Charles Dantzig: Wozu lesen?

14. August 2013

Charles Dantzig gehört als Autor und Verleger zu den einflussreicheren Menschen in der französischen Literaturszene. Mit „Wozu lesen?“ legt er ein kleines, sehr feines Büchlein [2] vor, in dem er in der Art des gehobenen Feuilletons die Kunst des Lesens lobt, verteidigt und ihre Berechtigung hervorhebt. Die Ausführungen Dantzigs sind in ca. 70 kurze, teils aber auch längere Abschnitte unterteilt, in denen er sich einem Aspekt seiner Frage widmet.

Dantzig selbst ist natürlich selbst begeisterter Leser von Kindesbeinen an, ein Mann, der sogar beim Gehen liest (was in gewisser Weise seine auch des öfteren vertretende These konterkariert, man würde sich beim Lesen aus der Welt absondern in eine neue Welt, die des Buches hinein… überhaupt ist die damit unterstellte Mulitaskingfähigkeit des Menschen eine moderne „urban legend“: man kann sich entweder auf das eine oder auf das andere konzentrieren, aber nicht auf beides. Genauso wenig, wie man gleichzeitig Radio hören und lesen kann… man beschäftigt, wenn man sich auf das Buch konzentriert, das Hirn nur zusätzlich damit, die Musik auszublenden…. Entweder ich achte auf den Verkehr/die Musik oder ich lese. Oder ich wechsele mit meiner Konzentration hin und her, aber was soll das?).

Dantzigs Ausführungen sind fesselnd, sie sind ironisch, bissig, amüsant, sie scheuen sich nicht, Ross und Reiter zu nennen: es sind seine persönlichen Ansichten, die er uns bietet, wir erfahren keine (allgemein gültigen) Antworten auf die Titelfrage des Buches. Die müssen wir für uns dann doch noch selber finden… So öffnet sich im Fortgang des Lesens auch die literarische Person „Dantzig“ ein wenig, seine Vorliebe für Proust, Stendhal und Flaubert, seine Ambivalenz der Duras gegenüber und seine Verachtung Celines. Kant ist gut gegen Flugangst und ansonsten tauchen aus der deutschsprachigen Literatur nur noch (zumindest erinnere ich mich an keinen weiteren Autoren) Thomas Bernhardt und die Jelinik auf. Und bei letzter bin ich mir jetzt im Moment des Schreibens schon nicht mehr sicher…. die Ausrichtung auf die Franzosen und ihre Schriftsteller (die man Dantzig natürlich nicht vorhalten kann, es ist schließlich ein französisches Buch) hatte leider zur Folge, daß ich fast nichts von dem, was der Autor anführte, in irgendeiner Weise nachvollziehen konnte… nun gut, das ist ja eher mein Problem als das des Buches und anderen mag es anders gehen…

Das Schöne ist, daß sich Dantzig nicht scheut, sich selbst zu widersprechen. So spricht er beispielsweise dem Lesen die Fähigkeit ab, Menschen zu verändern. Ein schlechter Mensch, der liest, wird allenfalls zu einem belesenen schlechten Menschen, nicht aber zu einem guten… ein Thema, über das sich sicherlich trefflich diskutieren ließe, stellt es letztlich den Sinn einer Erziehung überhaupt in Frage, produziert diese doch (nach Dantzig) allenfalls gut erzogene schlechte Menschen…. ach ja, der Widerspruch: ruht er nicht darin, wenn Dantzig auch belegt, daß man liest, um sich selbst zu finden, um sich auszudrücken, um neu belebt zu werden, ja: Lesen, um zu lernen… sicher, sicher.. vorher müßte bestimmt werden, was überhaupt gemeint ist mit Veränderung, mit „Mensch“.. ich sagte ja, es ließe sich trefflich streiten über diese These des Autoren…

Keinesfalls will uns Dantzig belehren, er lädt uns vielmehr ein, mit ihm einen Rundreise durch sein Bibliophilie zu machen, durch Bibliotheken und Büchereien, er fordert uns auf, er stellt uns Schriftsteller vor und ihr Schaffen, er macht Appetit auf Bücher und auf´s Lesen…

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… und er ist ein Meister darin, seine Ausführungen zusammenzufassen in einem Satz, einer Essenz, vllt sogar einer Maxime:

Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen und sie täten nichts anderes, als lesend Literatur zu retten!“ {S. 26] bis auf das Einsperren: wer wollte ihm da nicht zustimmen….

Bücher leben von ihren Lesern. Sie müssen besprochen werden.“ [S. 31] Das klingt einem Buchblogbetreiber wie Musik in den Ohren….

… werden große Leser immer anspruchsvoller: Weil sie gelesen udn gelesen und immer weniger empfunden haben, suchen sie in der Rarität die Würze.“ [S. 37] auch das…..

… wird vorausgesetzt, … alle Leser seien anständige Menschen. Aber auch Idioten lesen. Sie sind das Publikum für Bücher, die behaupten, die Attentate des 11. September seien von Amerikanern verübt worden.“ [S. 42]

Ich lesen dem Mann ohne Eigenschaften von Musil. …. Wie unverfroren, so viele Seiten zu veröffentlichen!“ [S. 44] ja, das kann ich nachfühlen, bei umfangreicheren Büchern, so ab 500 Seiten aufwärts, scheue ich auch immer. Der Vollständigkeit halber sei ergänzt, daß Dantzig Robert Musil das Genie zubilligt, dem solche Werke erlaubt sind.

… man kann mit Pornographie keine Literatur machen. Pornographie hat eine Funktion, Literatur ist ein Zustand.“ [S. 57] .. und was ist mit Miller, mit Nin, oder auch Grandes und vielen anderen? Die von Dantzig ausgewählte Millet ist nun wirklich tendenziell, da in der Tat einfach nur langweilig und öde. [4]

Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen, … nämlich im Geiste.“ [S. 68] es is ein sehr elitärer Begriff von Literatur, den Dantzig im Auge hat…

Lesen an sich ist nicht gut. Es ist ein großer Fehler, Kindern, ja selbst Erwachsenen so etwas zu sagen. Es wird sie sofort davon abhalten. Der Gedanke, etwas zu tun, was ein Akt demonstrativer Tugend wäre, widerstrebt jedem Menschen mit Niveau.“ [S. 76]

Geiz ist das Genie der Menschen, die über kein anderes Talent verfügen.“ [S. 106] im Zusammenhang mit M. Duras, die sich zwar über ihren Alkoholismus, aber nie über ihren Geiz äußerte… ich bemerkte ja schon, ein zwiespältiges Verhältnis ist das …

Vielleser sind wie Alkoholiker, die noch ein Gläschen trinken, die Fettleibige, die noch einen Schlag Sahne nehmen, … wie auf dem OP-Tisch Liegende, die den Chirurgen mit stählernden Fingern am Ärmel ziehen, um mit gebieterischer Stimme: „Pumpen Sie die Brüste ordentlich auf!“ zu flüstern. .. Ohne die Vielleser, die sich die Lippen nach raffinierten Speisen lecken, müssten wir uns für immer und ewig mit Schriftstellern begnügen, die nichts als Schonkost servieren.“ [S. 110/1] Wie wahr, wie wahr….

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und als letztes Zitat (sonst wird es zuviel…):

Ich glaube, mir ist in meinem ganzen Leben noch nie ein Mensch über den Weg gelaufen, der ein bedeutendes Buch las. Noch nie. Niemand.“ [S. 187] o lala…. wie gut, daß es Herrn Dantzig gibt! Wenigstens einer…. sollten sie vllt ihren Bekanntenkreis mal überdenken, lieber Herr Dantzig?

.. ein bedeutendes Buch…“ Immer wieder verweist Dantzig auf solche bedeutende Bücher, auf Meisterwerke – aber was das Werk vom Meisterwerk unterscheidet, das bleibt dunkel.. immer wieder Proust, Stendahl oder Flauberts „Madame Bovery“, Joyce wird genannt.. oder müssen wir das individuell für uns ausmachen, in dem wir „Literatur.. ausprobieren“ wie beim Einkaufen die Schuhe, die wir tragen wollen, uns ja auch passen müssen. Aber „passend“ ist kein Kriterium für ein Meisterwerk…

Wenn man im Büchlein etwas kritisieren will, dann vllt die Bildauswahl. Es sind wenige Bilder nur, die im Buch abgedruckt sind, die aber keinerlei Erkenntniswert haben. Wenn der Autor schon Dialoge ablehnt, weil sie von der Literatur ablenken, so sollte er dies auch für seine eigenen Zeilen berücksichtigen, die Bilder hier sind genauso überflüssig wie er es den Dialogen unterstellt. Und aus dem Altersgesicht von John Wayne Verbitterung und Bosheit herauszulesen, ist kühn.. und ein wenig.. tja, was? arrogant? anmaßend?

… und doch:

„Wozu lesen?“ ist eine sehr lohnende, durch die ironischen, überspitzten, bissigen, zum Teil recht persönlichen Gedanken auch eine sehr unterhaltsame Lektüre, die – und was kann Literatur mehr? . zum Denken anregt, zum Widerspruch oder auch zur Zustimmung. Sie stellt die Titelfrage [3] und läßt uns Raum, sie zu beantworten, individuell und nur für uns allein und so nebenbei ist das Buch auch eine Anleitung zum Lesen, was und wie und warum nämlich…..

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie des Autoren aus der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dantzig
[2] überhaupt sind die Bände der von Lagerfeld/Steidl herausgegebenen Reihe L.S.D. (http://www.steidl.de/flycms/de/LSD/2022384446.html) allesamt kleine bibliophile Schätze (durchsichtiger Schutzumschlag, Leinenbindung, Lesebändchen, angenehmes Papier), was bei der Affinität Lagerfelds zu Bücher (vgl. z.B. hier seine Bibliothek: http://www.kotzendes-einhorn.de/blog/wp-content/uploads/2011/01/karl-lagerfeld-bibliothek.jpg) nicht verwundert. Obwohl ich mir bei seine Lagerhaltung der Bücher immer die Frage stelle, ob das nicht alles ein großer Fake ist, wie findet man bei liegender Lagerung ein Buch und wie holt man es aus dem Regal??)…. Hier im Blog schon vorgestellt habe ich vor geraumer Zeit das Loblied auf die Siesta, das von Paquot gesungen wurde…
[3] im Gegensatz zu Bollmann, der in seinem Buch über das Lesen viel bestimmter formuliert: „Warum lesen glücklich macht„. Welch ein Unterschied im Ansatz! Die Freiheit, in Frage zu stellen („Wozu lesen?“ könnte als Antwort ja auch ein „das frag´ ich mich auch, es ist für nichts gut!“ zulassen….), während bei Bollmann schon eine implizite Festlegung erfolgt ist: Lesen, ein/der Weg zum glücklich werden.
[4] Dantzig könnte natürlich – um seine These zu retten – beckmesserisch argumentieren, daß pornographisches, sobald in Buchform (u.U. sogar gerichtsfest) literarisch geworden eben keine Pornographie mehr ist, sondern Kunst….

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Charles Dantzig
Wozu lesen?
Übersetzt aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Originalsausgabe: Paris, 2011
diese Ausgabe: L.S.D., Steidl-Verlag, HC, ca. 202 S., 2011

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10 Responses to “Charles Dantzig: Wozu lesen?”

  1. durchleser Says:

    Eines der schönsten Marketing-Breviere für das Lesen! Mehr dazu auch hier unter: http://durchleser.wordpress.com/2011/12/10/durchgeblattert-wozu-lesen-v-charles-dantzig/

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  2. Lust zu Lesen Says:

    Mir gefallen deine Buchbesprechungen ja immer ausnehmend gut – auch wenn ich prinzipiell die kürzeren Fassungen bevorzuge ;-)
    Und Dantzig’s Zitate sind Punktlandungen!

    Herzliche Grüße
    Sonja

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    • flattersatz Says:

      ja, ja, liebe sonja, ich weiß, in der kürze liegt die würze… ;-) aber es freut mich, daß du offensichtlich auch bei den längeren texten durchhältst, ein größeres kompliment kannst du ja fast nicht machen, herzlichen dank dafür!
      dantzig bietet diese zitate vielzig-fach an, weil er eben keinen neuralen, unparteiischen text geschrieben hat, sondern seine persönliche meinung zu diesem und zu jenem kundtut und da sind solche „Punktlandungen“ wunderbarerweise möglich…

      dir auch liebe grüße
      fs

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      • Lust zu Lesen Says:

        Lieber Flattersatz,
        und diese wunderbar präzisen Punktlandungen lese ich nun immer wieder.
        Und die von dir zitierte Passage

        “Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen, … nämlich im Geiste.” [S. 68] es is ein sehr elitärer Begriff von Literatur, den Dantzig im Auge hat…

        beschreibt doch haargenau die Motivation, die viele Blogger umtreibt, oder? Es ist doch herrlich, diesen besonderen Moment mit anderen zu teilen.

        LG
        Sonja

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        • flattersatz Says:

          Liebe Sonja,

          du verwendest den Begriff „elitär“, ja, in der Tat, es hat für mich sogar etwas von Arroganz und Überheblichkeit, wenn Dantzig schreibt (er wiederholt und bekräftig seine Aussage ja sogar im Brustton der Überzeugung, weil er sie beim ersten Formulieren selbst nicht glauben konnte) er hätte noch nie jemanden getroffen, der ein bedeutendes Buch gelesen habe… Literatur unter diesem Niveau wird allenfalls geduldet, zur Kenntnis genommen und ihr wird eine gewisse Funktionalität zugewiesen. Aber zählen, nein, zählen tut sie nicht…

          … ist es das, diese Motivation, einen Augenblick mit anderen zu teilen, die uns Blogger umtreibt? Ich weiß es nicht.. ich persönlich für mich nehme immer noch ein anderes Motiv an Anspruch, ein profaneres: die Notiz als Erinnerung, als Sammlung von Gedanken, die mir beim Lesen gekommen sind…. das Lesen, ja, auf das Lesen trifft es zu, das Lesen von Büchern schafft einen Kosmos, der von allen Lesern dieses Buches geteilt wird, in dem wir nicht einsam sind und allein….

          liebe grüße dir auch
          fs

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  3. Karin Says:

    oh, wieder eine Neuentdeckung, die ich gleich ordern werde und natürlich sind all diese Breviere von Autoren, die über ihr Lesen schreiben, auch mit ein wenig Eitelkeit verbunden: schaut her, was für mich wichtig ist…..-:))
    aber so lange das nicht mit erhobenem Zeigefinger einhergeht, sind es auch immer Bereicherungen und dazu gehört ja auch aus.gelesen.

    Vielen Dank für diese Besprechung und für mich können sie gar nicht lang genug sein…..-:))

    mit sonnigem Gruß vom Rosenparadies Dachgarten
    Karin

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    • flattersatz Says:

      ach ja, sicher ist es ein schuss eitelkeit… wo ist dies nicht? wenn ich blogge, ist da nicht im hintergrund auch der ???: seht, was ich alles lesen, alles ich für bücher habe…? ich gebe ihnen da also völlig recht, wenn und da sich meinen blog explizit erwähnen.. ;-)

      hihi.. in der kürze liegt die würze, aber schön, daß sie sich vor der länge nicht fürchten! :-)

      herzliche grüße in ihren rosengarten
      f. satz

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  4. Tolle Besprechung! Ich muss das UNBEDINGT auch lesen!

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