Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

„Blutsbrüder“, sagte er, ohne zu lächeln.
„Was heißt das jetzt?“, fragte Moritz.
„Das wir jetzt mehr sind als Freunde. Wie verwandt“,
sagte Raf und schaute ihn immer noch an.
„Dass du mir gehörst.“

„Dass wir zusammengehören“, berichtigte Motz.
„Ja“, sagte Raf, aber Motz wusste, dass er es nicht so gemeint hatte.

Die junge österreichische Autorin (und hochgeschätzte Bloggerkollegin) Mareike Fallwickl [zur Autorin, die im Internet sehr aktiv ist, nur zwei Links: zur Homepage: http://mareikefallwickl.at und zum Literaturblog:  http://www.buecherwurmloch.at] legt mit Dunkelgrün fast schwarz ihr literarisches Debüt [eine wahrlich feinsinnige Unterscheidung des Verlages, denn ihre erste Romanveröffentlichung, die damit ungerechtfertigterweise als un-/nicht-literarisch abqualifiziert wird, hatte Fallwickl ja schon 2012 in einem kleineren Verlag: Mareike Fallwickl: Auf Touren]  in der Frankfurter Verlagsanstalt vor. Es ist ein Beziehungsroman, der von Verstrickungen handelt und von Abhängigkeiten, vom Ausnutzen und vom Ausgenutztwerden, vom Beherrschen und Sich-Behrrschen-Lassen, vom Schweigen und vom Leiden. Im Mittelpunkt stehen mit Moritz und Raffael zwei männliche Figuren, sowie Johanna, die Frau zwischen ihnen. Dies jedoch greift der Handlung schon etwas voraus, denn erst einmal werden wir als Leser mit deren Ausgangssituation vertraut gemacht…

Angesiedelt ist die Geschichte in der Region um Hallein im Salzburger Land, in der auch Fallwickl groß geworden und immer noch zuhause ist, insofern enthält der Roman eine Menge an Impulsen aus dem eigenen Erleben der Autorin [zur Entstehungsgeschichte ihres Romans schreibt die Autorin hier etwas: http://www.buecherwurmloch.at/2017/12/31/fuck-you-fear-der-weg-den-ich-gegangen-bin-und-warum-2018-so-ein-wichtiges-jahr-fuer-mich-wird/]. In einem der einleitenden Abschnitte des Buches, der uns in das Jahr 1986 zurückführt und wir mit Maria, der Mutter des damals noch dreijährigen Moritz, durch Dürrnberg (nahe bei Hallein) gehen, lernen wir den Ort kennen. Hier ist alles Berg und man stutzt als Leser einmal kurz, vermischen sich doch an einer Stelle mit der Realität des Buches und der Fiktion der Handlung zwei Ebenen: man begegnet bei diesem Rundgang der Frau wieder, der dieses Buch gewidmet ist [Edith Havel: http://www.salzburger-fenster.at/2017/11/29/liebe-ami/… In dieser Hinsicht also ist Dunkelgrün…. in der Tat ein sehr persönliches Buch…] Die Familie Schartauer, Marie, Alexander, Moritz und Sophia jedenfalls (letztere noch ein Säugling) ist erst frisch in diesen Ort gezogen, wo die Kinder aufwachsen sollen. Während der Mann, der noch in Wien Medizin studiert, aus dieser Region stammt, ist Marie mit den beiden Kindern eine Fremde. Auf dem örtlichen Spielplatz lernt sie Sabrina mit deren beiden Söhnen Raffael und Samuel (auch dieser noch ein Säugling) kennen , ein Spiegel sozusagen der eigenen Verhältnisse.

Wir sind jetzt Freunde. Schon damals zeigte sich, daß Raffael die Führung in dieser Freundschaft übernehmen würde… Viele Jahre später, wahrscheinlich im Lauf der Jahre sogar des öfteren, sollte sich Marie fragen, wie das Leben aller Beteiligten verlaufen wäre, wäre sie damals nicht auf diesen Kinderspielplatz gegangen oder vllt erst Momente später…

… denn der blonde und blauäugige Raffael, im Folgenden ‚Raf‘ genannt, ähnelt keineswegs seinem Namenspatron, dem Erzengel Raphael, der von Gläubigen ‚als heilende Kraft Gottes‘ verehrt wird. Im Gegenteil schöpft dieser Raf Freude und Vergnügen aus dem Leid und der Qual der anderen, ein gefallener Engel, ein kleiner Satan eher. Völlig skrupellos und ohne jegliche Empathie tyrannisiert er schon als kleines Kind nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Spiel- und später Schulkameraden, selbst die Erwachsenen setzen sich nicht gegen ihn durch. Wie beispielsweise Marie, die bei Moritz (sein Name als Kontrast zu Raffael, Moritz leitet sich von Mauritius ab und bezieht sich auf einen häufig als ‚Mohren‘ dargestellten Märtyrer), genannt ‚Motz‘, dem dunklen, weichen, nachgebenden, sich unterordnenden Synästhetiker Bissspuren entdeckt und die weiß, wer sie dort angebracht hat…

Raf und Motz werden ein unzertrennliches Freundespaar, in dem die Rollen und vor allem die Hierarchie festgelegt sind und das sich von anderen fernhält. Bis dann Johanna (‚Jo‘, auch der Name einer Heiligen) auftaucht in der Schule, ein tieftrauriges Mädchen, dessen Eltern bei einem Unfall gestorben sind und das jetzt bei einer ungeliebten Tante wohnt. Aus dem Zweierbund wird ein Dreierbund und gleichzeitig schält sich aus dem linkischen, pubertierenden Moritz ein junger Mann hervor, der das Objekt seiner ersten Liebe gefunden hat… und obwohl Raf der attraktivere Junge ist, derjenige, dem alle Mädchen nachlaufen, erwidert Jo das Werben von Moritz und Raf scheint sich damit zufrieden zu geben.

Dann wird Jo schwanger, die Eltern von Moritz, Marie und Alexander, bleiben hart: er muss die Verantwortung übernehmen. Anstatt auf die Kunsthochschule geht er daher nach der Matura auf den Bau, verdient Geld für seine zukünftige Familie….

Sechzehn Jahre sind mittlerweile vergangen (der Roman setzt zu diesen Zeitpunkt ein), Kristin, die Partnerin von Moritz, erwartet ihr erstes Kind, die beiden wohnen in Hallein, genießen die Zweisamkeit und warten auf die Geburt. Da schellt es eines Abends sehr spät an der Tür, ein gutaussehender Mann steht in der Tür: es ist Raf, damals spurlos verschwunden aus dem Leben von Motz, und er fragt, ob er übernachten kann, bietet eine lächerliche Ausrede, warum er auf einmal vor der Tür steht.

Aus der einen Nacht werden viele Nächte, wird eine problematische, spannungsgeladene Situation, die sich nochmals zuspitzt, als auf einmal auch noch Jo auftaucht, die damals ebenfalls für Moritz spurlos verschwand…


Fallwickl erzählt die Geschichte dieser drei Menschen – und noch weiterer – in recht  komplizierter Weise. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils einer dieser drei Personen gewidmet: Moritz, Johanna und Marie; Raffael hat keine eigenen Abschnitte, er spielt in fast allen Kapiteln seine Rolle, so wie sie die einzelnen Erzähler für sich empfinden. Innerhalb dieser Abschnitte untergliedert Fallwickl nach Jahren, wobei sie Schwerpunkte auf die Jahre setzt, in denen entscheidende Weichen gestellt worden sind. Das ist zum einen natürlich die Jetztzeit 2017, in der Raf wieder auftaucht und damit die verdrängte Vergangenheit für Moritz wieder lebendig wird, dann die Zeit kurz nach  der Jahrtausendwende, in der Johanna im Leben der beiden Jungs auftauchte, aber einige Abschnitte widmen sich auch Episoden, die in noch in den 80er bzw. 90er Jahren spielten und auch mit Marie zu tun haben. Diese zweifache Schachtelung bietet zwar die Möglichkeit, Spannungsbögen aufzubauen, verhindert jedoch auf der anderen Seite einen kontinuierlichen Lesefluss, in den man sich als Leser einfach hineinfallen lassen kann: immer wieder muss man umdenken, sich zurückerinnern…

So entfaltet sich im Lauf der Zeit ein Panorama von Schicksalen, die alle den eine oder andere Bruchstelle aufweisen. Marie war die ungeliebte Schwiegertochter, die – in den Augen der Schwiegermutter – ihrem hoffnungsvollen Sohn ein Kind untergeschoben hat. Später traf sie auf Christian, beschwichtigte ihre gelegentliche Fremdvögelei mit ihm mit der Ausrede, diese sei ein Ventil, welches den Bestand der Ehe sichere, aus der sie sonst wohl aufbrechen würde…. Sabrina ist das Ex-Model, dessen mögliche Karriere ebenfalls durch ein ungewolltes Kind beendet wurde noch bevor sie begann und die jetzt aufgerieben und ganz offensichtlich überfordert wird zwischen ihrem Mann Christian und ihrem Sohn Raffael. Ebenso bleiben ihre fast schon verzweifelt anmutenden Versuche, in Marie eine Freundin zu finden, von dieser unerhört… Moritz ist der Duldende, das Anhängsel zu Raf, dessen Schicksal in weiten Teilen fremdbestimmt wurde und Johanna ist das Mädchen und später die junge Frau, die ihre Trauer nicht ausleben konnte und die – wenn auch auf andere Art und Weise – Raf verfallen ist, Hörigkeit wäre ein Begriff, der sicherlich nicht falsch ist.

Überhaupt ist das Frauenbild, das sich in Fallwickl Roman zeigt, im Zeitalter der ‚#MeToo‘-Bewegung interessant. So legt sie ihrer ironieunverdächtigen Marie folgende Erkenntnis in den Mund: In Wahrheit begehren wir die, die uns verachten, die uns spüren lassen, dass wir niemals in ihrer Liga spielen werden. Betrachten man Marie, Sabrina und Johanna (also die drei weiblichen Hauptfiguren), fällt sofort auf, daß sich alle drei ein Kind haben machen lassen als sie noch selber fast Kind waren, alle drei (von Sabrina wird es nicht ausdrücklich gesagt, aber da sie mit Christian verheiratet ist, ist wohl davon auszugehen) mögen zumindest hin und wieder die härtere Gangart, in der sie sich unterordnen können bis hin zu Johanna, der ihre Submissivität letztlich sogar eine gewisse Macht verleiht. Und daß Christian sich anscheinend quer durch Hallein schläft und nicht davon auszugehen ist, daß er bei andern zum Frauenversteher geworden ist, weitet Fallwickl ihr Frauenbild im Grunde auf alle Frauen auf.

Die drei Frauen des Romans- drei unterschiedliche Typen. Sabrina ist die im Grunde extrovertierte, die ihre innere Leere und Verzweiflung unter diesem Deckmantel versteckt, Marie die eher schüchterne und nach innen gekehrte, die nur selten Worte findet für ihre Gedanken und Gefühle und Johanna ist letztlich diejenige, die die Verletzung, die ihr der Verlust der Eltern beigebracht hat, auf eher destruktive Art kompensiert: sie lebt davon, im Internet auf diversen Kanälen den ‚Müll‘ der Welt abzuladen – und Raf hinter zu fahren und überall auf der Welt zu suchen, eine Art Spiel, das beide miteinander spielen… Während ich – ich muss es zugeben – mit den Passagen Johannas manchmal des durchdringenden Selbstmitleids wegen (sie hat offensichtlich nie einen gesunden Weg gefunden, den Tod ihrer Eltern in ihr Leben zu integrieren) meine Schwierigkeiten hatte, hat Fallwickl für ihre Marie einen über weite Passagen wunderschönen Stil gefunden. Marie, die Mutter, die für ihre Kinder lebt, die mit ihren Kindern leidet und sich freut, die aber auch unter den Belastungen, der eine zweifache Mutter ausgesetzt ist, leidet, die verzweifelt ist, weil sie so viel mehr als ihr Moritz sieht und weiß und die sicher ist, sicher sein kann, daß ihrem Moritz irgendwann sehr weh getan werden wird – das alles sind sehr gelungene, einfühlsame und sensible (durch die eigenen Erfahrungen als Mutter mitgeprägte) Textstellen und Kapitel in diesem Roman.

Interessanterweise hat Fallwickl ihre männliche Hauptfigur Moritz als Synästhetiker entwickelt – was dieser jedoch nur Raf verriet, noch nicht einmal seine Mutter weiß davon, obwohl ihr dies manch seltsames Verhalten des Sohnes erklären würde. Dies Synästhesie Moritz‘ eröffnete der Autorin die Möglichkeit, dessen Gefühlsweltsehr plastisch und bildhaft darzustellen: flammende Farben, zerfließende, löchrige Auren um die Menschen, Gerüche, die nur er wahrnimmt. Überhaupt arbeitet Fallwickl stark mit Bildern, auch da, wo es unter Umständen gar nicht notwendig gewesen wäre, wenn beispielsweise es nach einem heißen Sommertag am Abend nicht einfach nur kühl wird, sondern sich die kühlen Finger der Nacht nach den Menschen ausstrecken…

Der Titel Dunkelgrün fast schwarz …. zweimal taucht diese Farbbezeichnung/-kombination im Romantext auf. Man kann sie auf drei der Figuren beziehen, auf Raffael, auf Moritz, aber auch auf Marie… eine interessante Frage: wo liegt die Querverbindung, was hat sich Fallwickl dabei gedacht, ausgerechnet zwischen Raf und Marie durch diese Farben eine Verbindung herzustellen? Denn das dies ohne Hintersinn so beschrieben ist, kann ich mir kaum vorstellen.

Das Ende eines Romans, die vielleicht schwierigste Aufgabe beim Schreiben, aber ich kann es nicht wirklich beurteilen, da ich als Leser nur das Ergebnis kenne. Bei Fallwickl jedenfalls steht es unter dem Motto ‚Gut, daß wir drüber geredet haben!‘ denn nach dem ‚Showdown‘ des Zusammentreffens in der Wohnung von Moritz scheint es plötzlich für Hauptfiguren kaum mehr ein Problem zu geben, hat das (Wort)Gewitter die Luft gereinigt und den Ausblick auf die Zukunft geklärt. So einfach ist es, ist es so einfach?

Irgendwo (ich habe mir leider nicht gemerkt, wo) hat die Autorin geschrieben, der Verlag hätte das ursprüngliche Manuskript deutlich gekürzt. Vielleicht wäre der Roman noch einen Tick ‚besser‘ geworden, wenn die Kürzung noch etwas stärker gewesen wäre (der Roman weist immerhin noch stolze 470 Seiten auf), die Handlung also konzentrierter, denn letztlich sind einige Passagen nur wiederholende Beispiele für prinzipiell schon Dargestelltes. Davon abgesehen jedoch ist der Roman, den die österreichische Kritikerin Rotraut Schöberl (noch silvesterbeseelt?) in ihrer kurzen Bemerkung zum Buch mit ‚Böllern auf einem Blechdach‘ verglich und in einen Atemzug mit z.B. Murakami nannte [https://www.puls4.com/cafepuls/Videos/beitraege/Die-Buchvorschau-2018!-589762] ein wunderschönes Stück Literatur, dem ich weite Verbreitung wünsche, ein sehr gelungenes Debüt… oh, Entschuldigung: ‚literarisches Debüt‘, das für die Zukunft viel von der Autorin erwarten läßt!

Hinweis: diese Besprechung wurde im Januar 2018 geschrieben, Inhalte aktuellerer Interviews der Autoren u.ä. sind also nicht mit eingearbeitet.

Ferner im Blog schon vorgestellt: Mareike Fallwickl: Auf Touren 

Mareike Fallwickl
Dunkelgrün fast schwarz
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 475 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplar.

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Lasha Bugadze: LUCRECIA515

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Yael Hedaya: Liebe pur

hedaya

Yael Hedaya [1] gehört zu den erfolgreichen und wichtigen jungen israelischen Autorinnen, ich habe sie hier vor einigen Jahren mit ihrer Erzählung Die Sache mit dem Glück schon einmal vorgestellt. Hier und heute also ihr Liebe pur, eine Erzählung, die schon 1997 erstveröffentlicht wurde, bevor sie von Diogenes im Jahr 2000 auf Deutsch herausgebracht worden war.

Die Geschichte wird aus der Sicht der drei Hauptfiguren erzählt. Das sind zum einen die zwei Menschen, Mann und Frau, und zum anderen ist es ein Hund. Während dem Hund notgedrungen im Lauf der Handlung ein Name, nämlich ‚Anonymus‘ verpasst wird, bleiben die beiden menschlichen Hauptfiguren die ganze Zeit namenlos.

Was erfahren wir von ihnen? Der Mann ist dreiunddreißig Jahre alt, erlebt im Lauf des Jahres, das die Handlung überstreicht seinen vierundreißigsten Geburtstag. Er arbeitet beim Film, ist Single mit einer günstigen Wohnung. Seine beste Freundin, mit der er auch regelmäßig schläft, verkuppelt ihn ebenso regelmäßig über Blind Dates an andere Frauen. Aus diesen Treffen ergeben sich keine Beziehungen, es geht ihm im Grunde nur darum, mit den Frauen ein unverbindliches sexuelles Abenteuer zu erleben.

Die Frau, sie dürfte in seinem Alter sein, möglicherweise auch ein wenig jünger, ist Übersetzerin, auch sie lebt allein. Ebenso wie der Mann erlebt auch sie sexuelle Abenteuer, die jedoch nicht immer befriedigend sind, manchmal geschieht ‚es‘ (so weit der Mann seinen Mann überhaupt stehen kann) einfach aus Mitleid, daß sie mit ihren temporären Partnern empfindet.

Der Hund – auch seine Geschichte erfahren wir sowie ebenfalls die Tatsache, daß die gesamte Handlung nicht gut ausgehen wird – tritt als kleiner Welpe in die Story ein. Die Mutterhündin wurde mit ihren Welpen von städtischen Hundefängern eingefangen, dieser eine einsame Welpe, der sich versteckt, streunt hungrig durch die Straßen und fängt sich vorwiegend Tritte ein.

An diesem Abend anfangs des Oktober treffen die drei zusammen: Mann und Frau sitzen nach einem durch die Kupplerfreundin vermittelten Treffen noch im Auto, sie nimmt ihn auf eine Tasse Kaffee in ihre Wohnung mit und beim Aussteigen sehen sie den süßen Welpen, den sie mit hochnehmen, um ihm was zu fressen zu geben. ‚Nach dem Kaffee bring ich ihn runter‘ [meinte der Mann]. – Doch der Mann und der Hund bleiben zum Schlafen da.

Der letzte Satz deutet es an: es wird für die beiden Protagonisten  komplizierter  als gedacht, denn irgendetwas ist anders als sonst, hat sich in den üblichen Ablauf eines Blind Dates mit nachfolgendem ONS eingeschlichen…

… und zwar sind es  Gefühle. Und diese Gefühle werden keineswegs freudig wahrgenommen. Sie verunsichern, werden bezweifelt, weggeschoben, überspielt… der Hund dient ihnen fürderhin als Projektionsfläche für diese unbekannte Gefühlswelt, dieses Terrain, auf dem sie in den nächster Zeit immer wieder ausrutschen und ins Trudeln kommen. Projektionsfläche: der Mann überschüttet den Welpen mit Spielzeug und Leckerchen, geht mit ihm spazieren. Er wird in Momenten des Ärgers, der Wut und/oder der Unsicherheit aber auch getreten, ins Bad eingesperrt und nachher grob gestraft, wenn er dort notgedrungen eine Pfütze hinterläßt….

Hedaya entwickelt aus dieser Ausgangsituation zweier Singles, die Probleme haben, sich zu ihrem Gefühl zu bekennen und sich auf den jeweils anderen einzulassen, eine Beziehung als Achterbahnfahrt. Peu à peu bringt der Mann im Lauf der Wochen seine Sachen in die Wohnung der Frau, sie überlässt ihm Platz in ihren Schränken. Schließlich gibt er (was für ihn, der bislang vor jeder Bindung scheute, ein großer Schritt ist) sogar sein Appartement ganz auf…. Immer wieder aber auch beschreibt Hedaya Szenen der Streits, der Auseinandersetzung. Sorgsam achten die Protagonisten darauf, sich Rückzugsmöglichkeiten offenzuhalten, immer ist eine ‚Trennung‘ eine mögliche Option, ein Satz wie ‚Ich liebe dich‘ ängstigt und erschreckt zuverlässig.

Die Angst – die Frau erkennt dies als Motiv für ihr Verhalten, die Angst vor dem Alleinsein. Diese Angst ändert sich im Lauf des Jahres, sie wird durch die noch schlimmer Angst abgelöst, wieder allein zu sein….

Für einige Zeit bekennen sie sich auch nach außen hin als Paar, sie laden Freunde ein, planen und bereiten aufwändige Essen vor. In diesen Zeiten stört der Hund, er wird weggesperrt so wie seine beiden Menschen ihre Probleme überspielen und verdrängen.

Im gemeinsamen Urlaub fahren sie nach Paris, hier wird die Beziehung zu einem Machtspiel. Die Frau, die sich durch den sexuellen Appetit des Mannes teilweise bedrängt fühlt, kann hier ihre temporäre Überlegenheit ausspielen: sie, als Übersetzerin, beherrscht die Sprache, kann ihren Mann, wenn sie beispielsweise im Restaurant Essen für ihn auswählt, dominieren. Untätig und schmollend im Hotel hockend verbringt der Mann den größten Teil des Tages allein, seine Wut nimmt ständig zu. Daß sie, ohne ihn zu fragen, mit einer neuen Kurzhaarfrisur wieder ins Hotel kommt, macht das Maß für ihn voll (obwohl er sich insgeheim eingestehen muss, daß die Frisur ihr gut steht)….


Hedaya erzählt diese Geschichte zweier Menschen, die weder bereit sind, sich ihre Gefühle einzugestehen noch dazu, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, mit nüchternen, klaren Sätzen. Es ist nichts kompliziertes an dem Buch, die Sprache ist so schnörkellos wie die beschriebene Beziehung lieblos ist, es passt also. Der Angst vor dem Alleinsein bei der Frau steht die Angst des Mannes gegenüber, sich zu binden. Für ihn hatte es etwas Beruhigendes zu wissen, daß er der Frau jederzeit einen Laufpass geben könnte, wenn die alten Feinde – die Ruhelosigkeit, die Langeweile, das Gefühl, abermals genarrt geworden zu sein – ihn wieder überfielen. […] Er nahm sich jedoch fest vor, nicht zuzulassen, daß die Frau ihn enttäuschte […] es würde garantiert passieren, höchstens eine Frage von Tagen, … diese Haltung aus den ersten Tagen der Bekanntschaft legt er im Grunde nie ab. Was er primär will, ist unverbindlicher Sex, allzeit verfügbar, tiefer gehende Gefühle verunsichern ihn nur.

So binden ihn keine Gefühle an die Frau, sondern der Hund, den sie am ersten Abend gemeinsam auf der Straße aufgelesen haben. Wäre der Hund nicht (mehr) da, würde auch die Frau zu einer beliebigen Frau, die er eben gerade vögelt, werden, er könnte glauben, daß er keine Partnerin hat, … daß die Frau, mit der er schlief, eine fremde Frau war. Dieser Sex (mit der nicht fremden Frau) ist seine Machtposition der Frau gegenüber, ist ihr Preis für das Nicht-mehr-Alleinsein. Hier äußert sich auch der innere Konflikt, in dem der Mann steht, er übt den Sex ohne Rücksicht aus, wochenlang liegt die Frau ohne Lust, aber inständig darauf hoffend, daß die Brutalität nur eine Phase sei, unter ihm, spielt das Spiel mit, zerkratzt ihm den Rücken und macht ihn glauben, ihre Tränen seien Tränen des Glücks.

Es ist eine spröde, traurige Geschichte einsamer Menschen, die uns Hedaya erzählt. Ohne Rücksicht analysiert sie Defizite des ‚modernen‘ Singles, den sie als bindungsunfähig und hedonistisch erkennt, auf der Suche nach unverbindlichem Sex und getrieben einzig durch die Angst vor dem Alleinsein. Die Möglichkeit des Zusammenlebens mit einem anderen Menschen aus einem positiven Ansatz heraus, eben dem Gefühl der Zuneigung oder Liebe, irritiert sie, sich dafür einzuschränken, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, haben sie nie gelernt….

Die Handlung der Geschichte verläuft, soweit sie aus der Perspektive der Menschen geschildert wird, weitgehend chronologisch. Der Part des Hundes dagegen deutet mehr Überblick an: da Hedaya in der Eingangszene (und nachher noch einmal in einer weiteren Passage) das Schicksal des Hundes früh offenlegt, kann sie diesen auch in Rückblenden erzählen lassen, als quasi auktorialen Erzähler, dessen Schicksal das verbindende Moment der beiden Menschen ist.

Liebe pur (wer hat sich eigentlich diesen Titel einfallen lassen?) ist, auch wenn die Autorin am Ende des Textes eine Tür öffnet, hinter des für die beiden Menschen weitergehen könnte, ein Buch weniger über die Liebe als vielmehr über die Unfähigkeit dazu, über Bindungsängste und Egoismen. Eine kleine, aber feine und irgendwie auch zeitlose Lektüre.

Postscriptum: Der Hund hat mir leidgetan, in vielen Szenen einfach nur leidgetan.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenportraits bei Diogenes: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/h/yael-hedaya.html
[2] Yael Hedaya: Die Sache mit dem Glück; https://radiergummi.wordpress.com…-gluck/

Yael Hedaya
Liebe pur
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Melcer
Originalausgabe: Schloscha sippurej ahawa (Drei Liebesgeschichten), Tel Aviv 1997
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 210 S., (aber:) 2001

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder: Alte Liebe

heidenreich

Eine Freundin hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht, diese hatte es wiederum von ihrer Freundin genannt bekommen, jene ihrerseits kam von einer Veranstaltung, in der die beiden Rollen dieses (fast) Zwei-Personenstückes von einer Frau und einem Mann gelesen wurden. Damit ist schon ein wenig über dieses Stück Literatur gesagt, das ich förmlich verschlungen habe und das mir am Ende (ich hätte Heidenreich und Schröder an die Wand klatschen können…) sogar Tränen in die Augen trieb.


Sie sind seit langem zusammen, Lore und Harry, seit vier Jahrzehnten, ein eingespieltes Ehepaar. Sie arbeitet noch in einer Bibliothek, hält sich dort für unverzichtbar, obwohl diese Unverzichtbarkeitsvermutung möglicherweise auch nur die Befürchtung bemäntelt, wenn sie ebenso wie ihr schon in Rente befindlicher Mann zu Hause wäre, das … nun ja, wäre nicht gut. Denn auch wenn sie eingespielt sind, sind sie unterschiedlich, haben sich ihre individuellen Leben auseinander gelebt. Für Harry, der nach außen hin etwas stoffelig daher kommt, ist der Garten, den er mit viel Einsatz und mittlerweile auch Kennerschaft bearbeitet, sein Ein und Alles, ein oder zwei Bierchen gehören dazu und daß er Golf spielt (er, ein Ex-Achtundsechziger! Lore ist fassungslos: mit einem Benz zum Golfspielen fahren) hat er nur der gewonnenen Wette gegen Ede, seinen Freund zu verdanken. Daß er Golf nach wie vor auch langweilig und ätzend findet… soll Lore doch erst einmal ruhig ein wenig den Kopf schütteln…

Lore dagegen ist Kulturschaffende und hadert damit, daß er sie nicht zu ‚Martin‘ begleitet (wie sowieso fast nie zu solchen Abenden und wenn er es ausnahmsweise tat, dann gab es gleich so etwas wie einen Eklat, weil er kein Blatt vor den Mund nahm…. aber zurück zu Martin,) dessen Lesung in der Stadt sie wieder organisiert hat. Harry dagegen ist zufrieden mit der Zeitung am Morgen, von acht bis elf…. und so stoffelig, brummig und einsilbig Harry sich auch gibt: während Lore sich in der Literatur auskennt, kennt er eine Menge Hintergründe aus der Zeitung, er liest eben nicht nur das Feuilleton… auch zu und über Walser weiß er einiges, was Lore unbekannt ist…. und wenn Lore ehrlich ist zu sich selbst, dann muss sie zugeben, daß bei weitem nicht jeder ein Engel ist, nur weil er schreiben und vorlesen kann: Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie mal waren. 

Der Aufhänger des Romans ist jedoch Gloria, die gemeinsame Tochter, das gemeinsame Sorgenkind: es steht dritte Eheschließung ins Haus, die Eltern sind eingeladen (natürlich) und Harry weigert sich. Sieht keinen Sinn in dieser Ehe (und dann auch noch in einer solchen!), sieht keine Linie im Leben seiner Tochter, die nicht nur eine, sondern viele Ausbildungen abgebrochen hat, die überforderte alleinerziehende Mutter eines furchterregend verzogenen Mädchens ist. Und jetzt wieder heiratet, in eine Familie mit viel Geld, unter Umständen auch nur ’noch‘ viel Geld, die genau das darstellt, gegen das sie beide damals auf die Straße gingen…. wie gesagt, Harry weiß mehr als es den Anschein hat.

Lieben sie sich eigentlich noch, Lore und Harry? Und wenn, warum? Und wenn, warum zeigen sie es sich nicht, ändern sich nicht? Sie kennen sich in- und auswendig, haben sich beim Älterwerden beobachtet, haben ihre Rituale, haben ihre Reviere in der Ehe, die sie gegeneinander verteidigen. Haben ihre kleinen Seitensprünge (und seien sie auch nur in der Fantasie und unvollendet), die sie tapfer und konsequent voreinander leugnen und wollen die Erinnerungen an früher, an wildere Zeiten und mehr Gefühle nicht missen.

Glorias Hochzeit mit dem Kotzbrocken wirkt wie ein Erweckungsruf auf beide: der Geist der achtundsechziger Jahre wacht noch einmal auf in ihnen, der Widerstand gegen diese aufgebrezelte, verlogene Veranstaltung zeigt ihnen, wie wertvoll sie sich gegenseitig sind und daß dies jede Mühe wert ist, sich zu ändern….


Alte Liebe ist eine kleine Leseperle. Ein wenig melancholisch, manchmal ruppig, manchmal sentimental, zweifelnd und räsonnierend blickt hier ein in Gemeinsamkeit gealtertes Ehepaar auf sein Leben zurück, in dem die Liebe sich dem Leben angepasst hat, aber nie verloren gegangen ist, auch wenn sie hinter manch grummeligem Vorwurf gut versteckt wird. Sie sind älter geworden, aber sie finden die Kraft noch, dieses Gefühl hervorzuzerren aus seinem Versteck, es wieder an die Oberfläche zu bringen und es zu leben…

Das alles ist in realitätsnahen und flotten Dialogen geschrieben, in inneren Monologen, zu denen man einfach: ‚ ja, ja, so ist es, genauso denkt es mir auch manchmal….‘ rufen möchte. Und wer schon ein wenig älter ist, möglicherweise sogar in dem Alter von Harry und Lore, der wird sich möglicherweise wieder erkennen und mit einem schmunzeln denken: ach, würde ich doch die Kraft finden, mich noch einmal zu ändern, so wie sie die beiden Autoren Lore und Harry auf den Pelz geschrieben haben…. wie gesagt: möglicherweise…

Heidenreich und Schröder, davon darf man ausgehen, da sie über lange Jahre selbst ein Paar waren, wissen, wovon sie geschrieben haben und das merkt man beim Lesen. Und auch wenn der letzte Abschnitt einen traurigen Kontrapunkt setzt, das Büchlein kann ich jedem als wunderschöne Unterhaltung, bei der man ausserdem noch viel über das Leben lernen kann, ans Herz legen. Der letzte Abschnitt.. aber das habe ich ja eingangs schon gesagt….. und daß es daneben noch einiges an Seitenhieben auf unsere Gesellschaft im allgemeinen und die Literaturszene im besonderen gibt, trägt erheblich zum Lesevergnügen bei.

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder
Alte Liebe
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 192 S., 2009

Adam Olschewski: Ewa

Daniel Olschewski ist ein junger, in Deutschland lebender, polnischer Autor, der 2007 mit „Ewa“ sein Romandebut vorgelegt hat, dem aber – zumindest bin ich nicht fündig geworden – bis dato noch kein weiteres Buch gefolgt ist. „Ewa“ nicht „Eva“, das deutet schon darauf hin, daß hier (auch) polnisches verarbeitet wird, Ewa, die mit Nachnamen „Bruner“ heißt, also einen fast deutschen Namen trägt, hat einen Gegenpart, nämlich R, Rainer, der zu seinem urdeutschen Vornamen den fast polnischen Nachnamen Zabka führt, das (beinahe)-Fröschchen. Frau und Mann, das ist oft die Geschichte eines Gefühls, einer Liebe, einer Zugehörigkeit, einer Abhängigkeit, einer Rebellion, die auch in Hass umschlagen kann, Hass, der unter Umständen gar keinen ausdrücklichen Grund hat, sondern der sich entwickelt, weil Hass oft langsam gärend einfach auf seine Zeit wartet. Und Polen und Deutschland ist auch ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, zweier Lebensweisen und differenter Arten, das Leben zu leben. Polen und Deutschland, das sind zwei, die eine gemeinsame Geschichte haben und praktisch immer waren die Polen deren Leidtragende…..

Die Geschichte spielt, so läßt sich schlussfolgern, Anfang bis Mitte der 90er Jahre vorwiegend in Berlin, zeitlich jedenfalls so, daß Clara Schumann noch mit das Sagen hat – in der Alltagswelt zumindest. Ewa war 1984 als 14jährige nach Deutschland gekommen, die Eltern hatten beschlossen, aus ihrem Urlaub nicht mehr nach Polen zurückzukehren. Dem jungen Mädchen war das recht, auch wenn sie Deutschland im wesentlichen vom Quelle-Katalog her kannt….. Dies ist aber Vergangenheit, wir erfahren nicht allzuviel über diese ersten Jahre, die sie in Deutschland verlebt. Im Gegenteil, wir lernen sie gleich zu Beginn der Geschichte im Vorgriff auf das Ende des Buches kennen: in einer temporeichen, kaum durch Absätze unterbrochenen Einführung schildert der Autor, wie eine, die junge Frau einen Mann, der offensichtlich durch einen Schlaganfall an einen Rollstuhl gebunden ist, packt, in eine Auto zerrt, ihm den Finger bricht und sie die feste Absicht hat, ihn zu töten.

Sie hatte ihn im Zug kennen gelernt, er gab ihr eine Tablette gegen ihren Schmerz, ein älterer Herr, älter als sie zumindest, so um die 50 Jahre, keine Brustbehaarung, was ihr wichtig war („.. Falls…“) und was sie wegen der zwei geöffneten obersten Hemdenknöpfe sehen konnte. Ansonsten: ein Aussehen nach potentierter Gesundheit, das etwas Hohlwangige könnte sie auffüttern, die Augenbrauen berühren sich nur beinahe, was wichtig. War. Die Nase noch nie gebrochen, ein Mann, der Risiken einzuschätzen weiß… und er? Blickte auf unebene, nicht übermäßig volle, aber nicht dünne Lippen, auf sehr hohe Wangenknochen mit Wangen, die eine noch durchaus akzeptable Tendenz zur Pausbäckigkeit aufwiesen, auf ein zartes Erröten vor Verlegenheit, Scham oder Übermut, auf Augen wie Murmeln: „..Schön war sie, ausgesprochen schön sogar. …. endlich eine Frau. Eine echte, die von Gefühlswallung zu Gefühlswallung taumelte. Ohne einen klaren Plan fürs Dasein, lediglich mit Instinkt ausgestattet….“

So kamen sie ins Gespräch, obwohl er sich anfänglich nur gestört fühlte bei seine Zeitungslektüre, für ihn als Chefredakteur einer Berliner Tageszeitung Beruf, aber das ließ sie nicht gelten, es reizte sie, diesen sich ihr Entziehenden zu ködern. Und für ihn wurde ihr Ködern eine Chance, der er schließlich nachlief und die er erhaschte. Und sie blieben im Gespräch, sahen sich regelmäßig, ihm, Rainer, dem Hanseaten, war die Beschränkung auf das Wochenende, bedingt durch die unterschiedlichen Wohnorte, durchaus genügend. Ihr. Nicht. Daher zogen siezusammen bzw. sie zog zu ihm nach Berlin, in seine Wohnung. Er ging fortan zur Arbeit, sie blieb im Bett. Vertrieb sich den Tag mit Totschlagen. Von Zeit. Erlag der Bequemlichkeit, die die Scheckkarte des Mannes bot….. „Liebe wurde zum Tauschgeschäft: etwas für etwas und nichts für nichts.“ Er: musste strampeln, im Job, andere, keine Zeitungsleute, verlangten nach Gewinn, weniger nach journalistischer Qualität.

Ein Schlaganfall, ein Sturz die Treppe hinunter (das sie ihn gestoßen habe: eine Ausgeburt. Seines. Hirns.) Rien ne va plus. Bei. Ihm. Aber: Jetzt konnte sie ihn dorthin bringen, wo sie ihn immer hatte haben wollen und er sich stets gewehrt hatte. Endlich. ….

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Die Gegensätze: R, der Hanseate mit einem Leben, das wie auf Schienen läuft, der Genauigkeit verpflichtet, dem Oberlehrerhaften, mit dem er gerne Vorträge hält, Ordnung und Pünktlichkeit – man kennt das an Deutschen. Sie dagegen impulsiv, aus dem Gefühl heraus, ohne Ziel im Leben aber nicht ohne Plan, läßt sich durch Bequemlichkeit und Geld ködern, ist gut Freund mit dem Fernsehen, proletarisch eben. Und nach wenigen Jahren Kleidergröße 44. Die Gegensätze, die sich einst anzogen, stoßen sich immer mehr ab, sie mutiert in den inneren Monologen zur Gans, bei ihr entwickelt sich eine Abneigung, die zu Hass wird und ihrer potentiellen Gewalttätigkeit ein Feld bieten sollte. Es ist ihr alles zuzutrauen, brutal bricht sie einem Jungen, der den „Benz“ verkratzt, den Arm, verscheucht dessen Freunde mit gezückter Pistole.

Natürlich gibt es nicht nur diese beiden Personen in diesem Roman. Um diese herum spielen andere einen durchaus relevante Rolle: Jagoda, die noch in Polen lebende Cousine Ewas, Gotfryd, der spät in der Handlung auftritt und der wohl mit beiden was hat (so wie R auch mit Jagoda?, eine Andeutung läßt dies vermuten), die Mutter von R, die Ewa nicht ausstehen kann, die sie durchschaut, die aber keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn hat, das Verhältnis dieser beiden nur noch auf der formalen Ebene.. Freunde hat R wohl nicht, Arbeitskollegen, die immer auch Konkurrenten sind, Chefs, die immer auch Richter über ihn, der mit einer Polin zusammenlebt, sind….

Ewa hat einen Plan, der sich peu a peu offenbart, R dagegen, bewegungsunfähig und verstummt auf der Pistole sitzend im Benz, hat ein letztes Fünkchen Vertrauen in sie, daß sie ihm nur einen Schrecken einjagen will, ihn bittend und bettelnd sehen will (der er nicht nachzukommen entschlossen ist, nicht einmal der von Ewa gebrochene Finger entlockt ihm sichtbare Äußerungen des Schmerzes), doch wie es so mit Plänen ist, manchmal kommt es anders, wird der Jäger. Zum Gejagten, wird der Betrüger zum Betrogenen… Für R bleibt dies letztlich. Egal….

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In „Ewa“ feiern die Vorurteile, die man so über Polen und Deutschland, Polen und Deutsche hat, fröhliche Urstände: gehen wir davon aus, daß der Autor, selbst in Polen geboren und in Deutschland lebend, sich da auskennt. Wirklich gut schneidet keins der beiden Länder ab, beiden bekommen sie ihr Fett weg… Damit kann natürlich auch die Beziehung zwischen Ewa und R als Clash zweier „Kulturen“ bzw. Lebensphilosophien interpretiert werden, die anfänglich zwar in der Lage sind, eigene Defizite zu bedienen und auszugleichen, die sich aber im Lauf der Zeit immer fremder werden. Ändern jedenfalls tut sich keine der Parteien… Woher Olschewski allerdings den ins Mörderische wachsenden Hass seiner Ewa nimmt, das blieb mir rätselhaft…

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Der Text selbst ist nicht immer ganz einfach zu. Lesen. Wie ich auch in dieser Besprechung plagiiert habe, liebt es Olschewski, die Worte seiner Sätze durch Punkte. Abzusetzen. Ähh… puhhh… ja. Es ist so. Warum. Weiß. Ich. Nicht. Vielleicht auch nur als Alleinstellungsmerkmal gedacht…. Nach dem temporeichen (obwohl auch hier schon innere Monologe eingestreut sind) Beginn des Romans, der durchaus auch einen Thriller einleiten könnte, verliert das Buch ein wenig an Fahrt, weil sehr viel in – den schon erwähnten – inneren Monologen dargelegt wird. Zeichen dafür, daß die Beziehung des Paares wortlos war, nicht durch Diskussionen, Gespräche geprägt? Dadurch die Notwendigkeit, alles mit sich selbst zu besprechen, gegeben war? Auch bei diesen Monologen, in denen sich die Entwicklung der Beziehung offenbart, muss man aufmerksam sein, da der Autor manchmal mitten im Satz zur Gegenseite, zur anderen Person wechselt, völlig unvermittelt aus deren Sicht weiter monologisiert…. gewöhnungsbedürftig und die allermeisten wahrscheinlich ratlos zurücklassend (und damit den Leser in die Rolle R´s drängend) auch die unübersetzten Einsprengsel in polnischer Sprache.

„Ewa“ beginnt als Beziehungsgeschichte zweier ungleicher Partner. Dieser Plot wird sukzessive unterwandert von krimiartigen Elementen, bis die Geschichte am Ende dann zu einem fast lupenreinen Krimi mutiert ist, der durchaus überraschende Elemente aufweist und nur Verlierer zurückläßt. Zumindest in Bezug auf R und Ewa.

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Was bleibt bei mir vom Buch? Sicherlich ist dieser Roman kein „Muss“, manches ist doch zu stereotyp, zu holzschnittartig. Andererseits würde es mich interessieren, wie sich der Autor weiter entwickelt hat, aber wie eingangs erwähnt, der Erstling scheint ein Einling zu sein…. So mag, wer ihm habhaft werden kann, „Ewa“ zwischendurch lesen, als Abwechselung, der Roman hat jedenfalls sein Eigenes.

Adam Olschewski
Ewa
diese Ausgabe: Rogner & Bernhard, HC, ca. 343 S., 2007