Eric Wrede: The End

Der Weg des Autoren Eric Wredes, Bestatter zu werden, war nicht unbedingt vorgezeichnet. Im „ersten Leben“ arbeitete er in der Musikindustrie als Manager, in einer der „was-mach-ich-hier-eigentlich“-Sinnkrisen, die ihn immer mal wieder packten, hörte er zufällig einen Radiobeitrag des bekannten Bestatters Fritz Roth, der ihm einen Aha-Moment bescherte und aus dieser Krisen erlöste: Wredes Beschluss, als Bestatter von der Pike auf neu anzufangen, stand fest.

Vielleicht liegt es daran, daß Wrede Seiteneinsteiger ist, möglicherweise eine andere Motivation hat als der ‚übliche‘ Bestatter sie haben mag. Früh nämlich stieß ihm auf, daß bei den Todesfällen die zwei Parteien, die beteiligt sind, oft diametral entgegengesetzte Bedürfnisse bzw. Interessen haben: die Trauernden, die Hinterbliebenen sind emotional aufgewühlt, stehen unter Zeitdruck, kollidieren mit ihren Wünschen – soweit sie sie überhaupt schon in Worte fassen können – oft mit dem geschäftlichen Interesse des Bestattungsunternehmens, den Auftrag schnell, routiniert und ohne Komplikationen unter – selbstverständlich – Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen abzuwickeln und dabei auch noch eine hübsche Stange Geld zu verdienen. So fängt das Problem schon bei der Auswahl des Bestattungsunternehmens an (wer hat in dieser Situation schon die Nerven, verschiedene Institute zu vergleichen…) und endet mit dem abschlägigen Bescheid, daß der (außer in Bremen) noch überall herrschende Friedhofszwang es nicht erlaubt, die Urne mit der Asche im heimischen Garten zu vergraben oder welche Vorstellungen man sonst noch haben kann für die letzte Ruhestätte. [Wobei es für beide Positionen, für und wieder den Friedhofszwang, gute Argumente gibt].

Hält Wrede seinen Kollegen in der Summe also eher vor, eine Bestattung unter den mehr technischen Gesichtspsunkten abzuwickeln, versucht er selbst mit seinem Unternehmen, die Bedürfnisse der Hinterbliebenen in den Mittelpunkt zu stellen, also die Frage nach dem, was diesen in dieser Ausnahmesituation gut täte und helfen würde. Schließlich ist die Bestattung eines Verstorbenen die letzte Erinnerung, die bleibt – ein Leben lang. In diesem Ratgeber, in dieser Einführung versucht er, sein Konzept von einer würdigen und angemessenen Bestattungskultur zu beschreiben.

Eine seiner Grundthesen, der man unbedingt zustimmen muss, ist die, daß man sich zu Lebzeiten viel zu wenig Gedanken macht um sein Sterben und bzw. um das, was dem oft vorangeht, nämlich der Pflege eines Kranken oder auch nur alten Menschen und um das, was danach noch kommt, sprich: die Bestattung und die Verteilung der irdischen Güter, gemeinhin das Erbe genannt (das Wrede im Übrigen vom ‚Vermächtnis‘, dem eher immateriellen Aspekt eines Erbes begrifflich auseinander hält). Wrede weist bei der häuslichen Pflege (immerhin ist es der Wunsch der meisten Menschen, zu Hause im Kreise der Lieben zu sterben) darauf hin, daß Aspekte wie Selbstfürsorge und Selbstschutz der Pflegenden sehr wichtig sind. Aber auch bei Sterbenden im Krankenhaus ist nicht alles automatisch zum Besten geregelt, auch hier muss man als Angehöriger oder nach dem Tod als Hinterbliebener die Interessen des Betreffenden vertreten, Totenfürsorge ist eins der Stichworte.

Man sollte, nein, man muss miteinander reden. Auch und gerade über den Tod. Und das auch noch altersunabhängig, denn auch junge Menschen können sterbenskrank werden oder durch einen Unfall in eine Lage geraten, in der der Tod möglich ist. Man kann über den Tod reden, einfach und in klaren Worten. Die Verwendung der Begriffe ‚Tod‘ oder ‚Sterben‘ sollte nicht vermieden werden, es ist falsch, sie hinter Umschreibungen wie „von uns gehen“ zu verstecken. Und ja: auch ein Witz mit entsprechendem Fingerspitzengefühl erzählt, kann helfen, weil Lachen Spannungen lösen kann und Hemmschwellen zu überwinden hilft.

Vor dem Tod immer zugunsten des Sterbenden,
nach dem Tod zugunsten der Hinterbliebenen.

Solche Kommunikation ist nicht unbedingt spannungsfrei. Der Sterbende äußert möglicherweise Wünsche z.B. zu seiner Bestattung (ich will keinem zur Last fallen, also bitte ein anonymes Grab), die den Bedürfnissen der Familie, die sich einen Platz zum Trauern und später zur Erinnerung wünscht, entgegenstehen. In solchen Fällen kann man eventuell noch Kompromisse finden; auch sich ggf über die Vorgaben des Gestorbenen hinwegzusetzen ist unter dem Gesichtspunkt, daß die Bestattung für die Hinterbliebenen einen guten Abschied, mit dem sie sich identifizieren können, nicht unbedingt verwerflich. Ich selbst habe meinem Vater, der auch so ein „Streu-meine-Asche-einfach-in-den-Wind,-ich-will-kein-Grab“-Typ war, einen kleinen Platz auf dem Friedhof gegönnt, und zwar ein Rasengrab (eine der Möglichkeiten, die Wrede seltsamerweise in seinem Buch nicht erwähnt).

So führt Wrede uns Leser in insgesamt elf Kapiteln plus Anhang in einer Art zeitlicher Reihenfolge durch diese letzte Lebensphase eines Menschen. Aufgelockert ist der gut lesbare und verständlich gehaltene Text durch Interviews, in denen Wrede bekannte Musiker über ihre Einstellungen zum Tod, zum Sterben befragt, darunter zum Beispiel Judith Holofernes über die Trauer von Kindern oder auch den Rammstein-Keyboarder über seine eigene Beerdigung. Als Bestatter hat der Autor einen großen Erfahrungsschatz über die Gestaltungsmöglichkeiten von Bestattungen, eine Quintessenz, die man aus seinen vielen Beispielen ziehen kann, ist die, das weniger oft mehr ist. Eine Trauerfeier, die einfach gestaltet ist, in der Hinterbliebene und nicht (semi)professionelle Trauerredner an den Toten erinnern, die persönliche Momente in den Mittelpunkt stellen, kann intensiver sein als jede kostspielige, auf Äußerlichkeiten orientierte Feier, bei der sich Angehörige und Trauergäste unwohl fühlen. Hier übt Wrede auch ein gehöriges Mass an Branchenkritik, von der er auch Exotisches nicht ausnimmt, wie die Produktion von Diamanten aus der Asche des Todes. Was ganz einfach schon deshalb problematisch ist, weil die Asche des Toten ja nur noch sehr wenig Kohlenstoff enthält… Krematorien bieten übrigens oft Tage der offenen Tür an, einfach mal hingehen und sich das Ganze ansehen.

Alles gut also mit The End? Leider nein, an einer Stelle im Text habe ich schwer geschluckt. Daß das Buch mit diesem Coverbild und dem ultimativen Untertitel Das Buch vom Tod etwas reißerisch aufgemacht ist (und im Grunde ja sowieso eher von der Bestattung und dem drumherum redet als vom Tod), mag dem ersten Leben des Verfassers geschuldet sein und dem Wunsch, möglichst viele Buchexemplare zu verkaufen. Schwerwiegender erscheinen mir dagegen einige Ausführungen, die Wrede in seinem Abschnitt über suizidale Tode macht [S 69 ff]. Wrede erinnert hier eingangs an Wolfgang Herrndorf, den Autoren von u.a. tschick, der an einem Glioblastom litt und kurz vor dem Zeitpunkt, an dem dieser aggressive Tumor sein Gehirn im wahrsten Sinn des Wortes völlig zerquetschen würde, Suizid begangen hat. [Herrndorf hat sein Leben mit dem Tumor in einem sehr intensiven und äußerst beeindruckendem Blog – der später dann auch als Buch veröffentlich wurde (Wolfang Herrndorf: Arbeit und Struktur: https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/) festgehalten]. Aber: so sinnvoll der Abschnitt ist, die kommentarlose textliche Vermengung ‚Suizid‘ mit ‚aktiver Sterbehilfe‘ [Definition: Aktive Sterbehilfe ist die gezielte Herbeiführung des Todes durch Handeln auf Grund eines tatsächlichen oder mutmaßlichen Wunsches einer Person, Quelle: Wikipedia, sie ist also eben kein Suizid, auch wenn der Tod auf Wunsch, aber eben von einem anderen Menschen, herbeigeführt wird] auf S. 71 f ist zumindest kritisch zu sehen, bei folgender Aussage bin ich dann endgültig ins Zweifeln geraten: … Ich bin mir sicher, dass viele ältere Menschen auch deshalb den Freitod wählen würden, … Vielleicht wäre es in der Tat ein erster Schritt in die richtige Richtung, anonyme Anlauf- bzw. Beratungsstellen zu diesem Thema einzurichten. … [S. 72]. Dazu kann man leicht überprüfen, daß eine Suchfanfrage „Suizid Beratung“ zu über 650.000 Treffern führt, mit der anonymen Telefonseelsorge (bei mir) an erster [https://www.telefonseelsorge.de/?q=taxonomy/term/760] und der gemeinsamen Webseite der deutschen und der österreichischen Gesellschaften für Suizidprävention [https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/fuer-betroffene-und-angehoerige/]an der zweiten Stelle; bei einer der führenden deutschen online-Nachrichtenportale (als weiteres Beispiel) wird nach Beiträgen, die sich mit Suizid befassen, generell ein Hinweis auf anonyme Beratungsmöglichkeiten gegeben. Um so unverständlicher ist diese in die Irre führende Aussage des Autoren in seinem Buch.

So ist mein abschließender Eindruck von The End gespalten. Das Buch, mit dessen Titel Wrede offensichtlich an die Doors erinnern will [https://www.youtube.com/watch?v=JSUIQgEVDM4], ist überall dort empfehlenswert, wo es aus der Praxis des Bestatters Wrede heraus erzählt und es den möglicherweise auf den konventionellen Rahmen der noch meist üblichen Bestattungen, die man als Hinterbliebener oder Bekannter erlebt hat, beschränkten Horizont sprengt und Ideen für andere Gestaltungsmöglichkeiten von Bestattungsfeierlichkeiten gibt. Was die von Wrede erwähnten und aufgeführten mehr praktischen Möglichkeiten angeht, muss man vorsichtiger sein: es gibt mehr. So erwähnt Wrede in seinem Kapitel 8 über mögliche Bestattungsarten z.B. die Rasengräber nicht, die es mittlerweile häufig gibt und die einen guten Kompromiss darstellen, weil hier die Pflege des Grabes durch eine Einmalzahlung auf die Friedhofsverwaltung übergeht. Kolumbarien findet man ebenfalls, auch wenn dieses schließfachartige Deponieren einer Urne nicht unbedingt jedermanns Geschmack sein mag, als Wahlmöglichkeit kann es in Frage kommen. Auch sind Baumbestattungen und Bestattungen im Wald nicht zu verwechseln, mir selbst wurde das deutlich gemacht, als ich bei einer Bestattung im Wald im guten Zwirn durchs nasse Unterholz zum entsprechenden Baum gestolpert bin. Und ob jeder mit einer Eiche für unter 10 Euro, die er im Andenken an den Verstorbenen pflanzen will, wirklich glücklich ist, mag dahin gestellt sein. Etwas mehr sollte der Baum dann wahrscheinlich doch hermachen. In gleicher Weise wollen Vor- und Nachteile einer anonymen Bestattung gut gegeneinander abgewogen werden, hierzu findet man bei Wrede einige Gedanken. Aus all diesen Gründen ist es sehr sinnvoll man sich bei diesen Aspekten wirklich vor Ort erkundigen, was möglich und was machbar ist, und das bitte nicht erst nach dem traurigen Eintritt eines Todes, wenn man dafür wirklich keine innere Ruhe hat.

Eric Wrede
The End
Das Buch vom Tod
diese Ausgabe: Heyne (heyne-encore), Paperback, ca. 190 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

Hilde Schmölzer: A schöne Leich

Hilde Schmölzer ist hier auf dem Blog schon vertreten, mit ihrem Buch zur Pest in Wien [https://radiergummi.wordpress.com/2015/11/19/hilde-schmoelzer-die-pest-in-wien/], als Autorin widmet sie sich nicht nur diesen Wiener Themen, ein anderer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Themen zur Frauenemanzipation [http://www.hilde-schmoelzer.com]. Hier aber führt sie uns nach Wien, nach dessen dunkler Seite, die der Maler Kurt Regschek in seinem Bild „Zentrum Wien“ [http://www.oktogon.at/Kurt%20Regschek%20Werke/slides/1961%20Zentrum%20Wien.html] durch die unter der Postkartenidylle stalaktitenartig wuchernden Gänge und Katakomben darstellt. Für Schmölzer ein treffendes Bild, sowohl symbolisch als auch tatsächlich, ist Wien doch im Untergrund durchzogen von Gängen, Grüften, Kellerräumen und Katakomben. Aber der Reihe nach…

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts fassten die Wiener Stadtväter den nicht überall willkommen geheißenen Entschluss, die örtlichen Friedhöfe aufzulösen zugunsten eines großen Zentralfriedhofs, für den damals ein riesiges Gelände, seinerzeit noch außerhalb der Stadt gelegen, angekauft und ein Frankfurter Architketenpaar mit der Planung beauftragt wurde. Eine Zäsur, die nicht ohne Streit abging (z.B. wegen der Grabfelder für die einzelnen Konfessionen und Religionen…) und die die gesamte Bestattungskultur der Stadt änderte. Allein die Entfernung… der skurril wirkende Gedanke, die Leichen mit einer Art Rohrpost zum Zentralfriedhof zu schießen, soll hier nicht verschwiegen werden – diese Idee wurde jedoch nie umgesetzt… jedenfalls fand die Einweihung des Zentralfriedhofs am 1. November 1874 statt, im Monat wurden ca. 10.000 ‚Personen‘ zum Friedhof befördert (wobei nicht ganz klar ist, ob Schmölzer mit Personen nur die Leichname meint…, aber jedenfalls fürchteten die Außenbezirke, durch die die Anfahrt führte, um ihre Existenz.)

Bestattungen boten Gelegenheiten, sozialen Status zu demonstrieren – bzw. wurden nach dem sozialen Status durchgeführt, darin liegt nach Schmölzer einer der Gründe für die Tatsache, wie ‚lieblos‘ Mozart bestattet worden ist: die Beisetzung in einem Schacht(Massen)grab entsprach seinem Stand und seinen finanziellen Verhältnissen. Je nach Geldbeutel, Stand, Prestige etc pp fielen Bestattungen jedoch auch geradezu abartig aufwändig aus, von den Bestattung des hohen Adels und des Kaiserhauses ganz zu schweigen. Schmölzer schildert dies sehr plastisch und auch recht ausführlich, solche Bestattungen waren immer auch eine Spektakel für die Bewohner, deren eigene Toten aufgrund der Kosten oft/meist nur auf sehr einfache Art und Weise unter die Erde kamen. Schnell etablierte sich eine Bestattungsbranche, die – man kann es nicht anders sagen – wie die Geier agierten: wurde ein Krankheitsfall bekannt, stationierte man Mitarbeiter in nahegelegenen Lokalen, um nach dem Tod des Erkrankten möglichst als Erster vor Ort zu sein und sein Angebot zu unterbreiten, Informanten wurden mit Prämien bedacht. Nicht selten führten Bestattungen zu argen finanziellen Problemen in den Familien. Die Stadt Wien ging gegen solche Auswüchse vor, in dem sie Unternehmen aufkaufte und ein eigenes städtisches Bestattungsinstitut ins Leben rief.

Nicht alle toten Wiener liegen auf dem Friedhof, es wird geschätzt, daß einige -zigtausend in Grüften bestattet worden sind, die sich unter Wien ausgebreitet hatten. Die ältesten dürften die Augustinergruft und die Franziskanergruft sein, die beide schon auf das 14. Jahrhundert zurückgehen, die größte und traditionsreichste dürfte die unter dem Stephansdom sein. Sind heutzutage manche dieser Grüfte zu besichtigen (bis hin zu speziellen Muttertags-Führungen, wie sie hier aktuell beworben werden: http://kapuzinergruft.com/site/de/home/sonderfuehrungen/article/259.html), wurde der Betrieb der Grüfte 1784 durch Kaiser Joseph II verboten: die aus den Grüften austretenden Dünste waren unterträglich geworden, im Stephansdom z.B. wurden die Messen durch den Verwesungsgeruch … nun ja. Die bestatteten Überreste der Habsburger verteilen sich sogar auf mehrere dieser Grüfte: Ähnlich wie im alten Ägypten die Eingeweide in Kanopen liegen die der Habsburger unterm Stephansdom, die Körper in der Kapuziner- und die Herzen in der Augustinergruft.

Die Zweiteilung Wiens, der Tod, der unter der bonbonfarbenen Postkartenstadt der Festlichkeiten und der Feiertagsromantik droht, hat auch im Wiener selbst seine Heimstatt gefunden. Viele ihrer berühmten Einwohner spürten ihn, den von Freud erkannten Todestrieb, aber auch bei Grillparzer, Nestroy, dem Stückeschreiber Raimund, dem Walzerkönig Johann Strauß mitsamt seinem Walzer und nicht zuletzt bei Mozart verortet Schmölzer diese dunkle Beziehung zum Tod (ach, und die Liste der Namen ist hier bei weitem nicht vollständig…). Der Wiener und sein Tod halt… der sich auch in den Liedern widerspiegelt und auch in der Kultur des Heurigen: Wann i amal stirb, stirb, stirb, müaß’n mi d’Fiaker tragn und dabei die Zither schlagn…“ Und so beschließe ich diese Vorstellung eines kurzweiligen, informationsreichen, trotz des düsteren Themas auch unterhaltsamen und ein wenig auch auf sich selbst zurückwerfenden Büchleins über ein Thema, das weit genug weg von uns ist (Wien halt…), uns aber doch selbst höchstpersönlich angeht (der Tod eben und man damit umgeht…) mit der bloßen Erwähung (ohne geht’s halt nicht) des Namen vom lieben Augustin, der die Pest besang und den schwarzen Tod und einfach dazu gehört zum dunklen Teil der Seele dieser Stadt.

Hilde Schmölzer
A schöne Leich
Der Wiener und sein Tod
diese Ausgabe: Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, HC, ca. 160 S., 1980
(der Titel ist in neuerer Auflage im Haymon-Verlag erschienen)

Milena Agus: Die Frau im Mond

Es ist ein schmales Büchlein der sardischen Autorin, die ich kürzlich hier mit ihrer Geschichten von den Flügeln ihres Vaters vorgestellt habe (https://radiergummi.wordpress.com/2019/03/17/milena-agus-die-fluegel-meines-vaters/). Der Roman über Die Frau im Mond ist ebenfalls eine Geschichte, die auf Sardinien spielt, die Geschichte einer lebenslangen Suche nach der Liebe, nach Erfüllung, nach dem Glück, leben zu dürfen…

Als Erzählerin fungiert eine junge Frau, die Enkelin dieser Liebesuchenden, die durch einen Zufall die Aufzeichnungen der Großmutter findet. Diese war als junge Frau von großer Schönheit und trotzdem fand sich damals kein Mann, der sie heiraten wollte. Alle Verehrer, die sie hatte, erfanden bald Ausreden, um die Verabredungen abzusagen, bis sie schlussendlich noch nicht einmal mehr Ausreden schickten, sondern einfach nicht mehr kamen… Es hatte seinen Grund, denn die junge Frau in ihrer Sehnsucht schrieb Briefe, in denen sie dieser Sehnsucht Ausdruck verlieh… Schande war es, die sie über das Haus, die Familie brachte, als die Mutter von diesen Briefen erfuhr, schlug sie ihre Tochter mit schwerem Gerät halb tot… Nicht nur der Briefe wegen, auch wegen ihres Verhaltens galt die Tochter bald als seltsam im Dorf…

Daß sie doch noch verheiratet wurde, war dem Krieg zu verdanken. Ein Ausgebombter, den die Familie aufnahm, hielt aus Dankbarkeit für die Aufnahme um die Hand der ältesten Tochter an. Es war keine Liebe zwischen ihnen, die Frau wollte nicht, nicht diesen Mann, sie wurde zur Heirat genötigt. Die beiden versicherten sich ihrer Nichtliebe, schliefen soweit getrennt im Ehebett, wie es ging. Um das ‚eine‘ zu bekommen, ging der Mann weiterhin zu den Frauen in der Stadt – bis ihm dann eines Tages seine Frau anbot, daß man das Geld sparen könnte, wenn sie selbst die Leistungen dieser Frauen erbringt. Dem Mann war dies recht, er wies die Frau ein und im Lauf der Zeit konnte das Paar sich ein neues Haus bauen.

Die Frau litt zeit ihres Lebens unter starken Schmerzen, sie hatte Nierensteine, und sie konnte kein Kind bei sich behalten. Nach Jahren schickte man sie aufs Festland für ein paar Wochen in ein Heilbad. Dort sollte sich ihr Schicksal erfüllen, dort traf sie auf einen Mann und auf die große Liebe ihres Lebens. Für ein paar wenige Wochen war das Glück vollkommen…

Bald nach ihrer Rückkehr zeigte sich, daß sie ein Kind unter dem Herzen trug, ein Kind, dem sie dieses Mal Leben schenken konnte. Es war ein Junge, der – ich mache es kurz – ein weltbekannter Musiker werden sollte… Natürlich heiratete auch er und aus dieser Ehe stammt die Erzählerin, die quasie bei ihrer Großmutter aufwuchs – obwohl so seltsame Geschichten über diese kursierten. Aber die Eltern hatten keine Angst, ihre Tochter in den Zeiten, in denen sie um die Welt reisten, um Musik zu machen, der Großmutter anzuvertrauen und das Kind war gerne bei dieser Frau, die sie liebte.

Bei der Renovierung des Hauses tauchten aus gutem Versteck unerwartet die Notizen der Großmutter auf, die sie zeitlebens heimlich geschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen ließen das Leben der Großmutter in anderem Licht erscheinen, manches, was man über sie wusste oder gehört hatte, erwies sich als wahr, anderes war plötzlich ganz anders…

Milena Agus, von der ich hier vor kurzem schon ihren Roman Die Flügel meines Vaters vorgestellt habe [https://radiergummi.wordpress.com/2019/03/17/milena-agus-die-fluegel-meines-vaters/] schreibt auch diese Geschichte in einfachen Worten und Sätzen, dem Ort der Handlung, dem ländlichen Sardinien, angepasst. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, die durch die gesellschaftlichen Randbedingungen an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten gehindert ist, trotz Intervention des Lehrers beispielsweise muss sie nach der vierten Klasse die Schule verlassen. Offen bleibt, ob die geschilderten autoaggressiven Akte Ventil für diese Enttäuschungen sind oder ob sie auf eine tatsächlichen psychischen Störung zurückzuführen sind. Ihre Fantasie jedenfalls fixiert sich auf die Liebe, die zu finden sie sich mit jeder Faser ihres Herzens wünscht. Sie bliebt ihr jedoch verwehrt, die Beziehung zu dem Mann, mit dem sie verheiratet ist/wurde, ist emotional kalt und auf der physischen Ebene eher durch praktische Argumente geprägt, wobei sich Agus nicht gescheut hat, die durchaus romantische Darstellung ihrer Protagonistin durch handfeste Schilderungen dieses Aspektes um einen unerwarteten Schlenker ins leicht Softcorige zu bereichern, ohne dadurch jedoch die Gesamtstimmung des Romans zu zerstören.

Ein einziges Mal erfährt die Großmutter die große Liebe, unerwartet, wunderbar und erfüllend. Es ist eine Liebe auf Zeit, begrenzt auf ein paar Wochen der gemeinsamen Kur, in der sie sich getroffen haben. Eine Zeit des Glücks, das beide in dem Wissen genießen, daß sie wieder zurück müssen in ihre jeweiligen Leben…

Reicht diese eine Liebe für ein ganzes Leben?

Die Frau im Mond stellt das Leben der Großmutter der Erzählerin in den Mittelpunkt, umfasst aber letztlich knapp drei Generationen, denn ein Kind kann die Großmutter auf die Welt bringen und dieser Junge sollte dann der Vater der Erzählerin werden, auch von seinem Leben erfahren wir. Damit ist klar, daß ebenso vieles ungesagt bleibt in diesem schmalen Roman von knapp 130 Textseiten, der zudem noch locker gesetzt in viele kleinere Kapitel unterteilt ist. Damit ist klar, daß uns Leser/-innen hier keine komplizierte ausformulierte Geschichte erwartet, es ist tatsächlich so eine Geschichte, wie sie eine Enkelin über ihre Oma erzählen würde, auf einem langen Spaziergang möglicherweise, unter sardischer Sonne am Strand entlang oder durch einen Pinienhain… Es ist eine schöne Geschichte, in die man sich fallen lassen kann, die das Herz anrührt und die eigene Sehnsucht, es ist eine kleines Entkommen aus dem eigenen Alltag, es sind zwei Stündchen Zittern und Bangen über das Schicksal einer Frau (das im Übrigen auch verfilmt worden ist: http://www.studiocanal.de/kino/die_frau_im_mond).

Milena Agus
Die Frau im Mond
Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Köpfer
Originalausgabe: Mal di Pietre edizione mottetempo, Rom 2006
diese Ausgabe (mit anderem Umschlagbild): dtv, ca. 135 S., 2009

Luise Rinser: Bruder Feuer

Die deutschen Autorin Luise Rinser (1911 – 2002; http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-rinser/) gehört zu der Generation der nach dem Krieg politisch aktiven und engagierten Schriftsteller/-innen. Zugleich umfasst ihr eigenes Leben einen tragischen Zug, denn ihre Vergangenheit im Dritten Reich war alles andere als vom Widerstand geprägt, in der vorstehend zitierten Biografie wird ein Bekannter Rinsers dazu zitiert: Der Theologe und Philosoph José Sánchez de Murillo, der Rinser 1995 kennenlernte und mit ihr bis zu ihrem Tod befreundet war, schrieb über die Autorin in einer 2011 erschienen Biographie: »Die Rinsersche Tragödie besteht darin, niemals den Mut aufgebracht zu haben zu gestehen, zu ihrer Vergangenheit zu stehen.« Sanchez beschreibt Rinser als »literarisch hoch begabt, leidenschaftlich am Leben interessiert, schwärmerisch, anerkennungsbedürftig, großzügig, doch auch autoritär, jähzornig, geltungssüchtig, opportunistisch.« Ich selbst habe von Rinser noch nichts gelesen, diese Beschreibungen verlocken mich auch nicht gerade dazu… und der hier von mir vorgestellte Roman ist meinem Lesekreis geschuldet, bei dem ich mich für die Diskussion bedanke.


In Bruder Feuer versucht die Autorin, die Figur des Franz von Assisi in die Gegenwart zu transformieren, wobei Gegenwart auch schon wieder nicht stimmt, dann das Buch entstand Mitte der siebziger Jahre. Die Grundfrage des Romans ist es, wie ein Mensch wie Franz in der heutigen Zeit leben würde. Sicher unangepasst… aber wäre er Mönch, Politiker, Guru oder selbstloser Arzt im Urwald? … Auf jeden Fall stünde er mitten im Leben und wäre voller Mit-Leid und Tatkraft, so zitiert Rinser einen Franziskaner.

Der Versuch, sich Franz zu nähern, führt über einen Journalisten, der von seinem Chef den ungeliebten Auftrag bekommt, nachzurecherchieren, was an der Sache mit dem jungen Mann, der nach wilden Partyjahren auf sein reiches Erbe verzichtet und in den Bergen in Armut lebt, dran ist. Viele Jugendliche folgen ihm in die Berge, leben wie er und die Anklage, die jetzt gegen Franz verhandelt werden soll, ist die der Verhexung dieser Jugendlichen.

Der namenlose Journalist fährt also nach Assisi und trifft dort auf einen nasebohrenden Jungen, der ihm gegen entsprechende Bezahlung weiterhilft, d.h. Leute vermittelt, die Auskunft geben können über Franz. Es sind sehr widersprüchliche Auskünfte, die der Journalist im Lauf der Tage bekommt. Teilweise sind sie voll der Bewunderung und des Lobes, Franz und die Seinen leben in Armut, geben ihr Geld den Armen, helfen ihnen, geben ihnen Arbeit, verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch eigenes Tun. Sie renovieren ihre heruntergekommenen Behausungen, bauen verfallene Kirchen wieder auf… Andere Befragte wiederum beschuldigen ihn der Verführung der Jugend oder des Kommunismus.

Francesco Bernadone stammt jedenfalls aus einer reichen Familie, die sehr ungleich ist. Während der Vater ein Kapitalist reinsten Wassers ist, ist die Mutter sehr religiös. Materiell gesehen, steht ihm die Welt offen, als junger Mann geniesst er dies auch, feiert wilde Feste mit seinen Freunden und kann als Angehöriger der Oberschicht auch die eine oder andere Grenze überschreiten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Diesem allem entsagt er eines Tages jedoch, er zerstreitet sich mit seinem Vater, verschenkt ihm anvertrautes Geld, um eine zerfallene Kapelle einer bitterarmen Kirchengemeinde wieder aufzubauen. Vor Gericht gibt er dem Vater alles, was er von ihm hat, zurück, nackt bis auf die Haut wirft er sich einen alten Sack über den Leib und geht in die Berge. Gewaltlosigkeit, Liebe, Hilfsbereitschaft sind fortan seine Leitlinien des Lebens, mit denen er immer mehr junge Menschen zu einem anderen Leben führt.

Die Armen akzeptieren ihn, weil sie merken, daß er sie versteht, er ihnen nicht nur Almosen bringen will, um sich ein reines Gewissen zu schaffen. Franz lebt in der Nachfolge Jesu die Armut, er kümmert sich wie Jesu um die Ausgestossenen, die Armen, die Behinderten… Damit bringt er die gesellschaftlichen Konventionen durcheinander, wird aus Sicht des Establishments zum Störenfried, dessen Erfolg man sich nicht erklären kann und den man anzeigt und vor Gericht schleppen will. So wie Jesu teilweise als Magier verleumdet wird (z.B. in der apokryphen Schrift des Nikodemus), so wird Franz der Hexerei beschuldigt…

Der Journalist hört sich die ganzen Geschichten an, aber Franz wird für ihn nicht fassbar. Er möchte harte Fakten, Zahlen bekommen und trifft nur auf Meinungen und Erzählungen. Das Wesen Franz‘ bleibt ihm verschlossen, es ist nichts, was man berichten kann, es ist etwas, was man nur leben kann. Rinser vermeidet eine direkte Begegnung zwischen Franz und dem Journalisten, das Buch endet ausdrücklich offen, die Entscheidung, ob der Journalist in die Berge geht, um Franz zu treffen oder gar dort zu leben, überläßt Rinser dem Leser (m, w, d)

Mir hat das Buch, um es kurz zu sagen, in seinem belehrenden Stil nicht gefallen, es ist eins der typischen Lesekreisbücher, die man liest, weil es so vereinbart ist. Es hängt nicht am Thema, ich hatte einige Tage zuvor von Eric-Emmanuel Schmitt das Evangelium nach Pilatus gelesen (und auch daraus vorgelesen): der Prolog in diesem Buch ist gar nicht so weit von Rinsers Thema entfernt, es ist der Rückblick, den die Figur Jesu am Abend seiner Gefangennahme auf sein Leben angestellt haben mag – zumindest so, wie es sich Schmitt vorstellt. Auch hier ein Mensch, der die Armut lebt, der sich um die Armen, Behinderten, Ausgestossenen, Kranken, um die Frauen kümmert und schert und der zum Ärgernis für die Etablierten wird, weil er ihre Macht in Frage stellt…. Im Gegensatz zu Schmitts Darstellung hat mich Rinsers Geschichte kalt gelassen, nicht berührt.

Ein Leben zu führen in der Nachfolge Jesu, so wie sein tägliches Leben (soweit man dies der Bibel entnehmen kann) tatsächlich statt fand, kommt dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe sicherlich sehr nahe – näher geht kaum. Der Verzicht auf weltliche Güter, auf Besitz, die freiwillig auf sich genommene materielle Armut, die jedoch zu spirituellen Reichtum führt, ist ein hehres Lebensprinzip. Den Mitmenschen als Menschen achten, unabhängig von Äußerlichkeiten – viele von uns könnten sich daran ein Beispiel nehmen… Gefragt habe ich mich jedoch, ob dieses Lebensprinzip, diese Haltung als Grundlage einer Gesellschaft dienen kann oder ob sie nur dadurch partiell realisierbar ist, weil die Gesellschaft als Ganzes anders organisiert ist. Dieses Leben in Armut und Beschränkung hat im Grunde den Gedanken einer Weiterentwicklung aufgegeben, menschliche Eigenschaften wie Neugier oder Ehrgeiz (die ja nicht per se schlecht sind), kommen nicht mehr zur Entfaltung.

… und wer mag, kann zudem noch über die sich durch den gesamten Text ziehende Gesellschaftskritik (die Geschichte ist in der Mitte der 70er Jahre geschrieben worden) diskutieren…

Ich jedoch bin hier am Ende meiner Geschichte über Bruder Feuer angelangt.

Luise Rinser
Bruder Feuer
diese Ausbabe: Thienmann, HC, ca. 140 S., 1976

 

 

Anna Gien / Marlene Stark: M

Mit ihrer Interpretation, „M“ stünde in Erinnerung an Catherine Millets Ausführungen über ihr sexuelles Leben [https://radiergummi.wordpress.com/2008/07/06/catherine-millet-das-sexuelle-leben-der-catherine-m/] steht Iris Radisch ziemlich allein da [Iris Radisch: Lieber peinlich als männlich; in: ZEIT-Literatur, Beilage zur Leipziger Buchmesse, März 2019]. Die meisten derjenigen, die über das vorliegende Buch des Autorinnenpaares Gien/Stark schreiben, betonen eher, daß das „M“ auch der Anfangsbuchstabe des Vornamens Marlene sein könnte, finden sich doch in der Geschichte genügend Analoga, die als autobiografische Elemente deutbar sein könnten. Außerdem, so meine Vermutung, weckt das Autobiografische – auch wenn nur angenommen – den Voyeur im Leser (m, w, d), denn dieser in der Kunst-/Künstler-/Künsterlinnenszene Berlins angesiedelte Roman spart gewisse Details nicht aus. Daß in den entsprechenden Rezensionen zum Buch auf die Autorin Anna Gien [https://www.matthes-seitz-berlin.de/autor/anna-gien.html] kaum eingegangen wird, läßt sich ebenfalls in diesem Sinn erklären. Zudem wird M das Etikett des Feministischen zugebilligt, aber dazu mögen sich andere dezidierter äußern.

M ist nicht nur der Titel des Romans, sondern auch die Bezeichnung, mit der die Protagonistin auftritt. Überhaupt werden alle weiblichen Figuren nur mit einem großen Buchstaben anstatt Namen (M,O,J,D) versehen, Z ist eine spät erscheinende Ausnahme, die Männer dagegen tragen normale Vornamen. M jedenfalls ist eine ca dreißigjährige Künstlerin, geboren in einer vor Normalität berstenden Provinz namens Ingolstadt, jetzt in Berlin Neukölln lebend und arbeitend. Sie hat Kunst studiert, sich aber nie hochgeschlafen, wie es (den Anzeigen am Schwarzen Brett nach) wohl nicht ungewöhnlich war. Die Ausstellungen und Verkäufe, die sie hatte (die Berichte darüber hütete die Mutter in der Heimat wie kleine Schätze, zumindest eine zeitlang…) hatte sie sich erarbeitet bzw. auch der Bekanntheit ihres Professors zu verdanken. War sie mal verheiratet? An einer kurzen Stelle wird ein Telefonat mit dem Ex beschrieben und „den“ Kindern im Hintergrund…. Egal.

Sie lebt in Neukölln, arbeitet nebenher als DJane, Alk und andere Drogen gehören zum Geschäft. Die Clubs, in den sie auflegt, gehören nicht unbedingt alle zur hygienischen Elite, es sind verdreckte Löcher, die in keinem Reiseführer auftauchen, in denen sozusagen Schweiß, Blut und Tränen das Olfaktorische zum wummernden Beat liefern. Auf den Klos bläst nicht nur der Wind und nachher läuft das Sperma auf der Kleidung herunter, Männer treten im Wesentlichen als Schwanzträger auf.

Oder als Galerist, dem M per umgeschnallten Strap-On einen Plastikschwanz in die hintere Körperöffnung rammt, bis das per Handpumpe ausgestoßenne Kunstsperma sie mit weißlicher Flüssigkeit überschwemmt und er glücklich ist. So glücklich, daß er M letztlich eine große Ausstellung in einer wirklichen Galerie, nicht in einem der üblichen Hinterhofladen, organisiert. Und dabei dann doch wieder das letzte Wort behält…

Weihnachten – soviel Konvention ist noch – fährt M zu den Eltern, wählt den Zug, der am Heilig Abend erst dann in Ingolstadt einläuft, wenn der Familienteil mit Bescherung und Essen schon gelaufen ist. Die lange Zugfahrt gibt Gelegenheit zur (Selbst)Reflexion, zum Vergleich: Wenn man keine Tupperdose hat, keine Foliensträhnchen, keinen Aktenkoffer, kein Großraumbüro, keine Zweizimmerwohnung im Prenzlauer Berg, kein Neubauhaus in Dillingen, keine Wachsjacke, kein Stipendium und keine Galerie, welche Erzählung bleibt dann noch? Das ist die Frage… und M beantwortet sie für sich damit, daß sie später am Abend in ihrem Jugendzimmer Cybersex mit Tim hat, und zwar so laut, daß die Eltern im Nebenzimmer stundenlang zuhören können, nein: müssen, bis sie ihre Tochter endlich um Ruhe bitten.

M, was bist du für eine Frau? Du benimmst dich wie ein Kind. Igor frag es kopfschüttelnd, in Israel, wo M Escort macht, nachdem für ihre Mutter das nächtliche Sexgedingse offensichtlich ein grundsätzlicher Indikator für ein Prostituiertendasein ist. angesehen hat. Aber mit Igor klappt es nicht, sie flieht und trifft auf den zum Hinknien schönen Tal, der ihr Unterkunft bietet und dafür sorgt, dass Hintern und Brüste blaue Flecken bekommen, ihr Körper rote Schürfwunden zeigt. Aber es tat gut, sie überließ sich ihm, fiel grenzenlos, war erregt und genoß es… und es war abstoßend. Nur ein Abgrund , in den sie sah, kein Fangnetz.

Wenn man darüber nachdenkt, ist es irgendwie traurig,
dass man keine eigene Sprache für seine eigenen Perversionen finden muss.
Müssten wir das tun, eigene Worte suchen für unsere Lust,
sie beschreiben oder sie überhaupt erst erkunden und empfinden,
sähe unser Sex vielleicht ganz anders aus. 

Und das hier ist mein Skript. Gruppensex unter der Anleitung von M, die nicht mehr selbst zu vögeln braucht, sondern vögeln läßt. Sex als Installation, als Kunstwerk, als von M choreografierte Performance: hier hat sie die Fäden in der Hand und schwebt über der Szenerie: Ich setze mich aufs Sofa, kuschle mich in den Mantel, schaue ein bisschen zu und drehe dabei Zigaretten für später. Es ist im Grunde die gleiche Situation wie beim Auflegen in den Clubs, sie arrangiert, puscht die Menschen, steuert sie und geniesst dabei das Zuschauen bzw. -hören und das Machtgefühl, das ihr ihre Funktion in diesem Spiel gibt.

Und immer immer wieder rumpelt der Rollkoffer übers Berliner Kopfsteinpflaster… Ist das Auftauchen von Z ein Fingerzeig dafür, daß aus diesem Hamsterrad, in dem das Leben nicht nur von M verläuft, ein Entkommen ist? Mit Z taucht zum ersten Mal so etwas wie Gefühle auf, er (!) wirkt wie ein zugeworfener Anker, an dem sich M herausziehen kann…


M ist episodenhaft in der Ich-Form erzählt. Bei mir zuhause gibt es hinten im Grünbereich ein in die Erde eingelassenes dickes Rohr, in dem Grundwasser steht, das man abpumpen kann. Ab und an fällt ein Frosch oder eine Kröte in dieses Rohr und kämpft dann einfach nur darum, nicht unterzugehen. An dieses Strampeln erinnert mich auch der Roman von Gien und Stark: Eine Perspektive für ihre Protagonisten ist kaum zu erkennen, ob Z, der gegen Schluss auftritt, sie aus dieser Endlosschleife aus Sex, DJane-sein und (Galeristen)vögeln befreien kann oder überhaupt will, ist spekulativ. Es ist ein seltsames Milieu, das Gien/Stark beschreiben, eine ich sich geschlossene Welt voller Sarkasmus und Zynismus, in der Sex, Drogen und die angesagte Musik die beherrschende Kommunikationsform sind. Der Gegenentwurf dazu ist Welt, in der Ms Mutter groß geworden ist: Für sie bedeutete Feminismus, alles schaffen zu können, wenn man es nur will. Alles bedeutet Arbeit, Haushalt, Familie. …, eine Welt, in der sich M, die sich früher Jürgen nennen ließ und nur unter Zwang in ein Kleid stieg, schnell als Sonderling zeigte, als Mensch, der immer irgendwie dazwischen war, zwischen Jürgen und M, zwischen Kind und Frau… Daraus hatte M, die auf der Zugfahrt nach Hause mit selbstgeschnittenen Haaren, türkisen Fingernäglen, fahler Haut und Augenringen im Abteil hockt, sich zwar befreit, aber gleichzeitig entlarvt sie dieses Anderssein: In den verrauchten Bars in Neukölln dagegen war man anders, so anders, dass man gleich war, vielleicht genauso gleich wie die Kleinfamilien in ihren Fertighäusern. 

Warum wir junge Feministinnen den Spieß umdrehen und hemmungslos sexistisch sprechen und schreiben.
[Anna Gien: Eine Margharita aus Männerblut; DIE ZEIT 17/2019, S. 38]

Der Roman enthält zahlreiche explizit geschilderte Sexszenen, die Aneignung sexistischer Sprache, in der dies erfolgt, ist als ein Akt der Gegenwehr zu lesen. Als Feministinnen bedienen sich Gien und Stark sprachlicher Gewalt, nicht nur, weil sie nicht mehr ihre Opfer sein wollen, sondern, weil sie sich zumuten können und wollen, Täterinnen zu sein [zitiert nach Anna Gien, a.a.O]. Es ist folgerichtig kein Blümchensex, der da getrieben wird, es ist Sex, der losgelöst von Gefühlen betrieben wird, man vögelt, weil einem danach ist, mit wem, scheint fast beliebig, sobald er/sie nur zum eigenen Soziotop gehört. Konsequent reduzieren die Autorinnen ihre männlichen Figuren im Wesentlichen auf diesen Aspekt, was darüber hinausreicht, bleibt blass und unklar. Trotzdem sind es die Männer, die in der Szene das Sagen haben, die die Galerien betreiben und die damit das potentielle Tor für den Erfolg sind… Die Frauenfiguren haben mehr Substanz, ihnen billigen Gien/Stark eine gewisse Individualität zu – und verstecken sie gleichzeitig im Anonymen, in dem sie ihnen (im Gegensatz zu den männlichen Figuren) nur mit Initialen benennen.

In einigen/vielen Passagen lassen die Autorinnen über Berlin und die Berliner/Neuköllner Kunstszene aus, hier mag der eine oder andere, der dazu mehr Bezug hat als ich, einiges für sich entdecken. Mir, soweit weg von Berlin, ist das einfach nur fremd und – auch das – seltsam. Womit ich zum Schluss kommen will, der mir nicht ganz leicht fällt, zu widersprüchlich wirkt das Gelesene in mir nach. Einerseits waren mir sowohl Szenerie als auch Erzählerin fremd und keineswegs sympathisch, daß die Mutter irgendwann die Zeitungsausschnitte von den kleinen Erfolgen ihrer Tochter wieder abgehängt hatte, konnte ich gut nachvollziehen. Andererseits hat die Geschichte dann doch einen gewissen Reiz ausgeübt, weil ich einfach lesen wollte, ob M z.B. durch die Ausstellung die Chance bekommen hat, aus ihrer Tretmühle herauszukommen. Was unklar geblieben ist… ebenso wie mein persönlicher Eindruck vom Werk der beiden Autorinnen.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, wäre schade gewesen: der Roman liefert dem Leser/der Leserin eine ziemlich umfangreiche Playlist gratis mit….

Anna Gien / Marlene Stark
M
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, ca. 250 S., 2019