Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

„Blutsbrüder“, sagte er, ohne zu lächeln.
„Was heißt das jetzt?“, fragte Moritz.
„Das wir jetzt mehr sind als Freunde. Wie verwandt“,
sagte Raf und schaute ihn immer noch an.
„Dass du mir gehörst.“

„Dass wir zusammengehören“, berichtigte Motz.
„Ja“, sagte Raf, aber Motz wusste, dass er es nicht so gemeint hatte.

Die junge österreichische Autorin (und hochgeschätzte Bloggerkollegin) Mareike Fallwickl [zur Autorin, die im Internet sehr aktiv ist, nur zwei Links: zur Homepage: http://mareikefallwickl.at und zum Literaturblog:  http://www.buecherwurmloch.at] legt mit Dunkelgrün fast schwarz ihr literarisches Debüt [eine wahrlich feinsinnige Unterscheidung des Verlages, denn ihre erste Romanveröffentlichung, die damit ungerechtfertigterweise als un-/nicht-literarisch abqualifiziert wird, hatte Fallwickl ja schon 2012 in einem kleineren Verlag: Mareike Fallwickl: Auf Touren]  in der Frankfurter Verlagsanstalt vor. Es ist ein Beziehungsroman, der von Verstrickungen handelt und von Abhängigkeiten, vom Ausnutzen und vom Ausgenutztwerden, vom Beherrschen und Sich-Behrrschen-Lassen, vom Schweigen und vom Leiden. Im Mittelpunkt stehen mit Moritz und Raffael zwei männliche Figuren, sowie Johanna, die Frau zwischen ihnen. Dies jedoch greift der Handlung schon etwas voraus, denn erst einmal werden wir als Leser mit deren Ausgangssituation vertraut gemacht…

Angesiedelt ist die Geschichte in der Region um Hallein im Salzburger Land, in der auch Fallwickl groß geworden und immer noch zuhause ist, insofern enthält der Roman eine Menge an Impulsen aus dem eigenen Erleben der Autorin [zur Entstehungsgeschichte ihres Romans schreibt die Autorin hier etwas: http://www.buecherwurmloch.at/2017/12/31/fuck-you-fear-der-weg-den-ich-gegangen-bin-und-warum-2018-so-ein-wichtiges-jahr-fuer-mich-wird/]. In einem der einleitenden Abschnitte des Buches, der uns in das Jahr 1986 zurückführt und wir mit Maria, der Mutter des damals noch dreijährigen Moritz, durch Dürrnberg (nahe bei Hallein) gehen, lernen wir den Ort kennen. Hier ist alles Berg und man stutzt als Leser einmal kurz, vermischen sich doch an einer Stelle mit der Realität des Buches und der Fiktion der Handlung zwei Ebenen: man begegnet bei diesem Rundgang der Frau wieder, der dieses Buch gewidmet ist [Edith Havel: http://www.salzburger-fenster.at/2017/11/29/liebe-ami/… In dieser Hinsicht also ist Dunkelgrün…. in der Tat ein sehr persönliches Buch…] Die Familie Schartauer, Marie, Alexander, Moritz und Sophia jedenfalls (letztere noch ein Säugling) ist erst frisch in diesen Ort gezogen, wo die Kinder aufwachsen sollen. Während der Mann, der noch in Wien Medizin studiert, aus dieser Region stammt, ist Marie mit den beiden Kindern eine Fremde. Auf dem örtlichen Spielplatz lernt sie Sabrina mit deren beiden Söhnen Raffael und Samuel (auch dieser noch ein Säugling) kennen , ein Spiegel sozusagen der eigenen Verhältnisse.

Wir sind jetzt Freunde. Schon damals zeigte sich, daß Raffael die Führung in dieser Freundschaft übernehmen würde… Viele Jahre später, wahrscheinlich im Lauf der Jahre sogar des öfteren, sollte sich Marie fragen, wie das Leben aller Beteiligten verlaufen wäre, wäre sie damals nicht auf diesen Kinderspielplatz gegangen oder vllt erst Momente später…

… denn der blonde und blauäugige Raffael, im Folgenden ‚Raf‘ genannt, ähnelt keineswegs seinem Namenspatron, dem Erzengel Raphael, der von Gläubigen ‚als heilende Kraft Gottes‘ verehrt wird. Im Gegenteil schöpft dieser Raf Freude und Vergnügen aus dem Leid und der Qual der anderen, ein gefallener Engel, ein kleiner Satan eher. Völlig skrupellos und ohne jegliche Empathie tyrannisiert er schon als kleines Kind nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Spiel- und später Schulkameraden, selbst die Erwachsenen setzen sich nicht gegen ihn durch. Wie beispielsweise Marie, die bei Moritz (sein Name als Kontrast zu Raffael, Moritz leitet sich von Mauritius ab und bezieht sich auf einen häufig als ‚Mohren‘ dargestellten Märtyrer), genannt ‚Motz‘, dem dunklen, weichen, nachgebenden, sich unterordnenden Synästhetiker Bissspuren entdeckt und die weiß, wer sie dort angebracht hat…

Raf und Motz werden ein unzertrennliches Freundespaar, in dem die Rollen und vor allem die Hierarchie festgelegt sind und das sich von anderen fernhält. Bis dann Johanna (‚Jo‘, auch der Name einer Heiligen) auftaucht in der Schule, ein tieftrauriges Mädchen, dessen Eltern bei einem Unfall gestorben sind und das jetzt bei einer ungeliebten Tante wohnt. Aus dem Zweierbund wird ein Dreierbund und gleichzeitig schält sich aus dem linkischen, pubertierenden Moritz ein junger Mann hervor, der das Objekt seiner ersten Liebe gefunden hat… und obwohl Raf der attraktivere Junge ist, derjenige, dem alle Mädchen nachlaufen, erwidert Jo das Werben von Moritz und Raf scheint sich damit zufrieden zu geben.

Dann wird Jo schwanger, die Eltern von Moritz, Marie und Alexander, bleiben hart: er muss die Verantwortung übernehmen. Anstatt auf die Kunsthochschule geht er daher nach der Matura auf den Bau, verdient Geld für seine zukünftige Familie….

Sechzehn Jahre sind mittlerweile vergangen (der Roman setzt zu diesen Zeitpunkt ein), Kristin, die Partnerin von Moritz, erwartet ihr erstes Kind, die beiden wohnen in Hallein, genießen die Zweisamkeit und warten auf die Geburt. Da schellt es eines Abends sehr spät an der Tür, ein gutaussehender Mann steht in der Tür: es ist Raf, damals spurlos verschwunden aus dem Leben von Motz, und er fragt, ob er übernachten kann, bietet eine lächerliche Ausrede, warum er auf einmal vor der Tür steht.

Aus der einen Nacht werden viele Nächte, wird eine problematische, spannungsgeladene Situation, die sich nochmals zuspitzt, als auf einmal auch noch Jo auftaucht, die damals ebenfalls für Moritz spurlos verschwand…


Fallwickl erzählt die Geschichte dieser drei Menschen – und noch weiterer – in recht  komplizierter Weise. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils einer dieser drei Personen gewidmet: Moritz, Johanna und Marie; Raffael hat keine eigenen Abschnitte, er spielt in fast allen Kapiteln seine Rolle, so wie sie die einzelnen Erzähler für sich empfinden. Innerhalb dieser Abschnitte untergliedert Fallwickl nach Jahren, wobei sie Schwerpunkte auf die Jahre setzt, in denen entscheidende Weichen gestellt worden sind. Das ist zum einen natürlich die Jetztzeit 2017, in der Raf wieder auftaucht und damit die verdrängte Vergangenheit für Moritz wieder lebendig wird, dann die Zeit kurz nach  der Jahrtausendwende, in der Johanna im Leben der beiden Jungs auftauchte, aber einige Abschnitte widmen sich auch Episoden, die in noch in den 80er bzw. 90er Jahren spielten und auch mit Marie zu tun haben. Diese zweifache Schachtelung bietet zwar die Möglichkeit, Spannungsbögen aufzubauen, verhindert jedoch auf der anderen Seite einen kontinuierlichen Lesefluss, in den man sich als Leser einfach hineinfallen lassen kann: immer wieder muss man umdenken, sich zurückerinnern…

So entfaltet sich im Lauf der Zeit ein Panorama von Schicksalen, die alle den eine oder andere Bruchstelle aufweisen. Marie war die ungeliebte Schwiegertochter, die – in den Augen der Schwiegermutter – ihrem hoffnungsvollen Sohn ein Kind untergeschoben hat. Später traf sie auf Christian, beschwichtigte ihre gelegentliche Fremdvögelei mit ihm mit der Ausrede, diese sei ein Ventil, welches den Bestand der Ehe sichere, aus der sie sonst wohl aufbrechen würde…. Sabrina ist das Ex-Model, dessen mögliche Karriere ebenfalls durch ein ungewolltes Kind beendet wurde noch bevor sie begann und die jetzt aufgerieben und ganz offensichtlich überfordert wird zwischen ihrem Mann Christian und ihrem Sohn Raffael. Ebenso bleiben ihre fast schon verzweifelt anmutenden Versuche, in Marie eine Freundin zu finden, von dieser unerhört… Moritz ist der Duldende, das Anhängsel zu Raf, dessen Schicksal in weiten Teilen fremdbestimmt wurde und Johanna ist das Mädchen und später die junge Frau, die ihre Trauer nicht ausleben konnte und die – wenn auch auf andere Art und Weise – Raf verfallen ist, Hörigkeit wäre ein Begriff, der sicherlich nicht falsch ist.

Überhaupt ist das Frauenbild, das sich in Fallwickl Roman zeigt, im Zeitalter der ‚#MeToo‘-Bewegung interessant. So legt sie ihrer ironieunverdächtigen Marie folgende Erkenntnis in den Mund: In Wahrheit begehren wir die, die uns verachten, die uns spüren lassen, dass wir niemals in ihrer Liga spielen werden. Betrachten man Marie, Sabrina und Johanna (also die drei weiblichen Hauptfiguren), fällt sofort auf, daß sich alle drei ein Kind haben machen lassen als sie noch selber fast Kind waren, alle drei (von Sabrina wird es nicht ausdrücklich gesagt, aber da sie mit Christian verheiratet ist, ist wohl davon auszugehen) mögen zumindest hin und wieder die härtere Gangart, in der sie sich unterordnen können bis hin zu Johanna, der ihre Submissivität letztlich sogar eine gewisse Macht verleiht. Und daß Christian sich anscheinend quer durch Hallein schläft und nicht davon auszugehen ist, daß er bei andern zum Frauenversteher geworden ist, weitet Fallwickl ihr Frauenbild im Grunde auf alle Frauen auf.

Die drei Frauen des Romans- drei unterschiedliche Typen. Sabrina ist die im Grunde extrovertierte, die ihre innere Leere und Verzweiflung unter diesem Deckmantel versteckt, Marie die eher schüchterne und nach innen gekehrte, die nur selten Worte findet für ihre Gedanken und Gefühle und Johanna ist letztlich diejenige, die die Verletzung, die ihr der Verlust der Eltern beigebracht hat, auf eher destruktive Art kompensiert: sie lebt davon, im Internet auf diversen Kanälen den ‚Müll‘ der Welt abzuladen – und Raf hinter zu fahren und überall auf der Welt zu suchen, eine Art Spiel, das beide miteinander spielen… Während ich – ich muss es zugeben – mit den Passagen Johannas manchmal des durchdringenden Selbstmitleids wegen (sie hat offensichtlich nie einen gesunden Weg gefunden, den Tod ihrer Eltern in ihr Leben zu integrieren) meine Schwierigkeiten hatte, hat Fallwickl für ihre Marie einen über weite Passagen wunderschönen Stil gefunden. Marie, die Mutter, die für ihre Kinder lebt, die mit ihren Kindern leidet und sich freut, die aber auch unter den Belastungen, der eine zweifache Mutter ausgesetzt ist, leidet, die verzweifelt ist, weil sie so viel mehr als ihr Moritz sieht und weiß und die sicher ist, sicher sein kann, daß ihrem Moritz irgendwann sehr weh getan werden wird – das alles sind sehr gelungene, einfühlsame und sensible (durch die eigenen Erfahrungen als Mutter mitgeprägte) Textstellen und Kapitel in diesem Roman.

Interessanterweise hat Fallwickl ihre männliche Hauptfigur Moritz als Synästhetiker entwickelt – was dieser jedoch nur Raf verriet, noch nicht einmal seine Mutter weiß davon, obwohl ihr dies manch seltsames Verhalten des Sohnes erklären würde. Dies Synästhesie Moritz‘ eröffnete der Autorin die Möglichkeit, dessen Gefühlsweltsehr plastisch und bildhaft darzustellen: flammende Farben, zerfließende, löchrige Auren um die Menschen, Gerüche, die nur er wahrnimmt. Überhaupt arbeitet Fallwickl stark mit Bildern, auch da, wo es unter Umständen gar nicht notwendig gewesen wäre, wenn beispielsweise es nach einem heißen Sommertag am Abend nicht einfach nur kühl wird, sondern sich die kühlen Finger der Nacht nach den Menschen ausstrecken…

Der Titel Dunkelgrün fast schwarz …. zweimal taucht diese Farbbezeichnung/-kombination im Romantext auf. Man kann sie auf drei der Figuren beziehen, auf Raffael, auf Moritz, aber auch auf Marie… eine interessante Frage: wo liegt die Querverbindung, was hat sich Fallwickl dabei gedacht, ausgerechnet zwischen Raf und Marie durch diese Farben eine Verbindung herzustellen? Denn das dies ohne Hintersinn so beschrieben ist, kann ich mir kaum vorstellen.

Das Ende eines Romans, die vielleicht schwierigste Aufgabe beim Schreiben, aber ich kann es nicht wirklich beurteilen, da ich als Leser nur das Ergebnis kenne. Bei Fallwickl jedenfalls steht es unter dem Motto ‚Gut, daß wir drüber geredet haben!‘ denn nach dem ‚Showdown‘ des Zusammentreffens in der Wohnung von Moritz scheint es plötzlich für Hauptfiguren kaum mehr ein Problem zu geben, hat das (Wort)Gewitter die Luft gereinigt und den Ausblick auf die Zukunft geklärt. So einfach ist es, ist es so einfach?

Irgendwo (ich habe mir leider nicht gemerkt, wo) hat die Autorin geschrieben, der Verlag hätte das ursprüngliche Manuskript deutlich gekürzt. Vielleicht wäre der Roman noch einen Tick ‚besser‘ geworden, wenn die Kürzung noch etwas stärker gewesen wäre (der Roman weist immerhin noch stolze 470 Seiten auf), die Handlung also konzentrierter, denn letztlich sind einige Passagen nur wiederholende Beispiele für prinzipiell schon Dargestelltes. Davon abgesehen jedoch ist der Roman, den die österreichische Kritikerin Rotraut Schöberl (noch silvesterbeseelt?) in ihrer kurzen Bemerkung zum Buch mit ‚Böllern auf einem Blechdach‘ verglich und in einen Atemzug mit z.B. Murakami nannte [https://www.puls4.com/cafepuls/Videos/beitraege/Die-Buchvorschau-2018!-589762] ein wunderschönes Stück Literatur, dem ich weite Verbreitung wünsche, ein sehr gelungenes Debüt… oh, Entschuldigung: ‚literarisches Debüt‘, das für die Zukunft viel von der Autorin erwarten läßt!

Hinweis: diese Besprechung wurde im Januar 2018 geschrieben, Inhalte aktuellerer Interviews der Autoren u.ä. sind also nicht mit eingearbeitet.

Ferner im Blog schon vorgestellt: Mareike Fallwickl: Auf Touren 

Mareike Fallwickl
Dunkelgrün fast schwarz
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 475 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplar.

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2 Kommentare zu „Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

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