pici

Der Autor, Robert Scheer [1] ist gebürtiger Rumäne aus Carei (1973), der Stadt, der wir auch in den Erinnerungen seiner Großmutter begegnen. 1985 emigrierte er mit der Familie nach Israel, ging dann einige Jahre später nach Deutschland und nahm schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Im März 2014 besuchte er seine Großmutter Elisabeth Scheer in Israel, die mittlerweile neunzig Jahre alt war, um endlich ihre Geschichte zu hören. Eine Geschichte, die ganz normal im Jahre 1924 anfängt, mit einem liebevollen jüdisch-orthodoxen Familienleben, in das sich nach und nach die politisch bedingten Repressalien für Juden schoben, von denen niemand ahnte, daß sie nur die harmlosen Präliminarien einer nicht fassbaren Katastrophe sein sollten.

Elisabeth („Pici“) Scheer wurde 1924 als viertes Mädchen (nach Leona (Lulu), Ana (Anci) und Ilona (Icu) im Hause Meisels geboren. Carei, ihre Geburtsstadt, gehörte nach dem Ende des Habsburger Reiches so wie heute auch auch zu Rumänien, während  des Zweiten Weltkriegs dagegen zu Ungarn, es liegt im Grenzgebiet beider Staaten [2]. Um die Zeit der Geburt Picis gab es ca. 2000 Juden in der Stadt. Nach Pici wurde noch ein langersehnter Junge, Béluska (Bela), geboren.

Die Familie lebte nicht im Überfluß, hatte jedoch ihr Auskommen. Der Vater, Hermann Meisels, den Pici verehrt, betrieb einen kleinen Holzhandel, er muss ein sehr besonnener, ruhiger Mensch gewesen sein, der in sich und seinem Glauben ruhte. Mit den Nachbarn, obwohl katholisch, gab es keine Probleme, man respektierte sich gegenseitig.

Pici erinnert sich, daß sie das erste Mal mit ihrem Judentum im Alter von fünf Jahren konfrontiert worden ist, ein Knabe schrie ihr auf der Straße „Jude, Jude“ hinterher. Das Mädchen ging gerne in die deutsche Volksschule, lernte gut, sehr gut und war ehrgeizig. Im Schuljahr 1934/35 wurde sie als Jüdin jedoch von der Schule verwiesen und musste auf die rumänische Schule gehen, wo sie die Sprache nicht verstand. Es waren bittere Zeiten für das Mädchen, aber Pici biss sich mit viel Willensstärke durch. Um diese Zeit tauchte der ‚Volksbund‘ im Straßenbild auf, in schwarzen Uniformen mit Ledergürtel und um die Brust führenden Lederriemen stolzierten die Jungens durch die Stadt.

Nach der Schule musste dem Mädchen aber, auch aus finanziellen Gründen, einen Beruf zu lernen, ein weiterführender Schulbesuch war ihr nicht möglich: sie wurde Näherin. In den Jahren 38/39 nahmen die Repressalien weiter zu. Es wurden Berufsverbote für Juden ausgesprochen, der Vater musste seinen Handel mit Holz einstellen, auch die Schwestern konnten ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Für die Familie wurde das tägliche Auskommen damit immer schwieriger. Im Herbst 1940 wurde Carei ungarisch, viele Rumänen flohen, manche empfangen die Ungarn mit Freuden. Im Hause Meisels quartierte sich der Hauptmann der ungarischen Truppen ein, ein unangenehmer Mensch, für den die Bewohner des Hauses nicht existent waren.

Bis zum 2. Mai ´44 konnte Pici als Näherin arbeiten, am nächsten Tag, dem 3. Mai, mussten die Meisels ins Ghetto Carei. Wir packten einen Koffer mit Kleidungsstücken für sechs Personen, ein wenig Lebensmittel, in ein Laken waren Federbett und Kissen gewickelt. Für die meisten der nicht-jüdischen Bewohner Careis schien die Vertreibung der Juden ein freudiges Ereignis zu sein, nur wenige zeigten Mitgefühl.

Nun erzähle ich dir, wie es ist, drei Tage in einem Viehwaggon zu verbringen, in dem siebzig Menschen eingeschlossen sind. Männer, Frauen, Kinder und Babys. Juni-Schwüle. Ohne Wasser. Ohne Luft. Ein Eimer mit Trinkwasser. Der zweite Eimer dient als Toilette. Wir fuhren ins Ungewisse. Damit habe ich das Wesentliche gesagt. Ziel des Transports aus Carei war das Ghetto Satu Mare [3], ca. 17-18.000 Juden wurden hier in zwei Straßenzügen eingepfercht….

Es fällt Pici schwer, weiter zu erzählen. raus, weiter, schneller, los, los.. mit diesem Geschrei wurden sie im Juni ´44 aus den Waggons getrieben. Drei der Schwestern, Icu, Anci und sie selbst, blieben zusammen, von Mutter und Vater wurden sie getrennt: sie waren in Auschwitz angekommen. Immer noch war die grausame Realität nicht durchgedrungen: die glatzköpfigen Skelette, die sie hinter dem Stacheldraht um Essen betteln sehen, widern sie an, und sie dachte mit Anerkennung an die Deutschen, die diese kahlköpfigen Wahnsinnigen eingesperrt hatten. Dies erinnert an eine Szene, wie sie auch Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen [6] schildert: auch hier dünkten dem Erzähler die Jammergestalten hinter dem Zaun als so erbärmlich, daß er davon ausging, sie seien ja wohl zurecht eingesperrt worden…

Auf einmal fragten Hunderte, wo ihre Familienangehörigen seien. „Dort im Himmel. Im Rauch.“ … Aber wir glaubten nicht. Wollten nicht glauben.

Der Hunger ist ein großer Herr!

Immer wieder der Gedanke, sich selbst zu töten, zu erlösen: die zwei Schwestern reden ihr dies aus. …. Pici und ihre Schwestern durchleiden das gesamte Grauen eines Nazi-KL, den Hunger, die Schikanen, die stundenlange Appelle, die Schläge, Krankheiten, Verletzungen, Angst, Schrecken, Mutlosigkeit, Verzweiflung und den immer gegenwärtigen Tod… Pici entgeht den Selektionen, sie wird in verschiedene andere Lager zu teilweise grotesken Arbeitseinsätzen deportiert. Unter anderem war sie im KL Walldorf. Offensichtlich gehörte sie zu den 1700 von der Organisation Todt angeforderten Zwangsarbeiterinnen, die dort am Ausbau des Flughafens eingesetzt wurden [4].

Ich konnte die Tage nicht mehr auseinander halten, nur so, dass an einem Tag dies und an einem anderen Tag jenes geschah. Aber immer waren wir sehr hungrig und froren. Das Lager Ravensbrück [5] im Winter, ein großer Schritt Richtung gänzlicher Untergang. Keine Baracken, in der Dezemberkälte hausten fünfzehnhundert Menschen in einem Zelt auf einem Steinboden….

Während Picis Schwestern die Lager nicht überlebten, kam sie selbst noch nach Rechlin und von dort aus in einem Todesmarsch nach Malchow. Anfang Mai ’45 zeigten sich deutliche Auflösungserscheinungen bei den Deutschen, als Bewachung wurden entweder Halbwüchsige oder Alte eingesetzt, weggeworfene Uniformteile lagen in Straßengräben… am 9. Mai versetzte die Überlebenden die Sirene „Fliegeralarm“ noch einmal in Angst und Schrecken, doch diesmal verkündete sie das Ende des Krieges.

Pici hat das Grauen dieses einen Jahres als einzige der Familie überlebt, sie selbst war schwer erkrankt. Auf dem Heimweg nach Carei lernte sie Izidor Scheer kennen und lieben. Ihr Sohn wurde am 25. Dezember 1946 geboren.

Nach dem Erzählen war sie erschöpft, sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf. Sie hatte sich viel von ihrer Seele geredet.


Pici. Erinnerungen an …. ist ein besonderes Buch, das aus dem Stil anderer Erinnerungsliteratur herausfällt: es ist sehr persönlich. Der Autor, Robert Scheer, behält den Charakter seiner Gespräche mit Pici auch in der Schriftform bei. Er streut seine Fragen an die Großmutter in die einzelnen Passagen mit ein, auch seine Lenkung der Erzählungen („Erzähl nun etwas über deine Mutter.“) und ebenso die Reaktion seiner Großmutter auf die Erinnerungen, die mit ihrer Schilderung wieder wach werden, ihr vor Augen treten. Nicht alles ist für sie einfach zu erzählen: Jetzt kommt das, wovor ich solange ausweichen wollte, wie nur möglich. Es wird aber auch deutlich, daß das Reden ihr offensichtlich Erleichterung schafft: …. ich spüre, ich sollte über jeden Schrecken berichten, vielleicht kann ich mich auf diese Weise davon befreien.

Wie ungeheuerlich die Ereignisse damals für die junge Frau gewesen sein müssen, kann man daran erkennen, daß sie sich teilweise gar nicht mehr daran erinnern kann: Ich kann mich nicht erinnern, wie wir vom Ghetto in Carei zu den Viehwagons gelangten, wo wir eingestiegen sind, wie wir gereist sind. Ich weiß nicht, wo wir ausgestiegen sind und ich kann mich nicht daran erinnern, auf welchem Weg wir nach Satu Mare hineingelangt sind. Bis heute fehlen mir diese Erinnerungen. ….

Der Schrecken der Konzentrationslager im Dritten Reich ist mittlerweile bekannt und gut dokumentiert, ebenso wie die damit zusammenhängenden Deportationen, Vertreibugen, „Arisierungen“ etc pp. Details, die möglicherweise noch bekannt werden, ändern das grauenhafte Gesamtbild wohl nicht mehr, obwohl sie manchmal schon erstaunen. Daß in Lagern, so erzählt Pici, nachts zeitweise Schallplatten abgespielt wurden, auf denen wütendes Hundegebell und das Gehgeräusch von Männer in Stiefeln zu hören waren, was in der Dunkelheit der Nacht die Frauen in Angst und Schrecken versetzte, war mir beispielsweise unbekannt.

Dessen ungeachtet hat dieses Erinnerungsbuch an die Leiden von Elisabeth Scheer seine Berechtigung. Jedem, der damals unter dem Terror des Regimes leiden musste und nur ganz knapp dem Tod entkommen ist (und die Ermordeten sowieso) hat das Recht darauf, daß wir seine Geschichte anhören, daß wir ihm die Stimme, sie zu erzählen, zubilligen, daß wir nicht in die manchmal zu hörende reflexartige Ablehnung: „nicht schon wieder, es reicht…“ verfallen. Auf diese Weise erhält Pici etwas zurück, wenn man es so will, nämlich die Würde, die man ihr damals nehmen wollte. 

So erreichen Pici und Robert Scheer dreiererlei: eine Schilderung des Lebens einer jüdischen Familie im Rumänien vor dem 2. Weltkrieg, eine Dokumentation des Grauens, das Pici überlebte und last not least wird die Erinnerung an einige Menschen, die in Picis Leben wichtig waren und die fast alle ermordet worden sind, lebendig gehalten: den Vater Hermann, die Mutter Gizella, die Schwestern Anci, Icu und Luluka mit ihrer Tocher Zsuzsika sowie an den Bruder Béla. Aber auch an Nachbarn, Schulkameradinnen und Freude wird erinnert, ebenso an Leidensgenossinnen in den Lagern….

Pici. Erinnerungen … ist ein zutiefst menschliches Buch auch über Unmenschliches, in dem wir eine bewundernswerte Frau kennen lernen, die sich nach dem Grauen des Krieges und der Lager ein neues Leben aufgebaut hat und hier kurz vor ihrem Tod im vergangenen Jahr 2015 ihrem Enkel ihre Geschichte als Vermächtnis anvertraut und hinterlassen hat.

Ergänzt wird ihre Geschichte durch viele Familienbilder und weitere Dokumente, sowie durch ein Nachwort der Verlegerin

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://robertscheer.de
Facebook-Seite des Autoren: https://www.facebook.com/robert.scheer.3572
[2] Wiki-Beitrag zu Carei: https://de.wikipedia.org/wiki/Carei
[3] englische Wiki-Seite zu Satu Mare: https://en.wikipedia.org/wiki/Satu_Mare_ghetto
[4] vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_Walldorf und
hier: http://www.kz-walldorf.de
[5] vgl. z.B. hier: http://www.ravensbrueck.de, hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Ravensbrück oder hier: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/
[6] Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, Buchvorstellung hier im Bloghttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/04/imre-kertesz-roman-eines-schicksallosen/

Robert Scheer
Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
Übersetzt aus dem Ungarischen von Robert Scheer
diese Ausgabe: Marta Press, Softcover, 228 Seiten, 33 Abbildungen, 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Das Leben ist der Güter höchstes nicht.
(Friedrich Schiller)

dorn cover


Die Unglückseligen – ein Roman, der im deutschen Feuilleton seit seinem Erscheinen im Februar diesen Jahres  für durchweg positive, ja teils begeisterte Kritiken gesorgt hat, der kritischen Stimmen sind es wenige.

Thea Dorn, 1970 in Frankfurt/M. geborene Schriftstellerin und TV-Moderatorin (von zumeist bücheraffinen Formaten [1]), hat sich eines (nicht nur) deutschen Themas angenommen und es in die Jetzt-Zeit transferiert: das Faust-Thema, das Suchen nach der letzten Wahrheit, die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit und die Bereitschaft, dafür seine Seele zu verkaufen. Unsterblichkeit – sie ist der Natur nicht unbekannt (auch wenn man strenggenommen nur von Langlebigkeit reden dürfte, denn niemand kann mit absoluter Sicherheit wissen, ob nicht morgen… oder spätestens, wenn sich die Sonne zum roten Riesen aufgebläht hat….), sie ist der Natur also nicht unbekannt, es gibt im Tierreich Spezies mit erstaunlichem Regenerationsvermögen für verlorene Gließmaßen, mit der Fähigkeit, alternde und sterbende Zellen durch neue zu ersetzen. Und auch – damit sind wie in media res – dieser seltsame Mensch, Mann, dem Johanna Mawet im Supermarkt begegnet und der in heller Panik vor ihr davon läuft, erzählt ihr, die ihn auf der Rückfahrt auf dem Highway herumirrend fast umfährt, eine seltsame, unglaubliche Geschichte.

Dr. Johanna Mawet, Molekularbiologin, Genetikerin, ist auf der Suche nach Unsterblichkeit, bei dem Begriff bleiben wir jetzt einfach, dramatischer doch als Langlebigkeit klingt er… im Bedenkenland wollte man ihr ihre Forschung an Mäusen und Fischen und Menschenzellen nicht genehmigen, also ist sie nach God´s own country ausgewichen, an eins der renommiertesten Institute für derartige Vorhaben. Sie hat das fünfte Lebensjahrzehnt vor kurzem erst angefangen, ist hochintelligent, anstrengend, nervend, ehrgeizig, kompromisslos, zielorientiert mit Schwächen in der Sozialkompetenz.

Johann Wilhelm Ritter (1776 - 1809) Bildquelle: [B]

Johann Wilhelm Ritter
(1776 – 1810)
Bildquelle: [B]

Und dieser heruntergekommene Mann, den sie in eine verdreckte, versiffte, vom Strom abgeklemmte Hütte irgendwo in den umliegenden Wäldern fährt? Nun, seiner Selbstauskunft nach ist Johann Wilhelm Ritter, geb. 1776 in Schlesien, (offiziell) gestorben 1810 in München. In der Periode zwischen diesen Daten einer der profilierten Physiker seiner Zeit, insbesondere die Elektrizität hatte es ihm angetan, das Galvanisieren. Bekannt mit Oerstedt, Goethe, von Humbold, Brentano, Herder, Schelling, Novalis…. kein Niemand also, jedoch: wir schreiben jetzt das Jahr 2010. Es besteht daher Klärungsbedarf….

Mithin also eher ein Irrer, ein Verwirrter, ein Freak? … andererseits ist da das unheimliche schnelle und vor allem gründliche Verheilen der selbst zugefügten Schussverletzung, der Widerspruch zwischen dem offensichtlichen Alter des Mannes und dem Ergebnis der molekularbiologischen Altersbestimmung… eine völlig unglaubwürdige Geschichte also, die ihr dieser der Körperhygiene deutlich abholde Mann auftischt, mit offen Fragen allerdings, die Mawet extrem reizen, insbesondere als sie sieht, wie sich an der Stelle des zu Demonstrationszwecken von Johann selbst abgetrennten Fingers alsbald ein Knubbel bildet, aus dem sich doch nicht etwa tatsächlich ein neuer, voll funktionsfähiger Finger entwickeln wird?

Immer mehr gerät Johanna in den Bann der Geheimnisse dieses seltsamen Mannes und je mehr sie sich verfängt, desto stärker driftet sie aus ihren „eigentlich“ vorgezeichneten Bahnen als Wissenschaftlerin ab. Sie nimmt Johann bei sich auf, aber dieser ist oft störrisch, sperrt sich, kommt mit der neuen Situation nicht klar. Sie fallen auf, verlassen Amerika fluchtartig und Johanna kehrt mit ihm im Schlepptau an ihr Heimatinstitut zurück….

Die DNA-Sequenzierung der Ritterschen Gene ergibt Erstaunliches, hier offenbar liegt des Geheimnisses Lösung. Nur – wo liegt die Ursache dafür, welche Kräfte oder Einwirkungen haben das bedingt? Johanna ist schier besessen von dem Verlangen, das alles zu ergründen….


In den weit über 5oo Seiten des Romans schildert uns Dorn die Entwicklung, die Johanna Mawet von der menschlich vielleicht schwierigen, fachlich aber hochkompetenten Wissenschaftler in eine, ja: Besessene nimmt, die letztlich einem Wahn verfällt. Eine Frau, die die sterilen Räume der Wissenschaft verlassen hat, die Kollegen mit sexuellen Dienstleistungen für Gefälligkeiten „entlohnt“ und die zum Schluss bereit ist, mit dem Teufel zu paktieren: das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen erscheint ihr alles wert, ihr ist der Tod Todfeind, das Sterben eine unfassbare Dummheit der Natur.

Ganz im Gegensatz dazu ist ihr Schützling, der nur langsam Vertrauen zu ihr gewinnt, anderer Meinung. Ihm, dem davon Ausgeschlossenen, deucht der Tod etwas Sinnvolles, hätte er die Möglichkeit, er würde ihn wählen…, vorbei die Zeiten, da er mit seinen Freunden einen Schwur getan, für immer jung zu bleiben und dem Alter zu trotzen.

In zwei Zeit- und drei Handlungsebenen hat die Autorin ihre Geschichte gegliedert. Da sind zum einen die Epoche, in der der „historische“ Ritter [1] lebte und die Jetztzeit mit Johann und Johanna. Auf der Ebene der Handlungen läßt sie ihre Figur „Ritter“ einmal in seiner historischen Zeit, aber natürlich auch in der Jetzt-Zeit erzählen, die Protagonisten selbstredend agiert nur in der Jetzt-Zeit. Diese Ebenen (sowohl was die Zeiten als auch die Handlungen angeht) wechseln sich häufig ab, Ritter versenkt sich oft in die Erinnerung an das in den letzten Jahrhunderten Erlebte, bevor er wieder auftaucht oder durch Johanna in die Gegenwart zurückgeholt wird. Mit der Figur des „historischen“ Ritter gibt Dorn im Lauf der Seiten eine Art Einführung in die deutsche Romantik, Schwerpunkt: naturwissenschaftliche Forschung am Beispiel der Galvanistik. Einer Forschung, die wie auch die heutige Physik die Suche nach der Einheit (der „Formel für alles“), sprich: dem Zurückführen auf oder Ableiten von einem Urgrund, etwas, das der historische Ritter in seiner weit ausholenden Sprache „All-Thier“ nannte [vgl. dazu bei Interesse den Aufsatz von Daiber in 2b].

Die Figuren ‚historischer Ritter‘ und ‚Mawet‘ (der Name ist von Dorn mit Bedacht gewählt, zur Bedeutung vgl. 3] sind sich in vielem ähnlich. Auf der Suche nach Erkenntnis achten sie ihre eigene Gesundheit wenig, sind sie kompromisslos. Beide verachten den Tod, wo Ritter und seine Romantik-Freunde den Schwur ablegen, sich angesichts des ersten grauen Haares die Kugel zu geben [4], wettert Mawet ihrerseits gegen die Zumutung des Todes und nimmt (trotz ihres offensichtlich rationalen Ansatzes) an einem „Kongress der Immortalisten“ [5] teil, auf dem die Vertreter esoterischer und pseudowissenschaftlicher Ansätze zur Lebensverlängerung in die Unendlichkeit ihre Parolen in die Masse der frenetischen Anhänger hinausposaunen.

Beide Figuren, Ritter und Mawet, geraten durch ihre Forschung ins soziale Abseits, für Mawet geht die Analogie letztlich soweit, daß sie in personam versucht, unter Ritters Anleitung die Originalexperimente Ritters (äußerst quälende und schmerzhafte sind dies, vgl. nochmals 2b] an sich selbst vorzunehmen. Ist Ritter in seiner Zeit, der Romantik, schon neueren Entwicklungen verbunden, dem Drang, bis (quasie wörtlich) zur Besinnungslosigkeit zu experimentieren (womit er beispielsweise seinen Freund Goethe, der diese ‚Velofizierung‘ des Lebens bekanntermaßen ablehnend gegenüber stand [6], überforderte und förmlich ‚erschlug‘) ist Mawet Repräsentantin einer Naturwissenschaft, wie sie sich mittlerweile durchgesetzt hat, die sich nämlich voll und ganz auf die Ergebnisse von Experimenten stützt bzw. Theorien daran misst. Dies jedoch geht Ritter zu weit, hier ist er noch der Romantik verhaftet, das experimentelle Auseinandernehmen der Natur in immer kleinere Einheiten verhindert seiner Meinung nach den Blick für´s Ganze. Ihm eröffnet sich noch die Schönheit der Natur in der Betrachtung, während Johanna vor ihrem Laptop zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber selbst Johanna muss anerkennen, daß gerade in der Molekularbiologie und Genetik die (mittlerweile vorhandenen) Kenntnisse des genetischen Codes vom Menschen, das Detailwissen also, allein noch nicht viel mehr aussagen, wie das Wissen, wie häufig jeder Buchstabe in einem Text vorkommt….

Die Molekulargenetik, die Gensequenzierung als Büchse der Pandora. Sie öffnet sich und Erkenntnisse (die ihrerseits jedoch wieder eine Unzahl neuer, ungelöster Fragen hervorrufen) fliegen heraus und am Boden sozusagen, als letztes, die Information, die alles ins Gegenteilige verkehrt, die die Frage stellt (oder hier, eben unerwartet die Antwort gibt): Will ich eigentlich wirklich alles wissen, will ich wissen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit ich an Krebs, Alzheimer, Morbus dies oder das erkranke? Es ist die Janusköpfigkeit dieser Wissenschaft: ihr sind Ergebnisse a priori ohne Wertigkeit, die Wertigkeit, ob gut oder schlecht, ergibt sich erst in der Beurteilung durch den Forscher bzw. Betroffenen. Ohne die Gefahr einzugehen, auch das eigene vorbestimmte Verderben in den Genen zu finden, sind solche Sequenzierungen schlechterdings unmöglich.

Das Fachgebiet der Genetik, der Molekularbiologie kommt nicht gut weg bei Dorn. Die Forscher, Kollegen von Marwet, sind mehr oder weniger freakig und sonderbar, haben sich der Entschlüsselung des letzten Geheimnisses des Lebens verschrieben in der Hybris, es damit beeinflussen und lenken zu können. Exponiertes Beispiel ist natürlich die Protagonistin selbst, die völlig rücksichtslos gegen sich und andere agiert – vorgeblich immer im Dienst ihrer Wissenschaft.


Ich habe bis jetzt eine dritte Person, die noch eine wichtige Rolle im Roman spielt, unterschlagen. Sie tritt nur als Stimme aus dem Off in Erscheinung, die die Ereignisse und Handlungen der beiden Hauptpersonen kommentiert. Sie scheint ihren eigenen Plan zu haben, scheint für beide, Johann und Johanna, bestimmte Rollen vorgesehen zu haben, speziell auf Johanna setzt diese Figur anscheinend große Hoffnungen. Hat sie die beiden zusammengeführt, Johann mit seiner Unsterblichkeit und Johanna, die auf der Suche nach diesem/dessen Geheimnis ist, auf daß sie es mit Hilfe Johanns lösen kann? Und was bezweckt dieser Geheimnisvolle, der sich hinter dieser Stimme verbirgt, damit? Ich will verraten es hier nicht, nur soviel: es ist letztlich ein VAter/Sohn – Konflikt, der sich hier zeigt….


Der Mensch will sich den Göttern ebenbürtig machen, will ihnen Konkurrenz machen und verschreibt dafür dem Teufel seine Seele. Er löst sich mit diesem Vorhaben aus der Demut des Mittelalters und kommt um in der Hochmut und der Hybris, der er verfällt. Ein Stoff, dieser Faustmythos, der nicht erst mit, aber in Deutschland natürlich in hervorstechender Weise durch Goethe allgemein bekannt worden ist. Dorn hat ihn hier in die Gegenwart transferiert, die mit ihrer genetischen Forschung in der Tat in die Wirkungssphäre der „Götter“ hineinragt, das Leben an sich zu beeinflussen, ja, gar zu schaffen [7]. Es wäre sicherlich sehr interessant, Dorns Roman daraufhin näher anzusehen, was sich vom Goeth´schen Faust in ihm wiederfindet – allein, dazu bräuchte ich detaillierte Kenntnisse der Tragödie. Die Szene, die beim Olympier in Auerbachs Keller spielt, verlegt Dorn beispielsweise in eine amerikanische Bar, Philemon und Baucis haben ihren Auftritt auch bei Dorn und anstatt Hexensabbat gibt es eine veritable Teufelsanrufung. Der Otter fehlt, die Fledermaus ist da – mit ansehnlichen Sprachkenntnissen und einem gerüttelt Maß an Neugier und daß sowohl Faust als auch Mawet endlich scheitern und sie ein ähnlich Schicksal sie ereilt, verwundert nicht… Man sieht, es wird etwas geboten, bei Goethe schon und auch bei Dorn.


Mit der Figur des Ritter begegnet Dorn ein Problem, das im Lauf der Handlung für die Glaubwürdigkeit der Gestalt etwas abträglich ist. Ritter ist als Unsterblicher nicht vom Himmel gefallen, er hat über zweihundert Jahre auf der Erde verbracht, hat im 2. Weltkrieg auf Seiten der Amerikaner gekämpft, ist 1940 nach Amerika gekommen und hat dort gute sechzig Jahre gelebt oder – wie es an einer Stelle gesagt wird, in den Wäldern (und den Armen diverser einsamer Frauen, bei denen er unterschlopf) vor sich hingedämmert. Wenig glaubhaft wirkt es trotzdem, daß ein großer Teil der technologischen Entwicklung an ihm vorbei gegangen sein soll, ihm Gerätschaften wie Laptops anscheinend unbekannt sind und er sie als Teufelszeug ansieht und – etwas albern scheint mir – in den Nutzern von Geräten mit den Logo des angebissenen Apfels einen Geheimbund vermutet, den Apfelbund.


Thea Dorn, wie gesagt, bietet etwas für´s Geld, gute Unterhaltung nämlich. An einigen wenigen Stellen „wagt“ sie tastend Ungewohntes, schiebt beispielsweise eine Seite mit Sprechblasen ein oder die Kopie eines alten Medizinbuches (und unterstellt, man könne heutzutage keine Fraktur mehr lesen….). Die Sprache, in der sie ihren Ritter sprechen läßt, ist altherthümlich, nachempfunden der, die man zu „seiner“ Zeit sprach, auch wenn dies hin und wieder wie Yoda-Sprech klingt, ist es eine Hilfe, die diversen Zeit- und Handlungsebenen auseinander zu halten. Immer wieder sind Dialoge oder Exkurse in die Handlung eingestreut, die sich mit Philosophischem, Zeitgeschichtlichem, Historischem oder auch Wissenschaftlichem befassen und selbstverständlich – eine love story ist inclusive. Daß diese nicht glücklich ausgehen kann, wir kennen es schon seit altersher von Eos und Tithonos [8], selbst (um in neuere Zeiten über zu wechseln) der Highlander hatte darunter zu leiden…. 

Sicher taucht die Frage auf, inwieweit ein Charakter wie Johanna Mawet realistisch ist. Ihre Persönlichkeit unterliegt im Verlauf nur weniger Monate einem radikalen Wandel von der rationalen, ziel- und ergebnisorientierten Naturwissenschaftlerin hin zu einer einem Wahn verfallenen Frau, die unter völliger Verwandlung ihrer Persönlichkeit Erlösung letztlich nur noch im Radikalsten finden kann. Mawet scheint mir die ultimative Kritik der Autorin an dieser Wissenschaft, Dorn läßt sie – ganz physisch gemeint – in gewisser Weise an ihrem Forschungsobjekt, etwas Unsterblichem, nicht nur scheitern, sondern sterben. Daß man beim Lesen selbst sich Gedanken macht über die Frage, ob man – hätte man die Wahl – Unsterblichkeit (oder auch nur eine verlängerte Lebenszeit) wünschen würde, liegt auf der Hand…..

Der Plan des Dritten im Bunde, der die Stimme aus dem Off gibt, und der alle Hoffnung auf Johanna Mawet setzte, geht daher nicht auf. Aber Dorn gibt im letzten großen Auftritt dieser Figur eine hübsche Umdeutung der allbekannten Geschichte von der Erschaffung der Welt, der der Menschen und dem Abfall des Cherubs, der von da an der Luzifer genannt wurde von Gott, mit der sie den „Plan“, in dem Ritter und Mawet nur die Kandidaten waren, in etwas Größeres, Großes, einbettet.

Die Unglückseligen ist also, fasst man alles zusammen, ein kurzweiliger, intelligenter Roman, der eine Menge an Informationen über die verschiedensten Dinge transportiert. Sicher gehen diese nicht in die Tiefe, es ist ja auch kein Sachbuch, aber sie reissen Probleme und Fragestellung so deutlich an, daß man sie gut als Ausgangspunkt für eigenen Gedanken nehmen kann. Daß man außerdem noch eine Ahnung bekommt über das Leben von vor über zweihundert Jahren und die Tragik eines Wissenschaftlerlebens seinerzeit, sei nicht unerwähnt. Facit: der Roman bietet Unterhaltung auf hohem Niveau.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Thea_Dorn
[2] Wiki-Artikel zu Ritter:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ritter
[2b] Wer sich für die Bedeutung Ritters im Zusammenhang mit der deutschen Romantik interessiert, sei auf diesen interessanten und lesenswerten Beitrag hingewiesen: Jürgen Daiber: Die Suche nach der Urformel: Zur Verbindung von romantischer Naturforschung und Dichtung; in:  http://www.goethezeitportal.de/…./daiber_urformel.pdf
[3] S.Ph. De Vries: Beim Toten; in    http://www.hagalil.com/judentum/gemeinde/beerdigung.htm
[4] das ist nicht schleichwerbend zu verstehen
[5] vgl. hier: Rudolf Taschner: Ewiges Leben; in  http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/rudolftaschner/421149/print.do
[6] vgl hier (Buchbesprechung im Blog): Manfred Osten: Alles veloziferisch oder….
[7] http://www.spektrum.de/news/erstes-bakterium-mit-synthetischem-erbgut/1034103
[8] vlg z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tithonos

Bildquelle [B]: Portraits Ritter: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cc/Johann_Wilhelm_Ritter.jpg; Urheber: Für den Autor, siehe [Public domain], via Wikimedia Commons

Thea Dorn:
Die Unglückseligen
diese Ausgabe: Knaus, HC, ca. 550 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Erica Jong visiting Barnes & Noble in New York; Sept. 2013 Bildquelle: [B]

Erica Jong visiting Barnes & Noble in New York; Sept. 2013
Bildquelle: [B]

Die amerikanische Schriftstellerin Erica Jong [1] ist keine Unbekannte. Ihr großer „Coup“ liegt schon vier Jahrzehnte zurück, ihr Roman Angst vorm Fliegen, der 1973 erschien, war seinerzeit ein Paukenschlag, sein Titel ist mittlerweile ein geflügeltes Wort. Wohl zum ersten Mal hatte eine Schriftstellerin mit ihrer Protagonisten Isadora Wing eine Frauenfigur geschaffen, die gegen die männliche Dominanz rebelliert und mit viel Witz, frech und offensiv ihr Recht auf sexuelle Befriedigung, die nicht mit Liebe gekoppelt sein muss, eingefordert und auch umgesetzt. Der Feminismus jener Tage hatte eine Leitfigur, wenngleich die Rezeption des Romans (zumindest in deutschen Medien) oft verhalten war [2].

jong cover


Jetzt also, auf den ersten Blick anknüpfend an ihren großen Erfolg (was Jong sonst noch publiziert hat, war nicht so erfolgreich wie ihr Debüt) Angst vorm Sterben. Es ist nicht direkt die Fortsetzung, wir treffen auf eine andere Protagonisten, aber mit ähnlicher Vita, auch Vanessa Wonderman ist Jüdin und Künstlerin, stammt zwar aus Kalifornien, lebt aber in New York, ihre finanziellen Verhältnisse … nun ja, sagen wir es so: Tierarztrechnungen über mehrere Tausend Dollar zu begleichen, ist nicht wirklich ein Problem für sie. Wir betreten also die Sphäre derjenigen, die mit ihrem Einkaufsverhalten die Welt der überteuerten Markenprodukte am Leben halten. Schuhe für tausend Dollar sind kein Problem, sondern ein Zeichen der  Klassenzugehörigkeit. Isadora Wing, der Heldin aus Angst vorm Fliegen, wird in diesem Roman eine Nebenrolle eingeräumt, sie ist die geläuterte Frau, die aus ihren Erfahrungen schöpft und die mittlerweile weiß, daß bloßer Sex kein Allheilmittel gegen die Herausforderungen und Hürden des Lebens ist.

Vanessa Wonderman ist eine Sechzigjährige, die wie Fünfzig aussieht, sie ist mit einem zwanzig Jahre älteren Milliadär, Asher, verheiratet. Dieser Altersunterschied ist ein Teil ihrer Crux, das Ehepaar liest öfter in Todesanzeigen als daß sie Sex haben. Überhaupt der Tod, das Sterben: in die heile Welt des Konsums, der Botoxinjektionen und der Wohltätigkeitsveranstaltungen bricht er/es für Vanessa (und ihre beiden Schwestern) mit Macht ein: die Eltern sind siech, der geliebte Pudel schwer erkrankt und der Ehemann kann gerade noch gerettet werden, ein Aneurysma….

Was könnte helfen? Sex, genau, Sex, der die überschüssige erotische Energie kanalisiert, der einmal die Woche ….. die glücklich verheiratete Frau (sprich Vanessa) mit dem glücklich verheirateten Mann zwecks „Huldigung des Eros“ zusammenbringt. Eine Anzeige auf einen einschlägigen Internetportal soll es richten….

Und zwischen den Kranken dieser Welt, die sich auf diese Anzeige hin melden (und von denen Vanessa ein paar wenige trifft und bald die Nase voll hat) resümiert die Protagonistin ihr Leben. Das so ärmlich und schlecht gar nicht war. Die Eltern waren in Hollywood eine gute Adresse, bevor sie nach New York gingen, sie selbst hat mit sechzehn die Schule geschmissen, hatte ein Verhältnis, trieb ein Kind ab und wurde dann selbst recht erfolgreiche Schauspielerin. Zwischendurch gab es ein Alkoholproblem (das sie in den Griff bekommen hat) sowie die eine oder andere Ehe, deren wichtigste zweifelsohne die mit Ralph war, einem Poeten, denn ihr entstammt Glinda, die einzige Tochter.

Mitte Zwanzig ist diese jetzt auch schwanger und kein unbedarftes Blatt mehr, was das Leben angeht. So hat sie schon einen Drogenentzug hinter sich. Doch Leo, der kleine Wurm, dem sie das Leben schenkt, wird zum Lebensmittelpunkt, Leo reißt auch für Vanessa das Steuer rum, er ist die Zukunft, die es zu schützen und zu bewahren gilt.

Mit dem Tod der Eltern und dem Beinahe-Tod von Asher erhält Vanessas Lebensschiff herbe Schläge. Es heißt Abschiednehmen von den Eltern, worauf die Heldin überhaupt nicht vorbereitet ist. So schwierig und problematisch das Siechtum von Vater und Mutter war, jetzt, da der Moment da ist, versinkt Vanessa in ein schwarzes Loch. Wenigstens überlebt Asher seine Krankheit, wenngleich sie ihn so schwächt, das den beiden seine erektile Dysfunktion den Sex, zumindest den Sex unmöglich macht. Etwas anderes ist aber geschehen: Vanessa spürt, daß zwischen ihr und Asher etwas wirklich tieferes, bedeutenderes entstanden ist: Liebe. Und in Indien, das jetzt offensichtlich der Ort ist, an dem man sein muss (habe ich irgendwas versäumt??) erfahren die beiden dann so etwas wie eine synchrone Erleuchtung und widmen sich erfolgreich dem, was Isadora gemächlichen Sex in einer schnelllebigen Welt nennt. Na also, geht doch! möchte man rufen….


Materiell abgesichert und auf der Sonnenseite des Lebens ist dieses mitnichten leicht für die Protagonistin, Ängste beherrschen ihr Leben in weiten Teilen. Die Jugend ist dahin und das Älterwerden hat – sieht man von einer gewissen Abgeklärtheit ab – noch keine großen Vorteile gebracht, Vanessa träumt sich in Zeitmaschinen hinein, die sie zurückbringen in Zeiten, in denen sie das Leben genießen konnte. Vorherrschend ist die Angst, etwas zu versäumen, versäumt zu haben. Anzusehen, was das Alter aus ihren Eltern gemacht hatte, beunruhigt und ängstigt sie. Der Tod der Eltern hinterläßt ein Kind, das damit kaum umgehen kann.

Sex würde ihr die Jugend wieder zurück bringen, die Zeit zurückdrehen, Sex ist ein Allheimittel. Doch auch das funktioniert nicht wirklich, ihr eigener Mann ist immerhin schon acht Jahrzehnte auf der Welt und die, die sich über die Anzeige holt, sind kaum erwähnenswert, eher erschreckend, wenn sie es überhaupt probiert. Aber was hat sie denn erwartet, wenn sie in solchen Gewässern die Angel auswirft? Fantasien werden eben selten real.

An drei ihre Mitmenschen lernt sie langsam, ihre Ängste zu erkennen und zu überwinden. Isadora ist mittlerweile die Abgeklärte, die sich die Hörner abgestoßen hat während Asher nach seiner Krankheit so in sich ruhend ist, daß dies auf Vanessa abfärbt. Und dann noch die Zukunft, Leo in seiner Unschuld, der eines Tages die Last des Lebens schultern und dafür sorgen wird, daß es weitergeht..


Angst vorm Sterben ist im Grund ein einziger, immer wieder unterbrochener innerer Dialog über die Angst vorm Leben mit den Herausforderungen, die dieses bereit hält und die auch mit allem Geld der Welt nicht zu verhindern sind. Das Leben hatte viel für sie bereit gehalten, eine materiell sorglose Kindheit, viele Ehen, viele Liebhaber, eine erfolgreiche Schauspielkarriere, später schrieb Vanessa Drehbücher – jetzt stößt sie an die Grenzen, das Alter läßt sich nur auf der Ebene von Äußerlichkeiten wegspritzen, Zeitreisen sind nru in der Fantasie und in Träumen möglich. Dazu noch die globalen Sorgen über unseren, d.h. der Menschheit Umgang mit der Erde… man hat´s nicht leicht als wohlhabende New Yorkerin, Woody Allen hat es uns schon ja immer bewiesen, kein Wunder, daß er auf dem Cover zitiert wird. Wer Woody Allen mag, wird auch den Ton und die Diktion von Jong als leicht neurotischer Gr0ßstadtpflanze mögen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn derjenige, der sich in der Hoffnung an das Buch wagt, er würde hier einen erotischen oder gar Sexroman in die Hand bekommen, enttäuscht sein wird. Überhaupt hat sich Jong ja auch nach Angst vorm Fliegen immer gegen dieses Etikett gewehrt, für mich waren die Sexszenen in diesem Buch sogar mit die schwächsten Momente, da ich häufig das Gefühl nicht los wurde, sie wären nur eingefügt, weil „das jetzt halt so gehörte für sie um ihrem Ruf gerecht zu weren…“. Da sich nie etwas daraus entwickelt, stehen die Szenen etwas verloren im Buch, sind allenfalls abschreckende Beispiele für solche Abenteuer.

Man darf von Angst vorm Sterben keine philosophische Tiefe über die Probleme unseres Daseins erwarten, das ist aber auch, denke ich, nicht der Anspruch. Der Kritiker des Deutschlandradios vergleicht es mit dem „Niveau gehobener Frauenzeitschriften“, was ich jedoch, mangels Kenntnis dieses Publikationen, nicht beurteilen kann. Letztlich sind es Fragen, die wir alle – ohne die Antwort zu kennen – an das Leben haben, verdichtet in Merksprüche und Schlagzeilen: Sex muss ein großes Geheimnis bleiben, sonst wird er nämlich zum großen Missverständnis [S. 190] oder Wir brauchen neue Rituale, eine neue Philosophie [S. 155].

Hat man, wenn man Angst vorm Fliegen gelesen hat, seinerzeit gestaunt und aufgemerkt und „WOW!“ gerufen, in diesem Roman stellt sich diese Reaktion nicht ein, es fehlt das Umstürzlerische, Revolutionäre, das Öffnen neuer Horizonte. Im Gegenteil mag der „normale“ Mensch sogar schon weiter sein als die Protagonisten Jongs, das Tabu, über „Sterben“ und „Tod“ zu reden, ist in den letzten Jahren für ihn geschwunden, dass der Tod (auch der Eltern) bei aller Trauer zum Leben gehört – die meisten von uns werden dies wissen und im Falle eines Falles weniger fassungslos erleben.

Was also bleibt mit diesem Buch ist eine literarisch fixierte Geschichte über die Angst einer neurotischen Großstadtpflanze vorm Sterben, vorm Alter, vorm Leben mithin. Dies aber – was nicht wenig ist – unterhaltsam, flott und frech präsentiert, gut lesbar, kurzweilig, ja auch humorvoll und mit Ironie gewürzt und – wenn man dem Buch eine solche entlocken will – enthält es möglicherweise die Botschaft, daß Älterwerden keineswegs bedeutet, dass das Leben aufhört, man muss sich auf das Alter, die Beschränkungen, die mit sich bringt, aber auch auf die neuen Horizonte einlassen.. dann klappt´s – sozusagen – auch mit der Nachbarin…

Links und Anmerkungen:

[1] Zur Person Erica Jongs: https://de.wikipedia.org/wiki/Erica_Jong
[2] z.B. hier in der ZEIT von Rolf Michaelis (1976): http://www.zeit.de/1976/35/kopf-sex/komplettansicht
[3] Buchvorstellung hier im Blog:  Angst vorm Fliegen, ferner von Jong im Blog: Der letzte Blues

[B] Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erica_Jong; Copyright: von Wes Washington (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Erica Jong
Angst vorm Sterben
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Tanja Handels
Originalausgabe: Fear of Dying, NY, 2015
diese Ausgabe: S. Fischer Verlag, HC, ca. 370 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

tewje-coverScholem Alejchems Tewje, der Milchmann, gehört wohl zu den bekanntesten Werken der jiddischen Literatur. Das Jiddische… mit der Vertreibung der Juden im 14./15. Jahrhundert (der anschwellende Antisemitismus während des großen Pestzugs, aber auch die Kreuzzüge waren Anlass dafür) aus Deutschland nahmen diese ihre Muttersprache mit nach Osten in die neuen Siedlungsräume. Dort nahm die Sprache wenige neue Worte aus dem Slawischen auf, diese betragen im wesentlichen Begriffe des täglichen Lebens. Grund dafür ist die relative strikte Isolation der jüdischen Bevölkerung von anderen Bevölkerungsgruppen. Sie blieben im Wesentlichen unter sich, in ihren Shtetl , lebten dort ihre Traditionen und religiösen Riten. Einige wenige von ihnen gelangten zu Ruhm, Geld und Einfluss [4], die meisten dagegen blieben zeit ihres Lebens arme Schlucker, die oft nicht wussten, wie sie die vielen Mäuler der Familie satt bekommen sollten.

Das Jiddische war die Sprache des Alltags, es war eine gesprochene Sprache. In einer kurzen Zeitspanne Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen wurde das Jiddische literarisch, Gedichte wurden auf Jiddisch verfasst und Geschichten in dieser Sprache niedergeschrieben. Schreibt Jiddisch, dann werdet ihr der Welt nützlich sein, so wird einer der damaligen Schreiber wiedergegeben [3]. Diese „Karriere“ des Jiddischen endet jedoch jäh und blutig mit dem Versuch, das gesamte jüdische Volk auszurotten.

Scholem Alejchem (dies ist die jüdische Grußformel: Der Friede sei mit Euch!) ist einer der bekanntesten jiddischen Dichter. Er lebte von 1859-1916, Manés Sperber schildert in seiner Kindheitserinnerung Die Wasserträger Gottes, wie sich abends alle in der Stube versammelten, um den vorgelesenen Geschichten Alejchems zu lauschen [9]. Geboren wurde er als Scholem Rabinowitsch, Sohn eines Getreide- und Holzhändlers aus Perejaslaw (Ukraine). Er erhielt die jüdische Grundausbildung und lernte am russischen Gymnasium. 1879 begann er zu publizieren, jedoch noch nicht auf jiddisch, sondern auf hebräisch.

1883 heiratete er Olga Lojew. Zwei Jahre später stirbt sein Schwiegervater und er zieht mit seiner Frau nach Kiew um (dem Jehupez seines Werkes). Nachdem er 1890 bankrott ging, verließ er Russland und wechselte bis zu seinem Tod ( er starb an Tuberkulose) 1916 in New York noch sehr oft seinen Wohnort. Unter anderem lebte er auch für einige Zeit in Berlin.

Seine Werke über und für das einfache Volk begeisterte viele Menschen, gerade weil er auf jiddisch schrieb, das vorher nur als ungeliebter Umgangston galt. Scholem Alejchems Begräbniszug folgten tausende Menschen, insbesondere Juden, um damit ihren Dank auszudrücken.“ [z.T. 2 entnommen]


Tewje, der Milchmann wird zwar vom Verlag als Roman klassifiziert, er ist jedoch schon von seiner Entstehungsgeschichte her gesehen kein klassischer Roman. Vielmehr vereinigt er acht Geschichten um diesen Tewje, die Alejchem im Zeitraum von ca. zwei Jahrzehnten verfasst hat. Diese Erzählungen spiegeln jiddische Leben auf dem Dorf einerseits. Aber auch die große, die Weltgeschichte findet ihren Niederschlag in dieser abgelegenen und sich selbst genügenden Welt der kleinen Leute auf den Dörfern im russischen Ansiedlungsrayon um Kiew, dem Jehupez der Geschichten Alejchems.

Tewje und seine Familie, das sind die Frau Golda und sieben Töchter. Sieben, eigentlich ein biblisches Symbol für die göttliche Vollkommenheit, bringt den Eltern hier kein Glück, Töchter zumal, die verheiratet werden müssen und bei der Heirat spielt hie und da die Liebe eine Rolle und wer kann schon die Liebe beeinflussen, wo sie hinfällt und wo nicht… Fünf der Geschichten handeln davon, wie sich die ältesten Töchter verheiraten bzw. verlieben, die Schicksale der zwei jüngsten Tochter dagegen wird nichterwähnt, in der letzten Geschichte, in der sie eigentlich auftauchen müssten, denn diese handelt von der Vertreibung der Juden aus ihren Dörfern und sie müssten ja noch im Elternhaus sein, bleiben sie unerwähnt.

Die Geschichten sind als Erzählungen aufgebaut. Tewje nämlich trifft den Autoren Alejchem, spricht ihn an oder begrüßt ihn: Ein schönes, ein gutes, ein ausladendes ‚Scholem alejchem‘ auf Euch, Herr Scholem Alejchem! Friede über Euch und Eure Kinder! und erzählt ihm von seinem Schicksal. Entsprechend verabschiedet er sich am Schluss der Geschichte auch wortreich, entschuldigt sich dafür, so viel gesprochen zu haben und hofft auf ein erneutes Zusammentreffen mit Alejchem – oder er gibt Ratschläge bzw. äußert Bitten, wie Alejchem, der Autor, doch mit seiner Erzählung umgehen sollte, nämlich vergesst um Gottes willen nicht, worum ich Euch gebeten habe: Dass es nämlich pst! und pscht! bleiben soll, ich meine, Ihr sollt daraus kein Buch machen! Und wenn ihr nun mal schreiben müsst, dann schreibt über einen anderen, nicht über mich; …. Für Geschichten, die im Laufe einiger Jahre veröffentlicht werden, ist dies sicherlich ein sinnvoller Rahmen und die Selbstbezüglichkeit solcher Worte verleiht dem Ganzen einen lebendigen Charakter und gibt einen besonderen Reiz.

Die Geschichten im Einzelnen:

Ich bin zu gering
Das große Los (1895)
Wie gewonnen…. (1899)
Kinder von heute (1899)
Hodel 81904)
Chava (1906)
Sprinze (1907)
Tewje fährt ins Land Israel (1909)
Geh aus deinem Vaterland (1914)
Vachalaklakkoiß … Und schlüpfrig werden soll ihr Weg (1916)

Man sieht, daß die Geschichten über einen Zeitraum von gut zwei Jahrzehnten entstanden sind. Das als Einleitung und Einstimmung dienende Ich bin zu gering ist als Brief Tewjes an den Verfasser abgefasst, in dem er seine Verwunderung beschreibt, daß Ihr Euch mit so einem geringen Menschlein abgebt, mir sogar Briefe schreibt und, damit nicht genug, auch noch meinen Namen in einem Buch benützt, … , was ihn aber nicht hindert, in einem Postskriptum die Adresse anzugeben, an die der Verfasser, wenn das Buch beendet ist, etwas Geld schicken kann….

Das große Los beschreibt, wie aus Tewje, arm an Geld, aber reich an Kindern, der mit seinem Pferd und dem Wagen aus dem Wald Baumklötze zum Bahnhof holt und bringt, Tewje, der Milchmann wird. Weil er nämlich zwei seltsame Figuren, Weibsbilder, die sich im Wald verirrt hatten, findet und sie zurück in ihre Datscha bringt, in der sie als Sommerfrischler leben. Die Belohnung, die er dafür erhältm ist groß, für seine Verhältnisse groß und macht aus ihm den Milchmann, der Kühe sein eigen nennt, Milch melkt, buttert und käst und seine Waren an die Sommerfrischler verkauft.

In der nächsten Geschichte wird schon eine Ahnung der neuen Zeit wach. Menachim-Mendel, ein entfernter Verwandter, überredet ihn zu Finanzgeschäften, zum Kauf von ach was weiß ich, von Papieren, die billig gekauft werden, teuer verkauft werden und von diesem Geld kann man wieder billig kaufen und teuer verkaufen und haste nicht gesehen, macht man aus hundert Rubel tausend… oder auch null, so wie es Tewje geschieht… Gottseidank ist es nur das Geld, noch hat er seine Kühe, sein altes Pferd, den Wagen….

Die Töchter – wunderschön und heißgeliebt vom Vater, aber welche Bürde auch, denn sie wollen verheiratet werden. Da trifft es sich gut, daß der wohlhabende Schächter, Reb Leiser-Wolf, in Kinder von heute…. ein Auge auf die Älteste, Zeitel, geworfen hat…. doch was will man machen, Zeitels Augen schwimmen, ihr Herz hängt am armen Schlucker Mottel, einem Schneider…. nicht viel anders geht es bei Hodel, oder doch ganz anders.. es sind mittlerweile Zeiten angebrochen, in denen die jungen Leute lernen wollen, studieren anstatt zu arbeiten und Brot für die Familien zu verdienen. Hungerleider sind sie, mit seltsamen Ideen, die sich um die Arbeiter drehen und deren Los…. und ausgerechnet so einen gabelt Tewje am Straßenrand auf und füttert ihn mit Golda seiner Frau in seinem Haus, auf daß sich die Zweitälteste in ihn verliebt… kann er was dagegen machen? Wenn Gott es so gefügt hat? Was soll er sich dann dagegen stellen…. und so heiraten sie und schon bald sitzt Pfefferl und dann folgt ihm Hodel in die Verbannung…

Schlimmer noch ist das Schicksal Chavas für ihn, denn Chavas Herz gehört einem Abkömmling Esaus… Dein Kind bricht auf in eine andere Welt, und du verstehst sie nicht – oder willst sie nicht verstehen….. es zerreißt ihm das Herz, fast hält er es nicht aus, die Qualen Was ist meine Sünde, was ist mein Verbrechen? ruft er seinem Gott entgegen….. Steh auf, mein Weib, ziehe die Schuhe aus, wir wollen uns hinsetzen und die sieben Tage trauern, wie Gott es geboten hat. … Lass uns in der Vorstellung leben, … als hätten wir niemals eine Chava gehabt….

Noch ist das Kinder-Aufzuchtleid für Tewje und Golda nicht vorbei. In Sprinze zeigen sich die neuen Zeiten von ihrer schlimmen Seite: es kommt zu Progromen, viele Reiche verlassen das Land und gehen ins Ausland, andere fliehen aus der Stadt und kommen ist Umland, nehmen ihren Platz in Tewjes Kundenkreis ein. Eine davon, eine Witwe, hat einen reichen und verzogenen Sohn und – egal, wie es im Einzelnen dazu kommt – dieser verguckt sich in die Tochter Sprinze und diese sich in ihn…. im ersten Impuls ist Tewje davon nicht begeistert und redet dagegen… doch als ihm der Gedanke daran, im Alter vllt etwas bequemer leben zu können mit dem reichen Schwiegersohn im Rücken, kommt dieser nicht mehr zu Besuch. Im Gegenteil wird Tewje vom Onkel des Nichtsnutzes zu sich bestellt und beschuldigt, alles schlau zum eigenen Nutzen so eingefädelt zu haben…. aber das größte Unglück erlebt Tewje auf der Rückfahrt vom Onkel, der Menschenauflauf am Fluss… und seine tränenaufgelöste Golda inmitten der Menschen… Sprinze, die so still geworden war und so viel weinte, Sprinze war ins Wasser gegangen…

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tewje selbst und mit den Juden… die geliebte Golda stirbt ihm, aber was nützt es, gegen den, der ewig lebt, aufzubegehren?  Bejlke dagegen, die nächste der Töchter fällt dem Pedazur ins Auge, einem Reichen, einem Kriegsgewinnler, einem Emporkömmlung, der seine Herkunft und die seiner Braut verschleiern will. Jeder kümmert sich selbst und hat auf die Welt vergessen…. Hemmungslos schwindelt er alle an und Tewje, den er zu sich rufen läßt, soll nicht mehr Milchmann sein als Vater der Frau.. am Geld soll´s nicht liegen und will er verreisen vielleicht? Israel, ja, nach Israel – da wird unser Tewje schwach, aber um ins Land Israel zu fahren, muss man … etwas haben… [..] ach die Macht des Geldes… er scharrt das bischen Papier, das Geld, das Pedazur ihm gab, zusammen und steckt es ganz tief in die Tasche….

Aber es ist nicht damit getan, daß Tewje ins Land Israel fährt, man muss ihn und die anderen Juden verprügeln, zumindest, man muss ihnen die Fensterscheiben einschlagen, zumindest, damit man selbst keine Probleme bekommt mit der Obrigkeit, die dies sehen will. … und warum kommt nicht endlich der Messias? Ein wenig hadert der Tewje mit seinem Gott…. käme er gerade jetzt auf einem weißen Pferd zu uns herabgeritten! […] Derweil, wie ich, in diese Gedankengänge vertieft, dasitze, blicke ich auf einmal auf – ein weißes Pferd! Und geradewegs auf mein Haustor zu! […] Doch: Sieht man dem Messias entgegen, kommt der Dorfpolizist… Drei Tage hat der Tewje Zeit, alles zusammenzupacken, alles zu verkaufen, man hat ihm gesagt, er solle gehen, also geht er….


Tewje ist ein einfacher Mensch, seine Ansprüche an die Welt sind nicht überbordend. Ein wenig Arbeit, um für sich und die Seinen genug zu Essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, eine Bank vor der Tür, um in den wenigen Mußestunden die Wärme der Sonnenstrahlen zu spüren und nachzudenken – über Gott und die Welt. Belesen ist er, der Tewje, auch wenn er nicht alles verstanden hat, manches an der falschen Stelle zitiert und auch mit den Begriffen der neuen Zeit nicht immer konform geht. Ein Konfusius ist er, ein liebenwerter, der sich in sein Schicksal fügt.. ein Schicksal, das es einst so gut mit ihm meinte, ihn aus dem Wald holte und zum Milchmann machte. Dann aber nahm es ihm eine Tochter nach der anderen, es nahm ihm die Frau, es nahm ihm das Heim, die Heimat, es nagte letztlich sogar an seinem Gottvertrauen.

In der Figur des Tewje, der ein Dulder ist und ein Hiob, personalisiert Alejchem das Schicksal der Juden in Russland. Die lange Zeit friedliche Koexistenz mit den Christen löst sich peu a peu auf, die neue Zeit um die Jahrhundertwende mit den neuen, revolutionären Gedanken greift nach den Menschen, die jungen Leuten zumal, löst sie aus den alten traditionellen Gedanken- und Verhaltensmustern und damit aus der seit altersher gegebenen jüdischen Gesellschaft. Gleichzeitig werden die Ressentiments gegen die Juden wieder wach und gefördert, finden ihren traurigen Höhepunkt in den Progromen, die um 1905 einsetzen und letztlich mit der Vertreibung bzw. Emigration vieler Juden endet. So sitzt Tewje am Schluss des Buches da, hat keine Heimat mehr, ist, dem Bibelspruch nach, aus dem Vaterland gegangen (worden). Nach dem heiteren und optimistischen Beginn des Romans endet er letztlich in tiefer Dunkelheit.

Tewje lehnt sich gegen nichts auf. So wie er den Töchtern letztlich immer ihre Liebesheirat erlaubt (denn letztlich könnte es ja sein, daß genau das von Gott so gewollt ist), läßt er sich am Ende auch aus seiner Heimat vertreiben. Allenfalls rettet ihn seine Schlitzohrigkeit und seine Redseligkeit, mit der er seinen Gegenüber ohnmächtig quasselt, davor, in personam verprügelt zu werden, ja, man läßt ihm die „Freiheit“, sich seine Fenster selbst einzuschlagen – aber retten, das kann er sich nicht.

Unerforschlich ist für ihn das Schicksal bzw. Gottes Wille, denn für ihn ist alles Wille und Ausdruck von Gottes Plan – den Menschen unzugänglich und unergründlich. Deswegen hat er sich hineinzufügen, auch wenn manchmal der Wunsch durchscheinen mag, daß Gott – zumindest hin und wieder – mal ein anderes Volk auswählen könne als immer nur die Juden. Wie groß mag für Tewje die Enttäuschung gewesen sein, daß Gott just im Moment, da er die Frage stellte, wann denn der Messias auf einem weißen Pferd käme, ein Schimmel auf seinen Hof ritt – dessen Reiter die irdische „Ordnungsmacht“ vertritt und ihn von selbigen vertreibt.

Mit den Progromen von 1905 (Jabotinsky z.B. bescheibt die Zerstörung der heilen jüdischen Welt in Odessa in seinem schönen Roman Die Fünf sehr eindrucksvoll, auch z.B. Isaac Babel widmet sich diesem Thema in seinen Erzählungen [5]) wurden viele der russischen Juden in alle Welt vertrieben. Manchmal findet man die Spuren dieser Vertreibung auch ganz unvermutet, beispielsweise hier in Südamerika im Roman des argentinischen Schriftstellers Edgardo Cozarinsky Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…. [5]. Die bis dato geordnete Welt der Ostjuden, die vorwiegend in ihren ‚Schtetl‘ lebten, wurde hinweg gefegt, die angeordnete Vertreibung, die instinktsicher seit alters her verwurzelte Antipathien und Vorurteile gegen Juden instrumentalisierte, zerstörte zusammen mit den sich sowieso radikal ändernden Lebensumständen Jahrhunderte alte Traditionen und Lebensweisen im zaristischen Ansiedlungrayon [6]. Tewje, der Milchmann, ist der Archetyp dafür, die Figur des Hiob, des Dulder, die Figur auch des in die Diaspora vertriebenen Juden, des Abraham, der eine neue Heimat sucht und de dabei trotz hin und wieder auftauchender dunkler Gedanken unverzagt an seinen Gott glaubt.

Die vorliegende Übersetzung von Armin Eidherr ist ergänzt durch ein Nachwort, in dem der Übersetzer auf die Lebensgeschichte und die Bedeutung des Autoren für die jiddische Literatur eingeht. Dabei hebt er hervor, das Bild des fröhlich-frommen Dulders Tewje, wie es z.B. im Musical Anatevka (Fiddler on the Roof) [7] vermittelt wird, nur bedingt stimmt. Desweiteren äußert er sich zur Bedeutung/Deutung des Werkes, das hier in einer Neuübersetzung erstmals vollständig vorliegt. Insbesondere sind auch die Eigenheiten von Tewjes Sprache nicht geglättet worden, das ‚Konfusius‘ wurde also nicht zum ‚Konfuzius‘, die ‚Birnillanten‘ nicht zu ‚Brillianten‘ und ‚Speck-Kohlant‘ nicht zum ‚Spekulanten’… auch die manchmal von Tewje nur lautmalerisch zitierten Sprüche aus Thora oder Talmud bleiben erhalten, Tewje liest viel, aber das Verständnis kommt nicht immer nach und so ergeben sich wohl eine Vielzahl von unfreiwillig komischen Wortspielen. „wohl“: weil man als deutscher Leser die angeführten Sprüche selbst nicht kennt (das gilt – denke ich – jedenfalls für die allermeisten Leser) und den Widersinn daher kaum beurteilen kann. Hier geben die Fussnoten des Buches leider nur sehr sporadisch Auskunft.

Letzteres ist aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an diesen wunderschönen, traurigen Buch. Es entführt den Leser in eine verschwundene Welt, macht ihn zum Zeugen der Geburt einer Literatursprache, die aus einer bis dato weitgehend gesprochenen Sprache (in der Übersetzung, ich weiß…) entsteht, eines Prozesses, der wenige Jahre später blutigst beendet wurde [vgl. auch 8]. Ein zutiefst menschliches Buch, was die Figuren angeht, ein Roman, der die Ereignisse zweier bewegter und für die politische Entwicklung der ganzen „Welt“ wichtiger Jahrzehnte im Zarenreich auf die Ebene eines einfachen Juden herunterbricht.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren
[2] z.B. ist hier eine ausführliche Wiedergabe des Inhalts zu finden: Maria Klingner: Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann; in:  http://judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/alejchem/index.html
Bemerkenswert: während bei Klingner steht: „1883 heiratete er Olga Lojew. Diese stirbt 1885,..“, führt der Übersetzer in seinem Nachwort an, daß es der Schwiegervater ist, der 1895 den Tod findet, eine Aussage, die ich in meinen Text übernommen habe, ohne sie weiter zu überprüfen.
[3] Gilles Rozier erzählt die oder eine Geschichte des Jiddischen als Hochsprache in seinem wunderbaren Buch : Im Palast der Erinnerung (Buchvorstellung hier im Blog). Die Quelle des hier zitierte Spruch ist dort unter [4] zu finden
[4] vgl z.B. in dem wunderbaren Buch von Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Buchvorstellungen hier im Blog:
– Vladimir Jabotinsky: Die Fünf,
– Isaak Babel: Erste Hilfe
– Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….
[6] Wiki-Artikel zum
– Schtetl: https://de.wikipedia.org/wiki/Schtetl
– Ansiedlungsrayon:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ansiedlungsrayon
[7] Wiki-Artikel zu Anatevka:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anatevka
[8] Gilles Rozier: Im Palast der Erinnerung (Besprechung hier im Blog)
[9] Manès Sperber: Die Wasserträger Gottes (Besprechung hier im Blog)

 

Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann
mit einem Nachwort vom Übersetzer
Übersetzt aus dem Jiddischen von Armin Eidherr

Originalausgabe: tevjeh der milchiger, (1894 – 1916)
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. xxx S., 2016 (der Verlagslink führt zu einer früheren Ausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

bibel cover

Die Bibel – wer kennte dieses Buch, ja, dieses Buch der Bücher, nicht? Die meisten wohl… den Titel schon, aber wann zum letzten Mal in der Hand gehabt und gar gelesen? Und auch der Kirchenbesuch, bei dem darauf vorgelesen und gepredigt wird, ist ja auch nicht mehr so häufig wie anno dazumal. Dabei stehen, das muss man zugeben, eigentlich sehr schöne Geschichten in diesem Buch. Sicherlich, die Sprache ist unmodern, der Aufbau der Geschichten umständlich und das Ganze wirkt doch etwas altbacken. Andererseits findet man in diesen alten Geschichten das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen und menschlicher Charaktere wieder, sie sind in vielerlei Hinsicht archetypisch für uns. Begegebenheiten, die von Eifersucht zeugen, von Neid, von Hass und Konkurrenz, von Liebe und Freundschaft, von Vertrauen und Betrug, von Strafe und Belohnung, von Mut und Feigheit, von Klugheit und Dummheit, von Toleranz und Ignoranz. Denken wir nur an die Figur des Hiob, sprichwörtlich geworden für Menschen, denen ein unergründliches Schicksal alles, was sie lieben, nimmt….

Der Niederländer Guus Kuijer [1], ein vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor, hat sich der Bibel angenommen. Mit dem auf den ersten Blick irritierenden Zusatz ….für Ungläubige erzählt er aus dem Blickwinkel von Figuren, die in der „richtigen“ Bibel [2] eher am Rand stehen, einige dort geschilderte Episoden in moderner Prosa wieder. In den Niederlanden sind bis dato die ersten vier Bände (zumindest habe ich nicht mehr gefunden) erschienen, in Deutschland sind bis dato Band 1: Der Anfang – Genesis und Band 2: Exodus [3] im Antje Kunstmann Verlag erschienen, bei Reclam werden offensichtlich die Taschenbuchausgaben zeitversetzt publiziert.

Genesis also, das erste Buch Mose [2a], das von der Schöpfung der Welt berichtet, von Adam und Eva, von Noah, Abraham, Isaak und Jakob bis zu Josef und seinen Brüdern. Natürlich erzählt Kuijer die Geschichte der Erschaffung der Welt, die am Anfang ein Wort war, als Adams Geschichte. Dies ist in der Literatur nichts neues, ich habe selbst in diesem Blog schon die wunderschöne Adaption Mark Twains vorgestellt, auch Ted Hughes hat sich dem Thema gewidmet, sicherlich fände man noch mehr Autoren, würde man suchen [4].

Es folgt die Geschichte von Noah, dem Bau der Arche und der Sintflut aus der Sicht von Ham, einem der Söhne Noahs, und zwar der, der immer etwas eigenständiger war als seine beiden Brüder Sem und Japhet. Ein Urenkel Noahs, ein Enkel Sems schließlich war für den Turmbau von Babel verantwortlich, der wie die Arche sowohl als göttlichen Auftrag missverstanden wurde, der aber auch als ein technologisches Großprojekt war, das neugierige Menschen aus aller Herren Länder anlockte und wirtschaftlichen Aufschwung verhieß.

Für mich die schönste Geschichte ist die, die Sarah erzählt, die Frau von Abraham, die damals noch Sarai und Abram hießen. O ja, Sarai ist ganz hibbelig (um ein harmloses Wort zu verwenden) bei dem Gedanken, mit einem Gott zu schlafen.. wie aufregend muss das sein, wo sie doch nur das langweilige Gebu**e mit ihrem eigenen Mann kennt… der Pharao, in Ägypten, wird es sein, der sie, die Schöne, begehrt…. aber das ist nur eine Episode aus Sarahs Erzählung, die auch die Geschichte um Sodom und Gomorrha, um Lot und seine Familie enthält und die Probleme, eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Sarah ist nicht ohne Fehler und menschliche Schwächen, Hagar, ihre Sklavin, die mehr ist als eine Sklavin, die ihr wie eine Tochter ist, die sie ihrem Mann zuführt, damit dieser endlich ein Kind mir ihr zeugt und die nachher von Eifersucht aufgefressen wird: diese Hagar beispielsweise verjagt sie in die Wüste, mit ihrem Balg…. Abram ist der, der sich immer mit Gott unterhält, der Weisungen von diesem Gott erhält, der die Beschneidung einführt für die Männer seines Stammes. Und es ist dieser Gott, der von Abram verlangt, den Sohn, den Sarah ihm endlich doch geboren hat, zu opfern. Und Abraham ist bereit dazu und Isaak auch dazu, geopfert zu werden. Als Sarah davon erfährt, bricht es ihr das Herz.

Isaak erzählt seine eigene Geschichte, die in vielen Teilen die ist von Esau, dem Erstgeborenen und Jakob, den Fersenhalter, der als Zweiter auf die Welt kam. Für ein Linsengericht gegen den beissenden Hunger verkaufte der triebhafte Esau dieses Recht an Jabob und durch eine List, die Rebecca, seine Mutter und er ausheckten, täuschten sie den blinden Isaak, so daß dieser seinen Segen nicht an Esau, sondern an Jakob verteilte.

Er floh vor der Rache es Bruders zu seinem Onkel, wo er Rahel traf. Und er freite sieben Jahre um Rahel und in der Hochzeitsnacht schob man ihm Lea, die ältere Schwester, unter. Ein Betrug, wie er ihn weiland begang…. und er freite noch einmal sieben Jahre um Rahel, bis er seine Liebe endlich heiraten konnte. Aber während Lea ihm einen Sohn nach dem anderen gebar, dauerte es viele Jahre, bis Rahel im zwei Söhne schenkte: Josef und Benjamin.

Und letzter gibt in diesem Buch den Thomas Mann und erzählt die Vorkommnisse von Josef und seinen Brüdern, in denen Niedertracht und Verrat eine Rolle spielen sowie auch Geilheit und Klugheit. bis sich schließlich alles zum Guten gewendet hat.


… für Ungläubige ist eine Nacherzählung ausgewählter Episoden aus dem 1. Buch Mose. Man wird daran erinnert, daß Gott damals nur einer von vielen Göttern war, der Gott eines Clans, einer Familie so wie jeder Stamm seinen Götter hatte und verehrte. Noch ist längst nicht absehbar, daß dieser Gott Jahrhunderte später zum Gott der Juden und danach der Christen avancieren sollte, während alle anderen der Stammesgötter nur noch als Erinnerungen an einst (wenn überhaupt) überleben sollten.

Kuijer bezeichnet sich selbst als ungläubig. Er sucht in den Geschichten gezielt nach Zweifeln, Widerspruch, Ungehorsam, ja sogar Unglauben und formt damit eine plausible Entwicklungsgeschichte der alttestamentarischen Religion. Diese ist nicht vom Himmel gefallen, auch sie hat sich entwickelt, unterlag Änderungen und Einflüssen, bis sie schließlich in einem feststehenden Kanon schriftlich fixiert war. Dies wird durch die besondere Art Kuijers, die den Zweifeln und der Verwunderung der Menschen viel Raum läßt. Auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte Sarahs sehr hübsch, vermutet diese doch lange Zeit eher eine spinnerte Marotte im manchmal seltsamen Verhalten ihres Mannes. Und daß ihr (ihr!), der Paarundziebzigjährigen, die drei seltsamen Männer verheißen, daß sie in einem Jahr einen Sohn auf die Welt bringen wird – einfach nur lächerlich!

Eine Nacherzählung bzw. eine in Prosa umgewandelte Geschichte ist immer auch eine Interpretation, vielleicht sogar eine Ausdeutung. Schwerpunkte sind anders gesetzt, der Leser bzw. die Wirkung der Geschichte auf den Leser, sind wichtig: die Episode Sarahs mit dem göttlichen Pharao nimmt in der Genesis eher wenig Platz ein (1 Mose 12, 14-18), in Kuijers Nacherzählung ist sie dagegen deutlich ausgeschmückt und umfangreicher.

Ein zweites Beispiel noch, weil damit auf der hinteren Umschlagseite „geworben“ wird: Jakob hat mit Gott gekämpft und der Kampf ging unentschieden aus. Wie es der Zufall wollte, habe ich genau um die Zeit, in der ich das Buch las, einen Vortrag eines Benediktinermönchs gehört, der justament auch über diese Bibelstelle redete. Dort wurde gesagt, daß der Originalbegriff nicht eindeutig ist, er könne mit Gott übersetzt werden, aber auch mit Dämon oder Schuld, dieser (vorgebliche) Kampf mit Gott könne daher auch ein Bild sein für den inneren Kampf Jakobs mit der Schuld, die er gegenüber Esau auf sich geladen hat. Überhaupt vernachlässigt man meist, daß das Lesen solch alter Bücher oft eine Art „Stille Post“ ist, in der die jeweiligen Übersetzer von einer Sprache in die andere jeweils ihre eigene Sinnfärbung mit eingebracht haben, bis der Text dann schließlich auf Deutsch (Englisch, Dänisch…..) vorliegt.

Das soll mich aber nicht hindern, das Buch Kuijers als kurzweilig, unterhaltsam, interessant und auch lehrreich zu empfehlen. Kaum jemand wird heutzutage freiwillig noch die Bibel lesen, dieses Büchlein jedoch kann jeder – und wenn er nur schöne Geschichten hören will – zur Hand nehmen. Well done!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Guus Kuijer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Guus_Kuijer
[2] online-Ausgabe der Bibel z.B. hier: http://www.bibel-online.net
[2a] Genesis: http://www.bibel-online.net/buch/elberfelder_1905/1_mose/1/#1
[3] Exodus: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_bibel_fuer_unglaeubige-1144/
[4] Buchvorstellungen hier im Blog:
Mark Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva
Ted Hughes: Der Rüssel

Guus Kuijer
Die Bibel für Ungläubige
Der Anfang: Genesis
Übersetzt aus dem Niederländischen von Anna Carstens und Angela Wicharz-Lindner
Originalausgabe: De Bijbel vor ongelovigen. Het Begin. Genesis; Amsterdam 2012
diese Ausgabe: Reclam, Philipp, jun. GmbH, TB, ca. 320 S., 2016

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