Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Eine spontane Assoziation zu diesem Buch stellt sich schon ein, bevor man die erste Zeile des Textes überhaupt gelesen hat und erinnert an die literarische (?) Peinlichkeit, die Charlotte Roche vor wenigen Jahren mit ihren Feuchtgebieten [2] in die Welt gesetzt hat: in beiden Werken findet sich der Hinweis auf einen hohen Anteil an Selbsterlebten. Roches glitt das seinerzeit wohl aus der Hand, sie ruderte bald zurück, Macintosh dagegen verspricht, nie etwas zu verraten…. Aber ok, das ist nur eine Assoziation, die ich hatte, vergesst es einfach, die beiden Bücher haben ansonsten nichts miteinander zu tun, man täte dem vorliegenden Buch von Mackintosh damit auch Unrecht….. ;-)

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Anneliese Mackintosh – der Vorname ist schließlich nicht ohne Grund so deutsch – wurde in Deutschland geboren, ebenso wie ihre Heldin Greta , die just diesen deutschen Namen aus nämlichen Grund hat, beide lebten an vielen Orten, zwischendurch auch in Berlin. Any Other Mouth, so der Originaltitel der Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Leben Gretchens, wurde 2014 erstveröffentlicht und erschien dieses Jahr 2016 in deutscher Übersetzung [1]. Er sammelt Episoden aus Gretas Leben, Erinnerungen an ihren Vater, ihre Mutter, die Schwester, ihre eigene Kindheit und Jugend. Und natürlich kommen auch die Erlebnisse der Jetzt-Zeit nicht zu kurz. Es ist ein Leben auf der Grenze, soviel sei hier angedeutet, auf der Grenze zwischen ‚gerade noch‘ und ‚geht nicht mehr’…

eine zweite Assoziation…. Mackintosh goes Otsuka [3]:

Ich f*ckte einen,  der bekennender Nazi war
Ich f*ckte einen auf dem Badezimmerboden…
Ich f*ckte einen, der mir von seiner schönen Frau und den Kindern erzählte
Ich f*ckte einen, dessen Vater mich mit Ketaminen versorgte
Ich f*ckte einen, der einen Roman schrieb
Ich f*ckte einen, der mich mit Chlamydien ansteckte
….und ritt mich immer wieder und tiefer in die Scheiße,
weil das alles war, was ich konnte.

… aber das mit dem F*cken kam erst etwas später, nach dem Tod des Vater, nach dem sie Greta so sehnte wie nach der Liebe und vielleicht waren beide Sehnsüchte eigentlich die selben, die zweiten Seiten einer Medaille….. mit wieviel Zärtlichkeit und Wehmut sind Gretas Erinnerungen an ihren Vater, den sie bewunderte, geschrieben. Ein Computerfachmann, der sogar mal mit Bill Gates gesprochen hatte, aber dem der große (wirtschaftliche) Durchbruch versagt geblieben war. Der nicht treu sein konnte und im vergammelten Wohnwagen hinterm Haus die Pornohefte sammelte… der seinem kleinen Töchterlein: Wie funktioniert das, Daddy? alles erklären konnte, mit ihm im Garten arbeitete, Schafe hütete, Geschichten erzählte und mit seinen geheimen ‚Daddy-Kräften‘ dafür sorgte, daß die richtigen, die schönen Träume des Nachts zu Greta kamen…. Es war die Zeit, in der Greta in der ‚Mitbringstunde‘ in der Schule aus ihrem Lieblingsbuch, einem landwirtschafltichen Ratgeber, Bilder mitbrachte, von sich paarenden Schweinen, vom Verdauungstrakt der Hühner und sie damit gegen die fluoreszierenden Mickey-Mouse-Köpfe der anderen konkurrierte…. Der Krebs holte sich ihren Vater und hatte die Mutter das mit dem Fremdgehen auch noch irgendwie verkraftet, der Tod ihres Mannes war zuviel für sie….


Meine Trauer ist so groß, sie spannt die Haut. Meine Trauer ist so stark, sie bricht mir die Knochen. So hart, daß sie mir Veilchen schlägt. So kalt, daß ich Eiszapfen weine. Und meine Trauer ist so lang, sie baumelt überm Teller, wenn ich essen will, daß ich auf den Teller und auf die Trauer kotzen muss.

…Gretas Trauer ist unendlich, taucht immer wieder auf, die Trauer, sie kann schwimmen, denn das Glas Wein am Abend, aus dem so leicht auch vier oder fünf oder… werden, ersäuft sie nicht…. genauso wenig wie sie dagegen anf*cken kann, gegen das Gefühl des Alleinseins, der Angst vor dem Verlassenwerden, denn bevor sie verlassen wird, verläßt sie lieber selbst. Vielen Dank für alles. So reiht sich bei ihr Mann an Mann, nur selten jemand, bei dem sie länger bleibt (was nicht bedeutet: lange oder gar für immer) wie mit Simon, der vermutet, daß sie Borderline hat und ihr sogar das Versprechen abluchsen kann, zum Arzt zu gehen….

Die vierundzwanzig Jahr der Kindheit, der Jugend und der jungen Frau mit ihrer Familie im Cottage: die Zeitmaschine von Google Maps führt sie zurück. Sie zoomt sich heran an das Haus, sieht die Wäsche an der Wäscheleine hängen, die Liege im Garten, die Schubkarre an der Wand…. ihre Sehnsucht liefert ihr die fehlenden Bilder von den Menschen, von der Mutter in der Küche, dem Vater vor dem Computer, der Schwester, die mit dunklem Blick auf dem Boden handarbeitet….

Heilig Abend… o wie lacht…. hier wartet keine Idylle auf uns, kein Weihnachtsmärchen, kein Kind mit lockigem Haar. Obwohl – vielleicht hatte ja doch einer lockiges Haar von den Kerlen, die Greta und ihre Freundin, die sich mit zuviel Alk in den Pubs selbst abgeschossen hatten, ins Klo mitnahmen und ihnen ihr Fleisch reinsteckten, einer nach dem anderen, Gesichter spielten keine Rolle und in ihrem benebelten Geist machten sie, was ihnen gesagt wurde oder hielten einfach nur still…. Idylle ist relativ, mit zerrissenen Klamotten und völlig derangiert taucht Greta zur familiären Heilig Nacht auf. Frohe Weihnachten.


Harter Stoff, den Mackintosh präsentiert, nicht unbedingt kindertauglich. Borderline, Asperger, Mehrfachvergewaltigung, Ritzen, Alkoholsucht, wechselnde Geschlechtspartner in großer Zahl, Psychiatrie, Suizidalität, Wahnvorstellungen: Gretas Familie bietet von allem etwas und dann reichlich. Immer wieder Versuche, den eigenen Platz in der Welt zu finden – und immer wieder auch ein Scheitern, ob im Fitnessstudio, in der vegan lebenden WG, bei der Promotion, in den Beziehungen…. darüber zu lesen, tut oft weh, ist oft traurig, ist oft witzig. Denn Mackintosh kann schreiben und formulieren, rau, derb und direkt manchmal, skurril und witzig ein andermal. Zärtlich und sehnsuchtsvoll, voller Liebe aber auch voll mit Hass – manches mal, vllt sogar häufig, auf sich selbst. Ein Leben auf der Suche nach dem Glück, nach dem Vater, der sie zu früh verlassen hat, nach dem Gefühl des Behütetseins der Kindheit. Ein Leben als steter Kampf mit einem Gegner: sich selbst und ihrer Angst. Der Angst, verlassen zu werden, einsam zu sein, das Glück festzuhalten, wenn es sich mal zeigt. Ein Leben im Schleudergang also, up and down; wenn es eine Stoptaste für Greta gibt, scheint es das Schreiben zu sein. So bin ich nicht ist also auch ein Auffangbecken für jemanden, der genau so ist, aber so wohl nicht sein will.


Mackintosh präsentiert uns dieses Leben in 30 Episoden [4], aus denen sich sukzessive ein Gesamtbild von Greta herausschält. So ist das Buch mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten, es ist eher ein Mosaik, das letztlich ein Ganzes ergibt, auch wenn dieses Ganze dann wiederum nicht als Roman bezeichnen kann. Natürlich hat man beim Lesen immer die einleitende Anmerkung der Autorin im Kopf, zweidrittel des Erzählten seien wirklich passiert und man fragt sich, was nun unter diese Kategorie fällt… eher die glücklichen Momente, eher die traurigen oder die schockierenden? Wahrscheinlich von allem etwas….. Jedenfalls darf man Mackintosh nach dieser beinharten „Beinahe-Biographie“ für die Zukunft viel Glück wünschen; die Katzen hat sie ja mittlerweile, verheiratet ist sie auch [1] und als Leser darf (oder muss, angefüttert ist man ja durch So bin ich nicht) man auf ihren ersten Roman sehr gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] über die Autorin:  http://www.anneliesemackintosh.com/#!about/c1j3z
twitter-account: https://twitter.com/anneliesemack?lang=de
[2] wer dieses Werk nicht kennt (es ist ja immerhin schon über acht Jahre her): Charlotte Roche: Feuchtgebiete; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/feuchtgebiete/
[3] wer hier nachschaut, weiß, was ich meine: Julie Otsuka: Wovon wir träumten (Link zur Buchbesprechung hier im Blog)
[4] Ich habe es nicht selber nachgezählt (Leider fehlt so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis), sondern mich auf eine andere, fleißige Leserin verlassen:  http://buchlingreport.de/2016/06/03/anneliese-mackintosh-so-bin-ich-nicht-gretas-storys/

Anneliese Mackintosh
So bin ich nicht
(Gretas Storys)
Übersetzt aus dem Englischen von Gesine Schröder

Originalausgabe: Any Other Mouth, Glasgow
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 256 S., 2016

 

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Die Bibel – wer kennte dieses Buch, ja, dieses Buch der Bücher, nicht? Die meisten wohl… den Titel schon, aber wann zum letzten Mal in der Hand gehabt und gar gelesen? Und auch der Kirchenbesuch, bei dem darauf vorgelesen und gepredigt wird, ist ja auch nicht mehr so häufig wie anno dazumal. Dabei stehen, das muss man zugeben, eigentlich sehr schöne Geschichten in diesem Buch. Sicherlich, die Sprache ist unmodern, der Aufbau der Geschichten umständlich und das Ganze wirkt doch etwas altbacken. Andererseits findet man in diesen alten Geschichten das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen und menschlicher Charaktere wieder, sie sind in vielerlei Hinsicht archetypisch für uns. Begegebenheiten, die von Eifersucht zeugen, von Neid, von Hass und Konkurrenz, von Liebe und Freundschaft, von Vertrauen und Betrug, von Strafe und Belohnung, von Mut und Feigheit, von Klugheit und Dummheit, von Toleranz und Ignoranz. Denken wir nur an die Figur des Hiob, sprichwörtlich geworden für Menschen, denen ein unergründliches Schicksal alles, was sie lieben, nimmt….

Der Niederländer Guus Kuijer [1], ein vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor, hat sich der Bibel angenommen. Mit dem auf den ersten Blick irritierenden Zusatz ….für Ungläubige erzählt er aus dem Blickwinkel von Figuren, die in der „richtigen“ Bibel [2] eher am Rand stehen, einige dort geschilderte Episoden in moderner Prosa wieder. In den Niederlanden sind bis dato die ersten vier Bände (zumindest habe ich nicht mehr gefunden) erschienen, in Deutschland sind bis dato Band 1: Der Anfang – Genesis und Band 2: Exodus [3] im Antje Kunstmann Verlag erschienen, bei Reclam werden offensichtlich die Taschenbuchausgaben zeitversetzt publiziert.

Genesis also, das erste Buch Mose [2a], das von der Schöpfung der Welt berichtet, von Adam und Eva, von Noah, Abraham, Isaak und Jakob bis zu Josef und seinen Brüdern. Natürlich erzählt Kuijer die Geschichte der Erschaffung der Welt, die am Anfang ein Wort war, als Adams Geschichte. Dies ist in der Literatur nichts neues, ich habe selbst in diesem Blog schon die wunderschöne Adaption Mark Twains vorgestellt, auch Ted Hughes hat sich dem Thema gewidmet, sicherlich fände man noch mehr Autoren, würde man suchen [4].

Es folgt die Geschichte von Noah, dem Bau der Arche und der Sintflut aus der Sicht von Ham, einem der Söhne Noahs, und zwar der, der immer etwas eigenständiger war als seine beiden Brüder Sem und Japhet. Ein Urenkel Noahs, ein Enkel Sems schließlich war für den Turmbau von Babel verantwortlich, der wie die Arche sowohl als göttlichen Auftrag missverstanden wurde, der aber auch als ein technologisches Großprojekt war, das neugierige Menschen aus aller Herren Länder anlockte und wirtschaftlichen Aufschwung verhieß.

Für mich die schönste Geschichte ist die, die Sarah erzählt, die Frau von Abraham, die damals noch Sarai und Abram hießen. O ja, Sarai ist ganz hibbelig (um ein harmloses Wort zu verwenden) bei dem Gedanken, mit einem Gott zu schlafen.. wie aufregend muss das sein, wo sie doch nur das langweilige Gebu**e mit ihrem eigenen Mann kennt… der Pharao, in Ägypten, wird es sein, der sie, die Schöne, begehrt…. aber das ist nur eine Episode aus Sarahs Erzählung, die auch die Geschichte um Sodom und Gomorrha, um Lot und seine Familie enthält und die Probleme, eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Sarah ist nicht ohne Fehler und menschliche Schwächen, Hagar, ihre Sklavin, die mehr ist als eine Sklavin, die ihr wie eine Tochter ist, die sie ihrem Mann zuführt, damit dieser endlich ein Kind mir ihr zeugt und die nachher von Eifersucht aufgefressen wird: diese Hagar beispielsweise verjagt sie in die Wüste, mit ihrem Balg…. Abram ist der, der sich immer mit Gott unterhält, der Weisungen von diesem Gott erhält, der die Beschneidung einführt für die Männer seines Stammes. Und es ist dieser Gott, der von Abram verlangt, den Sohn, den Sarah ihm endlich doch geboren hat, zu opfern. Und Abraham ist bereit dazu und Isaak auch dazu, geopfert zu werden. Als Sarah davon erfährt, bricht es ihr das Herz.

Isaak erzählt seine eigene Geschichte, die in vielen Teilen die ist von Esau, dem Erstgeborenen und Jakob, den Fersenhalter, der als Zweiter auf die Welt kam. Für ein Linsengericht gegen den beissenden Hunger verkaufte der triebhafte Esau dieses Recht an Jabob und durch eine List, die Rebecca, seine Mutter und er ausheckten, täuschten sie den blinden Isaak, so daß dieser seinen Segen nicht an Esau, sondern an Jakob verteilte.

Er floh vor der Rache es Bruders zu seinem Onkel, wo er Rahel traf. Und er freite sieben Jahre um Rahel und in der Hochzeitsnacht schob man ihm Lea, die ältere Schwester, unter. Ein Betrug, wie er ihn weiland begang…. und er freite noch einmal sieben Jahre um Rahel, bis er seine Liebe endlich heiraten konnte. Aber während Lea ihm einen Sohn nach dem anderen gebar, dauerte es viele Jahre, bis Rahel im zwei Söhne schenkte: Josef und Benjamin.

Und letzter gibt in diesem Buch den Thomas Mann und erzählt die Vorkommnisse von Josef und seinen Brüdern, in denen Niedertracht und Verrat eine Rolle spielen sowie auch Geilheit und Klugheit. bis sich schließlich alles zum Guten gewendet hat.


… für Ungläubige ist eine Nacherzählung ausgewählter Episoden aus dem 1. Buch Mose. Man wird daran erinnert, daß Gott damals nur einer von vielen Göttern war, der Gott eines Clans, einer Familie so wie jeder Stamm seinen Götter hatte und verehrte. Noch ist längst nicht absehbar, daß dieser Gott Jahrhunderte später zum Gott der Juden und danach der Christen avancieren sollte, während alle anderen der Stammesgötter nur noch als Erinnerungen an einst (wenn überhaupt) überleben sollten.

Kuijer bezeichnet sich selbst als ungläubig. Er sucht in den Geschichten gezielt nach Zweifeln, Widerspruch, Ungehorsam, ja sogar Unglauben und formt damit eine plausible Entwicklungsgeschichte der alttestamentarischen Religion. Diese ist nicht vom Himmel gefallen, auch sie hat sich entwickelt, unterlag Änderungen und Einflüssen, bis sie schließlich in einem feststehenden Kanon schriftlich fixiert war. Dies wird durch die besondere Art Kuijers, die den Zweifeln und der Verwunderung der Menschen viel Raum läßt. Auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte Sarahs sehr hübsch, vermutet diese doch lange Zeit eher eine spinnerte Marotte im manchmal seltsamen Verhalten ihres Mannes. Und daß ihr (ihr!), der Paarundziebzigjährigen, die drei seltsamen Männer verheißen, daß sie in einem Jahr einen Sohn auf die Welt bringen wird – einfach nur lächerlich!

Eine Nacherzählung bzw. eine in Prosa umgewandelte Geschichte ist immer auch eine Interpretation, vielleicht sogar eine Ausdeutung. Schwerpunkte sind anders gesetzt, der Leser bzw. die Wirkung der Geschichte auf den Leser, sind wichtig: die Episode Sarahs mit dem göttlichen Pharao nimmt in der Genesis eher wenig Platz ein (1 Mose 12, 14-18), in Kuijers Nacherzählung ist sie dagegen deutlich ausgeschmückt und umfangreicher.

Ein zweites Beispiel noch, weil damit auf der hinteren Umschlagseite „geworben“ wird: Jakob hat mit Gott gekämpft und der Kampf ging unentschieden aus. Wie es der Zufall wollte, habe ich genau um die Zeit, in der ich das Buch las, einen Vortrag eines Benediktinermönchs gehört, der justament auch über diese Bibelstelle redete. Dort wurde gesagt, daß der Originalbegriff nicht eindeutig ist, er könne mit Gott übersetzt werden, aber auch mit Dämon oder Schuld, dieser (vorgebliche) Kampf mit Gott könne daher auch ein Bild sein für den inneren Kampf Jakobs mit der Schuld, die er gegenüber Esau auf sich geladen hat. Überhaupt vernachlässigt man meist, daß das Lesen solch alter Bücher oft eine Art „Stille Post“ ist, in der die jeweiligen Übersetzer von einer Sprache in die andere jeweils ihre eigene Sinnfärbung mit eingebracht haben, bis der Text dann schließlich auf Deutsch (Englisch, Dänisch…..) vorliegt.

Das soll mich aber nicht hindern, das Buch Kuijers als kurzweilig, unterhaltsam, interessant und auch lehrreich zu empfehlen. Kaum jemand wird heutzutage freiwillig noch die Bibel lesen, dieses Büchlein jedoch kann jeder – und wenn er nur schöne Geschichten hören will – zur Hand nehmen. Well done!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Guus Kuijer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Guus_Kuijer
[2] online-Ausgabe der Bibel z.B. hier: http://www.bibel-online.net
[2a] Genesis: http://www.bibel-online.net/buch/elberfelder_1905/1_mose/1/#1
[3] Exodus: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_bibel_fuer_unglaeubige-1144/
[4] Buchvorstellungen hier im Blog:
Mark Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva
Ted Hughes: Der Rüssel

Guus Kuijer
Die Bibel für Ungläubige
Der Anfang: Genesis
Übersetzt aus dem Niederländischen von Anna Carstens und Angela Wicharz-Lindner
Originalausgabe: De Bijbel vor ongelovigen. Het Begin. Genesis; Amsterdam 2012
diese Ausgabe: Reclam, Philipp, jun. GmbH, TB, ca. 320 S., 2016

Ich habe es mal wieder fertig gebracht, Hartwells Zweitling (Der Dieb in der Nacht, [3]) vor dem Erstling zu lesen, was aber nicht schlimm ist, denn schließlich hat mich der Dieb… ja zum …Meer geführt. Das fremde Meer als Romandebüt einer jungen Schriftstellerin ist ein durchaus beeindruckendes Werk. Allein der Umfang von über 560 Seiten, die den Leser bis zum Schluss fesseln und imponieren… und daß sich der Roman trotz dieser Länge so gut, so leicht und so schnell liest, ist die Kunst der Autorin. Wobei man das Attribut „leicht“ nicht mit seicht verwechseln sollte, es bedeutet eher ein „es fällt nicht schwer“..

hartwell meer cover


Das fremde Meer ist ein Märchenbuch, ein Sammlung von Märchen, insgesamt sind es neun davon, jedes knapp vierzig Seiten lang. Aufbau und Inhalt der Geschichten ist ähnlich, es geht immer darum, einen Menschen, einen Mann oder Jungen, zu retten. Und der Retter ist eine Retterin, meist beginnt ihr Name mit einem „M“, so treffen wir eine Moira, eine Miranda, die sich allerdings in einen Miran umwandelt, wir begegnen einer Muriel, einer Milena, einer Martha. Einzig Augustine weicht von diesem Schema ab, aber sie ist ja auch eine historische Person, deren Schicksal Hartwell hier aufgegriffen hat [4].

Die Männernamen dagegen beginnen meist mit einem „J“ wie Jonathan, wie Jonas, wie Jacques, Jakob, Johann oder Yann, was sich zumindest wie „J“ ausspricht. Es gibt aber auch einen Prinzen und einen Ghostboy und gemeinsam ist allen die Schwäche, das Gefangensein, ja, das Totsein oder Sterben können, das Kranksein und die Existenz (Nicht-mehr-Existenz, Gerade-noch-so-eben-Existenz) in einer düsteren, dystopischen, klaustrophischen Umwelt.

Der Prinz zum Beispiel muss wie im ganz klassischen Volksmärchen aus dem Winterwald gerettet werden. Dort liegt er in einem Sarg, der in einem hohen Turm ganz oben unter dem Turmdach aufgestellt ist. Dornen umranken den Turm, und der Jäger, der kein Herz hat, bewacht den Prinzen. Die Krähen sind seine Helfer und Miran, die nicht mehr Miranda sein wollte, hat nur die Fledermaus, die ihr hilft…

Martha muss ihren Jaspar vom Totenschiff holen, Moira rettet Jonas aus sich auflösenden Stadt, deren Häuser sich durch eine ausser Kontrolle geratene Technik der Teleportation [5] von Immobilien in Mobilien wandeln, Jonathan und Muriel müssen mit dem Taucher um ihr Leben kämpfen, Miriam kann die Seele Johanns gerade so eben noch vor der „Spiritierung“ retten und Augustine gelingt es, Jacques aus dem Krankenhaus zu entführen…

In vielen der Geschichten – mag sein, daß dies der Stellung als Inselschreiberin auf Sylt im Jahr 2013 zu verdanken ist – spielt das Meer, das Wasser, die Küste eine große Rolle. Es ist das Unbekannte, das Fremde, unter dessen Oberfläche das Unglück, das Verderben lauert. Und was das Meer von unten ist, das sind die Wolken von oben: sie bedecken den Himmel, schirmen die Sonne ab, so daß die Menschen ausbleichen und krank werden, viele sterben an dieser Krankheit der Dunkelheit. Tag und Nacht sind nur noch graduelle Unterschiede in diesen Welten…

Kommen wir noch einmal auf die Namen der jeweiligen Figuren zurück, sie sind nämlich nicht zufällig gewählt und ein Paar Namen ist oben nicht mit aufgeführt, nämlich Maria und Jan. Und mit diesem beiden sind wir bei der Rahmenhandlung, die die Geschichten zusammenhält.

Maria ist die ältere der beiden Schwestern (die zwei Jahre jüngere Nina spielt keine große Rolle im Roman, ihre Funktion ist es eher, durch den Gegensatz der Schwestern das Besondere an Maria noch einmal zu betonen), in ihrem Leben gibt es einen Bruch. Aus dem bestimmenden, dominierenden Kind, das im Garten der Großeltern das Sagen hat wird ein Kind, ein Mädchen, eine junge Frau, eine Frau ohne Bindungen, ohne tiefer gehende Kontakte, ohne eigentliches Sozialleben. Eine Frau, die von Ängsten beherrscht ist, die Pfefferspray und Brotmesser unter dem Bett deponiert hat, die auf keine Partys geht und wenn, sich dann dort falsch fühlt und hofft, nur nicht angesprochen zu werden. Sie studiert bzw schreibt an ihrer Promotion, die aber nicht recht vorankommt, weil sie trödelt und unkonzentriert ist. Ganz offensichtlich ist sie ein Mensch, der keine großen Spuren in seiner Umwelt hinterläßt, der aber dessen ungeachtet manchmal im Wege steht, z.B. Jan, der sich aus einem steckengebliebenen Paternoster befreien muss und bei Sprung hinaus auf ihr landet. Es ist – schließlich sind wir in einem Roman – der Beginn einer großen Liebe, aber es ist – schließlich handelt es sich um Marie und Jan – nichts überstürztes. Es ist für beide erst einmal ein Kampf gegen sich selbst, die Notwendigkeit sich selbst zu überwinden, der inne wohnende Angst Herr zu werden, Selbstvertrauen zu tanken, sich einem anderen anzuvertrauen, zu lernen, etwas zu sagen, wenn der andere in der Nähe ist, sich zu öffnen, sich zu etwas zu bekennen. Dies gilt für beide, Jan ist in vielen Aspekten das männlich Gegenstück zu Marie, das ist einer, der sich fürchtet, sollte Maries Mutter feststellen, als sie ihn kennenlernte. Aber das dauert noch ein wenig, noch ist die Gefahr, daß beide sich verfehlen groß, noch suchen sie sich, brauchen sie ihre Zeit….

Im Gegensatz zu Marie hat Jan, der Fotografie studiert, jedoch einen Freundeskreis, in dem er anerkannt und auch beliebt ist – soweit man das beurteilen kann. Er macht nicht einfach Bilder, er stellt sie zusammen, er fügt Personen in Bilder vom Haus der Großeltern ein. Mit diesem Haus sind ungute Erinnerungen für ihn verknüpft, es ist das Haus der Eltern seines Vaters, der eines Morgens einfach nicht mehr da war. In den folgenden Tagen und auch später nicht angeschwemmt wurde von einer Welle, die ihn dem Meer wieder entriss hätte, nicht gesehen wurde auf der Fähre zum Festland. Der einfach gegangen war, gehen wollte, denn kurz vorher hob er noch das Geld vom Konto ab. Der Verlust des Vaters, den Jan irgendwo ganz in tief in sich vergraben hat wie so viele andere Sachen auch, denn Jan ist niemand, der über sich spricht. Und Marie ist niemand, die viel fragen würde, gar ausfragen. Sie ist jemand, der wartet, abwartet, still ist, sich jetzt aus ihrer Orientierungslosigkeit löst und alles auf diesen einen Menschen fixiert, die sich wünscht, er wäre kleiner. Nicht größer als ein Daumennagel. Ich wünschte, du wärst leichter. Ganz aus Aluminium gefertigt. Ich wünschte, du wärest so klein und leicht, dass ich dich zusammenfalten und bei mir tragen könnte. Ich wüsste sicher, dass du gut verwahrt bist und geschützt vor der Welt. Den Schlag deines stecknadelgroßen Herzens, ich hätte ihn immer im Ohr. Wir wären nie getrennt.“

Marie sagt von sich, daß sie zu den Menschen, die glauben, daß sie sich schützen können, wenn sie mit dem Schlimmsten rechnen, gehört, daß man Katastrophen entkommen kann, wenn man sie erwartet. Wenn das wahr ist, wenn Marie recht hat, dann… war sie jetzt vielleicht zu glücklich, hat der Zukunft zu sehr vertraut, hat nicht die Katastrophe gesehen und sich vor dem geschützt, was auf sie lauerte….

Ich werde dir ein Schiff schicken und einen Ritter,
ich werde dir hundert Briefe schreiben
und dich in einem Raum hinter den Spiegeln hören,
gleich wie leise du sprichst,
ich werde etwas in Bewegung setzen,
ich werde dich in Bewegung setzen,
ich werde tief tauchen und hoch aufsteigen,
ich werde dich finden und zurückholen,
du wirst sehen:
Ich werde durch das Fremde Meer kommen.

Sie kauft zehn rote Hefte, in die sie Geschichten schreibt. Geschichten von einer Frau und einem Mann, einem Mädchen und einem Jungen, Geschichten, in denen jemand dem Tod entrissen werden muss, durch die Liebe gerettet werden wird, Geschichten, in denen die Welt bedrohlich ist, zerstörend wirkt, keinen Schutz mehr bietet, zusammen gebrochen ist. Und ob sie nun Muriel heißen oder Martha, Jakob oder Jonathan oder einen der anderen Namen tragen, immer ist es die Geschichte von Marie und Jan, von ihrer Liebe, von ihrer Katastrophe, von ihrer Hoffnung, von ihrem Kampf und ihrem unerschütterlichen Glauben an das gute Ende…


Zehn Variationen einer Lebenssituation, getragen von der Hoffnung und dem Nichtaufgeben. Das fremde Meer ist ein Roman über eine große Liebe, über eine großen Kampf – und über einen großen Verlust. Nach der Katastrophe durchlebt Marie eine „magische“ Zeit [6], aufwendige Verhaltens- und Denkmuster oder aber abwegige Zufälle bestimmen die Wirklichkeit, die Zukunft, den weiteren Verlauf der Dinge. Sie ist aus Raum und Zeit gefallen. Die Zahl „23“ beispielsweise gewinnt eine besondere Bedeutung für sie (sie kommt auch immer wieder in den Märchen vor) wie andere Zahlen auch, die Marie, wenn sie auf sie trifft, zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen.

Was sie über die Liebe denkt, klingt seltsamerweise eher nach Kampf und Mühe: nichts daran sind Pralinen und Rosen und zuversichtliches Händchenhalten. Falls rote Herzen, dann nur solche, die zu schnell schlagen und zu laut, die uns von innen zu sprengen drohen. … überhaupt scheint ihr das Leben nicht allzu freundlich: …. Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viel Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. … Und es ist eine Kunst, eine Herausforderung, eine unbedingte Notwendigkeit, jeden Tag und immer wieder aufs Neue nicht unterzugehen. Das Leben scheint – besonders jetzt, nach der Katastrophe – nichts zu sein, was Marie geschenkt wird, es ist etwas, was tagtäglich zu erkämpfen ist, was eher ein „Überleben“ ist.

Marie war nicht immer so ängstlich und zurückgezogen. Und damit bin ich bei einem Punkt, den ich nicht so richtig nachvollziehen kann. Marie ist als Kind ein wildes Kind, läßt sich furchtlos im Garten der Großeltern beispielsweise aus Bäumen fallen, bestimmt in den Spielen der Kinder die Regeln, sie ist die „Herrscherin“ ihres kleinen Kinderreiches. Sicherlich sind die Trennung der Eltern und der Umzug in die Stadt mit den damit verbundenen Problemen in der Schule ein Bruch in ihrer noch jungen Biografie, doch erscheint mir diese völlige Kehrtwende von einem so wilden Kind zu einen so ängstlichen nicht plausibel, zumindest nicht in der Kürze der Darstellung der Autorin, die die Jahre der Jugend Maries mit Siebenmeilenstiefeln durchschreitet.

 Die jeweiligen Geschichten sind in sich abgeschlossen, sie sind in den unterschiedlichsten „Räumen“ angesiedelt, vom Märchen über halbwegs reale Settings bis hin zu Science Fiction. Immer aber enthalten sie etwas Unerklärliches, Düster-Gefährliches, Dystopisches, lassen sie zum Schluss zwar die Hoffnung auf Rettung keimen, bieten aber nie ein richtiges „Happy End“. Man ahnt als Leser natürlich, auf was diese besondere Konstruktion des Romans hinaus läuft, aber – zumindest bei mir – kam die endgültige Klarheit tatsächlich erst ganz zum Schluß, als sich alles, was vorher nur lose verbunden nebeneinander zu stehen schien, zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügte. Manche Elemente tauchen öfter in diesen Geschichten auf, die Zahl „23“ beispielsweise, das Meer, die Küste, himmelbedeckende Wolken, die fehlenden Väter…. es sind die Anker, mit denen Marie die grausame Realität mit den Märchen verknüpft.

Hartwell hat wunderschöne Sätze in ihrem Roman stehen. Sätze voller Poesie, voller Zärtlichkeit, voller Magie… Passagen, die einen Raum beschreiben , der einer  unmittelbaren Erfahrung nicht zugänglich ist, der erfühlt werden muss und der dann leise schwebend die Geschichte einhüllt. Dieses Einfühlungsvermögen beruht möglicherweise (Warnung: Küchenpsychologie!) darauf, daß Hartwell selbst nicht frei von Ängsten ist (….Angst vor Katastrophen begleitet mich schon mein gesamtes Leben. Ich kann mich in die unwahrscheinlichsten Szenarien hineinsteigern. In meinem Beruf ist das von Vorteil, im Alltag eher anstrengend [2].) und dies in ihre Geschichten einfließen läßt. So ist der Fahrstuhl, auf den sie in dieser Traumgeschichte [2] eingeht, ebenso hier, im Fremden Meer, zu finden, verfremdet zwar und vom „Ergebnis“ her positiv besetzt, aber trotzdem nicht ohne die Gefahren- und Angstkomponente.

Summa summarum ist Das fremde Meer (das als Buch unter dem Titel „Das fremde Meer und andere Geschichten“ selbstbezüglich im Roman auftaucht) ein wunderschönes, intelligentes, dabei unterhaltsames, ein wenig trauriges Leseerlebnis, das ich jedem Bücherfreund/-in nur wärmstens empfehlen kann!

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von K. Hartwell im Berlin-Verlag:  http://www.berlinverlag.de/-autoren/katharina-hartwell-928 sowie Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_Hartwell
[2] Jörg Böckem: „Der Fahrstuhl steigt höher und höher. Dann stehe ich im Freien“; in:  http://www.zeit.de/2013/42/traum-katharina-hartwell
[3] Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/31/katharina-hartwell-der-dieb-in-der-nacht/

Prof. Charcot führt seinen Studenten an Blanche Wittmann Symptome der Hysterie vor

Prof. Charcot führt seinen Studenten an Blanche Wittmann Symptome der Hysterie vor

[4] Diese Augustine war die Vorzeigepatientin von Prof. Charcot in der berühmten Pariser psychiatrischen Klinik Salpetriere. An ihr demonstrierte er um 1876 sehr publikumswirksam die Symptome der damals noch als Krankheit aufgefassten „Hysterie“. Auf dem bekannten Bild, das auch bei Hartwell im Buch wiedergegeben ist, ist jedoch eine andere Patientin namens Blanche Wittman zu sehen, eine Figur, die Hartwell ebenfalls in die Geschichte einführt (und die anderen Quellen nach beeindruckender war als Augustine: Asti Hustved: Medical Muses: Hysteria in Nineteenth-century Paris; 2012, S. 145 (https://books.google.de/books?….)
Bildquelle: By Painted in André Brouillet; Brouillet died in 1914 and the painting is therefore now public domain. (Photo by David Monniaux) [Public domain or CC BY-SA 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)%5D, via Wikimedia Commons

zur Geschichte Augustines siehe auch: Fabienne Hurst: Showtime in der Nervenklinik; in:  http://www.spiegel.de/einestages/jean-marie-charcot-und-die-hysterieforschung-in-der-pariser-salpetriere-a-951005.html
[5] was hier experimentell mit Licht im Moment erreichbar ist, überträgt Hartwell kühn auch auf makroskopische Teilchen, ja, auf große Objekte:  http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/quantenverschraenkung-forscher-teleportieren-licht-ueber-143-kilometer-a-854278.html
[6] vgl. 
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/05/06/joan-didion-das-jahr-des-magischen-denkens/

Katharina Hartwell
Das fremde Meer
diese Ausgabe: Berlin-Verlag, HC, ca. 575 S., 2013

ritter cover

August Schmölzer, der Autor dieses schmalen, aber leicht pikanten Werks, ist Fernseh- und Filmschauern vielleicht eher als Schauspieler bekannt, am Anfang seiner Karriere findet sich in der Filmographie ein Auftritt in Spielbergs Film „Schindlers Liste“ [1]. Aber Schmölzer ist auch Autor, wenngleich dieses Büchlein in der Liste seiner Veröffentlichungen nicht mehr aufgeführt ist. Zugegeben, es ist kein aktuelles Werk, sondern stammt aus dem Jahr 2005, aber trotzdem…

Sei´s d´rum! Der arme Ritter, eine einfache Speise aus altbackenen Semmeln, Eier, Milch, Zucker und Schmalz, dazu noch eine Füllung. Wie genau die Zubreitung ist, erfahren wir im Buch, ebenso wie die Liste der Zutaten. Ein wenig erinnert diese Idee an einen schon älteren Roman des vor einigen Jahren verstorbenen Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein [2]; auch in diesem seinerzeit sehr erfolgreichen Buch erfuhr das Handeln des Protagonisten immer wieder durch Koch- und Esseinlagen eine spezielle Würzung. Eine Würzung, die auch eine erotische Komponente hatte, den ein besonderer Genuss war es für den Helden, diese Speisen in Gesellschaft schöner Frauen zu geniessen. Womit wir wieder den Übergang zu Schmölzers “ Der arme Ritter geschafft hätten….

… denn auch dessen Hauptfigur mit dem etwas affektierten Namen Karl Kater kocht gerne, ist hauptberuflich Koch. Meiden wir die inflationäre Verwendung des Begriffs „genial“ und beschränken uns auf ein „hochbegabt“: Karl Kater hat das Kochen im Blut, es ist sein besonderes Talent. Und sein Traum ist es, ein eigenes Restaurant zu führen, in dem er nur für die Menschen, die er mag, die er kennt, kochen will und für die er sozusagen „maßgeschneiderte“ Essen kreieren kann.

„Der arme Ritter“ in seiner zweiten, viel häufiger im Buch verwendeten Bedeutung ist nicht sein Alter Ego, aber doch etwas an ihm, das fast schon eigenständig agiert (und damit leichte Erinnerungen weckt an Albert Moravia: Er und Ich [3]) und seinen Namen der Speise verdankt, bei der er sozusagen initiiert wurde. Ein nostalgischer Name also, der Arme Ritter mit dem roten Helm und seinen beiden Knappen…..

Obwohl das Buch insgesamt vierzehn einzelne Kapitel mit eigenständigen Episoden umfasst, wird es doch durch eine Art Rahmenhandlung zusammengehalten. Wir lernen Karl Kater als Koch in einem Hotel kennen, der nach Dienstschluss in der hoteleigenen Bar noch auf Ansitz geht, alleinstehende, einsame Frauenherzen zu finden. Denn Karl Kater ist Frauenversteher, ein Mann, der sich in Frauen eindenken kann und der zudem das liebt und begehrt, was die Frau zur Frau macht. Auf diese Weise lernt er Regina kennen, die dort an der Theke sitzt, man kommt ins Gespräch, es gibt unabsichtlich wirkende Berührungen, nicht zu beherrschende Ausbeulungen und halbwegs trunken finden die beiden den Weg ins Zimmer der Dame. Dort divergieren die Interessen ein wenig: während Karl Kater sich eher verbal seinem Weltschmerz hingeben will, hat die Dame eher Lust auf den süßen Schmerz, den ihr der arme Ritter zufügen könnte, wenn… ja wenn dessen Träger sich nicht einfach an sie gekuschelt hätte und sanft eingeschlafen wäre. Das Erwachen für ihn ist unsanfter, die von ihm unbeglückte Regina schmeißt ihn hochkant hinaus, so steht Kater Karl (aber nicht dessen Ritter), nackt im Hotelflur. Er fleht an ihrer Türe um Einlass, und wie weiland die Ritter Lieder der Minne anstimmten, versucht er das Weib mit einer Speisefolge zu besänftigen, die er nur für sie erdenkt: Gänseleber á la Regina.

Es endet dramatisch, der Alkohol, die Aufregung, das hektische Leben als Koch insgesamt: das Herz streikt, es wird dunkel um ihn ….. bis wir ihn, Kater Karl, im letzten Abschnitt wieder treffen: im Krankenhaus, treu begleitet und besucht von … eben: jener Regina, die letztlich von der Singularität des Abends doch überwältigt worden war….

Zwischen diesen beiden Episoden liegen zwölf weitere, die den Lebensweg von Karl Kater, der sich, fragen ihn die Frauen nach seinem Namen, immer „John“ nennt, beschreiben. Es ist müßig, die jetzt alle hier zu beschreiben, deshalb nur soviel:

Karl lernt in einem Restaurant den Beruf des Koches. Es ist ein besondere Art der Lehre, denn sein Meister läßt ihm noch eine zweite, eher inoffizielle Ausbildung zukommen. Für diese Ausbildung ist Sarah verantwortlich, eine Dame aus dem Milieu, denn das Lokal, in dem er lernt, liegt in einschlägiger Umgebung und – obwohl nicht direkt an dessen Gewerbe beteiligt – man muss sich arrangieren uns so gibt es die eine oder andere Kooperation zwischen den Parteien. So gehen beide, Karl, der sich John nennt, und – falls die Gelegenheit es verlangt – auch der arme Ritter gut angeleitet ihrer Profession nach, lernen die unterschiedlichsten Frauen kennen, und auch wenn diese besondere Menage a trois durchaus nicht immer von „Erfolg“ gekrönt ist, sind es doch Begegnungen, die voller Leidenschaft und Erotik sind, gekrönt von der Fantasie einer dazu passenden Speise….

Schmölzer schildert abwechslungsreiche Settings mit „Riesinnen“ ebenso wie mit militärisch angehauchten Soldatinnen, es gibt Situationen mit mehr als einer Frau und solche mit weniger als einer…. Rendezvous´ in den Bergen ebenso wie im Schwimmbecken… das Kochen und das Lieben, beide Tätigkeiten verlangen nach Einfühlungsvermögen, nach Aufmerksamkeit, nach Fantasie… sie kommen in den Schmölzer´schen Episoden zum Tragen, auch wenn sich diese Bezeichnung „Der arme Ritter“ im Lauf der Seiten etwas aufbraucht genau wie der der „Freundin“…. Nie wird das Beschriebene vulgär oder gemein, stets bemüht sich der handelnde Kater, das Unverwechselbare, das Einmalige seiner Gegenüber wahrzunehmen. Insofern – auch wenn hie und da der männliche Blick nicht zu verleugnen ist – ist es ein einfühlsames erotisches Vergnügen, dieses Büchlein zu lesen, vielleicht sich sogar vorzulesen und animieren zu lassen, zum Kochen, zum Essen, zum Lieben…

… ach ja, der Vollständigkeit halber: zum Schluss erfüllt sich auch der Lebenstraum des Helden und das ist jetzt nicht nur erotisch gemeint, obwohl – so streng trennt Herr Kater dies ja sowieso nicht…

Die Speisen und deren Zutaten und Anwidmungen, gleichzeitig die einzelnen Episoden:

Menü 1:  Manna à la Mama
Menü 2: Gänseleber à la Regina mit Zuckererbsen und Salzburgernockerln
Menü 3: Der arme Ritter mit Füllung für Michi
Menü 4: Rinderfilet Sarah mit Reis
Menü 5: Soup Isabel
Menü 6: Kalbsnieren à la Lydia und Marie
Menü 7: Ochsenfleisch à la Bärbel mit Apfelkren
Menü 8: Auster Ulrike
Menü 9: Überbleibsel à la Katharina (eine improvisierte Küche aus dem Vorhandenen)
Menu 10: Palatschinken mit Marillenmarmelade für Harfe
Menü 11: Carpaccio Jeannine
Menü 12: Kaschubischer Rehrücken mit Serviettenknödeln für Tunjascha und ihren Freund
Menü 13: Forelle Julia
Menü 14: Gegrillter Lachs natur

Alle Rezepte vom Autoren…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://augustschmoelzer.com
[2] wer etwas Zeit hat, kann sich z.B. bei Dieter Wunderlich die ausführliche Inhaltsangabe und Besprechung des Romans zu Gemüte führen:  http://www.dieterwunderlich.de/Simmel_kaviar.htm
[3] Albert Moravia: Er und Ich; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2012/09/04/alberto-moravia-ich-und-er/

mehr erotische Literatur ist im Themenblog: https://erotischebuecher.wordpress.com zu finden.

August Schmölzer
Der arme Ritter
mit Zeichnungen von Irene Brischnik
diese Ausgabe: morre & nöst medienverlag, Softcover, ca. 160 S., 2005

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