Peter Härtling: Das war der Hirbel

16. Februar 2011

Der Hirbel ist ein kleiner Junge mit dünnem Haar und viel zu klein ist er für sein Alter, denn er sieht wie sechsjährig aus, ist aber schon fast 10 Jahre alt. Bei seiner Geburt ist irgendwas passiert, der Arzt hat ihn am Kopf verletzt, als er ihn mit der Zange aus dem Leib der Mutter geholt hat. Seine Mutter will ihn nicht und so kommt er schließlich in ein Heim. Aber auch dort weiß man nicht richtig mit ihm umzugehen, denn der Hirbel ist nicht so wie die anderen. Er hat Schwierigkeiten, die Worte für Sachen zu finden und aus den Worten Sätze zu machen, er hat viele Kopfschmerzen und oft weiß er sich anders nicht zu helfen als in den Schrank zu kriechen und dort im Dunkeln Schutz zu suchen. Und schreien kann er laut und lang, so laut und lang, daß alle anderen davon fürchterlich genervt sind. Manchmal prügelt er sich auch und der Hirbel ist so stark wie er klein ist, er macht den anderen Kindern Angst. Das Fräulein Maier aus dem Heim, das mag ihn, sie kümmert sich ein wenig um ihn, aber der Hirbel ist misstrauisch, zu oft hat er schon gemerkt, wie oberflächlich Erwachsene sein können, wenn sie freundlich zu ihm sind.

Der Hirbel ist nicht dumm, er ist nur anders schlau als die anderen. Schnell lernt er, was die Psychologinnen von ihm hören wollen, damit sie zufrieden sind mit ihm. Und er merkt schnell, wer ihn leiden kann oder nicht, und dann weiß er sich auch zu wehren, nicht mit Schlägen, sondern indem er die anderen entlarvt, ihnen Fallen stellt, in denen sie sich verheddern. Und so lernt er all die Sachen, mit denen er in einem Heim überleben kann. Und singen kann er, der Hirbel, besser als alle anderen, singen kann er wie ein Engel….

Der „Hirbel“ ist ein trauriges Buch ohne Happy End, ganz im Gegenteil. Härtling läßt an keiner Stelle des Buches Zweifel daran, daß die Umwelt des Hirbel, damit also unsere ganze Gesellschaft (das Buch wurde 1973 erstveröffentlicht), nicht in der Lage ist – oder auch willens – mit Menschen, die wegen einer Behinderung oder Krankheit anders sind, umzugehen. Die gesellschaftliche Lösung ist es eben, diese in ein Heim zu bringen, wegzusperren, zu verwalten, damit Ruhe ist. Für die menschliche Lösung, mit Liebe und Geduld sich dieser Menschen anzunehmen, steht Karolus, der für kurze Zeit ein Hoffnungsschimmer für den Hirbel ist, weil dieser schon andere Kinder aus Heimen zu sich geholt und zu seinen gemacht hat. Aber Karolus hat keinen Platz mehr für noch mehr Kinder und so verfliegt die Hoffnung des Hirbel auf ein besseres, liebevolleres Leben.

Menschen, die anders sind, machen Angst, weil oft auch einfach die Kommunikation schwierig ist, man versteht nicht, was sie wollen, was sie fühlen, wie sie denken. Und das, was Angst macht, will man weghaben, nicht mehr sehen…. so wie die Edith in dem Buch versucht, dem Hirbel was anzuhängen, damit er endlich weggebracht wird.

Einmal läuft der Hirbel weg (also, weglaufen tut er schon öfters…) aber dieses eine mal stößt er auf eine Herde Schafe und er versteckt sich bei ihnen in der Nacht und er schläft inmitten der Tiere und die wütend kleffenden Hunde finden ihn nicht, nur am Morgen dann der Schäfer. Er fühlt sich geborgen in dessen Armen, da dieser den federleichten Knaben den Weg in das Heim zurückträgt. Bedenkt man, daß das Lamm immer auch ein christliches Symbol ist für Jesus, das Lamm Gottes und Christus selbst als der „gute Hirte“ bezeichnet wird, könnte man in dieser Szene einen Bezug dazu herstellen, daß eine Rückbesinnung auf die Werte des Christentums notwendig ist, um den „Hirbels“ Geborgenheit und Schutz geben zu können…..

Facit: Das Buch ist wunderschön geschrieben, in einer erwachsenen Sprache, die aber für Kinder verständlich ist. Der Inhalt wird für Kinder schon schwieriger sein, auch muss man vllt berücksichtigen, daß seit dem Erscheinen des Buches und heute knapp 40 Jahre vergangen sind. Jedenfalls denke ich, daß das Buch von Kindern nur mit gründlicher Begleitung gelesen werden sollte.

Link:

Wenn man sich ein bischen Mühe gibt, versteht man auch den Text .. in dieser gespielten Adaption für Kinder auf youtube

Peter Härtling
Das war der Hirbel
SZ Junge Bibliothek Band 27, HC, 2006, 79 S.

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14 Responses to “Peter Härtling: Das war der Hirbel”


  1. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Du wärst „deinen Kindern“ doch sicher eine gute Lesebegleitung :)

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  2. Gilfaen Says:

    Danke für deine Besprechung!

    Empfohlen wird das Buch ja für eine 4. oder 5.Klasse – Ich denke, dass das Thema „Menschen mit Handicap, egal welcher Art“ so oder so begleitet werden muss, vielleicht sogar, wenn man den Bereich später behandelt in der 7./8.Klasse mithilfe einer historischen Dimension (Euthanasie, Tötungsanstalten nach T4 war bei uns in Klasse 8, also mit 14, ein großes Thema bzw. der Nationalsozialismus insgesamt ab 13/14) – Dafür habe ich auch ein nicht uninteressantes Jugendbuch entdeckt, wobei ich es noch nicht gelesen habe: Elisabeth Zöller – Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens.

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    • flattersatz Says:

      danke für den buchtipp. in dieser geschichte prallen ja zwei riesige themen aufeinander: behinderung und euthanasie. ich bin sehr gespannt….

      wenn ich an meine schulzeit zurückdenke (60ger jahre), ich weiß garnicht, ob wir da besonders intensiv auf das 3. reich eingegangen sind… in erinnerung ist mir jedenfalls nichts… andererseits, wir hatten damals auch andere interessen als ausgerechnet schule… *gg*

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  3. […] Das war der Hirbel (von Peter Härtling)Dazu gibt es eine Rezension von flattersatz […]

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  4. Hirbel Says:

    Ich habe das Buch als Kind gelesen als ich so in der 4. oder 5. Klasse war. Der Inhalt beschäftigt mich noch immer (heute habe ich das daher einfach mal gesucht und dies hier ist der erste Link dazu den ich besuche) und das Gefühl allein zu sein – ohne Freu(n)de- kann ich noch immer körperlich nachspüren…
    Die Gedanken an das Buch und an die Leiden und Gefühle eines „Hirbel“ verursachen noch immer einen Klos in meinem Hals.
    Ich würde daher meine Tochter das Buch NIE allein oder unvorbereitet lesen lassen.
    Das Buch ist gut, tiefschürfend und komplex, aber schwere Kost.
    M (Jg. 1972)

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    • flattersatz Says:

      ich habe jetzt erst einmal nachgelesen, was ich seinerzeit geschrieben hatte und gesehen, daß ich zu einem ähnlichen urteil kam: lesen ja, aber von kindern nur mit begleitung. ich hatte es seinerzeit in einer projektwoche in der schule (3. klasse) „Leben mit Behinderten“ gelesen, ich denke, da war es gut aufgehoben….
      ich danke dir für deinen kommentar!
      lg
      fs

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  5. antetanni Says:

    Ich hatte das Buch fast vergessen. Dank deiner Rezension ist es mir wieder in den Sinn gekommen. Wir hatten es als Schulliteratur und ich glaube, ich war da noch in der Grundschule. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich damals beim Lesen empfunden habe, jetzt treibt mir deine Rezension die Tränen in die Augen und einen dicken Kloß in den Hals. Ich habe mehrere Bücher von Peter Härtling gelesen und ich habe sie als bereichernd empfunden. Danke für die Buchkritik und das „Erinnertwerden“.

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  6. Karin Says:

    Guten Morgen, lieber Flattersatz,

    Härtling hat damals Mut bewiesen, dieses „Kinderbuch“ zu schreiben und ich wußte vor 40 Jahren nicht, ob und wann ich (meine Tochter ist 1972 geboren) es ihr zumuten konnte. Es war dann später Pflichtlektüre im Gymnasium und dieses Alter empfand ich auch passend, weil die Schüler begleitet wurden und natürlich auch von uns zu Hause.
    Heute ist dieses Thematik öfter auch Stoff in Büchern, der Umgang ist entkrampfter geworden, obwohl nach wie vor nicht leicht. Daß die SZ es in die Schülerbibliothek aufgenommen hat, finde ich sehr gut, war bisher ganz an mir vorbei gegangen, daß es diese Reihe gibt, werde ich mich gleich mal schlau machen, was da noch alles zu finden ist.

    Ihnen einen lieben Sonntagsgruß
    Karin

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    • flattersatz Says:

      ich danke ihnen, liebe karin, für den sonntagsgruß, ich hoffe, ihnen ist der sonntag auch sonnig gewesen… ;-)

      die süddeutsche hat eigentlich generell schöne buchreihen (für alle, die es interessiert, hier ist die zweite edition der „jungen bibliothek„)

      ja, sie haben recht, gottseidank ist mittlerweile der umgang mit krankheiten, beeinträchtigungen etc freier geworden, die „schuld“-komponente ist doch zurückgedrängt, man schämt sich nicht mehr so dafür, bzw. weiß, dass man zu dem was nun ist, stehen sollte – auch im eigenen interesse.

      habe mir übrigens zwei der bücher aus der reihe bestellt…. viele gibt´s ja nur noch antiquarisch. aber immerhin, sie sind erhältlich.

      viele grüße auch ihnen
      fs

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  7. Johann Says:

    ich musste das Buch natürlich auch auf dem Gymnasium lesen. 35 Jahre später bin ich immer noch der Meinung, daß so manchem Behinderten so ein trauriges Schicksal erspart bliebe, wenn die Eltern sich beizeiten testen lassen würden, ob ihre Erbanlagen entsprechend sind, geistig gesunden Nachwuchs in die Welt zu setzen. Und für alle, die trotzdem zur Welt kommen, bieten Ärzte eine schmerzlose, zufriedenstellende Lösung an. Da ich Atheist bin, unterscheide ich nicht zwischen Mensch und Tier, beide sollten die Chance erhalten, bei einer Aussicht auf ein würdeloses Lebe voller Leid, vorzeitig erlöst zu werden. Wie übrigens auch unheilbar Kranke oder Schwerstdemente. Von den gesparten Kosten für die Solidargemeinschaft ganz zu schweigen..

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    • flattersatz Says:

      danke für deinen kommentar, lieber johann. du äußerst eine sehr explizite meinung, die sicherlich nicht jeder teilen wird, im gegenteil, die widerspruch provozieren wird. sie ist sehr von der ratio bestimmt, aber die ratio ist nur einer von vielen faktoren, die das (menschliche) leben beeinflussen. auch ich teile deine meinung in der konsequenz, in der du sie formulierst, nicht.

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      • Johann Says:

        Ich denke, daß das menschliche Dasein, auf das wesentliche reduziert, ausschließlich von der Ratio bestimmt wird, alles andere sind Auswüchse oder Hirngespinste der „Zivilisation“. Der Mensch ist eben auch nur ein Tier, siehe Fußballstadien, Frauen mit Doppelnamen, die sich ausschließlich vegan ernähren (ab und zu mal etwas Putenbrust, weil ja sooo fettarm) oder rote/grüne Politiker. Am Ende ist sich jeder selbst am nächsten.

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