Gustave Flaubert: Bücherwahn

11. Dezember 2014

Flaubert cover

Diese kurze Erzählung, das erste veröffentlichte Werk des damals, 1837, fünfzehnjährigen Flauberts, wurde 2012 vom Carl-Hanser-Verlag als Präsent, das der Buchhändler seinen liebsten Kunden zu Weihnachten überreichen konnte, herausgebracht [1]. Es ist (ebenso wie das Cover) mit einigen Vignetten von Wolf Erlenbruch illustriert und war somit ein wirklich nettes Geschenk – so man es erhalten hat. Wer es aufwändiger haben möchte, kann sich antiquarisch die in Oasenziegenhalbleder gebundene (und mit Originalradierungen von P. Mersmann versehene) Ausgabe der The Bear Press (Bayreuth) von 2005 bemühen, muss dafür jedoch schon einen ansehnliche Zahl von Euronen auf den Tisch legen. Aber für den wahren Bibliomanen ist nichts zuviel und eine besser Überleitung in den Inhalt der Erzählung ließe sich kaum konstruieren.

Von einem Bibliomanen nämlich handelt sie, von Giacomo (vielleicht ist dieser Name noch nicht einmal zufällig gewählt, gilt der andere Giacomo doch als Erotomane), dem ehemaligen Mönch, der jetzt als Buchhändler in einer „schmalen, sonnenlosen Gasse Barcelonas“ vor sich hinlebt, einem satanischen, sonderbaren Wesen gleichend. Dieser Mensch, ein dreißigjähriger, der mehr einem Greis denn einem jungen Mann ähnelt, scheint nur dann zum Leben zu erwachen, wenn in der Stadt ein seltenes Buch versteigert wird, das er der Sammlung der anderen Geliebten, die seine Stuben, seine Regale bewohnen, zufügen muss.

Nicht daß Giacomo den Inhalt der Bücher verstünde, daß er darauf Wert legte, ihm reichten Form und Ausdruck zur Verzückung, der Geruch alten Papiers, die Gestalten alter Lettern…. und diesem Menschen besuchte eines Morgens ein Student, der ihm viel Geld bot für eine bestimmte Handschrift.. noch blieb Giacomo standhaft, erst das Geheimnis um ein anderes Buch, das er erwerben könne, ließ seinen Sinn sich wandeln und so verkaufte er die Handschrift, eilt an den Ort, an dem das geheimnisvolle Buch zu finden sei und fand es nicht: fortan beherbergte seine Seele eine offene und blutende Wunde….

Würde diese Versteigerung die Wunde schließen können? Das erste in Spanien gedruckte Buch stand zu Gebot auf einer Auktion, das einzige, das noch erhalten war. Doch Giacomo müßte dafür seinen schärfsten Konkurrenten, den er auf´s Blut hasste, überbieten, denn auch Baptisto würde mitbieten. Es wird ein heißer Bieterkampf auf der Auktion, doch während Baptisto ruhig blieb und heiter lächelnd auf das Buch bot, zerfleischte sich Giacomo förmlich, als er das ersehnte Werk zu Baptisto gereicht werden sah: „…er stammelte wirres Zeug …. Seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr; sie irrten wie sein Körper, ohne Plan, ohne Ziel…“ Matt und krank sank er in seinem Laden auf den Boden und schlief… und erwachte von großem Geschrei: bei Baptisto, seinem Konkurrenen, war Feuer ausgebrochen, das Buch in Gefahr. Wie von Sinnen eilte er zum Feuer, drang über eine Leiter in das Haus ein, kämpfte sich durch die Flammen und wirklich – er konnte des Buches habhaft werden und es retten und knapp auch sich selbst.

In den Monaten danach ward er kaum gesehen. Doch dann machte man ihn verantwortlich für eine Reihe von mysteriösen Morden und Verbrechen, die im ganzen Land verübt worden waren, man stellte ihn vor Gericht und konfrontierte ihn mit dem aus den Flammen geraubten Buch, das man in seinem Laden gefunden hatte… Doch nicht dies erschütterte den Buchhändler, sondern das, was sein Verteidiger dem Gericht zu seiner Entlastung präsentierte….


Es ist erstaunlich, wie es diesem jungen Autoren bei seinem ersten Schreibversuch gelungen ist, eine derartig dichte und kompakte Atmosphäre in seiner Erzählung zu schaffen. Er beobachtet genau, schildert minutiös (auch wenn ich gleich auf der ersten Seite kraftvolle und sehnige Hände mir nicht gleichzeitig als mit Runzeln und verschrumpelt vorstellen kann), fängt den obsessiven Geist seines Protagonisten geradezu bildhaft ein und hat es derart verstanden, den zwanghaften Charakter einer aus dem Ruder gelaufenen Leidenschaft darzustellen. Sehr schnell entsteht das Bild dieses ehemaligen Mönchs (der nur schlecht lesen kann?) vor dem geistigen Auge, eines Mannes, der bereit ist, für seine Obession alles, bis hin zu seinem Leben, hinzugeben.

Der Geschichte selbst liegt möglicherweise ein authentischer Kriminalfall zugrunde, wenngleich wohl davon auszugehen ist, daß der entsprechende Zeitungsbericht ein Scherz war [2]. Wie auch immer, jedenfalls hat er Flaubert zu seiner Geschichte inspiriert, die eine eindringliche Mahnung ist vor der Gefahr, die in allen Leidenschaften wohnt, wenn diese überhand nehmen und das Maß sprengen. Mit Maßen genossen und mit Intelligenz (nehmen wir die Tatsache, daß Flauberts Figur als Büchernarr nicht richtig lesen konnte und nur des Äußeren wegen sammelte, als Bild für nicht intelligente Art, eine Leidenschaft auszuüben), auch das können wir also der Geschichte zu unserer eigenen Beruhigung (so wir selber Bücherfreunde sind und hin und wieder über die Stränge schlagen beim Kauf z.B….) entnehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.vigilie.de/2012/gustave-flaubert-buecherwahn/
[2] Elisabeth Edl in der der Geschichte beigefügten „Notiz

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Gustave Flaubert
Bücherwahn
mit Vignetten von Wolf Erlbruch
Übersetzt aus dem Französischen und mit einer Anmerkung versehen von Elisabeth Edl
diese Ausgabe: Hanser, TB, ca. ca 30 S., 2012

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5 Responses to “Gustave Flaubert: Bücherwahn”

  1. Karin Says:

    So ein bißchen von diesem Bücherwahnsinn steckt wahrscheinlich in allen Buchbessesenen, zwar würde ich nicht morden, aber das Erwerben meiner Buchschätze macht schon leichtsinnig und reißt tiefe Löcher ins Budget -:))
    Und dann liest frau in diesem Blog und entdeckt wieder neue Schätze, die sie unbedingt haben muß, denn ich habe mir ja auch eine kleine Sammlung an Büchern um’s Buch zugelegt und eigentlich sollte und dürfte und müßte ich gar keine mehr kaufen, da der Platz bald nicht mehr ausreicht, aber….der Wahnsinn -:)))

    Guten Morgen, lieber Flattersatz!

    Gefällt 3 Personen

    • flattersatz Says:

      ihnen auch einen guten morgen, liebe karin, die sie immer so treu meinen blog besuchen! ja, das mit den löchern im budget kenne ich selbst sehr gut… und darf ich ihnen etwas verraten? der zufall hat es so gefügt: die nächste besprechung geht nochmals um ein buch über bücher…. ;-) holen sie schon einmal ein paar mobile stützwände, daß das budgetloch nicht einbricht….

      liebe grüße :-)
      fs

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  2. „Würde diese Versteigerung die Wunde schließen können?“

    Wie kenne ich die Wunde, die verlorene Bücher schlagen, und es ist mir bewusst, daß sie mit jedem Bucherwerb geheilt werden soll, aber es sind nur Pflaster, darunter blutet es weiter.

    Dir einen schönen Abend.

    Gefällt 2 Personen

    • flattersatz Says:

      ja, wenn ich so nachdenke… das eine oder andere buch, das ich verliehen habe und nie wieder sah.. ein oder zwei habe ich mir dann noch einmal gekauft….

      ein grund, warum ich nur sehr zögerlich verleihe. und ich leihe mir selbst auch nur sehr ungern, weil ich weiß, daß ich die bücher dann nicht zurückgeben will…. man fügt sich ja nicht selber eine wunde zu… ;-)

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      • Als ich mich unfreiwillig räumlich stark verkleinern musste, habe ich einige Bücher weggegeben – jetzt bin ich aber wieder umgezogen und habe mehr Platz, sie könnten hier jetzt also alle stehen, blöd. Aber von Herzensbüchern habe ich mich nicht getrennt.

        Wenn ich ein geliehenes Buch sehr mag, kaufe ich es mir sofort.
        Meine Bücher verleihen? Ausgeschlossen. Ich mag nicht mal, wenn sie jemand anfasst. An der Art, wie jemand ein Buch berührt, sieht man sofort, ob er/sie Bücher liebt oder nicht. Streicht jemand liebevoll über seine Seiten, macht es mir nichts aus. Doch dieses gedankenlose Geblättere, bei dem die Seiten fast knicken, ist doch furchtbar.

        Gefällt 1 Person


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