Philipp Winkler: Hool

19. Oktober 2016

Cry For Love

hool


Philipp Winkler, 30jähriger Autor aus der Hannoveraner Ecke legt nach kleineren Veröffentlichungen in Magazinen und Anthologien mit Hool seinen Debütroman vor. Ein bemerkenswerter Einstieg in die ‚große‘ Literaturszene, denn Hool (schon vorher vom Literaturhaus Graz mit dem Retzhof-Preis prämiert [2]) wurde sofort für den Deuschen Buchpreis nominiert und findet sich sogar auf der ‚Shortlist‘ [2] wieder. Müßig zu erwähnen, daß der Besprechungen zu diesem Roman mittlerweile Legionen sind. So ist wahrscheinlich alles zu Hool schon gesagt, was es zu sagen gibt: aber noch nicht von mir! Ha! Wen das also nicht schreckt, der möge sich die nachstehende, weltweit einzigartige Permutation der Buchstaben zu Gemüte führen:


Hauptperson des Romans ist Heiko Kolbe, ein junger Mann aus schwierigen Familienverhältnissen. Der Vater Hans ist ein schwerer Alkoholiker, der sich vor Jahren aus Thailand eine Frau namens Mie mitgebracht hatte, die eher einem flüchtigen Geist gleicht als einem Wesen aus Fleisch und Blut. Heikos Mutter hatte die Familie verlassen, den Grund dazu zu erraten, ist nicht allzu schwer, zumal offensichtlich ein anderer Mann ihre Bedürfnisse besser bedienen konnte. Dann ist da noch die Schwester Manuela, etwas älter als Heiko, die sich ihrerseits mit spießigem Ehemann in einer Vorstadtidylle eingerichtet hat. Einzige familiäre Bezugsperson für Heiko ist jedoch sein Onkel Axel, der auch sein Arbeitgeber ist. Soweit man das so bezeichnen möchte: Heiko jobbt im Gym des Onkels, in dem sich all das findet, was dem gängigen Vorurteil nach dort angesiedelt ist: Drogen, Waffen, Gewalt. Ist man der Meinung, damit wäre Heiko schon ziemlich weit nach unten durch gerutscht. so sollte man sich erst einmal ansehen, wo und unter welchen Verhältnissen er schläft und lebt, wenn er nicht gerade im Gym ist oder eine ‚Match‘ hat….

Die ‚wahre‘ Familie Heikos sind nicht die Blutsverwandten, sondern andere Menschen, junge Männer, mit denen er zusammen in der Stammkneipe ´rumhängt, säuft, auf Tour geht: Axel, Kai, Ulf, Jojo und wie sie alle heißen mögen. Sie alle sind Fans des Fussballvereins Hannover 96, keine Ultras, die in der Kurve des Stadions stehen und ihre Choreos abziehen, sondern ‚Hools‘, die ihre eigenen ‚Matches‘ gegen die Hools anderer, verfeindeter Clubs ausrichten. Es gibt Absprachen über den Ablauf, bei den ‚Roten‘ ist Axel dafür zuständig, aber dieser baut Heiko langsam als seinen Nachfolger auf.

Für die Teilnehmer sind diese Kämpfe, die im Wald stattfinden oder auch in unübersichtlichen Gebäudekomplexen abgestorbener Innenstädte, ein Trip auf Adrenalinbasis, ein Kick, ausgelöst durch körpereigene Endorphine. Der Schmerz kommt erst hinterher, wenn die Kämpfe, die nicht sehr lange dauern, fertig sind. Es ist blutig, es kostet Zähne, die Lippen platzen auf, die Augen schwellen zu, die Nase wird meist grün und blau. Und das sind nur die harmlosen Verletzungen, die schnell wieder ausheilen, es gibt auch Schlimmeres….

Axel hat seinen Neffen als Nachfolger auserkoren, nur baut der Scheisse, weil er der Versuchung nicht widerstehen kann. Aus dieser verunglückten Aktion der jungen Männer heraus entwickelt sich letztlich eine Ereigniskette, die die „Welt“ Heikos zum Einsturz bringt.


Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose,
das von uns Hilfe erwartet.

(Rainer Maria Rilke)

Winkler erzählt die Geschichte um Heiko aus der Perspektive seiner Hauptperson und benutzt die wohl authentische, genital- und fäkalorientierte Sprache dieses Milieus. Dabei verzahnt er drei Erzählebenen: zum einen die aktuellen Vorgänge um Heiko und seine Leute, zum anderen die Vergangenheit dieser jungen Männer und die Geschichte dieser Hool-Gruppierung, des weiteren erfahren wir in den Rückblenden auch die Familiengeschichte der Kolbes.

Man muss jetzt nicht studierter Psychologe sein, um zu vermuten, daß die Gründe, die zu Heikos jetzigem Leben geführt haben, in erster Linie in der kaputten Familiensituation zu suchen sind. Der Vater, 96er Fan, schon immer dem Alkohol zugeneigt, war arbeitslos geworden, die Problemlösungsansätze bei ihm dürften nicht anders gewesen sein, wie später bei Heiko: Gewalt und Flucht. So wie der Vater in den Rausch geflohen war, so entflieht Heiko letztendlich der Familienstruktur und dockt beim Onkel an, der schon von seiner ganzen Statur her ‚Stabilität‘ und Rückhalt vermittelt und der die Gewaltbereitschaft Heikos in den entsprechenden Strukturen nutzt.

Gewaltbereitschaft: es liegt nicht an mangelnder Intelligenz oder Ausbildung. Die Schwester Manuela hat studiert, ist Lehrerin, Heiko selbst ist zwar zweimal durch das Abitur gerasselt (was sicher eher der Faulheit und der Unlust denn mangelnder Intelligenz geschuldet ist), aber immerhin hat er die Schule bis zum Abitur durchlaufen. Von daher finde ich im Gegensatz zum Kritiker der ZEIT [3] auch die leiseren Passagen, in denen der Slang der Gosse gegen teilweise sogar poetisches verlassen wird, nicht ganz so verwunderlich, irgendwas wird schon hängen geblieben sein von den vielen Jahren Schule; den ‚Stiftung-Warentest-Satz‘, den hatte ich mir aber auch dick angestrichen.

Beide Geschwister sind der Trostlosigkeit der Familie entflohen, beide dorthin, wo sie für sich ein besseres Leben erwarteten. Manuela in eine normale Ehe, deren kompliziertester Teil ihre Familie zu sein scheint, die man nicht abschütteln kann, Heiko in den Blut und Schmerz gründenden Zusammenhalt der Hools; auch er weiterhin unter dem Klotz am Bein, der Familie, leidend. Sein Lebensziel ist reduziert auf das Bestreben, Hannover 96 auf der Landkarte der Gewalt einen festen Platz zu schaffen, der Respekt und Anerkennung bedeutet, die Chance [zu nutzen], Hannover endgültig auf die Karte zu setzen. Noch wichtiger nach unserer Niederlage in Frankfurt. … Die Trostlosigkeit des Lebens, die er dafür in Kauf nehmen muss, seine armselige Unterkunft bei einem etwas eingeschränkten ehemaligen Auftragsmörder und jetzigem Halter exotischer Kampftiere, die öden Kneipen, in denen sie abhängen, die schlammigen Wege, auf denen sie zu den düsteren Kampfplätzen holpern: er nimmt sie zwar wahr, sie ficht ihn nicht. Er fängt dann an zu leben, wenn das Adrenalin angesichts der anderen ihn aufputscht, wenn der Magen zu steigen anfängt, der Tunnelblick einsetzt, mit dem er sich einen der anderen ausgesucht hat, wenn seine Faust in dessen Fresse landet und endlich Blut fließt, wenn die Wut, die sich in ihm eingenistet hat, alle Hemmungen davon schwemmt und er immer weiter schlägt, auch wenn der andere schon fertig ist und ihn die eigenen Leute wegzerren müssen….

… und doch, die Sehnsucht ist da. Die Sehnsucht nach menschlicher Wärme, nach Liebe, nach Zuneigung. Einsam die Nächte, die Heiko im Auto vor dem Haus von Yvonne verbringt, seiner drogenabhängigen Ex, die er vermisst. Tragisch/rührend auch die angesichts der Realität zum Scheitern verurteilten Versuche Manuelas, die ‚Familie‘ wieder zu reanimieren….. ‚Hallo, Frau Seidel‘, sagte ich und gebe ihr die Hand. Sie schenkt mir ein warmes, mütterliches Lächeln. Das hatte mir früher schon immer gefallen, auch wenn ich mir das natürlich nie eingestanden hätte. So was kannte ich von zu Hause auch nicht. Aber Jojos und Joels Mutter hat so eine Ausstrahlung, dass man sich am liebsten in eine Decke einmummeln und an einer heißen Schokolade nippen will. So bescheuert das auch klingt. … Immer wieder schildert Winkler solche kurzen Gefühlswallungen in Heiko, Momente, in denen er Zuneigung erfahren hatte, Augenblicke, die zu kurz waren und nur selten von den wichtigen Menschen kamen, der Mutter, dem Vater, um ihm die Sicherheit zu geben, geliebt und akzeptiert zu werden.

Diese Akzeptanz holt sich Heiko bei seinen Kumpels. Aber deren Welt ist brüchig. Vielleicht ist es die Schlüsselszene, die Winkler auf S. 232 schildert. Es gibt eine Auseinandersetzung zwischen Heiko und Ulf. Dieser fragt ihn: ‚Hast du schon mal einen kleinen – nur einen winzigen – Gedanken daran verschwendet, wie das alles mal enden soll?‘ und Heiko explodiert darauf hin, denn jeder seiner Kumpel hat irgendwas, was ihn auffängt: Ulf, dessen Frau ihm ein Ultimatum gestellt hat, hat seine Familie, Kai sein Studium und die Berufsaussichten, Jojo seinen Trainerjob. Und Heiko? ‚Ich habe null‘ ich forme mit dem Finger einen Kreis, ’nichts. Das hier‘, jetzt zeichne ich einen Kreis zwischen uns allen in die Luft, ‚das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du warum? Weil ich für das hier lebe. … ‚ 

Beide Geschwister, Heiko und Manuela, wollen auf ihre Art den ’status ante‘ wieder herstellen: Manuela will die zerbrochene Familie wieder kitten, Heiko will, daß seine Kumpels wieder zurückkommen, ihn bei den matches nicht im Stich lassen: Alles wird wieder so sein wie früher. Ein Wunsch, der nicht in Erfüllung geht….

Winklers Protagonist ist eine zerrissene Figur, die vieles von dem Elend, das sie sieht, bewusst nicht zur Kenntnis nehmen will. Es ist eine Parallel-Welt ohne Toleranz, mit hoher Gewaltbereitschaft, ohne adäquates Konfliktlösungspotential, sie existiert neben ‚uns‘, neben der normalen Welt. Aber die Barrieren sind dünn, ein falscher Blick, ein unbedachtes Wort können die Aggression sofort freisetzen. Es herrscht extremer Gruppenzwang, alles, was/jeder, der ausserhalb der eigenen Gruppe ist, ist potentieller Feind und fördert umgekehrt auch das Gruppenbewusstsein und den Zusammenhalt, denn allein ist man nichts – Kai muss dies im Roman am eigenen Leib ganz bitter erfahren.

Am Ende ist es nicht klar, ob Heiko so wie seine Kumpel, den Absprung findet – ob er ihn überhaupt finden will. Das letzte Match führt er in einer enthemmten Gewaltorgie, die andern müssen ihn von seinem Opfer wegreissen…

In Winklers Roman werden zwei Kategorien von ‚Hools‘ beschrieben. Zum einen die, die darin nur eine temporäre Sache sehen, die sie wieder aufgeben, wenn es sein muss. Heiko dagegen hat sich der Hool-Sache mit Leib und Seele verschrieben. In einem Anflug greinenden Selbstmitleids lamentiert er: Ich habe Null… nichts und vergisst dabei ganz, daß er selbst die Türen, die für ihn offen gestanden hätten, zugeschlagen hat: zweimal das Abitur versemmelt, auch würde sich sicher seine Schwester um ihn kümmern, wenn er sich – ändern würde. Aber daran denkt er wohl nicht…


Winklers Roman ist erschreckend, desillusionierend, in harter, kompromissloser Sprache geschrieben. Winkler selbst äußert sich dazu folgendermaßen: die sprache war in hools fall noch eher eine frage der „bildungsschicht“ (bei dem wort schüttelt’s mich), der lebensumgebung, der generation(en) als explizit des milieus – auch wenn die „szene“ natürlich ihre eigenen idiomatischen begriffe hat – und autobiografischer prägung/erfahrungen. es war eigentlich kein großes „einarbeiten“, da der slang des buches meiner eigenen lebenswelt und erfahrungen nicht meilenweit entfernt ist. [4]

Herausgekommen ist jedenfalls ein intensiver Roman ohne Illusionen und Gedankenschwere, aber voller Kraft und Tragik, mit einem Helden, der in der eigenen Beschränkung gefangen ist und für den Schlägereien die Möglichkeit darstellen, körperlichen Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Heiko erinnert an den Tiger [5]: wie dieser sitzt er in einer Grube und die Wände sind zu hoch und zu glatt, um dort raus zu fliehen… die Frage ist, ob er auch so endet wie dieser….

Ob dem Roman eine Quintessenz zu entnehmen ist – ich weiß es nicht. Möglicherweise ist es einfach ’nur‘ eine verdammt gut erzählte Geschichte und auch das wäre nicht wenig.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite des Aufbau-Verlags: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/autoren/philipp-winkler-a01
[2] Nomierungen zum Deutschen Buchpreis 2016: http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/
– Trotz längeren Bemühens habe ich über diese Preisverleihung (Retzhof-Preis) im Internet nichts finden können….
[3] David Hugendick: Aufs Maul; in:  http://www.zeit.de/kultur/…komplettansicht
[4] leider ist die zitierte nicht genauer verlinkbar:  https://www.lovelybooks.de/autor/Philipp-Winkler/Hool-1246190712-w/buchverlosung/1317121589/
[5] apropos Tiger: ein Nebenschauplatz, der mir doch etwas übertrieben vorkam…. und dann ‚Hut ab‘: eine ca. 60 m³ große Grube, 4 m tief, mit ca. 120 ³m Abraum (und ebensoviele Tonnen Gewicht),  an einem verregneten Nachmittag/Abend: das ist eine Leistung. Selbst mit Bagger.

Philipp Winkler
Hool
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, 310 S., 2016

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One Response to “Philipp Winkler: Hool”

  1. Silvia Says:

    Ich stehe auf verdammt gut erzählte Geschichten. Den Autor konnte ich bei einer Blind-Date-Lesung treffen. Ich frage mich nur, warum ich das Buch seit Wochen hier liegen habe und immer noch nicht gelesen habe. Wenn ich endlich dazu komme, werde ich den Legion der Rezensionen noch eine hinzufügen…

    Gefällt 2 Personen


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