Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne

13. Februar 2011

„Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.“

Mit diesem Bekenntnis, das Bukowski seinem alter ego Henry „Hank“ Chinaski in den Mund legt, beginnt der Roman. Mitleid ist jedoch fehl am Platz, denn genau dieser bedauernswerte Umstand ändert sich für Hank abrupt und wird zum Inhalt des Romans, der sich dann eigentlich nur noch um Sex und Alkohol dreht.

Chinaski lebt in einem heruntergekommenen Viertel von Los Angeles, seine Schriftstellerei hält ihn finanziell halbwegs über Wasser. Öfter wird er zu Lesungen in ganz Amerika eingeladen. Damit geht es ihm besser als vielen anderen Menschen in seiner Umgebung. Mit dem Wiedersehen von Lydia Vance, einer Bildhauerin, die er von früher kennt, tritt auch die Weiblichkeit wieder in sein Leben ein, furios und mit einem Anflug von Wahn, die Szenen, die Linda produziert, sind mit „emotional“ nur unzureichend beschrieben. Aber Linda ist nur die erste von vielen Frauen, die auf den folgenden gut 430 Seiten in Erscheinung treten.

Hank ist ein ungepflegter, wenig umgänglicher Mann, er vermeidet den Kontakt mit Menschen, seine Lieblingsbeschäftigung ist saufen ohne Ende und an den Frauen interessiert ihn nur das, was man auf den ersten Blick sieht, das, was rund und prall hervorsteht. An Bindungen ist er nicht interessiert, nach den ersten Tagen im Bett fürchtet er die Macken zu erkennen, die jeder Mensch hat und die die Frau für ihn abstoßend machen. Sex ist das, was er will (Bukowski schrieb diesen Roman zwei Jahre vor der ersten Beschreibung eines AIDS-Kranken 1981). Und so läuft es immer gleich, egal wo er auf eine Frau trifft, die ihm die Hormone schwellen läßt: stupide Kontaktaufnahme, etwas zusammen trinken, die Beine aneinanderreiben, weitertrinken, die Hand auf Knie legen und unter den Rock, mehr trinken, den Kopf nach hinten ziehen/biegen und küssen, noch was trinken und dann schaut Chinaski zu, daß er ihn reinkriegt. Es wird gepumpt und gestoßen bis er kommt oder (bei zuviel Alk) auch nicht, dann wird sich heruntergerollt und geschlafen. Das ist das Schema. O nein, wie konnt ich nur vergessen, kotzen gehört natürlich auch dazu…. alles in allem also ein richtiger Unsympathling. Nun könnte man meinen, er würde die Frauen ausnutzen, aber das ist nicht unbedingt so. Im Rahmen seiner Möglichkeiten ist er durchaus großzügig und es sind auch oft die Frauen, die seine „Bekanntschaft“ suchen. Es sind aber auch Frauen darunter, die mehr für ihn empfinden und da regt sich ganz hinten bei Chinaski auch eine Art schlechtes Gewissen, ein Bewusstsein darüber, wie er Gefühle missbraucht und mit Menschen spielt. Und so wächst er auf der letzten Buchseite förmlich über sich hinaus. Obwohl er glatt noch drei oder vier Stunden Zeit hätte bis Sara zu ihm kommt, lehnt er ein eindeutiges telefonisches Angebot eines weiblichen Fans ab…. ja, das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind.

Beziehungsunfähig wie er ist, sind Frauen für ihn Objekte seines Sextriebs (wie das mit den anfänglich erwähnten vier Jahren Handbetrieb zusammenpasst, weiß ich nicht…), vorgeschoben auch das Pseudoargument, er würde nur das Wesen der Frau recherchieren, ihre Art und Eigenheiten, etwas, was er für seine Schriftstellerin braucht.

„Ich habe dich in der Küche gehört, wie du heimlich noch ein paar gegtrunken hast. Warum hast du das gemacht?“ – „Weil ich Angst vor dir hatte, nehem ich an.“ – „Du und Angst? Ich dachte, du bist der große harte Trinker und Frauenheld?“ …. „Ich hatte Angst. Meine Angst ist der Treibsatz für meine Kunst.“

Ich denke mal, das ist genau der Punkt: Chinaskis Angst vorm Leben mit allem, was dazu gehört. Vor Gefühlen, vor Bindungen, vor Verantwortung, vor Konflikten und Kompromissen. Angst davor, sich einem anderen Menschen zu öffnen, ihm Zugang zu sich selbst zu gewähren. Stattdessen nimmt er, was er bekommen kann, wohlwissend, daß er für mehr zu schwach ist. Der Erbärmlichkeit dieses Lebens ist er sich durchaus bewusst:

„Du meinst, du lebst nur, um zu schreiben?“ – „Nein, ich existiere bloß. Und später versuche ich mich an ein paar Dinge zu erinnern und sie aufzuschreiben.“

Trotz dieser Erkenntnis findet er nicht den Weg, dies zu ändern. Alkohol und Sex, er will beide Drogen (auch wenn sie nicht immer reibungslos zusammenpassen), um dem Leben zu entfliehen. Den Konflikt, den er sieht, aufzulösen, schafft er nicht, auch wenn gegen Ende des Romans eine leichte, von Selbstmitleid nicht freie Reflexion seine Tuns einsetzt. Ansonsten ist er, was seine emotionale Reife angeht, nicht allzweit entwickelt. Auf diesem Videoclip zum Beispiel erinnert er mich in der Art und Weise, wie er die Frau vom Sofa wegtritt mehr an einen trotzköpfigen, jähzornigen Dreijährigen als an einen erwachsenen Mann….

Die Werke von Bukowski sind generell stark autobiographisch. Das macht es schwierig, sie zu interpretieren, man sieht, wenn man von Chinaski liest, immer Bukowski vor dem geistigen Auge. Wo endet das Biographische, wo beginnt das Fiktionale? Es ist schwer zu unterscheiden, er selbst schreibt dazu:

„Ich wette, du kennst eine Menge Frauen“, sagte Hilde. „Wir haben deine Bücher gelesen.“ – „Ich schreibe Fiktion.“ – „Was verstehst du unter Fiktion?“ – „Daß man das Leben ein bischen interessanter macht, als es in Wirklichkeit ist.“ – „Soll das heißen, du lügst?“, fragte Gertrud. – „Ein bißchen. Nicht allzuviel.“

Belassen wir es dabei.

Wäre ich neulich abends nicht zu müde gewesen, mir etwas interessanteres aus dem Regal zu holen, hätte ich mit dem „Das Liebesleben der Hyäne“ meine lange vernachlässigte Kategorie „aus.sortiert“ mal wieder bestückt. Andererseits, das muss man Bukowski (und seinem Übersetzer) lassen, er liest sich gut, ist auch in gewissem Sinn unterhaltsam (wobei die stete Wiederholung immer derselben Verhaltensschleife speziell im Liebesleben dann doch langweilig wurde). Szenisch geschrieben mit vielen Dialogen kann man den Text an sich vorbeirauschen lassen und in einer Art Kopfkino sich einfach irgendwo auf einen Stuhl im Hintergrund setzen und zuhören bzw. -sehen… und hie und da ein Nickerchen machen, man versäumt ja nicht allzuviel…

Facit: Dieser Roman des „Dirty old man“, so wie sich Bukowski ja auch selber bezeichnet, ist eher die Endlosschleife eines altersgeilen Alkoholikers auf der Flucht vor allem und jedem… für mich enttäuschend, da ich seine Romane früher sehr gerne gelesen hatte. Aber vllt hatte ich auch nur das falsche Buch erwischt, mittlerweile habe ich mir „Hollywood“ von ihm rausgesucht, der läßt sich dann doch besser an…

Anmerkungen:

  • Als altes Lesezeichen der oben mit Cover abgebildeten Ausgabe von Kiepenheur&Wisch lag eine Fortran-Lochkarte zwischen den Seiten. Eine nette Erinnerung…. Kennt man sowas heutzutage eigentlich noch?

Charles Bukowski
Das Liebesleben der Hyäne
übersetzt von Carl Weissner

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6 Responses to “Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne”

  1. peterjkraus Says:

    Spitze, spitze, spitze. Charles Bukowski war schon in der Kindheit (die in Los Angeles stattfand, wie meine, nur erheblich länger her) total fucked up. Hässlich, besoffen, viel zu intelligent um einen regelmässigen Job zu kriegen und ihn zu behalten (Post Office ist eines meiner Lieblingsbücher)….. das meiste fand in den Fünfzigern und Sechzigern statt, zu der Zeit, als ich dort aufwuchs – sogar zeitweise als fast-Nachbar: Bukowski schreibt in seinem Gedicht „A Radio with Guts“ über unsere alte Gegend nahe der Los Angeles downtown, ein paar Strassen vom Sunset Boulevard entfernt). Liest man den Mist der in jener Zeit dort entstand, dann ist Bukowskis Gabe erst recht zu bewundern.

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    • flattersatz Says:

      kann ich mir vorstellen. wenn bukowski das schreiben nicht gehabt hätte, wäre er wahrscheinlich erstickt, an all dem, was in ihm steckte und rauswollte. hatte mir die tage die ersten szenen von „barfly“ angeschaut (den dazu gehörigen roman hollyood habe gerade gelesen, der steht zwar schon seit jahrzehnten im regal, aber bis dato ungelesen), als er total kaputt zurück in seine bude kommt und erst einmal ein paar zeilen auf seine schmierigen zettel kritzeln muss… wenn er das nicht gekonnt hätte, hätte er sich wahrscheinlich irgendwann endgültig ins nirvana gesoffen… oder sich sonstwie dorthin befördert.
      is´ ´n seltsamer gedanken, daß das, was für mich recht „exotisch“ ist an orten und geschehen, für dich heimatliteratur ist….
      post office…. ja, den hab ich auch in guter erinnerung, mal schau´n, vllt macht wiedersehen bei dem ja auch freude…

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  2. Oje, das ist so gar nicht meins und ehrlich gesagt, ich finde überhaupt keine Parallele zu Gwendoline Riley. Nun bleibe ich mit fragend-in-die-Bücherwelt-blickenden Grüße zurück.

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      *lachen muss*

      jetzt kannst du meinen fragenden kommentar sicher verstehen. aber mit dem „liebesleben“ habe ich auch ein buch herausgegriffen, das nicht sehr glücklich gewählt war. nächste woche werde ich noch einen anderen roman hier vorstellen, der mir deutlich besser gefallen hat….

      liebe grüße aus dem erdbebenerschütterten rheinland
      fs

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  3. ralf resele Says:

    Diese „Rezension“ wird dem Autor nicht gerecht. Sie bleibt an der
    Oberfläche und erkennt nicht die Ironie, die im Roman wie es sich
    gehört nicht plakativ erscheint, sondern „zwischen den Zeilen“ steht. Wenn man genau hinsieht, steht in dem Buch alles, was es
    zum Zusammenleben beider Geschlechter überhaupt zu sagen
    gibt.

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    • flattersatz Says:

      wann, so könnte man jetzt fragen, wird man einem autoren gerecht? du siehst zwischen den zeilen ironie – ich nicht. wirst du ihm damit gerecht und ich nicht? das hieße, daß es eine feststehende, absolute auslegung des textes gäbe – was ich nicht glaube. wenn ich etwas zwischen den zeilen sehe, dann sarkasmus und zynismus…

      … und daß zu deiner feststellung, daß in dem buch alles, was überhaupt zum zusammenleben der geschlechter zu sagen ist, geschrieben steht, hätte ich sehr gerne ein paar argumente und fakten. deine blosse behauptung reicht mir persönlich da nicht aus…

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