Ich bin ein wenig spät dran mit diesem Roman, der nach seinem Erscheinen 2011 mit zumeist sehr positiven Kritiken durch die Rezensionswelt ging. Adams Erbe ist das Debüt der Autorin Astrid Rosenfeld, die damit den Sprung von der Filmbranche, in der sie in “diversen Jobs” gearbeitet hat, in die Welt der Literatur geschafft hat. Schauen wir es uns an….

adam

Die Handlung beginnt mit einem Brief eines jungen Mannes an eine Frau, eine unerwiderte Liebe scheint darin zu schwingen und er sagt ihr in diesen Zeilen, daß er das Erbe seines Großonkel Adam gefunden habe, dessen Leben sich hier, auf dem Dachboden, mit dem seinen verschlungen habe….

… aber bevor wir wirklich zu Adam kommen, lernen wir erst das Leben des jungen Edward kennen, von fast dem Beginn an bis zu den Tagen, an denen er als junger Mann auf dem Dachboden des Hauses sitzt, in dem seine Familie seit vielen Jahrzehnten – mit Unterbrechungen, die August geschuldet sind – wohnt und der ihm immer verboten war, zum Schluss sogar streng. Und dieses Leben begann nach zwei Flaschen Wodka (alle Achtung, daß danach nicht nur der Geist, sondern auch das Fleisch noch stark war…), nach denen Magda mit Sören oder Gören (so genau weiß das niemand mehr) ins Bett ging, dieses eine Mal nur, aber um Edward den Weg zu bereiten, reichte es. Magda ihrerseits war die Tochter von Lara und Moses und da Gören oder Sören nach dieser Nacht keine Rolle mehr spielte im Leben der Familie Cohen, wuchs Edward vaterlos auf.

Prägende Figur der Familie war die Großmutter Lara, sie hatte die Zügel in der Hand. Moses, ihr Mann, war vom Leben gezeichnet, kaum noch, daß er sich von seinem Dachboden, auf dem er hauste, hinunter begab in die Wohnung. Ihn zu besuchen, war Edward verboten, tat er es doch, erwischte er Moses oft einfach dasitzend, wenn der Alte ihn sah, lächelte er manchmal: “Adam, Adam….”. Die Mutter Magda war schlichteren Gemüts, Lara versuchte vergeblich, sie zu verkuppeln, allein es gelang ihr nicht, Magda hatte kein Interesse. Der Mann in ihrem Leben war Eddylein, zumindest bis zu dem Moment, in dem … aber halt, vorher gilt es festzuhalten, daß Magda eins konnte: sie konnte lieben. Wen sie ins Herz geschlossen hatte, den liebte sie bedingungslos und ohne Wenn und Aber…

Und dann trat Jack Moss in ihr Leben. Jack, der Elefantengott, Jack, der King, Jack war Elvis… Jack war ein absoluter Charmeur, ein junger Kerl, er brach die Herzen der stolzesten Frau´n…. Eddylein traf ihn am Elefantengehege des Zoos und fühlte sich sofort zu ihm hingezogen. Wie auch seine Mutter, den ihn dort abholen wollte. Es beruhte auf Gegenseitigkeit, man heiratete schnell, noch während der Schiwe für Moses. Und diese Famile Moss-Cohen zog jetzt unter Leitung des liebenswerten Kleinkriminellen und Betrügers Jack durch Deutschland… Schule war passé für unsern Eddy, ein gefälschtes Attest bescheinigte ihm Herzschwäche… letztlich war es ein armseliges Vagabundenleben für die Drei, das aber durch die rosarote Brille der Liebe veredelt wurde. Bis Jack Moss eines Tages mit einem Auto kollidierte…

Kürzen wir es… Edward mühte sich wieder in der Schule ab, schaffte schließlich sein Abitur und beschloss, nicht unbedingt zu studieren, aber sich zumindest einzuschreiben, erst in Köln, dann später in Berlin. Es waren die wilden Jahre Berlins nach der Wende und wild und ungeregelt war auch das Leben unseres Helden dort, der aber doch langsam vom richtigen Leben eingeholt wurde. Finanziell ging es ihm gar nicht mal schlecht, durch einen Zufall wurde er auf eine Goldader gestoßen, mit der er ein Geschäft eröffnete und Geld ohne Ende verdiente…. In Berlin lernte er auch Amy kennen, die Adressatin des eingangs erwähnten Briefes. Und dann starb Oma Lara, jetzt war endlich der Speicher frei für ihn und hier entdeckte er dann auch das Buch, in dem Adam seinerzeit sein Leben festgehalten hatte.


Die dreißiger Jahre in Berlin. Die Cohens leben in ihrem Haus, die Brüder Moses und Adam, Gerti, die Mutter der beiden und Edda Klingmann, die Oma, Herrscherin des Dachbodens. Der Vater, noch traumatisiert von den Schrecken des 1. Weltkrieges, wohnt ebenfalls im Haus, verläßt aber sein Zimmer nicht, nur seine Frau hat Zutritt dazu. So kommt es, daß Adam seinen Erzeuger zum ersten Mal im Leben sieht, als er tot ist….

Adam ist ein schwieriges Kind, sehr lebhaft, äußerst unruhig, so daß er nicht in die Schule gehen kann, sondern zu Hause unterrichtet wird – mehr schlecht als recht. Auf Beschluss der Großmutter, die die Richtung in der Familie vorgibt, lernt er Geige bei Bussler, der selbst aufgrund der neun Finger, die er im vergangenen Krieg gelassen hat, nicht mehr spielen kann. Zwischen diesem Kriegsversehrten und Edda besteht eine seltsame Verbindung. Obwohl Bussler der am Horizont auftauchenden Bewegung des August durchaus positiv gegenüber steht, kann er Edda keinen Wunsch abschlagen, häufig ist er, auch nachdem er dem SD anghört, im Hause Cohen zu Gast.

Moses freundete sich derweil mit zionistischen Ideen an, die zunehmenden Schikanen für Juden machten es ratsam, sich vorzubereiten. Einmal, mittlerweile 18 Jahre alt, ging Adam mit auf ein solches zionistisches Treffen, das ihn im Grunde nicht interessierte, aber er sah dort ein Mädchen, Anna. Es sollte die Schicksalsbegegnung seines Lebens sein.

Nach der Reichsprogromnacht, vor der Bussler die Cohens gewarnt hatte, ist Anna verschwunden. Über Bussler erfährt Adam, daß sie nach Polen deportiert wurde und wohl in Krakau ist. Edda Klingmann verkauft unterdessen über einen Gewährsmann ihren in der Schweiz deponierten Besitz und plant mit der Familie die Emigration nach England. Obwohl mittlerweile Krieg ausgebrochen ist, läßt sich Adam seinen Plan, Anna in Polen zu suchen, nicht ausreden. Nur Edda ist eingeweiht, sie bittet letztlich Bussler, ihrem Enkel zu helfen. Ein verwegener Plan wird ausgeheckt: aus Adam wird Anton, falsche Papiere machen ihn zum Arier und er kommt als Rosenzüchter im Haus des Generalgouverneurs Hans Frank unter. Zum Abschied gibt ihm Edda eine Jacke des Großvaters mit, sie legt ihm sehr dringend ans Herz, gut auf diese Jacke aufzupassen. Für die anderen Familienmitglieder sieht es jedoch so aus, als wäre Adam spurlos verschwunden und da auch Geld und Edelsteine nicht mehr da sind, mit denen die Emigration finanziert werden soll, verdächtigt man ihn, sie bestohlen zu haben. Adam ist zum schwarzen Schaf der Familie geworden. Während Edda und Gerti in Berlin bleiben, können Lara und Moses nach England fliehen.

So kommt Anton alias Adam unter der Obhut des hohen SD-Mannes Bussler nach Polen ins Haus von Hans Frank, dem “Judenschlächter von Krakau”. Er lernt dort eine Menge strammer Genossen kennen, freundet sich aber auch mit den polnischen Arbeitern an, nachdem anfängliches Misstrauen abgebaut werden konnte. Von Anna jedoch gibt es keine Spur. Zwar kann Bussler eine Adresse ausfindig machen, dort finden die beiden Anna jedoch nicht.

Der Russland-Feldzug beginnt, Bussler muss nach Osten und kommt völlig demoralisiert und krank von dort zurück. Fürchterliches muss im Osten geschehen…. er stirbt und Adam sieht keine andere Möglichkeit, als sich den polnischen Arbeitern anzuvertrauen. Über diese erfährt er auch den Aufenthaltsort Annas: das Warschauer Ghetto. Und sie können ihm sogar eine Möglichkeit nennen, Anna zu retten… aber der Preis ist hoch, sehr hoch….


Der vorliegende Roman Adams Erbe ist, um es etwas ironisch zu formulieren, ein gutes Angebot, erhält man doch zwei Romane zum Preis von einem…

Das bedarf der Erklärung und die ist einfach: der Roman zerfällt in zwei Teile. Im ersten bewegen wir uns fast in der Jetztzeit und die Autorin schildert uns darin die Kindheit, die Jugend und dann den beginnenden Erwachsenenteil des Lebens von Edward Cohen bis hin zu dem Moment, in den der bis dahin eher mysteriöse Vorfahre “Adam” Gestalt annimmt. Dieser Abschnitt des Buches ist mit fast einen Drittel des Gesamtumfangs recht dick, für eine reine Rahmenhandlung zu dick. Im dritten Teil, in dem die Autorin noch einmal auf Edward Cohen zurückkommt, ist sehr viel dünner und löst die Geschichte dann in gewissem Sinn auf. Im zentralen Teil, das ist der Bericht Adams, seine Lebensbeichte für Anna, geschrieben, damit etwas von ihnen (i.e. den Menschen im Ghetto) überlebt, wird das Schicksal einer jüdischen Familie, eines jüdischen Menschen im Dritten Reich geschildert. Im Gegensatz zum Leben Edwards, das in Teilen fast an einen Schelmenroman erinnert, jedenfalls locker und heiter geschrieben ist, sind diese Passagen um Adam traurig und bedrückend. An einigen Stellen schrammt der Text auch heftig an der Grenze zur Rührseligkeit, nur dank der dialogbetonten und recht nüchternen Schreibweise Rosenfelds kommt man da halbwegs heil durch. Inwieweit der Plot, daß ein knapp 20jähriger sein Leben gibt für eine Liebe (und er im Grunde das seiner eigenen Familie ebenso opfert), die sich in wenigen schüchternen Begegnungen eigentlich kaum entfalten konnte und von der er allenfalls ahnen kann, daß sie erwidert wird, überhaupt trägt, das muss man als Leser jedenfalls für sich selbst entscheiden….

Edward sagt in seinen Brief an Amy, die beiden Geschichten, seine und die des Adams, seien ineinander verschlungen. Das sehe ich nicht so. Wohl kann man viele Parallelitäten feststellen, angefangen von der äußerlichen Ähnlichkeit der beiden Jungen bzw. Männer bis hin zu ihren Leben, die viel Analoges aufweisen, aber das ist es dann auch schon. Natürlich wäre auch die Familiengeschichte der Cohens anders verlaufen, wenn Adam nicht auf die Suche nach seiner Anna gegangen wäre, aber wie sagten wir als Kinder immer: “…wenn das Wörtchen wenn nicht wär´….” Das konkrete Leben Edwards jedenfalls beeinflusst Adam nicht, auch der immer wieder erfolgende Hinweis auf die Ähnlichkeit ist einfach nur eine Feststellung, die keinerlei Konsequenzen hat.


Aber all dies von mir Angemerkte sollte niemanden abhalten, das Buch zu lesen – im Gegenteil: es ist ein schöner Roman über die Größe einer Liebe vor dem Hintergrund der Judenvernichtung in Polen, in langen Passagen witzig und unterhaltsam, in ebenso langen Teilen dann auch wieder traurig und berührend. Dieses Auseinanderfallen der Handlung, das ich beschrieben habe, stört beim Lesen nicht, schnell ist man in die jeweiligen Leben eingetaucht. Auch versteht es Rosenfeld, ihre Figuren, insbesondere die Frauenfiguren der Cohens, zu zeichnen und ihnen einen Charakter zu verleihen, der sie – jede auf ihre Art und Weise – einzigartig und liebenswert macht, insbesondere natürlich Magda, Lara und Edda, dem sie mit Bussler als Gegengewicht, nachdem die eigenen Männer vom Schicksal geschlagen worden sind, eine tragische Männergestalt an die Seite stellt: ein Mensch, der das Gute will und das Falsche tut, zerrissen zwischen Liebe und auferlegter Pflicht.

Astrid Rosenfeld
Adams Erbe
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 400 S., 2011

doron cover

Die israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron ist auf meinem Blog keine Unbekannte, vor einiger Zeit habe ich sie hier mit ihrem autobiographischen Roman Das Schweigen der Mutter [1] vorgestellt. Auch das vorliegende Buch Who the Fuck is Kafka? wird zwar als Roman bezeichnet, hat aber stark dokumentarischen Charakter, bildet er doch eine sehr bewegende und erschütternde Episode im Leben der Schriftstellerin ab.

Auf einer Friedenskonferenz in Rom lernen sich 2011 die israelische Schriftstellerin und ein arabisch-palästinensischer Fotojournalist, der im Buch Nadim Abu Hanis heißt, kennen. Es ist eine Bekanntschaft unter Ungleichen: aus seiner Sicht ist sie 10 Jahre älter als er, sie gehört den Besatzern an und sie ist eine Frau – alles Faktoren, die in der Beziehung eine Rolle spielen (werden). Ihre Probleme sind dagegen immer wieder aufkeimende Angstzustände, schließlich gehört er einem Volk an, daß unablässig versucht, Israel mit Terroranschlägen zu überziehen und Juden zu töten. In Rom spielen diese Faktoren keine große Rolle, hier sind die beiden entspannt, sie sind sich sympathisch und sie entwickeln Pläne für gemeinsame Projekte: sie, die Schriftstellerin, soll ein Buch über ihre Bekanntschaft schreiben, er will seinen Traum, einen Film zu drehen und in diesem sein Leben darzustellen, zusammen mit Doron verwirklichen. Das zwischenmenschliche überwiegt, nur in manchen Momenten – wenn Nadim sich etwa weigert, wie gefordert seine Papiere im Hotelsafe zu deponieren, weil er um ihren Verlust bangt und er zeigt, daß er diese überlebenswichtigen Dokumente mit Klebeband am Körper befestigt hat – greift die Realtität eines absurden Zustands auch nach Italien über. Es muss nicht betont werden, daß die beiden die “Stars” sind in den Augen der Veranstalter: solche gemeinsamen Projekte zwischen Palästinensern und Israelis sucht man, will man fördern, mit ihnen hofft man, dem/einem Friedensprozess dienlich sein zu können.

Doch die Tage in Rom sind bald vorbei und in Israel sieht die Welt ganz anders aus. Nadim wohnt in Ost-Jerusalem, zusammen mit seiner Frau Laila und den beiden Söhnen, die Autorin lebt in Tel Aviv. Der Gedanke an Jerusalem ist ihr ein Graus, ihre beste Freundin ist dort – auf sie in einem Café wartend – bei einem Anschlag ermordet worden….

Bei den Treffen erzählt Nadim von seinem Leben und vieles davon ist für Lizzie unbekannt und schockierend. Immer aber auch liegt in den Erzählungen ein Vorwurf in der Luft, schließlich gehört “sie” diesem Besatzerregime an. Die Autorin ist dagegen selbst traumatisiert, das Urtrauma der Shoa, das sie, die in Israel geborene, von ihrer Mutter [1] geerbt hat und die vielen Traumata der Jetztzeit: Attentate, Anschläge, Raketenangriffe…. Es trifft sie, daß ihr Gegenüber weder mit dem Namen “Mengele” etwas anfangen kann noch mit dem Kafkas, den Besuch Yad Vashems lehnt Nadim ebenfalls vehement ab. Es ist manchmal – zumindest gedanklich – ein absurder Wettkampf darum, wer mehr Verletzungen zu erdulden hat, wer mehr oder wer weniger Schuld hat.

Egal aber, wieviel jüdische Bürger an Drangsal zu erdulden haben, unbestreitbar ist, daß sie zur Seite der Besatzer gehören, d.h. zur Seite derer, die die Macht haben. Das Sicherheitsbedürfnis, das Israel hat, scheint sich oftmals selbstständig gemacht zu haben, zum Selbstzweck geworden zu sein, wenn sich z.B. an Kontrollposten Palästinenser (auch Frauen) bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen…. Andererseits haben auch Frauen schon Selbstmordanschläge durchgeführt, haben Bücher schon als Attrappe gedient. Ein aus dem Tornister herausragendes Lineal führt dazu, daß sich Nadims Sohn ausziehen muss und der Tornister auf der Straße ausgeleert wird: will man Hass säen, ist das eine gute Methode…. empfindet sie beim Anblick israelischer Soldaten ein beruhigendes Gefühl, kommt im gleichen Augenblick bei ihm Panik auf

Das Verhältnis der beiden ist kompliziert, von vielen Faktoren abhängig. Eine jüdische Frau und ein deutlich jüngerer arabischer Mann…. sie fallen auf, sie wird von den Hardlinern auf jüdischer Seite, den Orthodoxen, beschimpft, er muss bei allem aufpassen, nicht als Kollaborateur dazustehen. Es sind absurde Situationen, wenn sie in arabischen Vierteln auf einmal von der Angst gepackt die Verschleierung Lailas, die für Notfälle immer im Auto liegt, umwirft und dann auf hebräisch angesprochen wird, weil die Schuhe natürlich trotzdem sichtbar sind… ist er bei seinem Vater, ist es ihm unmöglich, mit einer fremden Frau Kontakt aufzunehmen. Oft meldet er sich für längere Zeit nicht, sie weiß dann nicht, wo er ist, was er macht…

Während sie mit ihrem Mann reden kann und auch eine Freundin hat, die sie immer wieder auf die besondere Situation Nadims einschwört, hat er niemanden, mit dem er sprechen kann – außer eben mit ihr, der Jüdin. Mag sein, daß deswegen hin und wieder die Frustration, die Depression, die (mühsam unterdrückte) Wut ihr gegenüber so aus ihm herausbricht….

Laila, seine Frau.. so hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie kommt aus Gaza und bekommt seit vielen Jahren keine permanente Aufenthaltsgenehmigung für Jerusalem. Jedes Jahr also die entwürdigende Prozedur der Verlängerung der ablaufenden Erlaubnis… ihm ist ihr beschränktes Dasein als nur Hausfrau nicht verständlich: sie braucht sich doch um nichts zu kümmern, nur zu kochen und sauber zu machen. Jeden Wunsch würde er ihr erfüllen, sogar zu einem Fotokurs hat er sie, die mal Fotografin werden wollte, jetzt angemeldet… So kommen zu den äußeren “Feinden” noch die internen Schranken dazu: unversöhnliche Gegner in den eigenen Reihen bei beiden, die Fesseln einer traditionellen Gesellschaft bei ihm….

Nadims Filmprojekt muss mit vielen Problemen fertig werden. Zwar wird es von vielen Institutionen gefördert, aber (nachdem endlich die Kamera ins Land einreisen durfte) die Drehtage aber verlaufen nicht konfliktfrei: die beiden erregen Aufsehen, werden gestört, auch fühlt sie sich ausgenutzt, da Nadim die Absprachen nicht einhält und agitiert. Zorn regt sich in ihr, nicht immer kann sie seine Handlungsweise nachvollziehen…..

“Ein Jude kommt zum Rabbi und führt Klage gegen seinen betrügerischen Lieferanten. Der Rabbi hört aufmerksam zu und erklärt dann: ‘Du hast recht’. Bald danach kommt der beschuldigte Lieferant und klagt seinerseits über den Ankläger. Der Rabbi hört wieder aufmerksam zu und sagt abermals: ‘Du hast recht’. Die Frau des Rabbiners hat beides mit angehört, und als der Lieferant weggegangen ist, sagt sie vorwurfsvoll zu ihrem Manne: ‘Es können doch niemals beide recht haben!’ Da gibt der Rabbi zu: ‘Du hast auch recht.'” (zu finden bei Salcia Lachmann: Der jüdische Witz)

So in etwa geht es einem, liest man dieses Buch. Man kann, für sich genommen, die Menschen beider Seiten, der israelischen und der palästinensischen, verstehen. Natürlich hat eine jüdische Mutter Angst, ihr Kind in einem Bus fahren zu lassen, in ein Kino zu gehen, sich in ein Café zu setzen: zu oft gab es Anschläge und Terrorakte. Natürlich sind die vielen Durchsuchungen an den Straßensperren, die oft mit Verwüstungen einher gehen, entwürdigend genauso wie die bürokratische Behandlung der israelischen Araber als Bürger x-ter Klasse. Es ist nicht mehr zu sagen, wer Schuld hat und wer im Recht ist. Die Hoffnungen, mit einem gemeinsamen Film- und Buchprojekt einen Friedensprozess positiv beeinflussen zu können, scheinen vor diesem Hintergrund naiv: der Hass zwischen den Parteien sitzt tief, ist sozusagen institutionalisiert und wird tradiert, so heißen: Aktivitäten, die auf eine Verständigung hinauslaufen, werden von den jeweils eigenen Leuten sabotiert, keineswegs aber gut geheißen. Ein jüdischer Kontakt zu einem Araber ist nur dann gesellschaftlich problemlos, wenn dieser Araber Klempner ist und die Abwasserleitung repariert.

So tief erscheint das gegenseitige Misstrauen und Unverständnis, die Fesseln der jeweiligen Gesellschaften, daß selbst von hier, dem sicheren und warmen Schreibtisch in Deutschland kein “man müsste einfach…” möglich ist. Es gibt kein “man müsste…”. Schaut man sich im aktuellen Spiegel von dieser Woche [2] den Kommentar des israelischen Schriftstellers Nir Baram zum Ergebnis der Wahl in Israel an, schwindet jedes Fünkchen Hoffnung, das ggf. noch irgendwo geleuchtet haben mag. Die Hardliner, so konstatiert er, haben sich durchgesetzt mit einer Art Wagenburgmentalität, der Idee nämlich, daß die Welt und insbesondere die Araber den Juden feindlich gegenüberstehen und dass es keinen Ausweg aus dieser Konfrontation gibt. .. aber mit der Waffe in der Hand kann man überleben, wenn man hart bleibt. Für die jüdisch-israelischen Bürger seien mittlerweile Straßensperren, Tötungen, die ganze Besatzung normal geworden und erregen keine Entrüstung mehr, ja, sie werden möglichst negiert und nicht mehr wahrgenommen: die Lebensverhältnisse der Palästinenser interessieren keinen mehr. Und die exzessive Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten hat mittlerweile Fakten geschaffen, die praktisch nicht mehr aus der Welt zu räumen sind. Nach Nir Baram Einschätzung ist die Zwei-Staaten-Lösung faktisch nicht mehr realisierbar.

Im Bericht Dorons finden sich dazu durchaus Beispiele. Mehr als einmal führt Nadim seine Partnerin an Plätze, die ihm wichtig sind, den Friedhof zum Beispiel, auf dem seine Familienangehörigen bestattet sind. Um am Schluss festzustellen, daß die israelischen Behörden planen, hier einen Park anzulegen…. oder Häuser, Straßenzüge abzureißen, um eine neue Straße zu bauen.

So läßt einen der Bericht Dorons ratlos, mutlos und erschüttert zurück. Ein gordischer Knoten, der auch und gerade durch Gewalt (dies wurde nun häufig genug ausgetestet) nicht zu durchschlagen ist. Ein neues Seil nehmen, das alte weglegen, auf daß niemand mehr dran kommt…. zurück auf Null, ziehen sie alle Waffen ein und und heilen sie alle Wunden…. das Heilen der Wunden, der Traumata, die Verletzungen der Seele, das gegenseitige Misstrauen, der Hass, die Verachtung, die Vorurteile bzw. positiv formuliert: überhaupt der Wille, es zu schaffen (letztlich hat sich mittlerweile jede Seite in ihrer Situation eingerichtet), das sich gegenseitig als gleichwertig und gleichberechtigt Anerkennen: vielleicht sogar noch die größere Hürde im Verhältnis zu den Waffen…


Dorons Buch wird als Roman verkauft, das ist aber kaum zutreffend. Viel eher sind es Tagebucheintragungen, Protokolle, Dokumentationen, lesen wir Stichworte und Gedanken der Autorin. Sie bricht den großen Konflikt herunter auf zwei Menschen, die einen gemeinsamen Traum entwickeln und letztendlich selbst daran scheitern: der Film wird nie gedreht, das Buch muss so geschrieben werden, daß Rückschlüsse auf den “echten” Nadim nicht möglich sind – seine Identität herauszufinden, könnte sein Todesurteil sein.

Israel, das Doron einmal als Sammelstelle für die traumatisierten Juden aus aller Welt bezeichnet, sammelt fleißig weiter Traumatisierte: seien es nun bei den jüdischen Bürgern die Angehörigen von Terroropfern und Militäreinsätzen, so sind es bei den arabischen Bürgern die Opfer der Willkür, der täglichen und der besonderen der militärischen Gewalt. Btw: was der eine Terror nennt, ist für den anderen ein Befreiungskampf: das Semantische spielt natürlich auch in diesem Konflikt seine Rolle….

Who the Fuck is Kafka? ist (so mein persönliches Facit) als Roman, als literarischer Text, wenig erwähnenswert, als Zeitdokument jedoch halte ich das Buch für sehr empfehlenswert, obgleich die Machtlosigkeit, die man auch als Leser (trotz kleiner Erfolgserlebnisse) am Ende verspürt, den Text nicht als Vergnügen erscheinen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Lizzie Doron: Das Schweigen der Mutter; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/06/lizzy-doron-das-schweigen-der-mutter/
[2] Nir Baram: Das Gift hat gewirkt, in: DER SPIEGEL 13/2015, S. 98f; vgl auch hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/benjamin-netanjahu-israel-usa
[3] Interview mit Lizzie Doron im Deutschlandradio Kultur: Eine unmögliche Freundschaft; http://www.deutschlandradiokultur.de/lizzie-doron-eine-unmoegliche-freundschaft.1270.de.html?dram:article_id=309765

Lizzie Doron
Who the Fuck is Kafka?
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
diese Ausgabe: dtv, Pb, ca. 250 S., 2015

 

Soliman bei Wasserburg am Inn, datiert auf den 24. Januar 1552; Holzschnitt von Michael Minck. Inschrift: KM D(er) KINIG ZV PEHAM HAT AUSS / ISPANIA IN DAS TEISHS LAND / GEFIERT AIN HELFANT IST ZV WASS / ERBURG ANKHOMEN AVF DEN 24 / IANUARI IM 1552 IAR / M(ichael) M(inck); Bildquelle [B]

Soliman bei Wasserburg am Inn, datiert auf den 24. Januar 1552; Holzschnitt von Michael Minck. Inschrift: KM D(er) KINIG ZV PEHAM HAT AUSS / ISPANIA IN DAS TEISHS LAND / GEFIERT AIN HELFANT IST ZV WASS / ERBURG ANKHOMEN AVF DEN 24 / IANUARI IM 1552 IAR / M(ichael) M(inck);
Bildquelle [B]

Der portugiesische Autor José Saramago [1], 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, hat wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 2010 diesen Roman über Die Reise des Elefanten publiziert. “..des…” Elefanten, nicht “…eines…” Elefanten, denn in der Tat ist ein bestimmter Elefant gemeint und die Handlung konzentiert sich auf ein historisches Ereignis, das im Jahr 1552 stattfand.

Wir befinden uns in Lissabon, der Hauptstadt des portugiesischen Reiches, das in diesen Zeiten groß war durch die Eroberungen diverser Ländereien in Übersee. So war auch wenige Jahre zuvor, um genau zu sein, zwei Jahre zuvor, aus den indischen Landungen des Reiches (der Name “Goa”, Jahrhunderte später eines der Traumziele einer Träumen zu verwirklichen suchenden Generation, ist vielleicht dem einen oder anderen noch bekannt) ein Elefant nach Portugal gebracht worden, inclusive des dazu gehörigen Mahuts [3], der die längste Zeit seines Lebens Subhro hieß, bevor ihm kurz vor dem zu diesem Zeitpunkt nicht zu vermutendem Ende seines Lebens der Name “Fritz” gegeben wurde. Aber damit bin ich ja schon am Ende der Geschichte, und das sollte so nicht sein, also zurück zum Anfang…

Man sucht ein Geschenk am Hof des portugiesischen Herrschers für Maximilian, den Neffen Kaiser Karls V, der seit einigen Jahren in Spanien weilt. Und man erinnert sich Salomons, des Elefanten, der die einstige Attraktivität in den zwei Jahren seines Aufenthaltes in Portugal ein wenig verloren hat und der nun mitsamt Mahut in Belem sein Leben mehr recht als schlecht fristet.

Der kaiserliche Neffe, verehelicht mit einer gewissen Maria von Spanien (eine zwecks Staatsräson eingefädelte Ehe, der aber (nimmt man die stattliche Zahl von 16 Kindern als Maß .- ein gewisser Erfolg nicht abzusprechen ist), nimmt – man hat, um diplomatische Verwickelungen zu vermeiden, der Vorsicht halber angefragt  – das Geschenk an. So stellt man am portugiesischen Hof eine Karawane, nein, eine Delegation zusammen, die den Elefanten Salomon mitsamt Führer und Futterwagen. Karawane und Delegation gleichen sich in vielen Dingen, aber nur erstere sollte, wenngleich auch nicht in Österreich, so doch in dessen Nähe, Zeitalter später in ihrem Ziehen redewendlich werden, was von der Delegation nicht zu behaupten ist. Jedenfalls stellten der Hof und dessen umsichtiger Sekretären einen Troß zusammen, Bewachung war von Nöten, um jeglichen Eventualitäten von Angriffen oder Übergriffen zuvorzukommen, vielleicht allein schon, um zu imponieren und der Qualität des Geschenkes gerecht zu werden. Bewaffnete also und auch Unbewaffnete, die halfen, den Futterwagen, der von tierischer Seite her von Ochsen gezogen wurde, zu schieben, um so die Marschgeschwindigkeit zu erhöhen. Denn langsamer noch als Salomon, der Elefant, waren die Ochsen diejenigen, die die Geschwindigkeit der gesamten Kolonne letztlich bestimmten.

Am Grenzübergang zu Spanien kam es zu einer verwickelten Situation, denn hier traf man eine Gesandtschaft der Österreicher, die ihrerseits den Auftrag hatten, den Elefanten zu übernehmen, was jedoch mit der Order der Portugiesen, jenen in Valladolid zu übergeben, kollidierte.  Die Situation drohte zu Eskalieren, jede der involvierten Parteien war um Wahrung des Gesichts bemüht, die anderen, gegnerischen (noch nicht feindlichen) Kräfte auszustechen und nur durch das Geschick des Bürgermeisters konnte eine Einigung erzielt werden, ohne daß ein Schuss fiel. Was, bei ruhiger Überlegung betrachtet und selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Gewehre dieser Zeit kaum zu vergleichen sind mit den heutigen was Treffsicherheit und Durchschlagskraft angeht und ferner der Fama, die Haut des Elefanten würden Kugeln nicht durchlassen – dessen allen ungeachtet hätte eine Auseinandersetzung der beiden Delegationen ungeahnte Verwicklungen auf politischer Ebene und gar eine Verletzung Salomons zur Folge haben können.

In Valladolid wurde Salomon an seinen neuen Besitzer übergeben, den jungen Erzherzog Maximilian. Fortan ging die Reise von Elefant und Mahut unter österreichischer Führung weiter, erst ans Meer, dann über selbiges nach Genua, von dort aus wieder über Land ins Reich der Alpen. Da mittlerweile der Sommer schon längst, der Herbst erst gerade vorüber war und außerdem bekannter maßen in den Bergen der Winter früh einbricht, war diese Etappe in den Bergen für Soliman und Fritz etwas völlig neues: sie kannten keinen Schnee. Und wenn jetzt jemand sagt, wer sind Soliman und Fritz: wir kennen sie bisher nur als Salomon und Subhro doch der Herr Erzherzog beliebte die beiden derart umzu”taufen”. Es gefiel ihm besser, er konnte es sich besser merken und sein Volk fürderhin wohl auch. Jedenfalls bewältigt die Reisegruppe auch diese Strapaze durch die verschneiten Berge, das Tal der Eisack, den Brenner hin nach Innsbruck, von wo aus man ein Schiff nahm die Inn hinunter und dann die Donau bis kurz vor Wien. Dort verließ man den Fluss und näherte sich der großen Stadt zu Land, in gehöriger und angemessener Pracht. Unvergessen bis in die heutigen Tage ist beim Einzug in die Stadt die Rettung eines Mädchens vor dem sicher geglaubten Tod durch Soliman [2], das – da können wir sicher sein – der gesamten Familie der Proboscidea (auch wenn diesen Begriff als solchen damals in Wien niemand gekannt haben dürfte) zu einem äußerst positiven Ansehen verhalf. Soliman selbst konnte dieses Ansehen nicht allzulange geniessen, wohl vertrug er das Klima nicht, von artgerechter Haltung war man noch weit entfernt und so verschied der Elefant nach relativ kurzer Zeit noch, sozusagen, im jugendlichen Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren…. sein Mahut dagegen, der nach dem Tod des Vertrauten zurück wollte nach Portugal, verschollte auf just dieser Rückreise, so daß das Ende der Geschichte – und so auch des Romans – kein glückliches ist.


saramago cover

Saramago hat mit dieser Reise des Elefanten ein exotisches Thema für seinen Roman gewählt. Es ist nicht ganz neu, Salomon oder Soliman, wie er auf dieser Etappe ja heißt, hat mit dem karthagischen Feldherrn Hannibal, der im Zweiten Punischen Krieg 218 v.Chr einen berühmten Vorgänger, der in seinem Heer bei der Alpenüberquerung ebenfalls (allerdings afrikanische Wald)Elefanten mit sich führte. Salomon dagegen ist in friedlicher Mission, in höherem politischem Auftrag auch, unterwegs. Eine solche Reise Mitte des 16. Jhdts ist naturgemäß etwas besonderes. Zwar ist die Existenz des Elefanten als solchem kein Geheimnis, man hat von diesen Riesen natürlich schon gehört, in Bestiarien sind sie schon seit langem abgebildet [4], aber einen gesehen hat in Mitteleuropa wohl kaum jemand in diesen Zeiten. Die Reise war daher eine Sensation, die dazu taugte, selbst in Mythen, Geschichten, Sagen und Anekdoten einzugehen [2]. Und selbstverständlich färbte der Ruhm des Elefanten auch auf den Besitzer ab, den Erzherzog, der seinen Untergebenen dieses Schauspiel bot.

Für den Elefanten (wie für den Mahut) war die Reise eine weitere, erzwungene Emigration, der Autor bringt diesen Vergleich. Und er führt ihn weiter aus, daß nämlich aus dem Dahinvegetieren in Portugal ein emsiges, fleißiges Laufen geworden ist, Aktivität mithin, so wie dies allgemein bei Wirtschaftsemigranten zu beobachten sei [3].

Im großen und ganzen verläuft die Reise planmäßig und unaufgeregt. Einige wenige Höhepunkte gibt es, das Aufeinandertreffen der beiden Delegationen erwähnt ich schon. In Padua später baten Priester den Mahut um die Verrichtung eines Wunders, seien doch die arrangierten Wunder meist einprägsamer und eindrucksvoller als die natürlichen. Um dem aufblühenden Protestantismus (für den der Erzherzog Sympathien hatte) etwas entgegen zu setzen, sollte Soliman vor der Basilika auf die Knie fallen…. daß Salomon zu dieser Zeit schon lange exkommuniziert ist (aber das ist eine andere Geschichte, in der Ganesha eine wichtige Rolle spielt), stört das Wunder nicht….

So bleibt dem Autoren viel Zeit und Raum, abzuschweifen, sich diversen Themen, und liegen sie auch nur am Rande der Geschichte, zu widmen. Oft nimmt er dabei den Mahut als Ausgangspunkt, der durchaus gewitzt und – da aus einem anderen Kulturkreis stammend – mit weiterem Horizont wie viele andere, auch andere Fragen stellt und manches in Frage stellt, wobei Subhro sich aber immer seines “Ranges” bewusst ist aber auch seiner Bedeutung, denn wer ausser ihm hätte mit Salomon schon umgehen können? Desweiteren scheut sich Saramago nicht, sich selbst als Autoren mit ins Spiel zu bringen, auch Bezüge herzustellen zu unseren Zeiten…

Bis auf ein paar Seitenhiebe gegen die Kirche und ihre Vertreter, natürlich die Blasiertheit des Adels, dem alles als Mittel dient, seine Ziele zu erreichen und gegen das Militär, dem vor allem der Eindruck, den es schindet mit seinem Auftritt, wichtig ist, ist dieser Roman im wesentlichen eine schöne, angenehm unterhaltende Lektüre. Als Leser schwitzt man mit den Figuren des Stücks, man staubt ein und wird durchnäßt von Regenschauern, man rutscht mit ihnen im Eis und trägt weiße Schneedecken wie Soliman seinen Eispanzer….

Eine Besonderheit weist der Text von der Gestaltung her auf: er sieht aus wie ein einziger langer Fließtext, kaum unterbrochen von Absätzen und ist trotzdem leicht und schnell lesbar, da in Wirklichkeit sehr szenisch in vielen Dialogen geschrieben ist, nur daß die wörtliche Rede durch ein Komma und einen folgenden Großbuchstaben dargestellt wird.

Schlußendlich bleibt also festzuhalten, daß Die Reise des Elefanten ein nettes Lesevergnügen ist, unterhaltsam, meist kurzweilig und immer intelligent, mit einem sympathischen Elefanten und seinem bemerkenswerten Mahut.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Autoren:  http://de.wikipedia.org/wiki/JoséSaramago
[2] zum historischen Ereignis gibt es natürlich auch Quellen wie z.B. diese hier: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/wien/allgemein/derersteelefant.html oder diese zwei: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Zum_schwarzen_Elefanten
(1,Graben)  bzw. http://www.felinx.de/MarianneZollner/index.php/ueber-mich/mein-engagement/82-soliman.html und natürlich widmet die Wiki Soliman und seiner Wanderung einen Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Soliman(Elefant)
[3] Eine Bemerkung, die ungeahnt aktuell ist, angesichts der Flüchtlinge aus Afrika, deren Willen zu arbeiten aber hier bei uns meist ausgebremst wird.
[4] wie hier in dem aus dem 13. Jahrhundert in einem Kampf gegen ein wirklich mythisches Tier:  http://de.drachen.wikia.com/wiki/Datei:Bestiary_Dragon_Elephant.jpg

[B]ildquellen:

Holzschnitt “Soliman in Wasserburg/Inn“:  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Soliman.1.jpg?uselang=de#globalusage; Abbildung: gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

José Saramago
Die Reise des Elefanten
Aus dem Portugiesischem übersetzt von Marianne Gareis
Originalausgabe: A Viagem Do Elefante, Lissabon, 2008
diese Ausgabe: Hoffmann und Campe, HC, ca. 240 S., 2010

Ilija Trojanow: EisTau

15. März 2015

eistau-cover

“Die Hölle ist kein Ort; die Hölle ist die Summe unserer Versäumnisse.”

Ilija Trojanow, polyglotter Weltenreisender und -sammler [1, 2] hat diesen schmalen Roman über den an der Welt verzweifelnden Glaziologen Zeno Hintermeier im Jahr 2011 veröffentlicht. In zwölf Abschnitten begleiten wir diesen sowohl auf einer Reise mit einem Kreuzfahrtschiff in die Antarktis [3] als auch in seinen Erinnerungen und Gedanken in die eigene innere Welt, die sich immer weiter von der der anderen abkapselt. Befassen wir uns zur Einstimmung erst einmal mit der realen Welt des Augenblicks…

Die Schiffsfahrt in die Antarktis nimmt ihren Anfang in Ushuaia, im Süden Argentinienes gelegen, der südlichsten Stadt dieser Erde [4]. An Bord als Vertreter des erkrankten Expeditionsleiters ist dieser etwas rundliche, mittlerweile schon über sechzig Jahre alte ehemalige Wissenschaftler. Er ist für die Gäste verantwortlich, es gilt Regeln einzuhalten im Umgang mit den Tieren und dem Eiskontinent, den Menschen sind mittels Vorträgen und Erklärungen gewisse Tatsachen und Fakten zu vermitteln, selbstverständlich steht er mit den anderen Lektoren immer für Fragen zur Verfügung. Außerdem natürlich ist dafür zu sorgen, daß der Eindruck der erhabenen Einsamkeit der Landschaft für die Passagiere nicht zerstört wird: täglich ist mit anderen Kreuzfahrtschiffen der Tagesablauf zu koordinieren, auf daß man sich nur ja nicht begegne…

Es ist eine Art Verzweifelungstat, die Zeno Hintermeier auf die MS Hansen gebracht hat. Seit frühester Jugend ist er in Gletscher verliebt, in die Kälte, das Eis, die überirdische Bläue der Hohlräume, die Kapellen gleichen. Strudelnde Wasserläufe, Spalten, Ritzen, das Geknarze und Gegurgel, wenn diese Eiswesen lebendig und schirr lebend sich äußert. Es ist nur folgerichtig, daß der junge Mann Glaziologe wird, daß er andere junge Menschen den Gletscher lehrt, ihn mit ihnen begleitet, beobachtet, vermisst. Aber was nutzen all die Graphen, Skizzen, Listen, Tabellen, Zahlen, Funktionen.. eines Tages, von einer Krankheit genesen und wieder nach Hause gekommen, packt er sofort seine Sachen und besucht seinen Gletscher, die Frau zuhause sieht´s mit ungläubigem Erstaunen. Doch dieser Besuch im Sommer wird zur Sterbebegleitung: der Gletscher ist nicht mehr da. Hie und da noch ein schmutzig-grau bedeckter Eisbrocken, den er an sich drücken kann, er fällt auf den Boden in das Geröll und krümmt sich in seinem Schmerz und des Eises Tod [5].

Die Ehe scheitert, Hintermeier verläßt die Universität, reduziert seine Habe bis auf weniges, was er noch zu brauchen glaubt und  fängt an, für die Reederei zu arbeiten und in der Antarktis seinem geliebten Eis wieder nahe zu kommen.

Er wird schnell als Sonderling angesehen, durchaus anerkannt und geschätzt, aber verbissen, eine Spaßbremse für jede Gesellschaft. Einzig Paulina, eine der Phillipinas auf dem Schiff, kommt ihm nahe, mir ihr hat er ein Verhältnis, das jeweils so lange dauert, wie sie an Bord sind. Ausserhalb dieser Zeit aber gehen sie ihre eigenen Wege…

Doch schnell merkt er, daß er seine geliebten Gletscher, sein Eis den Menschen nur vorführt wie ein Dompteur im Zirkus die Löwen. Sicher auf dem klimatisierten Deck hinter Panoramafenster sitzend, mit Feldstecher und Fotoapparat bewaffnet, wird die Natur in gebührendem Abstand beobachtet oder abgehakt, wie es die Vogelbeobachter mit ihren Objekten der Begierde tun. Sie registrieren nicht das schwerelose Schweben und Gleiten im Sturmwind, das Hinabschießen der pfeilschnellen Körper in die Wogen der See, für sie sind die Daten wichtig: wann, wo und welcher….

.. Du bist nur Gerede. Deine Empörung ist ein Furz. Du lässt Luft ab,
du stänkerst herum, ansonsten bist du wie alle anderen, nein,
schlimmer noch, du weißt Bescheid und du läßt dir dein Wissen versilbern.

Dieser Vorwurf des Wirtes aus der Spelunke in Ushuaia bohrt in ihm, der kaum noch aus seinen Alpträumen erwacht und ein hingeworfenes Wort, ein Gedanke nistet sich in ihm ein: Entführung. Eine Entführung würde das Spektakel glaubwürdig machen, die Pseudoaktion eines Künstlers, der eingeflogen wird, weil er mit den Passagieren ein lebendes SOS Zeichen auf dem Eis bilden will: die Gletscher werden vergewaltigt als Kulisse für einen Egomanen. Dieser Gedanke nistet sich in ihm, der immer radikaler wird im Denken und im Handeln, der es leid wird, Kompromisse einzugehen, ein und wird zu seiner fixen Idee.


Mit Zeno Hintermeier hat Trojanow eine tragische Figur geschaffen. Ein Mensch, der seit frühester Kindheit fasziniert ist von einem Naturphänomen, fixiert ist auf dieses Phänomen, so sehr, daß er darüber hinaus menschliche Beziehungen leiden läßt. Das Scheitern seiner Ehe, die Rückkehr in das Alleinsein: es scheint ihm nichts auszumachen, man könnte sogar auf den Gedanken kommen, es sei ihm recht. Sein Lebensverlust ist nicht Helene gewesen, sondern es war der Gletscher, den er mit seinen Studenten umsorgte und vermaß – und der ihm im wörtlichen Sinne unter den Händen weg starb. So waren für ihn auch konsequenterweise die weißen Tücher, die man andernorts über Gletscher spann, um sie vor der Sonne zu schützen – Leichentücher. Wer wollte ihm da widersprechen?

Mit dem Gletscher starb seine “Daseins”berechtigung, er verließ die Arbeitsstätte, die Heimat, um im tiefsten Süden wieder Gletscher und Eis zu finden. Und ironischerweise verrät er dieses Glück damit auch gleich wieder, in dem er es zahlenden Touristen, für die es einfach eine weitere Attraktion auf einer Liste zu besuchender, darbietet. Dieser Widerspruch radikalisiert ihn, treibt ihn immer weiter in die Isolation auch zu den anderen Crewmitgliedern, die seine eifernde Grundeinstellung nicht nachvollziehen können.

Zeno wird das Menschsein satt, er verzweifelt am Menschen, der als Einzelner in seiner Unbelehrbarkeit, seiner Arroganz und Bequemlichkeit und als Masse in seinem aggressiven Machtstreben seine Umwelt und damit seine eigene Lebensgrundlage letztlich zerstört. Das Schiff mit seiner Crew und den Passagieren ist Trojanow ein Bild für die Menschheit als Ganzes. Das Fremde ist dem Menschen nur als Attraktion lieb, wenn um die Eisberge die Grilldüfte, die an die Heimat, das Gewohnte, erinnern, wabern und Reggaeklänge zu hören sind. Sich einzulassen auf das Neue, Unbekannte, es anzunehmen ohne die Sicherheitsleine, die einen mit der Heimat verbindet, ist ihm nicht möglich. Das ist Zenos Welt nicht mehr, sein irrwitziger Plan reift in ihm und Erlösung verspricht ihm nur das Eintauchen in seine Welt, die er mehr liebt als sein Leben.


Trojanow läßt seinen Protagonisten ein Tagebuch führen, dem er, der mit realen Menschen immer weniger kommunizieren kann, seine Gedanken, seine Erinnerungen, seine Empfindungen, anvertraut. Es ist ein Dokument wachsender Verzweifelung in einem Menschen, der – auf ein Objekt fixiert – über das Engagement sich steigert bis in eine Art Obsession, die ihn zum Aussenseiter macht, die ihn selbst in gewisser Weise zu einer Art “Fremden” werden läßt in den Augen der anderen: seine Kollegen können seine Handlungen und fundamentalen Ansichten, in die sich zunehmend auch Aggressivität mischt, immer weniger nachvollziehen und akzeptieren. Zeno ist die Erkenntnis fremd, daß Veränderungen nur dann erfolgen können, wenn Menschen überzeugt werden, also aus der Mitte heraus. Vom Rand, vom Extremen her, ist keine Veränderung möglich, von dort, wo er sich jetzt befindet, kann nur noch mit Gewalt allenfalls Aufmerksamkeit erregt werden – die das eigentliche Anliegen möglicherweise sogar torpediert.

In diese längeren Tagebucheintragungen sind jeweils kurze, anfänglich irritierende Textpassagen eingestreut, die eine wilde Melange von Schnipseln aus Fernsehnachrichten, Funksprüchen, Schlagertexte und ähnlichem darstellen, jeweils beendet von einer – im Verlauf des Buches erkennbaren – Nachrichtenfolge über einen terroristischen Akt in der Antarktis. Beide Textteile, Tagebuch und “Wortsalat” laufen mithin aufeinander zu, wobei letztlich die rudimentäre Nachrichtenfolge (“Breaking News”) mehr Fakten enthüllt als die nur andeutenden Tagebucheinträge.


Trojanows Roman über die Zerstörung der Umwelt am Beispiel der Gletscher macht keine Hoffnung. Sein Protagonist ist zu extrem in seinen Ansichten und Handlungen, seine anderen Figuren sind zu gleichgültig – mit beiden Einstellungen ist die Umwelt nicht zu retten. Ist sie es überhaupt? Und was bedeutet eigentlich “retten”? Das Bewahren des status quo? Und geht es überhaupt um die Umwelt, oder geht es nicht viel mehr darum, daß die von uns (mit)verursachten Änderungen der Umweltbedingungen unsere eigenen Lebensgrundlagen gefährden? Wir Menschen sind Teil der Natur und alles, was wir der Natur antun, tun wir uns an, nur verstehen wir das nicht.

Man kann Trojanows Roman aber auch als Geschichte eines Mannes lesen, der – auf ein Objekt fixiert – immer weiter in diese Fixierung gerät und der darüber die Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit mit anderen verliert. Das Hineingleiten in die Einsamkeit ist ihm im Gegenteil nur recht. Er ist überzeugt von seiner Sache, so sehr, daß er den Gegenüber mit seinen Argumente nicht mehr überzeugen will, sondern er will sie ihm einbleuen – was nicht gelingen kann und ihn in eine immer weitergehende Spirale der Entfremdung treibt, bis hin zu dem Stoßseufzer, daß er selbst keine Lust mehr hat, ein Mensch zu sein. Seine Tat ist mithin ein letzter, verzweifelter Akt eines Hilferufes, der in der rauen medialen Wirklichkeit schnell verpufft und ohne Wirkung bleibt, er selbst diskreditiert sich damit endgültig, auch wenn ihn das nicht kümmert….


Die Tagebuchform macht es dem Autor möglich, vieles nur anzureißen, ohne in die Tiefe zu gehen; der Plot hat zwei Aspekte, die ganz persönliche Geschichte seines Helden, die eingebettet ist in die Geschichte der immerwährenden Misshandlung der Natur durch den Menschen. Beide, Protagonist und Natur, scheinen nicht zu retten zu sein: bei ersterem können wir uns sicher sein, bei letzterer sieht Trojanow (so äußert er sich zumindest in einem Interview [1]) noch beschränkte Hoffnung, auch wenn diese Ansicht dem Buch nicht zu entnehmen ist. So stimmt die Lektüre beim Lesen nicht unbedingt zuversichtlich, zumal die Identifikationsmöglichkeiten mit dem Protagonisten nur gering sind: in seiner Fixierung und Radikalität bleibt er einem fremd.

Daß der Roman in der Kritik doch deutlich angegriffen wird  [6], kann ich für mich nicht übernehmen, mir hat er gut gefallen, auch wenn Zeno mit seinem Eigenheiten wie der Liebe zum Eis nicht den Geschmack der Mehrheit trifft und sein “Menschenhass” eher therapiebedürftig gewesen sein dürfte. Deshalb kann ich zur Lektüre des Romans durchaus raten: sie ist interessant und auch intellektuell herausfordernd sowie als Beispiel dafür, wie es wohl nicht geht, geeignet…

Links und Anmerkungen:

[1] Interview mit Iliya Trojanow, youtube-clip: youtube: https://www.youtube.com/watch?v=FYAqxhiuXuk
[2] Buchbesprechung des Weltensammlers von Trojanow hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/02/07/ilija-trojanow-der-weltensammler/ sowie des dazu gehörigen Berichts: Nomade auf vier Kontinenten: https://radiergummi.wordpress.com/2012/10/21/ilija-trojanow-nomade-auf-vier-kontinenten/
[3] dieser Link führt jetzt zwar auf einen Werbefilm, aber die im Roman geschilderte Fahrt der Expedition wird hier sehr schön nachvollziehbar. Trojanow selbst hat diese Reise zweimal unternommen: https://vimeo.com/89591330
[4] Wiki-Beitrag zu Ushuaia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ushuaia. Interessant und verblüffend ist der Vergleich der geographischen Breitenangabe der Stadt mit z.B. auf der nördlichen Hemisphäre des
Rathauses in Flensburg: 54° 47′ 3” nördlicher Breite und dagegen
Ushuaia: 54° 48′ südliche Breite
[5] Trojanow wird hier wohl auf den Wahnsinns-Sommer 2003 anspielen. In diesem Sommer war ich selbst in den Alpen am Jamtalferner und gut 2500 m Höhe. Es war über 25 Grad im Schatten, ich bin von einem Schatten in den anderen gelaufen, weil ich sonst “verbrannt” wäre. Von der Hütte, die beim (Ur?)Großvater des Wirtes noch direkt am Gletscher lag, der ihm derart als Kühlschrank diente, musste ich gut anderthalb Stunden laufen, bis ich am Gletscherfuss war… (http://de.wikipedia.org/wiki/Jamtalferner, siehe auch hier: http://www.gletscherarchiv.de/fotovergleiche/gletscher_liste_oesterreich)
[6] vgl. diese Übersicht bei Perlentaucher:  http://www.perlentaucher.de/buch/ilija-trojanow/eistau.html

Ilija Trojanow:
EisTau
diese Ausgabe: Hanser, HC, 176 S., 2011

Heinrich Vogeler: Sommerabend (auch Das Konzert), 1905 Bildquelle [B]

Heinrich Vogeler: Sommerabend (auch Das Konzert), 1905
Bildquelle [B]

Klaus Modick, erfolgreicher und produktiver deutscher Autor, hat mit Konzert ohne Dichter einen neuen Roman vorgelegt, der sich mit der bekannten Künstlerkolonie Worpswede befasst, in der um die vorletzte Jahrhundertwende einige Maler und Malerinnen lebten und arbeiteten. Besonders konzentriert sich der Autor auf Heinrich Vogeler, der so etwas wie das Zentrum der Kolonie war, sein Barkenhof (im Bild oben der repräsentative Eingang, den Vogeler bei der Renovierung eines herunter gekommenen Hofes neu gebaut hat) war Treffpunkt geselliger Abende, Vogeler war auch derjenige, der durch eine frühe Erbschaft und durch eigenen Erfolg ansehnliche finanzielle Möglichkeiten hatte.

Der Roman überstreicht einen Zeitraum von drei Tagen, nämlich vom 07. Juni bis zum 09. Juni des Jahres 1905. Vogeler ist in Worpswede, seine Frau Martha geht mit ihrem dritten Kind schwanger und er selbst hegt große Zweifel ob der Auszeichnung, die ihn am übermorgigen Tage in Oldenburg erwartet: sein Gemälde “Das Konzert” wird anlässlich der Nordwestdeutschen Kunstausstellung gezeigt und der 33jährige Vogeler selbst soll mit der Großen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet werden. Heinrich Vogeler ist darüber nicht glücklich, Modick hängt an die langjährige Geschichte, die dieses Bild mit sich trägt, seine Handlung auf.

 Heinrich Vogeler in Worpswede (1897) Bildquelle [B]

Heinrich Vogeler in Worpswede (1897)
Bildquelle [B]

Zuvor noch ein kurzes Wort zu Heinrich Vogeler, der nicht nur Maler war, sondern auch Buchillustrator, Designer, Grafiker…. Er war einer der Künstler, dem dem Jugendstil sein Gesicht gab, er arbeitete an der Zeitschrift Die Insel mit, gestaltete auch Buchausgaben des neu gegründeten Insel-Verlages. In Bremen hatte er mit der Gestaltung der Güldenkammer im Rathaus einen lukrativen Auftrag, in seinem eigenen Domizil in Worpswede umgab die Familie angefangen von Türklinke über Stuhl bis hin zur Lampe nur selbst Entworfenes: die Fülle dieser Kunstwerke, in denen er lebte und die er um sich herum geschaffen und angeordnet hatte, sollte ihm immer mehr zu einem inneren Gefängnis werden…

In Worpswede lebten und arbeiteten vornehmlich Maler (und mit Paula Modersohn-Becker eine Malerin, despektierlich – zusammen mit anderen Malerkolleginnen – von einigen Malweib genannt), Clara Westhoff war Bildhauerin. Wegen der Einstellung zu Frauen sollte sich die Gemeinschaft auch schnell zerstreiten, einige mehr konservativ-national ausgerichtete Mitglieder störten sich an ihnen und auch an einer gewissen künstlerisch-erotischen Freizügigkeit, die z.B. das Malen von Akten aus dem Studio heraus ins Freie verlegte.

Rainer Maria Rilke, 1900 Bildquelle [B]

Rainer Maria Rilke, 1900
Bildquelle [B]

Konzert ohne Dichter: Mit demjenigen, der nicht auf dem Bild ist, ist der Lyriker und Dichter Rainer Maria Rilke gemeint. Diesen hatte Vogeler 1898 auf einer Reise in Florenz kennengelernt, man fühlte sich schnell seelenverwandt und von anderer Gesinnung als der Rest der Gesellschaft, die die beiden umgab: gemeinsam entwich man dem Etablissement der Signora Aretino (sic!), um sich an anderem Orte weniger anrüchig (Vogeler umwarb in Worpswede die junge Martha Schröder) zu unterhalten. Rilke wusste Vogeler zu beeindrucken und wurde von ihm nach Worpswede eingeladen. Dort lebte er zeitweise, teils beherbergte Vogeler den finanziell immer klammen Dichter, später, nach der Hochzeit mit Clara Westhoff gab es aber auch ein kleines Häuschen für das junge Paar. Rilke reiste aber immer wieder unstet in die Welt, nach Paris zu seinem Idol Rodin, nach Russland oder auch “nur” nach Berlin zu seiner Amour fou Lou Andreas-Salomé.

In diesen Frühsommertagen des Jahres 1905 treffen wir Vogeler in einer Art Sinnkrise. Nachdenklich reflektiert der erfolgreiche Künstler sein bisheriges Leben, seine Arbeit, auch seine schon lange nicht mehr als Seelenverwandtschaft zu bezeichnende Beziehung mit Rilke. Alles ist irgendwie miteinander verwoben in diesen letzten ca. sieben Jahren: die Lebensläufe von Rilke und Vogeler, das Leben und die Entwicklung der Kolonie in Worpswede zu dem, was Paula Modersohn-Becker als “Familie” bezeichnete, die aber nur einen kurzen Sommer so bestand und nicht zuletzt durch unter den gefühlsmäßigen Verstrickungen von Rilke mit den beiden Frauen Paula Becker und Clara Westhoff litt.

Rainer Maria Rilke, in Florenz noch René Maria Rilke, kommt bei Modick nicht gut weg, man muss es so klar sagen. Für Rilke, so stellt es der Autor dar, zählt nur Rilke, Rilke möchte sich, so legt er ihm dessen innigsten Wunsch in den Mund, zurückziehen in das Kloster meiner selbst und dort mein Werk tun. Ich möchte alles vergessen, meine Frau und mein Kind und alle Beziehungen und Gemeinsamkeiten. Was sind die mir Nahestehenden denn anderes als Gäste, die nicht gehen wollen? 

Chronisch unter Geldmangel leidend nimmt er die oftmalige Hilfe Vogelers gern in Anspruch, man wird aber das Gefühl nicht los, daß er der Meinung ist, diese Hilfe sei man seinem Genie auch schuldig, er ist anmaßend, hochtrabend, arrogant – aber auch faszinierend. Sein Leben ist Arbeit, nie sieht man ihn ohne daß er murmelnd in sein Notizblock schreibt, Müßiggang ist ihm weitgehend fremd, ist er in geselliger Runde, senkt sich trübende Stimmung wie eine Wolke über die Gesellschaft. Seine Gedichte, Strophen und Zeilen wirken dagegen oft wie Zaubersprüche, die die Hörenden faszinieren – aber selbst diese Wirkung nutzt sich ab: Vogeler nimmt Rilke aus dem Bild, zwischen den Frauen an dem Tisch auf der linken Seite bleibt ein Platz frei, es war einmal der Platz des Dichters zwischen Clara und Paula….

So entsteht aus den Rückblenden, den Erinnerungen Vogelers langsam ein Bild der Worpsweder Künstlergemeinschaft im allgemeinen und Rilkes im Besonderen und über sowie im Gegensatz zu Rilke auch ein Bild Vogelers selbst, eines Künstlers, der trotz relativer Jugend teils ausgebrannt erscheint, an der Stufe steht zu einem neuen Lebensabschnitt, zu einer neuen Bestimmung. Das Bild deshalb, das alle so loben, ist ihm ein Ärger, zeugt es doch in seinem Verständnis von etwas Vergangenem, etwas, was zu Betrauern ist, was verloren gegangen ist: es ist mehr als der Dichter, der dem Bild fehlt, den er aus dem Reigen der Lieben entfernt hat: es ist die Gemeinschaft, die so nicht mehr existiert, das Gefühl, zusammen zu gehören. Nicht nur die Zaubersprüche Rilkes wirken nicht mehr, auch der Zauber des Bildes und dessen, was es abbilden sollte, ist verflogen….

Eine Reise, ja, eine Reise wird der Kunstknecht, als den er sich in bitteren Momenten sieht, unternehmen, dem allen entfliehen, andere Horizonte, heraus aus dem Käfig, mag er noch so gülden scheinen…..


Konzert ohne Dichter wird als Roman benannt, was Unsicherheiten beim Leser hinterläßt, bedeutet dies doch, daß Details (und das Buch ist detailreich) so gewesen sein können, es aber nicht sein müssen. Der Autor nimmt sich also ein wenig aus der Verantwortung heraus, in dem er sich die Freiheit eines Romanciers gönnt, der nicht an Fakten gebunden ist. In einer “Note” bezeichnet Modick Konzert ohne Dichter ausdrücklich als ein Werk der Fiktion, was diesen Widerspruch noch betont, denn das Buch kommt schon so her, als würde es eine Realität darstellen.

Modick deutet uns Figuren, die man unter ihrem Künstlernamen kennt, als Menschen. Seien es nun die Malerkollegen, die mal aufgeschlossen sind oder auch dem nationalen zuneigen, seien es die Frauen, die Rilke umschwärmen in nicht geklärten Verhältnissen, sei es Rilke, der sich als Dichter tiefsinniger Werke eigenständig unter Genieverdacht stellt. Insbesondere Rilke: ein beziehungsunfähiger Mensch, der immer auf andere angewiesen ist (es wird gemunkelt, die Fürstinnen (ein Hang zum Adel war ihm nicht abzusprechen) die er auf seinen Reisen bevorzugt besuchte, würde ihn auch mit Geld unter die Arme greifen) und der unstet in der Welt umher reist…. alles in allen eine komplizierte Konstellation um Vogeler und seine Frau Martha, die den Mittelpunkt der Worpsweder Gemeinschaft darstellen.

Modick wechselt in seiner Geschichte oft die Ebene, läßt die Gedanken seiner Erzählers, Vogeler, in die Vergangenheit schweigen, Jahre zurück: manchmal gerät man in Gefahr, den Überblick, in welcher Zeit man sich gerade befindet, zu verlieren. Und ein wenig vom verspielten Jugendstil hat Modick auch in sein Schreiben übernommen. Da ziehen im Stahlblau des Himmels Sterne schon mal glühenden Nadelspitzen gleich, auf; da treibt sich Rilke mit der Peitsche poetischer Metaphern ans Werk wie in ein düsteres Bergwerk. An anderer Stelle errötet zart das Laub der Eichen im Kuss des fahlen Altweiberlichts oder wartet unberührt eine fremde, silberne Welt, von Fabelwesen bewohnt, unter der Schwärze des Himmels…. blumig und verspielt also die Sprache Modicks, vielleicht ein wenig den Zeiten seiner Geschichte angepasst…

modick cover

So hat mir der Roman gut gefallen, er hat sich gut lesen lassen, ist intelligent und einfühlsam, in schöner Sprache geschrieben. Das Poetische, die Metaphern waren mir manchmal etwas viel, auch die Rückblenden und Erinnerungen verwirrten hin und wieder – aber das sollte niemanden abhalten, den Roman um Rilke und Vogeler und ihre Frauen und Freunde in Worpswede zu lesen: manches, was man vielleicht als nüchterne Fakten darüber weiß, füllt diese Geschichte mit ein wenig Leben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Heinrich Vogeler: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Vogeler (und seiner Frau Martha:  http://de.wikipedia.org/wiki/Martha_Vogeler
[2] Website des Künstlerdorfes Worspwede: http://www.worpswede24.de

[B]ildquellen:

Sommerabend: Heinrich Vogeler [Public domain], via  http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHeinrich_Vogeler_Sommerabend.jpg;
Heinrich Vogeler [Public domain], via Wikimedia Commons
Vogelerhttp://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Heinrich_Vogeler_-_1897.jpg;  von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons
Rilke: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Rainer_Maria_Rilke,_1900.jpg; von unbekannt.Alinea at de.wikipedia [Public domain], vom Wikimedia Commons

Klaus Modick
Konzert ohne Dichter
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, 240 S., 2015

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 512 Followern an

%d Bloggern gefällt das: