von nun ab bewegen wir uns mit Haarkötter also bei den menschlichen Bücherwürmen. Diverse Fragen sind noch zu diskutieren, zum Beispiel die, wie der Mensch ins Buch gerät.. dies kann einerseits, daß unbekannte Kräfte bzw. Maschinen Menschen in Bücher hinein versetzen. Haarkötter bringt als Beispiel die Kurzgeschichte Woody Allens The Kugelmass Episode, in der der Titelheld in Flauberts Roman gerät und auf S. 100 Madame Bovary entführt. (Aktueller hat der Waliser Jasper Fforde mit seiner Pentalogie um Thursday Next diesen Idee wieder aufgegriffen [5].) Üblicher aber ist, daß der Schriftsteller reale Personen in seinen Romanen verewigt, einbindet oder auch bloßstellt, den der Streitigkeiten um solche Vorfälle sind nicht selten. So kann es positiv, aber auch negativ gesehen werden, bis in alles Ewigkeit mittels Literatur zumindest prinzipiell zu überleben….

Selten noch wird eine dritte Art, ins Buch zu kommen, verwirklicht. Die nämlich, Bücher derart exzessiv zu sammeln und zu horten, daß man praktisch von ihnen begraben wird, alles um den Betreffenden herum nur Papier noch ist. Sir Thomal Phillipps war ein solcher, der sogar Altpapierbestände tonnenweise aufkaufte, um sie nach Brauchbarem zu durchsuchen – und brauchbar, weil sammelbar, war für ihn fast alles. Sicherlich ein Extrembeispiel der von der Psychoanalyse propagierten analen Verhalten, dem Zusammenhang zwischen Verdauungstrakt und Sammelleidenschaft.

(Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an den Zweigschen Buchmendel [6], den ich hier im Blog neulich vorgestellt habe, und der dermassen tief in seine Bücher hineintauchte, daß er über hinweg noch nicht einmal wahrnahm, daß ein Weltkrieg ausgebrochen war.)

Der Bücherwurm - eine von mehreren Versionen (Maler: Carl Spitzweg, um 1850) Bildquelle: [B]

Der Bücherwurm – eine von mehreren Versionen (Maler: Carl Spitzweg, um 1850)
Bildquelle: [B]


Wie sieht der Bücherwurm aus, gibt es Charakteristika für ihn? Bekannt dürften zumindest zwei Gemälde sein, von Spitzweg das eine, von Arcimboldo das andere (das sich hinter diesem Link verbirgt). Der Autor widmet sich ihnen ausführlich unter seinem speziellen Gesichtspunkt der Bücherwürmerei, nicht ohne eine sexuelle Konnotation im Gemälde Spitzwegs zu verorten. Was nicht weiter verwundert, schließlich hat schon das (genussvolle) Essen seine Funktion auch in der Erotik und den Zusammenhang dieser mit dem Bibliophilen, der im Grunde eine eigene Kulinarik der Bücher rechtfertigen würde, wurde schon aufgezeigt. Das Lesen ist, liebe Leserin, eine sexuelle Tätigkeit, zitiert Haarkötter die Feministin Cora Kaplan. Und wer wollte dies angesichts der tief in das weit geöffnete Buch hingetauchten Nase und des schon genussvoll zuspitzten Mundes des Lesers bestreiten, womit wir uns wieder der Inkorporation von Stofflichem nähern, mithin bei der Analogie zur Nahrungsaufnahme sind. So schließt sich denn der Kreis, ein Parallelismus von Buch und Körper, Lecktüre und körperlicher Befriedigung ist konstatierbar.

“Lesendes Dienstmädchen in einer Bibliothek” von Edouard John Mentha (1858–1915) Bildquelle [B]

“Lesendes Dienstmädchen in einer Bibliothek” von Edouard John Mentha (1858–1915)
Bildquelle [B]

Führt Haarkötter uns also in das Spitzwegsche Gemälde ein, möchte ich noch ein weiteres hinweisen, das mir in den Weiten des Internets begegnet ist, und das unzweifelhaft den Bücherwurm zum Vorbild hat und ihn als sozusagen Würmin darstellt: Lesendes Dienstmädchen in einer Bibliothek, gemalt von Edouard John Menta, einem Landschafts- und Porträtsmaler aus der Schweiz, der von 1858 bis 1915 lebte. Diese beiden Bilder gegenübergestellt und verglichen, wäre sicher ein Genuss gewesen. Jedenfalls, dies läßt sich schon nach kurzem Augenschein feststellen, ist die Nase des Dienstmädchens weit weniger ins Buch eingeführt, der Mund deutlich ungespitzter als beim männlichen Pendant, dies in Hinblick auf die erotische Bedeutung mag jeder für sich selbst deuten…


Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iß, was vor dir ist, iß diesen Brief, und gehe hin und predige dem Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf, und er gab mir den Brief zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, du mußt diesen Brief, den ich dir gebe, in deinen Leib essen und deinen Bauch damit füllen. Da aß ich ihn, und er war in meinem Munde so süß wie Honig.
(Hesekiel 3,1-3)

Steckt Spitzwegs Bücherwurm seine Nase tief in das Buch hinein, so scheint er in diesem förmlich zu versinken. Ein Phänomen, das nicht selten ist. Der Leser taucht in eine andere Welt hinein, vergißt die, in der er lebt, nimmt das Äußere nicht mehr wahr. Haarkötter zitiert eine Beschreibung Hanns-Josef Ortheils, in der dieser schildert, mit welch all-sinnlicher Intensität dieser zur ‚wolllüstigen Vertilgung‘ der Bücher schreitet. Die oben angegebene Stelle aus Hesekiel deutet auf die (magische) Vorstellung hin, mit der oralen Aufnahme, dem Verzehr, des Gedruckten auch den Inhalt aufzunehmen und parat zu haben, es erinnert an Totemismus und rituellen Kannibalismus, eine sanftere Abart ist wohl die Vorstellung, durch ein unter das Kopfkissen gelegtes Buch würde man während des Schlafens den Inhalt aufnehmen und lernen… Der Beispiele für den Verzehr von Schriftlichem und dessen Nutzen jedenfalls sind im Lauf der Jahrhunderte viele, einige davon stehen im Buch. Ob Bücher jedoch wirklich schmecken? Betrachtet man diese Bilder hier, kann man es bezweifeln…. Im übrigen wurde der Verzehr von Büchern, die Bibliophagie, auch als drakonische Strafmassnahme eingesetzt: schriftlich geschmähte Fürsten oder Geistliche ließen die Schmäher das unerwünschtes Pamphlet zur Strafe aufessen. (btw: über das Büchertrinken kann der Autor nur ein einziges Beispiel anführen. Aber immerhin…)

Aber der Mensch liebt die Bücher nicht nur, er ist auch deren größter Feind, Buchwurm also auch im Sinne des Schädlings. Interessanterweise scheinen die Bibliothekare die Schlimmsten zu sein, sie verschandeln die Bücher mit Eintragungen, Signaturen und Stempeln, sie pflegen die Bücher so lange, bis sie für niemanden einen Nutzen mehr haben.  Lasen wir vorher davon, daß Schreiber ungeliebter Bücher durch deren Verzehr gestraft wurden, ist das allenfalls eine milde Vorstufe zu dem, was es auch gab und immer noch gibt: dem Verbrennen der Bücher auf Scheiterhaufen und dem der Autoren gleich hinterher….

Zum Schluss befasst sich Haarkötter noch mit den Zukunfsaussichten des Bücherwurm, der durchaus im digitalen Zeitalter angekommen ist. Als Wurm sowohl wie als Virus, und seinerzeit namengebend ganz real als ‚bug‘: First acual case of bug being found., 1947 in einem Relais eines der ersten Computers der US Navy.

Haarkötters Buch Der Bücherwurm ist ein Leseschatz. Kenntnisreich, informativ und (selbst)ironisch stellt er den Liebhaber des Gedruckten, den Bibliophilen in den Mittelpunkt und zwar mit dem Schwerpunkt seiner Wirkung als ‚Schädling‘, als Bücherwurm eben. So offenbart sich die Beziehung zwischen Mensch und Buch durchaus als zwiespältig, zwar schreibt und liest der Mensch die Bücher, aber er verbrennt sie auch oder verhunzt sie durch Unachtsamkeit. Daß im vorliegenden Buch teils überraschende Querverbindungen offenbart werden, deren Ausarbeitung wünschenswert wäre (z.B. wären eine ‚Kulinarik des Buches‘, eine ‚Erotik des Lesens‘, oder auch eine ‚Zoologie des Gedruckten‘ denkbar), erhöht den Reiz der Lektüre zusätzlich.

Wer Bücher nicht nur als Informationsmedium liebt, dem sei zum metaphorischen Verzehr dieses kleinen, zudem noch mit viel Liebe ausgestalteten Werkes, angeraten; wer schon satt ist, zumindest zum zeitweilig, das Büchlein eignet sich auch vorzüglich zur Fremdspeisung, gerade jetzt, wo die Zeit naht und man Geschenke sucht….

Links und Anmerkungen:

[1] Die Webseite zum Buch: http://www.buecherwurmbuch.de
[3] E.T.A. Hofmann: Meister Flohhttps://radiergummi.wordpress.com/2014/11/09/e-t-a-hoffmann-meister-floh/
[
4] z.B. hier: Elmar Krekeler: Schriftsteller Philipp Weiss verspeist seinen Texthttps://www.welt.de/kultur/article3999316/Schriftsteller-Philipp-Weiss-verspeist-seinen-Text.html
[5] die von mir hier im Blog besprochenen Titel um Thursday Next sind über diesen Link zugänglich:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/fforde/
[6] Stefan Zweig: Buchmendel & Die unsichtbare SammlungBesprechung hier im Blog

Bildquellen: – Spitzweg: Bücherwurm: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACarl_Spitzweg_021.jpg; Carl Spitzweg [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons
– Menta: Dienstmädchen:  https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Edouard_John_Mentha_Lesendes_Dienstmädchen_in_einer_Bibliothek.jpg; By Édouard John Mentha (1858–1915) (Dobiaschofsky Auktionen) [Public domain], via Wikimedia Commons

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Hektor Haarkötter
Der Bücherwurm
diese Ausgabe: Lambert Schneider (WBG), HC, 152 S., 2012

baker

Es ist, liest man hin und wieder ein Werk aus diesem Genre, offensichtlich schwer, über Erotik zu schreiben, über Sex oder auch nur Pornographisches. Wobei bei letzterem ja fast schon zur Definition gehört, daß es intellektuell anspruchslos zu sein hat und nur die entsprechenden Körperfunktionen aktivieren soll, indem die dazu gehörigen Schalter im Kopf umgelegt werden (Aber immerhin läßt sich über den „schlechten Sex“, den die Literatur zu bieten hat, trefflich lästern, Moritz hat es mit großen (zumindest hinsichtlich des Umsatzes) Erfolg vorgeführt [1]. Ist es möglicherweise sogar als gutes Zeichen zu werten, daß Baker in diesem ‚Buch der Verrisse‘ nicht erwähnt wird?)

Nicholson Baker jedenfalls hat keine Berührungsängste, wenn es um Literatur und Erotik geht und er scheut auch nicht, wenn es handfester wird und der schillernde, den moralischen Weltuntergang signalisierende Begriff ‚Pornografie‘ am Horizont erscheint. Denn Baker ist kein ganz Unbekannter im Genre, mit Vox und Die Fermate hat er in den letzten Jahren zumindest zwei erotische Romane veröffentlicht, die einiges an Lob einheimsten. Nun also das Haus der Löcher (HdL). ein doppeldeutiger Titel, der recht eindeutig auf das hinweist, was zu erwarten ist – eine Erwartung, die erfüllt wird, aber auf eine derartige Art und Weise, die dann doch verblüfft.

Das Haus der Löcher ist eine wilde Mischung aus erotischem (Episoden)Roman und Fantasy. Der Hinweis auf Alice im Wunderland ist naheliegend, denn so wie Alice seinerzeit nicht einfach ’so‘ ins Wunderland gelangte, sondern erst dem weißen Kaninchen in seinem Bau folgen musste, sind die Wege ins Sex-Ressort gleichfalls fantastisch: es sind Wege der Löcher: man/frau muss im Waschsalon in den vierten Trockner von links im Waschsalon Ecke 18th Street und Grover Avenue steigen, werden durch einen Strohhalm gesogen oder reisen durch die Öffnung, die Zeigefinger und Daumen bilden…. Endpunkt der wunderlichen Reise ist jenes Haus der Löcher, küstennah, sonnenbeschienen, luxuriös, mit angeschlossenem Vergnügungspark, wo es aber auch passieren kann, daß die Ankömmlingin sich miniaturisiert durch eine Harnröhre in die Freiheit arbeiten muss….

Im Ressort eingetroffen es meist Lila, die Chefin, die die Reisenden in Empfang nimmt, ihre Wünsche und Fantasien erfragt, ausgesuchte Männer (die ‚tipptoppsten‘) zur Waschung ihres kleinen (oder auch größeren) Prinzen schickt (wobei es den ‚Peniswäscherinnen‘ bei Strafe verboten ist, eine ganz bestimmte Grenze beim Waschen zu überschreiten, auch wenn den Männer noch so sehr danach dürstet), Lila ist es auch, die das Finanzielle regelt. Es ist nicht billig…. aber mit etwas Glück kann man bei mangelnder Finanzkraft die Kosten abarbeiten…. und das Reglement ist streng im Haus der Löcher, keineswegs sind Zucht und Ordnung außer Kraft gesetzt. Vieles ist mit Strafen und Sanktionen belegt, keineswegs kann jede/r zu beliebiger Zeit auftauchenden Lüsten nachgehen, aber gar zu oft ist die Versuchung größer als die Scheu vor der Strafe – man kennt das ja auch aus dem richtigen Leben…..

Was bei der Addam´s Family das ‚Eiskalte Händchen‘ ist hier Daves Arm, der die tragende, besser gesagt: massierende und stimulierende Rolle in der einleitenden Episode spielt. Daves Arm: ein selbstständig agierendes, sprechendes, intelligentes Wesen (das mit Fischpaste zu Füttern ist), welches Shandee, die ihn findet, sehr gefühlvoll als Vibratorersatz dient. Dave, der ursprüngliche Träger des Arms, bekam im HdL von Lila ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wären Sie bereit, für einen größeren Penis ihren rechten Arm zu geben? .. vorübergehend.. nur so lange, bis jemand ihn findet, ihn zurück bringt und wieder an ihm befestigt…. Ein Angebot, das Dave nicht ablehnen konnte….

Ähnlich fantastisch geht es weiter im Text. Die Künstlerin Koizumi beispielsweise fertigt Skulpturen, die auch im Gesäßbereich anatomisch korrekt sind und es Marcella ermöglichen, auf schon geschildertem Weg über das dort beheimatete Loch den Zugang zum Ressort zu finden, wo dann passenderweise diese Körperregion auch gleich in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird… Reese dagegen sucht einfach einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste und wird dafür ins ‚Kopflosenzimmer‘ geschickt. Hier denken die Männer nur noch mit dem, was sie haben, nämlich Rückgrat und Genitalien …. der Arsch wird neuronaler Stellvertreter…. Ned ist der arme, beim HdL hoch verschuldete Kerl, an dem Baker uns vorführt, auf welche Art und Weise aufgehäufte Schulden abgetragen werden können…

Da gibt es ‚Pornosaugschiffe‘, die die aufgesaugten Filme in einem Tümpel ablassen, in dem sich daraus ein Monster materialisiert hat, ein Amalgam aus Körperteilen… es dürften hundert Penisse gewesen sein – manche blassrosa, manche kaffeeefarben -, dann Brüste und Augen und Klits …. aber kein Kopf – naturellement. Rhumpa ist die Glückliche, die das Monster mittels eines gigantischen Gangbang mit nur einer Person zähmt…

Handjob-Festivals werden ausgetragen, es gibt ‚Penisbäume‘ genauso wie ‚Penissäle‘, ‚Sex-jetzt-Tasten‘ auf der Fernbedienung im Hotelzimmer, im ‚Weißen See‘ kann muschigeboardet werden und im ‚Pornodekaeder‘, einem zwölfseitigem Projektionskino kann die vorher zusammengestellte Playlist abgearbeitet werden….  Voyeure kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Liebhaber des Dirty Talks, das ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ vermag aus üblichen Sperma Heilsperma zu machen, das die Kraft hat, menschliche Gließmaßen oder Köpfe wieder anzubringen – nicht überflüssig, wie wir gesehen haben. Mittels besonderer Medien haben Männer und Frauen die Möglichkeit, ihre Geschlechtsteile zu transferieren, was die seltene Gelegenheit ergibt, daß Männer  (nunmehr Träger einer Vagina) mit ihrem eigenen Geschlecht penetriert werden können… genug der Beispiele….

Natürlich, Baker ist fantasievoll genug, sich im Vokabular nicht auf die medizinische Fachterminologie zu beschränken. Wollte ich all die verwendeten Ausdrücke für die im Mittelpunkt der Ausführungen stehenden Körperteile auflisten – es wäre eine lange Liste (an dieser Stelle ist es wohl angebracht, auch der Übersetzerin Anerkennung für ihre Mühe, das alles ins Deutsche zu transferieren, auszusprechen).

Es gibt Regeln im HdL, aber keine Grenzen, weder was die geheimen Wünsche der Besucher/-innen angeht noch was deren Umsetzung betrifft. Baker kehrt das Innere nach außen, der aufgeregte Gedanke, die exotische Fantasievorstellung, die dem/der einen oder anderen möglicherweise durch den Kopf gehen mag – hier formuliert Baker sie aus, setzt sie grenzenlos in die Tat um. Mann wünscht sich ein größeres Gerät? Es hat seinen Preis – aber es ist möglich; Frau will endlich einmal die selbstauferlegte verbale oder auch rektale Zurückhaltung aufgeben: Voilá – nur zu! Für jede/n gibt es hier das Passende – aber nicht umsonst.

Es ist eine eindimensionale Utopie, die Baker beschreibt. Kaum eine der Figuren hat ausser ihren Sexvorstellungen weitere Eigenschaften, mit der Ankunft im HdL sind solche der Erwähnung nicht mehr wert. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger und es herrscht Gleichberechtigung an diesem Fantasieort, männliche und weibliche Bedürfnisse werden in gleicher Weise befriedigt, auch wenn die Männer finanziell stärker belastet werden. Es wäre interessant, ein HdL (vielleicht als ‚Heim der Ständer‘) aus weiblicher Sicht geschildert zu bekommen, denn daran kommt man natürlich nicht vorbei: Baker kann als Mann, was seine Frauenfiguren angeht, nur in Szene setzen, was er glaubt, es würde ihren potentiellen Wünschen entsprechen.

Wer will, mag Ironie erkennen im Werk: das erwähnte ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ als Persiflage auf oft obskure Heilmittel, denen Wunderdinge nachgesagt werden, das Pornomonster als Sexanalogon auf die Inflation diverser Aliens, die die Erde heimsuchen…. auch korrespondiert das Haus der Löcher gut mit dem Garten der Lüste, des vor einen halben Jahrtausend verstorbenen Hieronymus Bosch (rein architektonisch ergänzen sie sich sogar), auch wenn natürlich Bakers Text eindimensionaler, weniger subtil und einfacher deutbar ist als dieses Meisterwerk des Niederländers.

Das Haus der Löcher polarisiert sicherlich weniger als daß es erregt – auch wenn es solche Momente durchaus bereit hält. Vielleicht stößt es den Leser, die Leserin sogar ab, nicht jede wird sich mit der Vorstellung anfreunden können, mit Dekapitierten zu kopulieren oder eine Klitdiebin in die Hände zu laufen. Möglicherweise ist das Haus der Löcher aber auch ein Blick in die Untiefen der Begierden, die einen Menschen, egal welchen Geschlechts, heimsuchen können und die wir normalerweise nicht zulassen. Und wie jeder Blick in diese Untiefen bietet auch dieser nicht nur Schönheit und Anmut.

Wer also einen leichten oder lockeren Sexroman erwartet, wird von Bakers Fantasie enttäuscht sein, denn das bekommt er nicht. Wer Ungewöhnliches mag, nun, dem könnte das Buch zusagen, sicher ist aber auch das nicht. Denn das Haus der Löcher ist, um mit Monty Python zu sprechen: Something completely different. Ach ja, bevor ich es vergesse: die Umsetzung seiner Idee ist Baker, schließlich ist es ein arrivierter Autor, literarisch natürlich um Klassen besser gelungen als dem inflationären Gros an Möchtegernsexautoren/-innen, die im Moment dank Selfpublishing in den Markt drängen…. daran hängt Gefallen oder Nicht-Gefallen also nicht….

Nicholson Baker
Haus der Löcher
Übersetzt aus dem Englischen von Elke Schönfeld
Originalausgabe: House of Holes, NY, 2001
diese Ausgabe: rororo TB, ca. 315 S., 2003

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