Eric Wrede: The End

Der Weg des Autoren Eric Wredes, Bestatter zu werden, war nicht unbedingt vorgezeichnet. Im „ersten Leben“ arbeitete er in der Musikindustrie als Manager, in einer der „was-mach-ich-hier-eigentlich“-Sinnkrisen, die ihn immer mal wieder packten, hörte er zufällig einen Radiobeitrag des bekannten Bestatters Fritz Roth, der ihm einen Aha-Moment bescherte und aus dieser Krisen erlöste: Wredes Beschluss, als Bestatter von der Pike auf neu anzufangen, stand fest.

Vielleicht liegt es daran, daß Wrede Seiteneinsteiger ist, möglicherweise eine andere Motivation hat als der ‚übliche‘ Bestatter sie haben mag. Früh nämlich stieß ihm auf, daß bei den Todesfällen die zwei Parteien, die beteiligt sind, oft diametral entgegengesetzte Bedürfnisse bzw. Interessen haben: die Trauernden, die Hinterbliebenen sind emotional aufgewühlt, stehen unter Zeitdruck, kollidieren mit ihren Wünschen – soweit sie sie überhaupt schon in Worte fassen können – oft mit dem geschäftlichen Interesse des Bestattungsunternehmens, den Auftrag schnell, routiniert und ohne Komplikationen unter – selbstverständlich – Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen abzuwickeln und dabei auch noch eine hübsche Stange Geld zu verdienen. So fängt das Problem schon bei der Auswahl des Bestattungsunternehmens an (wer hat in dieser Situation schon die Nerven, verschiedene Institute zu vergleichen…) und endet mit dem abschlägigen Bescheid, daß der (außer in Bremen) noch überall herrschende Friedhofszwang es nicht erlaubt, die Urne mit der Asche im heimischen Garten zu vergraben oder welche Vorstellungen man sonst noch haben kann für die letzte Ruhestätte. [Wobei es für beide Positionen, für und wieder den Friedhofszwang, gute Argumente gibt].

Hält Wrede seinen Kollegen in der Summe also eher vor, eine Bestattung unter den mehr technischen Gesichtspsunkten abzuwickeln, versucht er selbst mit seinem Unternehmen, die Bedürfnisse der Hinterbliebenen in den Mittelpunkt zu stellen, also die Frage nach dem, was diesen in dieser Ausnahmesituation gut täte und helfen würde. Schließlich ist die Bestattung eines Verstorbenen die letzte Erinnerung, die bleibt – ein Leben lang. In diesem Ratgeber, in dieser Einführung versucht er, sein Konzept von einer würdigen und angemessenen Bestattungskultur zu beschreiben.

Eine seiner Grundthesen, der man unbedingt zustimmen muss, ist die, daß man sich zu Lebzeiten viel zu wenig Gedanken macht um sein Sterben und bzw. um das, was dem oft vorangeht, nämlich der Pflege eines Kranken oder auch nur alten Menschen und um das, was danach noch kommt, sprich: die Bestattung und die Verteilung der irdischen Güter, gemeinhin das Erbe genannt (das Wrede im Übrigen vom ‚Vermächtnis‘, dem eher immateriellen Aspekt eines Erbes begrifflich auseinander hält). Wrede weist bei der häuslichen Pflege (immerhin ist es der Wunsch der meisten Menschen, zu Hause im Kreise der Lieben zu sterben) darauf hin, daß Aspekte wie Selbstfürsorge und Selbstschutz der Pflegenden sehr wichtig sind. Aber auch bei Sterbenden im Krankenhaus ist nicht alles automatisch zum Besten geregelt, auch hier muss man als Angehöriger oder nach dem Tod als Hinterbliebener die Interessen des Betreffenden vertreten, Totenfürsorge ist eins der Stichworte.

Man sollte, nein, man muss miteinander reden. Auch und gerade über den Tod. Und das auch noch altersunabhängig, denn auch junge Menschen können sterbenskrank werden oder durch einen Unfall in eine Lage geraten, in der der Tod möglich ist. Man kann über den Tod reden, einfach und in klaren Worten. Die Verwendung der Begriffe ‚Tod‘ oder ‚Sterben‘ sollte nicht vermieden werden, es ist falsch, sie hinter Umschreibungen wie „von uns gehen“ zu verstecken. Und ja: auch ein Witz mit entsprechendem Fingerspitzengefühl erzählt, kann helfen, weil Lachen Spannungen lösen kann und Hemmschwellen zu überwinden hilft.

Vor dem Tod immer zugunsten des Sterbenden,
nach dem Tod zugunsten der Hinterbliebenen.

Solche Kommunikation ist nicht unbedingt spannungsfrei. Der Sterbende äußert möglicherweise Wünsche z.B. zu seiner Bestattung (ich will keinem zur Last fallen, also bitte ein anonymes Grab), die den Bedürfnissen der Familie, die sich einen Platz zum Trauern und später zur Erinnerung wünscht, entgegenstehen. In solchen Fällen kann man eventuell noch Kompromisse finden; auch sich ggf über die Vorgaben des Gestorbenen hinwegzusetzen ist unter dem Gesichtspunkt, daß die Bestattung für die Hinterbliebenen einen guten Abschied, mit dem sie sich identifizieren können, nicht unbedingt verwerflich. Ich selbst habe meinem Vater, der auch so ein „Streu-meine-Asche-einfach-in-den-Wind,-ich-will-kein-Grab“-Typ war, einen kleinen Platz auf dem Friedhof gegönnt, und zwar ein Rasengrab (eine der Möglichkeiten, die Wrede seltsamerweise in seinem Buch nicht erwähnt).

So führt Wrede uns Leser in insgesamt elf Kapiteln plus Anhang in einer Art zeitlicher Reihenfolge durch diese letzte Lebensphase eines Menschen. Aufgelockert ist der gut lesbare und verständlich gehaltene Text durch Interviews, in denen Wrede bekannte Musiker über ihre Einstellungen zum Tod, zum Sterben befragt, darunter zum Beispiel Judith Holofernes über die Trauer von Kindern oder auch den Rammstein-Keyboarder über seine eigene Beerdigung. Als Bestatter hat der Autor einen großen Erfahrungsschatz über die Gestaltungsmöglichkeiten von Bestattungen, eine Quintessenz, die man aus seinen vielen Beispielen ziehen kann, ist die, das weniger oft mehr ist. Eine Trauerfeier, die einfach gestaltet ist, in der Hinterbliebene und nicht (semi)professionelle Trauerredner an den Toten erinnern, die persönliche Momente in den Mittelpunkt stellen, kann intensiver sein als jede kostspielige, auf Äußerlichkeiten orientierte Feier, bei der sich Angehörige und Trauergäste unwohl fühlen. Hier übt Wrede auch ein gehöriges Mass an Branchenkritik, von der er auch Exotisches nicht ausnimmt, wie die Produktion von Diamanten aus der Asche des Todes. Was ganz einfach schon deshalb problematisch ist, weil die Asche des Toten ja nur noch sehr wenig Kohlenstoff enthält… Krematorien bieten übrigens oft Tage der offenen Tür an, einfach mal hingehen und sich das Ganze ansehen.

Alles gut also mit The End? Leider nein, an einer Stelle im Text habe ich schwer geschluckt. Daß das Buch mit diesem Coverbild und dem ultimativen Untertitel Das Buch vom Tod etwas reißerisch aufgemacht ist (und im Grunde ja sowieso eher von der Bestattung und dem drumherum redet als vom Tod), mag dem ersten Leben des Verfassers geschuldet sein und dem Wunsch, möglichst viele Buchexemplare zu verkaufen. Schwerwiegender erscheinen mir dagegen einige Ausführungen, die Wrede in seinem Abschnitt über suizidale Tode macht [S 69 ff]. Wrede erinnert hier eingangs an Wolfgang Herrndorf, den Autoren von u.a. tschick, der an einem Glioblastom litt und kurz vor dem Zeitpunkt, an dem dieser aggressive Tumor sein Gehirn im wahrsten Sinn des Wortes völlig zerquetschen würde, Suizid begangen hat. [Herrndorf hat sein Leben mit dem Tumor in einem sehr intensiven und äußerst beeindruckendem Blog – der später dann auch als Buch veröffentlich wurde (Wolfang Herrndorf: Arbeit und Struktur: https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/) festgehalten]. Aber: so sinnvoll der Abschnitt ist, die kommentarlose textliche Vermengung ‚Suizid‘ mit ‚aktiver Sterbehilfe‘ [Definition: Aktive Sterbehilfe ist die gezielte Herbeiführung des Todes durch Handeln auf Grund eines tatsächlichen oder mutmaßlichen Wunsches einer Person, Quelle: Wikipedia, sie ist also eben kein Suizid, auch wenn der Tod auf Wunsch, aber eben von einem anderen Menschen, herbeigeführt wird] auf S. 71 f ist zumindest kritisch zu sehen, bei folgender Aussage bin ich dann endgültig ins Zweifeln geraten: … Ich bin mir sicher, dass viele ältere Menschen auch deshalb den Freitod wählen würden, … Vielleicht wäre es in der Tat ein erster Schritt in die richtige Richtung, anonyme Anlauf- bzw. Beratungsstellen zu diesem Thema einzurichten. … [S. 72]. Dazu kann man leicht überprüfen, daß eine Suchfanfrage „Suizid Beratung“ zu über 650.000 Treffern führt, mit der anonymen Telefonseelsorge (bei mir) an erster [https://www.telefonseelsorge.de/?q=taxonomy/term/760] und der gemeinsamen Webseite der deutschen und der österreichischen Gesellschaften für Suizidprävention [https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/fuer-betroffene-und-angehoerige/]an der zweiten Stelle; bei einer der führenden deutschen online-Nachrichtenportale (als weiteres Beispiel) wird nach Beiträgen, die sich mit Suizid befassen, generell ein Hinweis auf anonyme Beratungsmöglichkeiten gegeben. Um so unverständlicher ist diese in die Irre führende Aussage des Autoren in seinem Buch.

So ist mein abschließender Eindruck von The End gespalten. Das Buch, mit dessen Titel Wrede offensichtlich an die Doors erinnern will [https://www.youtube.com/watch?v=JSUIQgEVDM4], ist überall dort empfehlenswert, wo es aus der Praxis des Bestatters Wrede heraus erzählt und es den möglicherweise auf den konventionellen Rahmen der noch meist üblichen Bestattungen, die man als Hinterbliebener oder Bekannter erlebt hat, beschränkten Horizont sprengt und Ideen für andere Gestaltungsmöglichkeiten von Bestattungsfeierlichkeiten gibt. Was die von Wrede erwähnten und aufgeführten mehr praktischen Möglichkeiten angeht, muss man vorsichtiger sein: es gibt mehr. So erwähnt Wrede in seinem Kapitel 8 über mögliche Bestattungsarten z.B. die Rasengräber nicht, die es mittlerweile häufig gibt und die einen guten Kompromiss darstellen, weil hier die Pflege des Grabes durch eine Einmalzahlung auf die Friedhofsverwaltung übergeht. Kolumbarien findet man ebenfalls, auch wenn dieses schließfachartige Deponieren einer Urne nicht unbedingt jedermanns Geschmack sein mag, als Wahlmöglichkeit kann es in Frage kommen. Auch sind Baumbestattungen und Bestattungen im Wald nicht zu verwechseln, mir selbst wurde das deutlich gemacht, als ich bei einer Bestattung im Wald im guten Zwirn durchs nasse Unterholz zum entsprechenden Baum gestolpert bin. Und ob jeder mit einer Eiche für unter 10 Euro, die er im Andenken an den Verstorbenen pflanzen will, wirklich glücklich ist, mag dahin gestellt sein. Etwas mehr sollte der Baum dann wahrscheinlich doch hermachen. In gleicher Weise wollen Vor- und Nachteile einer anonymen Bestattung gut gegeneinander abgewogen werden, hierzu findet man bei Wrede einige Gedanken. Aus all diesen Gründen ist es sehr sinnvoll man sich bei diesen Aspekten wirklich vor Ort erkundigen, was möglich und was machbar ist, und das bitte nicht erst nach dem traurigen Eintritt eines Todes, wenn man dafür wirklich keine innere Ruhe hat.

Eric Wrede
The End
Das Buch vom Tod
diese Ausgabe: Heyne (heyne-encore), Paperback, ca. 190 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

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