Goethes geheime erotische Epigramme

18. Juni 2017

Wein, Weib und Gesang… ob der Geheimrat seinerzeit gesungen hat, das weiß ich nicht, das Internet ist in dieser Hinsicht nicht sehr ergiebig mit Aussagen. Daß Goethe Wein und Weib aber genossen hat, ist bekannt, man muss nur einmal die Briefe lesen, die er mit seiner Gefährtin und späteren Ehefrau Christiane wechselte. Nicht nur die Vorräte im Weinkeller waren hier Thema, auch die Bestellung des Schreiners, der das mal wieder zusammengebrochene Bett zu richten hatte… [4]. Möglicherweise wurde dabei ja gesungen (womit ich mit dem ‚dabei‘ jetzt nicht das Richten des Betten meine…) genauso, wie ja auch der Wein die Stimme zum Singen beflügelt (was ich mehrfach im Selbstversuch verifiziert habe.). Sei’s drum, in diesem kleinen, liebevoll aufgemachten Büchlein geht es jedenfalls um das Weib und die Freuden, die sich Männlein und Weiblein gegenseitig bereiten können.

Entstanden sind die Verslein (mit wenigen Ausnahmen) in der Reihe der venezianischen Epigramme im Zusammenhang mit der zweiten Reise Goethes nach Italien, auf der er der heimkehrenden Herzogin Anna Amalie entgegenreiste. Diese zweite Italienreise entfaltete beim Dichter nicht den Zauber der ersten (1786-88), der wir den Spruch vom Land, in dem die Zitronen blühen, verdanken. Goethe kam nur bis Venedig, die Eindrücke des Landes auf ihn mäßig bis schleicht. So notiert er über seinen Veronaaufenthalt (25.-28. März 1790):

….. Campanò heißt das unerträgliche Gebimmele, das sie drey Tage zu verschiedenen Zeiten von den Thürmen der Kirche hören lassen, welcher ein Fest bevorsteht.

De Monti Colonnari e altri fenomeni vulcanici dello Stato Veneto. Memoria di Giov. Strange. 1778.

In der Baukunst in Verona außer an den ältesten Gebäuden eine unschickliche Nachahmung der Rustica, welche an der noch stehenden Außenseite des alten Amphitheaters mit großem Verstand gebraucht ist. Die Gebäude des M. Sanmicheli verdienen alle Achtung und ein besonder Studium.

Die Architektur des neuen Hospitals ist nicht glücklich. Es scheint mir kein Theil derselben wohl räsonnirt zu sein, überhaupt in denen neuern Gebäuden scheint nur noch ein Gespenst der alten Kunst nachzuspuken. Beyspiele von dem schlimmsten Geschmack der mittlern Zeiten, ….. [1]


… aber im Grunde ist dies ja auch nicht das Thema im Büchleins, mit dessen Inhalt der Dichter sich möglicherweise die eigene Befindlichkeit verbessern wollte. Auf Venedig bezogen und des Dichters Impression von der Stadt wird man in den Eprigrammen ebenalls fündig. So heißt es z.B. …. Hättest du Mädchen wie deine Kanäle, Venedig und Vötzchen / Wie die Gäßchen in dir, wärst du die herrlichste Stadt.

Als Motto stellt Goethe seiner Sammlung folgende Spruch voran, datiert auf das Jahr 1790, geschrieben in der Lagunenstadt:

Wie man Zeit und Geld verthan,
Zeigt das Büchlein lustig an.

Daß uns Nachkommen die Verslein überhaupt erhalten geblieben sind, ist nicht selbstverständlich. Im erläuternden Nachwort des Markuskreises, der 1924 die Erstausgabe verantwortete [3] wird festgehalten, daß Goethe die Verse versiegelt an seinen Sohn August reichte, damit dieser sie prüfte (oder prüfen lasse) und sie ggf. vernichte oder auch publiziere. Publiziert wurden sie nicht, aber eben auch nicht vernichtet, letztlich sorgte die Großherzogin Sophie dafür, daß diese Epigramme zum einen zensiert und entschärft, zum andern auch nicht in die ihren Namen tragende Gesamtausgabe aufgenommen wurden. Erst auf Betreiben späterer wurden die Verse in den letzten Bänden der Ausgabe sozusagen ‚vergraben‘.

Dem ‚Markuskreis‘ (zu dem ich keine Informationen finden konnte) kommt jedenfalls der Verdienst zu, die Epigramme 1924 in konzentrierter Form und illustriert zusammengestellt zu haben, wenngleich auch in einer limitierten Privatausgabe [3]. Heute gibt es natürlich eine Reihe von Publikationen, die mehr oder weniger schön sind, zu den schönen, repräsentativen rechne ich diese Ausgabe von Walde+Graf, die in diesem Jahr als Sonderausgabe erschienen ist [s.u.].

Die Illustrationen sind wie auch der Text in einem gedämpften Blau gehalten, die Radierungen stammen von Walter Günteritz (i.e. Carl Heinz Roon), einem 1888 in Neubrandenburg geborenen Maler, der Jahre nach dieser Arbeit in der SA dienen sollte [2]. Einige wenige der Illustrationen findet man über die Google-Bildersuche, so daß man einen Eindruck von ihrer Art gewinnen kann.

Die Qualität der Verse… wer bin ich, daß ich dazu was sagen könnte? Goethe selbst scheint sich jedenfalls des Pikanten seiner dichterischen Ergüsse bewusst gewesen zu sein, brachte er sie ja selbst nicht an die Öffentlichkeit, es findet sich auch ein Vers, in dem es gefragt wird: Wagst du deutsch zu schreiben unziemliche Sachen? worauf er die folgende Antwort gibt: Mein Guter / Deutsch dem kleinen Bezirk, leider ist griechisch die Welt …. Man sieht, es bleibt genug Anregung, das eine oder andere auszudeuten. Eine gewisse Grundkenntnis der antiken Mythologie schadet ebenfalls nicht, sondern erleichtert das Verständnis wenn etwa Priapus angerufen wird, der Fruchtbarkeitsgott der Lampsaken, was andererseits der Römer mit ‚mentula‘ bezeichnet, läßt sich leicht aus dem Zusammenhang erschließen…

Goethes geheime erotische Epigramme gehören für mich zu den Büchlein, die man einfach mal aufschlägt, in denen man blättert und sich für ein paar Minuten erfreuen kann. Für den einen oder anderen mag es ebenso als schönes Geschenk geeignet sein, ein kleines, pikantes Mitbringsel aus Venedig….

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.zeno.org/Literatur….Reise
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Günteritz
[3] die Beschreibung des Büchleins: 29,3 x 19,8 cm. Blaue Halbleinenkassette, seitlich in Silber gefasst, mit Extra-Abdeckungspappe für die Kassette und Pergamentschnalle. Inliegend: 1 w. Bl., Titelblatt, 77 (1) Seiten, 1 w. Blatt. Die Seiten sind einseitig bedruckt mit insgesamt 36 Versen und einem 2seitigen Nachwort. Des Weiteren 37 Blätter mit jeweils einer handsignierten Radierung (7×5 bzw. 4×5 cm groß), diese liegen jeweils zwischen zwei Versen. Texte und Radierungen in Blaudruck. …. Begleittext: Von diesem Werke wurden 30 Exemplare in Venedig im Jahre 1924 als Privat-Ausgabe für den Markuskreis auf der Manutius-Presse gedruckt. Carl Heinz Roon radierte die Platten und druckte und signierte eigenhändig die Abzüge. …[entnommen aus einen Antiquariatsangebot bei ZVAB (Wegner, Berlin)]
[4] vgl hier: Sigrid Damm: Christiane und Goethes Ehebriefe;  https://radiergummi.wordpress.com/…ehebriefe/

Goethes geheime erotische Epigramme
Mit 37 Radierungen von Carl Heinz Roon
Originalausgabe: Venedig, Privat-Druck für den Markuskreis, 1924
diese Ausgabe: Frölich&Kaufmann (Sonderausgabe), HC, ca. 40 S., 2017

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