Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte

14. September 2014

Ausschnitt aus dem Buchcover, vergrößert

Ausschnitt aus dem Buchcover, vergrößert

Büchergrüfte mit schwarzem Einband, der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen erinnert an die allbekannte Flagge der (seefahrenden) Piraten: morbide soll das Büchersammeln sein und Lesen gar gefährlich – Steinhauer, ein ausgewiesener Fachmann für Bücher und Bibliotheken [1] hat sich der Aufgabe gestellt, die „dunkle Seite“ des Buchwesens, sozusagen das Buchunwesen, das Buchverwesen, aufzudecken und ans Licht zu holen.

Uns Bücherfreunden zaubert die erst einmal behauptete Verbindung zwischen dem Morbiden und unseren geliebten Büchern fragende Falten in die Stirn, verbinden wir doch Bücher (selbst wenn sie den Tod zum Thema haben) mit anderen Menschen, mit deren Gedanken und Schicksalen, an denen wir in gewisser Weise durch das Buch beteiligt werden, kurz gesagt: mit Leben. Deshalb  macht Steinhauer in einem einleitenden Kapitel deutlich, was Büchersammlungen überhaupt mit Tod und Verfall zu tun haben. Büchersammlungen, d.h., wir werden nicht nur an das Buch als solches, sondern auch in seine Wohnstatt geführt, womit in den allermeisten Fällen nicht die Kleinstadt oder das Dorf, sprich: die eigene kleine Sammlung – obschon auch hier das Morbide wohnt, wie wir nach der Lektüre des Buches wissen werden – gemeint ist, sondern die Metropolen des Buches, die öffentlichen Bibliotheken  und Sammlungen, und die Leihbüchereien.

Diese sind selbst in ihrer bisherigen Funktion und Form aussterbende Einrichtungen: immer mehr Buchbestände werden aus den Lesesälen entfernt um Platz zu machen für Arbeitsplätze der Besucher, die kaum noch mit den gedruckten Werken, dafür aber mit ihren elektronischen Medien, auf denen Buchinhalte in digitalisierter Form immer reichhaltiger zugänglich sind, arbeiten. Die Bibliothek befindet sich also auf dem Weg von der Institution, die Gedrucktes zur Arbeit, zur Information sammelt und zur Verfügung stellt, hin zu einer Einrichtung, in der man mit im Grunde überall zugänglichen Informationen arbeitet, das aber in entsprechend passender und anziehender Atmosphäre.

Diesem weniger spezifische Zusammenhang mit dem Morbiden (schließlich ändert sich alles im Leben und muss sich auf neue Verhältnisse einstellen und auch für die Bibliotheken ist dies nicht die erste Wandlung ihrer Funktion) läßt der Autor dann eindeutigeres folgen. Ich will dies nur in einigen Stichworten ausführen, die Neugier zu wecken:

  • sowohl gibt es Bibliotheken, in denen Menschen bestattet wurden als auch Bibliotheken, die auf Friedhöfen eingerichtet wurden. Bei allen Bibliotheken oder Buchhandlungen, die sich in ehemaligen Kirchen befinden, ist dies eine starke Vermutung, da im Mittelalter oft Grabstätten in Kirchen angelegt wurden.
  • in diesem Zusammenhang auch die Analogie: ist der Friedhof der Ort, an dem das Körperliche begraben ist und die Grabstelle besucht werden kann, so kann man in der Bibliothek das geistige, intellektuelle Vermächtnis finden: die Bibliothek als Friedhof des Geistes, in dem dann ebenso Vergang ist (Stichwort: Bestandpflege, Aussortierungen, aber auch das Altern der Bücher, ihre eigene „Verwesung“). Kein Buch lebt ewig, die allermeisten Autoren sind trotz Bibliothken dem Vergessen anheim gestellt.
  • es gibt Bibliotheken, die Mumien oder Skelettteile ausstellen. Dies rührt aus der geschichtlichen Entwicklung her, die Trennung zwischen Museum und Bibliothek trat erst in der Periode ein, in der eine (immer detaillierter und anschaulicher werdende) Bildwiedergabe im Buchdruck möglich und daher der Zugriff auf ein real vorhandenes Objekt zur Veranschaulichung der Beschreibung nicht mehr nötig war.
  • ganz offensichtlich wird die Verbindung zum Morbiden, ja: zum Tödlichen, wenn man das Material, aus dem Bücher sind, betrachtet. Der in frühen Zeiten verwendete Papyrus: in unseren Breitengraden aus klimatischen Gründen dem Verfall, der Zersetzung anheim gegeben. Das Pergament, das den Papyrus ablöste: Tierhäute, sprich: Abfallverwertung aus der Schlachterei. Das Papier, das wiederum das Pergament ablöste, einst aus Textilien (Hadern) gemacht (dann haltbarer), später dann aus Holzschliff, der ebenfalls der Zersetzung zuneigte [2].
  • sehr manifest wird der Zusammenhang, wenn man erfährt, daß bei der Herstellung des Hadernpapiers auch Textilien z.B. von Verstorbenen (z.B. Pesttote, Milzbrand: von 1000 Arbeiterinnen starben innerhalb von 10 Jahren 50 an der Hadernkrankheit) verwendet wurden, ebenfalls wurden in den USA Leinenbänder von Mumien, mit denen Infektionserreger übertragen wurden, in der vorindustriellen Papierherstellung eingesetzt („Fluch der Pharaonen“)
  • der Staub, der Schimmel im Bücherbestand: durchaus gesundheitsgefährdend, zumindest aber als Allergen stark wirksam
  • insbesondere die Leihbücherein sahen sich mit dem Problem konfrontiert, daß Büchern, die möglicherweise von (Infektions)kranken Lesern ausgeliehen worden waren, Keime anhafteten, die ansteckend waren: ein Einfallstor für die (gesundheits)Polizei, die für die öffentliche Ordnung zuständig war, die ggf. auch durch inhaltlich infektiöses Material (sprich: z.B. aufrührerisches Gedankengut) gestört werden könnte: ab in die Verbannung, den Giftschrank.

Der Vampirkult ist in Bibliotheken entstanden, Steinhauer beschreibt, wie aus einer regionalen Erscheinung, örtlich begrenzten Vorkommnissen dadurch ein anerkanntes Phänomen wurde,  daß es von Wissenschaftlern untersucht und vor allem die Ergebnisse dieser Untersuchungen veröffentlicht und in Bibliotheken gesammelt wurde. Auf diese Veröffentlichungen wiederum bezogen sich Epigonen, die nacharbeiteten und darauf wieder etc pp…. ein Kult war geboren. Ebenso wie die Figur des Frankensteinschen Monsters viel mit Büchern zu tun hat – und mit dem schlechten Sommer des Jahres 1816 [3]….

Genug, ich denke, ich habe genügend Andeutungen gemacht, um Interesse für das Büchlein zu wecken. Nur noch kurz zum Schluß des Werkes, in dem sich Steinhauer Gedanken macht um die Zukunft des Buches (um die ihm nicht bange ist, das das Buch so viele Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Digitalen hat, daß es einfach unverzichtbar ist) und die von Bibliotheken allgemein. In diesem Anmerkungen gibt es dann auch die Antwort auf die berüchtigte Frage von Nicht-so-viel-Lesern beim Anblick eines vollen Regales: „Und die hast du alle gelesen?“ Welch eine Frage, die von Nichtverständnis zeugt: Natürlich nicht [4], denn mehr als ca 3000 bis 5000 Bücher schafft man einfach nicht in einem Leben [5]…..

Ach, schon wieder viel zu viel geschrieben, aber hoffentlich nicht zu viel verraten…. Das Büchlein ist obendrein noch schön geschrieben und auch wenn hie und da ein Zusammenhang zwischen Buch/Bibliothek und dem Morbiden wenig spezifisch erscheint (schließlich ist alles in welcher Weise auch immer, dem Untergang, dem Vergehen geweiht, so daß sich eine solche gegenseitige Beziehung immer ergibt) lautet mein Rat uneingeschränkt: Kauft es euch auch selber, dieses kleine schwarze, etwas skurrile, sehr interessante, lesenswerte, unterhaltsame Büchlein. Unbedingt!

Links und Anmerkungen:

[1] Vita des Autoren: http://www.steinhauer-home.de/?page_id=4 auf seiner Homepage http://www.steinhauer-home.de
siehe auch hier diese interessanten Links über Eric Steinhauer – Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden: http://eisenhutverlag.wordpress.com/2012/10/24/.…. bzw. Friedhof der Datenträger: http://www.zeit.de/2012/44/Bibliotheksmumien-.….
[2].. wenn ich mir meine rowohlts rotationsromane aus den 50er Jahren anschaue, weiß ich, was Steinhauer meint….
[3] .. siehe z.B. hier: http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil1.html
[4] vgl. hier auch im Blog die Buchvorstellung von Klaus Walther: Bücher sammeln.
Steinhauers Überschlagsbetrachtung verstehe ich nicht ganz: ein Regalmeter entspricht nach ihm 38 Büchern (ich habe immer mit 3 cm pro buch kalkuliert, das kommt also gut hin), andererseits spricht er davon, daß pro Regalboden 32 Tage Lesezeit zu veranschlagen sind…. das bringe ich nicht zusammen, denn dies hieße mehr als ein Buch pro Tag und das kann ich mir im normalen Leben nicht vorstellen.
[5] an der eigenen Erfahrung gemessen kommt das cum grano salis hin, ich lese jetzt seit Jahren ziemlich genau hundert Bücher pro Jahr (2 pro Woche), wenn ich das noch eine Dekade „durchhalte“ und dann die Bücher rechne, die ich in Jugendjahren las… doch, so in etwa…

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Eric W. Steinhauer
Büchergrüfte
Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich
diese Ausgabe: Lambert Schneider, HC, ca. 144 S., 2014

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8 Responses to “Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte”


  1. Tödliches Papier, Bibliotheken als Friedhof des Geistes – was für Abgründe sich da auftun! Du hast genug, aber nicht zu viel verraten, um meine Neugier zu wecken.

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  2. Interessante Dinge, die du immer ausgräbst!

    Gerne gelesen, neugierig gemacht, sende ich keine morbiden, sondern eher herzliche Grüße

    Sonja

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ja, liebe sonja, befriedige deine neugier ruhig an diesem werk. ich habe gerade bei petra angemerkt, daß es eigentlich ein stilfehler ist, so ein buch über das morbide so interessant zu schreiben, weil es letztlich ja die langeweile ist, die tödlich ist, nicht das interessante!
      herzlich grüße
      fs

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  3. zeilentiger Says:

    Ja, das klingt spannend!

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  4. […] Literaturblog aus.gelesen ist am 14. September 2014 eine schöne Rezension zu den Büchergrüften […]

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