Stefan Zweig: Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

buchmendel

TOPALIAN & MILANI – der ‚Verlag für schöne Bücher‘ mit Firmensitz in Oberelchingen (ja, da habe ich auch erst einmal google maps gefragt, liegt also ganz nah bei Ulm) ist eine der engagierten Neugründungen (2015) im Verlagswesen, drei Buchbegeisterte, die das Wagnis eingehen, schöne Bücher herzustellen, die nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Gestaltung her ein Augenschmaus sind. Das vorliegende Buch, das zwei Novellen/Erzählungen Stefan Zweigs aus dem Jahr 1929 zum Inhalt hat, ist so eines, durchgehend illustriert mit Zeichnungen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold, der auch zu den Verlagsgründern zählt.


Stefan Zweig [1]- unter all den tragischen Schicksalen der deutschen Exilschriftsteller (Zweig verließ Österreich 1934 und ging zuerst nach London, vgl. auch [3]) der Nazizeit sicherlich durch den Doppelsuizid, mit dem er zusammen mit seiner Frau 1942 aus dem Leben schied, noch einmal in traurigen Sinne herausstechend. Das vorliegende Buch geht im Nachsatz von Arnold auf die Zeit Zweigs in Brasilien ein. Von außen betrachtet ist es ob der akzeptabel erscheinenden Umstände, in denen das Paar in Petropolis leben konnte, nicht direkt nachvollziehbar, daß Stefan Zweig und seine Frau Lotte keine andere Möglichkeit mehr für sich sahen, als am 23. Februar eine Überdosis Tabletten zu nehmen (Arnold verwendet für diesen Suizid den Begriff ‚Freitod‘, mit dem ich immer sehr unglücklich bin, denn ich sehe nicht, daß hier jemand freiwillig, ohne daß er sich dazu durch innere oder äußere gezwungen fühlte, aus dem Leben gegangen ist.) Lotte Zweig litt wohl stark unter Asthma, Stefan Zweig verwand den Verlust von Arbeitsmaterialien nicht, wurde wegen seines ‚hymnischen‘ Buches über Brasilien angegriffen und gewann nach dem Angriff auf Pearl Harbour die Überzeugung, die Faschisten würden in Bälde auch Lateinamerika, Brasilien, angreifen. Er ist depressiv, … verloren, ratlos, wahrhaft entwurzelt. In seinem Abschiedsbrief schreibt er, daß ihn die langen Jahre heimatlosen Wanderns so sehr erschöpft haben, daß er es für besser hielte, rechtzeitig und in aufrechter Haltung [s]ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit udn persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Die zwei Novellen, die das vorliegende Buch enthält, stammen aus einer Zeit, in der Zweig noch in Österreich lebt, von 1929. Der 1. Weltkrieg ist ein Jahrzehnt vorbei, 1929 ist aber das Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise ausbricht. Schon vorher machte die Weimarer Republik eine Phase exorbitanter Inflation durch, die 1923 durch die Einführung der Rentenmark beendet wurde [2], durch diese Inflation wurde praktisch sämtliches Geldvermögen vernichtet.


In diesem Umfeld ist die erste der beiden Geschichten Zweigs angesiedelt, Die unsichtbare Sammlung. Ein angesehener Berliner Antiquar schildert während einer Bahnreise dem Ich-Erzähler eine sonderliche Begebenheit, die ihn sehr berührt hat. In Folge der Geldentwertung und des Versuches, Geld in Sachwerten anzulegen, war der Markt – so der Antiquar – für Antiquarisches praktisch leergefegt. So durchforstete er die alten Kundenkarteien und stieß auf den Namen eines Sammlers wertvoller Drucke, von dem er schon lange nichts mehr gehört habe. In der Hoffnung, von diesem eventuell Dubletten oder Exponate erstehen zu können, hatte er sich auf die Reise zu dem Mann gemacht und ihn in der kleinen Stadt, in der er lebte, auch angetroffen…..

Der Mann, ein mittlerweile ein weißhaariger Greis, war erblindet. Sein einziges Vergnügen war es, sich täglich seine Sammlung exquisiter Drucke anzu’sehen‘, i.e. die Mappen hervorzuholen, mit den Fingerspitzen über die Seiten zu streichen und vor seinem geistigen Auge die Abbildungen entstehen zu lassen. Natürlich lud er den willkommenen Besucher, der seiner Sammlung endlich (endlich!) den gebührenden Respekt erweisen würde, ein, mit ihm zusammen die Mappen durchzugehen. Doch über den Kopf des Erblindeten hinweg machte die Frau des Mannes dem Antiquar verzweifelte Zeichen, sie müsse mit ihm reden, unbedingt vorher reden…, Waren Frau und Tochter, nachdem aller anderer Besitz der Familie von Wert verkauft worden war, gezwungen, die Drucke gegen leere Blätter Papier auszutauschen und zu verkaufen…..


Das zweite Stück Zweigs im vorliegenden Buch ist der Buchmendel. Er spielt in der Zeit um den 1. Weltkrieg in Wien. Der Erzähler der Geschichte gerät in einen Regenguß und sucht Unterschlupf in einem Café, dem Café Gluck, in dessen Nähe er gerade ist. Undeutlich noch anfangs hat er das Gefühl, den Ort zu kennen… und dann, angesichts einer Seitenstube des Cafés weiß er es: vor zwanzig Jahren war er schon einmal hier und traf an diesem Tisch dort auf einen bemerkenswerten Menschen, Jakob Mendel. Jakob Mendel war ein Schacherer, der mit seinem kleinen Karren durch die Straßen zog und mit Büchern handelte, obwohl er dafür keine Lizenz hatte. Und er hatte sein Stammquartier in dem damaligen Café Gluck, das mittlerweile einen anderen Besitzer hatte.

Mendel war ein Phänomen, ein Wunder der Natur, so erinnert sich der Erzähler: sein Gedächtnis entließ kein Buch, dessen er einmal ansichtig geworden war. Von jedem Buch wusste er die bibliophilen Daten, die Besitzer, wann es gegebenenfalls wo vom wem zu welchem Preis ersteigert oder gekauft worden war. Suchte man ein Buch – Mendel kannte es, wusste, wo ein Exemplar zu finden war. Was Mendel jedoch nicht wusste, nicht zur Kenntnis nahm, war jegliches ausserhalb der Bücherwelt. Bekam er überhaupt mit, daß ein Krieg tobte? Jedenfalls schrieb er unverdrossen nach England, wo denn seine Zeitschriften blieben! Ins feindliche Ausland – der Zensor wurde auf ihn aufmerksam, Mendel wurde vorgeladen, verstand nicht, was man von ihm wollte, gab zu, vor Jahrzehnten aus Russland nach Österreich gekommen zu sein…

Er überlebte das Lager, einflussreiche, ehemalige Kunden konnten ihn dort herausholen, aber derjenige, der dann wieder im Café Gluck erschien, hatte nur noch wenig gemein mit dem ‚alten‘ Mendel….

Dieses spätere Schicksal Mendels erfuhr der Erzähler durch die Toilettenfrau, das einzige Personal, daß Mendel noch gekannt hatte nach all den vielen Jahren. Und sie hatte das letzte Buch, das er an seinem Stammtisch zurücklassen musste, an sich genommen als Erinnerung: die ‚Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa‘ [4], eine Toilettenfrau, die bis dato an Gedrucktem wohl nur Gebetbücher in den Händen gehalten hatte…

Warum, so könnte man sich fragen, hat Zweig von all den aberwitzig vielen Büchern, die er seinem Mendel als letztes hätte andichten können, ausgerechnet eines über ‚..Erotica..‘ gegönnt? Das kann doch kein Zufall sein… nach Schleichel, auf dessen Analyse der Geschichte ich hier verweise ist es im wesentlichen eine ‚…. ironische Pointe am Schluss…‘, und kann als ‚… Versuch des Autors verstanden werden, diese Tendenz seiner Novelle zum Legendenhaften durch ein ironisches Element abzuschwächen.‘ [5]

Die Geschichte selbst ist nicht frei von Klischees, sei es die ‚träge Passivität‘, die in den Wiener Cafés herrscht, seien es die Sprache und Kleidung des Buchmendels, dieses aus dem Osten gekommenen Juden, auch daß es ausgerechnet eine Toilettenfrau ist, die sich nach Jahren noch an die markante Figur als einzige erinnern kann, ist symbolisch aufgeladen. Mendel, als Jude Angehöriger einer Religion, die das Buch, die Auslegung, in den Mittelpunkt des Lebens stellt, ist derjenige, der dies hier auf die Spitze treibt: die Bücher sind sein Leben, nichts außerhalb der Bücher nimmt er wahr, eine fürwahr selbstzerstörerische Fixierung für ihn. Möglicherweise läßt sich hier die Mahnung  herauslesen, sich auch um das zu kümmern, was ausserhalb der heilen Welt (hier der Bücher) geschieht. Eine Mahnung, die an Aktualität nichts verloren hätte.

Da ich mit Schleichel [5] eine Quelle verlinkt habe, in der der Buchmendel wohl hinreichend ausgedeutet ist, beschränke ich mich mit dem Wenigen, was ich hier aus meiner Sicht festgehalten habe. Beide Texte, sie sind ja nicht lang, lesen sich trotz des mittlerweile etwas antiquiert wirkenden Stils, sehr gut und verstehen auch heute noch zu packen und zu fesseln.


Aber über diese Ausgabe der Zweigschen Texte aus dem TOPALIAN & MILANI läßt sich nicht berichten, ohne auf die Buchgestaltung einzugehen. Die ist – mit einem Wort – liebevoll. Der gewählte Fonts ‚Bodoni‚ passt gut zum Zeit, in der Geschichte die Geschichte spielt, das Buch ist durchgängig mit Illustrationen zweier Künstler versehen, die zusätzlich erläutert werden. Daß ich persönlich die ins absurd-groteske gehenden Zeichnungen Arnolds [2] nicht so gefällig finde, ändert nichts an deren Qualität, in der Kunst sind die Geschmäcker eben verschieden. Besser ‚munden‘ mir da schon die Beiträge Brandenbergs [2], der den Buchmendel illustriert hat, ich habe es eben mehr mit dem Konkreteren….

Ergänzt werden die Zweigschen Texte durch die erwähnte kurze Schilderung der Umstände, unter denen das Ehepaar in Brasilien lebte und letztlich den tragischen Entschluss zum Doppelsuizid fasste; auch der Abschiedsbrief Zweigs ist enthalten.

Prinzipiell wünsche ich ja allen engagierten Buch- und/oder Verlagsprojekten Erfolg, dieses Buch von TOPALIAN & MILANI jedenfalls bietet beste Voraussetzungen dafür, es hätte ihn, sprich auch: es hätte viele Leser und Käufer, vollauf verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stefan Zweig: https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
[2] Webseite des Verlages: http://www.topalian-milani.de
zu Joachim Brandenberg: http://joachimbrandenberg.de/ueber-mich/
zu Florian L. Arnold: http://www.florianarnold.de
[3] Bei C.H. Beck ist gerade eine neue Biographie über diesen Lebensabschnitt Zweigs erschienen: George Prochnik, Das unmögliche Exil; hier eine Besprechung des Buches von Norman Weiss: https://notizhefte.com/2016/10/01/stefan-zweig-im-exil/
[4] … die im antiquarischen Buchhandel natürlich immer noch erhältlich ist, unter anderen in einer neun-bändigen Sammlung.
[5] Sigurd Paul Scheichl: Stefan Zweigs „Buchmendel“ – Bibliografie und Gedächtnishttp://eprints.rclis.org/24799/1/19-Scheichl_Sigurd_Paul_Stefan_Zweigs_„Buchmendel“.pdf

Stefan Zweig ist hier im Blog noch mit zwei anderen Titeln vertreten, zum einen der Schachnovelle und weiter mit Der Amokläufer.

Stefan Zweig:
Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung
Zwei Novellen.
Neuausgabe mit einem Nachwort
ferner mit Illustrationen von Joachim Brandenberg & Florian L. Arnold
diese Ausgabe: HC, TOPALIAN & MILANI, ca. 152 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlasssung eines Leseexemplars.

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Ein Kommentar zu „Stefan Zweig: Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

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