raubfischen

Jüglers Roman Raubfischen ist ein kleines, stilles, ein unaufgeregtes Buch. Es erzählt einen Ausschnitt aus einer Familiengeschichte, dessen Beginn man auf das Jahr 1993 festlegen kann: in diesem Jahr fahren Hannes und Lotte nach Schweden, um sich dort eine Hütte zu kaufen. In der Nähe von Gislaved in Südschweden werden sie fündig, eine kleine Hütte an einem kleinen See, sie lernen den Nachbarn kennen, der Åge heißt und ein Riese ist von Mann, sie sind überzeugt, das Richtige getan zu haben und haben doch ihre Zweifel….

Sie sind anscheinend oft in der Hütte, der Mann fährt auf den See und angelt dort, es gibt Hechte dort, Karauschen, Karpfen, Plötzen – wir lernen aus dem Buch vielleicht nicht gerade das Angeln, aber wir lesen eine Menge daüber, einige der durchweg kurzen Kapitel beschreiben detailliert die Vorbereitung der Ausrüstung, die zu treffen ist, bevor man sich auf den See begibt, die Art und Weise, wie die Angel zu handhaben ist…. andere Passagen wiederum versetzen sich in das Fühlen der Fische hinein…

Jügler erzählt uns die Geschichten im Wesentlichen aus der Sicht Daniels, den Enkels. Er darf bald mit nach Schweden in diesen Rückzugsort fahren, es bildet sich eine innige Beziehung zum Opa heraus, der ihn zum Angeln mitnimmt, ihn anlernt. Doch schon wenige Jahre später zeigt sich ein Riss in diesem naturidyllischen Rückzugsort, die Oma fährt nicht mit, mus angeblich das heimische Haus bewachen, daß keine Einbrecher kommen. Und auch das Verhältnis zum Nachbarn scheint gestört, der Opa redet mit diesem Mann, mit Åge, nicht mehr, auch Daniel wird der Kontakt verboten. Aber Daniel wäre kein Junge, wenn er nicht trotzdem mit Henrik, dem Sohn Åges spielen würde, in späteren Jahren. Von ihm lernt er eine andere Methode des Fischens… erfährt Opa davon, bestraft er den Jungen. Auch Oma ist jetzt wieder mit in Schweden, sie hält zu Daniel, der sich aber zunehmen “bockig” zeigt..

An seinem Geburtstag, dem sechszehnten, bekommt Daniel einen Anruf von Opa aus Schweden. Seltsam gestört scheint die Leitung zu sein, nicht alles, was Opa sagt, ist zu verstehen… So erfährt der Junge schließlich, daß sein Großvater krank ist und an ALS leidet. Zusammen mit seiner Mutter versucht er, sich über diese Krankheit zu informieren, dem Schrecken durch Wissen Einhalt zu gebieten, die Hoffnung auf Heilung oder zumindest Besserung durch entsprechende Nachrichten über neue Medikament u.ä. zu nähren.

Jügler beschreibt diese Annähung an die schreckliche Wirklichkeit der Krankheit ALS im ersten Teil seines Romans. Den zunehmenden Verfall des Großvaters, der immer größer Probleme bekommt, mit den Dingen des Alltags fertig zu werden: aus einer Tasse zu trinken, sich durch die Wohnung zu bewegen, ohne zu stolpern, anzuecken oder sich zu stoßen… das Essen wird schwierig, die Gefahr, daß er sich verschluckt, wird immer größer… das Sprechen immer unverständlicher: Vergesslicher Mann ist schlimm krank, vergisst Krankheit, Krankheit schlimm eingeschnappt, vergisst vergesslichen Mann. Gut, oder? Es ist das einzige Mal, daß Großvater selbst von seiner Erkrankung redet. Bald muss ein Sprachcomputer helfen, der die Kommunikation auf Ein-Wort-Sätze reduziert, immerhin….. dann muss man auf Codes über das Zwinkern mit den Augen ausweichen. Später dann versucht sich Daniel an das letzte Wort zu erinnern, das Opa geredet hat…. Das Atmen… auch das muss überwacht und unterstützt werden…. Es ist ein wacher, funktionierende Geist, der zunehmens in einem versagenden, zusammenbrechenden Körper eingesperrt wird. Die ketzerische Frage steht im Raum, ob es umgekehrt nicht sogar “besser” ist…. Familienprobleme treten auf… so eine Erkrankung ist für die gesamte Familie eine Belastung, nicht jede hält ihr stand…

Im zweiten Teil seiner Geschichte wechselt Jügler das Thema. Nicht mehr dir Erkrankung des Großvaters und die Reaktion der Familie darauf stehen im Mittelpunkt, sondern der letzte Wunsch des Opas, den Daniel ihm in einem “kühnen” Plan erfüllt. Es ist ein wenig wie “Knocking on Heaven´s Door”, was Jügler hier schildert, eine anrührende Enkel/Großvater-Kiste, bei der andere Faktoren als medizinische/pflegerische Vernunft ausschlaggebend und entscheidend sind. Der Autor nutzt dies ebenso, uns in Rückblenden Teile der Familiengeschichte zu erzählen, so daß sich zum Schluss für den Leser ein kleines Bild aus den diversen Puzzleteilen der Handlung ergibt.

Der Roman hat kein wirkliches Ende, Jügler beschließt seine Geschichte sozusagen auf ihrem Höhepunkt, dem Moment nämlich, an dem es Daniel gelingt, Opas tiefsten Wunsch umzusetzen. Es ist wie der Sonnenuntergang, in den die Helden reiten, ohne daß man weiß, was ihnen am nächsten Tag droht oder auch winkt….


ALS [3] ist eine recht seltene, aber sehr schwere Erkrankung durch irreversible Schädigung von Nervenzellen. Der bekannteste ALS-Patient dürfte wohl der Physiker Stephen Hawking sein, durch den dieses Krankheitsbild auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gewordenen ist. Jügler schildet sie hier mit ihren Symptomen und wesentlichen Auswirkungen für die Betroffenen – und dies ist nicht nur der Erkrankte, es sind selbstverständlich auch die Angehörigen, die ab einem bestimmten Zeitpunkt auch nicht mehr in der Lage sind, die Pflege und Betreuung zu übernehmen: die Frage nach einer Heimunterbringung steht im Raum: Wir bestimmen einstimmig, daß uns keine andere Wahl bleibt. verbunden mit dem schlechten Gewissen der Angehörigen, den Mängeln auch, die Heime haben, die Trostlosigkeit der Zimmer, sieht man sie bei der “Besichtigung” und der äußerst deprimierenden Vorstellung, daß dort ab jetzt das Leben dieses Menschen verlaufen wird…..

Seine Schilderungen walzt Jüglers nicht in epischer Breite aus, es sind mehr Momentaufnahmen, Erinnerungsfetzen, manchmal kaum mehr als eine Druckseite, sie sind halbwegs chronologisch angeordnet, aber inhaltlich springt Jügler des öfteren zu anderen Gesichtspunkten seiner Geschichte.

Dieses Erzählprinzip der Rückblenden, der Erinnerungen, des Zurückfindens zur Jetzt-Zeit wendet der Autor auch im zweiten Teil seines Romans an, bis sich – wie schon gesagt – eine Art Familiengeschichte in Bezug auf diese Hütte in Schweden herauskristallisiert hat. Es ist die “Unvernunft” des jungen Menschen, der vielleicht Situationen (noch) nicht richtig einschätzen kann, der Risiken einzugehen bereit ist, die aber letztlich zu diesem intensiven, intimen Erleben zwischen Großvater und Enkel führt. Wer wollte darüber den Stab brechen?


Jüglers Roman Raubfischen ist auch ein Roman über das Leben mit einer schweren Erkrankung, mehr aber noch ein Roman über eine Familie und vor allem einer über einen Entschluß, entgegen der Vernunft eine Tat großer Mitmenschlichkeit zu wagen. So ist eine Geschichte zustande gekommen, die in ihrer stillen, unaufdringlichen Intensität sehr nachdenklich macht und fesselt.

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://www.matthiasjuegler.de
[2] Gislaved: nicht sehr lang, aber immerhin:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gislaved
[3] natürlich gibt es eine Menge Informationen zu ALS im Netz, hier eine kurze Übersicht der Deutschen Gesellschaft für Muskelerkrankungen:   https://www.dgm.org/…als

Matthias Jügler
Raubfischen
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag (Blumenbar), HC, 224 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/


 

Stig Dagermann (1923 - 1954) Bildquelle: [B]

Stig Dagermann (1923 – 1954)
Bildquelle: [B]

Stig Dagermann, der  1923 in einem kleinen Dorf ca. 170 km nördlich von Stockholm geboren worden war, kannte das ländliche Leben. Er wuchs, nachdem die Mutter die Familie kurz nach der Geburt verlassen hatte und der Vater wenig Neigung zeigte, sich um ihn zu kümmern, bei den Großeltern in einem armen, kleinbäuerlichen Milieu auf. Trotzdem bezeichnete er selbst seine Kindheit als die einzig glückliche Zeit seines Lebens.

Früh machte Dagerman literarisch auf sich aufmerksam, die Kritik war begeistert. So wurde er nach dem Krieg 1946 für eine Reportage in das zerstörte Nachkriegs-Deutschland geschickt, die Reisebeschreibung Deutscher Herbst war das Ergebnis. Diese Reise, so schreibt Enquist in seinem Vorwort zum Buch, hat Dagerman verändert, offensichtlich hat die deutsche Erfahrung einen inneren Bruch bewirkt, auch sein Schreibstil nähert sich der Wirklichkeit an. Eine analoge Reise, die er durch Frankreich machte, konnte er nicht mehr literarisch fixieren. Bis zu seiner nächsten Veröffentlichung sollte es dann bis 1948 dauern. Die Schwedische Hochzeitsnacht ist sein letzter Roman, er wurde im Jahr 1949 publiziert. Dagermann litt zunehmend unter Schreibblockaden, der Druck wegen nicht eingehaltener Termine für Projekte wächst. Danach gibt es noch Anfänge weiterer Romane, wenige Seiten meist nur im Umfang. Private Probleme kommen dazu, seine Ehe scheitert, Dagerman leidet unter Depressionen. Ende 1954 schließlich tötet Stig Dagerman sich durch Autoabgase in einer Garage, einunddreißig Jahre alt.


dagman - cover

Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich…

Dagermans Roman Schwedische Hochzeitsnacht überstreicht einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden: es ist der Tag der Hochzeit von Hildur Palm, der jüngsten Tochter eines Bauern mit dem Schlachter Hilmer Westlund, es ist die Zeitspanne von einem Morgen bis zum nächsten. Der Ort der Handlung ist ein (imaginäres ?) Dorf “Fuxe”, das in der Nähe der Stadt Gävle liegt, ca. Hundert Kilometer nördlich von Stockholm (bzw. siebzig Kilometer nördlich von Uppsala), zeitlich reisen wir zurück bis zum Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, eine Jahreszahl, die genannt wird, ist 1937, jahreszeitlich spielt die Geschichte im Hochsommer, der Roggen steht, nächstens feuchtet sich das Gras mit Tau…

Ländliche Idylle eines verklärten, romantischen Schwedens also könne man erwarten, so meint man, doch weit gefehlt, Dagman hat einen Minikosmos von Figuren geschaffen, in denen das aller Beschönigungen entkleidete “Menschsein” offen gelegt wird: Hass, Liebe, Gier, Neid, Zorn beherrschen die Protagonisten…..

Betrachten wir die Bauernfamilie Palm: der Vater ist die “Schnecke”, die in ihrem Haus sitzt, im ersten Stock, den er konnte es sich leisten, aufzustocken, doch ist ihm diese Etage zum inneren Gefängnis geworden, daß er nicht mehr verlassen will. Aber nun beginnt der Alte zu gehen. Immer um die Kaminsäule herum. Die Filzpantoffeln schlurfen, die Hosenträger schleppen hinterher. Solch einen Vater habe ich. Eine Schnecke, einen menschenscheuen Narren. Der nicht mitgehen will zum Pastor. Der nicht herunterkommen will zur Hochzeit seiner Tochter.  Einzig die Mähmaschine liebt er und die Kuh Kulla, die aber schon längst zum Schlachter gewandert ist, was man ihm aber verheimlicht, krank sei sie und könne nicht auf die Weide und stünde daher im Stall…

Hilma, die Mutter, begibt sich am Vormittag mit einem Korb voller Äpfel zum Armenhaus, dem Haus, in dem die Armen und Alten entsorgt werden, ein Panoptikum gespenstergleicher Gestalten. Dort besucht sie den Sänger, der für eine kurze Zeit von jetzt schon dreißig Jahren dort Aufenthalt hat und unentwegt Briefe schreibt an die Direktoren der Häuser, in denen er noch auftreten will…

Irma ist die ältere Schwester von Hildur, schon fünfunddreißig Jahr alt ist sie, frustriert und aggressiv kneift sie Gunnar und fügt ihm Schmerz zu. Gunnar ist ihr Sohn, den sie hat, ohne daß der Mann dazu da ist, ein Unehelicher, eine Schande, ein Mal für sie und so heiratet nicht sie, sondern die dreiundzwanzigjährige Hildur. Martin, flüstert sie, Martin. und: Was habe ich getan? Hilf Gott, daß es gut geht.

Sie blättert die Zeitung durch und sieht die Hochzeitsanzeige für ihre Schwester und malt selbst eine andere daneben auf das Papier:

Der ehemalige Hilfsarbeiter
Martin Egg
und
die Schneckentochter
Hildur Palm
Zusammenbruch am 18. Juli

Doch man nimmt, was man hat.

Doch auch in Hildurs Gesicht, die ja die Braut ist, spiegelt sich kaum das in einer Zweisamkeit zu erhoffende oder zu erwartende Glück wieder. Noch im Bett liegend hat sie ein Gespräch mit der Mutter: … Aber du weinst dennoch, mein Mädchen. … Westlund ist wohl lieb. Aber du bist klein. Und er ist groß. Du bist jung… Und er ist alt. Fast doppelt so alt wie du. Und hat eine Tochter, die den Kerlen schon nachläuft. Siri. Aber warum nimmst du ihn? – Kriegst du ein Kind, Hildur? Die Frage ist schwer zu stellen. Doch schwerer zu beantworten.

…und es schleicht irgend jemand um´s Haus, klopft an die Fenster, ohne sich zu zeigen…
…und ein weißer Rock verschwindet im beginnenden Tag getragen von Mädchenhacken eilends im Gebüsch vom nahen See….

…und der Bruder Rudolf, der sich in Rullan verguckt hat, aber Rullan ist Bedienung im Café und hat viele Verehrer und scheint nicht alle abzweisen. Rudolf, der den kleinen, buckligen Stein an der Hausecke rundpissen will und dann auf den Kaminsims legen: Das ist eins seiner Ziele im Leben. Und nicht das kleinste.

Bei Sören, dem Knecht, liegt Svea, die Magd Westlunds. Sie liegt nah beim Knecht, spürt seine Rippen so wie die Federn der dünnen Matratze, die Palms dem Knecht gaben. Beim Schlachter liegt sie weicher, so denkt sie, aber sie denkt auch dies über Westlund: Mich siehst du nicht wieder auf dem Rücken liegen. …aber das Kind trägt sie doch schon unter dem Herzen…

In der Scheune sind drei Landstreicher geduldet, die ihre eigene Philosophie haben, die sich selbst die Freiesten dünken, denn sie brauchen keine Rücksicht zu nehmen. Und doch sind sie nicht frei, denn was für eine Freiheit ist dies…, Ivar weiß es, denn sie müssen betteln und sind angewiesen auf die guten Taten der Unfreien.

Westlund ist vieles: Schlachter ist er, Witwer ist er und Vater ist er, aber nur ein Kind hat er mit Frida, seiner verstorbenen Frau, Siri. Wie viele Kinder er anderen Frauen in den Bauch legte, weiß man nicht, zu wie vielen welchen Frauen er sich selbst ins Bett legte, weiß man auch nicht so genau. Von Svea weiß man es, aber auch Rullan soll eine Brosche von ihm bekommen. Westlund ist jemand, der eine Liste mach von Menschen, denen er Gutes getan hat. Zweiundvierzig (!) Namen stehen auf dieser Liste und Westlund kommen die Tränen vor Rührung darüber, wie gut er doch ist…

Heute, am Tag der Hochzeit, hängt er das Bild der verstorbenen Frau ab und sagt Siri, sie bekäme heute eine neue Mutter. Oder – angesichts des geringen Altersunterschiedes – eher eine Freundin? Siri ist´s egal, sie weint der Mutter nach, hängt das Bild, als Westlund weg ist, wieder hin. Siri ist auch jemand derjenigen, die weinen, und wenn man lange genug geweint hat, wird das Weinen zu einem Gesang und sie weiß, es gibt ein Lied, und sie weiß, es gibt feine Gedanken und einen Stern… und Träume hat sie, einen zum Beispiel wie diesen …. einmal einer kommen wird, der nicht zwickt und flucht, sondern andere Hände hat, der eine andere Sprache hat, dessen Schönheit über jeden Verstand erhaben ist. Und dann wird es anders sein, dann wird es andere Zimmer geben, in denen niemand zu schwitzen braucht, wo keiner Pickel auf der Stirn hat, wo keiner nach Schnaps riecht. Der andere beugt sich über die Wiese, sie ist eine Wiese. Sie ist eine große Scheide, sie ist Scheide für einen Säbel. Eines Tages kommt… der blanke Säbel.. um nach der Schlacht in seiner Scheide zu ruhen. Er ist rot von Blut, die Scheide wird bis zum Rand gefüllt, das tut nicht weh.

Noch ahnt sie nicht, daß der, der heute Nacht zu ihr kommt, zwicken wird und fluchen, daß er Pickel hat und auch nach Schnaps riecht und die Erde ihr Blut zur Neigen trinken wird…. und doch: “Du Ärmster, du!” wird sie zu dem unfreien Freien sagen…

Ein paar Jahre zuvor was Westlund in Amerika, ollreit Baby. Hat sich dort alles angeschaut, das Leben, das andere, genossen. Jetzt ist er wieder Schlachter hier in der Region, aber Konkurrenz ist ihm erwachsen. Simon schlachtet auch, wirbt ihm Kunden ab, fährt das neuere Auto. Simon kommt am Mittag des Hochzeitstages zu Westlund, sie sind keine Feinde. Saufen miteinander. Gründen eine Firma miteinander. Der Glorienschein verwegener Pläne wabert um ihren Stirnen, sie würfeln die Posten in der neuen Firma aus, Simon gewinnt die meisten davon… so muss er mit anderem angeben: “Hallo Rullan”, röhrt er ins Telefon am Tag seiner Hochzeit mit Hildur, “Wie willst du es heute Nacht haben?” 

… und der alte Landstreicher schreibt ein Gedicht zur Hochzeit doch denkt er bei sich, man sollte ein Gedicht über den Tod schreiben, bevor es zu spät dafür ist….

Die Hochzeit selber läuft kaum harmonischer und friedvoller ab – und doch klärt sich manches auf und findet seine Bestimmung. Alle sind erschienen, sogar die Schnecke ist herunter gekrochen gekommen, frisch gewaschen und eingekleidet von Hildur, der Tochter und Braut, Besuch aus der Stadt ist da, der Selbstgebrannte fließt, angestaute Wut bahnt sich ihren Weg in Prügeleien und dann gehen die Männer Pokern, setzen alles inklusive Hochzeitsring und verlieren alles bis auf die Unterhose an einen..

Sören, der Knecht, geht nach draußen, Mary, die Frau aus der Stadt, folgt ihm, ihr Sinn verlangt das Urwüchsige, Einfache, den Schweinemist an den Stiefeln beispielsweise, ein wenig Schmerz würde ihr gut tun: Das Primitive, das bin ich. Das sind wir alle. Wir, die mittendrin stehen in der Scheiße. Dann lieb uns doch, verdammt noch mal! .. raunzt Sören sie an, aber schon kommt Svea wütend in die Knechtkammer  und reißt das ungleiche Paar auseinander… Sören ist es auf einmal recht, Svea, das weiß er jetzt, Svea ist die, die zu ihm passt, zu ihm gehört, daß das Kind in ihrem Bauch nicht von ihm ist, ist ihm egal, irgend einen Vater muss ein Kind ja schließlich haben: Wir gehören zusammen, ich bin das Pech, und du bist der Schwefel und das Kind spielt keine Rolle.

… und immer wieder schleicht etwas bedrohlich um die Häuser, die Scheune, über den Hof…

Es gibt eine Reinheit bei den Sterbenden,
die uns zum Weinen bringt,
die sie [i.e. Hildur] still und viel weinen läßt.

Der Tod ist allgegenwärtig auf dieser Hochzeitsfeier, er ist gegenwärtig mit dem Sänger, er ist gegenwärtig mit Ville, dem Sohn des Nachbarn, der sich mit dem Böller zum Hochzeitssalut selbst in die Luft sprengen wollte, er ist gegenwärtig in Hägstrom, dem Chauffeur, der sich tot stellt und letztlich erscheint er und nimmt Martin mit, den Mann, der Westlund demütigen wollte, in dem er noch einmal mit Hildur schläft, der eine Woche durchgewandert ist, um rechtzeitig zur Feier zu gelangen, dem Mann, der in der Scheune mit zwei anderen zusammen Unterschlupf gefunden hat: Ich will dich haben. Ich will dich jetzt haben. Jetzt, bevor er…. bedrängt er die Braut… Doch Hildur ruft Hilmer herbei, trotz der Drohung Martins, denn was man nimmt hat man und sie hat Westlund genommen und er sie.

… und am Morgen nach dieser durchzechten, durchsoffenen, durchspielten, durchliebten Nacht schlafen alle, auf der Seite liegend, auf dem Rücken oder hängend, keiner will sie wecken. Ihre Gesichter so lieb, ihre Gedanken nicht böse… Bei Sören schläft Svea und bei Svea bei Sören. Rullan schläft auf Rudolfs Sofa, und Rudolf schläft auf seinem. Die Vagabunden schlafen neben dem Grünfutter…. Gunnar schläft in der Küche und weiß nicht, daß er allein ist, einmal wird er es wissen. Martin schläft auf dem Tisch, mit Dahlien zu seinen Füßen, Irma schläft auf dem Stuhl und träumt, daß er lebt. …..


Die Welt in Dagermans Roman mutet an wie aus einem irrwitzigen Traum, irreal bis surreal verweigern sich die Figuren dem üblichen Verhalten: Der Alte ist verrückt geworden und hat das Fenster zerschlagen, und Mama hat im großen Zimmer den Landstreicher geküsst, und Einohr hat die Mähmaschine über den Haufen gefahren, und Hildur läuft mit Milch umher, die keiner haben will, und Großmutter hat den alten Vagabunden in die Laube gesetzt.. Alle sind verrückt. Und ihr seid es auch. … Es muss die Hölle sein …. denn her wimmelt es von Menschen

Ungeschönt stattet Dagerman seine Figuren mit Gefühlen aus, die fast ausnahmslos negativ sind: Aggression, Angst, Wut, Zorn, sexuelle Frustration, Neid…. sie bestimmen das Leben der Menschen, definieren sie, immer liegt Gewalt in der Luft, es geht auch hier, in der scheinbar so idyllischen Atmosphäre des Dorfes um Macht, die in den Händen weniger konzentriert ist.

Es ist auch das fatalistische Sichfügen in ein Schicksal zu spüren, es ist egal, von wem das Kind ist, das im Leib heranwächst, wenn dies die Frau ist, die ich haben kann, dann nehm´ ich sie: Doch man nimmt, was man hat. Man hat zufrieden zu sein, mit dem, was man bekommen kann… es ist dies die Methode, mit der letztlich alle Protagonisten ein kleines Stück vom Glück bekommen, die Schlussszene zeigt es, alles schläft friedlich mit oder bei dem, der/die zu ihm/ihr gehört. Einzige Martins Begehr blieb unerhört, aber im Tod wird er bewacht noch von Irma…. letztlich wichtig ist, daß man seine Existenz fristen kann, von anderem, besserem mag man träumen, die Realität sieht anders aus.

Westlund als Schlachter und Mann, der in Amerika war, ist was Besseres. Und als “Besserer” übt er Macht aus über andere Menschen, die Frauen beschläft er, macht ihnen Kinder, die Bauern sind auf ihn als Abnehmer für ihr Vieh angewiesen. Erst Simon rüttelt an dieser Stellung und macht sie ihm streitig. War sich Westlund seiner Macht zu sicher, kümmerte er sich mehr um die Röcke der Frauen als um sein Geschäft? Jedenfalls gelingt es Simon im Morgengrauen noch, im Beritt Westlund noch unter die Bettdecke einer Frau zu schlüpfen… man weiß nicht, welche es ist, es könnte jede sein….

In einer anderen surrealen Szene stehen die Frauen im großen Zimmer unter der Ampel. Siri ist gerade zurückgekommen, nachdem sie mit Ivar geschlafen hat und die Frauen beschließen, das Herz Siris zu untersuchen, schließen es auf, holen es aus ihrer Brust, betrachten es und kommentieren sein Aussehen: Mary legt das Herz behutsam in Hilmas ausgestreckte Hand. “Das war ein kleines,” sagt Hilma und wiegt es in der Hand. Es kann nicht viel wiegen. Siri steht und schaut auf das Loch, das das Herz hinterließ. Es blutet nicht, nur die Ampel blutet... es gibt einige solcher Sentenzen in der Geschichte, die aus der realen Welt herausfallen, sie transzendieren..

Im Ganzen gesehen ist die Welt, die Dagerman in seinem Roman geschaffen hat, ärmlich, in ihren einfachen Strukturen einzementiert, deprimierend, ohne Hoffnung auf Besserung. Der Krieg, der noch nicht lange zu Ende war (die Erstveröffentlichung des Buches war 1949), lastet noch auf dem Land bzw. dem Autoren und findet in seiner düsteren Stimmung Niederschlag im Text. In den Figuren konzentriert der Autor die dunklen Aspekte des Mensch-Seins, die real existierenden Abhängigkeiten, deren skrupellose Ausnutzung, die unterschwellige Aggression, die bei den Männern immer wieder durchbricht, die sexuelle Frustration der Frauen, die dem Trieb Männern kaum etwas entgegen zu setzen haben. Bezeichnenderweise ist es nur Mary, der Frau aus der Stadt, als einziger gestattet, eigene sexuelle Bedürfnisse zu formulieren und aktiv zu werden…

Romantisches sucht man im Roman vergebens. Die eine oder andere Traumpassage mag man so sehen, in toto aber ist der Text nüchtern, durch die meist kurzen Sätze, die Dagerman formuliert, wirkt er schnörkellos und hart, er geht in expressionistischer Art und Weise häufig auf das Innenleben der Figuren ein. Die Geschichte dieses Hochzeitstages wird in vielen kleinen “Bildern” erzählt, vor dem inneren Auge entsteht fast so etwas wie ein Theaterstück, man könnte die meisten dieser Szenen sofort auf die Bühne bringen: die schlurfende Schnecke im ersten Stock und die Lauscher im Zimmer darunter, das Gespräch Hildurs mit ihrer Mutter, Irma, die am Morgen erwacht und die Hochzeitsanzeige liest, die Sauferei und das Würfelspiel Westlunds und Simons, das Pokerspiel der Männer in der Hochzeitsnacht, der nächtliche Ausflug von Ivar und Mary, die Vagabunden in der Scheune…. um nur wenige Beispiele zu nennen.


Das Buch selbst ist – wie alle Bände der “Die Andere Bibliothek” – ein Schmuckstück. Schon die Banderole mit ihrem Schneebild (obwohl dies eigentlich nicht zum Roman passt, der ja im Sommer spielt) vermittelt den Eindruck von Kälte und Einsamkeit. Das Buch in die Hand zu nehmen, zu berühren, ist ein haptisches Vergnügen: es liegt schwer in der Hand, hat sein Gewicht, das mit Spitze kaschierte Glanzpapier ist reliefartig strukturiert und schmeichelt den Fingerspitzen, die darüber hinweggleiten… so möchte ich das Buch trotz des weitgehend düsteren Inhalts (aber wer hätte schon einmal was von “schwedischem Humor” reden gehört?) jedem, der Bücher mag und lesen liebt, ans Herz legen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stig Dagerman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman
vgl auch hier zur Lebensgeschichte:  http://www.kat.ch/bm/s_dager0.htm
und zur Werksgeschichte:  http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

[B]ildquelle: Portraits: http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/

Stig Dagerman
Schwedische Hochzeitsnacht
Mit einem Vorwort von Per Olov Enquist (Übersetzt von Wolfgang Butt)
Übersetzt aus dem Schwedischen von Herbert. G. Hegedo
Originalausgabe: Bröllopsbesvär, 1949
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Band 304),  HC, ca. 288 S., 2010

Blick cover

Wenn´s läuft, dann läuft´s.
(Alte Volksweisheit)
gilt auch für “schief”
(eigene Ergänzung)

… womit nicht gesagt sein soll, daß der Volkswirt Volkwart Blicks, Dr. Volkwart Blicks, auf die schiefe Bahn gekommen sei, sondern nur, daß von einem bestimmten Moment an nicht mehr alles in seinem Leben den Gang nahm, den er zu präferieren gewohnt war.

Dieser Moment war derjenige, in dem Blicks, den Blick wie gewohnt nach unten gesenkt in der Absicht, gleichnamigen und damit sozialen Kontakt mit anderen, z.B. Kollegen, zu vermeiden, den Teller mit Essensresten in der Hand durch die Kantine eilend einer Kollision mit dem Gerätewagen einer Bediensteten der mit der Reinigung der Örtlichkeit beauftragten Firma nicht mehr auszuweichen vermochte.

Die sich nun als Folge dieser Kollision an den Fasern des Anzugs klammernden Reste des Petersilien-Risottos folgten unvermeidlich den universellen Gesetzen der Schwerkraft und derart war bald ein höchst peinlicher Fleck auf der Anzugshose die Folge, welcher sich genau den falschen Zeitpunkt zum Erscheinen ausgesucht hatte, denn schon eine Viertelstunde später hatte Blicks einen Vortrag zu halten, höchst unpassend also dieses Missgeschick. Doch hatte er nicht mit der kleinen, energiegeladenen und schuldbewussten Frau hinter dem Gerätewagen gerechnet, die ihn keinen Widerspruch duldend in den Personalraum zerrte, ihn weiterhin verbal nötigte, sich des Anzuges zu entledigen, den sie als Fachkraft ebenfalls für Reinigungen von Textilien alsbald und rechtzeitig wieder in Form zu schaffen in Aussicht stellte. Der Anblick, den Blicks so ganz ohne tüchernes Beinkleid in direkter Nähe zur vollbusigen Reinigungskraft stehend dem Blick des Küchenchefs bot, als dieser die Tür aufriss und die beiden in eben dieser Position dort erblickte, war eindeutig vieldeutig und verlasste den Maitre, die Tür mit einem anerkennend/erstaunendem  “Jo, da geh´ her!” wieder zu schließen.

Ist eine Ereigniskette erst einmal angestoßen, so ist sie kaum noch zu stoppen, Actio et Reactio ebenso universell wie die Gravitationskraft, so daß jede Wirkung umgehend zu einer erneuten Ursache wird für die nächste Wirkung… Und angest0ßen war sie, diese Verkettung nachfolgender Ereignisse und mithin angetreten, das Leben Dr. Blicks´, seines Zeichens Ministerialrat und Verhinderungsvertreter des Leiters der Grundsatzabteilung im Landwirtschaftsministerium gründlich aus den gewohnten, beschaulichen Bahnen zu werfen, in denen es seit Anbeginn der Zeiten vor sich hin verlief. Zumal Dr. Blicks erschwerenderweise seit geraumer Zeit seiner nur fünfundvierzig Jahren zum Trotz und zu allem Übel auch noch unter nicht erklärbaren Erschöpfungszuständen zu leiden begonnen hatte, denen auf den Grund zu gehen er sich anschickte.

Wer ist dieser Dr. Blicks nun? Oder was. Und überhaupt.

Jedenfalls ist er unauffällig, hat keine Freunde, keine Familie, keine Eltern. Der Rausch der Gefühle, der andere Menschen bei gewissen Begegnungen in höhere Sphären geleitet, deucht ihm nur sekundenlanger und unnötiger Kontrollverlust, Vereine sind ihm ein Graus, von Parteien reden wir erst gar nicht. Kollegen geht er vorzugsweise aus dem Weg, in die Kantine erst, wenn alle anderen sich schon dem Ende der Mahlzeit entgegen spachteln (haha: jetzt haben wir ja die Erklärung für sein spätes, müde wirkendes Erscheinen: der alte Schwerenöter legt wahrscheinlich vorher noch die Küchendamen und Praktikantinnen flach…. ja, ja: stille Wasser sind tief …. Blicks konnte sich das schadenfreudige Schenkelklopfen der Kollegen lebhaft vorstellen…). Ein Solitär also, dieser Dr. Blicks. Wäre einst ihm Leben eingehaucht worden, hätte es weder Kain noch Abel nie gegeben, Eva hätte ihre Äpfel zu Mus verarbeiten müssen und wäre als alte Jungfer mit Dutt gestorben.

Blicks antizipiert Leben. Er fährt nicht in Urlaub. Er stellt ihn sich vor. Und genießt den Vorteil, die Speisen der Länder, durch die er reist, in seiner eigenen Küche kochen zu können… denn nur dies, das Kochen sowie den Garten und Musik gönnt er sich. Muss extra erwähnt werden, daß sich Blicks dem Terror der Unterhaltungsindustrie, des Fernsehens entzog? Und genau diesem Mann, der Leben als einen Zustand empfand, der auszuhalten, zu ertragen war und nicht als ein Geschenk, das zu erleben war, widerfuhr der Zusammenprall mit Isodora del Castillo y Vasquez, in der, allein vom Namen her, nicht die vollbusige Reinigungskraft zu erahnen ist, der sich Dr. Blick wenige Minuten vor seinem Grundsatzreferat in anthrazitgrauen Hipshorts präsentierte.

Womit wir wieder am Beginn der Ereigniskette wären, die Blicks u.a. noch in das Zimmer seines Dienstvorgesetzten führen sollte, der sich über das wunderliche Benehmen seines Ministerialrats auslassen wollte, ferner sollte unser Held im weiteren Verlauf des Tages noch einen Schneewichtel kennenlernen, Diskussionen mit der Polizei führen, seinen Zimmerkollegen im Ministerium mit dessen Hang zum heimlichen Goutieren dienstfremder Bilder während der Arbeit erpressen und eine handfeste Auseinandersetzung mit einer Halbstarkenbande haben, um – ohne auf eigene Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen – einer bedrängte Frau in einer Gefahrenlage beizustehen.

Das ganze Geschehen wird von Wilczek als eine Abfolge trefflich formulierter Slapstick-Szenen serviert, mit geschliffenen Formulierungen, aus denen größtenteils zynischer Sarkasmus trieft. Als Juristin kennt sich die Autorin aus ihm Dschungel der Bürokratie, weiß sie funktioniert (falls sie dies tut…) und kennt die Schwachstellen, und – obwohl es für ein/e Autor/in schwer ist, die tägliche Realsatire, die in den Nachrichten praktisch live verfolgt werden kann, zu übertreffen – nimmt sie zielgenau auf´s Korn. Dabei bleibt das menschlich allzu menschliche nicht auf der Strecke, selbstverständlich haben auch die anderen Figuren des Stückes ihre eigenen, ganz persönlichen Schäden, die sie uns mehr oder weniger sympathisch machen. Das macht Spaß zu lesen, auch wenn der eine oder andere der Vergleiche, der Bilder, die Wilczek verwendet, etwas haken mag.

Das Büchlein erschöpft sich aber nicht in dieser partiellen Lebensgeschichte Blicks. Ich erwähnte weiter oben die mysteriösen Erschöpfungszustände des Ministerialen, denen dieser auf den Grund zu gehen versuchte. Er legt Rechenschaft ab über sein Leben, und in diesem Teil des von Wilczek als Novelle (?) eingeordneten Elaborats wird das Werk zum Brief”roman”: in Briefen an einen zuvörderst noch unbekannten Adressaten analysiert Blicks sein Leben, seine Einstellung zu selbigem und die eventuelle Urheberschaft diverser Aspekte für seine Erschöpfung, deren tieferer Ursache er selbstredend auch auf die Spur kommt – nicht ohne dann auch die Konsequenz für sich zu ziehen.

Diesen Teil des Buches nutzt die Autorin im Grunde für eine Kritik an diversen Phänomenen unserer Gesellschaft. Indem sie ihren Protagonisten begründen läßt, warum er dies und jenes macht oder nicht macht, prangert sie diese an, beschreibt sie, analysiert sie auch – was natürlich punktuell bleibt, die Kürze des Werkes bedingt dies. Diese beiden Komponenten des Buches, sprich: die Ereigniskette “Blicks” und die Briefe desselben, sind miteinander verzahnt, auf jede Episode, die der Protagonist zu durchleben hat, folgt ein Brief, in dem er Rechenschaft ablegt.

Natürlich erfahren wir am Schluss, an wen er diese Briefe schreibt. Und auch wenn man dies vielleicht schon vorher ahnen kann, kommt es dann doch sehr schnell… wenn man aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, eingefahrene Gewohnheiten zu ändern, muss man Blicks bewundern, wie ihm dies anscheinend mühelos gelingt…. aber dies so auszugestalten ist eben die Freiheit der Autorin, die am Ende das Füllhorn über unseren liebegewonnenen Helden ausschüttet….

wie auch immer: “… Blicks´ Kosmos” ist ein intelligent formuliertes, unterhaltsames Stück Literatur, das keineswegs wie um Humor bemühte Bücher so oft seicht ist, sondern das bei aller (Situations)komik gut verpackten Stoff zum Nachdenken bietet.

Links und Anmerkungen:

Zur Autorenseite von Wilczek: http://kirstenwilczek.com

Kirsten Wilczek
Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos
diese Ausgabe: Drei-Punkte-Verlag, Klappbroschur, ca. 120 S., 2015

Donna Leon, die bekannte amerikanische, in Venedig lebende Autorin, sucht man – sofern man sucht – in meinem Blog bisher vergebens. Bekannt vor allem durch ihre Krimis mit Commissario Brunetti (die auch teilweise mit großem Erfolg verfilmt wurden) fällt die Autorin einfach nicht in mein Beuteschema: Krimis und ähnliche Kost sind die letzten Jahre Raritäten auf aus.gelesen… Daß Leon jetzt doch hier Niederschlag findet, ist meinem Lesekreis (ihm sei auch an dieser Stelle für die Diskussion gedankt, die hier Niederschlag gefunden hat….) geschuldet, der mir unter eindringlicher Beteuerung: “Es ist kein Krimi!” das Lesen des Romans Himmlische Juwelen auf´s Auge gedrückt hat.

steffani cover

Himmlische Juwelen also… die Handlung – sofern man das Hinplätschern der Aktivitäten der Akteure so nennen will – spielt ebenso in Venedig, der wohl gar nicht so heimlichen Liebe der Autorin. Caterina Pellegrini ist so um die dreißig Jahre alt, eine in Wien promovierte Musikwissenschaftlerin auf steter Suche nach einer Anstellung hat ein Angebot aus ihrer Heimatstadt, ein etwas obskures zwar, aber immerhin so verlockend, daß sie das ungeliebte Manchester, wo sie im Moment an der Uni angestellt ist, mit Freuden Richtung Süden verläßt. Dies also neben Venedig die zweite Liebe der Autorin, die sich hier im Roman ausdrückt: die Liebe zur Barockmusik.

Zwei unsympathische, von wirtschaftskrimineller Energie nicht ganz verschonte Herren, die miteinander cousiniert sind, sich aber gegenseitig nicht über den Weg trauen, suchten über einen Anwalt eine Wissenschaftlerin, die den Inhalt zweier obskurer Truhen sichtet, in deren Besitz die beiden Cousins, Franco Scapinelli und Umberto Stievani, gekommen sind. Wie, weiß man nicht so genau, jedenfalls sind sie, dies ist wohl belegbar, entfernte Nachkommen des Erblassers. Wem allerdings die Truhen einst gehörten, bleibt Caterina vorerst verschlossen, sie soll dies erst erfahren, wenn sie den Vertrag unterschrieben und mit der Arbeit begonnen hat. Ihre Aufgabe ist es vor allem, zu klären, ob der vormalige Besitzer der Truhen Festlegungen bezüglich der Erbschaft getroffen hat. Und natürlich, inwieweit Wertvolles, vielleicht sogar ein Schatz, in diesem Vermächtnis zu finden sei.

Caterinas zukünftiger bzw. nach Unterzeichnung sofortiger Arbeitsplatz ist eine offensichtlich dem Tode geweihte Stiftung mit dem klangvollen Namen Foundazione Musicale Italo-Tedesca, die jedoch gerade noch über eine Sekretärin, Roseanna, die gleichzeitig auch die Vertretung des abhanden gekommenen Vorsitzenden übernimmt, ein paar Stühle in ansonsten fast leeren Räumen und eine mechanische Schreibmaschine verfügt. Ach ja, natürlich, einen Tresor gibt es auch, in dem sich nämlich die Truhen befinden….

Damit sind die Zutaten des literarischen Mahls in etwa aufgezählt, es könnte jetzt also in die Vollen gehen oder – um im Stil der Zeit zu bleiben – in media res. Geht es auch, aber in welchem Tempo…. Die Truhen werden in Anwesenheit der Genannten geöffnet (Fotos oder andere Dokumentationen zur Fixierung des Status ante werden nicht gemacht – geschenkt), kurz gesichtet (augenscheinlich enthalten sie Dokumente und Briefe) und dann kann Caterina an die Arbeit gehen….

Daß die Truhen einem heutzutage fast vergessenem, seinerzeit aber berühmten Musiker und Komponisten gehörten, nämlich einem gewissen Agostino Steffani ( 1654 Venetien – 1728 Frankfurt a.M., [1], hatte Caterina, die Kluge schon vorher aus Indizien geschlussfolgert, nun ja: Fachfrau eben, eine Folgerung, die sich als zutreffend erwies. Dieser Steffani war eine interessane Figur, in Italien geboren verbrachte er aber große Teile seines Lebens in Deutschland, anfangs in München, später dann vor allem am Welfenhof in Hannover. Außer Musiker zu sein stand er auch in Diensten der Kirche, hatte später sogar den Rang eines Bischofs inne und war in diplomatischen Missionen im Norden Deutschlands unterwegs mit dem hehren Ziel, die Abtrünnigen wieder in den Schoß der katholischen Kirche heimzuführen.

Dies alles und noch viel mehr recherchiert Caterina aus den aufgefundenen Dokumenten und in der örtlichen Bibliothek, auch ihre Schwester Christina, die dereinst der Welt entsagt hatte und als Nonne in ein Kloster gegangen war, wird eingeschaltet, geht es doch auch und gerade um kirchliche Fragen und ist Christina als Historikerin trotz ihres Nonnenstatus durchaus weltlich als Professorin in Tübingen tätig….

Aber Caterina ist nicht nur Rechercheuse, sondern auch eine Frau aus Fleisch und Blut und Andrea – oh, entschuldigung, ich bin zu schnell, noch ist man beim “Sie”, aber nicht lange, also: Dottore Moretti, Anwalt, in seinen gepflegten, distinguierten Anzügen und der gewählten Sprache weckt leise .. tja, wie soll man sagen? Gefühle in ihr? Neugier und Fantasien, das passt und beim Abendessen ist man schnell beim Du: jetzt also Andrea. Nach Hause geht Caterina aber allein, insofern ist dieser Roman auch für Kinder unter 14 geeignet, soweit sie trotz des enormen Spannungsbogens bei der Lektüre mittlerweile nicht schon eingeschlafen sind….

Agostino Steffani, 1654–1728 Bildquelle [B]

Agostino Steffani, 1654–1728
Bildquelle [B]

Am Welfenhof zur Zeit Steffanis gibt es Mät- und Interessen, gibt es  Intrigen, kommt es zu Skandalen, verschwinden Menschen, werden Killer bezahlt. Zumindest macht es den Eindruck und die Frage ist: was hat der auf den wenigen Bilder oft so schwammig (O-Ton Caterina) schauende Steffani damit zu tun? Ha, für das Aufgedunsene findet Caterina bald eine Erklärung: er wird in einem der Briefe als “musico” bezeichnet, eine Umschreibung dafür, daß ihm seine eigenen Juwelen (himmlisch hin oder her) in früher Jugend genommen worden sind – der Stimme wegen… [2]

Derart dümpelt die Handlung zwischen kirchen-, musik- und welfengeschichtlichen Exkursionen Kapitel für Kapitel vor sich hin. Das Aufregendste ist noch, daß sich Caterina aus Panik und Angst in ihre Kloschüssel übergeben muss, nachdem sie auf dem Nachhauseweg des Abends gemerkt hatte, daß ein junger Mann ihr folgte. Aber gar nicht faul und schon fast mafiös in Art und Gesinnung, schickt sie ihm den Schwager auf den Hals, einen …. nun ja, sagen wir: tapsigen Mann von bärigen Ausmassen, von dem zwar wie geplant, den Verfolger völlig einschüchtert ist, der selber aber vor Mitleid mit dem zitternden Mann zerfließt…

… und auch Dottore Moretti, ´tschuldigung, Andrea, verliert an Reiz, weil nämlich herauskommt, daß auch er wohl eigene Interessen in diesem Fall verfolgt…. Nix mehr viel Amore, habe fertig, Flasche leer….

.. aber Donna Leon ist ein guter Mensch, sie hat Mitleid mit uns und so stolpert Caterina schließlich im buchstäblichen Sinn in die Lösung des Rätsels, sofern es eins war. Das verrate ich jetzt natürlich nicht, und auch nicht die Lösung und auch Caterina wird das nicht machen, denn wie deus ex machina (der Autorin ist offensichtlich aufgefallen, daß ihr Roman am Ende angekommen ist und sie ihre Hauptperson noch entsorgen muss) bekommt sie auf der letzten Seite des Buches ein Stellenangebot als Professorin in Russland und wenn sie nicht gestorben ist, professiert sie dort noch heute….


Auch wenn meine obige Inhaltsangabe etwas respektlos formuliert ist (aber ich denke, Frau Leon wird das verkraften können…), die Himmlische Juwelen sind nicht wirklich ein aufregender Stoff. Das mag für Liebhaber der Barockmusik oder der Geschichte des Welfenhofes anders sein (vor allem, wenn man sich die Musik Steffanis dazu anhört, die bei Diogenes ja ebenfalls auf CD herausgegeben wurde, siehe Lit-Stelle in [3]), interessiert man sich dafür nicht so sehr (ich bekenne mich schuldig), ist er es eben in dieser Form, wie ihn Leon darbietet, nicht. Zwar werden einige Schleier, die die Person Steffanis verhüllen, gelüftet und für das breitere Publikum aufbereitet, in dem Leon ihre Protagonisten immer wieder auch aus den Briefen zitieren läßt und einschlägigen Büchern, aber es ist so, wie die Autorin es an einer Stelle über eine preusische Königin sagt: es ist verblasst, nach Jahrhunderten verblasst und zur Fussnote geworden…

Es sind ein paar schöne Ideen im Buch, die Alliterationen der Töchter des Hauses Pellegrini ist eine davon: Claudia, die Schöne, Clara, die Glückliche, Christina, die Fromme, Cinzia, die Sportliche und Caterina, die Kluge. Eine Alliteration, die sich mit Cecilia (Bartoli), der Stimmgewaltigen, noch ausserhalb des Buches im Projekt “Steffani” [3], fortsetzt.

Die Barockmusik – für Liebhaber dieser Musik, für Connaisseure der Opernwelt, ist der Roman, wie ich in der Diskussion in meinen Lesekreis festgestellt habe, durchaus ein Genuss. Die Erklärungen Leons zum Thema, die sie ihrer Protagonistin in den Mund legt, um durch sie  Moretti, den Anwalt  als auch uns kundig zu machen, denn wir (fast) alle sind irgenwo ein wenig Moretti – in dieser Beziehung. Opern, so erläutert Caterina an einer Stelle, sind die Actionspektakel der damaligen Zeit, mit Hexen, mit Monstern und fliegenden Drachen. (Das macht sie ja schon fast sympathisch, wenn nur die Musik nicht wäre… (

Steffani war einer der Stars in der Szene damals. Ob er wirklich Kastrat war, bzw. ob der Terminus “musico” ein Euphemismus dafür ist, mag dahin gestellt sein, eine interessante Figur ist dieser Mann auf jeden Fall. Ein geborener Italiener, der die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland verbrachte (nicht Fisch noch Fleisch also, für die Italiener ein deutscher Komponist, für die Deutschen in italienischer) ein hochbegabter Komponist und als kirchlicher Würdenträger und Diplomat in heiklen Missionen unterwegs, war er (anscheinend) in Intrigen der damaligen Zeit verwickelt, zumindest in deren Kenntnis. Er korrespondierte mit den Höfen, Sophie Charlotte von Preussen beispielsweise war eine seiner Briefpartnerinnen… aus den Briefzitaten ist die gegenseitige Achtung herauszulesen.

Literarisch dümpelt der Roman ein wenig vor sich hin. Manche der Episoden erscheinen willkürlich hineingeschrieben, wie z.B. der Einschüchterungsversuch, um den sie den Schwager bittet. Die geliebte Schwester Christina läßt Caterina gegebenüber eine starke Sinnkrise durchschimmern, will gar ihren Orden verlassen – dieser Handlungsfaden bleibt unaufgelöst. Daß die Protagonisten im letzten Absatz des Buches dann selbst noch kurzerhand nach Russland expediert wird zusammen mit ihrem Fachkollegen, dem “Rumänen”, der zwar stets alkohlgeschwängert erscheint, aber dort eine Professur angeboten bekommt, macht ebenfalls einen willkürlichen Eindruck.

Die Geschichte spielt in Italien, so bekommen wir dann immerhin ein wenig italienische Lebens(un)art serviert: die Verachtung für Touristen, das “sterbende” Venedig, die allgegenwärtige Korruption..

So will ich zusammenfassend festhalten, daß Himmlische Juwelen ein zwar routiniert geschriebener Roman ist, aber für Leser, die keine Opernliebhaber sind, wenig Aufregendes bereit hält.

Links und Anmerkungen:

[1]  Wiki-Beitrag zu Steffani:  http://de.wikipedia.org/..Steffani
vgl. auch: Forum Agostino Steffani: http://forum-agostino-steffani.de/forum.php

[2] Diese Gleichsetzung ist wohl eine Auslegung der Autorin selbst, Volker Hagedorn schreibt in seiner Buchvorstellung in der ZEIT dazu: “…in München zum »Hof- und Cammer-Musico« ernannt wurde, weiß sie gleich, dass »Musico« ein Euphemismus für »Kastrat« war. Da weiß sie allerdings mehr als jeder reale Kenner des Barock.” (http://www.zeit.de/2012/42/Cecilia-Bartoli-Donna-Leon-Agostino-Steffani)

[3] Die CD zum Roman: Cecilia Bartoli: Mission, Erschienen bei DECCA: http://www.donnaleon.info/donnaleon/missionjuwelen.php

Bildquelle: Steffani-Portraits:  http://www.diogenes.ch/media/public/donnaleon/missionjuwelen.php

Donna Leon
Himmlische Juwelen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Originalausgabe: The Jewels of Paradise
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 300 S., 2012

Hinweis: Diese Buchvorstellung gibt es auch als “Live”-podcast zum Anhören: https://app.box.com/


 

shalev baerin cover

Was ein Buch, was ein Roman! Ein Text von archaischer Wucht, einer griechischen Tragödie, ach, was sag´ ich, einer Göttersage würdig, eine Familiengeschichte biblischen Ausmaßes und in der Tat spielt die Bibel, das Alte Testament, eine große Rolle in diesem Roman, in dem die Erzählerin Lehrerin ist auch für Bibelkunde.

In vierzig Kapitel ist dieser Roman aufgeteilt, natürlich in vierzig, wie könnte es anders sein, diese magische Zahl der Bibel, für vierzig Tage ließ der alttestamentarische, der grausame, der richtende, der strafende, der tötende, das Leben vernichtende Gott es seinerzeit regnen, vierzig Jahre zog das auserwählte Volk durch die Wüste, für vierzig Tage gingen Propheten (und auch Jesus) in die Wüste, sich zu reinigen und vorzubereiten auf ihre Aufgabe und in den Zwei Bärinnen dauert es diese vierzig Kapitel, bis der Fluch von der Familie genommen ist und sie ein von ihm unbelastetes Leben führen können, das nur noch die Erinnerung an die alten Zeiten bewahrt.

Von diesen alten Zeiten kündet uns Ruta Tabori, die eigentlich Ruth heißt, aber ihren Vornamen in Ruta änderte, so wie es von allen ausgesprochen wurde. In einer sehr knappen Rahmenhandlung erzählt sie ihre Familiengeschichte einer jungen Frau, die sie für ein Forschungsprojekt (Genderfragen in der Moschawa des Barons) interviewt, selber aber kaum in Erscheinung tritt und fast ausschließlich imaginäre Gesprächspartnerin und Zuhörerin Ruths bleibt.

Ruth, einer Frau mit großer Selbstdisziplin, die mittlerweile die 40 überschritten hat (ein Geburtstag, der für ihren Mann über Jahre hinweg magischen (sic!) Charakter hatte, denn – so erklärt Etan es seiner Frau: Das ist das Alter, das ich liebe. Das Alter, in dem ich dich endlich sehen möchte. […] Ich habe immer eine Frau von vierzig Jahren gewollt, und ich bin bereit zu warten. ….  aber zu Etan kommen wir noch und auch, warum er seine Frau diesen einst so ersehnten Geburtstag allein und angesäuselt von zuviel Alkohol alleine vor dem Spiegel feiern ließ), ist eine große, schlanke Frau, mit breiten, knochigen Schultern, hervorstehenden, starken Schlüsselbeinen. … Langer Hals, weit auseinanderstehende Augen. Zwischen den kleinen Brüsten sieht man die Rippen hervortreten.. Ihre Füße haben Männergröße, überhaupt glaubt sie manchmal, jungenhaftes in sich zu entdecken…

..jedenfalls, irgendwann Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts fängt diese Geschichte an. Zuvor schon war ein Twerski nach Erez-Israel gekommen und hatte seinen Namen in Tabori geändert, nach dem Berg, der in der Nähe seines neuen Dorfes in Galiläa lag. Hier wurde Seev geboren, der noch zwei Brüder hatte, Dovik und Arie: ihr Vater, so erzählt Ruth….: hat seine drei Söhne nach Raubtieren benannt: Bär, Wolf und Löwe. Fertig mit Jankel, Schmerl und Mortel, hat er gesagt, nun wird´s hier Bären, Wölfe und Löwen geben. Einer dieser Söhne, Seev, wollte sich niederlassen in einer Moschawa, und sein Vater schickte ihm, was er brauchte: einen Baum, eine Frau, ein Gewehr, eine Kuh, in dieser Reihenfolge.

Man darf jetzt aber nicht fälschlicherweise annehmen, als sei diese junge Frau gezwungen worden, Seev zu heiraten: In einer wunderbaren Szene gibt Shalev den Dialog der beiden bei ihrem Wiedersehen wieder. Für Aussenstehende klingt er so trivial aber Shalev übersetzt ihn für uns.. so begrüßt beispielsweise die junge Frau Seev mit den Worten: “Erinnerst du dich an mich, Seev?”, was in der Sprache jener Zeit bedeutete: “Ich habe dich nicht vergessen, Seev, habe seit dem Tag, als du weggegangen bist, unaufhörlich an dich gedacht. Und er sagte: “Ja, Ruth, ich erinnere mich an dich. Du bist die kleine Tochter der Familie Blum.” Was bedeutete: “Ich liebe dich.” …. und  daher lächelt Ruth stillvergnügt in sich hinein, als sie die Anweisung des Vaters an seinen Sohn Seev (die dieser natürlich nicht versteht) hört, so wie sie Dovik, der den Wagen mit dem Baum, der Frau, dem Gewehr und der Kuh zu ihm fuhr, es ihm ausrichtet: es solle sich jeden Tag die Hände zweimal mit Olivenöl einreiben….

Die beiden heiraten, und diese beiden Tage, der Tag vor der Hochzeit und der Tag der Hochzeit sollen das Leben vieler Menschen für viele, viele Jahre bestimmen.

Seev wird durch seinen Vater auf die Hochzeitsnacht vorbereitet: Du darfst sie in dieser wichtigen und besonderen Nacht, der Hochzeitsnacht, keinesfalls ärgern oder kränken oder ihr weh tun oder sonst wie eine schlechte Erinnerung hinterlassen. Du musst weich und geduldig und nett und höflich sein, und alles, was du mit ihr machst, musst du sanft und zärtlich tun… sprach dieser ansonsten so harte und resolute Mann zu seinem Sohn. Alle Nächte müssen wir stark sein, innen und außen, in Seele und Leib, denn da ist nicht nur die Frau, sondern es gilt auch, Land zu bestellen und Vieh zu halten und Diebe zu fassen… Aber in dieser Nacht ist der Mann ganz für seine Frau da, mit gütigem Herzen und zärtlichen Händen und hart nur dort, wo es sein muss. …und genau darin lag das Problem, das sich auftat in der Hochzeitsnacht und der Nacht, die darauf folgte und den weiteren Nächten…. auch, daß der Vater ihn in ein Bordell führte, um ihn lernen zu lassen, was es zu lernen gab, half Seev nicht und nicht seiner Frau, deren hitziger Leib ungekühlt blieb.

Von Seev, muss man dazu sagen. Denn, obwohl Seev den Grund nicht erriet, fing Ruth eines Tages an, sich seltsam zu verhalten und als er Stimmen nachging, die er in der Nähe des geheimen Weihers in der Nähe des Dorfes hörte, sah er durch das Grün einen weißen Leib mit schwingenden Brüsten auf einem Mann sitzen und ihr Unterleib kreiste auf diesem Mann… und dieser Mann war sein Nachbarn, ein Mensch, der ihm ein Freund war und die Frau, die auf ihm saß und die dies sichtbar genoß, war seine Frau, war Ruth.

Die Tragödie nahm ihren Lauf, denn Seev, der weder ein Jankel war noch ein Schmerl noch ein Mortel sann auf Rache, denn er wusste, daß er …Rache üben, eine Lektion erteilen, Schmerz zufügen, strafen musste…. zudem fing Ruths Leib in diesen Wochen an zu wachsen und man sah, daß sie ein Kind unter dem Herzen trug und nur sie und Seev und Nachum, der Nachbar, wussten, daß es nicht von Seev war, alle anderen Bewohner der Moschawa gratulierten den beiden zu ihrem Glück….. Nachum ahnte, nein, wusste um das drohende Unglück, er ging zu Ruth und wollte mit ihr fliehen, doch Ruth weigerte sich. Nachum fürchtete das Schlimmste und hatte doch damit Unrecht, denn es kam noch schlimmer…

1930 gab es in dieser Moschawa, in der die Taboris lebten, zwei Suizide und Nachum, so stellte die Polizei im Nachhinein fest, war der dritte Mann in diesem Jahr, der sich selbst tötete. Daß Seev ihm dabei half, nein, eigentlich alles selbst machte, ihm die Flinte in den Mund steckte, abdrückte und nachher alles so herrichtete, daß es eine Selbstötung hätte sein können, das wussten die Polizisten nicht, es war ihnen auch egal, sie waren Engländer und sollten die Natives sich doch gegenseitig umbringen, who cares about it? Und auch das Kind, das in Ruth heranwuchs, entkam dem Blutdurst des Vaters nicht… es war in diesen Tagen nach der Niederkunft Ruths, in denen die Eichelhäher des Dorfes lernten, das Weinen eines Säuglings täuschend echt nachzumachen und so hallte das Gekreische in der gesamtne Moschawa wider und die Luft war erfüllt vom Sterben des Kindes.

Doch die Menschen in der Moschawa verschlossen ihre Augen und Ohren, so hörten nichts davon und sahen nichts davon und wollten davon nichts wissen, nicht vom leiser werdenden Schreien des Kindes, nicht vom Weinen und Wehklagen Ruths und ihrer Mutter: sie fürchteten sich vor diesem grausamen Mann, der dort saß und wartete und in der Zwischenzeit die Eichelhäher erschoss.

Zwei Söhne noch brachte Ruth später zur Welt, denn einige Zeit darauf beschlief Seev seine in der Seele tödlich verwundete Frau und Ruta, die Erzählerin, der wir uns jetzt wieder zuwenden, ist die Tochter eines dieser Söhne.

Denn Ruta hat ihre eigene Geschichte, auch diese ist voller Schmerz und Trauer, aber auch voller Freude und Liebe. Der Vater starb früh, die Mutter (von Ruta häufig als “Schwiegertochter des Großvaters” bezeichnet, woraus man auf die Herzlichkeit der Zuneigung schließen mag) war nach Amerika ausgewandert und so wachsen die kleine, nach der Oma benannte Ruth und ihr Bruder Dovik beim Großvater auf. Über ihn sagt die Enkelin an einer Stelle: Mein Großvater … war früher mal ein gewalttätiger, grausamer, primitiver Mann. Er wurde erst ein Mensch, als er Dovik und mich hier aufgenommen hat. Wir waren seine Sühne, seine Metamorphose, seine Umkehr zum Besseren…..

Über den Bruder Dovik lernt die sechszehnjährige Ruth Etan kennen, einen jungen Mann, den in der selben Militäreinheit wie Dovik war. Er ist älter als sie und Ruth erzählt ihrer Zuhörerin, wie Etan auf der Hochzeit des Bruders mit Dalia von deren Mutter mitten in der Feier gepackt und nach Hause in ihr Schlafzimmer gebracht wurde. So einer war Etan: jeder, der ihn sah, verliebte sich in ihn, Frauen und Männer auch, auf ihre Weise eben und sie alle schlossen ihn ins Herz. Und Ruth, die natürlich sah, wie diese Frau ihn mitnahm, spürte kaum Eifersucht: sie wusste, alles was er von Alice in dieser Zeit lernen würde, käme ihr später zugute….

Ja, sie ließen sich Zeit, die beiden, Etan und Ruth, die Liebe zwischen ihnen wuchs langsam, aber als die Zeit dann da war, trug Etan seine Frau auf Händen, er nahm ihren Namen an und wurde ein Tabori, er spielte mit ihr, auf ihr, in ihr, es war ein Lachen und eine Liebe in ihnen und ihren Herzen. Netta wurde ihnen geboren: ein Sonnenschein von Sohn, der alle erfreute.. später dann, auf einer dieser Männertouren, bei denen Männer keine Frauen dabei haben wollen, fuhr Etan mit dem Sechsjährigen in die Wüste, ihm die Natur zeigen, die Tiere, die Pflanzen…. diese Männertour endete mit zwei Toten: Netta, der Sohn, war tot, wie ein Mensch nur tot sein kann durch den Biss einer Schlange, Etan starb in der Seele, wurde zu einem Automaten, der nicht mehr lachte noch sprach, der nicht mehr unter den Menschen weilte und einer unbarmherzigen, selbst auferlegten Strafe sich unterzog. Einzig Opa Seev hatte noch einen gewissen Zugang zu ihm: er trug ihm harte, härteste Arbeit auf, die Etan ohne Zögern auf sich nahm: Dein Sohn ist tot, deinen Mann können wir retten. beschied Seev seine verzweifelte Enkelin…

Shalev schildert in dieser bedrückenden Situation eine wunderbar anrührende Szene. Etan bricht bei der Beerdigung des Sohnes zusammen, Seev nimmt sich seiner an. Er geht mit ihm zur Dusche, um ihn zu säubern, er entkleidet ihn wie ein kleines Kind und Etan gehorcht ihm wie ein solches. Seev entkleidet auch sich und geht zusammen mit Etan unter die Dusche und wäscht ihn, gibt ihm Halt, daß er nicht stürzt. Ruth steht dabei und sieht den beiden zu. Danach kleidet Seev sich und Etan wieder an und sagt ihm, er solle den Haufen Steine von hier nach dort tragen… zwölf Jahre lang sollte es dauern, in denen Etan solche Arbeiten in der Gärtnerei verrichtet, zwölf Jahre, in denen er stumm bleibt, nicht lacht, nicht weint… Opa Seev gibt die Hoffnung nicht auf, unter der Asche, so macht er Ruth Mut, gibt es noch einen Funken, es brauche nur den Anlass, aus diesem Funken wieder Feuer zu schlagen…

Das Schicksal von Seev selbst, der im Alter von zweiundneunzig Jahren tot im Wadi unter seinem Lieblingsbaum gefunden wurde, war es dann, das diesen Anlass gab und damit sind wir endlich beim ersten Kapitel des Romans gelandet….


Man muss sich diesen Roman wie ein Puzzle vorstellen, ein Puzzle aus 40 Teilen, die uns, ohne die Chronologie einzuhalten, nacheinander präsentiert werden; man könnte die Kapitel sicherlich auch mit wenig Aufwand für die Übergänge in vielfach anderer Weise kombinieren und damit neue Textvariationen des Romans schaffen…. jedenfalls erreicht Shalev so, daß das Schicksal der Taboris sich erst langsam entblättert und zusammenfügt, daß Zusammenhänge und Entwicklungen erst nach und nach offenbar werden, wobei man natürlich als Leser manches ahnt, aber man dann doch verblüfft ist, wenn man die genaue Ausgestaltung des Autoren liest.

Zwei Bärinnen ist ein Buch über Gefühle: Liebe, Hass, Rachedurst, Feigheit auch, es ist ein Buch über Menschen, über Verstrickungen: über das Schicksal eben, das Leben. Zwar handelt es in (späteren) Israel, Politisches spielt aber keine Rolle. Erwähnenswert ist allenfalls, daß Shalev in der Vor-Israel-Zeit seine Protagonisten noch mit den Arabern gut Nachbar sein läßt, man lädt sie zur Hochzeit ein, trinkt auch Kaffee mit ihnen..

Wie ein Fluch liegt die Tat des jungen Seev über der Familie, auch wenn sich dieser in seinen späten Tagen geändert hat: er ist zum liebevollen Opa geworden, der sich um seine Enkel kümmert, sie mit in die Natur nimmt, sie ihnen erklärt und nahebringt. Aber sein Schatten, das Wissen um das Vergangene ist immer gegenwärtig, erst sein gewaltsamer Tod läßt auch diesen Schatten endlich verschwinden. Jetzt blühen Blumen auf, wo jahrzehntelang nichts wuchs: sehr symbolisch hat Opa Seev die gesammelten Blumensamen in seinem Tod verloren, sie keimen jetzt, der vorher kahle und karge Platz unter seinem Baum wird bunt.

Rache, immer wieder ist es Rache und Gewalt, die in die Lebensläufe eingreift, selbst Etan entkommt ihr nicht, der Tod seines Beschützers trifft ihn zu sehr, als daß er die Mörder ziehen lassen könnte. Ironischerweise ist es gerade dieser Rache, die er ausüben will, die ihn selbst wieder in´s Leben zurückführt, aus dem er nach dem Tod seines Sohnes herausgefallen war.

Interessanterweise läßt Shalev in dieser opulenten Familiengeschichte eine ganze Generation ausfallen: die Kinder von Seev und Ruth, von denen eins zum Vater von Ruta und Dorik werden sollte. Die nach Amerika ausgewanderte Mutter, bzw. Schwiegertochter des Großvaters wird wenige Male abschätzig erwähnt, vom Vater wird nur an zwei Stellen gesprochen, ihn, der wie sein Bruder das Elternhaus so schnell wie möglich verlassen hatte, hat Shalev früh sterben lassen. So überstreicht der Roman zwar drei Generationen, schildert aber nur das Leben von zweien.

Die Bibel, das Alte Testament – Ruth erwähnt es oft, zitiert es auch, sie spricht auch mit ihrem Gott, hadert mit ihm, der ihren Sohn mit der ältesten Nummer, dem Biss einer Schlange sterben ließ. Überhaupt ist die Sprache für Ruth wichtig, sie bewundert andere, die Sprachspiele erfunden haben, Variationen von Worten, die ungewöhnlich sind und die gerne sie selber erfunden hätte…. Ruth hat es geschafft, trotz des Todes ihres Sohnes und des Verlustes ihren Mannes das Leben weiterhin zu leben. Ein wenig hilft manchmal ein Schluck zu trinken, andererseits ist sie selbstbewusst genug, z.B. den langfristig zum Geliebten Erwählten an dem Tag, an dem es so weit ist, tatsächlich zu sich zu holen.. trotz des Geredes der anderen, das folgen wird…. kann man überhaupt ermessen, welches Leid Ruta zu ertragen hatte? Ein so großes Leid war es, daß sie Etan in ihrer Seele töten musste, es gab zwei Etans für sie, sie sah sich als zweimal verheiratet: … Man kann sagen, ich war verwitwet, eine Zeitlang jedenfalls. … 

Es sind solche Szenen und der hintergründige Humor, der an vielen Stellen durchblitzt, die das Buch bei aller Tragik nicht zur Tragödie werden lassen, sondern zu einem Genuss der Fabulierkunst, der zum Ende hin außerdem noch ein gehöriges Mass an Spannung bietet.

Ein absolut lesenswerter Roman also: Zwei Bärinnen von Meir Shalev.

Hinweise:

Meir Shalev
Zwei Bärinnen
Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama
Originalausgabe: Schtaim Dubim, Tel Aviv, 2013
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 456 S., 2014

 

 

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