Klaus Walther: Bücher sammeln

1. Juni 2014

„Als ob es darauf ankäme, daß man all diese Bücher gelesen hat. Nein, man will sie irgendwann lesen. Man hat sie, damit man in einer bestimmten Stunde einfach an das Regal treten kann, das Buch herauszieht und zu lesen beginnt.“

Wer liest, sammelt, zumindest sammelt es sich an, das Druckwerk, das bedruckte, gebundene Papier und wer gerne liest, bevorzugt auch dieses oder jenes Thema und schon ist die Keimzelle zu einer „Sammlung“ gelegt. Mag es im ersten Stadium auch eher eine Häufung sein („Ach, ich hab´ bestimmt so um die -zig Krimis, aber fast alles von XY“), so geschieht der Sprung zur Sammlung vielleicht in dem Moment, in dem das Buch als Selbstzweck gekauft wird, nicht unbedingt (aber natürlich auch), weil man es (sofort) lesen will, sondern weil es an dieser Stelle im eigenen Regal eine Lücke ausfüllt, eine Fehlstelle, die es zu schließen gilt. Ein legitimer Kaufgrund, den jeder Bücherfreund nachvollziehen kann.

Klaus Walther, Schriftsteller, Büchersammler, Bibliophiler, erzählt in seinem Beitrag zur „Kleine Philosophie der Passionen“ [2] in kleinen Happen vom Sammlerleben, seinem eigenen, aber auch dem Gleichgesinnter. Dabei ist er sich durchaus der Tatsache bewusst, daß – wie bei jedem Sammler – sein Begehr nicht von jedem Menschen nachvollzogen werden kann, daß es auch abgestimmt werden muss mit den Randbedingungen, auf gut Deutsch: Wie sag´ ich´s meiner Frau, daß ich diese Büchlein/diese Gesamtausgabe (auch diese…) hier für erquickliches Geld unbedingt brauche, obwohl…. oder auch: Wenn wir hier in XY-Stadt sind, könnten wir doch ganz kurz.. ich kenn da ein schönes Antiquariat, ist garnicht so weit weg…

alt, aber mein... ;-), Quelle: Archiv

alt, aber mein… ;-),
Quelle: Archiv

Derart sind die Fragen, über die Walther plaudert, selbstironisch, kurzweilig und informativ. Wie bau ich mir eine Sammlung auf, was kann man überhaupt sammeln (im Grunde natürlich alles) und wo ist Selbstbeschränkung ein Segen. Nicht jeder Sammler ist auch ein Liebhaber, Bibliomane sind unbedingt auch Bibliophile… Der Drang zum Besitzen-Wollen kann krankhaft werden, kann kriminiell machen. Immer wieder liest man von „Sammlern“, die ihre Schätze durch Diebstahl erworben, ihre Bibliotheken aus wertvollem Diebesgut aufgebaut haben.

Was ist wertvoll, eine Frage, die zu beantworten, Kenntnisse voraussetzt über Bücher, über Schriftsteller, über den Buchhandel, über Verlage, Buchausgaben etc pp: man braucht Kataloge, Wörterbücher, Lexika, Verzeichnisse… da es oft um alte Bücher geht, wird man im Internet, so allwissend es zu sein sich einbildet, nicht unbedingt fündig werden: also sind auch solche Werke Sammelobjekt. Walther gibt einige Beispiel für Kataloge, die, wenn das Thema es verlangt (so zum Beispiel als Auktionskataloge für mittelalterliche Stundenbücher), selbst wissenschaftliche Meisterwerke sind…

Aber es müssen keine Stundenbücher sein, wer kann die schon bezahlen? [3]. Beliebtes Sammelobjekt sind beispielsweise auch die Bändchen der Insel-Bücher [4], die seit mittlerweilen einem Jahrhundert verlegt wird und auf fast anderthalbtausend Bändchen angewachsen ist. Man wird sie nicht vollständig bekommen, das ist so gut wie sicher, der Band 313(2) (Walther kommt öfter auf diesen zurück) existiert nur in geschätzt 50 Exemplaren, der Rest 1943 vor der Auslieferung im Verlagshaus verbrannt: Bomben….

„Platz für Bücher habe ich immer, aber ich weiß nicht, ob ich es meiner Frau zumuten darf, ihr Bett in den Heizungskeller zu stellen.“

Büchersammeln, auch das erzählt Walther, ist der erste Schritt zum Erwerb einer Zweitwohnung, besser eines Zweithauses, einer Aussenstelle, einer Dependance. Der leidige Platz, den Bücher brauchen, die ja auch – und manchmal nur – ihres Aussehens wegen, ihrer Wirkung wegen als Einrichtungsgegenstände angeschafft werden. Das sind Werke zum Repräsentieren, Arbeitsbibliotheken sehen anderns aus: Stapel von Büchern auf dem Boden, überquellende Tische, aufgeschlagene Bücher, Bücher mit Lesezeichen… Mit Walther besuchen wir solche Sammler, er führt uns z.B. in die Bibliothek Ernst Jüngers, eines (auch) Entomologen. Auch hier Hunderte wunderbarer Bänder mit Stichen und Abbildungen, alles Schmuckstücke von großem Wert….

Es ist nicht die einzige private Bibliothek, in die der Autor uns führt, auch besuchen wir mit ihm verschiedene Antiquare. Diese Menschen, die im steten, immanenten Widerspruch leben: sie leben davon, daß zu verkaufen, was sie selber lieben: alte Bücher nämlich. Antiquare sind Sammler auf Zeit….

Walthers Büchlein ist eine kleine, launig und kurzweilig geschriebene Reise durch das Land der Bibliophilie. Viel Eigenes fließt ein in den Text, persönliche Erfahrungen werden geschildert, von Begegnungen mit anderen Sammlern wird erzählt, aber auch allgemein Gültiges über den Trieb zum Horten von Büchern legt er dar. Leider ist diese im Ansatz so vielversprechende Reihe des dtv-Verlages „Kleine Philosphie der Passionen“ selbst nur wenig bibliophil. Daß der Einband der schmalen Taschenbücher schlicht gehalten ist, ist zu begrüßen, aber ansonsten… dickes, grobes Papier, nichts, was das Auge oder andere Sinne anspricht. Auch dieses Bändchen von Walther ist keine Ausnahme, es wäre durch ein paar Abbildungen oder Skizzen sicherlich „schöner“, anschaulicher geworden, es hätten ja nicht gleich ein Bildband darüber werden müssen, wie Bücher wohnen (die es ja mittlerweile gibt und die ein Augenschmaus sind…).

Anyway… ein nettes, besitzenswertes Büchlein, das ich eigentlich in zwei Exemplaren haben müsste: eins für die Reihe der Passionen, eins für die Abteilung: Über Bücher und Lesen… ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Biographie des Autoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Walther_(Schriftsteller)
[2] eine kleine Reihe, die bei dtv immer noch fortgeführt wird (http://www.dtv.de/kleine_philosophie_der_passionen_46.html), die meisten Bände sind aber nur noch antiquarisch erhältlich. Hier im Blog habe ich schon folgende Ausgaben vorgestellt:
– Eva-Gesine Baur: Dessous: https://radiergummi.wordpress.com/2008/12/23/eva-gesine-baur-dessous/
– Barbara Bronnen: Friedhöfe: https://radiergummi.wordpress.com/2013/08/18/barbara-bronnen-friedhofe/
[3] Ich zugegebenermaßen nicht… deswegen muss ich mich mit solchen Ausgaben begnügen, aber auch diese sind schön: Eberhard König: Die Belles Heures des Duc de Berry: https://radiergummi.wordpress.com/2010/09/16/eberhard-konig-die-belles-heures-des-duc-de-berry/
[4] hier der Link zur Verlagsseite: http://www.suhrkamp.de/reihen/insel-buecherei_24.html

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Klaus Walther
Bücher sammeln
diese Ausgabe: dtv, Kleine Philosphophie der Passionen, ca. 122 S., 2004

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11 Responses to “Klaus Walther: Bücher sammeln”

  1. packingbooksfromboxes Says:

    Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die mir ein Kunde vor einer Weiler erzählte:
    Dieser Herr ist nämlich auch ein richtiger Büchersammler. Systematisch mit Katalog ist er immer wieder auf der Suche nach fehlenden Stücken in seiner großen Bibliothek, die sich längst nicht mehr nur auf einen Raum und schon gar nicht mehr auf gefüllte Regale beschränkte.
    Vor etwas über einem Jahr hatte er einen schlimmen Herzinfarkt, von dem er sich aber wieder blendend erholt hat. Der Arzt gab ihm keinen klassischen Gesundheitstip mit auf den Weg, sondern sagte: „Nun muss aber Schluss sein mit den Büchern!“ Seine Büchersammlung hätte ihn fast das Leben gekostet, weil die Rettungssanitäter nicht vernünftig durch die Massen an Büchern zu ihm kamen….
    Jedes Mal bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.
    Eine schöne Rezension! Einen tollen Lesesonntag wünsche ich dir :)

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    • flattersatz Says:

      was eine „schöne“ geschichte! obwohl es sicherlich auch fälle gibt, in denen die liebhaberei ins krankhafte umschlägt, weil übertrieben und ohne maß. ich muss an eine meldung denken, die ich vor jahren mal in der zeitung gesehen habe. da wurde einem mann die wohnung gekündigt, weil der vermieter angst hatte, die decke würde wegen der belastung durchbrechen. abgebildet war ein mann, der auf dem boden, inmitten von bücherbergen hockte….
      lieben dank für deine wünsche, im moment bin ich aber lesetechnis etwas im „rückstand“, zuviel anderes, was auf mich einstürmt…. ;-)
      dir ganz liebe grüße
      fs

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      • packingbooksfromboxes Says:

        Das klingt allerdings auch kurios :D gut, dass ich vor Kurzem drastisch aussortiert habe.
        Ich wünsche dir, dass du fix wieder Zeit zum Lesen findest :)

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  2. buecherliebhaberin Says:

    Ach klingt das alles herrlich. Man erkennt sich in vielen Punkten wieder und kann verständnisvoll nicken. Danke für den Hinweis. Scheint ein echtes kleines Liebhaberstück zu sein.

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  3. Karin Says:

    -:)))) als die Reihe damals herauskam, mußte! ich sie natürlich sammeln, habe dann aber irgendwann aufgehört und bei den Exemplaren, die ich besitze, tauchte dann wieder die Frage auf: unter was jetzt einsortieren…unter dem Autor, unter Passionen wie P oder der jeweils besprochenen Passion…ich habe es so gelöst: sie stehen unter S wie Sammelsurium (weibliche Logik) -:)))

    möchte aber noch auf ein anderes schönes Buch von einem passionierten Büchersammler hinweisen: Alberto Manguel Die Bibliothek bei Nacht

    allen sammelnden Büchernarren einen lieben Gruß

    Karin

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    • flattersatz Says:

      ja, liebe Karin, dieses assoziative Einordnen hat den Vorteil der Exklusivität: nur noch Sie finden, was Sie suchen (hoffentlich!), jeder andere verzweifelt! Ich zum Beispiel würde diese Reihe und „R“, allenfalls noch unter „O“ suchen: Passion wie Passionsspiele, Passionsspiele wie „R“eligion bzw. „O“beramamergau. Ok, zugegeben, unter „A“ könnte man sie auch einordnen, schließlich liegt Oberammergau ja im „A“llgäu… und im All, da sind die „K“osmonauten… oder die „T“aikonauten… ja, ja….. :-))

      Merci auch für den Buchtipp!

      liebe Grüße und Wünsche für einen wunderschönen Morgen
      fs

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  4. renngrizzly Says:

    Ein sehr schönes Buch, eines meiner Lieblingswerke über die Bibliophilie. Zusammen mit Anne Fadimann und Rick Gekoski, übrigens auch alle sehr empfehlenswert, meine bevorzugten Bücher, wenn ich gemütlich und entspannend über die Lust an Büchersammeln lesen möchte.
    Auch ein sehr guter Artikel von Dir. Hätte ich das Buch nicht bereits gekannt (und schon fast zur Unkenntlichkeit zerlesen) hätte ich es mir sofort gleich geholt ;-)

    Viele Grüße

    Daniel

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    • flattersatz Says:

      herzlichen dank für die blumen… ;-) schön, wenn mein geschreibsel gefällt… das büchlein von fadimann liegt übrigens auch bei mir und wird demnächst gelesen werden. angelesen habe ich es schon, die herrliche vereinigung zweier bibliotheken hat mich schon sehr amüsiert. wie im richtigen leben eben.. gekoski sagt mir dagegen nichts…. hast du auch mal bei den anderen büchern über bibliophilie u.ä. bei mir im blog nachgeschaut? z.b. dantzig: wozu lesen?, Bollmann: warum lesen glücklich macht oder jetzt neulich von steinhauer die büchergrüfte? alles auf ihre art und weise schöne bücher für entspannte stunden!

      herzliche grüße
      fs

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  5. renngrizzly Says:

    Wenn es mir nicht gefallen wäre, würde ich nicht hier sein ;-)

    Von Anne Fadimann gibt es übrigens zwei Bücher. Auch das zweite ist sehr lesenswert! Vor allem, wenn man erfahren möchte, wie ein Bibliophile mit Trockeneis seine Lieblingseiscreme bereitet… ;-)

    Die ersten beiden der von Dir genannten Bücher besitze ich bereits, das dritte aber sagt mir nichts. Das werden wir gleich ändern…

    Rick Gekoski handelt mit wertvollen Büchern, vor allem Erstausgaben. Seine Essays sind richtig klasse, über ihn bin ich auch auf Sylvia Plath und die Glasglocke gekommen, ein wunderbares Buch (wird demnächst in meinem Blog besprochen)

    Viele Grüße und weiter so!
    Daniel

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