Phoebe Müller: Die Beute

19. Oktober 2015

Nichts ist schöner, nichts ist größer als die Sexualität,
und außerhalb der Sexualität gibt es keine Seligkeit.

(Marquis de Sade, 1783)

phoebe beute cover


In ihrem Buch Die Beute versammelt Phoebe Müller insgesamt zwölf Erzählungen, die zwar jede für sich abgeschlossen ist, die aber einer übergeordneten Logik folgen. Im Grunde (auch wenn einem dies als Leser erst nach der letzten Geschichte klar wird) deutet dies die erste Episode des Buches Dem Wahren Schönen Guten schon an. Hier beschreibt Müller eine junge Frau, die in eine Wohung zieht,  in eine Wohngemeinschaft zu einer anderen Frau. Diese beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Die neu einziehende Frau (aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird) ist ordentlich, sauber, lebt in geregelten Verhältnissen. Sie hat einen Freund und Liebhaber (auch wenn sie für seine Rolle bis jetzt noch nicht das passende Wort gefunden hat), mit dem sie vertraut ist und regelmäßig Sex hat und dem sie sich darüber hinaus freundschaftlich zugeneigt fühlt…. Die andere dagegen gehört zu der Klasse der Frauen, die etwas angeschlagen aussieht, die weder ganz schwarzen noch ganz roten Haare wirr im Gesicht, den Lippenstift verschmiert und mit einem nostalgischen Geruch nach frühen Spielen der Jugend versehen – so trifft die neue Mitbewohnerin beim Einzug auf die alte.

Sie harmonieren, obwohl sie so unterschiedlich sind. Der neugierige Blick ins Schlafzimmer ihrer Mitbewohnerin zeigt kein Bett, sondern eine Opferstätte, eine von Kerzen eingerahmte Liegestatt, die nur allzudeutlich nicht ausschließlich dem Erholungsschlaf dient. Es geht eine Faszination von diesem Zimmer aus, die sie neugierig macht, immer stärker in Bann schlägt. Sie trifft auf Männer, die das Zimmer verlassen, erst zufällig, dann richtet sie es so ein, absichtlich…. manche hinterlassen einen tierähnlichen Geruch in der Wohnung, etwas Animalisches, das ihr neu ist… sie hört der dunklen, melodischen Stimme zu, die von Grenzüberschreitungen redet, von Tabulverletzungen, vom Opferbringen, von Entgrenzungen. Sie wolle Unwetter, Chaos, Nächte der Kopulation bis ins Morgengrauen… der engen Hülle des Körpers entfliehen … Spuren wolle sie sehen danach… Fingerabdrücke in Blau, Grün und Rot…. … Solche Gespräche zwischen den beiden werden zum Ritual, das auf die Erzählerin übergreift. Sie meditiert, aber die Gedanken kommen nicht mehr zur Ruhe, sie befriedigt sich selbst, mehrmals hintereinander, bis die Spannungen nachlassen. Aber die Dämonen waren irgendwo im Raum versteckt. Beide Frauen merkten es, wie sie nach ihnen griffen ….ihre Mitbewohnerin suchte nach anderen Möglichkeiten, fing an, auszugehen, Draußen war jetzt das Zauberwort. .. Wie bei einem dionysischen Ritual. … jenseits jeglicher Beziehungsenge. .. kreatürlich .. entmenschlicht…. Solche Erklärungen der Freundin verhalfen ihr zu etlichen wohligen Schauern…. Wie sie und ihr Partner es genossen, beobachtet zu werden, die Kleider irgendwo im Gebüsch, die Knie aufgeschürft…. den Dreck auf der Haut.. den Geruch fremder Haut.. Hände auf ihrem Körper, die sie nicht zuordnen kann... In der Wohnung kehren sich dagegen die Verhältnisse um: der Altar im Zimmer der Freundin verschwindet, das Zimmer wird spartanischer als das der Erzählerin, sie würde sich auf das Wesentliche konzentrieren, so war ich auch nicht überrascht, als sie mich bat, sie auf ihren Streifzügen zu begleiten. … Komm schon, lockte sie……da wusste ich, dass sich mein Leben drastisch verändern würde.

Dies ist der Tenor, der sich langsam steigernd durch alle Erzählungen zieht, der Einbruch sexueller Energie, der Grenzen aufhebt, der Unterdrücktes hervorholt und ausleben läßt. Gibt sich in „Einfach atmen“ eine junge Frau beim Yoga noch ihren Fantasien hin, die der attraktive junge Lehrer durch einige Bemerkungen, die sie auf ihre Art interpretiert hat, auslöste… so fährt in der folgenden Geschichte eine Frau die wochenlang ihre schmutzigsgten und unaussprechlichten Energien gesammelt hat, schon hunderte Kilometer, um ihren Liebhaber zu treffen – um dann schüchtern zu sein wie ein junges Mädchen und zu hoffen, daß er die Dinge in die Hand nimmt. – eine Schüchternheit, die sich jedemal mit dem Ablegen der Kleidung verlor….

Ein Wild, das mit zitternden Flanken im Zwielicht steht und wittert, ob der Jäger naht. … Dort drüben am Baum, sagte er und zählte auf, was er alles mit ihr tun werde, willst du das? Sie stöhnte, seufzte und bettelte als Antwort … Einfach nur noch Tier sein, das war es, was sie wollte…. so beschreibt Müller es in „Die Beute“.

„Unter Wasser atmen“ handelt von einer Frau, deren Fantasien die gewöhnlichen Schmuddelkinder aus der Mottenkiste, die jeder hat und für die sich fast jeder schämt, umfasst – und die sich ändern. Bilder von Unterwerfung, von Machttausch, von Rollenspielen schleichen sich ein: in der Maske des Opfers all das zulassen können, was ansonsten nicht erlaubt war. … Es sind Spiele, die sie an eine Grenze führen als sie neugierig nachforscht, was ihr Lover am Computer treibt…

In „Natur-Gewalt“ hatte sie ein Treffen erwartet, wie sie es schon oft gehabt hat, ein Abend nach den üblichen Gesetzen, einer sicheren, einvernehmlichen Choreografie, ein Abend, den in Wahrheit sie kontrollierte. Der erste Schlag ins Gesicht beim ersten Zögern deutete es an, daß dieser Abend anders würde… Dieser Mann lachte über ihre Verlegenheit, ihre jämmerlichen Versuche, Haltung zu bewahren. Später dann spielte er mit ihrer Geilheit, die animalischen Tiefen entsprang. .. Er nahm sie Stück für Stück auseinander, sie war überwältigt, im wahrsten Sinn des Wortes, durch männliche Präsenz und durch physische Kraft.

Die letzten beiden Erzählungen unterscheiden sich insofern von der anderen, als daß sie aus der Sicht der Dominierenden erzählt werden. In „The Last Days of a Leather Queen“ erinnert sich eine alternde Domina an ihre große Zeit, die mittlerweile vergangen ist und durch einen billigen sado-maso-Mainstream abgelöst wurde…. Sie dagegen wollte in ihrer Zeit Seelen zucken sehen, nicht nur Genitalien.

Den Abschluss der Sammlung bildet die Erzählung „Draußen“, in der Müller ein Paar beschreibt, das draussen, außerhalb der Wohnung, deren alltägliche Gegenstände nur noch irritieren und das Auge beleidigen, das im Wald seiner morbiden Obsession nachgeht, in die sie, das wissen sie, unwiderruflich abgerutscht sind und die an die Grenzen dessen geht, was ein Körper ertragen kann. Kann man Entgrenzung weiter treiben als es Müller hier beschreibt, kann man diesen Weg weitergehen und wenn ja – wohin gelangt man?


Müllers Geschichten sind extrem. Sie kommen schnell aus der Welt des Alltags in Grenzregionen, in den das Innerste ihrer Protagonistinnen offengelegt wird. Es ist die mit dem Schmerz verbundene Lust, der sich Müller widmet, dem Gefühl der Freiheit, der nicht nur der physischen Befriedigung, die sich mit der Unterwerfung, der Erniedrigung einstellt, mit der Auslieferung an einen anderen, der als Führer auf diesem Weg ins Dunkle agiert. Denn dunkel ist diese Seite der Lust, verbunden mit Blut, Sperma und Urin, mit Schlägen, Fesseln und mit physischer Gewalt. Dabei zeigt sich Müller Fähigkeit, dies so dazustellen, daß es niemals platt wirkt, vulgär oder gar ekelig. Es ist faszinierend, Müller in diese fremde Welt zu folgen, mag sein, daß man auch als Leser merkt, daß etwas ins Mitschwingen gerät, Resonanz zeigt. Möglicherweise liegt darin die Faszination der Texte und die Kunst der Autorin, diese Ahnung beim Leser hervorzurufen, daß auch bei ihm Dunkles lauert. Denn wer ohne Fantasie ist, der werfe den ersten Stein…..

….. und noch mehr erotische Literatur ist hier:  https://erotischebuecher.wordpress.com zu finden

Phoebe Müller
Die Beute
Erotische Erzählungen
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, TB, ca. 224 S., 2011

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