Meine Lesehöhepunkte 2017

Eine Rückschau gehört dazu, der Jahreswechsel bietet sich an: was war im vergangenen Jahr so besonders beim Lesen, daß es hängen geblieben ist. Mein Kriterium ist das Bauchgefühl, ich scrolle die Veröffentlichungsliste Monat für Monat durch und dort, wo es ‚anschlägt‘ denke ich, dieser Titel gehört wohl dazu. So kommt es, daß meist mehr als 10 Titel in den Top-10 sind, aber was schert es mich. Dieses Jahr jedoch war es anders. Obwohl ich es keinesfalls als schlechtes Lesejahr empfunden habe, hatte ich Mühe, zumindest die obligatorischen zehn Bücher zu finden, die in dieses Aufstellung hineingehören… Diese sind’s jetzt also, die vom letzten Jahr bei mir besonderen Nachklang gefunden haben. Die Reihenfolge ist absolut willkürlich, noch nicht einmal alphabetisch…

John Williams: Augustus

John Williams Augustus wollte ich nicht lesen, seine bis dahin veröffentlichten zwei Romane (Butcher`s Crossing und Stoner) waren dermaßen gut, daß ich davon ausging, daß solch ein Coup ein drittes Mal nicht wahrscheinlich sei. Es war aber so. Williams‘ Roman über den römischen Herrscher Augustus in ein wunderbares, fesselndes, interessantes und sprachlich wunderschönes Buch. Gut, daß man hin und wieder mal was geschenkt bekommt….

Edmund de Waal: Die weiße Straße

Edmund de Waal hatte mit seinem Hasen-Buch die Geschichte seiner Familie, die unter Hitler fast vollständig ausgelöscht worden war, erforscht. Hier legt er mit Die weiße Straße eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seiner Arbeit als Töpfer vor. Es ist die/eine Geschichte des Prozellans, erfunden in China, wieder erfunden an diversen anderen Orten: Dresden und auch in England und Frankreich. Wie auch sein erstes Buch ein sehr persönlicher Bericht, bei dem man an einigen Stellen das Gefühl hat, der Autor würde sich überfordern, an der Bürde seiner Aufgabe scheitern. Er tut es nicht, und das Buch ist absolut wunderbar.

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Was immer man auch gegen Trump sagen kann: er ist (gut, das Wahlsystem ist etwas seltsam…) gewählt worden und das zeigt, daß es eine sehr, sehr große Zahl von Menschen in Amerika gibt, die ihn und seine Art gut finden, die an Lügen nichts auszusetzen haben, der Wut auf alles mögliche ‚da oben‘ so groß ist, daß sie kein Problem damit haben, selbstzerstörerisch zu wählen. Was sind das für Menschen, die dort im zentralen Teil Amerikas, unbeleckt von der Aussenwelt, leben? Der Autor dieses Buches, J.D. Vance, gehört(e) zu ihnen, durch eine Menge glücklicher Umstände gelang es ihm, zu studieren und Karriere zu machen. Wenn also jemand dieses oben genannte Phänomen erklären kann, dann jemand wie Vance, der beide Seiten der amerikanischen Gesellschaft kennt.

Hisham Matar: Die Rückkehr

Die Rückkehr Hisham Matars nach Libyen ist eine Auseinandersetzung mit seinem Schicksal, das ihn früh im Leben aus seiner Heimat in ein anderes, ein dunkles, feuchtes Land vertrieben hat und das ihm den Vater nahm. Matar fühlt sich sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde. 2012 schließlich ist für kurze Zeit der Besuch in der alten Heimat möglich…

Anna Kim: Die grosse Heimkehr

Kims Buch widmet sich einem Land, das im Moment immer wieder in die Schlagzeilen gerät, nicht aus erfreulichen Gründen. Die Geschichte Koreas ist tragisch, gab es überhaupt Perioden, von denen man sagen kann, es sei ein glückliches Land gewesen? Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich bald eine Aufteilung des Landes in einen kommunistisch geprägten Norden und einen unter amerikanischer Obhut stehenden Süden ab. 1953 mündete diese Entwicklung in einen Krieg, der nach einem Waffenstillstand die Teilung des Landes zementierte. Meisterhaft schildert Kim die Zerrissenheit des Landes anhand der Schicksale dreier Figuren.

Margret Greiner: Charlotte Salomon

Charlotte Salomon, eine junge jüdische Frau im Dritten Reich, eine Künstlerin, sollte vor dem Regime in Sicherheit gebracht werden, und zwar in den Süden Frankreichs, zusammen mit den Großeltern. Dort erst, nach dem Suizid der Großmutter, erfuhr sie vom dunklen Schicksal, das über ihrer Familie schwebt: deren Geschichte weist eine auffällige Häufung von Selbsttötungen auf. Charlotte erkrankt nervlich, das Zusammensein mit dem Großvater, die Internierung in Gurs – das alles ist zuviel für sie. Auf Anraten ihres Arztes erzählt sie ihre Lebensgeschichte – in Hunderten von Bildern. Greiners Buch schildert das tragische Leben dieser Frau in sensiblen, einfühlsamen Worten. Zusammen mit den Bildern ist diese Biographie mehr als ein Buch.

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Hard stuff. Pollocks Geschichte ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Pollock schildert Amerikas dunkelste Ecken…

Deborah Feldman: Überbitten

Deborah Feldman hat mit ihrem Erstling Unorthodox, der ihre Säkularisierung, ihre Abkehr von der ultraorthodoxen chassidischen Gemeinschaft der Satmarer schildert, einen großen Erfolg. In diesem Nachfolgebuch widmet sie sich der Zeit nach dieser Abkehr, die für sie und ihren Sohn zwar die Freiheit bedeutete, aber auch einen absoluten Neuanfang verlangte: sie konnte weder auf Freunde, noch auf Geld oder Beziehungen zurückgreifen. Das alles gab es schlicht und einfach nicht für sie. Nach Jahren des Weges findet sie ausgerechnet in dem Land, das ihre Vorfahren ausrotten wollte, eine neue Heimat: … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Han Kang: Menschenwerk

Mit Han Kang hat mich der Roman einer weiteren Autorin aus Korea begeistert. Han widmet sich dem Süden des Landes, sie geht auf ein traumatisches Ereignis aus dem Jahr 1980 ein. Gäbe man sich der Vorstellung hin, nur weil Südkorea nicht kommunistisch ist, wäre es damals ein demokratischer Staat gewesen, so wäre dies im besten Fall naiv. Es war ein von den USA geduldetes/unterstütztes autokratisches System an der Macht, die diese mit allen Mitteln verteidigte. 1979/80 kam es im Land zu Unruhen, in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. In ihrem unaufgeregten und gerade dadurch so eindringlichen Bericht läßt die Autorin verschiedene Menschen, die damals die Aufstände erlebten, zu Wort kommen…

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit‎

Dieser Ransmayr ist ein wenig ein Irrläufer, da ich ihn schon 2016, am Ende des Jahres gelesen habe, aber in meinem seinerzeitigen Rückblick übersehen hatte. Deswegen also dieses Jahr der Hinweis auf die Geschichte des englischen Uhrmachers Cox, der vom chinesischen Kaiser an den Hof eingeladen wird, dort eine Uhr zu konstruieren, mit der der Kaiser hofft, auch Herr über die Zeit zu werden. Die Zeit… dieser Alltagsbegriff, der sich uns sofort entzieht, wenn wir versuchen zu definieren, was das ist, die Zeit…. In Peking trifft Cox mit seinen Leuten auf einen kaiserlichen Hof, der selbst in der Präzision eines Uhrwerks funktioniert und wehe, jemand versucht, auszubrechen aus diesem strengen Zeremoniell… Der Lauf der Zeit, ein Sprachkunstwerk des Österreichers.

Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg

Die Darstellung des 1. Weltkrieges aus englischer Sicht, wie sie Pat Barker in einem Romanwerk verfasst hat, umfasst drei Bände: Niemandsland,  Das Auge in der Tür und Die Straße der Geister. Ich bin eher durch Zufall auf dieses Werk gestoßen, dann auch noch auf den dritten Teil, aber ich war so fasziniert, daß ich mir die anderen Bände ebenfalls besorgt habe und voilà, ich kann es eigentlich jedem nur empfehlen, sich diesem Thema von einer Seite zu nähern, die man überlicherweise nicht so auf dem Film hat, weil man ja doch den Stellungskrieg in Frankreich eher mit – eben – Franzosen und Deutschen in Verbindung bringt. Daß auch die Engländer ähnlich hohe Totenzahlen aufweisen wie die Franzosen, ist wohl weniger präsent wie auch die sozialen Erschütterungen, die England im Nachgang durch dieses Gemetzel durchleben musste.

Sodele, dann schließe ich diesen Rückblick auf 2017, weiß, daß auch die anderen von mir vorgestellten Bücher des Lesens wert waren, weiß, daß ich (nicht viele, aber doch ein paar) Bücher gelesen habe, die hier im Blog nicht auftauchen, weil ich nicht dazu gekommen bin, die Besprechungen zu schreiben. Das verursacht mir ein klein wenig ein schlechtes Gewissen – den Büchern gegenüber… ,-)
Auf ein neues, wunderbares Lesejahr, auf ein Jahr, in dem jedoch auch das Lebens außerhalb des Bücherschranks zu seinem Recht kommen soll und darf!

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Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

Michael Cunningham ist 1952 geborener Amerikaner und als Schriftsteller u.a. mit dem Pulitzer-Preis für seinen auch verfilmten Roman Die Stunden ausgezeichnet [1]. Im vorliegenden Werk, schon von außen als Buch ein Genuss, hat er etwas ganz anderes als einen Roman geschrieben. Er hat sich den Märchen gewidmet, Rapunzel beispielsweise, die Schöne und das Biest, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen, den standhaften Zinnsoldaten (um einige zu nennen) und hat diese ‚hinterfragt‘, uminterpretiert, in unsere Zeit transferiert oder auch fortgeschrieben.


Manchmal führt dies zu ganz anderen Geschichten wie beispielsweise bei Hänsel und Gretel. Die im Märchen böse Hexe ist bei Cunningham eine durch ein ausschweifendes, mehrere Ehemänner verschlissen habendes Leben gealterte Frau, die sich, nachdem das Alter (auch der eigene Körper hat Spuren dieses Lebens davon getragen) sie gezeichnet hat, ein Häuschen, ein Zuckerhäuschen, im Wald gebaut hat, in der Hoffnung, Anlaufstelle zu werden für die, die etwas vorhaben, was keiner sehen soll. Die einzigen, die jedoch nach Jahren des Wartens auf ihr Häuschen stoßen, ist ein psychopathisches Pärchen…

Enger am ursprünglichen Märchentext bleibt Cunningham dagegen bei seiner Geschichte vom Gnomen (… aus einer Sippe unbedeutender Zauberer…), der unbedingt ein Kind haben bzw. aufziehen möchte, ein Begehr, das zu Verwirklichen ihm auf natürlichem Wege verwehrt ist. Als die Müllerstochter jedoch des großmäuligen Vaters wegen vom König mit Spinnrad, Stroh und dem Auftrag, daraus Gold zu spinnen, in ein Verließ gesperrt wird, sieht er seine Chance…

… oder die Schöne… auch sie vom Vater geopfert… wohl kann sie das Biest erlösen, doch als der schöne, muskulöse Prinz dann vor ihr steht und sie seine Augen sieht, fragt sie sich, ob dessen Verwandlung in ein Biest nicht einfach nur eine angebrachte Schutzmaßnahme war…

… oder auch der letzte, der zwölfte Prinz aus Andersens Die wilden Schwäne, der dort nur erwähnt wird, bei Cunningham kommt ihm die Hauptrolle zu. Er, mit seinem Schwanenflügel, wird zum und ist Aussenseiter, Ausgestoßener auch: die billigen Schänken und Bars und deren Bewohner werden seine Begleiter, Vergessen und Trost sucht er im Alkohol…

Das soll als Beispiel für den Inhalt des Buches und den Ansatz des Autoren reichen.


Märchen, diese alte, ursprünglich mündlich tradierte Form – bevor sie schriftlich fixiert wurde – von Geschichten sind ja nicht einfach nur schöne und/oder erbauliche Texte, sie (als Volksmärchen) sind tiefgründig, übermitteln verschlüsselte Wahrheiten und Botschaften. Ich hatte mich vor einigen Jahren einmal damit befasst, als ich gebeten worden war, etwas über Aschenputtel zu erzählen [siehe unten]. Verfremdet man solche Geschichten, die offensichtlich mehr als nur einen Boden haben, verflacht man sie notwendigerweise, weil man das in ihnen Versteckte mit der Umwandlung in eine neue Geschichte verliert. Das Märchen der beiden Kinder Hänsel und Gretel beispielsweise ist in vielfacher Weise deut- und interpretierbar [2], kehrt man die Rollen jedoch um (wie der Autor es hier gemacht hat)  wird aus dem vielschichtigen, uralten Schatz der Volksüberlieferung eine einfache Geschichte, die zwar auch eine Botschaft vermitteln kann, aber im Grunde doch ‚flacher‘ ist als das Original. Diese Tatsache tut – das möchte ich betonen – dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch, da man sich als Leser (oder auch Hörer…) meist weniger auf tiefenpsychologische Aspekte von Märchen konzentriert, sondern man sich einfach nur dem Genuss der Geschichten hingibt… Märchen erzeugen schließlich auch Gefühle und Emotionen.

Wer Märchen kennt, ist klar im Vorteil, denn Cunningham hat sich natürlich nicht nur an die bekannten Volksmärchen der Grimmschen Brüder oder Andersens gehalten, die meisten der zugrunde liegenden Originale sollten aber bekannt jedem und damit erkennbar sein. Nicht jede Geschichte gefällt gleich gut, das ist normal bei Märchen (und als (Kunst)Märchen werden auch Cunninghams Geschichten im Untertitel bezeichnet), aber zusammen mit den zauberhaften Illustrationen der japanischen (und in NY lebenden) Künstlerin Yuko Shimizu ist ein sehr, sehr schönes Buch entstanden, schon der Umschlag ist optisch und haptisch ein Genuss für die Sinne. Damit ist Ein wilder Schwan eine erste Adresse als Buch zum (Ver)Schenken, sich selbst und anderen…

Links und Anmerkungen:

[1] Über Cunningham hat die Wiki nicht allzu viel zu bieten, aber immerhin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Cunningham, dafür gibt es aber eine Homepage: http://www.michaelcunninghamwriter.com
[2] Wie es hier im Überblick geschrieben steht…: https://de.wikipedia.org/wiki/…Deutungen

Es gibt nicht allzu viel ‚Märchenhaftes‘ auf aus.gelesen, aber zumindest dies:

ein wenig was zu Aschenputtel
José María Guelbenzu: Spanische Hunger- und Zaubermärchen
E.T.A. Hoffmann: Meister Floh (ein Kunstmärchen)
Blaise Cendrars: Kleine Negermärchen

Michael Cunnigham
Ein wilder Schwan
Andere Märchen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Illustrationen von Yuko Shimizu
Originalausgabe: A Wild Swan and Other Tales, NY, 2015
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 156 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

Ich selbst erinnere mich an diesen Raum, der deutlich länger war als breit und in dem ich hier als damaliges Ich zu sehen bin. Wird es der erste halbwegs selbstständige Toilettengang gewesen sein? Wahrscheinlich nicht, aber ebenso wahrscheinlich war dieser Gang noch keine Selbstverständlichkeit, hatte noch den Charakter eines Versuchs, diese Errungenschaft der Zivilisation mir anzueignen. Ganz sicher jedoch war das damals, zu diesem Anlass, kein stiller Ort, auch kein Stiller Ort, meine ich doch noch die Stimmen meiner stolzen Eltern zu hören.

Dieses Bild gehört zu den tiefsten Erinnerungen, die ich habe. Ich erinnere mich an die Wanne, an deren Rand ich mich festhalte. Oft war sie voll mit Wäsche, die dort noch von Hand gewaschen wurde, ein Waschbrett, etwas, das man heute nur noch von Bäuchen kennt, gab es zum Schrubben der Wäsche, eine Mangel, das waren zwei über eine Kurbel angetriebene gegenläufig rotierende Walzen, die das Wasser aus den Wäschestücken pressten. In späteren Jahren (ich darf die Erinnerungen nicht vermischen!) gaba es eine andere Wanne, in der lagen Gurken und wurden geschrubbt, aus ihnen machte die Mutter Essiggurken, Gurkendoktors große Stunde. In der Wanne dagegen, die man auf dem Bild sieht, saß häufig auch ich, man hatte damals noch die kleinhandtellergroßen Brausetabletten, um ein Schaumbad herzustellen. Gibt es die noch? Vater musste dazu mit der Hand ganz kräftig im Wasser quirlen, ich trug meinen Teil zur Überschwemmung ganz sicher bei, Spaß hatten wir beide und der Raum roch nach Fichtennadeln.

Ein anderer stiller Ort, bei meiner Tante in einer Bergarbeitersiedlung. Ein Häuschen auf dem Hof mit einer Sitzbank und einem Loch, darunter eine Grube, die alles aufnahm, was von oben kam. Das Bild finde ich nicht mehr, ich habe gestern alles durchsucht. Das Haus, ein Bergarbeiterhäuschen im Kohlenpott, ist auf der linken Seite des Bildes abgeschnitten, etwas zurückgesetzt besagter Verschlag mit halboffener Tür. Ich stehe mit geringeltem Pullover und Pudelmütze (es muss also kalt gewesen sein) davor, ein Zeigefinger friert, sucht Wärme in meiner Nase, meine Tante stützt mich und beugt ihren Oberkörper zu mir herunter. Wer das Bild gemacht, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es  bedaure, daß ich dieses Bild vielleicht nur noch in der Erinnerung besitze.


Peter Handke [1] hat diesen Versuch über den Stillen Ort 2011 in der Einsamkeit und Dunkelheit sowohl der Rauhnächte als auch der menschenleeren Landschaft zwischen Paris und dem Meer, niedergeschrieben. Auch diese Situation eine Situation der Stille und der besonderen Atmosphäre in diesen letzten Tagen eines Jahres, die die welligen Weiten durchwirkt von düsterem Licht darbietet, kaum belebt von anderen Menschen, manchmal jedoch durchleuchtet für eine Stunde von der Sonne mit einem Schimmern, das herzhafter sich der Autor kaum vorstellen konnte, mit einem fast horizontal einfallendes Dezemberlicht, kein umfassenderes, belebenderes Grünen und Blauen, kein innigeres Glänzen als jenes der Grasmittelstreifen auf den den Feldwegen.

Handkes Büchlein ist eine Mischung aus Erinnerungen an und kleinen Betrachtungen und einem Sinnieren über die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dieses Stillen Örtchens, das still ist, weil es zweierlei im Besucher bewirkt: er ist allein auf diesem Ort, den er möglicherweise als Fluchtort sich ausgesucht hat, um für eine Weile einer Gesellschaft, für die er sich kurz erholen musste, um sie wieder zu ertragen, zu entkommen. Und still ist er, weil wir uns auf uns konzentrieren, jenes, was von außen kommt, zu einem Hintergrund verschmilzt, der nicht mehr stört. Mag uns das auch nicht bewusst sein, so merken wir es spätestens dann, wenn Schritte zu hören sind und wir vermuten, es seien Schritte gemacht in der Absicht, diesen Stillen Ort, den wir schon besetzen, (vergeblich) aufzusuchen: wir fühlen uns gestört, verunsichert, verteidigen den Ort möglicherweise mit einem Warnruf, der dem potentiellen, dem vermuteten, Eindringling ‚Halt!‘ gebieten soll.

Die frühesten Erinnerungen Handkes gehen zurück auf den versteckt liegenden Abtritt des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten mit der zurecht geschnipselten Zeitung als Papier, dem senkrechten Schacht, der auf den Misthaufen (oder in einer Grube?) sein Ende hat. Völlig unauffällig war dieser Ort verborgen hinter einer rissigen, alten Wand aus grau gewordenen Brettern. Schon hier taucht das besondere Licht in der Erinnerung Handkes auf, sogar zweierlei Lichter … das erste der Lichter von oben, an Ort und Stelle sozusagen, … das durch das Holz und aus dem Holz selber, wie gefiltert  drang, ein seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus; indirekt, das heißt ohne Fenster, dafür umso stofflicher; … Und das zweite der Lichter? war das, welches schachtaufwärts steigt … bis höchstens zur halben Höhe des Schachts … ein ganz anders stofflicher Schimmer als der den Äuger oben umgebende, … immer wieder räsoniert Handke über das besondere Lichtd, das er an diesen Orten wahrnimmt in seiner einhüllenden Atmosphäre.

Das Klosett, der Abtritt als Ort des Asyls, als Fluchtpunkt. Mir kommt jetzt die Geschichte von Belá in den Sinn, diesem ungarischen Jungen, der tagsüber arbeiten musste und sich nachts auf dem Abtritt versteckte, um dort ungestört trotz Gestank beim Flackern der Kerze zu lernen [3]. Auch Handke sah das Klosett in seinem Internat als einen möglichen Asylort an, der ihm Schutz bot und die äußeren Geräusche der lärmenden Mitschüler zu etwas fast ‚Heimeligen‘ verwandelte.

In dieser Phase des Erinnerns schleicht sich bei Handke eine seltsam anmutende Assoziation ein, kommt ihm das weit häufigere Aufsuchen des Beichtstuhls im Laufe der heiligen Messe … als etwas Vergleichbares vor die Augen. Der Beichtstuhl, auch ein stiller Ort mit seiner auf sich Selbstzurückgeworfenheit, an dem sich (nicht der Körper, aber) das Gewissen erleichtert bis hin zu dem fast beschwingten Rückweg in die Stuhlreihe, ähnlich dem leichten Gang von der Toilette, wenn die Erleichterung des Körpers dessen Wohlbefinden und daher das des Menschen merklich verbessert hat.

Noch einmal sollte den Autoren so eine Assoziation mit Kirchlichem ankommen. In einem Park (kurz vor dem Niederschreiben dieser Aufzeichnungen) in der Nähe der öffentlichen Bedürfnisanstalt sitzend kommt ihm der Zug der Menschen dorthin vor wie vergleichbar höchstens beim Kommuniongang des Kirchenvolkes während der heiligen Messe, … ein Vergleich, den Handke – er betont dies – nicht blasphemisch meint. Mich schockieren diese Vergleiche nicht, verfällt man nicht der Unsitte des Lesens auf dem Klo (oh ja, auch ich natürlich folge dieser), sondern nutzt die Gelegenheit der Achtsamkeit für sich, kann sich, so wage ich zu behaupten, ein sehr nach innen gekehrtes Moment in solchem Toilettenaufenthalt einfinden.

Es gibt auch eher skurril anmutende Passagen. Der junge Handke, der auf Wanderschaft gegangen ist, und dann ohne Geld in der Toilette übernachtet, halbkreisförmig um die Schüssel geschlungen die Nacht zu verbringen versucht… die Unfälle, die sich (gar nicht mal so selten) auf Toiletten ereignen bis hin zu dem von ihm erlebten, daß ein (gottseidank genügend) breitschultriger Bekannter kopfüber in einen Abortschacht fiel und über Nacht dort hängenblieb… ungefährlicher dann schon die Situation des stillen Friedensschlusses mit dem verfeindeten Professor, nachdem sich beide wortlos nebeneinander vor den Waschbecken und den Spiegeln dieses Ortes der Körperpflege widmeten und in dieser Intimität des Augenblicks unausgesprochen Differenzen schmolzen.

Ein prägendes Erlebnis in Japan. Erst an jenem Morgen eines schon längeren Aufenthaltes in diesem fremden Land, nach Betreten der Tempeltoilette in Nara, wurde Japan mir heimisch; kam ich dort auf der Insel an; nahm das Land, das ganze, mich auf. … Ankunfts-, Aufgenommenseins-, Hiesigkeitsgefühl? Der Stille Ort von Nara war auch einer der Befreiung. … Ich wurde … unbändig in ihm, erfüllt von belebend unbestimmter Energie. Und mehr noch der Begeisterung des Autoren über diesen Ort eines Geistes der Unverwundbarkeit… an dem, einem japanischen Dichter zufolge die alten japanischen Haiku-Dichter auf zahllose Motive gestoßen sind. Auf der Toilette, wenn wir nach dem Schließen der Tür der Welt auf Zeit entzogen sind, konzentriert sich unser Bewusstsein auf unseren Leib und seine Bedürfnisse, entkommen wir sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft, gelangen ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart, auch wenn sie nur wenige Augenblicke dauern mag. Verwundert es da, daß der Geist frei ist in diesen Momenten, offen für spontane Eingebungen, für Neues? Die Toilette also als Ort der Kreativität, auch der Norweger Kagge [4] berichtet davon in seinen Betrachtungen über die Stille. Es ist nicht verwunderlich, mir gefällt dieser Gedanke einer besonderen Art der Achtsamkeit dieses Stillen Ortes. Noch einmal zurück zur Toilette in Nara: auch hier wieder die Faszination durch das Dämmerlicht.

Und erst jetzt, lange im Nachhinein, merke ich: Ich habe zu erzählen vergessen, was der vordringliche und mächtigstes Anlaß zu diesem Versuch über den Stillen Ort war, nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten, von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens – immer wieder erlebt, und im Lauf des Lebens zunehmend stärker, im Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den anderen. 

Der Stille Ort, bzw. eher wohl noch die Stille des Ortes ist es, die eingesperrt-zurückgedrängte Gedanken freigibt, die sie Worte finden läßt, in denen sie denkbar, formulierbar, sprechbar werden: kein Widerspruch, der sich im ersten Lesen möglicherweise angedeutet haben mag, sondern heilsame Wirkung der Stille.

Der Stille Ort, der für den Autoren in den ersten Epochen seines Lebens mehr ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort war, änderte diese Funktion im Lauf der Zeit. Er wurde Schlafplatz, ein Ort auch der Reinigung des Äußeren, ein Ort zum Nachdenken, ja, ich scheue mich nicht, den Begriff ‚meditativ‘ in diesem Kontext zu nennen. Ein Ort auch der Geometrie, der Form, was ich hier jetzt nur in diesem Satz festhalten möchte, Handke läßt sich ausführlich über diesen Zusammenhang aus.

Wenn wir uns als Leser dem Thema öffnen – und es geht Handke nur um den Ort an sich, nicht um das, was dort praktisch durchgeführt und erledigt wird und dann auch anrüchig erscheint – erkennen wir die Wahrheit, die Handke ausspricht. Dieser profane Funktionsraum, ausgerechnet dieser Funktionsraum ist so viel mehr und er ist es, sind wir ehrlich, auch für uns. Auch für uns ist er Fluchtort, gewährt er uns für Minuten Asyl und Schutz, bringt er uns auf andere Gedanken. Weil er uns die Möglichkeit gibt, uns auf uns, unseren Körper, der mit Seele und Geist eine Einheit bildet, zu konzentrieren und uns damit zu öffnen. Damit wird er zum wahren Stillen Ort.

Handke, einer der deutschsprachigen ‚Groß’autoren hat diverse Versuche publiziert: ~ über die Müdigkeit, ~ die Jukebox oder ~ den geglückten Tag. Dieser erscheint möglicherweise am exotischsten, Erinnerungen und Philosophisches zum Klosett, zum Abort liegen nicht a priori auf der Hand. Um so verdienstvoller ist der Versuch Handkes, den Ort der Verrichtung profaner Körperfunktionen nicht nur als Erinnerungsort festzuhalten, sondern ebenso, ihn gedanklich zu durchleuchten. Er hebt damit implizit auch den Vorgang der inneren Reinigung des Körpers, die hier vollzogen wird, aus seiner Profanität heraus und weist ihm die Rolle und Bedeutung zu, die ihm zukommt. Greifen wir diese Gedanken als Anregung auf, die Toilette zukünftig bewusster als Ort der Ruhe und der Reinigung wahr- und anzunehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] ach, es gibt so vieles über Handke im Internet… eine Übersicht jedenfalls hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke
[2] —
[3] János Székely: Verlockung (Besprechung im Blog)
[4] Erling Kagge: Stille (Besprechung hier im Blog)

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 110 S., 2012

 

Philippe Brenot, Laetitia Coryn: Sex Story

Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Gay Talese: Der Voyeur

Gay Taleses  Der Voyeur ist ein verstörendes Buch, denn der Autor ist kein Romanschriftsteller, der sich Figuren ausdenkt und Handlungen konstruiert. Er ist ein Sachbuchautor, der nichts erfindet. Die Geschichten, die ich schrieb – so führt Talese aus –, erhielt ich von Leuten, mit denen ich sprach und die ich für eine Zeitlang begleitete. Ich verbarg nichts vor meinen Lesern: echte Namen und Faktgen, die sich überprüfen lassen – oder es gab keine Story. Was die Reporterlegende Talese [1] in diesem Buch also festhält, ist so geschehen, auch wenn sich bei genauer Recherche einige Ungereimtheiten ergeben, die aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Story wohl nichts ändern [3].

Der Kontakt Taleses mit Gerald Foos, dem Mann, um den er hier geht, währte einige Jahrzehnte, 1980 erhielt der Autor einen handgeschriebenen Brief von Foos, in dem dieser u.a. ausführt, daß er seit fünfzehn Jahren Besitzer eines kleinen Motels ist, das er erworben hat, um seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und sein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

In realiter bedeutete dies, daß Foos (das fragliche Motel ist auf dem Cover schön zu sehen) den Dachboden des Motels dick mit schallschluckenden Teppichen ausgelegt hatte und einige der Zimmer derart präpariert waren, daß er von seiner ‚Beobachtungsstation‘ auf dem Dachboden direkt in das Zimmer schauen konnte. Dazu waren im Zimmer speziell konstruierte Gitter in die Decke eingelassen, die auf den ersten Blick von unten nach der Abdeckung eines Abluftkanals aussahen. Durch diese Vorrichtungen konnte Foos das Zimmer, wenn die Tür offenstand, auch die Toilette beobachten. Das dies keine bloße Erfindung des Briefeschreibers war, konnte Talese bei einem Treffen mit ihm nachprüfen: ein einziges Mal war er selbst mit auf dem Dachboden und beobachtete zusammen mit dem Voyeur ein Paar beim Oralverkehr – wobei ihm die Krawatte durch das Gitter in das Zimmer rutschte, eine gefährliche Situation für die beiden Spanner, der Mann hatte jedoch die Augen geschlossen gehalten.

Foos hatte Talese am Beginn ihrer Bekanntschaft ein Dokument unterzeichnen lassen, mit dem sich der Autor zur Verschwiegenheit verpflichtete. Erst Jahrzehnte später, als Foos schon alt, das Motel lange verkauft und mittlerweile sogar abgerissen war, erteilte er Talese die Erlaubnis, über seine Beobachtungen zu schreiben und dies zu veröffentlichen.

Denn Foos, der das heimliche Beobachten schon als Junge kennen- und lieben lernte (… When he was a child, his mother’s married sister, Katheryn, lived in the farmhouse next door. At the age of nine, he said, he started watching her. …. His aunt Katheryn liked to sit at her dressing table with no clothes on, arranging her miniature porcelain dolls or her collection of “valuable thimbles. …) sah sich selbst nicht als einfacher Spanner, bzw. Voyeur, im Gegenteil schrieb er sich den Anspruch zu, das (Sexual)Verhalten und dessen Wandel im Lauf der Zeit von sich unbeobachtet fühlenden Menschen in seinen ausführlichen Tagebüchern zu dokumentieren. Erwähnenswert ist, daß die Ehefrauen von Foos (sowohl Donna, seine erste Frau und später, nach der Trennung von Donna, auch Anita, seine zweite Frau) von seiner Passion wussten, sie hin und wieder sogar mit ihm teilten.

In dem Buch beschreibt Talese in groben Zügen das Leben und den Lebenslauf von Gerald Foos, der sich im Grunde in den der meisten Menschen einfügt, ich gebe das hier nicht im Einzelnen wieder. Talese formuliert sein eigenes Interesse an der Geschichte folgendermaßen: I was hoping to get his permission to read the hundreds of pages that he claimed to have written during the past fifteen years, with the result that he would one day allow me to write about him. I knew that he viewed himself as a sex researcher along the lines of Alfred Kinsey, and I assumed that his account centered on what excited him sexually, but it was possible that he noted things that existed beyond his desires. Eine Erlaubnis, die er, auch wenn das neue Jahrtausend schon lange angebrochen war, eines Tages tatsächlich erhalten sollte.

Und in der Tat – und das ist das Zwiespältige (aber im Grunde auch Triviale) an dieser ganzen Geschichte – spiegeln sich in den Aufzeichnungen von Foos die gesellschaftlichen Änderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten sind, wieder. War beispielsweise bei gemischtfarbigen Paaren einer der beiden in den frühen Jahren bei der Anmeldung im Auto geblieben, änderte sich dies später und beide kamen zur Rezeption. Analoges gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare, auch änderten sich die Praktiken, ebenso notierte Foos, wie sich mit den Jahren die Frauen als immer selbstbewusster präsentierten. Viele Stunden der Beobachtung waren langweilig, weil nichts geschah, im Zimmer Sprachlosigkeit zwischen den Partnern herrschte oder einfach nur Fernsehen geschaut wurde. Interessant ist die Wirkung, die das jahrelange heimliche Beobachten auf Foos selbst hatte: er war misstrauisch geworden und mied später allgemein die Menschen, deren Verhalten ihn enttäuscht hat. Die einzigen, so gibt Talese ihn wieder, die generell wirklich liebevoll und sanft miteinander umgegangen wären, waren lesbische Paare.

Es kam erstaunlicherweise nur sehr selten zu Situationen, in den Foos in der Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Die bizarrste ist wohl die, in der sein eigenes Sperma durch das Abdeckgitter tropfte, die Frau jedoch beeindruckt davon ausging, es wäre das ihres Partner, dem sie gerade mit der Hand einen fulminanten Höhepunkt verpasst hatte.

Es gab Situationen, in denen es nicht beim Beobachten blieb – abseits der (wie oben angedeutet) vorgenommenen Selbstbefriedigungen. Wenn Foos beispielsweise beobachtete, daß im Zimmer mit Drogen gedealt wurde, konnte es vorkommen, daß er, wenn das Zimmer leer, in das Zimmer ging und die Drogen durch die Toilette wegspülte. Einmal kam es nach einer solchen Aktion bei der Rückkehr des Paares, das das Zimmer gemietet hatte, zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, da der Mann der Frau unterstellte, die Drogen an sich genommen zu haben. Den Aufzeichnungen von Foos nach, der diesen Streit beobachtet hatte, lag die Frau nach den Schlägen des Mannes bewusstlos, aber atmend, auf dem Zimmerboden, so daß er sich damit beruhigte, daß am nächsten Tag alles wieder in Ordnung sein werde bei der Frau. Das Zimmermädchen jedoch fand sie am nächsten Morgen tot vor. Dies ist eine der erwähnten Ungereimtheiten, denn als Talese diesen Mord Jahre später verifizieren wollte, war das nicht möglich, eine Gewalttat war in keinen offiziellen Unterlagen nachzuweisen. Die Beschäftigung mit diesem Ereignis, das für Talese eine unterlassene Hilfeleistung durch Foos bedeutet, die einem Menschen den Tod nach sich zieht, nimmt im Buch einen größeren Raum ein. Foos selbst versucht sich durch die Tatsache, daß er die Frau noch atmend gesehen hat, er andernfalls aber eingeschritten wäre, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Talese beschreibt und zitiert jedoch nicht nur, er versucht auch, den Ursprüngen dieser Leidenschaft in der Biografie Foos‘  nachzuspüren, dessen Motivation zu erkennen und ebenso, welche Bild Foos von sich selbst hat. Bezeichnend ist beispielsweise, daß er in seinen Aufzeichnungen von sich selbst in der dritten Person spricht: er ist, sobald er auf dem Dachboden liegt ‚der Voyeur‘, Gerald Foos ist er nur ausserhalb des Dachbodens. Foos war sich auch nie einer Schuld bewusst. Die Tatsache, daß nie jemand von seiner Beobachtung wusste und daß er nie jemandem Schaden zugefügt hatte, reicht ihm ein Leben lang aus, sich von Schuld freizusprechen. Am Ende des Buches, beim letzten Treffen von Talese und Foos im Jahr 2013, weist Foos empört auf die vielen Beobachtungskameras hin, mit denen praktisch alles aufgezeichnet wurde, ohne daß man weiß, wozu es verwendet wird. So sieht sich Foos eher in der Nachfolge von Kinsey als in der Phalanx anderer Spanner, die sich am heimlichen Beobachten erregen, entsprechend niedrig liegt sein Schuldbewusstsein und konsequenterweise stellt er seine Handlung auch später nicht in Frage.

Talese beschreibt und untersucht jedoch auch das eigene Interesse, seine Motivation, den Kontakt mit Foos über Jahrzehnte hinweg, teilweise locker, teilweise intensiver, aufrecht erhalten zu haben. Für Foos scheint der Autor die einzige Ansprechperson gewesen zu sein, bei der er über seine Aktivitäten geredet hat, ein Ventil, durch das er den Druck, der sich in ihm aufbaute, ablassen konnte. Da er sich ja nicht als primitiver Spanner verstand, brauchte er jemanden, der die von ihm beanspruchten und im Tagebuch festgehaltenen und aufbereiteten Erkenntnisse (im Fototeil des Buches ist eine Statistik von Foos wiedergegeben, in der er den Geschlechtsverkehr der von ihm beobachteten Motelbesucher nach diversen Kriterien aufschlüsselt…) würdigen und letztlich auch in die Öffentlichkeit bringen soll.

Der Voyeur, ein Buch, das interessant ist, das das moralisch fragwürdige Verhalten eines Mannes dokumentiert, das aber beim Lesen auch ein schlechtes Gewissen macht, weil man durch die zitierten Tagebucheinträge von Foos das Gefühl hat, selbst wie ein Voyeur heimlich in die Zimmer des Motels zu schauen und in die Privatsphäre dieser unbekannten Menschen einzudringen – auch wenn man weiß, daß seit dem Geschehen schon Jahrzehnte vergangen sind.

Links und Anmerkungen:

[1] der Wiki-Beitrag zu Gay Talese: https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Talese
[2] Buch(ausschnitte?) im New Yorker:  http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/11/gay-talese-the-voyeurs-motel. Diesem Beitrag sind auch die englischen Zitate entnommen.
[3] vgl dazu diesen Artikel in der NYT:  https://www.nytimes.com/2016/07/02/books/gay-talese-defends-the-voyeurs-motel.html

Gay Talese:
Der Voyeur
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber
Originalausgabe: The Voyeur’s Motel, NY, 2016
diese Ausgabe
: Hoffmann und Campe, HC, ca. 224 S., 2017