Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossongs [1] Buch Rotlicht ist, denke ich, ein erfolgreiches Buch, die Besprechungen sind positiv. Anne Haeming adelt es in Spiegel-online sogar als neues ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘ [2], sie legt die Latte damit hoch, denn das soll ja wohl bedeuten, daß jeder, der dieses Buch liest, über Sex und Prostitution umfassend informiert wird. Na, wenn das man nicht leicht übertrieben ist… schaumeruns das Buch aber am besten mal selber an….


Im einleitenden Kapitel erinnert sich Bossong an ihre Kindheit, an die Faszination, die das rote Licht mancher Geschäfte auf sie ausgeübt hat, diesen Reiz, auch das Wissen um das Tabu, das solche Läden umgibt, allein schon dokumentiert durch die Altersbeschränkung, die zum Eintritt berechtigt [3]. Betrat man solchen Laden dann in späteren Jahren, aber immer noch zu früh, so tappte man durch düstere Räume, die das Licht aussperrten und in deren Regalen seltsames Gerät zu bestaunen war. Und, natürlich, Männer, die Magazine, künstliche Vaginen, Videoangebote oder, oder, oder begutachteten…. Diese schummrige Atmosphäre der Sex-Shops ist mittlerweile fast überall verschwunden (gleichwohl haben Bossong und ihr Begleiter im Rahmen ihrer Suche noch einen solchen ‚altmodischen‘ Laden aufgetrieben), heutzutage sind die Geschäfte hell, die Vibratoren körpergerecht ausgestaltet, es geht steril und fast schon öffentlich zu. Und will man es unbeobachteter haben, kann der ‚butt plug mit USB-Anschluss‘ auch bequem von zu Hause aus per online-Großhändler geordert werden (immerhin 4 von 5 Sternen von 378 Bestellern, Stand: Anfang Jan ’18)… aber das nur am Rande, davon handelt Bossongs Buch nicht.

Hat sich das äußere Bild der Sexindustrie somit in den letzten Jahrzehnten teilweise gewandelt (ebenso wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen), einiges ist unverändert geblieben, gehört also offensichtlich zum Kernbereich. So zum Beispiel die Tatsache, daß zu den wenigen Bereichen des Lebens, zu denen Frauen keinen oder kaum Zutritt haben, die Sexindustrie gehört. Das klingt auf den ersten Blick etwas absurd, funktioniert diese Industrie doch ohne Frauen nicht, jedoch ist ihre Funktion streng eingeschränkt auf der Seite der Anbieter von Sexdienstleistungen. Frauen auf der Seite der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen (sozusagen als „Freierin“) existieren, so Bossong, praktisch nicht. … die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann. … Als Frau kann man lediglich käuflich sein, … andere Rollen sind nicht vorgesehen. … Ich wollte sehen, was wirklich geschieht in Sexkinos und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen, mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. …

Damit ist der Inhalt des Buches im Grunde schon recht vollständig umrissen, bei der Aufzählung der besuchten Einrichtungen fehlen jedoch noch das Wohnungsbordell, die Tantra-Massage, eine Table-Dance Bar, der FKK-Club und die Sexmesse. All diese Einrichtungen besucht Bossong in Begleitung von männlichen Bekannten, ihre Befürchtung, andernfalls als Exotin zu sehr aufzufallen bzw gar nicht erst Zutritt zu erhalten, ist plausibel. Zudem half Begleitung dabei, die innere Hemmschwelle zu überwinden.

Man begann sachte und tastete sich vor. Zum Einstieg diente eine in der Beschreibung traurig wirkender Lokalität im tristen Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem Table Dance angeboten wurde. Die beiden Besucher kamen mir vor wie die sich ängstlich aneinander klammernden Hänsel und Gretel im dunklen Wald, in dem der Wald durch das schummrige, auf den billigen Plätzen keineswegs gemütliche Lokal mit Eisdielen-Ambiente ersetzt wurde und die böse Hexe durch die Damen, die ihren mehr oder wenig knackigen Körper den Blicken darboten. Denn das tun die beiden schon: die Frauen, die sich an der Stange abmühen, taxieren. So läßt die Schilderung Bossong an einen Zoobesuch denken, man wolle nur mal gucken wird ein anderer Besucher beschieden, der sich dem Paar fragend genähert hatte. Letztlich verließen die beiden Lokal und Bahnhofsviertel geradezu fluchtartig.

So geht es weiter zu anderen Hot-Spots des horizontalen Gewerbes. So schrill und klinisch die Sex-Messe auftritt, so versifft und nach Sperma und Schweiß müffelnd stellt sich das Sex-Erlebniskino auf der Reeperbahn dar. Ein trauriger Ort, über eine nur spärlich beleuchtete Kellertreppe zu erreichen… für 12 Euro darf man wohl auch nicht mehr erwarten. GangBang Area und kopulierende Paare wecken keinerlei Lustgefühle, eher Ekel. In Dortmund sind die seinerzeit bundesweit berühmt gewordneen Verrichtungsboxen  sind längst wieder abgebaut, der Straßenstrich steht unter behördlicher Kontrolle und die nach 2007 zu Tausenden angereisten bulgarischen Frauen sind weitestgehend wieder weg – wohin, weiß man nicht. Die beiden Frauen, mit denen Bossong spricht, romantisieren ihr Leben und reden es schön, sind stolz auf ihre Stammkunden, zu denen sich ein fast persönliches Verhältnis aufgebaut hat… ‚Pretty Women‘ Atmosphäre… Der Swinger-Club: allein erscheinende Frauen zahlen keinen Eintritt. Handtuchverhüllt rührt hier zum ersten Mal die dunkle Seite der Macht leise ihre Verführungskunst: Bossong Begleiter, der im S/M-Zimmer in einen Käfig steigt, muss energisch „Nora“ rufen, um wieder herausgelassen zu werden. Und hier, in dieser fast intimen Atmosphäre des Clubs, wirken auch die Geräusche, die ein Paar, das mit sich selbst beschäftigt ist, macht, aufregend…

Ich komme noch mal auf die Einschätzung der Spiegel-Rezensentin (wohlgemerkt: nicht der Autorin) zurück, Rotlicht sei das neue ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘. Das ist wohl ein wenig zuviel der Ehre, zu etwas zu schaffen, hatte Bossong wohl selber nicht im Sinn. Dazu fehlen auch die methodischen Basics wie Definitionen, Festlegung von Kriterien etc pp. Manche der Erlebnisse scheinen im Gegenteil dem Augenblick geschuldet: …Wir sind doch eigentlich überhaupt nicht wegen der Kinos in Hamburg. … ein paar Minuten später: „Wir gehen da jetzt rein“, sagt Daniel. 


Rotlicht ist vielmehr ein sehr interessanter Bericht über eine Selbsterfahrung, Selbsterkundung. Immer wieder stößt die Autorin an ihre Grenzen, sind ihr Situationen unangenehm: Am liebsten würde ich sofort verschwinden. [in obigem ‚Adult Cinema‘, nachdem ihr dort Partnertausch angeboten worden war.] Oder, beim Warten auf ihren Gesprächspartner, einen Kinobesitzer in der Schweiz: … wäre eigentlich doch gerne schon jetzt am Flughafen. Es ist erkennbar, daß Bossong und ihr Begleiter keine neutralen, aussenstehenden Beobachter sind, sie sind immer Teil des Ereignisses. So wie sie selbst taxieren und kritisch feststellen, wenn beispielsweise Brüste langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren, so werden sie, bzw. vor allem wohl die Autorin selbst, taxiert: im Kino, im Swinger-Club oder im Hamburger Laufhaus. Aber Bossong tritt auch als Kundin auf, also in der männlichen Rolle im Sexgeschäft: sie kauft von zwei Damen, die an der Straße stehen, eine Stunde, in der sie sich deren Leben erzählen läßt, sie geht zur Tantra-Massage, in den Swinger-Club oder zahlt im Bordell für Zusehen bei der Stunde, die ihr Partner gebucht hat.

Dieses Eingebundensein in die Ereignisse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Beteiligten, vor allem scheint es das Verhältnis der Autorin zu ihrem jeweiligen Begleiter zu beeinflussen. Besonders diese scheinen oft hin- und hergerissen: hin, das meint die Anziehungskraft des Milieus, her dagegen das Verdruckste, Verklemmte, offen dazu zu stehen. Daß jemand seine Souveränität behält, ist die Ausnahme.


Prostitution: die Meinungen dazu überstreichen das ganze Spektrum zwischen ‚PorNo‘ und PorYes. Vertreten die einen (wie z.B. Alice Schwarzer [6] oder siehe auch hier [4]) die Überzeugung, jegliche Prostitution beruhe auf Zwang, keine Frau würde sich freiwillig prostituieren, so vertritt z.B. Hydra [5] die Ansicht, jede Frau habe das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und dies schließe auch ein, ihr zeitlich befristet zu vermieten. Man findet ja auch ohne größer Mühe immer wieder Erfahrungsberichte junger Frauen, die z.B. für eine gewisse Zeit Escort-Service gemacht haben. Hier liegen die Stärken des Buches, wenn Bossong, die Vertreterinnen beider Positionen besucht und mit ihnen gesprochen hat, dies reflektiert und analysiert.

Das Sexgeschäft ist auf Männer ausgelegt, dies liegt der Recherche von Bossong zugrunde. Die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer, behutsamer, spricht auf andere Reize an, so erklärt ihr die Tantra-Masseuse. Der vorstehend schon erwähnte Kinobesitzer aus der Schweiz bekennt im Interview freimütig, er wisse nicht, wie man Pornografisches für Frauen machen müsse, das sei ihm ein Rätsel [vgl. dazu 7]. Dazu kommt, daß Männer für sich ein Recht auf Sex reklamieren – das er zur Not bei Prostituierten einkauft (wobei die Ehefrauen oft die Augen zumachen und sich denken, daß das immer noch besser ist als eine Geliebte), dieses Selbstverständnis gibt es bei Frauen nicht. Der Umgang mit Prostituierten, so erfährt Bossong in den Gesprächen, hat sich in den letzten Jahren geändert: die Preise sind gesunken, die Männer sind oft unverfrorener geworden, die Frauen werden oft eines letzten Restes Würde beraubt und sind nur noch Ware, die nach Preis eingekauft wird.


Bossongs Ausführungen werden dann souverän, wenn sie reflektiert und analysiert, wenn sie sich selbst beobachtet hinsichtlich der eigenen Reaktion auf ihre Recherchen bzw. auch auf die allgegenwärtige Sexualisierung der Lebenswelt. Beispielsweise stellt sie fest, daß sich der eigene Wertekanon modifiziert. Wir alle, auch ich, übernehmen solche Imperative beständig freiwillig. Wer will schon gerne dem gesellschaftlichen Konsens hinterherhinken, der festlegt, was eine vitale, ausgelebte Sexualität bedeutet? … Die kritische Frage, wer oder was eigentlich solche Imperative steuert, bleibt dahinter zurück. … . In diesem Kontext sind die geführten Interviews interessant, mit dem Kinounternehmer, der Tantra-Masseurin, den zwei Frauen von Straßenstrich, aber auch Vertreterinnen von Hydra bzw. dem Dortmunder Ordnungsamt.

Natürlich sind auch die Schilderungen der Erlebnisse Bossongs und ihres jeweiligen Begleiters wichtig. Diese Erlebnisse vermitteln nicht unbedingt Neues, man kann ähnliche Berichte oder Reportagen ohne große Mühe auch anderswo finden, möglicherweise war sogar der/die(?) eine oder andere schon mal in direktem Kontakt mit einer dieser Einrichtungen, die im Buch vorkommen. Ihre Relevanz haben diese Passagen durch die ehrliche Analyse der Autorin, welche Rolle, Funktion und Bedeutung ihnen zukommt und welche Wechselwirkung sie mit sich selbst feststellt. Im Gegensatz zur Souveränität der eher theoretischen Abschnitte schildert Bossong in diesen Kapiteln immer wieder auch die Unsicherheit, die sie in diversen Situation befallen hat und gegen die sie aktiv vorgehen musste. Aber sich in der Öffentlichkeit ‚dazu‘ zu bekennen (und in einer belebten Straße an der Tür zum Swinger-Club zu klingen, ist öffentlich…) heißt eben auch und immer noch, eine Grenze zu überschreiten, eine Hemmung, die jedoch – auch das wird deutlich – im Lauf der Zeit abnimmt.

Bossong Rotlicht ist also zwar kein Standardwerk über das ‚Milieu‘, aber eine sehr interessanter,  informativer und reflektierter Erfahrungsbericht aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Links und Anmerkungen:

[1] vlg. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong oder auch die Autorenseite bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/nora-bossong/
[2] Anne Haeming: Eine Frau dringt einhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/nora-bossong-buch-rotlicht-ueber-prostitution-in-deutschland-a-1135665.html
[3] Bei dieser Passage erinnerte ich mich sofort an den Roman Red Light der Karlsruher Schriftstellerin Phoebe Müller, die von ähnlichen Reiz roten Lichtes auf ihr Protagonistin ausgehend diese auf ganz andere (im Sinne Bossongs konventionelle) Weise die Prostitution, das Sexgewerbe, erkunden läßt: Phoebe Müller: Red Lighthttps://radiergummi.wordpress.com/2015/06/25/phoebe-muller-red-light/
[4] Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibthttps://radiergummi.wordpress.com/…uebrig-bleibt/
[5] http://www.hydra-berlin.de/startseite/
[6] vgl. auch diese beiden Beiträge in der Wiki:
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorNO-Kampagne
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorYes bei diesem Label geht es vor allem um eine Art Gütesiegel für feministische, frauenorientierte Pornographie
– dieser aktuelle Beitrag aus der ze.tt passt auch ganz gut ins Thema:
Eva Reisinger, Frauke Vogel: Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“; in: https://ze.tt/frauen-gehoeren….

Nora Bossong
Rotlicht
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

Michael Cunningham ist 1952 geborener Amerikaner und als Schriftsteller u.a. mit dem Pulitzer-Preis für seinen auch verfilmten Roman Die Stunden ausgezeichnet [1]. Im vorliegenden Werk, schon von außen als Buch ein Genuss, hat er etwas ganz anderes als einen Roman geschrieben. Er hat sich den Märchen gewidmet, Rapunzel beispielsweise, die Schöne und das Biest, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen, den standhaften Zinnsoldaten (um einige zu nennen) und hat diese ‚hinterfragt‘, uminterpretiert, in unsere Zeit transferiert oder auch fortgeschrieben.


Manchmal führt dies zu ganz anderen Geschichten wie beispielsweise bei Hänsel und Gretel. Die im Märchen böse Hexe ist bei Cunningham eine durch ein ausschweifendes, mehrere Ehemänner verschlissen habendes Leben gealterte Frau, die sich, nachdem das Alter (auch der eigene Körper hat Spuren dieses Lebens davon getragen) sie gezeichnet hat, ein Häuschen, ein Zuckerhäuschen, im Wald gebaut hat, in der Hoffnung, Anlaufstelle zu werden für die, die etwas vorhaben, was keiner sehen soll. Die einzigen, die jedoch nach Jahren des Wartens auf ihr Häuschen stoßen, ist ein psychopathisches Pärchen…

Enger am ursprünglichen Märchentext bleibt Cunningham dagegen bei seiner Geschichte vom Gnomen (… aus einer Sippe unbedeutender Zauberer…), der unbedingt ein Kind haben bzw. aufziehen möchte, ein Begehr, das zu Verwirklichen ihm auf natürlichem Wege verwehrt ist. Als die Müllerstochter jedoch des großmäuligen Vaters wegen vom König mit Spinnrad, Stroh und dem Auftrag, daraus Gold zu spinnen, in ein Verließ gesperrt wird, sieht er seine Chance…

… oder die Schöne… auch sie vom Vater geopfert… wohl kann sie das Biest erlösen, doch als der schöne, muskulöse Prinz dann vor ihr steht und sie seine Augen sieht, fragt sie sich, ob dessen Verwandlung in ein Biest nicht einfach nur eine angebrachte Schutzmaßnahme war…

… oder auch der letzte, der zwölfte Prinz aus Andersens Die wilden Schwäne, der dort nur erwähnt wird, bei Cunningham kommt ihm die Hauptrolle zu. Er, mit seinem Schwanenflügel, wird zum und ist Aussenseiter, Ausgestoßener auch: die billigen Schänken und Bars und deren Bewohner werden seine Begleiter, Vergessen und Trost sucht er im Alkohol…

Das soll als Beispiel für den Inhalt des Buches und den Ansatz des Autoren reichen.


Märchen, diese alte, ursprünglich mündlich tradierte Form – bevor sie schriftlich fixiert wurde – von Geschichten sind ja nicht einfach nur schöne und/oder erbauliche Texte, sie (als Volksmärchen) sind tiefgründig, übermitteln verschlüsselte Wahrheiten und Botschaften. Ich hatte mich vor einigen Jahren einmal damit befasst, als ich gebeten worden war, etwas über Aschenputtel zu erzählen [siehe unten]. Verfremdet man solche Geschichten, die offensichtlich mehr als nur einen Boden haben, verflacht man sie notwendigerweise, weil man das in ihnen Versteckte mit der Umwandlung in eine neue Geschichte verliert. Das Märchen der beiden Kinder Hänsel und Gretel beispielsweise ist in vielfacher Weise deut- und interpretierbar [2], kehrt man die Rollen jedoch um (wie der Autor es hier gemacht hat)  wird aus dem vielschichtigen, uralten Schatz der Volksüberlieferung eine einfache Geschichte, die zwar auch eine Botschaft vermitteln kann, aber im Grunde doch ‚flacher‘ ist als das Original. Diese Tatsache tut – das möchte ich betonen – dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch, da man sich als Leser (oder auch Hörer…) meist weniger auf tiefenpsychologische Aspekte von Märchen konzentriert, sondern man sich einfach nur dem Genuss der Geschichten hingibt… Märchen erzeugen schließlich auch Gefühle und Emotionen.

Wer Märchen kennt, ist klar im Vorteil, denn Cunningham hat sich natürlich nicht nur an die bekannten Volksmärchen der Grimmschen Brüder oder Andersens gehalten, die meisten der zugrunde liegenden Originale sollten aber bekannt jedem und damit erkennbar sein. Nicht jede Geschichte gefällt gleich gut, das ist normal bei Märchen (und als (Kunst)Märchen werden auch Cunninghams Geschichten im Untertitel bezeichnet), aber zusammen mit den zauberhaften Illustrationen der japanischen (und in NY lebenden) Künstlerin Yuko Shimizu ist ein sehr, sehr schönes Buch entstanden, schon der Umschlag ist optisch und haptisch ein Genuss für die Sinne. Damit ist Ein wilder Schwan eine erste Adresse als Buch zum (Ver)Schenken, sich selbst und anderen…

Links und Anmerkungen:

[1] Über Cunningham hat die Wiki nicht allzu viel zu bieten, aber immerhin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Cunningham, dafür gibt es aber eine Homepage: http://www.michaelcunninghamwriter.com
[2] Wie es hier im Überblick geschrieben steht…: https://de.wikipedia.org/wiki/…Deutungen

Es gibt nicht allzu viel ‚Märchenhaftes‘ auf aus.gelesen, aber zumindest dies:

ein wenig was zu Aschenputtel
José María Guelbenzu: Spanische Hunger- und Zaubermärchen
E.T.A. Hoffmann: Meister Floh (ein Kunstmärchen)
Blaise Cendrars: Kleine Negermärchen

Michael Cunnigham
Ein wilder Schwan
Andere Märchen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Illustrationen von Yuko Shimizu
Originalausgabe: A Wild Swan and Other Tales, NY, 2015
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 156 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

Ich selbst erinnere mich an diesen Raum, der deutlich länger war als breit und in dem ich hier als damaliges Ich zu sehen bin. Wird es der erste halbwegs selbstständige Toilettengang gewesen sein? Wahrscheinlich nicht, aber ebenso wahrscheinlich war dieser Gang noch keine Selbstverständlichkeit, hatte noch den Charakter eines Versuchs, diese Errungenschaft der Zivilisation mir anzueignen. Ganz sicher jedoch war das damals, zu diesem Anlass, kein stiller Ort, auch kein Stiller Ort, meine ich doch noch die Stimmen meiner stolzen Eltern zu hören.

Dieses Bild gehört zu den tiefsten Erinnerungen, die ich habe. Ich erinnere mich an die Wanne, an deren Rand ich mich festhalte. Oft war sie voll mit Wäsche, die dort noch von Hand gewaschen wurde, ein Waschbrett, etwas, das man heute nur noch von Bäuchen kennt, gab es zum Schrubben der Wäsche, eine Mangel, das waren zwei über eine Kurbel angetriebene gegenläufig rotierende Walzen, die das Wasser aus den Wäschestücken pressten. In späteren Jahren (ich darf die Erinnerungen nicht vermischen!) gaba es eine andere Wanne, in der lagen Gurken und wurden geschrubbt, aus ihnen machte die Mutter Essiggurken, Gurkendoktors große Stunde. In der Wanne dagegen, die man auf dem Bild sieht, saß häufig auch ich, man hatte damals noch die kleinhandtellergroßen Brausetabletten, um ein Schaumbad herzustellen. Gibt es die noch? Vater musste dazu mit der Hand ganz kräftig im Wasser quirlen, ich trug meinen Teil zur Überschwemmung ganz sicher bei, Spaß hatten wir beide und der Raum roch nach Fichtennadeln.

Ein anderer stiller Ort, bei meiner Tante in einer Bergarbeitersiedlung. Ein Häuschen auf dem Hof mit einer Sitzbank und einem Loch, darunter eine Grube, die alles aufnahm, was von oben kam. Das Bild finde ich nicht mehr, ich habe gestern alles durchsucht. Das Haus, ein Bergarbeiterhäuschen im Kohlenpott, ist auf der linken Seite des Bildes abgeschnitten, etwas zurückgesetzt besagter Verschlag mit halboffener Tür. Ich stehe mit geringeltem Pullover und Pudelmütze (es muss also kalt gewesen sein) davor, ein Zeigefinger friert, sucht Wärme in meiner Nase, meine Tante stützt mich und beugt ihren Oberkörper zu mir herunter. Wer das Bild gemacht, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es  bedaure, daß ich dieses Bild vielleicht nur noch in der Erinnerung besitze.


Peter Handke [1] hat diesen Versuch über den Stillen Ort 2011 in der Einsamkeit und Dunkelheit sowohl der Rauhnächte als auch der menschenleeren Landschaft zwischen Paris und dem Meer, niedergeschrieben. Auch diese Situation eine Situation der Stille und der besonderen Atmosphäre in diesen letzten Tagen eines Jahres, die die welligen Weiten durchwirkt von düsterem Licht darbietet, kaum belebt von anderen Menschen, manchmal jedoch durchleuchtet für eine Stunde von der Sonne mit einem Schimmern, das herzhafter sich der Autor kaum vorstellen konnte, mit einem fast horizontal einfallendes Dezemberlicht, kein umfassenderes, belebenderes Grünen und Blauen, kein innigeres Glänzen als jenes der Grasmittelstreifen auf den den Feldwegen.

Handkes Büchlein ist eine Mischung aus Erinnerungen an und kleinen Betrachtungen und einem Sinnieren über die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dieses Stillen Örtchens, das still ist, weil es zweierlei im Besucher bewirkt: er ist allein auf diesem Ort, den er möglicherweise als Fluchtort sich ausgesucht hat, um für eine Weile einer Gesellschaft, für die er sich kurz erholen musste, um sie wieder zu ertragen, zu entkommen. Und still ist er, weil wir uns auf uns konzentrieren, jenes, was von außen kommt, zu einem Hintergrund verschmilzt, der nicht mehr stört. Mag uns das auch nicht bewusst sein, so merken wir es spätestens dann, wenn Schritte zu hören sind und wir vermuten, es seien Schritte gemacht in der Absicht, diesen Stillen Ort, den wir schon besetzen, (vergeblich) aufzusuchen: wir fühlen uns gestört, verunsichert, verteidigen den Ort möglicherweise mit einem Warnruf, der dem potentiellen, dem vermuteten, Eindringling ‚Halt!‘ gebieten soll.

Die frühesten Erinnerungen Handkes gehen zurück auf den versteckt liegenden Abtritt des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten mit der zurecht geschnipselten Zeitung als Papier, dem senkrechten Schacht, der auf den Misthaufen (oder in einer Grube?) sein Ende hat. Völlig unauffällig war dieser Ort verborgen hinter einer rissigen, alten Wand aus grau gewordenen Brettern. Schon hier taucht das besondere Licht in der Erinnerung Handkes auf, sogar zweierlei Lichter … das erste der Lichter von oben, an Ort und Stelle sozusagen, … das durch das Holz und aus dem Holz selber, wie gefiltert  drang, ein seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus; indirekt, das heißt ohne Fenster, dafür umso stofflicher; … Und das zweite der Lichter? war das, welches schachtaufwärts steigt … bis höchstens zur halben Höhe des Schachts … ein ganz anders stofflicher Schimmer als der den Äuger oben umgebende, … immer wieder räsoniert Handke über das besondere Lichtd, das er an diesen Orten wahrnimmt in seiner einhüllenden Atmosphäre.

Das Klosett, der Abtritt als Ort des Asyls, als Fluchtpunkt. Mir kommt jetzt die Geschichte von Belá in den Sinn, diesem ungarischen Jungen, der tagsüber arbeiten musste und sich nachts auf dem Abtritt versteckte, um dort ungestört trotz Gestank beim Flackern der Kerze zu lernen [3]. Auch Handke sah das Klosett in seinem Internat als einen möglichen Asylort an, der ihm Schutz bot und die äußeren Geräusche der lärmenden Mitschüler zu etwas fast ‚Heimeligen‘ verwandelte.

In dieser Phase des Erinnerns schleicht sich bei Handke eine seltsam anmutende Assoziation ein, kommt ihm das weit häufigere Aufsuchen des Beichtstuhls im Laufe der heiligen Messe … als etwas Vergleichbares vor die Augen. Der Beichtstuhl, auch ein stiller Ort mit seiner auf sich Selbstzurückgeworfenheit, an dem sich (nicht der Körper, aber) das Gewissen erleichtert bis hin zu dem fast beschwingten Rückweg in die Stuhlreihe, ähnlich dem leichten Gang von der Toilette, wenn die Erleichterung des Körpers dessen Wohlbefinden und daher das des Menschen merklich verbessert hat.

Noch einmal sollte den Autoren so eine Assoziation mit Kirchlichem ankommen. In einem Park (kurz vor dem Niederschreiben dieser Aufzeichnungen) in der Nähe der öffentlichen Bedürfnisanstalt sitzend kommt ihm der Zug der Menschen dorthin vor wie vergleichbar höchstens beim Kommuniongang des Kirchenvolkes während der heiligen Messe, … ein Vergleich, den Handke – er betont dies – nicht blasphemisch meint. Mich schockieren diese Vergleiche nicht, verfällt man nicht der Unsitte des Lesens auf dem Klo (oh ja, auch ich natürlich folge dieser), sondern nutzt die Gelegenheit der Achtsamkeit für sich, kann sich, so wage ich zu behaupten, ein sehr nach innen gekehrtes Moment in solchem Toilettenaufenthalt einfinden.

Es gibt auch eher skurril anmutende Passagen. Der junge Handke, der auf Wanderschaft gegangen ist, und dann ohne Geld in der Toilette übernachtet, halbkreisförmig um die Schüssel geschlungen die Nacht zu verbringen versucht… die Unfälle, die sich (gar nicht mal so selten) auf Toiletten ereignen bis hin zu dem von ihm erlebten, daß ein (gottseidank genügend) breitschultriger Bekannter kopfüber in einen Abortschacht fiel und über Nacht dort hängenblieb… ungefährlicher dann schon die Situation des stillen Friedensschlusses mit dem verfeindeten Professor, nachdem sich beide wortlos nebeneinander vor den Waschbecken und den Spiegeln dieses Ortes der Körperpflege widmeten und in dieser Intimität des Augenblicks unausgesprochen Differenzen schmolzen.

Ein prägendes Erlebnis in Japan. Erst an jenem Morgen eines schon längeren Aufenthaltes in diesem fremden Land, nach Betreten der Tempeltoilette in Nara, wurde Japan mir heimisch; kam ich dort auf der Insel an; nahm das Land, das ganze, mich auf. … Ankunfts-, Aufgenommenseins-, Hiesigkeitsgefühl? Der Stille Ort von Nara war auch einer der Befreiung. … Ich wurde … unbändig in ihm, erfüllt von belebend unbestimmter Energie. Und mehr noch der Begeisterung des Autoren über diesen Ort eines Geistes der Unverwundbarkeit… an dem, einem japanischen Dichter zufolge die alten japanischen Haiku-Dichter auf zahllose Motive gestoßen sind. Auf der Toilette, wenn wir nach dem Schließen der Tür der Welt auf Zeit entzogen sind, konzentriert sich unser Bewusstsein auf unseren Leib und seine Bedürfnisse, entkommen wir sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft, gelangen ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart, auch wenn sie nur wenige Augenblicke dauern mag. Verwundert es da, daß der Geist frei ist in diesen Momenten, offen für spontane Eingebungen, für Neues? Die Toilette also als Ort der Kreativität, auch der Norweger Kagge [4] berichtet davon in seinen Betrachtungen über die Stille. Es ist nicht verwunderlich, mir gefällt dieser Gedanke einer besonderen Art der Achtsamkeit dieses Stillen Ortes. Noch einmal zurück zur Toilette in Nara: auch hier wieder die Faszination durch das Dämmerlicht.

Und erst jetzt, lange im Nachhinein, merke ich: Ich habe zu erzählen vergessen, was der vordringliche und mächtigstes Anlaß zu diesem Versuch über den Stillen Ort war, nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten, von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens – immer wieder erlebt, und im Lauf des Lebens zunehmend stärker, im Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den anderen. 

Der Stille Ort, bzw. eher wohl noch die Stille des Ortes ist es, die eingesperrt-zurückgedrängte Gedanken freigibt, die sie Worte finden läßt, in denen sie denkbar, formulierbar, sprechbar werden: kein Widerspruch, der sich im ersten Lesen möglicherweise angedeutet haben mag, sondern heilsame Wirkung der Stille.

Der Stille Ort, der für den Autoren in den ersten Epochen seines Lebens mehr ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort war, änderte diese Funktion im Lauf der Zeit. Er wurde Schlafplatz, ein Ort auch der Reinigung des Äußeren, ein Ort zum Nachdenken, ja, ich scheue mich nicht, den Begriff ‚meditativ‘ in diesem Kontext zu nennen. Ein Ort auch der Geometrie, der Form, was ich hier jetzt nur in diesem Satz festhalten möchte, Handke läßt sich ausführlich über diesen Zusammenhang aus.

Wenn wir uns als Leser dem Thema öffnen – und es geht Handke nur um den Ort an sich, nicht um das, was dort praktisch durchgeführt und erledigt wird und dann auch anrüchig erscheint – erkennen wir die Wahrheit, die Handke ausspricht. Dieser profane Funktionsraum, ausgerechnet dieser Funktionsraum ist so viel mehr und er ist es, sind wir ehrlich, auch für uns. Auch für uns ist er Fluchtort, gewährt er uns für Minuten Asyl und Schutz, bringt er uns auf andere Gedanken. Weil er uns die Möglichkeit gibt, uns auf uns, unseren Körper, der mit Seele und Geist eine Einheit bildet, zu konzentrieren und uns damit zu öffnen. Damit wird er zum wahren Stillen Ort.

Handke, einer der deutschsprachigen ‚Groß’autoren hat diverse Versuche publiziert: ~ über die Müdigkeit, ~ die Jukebox oder ~ den geglückten Tag. Dieser erscheint möglicherweise am exotischsten, Erinnerungen und Philosophisches zum Klosett, zum Abort liegen nicht a priori auf der Hand. Um so verdienstvoller ist der Versuch Handkes, den Ort der Verrichtung profaner Körperfunktionen nicht nur als Erinnerungsort festzuhalten, sondern ebenso, ihn gedanklich zu durchleuchten. Er hebt damit implizit auch den Vorgang der inneren Reinigung des Körpers, die hier vollzogen wird, aus seiner Profanität heraus und weist ihm die Rolle und Bedeutung zu, die ihm zukommt. Greifen wir diese Gedanken als Anregung auf, die Toilette zukünftig bewusster als Ort der Ruhe und der Reinigung wahr- und anzunehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] ach, es gibt so vieles über Handke im Internet… eine Übersicht jedenfalls hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke
[2] —
[3] János Székely: Verlockung (Besprechung im Blog)
[4] Erling Kagge: Stille (Besprechung hier im Blog)

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 110 S., 2012

 

Alexander Osang: Winterschwimmer

Der 1962 im Osten Berlins geborene Journalist und Schriftsteller Alexander Osang gehört zu den von mir gern Gelesenen, seine Kolumne im Spiegel ist mir lieb. Daß er auch Schriftsteller ist und außerdem sowieso produktiv, war mir nicht so präsent. Selbstverständlich hat er seinen eigenen Wiki-Beitrag [1] und das Reporterforum [2] (auf das zu stoßen ein netter Nebeneffekt meiner ‚Recherche‘ zu Osang war) listet fast 600 Treffer zu ihm auf.


Die vorliegende Sammlung von vierzehn Geschichten, auf die ich neulich schon an anderer Stelle hingewiesen hatte [3], ist eine Auswahl von Erzählungen, die Osang seit zwanzig Jahren regelmäßig zu Weihnachten in der Berliner Zeitung schreibt. Es sind keine Weihnachtsgeschichten mir Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, keine Adaptionen des Besuchs der Könige und die Hirten auf dem Felde sind auch nicht alarmiert. Osang greift das Fest in seiner heutigen Form auf, diese durch feste Rituale geprägte Institution des familiären Lebens. Denn genau das ist es in vielen Fällen: die Familie, das Jahr über getrennt, manchmal über den ganzen Erdball verstreut lebend, kommt für ein paar Tage zusammen, die Kinder besuchen die Eltern, die noch in der Wohnung wohnen, die von ihnen, den erwachsen Gewordenen, vor ein paar Jahren verlassen worden ist; die Eltern fahren zu den Kindern und treffen dort auf eine Welt, die sich von der ihren zunehmend unterscheidet. Man muss sich arrangieren, die gewohnten Rückzugsräume fehlen, dafür aber tauchen neue Herausforderungen auf: man muss die anderen daher aushalten. Gott sei dank gibt es die Rituale, die dabei helfen: den Weihnachtsbaum mit allem, was sich so um ihn herum abspielt, das Gänseessen, den Spaziergang… nur manchmal funktioniert das eben trotzdem nicht.

Die, die übrig bleiben bei dieser weihnachtlichen Familienzusammenführung, sind die Verlassenen, die Einsamen, die, die sich getrennt haben oder die getrennt worden sind. Und meist sind diese es, die in Osangs melancholischen (er selbst sieht sie eher tragikkomisch [4]) Geschichten im Mittelpunkt stehen. Der Immobilienmakler beispielsweise, der vor dem Haus, in dem er wohnt eine Wohnungssuchende trifft, die auf ein Zimmerfenster seiner Wohnung zeigt und davon überzeugt ist, daß eine Wohnung mit so einer Gardine vor dem Fenster schon seit langem leer stehen muss. Und, das wird ihm daraufhin klar, bis auf ein Bild an der Wand stimmt das, er hält sich auf in der Wohnung, aber er lebt dort nicht, nichts ist von ihm sonst dort… Die Titelgeschichte vom Winterschwimmer bzw. von den Winterschwimmern, denn das Wort ist Singular und Plural in einem, erzählt von Ruhl, der nach der Wende zusammen mit seiner Frau ein erfolgreicher Verkäufer von Solarien im deutschen Osten war, dessen Frau ihn aber, nachdem das Geschäft abflaute, verlassen hat und der jetzt, zum 15-jährigen Firmenjubiläum mit entsprechenden Rabattangeboten auf Kundschaft wartet. Ob die Frau, die er überzeugen kann, daß sie den Pool ruhig ausprobieren darf – in den er dann kurz darauf auch steigt-, länger bleiben wird, läßt Osang zwar offen, vorerst beläßt er es beim gemeinsamen Schwimmen…

Die Einsamkeit zu zweit, die sinnentleerten Rituale, gegen die sich niemand wehrt, die nur erduldet werden, um Streit zu vermeiden oder Enttäuschung beim anderen. So wird die Fischsuppe gegessen, obwohl man sie nicht ausstehen kann und während der Mann die Tür hinter sich zugeworfen hat, um draußen heimlich zu rauchen, holt die Frau schnell die Weinflasche hervor und kippt ein Glas hinunter. Aber wie der Zufall so spielt, ist es gerade ihr Mann, der vom mobilen Reporterteam für’s TV interviewt wird und der dort zum ersten Mal seit langem das sagt, was er wirklich denkt – und seine staunende Frau, die mit dem Weinglas mittlerweile vor der Glotze sitzt, findet, daß ihm das eigentlich gut steht und holt seinen Aschenbecher wieder aus dem Schrank…

Mal unsichtbar sein für die anderen und sie belauschen, hören, was sie sagen und erzählen – für Jo Friedrich geht diese Vorstellung in Erfüllung. Jo hat mittlerweile Karriere gemacht, vertritt eine Weltfirma in Indien, hat auch eine indische Frau. Um den Nikolaus für seinen Enkel aus erster Ehe zu spielen, fliegt er nach Deutschland. Er hat die perfekte Maske, in seiner Position ist es kein Problem, ein Kostüm zu bekommen, das sogar die eigene Stimme verändern kann. So steht er am Abend unerkannt im Zimmer vor der Familie, (aus)von der er vor Jahren (aus)geschieden ist, und hört und sieht Wahrheiten, die ihm zunehmend die Sprache verschlagen….

Eine altmodische Geste, der Dame zum Schutz gegen den Regen das Jackett umhängen, doch die Dame erhoffte mehr, was er ihr aber nicht gab. So landete das Jackett schließlich im Abfallcontainer, irgendwo musste die Enttäuschung hin, mitsamt des Geschenks für die Ehefrau, das in der Jackentasche steckte. Eine Ereigniskette, die das Leben Beckers von Grund auf erschütterte, nahm jetzt ihren Lauf, denn irgendwie musste er ja wieder an das Jackett kommen…


Es ist eine immer wieder auftauchende Grundstruktur in den Osangschen Geschichten: ein unvorhersehbares Ereignis (das auftauchende TV-Team; der Tod des Vater, der sich in Thailand aufhielt; die Wohnungssuchende; das weggeworfene Jackett; die verschlossene Tür, nachdem man mal kurz nach draußen gegangen war…) durchbricht den schützenden, aber auch einengenden Kokon der gewohnten weihnachtlichen Rituale und eröffnet, erzwingt manchmal auch, den Blick für Neues. Jedem Ende also wohnt ein Anfang inne, eine neue Lebensperspektive, die sich zeigt, zumindest aber ein neuer Blick auf das gewohnte Leben mit der Chance, etwas zu ändern… In diesem Sinne sind Osangs Geschichten trotz der Tragik, die ihnen innewohnt, hoffnungsvolle Geschichten, sie sind weihnachtlich in dem Sinne, daß auch vor gut zwei Jahrtausenden das Alte, Hergebrachte in seiner Erstarrung in Frage gestellt worden ist und ein neuer Blick, ein neuer Anfang sich aufgetan getan hatte. Und abgesehen von dieser in den Geschichten enthaltenen ‚Botschaft‘ ist Osang ein Meister darin, von diesen entscheidenden Weichenstellungen im Leben seiner Figuren unprätentiös, lakonisch, immer mit Sympathie für sie zu erzählen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang
[2] http://www.reporter-forum.de/index.php?id=119
[3] https://www.facebook.com/aus.gelesen.de/posts/1636988546380740
[4] http://www.zeit.de/2017/51/alexander-osang-schriftsteller-reporter-weihnachten-glauben

Alexander Osang
Winterschwimmer
Erstveröffentlichung der Geschichten (außer ‚Unsichtbar‘) in der Berliner Zeitung
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 236 S., 2017

Jan Kjærstad: Rand

Auf diesen Roman bin ich durch Zufall (Vorbestimmung?) gestoßen, sammle ich doch hin und wieder alte Ausgaben der Reihe Die Andere Bibliothek. Weder vom Titel noch vom Namen des Autoren, Jan Kjærstad [1], wäre ich wohl sonst auf diesen außergewöhnlichen Roman getroffen. Außergewöhnlich, weil schon der erste Satz ohne jede weitere Einleitung schockiert (berührt? verwirrt? irritiert?), so direkt und unvermittelt findet man das selten formuliert, zumal das Sujet der Frage kein Alltagsproblem berührt [2]….


Ich weiß plötzlich, ich sehe – und ich schreibe dies in vollem Ernst –
eine Milliarde Milchstraßen in der Hülle namens Mensch.

Das Buch spielt in Norwegen, genauer Oslo, zur Zeit des Ölbooms [5], in dem viel Geld in das Land fließt und sich die Stadt baulich erneuert und stetig verändert. So ist sie neben dem Erzähler die zweite Hauptperson des Romans, man müsste diesen Roman mit einem Stadtplan an der Hand lesen, denn  Kjærstad führt uns auf vielen Spaziergängen, die seine Hauptfigur unternimmt, durch die Stadt, schildert die Gebäude, die Aussichten, die Baustellen… Ist es verwunderlich, daß der namenlos bleibende Protagonist bei seinen Spaziergängen auch auf einen Architekten trifft und mit ihm ins Gespräch kommt? Nein, ist es nicht, auch wenn der Erzähler dieses Faktum erst posthum, nach dem gewaltsamen Tode Beckers durch die Zeitung erfährt. Der Tote ist der Zeitung eine Meldung wert, in der ein wenig über ihn geschrieben wird, genauso wie über einen weiteren durch Gewalt verursachten Todesfall, bei dem ein ??? stirbt. Als dann eine dritte Leiche, diesmal eine Frau, gefunden wird, wächst die Aufregung (Angst? Besorgnis? Empörung?) unter den Einwohnern, eine Serie wird vermutet, die Zeitung stellt Spekulationen (Holmen!) an und die Polizei setzt ihren erfolgreichsten Vermittler auf den Fall an. Auch unser Protagonist rätselt über die Geschehnisse, verfolgt die Theorien und Hypothesen in Presse, Funk und Fernsehen (Tonga? Deutsche Nachnamen der Opfer? Juden?), die auf Gemeinsamkeiten und damit potentielle Spuren hindeuten, die jedoch durch den nächsten Toten immer wieder obsolet (wie komme ich auf das Wort? .. ein wirklich treffender Ausdruck…) werden.

Schwitzen Sie denn nicht an der Nasenwurzel?

Der Ich-Erzähler lebt in guten Verhältnissen, ist in einer EDV-Firma mit Sonderprojekten betraut. Ingeborg, seine Lebensgefährtin (Frau? Freundin? …) ist meist in der Welt unterwegs (Reiseführerin? Stewardess? Flugbegeiterin?). Sie scheinen glücklich miteinander zu sein, kehrt Ingeborg von einer Reise zurück, nimmt sie sich kaum Zeit, sich der Kleider zu entledigen, um den Erzähler sofort zu Höchstleistungen zu treiben. So reitet sie ihn (ein-zwei-drei) mit Barett auf dem Kopf, oder erregt ihn maßlos durch Küsse der besonderen Art, immer jedoch ist der Erzähler der passive Part des Spiels.

Die Düfte, die Dichte, die Fruchtbarkeit. Die Verwesung.

Aktiv ist dagegen die Beziehung, die er zu seinen flüchtigen Zufallsbekanntschaften eingeht. Er hat keinen Plan (aber das Fatum (ein wunderbares Wort) vielleicht… möglicherweise herrschen Zusammenhänge, die es noch zu finden und zu ergründen gilt… zu sehr wirken die Umstände, als wäre nur blinder Zufall im Spiel…?), den wir erkennen können, erst im Nachhinein fallen Gemeinsamkeiten auf, die sich für den Erzähler wie Spalten darstellen, die den Vorhang zu einer hinter unserer Realität liegenden weiteren Wirklichkeit eröffnen.

Wo sind deine Schwänke? deine Sprünge? deine Lieder? deine Blitze von Lustigkeit?

Die Beziehung, die der Täter zwischen sich und den Opfern knüpft, endet nicht mit deren Ableben, im Gegenteil beginnt sie dort erst. Denn das gelebte Leben seiner Toten interessiert den Erzähler, er recherchiert, macht sich kundig über sie, wo sie gelebt, gearbeitet haben, wohin sie reisten (Tonga?), was sie taten… je mehr er erfährt, desto näher kommt er ihnen, als desto intensiver empfindet er diese Beziehungen. Hier ist er so aktiv, wie er bei unter Ingeborg passiv bleibt.

Diese Stearinkerzen sind schlechter als die alten,
die noch aus dem Tran des Pottwals gemacht wurden.

Sein Idol jedoch ist Zakariassen, der charismatische Ermittler der Osloer Polizei, ihn bewundert, ja verehrt er. Seine Arbeit, seine Hypothesen, die Spuren, die er verfolgt: wenn jemand diesen Fall löst, dann wird es Zakariassen sein, so ist sich der Erzähler sicher… eine Wertschätzung, die in gewisser Weise erwidert wird: auch der Kommissar hat vor dem Mörder einen großen professionellen Respekt…

Wenn ich überlege, bin ich in erster Linie inspiriert.

Es ist seine Chance… Bei der Polizei wird eine EDV-Stelle ausgeschrieben, der Protagonist bewirbt sich, wird angenommen und imponiert seinem Idol durch seine Äußerungen so sehr, daß Zakariassen ihn als eine Art Joker in sein Ermittlungsteam holt. Mit dem unvorbelasteten Blick das Aussenstehenden soll er eingefahrene Gleise der Routine aufbrechen. Eine Aufgabe, die ihn packt, die ihn in Beschlag nimmt, in die er alle Energie steckt. Und wirklich, er fördert Querbeziehungen unter den Opfern zu Tage, an die kein Mensch vorher gedacht hat. Zwar findet auch der Erzähler den Täter nicht, doch – das ist eine Ironie des Buches – so manch anderes Verbrechen wird im Lauf der Wochen, wenn den ansonsten unergiebigen Spuren nachgegangen wird, aufgeklärt…


Das ist schon eine schräge Story: ein Mann, der auf seinen Spaziergängen durch Oslo auf Menschen trifft, mit ihnen ins Gespräch kommt und dann auf einmal sind sie tot, mit einem Stein erschlagen, von -zig Tritten totgetreten, mit einer Hutnadel durchs Ohr ins Hirn oder einem Messer in den Bauch gepiekt… nicht immer weiß unser ‚Held‘, wie das genau nun passiert ist, vor der einen oder anderen Leiche scheint er genauso verblüfft zu stehen wie wir als Leser. Es sind Tötungen (Morde sind es ja zumindest für die deutsche Gesetzgebung eigentlich nicht, es fehlt die niedere Gesinnung, er raubt die Toten ja nicht aus, allenfalls Kleinigkeiten nimmt er mit wie Bergmanns Feuerzeug, mit dem er später dann den Kollegen auf dem Präsidium immer Feuer geben sollte…), die dem absoluten Zufall entspringen, zwischen Täter und Opfer gibt es keine Beziehung ausser den wenigen gemeinsamen Minuten vor der Tat. So zufällig wie die Taten sind, so sinnlos sind sie: es gibt kein Motiv außer dem Stein, der herumliegt, dem Messer, das auf den Boden fiel, die Hutnadel, die den Hut im Haar fixierte…

Entsprechend hilflos sind die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Polizei. Letztere hat ihre Ermittlungsroutinen, die aber in diesem Fall ins Leere laufen. Die Öffentlichkeit (Holmen!) spekuliert, teilweise durch originell und intelligent und setzt die Polizei damit unter Druck, zumal diese auch manchmal an der Grenze ihrer Befugnisse operiert. Und in dieser Situation wird ausgerechnet der gesuchte Täter als Ermittler zur Verstärkung ins Team geholt und er erweist sich dort als einer der eifrigsten. Nicht, daß er irgendetwas sabotieren würde, im Gegenteil, er setzt alles daran, den Täter zu ermitteln und seinem Freund (ja, das kann man so sagen, es hat sich eine reine und unbefleckte Beziehung zwischen dem Erzähler und dem Kommissar entwickelt) damit zu helfen. Diese Konstellation zieht Kjærstad dermaßen konsequent durch, daß man als Leser sehr verunsichert ist: weiß der Erzähler überhaupt, was passiert ist und welche Rolle er dabei spielt?

„Ganz am Anfang war ich sicher, der Täter sei verrückt“, sagt Zakariassen. „Diese Verbrechen hatten etwas so … Nutzloses, daß es gewissermaßen menschlich unmöglich war. Ich habe den Betreffenden als einen verwirrten Menschen betrachtet, der versucht an Gottes STelle zu treten. Oder einen, der gegen Gott kämpft. – „Und jetzt?“ … „Wir stehen einem Genie gegenüber. Einem Menschen, der jahrelang kalkuliert und geplant hat. Einem Meister in der Detailberechnung von Effekten, einer Person mit eiskalter Geduld. „

Der Täter ist krank, sicherlich. Ich denke, das kann man auch als Laie konstatieren, obwohl wir ja jetzt gelernt haben, daß Ferndiagnosen prinzipiell abzulehnen sind (Trump). Der Tod seiner Opfer ist für ihn das Eintrittstor in ihr Leben, er interessiert sich dafür, recherchiert es, informiert sich, die diversen Theorien, die die Öffentlichkeit suchen (Holmen!) faszinieren ihn und regen ihn an, weiter zu denken, Assoziationen nachzuspüren. Er lernt seine Opfer immer besser kennen, sie werden ihm immer sympathischer, je mehr er von ihnen weiß.#


Genau hier, in dieser Sekunde sah ich es. Ich bin nicht imstande, es zufriedenstellend zu erklären. […] Als erschiene in der Wand, die du ein Leben lang angestarrt hast, plötzlich ein Spalt. Kurze Zeit siehst du etwas Phantastisches, ganz Unbeschreibliches … wohlgemerkt, als etwas Potentielles oder vielleicht Hypothetisches – in Form eines Lichts, eines Scheins, eines Glanzes – durch diesen Spalt. Dann ist er weg. Oder du findest ihn nicht wieder. Alles ist wie vorher.

Es sind dies die Momente, in denen er tötet, als könne er dadurch den Spalt öffnen, Zugang zu diesem anderen, phantastischen erlangen, das ihn so anzieht, das so unbeschreiblich ist, daß er im Lauf der Wochen und Monate und Toten immer größere Probleme bekommt, es in Worte zu fassen, er sogar an der Potenz von Worten zweifelt, es überhaupt fassen zu können…


Der Roman erinnerte mich schon in den ersten Seiten an die wenigen surrealistischen Romane, die ich gelesen habe (es ist gut, daß ich das jetzt gesagt habe. Zwar bin ich kein Experte, aber dieser Eindruck lag einfach nahe, der Gedanke ist einfach großartig, jedes andere Wort wäre zu wenig…)… Irene [3], Ingeborg (Zufall? Notwendigkeit? Monod? Monade? Gonade? Sonate? Wie doch schon ein Buchstabe ganze Welten ändert, hin und her springt zwischen Entitäten, die so fern voneinander liegen und doch nur einen winzigen möchte ich sagen, Buchstaben von einander entfernt. Oder zwei. Unerahntes…)… Die Hölle… Das Vaterland und der Samenspritzer, der wie ein Schussfaden durch das Gewebte dringt… Oslo-City, die Kräne, die wie Arme schwenken und wie Dirigenten ein Orchester der Bauarbeiter führen, den Himmel über Oslo strukturieren. Wieso hat sich Bergman nicht gewehrt, der Kampfsportler? Ein Horn ist im Koffer, o Leser, o Leser – Ein Horn ist im Koffer, o Leser – Ein Horn! Ich denke an ein Schiffsdeck oder an Amerika, ich denke an große Tanzsäle, ich denke an … Ich suche lange: Ich denke an Kirchenmusik. Das Gestreifte des Tigerfells. Spalte über Spalte, in feuerrotem Hintergrund. Hurz.


Kjaerstad ist ein reflektionsbewußter Schriftsteller, der die Poetik der Postmoderne in Opposition zu den literarischen und weltanschaulichen Idealen der vorausgegangenen Generation konstruiert. Die Postmoderne ist bei Kjaerstad keinesfalls Unterbrechung, sondern eine Weiterentwicklung der Moderne, ein Ausdruck der pluralisierenden Reflexion angesichts der Heterogenität der Zeit. Sie entzieht sich jeder zentrifugalen Kraft und damit auch jeder Definition. Dies alles spiegelt sich auch im vorliegenden Roman Rand. Mir ist zwar – ich gebe es unumwunden zu – nicht ganz klar, was das alles bedeutet, aber ich finde diesen Satz in der Textanalyse von Miluse Jurickova [4] einfach wunderbar, er ist so… ja, genau, genauso ist er!

Jedenfalls hat Kjaerstad mit seinem Roman eine fantastische Reise in das Hirn und in die Gedankenwelt eines Menschen geschildert, der einerseits auf der Suche ist nach der Wahrheit hinter der Realität und der andererseits ganz offensichtlich Probleme hat, Beziehungen zu knüpfen, denn solches gelingt ihm erst mit den Toten, die er sich selber schafft. Daneben ist das moderne Leben im Oslo des Jahres 1988 [5] Thema, die Veränderungen in der Stadt, die Bautätigkeit, die das Alte zum Verschwinden bringt und Neues bringt. Der namenlos Bleibende hadert damit, ihm ist das Zwischenstadium, das ihm Raum gibt für Assoziationen, für Phantasien, wertvoller: Ich sah zu dem Betonskelett, mir gefiel der Gedanke nicht, daß sie anfangen würden, es mit Fassadenplatten und Spiegeln zu verkleiden. Drittes Element des Kjaerstadschen Romanes ist die Öffentlichkeit. Sie ist in Form von Zeitung und TV-Berichten (die Mordserie beunruhigt Bevölkerung und Politik natürlich stark) an der Jagd auf den Täter beteiligt, in einer Art Einflüsterung wirkt sie (Holmen!) sogar auf den Gang der Ermittlungen ein, die (herrliche Ironie) eine Vielzahl von Verbrechen aufklärt, nicht jedoch das eine. Bezeichnend wird der Kommissar zum Star, sogar zum Norweger des Jahres gewählt, er ist das Idol des Erzählers, ihm wünscht er aus ganzem Herzen Erfolg…

Der Roman wird, so über ihn geschrieben wird, teilweise als Krimi bezeichnet. Das ist er aber meiner Meinung nach nicht, mit gleicher Berechtigung könnte man ihn dann ebenfalls als erotischen Roman einstufen, denn die Schilderung dessen, was geschieht, wenn des Täters Ingeborg mal wieder in der gemeinsamen Wohnung eintrifft (leider zu selten….), erheben sich vom Niveau her meilenweit über das, was man mittlerweile in der Masse der erotischen Literatur antrifft. In welches Genre Rand nun ‚eigentlich‘ gehört, ich weiß es nicht, es ist aber auch egal, denn es ist so oder so ein faszinierendes, irritierendes, befremdliches Stück Kunst. Wer die Gelegenheit hat, das Buch zu lesen, sollte sie auf jeden Fall nutzen!

… und mir verzeihe man die etwas skurrile Art des vorstehend stehenden Textes, wer das Buch liest, wird die hingestümperten Anspielungen verstehen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Kjærstad
[2] https://twitter.com/flattersatz/status/893384862345940992
[3] zu Irene: Albert de Routisie (Louis Aragon): Irènehttps://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/
[4] Miluse Jurickova: Text als Ornament. Zu Jan  Kjærstads Roman Rand. in: https://digilib.phil.muni.cz/bitstream/handle/11222.digilib/106010/1_BrunnerBeitratgeGermanistikNordistik_10-1996-1_8.pdf?sequence=1
[5] Eröffnungsdatum des im Roman erwähnten Einkaufszentrums ‚Oslo City‘ war der 11. November 1988, so daß man einen guten Anhalt hat, in welcher Zeit der Roman spielt.

Weitere Werke von Jan Kjærstad sind z.B. im kleinen österreichischen Septime-Verlag auf deutsch erschienen:  http://www.septime-verlag.at/autoren/kjaerstad.html

Jan Kjærstad
Rand
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
Originalausgabe: Rand, Oslo, 1990
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 110), HC, ca. 400 S., 1994