Edgar Rai: nächsten sommer

… in the summertime…. der Ich-Erzähler, dessen Namen man später im Buch erfährt, Bernhard, Marc und Zoe sitzen rum, langweilen sich vorm Fernsehen bei einem dieser absolut unbedeutenden Spielen von Bayern München. In diese schlurige Atmosphäre hinein erzählt Felix seinen Freunden, daß er von seinem Onkel Hugo, den er seit 18 Jahren nicht gesehen hat, ein Haus geerbt hat. In Südfrankreich. „Und was machen wir dann noch hier?“ Gute Frage…. am nächsten Tag geht es los, bis auf Zoe, die kurzfristig absagt, da sie lieber mit ihrem Chef Ludger auf Tagung fährt..

Die drei Jungs, irgendwo so im Alter Mitte/Ende Zwanzig sind unterschiedliche Typen. Sie haben noch keinen festen Platz im Leben (leben wie Felix sogar im Bauwagen…) und versuchen sich noch, sich in dieser komplizierten Herausforderung „Leben“ zu orientieren. Marc ist der Musiker, der seine positiven Energien aus seiner Gitarre schöpft, der Lebenskünstler, der sich am Leben erfreut und damit ist er genau das Gegenteil von Bernhard, der zwar ein Muskelpaket ist, aber auch der festen Überzeugung, ihm sei das Unglück und Ungemach dieser Welt zugeteilt worden. Freude und Spontanität sind nicht seine Stärken, zumal er die unglückliche und einseitige Liebe zu Zoe ebenso wie jetzt das Sterben seiner Mutter ertragen muss. Dazwischen steht Felix mit seiner Mathematikbegabung, der schon was sagen könnte, aber oft erst die Worte suchen muss und da er sie nicht immer findet, auch oft schweigt. Erinnert er sich deswegen an Benno, das autistische Kind, als er nach einem Glücksmoment gefragt wird, den er erlebt hat? Ihn belasten die Wunden seiner Kindheit unter seinem tyrannischen Vater, einem Vater, der ihn in den Heizungskeller einsperrte und der das Kind dort mit der Angst allein ließ, entweder im Öl des platzenden Tanks zu ertrinken oder ihn überhaupt nicht mehr hinauszulassen. Und so flüchtet sich Felix seit dieser Zeit, wenn es kompliziert wird, in seine Mathematik, er zählt im Geiste die Pentagonalzahlen oder die ungeraden Quadratzahlen auf, bei denen er sich sicher fühlt….

Irgendwie gehört der altersschwache VW-Bus zu einem richtigen Roadmovie dazu und so starten die drei von Berlin aus nach Südfrankreich. Gras haben sie offensichtlich genug dabei, Marc probiert sich an einem neuen Song, Felix fährt die meiste Zeit (was ihn davon entbindet, sich allzu aktiv an Unterhaltungen zu beteiligen) und Bernhard gibt sich seinen Zweifeln hin….

Ein Roadmovie, eine Reise ist immer auch und vielleicht sogar in der Hauptsache eine Reise ins Innere der Protagonisten, eine Entwicklung, die sie durchleben. Sie sind aus dem Alltagstrott ausgebrochen, offen für neue Erfahrungen, haben ein Ziel, das sie erreichen wollen und sie haben Schwierigkeiten zu überwinden. Ein Haus, ihr Ziel (oder genauer, das von Felix): ist es das Haus, das Zuhause, das Felix sucht, nachdem er es bei seinem Vater nicht hatte? 18 Jahre hat er seinen Onkel, der ihm viel bedeutete, nicht mehr gesehen, es ist genau die Zeitspanne, nach der man volljährig wird. Er überwindet diese zeitliche Distanz, indem er die räumliche überwindet, auch wenn sein Onkel tot ist, ist die Überschreibung des Hauses auf ihn eine Botschaft: du bist jetzt erwachsen, dies ist dein zuhause. Mach es besser als dein Vater!

Sie bleiben nicht allein, die drei im Bus. Zuerst gabeln sie Lilith auf, die auf dem Autobahnrastplatz wutentbrannt den Maserati verläßt, da dessen Fahrer vor allem unter ihrem Rock schalten und walten wollte. Und dann ruft Zoe an und will aufgegabelt werden, da sie gemerkt hat, wie der Hase läuft bei Ludger: ihr war die Rolle zugedacht, sich im Stand-By für den Quickie zwischendurch bereit zu halten, wenn er sich mal von Frau und Kind loseisen kann. So geht die Reise zu fünft weiter….

Das Leben, der Sinn desselben ist ihr Thema, wo ist der eigene Platz und was will man vom Leben. Musik machen, sich den dicksten Fisch im Teich an Land ziehen, die weibliche Indiana Jones werden…. Felix will den Tod annehmen und er will niemandem geschadet haben. Er ist bereit loszulassen, aber er ist nicht bereit, etwas festzuhalten, wie Lilith schnell feststellt. Er schläft nicht, er isst nicht, er trinkt nicht, er nimmt keine Drogen – er ist der „Nicht-Mensch“, er zieht sich zurück, er ist derjenige, der beim Schach bewusst darauf hinspielt, zu verlieren, damit der andere gewinnt. Felix definiert sich (noch) durch das „Nicht(s)“-Sein….

Sie kommen an an ihrem Ziel, Felix neues Haus. Aber es ist schon einer da, der es ihm streitig macht, der sein ganzes Leben beherrscht und bis jetzt zerstört hat, sein Vater, der ihm das Haus nicht gönnt, sondern es sich selbst unter den Nagel reißen will. Jetzt aber, nach dieser Fahrt und den Abenteuern, die er erlebt hat mit seinen Freunden, jetzt zeigt Felix Stärke, jetzt nimmt er diesen letzten Kampf, den er ausfechten muss, um zu sich selbst zu finden, an. Er stellt die Bedingungen, auf die sein despotischer Vater in seiner Selbstüberschätzung eingeht und dann begeht er es, das ultimative Verbrechen: den (symbolischenen) Vatermord (an dieser Stelle könnte man noch mal den Jens lesen zum Thema….). Der Vater verläßt das Haus und damit das Leben von Felix.

Natürlich muss man das Buch von Rai garnicht so deuten (und es gibt noch viele andere Stellen, die sehr symbolhaft sind), man kann es auch einfach als flott geschriebene Geschichte lesen, in der viel passiert, in der ein Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit vermittelt wird, in der alles geschehen kann und die den Wunsch weckt, auch in diesem Bus zu sitzen. Es passiert einiges in diesen Tagen, die Helden verlieben sich, bekommen zeitweise noch Zuwachs durch eine traurige-liebenswerte Französin, sie sterben fast, liefern sich haarsträubende Verfolgungjagden durch Pyrenäendörfer und müssen sich mir Jürgen auseinandersetzen. Und der Bus ist immer dabei…. Aber das lest jetzt selber!

Facit: Eine gelungene Mischung aus Selbstfindungstrip und Abenteuer, die keine Minute langweilig ist. Das richtige für den Sommer, mit garantiertem Fernweh-Effekt….

Link:

mehr für´s Auge als meine Besprechung bietet dieses Video von lettratv….
… und auch der offizielle Trailer des Aufbau-Verlages ist nicht schlecht….

(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Verlages.)

Edgar Rai
nächsten sommer
Kiepenheuer, 2010, 236 S.

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6 Kommentare zu „Edgar Rai: nächsten sommer

  1. Na, das hört sich jetzt aber wirklich interessant an. Obwohl ich mich frage, wie ein symbolträchtiger Roman zugleich auch einfach nur eine sommerliche Unterhaltungslektüre sein kann. Da muss ich es doch jetzt glatt selbst lesen, um es herauszufinden! :-)

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    1. Na ja, eine Reise kann immer als Symbol gesehen werden: der Aufbruch, das Bekannte hinter sich lassen, das Ziel, die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, bis man das Ziel erreicht hat…. und wenn dann noch über das Leben und dessen Sinn diskutiert wird und am Ende ein Show-Down wartet, nach dem sich dann alles neu zusammenfügt…

      Dieses Bild der Reise findet sich ja schon in den ältesten Büchern. Ob es nun die Israeliten sind, die 40 Jahre lang in der Wüste herumirren (und sich dann am einzigen Ort niederlassen, an dem es kein Öl gibt…), bis sie bereit sind, ob es die Prediger und Mönche sind, die in die Wüste gehen oder auch in vielen Eingeborenenstämmen, in denen Initionsriten mit Reisen oder Wanderungen verbunden sind…

      wie ich ja gesagt habe, man muss es nicht so interpretieren, aber man kann… und die Umsetzung, das Füllen dieses Gerüstes mit einer äußeren Geschichte ist Rai gut gelungen, immer unterhaltsam, zum Teil sogar richtig gehend spannend… es wir dir bestimmt gefallen…

      lg
      fs

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