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Die Autorin dieses Buches, Françoise Frenkel [1], wurde 1889 als Frymeta Idesa Frenkel in Piotrków, Region Lodz, Polen, in einem jüdischen Elternhaus geboren. Nach ihrer Kindheit und Jugend erhielt sie eine Musikausbildung in Leipzig und studierte später in Paris Literaturwissenschaft. 1921 eröffnete sie mit ihrem Mann in Berlin eine Buchhandlung, die sie bis 1939 betrieb. Kurz vor Ausbruch des Krieges floh sie nach Frankreich, wo sie nach der Besetzung durch die Nazi-Truppen und die Vichy-Regierung aber weiter verfolgt wurde. Nach mehreren misslungenen Anläufen gelang ihr im Juni 1943 die Flucht in die Schweiz, wo sie bald nach ihrer Ankunft mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen begann. Diese erschienen schon im September 1945 im (nicht mehr existierenden) Genfer Verlag Jeheber. 2015 wurde das Buch in einem Antiquariat zufällig wiederentdeckt und neu veröffentlicht. Nichts, um sein Haupt zu betten ist die deutsche Übersetzung der französischen Neuauflage der Erinnerungen Françoise Frenkels, die 1975 in Nizza gestorben ist.

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Und offensichtlich ist es für die Darstellung des historischen Sachverhaltes wichtig, daß dieses Buch wieder aufgelegt worden ist. Unten [2] habe ich zwei Beispiele angeführt, die zeigen, daß die Daten über diese Buchhandlung, die sicherlich im kulturellen Leben Berlins in dieser Epoche ihre Rolle hatte, widersprüchlich und ungenau sind und nicht mit den Angaben von Frenkel in ihrem Aufzeichnungen übereinstimmen.


Einführend beschreibt die Autorin im ersten Kapitel, daß und wie sie sich schon als Kind in Bücher eine Leidenschaft für Bücher entwickelt hatte und daß ihre Eltern diese Leidenschaft unterstützten. Das Studium und die Zeit des 1. Weltkrieges verbrachte Françoise Frenkel in Paris, danach machte sie ein Praktikum in einer Buchhandlung. Ihr Entschluss, Buchhändlerin zu werden, war bald gefasst.

Nach dem Krieg waren die deutsch-französischen Beziehungen denkbar schlecht, bei einem Reisestop in Berlin konnte die junge Frau feststellen, daß dort (mit Ausnahme von ein paar Klassikern) praktisch keine französische Literatur mehr erhältlich war. Der aufkeimende Plan, in Berlin eine französische Buchhandlung aufzumachen, wurde in Paris von ihrem Professor unterstützt: Berlin? Das ist ein Mittelpunkt! Versuchen Sie doch ihr Glück! … Eine Buchhandlung in Berlin… das ist fast eine Mission.

1921 wares soweit, nach vielen bürokratischen Nickeligkeiten konnte sie ihre Buchhandlung eröffnen. Aus kleinen Anfängen heraus wurde das Geschäft bald bekannt und zog aus den Räumen einer Privatwohnung in ein Ladengeschäft in prominenter Lage um, in die Passauer Str. 39 (An der Stelle befindet sich heute eine Erweiterung des KaDeWe). Frenkel beschreibt in ihren Aufzeichnungen die Entwicklung der Buchhandlung, die Kunden, die sie besuchten, die Beschaffung der Bücher, die sie aus Frankreich bezog… Sie veranstaltete Lesungen mit französischen Autoren, die Buchhandlung muss ein Juwel gewesen sein [7]. Wie Modiano in seinem Vorwort zum Buch andeutet, beschreibt Nabokov in seinem Roman Die Gabe eine Buchhandlung, die der von Frenkel gleichen dürfte; ein großer Teil des Publikums im Maison du livre français kam aus slawischen Ländern.

Anfang der 30er Jahre wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen aber sukzessive schlechter. Durchsuchungen und Beschlagnahmungen häuften sich bis hin zu Blockwarten, die in die Suppentöpfe schauten; die Beschaffung von Büchern aus Frankreich wurde immer schwieriger ebenso wie deren Bezahlung aufgrund von Devisenbestimmungen. Im Buch wird es nicht erwähnt, aber 1933 kehrte ihr Mann zurück nach Frankreich und sie führte die Buchhandlung allein weiter.

Frenkel erlebte das vor allem gegen Juden immer repressiver und unverhohlener vorgehende Nazi-Regime mit. Mit ihrem besonderen und prominenten Status als Ausländerin (sie ist mit ihrem Geschäft sowohl in publizistischen als auch diplomatischen Kreisen bekannt) war Frenkel trotz ihres ‚Judentums‘ zumindest anfänglich noch geschützt, noch nahm das Nazi-Regime Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Ausland. Bei den Ausschreitungen und Verwüstungen in der Reichsprogromnacht stand ihr Geschäft nicht auf den Listen der Brandschatzer, mit Entsetzen und Angst sah sie die braunen Horden durch die Straßen ziehen und ihre Verwüstungen anrichten.

Konsequenz und Verblendung des Nazi-Regimes wurden lange unterschätzt, erst Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges sah sich Francois Frenkel, von Freunden dringend dazu aufgefordert, gezwungen, Berlin zu verlassen. Die meisten ihrer Kunden hatten zu diesem Zeitpunkt Deutschland schon den Rücken gekehrt. Es war knapp, aber die Ausreise gelang.

Für ein paar Monate konnte Frenkel in Paris bleiben, aber auch in Frankreich nahmen die Repressionen gegen Ausländer zu. So war es schwierig für sie, den Passierschein zu erhalten, um in den Süden, nach Avignon, zu flüchten. Hier, in Südfrankreich, strandeten so viele der Ausländer, der Juden, die vor den Nazis flohen, doch die Vichy-Regierung ließ ihnen auch hier immer weniger Luft zum Leben [im Juni 1940 war mit einem Waffenstillstandsabkommen Frankreich zweigeteilt worden, zur Situation (jüdischer) Flüchtlinge in Südfrankreich vgl auch Anmerkung 3]. Noch beschreibt Frenkel Avignon als einen verträumten Ort wie aus der Zeit gefallen, das sollte sich aber bald ändern. Weitere Fluchtstationen von Frenkel waren Vichy und vor allem Nizza.

Sie wohnte anfänglich in Hotels und Pensionen, begegneet immer häufiger entwurzelten, immer hoffnungsloser werdenden Menschen. Die äußeren Randbedingungen des Überlebens wurden zunehmend schwieriger, Lebensmittel wurden rationiert und nur noch auf Bezugsscheine ausgegeben, die Preise stiegen, da die deutschen Besatzer jeden Preis, der verlangt wurde, zahlen konnten, es entwickelte sich daher ein umfangreicher Schwarzmarkt. Immer wieder verfügte die Vichy-Regierung neue Registrierungen, jetzt auch mit Angaben zur ‚Rassenzugehörigkeit’…

1942 entging sie der Deportation nur, weil ein Hotelgast die vom Einkauf Zurückkehrende vom Balkon aus warnen konnte: der Totentanz hatte begonnen, die Juden wurden gejagt und eingesammelt, in Busse verfrachtet und in Lager gebracht. In ihrer Panik betrat sie das Friseurgeschäft des Ehepaares Marius, um sich dort zu verstecken, das Paar war ihr bekannt. In den nächsten Monaten zeigten diese beiden eine bewundernswerte Courage und viel, viel Mut: immer wieder wurden sie zur Anlaufstation von Françoise Frenkel, die von diesem Zeitpunkt an im Untergrund leben musste.

Immer wieder wurden ihre diversen Unterkünfte, in denen sie Unterschlupf findet, unsicher: Unvorsichtigkeiten, Zufälle oder die Schlechtigkeit der Menschen verrieten ihre Anwesenheit, jedesmal war das Ehepaar Marius für sie da.

Über Freunde konnte sie ein Schweizer Visum erhalten, ein offizieller Grenzübertritt war jedoch absolut unmöglich. Beim ersten Versuch, in einer Gruppe mit einem Schleuser in die Schweiz zu kommen, wurden sie entdeckt und verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung wurde sie aufgrund des guten Leumunds, für den sie noch entsprechende Empfehlungsschreiben aus längst vergangenen Zeiten vorweisen konnte, freigesprochen…. erst der dritte Versuch, die Grenze zu überwinden, sollte erfolgreich sein, mit Not und Mühe und der ‚Hilfe‘ des italienischen Grenzers [4], der in die Luft schoß, überwand sie den Stacheldraht fiel auf schweizer Boden.


Françoise Frenkels Geschichte ist wichtig, in zweierlei Hinsicht. Zum einen zeigen die sich teilweise widersprechenden Daten die Unsicherheit, die bezüglich der Kenntnisse über das Maison du livre français in Berlin herrschen. Dieses Geschäft war nicht irgendeine beliebige Buchhandlung, als Vertreterin und in gewissem Sinne auch ‚Botschafterin‘ (Frenkel selbst bezeichnet ihre Tätigkeit in Berlin selbstbewusst als ‚Dienst am französischen Geist in Deutschland‘) ihrer Kultur muß das Haus über viele Jahre eine Institution im kulturellen Leben der Hauptstadt gewesen sein – über das kaum etwas bekannt ist, die aus dem Gedächtnis gelöscht ist. Dem schafft das vorliegende Buch Abhilfe, ferner korrigiert sie die wenigen Daten, die über die Buchhandlung bekannt sind (bei Defrance [2b] stimmen weder das angegebene Gründungs- noch das Datum der Flucht respektive der Aufgabe der Buchhandlung mit den Angaben von Frenkel überein). Rätselhaft bleibt jedoch die Tatsache, daß die Autorin ihren Mann, mit dem sie die Buchhandlung viele Jahre (ihrer Zählung nach wohl 12 Jahre) geführt hat, völlig unerwähnt läßt, weder die Hochzeit noch die gemeinsame Arbeit werden beschrieben [5]. Auch der Name ‚Raichenstein‘ taucht im Buch nicht auf, Modiano beschreibt in seinem Vorwort, daß er diese Daten zur Autorin im Staatsarchiv Genf auf der Liste der Personen, denen nach ihrem Grenzübertritt der Aufenthalt in der Schweiz gestattet war, erfahren hat.

Über die Gründe für dieses Verschweigen kann nur spekuliert werden, Zimmermann mutmaßt in ihrer Rezension [9], daß Frenkel ihren Mann nicht erwähnt, um ihn zu schützen. Ihre Erinnerungen hat die Autorin jedenfalls sehr bald nach ihrer Flucht angefangen auf Papier zu bringen, schon 1945 sind sie als Buch publiziert worden. Die Erinnerungen beschreiben, dies ist ein anderer Grund, warum sie so wichtig sind, das auf eine Person heruntergebrochene Schicksal flüchtiger Juden in Europa. Francoise Frenkel war in der ‚glücklichen‘ Lage, dies für die Nachwelt festhalten zu können – sie stellte dieses Motiv, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufoperung Unbekannter missachtet werden, ihren Aufzeichnungen voran. Ich habe ‚glückliche‘ Lage geschrieben, denn viele andere der flüchtigen Juden wurden aufgegriffen, wurden denunziert, wurden deportiert und wurden schließlich ermordet [6]. ‚Glücklich‘ auch, weil sie in den Ehepaar Marius zwei Menschen gefunden hatte, die persönlich viel riskierten, um ihr immer wieder zu helfen.

So legt Frenkel tatsächlich beredtes Zeugnis ab über diese schweren, für viele tödlichen Jahre in Südfrankreich. Über Menschen, die verzweifelt sind, die apathisch sind, die entwurzelt alles verloren haben. Die niemand mehr aufnehmen will, die nirgends mehr ein Ziel finden. Über Menschen aber auch, die der Propaganda erliegen, die die rassistischen Wahnideen nacheifern, die glauben, was man ihnen aus allen Richtungen eintrichtert. Sie berichtet über Angst und Schrecken, über die kleinen Freuden auch, die sich in seltenen Momenten noch einstellen. Über den Hunger und die Probleme, sich einfach nur am Leben zu halten…. über die Unausweichlichkeit, sich wildfremden Menschen anvertrauen zu müssen, ihnen ausgeliefert zu sein, in jeder Hinsicht erpressbar. Und sie berichtet – und das ist nicht wenig – über Menschen, die Menschen geblieben sind, die helfen, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen.

Es ist ein Glücksfall, daß Françoise Frenkels Aufzeichnungen wieder entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt worden sind. Es ist ein Buch, das man jedem, der sich für diese Zeit und das Schicksal von Menschen damals interessiert, wärmstens ans Herz legen kann.
Ein Anhang ergänzt das Buch um eine Zeittafel und weitere Dokumente aus dem Leben und von der Flucht Françoise Frenkels.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Françoise_Frenkel

[2a] So findet man beispielsweise in der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin) [Stand: 14.08.2016]): „Selbst eine französischsprachige Buchhandlung, das „Maison du livre francais“ in der Passauer Straße 39a, wurde von einem Exilanten aus Russland betrieben und richtete sich über die Zeit ihres Bestehens von 1923 bis 1933 auch vornehmlich an gebildete Russen.“ (vgl. aber auch [7]!)

[2b] Corine Defrance schreibt in ihrem Aufsatz: Die Maison du livre français in Berlin (1923-1933) und die französische Buchpolitik in Deutschland; in: Hans Manfred Bock (Hrsg): Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik: kultureller Austausch und diplomatische Beziehungen, daß das Wissen um die Existenz dieser Buchhandlung nur einem Zufall, einem Brief eines Besuchers an seine Eltern nämlich zu verdanken ist. Andererseits erwähnt sie eine Aufzeichnung des Inhabers der Buchhandlung, Simon Raichenstein, aus dem Jahr 1934 über die Buchhandlung und eine in einem Archiv gefundene Notiz, daß die Buchhandlung 1933 geschlossen worden wäre und die Raichensteins in der ersten Emigtrationswelle 1933 Berlin verlassen hätten. Auf die Tatsache, daß Defrance die Gründung der Buchhandlung auf das Jahr 1923 verlegt, sei nur hingewiesen. Möglicherweise ist dies das Jahr, in dem das neue Ladengeschäft eröffnet wird. Quelle:  https://books.google.de/books?…..
Auf der anderen Seite ist es mir ebenso sehr merkwürdig vorgekommen, daß Françoise Frenkel ihren Mann Simon Raichenstein an keiner Stelle des Buches erwähnt (auch nicht, daß sie überhaupt verheiratet ist), weder vor noch nach 1933, dem Jahr, in dem er Berlin mit einem Nansen-Pass [siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass] verließ.

[3] Lion Feuchtwanger hat dies sehr anschaulich in seinen Aufzeichnungen: Der Teufel in Frankreich; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/…frankreich/

[4] Die Region stand eine Zeit lang unter italienischer Verwaltung, was für die sich dort versteckenden Juden eine gewisse Entlastung bedeutete.

[5] Simon Raichenstein, so schreibt Modiano, ist am 24. Juli 1942 von Drancy aus nach Auschwitz deportiert worden, in den Tagen zuvor hatte die französische Polizei die Juden aus Paris im Stadion d´Hiver zusammen getrieben (Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können. aus einem Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942; aus: Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982

[6] Bei den Schilderungen Frenkels musste ich so häufig an Charlotte Salomon denken, diese junge deutsch-jüdische Frau, eine Künstlerin, die sich ebenfalls in der Nähe von Nizza versteckt gehalten hatte und durch einen Verrat letztlich doch ihren Mördern in die Hände gefallen war. David Foenkinos hat dies in seinem bewegenden Buch Charlotte beschrieben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/12/20/david-foenkinos-charlotte/)

[7] Die Passauer Straße in Berlin war für eine Buchhandlung offensichtlich ein ausgesucht geeigneter Platz. Ich kopiere hier eine Passage aus dem entsprechenden Beitrag der Wiki (https://de.wikipedia.org/wiki/Passauer_Straße_(Berlin)):

Leben in der Vorkriegszeit

In der Passauer Straße 23 lebte bereits 1905 der Indologe Richard Pischel. In den 1920er Jahren lebten vor allem südlich der Kreuzung mit der Augsburger Straße zahlreiche bedeutende Schriftsteller, auch einige Verlagshäuser fanden hier ihren Sitz.

In der Passauer Straße 19 wohnte von 1917 an bis Mitte der zwanziger Jahre Gottfried Benn mit seiner Familie. Nach dem Tod seiner Ehefrau bot die Wohnung auch Gästen Raum, so zum Beispiel dem Schriftsteller Klabund und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Carola Neher.[15] Benns spätere Geliebte, die Schriftstellerin Ursula Ziebarth, lebte für kurze Zeit in einer Pension in der Straße im Oktober 1954.

Die Passauer Straße 1920, rechts unten die Tauentzienstraße, unten Mitte das KaDeWe

Vladimir Nabokov lebte von 1926 bis Anfang 1929 mit seiner Frau in zwei Zimmern in der Passauer Straße 12. In seinem ersten englischsprachigen Roman Das wahre Leben des Sebastian Knight aus dem Jahr 1941 eröffnet er mit den Worten „Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ich auf ein häßliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war.“ eine Szene, in der der Held bei der Suche nach einer Augenzeugin auf die Aufbahrung derselben stößt.

Von 1926 an hatte der MalikVerlag seinen Sitz in der Passauer Straße 3. Im selben Haus hatte bereits zu Anfang der 1920er Jahre der russische Romancier Andrej Belyi gelebt. Die Passauer Straße 8/9 war von 1929 bis 1935] Adresse des Rowohlt Verlags, bevor er in die Eislebener Straße weiterzog. Die dort verlegte Literarische Welt hatte ihre Redaktion in der Passauer Straße 34.

Im September 1930 lebte Antonin Artaud in der Passauer Straße 10. Zu dieser Zeit lernte er Georg Wilhelm Pabst kennen und wirkte in den Wochen danach an dessen Film Die Dreigroschenoper mit.

In der Passauer Straße eröffneten Françoise Frenkel und Simon Raichenstein 1921 La Maison du Livre français, die erste französische Buchhandlung der Stadt.

[8] Margarete Zimmermann: Die erste französische Buchhandlung in Berlin: Françoise Frenkel, Rien où poser sa tête; in: http://literaryfield.org/review-frenkel/ 
Dieses Motiv erscheint mir jedoch nicht unbedingt plausibel. Da Simon Raichenstein in der großen Sammelaktion 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert worden war, ist es wohl unwahrscheinlich, daß sie zwischen 1942 und 1945 noch Informationen über ihn bekommen hat oder gar Kontakt zu ihm hatte. Françoise Frenkel konnte wohl daher davon ausgehen, daß ihr Mann den Nazis zum Opfer gefallen war. Ihr Buch erschien ferner nach Ende des Krieges, eine Erwähnung darin hätte Simon Raichenstein kaum schaden können. Abgesehen davon ist es für mich nicht überzeugend, daß das Faktum, daß Simon Raichenstein bis 1933 in Berlin als Buchhändler tätig war, die Tatsache, als Jude von den Nazis verfolgt zu werden, noch verschlimmern könnte.
Dieser Beitrag ist auch als Podcast im literaturRADIObayern zu hören: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-francoise-frenkel-nichts-um-sein-haupt-zu-betten.html

Françoise Frenkel
Nichts, um sein Haupt zu betten
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Mit einem Vorwort von Patrick Modiano
Originalausgabe: Rien où poser sa tête, Genf, 1945
Neuausgabe: Paris, 2015
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 284 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Diese Buchvorstellung des Romans: Nachts ist es leise in Teheran ist auch als podcast im literatur RADIO bayern online zu hören:  https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag….teheran.html


Die junge deutsche Autorin Shida Bazyar wurde 1988 in rheinland-pfälzischen Hermeskeil geboren, kurz nachdem ihre Eltern aus politischen Gründen den Iran verlassen hatten. Mit Nachts ist es leise in Teheran legt die jetzt in Berlin lebende Schriftstellerin ein beeindruckendes literarisches Debüt vor, das einen tiefen Einblick in die Psyche und Seele ihrer Personen (und cum grano salis von Emigranten allgemein) liefert.

Bazyar cover


Nachts ist es leise in Teheran ist die Flüchtlingsgeschichte der iranischen Familie Hedayat mit den Eltern Beshad und Nahid sowie den Kindern Laleh, Morad und Tara. Die Geschichte setzt 1979 ein und endet – sieht man von den wenigen Seiten Epilog ab – 2009, woraus auf der hinteren Umschlagseite in kühner Weiterentwicklung der Mathematik vier Familienmitglieder und vier Jahrzehnte gemacht werden. Sei´s drum.

Der Roman ist in vier plus ein Abschnitt unterteilt, die jeweils ein Jahrzehnt auseinanderliegen. Logisch ist der Beginn mit der Ausgangssituation nach dem Sturz des Schahs im Iran, dem sehr schnell die Diktatur der Mullahs folgt, mit der die Hoffnungen der kommunistischen Opposition auf die Verwirklichung ihrer Ziele zerstört wurden. Im Abschnitt Nahid, in der die Mutter eine Stimme bekommt, schildert die Autorin den Zwiespalt der Emigrierten zwischen der Hoffnung, (bald) zurückkehren zu können und den Problemen und Schwierigkeiten, in ihrem Exilland Halt zu finden. Die Kapitel, die aus Sicht der beiden ältesten Kinder erzählt werden, zeigen deren Zerrissenheit zwischen der Kultur der Eltern, die nicht mehr die ihre ist und der des neuen Landes, die im Grunde noch nicht die ihre ist. Die ältere Laleh scheint mit diesem Problem jedoch besser fertig zu werden als ihr Bruder, der etwas orientierungslos wirkt.

Schließlich endet der Roman mit einer Hoffnung, mit der Hoffnung nämlich, daß die Diktatur der Mullahs letztlich wie jede Diktatur es früher oder später ergeht, zusammenbricht und Beshad und Nahid wieder in ihre Heimat zurück können.


Beshad, Teheran, 1979

Es ist geschafft, der Schah hat den Iran verlassen, voller Freude und Stolz laufen die Revolutionäre durch die Straßen der Stadt. Die verhasste Amerikanisierung, der verhasste Ausverkauf des Landes an den Kapitalismus – endlich vorbei, endlich überwunden. ZITAT

Beshad ist einer von ihnen, ein siebenundzwanzigjähriger Lehrer und Genosse, der noch zu Hause bei den Eltern lebt. Zusammen mit Freunden aus Kindertagen, Sohrab und Peyman, hat er gegen das Schah-Regime gekämpft, gewonnen, gewonnen! Doch schon deutet sich an, daß die Parteien, die in der Opposition ein gemeinsame Ziel verfolgt hatten, jetzt nicht mehr konform laufen. Es glaubt sich leichter an einen Gott als an Ideen, erkennt Beshad. Das Evin-Gefängnis in Teheran, Symbol der Unterdrückung, der Folter, des Terrors [3], in das so viele der Genossen vom SAVAK verschleppt worden waren, stand nur wenige Tage offen und leer, bevor es sich wieder zu füllen begann… unter ihnen viele Genossen und Kameraden, die unter der Folter der Pasderan weitere Namen, Orte und Verstecke verrieten…

Die Bärtigen beherrschten bald das Bild auf den Straßen, im Fernsehen bezeichnet sich Ayatollah Khomeini als ‚Führer der Revolution‘. Todeskommandos griffen Genossen auf, diese Kommandos hatten ein Freibrief zum Töten. Das Gerücht, Peymans Bruder sei einer von ihnen, war wahr: er selbst brüstete sich damit… Bis in den privaten Bereich hinein sollte die neue Unterdrückung bald reichen: Hochzeiten und Feiern wurden schnell stiller und unauffälliger, das Straßenbild verlor seine Farbe und wurde grau. Die Revolution hatte gewonnen – und doch verloren. Es blieb wie schon vorher nur noch der Kampf im Untergrund übrig.

Bei den Treffen der Genossen war Beshad eine Genossin aufgefallen, lange hat er gebraucht, bis es ihm gelang, ihren Namen zu erfahren, man redete sich ja nur mit Decknamen an. Literaturbegeistert war sie, die bei ihm, dem Revolutionär, Gefühle weckte, die ein Revolutionär eigentlich nicht haben sollte….

Nahid, 1989, deutsche Kleinstadt

Sie sind mittlerweile in Deutschland, Nahid, Beshad und ihre zwei Kinder, Laleh, die Tochter und Morad, der Sohn. Peyman, der selbst ins Gefängnis geworfen wurde, hatte sie noch gewarnt, zur Flucht geraten. So hatten sie sich entschlossen, zu gehen und ihre Heimat zu verlassen. Der Familie spielten sie vor, sie führen nach Syrien, zum Einkaufen… über Istanbul kamen sie nach Deutschland, es muss in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen sein. Jetzt warten sie auf den Bescheid ihres Asylantrages, sprechen schon recht gut deutsch, auch wenn es immer mal wieder hakt mit dieser Sprache, die so hart ist und lieblos. Die die Musik nicht hat wie das Persische. Wie verschieden klingen die Gedichte Goethes und Hafis´, auch wenn sie beide von der Liebe handeln…. Sie haben Freunde haben gefunden (oder eher Bekannte), Ulla und Walter, ökologisch orientierte Linke, die auch „demonstriert“ haben und bei Sitzblockaden auf die andere Seite der Gleise getragen wurden. Nahid vergleicht dies in Gedanken mit dem, was ihnen passiert wäre, wenn…. Ulla und Walters Aufbegehren wirkt ein wenig wie Kinderspiel für sie….

Sie, Nahid und Beshad – wo ist ihr Selbstbewusstsein, ihr Stolz? Gewichen der Unsicherheit in ihrer neuen Lage. Zwar spricht Nahid deutsch, aber nicht immer sind ihr alle Bedeutungen klar, die Konnotation fehlt, sie kann oft nicht einordnen und bewerten. Ihre Sozialisation ist iranisch, nicht deutsch…. Immer wieder die Gedanken an früher, an ihr Leben in Teheran, an die Familie, die kurze Zeit der Hoffnung, an die Flucht über die Türkei, die sie, die Kommunisten, in die BRD führte (noch war die Mauer nicht gefallen, wir befinden uns immer Sommer 1989). Die Hoffnung auf den Tod Khomeinis, Heimweh, Unsicherheit und ein angeknackstes Selbstbewusstsein….

Laleh, 1999, deutsche Kleinstadt und Teheran

… das sie „klein“ macht für die Kinder, für Laleh, die Tochter und Morad, den Sohn, das sie zum bebrillten Paar macht, das auf dem Sofa sitzt und Nachrichten schaut…

Erfolgte die Sozialisation von Nahid (und Beshad) im Iran, so gilt für ihre Tochter das umgekehrte: sie wächst in Deutschland auf, mit deutschen Freunden, geht in eine deutsche Schule, dolmetscht für ihre Eltern, erledigt den offiziellen Schriftverkehr mit Ämtern und z.B. Versicherungen. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat mit David einen Freund, undenkbar wäre dies im Iran, egal zu welcher Zeit…

Zu dritt, die drei „Frauen“ der Familie Hedeyat, fliegen sie nach Teheran: Nahid, Laleh und die Jüngste, Tara. Beshad und Morad bleiben in Deutschland, der Vater befürchtet, daß man ihn immer noch einsperren würde, würde er versuchen, in den Iran zu reisen.

Die Familie empfängt die drei mit grenzenloser Freude und Liebe, es ist ein so unterschiedliches Leben zu dem in Deutschland. Zudem unterscheiden sich das private und das öffentliche Leben sehr, Frauen dürfen nur nach strengen Vorschriften gekleidet auf die Straße und Teheran ist laut, chaotisch, dreckig, versmogt und erfüllt von unendlicher Hitze…

Hier ist es Laleh, die sich unsicher fühlt, der oft die richten Worte und Phrasen fehlen, die die Rituale der Begrüßung, der Unterhaltung und des Abschieds lernen muss. So wie in Deutschland die Mutter, so verstummt hier sie hin und wieder aus Sorge, etwas falsches zu sagen oder zu machen. Nahid dagegen ist hier im Kreis der Familie sofort wieder zu Hause, kennt sich aus, gibt sogar problemlos die Verantwortung für Tara ab an die unzähligen Tanten, die sich darum streiten, sie in ihre Obhut nehmen zu dürfen….

Wer ist dieser Nima, mit dem sie telefonieren muss, weil ihre Cousine sie ans Telefon schickt? Er scheint sie zu kennen, sie dagegen… merkt erst sehr spät, daß dies der Sohn von Peyman ist, dem besten Freund des Vaters. Peyman lebt nicht mehr, wurde im Gefängnis getötet…. Sie besuchen seine Frau bzw. Witwe, die Stimmung ist gedrückt und niedergeschlagen, Simin ist krank, muss Tabletten nehmen, hatte versucht, sich zu suizidieren. Offen wird dies nicht ausgesprochen, so ein Geheimnis, lernt Laleh, erfährt man nur, wenn man nachts vom Flüstern der Frauen geweckt wird und lauscht. Jeder hier hat ein Geheimnis, hinter den Oberflächen verbergen sich die Schicksale oder auch anders herum: die Schicksale verbergen sich hinter Oberflächen….

Morad, Deutschland, 2009

Auch der dreiundzwanzigjährige Morad ist noch im Iran geboren, spricht auch noch persisch, kann es jedoch nicht mehr lesen. Er ist Student, Geografie, aber kein sehr fleissiger, mit seinem Kumpel leert er so manche Flasche und wacht dann am nächsten Morgen verkatert auf. Manchmal träumt er vom Iran, einmal war er dort, von Taxifahrten dort, es sind keine schönen Träume, sie machen ihm Angst…

Immer noch zwischen den Welten umherirrend sucht er seinen Weg und seinen Platz, etwas, was Laleh, seine Schwester gefunden hat: Einser- Abitur, Einser-Diplom, Architektinnenkarriere. Jetzt trägt sie ein Kind unterm Herzen, dessen Status wird, so Morad, endlich geklärt ist, von Anfang an.

Nahid, seine Mutter ruft ihn oft und regelmäßig an, erkundigt sich nach ihm und seinem Leben, von dem er nichts verrät. Ja und Nein, Schwindeleien und Ausreden… mit dem Vater telefoniert er so gut wie nie, mit dessen bedächtigen, alles abwägenden Art und Weise kommt er nicht so klar…

Die Demonstrationen verlaufen parallel: Morad und seine Kommilitonen demonstrieren gegen die Erhebung von Studiengebühren, im Iran ist die „Grüne Revolution“ ausgebrochen [4]. Wieder dieses „Kinderspiel“ hier gegen den tödlichen Ernst dort…. Nima, der Sohn Peymans, ist verschwunden, man weiß, was das bedeuten kann, schon einmal war er im Gefängnis, wurde zwar entlassen, durfte aber danach nicht mehr studieren… In Deutschland wandern die Nachrichten aus dem Iran nach ein paar Tagen ans Ende der Sendungen, immer die gleichen Bilder, sie büßen an Unterhaltungswert ein, werden auf youtube zusammengeschnitten und mit aktueller Musik unterlegt. Jacko gibt den Ton an: Beat It! Just Beat It!

Einmal war Morad im Iran, die Familie seines Vaters, die auch seine ist, zu besuchen. So herzlich und wie ein lange Vermisster er auch empfangen und aufgenommen worden war, so fühlte er sich doch fremd in diesem Land der Verbote. Er scheut davor, über Facebook Kontakt zu seiner Familie im Iran aufzunehmen, eine Freundin muss ihm ein Profil einrichten, bis er sich endlich traut.

Tara, Tankstelle in Brandenburg, viele Jahre später…

.. sind als Epilog noch ein paar Seiten einer politischen Hoffnung gewidmet. Mit Parastou, ihrer Nichte am Steuer (dem Kind von Laleh?, also ist diese Passage wohl mindestens achtzehn Jahre später angesiedelt als der Text um Morad) erleben wir Tara aus dem gemeinsamen Urlaub der beiden zurückkommen und in der Tanke die Schlagzeilen lesen, daß im Iran die Herrschaft der Mullahs wohl beendet ist. Ich rufe Oma und Opa an, sagt Parastou, ich [i.e. Tara] lasse den Motor laufen und denke, Mach das, Parastou. Wenn die beiden überhaupt noch zu Hause sind. Und nicht schon längst auf dem Weg zum Flughafen. 


Shida Bazyar weiß, wovon sie schreibt. Nachts ist es leise in Teheran ist kein autobiographischer Roman, aber ihre Biographie und die ihrer Familie spielen natürlich eine große Rolle in diesem Buch [1]. Man merkt es ihren Schilderungen, ihren Beschreibungen an, wie sehr sie sich in die Lage ihrer Protagonisten einfühlen kann, wie sehr sie auch auch an eigene Erlebnisse erinnert wird, bzw. wie sie diese hier in ihren Roman einflicht. Damit geben die Schilderungen Innenansichten wieder, sie beschreiben nicht von aussen gesehene Situationen und Lebensumstände, sonder (aus erster Hand) die Eindrücke, die Ängste, Unsicherheiten und Hoffnungen, die die Protagonisten selbst fühlen.

Es wird deutlich, daß zwei Kräfte an ihnen zerren: das Ankommen im neuen Land, sprich: das Erlernen der Sprache, des sozialen Umgangs mit anderen, das Bewältigen der bürokratischen Vorgänge, in summa: der Alltag, der gelebt und manchmal, oft, bewältigt werden muss mit all seinen Schwierigkeiten. Dem steht die Hoffnung gegenüber, wieder zurück gehen zu können, wenn… ja, wenn hier z.B. Khomeini nicht mehr leben wird. Aus der Rückschau sind dies naive Vorstellungen, als ob sich der durch den ‚Führer der Revolution‘ ins Leben gerufene Apparat nicht schon lange selbstständig gemacht hätte.. aber wer kann es den Protagonisten/Emigranten verdenken… sie sind Iraner und wollen es bleiben.. so dauert es bei Hedeyats lange, bis die Planung eines in der Zukunft liegenden Urlaubs andeutet, daß man sich doch auf einen längeren Aufenthalt einstellt.

Sehr klar kommt in der Darstellung Bazyar auch heraus, wie sich die Emigration auf die „Aussendarstellung“ der Protagonisten auswirkt: sie, die sich im Heimatland als Revolutionäre selbstbewusst und mit klarem Ziel vor Augen bewegten, werden hier zu Bittstellern, zu Menschen, die auf ihre Kinder angewiesen ist, die für ihn übersetzen – eine Umkehrung der für sie natürlichen Hierarchie. In einer Szene beschreibt Bazyar wie eine Freundin Lalehs in der Elternsprechstunde die Dinge für ihre Eltern übersetzen muss, die sie ihnen als Tochter verschwiegen hat…. Eine einfache Ankündigung deutschen Nachbarinnen wie „Wir kommen dich morgen zum Kaffee besuchen!“ wirft ungeahnte Probleme auf: Iraner sind Teetrinker, muss Nahid jetzt Kaffee kaufen oder trinken die deutschen Frauen auch Tee? Natürlich ist sie viel zu unsicher, zu fragen….

Alte, ausrangierte Pressplattentische, wacklige Stühle, Plastiktischdecken, abgeschabte Sofas…. auch Scham anderen gegenüber Besuchern (und sich selbst) über die Verhältnisse, in denen man hier leben muss. Die Menschen hatten im Iran im sozialen Status, es ist für sie ein gesellschaftlicher Abstieg, mit dem sie sich erst arrangieren müssen. Sie sind Bittsteller geworden, abhängig von anderen, müssen monatelang, möglicherweise noch länger, auf den Bescheid zu ihrem Asylantrag warten.

Den Kindern finden sich leichter zurecht, sie lernen die Sprache des neuen Landes leichter, sie gehen in den Kindergarten oder in die Schule, haben auch deutsche Freunde. In einem Interview schildert Bazyar ihr eigenes Schicksal [1], daß sie in Hermeskeil die einzigen Iraner waren, von daher war der Anreiz, deutsch zu lernen, deutlich größer als in Städten, in denen sich eine „Community“ von Exilanten aus gleichen Staaten bilden kann.  Aber auch für die Kinder ist die Situation ungewohnt: sie, die zu Hause zu gehorchen hatten werden hier zu denen, die für ihre Eltern bei Amtsgängen etc pp unentbehrlich sind…. Dafür sind Kinder verstärkt dem Sozialisationdruck einer anderen Kultur unterworfen, einer Kultur zudem, die ihnen viel mehr Freiheit zubilligt, mit Chancen und Gefahren – andererseits aber auch einem hohen Konfliktpotential mit den Eltern, die noch die Vorstellungen ihren Herkunftslandes verinnerlicht haben [2].

Shida Bazyar hat einen Roman vorgelegt, der rundum gelungen ist und beeindruckt – der aber nie wehleidig oder klagend daher kommt. Wenn ich etwas anmerken müsste, dann wäre dies allenfalls die Tatsache, daß alle vier Figuren, denen sie in ihren Kapiteln eine Stimme verleiht, in recht ähnlicher Sprache reden bzw. denken. Allenfalls Morads Duktus wirkt passagenweise etwas forscher als der der übrigen Protagonisten. Ich habe das aber jetzt im Konjunktiv geschrieben, schieben wir diese Anmerkung also ganz weit nach hinten, gegenüber allem anderen fällt sie nicht ins Gewicht: Nachts ist es leise in Teheran ist ein absolut empfehlenswertes Buch.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin gibt es noch nicht so viele Daten im Netz zu finden, aber Interviews
mit der Autorin wie diese hier:
http://www.tagesspiegel.de/…poebeln/13308950-all.html
https://guenterkeil.wordpress.com/…shida-bazyar-…/

geben doch ein paar Auskünfte über die junge Frau, die offensichtlich gerne und toll lacht…
[2] Wer Zugriff hat auf das Magazin der ZEIT (vom 14. April, No. 17) hat, findet dort einen sehr schönen Aufsatz von Annabel Wahba (Was passiert, wenn arabische Männer nach Deutschland kommen?), in der sie ihre Jugend und das Erwachsenwerden  in Deutschland beschreibt, das immer mit der Herkunft ihres Vaters aus Ägypten umgehen musste.
[3] vgl. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Evin-Gefängnis
[4] Wiki- Beitrag zur „Grünen Revolution“ im Iran:  https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_nach_den_iranischen_Präsidentschaftswahlen_2009

Interessant ist auch folgender Text eines iranischen Emigranten, der bei einer ähnlichen Ausgangslage der Protagonisten in Umfang und Art völlig unterschiedlich ist:

Kader Abdolah: Die Krähehttps://radiergummi.wordpress.com/2016/04/06/kader-abdolah-die-kraehe/

Diese Buchvorstellung des Romans: Nachts ist es leise in Teheran ist auch als podcast im literatur RADIO bayern online zu hören:  https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag….teheran.html

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 288 S., 2016

Das Leben ist der Güter höchstes nicht.
(Friedrich Schiller)

dorn cover


Die Unglückseligen – ein Roman, der im deutschen Feuilleton seit seinem Erscheinen im Februar diesen Jahres  für durchweg positive, ja teils begeisterte Kritiken gesorgt hat, der kritischen Stimmen sind es wenige.

Thea Dorn, 1970 in Frankfurt/M. geborene Schriftstellerin und TV-Moderatorin (von zumeist bücheraffinen Formaten [1]), hat sich eines (nicht nur) deutschen Themas angenommen und es in die Jetzt-Zeit transferiert: das Faust-Thema, das Suchen nach der letzten Wahrheit, die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit und die Bereitschaft, dafür seine Seele zu verkaufen. Unsterblichkeit – sie ist der Natur nicht unbekannt (auch wenn man strenggenommen nur von Langlebigkeit reden dürfte, denn niemand kann mit absoluter Sicherheit wissen, ob nicht morgen… oder spätestens, wenn sich die Sonne zum roten Riesen aufgebläht hat….), sie ist der Natur also nicht unbekannt, es gibt im Tierreich Spezies mit erstaunlichem Regenerationsvermögen für verlorene Gließmaßen, mit der Fähigkeit, alternde und sterbende Zellen durch neue zu ersetzen. Und auch – damit sind wie in media res – dieser seltsame Mensch, Mann, dem Johanna Mawet im Supermarkt begegnet und der in heller Panik vor ihr davon läuft, erzählt ihr, die ihn auf der Rückfahrt auf dem Highway herumirrend fast umfährt, eine seltsame, unglaubliche Geschichte.

Dr. Johanna Mawet, Molekularbiologin, Genetikerin, ist auf der Suche nach Unsterblichkeit, bei dem Begriff bleiben wir jetzt einfach, dramatischer doch als Langlebigkeit klingt er… im Bedenkenland wollte man ihr ihre Forschung an Mäusen und Fischen und Menschenzellen nicht genehmigen, also ist sie nach God´s own country ausgewichen, an eins der renommiertesten Institute für derartige Vorhaben. Sie hat das fünfte Lebensjahrzehnt vor kurzem erst angefangen, ist hochintelligent, anstrengend, nervend, ehrgeizig, kompromisslos, zielorientiert mit Schwächen in der Sozialkompetenz.

Johann Wilhelm Ritter (1776 - 1809) Bildquelle: [B]

Johann Wilhelm Ritter
(1776 – 1810)
Bildquelle: [B]

Und dieser heruntergekommene Mann, den sie in eine verdreckte, versiffte, vom Strom abgeklemmte Hütte irgendwo in den umliegenden Wäldern fährt? Nun, seiner Selbstauskunft nach ist Johann Wilhelm Ritter, geb. 1776 in Schlesien, (offiziell) gestorben 1810 in München. In der Periode zwischen diesen Daten einer der profilierten Physiker seiner Zeit, insbesondere die Elektrizität hatte es ihm angetan, das Galvanisieren. Bekannt mit Oerstedt, Goethe, von Humbold, Brentano, Herder, Schelling, Novalis…. kein Niemand also, jedoch: wir schreiben jetzt das Jahr 2010. Es besteht daher Klärungsbedarf….

Mithin also eher ein Irrer, ein Verwirrter, ein Freak? … andererseits ist da das unheimliche schnelle und vor allem gründliche Verheilen der selbst zugefügten Schussverletzung, der Widerspruch zwischen dem offensichtlichen Alter des Mannes und dem Ergebnis der molekularbiologischen Altersbestimmung… eine völlig unglaubwürdige Geschichte also, die ihr dieser der Körperhygiene deutlich abholde Mann auftischt, mit offen Fragen allerdings, die Mawet extrem reizen, insbesondere als sie sieht, wie sich an der Stelle des zu Demonstrationszwecken von Johann selbst abgetrennten Fingers alsbald ein Knubbel bildet, aus dem sich doch nicht etwa tatsächlich ein neuer, voll funktionsfähiger Finger entwickeln wird?

Immer mehr gerät Johanna in den Bann der Geheimnisse dieses seltsamen Mannes und je mehr sie sich verfängt, desto stärker driftet sie aus ihren „eigentlich“ vorgezeichneten Bahnen als Wissenschaftlerin ab. Sie nimmt Johann bei sich auf, aber dieser ist oft störrisch, sperrt sich, kommt mit der neuen Situation nicht klar. Sie fallen auf, verlassen Amerika fluchtartig und Johanna kehrt mit ihm im Schlepptau an ihr Heimatinstitut zurück….

Die DNA-Sequenzierung der Ritterschen Gene ergibt Erstaunliches, hier offenbar liegt des Geheimnisses Lösung. Nur – wo liegt die Ursache dafür, welche Kräfte oder Einwirkungen haben das bedingt? Johanna ist schier besessen von dem Verlangen, das alles zu ergründen….


In den weit über 5oo Seiten des Romans schildert uns Dorn die Entwicklung, die Johanna Mawet von der menschlich vielleicht schwierigen, fachlich aber hochkompetenten Wissenschaftler in eine, ja: Besessene nimmt, die letztlich einem Wahn verfällt. Eine Frau, die die sterilen Räume der Wissenschaft verlassen hat, die Kollegen mit sexuellen Dienstleistungen für Gefälligkeiten „entlohnt“ und die zum Schluss bereit ist, mit dem Teufel zu paktieren: das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen erscheint ihr alles wert, ihr ist der Tod Todfeind, das Sterben eine unfassbare Dummheit der Natur.

Ganz im Gegensatz dazu ist ihr Schützling, der nur langsam Vertrauen zu ihr gewinnt, anderer Meinung. Ihm, dem davon Ausgeschlossenen, deucht der Tod etwas Sinnvolles, hätte er die Möglichkeit, er würde ihn wählen…, vorbei die Zeiten, da er mit seinen Freunden einen Schwur getan, für immer jung zu bleiben und dem Alter zu trotzen.

In zwei Zeit- und drei Handlungsebenen hat die Autorin ihre Geschichte gegliedert. Da sind zum einen die Epoche, in der der „historische“ Ritter [1] lebte und die Jetztzeit mit Johann und Johanna. Auf der Ebene der Handlungen läßt sie ihre Figur „Ritter“ einmal in seiner historischen Zeit, aber natürlich auch in der Jetzt-Zeit erzählen, die Protagonisten selbstredend agiert nur in der Jetzt-Zeit. Diese Ebenen (sowohl was die Zeiten als auch die Handlungen angeht) wechseln sich häufig ab, Ritter versenkt sich oft in die Erinnerung an das in den letzten Jahrhunderten Erlebte, bevor er wieder auftaucht oder durch Johanna in die Gegenwart zurückgeholt wird. Mit der Figur des „historischen“ Ritter gibt Dorn im Lauf der Seiten eine Art Einführung in die deutsche Romantik, Schwerpunkt: naturwissenschaftliche Forschung am Beispiel der Galvanistik. Einer Forschung, die wie auch die heutige Physik die Suche nach der Einheit (der „Formel für alles“), sprich: dem Zurückführen auf oder Ableiten von einem Urgrund, etwas, das der historische Ritter in seiner weit ausholenden Sprache „All-Thier“ nannte [vgl. dazu bei Interesse den Aufsatz von Daiber in 2b].

Die Figuren ‚historischer Ritter‘ und ‚Mawet‘ (der Name ist von Dorn mit Bedacht gewählt, zur Bedeutung vgl. 3] sind sich in vielem ähnlich. Auf der Suche nach Erkenntnis achten sie ihre eigene Gesundheit wenig, sind sie kompromisslos. Beide verachten den Tod, wo Ritter und seine Romantik-Freunde den Schwur ablegen, sich angesichts des ersten grauen Haares die Kugel zu geben [4], wettert Mawet ihrerseits gegen die Zumutung des Todes und nimmt (trotz ihres offensichtlich rationalen Ansatzes) an einem „Kongress der Immortalisten“ [5] teil, auf dem die Vertreter esoterischer und pseudowissenschaftlicher Ansätze zur Lebensverlängerung in die Unendlichkeit ihre Parolen in die Masse der frenetischen Anhänger hinausposaunen.

Beide Figuren, Ritter und Mawet, geraten durch ihre Forschung ins soziale Abseits, für Mawet geht die Analogie letztlich soweit, daß sie in personam versucht, unter Ritters Anleitung die Originalexperimente Ritters (äußerst quälende und schmerzhafte sind dies, vgl. nochmals 2b] an sich selbst vorzunehmen. Ist Ritter in seiner Zeit, der Romantik, schon neueren Entwicklungen verbunden, dem Drang, bis (quasie wörtlich) zur Besinnungslosigkeit zu experimentieren (womit er beispielsweise seinen Freund Goethe, der diese ‚Velofizierung‘ des Lebens bekanntermaßen ablehnend gegenüber stand [6], überforderte und förmlich ‚erschlug‘) ist Mawet Repräsentantin einer Naturwissenschaft, wie sie sich mittlerweile durchgesetzt hat, die sich nämlich voll und ganz auf die Ergebnisse von Experimenten stützt bzw. Theorien daran misst. Dies jedoch geht Ritter zu weit, hier ist er noch der Romantik verhaftet, das experimentelle Auseinandernehmen der Natur in immer kleinere Einheiten verhindert seiner Meinung nach den Blick für´s Ganze. Ihm eröffnet sich noch die Schönheit der Natur in der Betrachtung, während Johanna vor ihrem Laptop zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber selbst Johanna muss anerkennen, daß gerade in der Molekularbiologie und Genetik die (mittlerweile vorhandenen) Kenntnisse des genetischen Codes vom Menschen, das Detailwissen also, allein noch nicht viel mehr aussagen, wie das Wissen, wie häufig jeder Buchstabe in einem Text vorkommt….

Die Molekulargenetik, die Gensequenzierung als Büchse der Pandora. Sie öffnet sich und Erkenntnisse (die ihrerseits jedoch wieder eine Unzahl neuer, ungelöster Fragen hervorrufen) fliegen heraus und am Boden sozusagen, als letztes, die Information, die alles ins Gegenteilige verkehrt, die die Frage stellt (oder hier, eben unerwartet die Antwort gibt): Will ich eigentlich wirklich alles wissen, will ich wissen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit ich an Krebs, Alzheimer, Morbus dies oder das erkranke? Es ist die Janusköpfigkeit dieser Wissenschaft: ihr sind Ergebnisse a priori ohne Wertigkeit, die Wertigkeit, ob gut oder schlecht, ergibt sich erst in der Beurteilung durch den Forscher bzw. Betroffenen. Ohne die Gefahr einzugehen, auch das eigene vorbestimmte Verderben in den Genen zu finden, sind solche Sequenzierungen schlechterdings unmöglich.

Das Fachgebiet der Genetik, der Molekularbiologie kommt nicht gut weg bei Dorn. Die Forscher, Kollegen von Marwet, sind mehr oder weniger freakig und sonderbar, haben sich der Entschlüsselung des letzten Geheimnisses des Lebens verschrieben in der Hybris, es damit beeinflussen und lenken zu können. Exponiertes Beispiel ist natürlich die Protagonistin selbst, die völlig rücksichtslos gegen sich und andere agiert – vorgeblich immer im Dienst ihrer Wissenschaft.


Ich habe bis jetzt eine dritte Person, die noch eine wichtige Rolle im Roman spielt, unterschlagen. Sie tritt nur als Stimme aus dem Off in Erscheinung, die die Ereignisse und Handlungen der beiden Hauptpersonen kommentiert. Sie scheint ihren eigenen Plan zu haben, scheint für beide, Johann und Johanna, bestimmte Rollen vorgesehen zu haben, speziell auf Johanna setzt diese Figur anscheinend große Hoffnungen. Hat sie die beiden zusammengeführt, Johann mit seiner Unsterblichkeit und Johanna, die auf der Suche nach diesem/dessen Geheimnis ist, auf daß sie es mit Hilfe Johanns lösen kann? Und was bezweckt dieser Geheimnisvolle, der sich hinter dieser Stimme verbirgt, damit? Ich will verraten es hier nicht, nur soviel: es ist letztlich ein VAter/Sohn – Konflikt, der sich hier zeigt….


Der Mensch will sich den Göttern ebenbürtig machen, will ihnen Konkurrenz machen und verschreibt dafür dem Teufel seine Seele. Er löst sich mit diesem Vorhaben aus der Demut des Mittelalters und kommt um in der Hochmut und der Hybris, der er verfällt. Ein Stoff, dieser Faustmythos, der nicht erst mit, aber in Deutschland natürlich in hervorstechender Weise durch Goethe allgemein bekannt worden ist. Dorn hat ihn hier in die Gegenwart transferiert, die mit ihrer genetischen Forschung in der Tat in die Wirkungssphäre der „Götter“ hineinragt, das Leben an sich zu beeinflussen, ja, gar zu schaffen [7]. Es wäre sicherlich sehr interessant, Dorns Roman daraufhin näher anzusehen, was sich vom Goeth´schen Faust in ihm wiederfindet – allein, dazu bräuchte ich detaillierte Kenntnisse der Tragödie. Die Szene, die beim Olympier in Auerbachs Keller spielt, verlegt Dorn beispielsweise in eine amerikanische Bar, Philemon und Baucis haben ihren Auftritt auch bei Dorn und anstatt Hexensabbat gibt es eine veritable Teufelsanrufung. Der Otter fehlt, die Fledermaus ist da – mit ansehnlichen Sprachkenntnissen und einem gerüttelt Maß an Neugier und daß sowohl Faust als auch Mawet endlich scheitern und sie ein ähnlich Schicksal sie ereilt, verwundert nicht… Man sieht, es wird etwas geboten, bei Goethe schon und auch bei Dorn.


Mit der Figur des Ritter begegnet Dorn ein Problem, das im Lauf der Handlung für die Glaubwürdigkeit der Gestalt etwas abträglich ist. Ritter ist als Unsterblicher nicht vom Himmel gefallen, er hat über zweihundert Jahre auf der Erde verbracht, hat im 2. Weltkrieg auf Seiten der Amerikaner gekämpft, ist 1940 nach Amerika gekommen und hat dort gute sechzig Jahre gelebt oder – wie es an einer Stelle gesagt wird, in den Wäldern (und den Armen diverser einsamer Frauen, bei denen er unterschlopf) vor sich hingedämmert. Wenig glaubhaft wirkt es trotzdem, daß ein großer Teil der technologischen Entwicklung an ihm vorbei gegangen sein soll, ihm Gerätschaften wie Laptops anscheinend unbekannt sind und er sie als Teufelszeug ansieht und – etwas albern scheint mir – in den Nutzern von Geräten mit den Logo des angebissenen Apfels einen Geheimbund vermutet, den Apfelbund.


Thea Dorn, wie gesagt, bietet etwas für´s Geld, gute Unterhaltung nämlich. An einigen wenigen Stellen „wagt“ sie tastend Ungewohntes, schiebt beispielsweise eine Seite mit Sprechblasen ein oder die Kopie eines alten Medizinbuches (und unterstellt, man könne heutzutage keine Fraktur mehr lesen….). Die Sprache, in der sie ihren Ritter sprechen läßt, ist altherthümlich, nachempfunden der, die man zu „seiner“ Zeit sprach, auch wenn dies hin und wieder wie Yoda-Sprech klingt, ist es eine Hilfe, die diversen Zeit- und Handlungsebenen auseinander zu halten. Immer wieder sind Dialoge oder Exkurse in die Handlung eingestreut, die sich mit Philosophischem, Zeitgeschichtlichem, Historischem oder auch Wissenschaftlichem befassen und selbstverständlich – eine love story ist inclusive. Daß diese nicht glücklich ausgehen kann, wir kennen es schon seit altersher von Eos und Tithonos [8], selbst (um in neuere Zeiten über zu wechseln) der Highlander hatte darunter zu leiden…. 

Sicher taucht die Frage auf, inwieweit ein Charakter wie Johanna Mawet realistisch ist. Ihre Persönlichkeit unterliegt im Verlauf nur weniger Monate einem radikalen Wandel von der rationalen, ziel- und ergebnisorientierten Naturwissenschaftlerin hin zu einer einem Wahn verfallenen Frau, die unter völliger Verwandlung ihrer Persönlichkeit Erlösung letztlich nur noch im Radikalsten finden kann. Mawet scheint mir die ultimative Kritik der Autorin an dieser Wissenschaft, Dorn läßt sie – ganz physisch gemeint – in gewisser Weise an ihrem Forschungsobjekt, etwas Unsterblichem, nicht nur scheitern, sondern sterben. Daß man beim Lesen selbst sich Gedanken macht über die Frage, ob man – hätte man die Wahl – Unsterblichkeit (oder auch nur eine verlängerte Lebenszeit) wünschen würde, liegt auf der Hand…..

Der Plan des Dritten im Bunde, der die Stimme aus dem Off gibt, und der alle Hoffnung auf Johanna Mawet setzte, geht daher nicht auf. Aber Dorn gibt im letzten großen Auftritt dieser Figur eine hübsche Umdeutung der allbekannten Geschichte von der Erschaffung der Welt, der der Menschen und dem Abfall des Cherubs, der von da an der Luzifer genannt wurde von Gott, mit der sie den „Plan“, in dem Ritter und Mawet nur die Kandidaten waren, in etwas Größeres, Großes, einbettet.

Die Unglückseligen ist also, fasst man alles zusammen, ein kurzweiliger, intelligenter Roman, der eine Menge an Informationen über die verschiedensten Dinge transportiert. Sicher gehen diese nicht in die Tiefe, es ist ja auch kein Sachbuch, aber sie reissen Probleme und Fragestellung so deutlich an, daß man sie gut als Ausgangspunkt für eigenen Gedanken nehmen kann. Daß man außerdem noch eine Ahnung bekommt über das Leben von vor über zweihundert Jahren und die Tragik eines Wissenschaftlerlebens seinerzeit, sei nicht unerwähnt. Facit: der Roman bietet Unterhaltung auf hohem Niveau.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Thea_Dorn
[2] Wiki-Artikel zu Ritter:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ritter
[2b] Wer sich für die Bedeutung Ritters im Zusammenhang mit der deutschen Romantik interessiert, sei auf diesen interessanten und lesenswerten Beitrag hingewiesen: Jürgen Daiber: Die Suche nach der Urformel: Zur Verbindung von romantischer Naturforschung und Dichtung; in:  http://www.goethezeitportal.de/…./daiber_urformel.pdf
[3] S.Ph. De Vries: Beim Toten; in    http://www.hagalil.com/judentum/gemeinde/beerdigung.htm
[4] das ist nicht schleichwerbend zu verstehen
[5] vgl. hier: Rudolf Taschner: Ewiges Leben; in  http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/rudolftaschner/421149/print.do
[6] vgl hier (Buchbesprechung im Blog): Manfred Osten: Alles veloziferisch oder….
[7] http://www.spektrum.de/news/erstes-bakterium-mit-synthetischem-erbgut/1034103
[8] vlg z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tithonos

Bildquelle [B]: Portraits Ritter: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cc/Johann_Wilhelm_Ritter.jpg; Urheber: Für den Autor, siehe [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Beitrag ist als podcast im literatur RADIO bayern online zu hören:  https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/fda-rezension-thea-dorn-die-unglueckseligen.html

Thea Dorn:
Die Unglückseligen
diese Ausgabe: Knaus, HC, ca. 550 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Diese Buchvorstellung ist auch als podcast im literaturRADIObayern zu hören.


Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns, so hat Kafka seinerzeit an seinen Freund Oskar Pollak geschrieben. Nimmt man diesen Ausspruch „wörtlich“, dieses Buch erfüllt ihn: mit der Wucht einer weit über den Kopf geschwungenen Axt zerschlägt es beim Lesen jegliche Illusion darüber, daß der Mensch vom Wesen her gut sei.


Die Ehre steht über allem.
Die Ehre entsteigt der Sonne.
Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.
Wir atmen sie. Ein und aus.
Nachts und während des Tages.
Die Ehre muss auf unseren Feldern gedeihen.
Wir essen sie und die Frauen säugen ihre Kinder damit.
Die Ehre steht über allem.

winkler cover


Blauschmuck ist eine Geschichte – und zwar eine wahre Geschichte [5] – schier unerträglicher häuslicher Gewalt. Sie nimmt ihren Ausgang in einem kleinen kurdischen Dorf namens Tekbaş [1] im Osten der Türkei. Dort wird, die Zeit ist etwas unbestimmt, ca. Mitte/Ende der 70er Jahre ein Mädchen geboren, eins von vielen Kindern, das der Mutter im Lauf der Jahre während der Feldarbeit aus dem Schoß rutscht. Der Vater geht nicht wegen jedes Kindes zum Amt, meist meldet er nur die Jungs an und dann auch die Mädels vom Vorjahr. Das Alter von Filiz, so heißt die Erzählerin, ist damit unsicher; zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Geschichte kommt zur Sprache, daß sie mit dreizehn Jahren geheiratet hätte (was verboten ist) – aber auch diese Angabe ist mit Vorsicht zu genießen, auch dieses Dokument, der Pass, war unzuverlässig in seinen Daten. Im Klappentext wird ihr Heiratsalter mit fünfzehn Jahren angegeben.

Filiz jedenfalls wird in einer Schar von Kindern groß, in einer traditionellen kurdischen Familie, in der der Vater die Funktion des Allmächtigen innehat. Sein Wort ist Gesetz, sein Wohlfühlen oberstes Ziel aller Familienmitglieder, seiner Wut kommt nichts gleich, sie gehört zum Leben dazu und ist zu ertragen. Wut, Zorn und Ärger des Vaters sind die Steigerung zärtlicher Berührung ins Perverse: geprügelt wird mit dem, was zur Hand ist, bis der Arm erlahmt oder die Ohnmacht das Opfer für eine Weile gnädig aus der Welt trägt…. Die Männer sind die Wölfe, die in die Herde die Lämmer reißen.


Oft spricht Mutter von dem Spaß, den sie einmal in einer lange vergangenen Winternacht hatte. […]
Es war in einer Nacht im ersten Winter. Mein frisch vermählter Vater erwachte, er tastete nach seiner Frau, aber das Bett war leer. […] Er stand auf, ging durchs Haus, als er sie plötzlich lachen hörte. […] Sie saß auf einen Leinensack [auf dem Gipfel eines Schneeberges hinter dem Haus], fuhr jauchzend den Schneeberg hinunter, jauchzte noch im Sturz, fiel über sich selbst, rutschte, blieb lachend im Schnee liegen.

Mein Vater zerrte sie an den Haaren in den Stall, schlug ihren Kopf gegen die Wand, bis ihr das Blut in die offenen Haare rann und über den Nacken und über die vollen Lippen in den Mund.
Dann nahm er seine Frau mit zurück ins Bett.


Alpträume des Kindes, das gerne in die Schule geht, in der die Kinder zur Begrüßung die Hände ausstrecken, damit der Lehrer mit dem Rohrstock die Begrüßung erwidern kann.

Ein Schlag auf die letzten Glieder der Finger.
Ein Schlag auf die handnahen Glieder.
Ein Schlag auf die Knöchel.
Ein Schlag auf den Handrücken.
Ein Schlag auf das Handgelenk.

Eine Symphonie der Gewalt, erfüllt vom Rauschen der Hölzer, die durch die Luft geschwungen werden, eine Kommunikation, den beiden Seiten so natürlich erscheint wir das Atmen, die zum Leben gehört wie Essen und Trinken und Ausscheiden. Herr Barzan, der Lehrer mit dem Rohrstock beispielsweise merkt durchaus, daß Filiz gut lernt und intelligent ist, er versucht sogar beim Vater zu erreichen, daß sie in der Stadt weiter zur Schule gehen kann, will die Verantwortung und alle Kosten übernehmen. Nein! Vaters Nein dringt durch alle Wände. Es ist hart wie Stein. […] Seine Familie muss von niemanden unterstützt werden. […] Das ist eine Frage der Ehre.

Du gehörst mir. Schön ist Yunus, mit grünen Augen wie der Bach, dreizehn Jahre alt, als er Filiz, die ihn und die anderen Jungs beim Baden, das den Mädchen verboten ist, beobachtet hat, bei der Hand nimmt und leeren Stall einsperrt, denn sie gehört jetzt ihm. Ich habe einen Mann, Filiz, die zwölf(?)jährige ist stolz, kichert in sich hinein, schaut dem Jungen mit seinem schönen Körper durch den Türspalt nach, Ich bin sein.

Es ist der Beginn eines Martyriums, das sich Filiz noch nicht ausdenken kann. Es beginnt – mittlerweile sind ca. drei Jahre vergangen, Yunus war zwischenzeitlich bei seinem Onkel in Deutschland – in den traditionellen Strukturen der dörflichen Gesellschaft, bevor es sukzessive entartet – selbst nach den dortigen Massstäben dürfte das, was Filiz in den nächsten Jahren erwartet, aus der Norm gefallen sein. Tragisch ist, daß ausgerechnet in dem Punkt, in dem der Vater mit seiner strikten Ablehnung ein schlimmes Schicksal für seine Tochter verhindert hätte, sich diese gegen ihn auflehnt: sie flieht mitten im Winter aus dem Elternhaus, um mit Yunus zu gehen, den zu heiraten der Vater verboten hatte.

Ich werde seine Ehefrau. Seine Frau. […] Filiz und Yunus Şahin. Was für ein schönes Paar!

Die Hochzeit findet statt, Filiz ist allein unter all den Verwandten und Bekannten von Yunus, mit dem sie zusammen im Haus seiner Mutter leben wird. Sie ist jetzt sein Fohlen, seiner Mutter bescheidet er auf ihre Klage und bevor er sie an den Haaren über den Hof zerrt: Was willst du noch? Ich habe dir eine Sklavin gebracht!  Die Stiefmutter wird für Filiz zur „Spinne“, in deren Netz sie sitzt, von deren Geld sie sich ernährt (kaum, daß sie einen Bissen herunterbringt…) und für die sie arbeitet. Im Gegensatz zu Yunus, der sich bis hin zum Waschen der Füße und An- und Ausziehen bedienten läßt.

Aber es ist ihr Platz, so unglücklich Filiz auch ist, so sehr das Heimweh (und die Reue?) auch in ihr leben, es ist ihr Platz und wenn schon nicht Liebe, dann wenigstens Teppich sein, die Hände an der Eisenstange. Hinter ihr steht Yunus, die Heugabel in der Hand. Er schlägt sie mit den hölzernen Stiel. Die Schläge sind dumpf. Das Holz klingt dumpf. In mir. Er schlägt immer fester. Als ihm die Kraft ausgeht, schlägt er mit den Zinken der eisernen Gabel. 
[…]
Ich liebe dich, Filiz! Verzeih mir!
Yunus´ Augen sind grün vom Bach. Er ist mein Mann.
Alles wird gut, Yunus. Ich werde heilen.

Filiz existiert nicht mehr. Sie wird zum Blinden Fleck, den niemand mehr sieht, den niemand mehr beachtet, mit dem niemand mehr redet. Über Monate richtet niemand mehr einen Ton an die junge Frau, wird sie nicht mehr angesprochen, gibt niemand mehr Antwort. Nachts geht sie verzweifelt an das Bett ihres Mannes, legt ihre Brüste in seine offene Hand, presst seine Hand an ihren Schoß. Yunus bleibt ohne Reaktion.

Deutschland war einst der große Traum, das Land, in dem es Jeans gibt. Tatsächlich gelingt es Yunus in Österreich Arbeit zu bekommen und später Visa für seine Familie, Filiz und die Kinder, die sie mittlerweile unter unsäglichen Bedingungen geboren hat, zu erhalten. Österreich, das war wie Deutschland. Und Deutschland wie Amerika….

Für Filiz wird es in Österreich nicht wirklich besser, sie und die Kinder werden teilweise wie Gefangene gehalten, völlig verunsichert. Nach einem Monat trauen sie sich zum ersten Mal aus dem Zimmer heraus auf die Wiese hinter dem Haus. Und doch… das andere, neue, fremde Land sollte etwas verändern….

… es sind nicht die Schläge ihres Mannes, die sich ändern oder gar sein Verhalten, aber ganz, ganz langsam wächst in Filiz die Ahnung heran, daß das Leben auch anders sein kann. Noch immer ist sie seine Sklavin, ist sie ihm absoluten Gehorsam schuldig, muss die Beine spreizen für ihn, sobald er sie nehmen will. Warum nur, so fragt sie sich, will er immer noch in sie, die alt aussieht, verschrumpelt, unansehnlich ist, warum will er immer noch in sie hineinstoßen, wo er doch andere hat, deren blonde Haare sie beim Reinigen des Autos findet und die sie entsorgt wie auch die gebrauchten Kondome.

Sie fängt an, Yunus zu belügen, legt Geld beiseite, das ihr die Nachbarin heimlich zusteckt. Filiz nennt es nun für sich als das, was es ist: Vergewaltigung. Filiz kalkuliert, stellt eine Punkteskala auf, deren kleinste Einheit der Schlag ist. Die Schläge auf Rücken und Hüfte, auf Arme und Beine zählen je einen Punkt, die Schläge in den Bauch und auf die Finger je zwei Punkte, die Schläge auf den Kopf und ins Gesicht je vier, wenn sie mit dem Holz geschehen, verdoppelt sie die Punkte, wenn mit Metall, rechnet sie mal vier, eine Vergewaltigung zählt acht. […] Wieviel kostet das Verhindern eines Schlages, reicht ihr Geld dafür, zum Beispiel, den herunter gefallenen Wecker zu ersetzen, rechtzeitig ersetzen zu lassen durch die Nachbarin, denn selbstverständlich darf sie nicht allein einkaufen gehen….

Die Kinder.. sie wachsen in zwei Kulturen auf: der Angst- und Gewaltkultur ihres Vaters und der offenen, freundlichen Kultur ihres Gastlandes. Wieviel Unbekanntes begegnet ihnen: Nikolaus und Weihnachten.. Yunus erlaubt es, die Nachbarn machen Bescherung und zum ersten Mal im Leben bekommen die Kinder Geschenke, ihre Augen glänzen und wollen nicht aufhören. Wir lachen. Ganz deutlich. Mehrere Male. Die Kinder. Yunus. Und ich. Ansonsten…

Yunus hat Würmer, die Filiz aus häßlichen Furunkeln am Bein zieht und mit denen sie zum Arzt geht. Beim Greifen nach dem Rezept schiebt sich der Ärmel über das Handgelenk, die Sprechstundenhilfe starrt auf ihren Blauschmuck. Ich bin gestürzt…. ich bin dankbar, daß sie mir nicht glaubt.  Filiz wird zum Arzt ins Sprechzimmer geschoben, ich bin verpflichtet, ihren Mann anzuzeigen, sagt der Arzt.

Filiz weiß um die Gefahr, in der sie und die Kinder jetzt schweben, sie plant die Flucht mit ihren Kindern, zurück zur eigenen Familie, zu ihren Eltern. Die Frau des Arztes hilft ihnen, besorgt die Flugtickets… aber ausgerechnet am Tag der Flucht geht Yunus nicht zur Arbeit. Er läßt Filiz die Alternative, sich selbst umzubringen, andernfalls hängt er sie selbst vor den Augen der Kindern auf. Was nicht das erste Mal gewesen wäre.

Sie wird im Krankenhaus wieder wach, der Lebenswille ist ihr abhanden gekommen. Die Kinder besuchen sie, mit Blauschmuck versehen, sie wendet sich ab, bleibt stumm. Yunus kommt mit Blumen, an seine Brust lehnt sie sich – immer noch- , er trägt sie, die noch viel zu schwach ist, nach Hause. Aber Filiz hat abgeschlossen mit ihrer Welt, und als Yunus sieht, daß er mit Bitten nicht zu ihr durchdringt, vergewaltigt und prügelt er sie erneut auf übelste Weise… die Nachbarn holen die Polizei und den Notarzt, ein Vierteljahr braucht Filiz im Krankenhaus, bis sie entlassen werden kann.

Im Nachspann berichtet Winkler vom weiteren Schicksal Filiz´, die von Yunus geschieden wird. Diesem wird jeder Kontakt verboten, später muss er Österreich verlassen, der Grund dafür wird nicht angeführt. In der Türkei heiratet er erneut, die drei Kinder aus dieser Ehe heißen wie die aus der mit Filiz: Halil, Selin und Seda.

Filiz macht eine Ausbildung zur Köchin und nach einigen Jahren eine Weiterbildung, sie arbeitet jetzt als akademische Fachkraft für Sozialpsychiatrie. Alle drei Kinder sind beruflich ebenfalls (sehr) erfolgreich.


Blauschmuck ist ein erschütterndes, ein anstrengendes Buch. Wahrscheinlich geht es fast jedem Leser so wie mir, daß er die Geschichte zwischendurch einfach weglegen muss, um das Gelesene zu verdauen. Dabei beschränkt sich Winkler auf eine fast spröde, karge Darstellung, in seltsam distanzierter Weise beschreibt sie die Misshandlungen, die Filiz erduldet [2]. Da sie Filiz als Ich-Erzählerin eingesetzt hat, wirken diese Passagen, als ob sich die junge Frau sich und das Geschehen von aussen beobachtet, in der Folter also eine Art Dissoziation erleidet.


Was mich persönlich aber fast noch mehr erschrocken hat, kommt ganz am Anfang des Buches, auf Seite 19. Es ist die Beschreibung des Blauschmuck, den die cirka hundert Frauen des Ortes tragen. Den Blauschmuck als Medaillon, als Armband, als Halsreif oder -kette, als Diadem auf der Stirn, manche um ihre Fesseln. Er ist nicht einfarbig blau, er kann blau-rot sein oder blau-schwarz, hellblau oder dunkelblau… Die blauen Frauen tragen die Farbe des Himmels. Wolkendurchzogender Sommerhimmel, eisiger Winterhimmel, unsteter Frühlingshimmel, grauer Herbsthimmel, Dämmerung, Regenbogen. Nur eine Frau trägt diesen Schmuck nicht, es ist die Aussenseiterin, die Ausgestoßene, sie ist himmellos und ohne Blau. Wo sie auftaucht, verstummt das Gespräch. Wie soll man reden mit der Himmellosen. […] Solche gibt´s auch, […] leider. Und Filiz, das Mädchen, denkt: Wenn ich groß bin, werde ich eine blaue Frau.
Ich hoffe auf einen Blauton, hell wie der Winterhimmel.

Es ist erschreckend, daß nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer diese Gewalt als Bestandteil ihres Lebens auffassen, ja, sich sogar dadurch in gewisser Weise definieren, denn ohne diesen Blauschmuck gehört man nicht dazu. Zwei Arten des körperlichen Kontakts gibt es zwischen den Geschlechtern: Schläge und Geschlechtsverkehr – im Extremfall wie bei Filiz als Vergewaltigung. Zumindest für völlig unerfahrene, nicht aufgeklärte Filiz, aber sicher nicht nur für sie, war die Hochzeitsnacht nichts anderes als eine institutionalisierte Vergewaltigung, der im Lauf der nächsten Wochen, Monate und Jahre eine sich immer steigernde Spirale psychischer und physischer Gewalt folgte. Eine Gewalt und Brutalität, die, wenn sie ausblieb, von ihr als Zeichen dafür, daß sie für ihren Mann überhaupt existierte, vermisst wurde: lieber misshandelt und missbraucht als nichtexistent.

Die Schilderung des Lebens von Filiz erfolgen im Buch einzig aus ihrer Sicht. Es wäre sehr interessant, die Welt aus der Sicht von Yunus, ihrem Mann, kennen zu lernen. Bei ihm scheinen die Traditionen einer streng patriarchalischen Gesellschaft mit eigenen, charakterlichen Schwächen eine ungute Allianz eingegangen zu sein, möglicherweise war er auch als Sohn nach dem Tod des Vaters (es wird zumindest nirgends von seinem Vater geschrieben) in seiner Rolle überfordert und er kompensierte dies früh durch Aggressivität. Seine Art mit Frauen zu kommunizieren (Mutter und später die Schwiegermutter wurden von ihm ebenfalls geschlagen) war jedenfalls die Gewalt. Ausgesprochen sadistisch dagegen agiert Yunus meiner Meinung nach nur an einer Stelle des Buches, und das ausgerechnet auch noch seinen Kindern gegenüber.

Nach aussen hin verstand Yunus es, den fürsorglichen und besorgten Ehemann zu spielen: im Krankenhaus erschien er mit Blumen und Pralinen, beeindruckte damit die Krankenschwestern, die Filiz zu so einem Mann gratulierten. Aber auch Filiz war lange Zeit durch die Zerknirschung, die Yunus teilweise nach Gewaltexzessen zeigte, beeindruckt und bereit, diese vorgebliche (?) Reue zu akzeptieren. Im ganzen Buch gibt es im Leben der verheirateten Filiz nur eine einzige Stelle, in der so etwas wie Fröhlichkeit in der Familie herrscht. Es ist bezeichnenderweise das Ereignis, an dem Yunus die Initiative abgegeben hat, nicht gefordert, nicht in der Verantwortung ist: die weihnachtliche Bescherung der Familie durch ihre österreichischen Nachbarn.


Die Tatsache, daß es sich bei Filiz und Yunus um ein kurdisches Ehepaar handelt, könnte darüber hinwegtäuschen, daß häusliche Gewalt unabhängig ist von Religion und Kultur. Sie ist selbstverständlich/leider auch bei uns in Deutschland anzutreffen [3], dieses traurige Faktum sollte man im Hinterkopf behalten, um gerade in der aktuellen Situation falsche Vorstellungen von „anderen Kulturkreisen“ zu vermeiden. Selbstverständlich gibt es kulturelle und andere Unterschiede, gerade hinsichtlich der sozialen Stellung der Frau, häusliche Gewalt an sich aber kommt in allen Kulturkreisen vor.


Winklers [4] literarisches Debüt wird vom Verlag als Roman kategorisiert, gleichzeitig stellt es jedoch eine konkrete Lebensgeschichte dar. So taucht die Frage auf, was in diesem Roman Fiktion ist und was Fakten sind, eine Frage, die sich vom Leser nicht beantworten läßt. Der Eindruck jedenfalls, den das Buch hinterläßt, ist der der Authentizität des Geschilderten. Dazu trägt auch die spezielle Struktur des Textes bei, der nicht als fortlaufender Fließtext geschrieben ist, sondern episodenartig, meist nur auf einer oder zwei Seiten, Erinnerungen der Ich-Erzählerin wiedergibt, die in der Summe chronologisch die Leidensgeschichte der jungen Frau schildern.

Der Stil Winklers ist, wie schon erwähnt, karg, ohne große Emotionen, seltsam nüchtern und distanziert. Die Sätze sind kurz und einfach aufgebaut, das Vokabular kann man nicht als ausgefallen bezeichnen. Trotzdem – oder gerade deshalb – erzielt der Text in manchen Passagen, die sich beispielsweise den Träumen der jungen Frau widmen, fast schon poetische Kraft, zu der auch die verwendeten Bilder beitragen: Mit wehender Mähne galoppiert meine Mutter über die Hügel hinter unserem Haus. Ihre Nüstern sind gebläht, ihre Ohren gespitzt…. oder: Auf der anderen Seite der Berge liegen die Buchstaben und die Zahlen, wenn Filiz ihren Gang zur Schule beschreibt. Die Angst vor der Stiefmutter: …. jetzt kriecht sie auf mich zu, die Spinne, die nun meine Mutter ist, schwarz und dick kommt sie näher, umkreist mich und spinnt mich ein, sie spinnt und spinnt, und ich stehe still und stelle mich tot.

Winklers Roman ist anstrengend, aufwühlend, erschreckend und erschüttert. Er zeigt zwei Extrema auf: die durch charakterliche Schwächen, Hilflosigkeit, Unvermögen und gesellschaftliche Strukturen bedingte Grausamkeit auf der einen Seite, der auf der anderen Seite der Frau(en) eine fast bedingungslose Leidensbereitschaft gegenüber steht. Erschreckender noch: die Frauen definieren sich durch das Leid, wer kein Leidensmal, den Blauschmuck, trägt, gehört nicht dazu: Ich werde geschlagen, also bin ich. Er schmückt mich, also liebt er mich.

Blauschmuck ist kein Roman zum Sich-Wohlfühlen. Aber möglicherweise braucht man manchmal so ein Aufrütteln, um den „Komfort“ des eigenen Lebens nicht als zu selbstverständlich zu nehmen. Winklers Buch jedenfalls ist von großer Eindringlichkeit, hinterläßt Eindrücke, die so schnell nicht verblassen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu diesem Tekbaş  gibt es sogar einen Eintrag in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Tekbaş
[2] diese Art der Darstellung hat mich sehr an das Buch von Julie Otsuka: Wovon wir träumten erinnert, in dem ebenfalls schwere Frauenschicksale beschrieben werden.
[3] drei von vielen Internetseiten zum Thema „Häusliche Gewalt“ in Deutschland:
– https://www.weisser-ring.de/internet/landesverbaende/berlin/landesverband-berlin/service/haeusliche-gewalt/
– http://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt.html
– http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73010.html
[4] zur Vita der Autorin:  http://www.fuhrmannmanagement.com/fileadmin/downloads/lebenslauf/CV_Winkler.pdf
[5] „Mit 13 Jahren hat die Autorin Katharina Winkler Filiz kennengelernt. Die junge Türkin kam damals in die Landarztpraxis ihres Vaters. Unterstützt durch Katharina Winklers Mutter und die Familie konnte sie sich aus der Tyrannei der Beziehung befreien und selbständig werden.

Katharina Winkler hat Filiz nie vergessen und wollte die Geschichte dieser Frau aufbewahren. Als sie Anfang 20 war, erzählte sie voller Vertrauen und offen die Geschichte ihres Lebens. In über einer Woche kamen rund 60 Stunden Tonmaterial zusammen.

2015, rund 15 Jahre später, veröffentlichte sie die Geschichte als Roman, der auf dem damals ausgenommenen Tondokument beruhte.“

Die Zusammenfassung ist folgender Quelle entnommen: http://www.mein-literaturkreis.de/blog/buch/katharina-winkler-blauschmuck/

Diese Buchvorstellung ist auch als podcast im literaturRADIObayern zu hören.

Katharina Winkler
Blauschmuck
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 196 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Den Beitrag gibt es auch als podcast im literatur RADIO bayern zu hören.

hein - cover


Christoph Hein, 1944 in Sachsen geborener Dramatiker und Autor, legt mit Glückskind mit Vater seinen neuen Roman vor, der das Leben eines Menschen beschreibt, der in den letzten Kriegstagen geboren wurde und der sein Leben lang die Schatten des Vaters, den er nie sah, nicht überwand. Ausdrücklich vermerkt Hein, daß dem Roman wahres Geschehen zugrunde liegt, (auch) seine eigene Biografie [1] weist zumindest in den Anfangsjahren Analoga auf zu der seines Protagonisten Konstantin Boggosch, wie auch im Verlauf des Romans in einer weiteren Figur, die nur ganz kurz in die Handlung eingeführt wird, Parallelen zu Hein zu entdecken sind.

Bis auf ein zweijähriges Intermezzo spielt das Buch in der DDR und nach der „Wende“ dann in Deutschland. Bis auf Magdeburg, wo der Protagonist einige Zeit seines Lebens wohnte, werden keine Ortsnamen genannt, einzig eine Rolle spielen die Buna-Werke, ein Werk zur Synthese von Kautschuk, das 1936 gegründet wurde und zur I.G. Farben gehörte. Nach dem Krieg wurde es 1954 in einen VEB überführt, der zu den größten Industriekonglomeraten der DDR gehörte.

Im Roman dagegen war die Buna im Besitz eines gewissen Gerhard Müller. Dessen Frau war in den letzten Tagen des Krieges mit ihrem zweiten Kind hochschwanger, die Russen hatten die Gegend schon erobert. Die Hochschwangere dauerte den russischen Offizier, der sie aus der prachtvollen Villa ausquartieren musste, er versprach ihr, eine Unterkunft für sie zu organisieren. Das „Glückskind“ unter dem Herzen schien ihr das Schlimmste zu ersparen, doch Stunden später kehrte der Offizier mit versteinertem Gesicht zurück, schmiss die Schwangere mit ihrem zweijährigen Sohn aus dem Haus: der Frau eines solchen Kriegsverbrechers würde er keinesfalls helfen. Es ist dies der Moment, in den die Frau von den Untaten ihres Mannes erfährt. So kommen die zwei wie andere Flüchtlinge auch nur notdürftig unter, bei der Schwägerin, mit der sich die Mutter nicht versteht.

Die Mutter ist erschüttert über das, was sie von ihrem Mann, dem in den letzten Kriegstagen  der Prozess gemacht worden war und der gehängt wurde, erfährt, sie sagt sich los von ihm und erreicht, daß sie und die beiden Kinder ihren Geburtsnamen tragen dürfen: Boggosch. Doch das Ablegen des alten, mit Blut befleckten Namens ist nur etwas an der Oberfläche, es kann nichts daran ändern, daß der Mann, daß der Vater Gerhard Müller war, ein hohen SS-Offizier und einer der schlimmsten Kriegsverbrecher.

Von der Unmöglichkeit, seiner Abstammung zu entkommen, handelt dieser Roman Heins. Er konzentriert sich auf den seinerzeit noch ungeborenen Sohn Konstantin. Dessen Bruder Gunthard dient im Roman als Antagonist: er kommt vom Charakter her auf seinen Vater, erweist sich im Lauf der Jahre als skrupel- und gewissenlos, setzt seinen Vorteil durch, wo immer es geht. Für ihn ist der Vater (und damit auch er) ein Opfer der Siegerjustiz. Im Gegensatz dazu ist Gerhard Müller für Konstantin und seine Mutter ein Fluch, dem sie zwar zu entkommen suchen, es aber nicht schaffen. So verweigert man der Mutter trotz ihrer guten Ausbildung und Kenntnisse eine Anstellung als Lehrerin, mühsam ernährt sie sich und ihre Kinder mit Putzen.

Die Brüder erfahren die Wahrheit über ihren Vater erst spät, Konstantin ist schon 11 Jahre alt, Gunthard hat zu dieser Zeit schon lange heimlichen Kontakt zum Onkel väterlicherseits, der in der BRD wohnt und gerichtlich feststellen lassen konnte, daß die Verurteilung seines Bruder nicht durch ein ordentliches Gericht erfolgt war. Ein Urteil, das ihm und dem indoktrinierten Neffen willkommen als Rehabilitation des Bruders/Vaters dient. Erst als die  Mutter von diesem heimlichen Briefverkehr Gunthards erfährt, erzählt sie den beiden Brüdern die Wahrheit….

So wie Gunthard diese nicht akzeptiert, fühlt sich Konstantin von diesem Zeitpunkt an wie mit einem Kainsmal behaftet. Noch weiß er es noch nicht so genau, aber sein Kainsmal ist die Akte, in der alles festgehalten ist, seine Papiere, denn davor schützt auch die Namensänderung nicht.

Trotz sehr guter Leistungen in der Schule verweigert man ihm die Aufnahme in ein Sportinternat, auch den Besuch der Oberschule…. In Konstantin reift der Entschluss, in den Westen zu gehen, ein abenteuerlicher Plan ist es, sein Ziel ist die Fremdenlegion, in der die Herkunft keine Rolle spielt. Zwar ist er mit seinen vierzehn Jahren viel zu jung, aber er denkt, daß er das Problem lösen kann.

In der Tat gelingt es ihm, in den Westen zu kommen, die Fremdenlegion jedoch ist ein demütigendes Erlebnis von wenigen Minuten Dauer. Aber er findet in Marseille Freunde, Männer, die sich seiner, ihres  kleinen „Boches“, annehmen: durch die Sprachen, die die Brüder bei der Mutter gelernt haben, arbeitet er bein einem Antiquar als Dolmetscher. Es ist eine glückliche Zeit in Marseille für ihn.. bis ihn auch hier der Schatten des Vaters einholt: er glaubt ihn in einem Buch über eine Widerstandsgruppe, in der seine Freude im Krieg kämpften, wieder zu erkennen….

Dies und auch Heimweh treiben ihn zurück, in den Tagen des Mauerbaus geht er die andere Richtung, aus dem Westen in den Osten…. Konstantin bleibt nur wenige Tage in der Stadt seines Vaters und geht dann nach Magdeburg. Es gelingt ihm, wie auch schon in Marseille, Arbeit in einem Antiquariat zu finden und in der Abendschule das Abitur zu machen, er gewinnt Freunde, lernt Beate kennen und studiert schließlich Lehrer, weil Lehrer fehlen – sein Wunschstudium in Babelsberg war ihm mit seiner Akte nicht möglich. Jedoch auch hier ein Glückskind: Viele Jahre später sollte er wissen, daß er ein geborener Pädagoge war.

Eine große Tragödie überschattet ein paar Jahre später sein Leben…. er läßt sich mit der Aussicht auf die Stellung als Direktor an eine Gymnasium in einer Kleinstadt versetzen. Aber auch hier gibt es Probleme für ihn, insgesamt wird er zweimal Direktor – und ebenso oft wird er wieder abgelöst…. Er kann seiner Akte nicht entkommen; Konstantin akzeptiert letztendlich sein „Sohn-sein“ als unabänderlich und unter den herrschenden Bedingungen als eine Art „Sippenhaft“. Genauso wie die Taten des Vaters in die Vergangenheit wirkten: auch der einst hochgeachtete Großvater, Vater des Gerhard Müller, fiel in Ungnade, nach ihm benannte Straßen verloren ihren Namen….

Nach der Wende 1989 spült es andere wieder nach oben, die ihr Fähnchen rechtzeitig gewendet hatten, er dagegen gilt als Vertreter der DDR…. und 2010 schließlich, und damit sind wie nahe an der Jetztzeit, wird er pensioniert.

Und hier setzt der Roman auch zweifach ein: eine Reporterin will für die örtliche Zeitung den Umstand, daß noch vier (ehemalige) Direktoren der Schule in der Stadt leben, zu einem großen Bericht nutzen – und ein Brief des Finanzamtes erreicht ihn, in dem die Kirchensteuerfahndung nach einem auf den Namen „Konstantin Müller“Getauften sucht… Du belügst mich. Es gibt etwas, was du mir verschweigst. Etwas, vor dem du davonrennst. Vor dem du ein Leben lang auf der Flucht bist. ….Konstantin Boggosch ist niemand, der viel von sich erzählt, auch seiner Frau Marianne nicht.


Einen Massenmörder zum Vater, dies ist ein Erbteil, das es zu Schultern gibt. Man kann ihm auf mehrer Arten gegenüber treten: Gunthard repräsentiert die eine davon, Konstantin und seine Mutter eine andere.

Gunthard leugnet, stellt sich selbst als Opfer einer Verleumdung, hier namens Siegerjustiz, dar. Daher sieht er auch keine Veranlassung, seine Geburtsstadt zu verlassen, im Gegenteil, er tritt in das alte Werk seines Vaters ein, macht dort eine Ausbildung und kommt voran, bis zu dem Punkt, an dem er nach der Wende die seinerzeit in seinem Namen von der Mutter abgegebene Verzichtserklärung für das Erbe widerrufen kann. Mit diesem Ausweichen in die Wirtschaft geht er der direkten Konfrontation mit dem Staat, der in einer Art „Sippenhaft“ die Nachkommen mit in die Verantwortung zieht, aus dem Weg. Zudem ist Gunthard vom Charakter her ganz anders als Konstantin, robuster, skrupelloser, gefühlskälter.

Anders dagegen Konstantin. Auch wenn er als Kampfsportler eigentlich darauf trainiert sein sollte, eine Auseinandersetzung mit einem Gegner anzunehmen, wählt er die Flucht, das Ausweichen, das Verleugnen. Aber anders als sein Bruder, der die Taten leugnet, will er den Vater leugnen, abstreiten, sich von ihm distanzieren. Es dauert lange, bis er merkt, der der Schatten des Vaters immer an ihm hängen bleiben wird, selbst wenn es Perioden gibt, in denen er sich frei fühlt und nicht an ihn denken muss. Kein Aus- und Zurückweichen seinerseits befreit ihn jemals wirklich, irgendjemandem ist immer bekannt, wessen Sohn er ist.

Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er seinerzeit in Marseille in Mut gehabt, seinen Freunden gegenüber die Wahrheit zu bekennen? Natürlich wäre es möglich gewesen, daß sie ihm die Freundschaft aufgekündigt hätten, aber damit wäre er auch nicht schlechter gestellt gewesen als er es durch seine Flucht war. Zu jung, wahrscheinlich war er trotz seiner Intelligenz zu jung, um dies richtig einzuschätzen.

So wurde Konstantin im Lauf der Zeit von einem Verschweiger zu einem Schweiger. Er redete nicht viel, privates schon garnicht. Seine zweite Frau Marianne weiß kaum etwas von seiner Lebensgeschichte, von seinem Vater, dem Bruder, sie weiß nicht den Grund, aus dem heraus er keine Kinder möchte, auf welches Erbe er verzichtet, selbst seine Erkrankung hält er vor ihr geheim…. ein Mensch also, der kein Vertrauen hat in die anderen, der die Vergangenheit immer noch abschütteln will, in dem er sie verschweigt, der keinen Sinn darin sieht, sie wieder zu wecken, in dem man über sie redet, ein Mensch auch, der Erinnerungen misstraut, denn mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren….

Bis auf diesen zweijährigen Aufenthalt in Marseille spielt sich fast die gesamte Handlung in der DDR ab und so skizziert Hein peu a peu ein Bild des alltäglichen Lebens dort. Es ist kein Blick von oben, von der Führungsebene aus auf die kleinen Leute, es ist im Gegenteil gerade das Leben der kleinen Leute, so wie es sich für sie abspielt. All die Sachen, die im Hintergrund laufen und die zum großen Teil erst nach der „Wende“ herauskamen (Stichwort „IM“), spielen hier kaum eine Rolle. Einzig über die „Akte“ Konstantins wird deutlich, daß die Partei (und ihre Oberen) nichts vergisst, alles im Blick behält – und zum Teil selbst unter Zwängen steht. So vermeidet es Hein, mit dem Wissen von heute auf die damalige Situation zu schauen und zu bewerten oder zu verurteilen.

Interessant sind die Schilderungen Heins, wie Konstantin Ende der 50er Jahre die DDR Richtung BRD bzw. natürlich Frankreich über Berlin (Notaufnahmelager Marienfelde) verläßt und wie er zwei später unter den misstrauischen Augen der Grenzbehörden wieder zurückkommt in die DDR mit ihrem trostlosen Alltag, ihren grauen Städten, ihren Trümmerbergen, die z.B. in Magdeburg das Stadtbild noch beherrschten. Das Antiquariat von Bärbel: der einzige Lichtblick in der Stadt, nachher natürlich dann Bea… und immer wieder auch der Einfallsreichtum der Menschen, sich in den Verhältnissen einzurichten. Auch in dieser Hinsicht ist der Blick Heins nüchtern, Wertungen von Verhalten meidet er, was er schildert, muss für sich selbst sprechen.


Der Roman liest sich trotz seiner erheblichen Umfangs von deutlich über 500 Seiten schnell und leicht. Dies liegt zum einen an der Sprache Heins: recht nüchtern, klar und unkompliziert erzählt er die Geschichte eines Lebens. Die Anzahl der Figuren hält sich in Grenzen, man verliert nicht den Überblick, zumal Wechsel in den Lebensumständen Konstantins meist auch mit einem Wechsel der (wenigen) Personen, mit denen er sich umgibt, verbunden ist. Ferner ist der Text streng chronologisch aufgebaut, es gibt praktisch keine Rückblenden, auf jeden Montag folgt der Dienstag, auf das Jahr x das Jahr (x+1). Da sich die Schilderungen Heins einzig auf Konstantin konzentrieren, gibt es ebenso keine Parallelhandlungen, in die sich die Geschichte aufspalten könnte, Schicksale und zwischenzeitliche Erlebnisse anderer Figuren werden durch Dialoge oder Gespräche dargestellt.

In der Summe ist mit Glückskind mit Vater ein Roman entstanden, der ohne Schnörkel vom Schicksal eines Menschen handelt, der sich zeitlebens nicht von seinem Vater emanzipieren konnte, auch weil er die offene Auseinandersetzung mit diesem Ballast seiner Seele scheute und sein Leben lang in die Flucht auswich. Es war die besondere Tragik des Protagonisten, daß er ein paar wenige Jahre zu jung war, um die Chance zu begreifen, die ihm das Leben in Frankreich eröffnet hätte, hätte er sich zu einem „Ja, aber….“ entschließen können. Statt dessen geht er in das Land zurück, in dem seine Herkunft tatsächlich ein großer Hemmschuh für ihn, mit seinen Eigenschaften, seinen Wünschen war. Hat er sich im Lauf der Jahre in der DDR auch eine Art stilles Glück geschaffen, so war immer noch bedrohlich „die Akte“ da, die schriftliche Fixierung seines Geburtsmakels, das niemand erfahren durfte und das ihn zum Verschweiger machte, fast allen gegenüber.

Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden. Christoph Hein stellt dies seinem Roman voran. In diesem Sinne ist es menschliches, ein deutsches Schicksal, das er erzählt, eingebettet in die Besonderheiten dieses Landes. Ein klar erzählte Geschichte, die auf alle Umwege und Schleichpfade verzichtet, die einfach nur beschreibt und erzählt. Und die mehr nicht braucht.

P.S.: Auf diesen ominösen Brief von der „Kirchensteuerfahndung“ (?), den der Autor anfangs erwähnt, geht Hein übrigens nicht mehr ein; eigentlich schade, ich hätte gern mehr erfahren, selbst google ist bei diesem Begriff etwas zurückhaltend mit Auskünften…

Links und Anmerkungen:

Den Beitrag gibt es auch als podcast im literatur RADIO bayern zu hören.

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Hein

Vom Autor wurde hier im Blog ferner vorgestellt: Frau Paula Trousseau

Christoph Hein
Glückskind mit Vater
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 525 S., 2016

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