Carlos María Domínguez: Das Papierhaus

14. Dezember 2014

papierhaus

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluna Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Bücher verändern das Schicksal von Menschen.

Gleich der erste Satz dieser schmalen Erzählung des argentinischen Autoren Carlos María Domínguez [1] nimmt einen in seiner Nüchternheit gefangen, die darin enthaltenen Informationen füttern die Neugier des Lesers, der sich ohne große Einleitung mitten hineingeworfen sieht in eine Geschichte – auch wenn sich herausstellt, daß das eigentliche Thema des Büchleins dann doch etwas anderem gewidmet ist als den Gedichten von Emily Dickinson und dem Schicksal der jungen Literaturprofessorin Bluna Lennon [2].

Die eigentliche Geschichte der Erzählung ist eine Rahmenhandlung eingebettet. Der Erzähler, ein ehemaliger Freund besagter Liebhaberin von Emily Dickinson Gedichten, bewirbt sich um die Nachfolge der freigewordenen Professorenstelle. Wichtiger ist jedoch, daß ihm ein Buch, Die Schattenlinie („The Shadow Line„) von J. Conrad [4], zugestellt wird, das für Bluna gedacht war. Es wurde ihr aus Uruguay zugeschickt, enthielt eine Widmung von ihr für einen Mann, wahrscheinlich den Absender. Verwirrend und rätselhaft jedoch war vor allem, daß das Buch verdreckt war, mit Sand und Mörtelresten verschmutzt. Es gelingt dem Erzähler, die Identität des Absenders heraus zu finden, um das weitere Schicksal des Buches und dessen Geschichte aufzuklären, fliegt der Erzähler schließlich von Cambridge nach Buenos Aires und spürt diesem Carlos Brauer nach. Tatsächlich schafft er es, seine Spur, zumindest indirekt, aufzunehmen. Er trifft schließlich einen Bekannten von ihm, von dem er zögerlich zwar, aber immerhin, einen Großteil der Geschichte erfährt.

Sie handelt davon, wie eine Leidenschaft, ein Begehr, ausarten kann und zur Obsession, zur Manie wird. Carlos Brauer, ein Bibliophiler, Bibliomaner mit genügend Geld, daß er seinem Hobby, dem Sammeln und Horten von Büchern, in erheblichem Umfang nachgehen kann und sich im Lauf der Zeit eine ansehnliche Büchersammlung bei ihm bildet. Aber Brauer ist Leser, Getriebener, er ist keiner, der der anderen Seite des Sammelns huldigt: der Katalogisierung und Pflege des Bestands. Schwerer noch als das ganze Ungeziefer, das sich in seiner Büchersammlung einnistet, wiegt die Unauffindbarkeit einzelner Titel in den Hunderten von Regalmetern: es ist bei ihm das entstanden, was Eco in seiner Schrift: Die Bibliothek als Idealmodell einer Negativbibliothek beschreibt: „…einer Bibliothek also, die den Sinn und Zweck, Bücher zu sammeln, zu katalogisieren und dem Leser für seine Zwecke zur Verfügung zu stellen, auf´s trefflichste nicht erfüllt.“ [5]. Dem wenigstens ansatzweise entgegenzutreten, versucht Brauer ein eigenes/-artiges Katalogsystem zu entwickeln, daß auf wenig objektiven Kriterien wie Gefühlen beruht….. doch schlägt das Schicksal für Brauer unbarmherzig zu: ein Brand vernichtet den bis dato geschaffenen Katalog, der nicht mehr rekonstruierbar ist.

Finanzielle Probleme zwingen ihn zudem zum Verkauf seines Hauses und so zieht er an eine einsame, wilde Bucht, in der ausser einer kleinen Ansammlung windschiefer und sturmumbrauster Fischerhütten nichts ist. Dort läßt er sich, bestaunt und gefürchtet als seltsamer Mensch in dem Papierhaus, das er aus den Büchern baut, nieder, bis er eines Tages wie von Sinnen Löcher in die Wände des Hauses schlägt, als suche er etwas bestimmtes. Danach verschwindet er aus der Gegend, spurlos….

Der Erzähler (womit wir wieder in der Rahmenhandlung wären) reist Brauer nach in diese Bucht, sieht die Überreste des Hauses, die langsam, aber sicher verschlungen werden vom Sand, vom Meer und von den Wellen….


Die Schattenlinie – dieses Buch, sein Titel, ist natürlich symbolisch zu sehen, die Grenzlinie, die hell und dunkel scheidet und auf der Carl Brauer (und auch Bluna Lennon?) mühsam sein Gleichgewicht zu halten sucht, bis er seinen Halt verliert und ins Dunkle gleitet. Mit dem Katalogsystem, das er so mühselig für sich zu entwickeln versucht hat, ist gleichzeitig auch der Zugriff auf seine Bücher und auf das in ihnen gespeicherte Gedächtnis verbrannt: seine Bibliothek war ein Haufen Papier geworden, nutzlos und nicht mehr zu gebrauchen, bis eben auf das eine: als handfestes Material, sich gegen die Unbillen der Umwelt zu schützen [6], das Haus wurde zu seiner Schattenlinie, dem Zusammenbruch ausgeliefert in dem Moment, in dem er Die Schattenlinie suchte und aus der Mauer herausbrach…

Das Papierhaus ist eine nette kleine Geschichte, die – zumindest in den Anfängen – für Bücherliebhaber durchaus ihre Identifikationspotential hat. Wer hätte nicht selbst schon vor seinen Regalen gestanden und ein bestimmtes Buch gesucht? Wer hätte nicht selbst schon darüber gejammert, daß die Regale schon wieder voll sind, daß sich der eine oder andere Stapel am Boden gebildet hat, über den man dauernd stolpert? Später jedoch sprengt die Sammelleidenschaft von Brauer das Maß, wird zur Sucht, beherrscht ihn, ohne daß er noch die Kontrolle zurückgewinnen kann, mit dem Verlust seines Kataloges verliert er sogar noch die interne Kontrolle, den Zugriff auf den Inhalt, das gespeicherte Gedächtnis. Die Bücher sind vollends nutzlos geworden für ihn, sind ein riesiger Berg Papier, den er letztendlich nutzen kann, um sich zu schützen, der aber gleichzeitig auch ein Gefängnis ist. Das kann Brauer dann zwar verlassen, in dem er es zerstört, aber ob er dadurch gerettet wird, läßt der Autor offen…

Wie gesagt, dies ist eine hübsche Geschichte über einen Mann, den der Bücherwahn gepackt hat, verpackt in einem schön illustrierten Büchlein. Damit kann man selbst einen schönen Lesenachmittag verbringen, oder man kann einem lieben Menschen einen solchen möglich machen, indem man es als Geschenk überreicht. Und (nebenbei gesagt) erfährt man auch noch ein paar interessante Aspekte über die Gestaltung von Büchern, über die Typographie und Satzspiegel, über Korridore und Seitenränder… es ist das, was einen oft intuitiv und spontan für ein Buch einnimmt – oder es auch sofort wieder weglegen läßt und das man als „Laie“ so schwierig nur in Worte fassen kann….

Da die Erzählung in der Rezension auf verschiedenen Blogs durchweg gut wegkommt [7] (eine Meinung, die ich durchaus teile, auch mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn ich z.B. die Rolle der Bluna Lennon nicht ganz verstanden habe…), will ich hier sozusagen als Kontrastprogramm auf die nicht ganz so positive Besprechung von Michael Schmitt im Deutschlandfunk verweisen, die insofern interessant ist, da sie ggf für die eigene Rezeption des Werkes ein paar Anhaltspunkte geben kann [3]. Nichtsdestotrotz bleibt als Resumee: Das Papierhaus ist für Bücherfreunde ein schönes Geschenk, das man auch sich selbst gönnen sollte, zumal die vorliegende Ausgabe aus dem Insel-Verlag auch als Büchlein Auge und Herz erfreut.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Verlag: http://www.suhrkamp.de/autoren/carlos_maria_dominguez_8199.html
[2] Hat der erste Satz der Erzählung durchaus das Potential, neugierig zu machen, so irritierte mich dann jedoch der vierte schon wieder: „….Siddhartha hat Zehntausende Jugendliche zum Hinduismus geführt, …. ? Für mich war Siddharthas Geschichte eigentlich immer eine buddhistische…. [https://radiergummi.wordpress.com/2011/01/30/hermann-hesse-siddhartha/]
[3] eine kritische Auseinandersetzung erfuhr das Buch im Deutschlandfunk: Michael Schmitt: Leben mit Büchern: Carlos María Domínguez – „Das Papierhaus“; in: http://www.deutschlandfunk.de/leben-mit-buechern.700.de.html?dram:article_id=82016
[4] vgl. z.B. hier: http://blog.therese.kosowski.net/2009/09/30/the-shadow-line/
Carlos María Domínguez
[5] Umberto Eco: Die Bibliothek, Besprechung bei aus.gelesen hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/03/29/umberto-eco-die-bibliothek/
[6] Anne Fadiman beschreibt in ihrem Büchlein über ihre eigene Bücherleidenschaft (Anne Fadiman: Ex Libris, zur Buchvorstellung: https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/11/anne-fadiman-ex-libris/)
, wie sie als Kind zusammen mit ihrem Bruder aus Büchern Häuser gebaut haben. Carlos Brauer setzt diesen Gedanken ganz konsequent um…
[7] zum Beispiel hier bei Phillip Elch  http://philipp1112.wordpress.com/2009/03/18/carlos-maria-dominguez-das-papierhaus/ oder beim Duchleser:  https://durchleser.wordpress.com/2014/10/18/durchgelesen-das-papierhaus-v-carlos-maria-dominguez/ , um nur einige Blogs zu nennen

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Das Papierhaus
Übersetzt aus dem Spanischen von Elisabeth Müller
mit Illustrationen von Jörg Hülsmann
Originalausgabe: La Casa de Papel, Montevideo, 2002
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 90 S., 2014

 

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17 Responses to “Carlos María Domínguez: Das Papierhaus”

  1. Dina Says:

    Ich, als Buchliebhaberin, fand das Buch unterhaltsam, habe es in einem Ratsch ausgelesen bei einem langen Zwischenstopp in Peru gelesen. Vielen Dank für die feine Rezension!

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  2. buchpost Says:

    Vielen Dank, vor allem auch für die Literaturhinweise.

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  3. antetanni Says:

    Klingt lesenswert und ist dank deiner Rezension schon auf meinem Merkzettel gelandet…

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  4. Ich habe das Buch vor zwei, drei Jahren schon gelesen und war sehr sehr fasziniert von der Erzählweise und den Figuren, die Domínguez entwirft (Ab und an bin ich der Überzeugung, vielleicht auch so mein Ende zu finden wie Bluna Lennon; Lesen und Laufen gleichzeitig ist mir nicht unbekannt…) Die Lektüre damals hat mich, Dank einer Empfehlung in einem Bücherforum zu einer weiteren Erzählung mit bibliophiler Natur geführt: Régis de Sá Moreiras „Das geheime Leben der Bücher“, etwas geheimnisvoller, mysteriöser, aber stilistisch genauso ansprechend.

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    • flattersatz Says:

      gut, gut.. ich habe verstanden. „das geheime leben der bücher“ also… ist, soweit ich mich erinnere, ja auch kein unbekannter titel. danke jedenfalls für deine empfehlung! was „lesen + laufen“ angeht, ist mir eingefallen, dass ich mich seinerzeit bei dantzig darüber mokiert habe, weil dieser das auch so hält/hielt. ich für mich kann mir das auch nicht vorstellen, wenn ich in der bücherwelt bin… bluna läßt grüßen…. ;-)

      danke für deinen besuch und deinen kommentar!
      lg
      fs

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  5. jenny Says:

    Das ist ja mein großer Alptraum, dass meine Sammlung in Flammen aufgeht. Und noch arbeite ich ohne Katalog. ;-) Bisher habe ich auch noch jedes Buch wiedergefunden. In der Regel weiß ich aber auch, nach welcher Farbe oder besonderen Gestaltung ich Ausschau halten muss. Wie hältst du es?
    Vielen Dank auf jeden Fall für den Lesetipp. Das nehme ich mir, glaube ich, für ein paar ruhige Stunden während der Festtage vor.

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    • flattersatz Says:

      uiii– jetzt entschuldige ich mich erst einmal, normalerweise bleiben kommentare bei mir nicht so lange unbeantwortet! aber deiner, liebe jenny, ist mir offensichtlich völlig aus dem sinn gekommen…

      die ordnung der bücher… immer wieder ein thema. bei belletristik in der hauptsache jetzt nach autoren-alphabet. die ordnung nach tb und hardcover wurde irgendwann zu unübersichtlich (ich hatte es an der tatsache gemerkt, daß ich solaris von lem mittlerweile dreimal habe…). dekorative ausnahmen sind die andere bibliothek, die diogenes bände, alte suhrkamp tb, manesse weltbibliothek und ähnliches. wie gesagt, die schmücken auch, weil das optisch nett aussieht…. katalog habe ich keinen, der gedanke war schon mal da, aber die zeit, ihn zu pflegen, ist mir zu kostbar. dafür bin ich nicht geschaffen… da lese ich lieber oder träume… aber noch habe ich so halbwegs den überblick, und die manchmal sich ergebenden überraschungen, die so ein regala bereit hält: sie sind das salz in der suppe!

      hab noch schöne feiertage!
      herzliche grüße
      fs

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  6. flarnold Says:

    Hat dies auf faselloch rebloggt und kommentierte:
    „Bücher verändern das Schicksal von Menschen“.
    Das mag simpel klingen, ist aber in der Fassung von Carlos Maria Dominguez ein kurzweiliges Eintauchen in das große Thema einer – sukkzessiv außer Kontrolle geratenen – Sammelleidenschaft. Dominguez bescheibt, wie drei manische Büchersammler und Leser über tausende von Kilometern hinweg durch eine Emily Dickinson lesende Literaturdozentin verbunden werden – und wie die Literatur gleichermaßen Schutz und Gefahr bietet für jene, die etwas zu tief in die Welt der Literatur eintauchen. Dominguez erzählt nüchtern, geradezu im Stil eines journalistischen Tagebuchs, und gerade darüber fesselt er den Leser mit dem kleinen feinen Erzählband „Das Papierhaus“.
    Ausführliche Gedanken dazu auf AUS.GELESEN (LINK)

    Autorenseite beim Verlag: http://www.suhrkamp.de/autoren/carlos_maria_dominguez_8199.html

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  7. Karin Says:

    Die Bücher über Bücher und Bibliomane ergeben jetzt auch schon bald einen kleinen Bücherberg…schön das -:)))

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  8. Karin Says:

    welches denn -:)))?????? früher gab es hier mal eine Rubrik: dem Bücherberg beim Wachsen zuzusehen oder frisch eingetroffen, ich finde sie nicht mehr -:(((oder bin ich wieder zu ungeduldig beim Suchen?
    Ich habe gestern von Jacques Bonnet Meine vielseitigen Geliebten ausgelesen und mich in vielen seiner Marotten -:)) wiedergefunden, wenngleich ich natürlich gegen seinen Bücherhimalaya nur einen kleinen Taunushügel vorzuweisen habe. Es gefiel mir noch besser als das Bücher sammeln vom Walther.

    Hier blaugraut es noch, aber es weht ein frischer kalter Wind, vielleicht haben wir zum Jahreswechsel Schnee, ist ja oft so…

    Ihnen noch gemütliche Restweihnachtsfeiertage und liebe schon wieder bald schmökernde Grüße

    Karin

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  9. […] ein Besuch bei Flattersatz lohnt sich, der hat’s zu Ende gelesen und auch gleich einige interessante Links […]

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