Bendict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Benedict Wells ist ein wunderbarer Romanautor, den ich in meinem Blog schon mit einigen seiner Werke vorgestellt habe (Becks letzter Sommerfast genialVom Ende der Einsamkeit und Spinner (New Edition)), hier aber… Vielleicht bin ich einfach nur unfair, ungerecht, dem Autoren gegenüber und dem Verlag, möglicherweise bin ich einfach kein Leser ‚kurzer Geschichten‘, die offensichtlich noch nicht einmal Erzählungen sein sollen, diese Kategorisierung jedenfalls wird vermieden, also einfach nur Geschichten. So frag ich mich beispielsweise bei diesen ‚zehn Geschichten‘  nach der Motivation, die hinter der Veröffentlichung steht. Wo ist der rote Faden, was verbindet diese Geschichten, außer der Tatsache, daß sie von Menschen handeln? Outtakes eines Romans stehen neben romantischer Fantasy, SF neben Vater/Sohnkonflikten, die einsame, alte Trauernde neben dem erfolgsverwöhnten Manager, der ungewollt auf einen Selberkundungstrip gerät. Was verbindet sie im Buch, welche Wahrheiten, welche Lügen?

Wer hätte nicht schon eine Geschichte erzählt bekommen von einem Mann, der am Abend einen Termin hat und trotzdem noch mal so eben diesen einen Gipfel, den er am Horizont sieht, gegen Vernunft und Rat besteigen will. Surprise, surprise: er hat sich verkalkuliert und verirrt sich, die äußere Wanderung wird auch zur inneren…. Oder die alte Frau, die im Park sitzt, trauert und vor Not kichernde Teenagern anspricht und von Ferdinand erzählt, der – surprise, surprise – jedoch… na, ich will jetzt nicht zuviel verraten…

Die klassische Geschichte vom Vater-/Sohnkonflikt, der sich an der früh verstorbenen Mutter gründet, über deren Tod die beiden nie ins Gespräch finden, so daß sich am Ende alles als ein riesiges Missverständnis und ein Aneinandervorbeileben erweisen wird.

Es sind, ich bin froh darüber, allerdings auch witzige, originellere Geschichten dabei. Die vom erfolglosen Drehbuchschreiber und Filmkritiker beispielsweise, der in eine Zeitmaschine gerät und vier Jahre vor dem ersten ‚Star Wars‘ Film landet. Im Gegensatz zu Lucas, der noch in der frühen Konzeption des Filmes ist und dessen Vorstellungen noch völlig konfus und ziemlich verworren sind, kennt unser Held den fertigen Film, das Highlight seiner Jugend, in und auswendig. Was liegt näher, als ihn selber zu drehen und den Erfolg einzuheimsen, noch vor Lucas?

Interessant ist das Kammerspiel zwischen den beiden Männern, die entführt und zusammen eingesperrt eine Tischtennisplatte in ihrem Kerker vorfinden. Sie fangen an, zu spielen und es setzt sich bald die Überzeugung in ihnen fest, daß ihre Entführer irgendwann einmal den Sieger eines Entscheidungsspiels freilassen werden. Zwei Männer also, die in dieser Situation, in der sie zusammen stehen sollten, in einen Wettkampf gegeneinander verstrickt sind, aus schicksalhafter Verbundenheit wird Konkurrenz, Abneigung und sogar Hass.

In einer weiteren Geschicht geht Wells der Frage nach, ob man sich als Künstler, als Schriftsteller, zwischen Kunst, beziehungsweise dem künstlerischen Erfolg und der Liebe entscheiden muss: eine bis dato recht erfolglose Autorin wird nämlich von der männlichen Muse (einem ‚Muserich‘ ?) geküsst und verliebt sich in ihn, den (nur) sie kann ihn auch sehen…

Insgesamt ist Die Wahrheit über das Lügen jedoch eher ein Potpourri von Geschichten, das ich schnell gelesen und abgehakt habe. Natürlich merkt man auch dieser Sammlung an, daß Wells schreiben kann, erzählen kann, zu formulieren weiß, bis auf wenige Ausnahmen jedoch ist leider nie ein Funke auf mich übergesprungen – was mir durchaus leid tut. Und eine Antwort auf meine Eingangsfrage, was Autoren und Verlag zur Veröffentlichung dieser auf mich etwas erratisch wirkenden Sammlung von Geschichtchen veranlasst hat, habe ich auch nicht gefunden….

Bendict Wells
Die Wahrheit über das Lügen
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 240 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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Rafik Schami (Hrsg): Geburtstag

Ich habe vor kurzem eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich dem Thema Sehnsucht widmen und von Rafik Schami im kleinen fränkischen Verlag ars vivendi (https://arsvivendi.com/arsvivendi/Ueber-uns) herausgegeben worden sind, hier vorgestgestellt. Das Bändchen hatte mir so gut gefallen, daß ich mir gerne noch ein weiteres Exemplar dieser „Sechs Sterne“-Reihe angesehen habe, ausgesucht habe mich mir das leuchtend gelb eingebundene Büchlein, das sich dem Thema Geburtstag widmet.

Der Geburtstag gehört zu den festen Gegenheiten eines Menschen in unserer Kultur. Er erinnert an den Tag der Geburt, Verwandte, Freunde und Bekannte werden eingeladen oder kommen so, gratulieren und beschenken das Geburtstagskind. Er ist somit auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, als Pech wird empfunden, wenn der Geburtstag in die Nähe des Weihnachtsfestes fällt oder gar auf das Fest selber: es verdoppelt sich nicht automatisch die Menge der Geschenke. Über letztere ließe sich trefflich philosphieren: welche Funktion haben Geschenke – für den Beschenkten, aber auch für den Schenkenden… aber das würde zu weit führen und ist auch nicht das Thema dieser Sammlung von Kurzgeschichten, die wiederum aus der Feder von Rafik Schami selbst, Monika Helfer, Franz Hohler, Root Leeb, Michael Köhlmeier und Nataša Dragnić stammen.


Auch in diesem Band ist es kein Fehler, das Nachwort Schamis den Geschichten vorauszuschicken. Rafik Schami, selbst zwar als Angehöriger der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien geboren, lebte bis zu seiner Emigration im muslimischen Kulturkreis, der der jührlichen Wiederkehr des Geburtstags eines Menschen keine Bedeutung zumißt. Ein – zumindest für mich, obwohl ich kein Geburtstagsfeierer bin – ungewöhnlicher Gedanke, ist doch im westlichen Kulturkreis der Geburtstag ein Tag, ohne den nichts geht…

Schami verweist auf Hannah Arendt, die in ihrer Philosophie der Natalität die Geburt eines Menschen in den Mittelpunkt stellte, nicht, wie sonst so häufig, das Rätsel seines Todes Damit ein Anfang möglich ist, werden Menschen geboren. Während die Philosophen des Abendlandes das Leben als ein Vorlaufen zum Tode verstehen, erkennt Hannah Arendt: „Das ´Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“ (zitiert aus: http://www.hanna-strack.de/hannah-arendt-1906-1975/) Interessanterweise schließt Schami seine Betrachtungen mit diesem sehr sympathischen Ansatz Arendts ab, während ein Hauptteil – genau: dem Tod und dem Umgang des Menschen damit gewidmet ist, seinem Glauben an das ewige Leben, ein Paradies oder die Reinkarnation – je nachdem, welchem Glauben man anhängt.

In der ersten Geschichte aus der Feder des Herausgebers wird genau die oben erwähnte Tatsache, daß der Geburtstag im muslimischen Kulturen nicht gefeiert wird, zum Thema gemacht. Die Geschichte spielt in Damaskus und wie bei vielen Geschichten Schamis hat man wieder das Gefühl, daß er dies alles selbst erlebt hat. Na, jedenfalls schwärmt der Junge für das Mädchen aus dem Nachbarhaus und sie verstehen sich auch sehr gut. Wobei der jungen Dame die Eigenschaften des Jungen sehr nach Sternbild Krebs aussehen, was ihr durchaus zusagt, wenn da nicht noch die eine oder andere Komponente wäre, die die Reinheit der Krebseigenschaften stört. Es wäre daher wichtig zu wissen, wann genau der Junge geboren worden ist… doch damit fangen die Probleme an. Denn egal, wen er fragt, jede(r) weiß es, jede(r) ist sich sicher und jede(r) nennt  ein anderes Datum…

Ganz anders kommt Schamis zweite Kurzgeschichte daher, sie spielt – auch hier der Bezug zum Autoren deutlich erkennbar – im Milieu der Emigranten. Der fünzigste Geburtstag des aus Syrien stammenden Arztes soll gefeiert werden und Salma, seine Frau, überlegt sich einen Plan, die Feier hochkarätig zum Fanal zu machen, denn Habib, ihr Mann, betrügt sie schamlos. Doch als Habib auf der Feier in seiner Begrüßung davon spricht, daß er in seiner Rede ehrlich sein will, tritt er eine Ereigniskette los, die nicht mehr beherrschbar ist und Salma zuvorkommt….

Monika Helfer steuert die Erlebnisse einer Frau bei, die ihren fünfzigsten Geburtstag allein feiern muss. Die Ratschläge ihrer Töchter (Alpenverein, Kulturreise) bringen sie nicht weiter, sie bleibt solo, der Richtige findet sie nicht. Da fasst sie den Entschluss, sich bei einer Partnersuchsendung im Fernsehen zu bewerben…

Zum Fetisch eines Mannes wird der Geburtstag oder genauer gesagt, das Gratulieren zu selbigem bei einem Mann, der frisch pensioniert eigentlich seinen Hobbies nachgehen will, dies aber letztlich wenig befriedigend findet. Durch Zufall merkt er, daß sich die Menschen, gratuliert man ihnen zum Geburtstag, freuen und das wiederum freut ihn. So fängt er an, sich in langsam in den Zuständigkeitsbereich seiner Frau, die dies bislang im Namen beider managte, hineinzudrängen…

Ein Zyklus von vier kurzen Beiträgen stammt von Root Leeb. Es geht in ihnen zum Beispiel um die Belastung, die ein an sich harmloser Wunschgedanke der Eltern (‚Du wirst ein Großer‘) für ein Kind bedeuten können, um die Qual für ein Kind, wenn es seinen Geburtstag auf einen Tag fallen sieht, an dem schon anderes gefeiert werden soll.  Dem Mädchen Acerlit dagegen wird von den Eltern schon mit der Geburt eine virtuelle Existenz im Internet aufgebaut, eine – was die Eltern glücklich macht – ewige Existenz… und was sich aus dem Wunsch ergeben kann, in einen schon leicht fortgeschrittenen Lebensalter aufzuräumen und auszumisten (wobei man selbstredend auf Neues, also z.B. Geburtstagsgeschenke verzichtet), das schildert die letzte Geschichte Leebs.

Michael Köhlmeiers Beitrag hat mich etwas ratlos gemacht. Es ist ein Dialog zwischen… tja…. einem ?, das noch nicht geboren ist und einer Art Lehrer, die diesem ‚Wesen‘ schon ein wenig von der Welt, die ihn erwartet, beibringen will…

Klarer ist dagegen die die Sammlung abschließende Geschichte von Dragnić. Die Tür des Zugabteils, in deine eine Frau allein und lesend einem noch unentschiedenen Ziel entgegenfahrend sitzt (offensichtlich ist sie auf einer Art Flucht aus einer gescheiterten Beziehung) öffnet sich und ein Junge steht da, mit einer dieser Pappkronen auf dem Kopf. Wenig später drängt sich eine ausländische Familie in das Abteil, schmuddelig und stark riechend, Menschen nach zwanzigtägiger Flucht aus den Nahen Osten. Die Frau fühlt sich sehr belästigt, doch irgendwann schlägt das Pendel um, der Junge mit der Krone hat doch offensichtlich Geburtstag und das muss gefeiert werden. So kommt man sich trotz der olfaktorischen Grundbelastung langsam näher und für die Frau wird diese Gelegenheit immer mehr zum Ventil, innere Nöte abzureagieren…


Der Geburtstag als Tag, der das Leben bestimmt, als zyklisch wiederkehrender Tag, der gefeiert werden kann und an dem man eine Art kleinen Neubeginn starten kann, mit Vorsätzen und Plänen, ein Vorhaben, das in gewisser Weise den ‚großen‘ Start ins Leben nachahmt. Denn der Geburtstag im engen Sinn als Tag der Geburt ist der Tag und er ist etwas besonderes, ein Kind, in dem sich auch die Hoffnungen der Eltern manifestieren erblickt das Licht der Welt, kann etwas Besonderes werden, ein ‚Großer‘ beispielsweise… Solche Gedanken ziehen sich durch die Geschichten als roter Faden hindurch: das Leben noch einmal überdenken, ihm einen neuen (?), einen anderen (?) Sinn verpassen, es neu anpacken – aber auch einen Schlussstrich ziehen, etwas Beenden, was unsäglich geworden ist.

Es sind kleine, wohlformulierte Geschichten (wie erwähnt, hat mich die Köhlmeier’sche in Verwirrung gestürzt), die Denkanstöße geben können, die zum Teil slapstick-artig (Schami, Dragnić) daher kommen und durch Übertreibung einen Akzent setzen wollen. Sie regen zum Nachdenken an, zum Sinnieren, zum Überlegen, wie es bei einem selbst so ist, sie kommen aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger auf uns Leser zu: sie unterhalten und amüsieren. Sie eignen sich bestens zum Lesen ‚zwischendurch‘ und ganz sicher auch zum Vorlesen – zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier…

Rafif Schami (Hrsg)
Geburtstag
diese Ausgabears vivendi, HC, ca. 160 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

Sehnsucht – so eine Begriffsbestimmung – ist allgemein betrachtet ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die bzw. den man liebt oder begehrt, wobei diese mehr oder minder mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Menschen können dabei auch allgemeine Sehnsüchte haben, etwa die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Gott oder einem höherem Wissen. [aus: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sehnsucht‚. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik; http://lexikon.stangl.eu/19576/sehnsucht/ (2018-04-11)]].


Diesem Gefühl, das wohl jeder kennt, ist dieses kleine, schmucke Büchlein in seinem blauen Leineneinband gewidmet. Das halbgeöffnete Fenster, der Blick in die Weite, offensichtlich auf eine am Horizont erst endende Wasserfläche, der angedeutete Luftzug, der den Vorhang etwas wehen läßt, symbolisiert das in der obigen Definition gegebene Gefühl der Unerreichbarkeit – obwohl ich diese Behauptung der Begriffsbestimmung nicht ohne weiteres zustimmen kann und auch einige der Geschichten dieses Büchleins sprechen dagegen, denn in ihnen erreicht der Sehnsüchtige letztendlich doch sein Ziel, befriedigt diesen Mangel in seiner Seele eben dadurch, daß er – möglicherweise gegen alle Vernunft – alles unternimmt, was ihn zu seinem Sehnsuchtsziel führt. So beispielsweise der Vater, der in einer Geschichte von Franz Hohler (Das weiße Spitzchen) in der Maturarede seiner Tochter durch die rezitierten Gedichtzeilen (Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht / Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht…) daran erinnert wird, wie er als junger Mann einen bestimmten Berg nach ihm rufen hörte, ihn locken hörte, aber er versäumte, jemals diesem Ruf zu folgen. Nun aber, geweckt und quälend lebendig, gibt er alles, diese Sehnsucht zu erfüllen.

Es ist sinnvoll, bevor man sich den Geschichten widmet, sich das Nachwort Schamis, der sowohl als Herausgeber des Bandes als auch als Autor vertreten ist, durchzulesen. Er läßt sich dort in kurzen Absätzen über das Wesen der Sehnsucht aus, über ihre Charakteristika, wie sie sich äußert, daß der Wortteil „-sucht“ auch auf einen Zustand hindeutet, der krankhaft sein oder werden kann, wenn sich nämlich das gesamte Ziel des Lebens dem Erreichen des Sehnsuchtsziels unterordnet: Sucht wird zur Obsession wie sie Monika Helfer in ihrer Geschichte  des Lastwagenfahrers erzählt, der sich an eine junge Frau bindet, die ihr Herz jedoch schon lange an einen anderen Mann vergeben hat, der ihr jedoch versperrt ist (Liebe am falschen Platz und das gleich zweifach)…

Einen Aspekt der Sehnsucht habe ich in Schamis Ausführungen ein wenig vermisst: Sehnsucht idealisiert. Die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen vernachlässigt ’negative‘ Eigenschaften, die Sehnsucht, den Chomolungma zu besteigen ignoriert die Massenansturm, in dem dies wohl stattfinden wird. Wo ist die Trennung, wie unterscheidet man (wenn dies überhaupt wichtig ist), ob es Liebe ist, die eine Frau jahrelang auf ihren in den Krieg gezogenen Reitersmann warten läßt oder die Sehnsucht nach ihm (in der Geschichte Reiter in der Nacht von Michael Köhlmeier). Hier wird am Ende die Sehnsucht der Frau ‚erhört‘, doch unter Umständen, die die Frau nicht akzeptieren kann: Sehnsucht kann also auch enttäuscht werden, wenn sie nicht mehr nur das scheinbar unerreichbare Ziel ist, sondern sich die Realität ganz anders zeigen sollte als erwartet.

Dem krankhaften, obsessiven Charakter, den die Sehnsucht annehmen kann, begegnen wir auch in der Geschichte Ultramarin von Root Leeb mit seinem kleinen Zyklus Die Farben der Sehnsucht. Hier besetzt das Verlangen nach einer Frau einen Augenarzt, der ihr tief in die Konjunktivitis schaute und sich dann im Fortgang der Dinge selbst fragt, ob er langsam zum Stalker wird, sein eigenes Leben jedenfalls gerät aus den Fugen…

Nataša Dragnić widmet einen ihrer zwei Beiträge dem letzten schwimmenden Elefanten Rajan (https://www.travel4news.at/87096/indien-abschied-vom-letzten-schwimmenden-elefanten/), auf den sich die Sehnsucht einer berühmten Schauspielerin konzentriert, die – behütet von einem Bediensteten des Hotels – auf der Insel Urlaub macht, unerkannt und unauffällig, und die ihr eigenes Leben beim sehnsüchtigen Warten auf Rajan reflektiert…

Für Schami als Exilanten ist die Sehnsucht, die mit dem Wort ‚Heimweh‘ bezeichnet wird, eine große Rolle. Der kürzlich hier von mir vorgestellte Roman Sophia (https://radiergummi.wordpress.com/2018/03/07/rafik-schami-sophia/) ist um diese Sehnsucht herum geschrieben, auch die beiden Geschichten, die er abschließend der Sammlung beisteuert, kreisen um dieses Thema der Sehnsucht nach dem Heimatland, der Heimatstadt, die idealisiert wird, die in der Seele des im Exil Lebenden im Zustand der Kindheit verblieben ist, die romantisiert und idealisiert wird und die, wenn man Jahrzehnten ein Besuch möglich ist, enttäuscht, weil alles ganz anders ist (Syrisches Klassentreffen und Die merkwürdige Sehnsucht des Herrn Hamid). Sicherlich liegt man nicht allzu sehr daneben mit der Vermutung, daß sich in diesen Geschichen auch das Heimweh des Verfassers nach seinem Damaskus, seinem Syrien, selbst zeigt.


Die insgesamt zwanzig Geschichten der sechts Autoren des Bandes sind von unterschiedlicher Länge, reichen von der kurzen, kaum anderhalbseitigen Ausführung bis zu weit umfangreicheren Sehnsuchtsschilderungen. Da Sehnsucht als, ich möchte sagen: Hintergrundgefühl, in allen von uns vorhanden ist, findet man sich beim Lesen in den Geschichten wieder, kann zumindest das treibende Moment der Figuren nachvollziehen, auch wenn uns die geschilderte Umsetzung möglicherweise zu weit geht. Es liegt alles drin in den Geschichten, Dramatisches, Tragisches, Obsessiv-besetzendes, Beglückendes, Erfüllendes… das ganze Spektrum, das Sehnsüchte zum Klingen bringen können tritt uns in den Geschichten entgegen. Ein Schmuckstück als Buch, ein Verführer für die anderen Themenbände der Sechs-Sterne-Reihe, absolut geschenktauglich und ganz sicher ein wunderbarer Reisebegleiter… oder einfach nur ein Buch, das man gern in die Hand nimmt für einen kurzen Ausflug in eine Sehnsuchtswelt.

Rafik Schami (Hrsg)
Sehnsucht
diese Ausgabe: ars vivendi, HC, ca. 200 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9WR

Alexander Osang: Winterschwimmer

Der 1962 im Osten Berlins geborene Journalist und Schriftsteller Alexander Osang gehört zu den von mir gern Gelesenen, seine Kolumne im Spiegel ist mir lieb. Daß er auch Schriftsteller ist und außerdem sowieso produktiv, war mir nicht so präsent. Selbstverständlich hat er seinen eigenen Wiki-Beitrag [1] und das Reporterforum [2] (auf das zu stoßen ein netter Nebeneffekt meiner ‚Recherche‘ zu Osang war) listet fast 600 Treffer zu ihm auf.


Die vorliegende Sammlung von vierzehn Geschichten, auf die ich neulich schon an anderer Stelle hingewiesen hatte [3], ist eine Auswahl von Erzählungen, die Osang seit zwanzig Jahren regelmäßig zu Weihnachten in der Berliner Zeitung schreibt. Es sind keine Weihnachtsgeschichten mir Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, keine Adaptionen des Besuchs der Könige und die Hirten auf dem Felde sind auch nicht alarmiert. Osang greift das Fest in seiner heutigen Form auf, diese durch feste Rituale geprägte Institution des familiären Lebens. Denn genau das ist es in vielen Fällen: die Familie, das Jahr über getrennt, manchmal über den ganzen Erdball verstreut lebend, kommt für ein paar Tage zusammen, die Kinder besuchen die Eltern, die noch in der Wohnung wohnen, die von ihnen, den erwachsen Gewordenen, vor ein paar Jahren verlassen worden ist; die Eltern fahren zu den Kindern und treffen dort auf eine Welt, die sich von der ihren zunehmend unterscheidet. Man muss sich arrangieren, die gewohnten Rückzugsräume fehlen, dafür aber tauchen neue Herausforderungen auf: man muss die anderen daher aushalten. Gott sei dank gibt es die Rituale, die dabei helfen: den Weihnachtsbaum mit allem, was sich so um ihn herum abspielt, das Gänseessen, den Spaziergang… nur manchmal funktioniert das eben trotzdem nicht.

Die, die übrig bleiben bei dieser weihnachtlichen Familienzusammenführung, sind die Verlassenen, die Einsamen, die, die sich getrennt haben oder die getrennt worden sind. Und meist sind diese es, die in Osangs melancholischen (er selbst sieht sie eher tragikkomisch [4]) Geschichten im Mittelpunkt stehen. Der Immobilienmakler beispielsweise, der vor dem Haus, in dem er wohnt eine Wohnungssuchende trifft, die auf ein Zimmerfenster seiner Wohnung zeigt und davon überzeugt ist, daß eine Wohnung mit so einer Gardine vor dem Fenster schon seit langem leer stehen muss. Und, das wird ihm daraufhin klar, bis auf ein Bild an der Wand stimmt das, er hält sich auf in der Wohnung, aber er lebt dort nicht, nichts ist von ihm sonst dort… Die Titelgeschichte vom Winterschwimmer bzw. von den Winterschwimmern, denn das Wort ist Singular und Plural in einem, erzählt von Ruhl, der nach der Wende zusammen mit seiner Frau ein erfolgreicher Verkäufer von Solarien im deutschen Osten war, dessen Frau ihn aber, nachdem das Geschäft abflaute, verlassen hat und der jetzt, zum 15-jährigen Firmenjubiläum mit entsprechenden Rabattangeboten auf Kundschaft wartet. Ob die Frau, die er überzeugen kann, daß sie den Pool ruhig ausprobieren darf – in den er dann kurz darauf auch steigt-, länger bleiben wird, läßt Osang zwar offen, vorerst beläßt er es beim gemeinsamen Schwimmen…

Die Einsamkeit zu zweit, die sinnentleerten Rituale, gegen die sich niemand wehrt, die nur erduldet werden, um Streit zu vermeiden oder Enttäuschung beim anderen. So wird die Fischsuppe gegessen, obwohl man sie nicht ausstehen kann und während der Mann die Tür hinter sich zugeworfen hat, um draußen heimlich zu rauchen, holt die Frau schnell die Weinflasche hervor und kippt ein Glas hinunter. Aber wie der Zufall so spielt, ist es gerade ihr Mann, der vom mobilen Reporterteam für’s TV interviewt wird und der dort zum ersten Mal seit langem das sagt, was er wirklich denkt – und seine staunende Frau, die mit dem Weinglas mittlerweile vor der Glotze sitzt, findet, daß ihm das eigentlich gut steht und holt seinen Aschenbecher wieder aus dem Schrank…

Mal unsichtbar sein für die anderen und sie belauschen, hören, was sie sagen und erzählen – für Jo Friedrich geht diese Vorstellung in Erfüllung. Jo hat mittlerweile Karriere gemacht, vertritt eine Weltfirma in Indien, hat auch eine indische Frau. Um den Nikolaus für seinen Enkel aus erster Ehe zu spielen, fliegt er nach Deutschland. Er hat die perfekte Maske, in seiner Position ist es kein Problem, ein Kostüm zu bekommen, das sogar die eigene Stimme verändern kann. So steht er am Abend unerkannt im Zimmer vor der Familie, (aus)von der er vor Jahren (aus)geschieden ist, und hört und sieht Wahrheiten, die ihm zunehmend die Sprache verschlagen….

Eine altmodische Geste, der Dame zum Schutz gegen den Regen das Jackett umhängen, doch die Dame erhoffte mehr, was er ihr aber nicht gab. So landete das Jackett schließlich im Abfallcontainer, irgendwo musste die Enttäuschung hin, mitsamt des Geschenks für die Ehefrau, das in der Jackentasche steckte. Eine Ereigniskette, die das Leben Beckers von Grund auf erschütterte, nahm jetzt ihren Lauf, denn irgendwie musste er ja wieder an das Jackett kommen…


Es ist eine immer wieder auftauchende Grundstruktur in den Osangschen Geschichten: ein unvorhersehbares Ereignis (das auftauchende TV-Team; der Tod des Vater, der sich in Thailand aufhielt; die Wohnungssuchende; das weggeworfene Jackett; die verschlossene Tür, nachdem man mal kurz nach draußen gegangen war…) durchbricht den schützenden, aber auch einengenden Kokon der gewohnten weihnachtlichen Rituale und eröffnet, erzwingt manchmal auch, den Blick für Neues. Jedem Ende also wohnt ein Anfang inne, eine neue Lebensperspektive, die sich zeigt, zumindest aber ein neuer Blick auf das gewohnte Leben mit der Chance, etwas zu ändern… In diesem Sinne sind Osangs Geschichten trotz der Tragik, die ihnen innewohnt, hoffnungsvolle Geschichten, sie sind weihnachtlich in dem Sinne, daß auch vor gut zwei Jahrtausenden das Alte, Hergebrachte in seiner Erstarrung in Frage gestellt worden ist und ein neuer Blick, ein neuer Anfang sich aufgetan getan hatte. Und abgesehen von dieser in den Geschichten enthaltenen ‚Botschaft‘ ist Osang ein Meister darin, von diesen entscheidenden Weichenstellungen im Leben seiner Figuren unprätentiös, lakonisch, immer mit Sympathie für sie zu erzählen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang
[2] http://www.reporter-forum.de/index.php?id=119
[3] https://www.facebook.com/aus.gelesen.de/posts/1636988546380740
[4] http://www.zeit.de/2017/51/alexander-osang-schriftsteller-reporter-weihnachten-glauben

Alexander Osang
Winterschwimmer
Erstveröffentlichung der Geschichten (außer ‚Unsichtbar‘) in der Berliner Zeitung
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 236 S., 2017

Elke Heidenreich: Die Liebe

Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008