Ian Mc Ewan: Maschinen wie ich

McEwan gehört sicherlich zu den bekannteren Autoren unserer Zeit, seine Romane, von denen ich in diesem Blog schon einige vorgestellt habe, sind erfolgreich und finden zuverlässig ihre Leserschaft. Nach einigen Monaten der Leseabstinenz fand ich ihn als geeigneten Autoren, mich wieder ins Lesen zurückzufinden. Und so habe ich mich seinem im letzten Jahr im Original erschienen Roman Maschinen wie ich in der Hoffnung gewidmet, wieder hineingesogen zu werden in die phantastische Welt, die ein Autor für seine Leser aufspannt.

„Maschinen wie wir“ ist … jetzt wird es für mich schon schwierig mit der Einordnung. Natürlich enthält er ein für die Geschichte konstituierendes Science-Fiction-Element: neben dem Erzähler ist Adam die tragende Figur des Romans, Adam, ein Android, der vom Menschen praktisch nicht zu unterscheiden ist. Andererseits spielt die Geschichte in einem England des Jahres 1982, man erinnert sich, es ist das Jahr des Falkland-Krieges. Und es ist auch nicht das England, das wir kennen, das der damaligen Realität entspricht. Es ist ein England, das diesen Krieg verloren hat, das aus der EU austreten will, das gespalten ist in zwei sich bekämpfende gesellschaftliche Lager und das große wirtschaftliche Probleme hat. Auch die historischen Figuren wie Maggie Thatcher als Politikerin oder Alan Turing als Wissenschaftler entsprechen nicht den realen Menschen, Turing beispielsweise, der 1954 verstarb ist im Roman noch im Jahr 1982 quicklebendig und bewundertes Idol des Charles Friend. McEwan sagt dazu: Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das Kleinste wie auch für das Größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, …. , in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemanden vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten nicht die Entscheidung hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen, ….. [S.92f]

Charlie Friend ist der Erzähler der Geschichte. Er ist nicht gerade der Karrieretyp, wohnt in einem der schlechteren Viertel Londons, wo er von zu hause aus als Daytrader arbeitet und mehr schlecht als recht davon leben kann, Adam sollte später deutlich erfolgreicher sein. Als Rechtsanwalt war er selbst mit dem Gesetz in Konflikt geraten und gab den Job auf; ausserdem interessiert er sich für Anthropologie und ebenso für seine Obermieterin, die süße Miranda.

Durch eine Erbschaft zu Geld gekommen leistet er sich den Luxus, sich einen Adam (die Eves waren schon vergriffen….) aus der ersten Serie dieser menschengleichen Androiden zu kaufen. Zusammen mit Miranda programmiert er dessen Charaktereigenschaften und tatsächlich erweist sich Adam als hochkompetenter Gesprächspartner und niemandem fällt auf, daß er kein Mensch ist. Aber, wie zitiert Charlie einen der Väter der Robotik: kann man einen Androiden vom Menschen nicht mehr unterscheiden, so muss man ihn als Mensch ansehen. Auf die Spitze treibt es McEwan dann im Verlauf der Geschichte damit, daß der zukünftige Schwiegervater (ein Schriftsteller) bei der Vorstellungsrunde Adam für den Menschen und Charlie für den Androiden hält. Was kein Wunder ist, erscheint ihm Charlie doch ein wenig einfach gestrickt, Adam dagegen kann seinen Shakespeare aus dem Effeff zitieren und auslegen und nicht nur diesen….

Auch ist Adam insofern „Mensch“ , als er Gebote übertritt, das erste Gebot der Robotik, daß ein Roboter nie einem Menschen Schaden zufügen darf, gleich mehrfach…. genauso, wie er Gefühle entwickelt, zum Beispiel für Miranda, die sich eines Abends nicht scheut, ihrem Charlie, der ja unter ihr wohnt, ein lustvoll-lautes Duett mit Adam zu Gehör zu bringen…

Nichtsdestotrotz informiert Adam Charlie darüber, daß seine Recherchen ergeben haben, daß Miranda ein dunkles Geheimnis hat, von dem sie nicht redet…., ein Geheimnis, das sie im Lauf der folgenden Wochen einholen sollte und das letztendlich in einer Katastrophe endet…


Der Roman weist also im Grund drei Handlungsstränge auf: zum einen natürlich die Wechselwirkung zwischen dem Androiden und den Menschen, zum anderen geht es um das dunkle Geheimnis von Miranda und schließlich taucht auch noch der bislang unerwähnt gebliebene Mark im Leben der drei auf, ein Vierjähriger, der über Charlie in die Beziehung kommt und den besonders Miranda in ihr Herz schließt.

In die Fortführung dieser Handlungsstränge sind immer wieder längere Diskurse über wissenschaftliche Fragestellungen eingestreut, deren Wahrheitsgehalt man jedoch aufgrund der sonst frei waltenden Fantasie des Autoren (siehe oben) nicht unbedingt voraussetzen kann. Hier heißt es also skeptisch sein und ggf. selbst recherchieren. Anfänglich haben mir diese Ausführungen den Einstieg in den Roman etwas verleidet, erst als die Handlung dann nach einigen -zig Seiten in Fahrt kam, stellte sich das bekannte Lesegefühl ein, das für McEwan Bücher typisch ist.

McEwans Adam entwickelt Gefühle und ein Bewusstsein seiner selbst. Ich halte dies (aber das ist meine persönliche Meinung) in dem Sinne, daß es keinem Naturgesetz widerspricht, für durchaus denkbar, ich bin überzeugt davon, daß ein System, wenn es hinreichend komplex ist, tatsächlich mehr ist als die Summe seiner Teile und solche Phänomene wie Bewusstsein oder Gefühle aufweisen kann. Aber, so legt es McEwan seinem Turing in den Mund: wie kann man einem Androiden das Lügen beibringen, wie programmiert man das: „Wir haben noch keine Vorstellung, wie wir Maschinen das Lügen beibringen können. Und was ist mit Rache? Wenn man einen Menschen liebt, der sie verübt, ist sie manchmal erlaubt, behaupten Sie. Für Adam aber nie.“ Und genau daran läßt McEwan seine künstlichen Menschen scheitern: Sie kommen nicht mit den spontanen, widersprüchlichen, inkonsistenten Handlungen der Menschen zurecht, sie verzweifeln daran. Nur Adam ist dagegen gefeit, denn er liebt….. und das gibt ihm Kraft. Daß Menschen den Begriff der Gerechtigkeit im Gegensatz zu Adam auch sehr frei auslegen führt letztlich in die Katastrophe, aus der McEwan nur seine beiden menschlichen Protagonisten mit halbwegs blauem Auge entkommen läßt.


McEwan packt viel hinein in seinen Roman, der in einem England spielt, das es nie gegeben hat, das aber hätte existieren können, wenn nur der berühmt Schlag eines Schmetterlingflügels anders gewesen wäre…. der in einer Zeit spielt, in der Roboter so menschenähnlich geworden sind, daß man sie nicht von Menschen unterscheiden kann bis auf eine Ausnahme: sind die Androiden bis zur Schmerzgrenze gerecht und unbestechlich, so ist der Mensch erratisch, unberechenbar, sprunghaft und unzuverlässig. Unausweichlich rasen diese beiden Charakterwelten in McEwans Roman aufeinander zu und es kommt zum Crash. Das ist im Ansatz interessant, es ist eine Charakterisierung des Menschen auch durch den Gegensatz zu den Eigenschaften, die der Autor dem Androiden zuspricht, es ist eine nur teilweise spannende Diskussion um Moral, Ethik und über Gefühle, die jedoch an der einen oder anderen Stelle etwas ausufert und ermüdend zu lesen ist. So weist der Roman Licht und Schatten auf, für mich fällt er gegen andere Werke des Autoren leider ab.

Weitere im Blog vorgestellte Romane McEwans:

Ian McEwan: Nussschale
Ian McEwan: Kindeswohl
Ian McEwan: Am Strand
Ian McEwan: Solar
Ian McEwan: Abbitte
Ian McEwan: Der Tagträumer

Ian McEwan
Maschinen wie ich
Originalausgabe: Machines like me (and people like you), London, 2019
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 400 S. 2019

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