Machado de Assis: Der geheime Grund

Der brasilianische Autor Joaquim Maria Machado de Assis war mir zur Gänze unbekannt, ich vermute einfach, es wird mehreren so gehen. Was allerdings, das ist schon mal ein vorweg genommenes Facit, nach der Lektüre dieser Sammlung von Erzählungen, die 1996 in der Reihe Die Andere Bibliothek erschienen ist, schade ist. Um nichts zu Verschlimmbessern mache ich es mir jetzt einfach und stelle de Assis jetzt mit den Worten seines Übersetzers, Carl Meyer-Clarson, aus dem Nachwort zum vorliegenden Buch vor:

Joaquim Maria Machado de Assis (1839-1908) ist der früh verwaiste Sohn eines Mulatten aus Rio de Janeiro, seines Zeichens Anstreicher, und einer aus den Azoren eingewanderten Portugiesin. Der schüchterne Stotterer, der kränkliche Epileptiker, der stille, beharrliche Autodidakt, der es zu einer Zeit, als in Brasilien noch die Monarchie und die Sklaverei herrschten, zum hohen Staatsbeamten brachte und auf Lebenszeit Präsident der von ihm gegründeten Academia Brasileira De Letros, der Brasilianischen Akademie für Sprache und Dichtung, wurde, hat neben acht Romanen, zwei oder drei Gedichtbändchen, Dramen, Chroniken und Briefen sechs Bände mit etwa einhundertsiebzig Erzählungen geschrieben, aus denen hier die einundzwanzig besten vorgelegt werden. Voilá!

Einundzwanzig ausgesuchte Geschichten also auf knapp mehr als dreihundert Seiten Buchumfang – es sind kurze Geschichten, mit einer Ausnahme. Gleich die zweite Erzählung Der Irrenarzt ist umfangreicher mir ihren über Seiten. Sie erzählt die Geschichte eines Arztes, der in seiner Heimatstadt vom Stadtrat die Erlaubnis erhält, die Irren (zu der Zeit, in der das Buch publiziert wurde (1996) war man politisch noch nicht so korrekt…) in einem Haus zu ’sammeln‘ und unterzubringen, dem Grünen Haus [ein weiteres Grünes Haus tauchte viele Jahre später in der südamerikanischen Literatur als ebenfalls besonderes Etablissement bei Llosa noch einmal auf]. Dort wollte der Arzt die Krankheiten des Geistes ergründen und streng wissenschaftlich erforschen. Es dauerte nicht lange, bis das Vorhaben umkippte, der Arzt in praktisch jeder Verhaltensweise, die er bei seinen Mitmenschen beobachtete oder sah, eine Krankheit erkannte. Schaute jemand beispielsweise gerne sein neuer erbautes Haus an, so litt er sicher an Steinsucht… Das Grüne Haus füllte sich, musste erweitert werden, die Stadt leerte sich, die Menschen lebten in Furcht und Angst, bis sie sich zusammentaten und gegen den Arzt auf die Straße gingen… Eine Geschichte, die in mannigfacher Hinsicht deutbar ist: was ist normal, was nicht mehr und damit krankhaft, was darf Wissenschaft, was darf sie nicht, wo hat sie Grenzen. Das Definieren einer Ansicht oder eines Verhaltens als „Krankhaft“ und den den-/diejenige/n wegzusperren ist noch heute in einigen Ländern eine Methode, wegen ihrer politischen Meinung unbequeme Bürger aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Die Art und Weise, wie de Massis diese Geschichte erzählt, hat mich an Kubins Roman Die andere Seite [https://radiergummi.wordpress.com/2015/06/07/alfred-kubin-die-andere-seite/] erinnert, den ich zufällig neulich wieder mal in die Hand genommen hatte: ein dystopisch anmutendes, phantastisches Thema, das in relativ nüchterner Art und Weise dargestellt wird. Die oben aufgeführte inhaltliche Andeutung erfährt im Lauf der Erzählung übrigens noch einige Volten.

Wir werden durch die Geschichten de Aississ in das Brasilien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entführt. Brasilien ist noch Königreich (bis 1891), die Sklaverei wird 1888 offiziell abgeschafft (und in der letzten Erzählung der Sammlung thematisiert), die Figuren von de Assis laufen durch das alte Rio de Janeiro und man fühlt sich an die Stadtführungen von Modiano durch Paris (oder Joyce durch Dublin) erinnert. de Assis Stil ist nüchtern, obwohl er die Laufwege seiner Figuren durch die Straßen häufig wiedergibt, ergötzt er sich nicht an Schilderungen dieser Wege, an deren Beschreibungen. de Assis analysiert und dokumentiert, er verurteilt seine Figuren nicht, wahrt Distanz.

Oft haben die Geschichten kein ‚richtiges‘ Ende, so wie wir es heute oft gewohnt sind. In Eine Admiralsnacht beispielsweise kommt der Seemann voller Vorfreude auf seine Geliebte nach Monaten wieder nach Hause und muss erfahren, daß allen Liebesschwüren zum Trotz diese mit einem anderen mitgegangen ist. Er sucht sie auf, trifft sie auch, aber es gibt keine Szene, keine Katastrophe, der angekündigte Selbstmord bleibt ebenso aus wie ein Racheakt an der Frau. Und den Kameraden spielt er am nächsten Tag mit geheimnisvollem Lächeln das vor, was diese darin sehen wollen…

Oft sind es Beziehungsgeschichten, Liebe zwischen zwei Menschen, die aber ausserhalb einer Ehe aufblüht, eine Tatsache, die von den Frauen als eher schicksalsgegeben akzeptiert wird.  Der Tod schlägt oft zu, auch in den frühen Jahren der Menschen., zudem herrscht oft bittere Not. Auch die erwachende Sexualität Pubertierender, die sich oft in schwülstigen Träumen und Fantasien niederschlägt, ist für de Assis ein Thema, da kann sich ein solcher Junge schon mal über den Anblick von Frauenarmen in eine erotische Traumwelt beamen, eine fantasiegebundene Wunschwelt, die aber irgendwie auch die Besitzerin dieser Arme in Bann schlägt… Die Sammlung umfasst jedoch auch andere Themen. In der Kirche des Teufels beschreibt de Assis, wie der Teufel sich von Gott, der nur müde abwinkt, die Erlaubnis holt, eine eigene Kirche zu gründen, die die Völlerei, den Geiz, die Wolllust und was es noch so an Todessünden gibt, progagiert und selig spricht. Oh ja, die Kirche hat Zulauf, die Menschen geben sich ihren neuen Glaubensgrundsätzen hin bis – ja, bis sie ihnen überdrüssig geworden sind. Und so wie früher die Menschen anfingen, gegen Gott zu sündigen fangen sie jetzt heimlich an, gegen des Teufels Glauben zu rebellieren: sie geben heimlich den Armen, sie fangen an, der Völlerein zu entsagen und schränken die Befriedigung ihrer Wolllust ein gegen Tage der Enthaltsamkeit. Und so versteht man gegen Ende der Geschichte, warum Gott seinerzeit nur gelangweilt seine Erlaubnis gab…

Eine weitere, thematisch etwas abweichende Geschichte ist die vom Vater, der am Vorabend der Volljährigkeit seinem Sohn gegenüber ein Loblied auf die Durchschnittlichkeit singt, denn nur der Durchschnittliche erreicht etwas im Leben, macht Karriere und wird wohlhabend… Ob sich de Assis hier von der Realität auf die Idee zu diesem Thema inspiriert worden ist? Ich jedenfalls musste unwillkürlich an vor allem politische Karrieren denken, die auch heutzutage nicht unbedingt an Exzellenz gebunden sind…

Auf die titelgebende Erzählung will ich abschließend noch eingehen, denn sie ist von seltsamer Grausamkeit. Der Erzähler der Geschichte berichtet von einem Freund, der Arzt ist, ein Arzt mit seltsam kalter Mine und kalten Augen, verheiratet mit einer schwindsüchtigen Frau, deren Ableben in nicht allzu ferner Zukunft zu befürchten ist. Eines Tages entdeckt der Arzt, daß eine Ratte in seinem Zimmer ist, die seine Unterlagen annagt. Er fängt dieses Tier und der Geschichtenerzähler beobachtet, wie der Arzt der Ratte zu Tode quält…

Ich habe dieses Buch gern gelesen und kann jedem, der mal etwas ausserhalb eingelesener Pfade unterwegs sein möchten, nur zuraten, diese Sammlung von Erzählungen zu erwerben. Wahrscheinlich geht dies nur antiquarisch, es gibt/gab auch eine Taschenbuchausgabe aus dem dtv. Es ist eine Zeitreise, wir sehen die Gaslampen angehen, die Kutschen über das Pflaster der engen Straßen holpern und ahnen die Not hinter vielen Türen… Kurz, prägnant und nüchtern stellt de Assis dies dar, bricht größere Gedanken auf Episoden, die sich die Figuren erzählen, herunter. Ein Chronist also einer vergangen Welt…

[In der FAZ ist seinerzeit eine Besprechung der Sammlung erschienen, auf die ich hier gerne verweise: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/….]

Machado de Assis
Der geheime Grund
Übersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch von Curt Meyer-Clason
Nachwort von Curt Meyer-Clason
diese Ausgabe: Eichborn, HC (Die Andere Bibliothek Bd. 140), ca. 320 S., 1996

 

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