Gay Talese: Der Voyeur

2. August 2017

Gay Taleses  Der Voyeur ist ein verstörendes Buch, denn der Autor ist kein Romanschriftsteller, der sich Figuren ausdenkt und Handlungen konstruiert. Er ist ein Sachbuchautor, der nichts erfindet. Die Geschichten, die ich schrieb – so führt Talese aus –, erhielt ich von Leuten, mit denen ich sprach und die ich für eine Zeitlang begleitete. Ich verbarg nichts vor meinen Lesern: echte Namen und Faktgen, die sich überprüfen lassen – oder es gab keine Story. Was die Reporterlegende Talese [1] in diesem Buch also festhält, ist so geschehen, auch wenn sich bei genauer Recherche einige Ungereimtheiten ergeben, die aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Story wohl nichts ändern [3].

Der Kontakt Taleses mit Gerald Foos, dem Mann, um den er hier geht, währte einige Jahrzehnte, 1980 erhielt der Autor einen handgeschriebenen Brief von Foos, in dem dieser u.a. ausführt, daß er seit fünfzehn Jahren Besitzer eines kleinen Motels ist, das er erworben hat, um seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und sein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

In realiter bedeutete dies, daß Foos (das fragliche Motel ist auf dem Cover schön zu sehen) den Dachboden des Motels dick mit schallschluckenden Teppichen ausgelegt hatte und einige der Zimmer derart präpariert waren, daß er von seiner ‚Beobachtungsstation‘ auf dem Dachboden direkt in das Zimmer schauen konnte. Dazu waren im Zimmer speziell konstruierte Gitter in die Decke eingelassen, die auf den ersten Blick von unten nach der Abdeckung eines Abluftkanals aussahen. Durch diese Vorrichtungen konnte Foos das Zimmer, wenn die Tür offenstand, auch die Toilette beobachten. Das dies keine bloße Erfindung des Briefeschreibers war, konnte Talese bei einem Treffen mit ihm nachprüfen: ein einziges Mal war er selbst mit auf dem Dachboden und beobachtete zusammen mit dem Voyeur ein Paar beim Oralverkehr – wobei ihm die Krawatte durch das Gitter in das Zimmer rutschte, eine gefährliche Situation für die beiden Spanner, der Mann hatte jedoch die Augen geschlossen gehalten.

Foos hatte Talese am Beginn ihrer Bekanntschaft ein Dokument unterzeichnen lassen, mit dem sich der Autor zur Verschwiegenheit verpflichtete. Erst Jahrzehnte später, als Foos schon alt, das Motel lange verkauft und mittlerweile sogar abgerissen war, erteilte er Talese die Erlaubnis, über seine Beobachtungen zu schreiben und dies zu veröffentlichen.

Denn Foos, der das heimliche Beobachten schon als Junge kennen- und lieben lernte (… When he was a child, his mother’s married sister, Katheryn, lived in the farmhouse next door. At the age of nine, he said, he started watching her. …. His aunt Katheryn liked to sit at her dressing table with no clothes on, arranging her miniature porcelain dolls or her collection of “valuable thimbles. …) sah sich selbst nicht als einfacher Spanner, bzw. Voyeur, im Gegenteil schrieb er sich den Anspruch zu, das (Sexual)Verhalten und dessen Wandel im Lauf der Zeit von sich unbeobachtet fühlenden Menschen in seinen ausführlichen Tagebüchern zu dokumentieren. Erwähnenswert ist, daß die Ehefrauen von Foos (sowohl Donna, seine erste Frau und später, nach der Trennung von Donna, auch Anita, seine zweite Frau) von seiner Passion wussten, sie hin und wieder sogar mit ihm teilten.

In dem Buch beschreibt Talese in groben Zügen das Leben und den Lebenslauf von Gerald Foos, der sich im Grunde in den der meisten Menschen einfügt, ich gebe das hier nicht im Einzelnen wieder. Talese formuliert sein eigenes Interesse an der Geschichte folgendermaßen: I was hoping to get his permission to read the hundreds of pages that he claimed to have written during the past fifteen years, with the result that he would one day allow me to write about him. I knew that he viewed himself as a sex researcher along the lines of Alfred Kinsey, and I assumed that his account centered on what excited him sexually, but it was possible that he noted things that existed beyond his desires. Eine Erlaubnis, die er, auch wenn das neue Jahrtausend schon lange angebrochen war, eines Tages tatsächlich erhalten sollte.

Und in der Tat – und das ist das Zwiespältige (aber im Grunde auch Triviale) an dieser ganzen Geschichte – spiegeln sich in den Aufzeichnungen von Foos die gesellschaftlichen Änderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten sind, wieder. War beispielsweise bei gemischtfarbigen Paaren einer der beiden in den frühen Jahren bei der Anmeldung im Auto geblieben, änderte sich dies später und beide kamen zur Rezeption. Analoges gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare, auch änderten sich die Praktiken, ebenso notierte Foos, wie sich mit den Jahren die Frauen als immer selbstbewusster präsentierten. Viele Stunden der Beobachtung waren langweilig, weil nichts geschah, im Zimmer Sprachlosigkeit zwischen den Partnern herrschte oder einfach nur Fernsehen geschaut wurde. Interessant ist die Wirkung, die das jahrelange heimliche Beobachten auf Foos selbst hatte: er war misstrauisch geworden und mied später allgemein die Menschen, deren Verhalten ihn enttäuscht hat. Die einzigen, so gibt Talese ihn wieder, die generell wirklich liebevoll und sanft miteinander umgegangen wären, waren lesbische Paare.

Es kam erstaunlicherweise nur sehr selten zu Situationen, in den Foos in der Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Die bizarrste ist wohl die, in der sein eigenes Sperma durch das Abdeckgitter tropfte, die Frau jedoch beeindruckt davon ausging, es wäre das ihres Partner, dem sie gerade mit der Hand einen fulminanten Höhepunkt verpasst hatte.

Es gab Situationen, in denen es nicht beim Beobachten blieb – abseits der (wie oben angedeutet) vorgenommenen Selbstbefriedigungen. Wenn Foos beispielsweise beobachtete, daß im Zimmer mit Drogen gedealt wurde, konnte es vorkommen, daß er, wenn das Zimmer leer, in das Zimmer ging und die Drogen durch die Toilette wegspülte. Einmal kam es nach einer solchen Aktion bei der Rückkehr des Paares, das das Zimmer gemietet hatte, zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, da der Mann der Frau unterstellte, die Drogen an sich genommen zu haben. Den Aufzeichnungen von Foos nach, der diesen Streit beobachtet hatte, lag die Frau nach den Schlägen des Mannes bewusstlos, aber atmend, auf dem Zimmerboden, so daß er sich damit beruhigte, daß am nächsten Tag alles wieder in Ordnung sein werde bei der Frau. Das Zimmermädchen jedoch fand sie am nächsten Morgen tot vor. Dies ist eine der erwähnten Ungereimtheiten, denn als Talese diesen Mord Jahre später verifizieren wollte, war das nicht möglich, eine Gewalttat war in keinen offiziellen Unterlagen nachzuweisen. Die Beschäftigung mit diesem Ereignis, das für Talese eine unterlassene Hilfeleistung durch Foos bedeutet, die einem Menschen den Tod nach sich zieht, nimmt im Buch einen größeren Raum ein. Foos selbst versucht sich durch die Tatsache, daß er die Frau noch atmend gesehen hat, er andernfalls aber eingeschritten wäre, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Talese beschreibt und zitiert jedoch nicht nur, er versucht auch, den Ursprüngen dieser Leidenschaft in der Biografie Foos‘  nachzuspüren, dessen Motivation zu erkennen und ebenso, welche Bild Foos von sich selbst hat. Bezeichnend ist beispielsweise, daß er in seinen Aufzeichnungen von sich selbst in der dritten Person spricht: er ist, sobald er auf dem Dachboden liegt ‚der Voyeur‘, Gerald Foos ist er nur ausserhalb des Dachbodens. Foos war sich auch nie einer Schuld bewusst. Die Tatsache, daß nie jemand von seiner Beobachtung wusste und daß er nie jemandem Schaden zugefügt hatte, reicht ihm ein Leben lang aus, sich von Schuld freizusprechen. Am Ende des Buches, beim letzten Treffen von Talese und Foos im Jahr 2013, weist Foos empört auf die vielen Beobachtungskameras hin, mit denen praktisch alles aufgezeichnet wurde, ohne daß man weiß, wozu es verwendet wird. So sieht sich Foos eher in der Nachfolge von Kinsey als in der Phalanx anderer Spanner, die sich am heimlichen Beobachten erregen, entsprechend niedrig liegt sein Schuldbewusstsein und konsequenterweise stellt er seine Handlung auch später nicht in Frage.

Talese beschreibt und untersucht jedoch auch das eigene Interesse, seine Motivation, den Kontakt mit Foos über Jahrzehnte hinweg, teilweise locker, teilweise intensiver, aufrecht erhalten zu haben. Für Foos scheint der Autor die einzige Ansprechperson gewesen zu sein, bei der er über seine Aktivitäten geredet hat, ein Ventil, durch das er den Druck, der sich in ihm aufbaute, ablassen konnte. Da er sich ja nicht als primitiver Spanner verstand, brauchte er jemanden, der die von ihm beanspruchten und im Tagebuch festgehaltenen und aufbereiteten Erkenntnisse (im Fototeil des Buches ist eine Statistik von Foos wiedergegeben, in der er den Geschlechtsverkehr der von ihm beobachteten Motelbesucher nach diversen Kriterien aufschlüsselt…) würdigen und letztlich auch in die Öffentlichkeit bringen soll.

Der Voyeur, ein Buch, das interessant ist, das das moralisch fragwürdige Verhalten eines Mannes dokumentiert, das aber beim Lesen auch ein schlechtes Gewissen macht, weil man durch die zitierten Tagebucheinträge von Foos das Gefühl hat, selbst wie ein Voyeur heimlich in die Zimmer des Motels zu schauen und in die Privatsphäre dieser unbekannten Menschen einzudringen – auch wenn man weiß, daß seit dem Geschehen schon Jahrzehnte vergangen sind.

Links und Anmerkungen:

[1] der Wiki-Beitrag zu Gay Talese: https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Talese
[2] Buch(ausschnitte?) im New Yorker:  http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/11/gay-talese-the-voyeurs-motel. Diesem Beitrag sind auch die englischen Zitate entnommen.
[3] vgl dazu diesen Artikel in der NYT:  https://www.nytimes.com/2016/07/02/books/gay-talese-defends-the-voyeurs-motel.html

Gay Talese:
Der Voyeur
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber
Originalausgabe: The Voyeur’s Motel, NY, 2016
diese Ausgabe
: Hoffmann und Campe, HC, ca. 224 S., 2017

Tausend Bücher ….

4. Juni 2017

Ein Jubiläum der wenigstens für mich besonderen Art: ich habe jetzt in den zurück liegenden neun Jahren und gut vier Monaten unter Brüdern tausend Bücher hier vorgestellt. So ganz genau läßt sich das nicht mehr eruieren, einige frühe Beiträge fassten mehrere Bücher zusammen, im Inhaltsverzeichnis verzähle ich mich dauernd, ausserdem sind die Titel mit mehreren Autoren unter jedem Buchstaben gelistet, aber da ich praktisch nur noch Buchbesprechungen im Blog habe und jetzt 1000 Beiträge online sind, wird es wohl so sein. Außerdem kommt es mir auf einen mehr oder weniger ja jetzt auch nicht an.

Eine so lange Zeit, so viele Bücher – da ist es Zeit für einen Gemeinplatz. Hier ist er: wenn mir das jemand nach der ersten hochgeladenen Besprechung gesagt hätte, hätte ich es nicht geglaubt. :-)

Ein kleiner Rückblick zur Feier des Tages auf einige — ja was eigentlich? .. egal. Ein bunter Strauß Bemerkenswertes eben…. (Hinweis: die hinterlegten Links im Text und den Bildern führen ausnahmslos auf Seiten in meinen Blogs)

Anspruch und Motiv

Noch immer gebe ich mich der Illusion hin, für mich zu schreiben, Blogbeiträge als Merkzettel zu den gelesenen Büchern zu verfassen. Illusion ist es, weil ich natürlich schon im Kopf habe, daß auch andere diese Beiträge lesen werden und ich dies entsprechend berücksichtige. Aber immer noch zutreffend, weil ich mich z.B. was die Länge der Beiträge angeht (siehe weiter unten), nicht nach dem potentiellen Leser, sondern nach dem, was aus mir heraus’quillt‘ und was ich für wichtig halte, richte. Dies gilt ebenso nach wie vor für den Umfang der ‚Hintergrundrecherche‘ zu den einzelnen Themen. Den ‚Fremdleser‘, sprich Besucher berücksichtige ich insofern auch, daß ich nicht ausdrücklich spoile bzw. das Ende der Geschichte verrate – es sei denn, ich bin auf andere Besprechungen gestoßen, in denen der Ausgang der Geschichte schon verraten wurde….

Tausend Bücher zu lesen und zu besprechen führt zu einer gewissen Routine. Das ist zum einen einfach so und zum anderen ist es hilfreich. Seit Jahren stelle ich recht regelmäßig Sonntags und Mittwochs Beiträge online, den Zeitaufwand, die Bücher zu lesen und zu besprechen, kann sich wahrscheinlich jeder Blogbetreiber vorstellen. Dieser Rhythmus wird sich jetzt – davon gehe ich aus – sicherlich ändern: ich werden in Zukunft wohl weniger aktiv sein. Es hat sich in der Tat eine gewisse Lesemüdigkeit eingestellt, andererseits habe ich einen Stapel Bücher, die ich auf jeden Fall noch lesen will, oft sind es solche Titel, die ich aufgrund der enormen Seitenzahl bislang zurückgestellt habe. Ausserdem treten im Moment andere Sachen in meinem Leben wieder stärker in den Vordergrund… schaumereinfachmal was draus wird…. dieses „1000“ sind seit gut zwei Jahren, seit sie in erreichbare Nähe gerückt waren, schon ein Etappenziel, das ich erreichen wollte. Voila, ich habe geschafft. :-)

Der erste Blogbeitrag

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Das erste von mir hier im Blog besprochene Buch ist ausgerechnet ein Krimi. Ausgerechnet, weil dieses Genre bei mir eher unterrepräsentiert ist… aber nach einer längeren Lesepause hatte ich seinerzeit (das war im August 2008) wieder mit Lesen angefangen und dieser Roman hat mir wohl ganz gut gefallen, aber trotz kurzer Inhaltsangabe kann ich mich so richtig nicht mehr an die Handlung erinnern…

Das am seltensten besuchte Buch… dies ist natürlich schwierig festzustellen, da die Statistik ja immer am oberen Ende, bei den häufig besuchten Besprechungen, ansetzt und dann nach ‚unten‘ hin irgendwo den Cut macht. Aber so ganz falsch dürfte ich mit diesem Beitrag über den Krimi des finnischen Autoren Niemi nicht daneben liegen. Immerhin kam die ebenfalls 2008 online gestellte Besprechung in neun Jahren auf 88 stolze Besuche, davon seltsamerweise allein 14 in diesem Jahr. Das dürfte kaum noch zu unterbieten sein. Dabei ist Niemi ja kein Unbekannter, seine Populärmusik aus Vittula war seinerzeit doch recht erfolgreich.

Welcher Beitrag wurde am häufigsten angeschaut?

Logisch, daß ich mich jetzt dem am häufigsten besuchte Buch zuwende. Das ist jetzt schon schwieriger, denn ein Titel, der vor sagen wir mal fünf Jahren online gegangen ist, hat natürlich viel mehr Gelegenheit, Klicks zu sammeln als ein aktueller Beitrag, also müsste man eigentlich normieren. Geschenkt. Folgerichtig steht auch ein Beitrag aus dem Jahr 2010 ganz oben, wenn ich mir die absoluten Zugriffszahlen über die Gesamtzeit des Blog anzeigen lasse: Jenny Downhams Bevor ich sterbe mit knapp 19.000 Zugriffen.  

Aber auch im letzten Zeitjahr liegt der Titel ganz weit oben, wenngleich in diesem Zeitabschnitt ein anderer Autor den Vogel abschießt, nämlich John Green mit Das Schicksal ist ein mieser Verräter mit großen Vorsprung und knapp unter 5000 Zugriffe, der nächstplatzierte Titel hat gerade mal ca. 2900 Klicks. Da soll noch mal einer sagen, Tod und Sterben wären kein Thema, würden verdrängt…. denn überraschenderweise sind auch viele der anderen, vielbesuchten Beiträge aus diesem Themenfeld wie z.B. Härtlings Hirbel….

Thematisches….

Im Grunde ist mein Blog ja ein Gemischtwarenladen, in dem Werke fast aller Genres vertreten sind. Fast, weil Krimis und Thriller nur selten auftauchen, sie interessieren mich einfach nicht. Gar nicht vorhanden sind beispielsweise Besprechungen, die sich im Bereich der Werwölfe, der Vampire und anderer lichtscheuer Gestalten bewegen. Dafür sind aber hin und wieder sowohl grottige als auch durchaus anspruchsvollere Titel aus dem Bereich der erotischen Literatur zu finden, ebenso wie der zweite Schwerpunkt sich dem ‚Antagonisten‘ widmet, Büchern über Krankheitsgeschichten, Sterben, Trauer und Tod. Ein dritter Schwerpunkt sind für mich Bücher ‚Wider das Vergessen‘: der Naziterror und der Holocaust.

Schlimmer geht immer – der Beitrag mit dem seltsamsten Thema

Wie Birgit neulich festgehalten hat, stelle ich auch Titel vor, die sonst keiner bespricht. Für keinen Beitrag gilt das wohl exakter als wie für diese Promotionsschrift des Mediziner M.A. Theimuras, der sich mit Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern befasst hat. Es ist ein Titel, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, als Mann hält man sozusagen instinktiv die Hand schützend in den Schritt, allein das Lesen der Fallbeschreibungen tut weh… Der Beitrag war seinerzeit (auch das war 2008) ein richtiger Renner, die Menschheit lechzte wohl nach solchem Stoff…. ;-). Der in der Besprechung angegebene Link zur Dissertationsschrift ist übrigens noch ‚halbwegs‘ aktiv, jedenfalls reicht es für visuelles Anschauungsmaterial….

Der für mich ganz persönlich wichtigste Titel, der auf jeden Fall mit auf die Insel käme….

Der Siddhartha, diese ‚indische Dichtung‘ bedeutet mir viel. Es ist ein Buch, das ich nicht mit dem Verstand lese, sondern mit dem Herzen, so wie Kinder Geschichten zuhören und sich den Stimmungen, die sie erzeugen, hingeben. Auf diese Art fasziniert und berührt mich dieses Werk Hesses ungemein, möglicherweise spricht es auch eine Sehnsucht tief in mir drinnen an….

Bei einem Rezensionsblog ist die Frage nach den eigenen Lieblingsrezensionen naheliegend. Aus ähnlichen Gründen wie Fragen nach den drei Büchern für die Insel ist das kaum zu beantworten…  Ganz sicherlich gibt es Besprechungen, die, nun ja, geschrieben sind und sich durch nichts hervorheben, aber die meisten der Beiträge sind mit Herzblut entstanden, mit Hintergrundrecherchen, mit Überlegungen, mit der Suche nach Antworten auf Fragen, auch – bilde ich mir ein – zuweilen mit einem Schuß Kreativität…. Welche sollte ich nennen? Wiederum den Siddhartha oder von Kafka den Prozess? Endos Schweigen, die Atemschaukel von Müller oder den Fliegenden Berg Ransmayrs? Und warum dann nicht Die Schrecken des Eises und der Finsternis ebenso? Und was ist mit den Büchern de Waals, dem Hasen und der weißen Straße? … und müsste nicht Charlotte…. oder diese düstere Geschichte Kubins…..? Ach, es gibt schon einige Beiträge, auf die ich stolz bin, ein wenig…. wenn ich mein Inhaltsverzeichnis durchblättere, fällt mir auf, daß ich hier so um die tausend ‚Kinder‘ versammelt, die ich eigentlich alle liebe und hier aufführen könnte…

Die umfangreichste Besprechung

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Meine Beiträge sind normalerweise recht textlastig. Die Frage nach der kürzesten Besprechung ist daher recht uninteressant, auch da ich zu Beginn meiner Bloggerei bei weitem nicht so ausführlich geschrieben habe wie später. Auch ein Blog hat eine Entwicklung. Die Beiträge der letzten Jahre haben mit einigen Ausnahmen immer so um die 2000 Worte plus/minus, die deutlichste Ausnahme dürfte das Sachbuch von Jürgen Goldstein sein: Die Entdeckung der Natur mit immerhin 8320 Wörtern. Behauptet WordPress jedenfalls, ich kann´s kaum glauben. Drucke ich das als pdf aus, sind es so um die fünfzehn Textseiten, in word sind es sogar 19 Seiten. Ich hab´s ja nur geschrieben, aber ihr müsst es lesen, ihr Armen! :-)

Die heftigsten Emotionen 

Ich bin vom Naturell her jemand, der sich durch Bücher und die darin befindlichen Geschichten, durch die Figuren und ihre Schicksale verhältnismäßig leicht anrühren läßt. Wenn´s traurig wird, habe ich schon mal Tränen in den Augen und finde dabei nichts Schlimmes… Nie wieder ist es mir jedoch so schlimm ergangen wie bei dem Buch Lichterloh der Australierin Sofie Laguna…. dieser Roman, gelesen Anfang 2011, beschäftigt mich noch heute.

Jetzt was ganz Kleinkariertes: Die Anfangsbuchstaben der Autoren

Bei 122 Autoren fängt der Name mit „S“ an, damit steht das „S“ an der Spitze, gefolgt vom „M“ und dem „B“ mit je roundabout gut 90 Autoren. Am anderen Ende – nehmen wir die üblichen Verdächtigen wie „X, Y, Z“ mal raus, ist erstaunlicherweise das „E“ zu finden mit gerade mal 16 Einträgen. Erstaunlich, weil das „E“ doch der häufigste vorkommende Buchstabe im Deutschen ist, aber bei Nachnamen als erster Buchstabe dann wohl doch nicht. Und das Q? Ist immerhin vertreten, was nicht selbstverständlich ist: Raymond Queneau mit dem Intimes Tagebuch der Sally Mara und Paula Quast noch mit ihren Interpretationen der Gedichte Kalékos: “…. und sie sprechen von mir nur leise.”

Und welcher Autor ist mit den meisten Titel auf aus.gelesen zu finden? Ich habe das jetzt nicht in aller Gründlichkeit gegengecheckt, aber sowohl von Martin Suter als auch von T.C. Boyle weist das Inhaltsverzeichnis jeweils sieben Werke auf.

Besucher und Zugriffe

ach ja…. aus.gelesen ist meiner Einschätzung nach mittlerweile wohl recht etabliert in der Szene der Literaturblogger, obwohl ich mich aus Diskussionen über z.B. das Verhältnis Blogger/Literaturkritiker zurückhalte und auch bei Aktionen, die von Kollegen initiiert werden, eher zurückhalte. Bei den Zugriffszahlen (was immer diese etwas obskuren statistischen Angaben der Plattform auch bedeuten) hat der Blog die Millionengrenze neulich überschritten, einen Tag im Leben des Blogs gab es, als sich mehr als 1000 Zugriffe zählen ließen. Der Accabadora sei Dank!

The End

Natürlich ließe sich noch viel sagen und aus dem Blog herausholen, aber ich will trotzdem zum Schluss kommen und was wäre angebrachter, als allen zu danken, die mir durch ihre Kommentare, ihre Besuche prinzipiell geholfen haben, diesen Blog am Leben zu halten – und dies hoffentlich auch weiterhin tun. Ohne euch ginge es nicht – deswegen ein ganz, ganz dickes Dankeschön an euch alle!

cu!
euer flattersatz

 

sodele, mal ein ganz anderer beitrag und zwar eine

einladung in eine facebook-gruppe,

die ich vor ein paar tagen ins leben gerufen habe.

ich will dort – mit eurer hilfe! – links zu rezensionen, buchvorstellungen etc von buchtiteln, die auf privaten buch- bzw. literaturblogs veröffentlicht wurden, sammeln, weil ich es sinnvoll finde, diese infos (wer hat das buch noch gelesen und besprochen?) an einer stelle zu konzentrieren. es soll eine reine linksammlung ohne diskussion etc. sein, die diskussionen über die bücher sollen weiterhin dort stattfinden, wo jeder sowieso schon aktiv ist. in der ‚gruppenbeschreibung‘ habe ich das in der von mir gewohnt verbindlichen weise beschrieben… ;-)

facebook01

die gruppe ist noch relativ klein, aber das kann – und wird sich hoffentlich!! – jetzt ändern. ich würde mich freuen, wenn viele teilnehmen, ich denke, im lauf der zeit könnte da eine menge an infos zusammenkommen.

https://www.facebook.com/groups/rezis.links/

span maerchen

Spanien ist, zumindest im europäischen Rahmen betrachtet, nicht das Land, in dem man eine große Märchenkultur verorten würde. Und in der Tat, die Aufzeichnung und literarische Bearbeitung dessen, was wir als „Volks-“ oder „Hausmärchen“ (im Gegensatz zum Kunstmärchen á la E.T.A. Hoffmann beispielsweise) ansehen, Märchen also, die traditionell mündlich weitergegeben und dann in Sammlungen á la Grimm schriftlich fixiert wurden, ist in Spanien eine relativ neue Entwicklung. In seinem Nachwort An den Leser führt der 1944 in Madrid geborene Schriftsteller Guelbenzu [1] aus, daß die frühen Märchensammlungen vor dem 14. Jhdt sich aus den spanischen Versionen orientalischer Geschichten zusammensetzen. Im Lauf der nächsten Jahrhunderte gab es einige bemerkenswerte spanische Erzähler, bevor im 18. Jhdt das Interesse an Märchen zunehmend nachließ und erst im darauffolgenden Jahrhundert wieder sporadisch zunahm. Summarisch jedoch gilt, daß das literarische Märchen in Spanien keine sehr verbreitete Gattung ist. … von einer Tradition im herkömmlichen Sinn überhaupt nicht die Rede sein kann, sondern man es eher mit einzelnen Schüben zu tun hat, ebenso leidenschaftlich wie selten.

Das spanische Märchen, dies erklärt auch den etwas seltsam anmutenden Titelbestandteil vom „Hungermärchen“ ist im allgemeinen durch bestimmte Charakteristika gekennzeichnet. Zum einen stellt es den Witz, den Einfallsreichtum, die Gerissenheit, Listigkeit in den Vordergrund, da – so der Autor – in Spanien die „Erfindungsgabe“ hoch angesehen war, sie galt in dieser unsicheren, von der Kirche unterdrückten Welt immer als die größte Tugend. Zum zweiten zeigt sich in den Märchen die Liebe des Spaniers zum Wunder als mögliche Lösung aller Probleme, von Hilfe also, die dem Helden vom einem Dritten zuteil wird, und zwar häufig, ohne daß eine Gegenleistung gefordert wird. So heißt es in dem Märchen Das Mädchen ohne Arme beispielsweise: Da zeigte sich ihr eine wunderschöne Frau und sprach: „Nimm diese Decke hier. Wenn du sprichst ‚Tischlein deck dich‘, werden vor deinen Augen Speisen erscheinen, wann immer du brauchst. … Spanische Märchen, zum dritten, sind realistisch. Das Elend des Landes, in dem oftmals Hungersnöte herrschten, ist in vielen Märchen Thema: Armut, Schmutz, Hunger, Krankheit und Tod. An ihnen knüpft sich oftmals eine grausame Handlung an, der Titel des weiter vorne schon zitieren Märchens vom Mädchen ohne Arme [2] zeigt dies: in dieser Geschichte beispielsweise werden der mildtätigen Tochter vom Vater, den ihre Freigiebigkeit ärgert, die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Überhaupt sind Grausamkeiten an der Tagesordnung, das Zerstückeln, Zerhacken, Zerschmettern, Abhacken, Einschlagen, Verbrennen, Verbrühen, Blenden etc pp beliebte Ingredienzien vieler Geschichten, wobei aber – es sind ja Märchen – die Helden oder Heldinnen am Ende wieder geheilt werden oder sind, die Bösewichte eher nicht…..

Natürlich gibt es thematische Überschneidungen und Ähnlichkeiten der Motive mit Märchen aus anderen Kulturkreisen. Das Opfer des eigenen Kindes, ein schon biblisches Motiv. Das Entkommen aus der Höhle des geblendeten, einäugigen Riesen im Durcheinander der Schafherde ist von Odysseus her bekannt… Die Figuren, die uns in den Märchen begegnen sind die, die wir auch aus den heimischen Geschichten kennen: Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Gnome, Müller, Schneider, Köhler und Schuster, schöne Menschen und häßliche, gute und schlechte. Oft sind es drei Brüder oder Schwestern, von denen eine/r, meist die/der Jüngste ein schweres Schicksal hat, bevor sich alles zum Guten wendet… Tod und Teufel sind beliebte Figuren, der Teufel, der vordergründig hilft und Wunder vollbringt, die aber an Bedingungen geknüpft sind, die ihm die Seele des Betreffenden sichert… oder auch nicht, denn durch Gerissenheit und  Einfallsreichtum ist selbst der Teufel zu überlisten. Ein schönes Beispiel dafür ist im Märchen Der Teufel hilft dem Pächter zu finden. Als Preis für seine Hilfe fällt dem Teufel das Kind zu, die Frau jedoch besteht ihm gegenüber darauf, daß die Hälfte des Kindes ja ihr sei und er es nur bekäme, wenn er für sie eine Aufgabe löse, nämlich ein Haar geradezubiegen. Und geschwind riss sie sich ein Achselhaar aus und reichte es dem Teufel. Na, schon ausprobiert, wie das ausgeht?

Die Liebe… natürlich spielt sie eine große Rolle in vielen dieser Märchen. Sie blüht schnell auf, wird auf die Probe gestellt und bewährt sich, fällt niederträchtiger Verleumdung anheim, muss Krisen überstehen….   Da gestattet die Prinzessin dem Niederen schon mal, daß er zu ihr ins Bett kommt, um so in den Besitz der Kostbarkeit zu kommen, die dieser beim Umgraben des Gartens fand…. und häufig ist die Prinzessin der Preis, der für den Helden bzw. den sich erst noch bewähren müssenden Helden ausgelobt wird…. In manchen Werken wird die Liebe zur Erotik und in diese wiederum poetische Bilder gepackt, wenn etwa die schöne Maid nächtens am Fenster singt: Komm schnell herbei, Königssohn / denn die Lavendelblüte, / die öffnet sich schon und der derart Herbeigesehnte dann Nacht für Nacht in Gestalt eines Vogels erscheint. Ob sich die beiden die Zeit bis zum Abschied am Morgen wirklich nur unterhielten, wie es im Märchentext danach weiter heißt? Schließlich läßt er ihr ja jedesmal aus einem Beutelchen das Gold da….


In der vorliegenden Zusammenstellung hat der spanische Autor Guelbenzu [1] Märchen aus allen Regionen und Zeiten Spaniens ausgewählt und bearbeitet. In manchen der Geschichten merkt man das, wenn beispielsweise davon die Rede ist, jemand sei (ohne daß dies vorher bekannt war) Sohn eines Mauren.  Andere Texte wiederum könnten ebenso gut aus anderen Kulturkreisen stammen, etwas verwirrend beim Lesen ist die häufige Verwendung des Namens „Hans“, der nur wenig spanisch klingt…. Teilweise lagen Guelbenzu mehrere Versionen einer Geschichte vor, die er zusammenfasste, beim Neuschreiben wurde versucht, die Charakteristika der mündlichen Erzählweise beizubehalten, ferner bemühte er sich um eine Vereinheitlichung des Stils.

Ich habe dieses Büchlein aus der Andere Bibliothek schon eine geraume Zeit bei mir im Regal stehen. Daß ich es jetzt herausgenommen habe, liegt daran, daß ich für meine Vorleseveranstaltung ein Thema brauchte, das eigentlich ausgesuchte ist sozusagen „geplatzt“. In so einem, – na ja, Notfall ist zwar etwas übertrieben, es aber musste kurzfristig ein neues Motto her – also, in so einer Situation sind Märchensammlungen immer sehr praktisch…. In meine Lesung habe ich zusätzlich noch zwei kleinere Geschichten aus anderen Quellen aufgenommen, die explizit in der Herrschaft der Mauren in Spanien angesiedelt sind und die damit eine wichtige Epoche des Landes (und im Grunde ganz Europas) repräsentieren.

José María Guelbenzus Spanische Hunger- und Zaubermärchen sind eine unterhaltsame, nicht unbedingt auf Kindertauglichkeit herunter entbrutalisierte Sammlung von Geschichten, von denen viele uns gar nicht so fremd erscheinen und in Die Andere Bibliothek wie immer in einem Rahmen präsentiert, der dem Bücherfreund das Herz ein wenig höher schlagen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren gibt es wenig auf deutsch. Wer des Spanischen mächtig ist, findet neben der Website des Autoren: http://www.jmguelbenzu.com/index.php einen Eintrag in der Wiki: https://es.wikipedia.org/wiki/José_María_Guelbenzu, ansonsten hat die Krimi-Couch eine Kürzestbiographie auf deutsch ‚vorrätig‘: http://www.krimi-couch.de/krimis/jm-guelbenzu.html, aus der ersichtlich ist, das Guelbenzu  (auch) in diesem Genre arbeitet.
[2] vom Spiegel (6/2000) in einer Rezension mit dem mustergültigen Titel Torso im Glück beispielhaft aus der Sammlung („verdienstvolle Hispano-Anthologie“) herausgepickt:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16597500.html

José María Guelbenzu
Spanische Hunger- und Zaubermärchen
Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange
mit 12 Fotographien aus dem alten Spanien

Originalausgabe: Edition Cuentos Populares españoles, 1996/7, Madrid
diese Ausgabe: Eichborn, HC, (Die Andere Bibliothek, Bd. 183), ca. 346 S., 2000)

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Mascha Kaléko wurde 1907 im damaligen Österreich-Ungarn (heute Polen), in Galizien, geboren. Um Progromen zu entgehen, floh die Familie 1914 nach Deutschland. Mascha war, da die Eltern nur nach jüdischen Ritus verheiratet waren, offiziell als uneheliches Kind zur Welt gekommen, die Eltern heirateten standesamtlich erst 1922. Über Frankfurt und Marburg kam die Familie Engel (es gab noch einige Geschwister) schließlich nach Berlin, ins Scheunenviertel, damals das Viertel der ärmeren Juden.

Mit 21 Jahren heiratete Mascha den Hebräischlehrer Saul Kaléko, in diesen Jahren gehörte sie bald dem Kreis der künstlerischen Bohème der Hauptstadt an, die sich Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre im „Romanisches Café“ [6] trafen, Literaten wie Tucholsky, Klabund, Else-Lasker Schüler, Erich Kästner, Walter Mehring, Ringelnatz- nicht alle von ihnen sind heute noch bekannt.

Erste Gedichtveröffentlichungen folgten, 1933 publizierte sie ihr Lyrisches Stenogrammheft [5], von dem Heidegger so begeistert war: Ihr Stenogrammheft zeigt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben ist. Die Ehe mit Saul Kaléko war nicht von langer Dauer, Mascha lernte den Musiker Chemjo Vinaver kennen, sie beschreibt es in einem Gedichtfragment: Ich kannte ihn vom Sehen und Hörensagen, (ehe mir selbst das Hören und Sehen verging)/Er aber liebte mich schon/Sieben Jahre/Sieben Jahre suchte er mich…. Sieben Jahre, die mythischen sieben Jahre, warb Chemjo um Mascha, wie einst Jakob und Rahel.. und dann….

Als wir zu dritt
Die Straße überquerten
…..
Ergriff ich den Arm des einen,
Der rechts von mir ging.
Nicht den des anderen,
Dessen Ring ich trug.
“ [2]

Mascha und Chemjo bekamen einen Sohn, den sie später in den USA Steven nannten, und schließlich willigte Saul Kaléko in die Scheidung ein, 1938 konnten die beiden Liebenden heiraten.

Gedenktafel an der alten Adresse Mascha  Kalékos in der Bleibtreustr. 10/11 Bildquelle: [B]

Gedenktafel an der alten Adresse Mascha Kalékos in der Bleibtreustr. 10/11
Bildquelle: [B]

„Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.
Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort.
Hier besuchten mich meine Freunde
Und die Gestapo“.
[2]

Die paar leuchtenden Jahre in Berlin (wie Mascha diese Zeit nannte) waren bald vorbei und wurden durch die große Verdunklung abgelöst. Bei Rowohlt erschien noch ein weiterer Gedichtband und Mascha Kaléko hatte mittlerweile einen Namen als Großstadtdichterin. Dann merkten die Machthaber aber doch, daß sie Jüdin war, 1935 wurde sie  aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und stand unter Publikationsverbot. Eine zeitlang konnte sie noch unter einem Pseudonym zum Familieneinkommen beitragen. Im September 1938 schließlich mussten sie die Bleibtreustraße 10/11, in der sie lebten, endgültig verlassen, über Hamburg und Paris emigrierten sie nach New York. Das letzte Gedicht, das sie in ihrem Leben schrieb, war dieser Straße gewidmet.

Die (erste) Zeit in New York muss schwierig gewesen sein: in Deutschland war sie die bekannte Dichterin Mascha Kaléko, hier die fremde jüdische Emigrantin Mrs. Vinaver. Zwar lernte Mascha gut und schnell Englisch, so daß sie über Werbetextung (u.a. für Büstenhalter) zum Unterhalt beitragen konnte. Ihr Mann tat sich schwerer mit der Sprache und dem Einleben, er leitete Chöre und dirigierte, aber dies waren Auftragsarbeiten und kein gesichertes Einkommen. Mascha musste viele der Wege zu Ämtern und Behörden erledigen, auch in New York gehörten Emigranten nicht zu den bevorzugten Einwohnergruppen. Aus einigen Briefpassagen kann herausgelesen werden, daß die Kontakte zu anderen Menschen in der Stadt nicht groß waren. Die fremde Sprache, die vielen Pflichten, Mascha fand kaum Ruhe für ihre eigene Arbeit.

Kaléko/Vinaver blieben in New York, ein anderer, großer Teil der aus Deutschland emigrierten Künstler dagegen siedelte sich in Kalifornien an, Lion Feuchtwanger [3] und Thomas Mann waren für diese Kreise so etwas wie Kristallisationspunkte. Dieser geographische Abstand dürfte die relative Abschottung für Kaléko/Vinaver zementiert haben, ich gehe davon aus, daß ein Hauptmotiv, in NY zu bleiben, die beruflichen Möglichkeiten für Chemjo waren, die er sich dort aufgebaut hatte. Dieser Ablauf sollte sich im späteren Leben der beiden noch einmal wiederholen: Chemjo zuliebe verließ Mascha nach über 20 Jahren in den USA dieses Land, um nach Israel zu gehen: noch eine Entwurzelung für sie, die seit ihrer Kindheit in der Welt umherirrte.

Was das Leben der beiden weiter belastete, waren die gesundheitlichen Probleme des Mannes, der unter Atembeschwerden, Asthma und auch Herzbeschwerden litt. Die Sorge um das Befinden des geliebten Mannes ist einer der immer wieder, in jedem Brief auftauchenden Punkte, auf die Mascha eingeht.


Ihre engsten Freunde hatten den Holocaust überlebt, die Eltern lebten mit den beiden jüngsten Geschwistern in Tel Aviv, nur von der jüngern Schwester Lea gab es kein Lebenszeichen, die beiden sollten sich während dieses Berlinbesuches Maschas wieder finden. Dagegen waren zwei Brüder des Mannes in Konzentrationslagern ermordert worden. 1956 schließlich war Mascha Kaléko innerlich bereit und in der Lage, wieder nach Deutschland zu reisen. Von dieser Reise, die ein Jahr dauern sollte und Silvester 1955 begann, berichtete sie ihrem Mann fast täglich in ausführlichen Briefen und Postkarten. In dem vorliegenden kleinen Bändchen aus dem dtv ist hierzu eine Sammlung herausgegeben. Die Antwortbriefe ihres Mannes sind nicht erhalten noch weiß man, warum Mascha Kaléko sie vernichtet hat.

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Sie kommt mit dem Schiff am 8. Januar 1956 in Hamburg an. Ihre Briefe berichten ausführlich von den Erfahrungen und Eindrücken, die sie in den Städten, die sie besucht, gemacht hat bzw. macht. Es sind natürlich widersprüchliche Eindrücke, insbesondere die in Berlin erlebten. Berlin war ihre Heimat, hier spielte sie die Großstadtklaviatur aus den Eff-Eff – und von hier musste sie fliehen, um zu überleben. Die Stadt selbst war noch ein Trümmerfeld, der Ku-Damm dagegen schon glamourös, Mascha vergleicht ihn mit den Prachtstraßen New Yorks. In Deutschland war das Wirtschaftswunder in Schwung gekommen, es gab Reiche und Reichtum zu sehen. Aber es gab eben auch die Trümmer, die Versehrten in den Straßen, die Armen im Schatten des Wachstums.

Dabei trauerte Mascha Kaléko weniger um die materiellen Schäden in den Straßen (die sie gleichwohl erschüttern), sondern mehr um die verloren gegangene Atmosphäre. Sie vermisste den Humor, den Esprit, die Feinsinnigkeit – die Juden eben. Was sie bei den Deutschen erlebte, war eher derb und platt, die Witze im Radio sind viel gröber geworden, auch in erotischer Beziehung, intelligentere Witze musste man erklären.

„Jeder Sturmbannführer ein Pazifist,
So lautet das liebliche Märchen,
Und wieder leben Jude und Christ
Wie Turteltaubenpärchen…“

Die Menschen, die sie in den Straßen sieht, sind die gleichen, die sie wenige Jahre zuvor aus dem Land trieben – es ist ein stetes Misstrauen zu spüren. Es ist Winter, als sie ankommt: die langen Mäntel, die die Menschen tragen, erinnern sie an die der SS, verbreiten für sie eine düstere Atmosphäre in den Straßen. Am 19. Januar beschreibt sie, daß sie aber auch vielen Menschen begegnet, die einen so ordentlichen und menschlich anständigen Eindruck [machen], daß ich manchmal ganz verwirrt bin. … die jungen Leute, die in den Redaktionen sitzen, betrachten die als „altes Eisen“ und sind von ganz anderer Art. Die sind meistens noch sehr nazi-infiziert, im Gegensatz zu den 50jährigen, die klarer sehen.

Das Geld, sie gehört nicht zu den Reichen. Für jede Nacht muss sie sich Unterkunft mieten, mehr als einmal kommt sie in die vorbestellte Pension, um zu hören, daß das fest zugesagte Zimmer doch anderweitig vergeben wurde. Jede Nacht reißt ein Loch in ihrem Geldbeutel, ebenso das Essen, die notwendige Fahrerei. Minutiös beschreibt sie dies (und auch ihren Tagesablauf) in den Briefen, die so in der Gesamtschau eine Beschreibung sind westdeutscher und berliner Zustände im Jahr 1956: 1/4 Heringssalat à 40 Pfg, Brot mit Lachsschinken Mk. 1,50, eine große Flasche Apfelsaft 1,– Mk., 1 Pfd dunkle Trauben 3,90 Mk. Ein Zimmer kam zwischen 5 und 10 Mk., Frühstück um die 2,50 Mk (war aber oft obligatorisch)….

Sceenshot der ZEIT-Ausgabe vom 12. April 1956

Sceenshot der ZEIT-Ausgabe vom 12. April 1956

„Beruflich“ ist ihr Besuch in Deutschland ein voller Erfolg. Viele Menschen erinnern sich noch an sie [4], ihre Radiointerviews, ihre Lesungen sind gut besucht und begeisternd, in den Buchhandlungen sind wieder – so wie vor zwanzig Jahren – ihre Gedichtbände in der Auslage zu sehen – und (wichtig für sie) zu kaufen [5]….. Teilweise gibt es schöne Honorare, die ihr für ein paar Tage die Geldsorgen etwas erleichtern, sie wird oft eingeladen und ist viel unterwegs.

Immer natürlich enthalten die Briefe ausser diesen Berichten und Eindrücken auch die besorgten Fragen nach dem Befinden des Mannes und dem des wohl flügge gewordenen und selbstständig werdenden Sohnes. Für den Sommer ist geplant, daß Chemjo nach Deutschland kommt, beide hoffen, daß hier in einem Kurbad oder prinzipiell das Asthma des Mannes geheilt oder gemindert werden kann. Der Aufenthalt von Chemjo Vinaver läuft übrigens nicht ohne Probleme ab, Mascha macht den Fehler, für sie beide, die seit vielen Jahren in getrennten Zimmer schlafen, ein Doppelzimmer zu mieten. Es führt wohl zu Reibereien und Unstimmigkeiten, die Briefe, die Mascha nach der Rückkehr ihres Mannes in die USA schreibt, sind durchzogen von vielen (Selbst)vorwürfen darüber.

Interessant ist ferner, daß sich Mascha Kaléko wohl intensiver mit dem Zen-Weg des Buddhismus beschäftigt, sie kommt häufig darauf zurück, erwähnt auch einen Besuch in einer buddhistischen Stätte in Berlin, wo sie einen Zen Praktizierenden trifft. Dazu sollte man wissen, daß (zwar auch schon vor aber besonders) nach dem Zweiten Weltkrieg Zen in den USA durch den Meister Teitaro Suzuki bekannt gemacht worden ist. Offensichtlich hat Mascha Kaléko sich dafür sehr interessiert, sie äußert sich ganz begeistert über die Begegnung mit dem „Zen-Mann“ in dem buddhistischen Kloster in Berlin. Da sie nirgends davon schreibt, daß sie selbst „gesessen“ hätte, gehe ich davon aus, daß die Auseinandersetzung mit dem Zen eher intellektueller Natur war.

Hamburg, München und Berlin waren die Hauptstationen Kalékos, daneben gab es natürlich noch andere Veranstaltungsorte. Den Spätherbst dann verbrachte sie in Ascona am Nordufer des Lago Maggiore, sie genoß die Spätsommersonne, traf auch hier Kollegen, u.a. Remarque. Den letzten Brief, der im Büchlein widergegeben ist, sandte sie aus Rom in die USA, er erzählt von Menschen, die sie dort traf, Sehenswürdigkeiten, die sie besuchte….


Ich habe beim Lesen solcher Briefwechsel (auch wenn hier ein Partner stumm geblieben ist) immer ein zwiespältiges Gefühl: wo ist die Grenze zwischen Indiskretion und berechtigtem Interesse beim Leser, sprich: hier bei mir? Gehen mich die Atembeschwerden von Chemjo Vinaver wirklich etwas an? Ist es nicht zu privat, wenn ich lese, daß sie ihren Mann dringend bittet, die Korresponenz wegzuschließen, daß kein Fremder, auch nicht der Sohn, sie lesen kann? Andererseits ist es natürlich so, daß durch solche Einblicke in das Private und Persönliche der bloße Name, der unter einen Gedicht steht heruntergebrochen wird auf einen konkreten Menschen mit Wünschen, Vorstellungen, Gefühlen, Neigungen….

Dazu kommt, daß speziell die expliziten und genauen Details in Kalékos Briefen ein Bild dieser Zeit ergeben, in der die kollektive Verdrängung des Grauens der Nazi-Zeit noch in vollem Gang war. Kaléko schreibt es an einer Stelle, als Besucherin aus Amerika hat man mehr Sympathien denn als „Re-Migrant“, wie man die Rückkehrer hier nennt. Ein Re-Migrant war damals sicherlich ein steter Stachel im Fleisch, der bohrte und erinnerte, vllt sogar das Geraubte von damals wieder beanspruchen würde….

So ist dieses schmale Bändchen mit den Briefen Mascha Kalékos zu lesen trotz der Bedenken ein Gewinn und ein beglückendes Erlebnis, zumal mich persönlich kaum jemand so schnell und direkt im Innersten berühren kann wie Kaléko mit ihrem Gedichten. Hier ist sie nicht nur Dichterin, hier ist sie auch Frau, Mutter, Liebende – ein Mensch eben in all seinen Facetten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Mascha Kaléko: http://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kaléko, vgl aber auch hier ein Interview des Deutschlandradios mit Gisela Zoch-Westphal, die das literarische Erbe von Mascha Kaléko verwaltet:  http://www.deutschlandradiokultur.de/…id=224164
[2] die Textauszüge sind aus den Gedichten „Signal“, „Bleibtreu heißt die Straße“ und „Deutschland – ein Kindermärchen“
[3] zu Feuchtwanger und seinem Emigrantenschicksal sind ein paar Infos hier im Blog unter: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Feuchtwanger zu finden
[4] vgl. z.B. hier den Beitrag in der ZEIT vom Februar 1956: Die Dichterin und der Gelehrte; http://www.zeit.de/1956/07/die-dichterin-und-der-gelehrte/komplettansicht   (die Suche in der ZEIT ergibt noch mehr Fundstellen zu Kalèko)
[5] z.b. das Lyrische Stenogrammheft: http://www.literaturundkunst.net/mascha-kaleko-das-lyrische-stenogrammheft/
[6] Wiki-Beitrag zum „Romanisches Cafe“:  http://de.wikipedia.org/wiki/Romanisches_Café

Weiteres von Mascha Kaléko hier im Blog: Paula Quast, Henry Altmann: “…. und sie sprechen von mir nur leise.”; https://radiergummi.wordpress.com/2013/09/15/….leise/

als Hintergrundinfo genutzt: die Kurzbiographie des im Übrigen sehr empfehlenswerten Buches von Jutta Rosenkranz: Wir haben keine andere Zeit als diese in: dies.: Zeile für Zeile mein Paradies –  Bedeutender Schriftstellerinnen – 18 Portraits, Piper, 2014

Ich möchte auch nicht versäumen, an dieser Stelle auf die sehr empfehlenswerte Artikelreihe meiner geschätzten Blogger-Kollegin Birgit aufmerksam zu machen, die sich mit „Jüdischen Autorinnen“ auseinandersetzt:  http://saetzeundschaetze.com/category/portraits-judischer-autorinnen/

Bildquelle: Gedenktafel: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_Bleibtreustr_10-11_(Charl)_Mascha_Kaleko.jpgBy OTFW, Berlin (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Mascha Kaléko
„Liebst du mich eigentlich?“
Briefe an ihren Mann
Herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal und Eva-Maria Prokop
mit einem Nachwort von Gisela Zoch-Westphal
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 155 S., 2015

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