Saphia Azzeddine: Bilqiss

Ich habe vor kurzem hier Azzeddines Roman Zorngebete vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com/2019/08/18/saphia-azzeddine-zorngebete/), der das Leben einer jungen Frau schildert, die mit ihrem Schicksal und daher auch mit ihrem Gott hadert, das/der ihr  kaum eine Chance läßt. Auch der vorliegende Roman der Autorin widmet sich diesem Thema der Stellung der Frau im Islam, das er jedoch auf andere Art und Weise behandelt. Die Hauptfigur Bilqiss ist eine junge Witwe ohne Verwandte, damit und mit der einfachen Tatsache, eine Frau zu sein, ist sie von vornherein eine Belastung für die dörfliche Gemeinschaft. Erschwerend kommt ihr Selbstbewusstsein hinzu und eine gewisse Bildung, die sie durch ihre verehrte Lehrerin erhalten hat – solange wenigstens, wie sie auf die Schule gehen durfte – und solange Nafisa, ihre Lehrerin, überhaupt lebte. Denn der unglücklichen Ehe, in die man sie gezwungen hatte, entfloh sie eines Tages durch Selbsttötung.

Bilqiss steht vor Gericht. Ihr wird vorgeworfen, anstatt des Muezzins, der betrunken am Fuss der Treppe lag, das Morgengebet vom Minarett aus verkündet zu haben, in leicht abgewandelter Form. Die Hausdurchsuchung ergab weitere Verstöße gegen die Ordnung: Bücher mit Lyrik wurden gefunden, Schminksachen, ein BH mit Spitzen… Das Urteil steht fest, die Steinigung wird auf dem Dorfplatz erfolgen, die Dorfbewohner/-innen können es kaum erwarten.

Doch der Urteilsspruch verzögert sich. Bilqiss verteidigt sich vor dem Richter selbst, klug, ironisch und belesen. Erstaunlicherweise läßt der Richter sie meist gewähren, während das Publikum im Gericht bei jeder Provokation Bilqiss‘ zu toben anfängt, so daß die Verhandlung vom Richter vertagt werden muss… und eines Abends setzen Besuche des Richters bei Bilqiss in der Zelle ein…

Noch eine dritte Person ist in die Handlung involviert: Leandra, eine amerikanische Journalistin. Biqiss ist nämlich, ohne dies zu wissen, eine ‚Berühmtheit‘ geworden. Sie ziert Kaffeetassen wie auch T-Shirts, als junges Mädchen (eine weitere schwere Verfehlung) hatte sie nämlich einem durchreisenden Fotografen am Straßenrand erlaubt, ein Bild von ihr zu schießen, ein Bild, das um die Welt gehen sollte… so wie jetzt die Video-Clips ihres Prozesse, die im Internet kursieren, wo Leandra auf sie stößt und eine Story wittert.

Azzeddine läßt jede dieser drei Figuren ihre Sicht der Dinge schildern, widmet ihren jeweils eigene Kapitel des schmalen Romans. Es überrascht nicht, daß der von Bilqiss geschilderte Teil eine einzige Anklage ist gegen die Unterdrückung der Frau, der alles Übel auf dieser Welt zugeschrieben wird. Nichts ist ihr erlaubt, schon eine aus der Verschleierung herauslugende Locke könnte den Mann verführen, woran natürlich ihr die Schuld gegeben würde. Mögen sie, die Frauen, so deren bittere Erkenntnis, auch intelligenter sein, die Macht haben die Männer und sie üben sie aus. Dabei sind die wenigstens der Frauen wie Bilqiss, die meisten fügen sich in ein Schicksal, das sie nicht anders kennen, das ihnen von ihren Müttern überliefert worden ist und dessen größter Feind die Bildung ist, die ihnen ein Fenster in die Welt außerhalb der ihren öffnen würde. Bilqiss hat diesen Blick, zusammen mit ihrer kompromisslosen Haltung pariert sie die dummen Anschuldigungen der Männer spielend und dieses Verweigern der Demut schürt die Aggression der Masse zusätzlich.

So wie sich Bilqiss nicht verhält wie sich die Frauen in dieser Gesellschaft zu verhalten haben, fällt auch der Richter aus dem Rahmen des Erwarteten. Als einziger im Gericht scheint er Bilqiss zumindest ansatzweise zuzuhören, niemand unter den Besuchern versteht, warum er das feststehende Urteil nicht endlich ausspricht, sondern die Verhandlung immer wieder vertagt wird, trotz all der Unverschämtheiten dieser unbeugsamenFrau. Eines Tages muss er sie, um sich selbst zu schützen, sogar bestrafen und läßt sie auspeitschen, um von seinem Lachen über Bilqiss‘ Replik auf eine weitere dummer Bemerkung abzulenken. Abends aber, bei seinen heimlichen Besuchen in der Zelle, reicht er Bilqiss Salbe, um die Wunden zu pflegen.

Leandra, die Journalistin, schließlich hat beim Anschauen der Videoclips intuitiv gespürt, daß zwischen Richter und Bilqiss ein besonderes Verhältnis besteht. Und tatsächlich schildert ihr Bilqiss, die anscheinend Vertrauen gefasst hat, eine Liebesnacht, die sich zwischen ihnen abgespielt hat… doch Leandra findet heraus, daß dies alles von Bilqiss erfunden worden ist. Denn mag Bilqiss, auf die der Tod wartet, auch voller Zorn und Widerstand sein, so billigt sie einer Aussenstehenden diese Kritik an ihrer Gesellschaft nicht zu, zumal sie in der Vergangenheit durch amerikanische Soldaten in ihrem Land die Doppelmoral des Westens sehr anschaulich vorgeführt bekam. Leandra glaubte an eine Liebesbeziehung, also bekam sie sie von Bilqiss auch geschildert, denn wichtig bei Geschichten, das muss Leandra erst lernen, ist nicht so sehr die reine Wahrheit, sondern die Schönheit und daß sie die Erwartungen der Zuhörer erfüllen.


Als westlicher Leser sieht man automatisch durch Leandra repräsentiert, die den Blick von außen auf diese Gesellschaft und ihre Vorstellungen wirft und dabei vergißt, daß sie selbst so einiges an moralischen Verfehlungen im Gepäck hat, Azzedine deutet dies in Nebenfiguren wie den amerikanischen Soldaten, die in Bilqiss Haus einquartiert sind, an. Ebenfalls hat Leandra bestimmte Erwartungen, erwartet beispielsweise Dankbarkeit von Bilqiss dafür, daß sie sich für sie einsetzt. Dem verweigert sich Bilqiss jedoch, denn sie ist selbstbewusst genug, um zu wissen, daß solche Hilfe von aussen nichts Grundlegendes ändern kann und daß diese Hilfe auch nicht völlig uneigennützig erfolgt. Bilqiss handelt und argumentiert – auch im Prozess – immer innerhalb ihrer Gesellschaft, sie spricht dagegen Aussenstehenden das Recht ab, über diese zu urteilen. So verteidigt sie natürlich nicht das Unrecht und die Ungerechtigkeit, sie wehrt sich aber gegen die Arroganz und Überheblichkeit, mit der von aussen darüber geurteilt wird von Menschen, die vorgeben, alles besser zu wissen und zu machen.

Eine interessante Figur ist auch die des Richters. Ein einfacher Handwerker, der unter dem Regime in die Machtposition eines Richters gelangt ist, der sich jedoch im Inneren einen Rest von Unabhängigkeit bewahrt haben muss, an den Bilqiss unbewusst appelliert. Daß er – und hier trog Leandra ihr Gefühl dann doch nicht – ebenso von der Frau Bilqiss fasziniert ist, bringt ihn zum Nachdenken, vielleicht ein Hoffnungsschimmer, den die Autorin in ihren Text eingewebt hat, daß in dem einen oder anderen Repräsentant eines solch repressiven Regimes nämlich möglicherweise doch noch mitmenschliche Regungen angesprochen werden können.

Der Roman bietet am Schluss, der fast wie ein Showdown wirkt, kein Happy End, das war auch nicht zu erwarten. Ich muss auch zugeben, daß ich mit dem Schluss des Buches meine logischen Schwierigkeiten hatte, ich habe den Sinn dessen, was Azzeddine dort geschildert hat, einfach nicht verstanden. Das ist ein wenig schade, da es den Eindruck, den dieser sehr intensive, zum Nachdenken anregenden Text, doch ein wenig eintrübte. Aber nur ein wenig.

Saphia Azzeddine
Bilqiss
Übersetzt aus dem Französischen von Birgit Leib
Originalausgabe: Bilqiss, Paris, 2015
diese Ausgabe: Klaus Wagenbach, HC, ca. 175 S., 2016

 

 

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