sodele, mal ein ganz anderer beitrag und zwar eine

einladung in eine facebook-gruppe,

die ich vor ein paar tagen ins leben gerufen habe.

ich will dort – mit eurer hilfe! – links zu rezensionen, buchvorstellungen etc von buchtiteln, die auf privaten buch- bzw. literaturblogs veröffentlicht wurden, sammeln, weil ich es sinnvoll finde, diese infos (wer hat das buch noch gelesen und besprochen?) an einer stelle zu konzentrieren. es soll eine reine linksammlung ohne diskussion etc. sein, die diskussionen über die bücher sollen weiterhin dort stattfinden, wo jeder sowieso schon aktiv ist. in der ‚gruppenbeschreibung‘ habe ich das in der von mir gewohnt verbindlichen weise beschrieben… ;-)

facebook01

die gruppe ist noch relativ klein, aber das kann – und wird sich hoffentlich!! – jetzt ändern. ich würde mich freuen, wenn viele teilnehmen, ich denke, im lauf der zeit könnte da eine menge an infos zusammenkommen.

https://www.facebook.com/groups/rezis.links/

span maerchen

Spanien ist, zumindest im europäischen Rahmen betrachtet, nicht das Land, in dem man eine große Märchenkultur verorten würde. Und in der Tat, die Aufzeichnung und literarische Bearbeitung dessen, was wir als „Volks-“ oder „Hausmärchen“ (im Gegensatz zum Kunstmärchen á la E.T.A. Hoffmann beispielsweise) ansehen, Märchen also, die traditionell mündlich weitergegeben und dann in Sammlungen á la Grimm schriftlich fixiert wurden, ist in Spanien eine relativ neue Entwicklung. In seinem Nachwort An den Leser führt der 1944 in Madrid geborene Schriftsteller Guelbenzu [1] aus, daß die frühen Märchensammlungen vor dem 14. Jhdt sich aus den spanischen Versionen orientalischer Geschichten zusammensetzen. Im Lauf der nächsten Jahrhunderte gab es einige bemerkenswerte spanische Erzähler, bevor im 18. Jhdt das Interesse an Märchen zunehmend nachließ und erst im darauffolgenden Jahrhundert wieder sporadisch zunahm. Summarisch jedoch gilt, daß das literarische Märchen in Spanien keine sehr verbreitete Gattung ist. … von einer Tradition im herkömmlichen Sinn überhaupt nicht die Rede sein kann, sondern man es eher mit einzelnen Schüben zu tun hat, ebenso leidenschaftlich wie selten.

Das spanische Märchen, dies erklärt auch den etwas seltsam anmutenden Titelbestandteil vom „Hungermärchen“ ist im allgemeinen durch bestimmte Charakteristika gekennzeichnet. Zum einen stellt es den Witz, den Einfallsreichtum, die Gerissenheit, Listigkeit in den Vordergrund, da – so der Autor – in Spanien die „Erfindungsgabe“ hoch angesehen war, sie galt in dieser unsicheren, von der Kirche unterdrückten Welt immer als die größte Tugend. Zum zweiten zeigt sich in den Märchen die Liebe des Spaniers zum Wunder als mögliche Lösung aller Probleme, von Hilfe also, die dem Helden vom einem Dritten zuteil wird, und zwar häufig, ohne daß eine Gegenleistung gefordert wird. So heißt es in dem Märchen Das Mädchen ohne Arme beispielsweise: Da zeigte sich ihr eine wunderschöne Frau und sprach: „Nimm diese Decke hier. Wenn du sprichst ‚Tischlein deck dich‘, werden vor deinen Augen Speisen erscheinen, wann immer du brauchst. … Spanische Märchen, zum dritten, sind realistisch. Das Elend des Landes, in dem oftmals Hungersnöte herrschten, ist in vielen Märchen Thema: Armut, Schmutz, Hunger, Krankheit und Tod. An ihnen knüpft sich oftmals eine grausame Handlung an, der Titel des weiter vorne schon zitieren Märchens vom Mädchen ohne Arme [2] zeigt dies: in dieser Geschichte beispielsweise werden der mildtätigen Tochter vom Vater, den ihre Freigiebigkeit ärgert, die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Überhaupt sind Grausamkeiten an der Tagesordnung, das Zerstückeln, Zerhacken, Zerschmettern, Abhacken, Einschlagen, Verbrennen, Verbrühen, Blenden etc pp beliebte Ingredienzien vieler Geschichten, wobei aber – es sind ja Märchen – die Helden oder Heldinnen am Ende wieder geheilt werden oder sind, die Bösewichte eher nicht…..

Natürlich gibt es thematische Überschneidungen und Ähnlichkeiten der Motive mit Märchen aus anderen Kulturkreisen. Das Opfer des eigenen Kindes, ein schon biblisches Motiv. Das Entkommen aus der Höhle des geblendeten, einäugigen Riesen im Durcheinander der Schafherde ist von Odysseus her bekannt… Die Figuren, die uns in den Märchen begegnen sind die, die wir auch aus den heimischen Geschichten kennen: Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Gnome, Müller, Schneider, Köhler und Schuster, schöne Menschen und häßliche, gute und schlechte. Oft sind es drei Brüder oder Schwestern, von denen eine/r, meist die/der Jüngste ein schweres Schicksal hat, bevor sich alles zum Guten wendet… Tod und Teufel sind beliebte Figuren, der Teufel, der vordergründig hilft und Wunder vollbringt, die aber an Bedingungen geknüpft sind, die ihm die Seele des Betreffenden sichert… oder auch nicht, denn durch Gerissenheit und  Einfallsreichtum ist selbst der Teufel zu überlisten. Ein schönes Beispiel dafür ist im Märchen Der Teufel hilft dem Pächter zu finden. Als Preis für seine Hilfe fällt dem Teufel das Kind zu, die Frau jedoch besteht ihm gegenüber darauf, daß die Hälfte des Kindes ja ihr sei und er es nur bekäme, wenn er für sie eine Aufgabe löse, nämlich ein Haar geradezubiegen. Und geschwind riss sie sich ein Achselhaar aus und reichte es dem Teufel. Na, schon ausprobiert, wie das ausgeht?

Die Liebe… natürlich spielt sie eine große Rolle in vielen dieser Märchen. Sie blüht schnell auf, wird auf die Probe gestellt und bewährt sich, fällt niederträchtiger Verleumdung anheim, muss Krisen überstehen….   Da gestattet die Prinzessin dem Niederen schon mal, daß er zu ihr ins Bett kommt, um so in den Besitz der Kostbarkeit zu kommen, die dieser beim Umgraben des Gartens fand…. und häufig ist die Prinzessin der Preis, der für den Helden bzw. den sich erst noch bewähren müssenden Helden ausgelobt wird…. In manchen Werken wird die Liebe zur Erotik und in diese wiederum poetische Bilder gepackt, wenn etwa die schöne Maid nächtens am Fenster singt: Komm schnell herbei, Königssohn / denn die Lavendelblüte, / die öffnet sich schon und der derart Herbeigesehnte dann Nacht für Nacht in Gestalt eines Vogels erscheint. Ob sich die beiden die Zeit bis zum Abschied am Morgen wirklich nur unterhielten, wie es im Märchentext danach weiter heißt? Schließlich läßt er ihr ja jedesmal aus einem Beutelchen das Gold da….


In der vorliegenden Zusammenstellung hat der spanische Autor Guelbenzu [1] Märchen aus allen Regionen und Zeiten Spaniens ausgewählt und bearbeitet. In manchen der Geschichten merkt man das, wenn beispielsweise davon die Rede ist, jemand sei (ohne daß dies vorher bekannt war) Sohn eines Mauren.  Andere Texte wiederum könnten ebenso gut aus anderen Kulturkreisen stammen, etwas verwirrend beim Lesen ist die häufige Verwendung des Namens „Hans“, der nur wenig spanisch klingt…. Teilweise lagen Guelbenzu mehrere Versionen einer Geschichte vor, die er zusammenfasste, beim Neuschreiben wurde versucht, die Charakteristika der mündlichen Erzählweise beizubehalten, ferner bemühte er sich um eine Vereinheitlichung des Stils.

Ich habe dieses Büchlein aus der Andere Bibliothek schon eine geraume Zeit bei mir im Regal stehen. Daß ich es jetzt herausgenommen habe, liegt daran, daß ich für meine Vorleseveranstaltung ein Thema brauchte, das eigentlich ausgesuchte ist sozusagen „geplatzt“. In so einem, – na ja, Notfall ist zwar etwas übertrieben, es aber musste kurzfristig ein neues Motto her – also, in so einer Situation sind Märchensammlungen immer sehr praktisch…. In meine Lesung habe ich zusätzlich noch zwei kleinere Geschichten aus anderen Quellen aufgenommen, die explizit in der Herrschaft der Mauren in Spanien angesiedelt sind und die damit eine wichtige Epoche des Landes (und im Grunde ganz Europas) repräsentieren.

José María Guelbenzus Spanische Hunger- und Zaubermärchen sind eine unterhaltsame, nicht unbedingt auf Kindertauglichkeit herunter entbrutalisierte Sammlung von Geschichten, von denen viele uns gar nicht so fremd erscheinen und in Die Andere Bibliothek wie immer in einem Rahmen präsentiert, der dem Bücherfreund das Herz ein wenig höher schlagen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren gibt es wenig auf deutsch. Wer des Spanischen mächtig ist, findet neben der Website des Autoren: http://www.jmguelbenzu.com/index.php einen Eintrag in der Wiki: https://es.wikipedia.org/wiki/José_María_Guelbenzu, ansonsten hat die Krimi-Couch eine Kürzestbiographie auf deutsch ‚vorrätig‘: http://www.krimi-couch.de/krimis/jm-guelbenzu.html, aus der ersichtlich ist, das Guelbenzu  (auch) in diesem Genre arbeitet.
[2] vom Spiegel (6/2000) in einer Rezension mit dem mustergültigen Titel Torso im Glück beispielhaft aus der Sammlung („verdienstvolle Hispano-Anthologie“) herausgepickt:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16597500.html

José María Guelbenzu
Spanische Hunger- und Zaubermärchen
Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange
mit 12 Fotographien aus dem alten Spanien

Originalausgabe: Edition Cuentos Populares españoles, 1996/7, Madrid
diese Ausgabe: Eichborn, HC, (Die Andere Bibliothek, Bd. 183), ca. 346 S., 2000)

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Mascha Kaléko wurde 1907 im damaligen Österreich-Ungarn (heute Polen), in Galizien, geboren. Um Progromen zu entgehen, floh die Familie 1914 nach Deutschland. Mascha war, da die Eltern nur nach jüdischen Ritus verheiratet waren, offiziell als uneheliches Kind zur Welt gekommen, die Eltern heirateten standesamtlich erst 1922. Über Frankfurt und Marburg kam die Familie Engel (es gab noch einige Geschwister) schließlich nach Berlin, ins Scheunenviertel, damals das Viertel der ärmeren Juden.

Mit 21 Jahren heiratete Mascha den Hebräischlehrer Saul Kaléko, in diesen Jahren gehörte sie bald dem Kreis der künstlerischen Bohème der Hauptstadt an, die sich Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre im „Romanisches Café“ [6] trafen, Literaten wie Tucholsky, Klabund, Else-Lasker Schüler, Erich Kästner, Walter Mehring, Ringelnatz- nicht alle von ihnen sind heute noch bekannt.

Erste Gedichtveröffentlichungen folgten, 1933 publizierte sie ihr Lyrisches Stenogrammheft [5], von dem Heidegger so begeistert war: Ihr Stenogrammheft zeigt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben ist. Die Ehe mit Saul Kaléko war nicht von langer Dauer, Mascha lernte den Musiker Chemjo Vinaver kennen, sie beschreibt es in einem Gedichtfragment: Ich kannte ihn vom Sehen und Hörensagen, (ehe mir selbst das Hören und Sehen verging)/Er aber liebte mich schon/Sieben Jahre/Sieben Jahre suchte er mich…. Sieben Jahre, die mythischen sieben Jahre, warb Chemjo um Mascha, wie einst Jakob und Rahel.. und dann….

Als wir zu dritt
Die Straße überquerten
…..
Ergriff ich den Arm des einen,
Der rechts von mir ging.
Nicht den des anderen,
Dessen Ring ich trug.
“ [2]

Mascha und Chemjo bekamen einen Sohn, den sie später in den USA Steven nannten, und schließlich willigte Saul Kaléko in die Scheidung ein, 1938 konnten die beiden Liebenden heiraten.

Gedenktafel an der alten Adresse Mascha  Kalékos in der Bleibtreustr. 10/11 Bildquelle: [B]

Gedenktafel an der alten Adresse Mascha Kalékos in der Bleibtreustr. 10/11
Bildquelle: [B]

„Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.
Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort.
Hier besuchten mich meine Freunde
Und die Gestapo“.
[2]

Die paar leuchtenden Jahre in Berlin (wie Mascha diese Zeit nannte) waren bald vorbei und wurden durch die große Verdunklung abgelöst. Bei Rowohlt erschien noch ein weiterer Gedichtband und Mascha Kaléko hatte mittlerweile einen Namen als Großstadtdichterin. Dann merkten die Machthaber aber doch, daß sie Jüdin war, 1935 wurde sie  aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und stand unter Publikationsverbot. Eine zeitlang konnte sie noch unter einem Pseudonym zum Familieneinkommen beitragen. Im September 1938 schließlich mussten sie die Bleibtreustraße 10/11, in der sie lebten, endgültig verlassen, über Hamburg und Paris emigrierten sie nach New York. Das letzte Gedicht, das sie in ihrem Leben schrieb, war dieser Straße gewidmet.

Die (erste) Zeit in New York muss schwierig gewesen sein: in Deutschland war sie die bekannte Dichterin Mascha Kaléko, hier die fremde jüdische Emigrantin Mrs. Vinaver. Zwar lernte Mascha gut und schnell Englisch, so daß sie über Werbetextung (u.a. für Büstenhalter) zum Unterhalt beitragen konnte. Ihr Mann tat sich schwerer mit der Sprache und dem Einleben, er leitete Chöre und dirigierte, aber dies waren Auftragsarbeiten und kein gesichertes Einkommen. Mascha musste viele der Wege zu Ämtern und Behörden erledigen, auch in New York gehörten Emigranten nicht zu den bevorzugten Einwohnergruppen. Aus einigen Briefpassagen kann herausgelesen werden, daß die Kontakte zu anderen Menschen in der Stadt nicht groß waren. Die fremde Sprache, die vielen Pflichten, Mascha fand kaum Ruhe für ihre eigene Arbeit.

Kaléko/Vinaver blieben in New York, ein anderer, großer Teil der aus Deutschland emigrierten Künstler dagegen siedelte sich in Kalifornien an, Lion Feuchtwanger [3] und Thomas Mann waren für diese Kreise so etwas wie Kristallisationspunkte. Dieser geographische Abstand dürfte die relative Abschottung für Kaléko/Vinaver zementiert haben, ich gehe davon aus, daß ein Hauptmotiv, in NY zu bleiben, die beruflichen Möglichkeiten für Chemjo waren, die er sich dort aufgebaut hatte. Dieser Ablauf sollte sich im späteren Leben der beiden noch einmal wiederholen: Chemjo zuliebe verließ Mascha nach über 20 Jahren in den USA dieses Land, um nach Israel zu gehen: noch eine Entwurzelung für sie, die seit ihrer Kindheit in der Welt umherirrte.

Was das Leben der beiden weiter belastete, waren die gesundheitlichen Probleme des Mannes, der unter Atembeschwerden, Asthma und auch Herzbeschwerden litt. Die Sorge um das Befinden des geliebten Mannes ist einer der immer wieder, in jedem Brief auftauchenden Punkte, auf die Mascha eingeht.


Ihre engsten Freunde hatten den Holocaust überlebt, die Eltern lebten mit den beiden jüngsten Geschwistern in Tel Aviv, nur von der jüngern Schwester Lea gab es kein Lebenszeichen, die beiden sollten sich während dieses Berlinbesuches Maschas wieder finden. Dagegen waren zwei Brüder des Mannes in Konzentrationslagern ermordert worden. 1956 schließlich war Mascha Kaléko innerlich bereit und in der Lage, wieder nach Deutschland zu reisen. Von dieser Reise, die ein Jahr dauern sollte und Silvester 1955 begann, berichtete sie ihrem Mann fast täglich in ausführlichen Briefen und Postkarten. In dem vorliegenden kleinen Bändchen aus dem dtv ist hierzu eine Sammlung herausgegeben. Die Antwortbriefe ihres Mannes sind nicht erhalten noch weiß man, warum Mascha Kaléko sie vernichtet hat.

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Sie kommt mit dem Schiff am 8. Januar 1956 in Hamburg an. Ihre Briefe berichten ausführlich von den Erfahrungen und Eindrücken, die sie in den Städten, die sie besucht, gemacht hat bzw. macht. Es sind natürlich widersprüchliche Eindrücke, insbesondere die in Berlin erlebten. Berlin war ihre Heimat, hier spielte sie die Großstadtklaviatur aus den Eff-Eff – und von hier musste sie fliehen, um zu überleben. Die Stadt selbst war noch ein Trümmerfeld, der Ku-Damm dagegen schon glamourös, Mascha vergleicht ihn mit den Prachtstraßen New Yorks. In Deutschland war das Wirtschaftswunder in Schwung gekommen, es gab Reiche und Reichtum zu sehen. Aber es gab eben auch die Trümmer, die Versehrten in den Straßen, die Armen im Schatten des Wachstums.

Dabei trauerte Mascha Kaléko weniger um die materiellen Schäden in den Straßen (die sie gleichwohl erschüttern), sondern mehr um die verloren gegangene Atmosphäre. Sie vermisste den Humor, den Esprit, die Feinsinnigkeit – die Juden eben. Was sie bei den Deutschen erlebte, war eher derb und platt, die Witze im Radio sind viel gröber geworden, auch in erotischer Beziehung, intelligentere Witze musste man erklären.

„Jeder Sturmbannführer ein Pazifist,
So lautet das liebliche Märchen,
Und wieder leben Jude und Christ
Wie Turteltaubenpärchen…“

Die Menschen, die sie in den Straßen sieht, sind die gleichen, die sie wenige Jahre zuvor aus dem Land trieben – es ist ein stetes Misstrauen zu spüren. Es ist Winter, als sie ankommt: die langen Mäntel, die die Menschen tragen, erinnern sie an die der SS, verbreiten für sie eine düstere Atmosphäre in den Straßen. Am 19. Januar beschreibt sie, daß sie aber auch vielen Menschen begegnet, die einen so ordentlichen und menschlich anständigen Eindruck [machen], daß ich manchmal ganz verwirrt bin. … die jungen Leute, die in den Redaktionen sitzen, betrachten die als „altes Eisen“ und sind von ganz anderer Art. Die sind meistens noch sehr nazi-infiziert, im Gegensatz zu den 50jährigen, die klarer sehen.

Das Geld, sie gehört nicht zu den Reichen. Für jede Nacht muss sie sich Unterkunft mieten, mehr als einmal kommt sie in die vorbestellte Pension, um zu hören, daß das fest zugesagte Zimmer doch anderweitig vergeben wurde. Jede Nacht reißt ein Loch in ihrem Geldbeutel, ebenso das Essen, die notwendige Fahrerei. Minutiös beschreibt sie dies (und auch ihren Tagesablauf) in den Briefen, die so in der Gesamtschau eine Beschreibung sind westdeutscher und berliner Zustände im Jahr 1956: 1/4 Heringssalat à 40 Pfg, Brot mit Lachsschinken Mk. 1,50, eine große Flasche Apfelsaft 1,– Mk., 1 Pfd dunkle Trauben 3,90 Mk. Ein Zimmer kam zwischen 5 und 10 Mk., Frühstück um die 2,50 Mk (war aber oft obligatorisch)….

Sceenshot der ZEIT-Ausgabe vom 12. April 1956

Sceenshot der ZEIT-Ausgabe vom 12. April 1956

„Beruflich“ ist ihr Besuch in Deutschland ein voller Erfolg. Viele Menschen erinnern sich noch an sie [4], ihre Radiointerviews, ihre Lesungen sind gut besucht und begeisternd, in den Buchhandlungen sind wieder – so wie vor zwanzig Jahren – ihre Gedichtbände in der Auslage zu sehen – und (wichtig für sie) zu kaufen [5]….. Teilweise gibt es schöne Honorare, die ihr für ein paar Tage die Geldsorgen etwas erleichtern, sie wird oft eingeladen und ist viel unterwegs.

Immer natürlich enthalten die Briefe ausser diesen Berichten und Eindrücken auch die besorgten Fragen nach dem Befinden des Mannes und dem des wohl flügge gewordenen und selbstständig werdenden Sohnes. Für den Sommer ist geplant, daß Chemjo nach Deutschland kommt, beide hoffen, daß hier in einem Kurbad oder prinzipiell das Asthma des Mannes geheilt oder gemindert werden kann. Der Aufenthalt von Chemjo Vinaver läuft übrigens nicht ohne Probleme ab, Mascha macht den Fehler, für sie beide, die seit vielen Jahren in getrennten Zimmer schlafen, ein Doppelzimmer zu mieten. Es führt wohl zu Reibereien und Unstimmigkeiten, die Briefe, die Mascha nach der Rückkehr ihres Mannes in die USA schreibt, sind durchzogen von vielen (Selbst)vorwürfen darüber.

Interessant ist ferner, daß sich Mascha Kaléko wohl intensiver mit dem Zen-Weg des Buddhismus beschäftigt, sie kommt häufig darauf zurück, erwähnt auch einen Besuch in einer buddhistischen Stätte in Berlin, wo sie einen Zen Praktizierenden trifft. Dazu sollte man wissen, daß (zwar auch schon vor aber besonders) nach dem Zweiten Weltkrieg Zen in den USA durch den Meister Teitaro Suzuki bekannt gemacht worden ist. Offensichtlich hat Mascha Kaléko sich dafür sehr interessiert, sie äußert sich ganz begeistert über die Begegnung mit dem „Zen-Mann“ in dem buddhistischen Kloster in Berlin. Da sie nirgends davon schreibt, daß sie selbst „gesessen“ hätte, gehe ich davon aus, daß die Auseinandersetzung mit dem Zen eher intellektueller Natur war.

Hamburg, München und Berlin waren die Hauptstationen Kalékos, daneben gab es natürlich noch andere Veranstaltungsorte. Den Spätherbst dann verbrachte sie in Ascona am Nordufer des Lago Maggiore, sie genoß die Spätsommersonne, traf auch hier Kollegen, u.a. Remarque. Den letzten Brief, der im Büchlein widergegeben ist, sandte sie aus Rom in die USA, er erzählt von Menschen, die sie dort traf, Sehenswürdigkeiten, die sie besuchte….


Ich habe beim Lesen solcher Briefwechsel (auch wenn hier ein Partner stumm geblieben ist) immer ein zwiespältiges Gefühl: wo ist die Grenze zwischen Indiskretion und berechtigtem Interesse beim Leser, sprich: hier bei mir? Gehen mich die Atembeschwerden von Chemjo Vinaver wirklich etwas an? Ist es nicht zu privat, wenn ich lese, daß sie ihren Mann dringend bittet, die Korresponenz wegzuschließen, daß kein Fremder, auch nicht der Sohn, sie lesen kann? Andererseits ist es natürlich so, daß durch solche Einblicke in das Private und Persönliche der bloße Name, der unter einen Gedicht steht heruntergebrochen wird auf einen konkreten Menschen mit Wünschen, Vorstellungen, Gefühlen, Neigungen….

Dazu kommt, daß speziell die expliziten und genauen Details in Kalékos Briefen ein Bild dieser Zeit ergeben, in der die kollektive Verdrängung des Grauens der Nazi-Zeit noch in vollem Gang war. Kaléko schreibt es an einer Stelle, als Besucherin aus Amerika hat man mehr Sympathien denn als „Re-Migrant“, wie man die Rückkehrer hier nennt. Ein Re-Migrant war damals sicherlich ein steter Stachel im Fleisch, der bohrte und erinnerte, vllt sogar das Geraubte von damals wieder beanspruchen würde….

So ist dieses schmale Bändchen mit den Briefen Mascha Kalékos zu lesen trotz der Bedenken ein Gewinn und ein beglückendes Erlebnis, zumal mich persönlich kaum jemand so schnell und direkt im Innersten berühren kann wie Kaléko mit ihrem Gedichten. Hier ist sie nicht nur Dichterin, hier ist sie auch Frau, Mutter, Liebende – ein Mensch eben in all seinen Facetten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Mascha Kaléko: http://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kaléko, vgl aber auch hier ein Interview des Deutschlandradios mit Gisela Zoch-Westphal, die das literarische Erbe von Mascha Kaléko verwaltet:  http://www.deutschlandradiokultur.de/…id=224164
[2] die Textauszüge sind aus den Gedichten „Signal“, „Bleibtreu heißt die Straße“ und „Deutschland – ein Kindermärchen“
[3] zu Feuchtwanger und seinem Emigrantenschicksal sind ein paar Infos hier im Blog unter: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Feuchtwanger zu finden
[4] vgl. z.B. hier den Beitrag in der ZEIT vom Februar 1956: Die Dichterin und der Gelehrte; http://www.zeit.de/1956/07/die-dichterin-und-der-gelehrte/komplettansicht   (die Suche in der ZEIT ergibt noch mehr Fundstellen zu Kalèko)
[5] z.b. das Lyrische Stenogrammheft: http://www.literaturundkunst.net/mascha-kaleko-das-lyrische-stenogrammheft/
[6] Wiki-Beitrag zum „Romanisches Cafe“:  http://de.wikipedia.org/wiki/Romanisches_Café

Weiteres von Mascha Kaléko hier im Blog: Paula Quast, Henry Altmann: “…. und sie sprechen von mir nur leise.”; https://radiergummi.wordpress.com/2013/09/15/….leise/

als Hintergrundinfo genutzt: die Kurzbiographie des im Übrigen sehr empfehlenswerten Buches von Jutta Rosenkranz: Wir haben keine andere Zeit als diese in: dies.: Zeile für Zeile mein Paradies –  Bedeutender Schriftstellerinnen – 18 Portraits, Piper, 2014

Ich möchte auch nicht versäumen, an dieser Stelle auf die sehr empfehlenswerte Artikelreihe meiner geschätzten Blogger-Kollegin Birgit aufmerksam zu machen, die sich mit „Jüdischen Autorinnen“ auseinandersetzt:  http://saetzeundschaetze.com/category/portraits-judischer-autorinnen/

Bildquelle: Gedenktafel: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_Bleibtreustr_10-11_(Charl)_Mascha_Kaleko.jpgBy OTFW, Berlin (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Mascha Kaléko
„Liebst du mich eigentlich?“
Briefe an ihren Mann
Herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal und Eva-Maria Prokop
mit einem Nachwort von Gisela Zoch-Westphal
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 155 S., 2015

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

 Giwi Margwelaschwili, ca. 2008 Bildquelle [1]

Giwi Margwelaschwili, ca. 2008
Bildquelle [1]

გივი მარგველაშვილი

….vielleicht gilt für diese uns arabesk erscheinende Schrift und die Person, die damit auf Papier (oder durch Pixel auf einem Bildschirm: lassen sich seine Gedanken so ohne weiteres in die virtuelle Welt übertragen?) symbolisiert wird, ähnliches, wie Margwelaschwili es in seinem kleinen, poetischen Werk erzählt, vielleicht ist auch er  nicht nur realer Leser und Autor, sondern auch Bewohner der Buchwelt und somit ein Geschöpf, das durch den Leser erst zum Leben erweckt wird….

Das Zentrales Thema im Werk Margwelaschwilis ist die Philosophie der Schrift, damit auch die Philosophie des Lesens und allgemeiner des Rezipierens, wobei der Schwerpunkt fast immer in der Wirkung der Schrift auf das menschliche Leben und Denken liegt [1]. In diesem Büchlein spielt er mit diesem Gedanken, nicht so sehr die Wirkung der Schrift auf den Leser ist sein Thema, sondern die Vorstellung, daß der Leser durch sein Lesen die Schrift, ihre Figuren, die erzählten Welten zu einer Art temporären Lebens, dem Buchleben, erweckt.

Buchpersonen sind an sich herzlos.
Sie leben nur mit Leserherzen in der eigenen Brust.
Sie sterben, wenn der Leser sie gelesen und sich aus ihnen zurückgezogen hat.

Dieses Buchleben ist im Grunde gnadenlos. Es ist vorgezeichnet durch den Schreiber, das Ende ist allermeist unverrückbar mit der letzten Zeile, dem letzten Buchstaben, vorgegeben und schließt der Leser das Buch, so ist dies nicht zu vergleichen mit dem Versinken unserer Sonne unter den Horizont, von wo aus sie am nächsten Tag die Dunkelheit wieder vertreiben wird, sondern es ist eine möglicherweise ewige Dunkelheit, in die die Buchwelt versinkt, aus der sie nie oder vielleicht einmal nach langer Zeit wieder zum Leben erweckt wird. Die  unbilligen Härten in solcherart Buchleben abzufedern, ist die Versweltverwaltung da….

… die auch hie und da in den Gang der Buchwelt eingreift, den Ibykus am Leben erhält und das Lindenblatt rechtzeitig hindert, sich auf Siegfrieds Schulter zu setzen. Kleinigkeiten nur, aber sie ändern den Gang der Dinge in der Buchwelt ganz gewaltig [2]. Was zum Beispiel wäre passiert, hätte Pallas Athene dem Peliden seinen Wurfspeer, der im ersten Versuch fehlte, nicht nochmals zum Wurfe gereicht, der diesmal erfolgreicher war….

Sie lieben und leiden, sie hoffen und flehen, sind verzagt oder mutig – je nach dem. Sie haben ein Leben zu leben auf das vorgezeichnete Ende hin, aber ihr Leben ist die Zwiesprache mit dem Leser, der Dialog mit ihm, der aus der Buchweltfigur im Lesenden den Buchweltmenschen macht, der beide verschmelzen läßt – für einen Leselebensmoment zumindest…..

leseleben cover

Es sind poetische, tiefgründige, auch berührende Miniaturen, mit denen Margwelaschwili von einer symbiotischen Beziehung zwischen dem Lesenden und dem Gelesenwerdendem aus der Buchwelt berichtet. Es sind Geschichten, die uns daran erinnern, daß der Dichter Herzblut in sein Werk gegegen hat, daß in seinen Worten ein Teil von ihm, von seinem Leben verewigt ist und daß es an uns, dem Leser liegt, dieses zu Druckerschwärzeleben gewordene Leben wieder zu erwecken und in Ehren zu halten, es zu respektieren und zu schätzen:

Das Schlimmste für den Dichter ist, wenn sein Brunnen vergessen wird,
wenn die Wanderer immer seltener vorüberkommen und kaum noch jemand trinkt.

Zudem ist das kleine Bändchen Margwelaschwilis auch als Buch ein kleines Schmuckstück: die moderne Technik macht es möglich, jedes Exemplar der auf 1500 Stück limitierten Auflage in einer individuellen Reihenfolge der Buchweltbeiträge zu drucken. In die ihrerseits wieder in einer einzigartigen Reihenfolge unterbrochen sind von den Atomen der Buchwelt: graphische Darstellungen von Buchstaben sind eingestreut in diese Lesewelt wie Blumen auf einer Sommerwiese. Es fehlten das „T“, das „O“ und das „D“… man mag raten, woran das liegt, es ist so schwer nicht….

Margwelaschwili, der 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren worden war, der früh (nicht jeder landsmännische Beziehung schützt vor dem Unglück) mit dem Vater in ein Lager des NKWD kam (wo dieser auch starb), kam erst 1987 wieder nach Deutschland und lebt seit 2012 in Tiflis. Mit dem Leseleben hat er uns ein wunderschönes, leichtes, tiefsinniges Büchlein geschenkt über Bücher, die Welten in ihnen – und auch über uns selbst.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Giwi_Margwelaschwili
Autorenbild: von Zangala at ka.wikipedia (Transferred from ka.wikipedia) [Für die Lizenz, siehe], vom Wikimedia Commons
[2] Ein Spiel, das nicht ganz neu ist: von aussen in die Handlung eines Buches eingreifen, um sie zu ändern und nach Belieben zu beeinflussen. Jasper Fforde, der dies weniger philosophisch als mehr fantasievoll durchfführte, fällt mir an dieser Stelle spontan ein (https://radiergummi.wordpress.com/tag/fforde/)
[3] Homepage des Grafikstudios von Zubinski:  http://cargocollective.com/vonzubinski/Uber-About-von-Zubinski

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Giwi Margwelaschwili
Leseleben
mit Illustrationen von Zubinski [3]
diese Ausgabe: Verbrecher-Verlag, HC, 80 S., 2014, Ausgabe No: 658

Franz Fühmann: Prometheus

21. November 2014

Im Mythos ist immer der ganze Mensch da, auch als Geschlechts-
auch als Naturwesen, aber nie auf diese reduziert.“ [3]

Die Sagen des klassischen Altertum von Schwab: wer von uns, zumindest den schon etwas älteren, ist nicht durch sie eingeführt worden in die Welt der Götter, Halbgötter und Menschen des alten Griechenlands? Die Bekanntschaft mit Zeus, Apollon, Herakles, Achilles und Odysseus (um nur ein paar wenige der Figuren zu nennen) haben wir ihnen zu verdanken. Ich hatte sie seinerzeit in einer Jugendausgabe (wo ist sie nur hin??), in ähnlicher Aufmachung wie den Robinson Crusoe, illustriert mit kleinen Bildchen, und ich kann sagen, daß ich sie fast auswendig konnte, zumindest kannte ich mich im Götterhimmel recht gut aus…

…jetzt also Prometheus.

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst Bildquelle [B]

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst
Bildquelle [B]

Was weiß man von dieser Figur? Angekettet an eine steile Felswand im Kaukasus, dem Adler (je nachdem auch dem Geier) ausgeliefert, der sich täglich seine Ration Leber holt. So hängt der Unsterbliche dort, ohne Speis und Trank und Zeus ist unerbittlich, bis schließlich Herakles den Prometheus erlöst. Grund für diese Strafe des Donnergottes war die Unbotmäßigkeit des Titanensohnes: er hat den Menschen das Feuer auf die Erde gebracht, gegen das ausdrückliche Verbot des Zeus….

Aber was alles geschah vorher, wessen Sohn war Prometheus, wie ist er aufgewachsen, was waren seine Erlebnisse?

Dies ist Thema der durch Fühmann nacherzählten griechischen Sage des Prometheus. Es ist auch eine Schöpfungsgeschichte, denn Prometheus, der ein Sohn der Titanen war, war somit ein Enkel der Gaia, der Erdgöttin, der Dunklen, Feuchten, Lebensspendenden, die, nachdem sich feucht und kalt und warm und heiß aus dem Chaos zu den Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft zusammengefunden hatten, zusammen mit Uranos, dem sich über die Erde spannenden Himmel, der ihr Sohn war und zugleich ihr Gatte, die Hekatoncheiren gebar. Die drei Brüder, furchterregend mit je Hundert Armen und Beinen und je fünfzig Rümpfen und Köpfen, schaurig, gewaltig und riesig, waren dem Uranos ein Greuel, deswegen sperrte er sie ein in den tiefsten Tiefen der Erde. Gaia daraufhin gebar die Titanen im Heimlichen und fortan verschmähte sie den Uranos, der ihr jedoch mit Gewalt bedrängte. So gab sie dem Kronos, dem jüngsten der Titanen eine quarzene Sichel, mit der dieser seinen Vater zerstückelte, ihm die Mannbarkeit abschnitt und ins Meer warf, das daraufhin fruchtbar wurde und Äonen später die Aphrodite aus Schaum gebären sollte.

Der Titanen waren es sieben und ihre Frauen waren Schwestern. Sie waren von riesenhaftem Wuchs: „.. Mit ihrer Ferse zermalmten sie Berge; ihr Durst trank Meere leer, ihr Atem zerblies die dichtesten Wolken, und si hätten Löwen und Krokodile und Elefanten fangen können wie Käfer, wenn ihre Augen und Hände für derlei winziges Krabbelzeug nicht viel zu groß gewesen wären…“ Sie wachten über die belebte und die unbelebte Natur und sie wachten streng und unerbittlich. Aber der strengste und unerbittlichste der Titanen war Kronos, der jüngste von ihnen und schließlich waren es die anderen zufrieden, in ihren Grotten den Tag zu verdämmern und zu verträumen und Kronos die alleinige Herrschaft über die Welten zu belassen. So vergingen die Äonen ihrer Herrschaft…..

Nur Prometheus, der Sohn des Iapetos und der Themis war anders. Er war schlau und neugierig („Ich will sehen, Mutter Erde, ich will alles sehen!“ bettelte er seine Großmutter einst an….), im Gegensatz zu Epimetheus, seinem Bruder, der ebenso träge wie die anderen vor sich hindöste. Prometheus trieb sich viel auf der Welt herum, war gerne auf der Erde und lernte dort Gaia, seine Großmutter kennen, die ihm die Gabe der Zukunftssicht schenkte.

Gaia hatte eine Prophezeiung für ihren Sohn Kronos: ein Sohn werde ihn vom Thron stürzen. Und da Rhea, seine Frau gerade neues Leben unter dem Herzen trug, bekam er Angst. Als Rhea ihm dann seinen Erstgeborenen zeigte, nahm er ihn, riss sein riesiges Maul auf und verschlang den Säugling, den zu töten unmöglich war, war er doch ein unsterblicher Titan wie seine Eltern. Fünfmal geschah es so, daß Kronos seine Kinder verschluckte und in seinem Inneren gefangen hielt: Hades, Poseidon, Hera, Hestia und Demeter. Beim sechsten Kind jedoch griff Rhea zu einer List, sie umwickelte einen schweren Stein mit goldenen Windeln und versteckte ihren Letztgeborenen, der Zeus hieß vor seinem Vater.

Zeus wuchs auf Kreta auf, gesäugt von der Ziege Amalthea. Oft war Prometheus bei ihm, so oft, daß Kronos misstrauisch wurde und glaubte, Rhea hätte Zwillinge geboren, von denen sie eins vor ihm versteckt hielte. Doch mit viel List konnten Gaia und Prometheus Kronos immer wieder beruhigen, bis irgendwann der Zorn des Kronos über den jungen Titanen Prometheus so stark gewachsen war, daß er ihn verbannen wollte ins kalte Nordeis. Die Zeit des Handelns war gekommen….

Mit Hilfe von Gaia schmiedeten Zeus, der von seiner Großmutter die Gabe erhalten hatte, seine Form und Größe nach Belieben zu ändern, und Prometheus einen Plan, die Geschwister zu befreien, Kronos zu überwältigen und die Titanen zu entmachten…..

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel Bildquelle: [B]

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel
Bildquelle: [B]

Es war ein ungeheurer Kampf, der sich entspann, es wogte hin und her, für viele Jahre konnte keine Seite die andere niederringen. Berge wurden ausgerissen, Täler zugeschüttet, Flüssen verlegten ihren Lauf und die Küsten des Meeres zerfransten. die Welt war in Unordnung. Dann aber gelang es Prometheus, unüberwindliche Helfer heranzuholen, gegen die die Titanen nichts mehr ausrichten konnten, die mit jedem Wurfe dreihundert Felsblöcke auf die Häupter der Titanen schleuderten und die so die Schlacht für die neuen Herren entschieden……

Zeus und seine Geschwister sowie Prometheus errangen den Sieg, errangen die Herrschaft über die Welt. Die Titanen wurden in der Unterwelt eingeschlossen. Das neue Geschlecht, das jetzt herrschte, wurde Götter genannt. Und sie ließen sich nieder auf dem höchsten Berg, dem Olymp und Zeus in seiner Unbeherrschtheit zerstörte die Ordnung des Berges und die Nymphe, die Hüterin der Wässer des Olymps kam, ihn zurecht zu weisen. Doch sie kannte Zeus noch nicht, der sie auf den Boden warf, mit seiner Manneskraft füllte und sie, um seine Tat zu verschleiern, verschluckte wie es einst Kronos tat mit seinen Geschwistern. Doch Metis, die klettern konnte, hielt sich im Rachen fest und suchte sich dort eine Höhlung, in der sie, klein geworden wie eine Beere, fortan hauste und dem Zeus zuweilen gräßliche Kopfschmerzen bescherte.

Die neuen Götter teilten die Reiche unter sich aus, Hades bekam den dunklen Untergrund, Poseidon die Meere und Demeter das Planzenreich. Prometheus dagegen bekam nichts. Doch Zeus wurde das Amt des Fürsten angetragen, das er annahm und fortan war der Herr aller und Hera seine Gattin.

Von den Kindern, die Hera Zeus gebar, nahm dieser den rotbehaarten Krüppel, den diese ihm zeigte und von dem er nicht glaubte, daß er der Vater sein könne, an den Füssen und schleuderte ihn weit fort von sich. Hephaistos, so der Name des verkrüppelten, fiel hart, brach sich Bein und Hüfte, doch Gaia kam, ihm zu helfen. Es war eine harte Schule, durch die Gaia ihn schickte, doch am Ende war er ein Meister, ein Meister der Schmiedekunst….

… und so mächtig Zeus auch war, als Prometheus im Hephaistos brachte, sah er, daß er diesen brauchte, denn dieser konnte Waffen schmieden und anderes aus Metall. Und so schmeichelte Zeus seinem verstoßenen Sohn, hüllte ihn mit gar süßen Worte ein und erhielt aus Dank von dem Geblendeten eine furchtbare Waffe, die ihn zum Schrecken aller Wesen werden ließ: er konnte Blitze schleudern, die alles in Brand setzten, was sich ihnen in den Weg stellte….

Buchcover

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Was machte Prometheus? Er war fremd geworden, weilte nicht mehr gerne auf dem Olymp, er durchstreifte lieber das All auf der Suche nach anderen Orten, auf denen vielleicht noch Leben wäre, doch er fand keinen. Es gab nur diese Erde. Doch als er auf diese Erde zurückkam, war er nicht mehr gelitten, war er ein Ausgestoßener: Zeus hatte gezeigt, wie furchtbar seine Blitzschleuder war und alle machten ihm, Prometheus, den Vorwurf, Hephaistos zu Zeus gebracht zu haben. Zeus verbannte den ehemaligen Waffenbruder, ein Land könne er sich aussuchen, in das würde er, Zeus, seinen Fuss nie setzen. Doch Prometheus selbst dürfe sich ausserhalb dieses Landes nicht sehen lassen, sonst sei der Pakt gebrochen.

Hier endet der Mythos, so wie ihn Fühmann nacherzählt.. nein, nicht ganz: sonst hatte es Fühmann nicht gegeben und nicht uns, die wir das lesen…. das Geschlecht der Menschen musste noch geschaffen werden….

Hier sitze ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen
Zu geniessen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

[Goethe, Prometheus, letzte Strophe]


Es ist ein gewaltiger Mythos, den Fühmann in diesem Epos von Prometheus nacherzählt. Und da es ein Mythos ist und kein historisches Ereignis, gibt es auch verschiedene Versionen davon. Man merkt dies, wenn man in anderen Quellen zur Geschichte des Prometheus liest… Diese Erzählung hier jedenfalls ist gewaltig, sie ist intensiv, sie rüttelt auf und manchmal meint man die Erde sich erschüttern hören, wenn man über das Schlachtengetöse z.B. des Titanenkampfes liest. In diesem Sinne ist das Buch beste Unterhaltung, spannendste Lektüre und auch eine sehr interpretationsfreudige Geschichte.

Denn natürlich kann man aus dem Erzählten vielerlei herauslesen. Zeus… schon als Gaia ihm die Macht der Verwandlung gab, nahm er diese mit viel Übermut und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen war, Prometheus jedoch verteidigte ihn gegen seine Großmutter. So ist es auch augenscheinlich, wie sich Zeus während seiner Herrschaft in seiner Art immer mehr der des Kronos annäherte, ja, schlimmer war als Kronos, da dieser „nur“ streng und unerbittlich war, aber letztlich berechenbar blieb, während Zeus dazu noch sprunghaft, launisch, berechnend und misstrauisch war. Erst nach der „Geburt“ der Athene (seiner Tochter mit Metis, die seinen Schädel beinahe zum Platzen gebracht hätte und bei der dann Hephaistos mit seinem Beil den Geburtshelfer spielte) wurde Zeus wieder ein wenig ruhiger, aber immer blieb er ein launischer, machtbewusster Herrscher.

Gaia ist die Mutter, die Duldende, die Leidende. All ihre Kinder, seien es die Hundertarmigen oder die Titanen (und auch die Giganten sowie andere Ungeheuer, wie gesagt, der Mythen sind viele…) gehen unter, werden unter der Erde in Gefangenschaft geschlagen. Gaia weint um ihre Kinder, sehnt sich nach ihren Söhnen…. Dereinst werden auch ihre Enkel, die Götter, sterben und überleben werden ausgerechnet die Schwächsten, die Sterblichen.

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr. Bildquelle: [B]

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr.
Bildquelle: [B]

In der Geschichte Fühmanns verliert Gaia im Lauf der Geschichte immer mehr an Substanz. Mit jedem Geheimnis, das sie verrät, mit jeder Gabe, die sie verleiht, verliert sie selbst. Zum Schluss hat sie noch die Größe eines Käfers und ihre letzten Worte sind die, nach denen Prometheus aus Schlamm den Menschen formt. Doch wäre dieses Werk nicht gelungen, hätte nicht Hermes, der Götterbote ihm zur Seite gestanden. In dieser Episode findet sich auch eine witziges Detail: um das weibliche Prinzip im Menschen zu verankern, müssen ein männliches und ein weibliches Wesen den Figuren aus Lehm Leben einhauchen. Als weibliches Wesen ist aber nur die Ziege Almathea greifbar…. vielleicht zicken Männlein und Weiblein deswegen hie und da mal ein wenig herum, wer weiß?

Am Ende des Mythos, dieses Mythosses, wird Gaia nur noch Erde sein, sie wird keine Kinder mehr bekommen, keine Nachfolger. Es wird nicht noch einmal ein Kampf ihrer Söhne und Töchter gegeneinander geben, diese Götter werden von anderen gestürzt werden, die zwar aus ihr, aber von anderen geschaffen und ins Leben gebracht werden. Das Wissen darum ist das letzte Vermächtnis der Gaia, ihre letzte Kraft, die letzte Gabe, die sie zu geben hat und sie hinterläßt sie ihrem Liebling, dem Enkel Prometheus.

Und der Titelheld Prometheus? Er, der „Vorausdenker“, der ein Stück in die Zukunft zu sehen begabt wurde, ist die tragische Figur des Mythos. Von Geburt ein Titan fügt er sich jedoch nicht in die Regeln. Er ist ungehorsam, erkennt und fürchtet die Autorität und die Macht des Onkels zwar, dies hindert ihn aber nicht, seinen eigenen Willen zu entwickeln und ihm nachzugehen. An den Scheidepunkten des Mythos, dort, wo sich weist, wie es weitergehen soll, geht er trotz aller Angst die Risiken ein: er trotzt dem Kronos, er hintergeht ihn, zusammen mit Zeus entwickelt er einen Schlachtplan, ihn zu entmachten.

Prometheus gehört nirgends wirklich dazu, er ist zum Einzelgängertum verurteilt. Aus der Titanenart geschlagen ist er für das neue Geschlecht der Götter (die ja ihrerseits auch von Geburt aus Titanen sind und die Cousins des Prometheus) immer noch ein Titan, ein Fremdling, einer, der nicht dazu gehört. Und er ist ein Verräter, hat das eigene Geschlecht verraten, es bekämpft und besiegt – Prometheus teilt jetzt das Schicksal aller Verräter, daß er nämlich noch einmal Verrat üben könnte, gefährlich werden könnte, hintergehen könnte…. so wird Prometheus bei der Verteilung der Aufgaben nicht berücksichtigt, von Zeus wird er mit Bedacht und schmeichelnden Worten oft und lang auf Reisen geschickt, bis er selbst keine Lust mehr hat, zu seinen ehemaligen Kampfgenossen zurück zu kehren. Wie vormals streift er lieber durch die Welten auf der Suche nach Neuem, bis er endgültig verstoßen wird. Die Sage von Prometheus als demjenigen, der den Zeus hinterlistig hintergeht und der den Menschen gegen den Befehl des Donnerers das Feuer bringt und der als Strafe dafür an den Felsen geschmiedet wird, ist jedoch nicht mehr Teil der Nacherzählung Fühmanns, sie schließt sich inhaltlich dort an, wo diese endet.


„Prometheus“ ist ein gewaltiger Mythos, letztlich ist es der Mythos, mit dem das griechische Altertum das Erscheinen des Menschen auf der Erde beschrieb. Wieder die Schaffung des Menschen aus Lehm und Ton und Odem, als sterbliches Wesen (das mit Bedacht, denn Unsterblichkeit bedeutet Trägheit und Faulheit), aber auch und gerade in der Hand der Götter, die mit nicht immer erkennbarem Willen willkürlich an ihnen handeln werden. Das Buch, die Nacherzählung Fühmanns, wird der Wucht dieser Geschichte gerecht: es packt einen, es ist eine archaisch Szenerie von Riesen und Titanen, von mythologischen Figuren, von Helden und Dummköpfen, von Hinterlist, Willkür, Zorn und auch Liebe.

Blick ins Buch

Blick ins Buch

Illustriert ist die mir vorliegende Buchausgabe aus der „Edition Büchergilde“ mit Bildern von Angela Hampel. Es sind großflächige Bilder in plakativen Farben, die Künstlerin verwendete viel Rot und Gelb. Oft sind es Gesichter, aber es sind tote Gesichter, Antlitze, deren Augen oft geschlossen oder wie blind. Es ist kam eine Mimik zu sehen, es scheinen tumbe Geschöpfe zu sein, die die Bilder zeigen, Gesichter, die nicht sehen, die zu Geschöpfen gehören, die nicht „sind“. Damit passen die Bilder gut in die Geschichte, die ja in großen Teilen von den vor sich hin dämmernden Titanen handelt, persönlich (aber das ist natürlich Geschmackssache) gefallen tun sie mir nicht….

Wie auch immer: die Lektüre des Buches (das ich garnicht mehr weglegen wollte) war eine wunderbare Erinnerung an meine frühe Jugendlektüre und nach Jahrzehnten wieder einmal eine ebenso fantastische „Reise“ in die griechische Mythologie.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Informationen zum Autoren:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/schriftsteller-franz-fuehmann-erinnerung-brennt/1553656.html
[2] Griechische Mythologie Wiki: http://griechische-mythologie.wikia.com/wiki/Griechische_Mythologie_Wiki
[3] zitiert nach: http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz97_11/text34.htm

[B]ildquellen:

Franz Fühmann
Prometheus
Die Titanenschlacht
mit Bildern von Angela Hampel
diese Ausgabe: Edition Büchergilde, HC, ca 240 S., 2004

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