Karl Bruckner: Sadako will leben

6. August 2012

Bruckners mehrfach ausgezeichnetes Buch ist ein Text, der sich auf eindringliche Art und Weise mit dem Atombombeneinsatz gegen Hiroshima befasst. Dabei konzentriert er sich auf die Tage vor dem Abwurf, in dem er in zwei Erzählsträngen zum einen die Vorgänge auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Tinian [1] eingeht. Von dort aus werden Aufklärungsflüge über die japanische Inselkette geflogen, insbesondere auch immer wieder Flüge nach Hiroshima, das als japanisches Rüstungszentrum für die Amerikaner ein herausragendes Ziel darstellte, gleichwohl aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht angegriffen worden war. Bruckner macht klar, daß der bisherige Kriegsverlauf und das Kampfgeschehen auch bei den amerikanischen Soldaten nicht ohne Folgen geblieben ist. Nicht nur die Toten sind zu beklagen, auch viele der Überlebenden leiden unter dem, was Jahrzehnte später als PTBS [2] benannt werden sollte.

Die Stimmung auf der Basis ist seltsam, es laufen Vorgänge ab, die sich weder die Mannschaften noch die Offiziere erklären können. Zivilisten landen auf der Insel und bekommen alle Vollmachten, die Soldaten dürfen bei hoher Strafe ihre Unterkünfte nicht verlassen, eine seltsame, einem riesigen Sarg gleichende Fracht wird ausgeladen und in einen Hangar gefahren. Drei der erfahrensten Flieger der US-Armee wird schließlich befohlen, einen Angriff auf Hiroshima zu fliegen und dort diese eine Bombe abzuwerfen. Es ist ihnen nicht bekannt, was sie an Bord haben, erst recht nicht, was sie auf Erden für eine Hölle schaffen werden.

Parallel dazu beschreibt Bruckner das Leben in Hiroshima, das durch Hunger, großen Hunger geprägt ist, durch Einschränkungen, durch Alarme und Zwangsarbeit. Manche stehen stundenlang am Fluß, um sich letztlich über zwei dünne Fischchen zu freuen, die sie fangen konnten, andere betteln und sind froh, wenn ihnen trockenes Brot zugesteckt wird. In Träumen sehen sie Reisvorräte im Garten vergraben und wühlen diesen tagsdrauf um, in der Hoffnung, daß der Traum sie nicht belogen hat. Exemplarisch konzentriert sich Bruckner dabei auf die Familie Sasaki mit dem Vater, der Mutter Yasuko sowie dem Sohn Shigeo und dessen kleiner Schwester Sadako. Herr Sasaki ist irgendwo, man weiß es nicht, wo, im als Soldat im Einsatz, die Mutter arbeitet in einem Rüstungsbetrieb und die Kinder streifen durch die Stadt, um irgendetwas Essbares aufzutreiben. So auch am 6. August morgens, als diese Brummen in der Luft zu hören und diese einzelne Maschine am hohen Himmel zu sehen ist. Geht Gefahr von ihr aus? Ein schwarzes Ding stürzt aus ihr nach unten, bald hängt es an einem Fallschirm und schwebt zur Erde. Dann geht die in ihr verborgene, alles vernichtende Sonne auf…

Nur kurz geht Bruckner auf das ein, was in diesen ersten Sekunden nach dem Abwurf bzw. der Zündung der Bombe und den nachfolgenden Stunden an Schrecken herrschte. Die Angehörigen der Familie Sasati jedenfalls überlebten, weitgehend unverletzt, andere verdampften, stürzten sich mit unmenschlich schmerzenden Wunden in den Fluss, verreckten und krepierten.. wer die Situation in diesen ersten Stunden, Tagen kennen lernen will, sei auf andere Bücher verweisen wie z.B. „Schwarzer Regen“ von Ibuse [3].

Die Handlung macht in dieser Situation einen Schnitt und setzt ein paar Monate später wieder ein. Hiroshima ist ein einziges Trümmerfeld, durch das die Menschen auf der Suche nach „Wert“gegenständen streifen, die sie entweder selbst gebrauchen können oder die sie auf dem florierenden Schwarzmarkt gegen anderes eintauschen können. Zu diesen Menschen gehört auch die Familie Sasaki, die in einem notdürftigst zusammengeschusterten Bretterverschlag haust. Vater Sasaki, der seine Familie wiedergefunden hat, will wieder als Friseur arbeiten, doch fehlt im das Geld, um eine auch nur rudimentäre Ausrüstung anzuschaffen. In dieser Notlage lernt er einen Papierdrachenbauer kennen, der eine zündende Idee hat und auch gleich als sein Geselle und Gehilfe arbeitet. So geht es der Familie bald etwas besser….

Jahre vergehen. Sadako wächst zu einem kräftigem Mädchen heran, das gerne Rad fährt. So ist sie auch bei der Gedenkfahrt von Tokio nach Hiroshima dabei, sie hat hart trainiert und es gelingt ihr, auf ihrer Etappe einige andere Fahrer zu überholen. Aber nach dieser Fahrt ist sie sehr elend und schlapp, sie kommt ins Krankenhaus und dort wird eine ungewöhnlich spät ausgebrochene Strahlenkrankheit festgestellt. Vom medizinischen her gibt es keine Hoffnung für das Mädchen, aber sie und ihre Familie klammern sich an die alte japanische Vorstellung, daß man gesundet, wenn man tausend Papierkranische faltet. Und so faltet Sadako und faltet und faltet.. aber mit dem 990sten Kranich fliegt auch ihre Seele mit davon….

„Sadako will leben“ ist ein  jugendgerechtes Buch. Es verzichtet auf technische Details und konzentriert sich auf die Menschen und deren Leben. Es klammert auch ethische Fragen nicht aus, zum Beispiel die Frage nach der Schuld, wobei es sich nicht darauf beschränkt, wer am Atombombenabwurf Schuld trägt, genauso wirft es allgemein die Frage auf, inwieweit Soldaten, die „nur“ Befehle“ [4] ausgeführt haben, Schuld tragen an dem, was sie gemacht haben. Bruckner verzichtet ebenfalls auf allzu ausführliche Darstellungen des körperlichen Leids der Menschen, er verschweigt es nicht, er erwähnt es, aber er verliert sich nicht in Details.

Das Schicksal des Mädchens Sadako ist nicht erfunden. Ihr zum Gedenken wurde diese Statue errichtet, finanziert durch Spenden von Schülerinnen und Schülern aus Japan. Sie zeigt das Mädchen, das auf einer symbolisierten Bombe steht und einen Kranich fliegen läßt. Das Schicksal von der leukämieerkrankten Sadako erregte weltweit Anteilnahme und machte sie zu einem Symbol der weltweiten Friedensbewegung [5]

Will man jüngeren Menschen die menschengemachte Katastrophe von Hiroshima nahebringen, ist „Sadako…“ sicherlich ein gutes Mittel.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Insel Tinian
[2] Wiki-Artikel zur Posttraumatischen Belastungsstörung
[3] Masuji Ibuse: Schwarzer Regen bei hier im blog
[4] heutzutage beinhaltet der Begriff „Befehl“ auch, daß er einen Anspruch auf Gehorsam hat, also nicht Gesetzen widerspricht. Wie es damals war, müsste man prüfen….
[5] Wiki-Artikel zu Sadako Sasaki
** Bildquelle und Angaben zum Autor/Urheber

Karl Bruckner
Sadako will leben
Arena-Taschenbuch, 264 S., 2010
Erstausgabe: 1961

 

Advertisements

One Response to “Karl Bruckner: Sadako will leben”

  1. schanin Says:

    Langweilig

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: