Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

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In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Zwischen den Jahren, also dem Zeitraum, der in vergangenen Jahrhunderten tatsächlich einmal ‚zwischen den Jahren‘ lag, dem traditionellen Ende des alten Jahres am 24. Dezember und dem Beginn des neuen am 6. Januar, veranstalte ich mit meiner Kirchengemeinde seit ein paar Jahren in unserem kleinen Kirchlein eine Besinnliche Lesung mit klassischen Texten zur Weihnacht, eine Freundin kommt mit ihrer keltischen Harfe und der Mandola. In der Pause gibt es heißen Kaffee und Plätzchen oder auch Stollen, der Küster hat die Heizung zur Weißglut angefacht und es ist eine wirklich schöne Veranstaltung. Letztes Jahr habe ich Stifter gelesen, davor war Dickens dran und mit Roseggers Erinnerungen hatten wir seinerzeit begonnen.

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Dieses Jahr also Theodor Storm mit seiner kleinen Erzählung Unter dem Tannenbaum. Storm (1817 -1888, [1]) ist ja kein Unbekannter. Der Spruch von der ‚grauen Stadt am Meer‘, mit dem er seine Heimatstadt Husum bedachte, aus Schulzeiten dürften der Schimmelreiter oder auch Pole Poppenspäler bekannt sein, es sind nur zwei Texte von vielen. Daß das Nikolausgedicht Von drauß´, vom Walde komm´ ich her… auch von ihm ist, war mir dagegen neu. Aber es ist eine wunderbar Überleitung zu seiner Erzählung Unter dem Tannenbaum, denn in diese Geschichte hat er das Gedicht eingefügt.

Unter dem Tannenbaum ist in gewissem Sinne eine Geschichte mit autobiografischen Elementen. Storm, der Jurist war, verlor 1852 seine Zulassung als Rechtsanwalt. In der Schleswig-Holsteinischen Erhebung  (ab 1848; [2]) hatte er gegen Dänemark Position bezogen und weigerte sich, nach der Niederschlagung eine entsprechende Loyalitätserklärung gegenüber der Dänischen Krone abzugeben. Was folgte, war die Emigration, die ihn letztlich 1856 nach Heiligenstadt in Thüringen führte, wo er zum Kreisrichter ernannt wurde. 1864, um dies abzuschließen, verlor Dänemark im Deutsch-Dänischen Krieg gegen Preussen/Österreich [2] und Storm konnte wieder nach Husum zurückkehren, er wurde dort zum Landvogt gewählt.

In Thüringen litt  der norddeutsche Storm an Heimweh, zu unterschiedlich waren die Sitten und Gebräuche, zu unterschiedlich auch die Temperamente und Charaktere der Menschen. Es ist nachvollziehbar, daß dieses Gefühl der Fremde besonders an Weihnachten deutlich in Erscheinung trat…

Von all dem findet sich viel in dieser Geschichte. Der Vater der kleinen Familie, in die sie uns führt, ist Richter, musste der politischen Einstellung wegen aus der Heimat fliehen, erinnert sich voller Heimweh an die vergangenen Zeiten, träumt davon, wieder zurückzukehren….


Es ist ein Tag kurz vor dem Fest, wir werden in das Dienstzimmer eines Beamten, des Amtsrichters, wie wir später erfahren, geführt. Dieser leistet letzte Unterschriften, räumt auf und eine, seine Frau erscheint im Zimmer. Ihr gibt er einen Brief an seinen Schwager zu lesen, dem zu entnehmen ist, daß er sich mit seiner Familie nicht ‚daheim‘ befindet, sondern in der Fremde.

Der Duft nach Weihnachtskuchen, den zu probieren seine Frau mitgebracht hat und der genau dem gleicht, den er aus der Kindheit kennt, ruft die Erinnerungen an früher wieder hervor, an das Elternhaus, die geräumige Küche, aus der der Duft durchs ganze Haus zieht, an die Vorbereitungen für den Heilig Abend, das Schmücken des Christbaumes, er sieht sich als Kind, als Junge, der er damals war…. als er dann den Moment beschreibt, in dem die Familie das Zimmer mit dem ‚brennenden Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern‘ betreten, unterbricht ihn jedoch seine Frau mit der Feststellung, auch sie bräuchten jetzt ihres Jungen wegen, der im Wald ist und Moos für einen Weihnachtsgarten sammelt, unbedingt wieder einen Tannenbaum…

… aber noch einmal schweifen die Erinnerungen in die Vergangenheit…. Jahre später war der jetzt schon Erwachsene noch einmal im Elternhaus zur Weihnachtszeit und lernte dort ein junges, schönes Mädchen kennen, das als Besuch bei der Schwester war. In diesem Punkt freilich widerspricht ihm die Frau, deren Erinnerung an diese Begegnung ganz anders ist…

Die Rückkehr des Jungen mit Moos und Efeu unterbricht die beiden Eltern in ihren Gedankengängen, die Geschichte macht einen kleinen Zeitsprung zum Heiligen Abend.

Vater und Sohn sind auf einem kleinen Spaziergang durch die Stadt, erinnern sich an die Weihnachtsfeste in der alten Heimat, das letzte Fest fand in einer bewegten Zeit statt, in der sogar Soldaten zu Pferde und zu Fuß als Schmuck im Baume hingen. Doch in diesem Moment begegnen sie auf der verschneiten Straße einem großen, bärtigen Mann mit einem Sack, den der Knabe Harro sofort als Knecht Ruprecht erkennt.

Die Bescherung zu Hause ist schon vorüber, als draußen im Flur die Glocke anschlug und die Haustür polternd aufgerissen wurde. Mit einem großen Sack auf der Schulter stand Knecht Ruprecht plötzlich in der Tür, nahm diesen herunter, er habe ihn hier abzugeben – und war schon wieder auf dem Weg nach draußen.

Es war ein mächtiger, großer Tannenbaum in nämlichem Sacke, zusammen mit Schmuck in einem grünlackierten Kästchen…..

Die Geschichte schließt nach der Freude des Baumschmückens, dem Kernzenglanz des brennenden Baumes und der Freude des Jungen über seine Geschenke mit einer wehmütigen Passage, in der der Amtsrichter seinem Sohn eine Art Vermächtnis mitgibt, daß nicht nur der Lebenden zu gedenken ist, sondern auch der Toten, die daheim versammelt sind in einer Gruft und ihm ward damals, so erinnert er sich, als er fort musste, der erste Gedanke, er könne dort den Platz verfehlen…..


Eine melancholische, leise Geschichte, getragen von der Erinnerung, der Wehmut, dem nicht weichen wollenden Gefühl, fremd zu sein und zu bleiben, hier, abseits der Heimat, die schmerzlich vermisst wird. Interessant ist der Hinweis am Schluss darauf, daß auch und gerade die Tatsache, daß die Toten der Familie dort begraben sind, eine große Verbundenheit bewirken, so, als wären die unter der Erde Ruhenden tatsächlich so etwas wie eine Verwurzelung für die Lebenden. Bemerkenswert auch die im ersten Teil zwiefach erzählte Geschichte des Kennenlernens, die sich in den beiden Versionen von Mann und Frau deutlich unterscheiden. Insbesondere in der Erinnerung der Frau gibt der Mann keine besonders gute Figur ab, obwohl schon ein junger Mann, benimmt er sich störrisch wie ein Junge, dessen Willen nicht nachgegeben wird.

Im zweiten Teil, der sich der ‚Jetzt‘-Zeit zuwendet, wird die Erzählung etwas fröhlicher und weniger melancholisch. Die Begegnung mit Knecht Ruprecht, das Schmücken des Baumes, die Bescherung und die Freude des Kindes, das läßt für einen Moment das Schwermütige vergessen. Für einen Moment, denn am Ende schließt Storm seine Geschichte doch wieder mit einer gedankenschweren Passage, die beherrscht wird von der Sehnsucht nach der alten Heimat.


Bevor ich diesen Text vorlesen kann, muss ich ihn noch etwas bearbeiten. Im ersten Teil wird nicht immer sofort klar, in welchen Zeiten wir uns befinden. Sind es Gespräche zwischen dem Mann und der Frau in der ‚Jetzt‘-Zeit oder sind es Gespräche bzw. Szenen, an die sich der Mann erinnert und die jetzt wiedergegeben werden? Wenn dies schon beim Lesen verwirren kann, wird es beim Hören noch schwieriger zu erkennen sein… mal schauen, wie ich das mache..

Durch den Kontext, in dem Unter dem Tannenbaum entstanden ist, hat dieses kleine Stück einen unerwartet aktuellen Bezug. Wenn Storm sich als Deutscher in einem anderen Teil Deutschlands schon so fremd fühlt und das Gewohnte der Heimat vermisst, wie fremd müssen sich dann die Menschen fühlen, die aus einem völlig anderen Kulturkreis mit anderer Sprache kommen….

Der Text von Storms Erzählung ist in vielen Weihnachtsanthologien abgedruckt, ich weiß gar nicht, in wievielen Ausgaben ich ihn letztlich im Bücherschrank stehen habe. Unter anderem aber auch in der oben gezeigten Ausgabe der Insel-Bücherei, in der er zusammen mit einer zweiten Geschichte 19.. veröffentlicht worden ist. Und online gibt es ihn natürlich auch, z.B. im Projekt Gutenberg [3].


Ich bin gespannt, wie Unter dem Tannenbaum meinen Besuchern gefallen wird. Das Stück ist ja nicht so herzergreifend wie Stifters Bergkristall, nicht so ’spektakulär‘ wie der Weihnachtsabend von Dickens oder so besinnlich wie die Rosegger´schen Erinnerungen von der Christnacht in den Bergen [4]. Es ist eben anders…. besinnlich, nachdenklich, melancholisch und nur ein ganz klein wenig heiter.

btw: nächstes Jahr ist übrigens der 200. Geburtstag des Dichters, der 1817 das Licht der Welt erblickte.

Links und Anmerkungen:

[1] – Webseite der Theodor-Storm-Gesellschaft: http://www.storm-gesellschaft.de/dichter-und-werk/dichter/
– Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Storm
Wie der Dichter Theodor Storm Weihnachten erlebte; Thüringer Allgemeine, 20. Dezember 2011;  http://www.thueringer-allgemeine.de/…erlebte-176944457
[2] Wiki-Beitrag zum Thema: https://de.wikipedia.org/wiki/Schleswig-Holstein-Frage
[3] hier z.b. ist der Text online zu finden: http://gutenberg.spiegel.de/buch/novellen-3490/14
[4] Die Beschreibungen sind hier im Blog zu finden:
– Adalbert Stifter: Bergkristall
– Charles Dickens: Der Weihnachtsabend
– Peter Rosegger: In der Christnacht

Theodor Storm
Unter dem Tannenbaum
Erstveröffentlichung 1864 (oder 65?)
diese Ausgabe: Insel-Verlag Leipzig, Bd. 279, HC, o.J. (aber mit einer Widmung aus dem Jahr 1925), 60 S., 

hannah

Hannah ist ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen von zehn Jahren. Sie liebt Worte wie ‚Hannah‘, ‚Uhu‘, ‚Reittier‘ oder ‚Retter Lego Vogel‘. Palindrome nennt man solche Worte (oder Zahlen) und das Wort ‚tot‚ gehört dazu und es gefällt Hannah sehr gut, weil es auch so schön aussieht: die zwei Kreuze am Anfang und am Ende und das unendliche O in der Mitte. Andererseits: ‚der Tod‘ wird mit ‚d‘ am Ende geschrieben und was ist das überhaupt, der Tod? Seit Hannah zurückdenken kann, ist sie lebendig….. und ‚mausetot‘: auch so ein seltsamer Begriff. Es wird Zeit, daß sich jemand ernsthaft mit dem Tod befasst. Jemand wie Hannah, der Nachfragerin.

So ungefähr läßt Diana Hillebrand ihr wunderschönes Jugendbuch über das Sterben, den Tod und den Friedhof beginnen. Zusammen mit Hannah, ihrer Mutter und einem Dritten, dem Friedhofsgärtner Florian Tod, begegnen wir vielen Fragen, auf die altersgerechte Antworten gegeben werden.

Zuerst jedenfalls überredet Hannah ihre Mutter, die wie auch der Opa über das plötzliche Interesse des Kindes am ‚Tod‘ etwas erstaunt und irritiert sind, mit ihr auf einen Friedhof zu gehen. Es ist dies schon die erste Lektion Hillebrands für uns: Kinder gehen mit dem Tod erst einmal unbefangen um, er ist für sie ein Rätsel, eine offene Frage, die es zu beantworten gilt, wenn sie zum Beispiel seltsame Formulierungen lesen wie ‚ist heimgegangen‘ oder ‚ist entschlafen‘.

Hannah empfindet den Friedhof zu ihrer Überraschung als einen schönen Ort voller Leben. So viele Tiere, die sie hier sieht und hört! Und so schöne Grabsteine, zum Teil so wild überwachsen vom Efeu. Und dann dieser seltsame Mensch, der auf sie und ihre Mutter drauf zu läuft, die Mutter, die gar nicht weiß, was ihr geschieht, in den Arm nimmt und feste drückt. Aber dann erkennt sie ihn, es ist ihr früherer bester Schulfreund, der damals so schnell verschwand und den sie nie wieder getroffen hat – bis jetzt. Hannah sollte sich schnell mit dem langen Lulatsch, der auch noch Florian Tod hieß, der zudem noch auf dem Friedhof wohnt, anfreunden.

Sie besucht ihn die nächsten Tage häufig, läßt sich die Trauerhalle von ihm zeigen, erklären, wie eine Bestattung abläuft, wie auch andere Kulturen ihre Verstorbenen beerdigen. Hannah ist ganz erstaunt, wie unterschiedlich das doch ist, mal traurig, mal ernst, mal mit Musik und dann auch wieder ganz anders. So wie auch die Vorstellungen, was nach dem Tod geschieht, ob man in einen Himmel kommt, ob man dort arbeiten muss oder immer Freizeit hat…. und das ein Sarg nicht immer nur so aussehen muss wie eine Holzkiste, sondern ganz, ganz anders sein kann, bunt und wie Elefant aussehen, das erzählt Florian seiner kleinen Freundin auch.

Natürlich hat Hannah auch einen Papa, und durch diesen Papa lernt sie die Angst kennen. Der ist nämlich Kriegsberichterstatter und im Moment in Nahen Osten. Und da ist er immer in Gefahr und einmal müssen Hannah und ihre Mutter sogar ganz große Angst ausstehen. Ja, sterben hat auch was mit Angst zu tun!

Gegen die Angst vorm eigenen Sterben oder als Vorbereitung darauf hilft vielleicht die Löffelliste, von der die Mama erzählt. Uiii… alles aufschreiben, was man noch vorhat und machen will im Leben.. das macht auch Spaß! Zusammen mit Leni, ihrer Freundin, machen die beiden Mädchen so eine Liste für sich und tragen die Idee auch in die Schule. Denn trotz aller Gedanken über Sterben und Tod ist Hannah ein lebenslustige Mädchen, das ihr Leben leben will, voller Freude und Optimismus!


Die Frage von Kindern nach dem Tod hat mit der Frage, wo die Babys herkommen, zumindest eins gemeinsam: die Probleme, sie zu beantworten, liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wie sag ich´s meinem Kinde…..

Hillebrands Buch zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, ich halte es für einen wunderbaren Führer durch alle mit diesen Thema verbundenen Fragen. Das Buch kombiniert eine kleine, unterhaltsame Familiengeschichte mit einer kindgerechter Aufarbeitung der verschiedenen Aspekte rund um´s Sterben. Die Illustrationen von Duckstein sind bunt, fröhlich und lebendig und auf diversen Thementafeln werden Informationen aufbereitet: welche Symbole beispielsweise gibt es für den Tod, welche Arten von Bestattungen kennt man oder wie sehen rund um die Welt Grabmäler aus? Schön ist, daß in diesen Schaubildern (wie auch im Text) immer wieder auch Riten und Traditionen anderer Kulturkreise bzw Religionen erläutert werden.

Was soll ich zum Schluss sagen? Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse ist für mein Dafürhalten ein Buch, daß vielleicht sogar nicht nur für Kinder absolut empfehlenswert ist. Nicht nur deshalb ist es ratsam, es gemeinsam mit den Kindern zu lesen.
Ich freue mich, daß ich durch madameflamusse [1] auf das Buch aufmerksam geworden bin.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Besprechung des Buches von madameflamusse:  https://reingelesen.wordpress.com/2016/11/30/friedhofsgeheimnisse-erklaert/

zum Buch gibt es einen Video-Trailer bei youtube

Weitere Buchvorstellung vom mir zum Themenkreis: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind über dieses Autorenverzeichnis zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Diana Hillebrand
Hannah lüftet Friedhofsgeheimnisse
Eine Geschichte über den Tod und was danach kommt
Mit Illustrationen von Stefanie Duckstein
diese Ausgabe: Kösel, HC, ca. 160 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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TOPALIAN & MILANI – der ‚Verlag für schöne Bücher‘ mit Firmensitz in Oberelchingen (ja, da habe ich auch erst einmal google maps gefragt, liegt also ganz nah bei Ulm) ist eine der engagierten Neugründungen (2015) im Verlagswesen, drei Buchbegeisterte, die das Wagnis eingehen, schöne Bücher herzustellen, die nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Gestaltung her ein Augenschmaus sind. Das vorliegende Buch, das zwei Novellen/Erzählungen Stefan Zweigs aus dem Jahr 1929 zum Inhalt hat, ist so eines, durchgehend illustriert mit Zeichnungen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold, der auch zu den Verlagsgründern zählt.


Stefan Zweig [1]- unter all den tragischen Schicksalen der deutschen Exilschriftsteller (Zweig verließ Österreich 1934 und ging zuerst nach London, vgl. auch [3]) der Nazizeit sicherlich durch den Doppelsuizid, mit dem er zusammen mit seiner Frau 1942 aus dem Leben schied, noch einmal in traurigen Sinne herausstechend. Das vorliegende Buch geht im Nachsatz von Arnold auf die Zeit Zweigs in Brasilien ein. Von außen betrachtet ist es ob der akzeptabel erscheinenden Umstände, in denen das Paar in Petropolis leben konnte, nicht direkt nachvollziehbar, daß Stefan Zweig und seine Frau Lotte keine andere Möglichkeit mehr für sich sahen, als am 23. Februar eine Überdosis Tabletten zu nehmen (Arnold verwendet für diesen Suizid den Begriff ‚Freitod‘, mit dem ich immer sehr unglücklich bin, denn ich sehe nicht, daß hier jemand freiwillig, ohne daß er sich dazu durch innere oder äußere gezwungen fühlte, aus dem Leben gegangen ist.) Lotte Zweig litt wohl stark unter Asthma, Stefan Zweig verwand den Verlust von Arbeitsmaterialien nicht, wurde wegen seines ‚hymnischen‘ Buches über Brasilien angegriffen und gewann nach dem Angriff auf Pearl Harbour die Überzeugung, die Faschisten würden in Bälde auch Lateinamerika, Brasilien, angreifen. Er ist depressiv, … verloren, ratlos, wahrhaft entwurzelt. In seinem Abschiedsbrief schreibt er, daß ihn die langen Jahre heimatlosen Wanderns so sehr erschöpft haben, daß er es für besser hielte, rechtzeitig und in aufrechter Haltung [s]ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit udn persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Die zwei Novellen, die das vorliegende Buch enthält, stammen aus einer Zeit, in der Zweig noch in Österreich lebt, von 1929. Der 1. Weltkrieg ist ein Jahrzehnt vorbei, 1929 ist aber das Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise ausbricht. Schon vorher machte die Weimarer Republik eine Phase exorbitanter Inflation durch, die 1923 durch die Einführung der Rentenmark beendet wurde [2], durch diese Inflation wurde praktisch sämtliches Geldvermögen vernichtet.


In diesem Umfeld ist die erste der beiden Geschichten Zweigs angesiedelt, Die unsichtbare Sammlung. Ein angesehener Berliner Antiquar schildert während einer Bahnreise dem Ich-Erzähler eine sonderliche Begebenheit, die ihn sehr berührt hat. In Folge der Geldentwertung und des Versuches, Geld in Sachwerten anzulegen, war der Markt – so der Antiquar – für Antiquarisches praktisch leergefegt. So durchforstete er die alten Kundenkarteien und stieß auf den Namen eines Sammlers wertvoller Drucke, von dem er schon lange nichts mehr gehört habe. In der Hoffnung, von diesem eventuell Dubletten oder Exponate erstehen zu können, hatte er sich auf die Reise zu dem Mann gemacht und ihn in der kleinen Stadt, in der er lebte, auch angetroffen…..

Der Mann, ein mittlerweile ein weißhaariger Greis, war erblindet. Sein einziges Vergnügen war es, sich täglich seine Sammlung exquisiter Drucke anzu’sehen‘, i.e. die Mappen hervorzuholen, mit den Fingerspitzen über die Seiten zu streichen und vor seinem geistigen Auge die Abbildungen entstehen zu lassen. Natürlich lud er den willkommenen Besucher, der seiner Sammlung endlich (endlich!) den gebührenden Respekt erweisen würde, ein, mit ihm zusammen die Mappen durchzugehen. Doch über den Kopf des Erblindeten hinweg machte die Frau des Mannes dem Antiquar verzweifelte Zeichen, sie müsse mit ihm reden, unbedingt vorher reden…, Waren Frau und Tochter, nachdem aller anderer Besitz der Familie von Wert verkauft worden war, gezwungen, die Drucke gegen leere Blätter Papier auszutauschen und zu verkaufen…..


Das zweite Stück Zweigs im vorliegenden Buch ist der Buchmendel. Er spielt in der Zeit um den 1. Weltkrieg in Wien. Der Erzähler der Geschichte gerät in einen Regenguß und sucht Unterschlupf in einem Café, dem Café Gluck, in dessen Nähe er gerade ist. Undeutlich noch anfangs hat er das Gefühl, den Ort zu kennen… und dann, angesichts einer Seitenstube des Cafés weiß er es: vor zwanzig Jahren war er schon einmal hier und traf an diesem Tisch dort auf einen bemerkenswerten Menschen, Jakob Mendel. Jakob Mendel war ein Schacherer, der mit seinem kleinen Karren durch die Straßen zog und mit Büchern handelte, obwohl er dafür keine Lizenz hatte. Und er hatte sein Stammquartier in dem damaligen Café Gluck, das mittlerweile einen anderen Besitzer hatte.

Mendel war ein Phänomen, ein Wunder der Natur, so erinnert sich der Erzähler: sein Gedächtnis entließ kein Buch, dessen er einmal ansichtig geworden war. Von jedem Buch wusste er die bibliophilen Daten, die Besitzer, wann es gegebenenfalls wo vom wem zu welchem Preis ersteigert oder gekauft worden war. Suchte man ein Buch – Mendel kannte es, wusste, wo ein Exemplar zu finden war. Was Mendel jedoch nicht wusste, nicht zur Kenntnis nahm, war jegliches ausserhalb der Bücherwelt. Bekam er überhaupt mit, daß ein Krieg tobte? Jedenfalls schrieb er unverdrossen nach England, wo denn seine Zeitschriften blieben! Ins feindliche Ausland – der Zensor wurde auf ihn aufmerksam, Mendel wurde vorgeladen, verstand nicht, was man von ihm wollte, gab zu, vor Jahrzehnten aus Russland nach Österreich gekommen zu sein…

Er überlebte das Lager, einflussreiche, ehemalige Kunden konnten ihn dort herausholen, aber derjenige, der dann wieder im Café Gluck erschien, hatte nur noch wenig gemein mit dem ‚alten‘ Mendel….

Dieses spätere Schicksal Mendels erfuhr der Erzähler durch die Toilettenfrau, das einzige Personal, daß Mendel noch gekannt hatte nach all den vielen Jahren. Und sie hatte das letzte Buch, das er an seinem Stammtisch zurücklassen musste, an sich genommen als Erinnerung: die ‚Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa‘ [4], eine Toilettenfrau, die bis dato an Gedrucktem wohl nur Gebetbücher in den Händen gehalten hatte…

Warum, so könnte man sich fragen, hat Zweig von all den aberwitzig vielen Büchern, die er seinem Mendel als letztes hätte andichten können, ausgerechnet eines über ‚..Erotica..‘ gegönnt? Das kann doch kein Zufall sein… nach Schleichel, auf dessen Analyse der Geschichte ich hier verweise ist es im wesentlichen eine ‚…. ironische Pointe am Schluss…‘, und kann als ‚… Versuch des Autors verstanden werden, diese Tendenz seiner Novelle zum Legendenhaften durch ein ironisches Element abzuschwächen.‘ [5]

Die Geschichte selbst ist nicht frei von Klischees, sei es die ‚träge Passivität‘, die in den Wiener Cafés herrscht, seien es die Sprache und Kleidung des Buchmendels, dieses aus dem Osten gekommenen Juden, auch daß es ausgerechnet eine Toilettenfrau ist, die sich nach Jahren noch an die markante Figur als einzige erinnern kann, ist symbolisch aufgeladen. Mendel, als Jude Angehöriger einer Religion, die das Buch, die Auslegung, in den Mittelpunkt des Lebens stellt, ist derjenige, der dies hier auf die Spitze treibt: die Bücher sind sein Leben, nichts außerhalb der Bücher nimmt er wahr, eine fürwahr selbstzerstörerische Fixierung für ihn. Möglicherweise läßt sich hier die Mahnung  herauslesen, sich auch um das zu kümmern, was ausserhalb der heilen Welt (hier der Bücher) geschieht. Eine Mahnung, die an Aktualität nichts verloren hätte.

Da ich mit Schleichel [5] eine Quelle verlinkt habe, in der der Buchmendel wohl hinreichend ausgedeutet ist, beschränke ich mich mit dem Wenigen, was ich hier aus meiner Sicht festgehalten habe. Beide Texte, sie sind ja nicht lang, lesen sich trotz des mittlerweile etwas antiquiert wirkenden Stils, sehr gut und verstehen auch heute noch zu packen und zu fesseln.


Aber über diese Ausgabe der Zweigschen Texte aus dem TOPALIAN & MILANI läßt sich nicht berichten, ohne auf die Buchgestaltung einzugehen. Die ist – mit einem Wort – liebevoll. Der gewählte Fonts ‚Bodoni‚ passt gut zum Zeit, in der Geschichte die Geschichte spielt, das Buch ist durchgängig mit Illustrationen zweier Künstler versehen, die zusätzlich erläutert werden. Daß ich persönlich die ins absurd-groteske gehenden Zeichnungen Arnolds [2] nicht so gefällig finde, ändert nichts an deren Qualität, in der Kunst sind die Geschmäcker eben verschieden. Besser ‚munden‘ mir da schon die Beiträge Brandenbergs [2], der den Buchmendel illustriert hat, ich habe es eben mehr mit dem Konkreteren….

Ergänzt werden die Zweigschen Texte durch die erwähnte kurze Schilderung der Umstände, unter denen das Ehepaar in Brasilien lebte und letztlich den tragischen Entschluss zum Doppelsuizid fasste; auch der Abschiedsbrief Zweigs ist enthalten.

Prinzipiell wünsche ich ja allen engagierten Buch- und/oder Verlagsprojekten Erfolg, dieses Buch von TOPALIAN & MILANI jedenfalls bietet beste Voraussetzungen dafür, es hätte ihn, sprich auch: es hätte viele Leser und Käufer, vollauf verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stefan Zweig: https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
[2] Webseite des Verlages: http://www.topalian-milani.de
zu Joachim Brandenberg: http://joachimbrandenberg.de/ueber-mich/
zu Florian L. Arnold: http://www.florianarnold.de
[3] Bei C.H. Beck ist gerade eine neue Biographie über diesen Lebensabschnitt Zweigs erschienen: George Prochnik, Das unmögliche Exil; hier eine Besprechung des Buches von Norman Weiss: https://notizhefte.com/2016/10/01/stefan-zweig-im-exil/
[4] … die im antiquarischen Buchhandel natürlich immer noch erhältlich ist, unter anderen in einer neun-bändigen Sammlung.
[5] Sigurd Paul Scheichl: Stefan Zweigs „Buchmendel“ – Bibliografie und Gedächtnishttp://eprints.rclis.org/24799/1/19-Scheichl_Sigurd_Paul_Stefan_Zweigs_„Buchmendel“.pdf

Stefan Zweig ist hier im Blog noch mit zwei anderen Titeln vertreten, zum einen der Schachnovelle und weiter mit Der Amokläufer.

Stefan Zweig:
Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung
Zwei Novellen.
Neuausgabe mit einem Nachwort
ferner mit Illustrationen von Joachim Brandenberg & Florian L. Arnold
diese Ausgabe: HC, TOPALIAN & MILANI, ca. 152 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlasssung eines Leseexemplars.

Ein Thema kehrt in Drieus Romanen häufig wieder: das Thema der Jüdin. Gilles Drieu, dieser stolze Wikinger, hatte keine Hemmungen, Jüdinnen zu verschachern, zum Beispiel eine gewisse Myriam. … Bei Jüdinnen ergab Drieu sich der Illusion, ein Kreuzfahrer zu sein, ein teutonischer Ritter. …. Aber Drieu als Kollaborateur? Das erkäre ich mühelos: Drieu faszinierte die dorische Virilität. Im Juni 1940 fallen die wahren Arier, die wahren Krieger über Paris her: Eilig zieht Drieu das Wikingerkostüm aus, das er sich geliehen hatte, um die jüdischen Mädchen von Passy zu misshandeln. Er findet zu seiner wahren Natur zurück: Unter dem metallblauen Blick der SS-Männer wird er weich, schmilzt, fühlt plötzlich orientalische Sehnsüchte in sich aufkeimen. Schon bald liegt er in den Armen der Sieger. Nach ihrer Niederlage opfert er sich.

Der diesen keineswegs bewundernden Blick auf den Autor des vorliegenden Erzählbandes Die Komödie von Charleroi wirft, ist Raphaël Schlemilovitch, der Protagonist des fulminanten Romans Place de l’Étoile von Patrick Modiano [2], in dem der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 u.a. mit der kollaborierenden intellektuellen Elite Frankreichs im Zweiten Weltkrieg abrechnet.


Thomas Laux hat dieser vorliegenden Sammlung von sechs Erzählungen, die der Manesse-Verlag dieses Jahr 2016 in deutscher Erstausgabe herausgebracht hat, ein erklärendes Nachwort beigefügt, in dem er auf diese schillernde Figur des Pierre Drieu La Rochelle [1] eingeht.

Solidität und Entschlossenheit, so Laux, sind keine Begriffe, auf die man bei der Charakterisierung von Drieu zurückgreifen würde. Ab 1934 bekennt dieser sich offen zum Faschismus und arbeitet mit den Okkupanten zusammen, 1940 übernimmt er, ein wahrhafter ‚Frankreichhasser‘, auf Vorschlag des deutschen Botschafters in Paris die Redaktion einer im Verlag Gallimard erscheinenden Monatszeitschrift, aus der er 1943 müde und schwermütig geworden, wieder ausscheidet. Sein ‚glühender‘ Antisemitismus läßt sich nicht auf ein Ereignis und bestimmte Gegebenheiten zurückführen, in erster Ehe war sogar er mit einer Jüdin verheiratet. Vor seinem Bekenntnis zum Faschismus zeigte er nach dem 1. WK pazifistische Gedanken, freundete sich mit Surrealisten an, auch für den Kommunismus wusste er sich zu erwärmen, bis er dann 1934, dem Publikationsjahr des vorliegenden Buches sich zum Faschismus bekannte. Gegen Kriegsende jedoch, als die Niederlage des Faschismus offensichtlich wurde, erwärmte er sich erneut für die kommunistische Idee, auch mystisches aus Indien fing an, ihn zu faszinieren.

Ich habe diese sich stetig ändernde Ausrichtung Drieus hier grob referiert, weil es beim Lesen seiner Geschichten dem Verständnis und Einordnung hilft. Beginnen wir also unsere Reise in die Gedankenwelt dieses schillernden französischen Intellektuellen.

charleroi


Die Komödie von Charleroi ist die längste der sechs Erzählungen des Buches und gibt ihm ihren Namen. Der Ich-Erzähler ist als Sekretär bei Madame Pragen, einer bürgerlichen Witwe angestellt, einer Art wandelndes Potemkin´schen Dorfes, eine bourgeoise Frau, die nach aussen viel darstellt, die auf ihre Wirkung bedacht ist, die aber wenig Substanz verkörpert. Sie musste selbst in Licht der Öffentlichkeit stehen oder an diesem Licht teilhaben, in dem bekannte Persönlichkeiten standen. Es ist der 2. Juli 1919, die beiden Personen sind auf der Fahrt von Paris nach Charleroi in Belgien. Dort begann für den Ich-Erzähler am 24. August 1914 der Krieg in einem Gefecht gegen die Deutschen. Madame Pragen will sich den Ort und die Schlachtfelder in seiner Umgebung ansehen, auf denen Claude, ihr Sohn, damals starb. Der Erzähler (Der Besuch der Stätten lockte und ängstigt ihn zugleich) erinnert sich an Claude, einem jüdischen Kameraden, den er als schwachen und ungeschickten Bourgeois mit Zwicker auf der Nase, blass und auf die Ankündigung „Sie sind da“ mit offenem Mund auf dem Boden hockend und erledigt im Gedächtnis hat.

Die Delegation mit Honoratioren aus dem Ort um Madame Pragen herum besucht die Schlachtfelder von damals. Wo jetzt Kühe grasten, wurde vor wenigen Jahren Blut vergossen, liegen die Kameraden von damals… Der Erzähler erinnert sich an diesen 24. August 1914, wie er ihn erlebte, zwischen Angst und Furcht einerseits und auf der anderen Seite Anfällen von Mut und Heroismus, in denen er nach vorne stürmte, er den Rausch eines Anführers spürte, denn ein Anführer ist ein Mann in seiner Vollendung; der Mann, der in derselben Bewegung gibt und nimmt. Immer wieder klingt die Verachtung für Frankreich durch, das seine Soldaten mit schlechter Ausrüstung unvorbereitet in den Kampf schickte. Mit roten Hosen lagen sie gut sichtbar im Gelände, die wenigen, schlechten Maschinengewehre waren bald funktionsuntüchtig, die Offiziere zur Handlung unfähig.. wie anders dagegen die Deutschen, die in ihrem feldgrauen Uniformen praktisch unsichtbar waren, der MG sie unablässig mit Kugeln eindeckten, deren Artillerie nicht aufhörte, zu mit Feuer zu überziehen… er wird verletzt, irrt auf der Flucht durch die Gegend, trifft wieder auf seine Truppe, doch der Krieg war für sie wie für mich verloren. … Es war wie 1870. Die französische Armee mit ihren roten Hosen trat den Rückzug  an. Geschlagen von der Technik, von der ‚Explosion der Chemie‘, es ist kein ehrenhafter Kampf mehr Mann gegen Mann, der Krieg ist ihm zu anonym geworden, zu sehr Materialschlacht….

Die äußere Handlung geht derweil weiter, mitten im Wald hat der nordische Genius …. einen Friedhof, ein kleines Walhalla, in der die stille männliche Reinheit herrscht, angelegt. Man gräbt diverse Särge aus, öffnet sie, blickt in den honigartigen Horror, den sie beinhalten, bis Madame Pragen endlich definiert: „Das ist er„.

Die Welt ist absurd. Doch die Gesten, die sie ausführt, sind schön.

Stilistisch hat mich diese Erzählung stark an Mondiano (zumindest die Romane, die ich von ihm kenne) erinnert, den ich eingangs ja zitierte: ein Protagonist, der in Gedanken ein prägendes Ereignis noch einmal erlebt, durchanalysiert und bewertet, der wechselnden Emotionen ausgesetzt ist, der ein inneres Zwiegespräch führt, in dem er seine eigene Position zu finden sucht, der sich auch treiben läßt vom gegenwärtigen Gedankenstrom.

Inhaltlich finden wir in Die Komödie… das in den Erläuterungen Gesagte wieder: die Verachtung für Frankreich mit den mehrfach erwähnten roten Hosen für seine Soldaten aus augenscheinlichstes Symbol und der schlechten Bewaffnung als fatalstem, die spürbare Verachtung für die Juden, die zum ersten Mal in der Charakterisierung Claudes deutlich wird und dann später noch einmal bei einer anderen Person: Joseph Jacob. Das war ein Jude. Ein Jude, wie man so sagt. Was ist ein Jude? Keiner weiß es. Aber man spricht davon. Persönlich war er friedfertig, nicht sehr intrigant, ein recht hübscher Bursche, ziemlich vulgär, nicht klug, kein bisschen intellektuell. Ein kleiner Börsenspekulant. Er hatte eine hübsche schmale Nase mit Sommersprossen. Diese Beschreibung also eine Mischung aus bekannten Verleumdungen und einem durchwachsenen persönlichen Eindruck, dessen Aspekte fast auf Erotisches hinzudeuten scheinen. Eine entsprechende, aber ironisierende Verachtung findet sich ebenfalls gegenüber Madam Pragen als Vertreter der Großbürgertums.

Drieu kannte den Krieg, er hat den 1. WK mitgemacht, lag vor Verdun und kämpfte auch auf anderen Schlachtfeldern. Er schildert ihn in seinen Erzählungen, er stellt nicht so sehr das körperliche Gemetzel in den Vordergrund, sondern eher die psychischen Auswirkungen des Kampfes, des Beschusses, des mangelnden Vertrauens in die Vorgesetzten ….


Apropos Verdun… die zweite Erzählung, Der Hund der heiligen Schrift, deutlichst kürzer als die vorangegangene, spielt in Verdun – bzw. eben nicht, denn Drieu wendet hier einen raffinierten Trick an: er splittet die Erzählung in zwei Teile. Der erste Teil spielt in einer Eliteeinheit, die normalerweise nur zu den großen Offensiven im Frühjahr und im Herbst eingesetzt wird. Die Männer im Ruheraum erholen sich prächtig, als ein paar neue Kameraden eintreffen, unter ihnen ein Sergeant Grummer, der sich abseits hält, der Kleidung nach etwas ‚Besseres‘ ist, eine Aura der Unnahbarkeit um sich verbreitet. Ist es Angst? Gummer stellt ein Versetzungsversuch nach dem anderen, er will zu den Fliegern. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Einheit unerwartet früh ihren Einsatzbefehl nach Verdun bekommt, wird seinem Gesuch stattgegeben.

Viele Jahre später wird der Ich-Erzähler in Paris zu einer Filmpremiere eingeladen, gezeigt werden soll ein Film über die Schlacht bei Verdun. Mit zwiespältigen Gefühlen nimmt er die Einladung eines Freundes zu diesem Film an. Schon nach wenigen Momenten sah er Orte vor sich, an denen er so gelitten und durch das Leiden manch extreme Seite von sich selbst kennengelernt hatte. …. Trotzdem ist auch das gelungenste Kunstwerk eine Enttäuschung für jeden, der die elende Wahrheit in Händen gehalten hat, doch kann es ihn in einen Rausch versetzen, der seine teuren Erinnerungen befördert. .. In der Stille, die im Saal herrscht, hört er in der Reihe hinter sich Gemurmel und leises Aufstöhnen, in der Pause hört er das Gespräch des Paares mit. Der Mann war in Verdun, läßt sich bewundern…. es ist genau dieser Sergeant Grummer, den der Ich-Erzähler nach Ende des Films sieht und erkennt und auch Grummer erkennt ihn, erbleicht und senkt seine Lider. Und die Frau neben ihm durchzuckt eine Art Erleuchtung….

Auf diese raffinierte Art schildert Drieu die Schrecken Verduns indirekt, die ungeheure, gigantische Angst, die die Männer auf den flachen Hügeln sich niederkauern und winden ließ: Was für eine Bestie, besessen von einen zynischen, obszön, hysterischen, rasenden Bekenntnis, war da hinter Thiaumont, in der Mulde von Fleury aus all unserer Angst erwachsen, der Angst geduckter, gekrümmter, sich wälzender, in der gefrorenen Erde eingegrabener, im Schweiß, im Schlamm, im Blut versauernden Männer. 


Die Reise zu den Dardanellen entspricht vielleicht am ehesten der Erwartung an eine Kriegserzählung. Der Ich-Erzähler, zweiundzwanzig Jahre und fünf Monate alt, befindet sich nach einer Verwundung in der Etappe, in der Normandie, er sieht sich selbst als Drückeberger. Dies hat ein Ende als ein Freiwilligenregiment für den Einsatz gegen die Türken aufgestellt wird und er sich mit seiner Einheit meldet. Bevor der Truppentransport der dreitausend Freiwilligen an die Dardanellen (Schlacht von Gallipoli als Basis zur Eroberung von Konstantinopel) in Marsch gesetzt wird,  gibt es noch einen längeren Aufenthalt in Marseille. In der Türkei kommen sie in grausame Grabenkriege, die Türken beschießen sie aus allen Rohren, die Deutschen sind auch da und die Vorgesetzten der bunten Franzosentruppe erweisen sich als allesamt unfähig und inkompetent. So ergreift der Erzähler die Eigeninitiative und kämpft auf eigene Verantwortung unter Mißachtung der Befehle… es nutzt nichts. Zwar überlebt er, aber er weiß, nicht wie….

Inhaltlich kann man diese etwas längere Erzählung in zwei Abschnitte teilen. Der erste schildert den Versuch eines Selbstfindungprozesses, den der junge Mann durchlebt, unter anderen bei und mit verschiedenen Prostituierten in Marseille. Der längere Teil schildert das Leben und die Ereignisse im Regiment und nachher die Kämpfe in der Türkei. Wie durchgängig im Buch kommt Frankreich auch hier im Vergleich mit Verbündeten schlecht weg: mangelhafte Disziplin, lottriges Auftreten, unfähige und feige Offiziere. Die Kämpfe selbst sind grausam und dreckig, der Schrecken besteht aus Hitze, Durst, verwesten Leichen, schikanösen Bombardements, Ruhr.Die Laufgräben sind voll von den Abfällen des Krieges, Konservendosen, Armen, Gewehre, Beutel, Kisten, Beine, Scheiße, Geschosshülsen, Granaten, Stofffetzen und sogar Papier. Der Erzähler unterliegt unter diesen Verhältnissen selbst irrationalen Mutausbrüchen, in denen er voranstürmt, zum Schrecken seiner Leute: Man muss immer alles selbst machen. Man muss gegen die Chefs und gegen die eigenen Männer mindestens genauso kämpfen wie gegen den Feind.


Es ist eher ein Krieg der Fabriken als ein Krieg der Menschen. Die Verachtung für diese Art des Krieges wird auch in Der Oberleutnant der Tirailleurs deutlich, verbunden mit der Schuldzuweisung: Das ist die Demokratie und der Feststellung: Ein Mann darf einen Mann nur töten, wenn er ihn sieht, auf Armlänge. … Wir werden in dieser Erzählung nach Marseille geführt. Es ist 1917, der Ich-Erzähler trifft dort auf einen Oberleutnant der marokkanischen Truppenteile, mit dem er ins Gespräch kommt. Es geht um den Krieg, natürlich, um die Angst in Verdun (Ich wäre kein Mensch, wenn ich keine Angst gehabt hätte. Die diese trostlose Schlächterei ertragen können, sind keine Menschen, oder?), den Schrecken von Thiaumont, den der Erzähler in dieser Episode angestoßen durch das Gespräch über Verdun nacherlebt.


Der Deserteur spielt in Südamerika. Der Ich-Erzähler besucht Bolivien dort nach dem Krieg als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation und wird am Tag nach seinem Vortrag von einem Mann aufgesucht, der sich als Deserteur von 1914 vorstellt, der schon fünfzehn Jahre mit keinem intelligenten Franzosen mehr geredet hatte…. Das folgende Gespräch dreht sich wiederum um die Themen: Vaterland, Patriotismus, das Wesen des Krieges, den Nationalismus… mit Aussagen wie: Akzeptiert man das Vaterland, akzeptiert man den Krieg. oder: Zivilisation heißt Krieg Beim Anblick seines Gegenübers sinniert der Erzähler: Wie kann man diesen Menschentypus an den universellen Sozialismus von morgen anpassen? Wie kann man diese Linie mit der Linie Stalins und Hitlers verknüpfen. Die auf S. 120f wiedergegebenen Ausführungen zum Nationalismus, den er dort als ‚Krankheit‘ bezeichnet, sind sicherlich eine Schlüsselstelle für seine politischen Ansichten.


Die das Buch abschließende Erzählung Das Ende des Krieges spielt 1918 wieder in der Nähe Verduns. Amerikanische und französische Truppen kämpfen gemeinsam, wobei die Amerikaner mit einer gewissen Verachtung auf das Frankreich, das sie durchquert hatten, mit den kleinen Häusern, den Misthaufen, den Männern, die Prügel einstecken und den vielen schamlosen Huren, schauen. Der Ich-Erzähler ist als Dolmetscher und Verbindungsoffizier tätig, noch einmal geht es ihm darum, Mut zu beweisen, deshalb bittet der den General, ihn auf die Inspektion der vordersten Frontlinie begleiten zu dürfen. Er ist hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, wie in anderen Erzählungen taucht auch hier wieder der Beschuss mit der riesigen Granate in Thiaumont auf, bei dem ihm aus innerster Seele ein Schrei entfahren war, an diesen Schrei musste er sich klammern, denn dieser Schrei war ihm geblieben, seit zwei Jahren genügte der kleinste Anlass an jedem beliebigen Ort, damit er mich von Neuem gänzlich ausfüllte…. diese Schilderung eines Flashbacks kann man wohl als frühe literarische Fixierung einer PTBS ansehen, die den Ich-Erzähler quält…



Sechs Erzählungen, die im Ersten Weltkrieg spielen, geschrieben von einem Autoren, der sein ‚Vaterland‘ verachtet, der deutlich antisemitische Untertöne in seinen Text einfließen läßt und der seine Affinität zum aufkeimenden Faschismus der Zeit, in der er das Buch publiziert, nicht verheimlicht… muss man das lesen? Oder anders herum gefragt: warum habe ich es gelesen? Hätte ich mir das Buch schicken lassen, wenn ich mich vorher eingehender informiert hätte? Mich hat das Coverbild gereizt, ich gebe es zu, und des prinzipielle Sujet der Erzählungen, die den ersten großen Weltenbrand umfassen….

Es sind sechs Geschichten, die jeweils von einem Ich-Erzähler erzählt werden. Für mich war es jeweils – ohne, daß dies explizit gesagt wurde – der gleiche Erzähler, mir ist auch noch eine Stelle erinnerlich, in der sich auf eine vorhergehende Erzählung bezogen wird. In den Geschichten wird viel Erlebtes geschildert, Drieu ging 1914 als junger Mann mit einundzwanzig Jahren in den Krieg, er kämpfte vor Verdun und in den Dardanellen, war wie sein Erzähler verwundet. Drieu kannte also den Krieg, stellt ihn authentisch und ohne Illusionen dar, kannte dessen Grausamkeit, umso unverständlicher seine Begeisterung für den Faschismus, der Europa erneut in Brand setzte.

Thomas Laux geht in seinem Nachwort eben kurz auf diese Frage ein, wie man Drieu heutzutage lesen kann angesichts seiner offenen Kollaboration mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg. Die französische Ausgabe ist aus diesem Grund mit einer profunden Einleitung und weiteren Erläuterungen und Anmerkungen zum Text versehen, die deutsche Ausgabe weist dieses Nachwort von Laux auf sowie Anmerkungen, die jedoch im wesentlich Sachinformationen zu Namen und Daten geben.

Nimmt man die antisemitische und rassistischen Äußerungen Drieus zwar zur Kenntnis, stellt sie aber nicht in den Mittelpunkt, so stellt Die Komödie von Charleroi eine illusionslose Schilderung der Verwüstungen dar, die ein Krieg auf dem Schlachtfeld und in der Psyche eines Soldaten anrichten kann. Insbesondere die zwei Namen ‚Verdun‘ und ‚Thiaumont‘ ziehen sich durch die Geschichten, Ereignisse, die mehr als einen Soldaten aus der Bahn geworfen haben werden – sofern er überlebt hat. In manchen Momenten, auch Laux weist darauf hin, erinnert Drieu an Jünger mit seiner Formulierung vom „Stahlgewitter“: auch bei Drieu wird die Technisierung des Krieges hervorgehoben, aber im Unterschied zu Jünger bedauert; der Kampf Mann gegen Mann entspricht seiner Vorstellung vom Krieg weit eher.

So zweifelhaft einige Aussagen des Buches sind, so gelungen und gekonnt ist die literarische Umsetzung des Themas, dessen sich Drieu angenommen hat. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Lektüre des Buches sehr lohnend und dem Manesse-Verlag kommt das Verdienst zu, es in dieser wunderschön gestalteten Ausgabe zugänglich gemacht zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Drieu_la_Rochelle
[2] Patrick Modiano: Place de l’Étoile (Buchvorstellung hier im Blog)
Der genannte Name ‚Gilles Drieu‘ bezieht sich auf die Titelfigur des Romans Gilles (1939/42), die biographische Ähnlichkeiten zum Autoren hat, auf die auch Laux in seinem  Nachwort hinweist (Liebesgeschichten, diffuse Todessehnsucht, Faschismus als letzte Option).

Pierre Drieu La Rochelle
Die Komödie von Charleroi
mit einem Nachwort von Thomas Laux
Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer
Originalausgabe: La Comédie de Charleroi, Gallimard (Paris), 1934
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. 270 S., 2016 (dt. Erstausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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