Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

Sehnsucht – so eine Begriffsbestimmung – ist allgemein betrachtet ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die bzw. den man liebt oder begehrt, wobei diese mehr oder minder mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Menschen können dabei auch allgemeine Sehnsüchte haben, etwa die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Gott oder einem höherem Wissen. [aus: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sehnsucht‚. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik; http://lexikon.stangl.eu/19576/sehnsucht/ (2018-04-11)]].


Diesem Gefühl, das wohl jeder kennt, ist dieses kleine, schmucke Büchlein in seinem blauen Leineneinband gewidmet. Das halbgeöffnete Fenster, der Blick in die Weite, offensichtlich auf eine am Horizont erst endende Wasserfläche, der angedeutete Luftzug, der den Vorhang etwas wehen läßt, symbolisiert das in der obigen Definition gegebene Gefühl der Unerreichbarkeit – obwohl ich diese Behauptung der Begriffsbestimmung nicht ohne weiteres zustimmen kann und auch einige der Geschichten dieses Büchleins sprechen dagegen, denn in ihnen erreicht der Sehnsüchtige letztendlich doch sein Ziel, befriedigt diesen Mangel in seiner Seele eben dadurch, daß er – möglicherweise gegen alle Vernunft – alles unternimmt, was ihn zu seinem Sehnsuchtsziel führt. So beispielsweise der Vater, der in einer Geschichte von Franz Hohler (Das weiße Spitzchen) in der Maturarede seiner Tochter durch die rezitierten Gedichtzeilen (Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht / Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht…) daran erinnert wird, wie er als junger Mann einen bestimmten Berg nach ihm rufen hörte, ihn locken hörte, aber er versäumte, jemals diesem Ruf zu folgen. Nun aber, geweckt und quälend lebendig, gibt er alles, diese Sehnsucht zu erfüllen.

Es ist sinnvoll, bevor man sich den Geschichten widmet, sich das Nachwort Schamis, der sowohl als Herausgeber des Bandes als auch als Autor vertreten ist, durchzulesen. Er läßt sich dort in kurzen Absätzen über das Wesen der Sehnsucht aus, über ihre Charakteristika, wie sie sich äußert, daß der Wortteil „-sucht“ auch auf einen Zustand hindeutet, der krankhaft sein oder werden kann, wenn sich nämlich das gesamte Ziel des Lebens dem Erreichen des Sehnsuchtsziels unterordnet: Sucht wird zur Obsession wie sie Monika Helfer in ihrer Geschichte  des Lastwagenfahrers erzählt, der sich an eine junge Frau bindet, die ihr Herz jedoch schon lange an einen anderen Mann vergeben hat, der ihr jedoch versperrt ist (Liebe am falschen Platz und das gleich zweifach)…

Einen Aspekt der Sehnsucht habe ich in Schamis Ausführungen ein wenig vermisst: Sehnsucht idealisiert. Die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen vernachlässigt ’negative‘ Eigenschaften, die Sehnsucht, den Chomolungma zu besteigen ignoriert die Massenansturm, in dem dies wohl stattfinden wird. Wo ist die Trennung, wie unterscheidet man (wenn dies überhaupt wichtig ist), ob es Liebe ist, die eine Frau jahrelang auf ihren in den Krieg gezogenen Reitersmann warten läßt oder die Sehnsucht nach ihm (in der Geschichte Reiter in der Nacht von Michael Köhlmeier). Hier wird am Ende die Sehnsucht der Frau ‚erhört‘, doch unter Umständen, die die Frau nicht akzeptieren kann: Sehnsucht kann also auch enttäuscht werden, wenn sie nicht mehr nur das scheinbar unerreichbare Ziel ist, sondern sich die Realität ganz anders zeigen sollte als erwartet.

Dem krankhaften, obsessiven Charakter, den die Sehnsucht annehmen kann, begegnen wir auch in der Geschichte Ultramarin von Root Leeb mit seinem kleinen Zyklus Die Farben der Sehnsucht. Hier besetzt das Verlangen nach einer Frau einen Augenarzt, der ihr tief in die Konjunktivitis schaute und sich dann im Fortgang der Dinge selbst fragt, ob er langsam zum Stalker wird, sein eigenes Leben jedenfalls gerät aus den Fugen…

Nataša Dragnić widmet einen ihrer zwei Beiträge dem letzten schwimmenden Elefanten Rajan (https://www.travel4news.at/87096/indien-abschied-vom-letzten-schwimmenden-elefanten/), auf den sich die Sehnsucht einer berühmten Schauspielerin konzentriert, die – behütet von einem Bediensteten des Hotels – auf der Insel Urlaub macht, unerkannt und unauffällig, und die ihr eigenes Leben beim sehnsüchtigen Warten auf Rajan reflektiert…

Für Schami als Exilanten ist die Sehnsucht, die mit dem Wort ‚Heimweh‘ bezeichnet wird, eine große Rolle. Der kürzlich hier von mir vorgestellte Roman Sophia (https://radiergummi.wordpress.com/2018/03/07/rafik-schami-sophia/) ist um diese Sehnsucht herum geschrieben, auch die beiden Geschichten, die er abschließend der Sammlung beisteuert, kreisen um dieses Thema der Sehnsucht nach dem Heimatland, der Heimatstadt, die idealisiert wird, die in der Seele des im Exil Lebenden im Zustand der Kindheit verblieben ist, die romantisiert und idealisiert wird und die, wenn man Jahrzehnten ein Besuch möglich ist, enttäuscht, weil alles ganz anders ist (Syrisches Klassentreffen und Die merkwürdige Sehnsucht des Herrn Hamid). Sicherlich liegt man nicht allzu sehr daneben mit der Vermutung, daß sich in diesen Geschichen auch das Heimweh des Verfassers nach seinem Damaskus, seinem Syrien, selbst zeigt.


Die insgesamt zwanzig Geschichten der sechts Autoren des Bandes sind von unterschiedlicher Länge, reichen von der kurzen, kaum anderhalbseitigen Ausführung bis zu weit umfangreicheren Sehnsuchtsschilderungen. Da Sehnsucht als, ich möchte sagen: Hintergrundgefühl, in allen von uns vorhanden ist, findet man sich beim Lesen in den Geschichten wieder, kann zumindest das treibende Moment der Figuren nachvollziehen, auch wenn uns die geschilderte Umsetzung möglicherweise zu weit geht. Es liegt alles drin in den Geschichten, Dramatisches, Tragisches, Obsessiv-besetzendes, Beglückendes, Erfüllendes… das ganze Spektrum, das Sehnsüchte zum Klingen bringen können tritt uns in den Geschichten entgegen. Ein Schmuckstück als Buch, ein Verführer für die anderen Themenbände der Sechs-Sterne-Reihe, absolut geschenktauglich und ganz sicher ein wunderbarer Reisebegleiter… oder einfach nur ein Buch, das man gern in die Hand nimmt für einen kurzen Ausflug in eine Sehnsuchtswelt.

Rafik Schami (Hrsg)
Sehnsucht
diese Ausgabe: ars vivendi, HC, ca. 200 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9WR

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Alexander Osang: Winterschwimmer

Der 1962 im Osten Berlins geborene Journalist und Schriftsteller Alexander Osang gehört zu den von mir gern Gelesenen, seine Kolumne im Spiegel ist mir lieb. Daß er auch Schriftsteller ist und außerdem sowieso produktiv, war mir nicht so präsent. Selbstverständlich hat er seinen eigenen Wiki-Beitrag [1] und das Reporterforum [2] (auf das zu stoßen ein netter Nebeneffekt meiner ‚Recherche‘ zu Osang war) listet fast 600 Treffer zu ihm auf.


Die vorliegende Sammlung von vierzehn Geschichten, auf die ich neulich schon an anderer Stelle hingewiesen hatte [3], ist eine Auswahl von Erzählungen, die Osang seit zwanzig Jahren regelmäßig zu Weihnachten in der Berliner Zeitung schreibt. Es sind keine Weihnachtsgeschichten mir Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, keine Adaptionen des Besuchs der Könige und die Hirten auf dem Felde sind auch nicht alarmiert. Osang greift das Fest in seiner heutigen Form auf, diese durch feste Rituale geprägte Institution des familiären Lebens. Denn genau das ist es in vielen Fällen: die Familie, das Jahr über getrennt, manchmal über den ganzen Erdball verstreut lebend, kommt für ein paar Tage zusammen, die Kinder besuchen die Eltern, die noch in der Wohnung wohnen, die von ihnen, den erwachsen Gewordenen, vor ein paar Jahren verlassen worden ist; die Eltern fahren zu den Kindern und treffen dort auf eine Welt, die sich von der ihren zunehmend unterscheidet. Man muss sich arrangieren, die gewohnten Rückzugsräume fehlen, dafür aber tauchen neue Herausforderungen auf: man muss die anderen daher aushalten. Gott sei dank gibt es die Rituale, die dabei helfen: den Weihnachtsbaum mit allem, was sich so um ihn herum abspielt, das Gänseessen, den Spaziergang… nur manchmal funktioniert das eben trotzdem nicht.

Die, die übrig bleiben bei dieser weihnachtlichen Familienzusammenführung, sind die Verlassenen, die Einsamen, die, die sich getrennt haben oder die getrennt worden sind. Und meist sind diese es, die in Osangs melancholischen (er selbst sieht sie eher tragikkomisch [4]) Geschichten im Mittelpunkt stehen. Der Immobilienmakler beispielsweise, der vor dem Haus, in dem er wohnt eine Wohnungssuchende trifft, die auf ein Zimmerfenster seiner Wohnung zeigt und davon überzeugt ist, daß eine Wohnung mit so einer Gardine vor dem Fenster schon seit langem leer stehen muss. Und, das wird ihm daraufhin klar, bis auf ein Bild an der Wand stimmt das, er hält sich auf in der Wohnung, aber er lebt dort nicht, nichts ist von ihm sonst dort… Die Titelgeschichte vom Winterschwimmer bzw. von den Winterschwimmern, denn das Wort ist Singular und Plural in einem, erzählt von Ruhl, der nach der Wende zusammen mit seiner Frau ein erfolgreicher Verkäufer von Solarien im deutschen Osten war, dessen Frau ihn aber, nachdem das Geschäft abflaute, verlassen hat und der jetzt, zum 15-jährigen Firmenjubiläum mit entsprechenden Rabattangeboten auf Kundschaft wartet. Ob die Frau, die er überzeugen kann, daß sie den Pool ruhig ausprobieren darf – in den er dann kurz darauf auch steigt-, länger bleiben wird, läßt Osang zwar offen, vorerst beläßt er es beim gemeinsamen Schwimmen…

Die Einsamkeit zu zweit, die sinnentleerten Rituale, gegen die sich niemand wehrt, die nur erduldet werden, um Streit zu vermeiden oder Enttäuschung beim anderen. So wird die Fischsuppe gegessen, obwohl man sie nicht ausstehen kann und während der Mann die Tür hinter sich zugeworfen hat, um draußen heimlich zu rauchen, holt die Frau schnell die Weinflasche hervor und kippt ein Glas hinunter. Aber wie der Zufall so spielt, ist es gerade ihr Mann, der vom mobilen Reporterteam für’s TV interviewt wird und der dort zum ersten Mal seit langem das sagt, was er wirklich denkt – und seine staunende Frau, die mit dem Weinglas mittlerweile vor der Glotze sitzt, findet, daß ihm das eigentlich gut steht und holt seinen Aschenbecher wieder aus dem Schrank…

Mal unsichtbar sein für die anderen und sie belauschen, hören, was sie sagen und erzählen – für Jo Friedrich geht diese Vorstellung in Erfüllung. Jo hat mittlerweile Karriere gemacht, vertritt eine Weltfirma in Indien, hat auch eine indische Frau. Um den Nikolaus für seinen Enkel aus erster Ehe zu spielen, fliegt er nach Deutschland. Er hat die perfekte Maske, in seiner Position ist es kein Problem, ein Kostüm zu bekommen, das sogar die eigene Stimme verändern kann. So steht er am Abend unerkannt im Zimmer vor der Familie, (aus)von der er vor Jahren (aus)geschieden ist, und hört und sieht Wahrheiten, die ihm zunehmend die Sprache verschlagen….

Eine altmodische Geste, der Dame zum Schutz gegen den Regen das Jackett umhängen, doch die Dame erhoffte mehr, was er ihr aber nicht gab. So landete das Jackett schließlich im Abfallcontainer, irgendwo musste die Enttäuschung hin, mitsamt des Geschenks für die Ehefrau, das in der Jackentasche steckte. Eine Ereigniskette, die das Leben Beckers von Grund auf erschütterte, nahm jetzt ihren Lauf, denn irgendwie musste er ja wieder an das Jackett kommen…


Es ist eine immer wieder auftauchende Grundstruktur in den Osangschen Geschichten: ein unvorhersehbares Ereignis (das auftauchende TV-Team; der Tod des Vater, der sich in Thailand aufhielt; die Wohnungssuchende; das weggeworfene Jackett; die verschlossene Tür, nachdem man mal kurz nach draußen gegangen war…) durchbricht den schützenden, aber auch einengenden Kokon der gewohnten weihnachtlichen Rituale und eröffnet, erzwingt manchmal auch, den Blick für Neues. Jedem Ende also wohnt ein Anfang inne, eine neue Lebensperspektive, die sich zeigt, zumindest aber ein neuer Blick auf das gewohnte Leben mit der Chance, etwas zu ändern… In diesem Sinne sind Osangs Geschichten trotz der Tragik, die ihnen innewohnt, hoffnungsvolle Geschichten, sie sind weihnachtlich in dem Sinne, daß auch vor gut zwei Jahrtausenden das Alte, Hergebrachte in seiner Erstarrung in Frage gestellt worden ist und ein neuer Blick, ein neuer Anfang sich aufgetan getan hatte. Und abgesehen von dieser in den Geschichten enthaltenen ‚Botschaft‘ ist Osang ein Meister darin, von diesen entscheidenden Weichenstellungen im Leben seiner Figuren unprätentiös, lakonisch, immer mit Sympathie für sie zu erzählen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang
[2] http://www.reporter-forum.de/index.php?id=119
[3] https://www.facebook.com/aus.gelesen.de/posts/1636988546380740
[4] http://www.zeit.de/2017/51/alexander-osang-schriftsteller-reporter-weihnachten-glauben

Alexander Osang
Winterschwimmer
Erstveröffentlichung der Geschichten (außer ‚Unsichtbar‘) in der Berliner Zeitung
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 236 S., 2017

Elke Heidenreich: Die Liebe

Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008

Bernd Kulik: Spur der Liebe

Die Spur der Liebe von Bernd Kulik hat anscheinend selbst kaum Spuren hinterlassen. Ich bin kein Detektiv, suche deshalb nicht übermäßig intensiv, aber die normalen Suchmuster haben tatsächlich bis auf eine einzige Besprechung auf einem Blog nichts zum Buch ergeben. Zum Kauf angeboten wird es, freilich, des öfteren über die diversen Kanäle und Anbieter… So kann ich nichts über den Autoren Bernd Kulik vermelden, auch die Geschichte hinter den Geschichten bleibt im Dunkeln und ebenso ist das Buch selbst nicht in einem ’normalen‘ Verlag erschienen ist. Aber es ist erschienen und birgt auf seinen 256 Seiten zehn Geschichten über das ‚Lieben‘ in der ehemaligen DDR, wobei Liebe hier rein körperlich zu verstehen ist, so wie es in einer der Stories (Die Abifeier) zum Ende heißt: „Okay, wir haben zwei geile Nummer geschoben und unseren Spaß gehabt. Nun starten wir ins Leben und werden sehen, was uns noch alles widerfährt.“ – „War’s das?“ – „Das war’s.“ – Frauen konnten manchmal so herzlos sein.

An diesem Zitat läßt sich mehreres festmachen, was sich durchgängig durch alle Geschichten zieht. Zum einen werden die (fast immer) jungen Frauen als sehr initiativ beschrieben und sind keineswegs die schüchternen Mädels, die durch den Mann erst erweckt werden müssen. Im Gegenteil ist der (fast immer) junge Mann oft derjenige, der die leitende und führende Hand der Frau braucht. Zum zweiten ist die Sprache direkt und unverblümt und spart auch Phänomene des Alltags nicht aus, wie dieses Beispiel zeigt (Silvester): (nach der ersten Nummer kost sie ihn unter der Bettdecke langsam vom Bauch aus nach unten und merkt an): „Mein Lieber, hast du auf einem Fischtrawler gearbeitet?“ – „Nee, nur in einem Fischladen verkehrt.“

Die Episoden sind fast alle nach einem Muster aufgebaut. Auf den ersten Seiten wird das Setting beschrieben, also der Ort der Handlung, die näheren Umstände und – das macht das Buch dann zumindest für Wessis doch interessant – auch fernere Lebensumstände in der seinerzeitigen DDR. Dann taucht, da praktisch immer aus Sicht des männlichen Parts geschrieben wird, das meist brünstige Weibchen auf, läßt entweder Initiative zu und/oder – wenn sie des Aussehens oder anderer Umstände wie Monatsblutung wegen keine provoziert – legt selbst (im wahrsten Sinne des Wortes) Hand an und ergreift sozusagen das Zepter. Im Anschluss wird viel missioniert, manche der Damen haben auch Lust auf griechisches, französische Exkursionen kommen vor, sind aber nicht Hauptquelle, aus der die Freude sprießt. Man sieht, es ist eher handfester und bodenständiger Sex, der getrieben wird und der keineswegs an Gefühle gebunden sein muss, sondern der häufig nur der Triebbefriedigung dient.

Zehn Geschichten, von denen bis auf eine Ausnahme (Grenzübertritt: zwar auch der selbe Aufbau der Geschichte, aber die Akteure sind zumindest mal gestandene Erwachsene) alle nach mehr oder weniger dem selben Schema aufgebaut sind, das ist letztlich nicht sonderlich interessant. Wenn man dem Umschlagtext glauben darf, erfährt man durch diese Episoden, wie die Ossis tatsächlich liebten. Nun ja, möglicherweise natürlicher als anderswo, aber so richtig doll war das auch nicht, auf der emotionalen Ebene, meine ich…

So war letztendlich für mich die Schilderung der Alltagsszenen aus der DDR (das Setting der Episoden) interessanter als die doch sehr vorhersehbaren erotischen Abschnitte der Geschichten.

Bernd Kulik
Spur der Liebe
Erotische Geschichten aus der DDR
diese Ausgabe: Softcover, AC Distribution & Marketing, Berlin, ca. 256 S., 2011

Sigurd Mathiesen: Das unruhige Haus

Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999