Das Tagebuch der Rywka Lipszyc

Rywka

1991 wurde in Russland in einem Nachlass das handschriftliche Tagebuch eines jungen Mädchens entdeckt. Die ursprüngliche Finderin war eine russische Ärztin der Roten Armee, die das eng vollgeschriebene Heft nach der Befreiung des Lagers Auschwitz in der Nähe der Öfen gefunden hatte und an sich nahm. Es ist damit eins einer Handvoll von Dokumenten, die anscheinend von den Todeskommandos in der Nähe der Verbrennungsöfen verscharrt worden waren in der Hoffnung, daß sie einst gefunden werden und Zeugnis ablegen von dem, was passiert ist. Über verschiedene Stationen gelangte das Tagebuch dann 1995 in die USA [8].

Rywka Lipszyc hatte kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag auf Anraten einer Freundin mit dem Aufschreiben ihrer Gedanken begonnen, das aufgefundene Heft umfasst den Zeitraum vom 3. Oktober 1943 bis zum 12. April 1944. Das Mädchen lebte im großen Gettos in Lodz bzw. Litzmannstadt, wie die Nazis die Stadt umbenannten. Die Geschichte dieses Gettos habe ich an anderer Stelle, bei der Vorstellung des Buches von Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź skizziert [2], deswegen fasse ich mich hier kurz und erwähne nur das, was für das Tagebuch wichtig ist.


Die Verwaltung des Gettos Litzmannstadt umfasste bis zu 13.000 Personen, für die interne Leitung eines Gettos wurde ein Judenrat eingesetzt, dem ein Ältester vorstand. Es gab auch einen rein jüdischen Ordnungsdienst, der für die Aufrechterhaltung der internen Ordnung im Getto zuständig war und der in seiner Vorgehensweise ähnlich brutal agierte wie die deutsche Polizei, die natürlich auch jederzeit tätig werden konnte und für die Gesamtbewachung des Gettos und die Abriegelung nach aussen zuständig war. Vorsitzender des Judenrates war Mordechai Chaim Rumkowski, eine umstrittende Figur. Im Gegensatz zum Beispiel zum Warschauer Getto, in dem ein heldenhafter, aber vergeblicher Aufstand gegen die Unterdrücker stattfand, setzte Rumkowski auf „Kooperation“: er wollte das Getto unentbehrlich machen für die Deutschen und damit seine Existenz sichern. Insofern war er ihren Wünschen und Befehlen gegenüber willfährig in der (in der Nachschau) naiven Hoffnung, das Getto, das er in eine Art Arbeitslager verwandeln wollte, zu schützen: “Benötigen Sie siebenhundert Arbeiter, dann wenden Sie sich an uns: Wir geben Ihnen siebenhundert Arbeiter. Benötigen Sie tausend, dann geben wir Ihnen tausend. Doch verbreiten Sie keine Angst unter uns. Reißen Sie die Männer nicht von ihrer Arbeit weg, die Frauen nicht aus ihrem Zuhause, die Kinder nicht aus ihren Familien. Lassen Sie uns in Ruhe und Frieden leben – und wir versprechen Ihnen, soweit es in unseren Kräften steht, behilflich zu sein.” [2] In gewisser Weise gelang ihm dies auch, das Lager mit seinen Arbeitsstätten und Werkstätten produzierte vom behelfsmäßigen Wohnhaus bis hin zum Büstenhalter zum Teil kriegswichtiges Material für die Nazis. Unterschätzt wurde jedoch der Impetus der quasie-missionarischen selbstgesteckten „Aufgabe“ der Nazis, der nicht davor zurückschreckte, auch Nachteile für sich selbst in Kauf zu nehmen: die Ausrottung der Juden nämlich [vgl. 3]. Zeitweilig betrug die Quote der auszuliefernden Juden wöchentlich 20.000 Personen [4]. Das Getto wurde am 30. August 1944 nach dem letzten Transport nach Auschwitz, dem auch Rumkowski angehörte, aufgelöst.


Dies also waren das Umfeld und die Lebensbedingungen von Rywka Lipszyc. Sie stammte aus einer Familie, die nach streng orthodoxem Ritus lebte. Die Eltern waren beide tot, der Vater war seinerzeit auf der Straße zusammengeschlagen worden, er starb wohl an den Spätfolgen seiner Verletzungen. Ein Jahr später, 1942, verstarb auch die Mutter. Zwei der Geschwister Rywkas, Abram (Abramek) und Estera (Tamarcia), wurden bei der berüchtigten „Sperre“, einer Aktion, bei der im September 1942 die Patienten eines Ghetto-Krankenhauses, Kinder sowie alte und gebrechliche Bewohner, insgesamt 12.000 Juden, nach Chełmno in den Tod geschickt wurden [4], „ausgesiedelt“, wie der gängige Euphemismus lautet, der uns in Rywkas Tagebuch immer wieder begegnet. Diese „Sperre“ hat bei allen Gettobewohnern ein noch tieferes Trauma gesetzt als die schier hoffnungslose Situation an sich schon verursachte. Rywka wurde danach zusammen mit ihrer zehnjährigen Schwester Cypora (Cypka) von den Cousinen Estusia und Chanusia (zwanzig und achtzehn Jahre alt) adoptiert und lebte in deren Wohnung. Auch die Eltern der beiden Cousinen (und deren dritter Schwester Minia) waren zum Zeitpunkt des Tagebuches schon verstorben.

Die Lebensverhältnisse im Getto waren in jeder Hinsicht katastrophal, egal, ob es um die Nahrungsmittel und die Dinge des täglichen Bedarfs ging, um die hygienischen Verhältnisse oder die Enge in den Wohnungen, um die ärztliche Versorgung, um Bildung und Ausbildung – die jüdischen Bewohner versuchten zwar, zu improvisieren, wo immer es ging, waren aber völlig von den Deutschen Besatzern abhängig, die z.B. die Essensrationen nach Belieben kürzen oder streichen konnten, um Druck auszuüben. Der Hungerengel [5] nistete bald in jeder Wohnung, in jedem Zimmer.

Rywkas Tagebuch ist kein Tagebuch über das Getto. Es ist das Protokoll, die Gedankensammlung eines jungen, intelligenten, aufgeweckten, gläubigen Mädchens an der Schwelle zur Frau, das äußerlich unter schwierigsten Bedingungen leben muss und das von der inneren Entwicklung her seinen Weg sucht, seine Persönlichkeit entwickeln will (ein häufig so oder ähnlich zu lesender Satz lautet: […] Irgendetwas geschieht in mir und ich weiß nicht, was. […] (z.B. hier am 4. Dezember 1943)). Daher spielen die „externen“ Faktoren meist nur insofern eine Rolle, als sie das Innenleben der Schreiberin tangieren, sie in Angst versetzen, Freude hervorrufen, sie verzweifeln lassen und was ähnliches an Gefühlswelten aufgetaucht sein mag, mehr. Nicht vergessen werden darf, daß dieses Leben im Getto (und das gilt für praktisch alle Bewohner) ein Leben in einer ständigen Verlustsituation/Trauer war: Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde, Bekannte waren stetig bedroht von „Aussiedlungen“ oder/und Tod, das tägliche Leben wurde durch immer wieder neue Schikanen, Anordnungen und Verbote immer armseliger.

Rywkas Leben wurde halbwegs durch mehrere „Anker“ gehalten: ihren starken Glauben, die Freundschaft/Liebe zu Surcia, ihre Rolle als „Mutter“, d.h. Beschützerin der jüngeren Schwester, ihren unbedingten Willen, zu lernen und etwas zu leisten und last not least, ihr Tagebuch.

Rywka war sehr gläubig, ihr Gottvertrauen wurde (zumindest in der Zeit des Tagebuchs) nie zerstört.  Das Wissen um die Existenz Gottes gab ihr zu jeder Zeit Kraft, sie war stolz, Jüdin zu sein (7. Februar 1944: […] Ich bin ja trotzdem Gott dankbar dafür, daß ich Jüdin bin! […] ) und zu glauben. Diese Glaubensfestigkeit hat mich spontan an Etty Hillesum [6] erinnert, diese junge holländische Jüdin, die ebenfalls im Glauben verankert und so in der Lage war, große innere Stärke zu beweisen, bevor man sie in Auschwitz vergaste. Für den 11. Februar 1944 findet sich folgender Eintrag: […] Was wartet auf uns in der Zukunft? […] Auch auf diese Frage gibt es eine Antwort: Gott und Thora! Vater Gott und Mutter Thora! Das sind unsere Eltern! Allmächtig, Allwissend. Ewig!!! Ich bin dagegen nur ein kleines Lebewesen, das selbst durch ein Mikroskop kaum zu sehen ist …  Aber was soll´s? … Ach, ich lache über die ganze Welt, ich arme Jüdin aus dem Getto, ich, die ich nicht weiß, was morgen mit mir sein wird … ich lache über die ganze Welt, weil ich eine Stütze habe, eine große, ungeheure Stütze: den Glauben! Ich glaube! Dadurch bin ich stärker, reicher und wertvoller als andere … Gott, wie dankbar bin ich Dir!!! …

Menschlich-seelisch fixierte sich Rywka voll und ganz auf die ältere Freundin Surcia, die sie nach Kräften förderte. Zwischen den beiden entwickelte sich ein sehr enges Verhältnis. Von Seiten Rywkas aus war es eine schwärmerische, romantische Liebe, die sich in den entsprechenden Tagebucheintragungen und Briefen an die Freundin immer deutlicher formulierte.

Nach dem Tod der Mutter stand die damals knapp Dreizehnjährige in der Pflicht, deren Rolle für die jüngeren Geschwister zu übernehmen. Der Bruder Abramek trug sie ihr unvermittelt an: Du bist unsere Mutter., eine Aufgabe, der das junge Mädchen unter den Umständen des Gettos selbstredend nicht gewachsen war. Die verwaisten Kinder wurden von Verwandten adoptiert und dabei getrennt, Abramek und Tarmarcia, die bei einem Onkel in der Familie lebten, wurden dann wenige Wochen später Opfer der „Sperre“: Brüder und Schwestern, gebt sie mir! Gebt mir eure Kinder! so appellierte der Präses an die Gettobewohner. Rywka und Cipka blieben jedoch ebenso wie ihre Cousinen verschont.

Am 12. Februar 1944 schreibt Rywka in ihr Tagebuch: […] Chajusia hat gesagt, ich soll versuchen, Cipka näher zu kommen, ich soll mir ihr sprechen […] Ich werde es versuchen, das ist ja sogar meine Pflicht, ich muss ihr so geht, die Mutter ersetzen, eigentlich habe ich noch gar nicht damit angefangen, obwohl ich so viel darüber nachdenke. […]  Wer kann es der Vierzehnjährigen verübeln…. ein paar Tage später, am 28. Februar, findet sich diese Bemerkung: […] Ich fühle mich wie eine Mutter für meine Geschwister […] und Rywka grübelt darüber nach, was es überhaupt bedeutet, Mutter zu sein, eine Frau, die der Welt Leben bringt, zart, aber mächtig….

Rywka war ein sehr ehrgeiziges Mädchen, sie wusste und merkte, was ihr alles Wissen und Kenntnissen fehlte (oft beklagte sie, daß sie die richtigen Ausdrücke nicht findet) und sie wollte lernen, lernen, lernen. Am 7. Februar notiert sie: […] Gott! Ich weiß so wenig, ich höre so wenig, aber was ich gehört habe, bedeutet mir so viel, es erfüllt mich so sehr, dass …. Ach, und deshalb muss ich wirklich alles Möglichkeiten nutzen, die sich mir bieten, ich muss… Noch etwas ist mir klar geworden, nämlich bis jetzt wollte ich lernen wann immer nur möglich, aber ich wusste nicht g was. Jetzt weiß ich es genau […] ich will die Thora studieren […]

Es war die Hoffnung auch darauf, daß dieses Leid bald aufhören mag, daß der Krieg zu Ende gehen wird und daß sie dann in eine normales Leben starten konnte. Die schulische Bildung unter den Gettoverhältnissen war natürlich katastrophal, die Gettoverwaltung versuchte zu improvisieren und konnte zeitweise einen rudimentären Schulbetrieb einrichten, es wurden auch in den Betrieben Schulstunden gehalten und unterrichtet. Wichtig waren Rywka die Gruppen, die sich als Literaturzirkel trafen und über Bücher diskutierten. Zusammen mit Gleichaltrigen Mädchen fühlte sie sich unterfordert, immer wieder tritt uns in ihren Aufzeichnungen der dringende Wunsch entgegen, bei den „älteren“ mitmachen zu dürfen. Dieses Lernbedürfnis und der Stolz auf Leistung findet sich auch im „Handwerklichen“: Rywka arbeitete in einer Schneiderei an der Nähmaschine, die sie beherrschen lernen musste.

Schreiben bis zum letzten Atemzug
Über alles, liebes Tagebuch!
(07. Januar 1944)

Ganz wichtig für das junge Mädchen wurde aber sehr schnell ihr Tagebuch. Hier konnte sie viel von dem Druck, der auf ihrer Seele lastete, abladen: Schreiben!…. Nur schreiben!… Dann vergesse ich das Essen und alles andere, alles Leid. …“ (11. Februar 1944). Seitenweise lesen sich die Eintragungen wie riesige Seufzer.. „Ach….“ gehört wohl zu den häufigsten Ausdrücken, die man findet:  Hier ist Rywka ehrlich, hier formt sich beim Lesen ein Bild von diesem Mädchen mit ihrer „Liebe“ zu Surcia, ihrem Gottvertrauen, ihrer Verzweiflung auch, mit den Konflikten in ihrem „Zuhause“ und zwischen den Zeilen auch die Ahnung, wie sich das externe Leben im Getto im Lauf der wenigen Monate des Tagebuchs immer weiter verschlechterte: der Hunger wird immer nagender, die Schuhe sind mitten im Winter undicht und durchgelaufen, die Kleider, die mal passten, schlottern am Leib, Krankheiten wie eine Grippewelle, Befindlichkeiten wie Kopfschmerzen oder Zahnweh sind an der Tagesordnung. Behandelt werden können sie kaum, die Versorgung mit Medikamenten kaum gegeben, Ärzte kaum noch vorhanden…. Dazwischen immer wieder Ausdruck der Hoffnung, daß der Krieg doch bald vorbei sein möge, daß Gott doch helfen möge… Erinnerungen dringen durch an die Eltern, den Vater, dessen Heimkehr aus dem Spital für das Mädchen damals so enttäuschend war, da sein „Charakter“ so unzugänglich geworden war, an die Mutter, der sie nach dem Tod des Vaters zur Freundin geworden war.

Breiten Raum nehmen auch die Konflikte ein, die Rywka zuhause hatte. Die beiden Cousinen, wenige Jahre älter, waren verantwortlich für die Familie, Rywka, dieses junge Mädchen, das durchaus eigene Interessen hatte, versuchte diese gegenüber den Cousinen durchzusetzen: sie brauchte und beanspruchte Zeit, Licht, Papier und Tinte für ihr Tagebuch: […] Den ganzen Tag habe ich im Haushalt zu tun, ich habe keine einzige Minute für mich, und wenn ich einmal eine Sache zu Ende bringen will, lasst ihr mich auch nicht! (5. November 1943). Trotzphasen sind zu erkennen in ihrem Verhalten, es dürfte nicht einfach gewesen sein. Sehr problematisch ist auch die Zeit, in der die Frauen entdecken, daß jemand an die Lebensmittelvorräte geht und stiehlt, Rywka ist voller Empörung in ihrem Tagebuch darüber, dieser Vertrauensbruch… es muss eine bekannte Person gewesen sein, aber sie nennt den Namen nicht.

Mein Gott! Ist es immer noch nicht genug?
Wie lange noch müssen wir uns plagen?
Sehnsucht schnürt uns die Kehle zu
Was morgen ist, kann keiner sagen! …
Oh Gott, so hilf, steh uns zur Seit‘!
Das Getto ist eine gräßliche Maschinerie! …
Das Leben vergiftet von Mühsal und Leid,
Dies elende Leben, ach, endet es nie?
.
.
.
Gott! Alles liegt in Deinen Händen!
Heile unsere verwundeten Herzen! …
Lasse unsere Qualen enden! …
Und stille unserer Seelen Schmerzen!
(aus einem Gedicht Rywkas vom 14. Februar 1944)

Mit dem Fortlauf der Zeit nimmt die Verzweiflung erkennbar zu bis hin zu Gedanken an den Tod, an Suizid. Schon im November 1943 (am 14.) finden sich diese Zeilen: […] Ich habe das Leben gründlich satt […] Ich würde am liebsten gar nicht mehr leben. Gerade eben dachte ich: „Wie schade, daß Juden sich nicht das Leben nehmen dürfen.“ […] Ich halte das alles nicht mehr aus. Ich habe keine Kraft mehr. […], aber auch später tauchen solche Gedanken immer wieder auf.

Am 12. April 1944 enden die Aufzeichnungen mitten in einem Satz: …. denn ich bin Jahrgang 1927 und eigentlich….. Wäre sie dieser Jahrgang gewesen (oder hätte sie, die Jahrgang 1929 war,  es glaubhaft machen können), wäre ihr erlaubt worden, 10 Stunden zu arbeiten und eine größere Ration zu bekommen….. warum Rywka nicht weitergeschrieben hat, ob es noch mehr Heft gibt/gab – all dies ist unbekannt.

Die Aufzeichnungen enden ungefähr vier Monate vor der Auflösung des Gettos. Zusammen mit ihren Cousinen und Cypka ist Rywka im August 1944 nach Auschwitz deportiert worden; Cypka wurde direkt in die Gaskammer geschickt. Anscheinend hat Rywka das Tagebuch mit nach Auschwitz genommen, dort jedoch wird man es ihr mit Sicherheit abgenommen haben. Wer es gerettet und vergrabgen hat – auch dies ist unbekannte, aber es könnten eben solche Angehörigen der Todeskommandos gewesen sein, die einige Dokumente in Blechdosen verpackt in der Nähe der Krematorien vergraben haben.

Rywka jedenfalls kam mit ihren Cousinen nach Christianstadt, einem Frauenlager nahe Groß-Rosen [7], von dort aus nach Monaten Schwerstarbeit ging ein „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen. Dort starb Chanusia an einer Typhusinfektion, Rywka überlebte anscheinend bis zur Befreiung des Lagers. Die Cousinen Estusia und Mina wurden 1945 nach Schweden evakuiert mit der Auskunft des Arztes aus Bergen-Belsen, Rywka hätte nur noch wenige Tage zu leben, was aber wohl nicht so nicht zutraf…. es gibt einen Vermerk, daß Rywka aus dem Transitlager Lübeck, dem nach Rywka im Juli 1945 in das Krankenhaus in Niendorf eingeliefert worden war. Hier verliert sich dann die Spur von Rywka Lipszyc – fast, denn bei den Recherchen tauchte ein einziges letztes handschriftliches weiteres Dokument auf, in dem Rywka schreibt, daß sie nach Israel gehen wolle. Viele Fragen hängen an diesen neuen Informationen – und viele Unsicherheiten, viele Zweifel….

Man muss nicht allzuviel sagen zu diesem Tagebuch. Es ist in all seiner Ehrlichkeit, Verzweiflung, seiner Hoffnung, seinen Sehnsüchten, seinen Fragen und Überlegungen ein intensives Dokument – ein weiteres Dokument – eines immer noch unfassbaren Vorgangs – den Plan, ein Volk auszurotten. Rywka muss eine beeindruckende junge Frau gewesen sein, hochintelligent, sensibel, wissbegierig und gläubig; ich hoffe sehr, daß sie die Kraft gehabt hat, wenn man schon ihren Körper zerstörte, ihre Seele bei all dem zu bewahren, was ihr noch nach dem Ende ihrer Aufzeichnungen angetan wurde.

Die Aufzeichnungen Rywkas werden komplettiert durch Erläuterungen, in denen die Geschichte des Tagebuchs selbst erzählt wird, zwei Aufsätze befassen sich mit dem Getto Litzmannstadt und abschließend wird noch einmal auf das ungeklärte Schicksal Rywkas eingegangen. Auch geben überlebende Verwandte, auch die zwei Cousinen, die damals nach Schweden gegangen sind, ihre Reaktion auf das Auftauchen des Tagesbuches wieder. Man kann sich lebhaft vorstellen, was das für die nunmehr alten, in Israel lebenden Frauen bedeutete…..

Unsere große Rache besteht darin, daß wir überlebt haben.
(Esther Burstein (Estusia),
als sie von Rywkas weiterem Schicksal erfuhr)


Wenn ich grüble in der Nacht
Und dabei in die Ferne schaue,
Dann krampft sich mir das Herz zusammen
Und ich werde furchtbar traurig ….
Ich denke an Tamarcia und Abramek
Wohin das Schicksal sie wohl führte.
Ich dürste ja so sehr nach ihnen
Wie nach dem Tau die Blume in der Frühe.
Dann träume ich ganz süße Träume,
In denen sind sie alle in meiner Nähe
Ich lächle ihnen zärtlich zu
Und schmiede für sie Zukunftspläne …
doch wenn der Faden plötzlich abreißt
Die stummen Träume enden, die so süß
Dann wird ganz traurig mir zumute,
Schmerzt mir das Her, voll von Gefühl …
(4. Dezember 1943)


Links und Anmerkungen:
(die Links bei den Buchtiteln führen zu den entsprechenden Beiträgen hier im Blog)

[2] Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
[3] Stanislaw Lem: Provokation
[4] nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt
[5] nach Müller in: Herta Müller: Atemschaukel
[6] Etty Hillesum: Ein denkendes Herz
[7] vgl hier: http://de.gross-rosen.eu/historia-kl-gross-rosen/filie-obozu-gross-rosen/
[8] Rywka Diary Trailer: https://vimeo.com/89455086

Mehr Literatur im Blog zum Themenkreis „2. Weltkrieg, Nationalsozialismus und Holocaust“ unter: https://radiergummi.wordpress.com/category/nationalsozialismus-weltkriegsliteratur-holocaustliteratur/

Rywka Lipszyc
Das Tagebuch der Rywka Lipszyc
mit Beiträgen und Erläuterungen von: Esther Burstein, Judy Janec, Hadassah Halamish, Fred Rosenbaum und Alexandra Zapruder
Übersetzt aus dem Polnischen (Tagebuch) und Englischen (andere Beiträge) von Bernhard Hartmann
Originalausgabe: The Diary of Rywka Lipszyc, San Francisco, 2015
diese Ausgabe: Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Klappenbroschur, ca. 237 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Das Tagebuch der Rywka Lipszyc

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