Katharina Hartwell: Das fremde Meer

10. Dezember 2015

Ich habe es mal wieder fertig gebracht, Hartwells Zweitling (Der Dieb in der Nacht, [3]) vor dem Erstling zu lesen, was aber nicht schlimm ist, denn schließlich hat mich der Dieb… ja zum …Meer geführt. Das fremde Meer als Romandebüt einer jungen Schriftstellerin ist ein durchaus beeindruckendes Werk. Allein der Umfang von über 560 Seiten, die den Leser bis zum Schluss fesseln und imponieren… und daß sich der Roman trotz dieser Länge so gut, so leicht und so schnell liest, ist die Kunst der Autorin. Wobei man das Attribut „leicht“ nicht mit seicht verwechseln sollte, es bedeutet eher ein „es fällt nicht schwer“..

hartwell meer cover


Das fremde Meer ist ein Märchenbuch, ein Sammlung von Märchen, insgesamt sind es neun davon, jedes knapp vierzig Seiten lang. Aufbau und Inhalt der Geschichten ist ähnlich, es geht immer darum, einen Menschen, einen Mann oder Jungen, zu retten. Und der Retter ist eine Retterin, meist beginnt ihr Name mit einem „M“, so treffen wir eine Moira, eine Miranda, die sich allerdings in einen Miran umwandelt, wir begegnen einer Muriel, einer Milena, einer Martha. Einzig Augustine weicht von diesem Schema ab, aber sie ist ja auch eine historische Person, deren Schicksal Hartwell hier aufgegriffen hat [4].

Die Männernamen dagegen beginnen meist mit einem „J“ wie Jonathan, wie Jonas, wie Jacques, Jakob, Johann oder Yann, was sich zumindest wie „J“ ausspricht. Es gibt aber auch einen Prinzen und einen Ghostboy und gemeinsam ist allen die Schwäche, das Gefangensein, ja, das Totsein oder Sterben können, das Kranksein und die Existenz (Nicht-mehr-Existenz, Gerade-noch-so-eben-Existenz) in einer düsteren, dystopischen, klaustrophischen Umwelt.

Der Prinz zum Beispiel muss wie im ganz klassischen Volksmärchen aus dem Winterwald gerettet werden. Dort liegt er in einem Sarg, der in einem hohen Turm ganz oben unter dem Turmdach aufgestellt ist. Dornen umranken den Turm, und der Jäger, der kein Herz hat, bewacht den Prinzen. Die Krähen sind seine Helfer und Miran, die nicht mehr Miranda sein wollte, hat nur die Fledermaus, die ihr hilft…

Martha muss ihren Jaspar vom Totenschiff holen, Moira rettet Jonas aus sich auflösenden Stadt, deren Häuser sich durch eine ausser Kontrolle geratene Technik der Teleportation [5] von Immobilien in Mobilien wandeln, Jonathan und Muriel müssen mit dem Taucher um ihr Leben kämpfen, Miriam kann die Seele Johanns gerade so eben noch vor der „Spiritierung“ retten und Augustine gelingt es, Jacques aus dem Krankenhaus zu entführen…

In vielen der Geschichten – mag sein, daß dies der Stellung als Inselschreiberin auf Sylt im Jahr 2013 zu verdanken ist – spielt das Meer, das Wasser, die Küste eine große Rolle. Es ist das Unbekannte, das Fremde, unter dessen Oberfläche das Unglück, das Verderben lauert. Und was das Meer von unten ist, das sind die Wolken von oben: sie bedecken den Himmel, schirmen die Sonne ab, so daß die Menschen ausbleichen und krank werden, viele sterben an dieser Krankheit der Dunkelheit. Tag und Nacht sind nur noch graduelle Unterschiede in diesen Welten…

Kommen wir noch einmal auf die Namen der jeweiligen Figuren zurück, sie sind nämlich nicht zufällig gewählt und ein Paar Namen ist oben nicht mit aufgeführt, nämlich Maria und Jan. Und mit diesem beiden sind wir bei der Rahmenhandlung, die die Geschichten zusammenhält.

Maria ist die ältere der beiden Schwestern (die zwei Jahre jüngere Nina spielt keine große Rolle im Roman, ihre Funktion ist es eher, durch den Gegensatz der Schwestern das Besondere an Maria noch einmal zu betonen), in ihrem Leben gibt es einen Bruch. Aus dem bestimmenden, dominierenden Kind, das im Garten der Großeltern das Sagen hat wird ein Kind, ein Mädchen, eine junge Frau, eine Frau ohne Bindungen, ohne tiefer gehende Kontakte, ohne eigentliches Sozialleben. Eine Frau, die von Ängsten beherrscht ist, die Pfefferspray und Brotmesser unter dem Bett deponiert hat, die auf keine Partys geht und wenn, sich dann dort falsch fühlt und hofft, nur nicht angesprochen zu werden. Sie studiert bzw schreibt an ihrer Promotion, die aber nicht recht vorankommt, weil sie trödelt und unkonzentriert ist. Ganz offensichtlich ist sie ein Mensch, der keine großen Spuren in seiner Umwelt hinterläßt, der aber dessen ungeachtet manchmal im Wege steht, z.B. Jan, der sich aus einem steckengebliebenen Paternoster befreien muss und bei Sprung hinaus auf ihr landet. Es ist – schließlich sind wir in einem Roman – der Beginn einer großen Liebe, aber es ist – schließlich handelt es sich um Marie und Jan – nichts überstürztes. Es ist für beide erst einmal ein Kampf gegen sich selbst, die Notwendigkeit sich selbst zu überwinden, der inne wohnende Angst Herr zu werden, Selbstvertrauen zu tanken, sich einem anderen anzuvertrauen, zu lernen, etwas zu sagen, wenn der andere in der Nähe ist, sich zu öffnen, sich zu etwas zu bekennen. Dies gilt für beide, Jan ist in vielen Aspekten das männlich Gegenstück zu Marie, das ist einer, der sich fürchtet, sollte Maries Mutter feststellen, als sie ihn kennenlernte. Aber das dauert noch ein wenig, noch ist die Gefahr, daß beide sich verfehlen groß, noch suchen sie sich, brauchen sie ihre Zeit….

Im Gegensatz zu Marie hat Jan, der Fotografie studiert, jedoch einen Freundeskreis, in dem er anerkannt und auch beliebt ist – soweit man das beurteilen kann. Er macht nicht einfach Bilder, er stellt sie zusammen, er fügt Personen in Bilder vom Haus der Großeltern ein. Mit diesem Haus sind ungute Erinnerungen für ihn verknüpft, es ist das Haus der Eltern seines Vaters, der eines Morgens einfach nicht mehr da war. In den folgenden Tagen und auch später nicht angeschwemmt wurde von einer Welle, die ihn dem Meer wieder entriss hätte, nicht gesehen wurde auf der Fähre zum Festland. Der einfach gegangen war, gehen wollte, denn kurz vorher hob er noch das Geld vom Konto ab. Der Verlust des Vaters, den Jan irgendwo ganz in tief in sich vergraben hat wie so viele andere Sachen auch, denn Jan ist niemand, der über sich spricht. Und Marie ist niemand, die viel fragen würde, gar ausfragen. Sie ist jemand, der wartet, abwartet, still ist, sich jetzt aus ihrer Orientierungslosigkeit löst und alles auf diesen einen Menschen fixiert, die sich wünscht, er wäre kleiner. Nicht größer als ein Daumennagel. Ich wünschte, du wärst leichter. Ganz aus Aluminium gefertigt. Ich wünschte, du wärest so klein und leicht, dass ich dich zusammenfalten und bei mir tragen könnte. Ich wüsste sicher, dass du gut verwahrt bist und geschützt vor der Welt. Den Schlag deines stecknadelgroßen Herzens, ich hätte ihn immer im Ohr. Wir wären nie getrennt.“

Marie sagt von sich, daß sie zu den Menschen, die glauben, daß sie sich schützen können, wenn sie mit dem Schlimmsten rechnen, gehört, daß man Katastrophen entkommen kann, wenn man sie erwartet. Wenn das wahr ist, wenn Marie recht hat, dann… war sie jetzt vielleicht zu glücklich, hat der Zukunft zu sehr vertraut, hat nicht die Katastrophe gesehen und sich vor dem geschützt, was auf sie lauerte….

Ich werde dir ein Schiff schicken und einen Ritter,
ich werde dir hundert Briefe schreiben
und dich in einem Raum hinter den Spiegeln hören,
gleich wie leise du sprichst,
ich werde etwas in Bewegung setzen,
ich werde dich in Bewegung setzen,
ich werde tief tauchen und hoch aufsteigen,
ich werde dich finden und zurückholen,
du wirst sehen:
Ich werde durch das Fremde Meer kommen.

Sie kauft zehn rote Hefte, in die sie Geschichten schreibt. Geschichten von einer Frau und einem Mann, einem Mädchen und einem Jungen, Geschichten, in denen jemand dem Tod entrissen werden muss, durch die Liebe gerettet werden wird, Geschichten, in denen die Welt bedrohlich ist, zerstörend wirkt, keinen Schutz mehr bietet, zusammen gebrochen ist. Und ob sie nun Muriel heißen oder Martha, Jakob oder Jonathan oder einen der anderen Namen tragen, immer ist es die Geschichte von Marie und Jan, von ihrer Liebe, von ihrer Katastrophe, von ihrer Hoffnung, von ihrem Kampf und ihrem unerschütterlichen Glauben an das gute Ende…


Zehn Variationen einer Lebenssituation, getragen von der Hoffnung und dem Nichtaufgeben. Das fremde Meer ist ein Roman über eine große Liebe, über eine großen Kampf – und über einen großen Verlust. Nach der Katastrophe durchlebt Marie eine „magische“ Zeit [6], aufwendige Verhaltens- und Denkmuster oder aber abwegige Zufälle bestimmen die Wirklichkeit, die Zukunft, den weiteren Verlauf der Dinge. Sie ist aus Raum und Zeit gefallen. Die Zahl „23“ beispielsweise gewinnt eine besondere Bedeutung für sie (sie kommt auch immer wieder in den Märchen vor) wie andere Zahlen auch, die Marie, wenn sie auf sie trifft, zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen.

Was sie über die Liebe denkt, klingt seltsamerweise eher nach Kampf und Mühe: nichts daran sind Pralinen und Rosen und zuversichtliches Händchenhalten. Falls rote Herzen, dann nur solche, die zu schnell schlagen und zu laut, die uns von innen zu sprengen drohen. … überhaupt scheint ihr das Leben nicht allzu freundlich: …. Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viel Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. … Und es ist eine Kunst, eine Herausforderung, eine unbedingte Notwendigkeit, jeden Tag und immer wieder aufs Neue nicht unterzugehen. Das Leben scheint – besonders jetzt, nach der Katastrophe – nichts zu sein, was Marie geschenkt wird, es ist etwas, was tagtäglich zu erkämpfen ist, was eher ein „Überleben“ ist.

Marie war nicht immer so ängstlich und zurückgezogen. Und damit bin ich bei einem Punkt, den ich nicht so richtig nachvollziehen kann. Marie ist als Kind ein wildes Kind, läßt sich furchtlos im Garten der Großeltern beispielsweise aus Bäumen fallen, bestimmt in den Spielen der Kinder die Regeln, sie ist die „Herrscherin“ ihres kleinen Kinderreiches. Sicherlich sind die Trennung der Eltern und der Umzug in die Stadt mit den damit verbundenen Problemen in der Schule ein Bruch in ihrer noch jungen Biografie, doch erscheint mir diese völlige Kehrtwende von einem so wilden Kind zu einen so ängstlichen nicht plausibel, zumindest nicht in der Kürze der Darstellung der Autorin, die die Jahre der Jugend Maries mit Siebenmeilenstiefeln durchschreitet.

 Die jeweiligen Geschichten sind in sich abgeschlossen, sie sind in den unterschiedlichsten „Räumen“ angesiedelt, vom Märchen über halbwegs reale Settings bis hin zu Science Fiction. Immer aber enthalten sie etwas Unerklärliches, Düster-Gefährliches, Dystopisches, lassen sie zum Schluss zwar die Hoffnung auf Rettung keimen, bieten aber nie ein richtiges „Happy End“. Man ahnt als Leser natürlich, auf was diese besondere Konstruktion des Romans hinaus läuft, aber – zumindest bei mir – kam die endgültige Klarheit tatsächlich erst ganz zum Schluß, als sich alles, was vorher nur lose verbunden nebeneinander zu stehen schien, zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügte. Manche Elemente tauchen öfter in diesen Geschichten auf, die Zahl „23“ beispielsweise, das Meer, die Küste, himmelbedeckende Wolken, die fehlenden Väter…. es sind die Anker, mit denen Marie die grausame Realität mit den Märchen verknüpft.

Hartwell hat wunderschöne Sätze in ihrem Roman stehen. Sätze voller Poesie, voller Zärtlichkeit, voller Magie… Passagen, die einen Raum beschreiben , der einer  unmittelbaren Erfahrung nicht zugänglich ist, der erfühlt werden muss und der dann leise schwebend die Geschichte einhüllt. Dieses Einfühlungsvermögen beruht möglicherweise (Warnung: Küchenpsychologie!) darauf, daß Hartwell selbst nicht frei von Ängsten ist (….Angst vor Katastrophen begleitet mich schon mein gesamtes Leben. Ich kann mich in die unwahrscheinlichsten Szenarien hineinsteigern. In meinem Beruf ist das von Vorteil, im Alltag eher anstrengend [2].) und dies in ihre Geschichten einfließen läßt. So ist der Fahrstuhl, auf den sie in dieser Traumgeschichte [2] eingeht, ebenso hier, im Fremden Meer, zu finden, verfremdet zwar und vom „Ergebnis“ her positiv besetzt, aber trotzdem nicht ohne die Gefahren- und Angstkomponente.

Summa summarum ist Das fremde Meer (das als Buch unter dem Titel „Das fremde Meer und andere Geschichten“ selbstbezüglich im Roman auftaucht) ein wunderschönes, intelligentes, dabei unterhaltsames, ein wenig trauriges Leseerlebnis, das ich jedem Bücherfreund/-in nur wärmstens empfehlen kann!

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von K. Hartwell im Berlin-Verlag:  http://www.berlinverlag.de/-autoren/katharina-hartwell-928 sowie Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_Hartwell
[2] Jörg Böckem: „Der Fahrstuhl steigt höher und höher. Dann stehe ich im Freien“; in:  http://www.zeit.de/2013/42/traum-katharina-hartwell
[3] Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/31/katharina-hartwell-der-dieb-in-der-nacht/

Prof. Charcot führt seinen Studenten an Blanche Wittmann Symptome der Hysterie vor

Prof. Charcot führt seinen Studenten an Blanche Wittmann Symptome der Hysterie vor

[4] Diese Augustine war die Vorzeigepatientin von Prof. Charcot in der berühmten Pariser psychiatrischen Klinik Salpetriere. An ihr demonstrierte er um 1876 sehr publikumswirksam die Symptome der damals noch als Krankheit aufgefassten „Hysterie“. Auf dem bekannten Bild, das auch bei Hartwell im Buch wiedergegeben ist, ist jedoch eine andere Patientin namens Blanche Wittman zu sehen, eine Figur, die Hartwell ebenfalls in die Geschichte einführt (und die anderen Quellen nach beeindruckender war als Augustine: Asti Hustved: Medical Muses: Hysteria in Nineteenth-century Paris; 2012, S. 145 (https://books.google.de/books?….)
Bildquelle: By Painted in André Brouillet; Brouillet died in 1914 and the painting is therefore now public domain. (Photo by David Monniaux) [Public domain or CC BY-SA 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)%5D, via Wikimedia Commons

zur Geschichte Augustines siehe auch: Fabienne Hurst: Showtime in der Nervenklinik; in:  http://www.spiegel.de/einestages/jean-marie-charcot-und-die-hysterieforschung-in-der-pariser-salpetriere-a-951005.html
[5] was hier experimentell mit Licht im Moment erreichbar ist, überträgt Hartwell kühn auch auf makroskopische Teilchen, ja, auf große Objekte:  http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/quantenverschraenkung-forscher-teleportieren-licht-ueber-143-kilometer-a-854278.html
[6] vgl. 
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/05/06/joan-didion-das-jahr-des-magischen-denkens/

Katharina Hartwell
Das fremde Meer
diese Ausgabe: Berlin-Verlag, HC, ca. 575 S., 2013

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3 Responses to “Katharina Hartwell: Das fremde Meer”

  1. Mariki Says:

    Ich fand es ganz wunderbar, es war für mich das beste Buch, das ich 2014 gelesen habe. Und ich bin total stolz, dass ich auf der TB-Ausgabe zitiert werde – endlich bin ich ein Blurb! ;)

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  2. ein Buch, das mich sehr fasziniert und berührt hat. Es war auch für mich ein Leseereignis – ohne Frage.

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