Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008

Die Spur der Liebe von Bernd Kulik hat anscheinend selbst kaum Spuren hinterlassen. Ich bin kein Detektiv, suche deshalb nicht übermäßig intensiv, aber die normalen Suchmuster haben tatsächlich bis auf eine einzige Besprechung auf einem Blog nichts zum Buch ergeben. Zum Kauf angeboten wird es, freilich, des öfteren über die diversen Kanäle und Anbieter… So kann ich nichts über den Autoren Bernd Kulik vermelden, auch die Geschichte hinter den Geschichten bleibt im Dunkeln und ebenso ist das Buch selbst nicht in einem ’normalen‘ Verlag erschienen ist. Aber es ist erschienen und birgt auf seinen 256 Seiten zehn Geschichten über das ‚Lieben‘ in der ehemaligen DDR, wobei Liebe hier rein körperlich zu verstehen ist, so wie es in einer der Stories (Die Abifeier) zum Ende heißt: „Okay, wir haben zwei geile Nummer geschoben und unseren Spaß gehabt. Nun starten wir ins Leben und werden sehen, was uns noch alles widerfährt.“ – „War’s das?“ – „Das war’s.“ – Frauen konnten manchmal so herzlos sein.

An diesem Zitat läßt sich mehreres festmachen, was sich durchgängig durch alle Geschichten zieht. Zum einen werden die (fast immer) jungen Frauen als sehr initiativ beschrieben und sind keineswegs die schüchternen Mädels, die durch den Mann erst erweckt werden müssen. Im Gegenteil ist der (fast immer) junge Mann oft derjenige, der die leitende und führende Hand der Frau braucht. Zum zweiten ist die Sprache direkt und unverblümt und spart auch Phänomene des Alltags nicht aus, wie dieses Beispiel zeigt (Silvester): (nach der ersten Nummer kost sie ihn unter der Bettdecke langsam vom Bauch aus nach unten und merkt an): „Mein Lieber, hast du auf einem Fischtrawler gearbeitet?“ – „Nee, nur in einem Fischladen verkehrt.“

Die Episoden sind fast alle nach einem Muster aufgebaut. Auf den ersten Seiten wird das Setting beschrieben, also der Ort der Handlung, die näheren Umstände und – das macht das Buch dann zumindest für Wessis doch interessant – auch fernere Lebensumstände in der seinerzeitigen DDR. Dann taucht, da praktisch immer aus Sicht des männlichen Parts geschrieben wird, das meist brünstige Weibchen auf, läßt entweder Initiative zu und/oder – wenn sie des Aussehens oder anderer Umstände wie Monatsblutung wegen keine provoziert – legt selbst (im wahrsten Sinne des Wortes) Hand an und ergreift sozusagen das Zepter. Im Anschluss wird viel missioniert, manche der Damen haben auch Lust auf griechisches, französische Exkursionen kommen vor, sind aber nicht Hauptquelle, aus der die Freude sprießt. Man sieht, es ist eher handfester und bodenständiger Sex, der getrieben wird und der keineswegs an Gefühle gebunden sein muss, sondern der häufig nur der Triebbefriedigung dient.

Zehn Geschichten, von denen bis auf eine Ausnahme (Grenzübertritt: zwar auch der selbe Aufbau der Geschichte, aber die Akteure sind zumindest mal gestandene Erwachsene) alle nach mehr oder weniger dem selben Schema aufgebaut sind, das ist letztlich nicht sonderlich interessant. Wenn man dem Umschlagtext glauben darf, erfährt man durch diese Episoden, wie die Ossis tatsächlich liebten. Nun ja, möglicherweise natürlicher als anderswo, aber so richtig doll war das auch nicht, auf der emotionalen Ebene, meine ich…

So war letztendlich für mich die Schilderung der Alltagsszenen aus der DDR (das Setting der Episoden) interessanter als die doch sehr vorhersehbaren erotischen Abschnitte der Geschichten.

Bernd Kulik
Spur der Liebe
Erotische Geschichten aus der DDR
diese Ausgabe: Softcover, AC Distribution & Marketing, Berlin, ca. 256 S., 2011

Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Eine spontane Assoziation zu diesem Buch stellt sich schon ein, bevor man die erste Zeile des Textes überhaupt gelesen hat und erinnert an die literarische (?) Peinlichkeit, die Charlotte Roche vor wenigen Jahren mit ihren Feuchtgebieten [2] in die Welt gesetzt hat: in beiden Werken findet sich der Hinweis auf einen hohen Anteil an Selbsterlebten. Roches glitt das seinerzeit wohl aus der Hand, sie ruderte bald zurück, Macintosh dagegen verspricht, nie etwas zu verraten…. Aber ok, das ist nur eine Assoziation, die ich hatte, vergesst es einfach, die beiden Bücher haben ansonsten nichts miteinander zu tun, man täte dem vorliegenden Buch von Mackintosh damit auch Unrecht….. ;-)

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Anneliese Mackintosh – der Vorname ist schließlich nicht ohne Grund so deutsch – wurde in Deutschland geboren, ebenso wie ihre Heldin Greta , die just diesen deutschen Namen aus nämlichen Grund hat, beide lebten an vielen Orten, zwischendurch auch in Berlin. Any Other Mouth, so der Originaltitel der Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Leben Gretchens, wurde 2014 erstveröffentlicht und erschien dieses Jahr 2016 in deutscher Übersetzung [1]. Er sammelt Episoden aus Gretas Leben, Erinnerungen an ihren Vater, ihre Mutter, die Schwester, ihre eigene Kindheit und Jugend. Und natürlich kommen auch die Erlebnisse der Jetzt-Zeit nicht zu kurz. Es ist ein Leben auf der Grenze, soviel sei hier angedeutet, auf der Grenze zwischen ‚gerade noch‘ und ‚geht nicht mehr’…

eine zweite Assoziation…. Mackintosh goes Otsuka [3]:

Ich f*ckte einen,  der bekennender Nazi war
Ich f*ckte einen auf dem Badezimmerboden…
Ich f*ckte einen, der mir von seiner schönen Frau und den Kindern erzählte
Ich f*ckte einen, dessen Vater mich mit Ketaminen versorgte
Ich f*ckte einen, der einen Roman schrieb
Ich f*ckte einen, der mich mit Chlamydien ansteckte
….und ritt mich immer wieder und tiefer in die Scheiße,
weil das alles war, was ich konnte.

… aber das mit dem F*cken kam erst etwas später, nach dem Tod des Vater, nach dem sie Greta so sehnte wie nach der Liebe und vielleicht waren beide Sehnsüchte eigentlich die selben, die zweiten Seiten einer Medaille….. mit wieviel Zärtlichkeit und Wehmut sind Gretas Erinnerungen an ihren Vater, den sie bewunderte, geschrieben. Ein Computerfachmann, der sogar mal mit Bill Gates gesprochen hatte, aber dem der große (wirtschaftliche) Durchbruch versagt geblieben war. Der nicht treu sein konnte und im vergammelten Wohnwagen hinterm Haus die Pornohefte sammelte… der seinem kleinen Töchterlein: Wie funktioniert das, Daddy? alles erklären konnte, mit ihm im Garten arbeitete, Schafe hütete, Geschichten erzählte und mit seinen geheimen ‚Daddy-Kräften‘ dafür sorgte, daß die richtigen, die schönen Träume des Nachts zu Greta kamen…. Es war die Zeit, in der Greta in der ‚Mitbringstunde‘ in der Schule aus ihrem Lieblingsbuch, einem landwirtschafltichen Ratgeber, Bilder mitbrachte, von sich paarenden Schweinen, vom Verdauungstrakt der Hühner und sie damit gegen die fluoreszierenden Mickey-Mouse-Köpfe der anderen konkurrierte…. Der Krebs holte sich ihren Vater und hatte die Mutter das mit dem Fremdgehen auch noch irgendwie verkraftet, der Tod ihres Mannes war zuviel für sie….


Meine Trauer ist so groß, sie spannt die Haut. Meine Trauer ist so stark, sie bricht mir die Knochen. So hart, daß sie mir Veilchen schlägt. So kalt, daß ich Eiszapfen weine. Und meine Trauer ist so lang, sie baumelt überm Teller, wenn ich essen will, daß ich auf den Teller und auf die Trauer kotzen muss.

…Gretas Trauer ist unendlich, taucht immer wieder auf, die Trauer, sie kann schwimmen, denn das Glas Wein am Abend, aus dem so leicht auch vier oder fünf oder… werden, ersäuft sie nicht…. genauso wenig wie sie dagegen anf*cken kann, gegen das Gefühl des Alleinseins, der Angst vor dem Verlassenwerden, denn bevor sie verlassen wird, verläßt sie lieber selbst. Vielen Dank für alles. So reiht sich bei ihr Mann an Mann, nur selten jemand, bei dem sie länger bleibt (was nicht bedeutet: lange oder gar für immer) wie mit Simon, der vermutet, daß sie Borderline hat und ihr sogar das Versprechen abluchsen kann, zum Arzt zu gehen….

Die vierundzwanzig Jahr der Kindheit, der Jugend und der jungen Frau mit ihrer Familie im Cottage: die Zeitmaschine von Google Maps führt sie zurück. Sie zoomt sich heran an das Haus, sieht die Wäsche an der Wäscheleine hängen, die Liege im Garten, die Schubkarre an der Wand…. ihre Sehnsucht liefert ihr die fehlenden Bilder von den Menschen, von der Mutter in der Küche, dem Vater vor dem Computer, der Schwester, die mit dunklem Blick auf dem Boden handarbeitet….

Heilig Abend… o wie lacht…. hier wartet keine Idylle auf uns, kein Weihnachtsmärchen, kein Kind mit lockigem Haar. Obwohl – vielleicht hatte ja doch einer lockiges Haar von den Kerlen, die Greta und ihre Freundin, die sich mit zuviel Alk in den Pubs selbst abgeschossen hatten, ins Klo mitnahmen und ihnen ihr Fleisch reinsteckten, einer nach dem anderen, Gesichter spielten keine Rolle und in ihrem benebelten Geist machten sie, was ihnen gesagt wurde oder hielten einfach nur still…. Idylle ist relativ, mit zerrissenen Klamotten und völlig derangiert taucht Greta zur familiären Heilig Nacht auf. Frohe Weihnachten.


Harter Stoff, den Mackintosh präsentiert, nicht unbedingt kindertauglich. Borderline, Asperger, Mehrfachvergewaltigung, Ritzen, Alkoholsucht, wechselnde Geschlechtspartner in großer Zahl, Psychiatrie, Suizidalität, Wahnvorstellungen: Gretas Familie bietet von allem etwas und dann reichlich. Immer wieder Versuche, den eigenen Platz in der Welt zu finden – und immer wieder auch ein Scheitern, ob im Fitnessstudio, in der vegan lebenden WG, bei der Promotion, in den Beziehungen…. darüber zu lesen, tut oft weh, ist oft traurig, ist oft witzig. Denn Mackintosh kann schreiben und formulieren, rau, derb und direkt manchmal, skurril und witzig ein andermal. Zärtlich und sehnsuchtsvoll, voller Liebe aber auch voll mit Hass – manches mal, vllt sogar häufig, auf sich selbst. Ein Leben auf der Suche nach dem Glück, nach dem Vater, der sie zu früh verlassen hat, nach dem Gefühl des Behütetseins der Kindheit. Ein Leben als steter Kampf mit einem Gegner: sich selbst und ihrer Angst. Der Angst, verlassen zu werden, einsam zu sein, das Glück festzuhalten, wenn es sich mal zeigt. Ein Leben im Schleudergang also, up and down; wenn es eine Stoptaste für Greta gibt, scheint es das Schreiben zu sein. So bin ich nicht ist also auch ein Auffangbecken für jemanden, der genau so ist, aber so wohl nicht sein will.


Mackintosh präsentiert uns dieses Leben in 30 Episoden [4], aus denen sich sukzessive ein Gesamtbild von Greta herausschält. So ist das Buch mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten, es ist eher ein Mosaik, das letztlich ein Ganzes ergibt, auch wenn dieses Ganze dann wiederum nicht als Roman bezeichnen kann. Natürlich hat man beim Lesen immer die einleitende Anmerkung der Autorin im Kopf, zweidrittel des Erzählten seien wirklich passiert und man fragt sich, was nun unter diese Kategorie fällt… eher die glücklichen Momente, eher die traurigen oder die schockierenden? Wahrscheinlich von allem etwas….. Jedenfalls darf man Mackintosh nach dieser beinharten „Beinahe-Biographie“ für die Zukunft viel Glück wünschen; die Katzen hat sie ja mittlerweile, verheiratet ist sie auch [1] und als Leser darf (oder muss, angefüttert ist man ja durch So bin ich nicht) man auf ihren ersten Roman sehr gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] über die Autorin:  http://www.anneliesemackintosh.com/#!about/c1j3z
twitter-account: https://twitter.com/anneliesemack?lang=de
[2] wer dieses Werk nicht kennt (es ist ja immerhin schon über acht Jahre her): Charlotte Roche: Feuchtgebiete; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/feuchtgebiete/
[3] wer hier nachschaut, weiß, was ich meine: Julie Otsuka: Wovon wir träumten (Link zur Buchbesprechung hier im Blog)
[4] Ich habe es nicht selber nachgezählt (Leider fehlt so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis), sondern mich auf eine andere, fleißige Leserin verlassen:  http://buchlingreport.de/2016/06/03/anneliese-mackintosh-so-bin-ich-nicht-gretas-storys/

Anneliese Mackintosh
So bin ich nicht
(Gretas Storys)
Übersetzt aus dem Englischen von Gesine Schröder

Originalausgabe: Any Other Mouth, Glasgow
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 256 S., 2016

 

bibel cover

Die Bibel – wer kennte dieses Buch, ja, dieses Buch der Bücher, nicht? Die meisten wohl… den Titel schon, aber wann zum letzten Mal in der Hand gehabt und gar gelesen? Und auch der Kirchenbesuch, bei dem darauf vorgelesen und gepredigt wird, ist ja auch nicht mehr so häufig wie anno dazumal. Dabei stehen, das muss man zugeben, eigentlich sehr schöne Geschichten in diesem Buch. Sicherlich, die Sprache ist unmodern, der Aufbau der Geschichten umständlich und das Ganze wirkt doch etwas altbacken. Andererseits findet man in diesen alten Geschichten das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen und menschlicher Charaktere wieder, sie sind in vielerlei Hinsicht archetypisch für uns. Begegebenheiten, die von Eifersucht zeugen, von Neid, von Hass und Konkurrenz, von Liebe und Freundschaft, von Vertrauen und Betrug, von Strafe und Belohnung, von Mut und Feigheit, von Klugheit und Dummheit, von Toleranz und Ignoranz. Denken wir nur an die Figur des Hiob, sprichwörtlich geworden für Menschen, denen ein unergründliches Schicksal alles, was sie lieben, nimmt….

Der Niederländer Guus Kuijer [1], ein vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor, hat sich der Bibel angenommen. Mit dem auf den ersten Blick irritierenden Zusatz ….für Ungläubige erzählt er aus dem Blickwinkel von Figuren, die in der „richtigen“ Bibel [2] eher am Rand stehen, einige dort geschilderte Episoden in moderner Prosa wieder. In den Niederlanden sind bis dato die ersten vier Bände (zumindest habe ich nicht mehr gefunden) erschienen, in Deutschland sind bis dato Band 1: Der Anfang – Genesis und Band 2: Exodus [3] im Antje Kunstmann Verlag erschienen, bei Reclam werden offensichtlich die Taschenbuchausgaben zeitversetzt publiziert.

Genesis also, das erste Buch Mose [2a], das von der Schöpfung der Welt berichtet, von Adam und Eva, von Noah, Abraham, Isaak und Jakob bis zu Josef und seinen Brüdern. Natürlich erzählt Kuijer die Geschichte der Erschaffung der Welt, die am Anfang ein Wort war, als Adams Geschichte. Dies ist in der Literatur nichts neues, ich habe selbst in diesem Blog schon die wunderschöne Adaption Mark Twains vorgestellt, auch Ted Hughes hat sich dem Thema gewidmet, sicherlich fände man noch mehr Autoren, würde man suchen [4].

Es folgt die Geschichte von Noah, dem Bau der Arche und der Sintflut aus der Sicht von Ham, einem der Söhne Noahs, und zwar der, der immer etwas eigenständiger war als seine beiden Brüder Sem und Japhet. Ein Urenkel Noahs, ein Enkel Sems schließlich war für den Turmbau von Babel verantwortlich, der wie die Arche sowohl als göttlichen Auftrag missverstanden wurde, der aber auch als ein technologisches Großprojekt war, das neugierige Menschen aus aller Herren Länder anlockte und wirtschaftlichen Aufschwung verhieß.

Für mich die schönste Geschichte ist die, die Sarah erzählt, die Frau von Abraham, die damals noch Sarai und Abram hießen. O ja, Sarai ist ganz hibbelig (um ein harmloses Wort zu verwenden) bei dem Gedanken, mit einem Gott zu schlafen.. wie aufregend muss das sein, wo sie doch nur das langweilige Gebu**e mit ihrem eigenen Mann kennt… der Pharao, in Ägypten, wird es sein, der sie, die Schöne, begehrt…. aber das ist nur eine Episode aus Sarahs Erzählung, die auch die Geschichte um Sodom und Gomorrha, um Lot und seine Familie enthält und die Probleme, eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Sarah ist nicht ohne Fehler und menschliche Schwächen, Hagar, ihre Sklavin, die mehr ist als eine Sklavin, die ihr wie eine Tochter ist, die sie ihrem Mann zuführt, damit dieser endlich ein Kind mir ihr zeugt und die nachher von Eifersucht aufgefressen wird: diese Hagar beispielsweise verjagt sie in die Wüste, mit ihrem Balg…. Abram ist der, der sich immer mit Gott unterhält, der Weisungen von diesem Gott erhält, der die Beschneidung einführt für die Männer seines Stammes. Und es ist dieser Gott, der von Abram verlangt, den Sohn, den Sarah ihm endlich doch geboren hat, zu opfern. Und Abraham ist bereit dazu und Isaak auch dazu, geopfert zu werden. Als Sarah davon erfährt, bricht es ihr das Herz.

Isaak erzählt seine eigene Geschichte, die in vielen Teilen die ist von Esau, dem Erstgeborenen und Jakob, den Fersenhalter, der als Zweiter auf die Welt kam. Für ein Linsengericht gegen den beissenden Hunger verkaufte der triebhafte Esau dieses Recht an Jabob und durch eine List, die Rebecca, seine Mutter und er ausheckten, täuschten sie den blinden Isaak, so daß dieser seinen Segen nicht an Esau, sondern an Jakob verteilte.

Er floh vor der Rache es Bruders zu seinem Onkel, wo er Rahel traf. Und er freite sieben Jahre um Rahel und in der Hochzeitsnacht schob man ihm Lea, die ältere Schwester, unter. Ein Betrug, wie er ihn weiland begang…. und er freite noch einmal sieben Jahre um Rahel, bis er seine Liebe endlich heiraten konnte. Aber während Lea ihm einen Sohn nach dem anderen gebar, dauerte es viele Jahre, bis Rahel im zwei Söhne schenkte: Josef und Benjamin.

Und letzter gibt in diesem Buch den Thomas Mann und erzählt die Vorkommnisse von Josef und seinen Brüdern, in denen Niedertracht und Verrat eine Rolle spielen sowie auch Geilheit und Klugheit. bis sich schließlich alles zum Guten gewendet hat.


… für Ungläubige ist eine Nacherzählung ausgewählter Episoden aus dem 1. Buch Mose. Man wird daran erinnert, daß Gott damals nur einer von vielen Göttern war, der Gott eines Clans, einer Familie so wie jeder Stamm seinen Götter hatte und verehrte. Noch ist längst nicht absehbar, daß dieser Gott Jahrhunderte später zum Gott der Juden und danach der Christen avancieren sollte, während alle anderen der Stammesgötter nur noch als Erinnerungen an einst (wenn überhaupt) überleben sollten.

Kuijer bezeichnet sich selbst als ungläubig. Er sucht in den Geschichten gezielt nach Zweifeln, Widerspruch, Ungehorsam, ja sogar Unglauben und formt damit eine plausible Entwicklungsgeschichte der alttestamentarischen Religion. Diese ist nicht vom Himmel gefallen, auch sie hat sich entwickelt, unterlag Änderungen und Einflüssen, bis sie schließlich in einem feststehenden Kanon schriftlich fixiert war. Dies wird durch die besondere Art Kuijers, die den Zweifeln und der Verwunderung der Menschen viel Raum läßt. Auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte Sarahs sehr hübsch, vermutet diese doch lange Zeit eher eine spinnerte Marotte im manchmal seltsamen Verhalten ihres Mannes. Und daß ihr (ihr!), der Paarundziebzigjährigen, die drei seltsamen Männer verheißen, daß sie in einem Jahr einen Sohn auf die Welt bringen wird – einfach nur lächerlich!

Eine Nacherzählung bzw. eine in Prosa umgewandelte Geschichte ist immer auch eine Interpretation, vielleicht sogar eine Ausdeutung. Schwerpunkte sind anders gesetzt, der Leser bzw. die Wirkung der Geschichte auf den Leser, sind wichtig: die Episode Sarahs mit dem göttlichen Pharao nimmt in der Genesis eher wenig Platz ein (1 Mose 12, 14-18), in Kuijers Nacherzählung ist sie dagegen deutlich ausgeschmückt und umfangreicher.

Ein zweites Beispiel noch, weil damit auf der hinteren Umschlagseite „geworben“ wird: Jakob hat mit Gott gekämpft und der Kampf ging unentschieden aus. Wie es der Zufall wollte, habe ich genau um die Zeit, in der ich das Buch las, einen Vortrag eines Benediktinermönchs gehört, der justament auch über diese Bibelstelle redete. Dort wurde gesagt, daß der Originalbegriff nicht eindeutig ist, er könne mit Gott übersetzt werden, aber auch mit Dämon oder Schuld, dieser (vorgebliche) Kampf mit Gott könne daher auch ein Bild sein für den inneren Kampf Jakobs mit der Schuld, die er gegenüber Esau auf sich geladen hat. Überhaupt vernachlässigt man meist, daß das Lesen solch alter Bücher oft eine Art „Stille Post“ ist, in der die jeweiligen Übersetzer von einer Sprache in die andere jeweils ihre eigene Sinnfärbung mit eingebracht haben, bis der Text dann schließlich auf Deutsch (Englisch, Dänisch…..) vorliegt.

Das soll mich aber nicht hindern, das Buch Kuijers als kurzweilig, unterhaltsam, interessant und auch lehrreich zu empfehlen. Kaum jemand wird heutzutage freiwillig noch die Bibel lesen, dieses Büchlein jedoch kann jeder – und wenn er nur schöne Geschichten hören will – zur Hand nehmen. Well done!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Guus Kuijer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Guus_Kuijer
[2] online-Ausgabe der Bibel z.B. hier: http://www.bibel-online.net
[2a] Genesis: http://www.bibel-online.net/buch/elberfelder_1905/1_mose/1/#1
[3] Exodus: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_bibel_fuer_unglaeubige-1144/
[4] Buchvorstellungen hier im Blog:
Mark Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva
Ted Hughes: Der Rüssel

Guus Kuijer
Die Bibel für Ungläubige
Der Anfang: Genesis
Übersetzt aus dem Niederländischen von Anna Carstens und Angela Wicharz-Lindner
Originalausgabe: De Bijbel vor ongelovigen. Het Begin. Genesis; Amsterdam 2012
diese Ausgabe: Reclam, Philipp, jun. GmbH, TB, ca. 320 S., 2016

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