Das letzte (Zeit)Jahr war ein Jahr der unerwarteten, teils auch schwer erklärbaren politischen Entscheidungen, Entscheidungen, die durch Wahlen getroffen worden sind und die bei vielen Ratlosigkeit hinterließen. Der Brexit der Engländer war die erste dieser Einschnitte in die politische Landschaft, die Wahl des bekennenden ‚pussy-grabbers‘ und notorischen Lügners Trump zum Präsidenten das dies noch toppende Ereignis. Daß jetzt kürzlich die Türken (und prozentual gesehen vor allem die nicht in der Türkei lebenden, wahlberechtigten Türken) für die ‚Käfighaltung‘ stimmten, rundet das Bild ab. So giert der politisch interessierte Mensch, der im Inneren immer noch an die Vernunft glaubt, nach Deutungen, nach Erklärungen, nach Antwort auf die Frage: Was zur Hölle ist denn da schief gelaufen?


Eine Antwort auf das weltpolitisch wohl bedeutendste dieser drei Ereignisse (nicht unbedingt ‚Die‘ Antwort, dazu ist der Komplex doch zu vielschichtig) gibt J.D. Vance in seiner Biographie Hillbilly Elegy . Zwar ist Vance erst 33 Jahre alt, hat aber schon ein ganzes Leben gelebt, dem er durch verschiedene glückliche Umstände  äußerlich entkommen konnte, wenngleich es ihn innerlich durch die erlittenen mentalen und psychi- schen Schädigungen noch lange nicht losgelassen hat.

Der Term ‚Hillbilly‘ bezeichnet ursprünglich die Menschen, die in den Appalachen, einen Mittelgebirge in der Nähe der amerikanischen Ostküste, das sich über fast 2500 km erstreckt, leben. Hillbillys haben ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Traditionen. Ein hohes Gewalt- und Aggressionspotential prägen ihr Verhalten, der Begriff der ‚Ehre‘, die verteidigt werden muss, ist zentral, vor allem für den männlichen Teil der Bevölkerung. Vance führt für die irisch-schottischen Einwanderern abstammende Bevölkerungsschicht folgendes Zitat an: Wenn ich durch Amerika gereist bin, haben mit die Ulster-Schotten immer beeindruckt als die beharrlichste und konstanteste regionale Subkultur des Landes. Ihre Familienstrukturen, Religion und Politik, ihr Gesellschaftsleben, all das bliebe angesichts der vollständigen Aufgebe jeglicher Tradition, die beinahe überall sonst stattgefunden hat, komplett unverändert. [4] Oder in Vance‘ eigenen Worten: Wir mögen Außenseiter nicht besonders oder Leute, die anders sind als wir, egal, ob sich dieses Anderssein in der äußeren Erscheinung manifestiert oder im Verhalten oder – und dies ist entscheidend- in der Sprache. Vance dehnt den Begriff in seinem Buch aber umfassender auf die gesamte weiße Arbeiterklasse aus.

Nach beiden Weltkriegen gab es eine Migrationswelle unter den Hillbillys aus dem Süden in die seinerzeit prosperierenden Industriestädte des heutigen ‚rust belts‘, aus denen sich heute ein großer Teil des Wählerreservoirs von Trump rekrutiert. So zogen auch nach dem 2.Weltkrieg (durch andere Vorkommnisse wie eine ungewollte Schwangerschaft notwendigerweise und die Aktion eher sogar als Flucht ausgestaltend) auch die Großeltern des Autoren von Jackson, Kentucky, nach Middletown, Ohio, wo der Großvater Arbeit in einem Stahlwerk fand. Die (spätere) Großmutter des Autoren war damals dreizehn, der (spätere) Großvater sechzehn Jahre alt.

Die große Zahl der in die Industriestädten ziehenden Hillbillys führte dazu, daß sie ihre Traditionen und Verhaltensweisen aufrecht erhielten und am neuen Wohnort auch unter sich blieben. Der häufige und regelmäßige Besuch der zurückgelassenen Familien war Pflicht, so daß damit ein zusätzlicher Anker bestand, Althergebrachtes beizubehalten.

Die Ehe der Großeltern lief nicht besonders gut, der Mann arbeitet zwar, trank aber viel und hatte wohl auch Affären. Es gab viel Streit. Bezeichnend für das Aggressionspotential der Hillbillys, und besonders der (waffenverliebten) Großmutter ist die Episode, in der sie ihren volltrunken schlafenden Mann mit Benzin übergoß und anzündete. Ein paar Tage vorher hatte sie ihm angedroht, ihn umzubringen, wenn er noch einmal besoffen nach Hause käme. Und sie machte ungerne leere Versprechungen…. die ältere von insgesamt zwei Töchtern, es gab noch einen Sohn, konnte ihren Vater noch rechtzeitig löschen. Später dann lebten die beiden in getrennten Häusern, war ihrem ‚Zusammenleben‘ gut tat, auch ließ der Mann irgendwann die Hände vom Alkohol.

Von den drei Kindern der Großeltern schafften letztlich zwei den Absprung aus Middletown und bauten sich ein ’normales‘ Leben außerhalb der Hillbilly-Gemeinschaft auf. Das dritte Kind, die Tochter Bev, jedoch war der psychischen Belastung, die sie in dieser desolaten Familie zu tragen hatte, nicht gewachsen. Der ständige Streit und der Alkoholismus hatten sie stark belastet. … sie warf sich einfach auf den Boden und hielt sich die Ohren zu. … Für viele Kinder ist Flucht der erste Impuls, aber Menschen, die auf den Ausgang zutaumeln, finden meist nicht den richtigen. … Das ist der Grund, warum meine Mutter, die zweitbeste Absolventin ihres High-School-Jahrgangs, ein Baby hatte und geschieden war, aber nicht einen Fuss in ein College gesetzt hatte, bevor ihre Teenagerjahre zu Ende waren.

Der Autor, J.D. Vance, ist das zweite Kind von Bev, hat aber einen anderen Vater als seine Schwester Lindsay. Beziehungen, die die Mutter nach der Scheidung einging, dauern nie lange und zerbrechen bald, der junge J.D. hat im Grunde keine männliche Bezugsperson bzw. Vaterersatz. Er wird früh zu Adoption freigegeben, da sich sein leiblicher Vater überhaupt nicht für ihn interessiert. Wegen dieser Umstände und weil die Mutter immer weiter in den Strudel von Arbeitslosigkeit, Alkohol, später dann auch andere Drogen und Gewalt gerät, lehnt sich der Junge sehr stark an die Großeltern (‚Mamaw‘ und ‚Papaw‘) an, die ihm bei aller Aggressivität, die auch bei ihnen zu finden ist (und die in ihrem sozialen Umfeld nicht weiter auffällig ist) ein hohen Maß an Geborgenheit bieten. Auch die Bindung zu seiner älteren Schwester ist sehr eng, Lindsay ersetzt ihm zeitweise die Mutter.

Es ist bemerkenswert, daß diese erste Generation der Hillbillys, die der Arbeit in die Städte nachgezogen sind, noch Werte wie Fleiß oder Strebsamkeit hochhielten, sie strampelten sozusagen, ohne jedoch dem Sumpf wirklich entkommen zu können. Die zweite Generation der Kinder jedoch ließ sich in realiter großenteils gehen, war faul und arbeitsscheu (Vance schildert dafür einige Beispiele), hatte aber ein völlig anderes Selbstbild: Daddy sagt, dass er mal gearbeitet hat. Aber das Einzige, was er je gemacht hat, ist, seinen Arsch zu massieren. Warum gibst du es nicht einfach zu, Papa? Daddy war Alkoholiker. Er war immer besoffen, und er hat nicht zu essen mit nach Hause gebracht. Mom war es, die ihre Kleinen versorgt hat…. lautet ein Zitat, das Vance zu diesem Punkt anführt.

Ein Wendepunkt in Vance` Leben war der Versuch seiner Mutter, ihn umzubringen. Dies führte zu einer häßlichen Szene mit Polizeieinsatz und einer Gerichtsverhandlung, in der der Junge seine Mutter aber nicht belastete, der ‚Fall‘ wurde intern geregelt. J.D. Vance lebte danach bei seiner Großmutter, seine Mutter konnte, musste er aber nicht mehr besuchen. Damit zog nach den vielen ‚Stiefvätern‘ und den damit einhergehenden häufigem Wohnungswechseln eine gewissen Konstanz in das Leben des Jungen ein.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis für ihn war es, daß er seinen Adoptivvater kennenlernte. Dieser lebte mit seiner neuen Familie außerhalb der Hillbillys in einer evangelikalen Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Wertesystem. Als J.D. ihn dort besucht, macht es ihn schier fassungslos, daß die Erwachsenen sich nicht anbrüllen, sich nicht streiten oder aufeinander einschlagen…. Es sind im Grunde solche Szenen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die gewaltbereite Tradition der Hillbillys besonders deutlich hervortreten lassen. Selbst als Erwachsener mit Uniabschluss sollte er später noch z.B. über seine Schwiegereltern in spe staunen, die völlig harmonisch ohne böse Worte miteinander umgingen.

Mit der relativen Geborgenheit bei ‚Mamaw‘ und deren Ehrgeiz bezüglich des Jungen bessern sich die Schulleistungen und ein Besuch der Ohio State University wird möglich. Ratlos sitzen Oma und Junge vor den Bewerbungsunterlagen, die Fragen der Fragebögen passen nicht in ihre Welt… Vance fühlt sich jedoch noch nicht bereit, auf die Uni zu gehen und verpflichtet sich bei den Marines, bei denen er durch eine völlig neue Welt kennenlernt, dies aber, man muss es zugeben, zu seinem Besten. Er lernt viel dort, vieles, was man als Kind in einem funktionierenden Elternhaus automatisch lernt, was aber in einer so desolaten Tradition wie die der Hillbillys unbekannt ist. Selbstbild, Selbstwertgefühl, einfache Alltagsfähigkeiten, all das wird in dieser Zeit nachhaltig verbessert bzw. erst ausgebildet. Nach vier Jahren (er war auch im Iraq) wird Vance entlassen, graduiert sich an der Ohio University und bewirbt sich in Yale für Jura, wo er auch angenommen wird. Das Studium in Yale ist für ihn viel ‚billiger‘ als an anderen Universität, es gibt für Studenten schwacher sozialer Schichten eine Menge Förderprogramme, die andere Universitäten nicht haben, so daß einfacherer Unis unter Umständen teuer sind als eine Eliteuniversität wie Yale. Aber wer weiß das schon? Die Großmutter war inzwischen verstorben, Vance selbst löste sich innerlich in dieser Zeit endgültig von Middletown, das Verhältnis zu seiner Mutter, die immer tiefer in den Teufelskreis Droge-Entzug-Droge… gerät, wird sehr ambivalent.

Auch sein Studium in Yale schließt Vance erfolgreich ab, heute arbeitet er für eine Investmentfirma [5].


Im umfangreichsten Teil der Hillbilly Elegie schildert J.D. Vance sein Leben, eingebettet in die Geschichte seiner Familie. Der kleinere (nichtsdestotrotz sehr interessante und aufschlussreiche) Teil des Buches befasst sich der Analyse seiner Situation, der Reflektion über den Charakter der Subkultur der Hillbillys und den daraus folgenden Schlüssen. Das Ergebnis dieser Betrachtungen, in die auch Erkenntnisse soziologischer Studien einfließen, sind alles andere als optimistisch.

Die weiße Arbeiterklasse weist als einziges Milieu in den Staaten eine abnehmende (und sowieso schon geringere) Lebenserwartung auf, die eigenen Zukunftsaussichten werden als schlecht eingestuft, auch damit unterscheiden sie sich von anderen Bevölkerungsgruppen, sogar die Gruppe der Afroamerikaner sieht ihr Leben nicht derart düster. Der sprichwörtliche amerikanische Traum ist für sie nicht mehr existent. Man muss aus der Schilderung von Vance sogar folgern, daß diese Hillbillys dabei sind, sich in Gänze von der Gesellschaft abzukoppeln, ein Mann wie Obama, so schildert Vance, ist für sie wie ein Ausserirdischer, mit dem sie nichts mehr gemein haben, die andere Hautfarbe ist noch das geringste Problem dieser Art von ‚Rassismus‘. Er verkörpert einfach eine andere Welt, in der alles anders ist und die nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Hillbillys zu tun hat. Sprache, Ausbildung, Kleidung, Umgang: von einem anderen Stern.

Eine Lebenswirklichkeit, die sich die Hillbillys selbst zurechtbiegen. Verdrängung, Schuldzuweisungen nach außen, verbunden mit einer miesen Schulbildung und einer katastrophal schlechten Familienstruktur, dazu das wachsende Drogenproblem – das sind nur einige Punkte, die man verantwortlich machen kann. Eine Kultur der Gewalt, der Aggression, die sich auch physisch niederschlägt, weil die körpereigenen Stresssysteme immer auf Hochtouren laufen und permanent und noch jahrelang (selbst wenn man in ganz anderen Verhältnissen lebt) stete Verteidigungsbereitschaft gegen vermeintliche Angriffe aufrechthalten. Menschen, die nicht mehr in der Lage (oder willens) sind, sich zu informieren, die Zeitungen prinzipiell misstrauen, die dagegen bereit sind, jede auch noch so unwahrscheinliche Behauptung zu glauben (Obama ist Muslim, Bill und Hillary Clinton sind in Kinderhandel auf Haiti, Ritualmorde und Satanismus verwickelt und ähnlich abstruses mehr), wenn sie in ihr persönliches Weltbild passt. Wenn man diese Ausführungen von Vance gelesen hat, wundert man sich nicht mehr, daß Trump trotz seiner wirren Aussagen wählbar war und immer noch ist, vielleicht ist er es sogar wegen dieser Aussagen, völlig unabhängig von deren Realitätsgehalt. Dazu passt die aktuelle Meldung, daß nach 100 Tagen Regierungszeit nur 2% der Trumpwähler bedauern, ihn gewählt zu haben, sehr gut [8].


Ich bin überzeugt, dass wir Hillbillys die zähesten, unerschütterlichsten Menschen der Welt sind. Wer unsere Mütter beleidigt, wird mit der elektrischen Säge traktiert. Wir zwingen junge Männer dazu, Baumwollunterwäsche zu essen, um die Ehre unserer Schwester zu verteidigen. Aber sind wir auch zäh genug, eine Gemeinde aufzubauen, die Kinder wie mich zwingt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, statt sich aus ihr zurückzuziehen? Sind wir zäh genug, um in den Spiegel zu sehen und zuzugeben, daß unser Verhalten unseren Kinder schadet? […] Nicht Regierungen oder Konzerne haben diese Probleme geschaffen, auch sonst niemand. Wir haben sie selbst geschaffen, und nur wir können sie lösen. […] Die genaue Lösung kenne ich auch nicht, aber ich weiß, daß sie dort ansetzt, wo wir aufhören, Obama oder Bush oder irgendwelche gesichtslosen Konzerne verantwortlich zu machen, und uns fragen, was wir selbst tun können, um die Lage zu verbessern.


In Hillbilly Elegie zeichnet J.D. Vance von eigenen Erfahrungen ausgehend und diese mit u.a. soziologischen Untersuchungen untermauernd, erweiternd und verallgemeinernd das Bild einer Subkultur, die den Kontakt zur Lebenswirklichkeit zu verlieren droht. Das Resümee, das man aus der Darstellung Vance‘  ziehen kann, bietet wenig Anlaß, optimistisch in die Zukunft zu sehen, da vor allem nicht erkennbar ist, daß bei den Betroffenen selbst der Wille da ist, zu verändern. Das stetig wachsende Drogenproblem verschärft diese Tatsache vollends. Es bedarf offensichtlich vieler glücklicher Umstände, daß jemand diesem Milieu zumindest die äußerlichen Verhältnisse betreffend entkommt, Vance macht aber auch deutlich, daß die gesamte, von Aggression u.a. Stress bestimmte Lebensweise der Hillbillys irreparable psychische Schäden hervorruft [6]. Auch wenn der jetzige Präsident der USA natürlich noch andere Wähler hatte, verwundert es nach der Lektüre des Buches jedenfalls nicht, daß Trump in den ‚Hillbilly-Staaten‘ wie Ohio, Kentucky, oder West-Virgina, die z.T. auch als Swing-States galten, gewonnen hat [7]. All die Eigenschaften und Äußerungen Trumps, die ihn den Augen der ‚anderen‘ unmöglich machen, sind für die Hillbillys allenfalls ein Zeichen dafür, daß er zu ihnen gehört [vgl. auch Sailer in 4]. Jemand, der seine Arbeitsstelle selbst kündigt und Obama dafür verantwortlich macht, ist auch für alternative Fakten empfänglich….

Sicher ist einiges von dem, was Vance beschreibt, im Analogschluss auf andere Milieus, auf andere Gruppen, die in Gefahr sind, Parallelgesellschaften auszubilden, übertragbar. Bildungsferne, ein mit erheblichem Aggressionspotential verbundener Ehrbegriff, eine falsche Selbstwahrnehmung, die Verweigerung, für die eigene Lebenssituation Verantwortung zu übernehmen und diese auf andere zu deligieren oder auch das Ausnutzen von sozialen Hilfen und Unterstützung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Hillbillys. Insofern kann man aus diesem Lebenslauf von J.D. Vance unter Umständen auch Lehren ziehen für eigene gesellschaftliche Probleme.

So macht Vance mit seiner Biographie deutlich, wie gespalten die Gesellschaft der USA ist. Und schlimmer noch: auch er, der dieser Gesellschaft entstammt, kann nicht sagen, womit man diese Spaltung rückgängig machen könnte, im Gegenteil, scheint dieser Prozess im Irreversiblen angekommen zu sein. Der Teufelskreis aus faktischem Stellenmangel, aus persönlicher Faulheit, aus immer anspruchsvolleren Berufsbildern, die mit einer absolut unzureichenden Schulbildung konfrontiert werden – wer soll, wer kann (und vor allem wie) diesen Kreislauf durchbrechen?

Links und Anmerkungen:

[1] zur offiziellen Webpräsenz des Autoren: http://www.jdvance.com
[2] Wiki-Seite zu den Appalachen: https://de.wikipedia.org/wiki/Appalachen
[3]
[4] Razib Khan: The Scots-Irish as indigenous people; in:  http://blogs.discovermagazine.com/gnxp/2012/07/the-scots-irish-as-indigenous-people/#.WPhUvqVSDcs
vgl. auch diesen Aufsatz: Steve Sailer: Is Trump Scots-Irish? in:  http://www.unz.com/isteve/is-trump-scots-irish/
[5] siehe hier: http://www.mithril.com/team/
[6] als ich diesen Abschnitt las, fiel mir auf, daß ich mir selbst heute noch hin und wieder an Sonntagen sage, du musst da morgen nicht hin und ich damit eine aufkeimende Nervosität ersticke. Den Job, um den es geht, hatte ich Anfang der neunziger Jahre (!) gekündigt…
[7] vgl. die Landkarte z.B. hier:  https://www.welt.de/politik/…Trump.html
[8] ZEIT online: Donald Trumps Umfragewerte auf Rekordtief; in:  http://www.zeit.de/…amtsjubilaeum

J. D. Vance
Hillbilly-Elegie
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Originalausgabe: Hillbilly Elegy, NY, 2016
diese Ausgabe: Ullstein, HC, ca. 304 S., 2017

Matthew Battles, Bibliothekar in Harvard [1] und Kolumnist in verschiedenen Magazinen, hat mit Die Welt der Bücher ‚Eine Geschichte der Bibliothek‘ vorgelegt. Das Werk ist nicht mehr ganz neu, 2003 erschienen, aber bei der Zeitspanne, die das Buch thematisch überstreicht, spielen die paar Jahre kaum eine Rolle – obwohl wir Jetzigen ja mittendrin sind in einer Revolution, dem Aufkommen der digitalen Welt auch auf dem Sektor des Schriftlichen und zumindest der Etablierung nur noch elektronisch gespeicherter Inhalte als parallelen Zweig zum Gedruckten. Jedoch spielt diese Tatsache in Battles Betrachtungen praktisch noch keine Rolle, er sieht diesen Wandel zwar kommen, doch mit dem Analogschluss, die Bibliothek als Institution habe schon so manche Entwicklung im Buchwesen überdauert, äußert er sich optimistisch, was die Zukunft angeht: Indem sie die Bücher und die in ihnen enthaltenen Worte beschützte, hat die Bibliothek sich immer aufs Neue gegen die Technik und die Kräfte der Veränderung behauptet und es geschafft, die Macht der Herrscher im Zaum zu halten. Solche Veränderungen sind Teil jenes endlosen Zyklus der Erneuerung, für den die Bibliothek ihren Lesern danken muss.


Es kommt nicht darauf an,
wie viele Bücher man besitzt,
sondern wie gut sie sind.

Seneca

Dieser Ausspruch des Römers kann als eine Art Motto gesehen werden für die frühen Bibliotheken, deren Werke eine Essenz darstellen alles dessen, was gut und schön im klassischen Sinn ist oder klassisch im Verständnis des Mittelalters. … eine streng orchestrierte Zusammenstellung von Idealen. Entsprechend auch die Ordnung in der Bibliothek und die Funktion des Bibliothekars als Hüter und Wissender, wo ein Werk steht und zu finden ist. Nach der Erfingung des Buchdrucks, der eine inflationäre Vermehrung von Büchern hervorrief, geriet dieses Ordnungsprinzip heftig ins Wanken – eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder Bücherfreund früher oder später macht, wenn intuitive Ordnungsprinzipien ab einer bestimmen Anzahl von Büchern im Regal einfach nicht mehr greifen. So habe ich selbst meine Bücher (Belletristik) anfänglich streng in Hardcover und Taschenbücher getrennt, die HC-Ausgaben farblich und innerhalb der Farben nach absteigender Größe geordnet. Nachdem sich dann aber zeigte, daß ich mehrere Titel in drei oder gar vier verschiedenen Ausgaben besaß, wusste ich: es muss etwas geschehen. Fortan gab das Alphabet die Reihenfolge vor.

Aber angefangen hatte es ganz anders. Die ersten Textsammlungen in Mesopotamien bestanden aus Tontafeln, in Ägypten wurden in der berühmten Bibliothek von Alexandria hunderttausende Papyrusrollen verwahrt, Brände zerstörten immer wieder Teile des Bestandes. Nach Battles war die Bibliothek von Alexandria in gewisser Weise der Prototyp der modernen Universalbibliothek: eine Einrichtung mit universalen Ambitionen … und dem erklärten Ziel, .. alles zu besitzen.

Weitere Stationen der Battles’schen Betrachtung sind das alte China, in dem Herrscher ihren Machtanspruch dadurch festigten, daß sie die Erinnerung, sprich: auch die schriftlichen Zeugnisse, an ihre Vorgänger tilgten. Auch Rom hatte seine Sammler und Bibliotheken, Cicero ist einer der bekanntesten, ein ‚Homme de lettres‘. Gebildete Sklaven hatten die Aufgabe, alte Texte abzuschreiben und zu vervielfältigen, damit sie unter Sammlern weitergereicht werden konnten.

Dem mittelalterlichen Europa waren Bücher nicht so wichtig, Werke aus alter Zeit eher suspekt. Wäre der Islam nicht gewesen, der viele der alten griechischen Bücher (und andere ebenfalls) ins Arabische übertragen und gesammelt hätte…. in Cordoba umfasste allein der Katalog der Bibliothek von Al-Hakim 44 Bände, die Anzahl der Bücher bewegte sich zwischen 400.000 und 600.000…. In Europa lebte das Bibliothekswesen erst im 15. Jhdt wieder unter den Medici in Florenz und dann in Venedig mit der ersten modernen ‚öffentlichen‘ Bibliothek auf: Das alles ist eindeutig Teil eines Programms zur Eigenwerbung und zur öffentlichen Feier des Familiennamens. …

Die Kirchen, natürlich hatten sie Büchereien und Büchersammlungen, deren Titelbestand jedoch nur wenige Hundert Stück umfasste und die in einem Raum aufzustellen waren und die von den klassischen Werken beherrscht wurden. So besaß die Bibliothek von Lorsch im 10. Jhdt. bei einer Gesamtzahl von 590 Bänden allein 98 von Augustinus… unter diesen Umständen ließ sich leicht Ordnung halten.

Beim Übergang zum 14. Jhdt gab es jedoch auch schon Bibliotheken, deren Bestände größer waren, die Bibliothekare fingen an, eine alphanumerische Ordnung einzuführen. Die Kataloge, von ’scriptores‘ erstellt, wurden zum Schlüsselelement der neuen Gelehrsamkeit. Noch ‚rangen‘ die Ordungsprinzipien miteinander, wurden die Titel nach Wissensgebieten unterteilt, und in diesen dann aber alphabetisch.


Ein ausführlicher und wahrhaftiger Bericht über die Schlacht, die letzten Freitag in der St. Jakobsbibliothek zwischen den alten und den modernen Büchern ausgefochten wurde.

Eine zentrale Stellung nimmt in Battles Darstellung die ‚Bücherschlacht‘ ein, der berühmte Streit über die alte und die moderne Gelehrsamkeit. … [3] was nichts anderes meint, als das ein Teil der Bibliothekare der Meinung war, die Auswahl der Bücher, die man lesen solle, sei nicht schwer zu treffen, … Es sind die ältesten, jene, die in unmittelbarer Nähe um goldenen Zeitalter Homers geschrieben worden sind. Diese Bücher dürften nicht von pingeligen Philologen auseinander genommen und wissenschaftlich geprüft werden, sondern sie seien mit Ehrerbietung zu lesen …. während die Gegenposition der Meinung war, daß …mit der Vervielfältigung der Kopien von Büchern dank des Buchdrucks … die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt beginnen könne. Anfang des 18. Jhdt. war mithin eine Entscheidung notwendig zwischen der Gelehrsamkeit des Alten oder den neuen Techniken der Kritik. Und es war die Zeit, in der Journale aus dem Boden sprossen und die ersten Romane, die nicht die Erziehung, die Bildung oder die Anleitung des Lesers zu Ziel hatten, sondern seine Unterhaltung, erblickten das Licht der Welt.

Es begann die Zeit, in der das Buch vom Kunsthandwerk zur Massenware eines industsriellen Herstellungsprozesses wurde, die große Zeit der Nationalbibliotheken begann, der Bestände schnell in die Hundertausende wuchs. Auch, weil die Verleger verpflichtet wurden, von jedem Titel aus ihrer Produktion Pflichtexemplare an die Nationalbibliothek zu liefern. Je größer die Bestände, desto wichtiger wurde als direkte Folge davon der Bestandskatalog. Hier geht Battles ausführlich auf den in Italien geborenen Antonio Panizzi ein, der als Bibliothekar der British Library ein völlig neues Katalogsystem entwickelte.

Auf einer zweiten Schiene entwickelten sich eine andere Art von Bibliotheken, die sich erklärtermaßen das Ziel setzten, die armen und bildungsfernen Bevölkerungsschichten an das Buch heranzuführen: man hatte erkannt, daß auch die Bildung bei Arbeitern für die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft von Bedeutung war. Und daß Bibliotheken ein höheres Gut zu bieten hatten als nur Verstand: Sie machten auch glücklich. So entstanden letztlich steuerfinanzierte öffentliche Bibliotheken und Leihbüchereien.


Der Schwerpunkt der Betrachtungen Battles‘  liegt auf den angelsächsischen Bibliotheken, Einrichtungen anderer Länder werden nur sporadisch genannt. Deutschland, wen wundert’s, dient vor allem als Beispiel für die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern in schier unvorstellbarer Menge, wie sie im Dritten Reich geschah. Wobei der 10. Mai 1933 nur ein Tag in diesem Prozess war, der sich über Monate hin über das gesamte Land legte, in dem sukzessive geächtete Schriftsteller und/oder Bücher nicht nur aus öffentlichen Bibliotheken und aus Buchhandlungen, sondern aus Angst vor Repressionen und Denunziationen auch aus privaten Beständen vernichtet wurden.

Auf der anderen Seite stellten die Nationalsozialisten aus den gestohlenen Beständen jüdischer Bürger, die sie deportiert oder gleich ermordet hatten, neue Büchersammlungen mit Judaica zusammen, andere ‚erbeutete‘ Bestände wurden verbrannt, als Altpapier genutzt oder auch an ausländische Interessenten verkauft.

Battles erinnert gleichfalls daran, welch wichtige Funktion (improvisierte) Bibliotheken in den jüdischen Ghettos im Dritten Reich hatten, die Bibliothek des Musterlager Theresienstadt umfasste um dei 100000 Bücher, die des Block 31 in Birkenau acht Titel…..

… überall dort, wo gelesen wird, brennen auch Bücher: in Tibet nach Annexion durch die VR China, 1981 die Tamilen-Bibliothek in Sri Lanka, Buchsammlungen in Afghanistan durch die Taliban. Gegen 22:30 am 25. Augusgt 1992 fingen die Serben unter Ratko Mladic an, die Nationalbibliothek in Sarajewo gezielt zu beschießen und in Brand zu setzen. In gleicher Weise wurdne das Orientinstitut mit seinen bedeutenden Beständen, das bosnische Nationalmuseum, die Universitätbibliothek von Mostar und hunderte weitere Bibliotheken vernichtet, um so die Erinnerung an die gemeinsamen Jahrhunderte auszulöschen, in denen die verschiedenen Ethnien zusammen und fruchtbarem Miteinander lebten. [4]

Den Abschluss des Buches bilden noch einmal Gedanken des Autoren zur gegenwärtigen und vermutlich zukünftigen Bedeutung von Bibliotheken.


Die Welt der Bücher ist, obwohl sie in Kritiken zum Teil derbe verrissen wird [2], für einen normalen Leser eine durchaus interessante Lektüre. Natürlich ist es keine umfassende Geschichte der Bibliothek(en), dazu ist sie viel zu sehr auf den angelsächsischen Kulturkreis fokussiert. Andererseits diskutiert der Autor anhand ’seiner‘ Bibliotheken Themen von allgemeiner Gültigkeit wie die Rolle und Funktion eines Bibliothekars im Lauf der Zeiten, die Bedeutung der Kataloge und der systematischen Einordnung von Büchern in ein Katalogsystem. Stellenwert, Funktion, Aufgabe: all das hat sich im Lauf der Jahrhunderte, vllt sogar Jahrtausende gewandelt und dieser Wandel ist im Buch erkennbar. Die neuerliche Herausforderung an das geschriebene Wort und seine Dokumentation durch die elektronischen Medien wird nicht ausführlich behandelt, dies dürfte dem ‚Alter‘ des Buches von Battles geschuldet sein.

Zusammenfassend kann ich festhalten, daß mir das Buch einige interessante Stunden vermittelt hat, in denen ich eine Menge Fakten erfahren habe, die mir so noch nicht bekannt waren.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://cyber.harvard.edu/people/mbattles
[2]  z.B. von Jörg Plath: Das große Abbild; in:  http://www.deutschlandfunk.de…81739
[3] vgl. hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bucherschlacht-7222/2
[4] Eine Übersicht über kriegsbedingte Vernichtungen von Bibliotheken findet sich z.B. hier: Into the flames: Libraries in the time of armed conflict: Why the world needs a new Non-Governmental Organization: Librarians Without Borders (LWB); in: http://capping.slis.ualberta.ca/global/andrew/into%20the%20flames.htm

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Matthew Battles
Die Welt der Bücher
Eine Geschichte der Bibliothek
Übersetzt aus dem XXX von Sophia Simon
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Artemis & Winkler, HC, ca. xyz S., 2003

Da hängen sie an Ästen, quetschen sich in Gabelungen, hocken wie die Äffchen auf Stümpfen: Frauen auf Bäumen. Es klingt ein wenig so wie ‚Essen auf Rädern‘, aber während letzteres ja sehr sinnvoll und hilfreich ist, zeigt dieses Büchlein, in dem Frauen in einem hin und wieder deutlich erkennbar ihnen nicht naturgegebenen Biotop abgelichtet gezeigt werden, auf den ersten Blick eher Skurriles.

Die Bilder in diesem kleinen Büchlein sind erkennbar das Werk von Hobby-Fotografen, aufgenommen in der Zeit zwischen 1920 und 1950, so schätzt der Sammler Jochen Raiß [1], der in seiner Kollektion von auf Flohmärkten erstandenen Amateurfotografien fast einhundert solcher Motive sein Eigen nennt. Nur wenige der Bilder bergen auf ihrer Rückseite Daten und Einzelheiten der Situation, in der die Aufnahme entstand: Raum für die Fantasie des Betrachters.

Mal zu dritt, als Paar oder auch allein, mal in eine enge Astgabel ge’quetscht‘, mal locker auf dem ausladenen Ast sitzend: nicht immer fühlt sich das Model wohl, manch Gesichtsausdruck deutet eher auf Probleme mit der Höhe, der Standfestigkeit auf dem in den Fuß drückenden Ast oder mit der allgemeinen Situation hin. Der Mensch, Lucy und ihre Zeitgenossen mal ausgenommen, aber Lucy stand ja erst ganz am Anfang des Menschentums und das Ganze ist auch schon ein paar Jahre her, aber selbst Lucy [3]…, wie auch immer: zum einen sieht man, daß es nicht ganz ungefährlich ist, sich auf Bäumen zu bewegen (oder auch still zu halten) und mittlerweile ist es in der Tat auch nicht mehr des Erwachsenen (diese Einschränkung mache ich) Sache, Bäume zu besteigen. Selbst die Ernte des Obst im Herbste erfolgt besser über eine standsichere Leiter. Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, auf das Glücksempfinden der Fotomodelle. Schaut man sich beispielsweise Bild No 19 an [2b, alle Bildnummern beziehen sich auf diese Galerie], so beschleicht einen eher das Gefühl, hier sei ein Wäschestück in die Astgabel geworfen worden, das hilflose Scharren mit dem Schuhwerk an der keinen Halt bietenden Baumrinde ist wohl schon aufgegeben, Halt bietet nur noch der Kontakt zwischen Bauch und Holz, der das gesamte Gewicht auffangen muss. Warum nur dieses Motiv seinerzeit? Bakku-shan [4]? Galant oder elegant sieht es jedenfalls nicht aus…. im Gegensatz zu Bild 25, das – obwohl auch hier die Miene etwas verkniffen wirkt wohl angesichts des eng umrissenen Kontaktpunktes zwischen Allerwertestem und Baum – sogar eine gewisse Erotik ausstrahlt. Das Coverbild noch, auch hier unter dem Motto: das Schuhwerk, der Klammergriff und die Lockerheit des Objekts während der Belichtungszeit. Aber immerhin lächelt sie, ein wenig gequält und wie mag sie reagiert haben, als sie dann später dann das entwickelte Bild sah? Die Frage bleibt im Raum stehen, unbeantwortbar… Bild 8: hier verschmilzt die Frau fast mit dem Baum… Bild 33: Die Assoziation nach ‚Plumpsklo‘ läßt sich kaum vermeiden, Bild 64: hier sieht es – mal abgesehen von dem Assoziationen hervorrufenden Profil des Baumstammes – doch schon richtig nach Freeclimbing aus… so ließe sich jetzt trefflich über jedes der Bilder ein Satz formulieren, der das manchmal etwas absonderlich Wirkende in Worte fassen würde.

Aber natürlich gibt es auch Bilder von Frauen, die lachen, die sich einen Spaß aus der Situation machen wie ihn der Fotograf (oder die Fotografin?) wohl auch hat. Manchmal sind ganze Gruppen in den Baum gesetzt worden, deren Mitgliederinnen sich dann gegenseitig aufheitern, auch wenn die Perspektive (aber das erkannten die Modelle ja erst im Nachhinein) wie bei Aufnahme 14 etwas unvorteilhaft wirkt. Genug, nur noch die Bilder 2, 9 und 16: hier blitzt Unbeschwertheit durch, Freude an der Situation, Spaß am Leben… und rätselhaft bleibt mir nach wie vor die lachende Frau auf dem Kaktus (nicht in der online – Galerie vorhanden)…

Was, das ist die unwillkürliche Frage, was steckt hinter diesem Motiv der Frau(en) auf Bäumen? Wer ist auf die Idee gekommen, war es die Frau vielleicht selbst? Du, knips mich doch mal, wenn ich da oben sitze und in die Ferne schaue! Warum nicht, warum sich nicht in ein Rollenspiel hinein versetzen als See’frau‘, die auf einem Ausguck sitzt und in die Ferne schaut, als Reiterin, die die mächtige Baumgabelung wie einen Sattel besteigt und mit wild-trutzigem Blick eine Amazone darstellt…. während also der Baumstumpf möglicherweise einfach eine einladende Sitzgelegenheit ohne Hintersinn gewesen war, eignete sich der zu besteigende Baum, der weit ausladende Ast, die mächtige Gabelung des Stammes andererseits als Kulisse für eine Fantasie, für einen Ausbruch aus dem Alltag, durch den man kurzzeitig eine Rolle spielen konnte, die unter Umständen in eben jenem Alltag nicht wahrzunehmen war.

Und was trieb die Fotographen oder auch -innen? Das Bauchgefühl, das durch nichts belegbar ist, suggeriert mir, daß Aufnahmen mit locker agierenden Modellen eher von Frauen geknipst wurden als von Männern… aber wie gesagt, ein Gefühl nur bei mir.

Frauen auf Bäumen abzulichten ist (oder bezogen auf dieses Buch: war) in jedem Fall ein Ausbruch aus dem Alltag, der uns Bäume möglicherweise bestaunen, aber fast nie mehr besteigen läßt. Es war ein Blick von oben auf die Welt, auf diejenigen, die ‚unten‘ mit Bodenhaftung verblieben sind, es war ein Entkommen, eine kleine Freiheit, eine neue Sicht auf die Welt – erkauft mit Unbequemlichkeit und auch mit Gefahr. Es war ungewohnt, man verließ die Komfortzone des Lebens, ‚frau‘ ging auch das Risiko ein, sagen wir: unvorteilhaft zu wirken und dies für alle Zeiten dokumentiert zu bekommen.

Aber ohne diesen ‚Mut zur Lücke‘ oder auch diesen Spaß am Außergewöhnlichen hätten wir heute nicht das Vergnügen, uns mit diesem Büchlein ein paar unterhaltsame Minuten zu gönnen – und dem einen oder anderen Gedanken nachzuhängen…. so wie es die Dame auf dem hinteren Umschlagbild uns bildlich vormacht. In diesem Sinne sei dem (Bilder)Jäger und Sammler Jochen Raiß, aber auch dem Verlag ein Dank für ihr Werk ausgesprochen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Webseite des Sammlers: http://imperfekt.photography
[2] Ein Interview mit Jochen Raiß und einigen Bildern aus dem Buch: http://blog.fotogloria.de/frauen-auf-baeumen-wie-aus-sammelleidenschaft-ein-buch-wurde/ ,
[2b] ferner betreibt der Sammler diese Webpräsenz mit Bildbeispielen: http://imperfekt.photography/frauen-auf-baeumen
[3] Zeit online: Lucy fiel vom Baum und starb: in: http://www.zeit.de/wissen/2016-08/vormensch-lucy-baumsturz-tod-studie
[4] neugierig geworden, was dem bedeutet? dann hier nachschauen: http://www.urbandictionary.com/define.php?term=bakku-shan
NSFW bzw. nicht jugendfrei ist beispielsweise diese Adaption des Motivs: http://melodramaofmood.com/post/159748237548/luna-in-nature-2017-akif-hakan-celebi

Jochen Raiß/Gabriele Sabolewski
Frauen auf Bäumen
diese Ausgabe
: Hatje Cantz Verlag, HC, ca. 110 S., 2016

Es begegnen sich zwei Männer, im Frühling 1934, in Paris, an der Seine. Beide schlafen unter den Brücken, aber der eine, Andreas Kartak, der sich seines Namens kaum noch erinnert, ist abgerissen, schmutzig und betrunken, obwohl er nicht wankt. Der andere Mann dagegen ist gut gekleidet. Dieser spricht den Abgerissenen an, er könne sehen, daß jener Geld bräuchte, nein, die zwanzig Francs, die dieser nennt, seien zu wenig, er hätte Geld und er gäbe ihm gerne zweihundert Francs. Andreas ist ehrlich, trotz seiner Umstände ein Mann von Ehre, macht darauf aufmerksam, er könne dies kaum zurückzahlen, die Schuld nicht begleichen, hätte auch keine Adresse, unter der er erreichbar sei. Das mache nichts, so lautet die Antwort des anderen, er selbst sei ein bekehrter Christ und der Heiligen Therese von Lisieux [2] sei er viel schuldig und wenn jener den Betrag zurückgeben wolle, dann solle er dies in einer bestimmten Kirche nach der Messe tun, in dem er es dem Priester gäbe.

Mit dieser Episode fängt (ohne daß dies die Hauptfigur natürlich weiß) Das finale furioso eines erfüllten Lebens an. Das Geld, die zweihundert Francs, ändern für Andreas vieles. Daß er es bekommen hat aus heiterem Abendhimmel, ist ein Wunder für ihn. Sofort fühlt er sich anders, das Bedürfnis sogar entsteht in ihm, sich zu waschen, auch wenn diese Tat selbst letztendlich zur nur symbolischen Handlung gerinnt. Er kann sich jetzt ein besseres Lokal leisten, sieht sich dort im Spiegel, abgerissen, unrasiert, als verwahrlost. Kann jetzt ein neues Leben für ihn beginnen? Eins, in der er eine Brieftasche benötigt? Die junge Verkäuferin erinnert ihn an die Zeit vor dem Gefängnis, in dem er saß…..

Ein dicker Mann spricht ihn an in diesem Lokal und bietet ihm eine Arbeit an, Grund genug, etwas zu trinken und in ein ihm bekanntes Etablissment zu gehen und sich eine der Frauen dort auszusuchen… aber er ist pünktlich, arbeitet gut und vertrinkt am nächsten Abend das verdiente Geld nur in Maßen.

Niemand kann sagen, er hätte nicht gewollt, hätte das Geld einfach behalten wollen.. nein, er ging zur Kirche Ste-Marie de Batignolles, leider etwas zu spät, die Messe war schon aus und so wartete er im Lokal gegenüber und trank einen Pernod… ja, einen nach dem anderen, seien wir ehrlich. Und als er ging, wurde er angesprochen, von einer Frau, und er erkannte die Frau, es war Karoline, wegen der er einst ins Gefängnis kam….

So sollten sich in der Folge der kommenden Tage die guten und die weniger guten Ereignisse im Leben von Andreas abwechseln. Immer wieder geschehen ihm kleine ‚Wunder‘, die es ihm ermöglicht hätten, seine Schulden zurückzuzahlen, aber immer wieder stelle sich ihm Hindernisse in den Weg, die es ihm dies unmöglich machen, weil er zu schwach ist, weil er allzu schnell aufgibt.

So gelingt es ihm ein ums andere Mal nicht, die Heilige Therese in ihrer Kirche zu besuchen und die Schulden zurück zu zahlen. Es gelingt ihm so sehr nicht, daß an einem weiteren Sonntag schließlich die Heilige Therese sich – so scheint es ihm – selbst aufgemacht hat, ihn zu besuchen, in der Bar, in der er mit seinem Kumpel Pernod trinkt und auf das Ende der Messe wartet, einem Zeitpunkt, an dem er die zweihundert Francs schon wieder nicht mehr hätte. Im Gegenteil erschreckt er die kleine Therese, die er in Fleisch und Blut sieht, die aber nicht als junges Kind erkennt, so sehr, daß sie ihm Geld anbietet, um ihn zu besänftigen.. und in dem Glauben, der Heiligen Therese begegnet zu sein, fällt er urplötzlich mitten im Lokal wie ein Sack um. Ratlos sind die Menschen um ihn herum und erschrocken, und da sich der Priester mit Toten auskennt, tragen sie ihn in ihre Kirche, die Kirche der Heiligen Therese von Lisieux, wo unser Andreas seinen letzten Seufzer tut und stirbt.


Gebe Gott uns allen,
uns Trinkern,
einen so leichten und
so schönen
Tod!


Joseph Roth wurde 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Im späteren Leben sollte er sich, ohne daß ein Übertritt bzw. eine Taufe nachweisbar wäre, jedoch teilweise auch als Katholik bezeichnen [1]. Dies ist insofern interessant, als im Heiligen Trinker…. der anfangs auftretende gut gekleidete Herr, der Andreas die zweihundert Francs gibt, von sich sagt: Ich bin nämlich ein Christ geworden, was man in diesem Kontext als selbstbezüglich interpretieren kann. Damit wäre dieser Herr ein weiteres autobiographisches Element in dieser kleinen Novelle, denn der Trinker selbst stellt einen wesentlichen Aspekt des Lebens von Joseph Roth, der selbst unter schwerer Alkoholsucht litt, dar. Joseph Roth starb wenige Wochen nach Beendigung seiner Legende vom Heiligen Trinker in Paris.

.. in Paris. Denn wie viele andere Literaten und Künstler hatte sich auch Joseph Roth nach 1933 eine neues Lokal suchen müssen – um es zynisch zu formulieren. Die bekannten Berliner Künstlerlokale, in denen er verkehrte wie das Romanische Cafè oder das Restaurant Schlichter [3] leerten sich nach der Machtergreifung, viele der Stammgäste waren zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten. Ihre Werke zu retten war schwieriger, diese (und dazu gehören auch die von Roth) brannten im Mai 1933 und wurden aus deutschen Landen verbannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern blieb Roth jedoch auch im Exil produktiv.

Zwar hielt sich Joseph Roth auch häufig in Frankreich, u.a. in Sanary-sur-Mer, auf, er publizierte jedoch in niederländischen Exilverlagen wie Querido [5] und de Lange, in letzterem erschien 1939 die Originalausgabe des Heiligen Trinkers…, deren Text die vorliegende Buchversion folgt.


Die Hauptperson des Stückes ist Andreas, ein obdachloser Trinker. Das Leben bietet ihm noch einmal alles Möglichkeiten, und tatsächlich verspürt er, wie sich ihm die Welt, da er jetzt über finanzielle Möglichkeiten verfügt, öffnet. Aber der Trinker (und sicherlich weiß Joseph Roth dies auch aus eigenem Erleben [6]) ist nicht in der Lage, diese Chance wahrzunehmen. Ja, selbst als sich die Möglichkeiten mehr-, ja vielfach für ihn auftun, scheitert er jedesmal an sich selbst, jede Ausrede ist willkommen, jede ‚aufwärts‘ zeigende Handlung seinerseits eine Belohnung, sprich: einen Pernod, wert. Und da die Selbstkontrolle versagt, werden aus einem schnell zwei und drei usw usf…. auf der anderen Seite allerdings gewöhnt er sich an die wunderbaren Dinge, die ihm geschehen, sie werden ihm normal, er rechnet zunehmend fest damit, daß sie ihm wieder geschehen und aus der Klemme helfen…

Er ist nicht unliebenswürdig, dieser Andreas, beileibe nicht. Man leidet mit ihm mit, man erkennt das Unglück, das ihn auf diese Bahn gesetzt – und das ihn jetzt wieder heimsucht z.B. in Person der Frau, der er damals, vor dem ‚Kriminal‘, schon seine Liebe schenkte, und die ihn jetzt schamlos ausnutzt. Andererseits – auch dies muss man festhalten – ist Andreas nicht ganz schuldlos an dem, wie die Geschichte jetzt verläuft: warum nur sagt er nicht die Wahrheit, sagt, daß die Therese, mit der er ‚verabredet‘ ist, keine Frau ist, sondern eine Heilige, warum läßt er die Menschen in ihrem Irrglauben über sich, bestätigt ihn sogar?

Liegt auch eine religiöse Botschaft in der Geschichte? Ein bekehrter Christ (man darf wohl davon ausgehen also ein vormaliger Jude) erweist die erste Wohltat und erwartet als Gegenleistung den Besuch einer Kirche, etwas, was Andreas nicht zustande bringt. Erst im Sterben liegend wird er zur Kirche gebracht….

Roth hat seinem Stück den Untertitel Das finale furioso eines erfüllten Lebens gegeben, ein Titel, der seltsam anrührt. Ein erfülltes Leben? Worin könnte diese Erfüllung liegen bei einem Leben, das von außen gesehen mehrfach gescheitert war? Einen Menschen getötet, im Gefängnis gesessen, danach obdachlos unter Brücken gehaust und am Ende die ausgestreckte Hand des Lebens nicht ergreifen und halten könnend? Auch bei dieser Frage ist eine religiöse oder spirituelle Antwort möglich, eine andere fällt mir nicht ein: er glaubt fest daran, der Heiligen persönlich ansichtig geworden zu sein, er stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen und dieser Friede, der ihn erfüllt, dieser leichte und so schöne Tod, der ihm gewährt wird, läßt alles Misslungene seines Lebens nichtig werden.


Marcel Reich-Ranicki hat Roths Geschichte als „eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurden“, charakterisiert. Ich kenne zuwenig Geschichten, um dies in dieser Form zu bestätigen, aber in jedem Fall ist diese Legende….. ein wunderbares Stückchen Literatur. Sie ist nicht umfangreich, ist schnell gelesen in einem Stück, weil sie auch so geschrieben ist, als würde uns einer dieser Erzähler, die es früher gab, eine Geschichte erzählen aus einem Guss. Sie führt uns diesen Trinker in seiner Tragik vor als wäre ein alter Bekannter von uns, wir freuen uns mit seinem Glück und an den Wundern, die ihm geschehen und möchten ihm so gerne helfen, wenn wir ahnen, sehen, wie er wieder am Leben scheitert…. und daß hinter allem der Schatten des Autoren liegt, der aus eigenem Leid solches Trinkerschicksal kennt und der wenige Wochen nach Andreas sterben sollte, einen Trinkertod, der wohl nicht so schön war wie der seiner Figur, macht traurig, sehr traurig.

Links und Anmerkungen:

[1] der ausführliche Beitrag zu Joseph Roth in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth oder auch hier: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html
zur Webpräsenz von Joseph Roth (erstellt von nicht näher bezeichneten ‚Freunden Joseph Roths‘: http://www.josephroth.de/index.htm
[2] Infos zu Heiliger und Kirche – wen es interessiert:  http://www.theresevonlisieux.de und  https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Marie_des_Batignolles. Für diese Geschichte hat sich Roth mit der Hlg. Therese eine passende Heilige ausgesucht: Thérèse sah ihren Lebensweg als einen Weg der Hingabe an Gott und die Mitmenschen, die sich gerade in den kleinen Gesten des Alltags äußere (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). (nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux)
[3] Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com…cafe/
[4] Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com…paradies/
[5] vgl. hier die schöne Arbeit von Baltschev über den Querido-Verlag: Bettina Baltschev: Hölle und Paradies; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com….paradies/
[6] Joseph Roth wie er leibt und trinkt, Bil Spira, Paris 1939; vgl. hier: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/spira-zeichnung-roth-glas.html?single=1

Von Joseph Roth habe ich in meinem Blog ferner den Hiob vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/

Joseph Roth
Die Legende vom heiligen Trinker
Das finale furioso eines erfüllten Lebens
mit einer Liebeserklärung an den Autoren von Ludwig Marcuse
Originalausgabe: Allert de Lange, Amsterdam, 1939
diese Ausgabe: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, HC, ca. 92 S.

Schaut man sich die Liste aller bisherigen Nobelpreisträger [3] an, so fällt der Name ‚Curie‘ heraus, weil er insgesamt fünfmal dort auftaucht:

  • 1903 wurde der Preis für Physik an Pierre Curie und seine Frau Marie Curie vergeben,
  • 1911 erhielt Marie Curie als alleinige Preisträgerin die Auszeichnung in der Kategorie Chemie und
  • 1935 schließlich erhielten Tochter Irène Joliot-Curie und Schwiegersohn Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis

Aus diesen nüchternen Fakten läßt sich die beeindruckende Ausnahmestellung Marie Curies (1867 – 1934) herauslesen: Sie war die erste Frau überhaupt, der ein Nobelpreis verliehen worden war, sie war die erste (von insgesamt nur sechs) Personen, die den Preis zweimal erhielten und mit ihrer Tochter Irène sind sie das einzige Mutter/Tochter-Paar, das diesen Preis bisher zuerkannt bekam. Daß sie ihre erste Auszeichnung zusammen mit ihrem Ehepartner erhielt, ist ebenfalls eine große Ausnahme.

Eine imponierende Frau also, die in Polen als fünftes Kind eines Lehrerehepaares geboren worden war. Polen war zu dieser Zeit kein selbstständiger Staat, sondern gehörte zum Reich des russischen Zaren, der Polnisches im Land verbot, so z.B. die Sprache… Der Familie Sklodowski wurde mangelhafte Loyalität zu Russland vorgeworfen, was zu Repressionen führte. Die Tochter Maria (die Umbenennung in Marie fand erst später statt) interessierte sich früh für wissenschaftliche Geräte und Probleme. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, schloss sie mit ihrer Schwestern Bronja einen Pakt, nach Frankreich zu gehen, wo Frauen einen Studienplatz erhalten konnten. Erst wollte die jüngere Schwester die ältere unterstützen, danach sollte es umgekehrt sein.

Ich will jetzt weder den wissenschaftlichen Werdegang von Marie Curie noch ihren privaten Lebenslauf wiedergeben, dies nämlich ist Inhalt des ersten Teils von Schadwinkels Ausführungen. Mit ihrer Arbeit geht es der Verfasserin im wesentlichen darum, das öffentliche Bild der Frau, die ihre Rollen als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter in der öffentlichen Wahrnehmung mit einschüchternder Perfektion ausgefüllt hat und die mit ihrer Einstellung Frauen den Weg in der Forschung geebnet habe, unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und als Ergebnis einer spektakulären Imagekampagne zu erkennen. „Dieser war es nämlich gelungen, das Bild einer Art Superheldin zu schaffen, die zu klug, zu engagiert und zu talentiert war, um von normalen Frauen nachgeahmt zu werden.“ Die normalen „Erdlinge“ waren nicht gut genug für diesen Mythos, sie konnten nur scheitern. Marie Curie also als übermächtige, einschüchternde Person. Wobei diese ‚Korrektur‘ nichts ändert an der Großartigkeit der Leistung und der Person Marie Curies.

Was war passiert? Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre (1906) trauerte Marie Curie sehr unter ihrer Verlust.  Wenige Jahre nach dem Tod Pierres kam es zu einer Schmutzkampagne gegen sie, die Polin, weil ihre Liebesbeziehung mit dem verheirateten Physiker Langevin bekannt wurde und zu üblen Rufschädigungen führte [6]. Daß sie Nobelpreisträgerin war (im allgemeiner Einschätzung jedoch eher die Assistentin ihres Mannes galt), spielte in der voyeuristisch aufgeheizten Debatte keine Rolle mehr, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit litt dramatisch. Dazu kam, daß – später auch unter der Nachwirkung des Krieges – ihr Labor miserabel ausgestattet war, es fehlte an allen Ecken und Enden.

In dieser Situation kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Journalistin Marie Mattingly Meloney [9] auf sie zu und bot ihr die Möglichkeit, über eine Kampagne in den USA Geld zu sammeln, um Forschungsmaterial, sprich Radium, für ihr Labor zu kaufen. Durch die Not gedrungen, stimmte Marie Curie dem Vorschlag der Amerikanern zu, die daraufhin die sowieso schon herrschende Sympathie, die Curie in den Staaten genoss, geschickt immer weiter anheizte und hochpushte.

Weitere Faktoren für das positive Bild Marie Curies in der Öffentlichkeit war die verklärende Biographie, die Eve Curie, die zweite Tochter Maries, verfasste und 1934 veröffentlichte.

In ihrem letzten Abschnitt befasst sich Schadwinkel mit der heutigen Situation von Frauen in der Wissenschaft. Gekennzeichnet ist diese dadurch, daß der Anteil von Frauen auf und in den unteren Stufen, sprich dem Studium, hoch ist, aber je ‚höher‘ hinauf auf der akademische Leiter es kommt, desto geringer wird der Anteil der Frauen, die man trifft. Nur relativ wenigen gelingt es noch ‚oben‘. Die Gründe sind mannigfach und bestehen trotz vieler Förderanstrengungen nach wie vor.

Kurze Abschnitte widmet Schadwinkel ferner möglichen Anwendungen von radioaktiven Substanzen als Strahlenquellen (von radioaktiver Strahlung zu reden ist etwas irreführend, denn die Strahlung ist nicht radioaktiv, sondern sie ist Radioaktivität von Substanzen äußert sich u.a. als Strahlung) z.B. in der Medizin bei der Bekämpfung von Krebs. Erschreckend ist die Naivität, mit der damals die Risiken nicht gesehen wurden. So nutzten ‚Strahlenärzte‘ nach Schadwinkel damals die Rötung der eigenen Haut als eine Art Dosimeter für die an Patienten vorgenommene Bestrahlung…. Ganz kurz geht die Verfasserin auch auf die GAU in Tschernobyl und Fukushima ein. Größeren Raum widmet sie der Diskussion um die heutige Rolle und die Möglichkeiten von Frauen und Forschung und Wissenschaft.


Schadwinkels übersichtsartige Ausführungen sind in der Reclam-Reihe 100 Seiten erschienen [5]. Sie sind knapp gehalten und geben einen konzentrierten Überblick über die biographischen und wissenschaftlichen Eckdaten des Lebens von Marie Curie und daraus resultierenden Fragen von heute.

Als Überblick und Einstieg ist das Heftchen sicher gut geeignet. Leider ist es jedoch so, daß die unter ‚Gemecker‘ angemerkten ‚Klopse‘, die die Wissenschaftsredakteurin [7] in ihrem Text versteckt hat, diesem etwas vom Glanze nehmen.


Gemecker:

An zwei Stellen des Buches bin ich heftig ins Schlingern geraten:

… So nimmt 1942 in Chicago der weltweit erste Atomreaktor den Betrieb auf. Er produziert Material für das Manhattan-Projekt, das die erste Atombombe entwickelt. Sie basiert auf Polonium. Am 6. August schließlich setzt das amerikanische Militär die neue Waffe zum ersten Mal ein. [S. 63]

Tja… Polonium hatte damit nur wirklich nichts zu tun und Polonium mit Plutonium zu verwechseln – das ist schon ein grober Schnitzer von Autorin und Verlag. Der Rest der Aussage ist ebenso zumindest missverständlich. Die erste Bombe (Hiroshima) basierte auf U-235, das in Oak Ridge über eine Gaszentrifugenanlage gewonnen worden war. Plutonium (sic!) war Ausgangsmaterial für den Trinity-Test (der aber nur ein Test und keine Bombe war) und dann für ‚Fat Man‘, den zweiten Atombombeneinsatz der Amerikaner am 9. August 45 über Nagasaki.

Das zweite Schlingern ist dagegen schon fast humoristisch:

… liefert das Paar den Beweis, dass sich ein Element von Menschenhand in ein andres verwandeln lässt. … wird Aluminium nach dem Beschuss zu radioaktivem Phosphor. Die Halbwertszeit des strahlenden Elements beträgt dreieinhalb Minuten – dann zerfällt es zu stabilem, nicht radioaktivem Silikon. [S. 77]

Jetzt erfahren wir Heim- und Handwerker also endlich, wo das Zeug in der Kartusche (oder dem Brustimplantat…) wirklich herkommt…. Mit Silikon ist natürlich das Element gemeint, das den guten, alten und allgemein üblichen Namen Silizium trägt[4]; ‚Silikone‘ dagegen – die es tatsächlich gibt – sind chemisch was völlig anderes, stellen eine eigene Substanzklasse in der (organischen) Chemie dar… Wie steht es so treffend (und vllt auch hier gültig) in der Wiki: „Silikon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Die im Englischen ähnliche Schreibweise führt oft zu falschen Übersetzungen.“ [8]


Links und Anmerkungen:

[1] —-
[2] Alina Schadwinkel: Als Ikone vermarktet, aber der Forschung verschrieben; in:  http://www.zeit.de/wissen/geschichte…komplettansicht
[3] z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger  oder auch hier: https://www.planet-wissen.de/…diefamiliecurie100.html
[4] siehe z.B. hier: http://www.periodensystem-online.de/…nuklid
[5] vlg. hier: https://www.reclam.de/…Infobroschuere.pdf
[6] vgl. z.B. hier: http://www.sciencesofa.info/…dangereuse/
[7] Autorenprofil bei der ZEIT, wo sie im Ressort Wissen arbeitet:  http://www.zeit.de/autoren/S/Alina_Schadwinkel/index
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Silikone
[9] https://www.britannica.com/biography/Marie-Mattingly-Meloney

Alina Schadwinkel
Marie Curie
diese Ausgabe
 (Originalausgabe): Broschiert, 100 S., 2017

%d Bloggern gefällt das: