Julien Green: Leviathan

Es ist interessant, googelt man nach diesem Titel des französischen Autoren Julien Green, so findet man kaum Besprechungen, obwohl der Roman zu denjenigen gezählt wird, die bleiben werden bzw. denen die Chance zugesprochen wird, „… vor der Ewigkeit Bestand …“ zu haben [Iris Radisch, https://www.zeit.de/1998/35/Kind_Gottes ]. Dieser Leviathan, um den es geht, ist ein düsterer Roman des 1900 in Paris “ … als Sohn eines amerikanischen Geschäftsmannes … “ [ein Klappentext, der die Frage nach der Mutter (die früh verstarb [https://de.wikipedia.org/wiki/Julien_Green]) elegant ignoriert] geborenen Autoren, der zwischen den Religionen wanderte, bis er sich endgültig zum Katholizismus bekannte.

Es ist jedoch nicht die Freude, die Erwartung auf Erlösung, der Eingang in ein wie auch immer geartetes Paradies, die Greens Roman beherrscht, im Gegenteil ist es die Sünde, der kaum beherrschbare Trieb, sind es die dunklen Seiten der Seele, die Green uns vorführt. Die mythische Figur des Leviathan (der im Buch nie erwähnt wird) schließlich ist das Symbol gottesfeindlicher Mächte, eine dunkle, zerstörerische Kraft, die in praktisch allen Figuren des Romans zum Tragen kommt.


Die Handlung führt uns in die französische Provinz, wenngleich in der Nähe von Paris gelegen. In der Kleinstadt bewirtet die Mittfünfzigerin Madame Londe in ihrem Gasthaus eine Runde von ausschließlich Männern. Ihr Regiment ist streng, sie hat zwei Knuten, mit denen sie die Männer beherrscht: ihr Wissen um deren Schwächen, denn Madame Londe selbst wird von unerträglicher Neugier gequält, eine Qual, die umso schlimmer ist, als sie zwar in der Lage ist, zu erfühlen, daß irgendwo und irgendwie sich hinter allem, was sie wahnimmt, ein Geheimnis verbirgt, ihr dieses Geheimnis, oder gar eine Ahnung davon, jedoch absolut verborgen bleibt. So bezieht sie ihr Wissen von Angèle, einer jungen, schönen Frau, die sie seinerzeit als Waisenkind aufgenommen hat und die jetzt in der gegenüber dem Wirtshaus liegenden Wäscherei arbeitet. Die Männer können sich – gegen ein Entgelt, das Madame Londe einbehält – mit Angèle treffen, wobei Madame Augen und Ohren davor verschließt, zu welcher Art von Dienstleistungen Angele bei diesem Arragenments aufgefordert wird – ihr ist die Hauptsache, daß die junge Frau die Männer aushorcht.

Eines Tages taucht der schüchtern und linkisch wirkende Hauslehrer Guéret in ihrem Gasthaus auf und erweckt ihre Neugier. Guéret ist bei der wohlhabenden Familie Grosgeorge als Lehrer des Sohnes angestellt, er ist er vor kurzem mit seiner Frau, die er schon lange nicht mehr liebt, ja, eher verabscheut, aus Paris in diese kleine Stadt gezogen. Jedenfalls sieht Guéret Angèle und verliebt sich in sie, die junge Frau jedoch will anscheinend nichts von ihm wissen, er ist ihr seltsam unheimlich in seiner linkisch-verdrucksten Art, sie ist von den Männern ein anderes Benehmen gewohnt. Guéret, der von Madame Londe in die Runde ihres Mittagstisches aufgenommen wird, erfährt bald von den Männern, daß man sich über Madame mit Angele verabreden kann und daß diese dann die Bedürfnissen zu befriedigen zur Verfügung steht….

Die Tatsache, daß Angèle , die er liebt, ihn als Einzigen abweist, bringt alles, was in Guéret an Zorn, Wut, Enttäuschung und Hass aufgestaut ist, zum Ausbruch: er tut ihr Gewalt an und fügt ihr durch heftige Schläge mit einem Ast eine bleibende Entstellung im Gesicht zu, Angeles Schönheit, ihre Ausstrahlung ist daraufhin für immer zerstört.

Mit dieser Untat Guérets (der eine weitere folgt) ist das sorgsam austarierte Gleichgewicht der Laster in der Gesellschaft zerstört. Da Madame Londe nichts mehr über die Geheimnisse der Männer erfährt und Angèle als Lockmittel ausgefallen ist (vergeblich versucht sie, in Fernande, die erst dreizehn Jahre alt ist, einen Ersatz für Angèle zu finden), verliert sie ihre Macht über diese. Die Neugier, die sie nicht mehr befriedigen kann, ihr Nichtwissen über die Anderen bringt sie langsam in einen Zustand völliger Verzweiflung, die brüchige Basis ihres Lebens offenbart sich.

Wochen gehen ins Land.. Guéret  ist nach seinen Untaten auf der Flucht, bleibt aber in der Nähe, denn seine Liebe zu Angèle wird immer verzweifelter. Diese ihrerseits geht kaum noch aus ihrem Zimmer bei Madame Londe, die Wunden sind zwar verheilt, die Narben jedoch entstellen sie auf immer. Beide, Guéret als auch Angele suchen Hilfe und gelangen, wenn auch nicht freiwillig, an Madame Grosgeorge, eine weitere Hauptfigur des Romans.

Eva Grosgeorge ist eine hartherzige Frau, die ihren Mann verachtet und ihren Sohn, den ihr ihr Mann mit Gewalt gemacht hat, hasst. Sie kann dem Leben nichts abgewinnen, leidet unter dem Leiden der Wohlhabenden, der Langeweile. Welchen Sinn hat es, am Leben zu sein, dieser immerwährenden Abfolge immer gleicher Ereignisse, an deren Ende unausweichlich der Tod steht?

Während Angèle , die eigentlich zu ihrem Gönner, Herrn Grosgeorge wollte, letztlich Madame Grosgeorge um Geld anfleht, mit dem sie die Stadt verlassen kann, um woanders zu leben, ist es Eva Grosgeorge selbst, die auf Guéret trifft, ihm Geld verspricht, ihn in ihr Haus lockt, dort einsperrt und die Macht über ihn geniesst. Träume und Fantasien suchen sie heim, bis sie sich letztendlich ein tief verstecktes Gefühl eingestehen muss…

Guéret hat die Begegnung von Madame Grosgeorge und Angèle belauscht, so daß er Angèle , als diese wieder nach Hause eilt, hinterher rufen kann. Er gesteht ihr seine immer noch währende Liebe und daß er mit ihr zusammen fliehen will. Ferner verspricht er ihr, Geld zu besorgen und sie verabreden sich für den nächsten Abend.

So kommt es zu einem regelrechten Showdown zwischen den Protagonisten, in dem auch noch die Eifersucht eine große Rolle spielt, ein weitere der dunklen Leidenschaften, die den Menschen beherrschen können.

Der Roman, wen wunderts, hat kein Happyend. Das Schicksal Guérets bleibt offen, Angèle , die an starken Fieber erkrankt, holt sich den Tod bei dem Versuch, zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen und Madame Grosgeorge überlebt ihren Versuch, sich selbst zu töten.


Leviathan ist die schonungslose Sektion menschlicher Schwächen und seelischer Abgründe. Keine der Figuren des Romans erweckt Sympathien beim Lesen (schon die Beschreibung seiner Hauptfigur auf der ersten Seite zeichnet einen Menschen voll im Grunde abstoßender Gewöhnlichkeit: … er war noch jung, hatte aber etwas Welkes und Verbittertes an sich… Sein Gesicht war füllig, aber farblos, und das Fleisch so schlaff, daß man schon die späteren Hängebacken voraussah, … Die große fleischige Nase, die dicken Lippen deuteten auf einen Menschen von wenig Willenskraft hin, …), einzig mit Angèle, die von ihrer „Tante“ so skrupellos ausgenutzt wird, rührt sich hin und wieder Mitleid, obwohl sie sich gegen die Treffen mit den Männern auch nicht zu sträuben scheint. Die Männer ihrerseits ordnen sich widerstandslos dem strengen Kuratel einer älteren Frau unter, weil eben genau diese ihnen den Zugang zur Befriedigung ihrer sexueller Wünsche bietet. Madame Londe andererseits ist getrieben von ihrer inhärenten Unsicherheit, die sich als unbändige Neugier äußert, die sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen sucht. Dafür prostituiert sie Angèle, ist sie später in ihrer Verzweiflung sogar bereit, das Kind Fernande zu opfern. Angèle dagegen nutzt die Macht, die Madame Londe ihr durch die Abhängigkeit von ihren Informationen quasi in die Hand legt, nicht zu ihrem Gunsten, sondern ergibt sich in ihr Schicksal, so sehr sogar, daß sie Guéret, der ihr aufgrund seiner Linkigkeit und Verdruckstheit seltsam vorkommt, obwohl er der einzige der Männer ist, der ein wirkliches Gefühl für sie zu haben scheint, ablehnt und zurückweist, zumindest aber hinhält. Er erkennt nicht, kann nicht erkennen, daß diese Situation auch für Angèle fremd ist. Sie kommt nur mit Männern zusammen, die sie stundenweise wollen, daß sich hier jemand um sie als Mensch bemüht, verunsichert sie und läßt sie zurückweichen, zumal Guéret in seiner äußeren Erscheinung nicht sonderlich sympathisch auf sie wirkt.

In Guéret hat sich über Jahre hinweg nur mühsam kontrollierte Frust und Aggression angesammelt. Beruflich wenig erfolgreich, mit einer Frau verheiratet, deren Reiz nach der Hochzeit (für ihn zumindest) verloren gegangen ist, ist er vom Leben enttäuscht, die Aussicht auf die Zukunft, die ihn erwartet, stürzt ihn in Verzweiflung. Und dann erscheint ihm die junge Angèle, die ihm ein Licht in dieser seelischen Düsternis wird – doch sie lehnt ihn, der sich ihr gegenüber nicht richtig artikulieren kann, offensichtlich  ab, ja, nachdem Guéret die Tatsache, daß sie zu mieten ist, akzeptiert hat, weist sie ihn sogar als zahlenden Kunden zurück. Diese Erniedrigung erträgt der Mann nicht, was er nicht mieten kann, will er sich mit Gewalt holen. Ein völliger Kontrollverlust ist die Folge, in dem Guéret blind und besinnungslos zuschlägt.

Fast die interessanteste Figur im Leviathan ist jedoch die erst spät in die Handlung eingreifende Frau Grosgeorge [es ist weit hergeholt, ich weiß, aber ich muss bei diesem Namen immer an George Grosz denken, diesen in Berlin geborenen Künstler, dessen „…typische Sujets … die Großstadt, ihre Abseitigkeiten (Mord, Perversion, Gewalt) …“ sind. Bei den Beschreibungen der Männer in der Runde Madame Londes sind mir immer seine Zeichnungen und Malereien vor Augen gekommen, ebenso könnte der Herr Grosgeorge dieses Romans seinem Werk entsprungen sein. Entstehungszeit des Leviathan und die Berliner Zeit von Grosz fallen übrigens zsuammen. (https://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz)]. Sie und Guéret sind Seelenverwandte, vom Leben enttäuscht, nichts mehr vom Leben erwartend, sind sie innerlich leer, mit verkrusteter Seele sucht sich diese Leere ein Ventil in der Gewalt. Ist es bei Guéret ein eruptiver Ausbruch, so äußert sich bei Eva Grosgeorge diese Gewalt als Gewalt gegen ihr eigenes Kind, das sie unbarmherzig abstraft, sobald es in ihren Augen versagt – und das tut es oft. Der Junge ist für sie Fleisch gewordenes Symbol ihrer in der Ehe erfolgte Vergewaltigung durch ihren Mann, der sie als ausdrucksloser, saturierter Mensch schamlos betrügt – unter anderem mit Angèle.

Erkennt sie intuitiv die Seelenverwandtschaft mit Guéret, der schnell als Täter erkannt und gesucht wird? Sucht sie ihn gar auf ihren Spaziergängen? Jedenfalls verrät sie ihn nicht, als sie auf ihn trifft, ihn erkennt und anspricht. Sie sagt ihm sogar, sie wolle sich am nächsten Tag mit ihm treffen… tatsächlich findet ein Treffen der beiden statt, auch wenn nicht so, wie Eva Grosgeorge es geplant hat. Daß es sogar auf die Verabredung von Guéret mit Angèle beruht, ahnt sie nicht, im Gegenteil, in ihrer nächtlichen Fantasie dringen langsam Bedürfnisse und unterdrückte Lüste (so darf man annehmen) an die Oberfläche, die sie auf den Mann, der von ihrer finanziellen Unterstützung abhängig ist und den sie in einem Zimmer ihres Hauses eingesperrt hat, projiziert.

Der Roman spielt im Winter, es ist düster draußen, Kälte herrscht und kaum ein Holzscheit im Ofen verbreitet den Anschein von Wärme. Die Ausnahme ist „Mon Ideé“, die geschmacklos eingerichtete Villa der Grosgeorges, die genügend Geld haben, um zumindest die Räume, in denen sie sich aufhalten, zu heizen. Das Düstere, Pessimistische findet sich auch in der Handlung außerhalb der direkten Verbrechen: Angèle, deren Namen Botin oder Engel bedeutet, wird entstellt und stirbt, Eva, ebenfalls mit biblischem Bezug im Namen, ist keineswegs geeignet, ihrer Namensgeberin zu entsprechen.

Greens Roman erschien 1929, er ist vom Inhalt jedoch zeitlos. Meisterhaft stellt der Autor die seelischen Verwerfungen seiner Protagonisten dar, zeichnet die Narben, die das Leben in die Psyche geschnitzt hat, nach. Diese sind durchweg den dunklen Seiten ihrer Süchte ausgeliefert: dem Hass, der Neugier, der Langeweile, der sexuellen Trieb. Entsprechend düster und dunkel ist die Atmosphäre, in der die Handlung spielt, nur an ganz wenigen Stellen kommt etwas Licht in die Szenerie, deutet der Autor an, wie das Leben wohl hätte verlaufen können, wenn sich seine Figuren der Liebe geöffnet hätten, dem Positiven. Aber sie hatten alle keine Wahl, waren Gezwungene der Umstände, die das Leben ihnen bot.

Man muss sich in das Buch einlesen, Green hat sich die Zeit genommen, seine Figuren zu durchleuchten, uns als Leser dabei mitzunehmen in die Tiefen ihrer Psyche, eine wahrhaft intensive Exkursion, die nicht zur Erheiterung beiträgt – das sei gesagt. Bei mir im Lesekreis (herzlichen Dank für die Diskussion!) sorgte es für lebhafte Gespräche: auf der einen Seite war es den meisten zu düster, zu dunkel, zu negativ, auf der anderen Seite hat niemand dagegen gesprochen, daß die Umsetzung des Themas, die literarische Darstellung ein Glanzpunkt ist. Ich möchte mich dem Ergebnis unserer Diskussion in diesem Kreis weitgehend anschließen: Leviathan ist ein düsteres Werk (aber genau das wollte der Autor: das Wüten des Leviathan in der Seele des Menschen zeigen), aber es lohnt sich auch heute noch, dieser aussergewöhnlichen Text zu lesen.

Julien Green
Leviathan
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Originalausgabe: Leviathan, Paris, 1929
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung (Bibliothek Bd. 43), HC, ca. 306 S., 2004

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Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016

 

 

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Die Journalisten und Autorin Anne Gesthuysen legt mit Sei mir ein Vater ihren zweiten Roman vor. Es ist ein Roman, der sich jedoch in Teilen am Leben der Autorin orientiert, wie sie ihrem Nachwort ausführt. Sei mir ein Vater ist zum einen eine Detektivgeschichte, zum anderen eine Familiengeschichte, in der unterschiedliche Themenkreise auszumachen sind. Ohne sich groß anzustrengen kann man so die Frage nach der Art und Weise, wie man sterben will, erkennen, die Frage, wie Familie „gelebt“ wird, spielt ebenso eine große Rolle, Unterschiede auch in der Lebensweise von Franzosen (genauer: Parisern) und Deutschen (genauer: Niederrheinern) werden deutlich und nicht zuletzt gibt Gesthuysen eine Milieuschilderung aus dem Umkreis der Kunstszene in Frankreich gegen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist schon eine ganze Menge…

Somit spielt der Roman in zwei Zeitebenen. In der Jetztzeit sind zwei junge Frauen die Hauptpersonen, Hanna und Lilie, die Alter Egos der Autorin und einer französischen Freundin. Die beiden hatten sich vor vielen Jahren kennengelernt, als die kapriziöse Jungpariserin Lilie als Austauschschülerin in die eher bodenständige Familie Hannas nach Veen gekommen war. Die zwei Welten, die dort aufeinanderprallten, passten erst gar nicht zusammen, aber Lilie merkte schnell, daß es ausser Schwarzbrot und früh aufstehen in der Gastfamilie noch etwas anderes gab: Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit, Wärme und Geborgenheit. Das kannte sie, die bei ihrer Mutter aufwuchs, vom unzuverlässigen und in der Welt herum vagabundierenden Vater war sowieso nichts zu erwarten, nicht und bald adoptierte Lilie den Pflegevater Hermann in ihrem Herzen – was auf Gegenseitigkeit beruhte. So wurde Lilie letztlich ein vollwertiges Familienmitglied.

Zeitgleich geschieht nun zweierlei und die Romanhandlung setzt (ca. 20 Jahre nach der Austauschschülerzeit) ein. Zum einen ist beim Vater Hermann eine Krebserkrankung so schwerwiegend, daß ein baldiger Tod zu befürchten ist. Zum anderen wird bei Lilie gerade in dem Moment eingebrochen, als sie an den Niederrhein reisen will, um Abschied zu nehmen. Seltsamerweise war das Ziel des Einbruchs ein eigentlich wertloses, in der Abstellkammer vor sich hinstehendes Gemälde eines unbekannten Malers, George Agutte. Na ja, so ganz unbekannt war Lilie dieser Maler nicht, denn schließlich hieß sie ja selbst mit Nachnamen Agutte, war eine entfernte Verwandte dieses sehr früh verstorbenen Künstlers. Bekannter als George Agutte selbst war jedoch dessen Tochter Georgette [https://de.wikipedia.org/wiki/Georgette_Agutte], die in ihrer Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende eine bekannte Frau und Künstlerin in Frankreich war (auch wenn sie heutzutage fast vergessen ist). Zusammen mit ihrem zweiten Mann Marcel Sembat, der großen Liebe ihres Lebens, einem Rechtsanwalt und Politiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Sembat], war sie eine einflussreiche Förderin und Mäzenen damals noch junger Maler, die sich gegen die herrschende Kunstauffassung erst noch durchsetzen mussten, Henri Matisse, Claude Monet u.a.m waren unter ihnen.

Für die drei Protagonisten Lilie, Hanna und Hermann stellt sich schnell die Frage, was an dem Bild so wichtig sein könnte, daß man es gezielt stehlen wollte, ja, daß überhaupt jemand wusste, wo es zu finden sei. Und so begibt sich dieses Trio auf die Suche nach der Antwort, die sie erst zu einem Restaurator führte, dann weiter nach Paris und in die Provinz zum ehemaligen Atelier der Ururgroßtante Lilies und schließlich in die Karibik zu Yves, dem vermaledeiten Vater Lilies, den wiederzusehen Lilie nun keineswegs erpicht ist.

Für Hermann ist diese Recherchereise auch eine bzw. die Möglichkeit, dem langsamen Siechen im Krankenbett zu entkommen, entsprechend antreibend und motivierend agiert er trotz immer wieder auftretender körperlicher Schwächeanfälle. Für Lilie dagegen ist die Reise eine Annäherung an den bis dato auf Distanz gehaltenen väterlichen Familienzweigs der Aguttes, denn Georgette war eine bemerkenswerte Frau und Künstlerin. Sie musste sich als Frau durchsetzen, so war sie zu ihrer Zeit die einzige Künstlerin auf der Académie des Beaux-Arts unter den Fittichen Gustave Moreaus, der sie förderte gegen den Zeitgeist. Als Malerin war sie durchaus begabt, aber ihr Talent reichte offensichtlich nicht, um ‚richtig‘ berühmt zu werden… in einer schönen Szene verdeutlicht Gesthuysen dies: Matisse besucht das Ehepaar Sembat, wird auch in des Atelier geführt, wo Georgette ihm das Gemälde zeigt, an dem sie gerade arbeitet und mit dem sie nicht recht zufrieden ist. Matisse betrachtet das Gemälde einige Zeit, nimmt dann Pinsel und Farben, später drückt er sich die Farben in die Handfläche und er verteilt die Farben auf dem Bild und mit jedem Streichen seines Daumens gewinnt das Gemälde an Seele und Leben, etwas, was ihm vorher völlig abging…

Das Leben des Ehepaares Sembat währte bis 1922, also über den 1. Weltkrieg hinaus, während dessen Marcel Sembat zeitweise Minister war, hinaus. Daß er nach Intrigen aus dem Amt entlassen wurde, brach ihn, das Paar zog sich zurück, zeitweise in die Schweiz, zeitweise nach Südfrankreich, bis sie sich schließlich in Chamonix ein kleines Chalet kauften. Dort erlitt Marcel einen tödlichen Schlaganfall, seine Frau Georgette folgte ihm am Tag darauf in den Tod.

Das alles hat die Autorin in flüssiger, gut lesbarer Weise niedergeschrieben. Die Handlungsstränge wechseln sich ab, auf ein Kapitel Jetztzeit folgt ein eher biografischer Abschnitt aus dem Leben Georgette Aguttes. Natürlich löst sich das Geheimnis des versuchten Diebstahls bzw. das des Bildes am Ende des Romans auf, für uns Leser ist es eigentlich gar nicht so überraschend. Während die pseudobiografischen Schilderungen in relativ nüchternem Ton gehalten sind, versucht sich die Autorin in den Jetztzeitkapiteln mit einer lockereren Darstellung, in der hin und wieder trockener Niederrheinhumor zu spüren ist.

Der Teil des Buches, der dem Leben Georgette Aguttes gewidmet ist, krankt für mich als Leser wie immer in solchen Fällen daran, daß die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion nicht zu erkennen ist. War Georgette wirklich die hochgeschätzte Gesprächspartnerin für Matisse, als die sie Gesthuysen beschreibt? Inwieweit sind die Diskussionen und Gespräche reine Erfindung der Autorin oder sind sie nachempfunden, konstruiert aus z.B. Briefen, die sie gelesen hat? Es ist schwierig als Leser, denn die Figuren, seien es nun Georgette, sei es Matisse, seien es Picasso oder Modigliani – sie entstehen im Zuge der Schilderungen vor dem inneren Auge und man weiß nicht, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht…

Eine Diskrepanz habe ich nicht auflösen können: zwar spielt das Verhältnis zwischen Lilie und Hermann eine Rolle im Roman, doch für meine Begriffe nicht so groß, daß sie es rechtfertigen würde, das Buch danach zu benennen. Wollte die Autorin diesen Aspekt damit aufwerten? Ich weiß es nicht….

Zusammenfassend kann ich jedoch festhalten, daß mir dieser Roman als gute Unterhaltung gedient hat. Das Atmosphärische der Künstlerkreise um die vorletzten Jahrhundertwende, auch diverse Schilderungen aus dem politischen Alltag (Marcel Sembat war, wir erinnern uns, überzeugter und aktiver Sozialist), besondern im Zusammenhang mit den 1. Weltkrieg, hat mich überzeugt und die Detektivgeschichte, die etwas lockerer dargestellt worden ist, hat den Text immer wieder aufgelockert. Und immer wieder ist man verführt, sich die im Buch geschilderten oder erwähnten Bilder anzusehen – was ein leichtes ist, google und dem Internet sei Dank!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 420 S., mit Quellenangaben, 2015

T Cooper: Lipshitz

Der vorliegende Roman Lipshitz ist der dritte Roman T Coopers [http://t-cooper.com/]. Lipshitz ist eine Familiensaga der besonderen Art, sie ist nicht dokumentarisch, sondern fiktional an plausiblen Erklärungen und Darstellungen des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder orientiert: The New York Times: „Ist das alles wahr?“ – T Cooper: „Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.“ [https://www.mare.de/buecher/lipshitz-433]. Zu dieser „Verwirrung“ trägt die Person T Coopers nicht unerheblich bei: T Cooper ist transgender und tritt im zweiten Teil des Buches gleichzeitig als männliche Figur in der Handlung auf, einer Figur, bei der jedoch das offensichtlich scheinende Geschlecht ebenfalls nur oberflächlich so ist. Aber nun zum Roman:

Dessen Geschichte setzt im Ansiedlungsrayon der Juden im zaristischen Russland ein. Dort leben Hersch und Esther Lipshitz mir ihren vier Kindern Ben, Schmuel, Miriam und Ruben, sie teilen sich ein Haus mit Avi, dessen Frau Ruth und der kleinen Tochter Leah. Avi und Esther sind Geschwister mit einer sehr engen Bindung aneinander.

Die Zeit nach der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert ist für Russland voller Unruhen, es gibt Aufstände und 1905 setzt die russische Revolution ein. Wie so häufig richtet sich die Wut und die Aggression vieler gegen die jüdische Bevölkerung, die Literatur ist voll von Romanen, in denen die aufflammenden Verfolgungen und Progrome beschrieben werden, viele Juden fliehen, verlassen Russland in Richtung Amerika, sowohl nach Nord-, aber auch nach Südamerika [dazu gibt es bei im Blog auch Beispiele wie z.B. Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….]

Das Dorf, in dem die Lipshitz‘ leben, bleibt nicht verschont. Der zurückhaltende Hersch schätzt die Gefahr realistisch ein, als er die Zusammenrottung der Christen sieht und flieht für die Nacht mit seiner Familie. Avi dagegen glaubt sich durch seine Bekanntschaft mit der Polizei, für die er viel arbeitet, geschützt und bleibt. Dies wird ihm zum Verhängnis, er wird selbst niedergeschlagen und schwer verletzt, seine Tochter wird zu Tode misshandelt und seine Frau begeht später in der Folge dieser Katastrophen Suizid. Avi verstummt bis er auf einem Flugblatt liest, daß es eine Gelegenheit gibt, nach Amerika auszuwandern. Diese Chance nutzt er, er kommt nach Texas und lernt dort auch eine andere Frau kennen.

Hersch und Esther bleiben vorerst in ihrem russischen Dorf, aber ein paar Monate später entscheiden auch sie sich zur Flucht. Sie lassen fast alles zurück, es ist eine sehr quälende und gefahrvolle Reise, bis sie endlich in Bremerhaven sind und auf das Schiff kommen. Unter unsäglichen hygienischen Bedingungen erreichen sie schließlich Ellis Island…

Dort, im Gedränge und Durcheinander vor den diversen Kontroll- und Untersuchungsstationen bei der Einreise ist auf einmal Ruben, der weizenblonde, so überhaupt nicht jüdisch wirkende Sohn verschwunden. Im einen Moment war er noch da, im nächsten spurlos weg. Alles suchen ist vergebens, über ein Jahr leben die Lipshitz‘ in New York bei einer Cousine Esthers und versuchen, Ruben zu finden… Dann geben sie praktisch auf, nur Ben, der eh nicht mit nach Texas will, bleibt in NY, sozusagen als Alibi, mit dem Auftrag, weiterhin regelmäßig das Büro der jüdischen Hilfsorganisation zu besuchen und nach den Ergebnissen der Suche zu fragen.

So landet die Lipshitz-Sippe in Amarillo, Texas.

Im ersten Teil des Romans schildert T Cooper nach der Beschreibung der Ausgangssituation das Leben der Ausgewanderten in der neuen Umgebung. Es ist nicht einfach, Hersch, der nicht sehr durchsetzungsfähig ist, eher ein Dulder und Erdulder, verliert immer wieder seinen Arbeitsplatz, Es ist ferner nicht so, daß Juden direkt willkommen geheißen werden, ein unterschwelliger Antisemitismus ist allzeit präsent. Die Ehe von Hersch und Esther kann man nicht als glücklich bezeichnen, Esther verachtet ihren Mann für seine vermeintliche Schwäche und Hersch kann sich Esther nicht (mehr) erklären, er weiß nur, daß er der Ersatzkandidat ist, da Avi als Bruder unerreichbarer Traum Esthers bleiben musste…

Und Ruben, der verlorene Sohn? Er kehrt nicht mehr zurück, in der gesamten Situation, die insbesondere Esther sehr mitnimmt, verschwindet oder versteckt sich die Trauer um diesen tragischen Vorfall immer wieder, man gewinnt aus T Coopers Beschreibung eher den Eindruck, daß – zumindest phasenweise – dieses fehlende Kleinkind auch eine nicht vorhandene Belastung darstellt. Vergessen jedoch ist Ruben nicht… Esther geht sogar (heimlich) zu einen Scharlatan (was sie nicht glaubt), der ihr aus der Hand liest….

Jahre später (Ben ist mittlerweile auch bei der Familie in Texas, Schmuel ist nach seinem Kriegseinsatz an der Spanischen Grippe gestorben) ist Amerika im Taumel: Charles Lindbergh hat als erster den Atlantik im Alleinflug bezwungen. Und als Esther das Bild Lindberghs in der Zeitung sieht, 25jährig, blond, steht für sie unzweifelhaft fest, daß dieser junge Held ihr Ruben ist…


Die Lipshitz‘, die mit vier Kindern nach Amerika gekommen sind, hätten a priori die große Chance auf viele Nachkommen gehabt, durch die drei Söhne sogar auf viele Lipshitzs. Es sollte so wohl nicht sein. Nach T Cooper wird wohl niemand mehr Lipshitz-Blut in sich tragen (lassen wir den tragischen Fall Ruben mal aussen vor), schon nach zwei Generationen ist die Familie ans Ende gekommen.

Im zweiten, völlig anders gearteten Teil des Romans, schildert T Cooper zweierlei: durch einen tragischen Autounfall sind seine Eltern (Miriam war T Coopers Großmutter, deren Tochter Anne-Rose seine Mutter), verstorben, zusammen mit seinem (Adoptiv)Bruder muss der in NY lebende Rapper den Nachlass der immer noch in Amarillo ‚lebenden‘ Eltern regeln. Zum anderen hatten ihm seine Eltern, als sie über ein Interview von seinen Plänen, evtl über die Familiengeschichte zu schreiben, alle möglichen und unmöglichen Dokument, die die Großmutter Esther aufgehoben hatte (vor allem über den Fall Lindbergh), anvertraut…

So sitzt T Cooper, Eminem-Verehrer und -Imitator, der in NY als Rapper auf Bar-Mizwas aufspielt, der sich immer bemüht, möglichst wütend und böse zu sein, aber dann doch heimlich ein Trinkgeld auf den Tisch legt, der beim Rechtsanwalt festlegt, das das Geld fürs Pflegeheim des Opas von seinem Konto abgebucht wird (und nicht von dem des unzuverlässigen Bruders), er also in Amarillo, im verlassenen Haus der Eltern, vor -zig Fernbedienungen, die er nicht zuordnen kann, muss schauen, daß er den Junkie-Bruder halbwegs klar hält (was nicht immer gelingt) und bastelt einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis zusammen…

Der amerikanische Traum hat sich für die Familie nie wirklich erfüllt. Das New York, in das sie Anfang des Jahrhunderts flohen, war ein einziges, dreckiges, stinkendes Loch, in dem es ums Überleben ging. Völlig beengte Wohnungen, schlimme hygienische Verhältnisse, Arbeit, die kaum entlohnt wurde – wenn man sie überhaupt fand. Von Tellerwaschen, geschweige denn Millionärwerden keine Spur. In Texas war es etwas besser, Avi, der Bruder Esthers, konnte der Familie etwas unter die Arme greifen, aber wirklich besser wurde es wohl erst mit Sam Lazarus, der sich so tief in Mariam verliebte und der es als Geschäftsmann wohl selbst faustdick hinter den Ohren hatte.

Lindbergh, der amerikanische Superstar, der sich später dann mit Nazi-Gedankengut anfreundete und der u.a. die Juden dafür verantwortlich machte, daß die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Als Redner und Agitator fand er in den Arenen sein Publikum. Lindbergh machte seinerzeit durch zwei Ereignisse Schlagzeilen: durch seinen Flug natürlich und durch die Entführung seines Kindes. Beides dokumentiert Cooper im Roman durch (übersetzte) Zeitungsartikel, die einen Blick auf diese Vorgänge und auf die Person Lindbergh ermöglichen, in die Amerika Heldentum projizierte so wie er für Esther Ruben war. Insofern ist dieser Roman auch eine kleine Geschichtsstunde.


Der Roman liest sich gut, ist nach Daten gegliedert, an denen entscheidendes in der Familiengeschichte geschah. Eindringlich stellt er die Schrecken der Progrome und der Flucht dar, sind die unterschiedlichen Charaktere in der Familie beschrieben. Am zerrissensten ist der der Mutter Esther, die ihren Mann nicht (mehr) liebt, ihre Kinder wohl auch nicht besonders. Die ein schlechtes Gewissen deswegen hat und bei der nach Jahrzehnten der Wahn einsetzt, ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben. So zerrissen wie Esther ist – in anderer Weise – auch T Cooper, die/der zwischen den Geschlechtern steht. Geplagt von der Furcht, von der Frau, die er liebt (jetzt kann ich das personalpronomen doch nicht vermeiden) verlassen zu werden so wie Esther und ihre Familie seinerzeit in der Furcht lebten, von den Russen, den Kosaken, massakriert zu werden. Eine weitere Analogie zwischen beiden (die T Cooper sogar durch eine Gegenüberstellung dokumentiert) ist der enge Bezug zu Lindbergh/Eminem: beide blond und von gleichem Alter, beide extrem wichtig für die Protagonisten.

Der zweite Teil des Buches, der auch von dem Hintergrund von 11/9 spielt, ist härter, wütender und aggressiver formuliert als der erste Teil. Das transgendere T Coopers spielt eine große Rolle darin, der Versuch, sich über die Ähnlichkeit zu Enimen zu definieren und die Wut auf die Gesellschaft, die manchmal recht angestrengt wirkt.

Der Roman wurde/wird in den seinerzeitigen Kritiken sehr gelobt, dieses hohe Lob kann ich so nicht nachvollziehen. Ich habe den Text gerne gelesen, er ist spannend, streift mit der Schilderung des latenten Antisemitismus in den USA ein Thema, das man so nicht unbedingt immer auf dem Schirm hat, es ist auf jeden Fall lohnend. Aber allein die Tatsache, daß ich mir praktisch keine Notizen gemacht habe, ist für mich ein Zeichen, daß mir Lipshitz zwar ein schöner Roman, aber kein wirklich erkenntnisbringendes Highlight war. Als Empfehlung für das Buch verlinke ich auf das 2006 im Spiegel abgedruckte Interview mit T Cooper: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753386.html.

T Cooper
Lipshitz
Deutsch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Lipshitz Six, or Two Angry Blondes, NY, 2006
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 490 S., 2006

Fischl Schneersohn: Grenadierstraße

So grob weiß man ja Bescheid (oder glaubt es zumindest) über die Verhältnisse der Juden in Deutschland am Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Da gab es zum einen die assimilierten Juden z.B. in Berlin, die geschäftlich erfolgreich waren und die irgendwie von oben und etwas fremdverschämt auf die immer zahlreicher aus dem Osten nach Berlin strömenden chassidischen Juden mit ihrem wilden, oft ungepflegt wirkenden Äußeren und dem seltsamen Benehmen herabschauten. Diesen begegnet man beispielsweise in Romanen wie Die Straße der kleinen Ewigkeit von Martin Beradt oder Die Familie Karnovski von Israel Joshua Singer, die ich beide hier vor längerem schon vorgestellt habe. Diese Annahme ist nicht direkt falsch, hat man jedoch Scheersohns Roman gelesen, erkennt man, daß es jedoch nicht die ganze Wahrheit ist.

Der Autor, Fischl Schneersohn [der keinen (!) Eintrag in der Wiki hat, was man ja nicht so häufig findet, jedoch hat der Verlag eine kleine Autorenseite online gestellt: https://www.wallstein-verlag.de/autoren/fischl-schneersohn.html], wurde 1887 in der heutigen Ukraine in ein frommes Elternhaus geboren. Er war ein Überflieger, kommentierte schon mit zehn Jahren den Talmud in der großen Synagoge und bekam kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag die Ernennungsurkunde zum Rabbiner ausgehändigt (so schreibt er selbst in seinem Lebenslauf). Jedoch schlug er letztendlich nicht die religiöse Karriere, die sich damit andeutete, ein, sondern verschrieb sich der Wissenschaft, denn in ihm war die Überzeugung gewachsen, dass mir der allumfassende Talmud nur wenig half, die Welt zu begreifen, dass seien Philosophie in eine für mich als Jüngling undurchdringliche mystische Schutzschicht gehüllt war. So ging er 1908 (1910 ?) nach Berlin, um dort wie viele andere jüdische Russen auch Medizin zu studieren. Später spezialisierte er sich auf Fragen der kindlichen Sozialpsychiatrie insbesondere auch nach Traumata. Ich schreibe dies deshalb so relativ ausführlich, weil der vorliegende Roman Grenadierstraße einige diese biografischen Elemente aus Schneersohns Leben enthält. Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, daß Schneersohn beide Kriege überlebte und 1937 letztlich nach Palästina ausgewandert war, wo er 1958 in Tel Aviv verstarb.


Grenadierstraße ist zweierlei. Es ist zum einen die Geschichte des Johann Ketner, Sohn eines reichen assimilierten Juden, der als Bankier Macht und Einfluss hat. Die Mutter ist bzw. war eine zarte, stille Frau, die die Übermacht ihres Mannes nicht ertragen konnte und letztlich daran psychisch erkrankte und starb, als Johann acht Jahre alt war. Sie entstammte einer konservativen jüdischen Familie aus Hamburg. Dieser Tod der Mutter hatte Johann tief verstört, insbesondere trieb seine Seele der „tote Blick“ der Mutter um, den er bei einem heimlichen nächtlichen Besuch am Krankenbett wahrnahm und der ihn im innersten seiner Seele verletzte. Möglicherweise selbst erblich dafür disponiert sollte er immer wieder an ‚melancholischen Anfällen‘, sprich tiefer Verzweiflung und Depression, leiden. Das Verhältnis Johanns zu seinem Vater ist schwierig, gleich dem Autoren sollte er später Medizin studieren, er versucht sich im studentischen Milieu der damaligen Zeit mit ihren Burschenschaften einzufinden, fremdelt aber. Auch ein sich immer deutlicher artikulierende Antisemitismus vertreibt ihn letztlich aus der Burschenschaft, auch die zionistische Bewegung verläßt er wieder, nur Kunst (er scheint ein Talent als Maler zu haben) und Wissenschaft seien geeignet, die Welt zu verstehen.

Ich überspringe jetzt vieles…. Johann überlebt den ersten Weltkrieg in einer psychiatrischen Klinik. Der Ausbruch des Krieges hat ihn auf seiner Welt-/Hochzeitsreise erwischt. Nach Hause geeilt triggern zwei Ereignisse das nie verarbeitete Kindheitstrauma des „toten Blickes“ an: der Tod des Vaters und die Reihen der einer Maschine gleich in die Schlacht marschierenden Soldaten verursachen einen absoluten, Jahre dauernden Zusammenbruch bei ihm.

Die Tatsache, daß der Roman 1935 auf jiddisch erschienen ist, weist auf die andere, die meines Erachtens wichtigere Zielrichtung des Buches hin. Hier will ein jüdischer Autor nicht den Deutschen das Judentum oder die Juden (oder die Grenadierstraße…) erklären, sondern hier soll den jiddisch sprechenden Juden das westlich assimilierte Judentum in Deutschland (insbesondere in Berlin) beschrieben und erklärt werden. Insofern verwundert es auch nicht, daß die titelgebende Grenadierstraße nur als Metapher, als Bild für den Ostjuden, das Ostjudentum, vorkommt, Schneersohn führt uns kein einziges Mal in dieses Zentrum des Berliner chassidischen Judentums. Überhaupt treten Chassiden nur an wenigen Stellen im Geschehen auf: in der Eingangsszene zum Buch mit dem Eintreffen eines berühmten Rabbis, der in Berlin ärztlich behandelt werden soll, mit den Mitstudenten Johanns im Anatomiekurs und mit dem meschulech, der für eine Jeschiwa Geld sammelt und von den Schwiegereltern Johanns zum Schabbatessen eingeladen worden war.

Die deutschen Juden waren seinerzeit keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht, im Gegenteil bestanden erhebliche Differenzen: Auf dem Heimweg [von besagtem Schabbatessen] dachte Johann darüber nach, dass er ebenso wie sein Vater, der Liberale, die „fanatischen“ Gerbers [i.e.  die Schwiegereltern], die Konservativen, wegen ihrer ernsthafteren Frömmigkeit hasst, die Gerbers selbst die „wild-fanatischen“ misjech-jidn [Selbstbezeichnung der Ostjuden] aufgrund ihrer echteren Frömmigkeit, die zu den feurigen Tiefen der Religion führt, hassen. Die „fanatischen“ misjech-jidn ihrerseits vergleichen das deutsche konservative Judentum mit einer Fotografie, so erklärt es der meschulech seinen Gastgebern mit einem Bild: eine exakte, aber leblose Kopie echter Jüdischkeit, kein bischen fehlt, es ist nur nichts lebendig.

Noch ein zweites Zitat zu diesem Thema, das auch aufzeigt, wie sehr die Liberalen ihre Situation als Deutsche jüdischen Glaubens falsch einschätzen, (andere Figuren des Romans sind da weitsichtiger): In jedem Land haben mutige Juden zusammengefunden, die sich zu Staatsbürgern jüdischen Glaubens erklärt und moderne Chorschulen eingerichtet haben. Und jetzt das! Mitten in Berlin, im Zentrum des in seiner Blüte stehenden liberalen Judentums, entsteht vor unserer Nase eine Grenadierstraße, ein gefährliches Nest langbärtiger Fanatiker, die unsere Luft verpsten. Erinnern Sie sich nur, als in Wien und Berlin plötzlich fanatisch Zionisten unter unseren Füßen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, die die Juden schon wieder zu einem Volk erklären und uns nach Asien verschleppen wollen, um dort einen jüdischen Staat zu gründen …  Der Geist der Grenadierstraße wildert in unseren Reihen, drängt sich unter unsere Dächer. Er entwickelt sich eine große Katastrophe für das liberale Judentum. … Die Erwiderung darauf, daß diese Anpassung letztlich nicht schützen wird, erfolgt auf dem Fuß, denn – so das Gegenargument – das liberale Judentum (so die Hetze) zerstört das Deutsche, in dem es von innen heraus, z.B. durch Mischehen, zersetzt, sprich: es ist noch gefährlicher als das offensichtliche, fanatische Judentum.

Verbindendes Element der beiden Handlungsstränge ist eben erwähnter Johann Ketner mit seiner Suche nach Erlösung und Erkenntnis. Findet er sie letztlich in der Grendadierstraße? Hier schließt sich der Kreis des Buches, bei den fern der Heimat lebenden und dennoch verwurzelten bärtigen Juden, in der wundersamen Atmosphäre bei der Ankunft des Gralnier Rebben, bestätigte und vertiefte sich in ihm die gläubige Sehnsucht….


So ist Grenadierstraße eine in einen Roman gepackte Darstellung der verschiedenen Strömungen der seinerzeit in Deutschland lebenden Juden. Dies erklärt auch die teilweise ausführlicheren Erklärungen und Beschreibungen, die das Buch enthält. Ein weiteres Stilelement ist erst einmal befremdlich: immer wieder – in der Art eines mündlichen Erzählers, der die nachlassende Aufmerksamkeit seiner Publikums wieder anfachen will – leitet Schneesohn mit Sätzen wie: Die Geschichte ging so: oder auch: Es trug sich aber Folgendes zu: Einschübe ein, die bestimmte Handlungselemente verdeutlichen sollen. Das alles kann dem Roman aber schnell nachgesehen werden, denn ebenso wie dem jiddischen Leser, für den Schneersohn den Text verfasst hat, sind wahrscheinlich den meisten deutschen Lesern diese Einzelheiten fremd und so lernt man viel aus dem Roman über jüdisches Leben in Deutschland als auch über den allzeit virulenten Antisemitismus, der mit diesem Leben einherging – und leider immer noch einhergeht.

Der 1935 in Warschau publizierte Text wurde offensichtlich erst 2012 ins Deutsche übertragen, er wird von einer Einführung ein- und von einem Nachwort ausgeleitet. Beides sind wertvolle und informative Ergänzungen und Erläuterungen, die Text und Autor in einen größeren Sinnzusammenhang stellen. Zusätzlich ergänzt ein Glossar den Textteil. Grenadierstraße: ein schönes Buch, ein interessantes Buch, auch ein wichtiges Buch.

Fischl Schneersohn
Grenadierstraße
Herausgegeben von Anne-Christin Saß (die auch die Einführung verfasst hat)
Nachwort von Mikhail Krutikov
Übersetzt aus dem Jiddischen von Alina Bothe
Originalausgabe: Grenadir-Schtrase. roman fun jidischn lebn in dajtschland; Warschau, 1935
diese Ausgabe: Wallstein, HC, ca. 280 S., 2012