Anne Tyler: Launen der Zeit

Die amerikanische Autorin Anne Tyler, 1989 mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet (http://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year/1989; eine Würdigung, die der Verlag auf seiner Autorenseite kurzerhand in das Jahr 1988 vorverlegt hat, er wird seine Gründe dafür haben…. https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/anne-tyler/) war mir bis dato unbekannt. Dabei ist die in Baltimore lebende Anne Tyler eine produktive Schriftstellerin, auf der schon zitierten Autorenseite wird die Zahl von zweiundzwanzig Romanen angegeben. Nun ja, man kann nicht alles und jede/-n kennen und das hat sich ja nun auch mit diesem Roman geändert.


2013 erschien in der ZEIT eine lesenswerte Würdigung der Autorin (Ilka Piepgras: Der Wert des Schweigens; in: https://www.zeit.de/2013/11/Schriftstellerin-Anne-Tyler-Gegenwartsliteratur/komplettansicht), in der ich vieles, was den vorliegenden Roman angeht, wieder erkannt habe, Tyler ist ganz offensichtlich ihrem Sujet treu geblieben. Es geht um Familie, um Geborgenheit, um Beziehungen, um das komplexe Leben miteinander, um die Frage auch, wie man mich in dieser Familienstruktur platziert. ‚Man‘ ist in diesem Fall Willa, die wir als elfjähriges Mädchen kennenlernen, im Jahr 1967. Sie leidet mit ihrer jüngeren Schwester Elaine (und ihrem Vater) unter der Sprunghaftigkeit, der Unzuverlässigkeit der Mutter, die hin und wieder einfach verschwindet, nicht mehr da ist und die so in den Kindern Angst hervorruft, was dieser, was jeder anbrechende Tag bringen mag. Kommt sie wieder, wann und in welcher Stimmung ist sie dann? Zusammen mit dem ruhigen und leisen Vater überbrücken sie diese Zeit der Verlorenheit, bis die Mutter dann wieder da ist als ob nichts gewesen wäre.

Damit hat mich Tyler – ich muss es zugeben – anfangs in die Irre geführt, dachte ich doch, es ginge um eine ’normale‘ Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dem ist nicht so. Dafür sind die Sprünge, in denen Tyler durch das Leben ihrer Protagonistin zieht, zu groß. So begegnen wir Willa im nächsten Abschnitt erst zehn Jahre später als Studentin wieder, die mit ihrem Freund Derek zusammen ist und diesen mit zu ihrer Familie nimmt. Die beiden sind heftig verliebt, Derek macht Willa einen Antrag, sie zögert, aber als Verlobte betrachten sie sich, aber dieses Vorhaben wird von den Eltern Willas nicht gutgeheißen. Sie wollen, daß Willa ihre Ausbildung fertig macht, aber letztlich ist der Zug zu Derek stärker, die Fassade der Freundlichkeit, die den Besuch bei Willas Eltern dato beherrschte, bricht zusammen…

Wieder ein großer Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, Derek und Willa haben zwei Söhne, Sean und Ian. Derek ist beruflich erfolgreich, Willa, jetzt Anfang vierzig, hat nach ihrer frühen Schwangerschaft nie fertig studiert. Ein wenig aufbrausend ist ihr Derek, wäre es gelassenere gewesen, wäre es nie zu diesem schlimmen Unfall gekommen. Jetzt steht Willa allein mit ihren Söhnen da, denen sie in Erinnerung an ihre eigene Kindheit immer versucht hat, eine unauffällige Mutter zu sein, bei der man keine Überraschungen zu befürchten hat, die verlässlich ist, die sich selbst zurücknimmt als Person. Der Verlust ihres Mannes wiegt schwer, nur langsam schafft es Willa, aus ihrer Trauer heraus wieder ein aktives Leben zu führen.

Im (so möchte ich sagen) Hauptteil des Romans, der dann ins Jahr 2017 gelegt ist, finden wir Willa erneut als Ehefrau wieder. Peter ist Rechtsanwalt, hat sich weitgehend aus seiner Kanzlei zurückgezogen und frönt in der Hauptsache dem Golfen, einer Tätigkeit, der Willa nichts abgewinnen kann. Und in Tucson, wohin das Paar der guten Golfbedingungen wegen hin gezogen ist, ist ein Kaktus ihr bester Freund. Auch in dieser Ehe sind die Verhältnisse klar, für Peter ist Willa ein ‚Kleines’…

Ein Anruf als Baltimore (der Stadt in der auch die Autorin lebt) sollte dies ändern, auch wenn das natürlich nicht von Anfang an absehbar ist. Denise, eine Verflossene von Willas Sohn Sean, ist angeschossen worden, die neunjährige Tochter Cheryl muss betreut werden und die damit völlig überforderte Nachbarin hat ausgerechnet die Telenonnummer von Willa auf einem Notizzettel in Denises Wohnung gefunden und diese in der Annahme, sie sei die Oma, angerufen und um Hilfe, vor allem aber Ablösung bei der Kinderbetreuung, gebeten.

Warum eigentlich nicht? Sie hat ja sonst nichts zu tun… Willa entschließt sich, nach Baltimore zu fliegen, Peter versteht das zwar nicht, aber da Willa in seinen Augen ja doch unselbstständig ist, fliegt er kurzentschlossen mit. In Baltimore finden die beiden sozusagen das richtige Leben vor: einen Mikrokosmos von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, von liebenswürdig bis seltsam, sozusagen eine richtige kleine Lindenstraße (obwohl ich mich bei diesem Vergleich auf dünnem Eis bewegen, habe ich doch keine einzige Folge dieser Serie gesehen…). Peter ist und bleibt ein Fremdkörper in diesem Biotop, während Willa sich im Lauf der Tage immer wohler fühlt. Sie organisiert, kauft ein, kocht, versteht sich blendend sowohl mit der ‚Enkel’tochter Cheryl als auch mit dem Hund des Hauses.

Willa hat bei Denise und Cheryl eine Aufgabe gefunden, sie stellt sich den Herausforderungen dieses speziellen Alltags, in den sie hineingeraten ist, und in demselben Maß, in dem sie zunehmend Handlungskompetenz gewinnt, tritt der innerliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben als Peters Frau (und auch als Seans und Ians Mutter) hervor und in den Telefonaten mit Peter, der inzwischen entnervt zurück nach Tucson geflogen war, verläuft der Heilungsprozess von Denises Schusswunde sehr, sehr langsam…


Launen der Zeit ist ein hübscher, kleiner Roman über eine Frau, die erst in fortgeschrittenem Alter zu sich selbst findet. Tyler vermittelt uns in den einzelnen Abschnitten prägende Epochen oder Ereignisse dieses Lebens. Die Kindheit, geprägt durch die Sprunghaftigkeit der Mutter, die nie das Gefühl einer schützende Sicherheit und Geborgenheit bei den Kindern entstehen ließ; der Flug mit Derek zu den Eltern, auf dem Willa ein schlimmes Erlebnis hatte, das ihr aber niemand glaubte, man gab ihr eher das Gefühl, ein kleines Dummchen zu sein; dann dieser schlimme Unfall, der sie zwang, ihr Leben neu zu organisieren, was offensichtlich in einer weiteren Ehe mündete, in der sie wiederum unselbstständig die ‚Kleine‘ war, die sich unterzuordnen hatte. Von ihrem Mann als Spleen abgetan, findet Willa jedoch in dieser seltsamen Konstellation als Pseudo-Großmutter etwas, was sie bisher noch nicht erlebt hatte: Menschen, die sie so nahmen, wie sie ist, die sie akzeptierten, die ihr Erfolgserlebnisse vermittelten und die sie emotional einhüllten.

Es geht in dem Roman um Willa, die anderen Figuren werden nur insoweit dargestellt, wie sie für Willas Geschichte wichtig sind. Das läßt Fragen offen, die einen interessieren würden, warum beispielsweise ist Elaine, Willas Schwester, so schroff geworden, oder auch nach den Söhnen, die kein besonders inniges Verhältnis zur Mutter zu haben scheinen, obwohl Willa sich die große Mühe gegeben hatte, gerade anders zu sein wie ihre eigene Mutter, um den Kindern eine ‚gute‘ Kindheit zu geben….

Tyler schreibt in diesem flüssigen Erzählstil, der einem beim Lesen mitnimmt. Es gibt keine tiefgründigen philosophischen Gedankengänge zu ergründen, alles ergibt sich automatisch aus den Schilderungen der jeweiligen Situationen und den vielen Dialogen, die die Lektüre der Geschichte kurzweilig machen. Es entsteht in der Tat so eine Atmosphäre, als ob man ‚dabei‘ sei, mittendrin, wie im Film sich eine Kameraeinstellung von oben in eine Situation hineinzoomt, bis man ‚drin‘ ist. Tylers Bücher sind Gratwanderungen, denn mit Rechtschaffenheit geht schnell Biederkeit einher, mit Häuslichkeit spießige Behaglichkeit schreibt Piepgras  in ihrem Aufsatz, konstatiert aber, daß Tyler diese Gratwanderung gelingt, insofern sollten ihre Geschichte auch einen Blick freigeben auf die Gesellschaft des amerikanischen Alltags. Gilt dies auch für diesen neuen Roman? Ich kann es nicht sagen, ich kann nur festhalten, daß mir automatisch der Begriff „eine nette Geschichte“ zu Willas Schicksal in den Sinn kam, eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Das Ende von Willas Geschichte läßt Tyler unentschieden, im wahrsten Sinne des Wortes: ihr stehen auf einmal viele Möglichkeiten offen, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Dazu ist es, dies kann man auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen, nie zu spät.

Anne Tyler
Launen der Zeit
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Originalausgabe: Clock Dance, NY, 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Michel del Castillo: Der Plakatkleber

Zu den großen Kriegen, die im letzten Jahrhundert in Europa stattfanden, gehört, auch wenn man ihn meist nicht so präsent hat, der Spanische Bürgerkrieg von Juli 1936 bis August 1939. Hier im Blog ist dieser Krieg ebenfalls mit ’nur‘ zwei Titel vertreten, einem älteren Roman von Stefan Andres Wir sind Utopia  (https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/07/stefan-andres-wir-sind-utopia/) und einem neueren Titel von Jason Webster: ¡Guerra!, einer Art Reisebericht durch Spanien auf den Spuren des Bürgerkriegs (https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/04/jason-webster-guerra/).

Von Nordafrika ausgehend putschten seinerzeit die Faschisten unter General Franco gegen die Zweite Spanische Republik, einem Bündnis aus Republikanern und Sozialisten. Dieser Krieg Spaniens gegen sich selbst wurde von beiden Seiten mit großer Grausamkeit geführt, er war sozusagen ein Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Die Faschisten aus Deutschland und Italien unterstützten Franco, die Legion Condor ist Symbol dafür geworden, mit seinem Gemälde Guernica  (https://de.wikipedia.org/wiki/Guernica_(Bild)) hat Picasso ein Mahnmal gegen deren Wüten geschaffen. Andere Staaten, wie die USA, Frankreich oder England, hielten sich heraus, auf der anderen Seite war die Unterstützung der Sowjetunion für die Sozialisten und Kommunisten gering, musste ausserdem teuer bezahlt werden. (Ein kurzer Überblick über die damaligen Ereignisse findet sich z.B. hier: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/231078/1936-spanischer-buergerkrieg-14-07-2016.)

Das Leben des Autoren ist durch diesen Krieg geprägt. Michel del Castillo wurde 1933 als Kind eines französischen Vaters und einer spanischen Mutter in Madrid geboren. Nach der Scheidung der Eltern versuchte die Mutter dem Bürgerkrieg mit ihrem Kind in Südfrankreich zu entgehen. Dort kamen sie in ein Internierungslager, wurden später denunziert und 1942 nach Mauthausen deportiert. (http://www.elle.fr/Personnalites/Michel-Del-Castillo, bzw. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_del_Castillo)


Den vorliegenden Roman hat del Castillo als fünfundzwanzigjähriger junger Mann veröffentlicht, er verarbeitet darin sowohl die eigenen Erfahrungen des Bürgerkriegs als auch die anderer: Ich habe mich nur an das gehalten, an das ich mich erinnere, und an das, was mir Dutzende von glaubwürdigen Zeugen erzählt haben.  Ebenso hält er fest:  Als ich die Augen [als Kind] öffnete, fiel mein Blick zunächst auf blutige Szenen. Die lyrischen Tiraden der Republikaner und Einschläge der Bomben waren die Wiegenlieder meiner frühen Kindheit. In einem Alter, in dem Kinder sonst mit einem Teddybären in den Armen einschlafen, ging ich mit leerem Magen und zugeschnürter Kehle in den Keller des Hauses, das ich mit meiner Mutter bewohnte. Der Bürgerkrieg, der das Land, in dem ich geboren war, zerriß, hat mich für lange Zeit zu einem Verbannten und Geächteten gemacht. Ich bin ein Produkt dieses Krieges.

Die Handlung des Romans setzt schon auf den ersten Seiten unvermittelt und brutal ein. Die Mutter schlägt den kleinen Bruder, der große Bruder schlägt die Mutter, erfährt daraufhin von dem Kleinen, daß er diese gesehen hat, wie sie es mit einem anderen Mann in irgendeiner Hausecke getrieben hat. Olny, der irgendwann in späteren Jahren mal ‚Plakatkleber‘ genannt werden wird, der jetzt der größere Bruder ist, nimmt daraufhin sein Messer, geht zu dem Mann, fordert ihn zu einem Kampf und tötet ihn. Es interessiert keinen außerhalb des Viertels, und innerhalb? Wird er zum Helden, sein Kampf wird von den Zuschauern diskutiert und analysiert.

Es ist das Barackenviertel in Madrid, ein Ort unsäglich erbärmlicher Zustände, ein Ort der Gewalt, der Brutalität, des Hungers, der Arbeitslosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, des permanenten Alkoholrausches. Olny, die Titelfigur, hat ‚Arbeit‘, wenn man das so nennen will, er läuft den ganzen Tag mit einem Plakat behängt, durch Madrids Straßen, an den Cafés vorbei, in denen die Schönen und die Reichen den Tag genießen. Dafür erhält er eine Suppe am Mittag und soviel Geld, daß es für ein Brot reicht…

Durch Ramirez, einen Arbeitskollegen, kommt er in Kontakt mit einer Gruppe von Männern, die von einem kommunistischen Agitator mit Namen Santiago de Leyes unterwiesen wird und er ist begeistert – von dem, was der Mann erzählt und von Santiago selbst. Auf dem Rückweg von dem Treffen zerstreitet er sich jedoch mit Ramirez wegen dieses Mannes, konstatiert Ramirez doch ungerührt, die Revolution werde auch Santiago liquidieren. … Er ist adlig und er ist nicht zuverlässig. … Die Revolution ist dazu da, um diese Leute zu beseitigen. ..Er kriegt dann ’ne schöne Beerdigung.

Olny hat noch Träume und er verliebt sich in Marianita, einem Mädchen, dem er früher einmal mit seiner Clique Gewalt angetan hatte. Jetzt jedoch findet er Frieden in ihrer Gegenwart und zusammen mit Francisco, Olnys jüngeren Bruder, verlassen sie das Barackenviertel, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie finden es nicht, und schließlich kommen sie zu Santiago und dieser hilft ihnen, bringt sie unter, sorgt für Arbeit und zusammen mit dem Kind, das Marianita unter dem Herzen trägt, könnte die Zukunft gelingen.

Die Zeiten sind unruhig in Madrid, immer wieder kommt es zu Schlägereien, Olny engagiert sich mittlerweile politisch, er ist Kommunist geworden, wird der ‚Plakatkleber‘. Eines Abends wird er von Faschisten aufgegriffen und erst Santiago gelingt es, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen… Marianita trifft nicht mehr den Olny an, den sie gekannt hat. In seiner Not sucht Olny, als er wieder zuhause ist, Ramirez auf, der mittlerweile Funktionär ist und bittet ihn um Hilfe. Obwohl sich beide mittlerweile hassen, ist Olny für Ramirez unangreifbar geworden, seine Qualen unter den Faschisten haben ihn zum öffentlichen Helden gemacht. So übt Ramirez‘ seine Rache an Olny subtiler, aber um nichts weniger grausam, aus…

Olny ist zwar die Titelfigur des Romans, aber mindestens genauso wichtig ist Santiago de Leyes. Dieser entstammt einer adligen Gutsbesitzerfamilie, die anders als die meisten, sich gut um ihre Leute kümmert. Santiago teilt die Ideale des Kommunismus, den er den Arbeiten nahe zu bringen sucht, aber er merkt früh, daß etwas ins Kippen kommt, daß die Idee funktionalisiert wird, daß sich eine Clique von Kommunisten die Macht sichert und ihm wird klar, daß sie diese Macht mit allen Mitteln verteidigen wird. Die Revolution, auf die alle hoffen, ist für sie nur Mittel Zweck. Zudem kommt bei Santiago eine mystische Komponente ins Spiel. Die Frage nach Gott, nach einem gottgefälligen Leben, nach einem guten, sinnvollen Leben, tritt für ihn immer mehr in den Mittelpunkt. Santiagos Weg im Roman ist nicht einfach, für die Adligen ist er Verräter, weil er Kommunist ist, für die Kommunisten ist er Verräter, weil er Adliger ist und besonders auch, weil er die Partei verlassen hat. Jedoch findet er, je gefährlicher und entwürdigender seine Situation wird, seinen inneren Frieden. Letztlich ist er die einzige Figur des Romans, die in diesem Krieg mit Würde ausgestattet ist.

Der Bürgerkrieg wird von beiden Parteien mit großer Grausamkeit geführt, dazu kommen noch die Luftangriffe der Deutschen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, die viele Todesopfer fordern. „No pasarán – Sie kommen nicht durch“: mit diese Parole treten die schlecht oder gar unbewaffenten Männern den regulären Soldaten Francos entgegen. Sie können den einen oder anderen Erfolg erringen, aber letztlich werden sie geschlagen und Franco errichtet seinen faschistischen Staat. Die Schlussworte des Romans lauten:

Drei Jahre sind vergangen. General Franco hat den Krieg gewonnen. Seine Truppen sind über die Castellana [Der Paseo de la Castellana ist eine der wichtigsten Hauptstraßen von Madrid] marschiert. Eine begeisterte Menge hat ihnen zugejubelt.
Ramirez hat Madrid beizeiten verlassen können. Er lebt in Frankreich.
Olny ist mit Marianita zusammen wieder in die Barackenzone gezogen. Ihr Sohn ist beinahe vier Jahre alt. Die Kinder in der Zone behaupten, Olny sei verrückt geworden. Er verbringt seine Tage in den Kneipen und prügelt regelmäßig seine Frau.
Die Barackenzone ist von dem Krieg nicht sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der Kreis hat sich somit geschlossen. Die Lebensumstände für die Armen und Ausgebeuteten haben sich praktisch nicht geändert, alles war vergebens… die Hoffnungen waren umsonst.


In del Castillos Roman liegen die Sympathien eindeutig auf der Seite der Armen, der Arbeiter bzw. des Proletariats. Aber wie seine Figur des Santiago de Leyes sieht er, daß auch der Kommunismus, der vordergründig angetreten war, die Arbeiterklasse zu befreien, diese Freiheit nicht bringt, nicht bringen kann, in einem Nachwort rechtfertigt und erklärt er sich: Ich bin nie Mitglied der KP gewesen und bin infolgedessen auch keine Renegat. ich bin allerdings auch kein Antikommunist. Der Kommunismus hat weder Apologeten noch feindliche Kritiker nötig. Er ist, was er ist, und jeder muss Stellung zu ihm nehmen. … Die Anschuldigungen, die ich gegen die KP erhebe, die Verbrechen, für die ich sie verantwortlich mache, werden nur einige wenige einfältige Gemüter überraschen. Wir wissen alle, daß der Jubel von morgen immer mit den Tränen von heute bezahlt wird. [zur Erinnerung: der Roman wurde Ende der 1950er Jahre geschrieben].

Dieser Schilderung der politischen Situation und Lage stellt del Castillo in Santiago ebenfalls ebenfalls eine stark spitituell geprägte Sehnsucht nach Gott gegenüber. Das verbindende Element dieser beiden sich auf den ersten Blick zu fremd scheinenden Gedanken liegt in Jesu, der mit den Armen war, den Ausgestoßenen, den Geringen. Ihnen half er, ihnen brachte er Erlösung, zu ihnen sprach er… Den Widerspruch, den Santiago in der Praxis miterleben musste, daß nämlich der Kommunismus den Menschen als „seelenloses Werkzeug“ [Klappentext] missbrauchte, löste er, in dem er lossagte und sozusagen sein eigenes ‚Kreuz‘ bis zum bitteren Ende trug…

del Castillo schildert uns die Lebensläufe seiner Figuren, ihre frühen Hoffnungen auf ein zufriedenes Leben, die zunichte gemacht wurden und sie ins Elend stürzten. Er macht nachvollziehbar, daß die Menschen von der Verzweiflung übermannt/-fraut worden sind, daß sie hoffnungslos sind und sich betäuben, um darin einen Fluchtweg aus dem tristen Alltag zu finden – oder sich eben politisch zu engagieren und dem lockenden Trugbild einer gerechten Zukunft nachzulaufen. Diese Passagen des Buches nehmen ein wenig das Tempo aus der Handlung, sie sind reflektiv, beschreibend, analysierend, geprägt auch von Selbstgesprächen bzw. und Dialogen.

Die Handlung selbst stellte die trostlose Wirklichkeit des Lebens der Armen war, für die das Barackenviertel Madrids ein Symbol ist. Kurze Zeit flackert Hoffnung auf, bevor diese in einem blutigen Kampf, den die Männer mit dem an Verzweiflung grenzenden Mut führen, zerstiebt…

So ist del Castillos Roman Der Plakatkleber ein Stück Literatur, das traurig macht, aber auch eins, das mir wertvoll geworden ist, nachdem ich es durch Zufall auf einem Büchertisch (https://www.instagram.com/p/BiXHT1XAbcH/?hl=de&taken-by=aus.gelesen) gefunden hatte. Man merkt ihm sein Alter an, die Sprache ist – ohne daß ich dies in Worte fassen kann – anders als heute. Sicherlich erscheinen manche Passagen der Reflektion, des Dialoges langatmig, sind aber wichtig, die Motive und die Beweggründe der Handelnden zu verstehen. Der Roman ist wohl nur noch antiquarisch erhältlich, auf entsprechenden Plattformen wird er angeboten. Er ist für jeden, der sich mit diesem Thema Spanischer Bürgerkrieg auseinandersetzen möchte, auf jeden Fall eine Empfehlung wert, aber ist kein historischer Roman im engeren Sinne, da del Castillo – ich hoffe, ich habe dies deutlich machen können – auch viel Wert darauf legt, die inneren Konflikte seiner Figuren deutlich zu machen.

Michel del Castillo
Der Plakatkleber
Übersetzt aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach
Originalausgabe: Le colleur d’affiches, Paris, 1958
diese Ausgabe: HC, Hoffmann und Campe, ca. 240 S., 1961

Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

Dieser Roman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd (von der ich mittlerweile schon mehrere Bücher hier vorgestellt habe: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Sue+Monk+Kidd) ist der nächste Titel, der in meinem Lesekreis besprochen wird. Ich war mit diesem Vorschlag sehr zufrieden, dann ich mag die Art und den Stil der Autorin. Als Vorbereitung hatte ich dann jedoch zuerst zu den Granatapfeljahren (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/29/sue-monk-kidd-ann-kidd-taylor-granatapfeljahre/) gegriffen (in der berechtigten Hoffnung, damit die Autorin etwas besser kennen zu lernen), die schon seit geraumer Zeit in meinem Regal auf mich warteten. Nun also Die Erfindung der Flügel….


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der die wichtigen Stationen im Leben zweier mutiger und bemerkenswerter Frauen, der Grimké-Schwestern, nachzeichnet. Dazu führt uns Kidd zurück in das im Süden der USA gelegene Charleston des frühen 19. Jahrhunderts. Damit ist ein Bezug zur Autorin gegeben, denn diese wohnt in Charleston (wie sie dorthin gekommen ist, beschreiben die Granatapfeljahre); in einer New Yorker Ausstellung sah Kidd ein Bild, in dessen Legende sie auf die beiden Frauen stieß und die Frage hochkommen ließ, warum sie, die in Charleston wohnt, von dem beiden nichts wusste.

Den Lebensweg der Sarah Grimké (1792–1873) und ihrer Schwester Angelina Grimké (1805–1879) nachzuzeichnen bedeutet also cum grano salis den roten Fades des Romans in der Hand zu haben. Ich skizziere dies jedoch nur sehr kurz, denn für jeden, der das vertiefen möchte, bietet das Internet sowohl auf deutschen als auch auf englischsprachigen Seiten Informationen in gewünschter Ausführlichkeit.


Die Grimkés waren eine wohlhabende, sklavenhaltende und kinderreiche Familie in Charleston. Sarah war das sechste, Angelina das letzte der insgesamt vierzehn Kinder. Die schon als Kind unangepasste, aufmüpfige Sarah konnte ihrer Mutter das Versprechen abringen, Patin der Letztgeborenen zu werden. So entwickelte sich schon früh eine sehr tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen bzw. Frauen. Sarahs (die die Behandlung der Sklaven schon als Kind verabscheute) Traum war es, wie einer ihrer Brüder Rechtsanwältin zu werden, ein unerhörter Traum, denn sie war (was der strenge Vater durchaus anerkannte) bei weiten intelligent genug dafür, aber sie war en Mädchen bzw. eine Frau… und damit war das Thema vom Tisch, die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten, wurde entzogen, das Lesen auf das Studium erbaulicher Literatur beschränkt.

Eiine schwere Erkrankung des Vaters machte eine Reise zu einem Arzt nach Philadelphia ratsam, auf der ihn Sarah begleitete. Der Arzt konnte dem Vater zwar nicht helfen (John Grimké starb auf dieser Reise), aber Sarah lernte eine Welt kennen, die sich von der des Südens stark unterschied, es gab dort keine Sklaven. Sarah suchte Anschluß an die Quäker, wagte dann sogar den radikalen, unerhörten Schritt, nach Philadelphia zu ziehen. 1829 kam ihre Schwester Angelina nach.

Sarah Moore und Angelina Emily Grimké
ohne Datum

Die beiden Frauen engagierten sich gegen die Sklavenhaltung des Südens, sie traten schließlich öffentlich als Rednerinnen auf, schrieben Pamphlete und Streitschriften und eröffneten damit eine zweite Front: die der Gleichberechtigung der Frau: Ich verlange keine Privilegien für mein Geschlecht. Ich gebe meinen Anspruch auf Gleichheit nicht auf. Alles was ich von unsern Brüdern erwarte ist, daß sie ihre Füße von unseren Nacken wegnehmen und uns erlauben, aufrecht auf dem Grund und Boden zu stehen, für den Gott uns vorgesehen hat. (Sarah Grimké im Boston Spectator) (aus: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sarah-moore-grimke-und-angelina-emily-grimke/)


Sue Monk Kidd beschreibt in ihrem Nachwort zum Roman dessen Entstehungsgeschichte. Sie hat sich die Freiheit genommen, ein paar historische Daten geringfügig an ihre Hanldung anzupassen und sie hat neben Sarah Grimké, die historische Protagonisten, eine zweite eingeführt, die fiktiv ist: Hettie, genannt ‚Handful‘ Grimké, ein  Sklavenmädchen, das Sarah – traditionsgemäß – zu ihrem elften Geburtstag als Zofe geschenkt worden war, ein Geschenk, daß Sarah im Innersten empörte. Mit Handful hat Kidd eine Figur in die Geschichte eingeführt, durch die sie uns die Welt der Sklaven in dieser Familie (i.e. der Haussklaven also im Gegensatz zu denen, die z.B. auf Plantagen arbeiteten) schildern kann. Es ist – auch wenn es strengere (das meint brutalere) Besitzer gab als die Grimkés – eine Welt, in der Ungehorsam Schläge nach sich zog mit dem Stock oder der Peitsche und gerade bei Charlotte, der Mutter Handfuls, und auch bei Handful selbst zeigte sich die Frau des Hauses, die über die Sklaven herrschte, ohne Erbarmen.

Charlotte ist eine unbeugsame Frau, die Weißen konnten zwar ihren Körper besitzen, nicht jedoch ihren Geist und ihren Willen, eine Haltung, die ihre Tochter übernahm. Handful sollte später einmal zu Sarah sagen: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.  Charlotte schöpft ihre Kraft aus ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, die sie bildmächtig in Quilts dokumentiert. Diese Talent zu Nähen und mit Stoffen umzugehen hat sie ihre Tochter vererbt, dies machte die beiden als Sklaven wertvoll für die Familie. Im Verzeichnis der Besitztümer der Grimkés nahmen sie einen herausragenden Platz ein. Auch wenn Charlotte (und später Handful) oft gegen die Anordnungen ihrer Besitzer handelten und immer in Gefahr waren, erwischt und hart bestraft zu werden, es gab keine Rechte für sie, sie waren dem Willen ihrer Besitzer ausgeliefert.

Charlotte und Handful haben ihre Schicksale, die tragisch sind, voller Schmerzen, voller Trauer und Verlust. Während Charlotte nach einer Aufsässigkeit, die sie sich auf der Straße einer weißen Frau gegenüber erlaubt hatte, eines Tages spurlos verschwand, verbrachte Handful Jahrzehnte im Besitz der Grimkés, denn Sarah hatte – völlig unbedacht – Handful eines Tages wieder zurückgegeben – an ihre sehr herrische und schlagkräftige Mutter. Damit war sie selbst zwar keine Besitzerin einer Sklavin mehr, aber sie hatte ihre ihre frühere ‚Freundin‘ einen harten Schicksal ausgeliefert. Es war die Zeit, in der Sarah in die Gesellschaft eingeführt wurde, Bälle besuchte (auch wenn sie als wenig attraktives Mädchen keine Verehrer fand) und mühsam ihre Rolle im Leben suchte. Es war die Zeit, in der sich die beiden jungen Frauen Sarah und Handful entfremdeten. Dafür jedoch erzog Sarah ihr Patenkind ganz in ihrem Sinne, die Bindung der jungen Nina zu ihr war um vieles inniger als zu ihrer ‚richtigen‘ Mutter: mit ‚Mutter‘ sprach sie im Geheimen Sarah an.

Durch ein deprimierendes Ereignis in Charleston und die Reise mit dem Vater in den Norden kommt wird das vorgezeichnete Weltbild der jungen Frau empfindlich gestört, es öffnen sich dadurch neue Wege für sie. Insbesondere bindet sie sich an die Quäker, eine Religionsrichtung, die die Sklaverei ablehnt und die an die Gleichheit der Menschen glaubt. Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen, ja, sie will sogar Predigerin werden.

Nachdem Nina vor den Problemen, die sie in Charleston hat (u.a. hatte sie als junges Mädchen die Konfirmation (?) verweigert), flieht sie letztlich zu ihrer Schwester nach Philadelphie, es ist 1829. Die beiden Frauen sind unterschiedlich, ergänzen sich. Sarah fällt ihr schwer, das innerlich als richtig erkannte in die Tat umzusetzen, denn sie fürchtet die Konsequenzen. Das lange gedankliche Abwägen, das Zögern und Zaudern bremst sie häufig aus. Ganz anders dagegen ist Angelina, was sie als richtig erkannt hat, setzt sie spontan um, sie kennt Zögern und Zaudern nicht und nimmt ihre ältere Schwester dabei sozusagen an der Hand.

Es ist unerhört, was die beiden machen. Schon der Wechsel zu den in ihrer Heimat Charleston sehr gering angesehenen, ja, verachteten Quäkern ist ein großer Affront, die Auftritte in der Öffentlichkeit sind ungehörig, das Pochen nicht nur auf die Abschaffung der Sklaverei, sondern auf die Anerkennung des pigmentierten Menschen als vollwertigen, den nicht pigmentierten Menschen gleichwertigen Menschen ist unfassbar und die sich aus der Situation fast schon zwangsläufig ergebende Forderung der Gleichberechtigung der Frau skandalös. Die beiden Frauen lassen sich jedoch nicht einschüchtern, sie finden immer wieder Unterstützung und Menschen, die ihnen Mut machen. Angelina heiratet schließlich einen Mann, der sie unterstützt, während Sarah Heiratsantrag ablehnt, da er sie vor die Wahl stellt: Heirat oder Beruf. Es war die Zeit in ihrem Leben, in der sie bei den Quäkern Predigerin (noch so etwas ungehöriges!) werden wollte.


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der das Schicksal der Sklaven und den Anfang ihrer Befreiung herunterbricht auf wenige Figuren: Charlotte und Handful auf der Seite der Sklaven, Sarah und Angelina auf der der Sklavengegener und der Rest der Grimkés als Vertreter der Sklavenhalter. An der Stelle ist eins der letzte Worte des Vaters an Sarah kurz vor seinem Tod entlarvend: auch er sei immer gegen die Sklaverei gewesen, hätte sich das jedoch wirtschaftlich nicht leisten können…. Natürlich enthält die Geschichte viele Ingredienzien, die ein solcher Roman braucht: Episoden von Liebe und Tod, von Annäherung und Entfremdung, charismatische Nebenfiguren wie der historische Denmark Vesey, der 1822 (angeblich) einen Aufstand plante (https://de.wikipedia.org/wiki/Denmark_Vesey) oder furchtlose Frauen wie die frühe Feministen und Freundin Sarahs Lucretia Mott (https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia_Mott). Das Buch ist anschaulicher Geschichtsunterricht und hat, so scheint es zumindest, in Charleston das Interesse an dieser Zeit und an den Schwester aufleben lassen, man kann heutzutage eine Grimké-Tour durch die Stadt buchen und historische Stätten besichtigen (http://grimkesisterstour.com).

Ähnlich wie der anfangs erwähnte Erfahrungsbericht Granatapfeljahre ist auch Die Erfindung der Flügel aufgebaut. Kidd schildert die Lebenssituationen ihrer Figuren in einzelnen Zeiträumen, die zumeist mehrere Monate überstreichen, diese Abschnitte liegen jeweils einige Jahre auseinander, so daß uns die beiden Protagonistinnen im letzten Kapitel des Romans, das Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts spielt, als mittelalte (gemessen an der damaligen Zeit) Frauen begegnen. Kidd verleiht beiden Hauptfiguren ihre Stimme. Einerseits schildert sie Situationen und Episoden aus den Blickwinkel Sarahs bzw. Handfuls, der unterschiedlicher kaum sein kann, andererseits hat natürlich jede der beiden Figuren auch ihr Eigenleben, das uns erzählt wird.


Es ist traurig. Die Ereignisse, die uns Kidd in ihrem Roman näherbringt, liegen fast zwei Jahrhunderte zurück, und trotzdem verharrt die Geisteshaltung und die Einstellung der Gesellschaft in Teilen immer noch auf diesen unwürdigen Einstellungen. Weder ist Rassendiskriminierung überwunden (zu diesem Thema verweise ich kurz auf den wunderbaren Roman von Jesmyn Ward Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt: https://radiergummi.wordpress.com/2018/04/26/jesmyn-ward-singt-ihr-lebenden-und-ihr-toten-singt/) noch die vollständige Emanzipation der Frau erreicht, obwohl der Kampf zur Überwindung beider schon so lange dauert. Kidd erzählt von dessen Anfängen, sie erzählt wie von ihr gewohnt, flüssig, gut lesbar, in leisen Tönen. Sie bringt uns ihre Figuren nahe, vor allem auch macht sie das Schicksal, das Ausgeliefertsein der Sklaven greifbar. Ich kann gut verstehen, daß dieser Roman in den USA so erfolgreich war, ist das Thema doch Teil der amerikanischen Geschichte und erinnert an zwei ein wenig und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierinnen. Dabei sind die ausführlichen Anmerkungen, eigentlich eher ein Nachwort, der Autorin wertvoll, da sie noch einmal explizit auf den geschichtlichen Hintergrund des Romans eingeht und die Arbeit der Schwestern noch einmal herausstreicht und würdigt. So bleibt mir abschließend festzuhalten, daß Die Erfindung der Flügel zwar mit der Sklaverei vorwiegend ein amerikanisches Thema aufgreift, das nichtsdestotrotz auch für uns interessant ist, was in jedem Fall jedoch für den Kampf der Schwestern Grimké um die Gleichberechtigung der Frau gilt.

Bildquelle Portraitshttps://en.wikipedia.org/wiki/Grimké_sisters, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd
Die Erfindung der Flügel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania
Originalausgabe: The Invention of Wings, NY, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, cal 495 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Anne Cuneo: Eine Messerspitze Blau

Zu diesem Titel der mir bis dahin unbekannten schweizerischen Autorin Anne Cuneo (1936 – 2015) bin ich durch einen Zufall gekommen: in dem hier im Blog von mir kürzlich vorgestellten Erzählband Geburtstag (Rafik Schami (Hrsg): https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/21/rafik-schami-hrsg-geburtstag/) gibt es eine Geschichte, in der eine Frau gerade diesen Titel Eine Messerspitze Blau liest. … und da dachte ich mir, was die kann, kann ich doch auch… ;-)

Anne Cuneo jedenfalls war eine vielseitige Künstlerin. Als Kind italienischer Eltern in Paris geboren, kam sie nach dem Tod des Vaters 1945 (die Familie war 1939, nach Kriegsausbruch wieder nach Italien, nach Mailand, gezogen) in verschiedene Waisenhäuser (interessanterweise wird über das Schicksal ihrer Mutter nichts gesagt, über den Tod des Vaters schreibt Cuneo an einer Stelle im Text: Ich trage jenen Revolverschuss in mir, der meinen Vater bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat und mit Endgültigkeit im Angesicht meiner Kindheit explodiert ist.). 1950 ging Cuneo in das französisch sprechende Lausanne, verbrachte später einige Zeit in London, gab nach Abschluss des Studiums Sprachunterricht und arbeitete ab 1973 beim Schweizer Fernsehen. Ihr erstes Buch erschien schon 1967, außer als Autorin arbeitete sie ebenfalls als Journalistin und Filmemacherin (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo, aber auch z.B. hier: https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/479-anne-cuneo.html)


Der vorliegende Text Eine Messerspitze Blau ist autobiographisch, er schildert ein sehr einschneidendes Erlebnis im Leben der Autorin: 1978, sie war 42 Jahre alt, wurde bei Anne Cuneo Brustkrebs diagnostiziert. Es war knapp… nachdem die Gynäkologin sie ob ihrer Beschwerden in der rechten Brust (wages Unwohlsein, Anschwellen, dann Schmerzen) damit vertröstete (Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nichts), Menschen wären nicht symmetrisch und ihre (i.e. Cuneos) Brüste seinen nun mal ungleich, fiel dem Hausarzt bei der Untersuchung auf, daß sie einen dicken Knoten unter der Achsel hatte und so empfahl er ihr eine Biopsie. Aber wo und von wem? Ich bin total erledigt. Ich bin müde, als ob ich Krebs hätte, so ihre Vorahnung.Eine Autopsie bedeutete auch, daß eventuell die Brust angenommen werden würde, eine Horrorvorstellung für Cuneo. Diese Diagnose erschütterte sowohl ihr Weltbild als auch ihr Selbstverständnis als Frau. Es gab Momente, in denen der Tod ihr lieber gewesen wäre. Schließlich sagte man ihr, daß eine Rekonstruktion der Brust möglich ist, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Biopsiebefund war positiv, die anschließende Mastektomie an der Grenze des Machbaren. Cuneo erwachte aus ihrer Narkose und nichts war mehr so wie vorher. Und die Frage, ob ihr Geliebter sie jetzt noch als Frau, als Geliebte sehen würde, war nicht das geringste ihrer Probleme…


Eine Messerspitze Blau ist ein sehr persönliches Buch, eine Krankengeschichte bzw. eher noch die Geschichte der postoperativen Phase einer Frau nach einer Mastektomie (z.B. hier: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/therapie/operation.html). Dieser Bericht ist 1979 erschienen, also ein Jahr nach der Operation, das Schreiben erfolgte noch unter der direkten Nachwirkung der Behandlungen, nach der Operation folgten noch Bestrahlung und Chemotherapie. Ich habe mich gewundert, daß über die bekannte Suchmaschine keine Besprechung dieses Buches zu finden ist (ok, ich habe nicht allzu intensiv gesucht, aber trotzdem), denn der Bericht Cuneos ist sehr intensiv, ist sehr offen, ist sehr umfassend in dem Sinn, daß sie nicht nur ihre persönliche Situation und Befindlichkeit beschreibt, sondern sie diese in einen größeren, politischen Zusammenhang steht. Mithin wäre dieses Buch seinerzeit mehr als eine Besprechung wert gewesen, aber auch wenn man davon absieht, daß das Internet damals gerade erst im Urzustand existierte, passt dieses Fehlen in eine der Feststellungen Cuneos, daß nämlich der Krebs, diese Krankheit, totgeschwiegen wird (wurde), als schuldhaft empfunden wurde, als etwas, wofür der/die Kranke selbst (mit)verantwortlich war. Man wollte über Krebs nichts hören oder lesen (eine „Verschwörung des Schweigens“ nennt sie es an einer Stelle) und daher blieben dieser Aufschrei Cuneos zumindest unkommentiert.

Cuneo schreibt sehr direkt (sie formuliert es selbst als „Schrei“, den sie ausstößt), es ist für sie – und generell – noch lange nicht klar, wie lange sie nach/trotz der Operation noch leben wird, das Risiko, x Jahre (und x ist klein) nach der Operation zu sterben, ist hoch. So fühlt sie sich unter Druck stehend, ihre Botschaft zu formulieren und ihre Gedanken zu Papier zu bringen: An anderen Tagen sage ich mir, daß ich nicht mehr viel Zeit habe, daß ich dieses Buch sehr schnell fertig stellen müsse. …

Es ist eine politische Botschaft in ihrem Text enthalten. Krebs erscheint ihr als Krankheit, die auch durch äußere Umstände verursacht ist, dabei scheut sie sich nicht, hin und wieder Korrelationen als Kausalitäten zu deuten. Die Lieblosigkeit, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat, die Ausbeutung des Menschen und der Natur durch die Gesellschaft und das kapitalistische Gesellschaftssystem, die Unterdrückung der Frau: all dies Ursachen des Krebses auch des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang sind ihr zwei Bücher wichtig: Mars von Fritz Zorn (vgl. z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40916988.html) und der 1978 erschiene Essay Susan Sontags: Die Krankheit als Metapher (vgl. z.B. hier: ). [Zorn] sah in seinem [Krebs] das Resultat einer Erziehung ohne Liebe, ohne andere Werte als die der Konventionen, die er nicht akzeptieren konnte. Sein Krebs war im Hals ausgebrochen und er fand das bezeichnend: „Das sind all die Tränen, die ich hinunter geschluckt habe.„. In Sontags Essay spiegelt sich die damals in den USA aufkommende Auffassung, die Erkrankung spiegele die Unfähigkeit des Kranken, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher), einer Ansicht, der Cuneo teilweise heftig widerspricht: Diese Welt jedoch, die mich ängstlich gemacht und mich in den entscheidenden Jahren des Wachstums hat hungern lassen, diese Welt, die jedes Jahr vierhundert Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, während die Kredite für Spitäler und Forschung gekürzt werden, diese Welt, IHRE [i.e. Sontags] Welt ist dafür verantwortlich. Jede zweite Person erkrankt an Krebs. Jede zweite! … Bis jetzt fühlte ich mich fast schuldig, krank zu sein. Oder an anderer Stelle, nachdem ihr angeraten wurde, die Eierstockzyste (siehe unten) zu operieren: Aber es ist IHRE Krankheit, nicht meine. Genug jetzt mit dieser Verschwörung des Schweigens. Man hat Krebs und schämt sich, wortlos läßt man sich durch die Mühle drehen. Nun, ihr könnt nicht mehr mit mir rechnen! Ich werde mich nicht einfach so operieren lassen. Ich werde sagen, daß Krebs das Resultat einer faulen Gesellschaft ist. Eine von zwei Personen! Die Revolution muss doch stattfinden, sofort!

Cuneo wird durch ihre Erkrankung unmittelbar mit dem Tod konfrontiert, einen Gedanken, der bis dato immer verdrängt worden ist. Der Tod wird ihr Begleiter – aber auch die Angst. Jedes Zucken und Ziepen des (sowieso schmerzgeplagten) Körpers könnte ein Zeichen sein für ein erneutes Ausbrechen des Krebses, für eine Metastase. Und wirklich diagnostiziert der Gynäkologe eine Zyste an einem Eierstock, der durch die Bestrahlung nicht völlig abgetötet worden ist. Die angeratene OP ist ein Graus für sie, wieder soll sie ein Stück ihres Körpers weggeben, fremdbestimmt durch den Arzt. Sie verweigert sich, bricht zusammen, muss psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.


Die Autorin schildert viele der Träume, die sie hat oder auch in der Vergangenheit hatte und die sie jetzt in Bezug auf ihre neue Lebenssituation ausdeutet: Heute bin ich überzeugt, daß damals, auf den Tag genau sechzehn Wochen vor meiner Operation, soeben die Entwicklung meines Krebses eingesetzt hatte (oder einzusetzen im Begriff war), daß mein Unterbewusstsein es wusste [daher der Traum], daß es sich ein Stück dagegen wehrte…. oder diese Bedeutung, die sie in einen weiterer Traum nach der Krebs-OP hineinliest: Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich wieder in den Griff bekommen, und dieser Traum drückt aus, wie notwendig das ist. Was von mir übrigbleibt, muss ein GANZES sein. 

Die Aufzeichnungen Cuneos schließen mit einem kämpferischen Statement, mit einem Aufruf. Sie bezieht sich noch einmal auf Max Zorn, der geschrieben hatte: … komme ich nach prüfenden Vergleich zum Schluß, daß es mir, seit ich krank bin, viel besser geht als früher, bevor ich krank wurde. und stimmt dem aus vollem Herzen zu: Ich auch. … Es geht mir viel besser jetzt als während der vierzig Jahre, die ich mit Disziplin, Mühsal, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben vertrödelt habe.  Wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Ich stecke mitten drin in diesem hinterletzten, gottverdammten Dreckloch. Viel weiter in den Dreck reiten könnt ihr mich nicht. Der Tod? Ein Vertrauter. Wir sprechenden uns Tag für Tag. Hunger? Kälte? Strafe? Seht ihr, wie lächerlich das ist? Hier bin ich nicht mehr angreifbar. … Verändern wir die Welt. Und noch eine positive Veränderung merktr Cuneo an sich: sie ist sich ihrer selbst, ihres Körpers bewusster geworden, die Erkenntnis, daß der Tod sozusagen am Bettrand sitzt, hat sie zu der Einsicht gebracht, daß es sinnlos ist, auf die Zukunft zu warten, daß das Leben im Hier und Jetzt stattfindet.


Cuneos Aufzeichnungen unterscheiden sich sehr von den meisten Krebsschicksalen, die man in den letzten Jahren häufiger lesen kann. Sehr viel offensiver bezieht Cuneo die allgemeinen Lebensbedingungen mit in ihr Schicksal ein, wehrt sich [das Buch ist 1979 erschienen] gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die dem Erkrankten auch noch die Verantwortung für seine Erkrankung aufbürdet, überträgt im Gegenteil den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen diese Verantwortung und folgert daraus, daß diese sich ändern müssen. Gleichzeitig erkennt sie jedoch auch, daß diese Erkrankung ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet hat: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden, ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion, sie wurde mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert (und ist es zum Zeitpunkt des Verfassens immer noch gewesen), sie nimmt sich anders wahr, sie fühlt sich in der Gesamtheit stärker geworden. Der Krebs war …. eine Bresche für die Zukunft. So gelingt es Cuneo, dieser destruktive Diagnose „Krebs“ etwas Positives abzugewinnen.

Eine Messerspitze Blau ist ein – wenig verwunderlich, auch hinsichtlich der zeitlichen Nähe zur Erkrankung – sehr emotionales Buch. Angst, Zorn, Wut, Empörung sind deutlich zu spüren, Unsicherheit, Ärger über die Fremdbestimmung, zaghafte Hoffnungsfunken, Depressionen, auch das Glücksgefühl, weiterhin geliebt zu werden, gibt es, schließlich so etwas wie Akzeptanz und Anerkennen, daß diese Erkrankung jetzt zum eigenen Ich gehört und das Denken klarer gemacht hat.

Der Bericht fungiert auf zwei Zeitebenen: zum einen schildert er in der Rückschau die Tage direkt um Diagnose und Operation, die andere Zeitschiene ist aktueller (bezogen auf das Schreiben des Textes) und schildert die Situation jeweils (der Bericht ist in drei Abschnitte unterteilt) wenige Monate nach der Operation. Eingeflochten in den Text sind auch Rückblicke auf die Vita der Autorin, die stark durch den Krieg geprägt ist. Es gibt eine Aussage, daß sie (und die anderen Frauen ihrer Generation) in einer Art Zwischenzeit geboren wurden: erzogen noch im „viktorianischen“ Geist waren sie 1968 schon zu alt, und erlebten die Umbrüche dieser Revolte eher am Rande mit. Ein nicht uninteressanter Aspekt ist es für uns heutzutage, diesen Wandel im „Ansehen“ des Krebses von einer Krankheit, für die man selbst Schuld trägt, zu einer normalen, wenn auch tragischen Krankheit, die jeden erwischen kann. Mich jedenfalls hat dieser Bericht (möglicherweise einer der ersten Krankengeschichten dieser Art) ob seiner Emotionalität, seiner Unbedingtheit und seiner kämpferischen Seite sehr beeindruckt, er ist auch heute, nach ziemlich genau vier Jahrzehnten noch sehr lesenswert.

Anne Cuneo überlebte ihre Erkrankung um lange Jahre, in denen sie noch sehr produktiv war.

Mehr Buchbesprechungen von mir im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Anne Cuneo
Eine Messerspitze Blau
Übersetzt aus dem Französischen von Erich Liebi
Originalausgabe: Une cuillerée de bleu, Vevey, 1979
diese Ausgabe: Ullstein, TB (Reihe: Die Frau in der Gesellschaft), ca. 156 S., 1999
mit einem Nachwort von Susanne Alge

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor: Granatapfeljahre

Ich habe die amerikanische Autorin Sue Monk Kidd in meinem Blog vor vielen Jahren mit zweien ihrer Romane vorgestellt: mit ihrem Erstling Die Bienenhüterin (https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/16/sue-monk-kidd-die-bienenhuterin/) und mit ihrem Titel Die Meerfrau (https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/16/sue-monk-kidd-die-meerfrau-2/)beides sehr einfühlsame Romane mit einer spitituellen Komponente. Zumindest Die Bienenhüterin ist auch für den vorliegenden Text von Bedeutung, weiß man, daß dies das (sehr erfolgreiche) Debut Kidds ist, erscheinen einem einige Passagen des Buches klarer. Die Meerfrau hat noch eine weitere Bedeutung für mich persönlich, es war der erste Text, aus dem ich sozusagen öffentlich, vor einem größerem Kreis von Bekannten vorgelesen habe. Mittlerweile hat sich daraus ja eine kleine Veranstaltungsreihe ergeben, zu der die üblichen Verdächtigen immer wieder kommen, Menschen eben, die sich durch nichts vergraulen lassen….


Die Granatapfeljahre sind  ein sehr persönliches Buch der beiden Autorinnen. Im Untertitel ist zwar vom Glück die Rede, vom ‚Glück, unterwegs zu sein‘ und zweifelsohne sind die beiden Frauen, Mutter und Tochter (wie unschwer zu erraten ist) viel unterwegs, aber diese Reisen sind allenfalls die Bühne für etwas sehr viel tiefgreifenderes, elementareres: es sind Pilgerreisen zweier Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet und die – rückwärts gewandt – mit Verlusterfahrungen umgehen lernen müssen und die sich andererseits auf eine neue Lebenssituation einstellen müssen.

Die Mutter Sue Monk Kidd ist gerade fünfzig Jahre alt geworden, sie spürt, daß ihr Körper sich im Wandel befindet, daß sie sich bald von der Phase der reifen Frau verabschieden muss, daß sie in eine neue Lebensphase eintreten wird. Immer wieder taucht das Bild der ‚Alten Frau‘ vor ihr auf, die noch nicht da ist, die sie aber erwartet und sucht. Gleichzeitig wird ihr schmerzlich bewusst, daß sie ebenfalls ihre Tochter ‚verlieren‘ wird, die jetzt ihr eigenes Leben, unabhängig von ihr, aufbauen wird. Der Mythos von Persephone und Demeter ist Metapher für diese Situation, Dieser antike Mythos erzählt von einer Entführung: Hades, der Gott der Unterwelt, verliebt sich in die junge Persephone und verschleppt sie in sein Reich. Ihre Mutter Demeter – Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit – lässt aus Zorn und Schmerz über den Verlust der Tochter die Pflanzen auf der Erde verdorren. Göttervater Zeus schaltet sich ein, und Persephone kehrt zur Mutter zurück.  (https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/persephone-und-demeter/-/id=660374/did=17212244/nid=660374/17ctmks/index.html)

Raub der Persephone. A-Seite des »Persephone-Kraters«, ein apulischer rotfiguriger Volutenkrater, um 340 v. Chr.
(Staatl. Museum Berlin)

Ein Drittel des Jahres aber verbringt sie weiter in der Unterwelt, weil sie von den Granatapfelkernen, die Hades ihr gereicht hatte, aß. Nun durfte aber niemand, der von der Speise der Toten kostete, immer auf der Oberwelt bei den Lebenden weilen, ein Drittel des Jahres musste Persephone auch nach dem Machtwort des Zeus in der Unterwelt verbringen. In dieser Zeit bleibt die Oberwelt unfruchtbar (siehe zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Persephone). Unschwer ist dieser Sage das Bild der sich von der Mutter lösenden Tochter zu erkennen und damit die Analogie zu der Lebenssituation der beiden Autorinnen in dieser Lebensphase. Für die Mutter, selbst auf der Suche nach der ‚Alten Frau‘ (Ein Begriff, der mich jedesmal an die Figur der ‚Weißen Frau‘ erinnert, die ein fast vergessenes Bild für die weibliche Figur des Todes, die Tödin ist: https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/11/erni-kutter-schwester-tod/ Diese Assoziation ist ja auch nicht völlig abwegig.) ist eine weitere Figur wichtig, nämlich die der Hekate, die Demeter als einzige auf der Suche nach ihrer Tochter half.

Die beiden Frauen unternehmen Reisen. Die erste führt sie nach Griechenland, wo sie diesem Mythos nachspüren. Ann (ich bleibe ab jetzt bei den Vornamen) war schon einmal in Griechenland, war begeistert, erlebte wunderbare Stunden hier, hatte das Gefühl, hier ihren Weg im Leben gefunden zu haben. Ein Gefühl, das verloren gegangen ist: ihr Wunsch, die Historie der Antike zu studieren, wurde durch die Absage der Uni zerstört, zusammen mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Selbstachtung: Ann verfiel in eine Depression, die ihre Mutter zwar spürte, aber da sich die Tochter verschloß bzw. hinter einen harmlosen Maske nach außen hin tarnte, kannte Sue die Ursache dafür nicht. Ann also auch in der Situation, einen herben Verlust ertragen zu müssen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten, wobei ersteres mit seinen psychischen Folgen diesen Übergang, der ja im Grunde mit Freude, mit Optimismus zu bewerkstelligen wäre, sehr erschwert.

Im ersten Teil des dreiteiligen Buches (‚Verlust) begleiten wir die beiden Frauen auf ihrer Reise durch das antike Griechenland. Athen mit der Akropolis und der Plaka, der unerträglichen Hitze, des Staubes (all das erinnert mich an so viele frühere, eigene Aufenthalte dort), sind der Ausgangspunkt, natürlich besuchen Ann und Sue auch Eleusis, den Ort, an dem wesentliche Ereignisse des Mythos lokalisiert werden, sie befahren die Ägäis bis hin zur türkischen Küste in die Nähe von Ephesus, wo sie das Haus der Maria besuchen. Maria, die 431 offiziell von der Kirche zur ‚Gottesgebärerin‘ (Theotókos) erklärt worden war, die Mutter Jesu, Tochter der Anna (und des Joachim, wie es im nicht zum offiziellen Kanon der Bibel gehörigen (Proto)Evangelium des Jakobus beschrieben wird) ist für Sue eine wichtige Figur, die Personalisierung des weiblichen Prinzips in einer von Männern dominierten Kirche, in der Zweiheit Anna – Maria taucht ferner wieder das Bild der Mutter auf, die ihre Tochter in die Eigenständigkeit entlassen ‚muss‘.

Dieses Bild da Vincis, das im Louvre hängt, mit Maria auf dem breiten Schoß Annas sitzend, die ihre sich nach vorne beugende Tochter und ihren nackeligen Enkel voller Liebe mit monalisigem Lächeln betrachtet, taucht immer wieder in den Reflexionen der Mutter auf ebenso wie das Urbild der ’schwarzen Madonna‘ (vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Madonna und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen) für sie wichtig auf ihrer Suche nach der weiblichen Seite ihrer Spiritualität.

Die weibliche Trinität ‚junge Frau – reife Frau – alte Frau‘ umfasst die Doppelrolle der reifen Frau: sie ist selbst Mutter der ‚jungen‘, aber auch Tochter der ‚alten Frau‘:  daß Monk Kidd in diesem Zusammenhang auch ihre eigene Beziehung als Tochter zu ihrer Mutter reflektiert, sei hier nur angedeutet. Wichtig ist für Sue die Erkenntnis des Verschiedenseins: während ihre eigene Mutter zufrieden und glücklich ist im Sein, ist sie, Sue, jemand der im Tun, im Machen seine Bestimmung sieht. Beide Frauen jedoch sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Eigenschaft der jeweils anderen wichtig für sie selbst waren und sind.

Auf dieser Griechenlandfahrt, dies als letztes, reift in Sue letztendlich auch der Entschluss, einen Roman zu schreiben und die Biene ist ihr Thema, ein Motiv, das sie ihr Leben lang schon begleitete und das sie in Ephesus in einem sehr symbolhaften Erlebnis überzeugte.


The Virgin and Child with Saint Anne
Leonardo da Vinci,
Louvre

Mit Suche ist der zweite Teil des Buches überschrieben. Inhaltlich umfasst er eine selbstorganisierte Reise der beiden mit einer größeren Gruppe von Frauen durch Frankreich. Sue hat angefangen, ihre neue Rolle als älter werdende Frau zu akzeptieren, als Mutter, deren Tochter nun mir ihrer Schönheit im Mittelpunkt steht, während sie in den Hintergrund tritt. Spirituell wird Maria als lebendiges Symbol für ein weibliches Gottesprinzip immer mehr ihr Bezugspunkt: Was spricht also dagegen, die bedeutendsten Ereignisse in ihrem Leben als eine Art Wegweiser für uns Frauen zu betrachten? Es folgt eine Aufzählung von Stationen aus Marias Leben und deren mögliche symbolische Bedeutung. Während Sue also ihre Symbolfigur in Maria (und ein wenig auch in Anna) gefunden hat, wird für Ann neben Maria die Heilige Johanna (Jean d’Arc) immer wichtiger, die trotz ihrer Jugend so Bedeutendes vollbrachte. Ihr weiht die immer noch von starken Selbstzweifeln geplagte junge Frau schließlich das Versprechen, Schriftstellerin zu werden, was sie zunehmend als ihre Bestimmung erkennt.

Während Ann, die bald heiraten wird, dadurch endgültig in das Stadium der reifen Frau eintreten wird, sieht sich Sue zunehmen mit der Frage der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod, konfrontiert, die sie bis dato erfolgreich verdrängt hatte. Ich erkenne, dass der ehrlichste Umgang mit dem Tod eine schrittweise Neuorientierung erfordert, weg vom äußeren Selbst, hin zum wahren Selbst. Eine Loslösung von meinem Ego, … eine Identifizierung mit dem, was größer ist als ich. Der Gedanke bringt eine tiefe, verblüffende Erleichterung mit sich.


Im Jahr 2000 kehren beide (wieder im Rahmen einer Frauengruppe) noch einmal nach Griechenland zurück (Rückkehr). Die spirituelle Suche nach Erkenntnis, die nach den jeweiligen Verlusterfahrungen zwei Jahre zuvor eingesetzt hatte, geht ihrem Ende zu. Ann hat geheiratet, hat in ihre Hochzeitszeremonie die weiblichen Aspekte Gottes einbezogen, sie konzentriert sich jetzt auf ihre Schreiberei. Sue (teilweisen von ähnlichen selbstzweiflerischen Momenten wie ihre Tochter heimgesucht) hat den ersten Teil ihres Manuskripts an eine Agentin geschickt, die auch sofort einen Verlag gefunden hat, der jedoch den zweiten Teil des Romans in einem halben Jahr bekommen möchte…

Sie sind jetzt gefestigt, Sue und Ann, in ihren neuen Rollen, in ihren neuen Lebensabschnitten. Es ist sozusagen der zehnte Tag, der Tag, an dem Demeter Persephone wiederfand und beide wieder vereinigt waren. Es war eine spirituelle Reise mit vielen Erkenntnissen, es war eine Suche nach Selbstwert und Vertrauen in sich selbst, es war auch die Anstrengung, das Leben mit all seinen Phasen, die es bereit hält, freudig zu akzeptieren.


Granatapfeljahre ist ein Bericht, der viel über die beiden Frauen verrät. Beide verändern sich im Verlauf der zwei Jahre, die das Buch überstreicht, ebenso wie sich das Verhältnis zwischen ihnen wandelt. Besonders Ann, die anfangs verschlossen war, ihre großen inneren Nöte nicht offenlegen konnte, fand schließlich den Mut, diese selbst errichtete Mauer nieder zu reißen und in eine neues, intensiveres Stadium der Vertrautheit einzutauchen. Auch wenn die Selbstzweifel nur langsam verschwanden, gewann sie doch im Lauf der Zeit ein neues Bild auch von sich, baute Selbstvertrauen bzw. Mut, zu sich und ihren Wünschen zu stehen, auf: sie verwurzelte sich und lernte es, derart Stärke zu gewinnen. Sue andererseits ließ ihrer Tochter die Zeit, die sich brauchte, ohne sie zu drängen. So waren tatsächlich alle Entscheidungen, die Ann traf, Entscheidungen Anns, die nicht von der Mutter angeregt worden waren.

Auch Sue hat ihre Entwicklung zur ‚Alten Frau‘ durchlaufen, die Rolle, die letztlich auch der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit verbunden ist, akzeptiert, fast möchte ich sagen: freudig akzeptiert, zumindest ohne Trauer. Mit dieser Akzeptanz verschwanden letztlich auch die gesundheitlichen Probleme, die sie hatte.

Beiden Frauen war ihr Spiritualität sehr wichtig, beide maßen der von der offiziellen Kirche zurückgedrängten weiblichen Komponente im Bild Gottes große Bedeutung bei. Die Figur der Maria, aber auch der antike Mythos um Persephone und Demeter waren ihr ‚roter Faden‘, an dem sie sich entlang hangelten, der ihnen immer wieder Kraft und Mut gab, der immer wieder auf ihre persönlichen Situation gedeutet werden konnte.

Das Buch selbst… nachdenklich, ehrlich, einfühlsam, immer wieder auch eigene Gedanken anregend. Interessant ist der Aufbau, Ann und Sue schreiben im Wechsel der Abschnitte, meist über dieselbe Situation, so daß wir diese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschildert bekommen.  Ich denke mal (ich will jetzt endlich auch fertig werden), Granatapfeljahre ist ein Buch nicht nur für Frauen, auch Männer können durchaus Gewinn daraus ziehen, denn sich mit sich und seinem Leben zu ‚arrangieren‘, ist eine Aufgabe, die jedem Menschen gestellt ist.

Bildquellen:

Anna Selbsdritt:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_da_Vinci_-_Virgin_and_Child_with_St_Anne_C2RMF_retouched.jpg; [Public domain], via Wikimedia Commons

Raub der Persephone:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Persephone_krater_Antikensammlung_Berlin_1984.40.jpg,  [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor
Granatapfeljahre
Vom Glück, unterwegs zu sein
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
Originalausgabe: Traveling with Pomegranates; NY, 2009
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 380 S., 2010