Lasha Bugadze: LUCRECIA515

5. November 2017

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

Yael Hedaya: Liebe pur

16. November 2016

hedaya

Yael Hedaya [1] gehört zu den erfolgreichen und wichtigen jungen israelischen Autorinnen, ich habe sie hier vor einigen Jahren mit ihrer Erzählung Die Sache mit dem Glück schon einmal vorgestellt. Hier und heute also ihr Liebe pur, eine Erzählung, die schon 1997 erstveröffentlicht wurde, bevor sie von Diogenes im Jahr 2000 auf Deutsch herausgebracht worden war.

Die Geschichte wird aus der Sicht der drei Hauptfiguren erzählt. Das sind zum einen die zwei Menschen, Mann und Frau, und zum anderen ist es ein Hund. Während dem Hund notgedrungen im Lauf der Handlung ein Name, nämlich ‚Anonymus‘ verpasst wird, bleiben die beiden menschlichen Hauptfiguren die ganze Zeit namenlos.

Was erfahren wir von ihnen? Der Mann ist dreiunddreißig Jahre alt, erlebt im Lauf des Jahres, das die Handlung überstreicht seinen vierundreißigsten Geburtstag. Er arbeitet beim Film, ist Single mit einer günstigen Wohnung. Seine beste Freundin, mit der er auch regelmäßig schläft, verkuppelt ihn ebenso regelmäßig über Blind Dates an andere Frauen. Aus diesen Treffen ergeben sich keine Beziehungen, es geht ihm im Grunde nur darum, mit den Frauen ein unverbindliches sexuelles Abenteuer zu erleben.

Die Frau, sie dürfte in seinem Alter sein, möglicherweise auch ein wenig jünger, ist Übersetzerin, auch sie lebt allein. Ebenso wie der Mann erlebt auch sie sexuelle Abenteuer, die jedoch nicht immer befriedigend sind, manchmal geschieht ‚es‘ (so weit der Mann seinen Mann überhaupt stehen kann) einfach aus Mitleid, daß sie mit ihren temporären Partnern empfindet.

Der Hund – auch seine Geschichte erfahren wir sowie ebenfalls die Tatsache, daß die gesamte Handlung nicht gut ausgehen wird – tritt als kleiner Welpe in die Story ein. Die Mutterhündin wurde mit ihren Welpen von städtischen Hundefängern eingefangen, dieser eine einsame Welpe, der sich versteckt, streunt hungrig durch die Straßen und fängt sich vorwiegend Tritte ein.

An diesem Abend anfangs des Oktober treffen die drei zusammen: Mann und Frau sitzen nach einem durch die Kupplerfreundin vermittelten Treffen noch im Auto, sie nimmt ihn auf eine Tasse Kaffee in ihre Wohnung mit und beim Aussteigen sehen sie den süßen Welpen, den sie mit hochnehmen, um ihm was zu fressen zu geben. ‚Nach dem Kaffee bring ich ihn runter‘ [meinte der Mann]. – Doch der Mann und der Hund bleiben zum Schlafen da.

Der letzte Satz deutet es an: es wird für die beiden Protagonisten  komplizierter  als gedacht, denn irgendetwas ist anders als sonst, hat sich in den üblichen Ablauf eines Blind Dates mit nachfolgendem ONS eingeschlichen…

… und zwar sind es  Gefühle. Und diese Gefühle werden keineswegs freudig wahrgenommen. Sie verunsichern, werden bezweifelt, weggeschoben, überspielt… der Hund dient ihnen fürderhin als Projektionsfläche für diese unbekannte Gefühlswelt, dieses Terrain, auf dem sie in den nächster Zeit immer wieder ausrutschen und ins Trudeln kommen. Projektionsfläche: der Mann überschüttet den Welpen mit Spielzeug und Leckerchen, geht mit ihm spazieren. Er wird in Momenten des Ärgers, der Wut und/oder der Unsicherheit aber auch getreten, ins Bad eingesperrt und nachher grob gestraft, wenn er dort notgedrungen eine Pfütze hinterläßt….

Hedaya entwickelt aus dieser Ausgangsituation zweier Singles, die Probleme haben, sich zu ihrem Gefühl zu bekennen und sich auf den jeweils anderen einzulassen, eine Beziehung als Achterbahnfahrt. Peu à peu bringt der Mann im Lauf der Wochen seine Sachen in die Wohnung der Frau, sie überlässt ihm Platz in ihren Schränken. Schließlich gibt er (was für ihn, der bislang vor jeder Bindung scheute, ein großer Schritt ist) sogar sein Appartement ganz auf…. Immer wieder aber auch beschreibt Hedaya Szenen der Streits, der Auseinandersetzung. Sorgsam achten die Protagonisten darauf, sich Rückzugsmöglichkeiten offenzuhalten, immer ist eine ‚Trennung‘ eine mögliche Option, ein Satz wie ‚Ich liebe dich‘ ängstigt und erschreckt zuverlässig.

Die Angst – die Frau erkennt dies als Motiv für ihr Verhalten, die Angst vor dem Alleinsein. Diese Angst ändert sich im Lauf des Jahres, sie wird durch die noch schlimmer Angst abgelöst, wieder allein zu sein….

Für einige Zeit bekennen sie sich auch nach außen hin als Paar, sie laden Freunde ein, planen und bereiten aufwändige Essen vor. In diesen Zeiten stört der Hund, er wird weggesperrt so wie seine beiden Menschen ihre Probleme überspielen und verdrängen.

Im gemeinsamen Urlaub fahren sie nach Paris, hier wird die Beziehung zu einem Machtspiel. Die Frau, die sich durch den sexuellen Appetit des Mannes teilweise bedrängt fühlt, kann hier ihre temporäre Überlegenheit ausspielen: sie, als Übersetzerin, beherrscht die Sprache, kann ihren Mann, wenn sie beispielsweise im Restaurant Essen für ihn auswählt, dominieren. Untätig und schmollend im Hotel hockend verbringt der Mann den größten Teil des Tages allein, seine Wut nimmt ständig zu. Daß sie, ohne ihn zu fragen, mit einer neuen Kurzhaarfrisur wieder ins Hotel kommt, macht das Maß für ihn voll (obwohl er sich insgeheim eingestehen muss, daß die Frisur ihr gut steht)….


Hedaya erzählt diese Geschichte zweier Menschen, die weder bereit sind, sich ihre Gefühle einzugestehen noch dazu, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, mit nüchternen, klaren Sätzen. Es ist nichts kompliziertes an dem Buch, die Sprache ist so schnörkellos wie die beschriebene Beziehung lieblos ist, es passt also. Der Angst vor dem Alleinsein bei der Frau steht die Angst des Mannes gegenüber, sich zu binden. Für ihn hatte es etwas Beruhigendes zu wissen, daß er der Frau jederzeit einen Laufpass geben könnte, wenn die alten Feinde – die Ruhelosigkeit, die Langeweile, das Gefühl, abermals genarrt geworden zu sein – ihn wieder überfielen. […] Er nahm sich jedoch fest vor, nicht zuzulassen, daß die Frau ihn enttäuschte […] es würde garantiert passieren, höchstens eine Frage von Tagen, … diese Haltung aus den ersten Tagen der Bekanntschaft legt er im Grunde nie ab. Was er primär will, ist unverbindlicher Sex, allzeit verfügbar, tiefer gehende Gefühle verunsichern ihn nur.

So binden ihn keine Gefühle an die Frau, sondern der Hund, den sie am ersten Abend gemeinsam auf der Straße aufgelesen haben. Wäre der Hund nicht (mehr) da, würde auch die Frau zu einer beliebigen Frau, die er eben gerade vögelt, werden, er könnte glauben, daß er keine Partnerin hat, … daß die Frau, mit der er schlief, eine fremde Frau war. Dieser Sex (mit der nicht fremden Frau) ist seine Machtposition der Frau gegenüber, ist ihr Preis für das Nicht-mehr-Alleinsein. Hier äußert sich auch der innere Konflikt, in dem der Mann steht, er übt den Sex ohne Rücksicht aus, wochenlang liegt die Frau ohne Lust, aber inständig darauf hoffend, daß die Brutalität nur eine Phase sei, unter ihm, spielt das Spiel mit, zerkratzt ihm den Rücken und macht ihn glauben, ihre Tränen seien Tränen des Glücks.

Es ist eine spröde, traurige Geschichte einsamer Menschen, die uns Hedaya erzählt. Ohne Rücksicht analysiert sie Defizite des ‚modernen‘ Singles, den sie als bindungsunfähig und hedonistisch erkennt, auf der Suche nach unverbindlichem Sex und getrieben einzig durch die Angst vor dem Alleinsein. Die Möglichkeit des Zusammenlebens mit einem anderen Menschen aus einem positiven Ansatz heraus, eben dem Gefühl der Zuneigung oder Liebe, irritiert sie, sich dafür einzuschränken, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, haben sie nie gelernt….

Die Handlung der Geschichte verläuft, soweit sie aus der Perspektive der Menschen geschildert wird, weitgehend chronologisch. Der Part des Hundes dagegen deutet mehr Überblick an: da Hedaya in der Eingangszene (und nachher noch einmal in einer weiteren Passage) das Schicksal des Hundes früh offenlegt, kann sie diesen auch in Rückblenden erzählen lassen, als quasi auktorialen Erzähler, dessen Schicksal das verbindende Moment der beiden Menschen ist.

Liebe pur (wer hat sich eigentlich diesen Titel einfallen lassen?) ist, auch wenn die Autorin am Ende des Textes eine Tür öffnet, hinter des für die beiden Menschen weitergehen könnte, ein Buch weniger über die Liebe als vielmehr über die Unfähigkeit dazu, über Bindungsängste und Egoismen. Eine kleine, aber feine und irgendwie auch zeitlose Lektüre.

Postscriptum: Der Hund hat mir leidgetan, in vielen Szenen einfach nur leidgetan.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenportraits bei Diogenes: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/h/yael-hedaya.html
[2] Yael Hedaya: Die Sache mit dem Glück; https://radiergummi.wordpress.com…-gluck/

Yael Hedaya
Liebe pur
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Melcer
Originalausgabe: Schloscha sippurej ahawa (Drei Liebesgeschichten), Tel Aviv 1997
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 210 S., (aber:) 2001

heidenreich

Eine Freundin hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht, diese hatte es wiederum von ihrer Freundin genannt bekommen, jene ihrerseits kam von einer Veranstaltung, in der die beiden Rollen dieses (fast) Zwei-Personenstückes von einer Frau und einem Mann gelesen wurden. Damit ist schon ein wenig über dieses Stück Literatur gesagt, das ich förmlich verschlungen habe und das mir am Ende (ich hätte Heidenreich und Schröder an die Wand klatschen können…) sogar Tränen in die Augen trieb.


Sie sind seit langem zusammen, Lore und Harry, seit vier Jahrzehnten, ein eingespieltes Ehepaar. Sie arbeitet noch in einer Bibliothek, hält sich dort für unverzichtbar, obwohl diese Unverzichtbarkeitsvermutung möglicherweise auch nur die Befürchtung bemäntelt, wenn sie ebenso wie ihr schon in Rente befindlicher Mann zu Hause wäre, das … nun ja, wäre nicht gut. Denn auch wenn sie eingespielt sind, sind sie unterschiedlich, haben sich ihre individuellen Leben auseinander gelebt. Für Harry, der nach außen hin etwas stoffelig daher kommt, ist der Garten, den er mit viel Einsatz und mittlerweile auch Kennerschaft bearbeitet, sein Ein und Alles, ein oder zwei Bierchen gehören dazu und daß er Golf spielt (er, ein Ex-Achtundsechziger! Lore ist fassungslos: mit einem Benz zum Golfspielen fahren) hat er nur der gewonnenen Wette gegen Ede, seinen Freund zu verdanken. Daß er Golf nach wie vor auch langweilig und ätzend findet… soll Lore doch erst einmal ruhig ein wenig den Kopf schütteln…

Lore dagegen ist Kulturschaffende und hadert damit, daß er sie nicht zu ‚Martin‘ begleitet (wie sowieso fast nie zu solchen Abenden und wenn er es ausnahmsweise tat, dann gab es gleich so etwas wie einen Eklat, weil er kein Blatt vor den Mund nahm…. aber zurück zu Martin,) dessen Lesung in der Stadt sie wieder organisiert hat. Harry dagegen ist zufrieden mit der Zeitung am Morgen, von acht bis elf…. und so stoffelig, brummig und einsilbig Harry sich auch gibt: während Lore sich in der Literatur auskennt, kennt er eine Menge Hintergründe aus der Zeitung, er liest eben nicht nur das Feuilleton… auch zu und über Walser weiß er einiges, was Lore unbekannt ist…. und wenn Lore ehrlich ist zu sich selbst, dann muss sie zugeben, daß bei weitem nicht jeder ein Engel ist, nur weil er schreiben und vorlesen kann: Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie mal waren. 

Der Aufhänger des Romans ist jedoch Gloria, die gemeinsame Tochter, das gemeinsame Sorgenkind: es steht dritte Eheschließung ins Haus, die Eltern sind eingeladen (natürlich) und Harry weigert sich. Sieht keinen Sinn in dieser Ehe (und dann auch noch in einer solchen!), sieht keine Linie im Leben seiner Tochter, die nicht nur eine, sondern viele Ausbildungen abgebrochen hat, die überforderte alleinerziehende Mutter eines furchterregend verzogenen Mädchens ist. Und jetzt wieder heiratet, in eine Familie mit viel Geld, unter Umständen auch nur ’noch‘ viel Geld, die genau das darstellt, gegen das sie beide damals auf die Straße gingen…. wie gesagt, Harry weiß mehr als es den Anschein hat.

Lieben sie sich eigentlich noch, Lore und Harry? Und wenn, warum? Und wenn, warum zeigen sie es sich nicht, ändern sich nicht? Sie kennen sich in- und auswendig, haben sich beim Älterwerden beobachtet, haben ihre Rituale, haben ihre Reviere in der Ehe, die sie gegeneinander verteidigen. Haben ihre kleinen Seitensprünge (und seien sie auch nur in der Fantasie und unvollendet), die sie tapfer und konsequent voreinander leugnen und wollen die Erinnerungen an früher, an wildere Zeiten und mehr Gefühle nicht missen.

Glorias Hochzeit mit dem Kotzbrocken wirkt wie ein Erweckungsruf auf beide: der Geist der achtundsechziger Jahre wacht noch einmal auf in ihnen, der Widerstand gegen diese aufgebrezelte, verlogene Veranstaltung zeigt ihnen, wie wertvoll sie sich gegenseitig sind und daß dies jede Mühe wert ist, sich zu ändern….


Alte Liebe ist eine kleine Leseperle. Ein wenig melancholisch, manchmal ruppig, manchmal sentimental, zweifelnd und räsonnierend blickt hier ein in Gemeinsamkeit gealtertes Ehepaar auf sein Leben zurück, in dem die Liebe sich dem Leben angepasst hat, aber nie verloren gegangen ist, auch wenn sie hinter manch grummeligem Vorwurf gut versteckt wird. Sie sind älter geworden, aber sie finden die Kraft noch, dieses Gefühl hervorzuzerren aus seinem Versteck, es wieder an die Oberfläche zu bringen und es zu leben…

Das alles ist in realitätsnahen und flotten Dialogen geschrieben, in inneren Monologen, zu denen man einfach: ‚ ja, ja, so ist es, genauso denkt es mir auch manchmal….‘ rufen möchte. Und wer schon ein wenig älter ist, möglicherweise sogar in dem Alter von Harry und Lore, der wird sich möglicherweise wieder erkennen und mit einem schmunzeln denken: ach, würde ich doch die Kraft finden, mich noch einmal zu ändern, so wie sie die beiden Autoren Lore und Harry auf den Pelz geschrieben haben…. wie gesagt: möglicherweise…

Heidenreich und Schröder, davon darf man ausgehen, da sie über lange Jahre selbst ein Paar waren, wissen, wovon sie geschrieben haben und das merkt man beim Lesen. Und auch wenn der letzte Abschnitt einen traurigen Kontrapunkt setzt, das Büchlein kann ich jedem als wunderschöne Unterhaltung, bei der man ausserdem noch viel über das Leben lernen kann, ans Herz legen. Der letzte Abschnitt.. aber das habe ich ja eingangs schon gesagt….. und daß es daneben noch einiges an Seitenhieben auf unsere Gesellschaft im allgemeinen und die Literaturszene im besonderen gibt, trägt erheblich zum Lesevergnügen bei.

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder
Alte Liebe
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 192 S., 2009

Adam Olschewski: Ewa

18. Mai 2014

Daniel Olschewski ist ein junger, in Deutschland lebender, polnischer Autor, der 2007 mit „Ewa“ sein Romandebut vorgelegt hat, dem aber – zumindest bin ich nicht fündig geworden – bis dato noch kein weiteres Buch gefolgt ist. „Ewa“ nicht „Eva“, das deutet schon darauf hin, daß hier (auch) polnisches verarbeitet wird, Ewa, die mit Nachnamen „Bruner“ heißt, also einen fast deutschen Namen trägt, hat einen Gegenpart, nämlich R, Rainer, der zu seinem urdeutschen Vornamen den fast polnischen Nachnamen Zabka führt, das (beinahe)-Fröschchen. Frau und Mann, das ist oft die Geschichte eines Gefühls, einer Liebe, einer Zugehörigkeit, einer Abhängigkeit, einer Rebellion, die auch in Hass umschlagen kann, Hass, der unter Umständen gar keinen ausdrücklichen Grund hat, sondern der sich entwickelt, weil Hass oft langsam gärend einfach auf seine Zeit wartet. Und Polen und Deutschland ist auch ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, zweier Lebensweisen und differenter Arten, das Leben zu leben. Polen und Deutschland, das sind zwei, die eine gemeinsame Geschichte haben und praktisch immer waren die Polen deren Leidtragende…..

Die Geschichte spielt, so läßt sich schlussfolgern, Anfang bis Mitte der 90er Jahre vorwiegend in Berlin, zeitlich jedenfalls so, daß Clara Schumann noch mit das Sagen hat – in der Alltagswelt zumindest. Ewa war 1984 als 14jährige nach Deutschland gekommen, die Eltern hatten beschlossen, aus ihrem Urlaub nicht mehr nach Polen zurückzukehren. Dem jungen Mädchen war das recht, auch wenn sie Deutschland im wesentlichen vom Quelle-Katalog her kannt….. Dies ist aber Vergangenheit, wir erfahren nicht allzuviel über diese ersten Jahre, die sie in Deutschland verlebt. Im Gegenteil, wir lernen sie gleich zu Beginn der Geschichte im Vorgriff auf das Ende des Buches kennen: in einer temporeichen, kaum durch Absätze unterbrochenen Einführung schildert der Autor, wie eine, die junge Frau einen Mann, der offensichtlich durch einen Schlaganfall an einen Rollstuhl gebunden ist, packt, in eine Auto zerrt, ihm den Finger bricht und sie die feste Absicht hat, ihn zu töten.

Sie hatte ihn im Zug kennen gelernt, er gab ihr eine Tablette gegen ihren Schmerz, ein älterer Herr, älter als sie zumindest, so um die 50 Jahre, keine Brustbehaarung, was ihr wichtig war („.. Falls…“) und was sie wegen der zwei geöffneten obersten Hemdenknöpfe sehen konnte. Ansonsten: ein Aussehen nach potentierter Gesundheit, das etwas Hohlwangige könnte sie auffüttern, die Augenbrauen berühren sich nur beinahe, was wichtig. War. Die Nase noch nie gebrochen, ein Mann, der Risiken einzuschätzen weiß… und er? Blickte auf unebene, nicht übermäßig volle, aber nicht dünne Lippen, auf sehr hohe Wangenknochen mit Wangen, die eine noch durchaus akzeptable Tendenz zur Pausbäckigkeit aufwiesen, auf ein zartes Erröten vor Verlegenheit, Scham oder Übermut, auf Augen wie Murmeln: „..Schön war sie, ausgesprochen schön sogar. …. endlich eine Frau. Eine echte, die von Gefühlswallung zu Gefühlswallung taumelte. Ohne einen klaren Plan fürs Dasein, lediglich mit Instinkt ausgestattet….“

So kamen sie ins Gespräch, obwohl er sich anfänglich nur gestört fühlte bei seine Zeitungslektüre, für ihn als Chefredakteur einer Berliner Tageszeitung Beruf, aber das ließ sie nicht gelten, es reizte sie, diesen sich ihr Entziehenden zu ködern. Und für ihn wurde ihr Ködern eine Chance, der er schließlich nachlief und die er erhaschte. Und sie blieben im Gespräch, sahen sich regelmäßig, ihm, Rainer, dem Hanseaten, war die Beschränkung auf das Wochenende, bedingt durch die unterschiedlichen Wohnorte, durchaus genügend. Ihr. Nicht. Daher zogen siezusammen bzw. sie zog zu ihm nach Berlin, in seine Wohnung. Er ging fortan zur Arbeit, sie blieb im Bett. Vertrieb sich den Tag mit Totschlagen. Von Zeit. Erlag der Bequemlichkeit, die die Scheckkarte des Mannes bot….. „Liebe wurde zum Tauschgeschäft: etwas für etwas und nichts für nichts.“ Er: musste strampeln, im Job, andere, keine Zeitungsleute, verlangten nach Gewinn, weniger nach journalistischer Qualität.

Ein Schlaganfall, ein Sturz die Treppe hinunter (das sie ihn gestoßen habe: eine Ausgeburt. Seines. Hirns.) Rien ne va plus. Bei. Ihm. Aber: Jetzt konnte sie ihn dorthin bringen, wo sie ihn immer hatte haben wollen und er sich stets gewehrt hatte. Endlich. ….

************

Die Gegensätze: R, der Hanseate mit einem Leben, das wie auf Schienen läuft, der Genauigkeit verpflichtet, dem Oberlehrerhaften, mit dem er gerne Vorträge hält, Ordnung und Pünktlichkeit – man kennt das an Deutschen. Sie dagegen impulsiv, aus dem Gefühl heraus, ohne Ziel im Leben aber nicht ohne Plan, läßt sich durch Bequemlichkeit und Geld ködern, ist gut Freund mit dem Fernsehen, proletarisch eben. Und nach wenigen Jahren Kleidergröße 44. Die Gegensätze, die sich einst anzogen, stoßen sich immer mehr ab, sie mutiert in den inneren Monologen zur Gans, bei ihr entwickelt sich eine Abneigung, die zu Hass wird und ihrer potentiellen Gewalttätigkeit ein Feld bieten sollte. Es ist ihr alles zuzutrauen, brutal bricht sie einem Jungen, der den „Benz“ verkratzt, den Arm, verscheucht dessen Freunde mit gezückter Pistole.

Natürlich gibt es nicht nur diese beiden Personen in diesem Roman. Um diese herum spielen andere einen durchaus relevante Rolle: Jagoda, die noch in Polen lebende Cousine Ewas, Gotfryd, der spät in der Handlung auftritt und der wohl mit beiden was hat (so wie R auch mit Jagoda?, eine Andeutung läßt dies vermuten), die Mutter von R, die Ewa nicht ausstehen kann, die sie durchschaut, die aber keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn hat, das Verhältnis dieser beiden nur noch auf der formalen Ebene.. Freunde hat R wohl nicht, Arbeitskollegen, die immer auch Konkurrenten sind, Chefs, die immer auch Richter über ihn, der mit einer Polin zusammenlebt, sind….

Ewa hat einen Plan, der sich peu a peu offenbart, R dagegen, bewegungsunfähig und verstummt auf der Pistole sitzend im Benz, hat ein letztes Fünkchen Vertrauen in sie, daß sie ihm nur einen Schrecken einjagen will, ihn bittend und bettelnd sehen will (der er nicht nachzukommen entschlossen ist, nicht einmal der von Ewa gebrochene Finger entlockt ihm sichtbare Äußerungen des Schmerzes), doch wie es so mit Plänen ist, manchmal kommt es anders, wird der Jäger. Zum Gejagten, wird der Betrüger zum Betrogenen… Für R bleibt dies letztlich. Egal….

************

In „Ewa“ feiern die Vorurteile, die man so über Polen und Deutschland, Polen und Deutsche hat, fröhliche Urstände: gehen wir davon aus, daß der Autor, selbst in Polen geboren und in Deutschland lebend, sich da auskennt. Wirklich gut schneidet keins der beiden Länder ab, beiden bekommen sie ihr Fett weg… Damit kann natürlich auch die Beziehung zwischen Ewa und R als Clash zweier „Kulturen“ bzw. Lebensphilosophien interpretiert werden, die anfänglich zwar in der Lage sind, eigene Defizite zu bedienen und auszugleichen, die sich aber im Lauf der Zeit immer fremder werden. Ändern jedenfalls tut sich keine der Parteien… Woher Olschewski allerdings den ins Mörderische wachsenden Hass seiner Ewa nimmt, das blieb mir rätselhaft…

************

Der Text selbst ist nicht immer ganz einfach zu. Lesen. Wie ich auch in dieser Besprechung plagiiert habe, liebt es Olschewski, die Worte seiner Sätze durch Punkte. Abzusetzen. Ähh… puhhh… ja. Es ist so. Warum. Weiß. Ich. Nicht. Vielleicht auch nur als Alleinstellungsmerkmal gedacht…. Nach dem temporeichen (obwohl auch hier schon innere Monologe eingestreut sind) Beginn des Romans, der durchaus auch einen Thriller einleiten könnte, verliert das Buch ein wenig an Fahrt, weil sehr viel in – den schon erwähnten – inneren Monologen dargelegt wird. Zeichen dafür, daß die Beziehung des Paares wortlos war, nicht durch Diskussionen, Gespräche geprägt? Dadurch die Notwendigkeit, alles mit sich selbst zu besprechen, gegeben war? Auch bei diesen Monologen, in denen sich die Entwicklung der Beziehung offenbart, muss man aufmerksam sein, da der Autor manchmal mitten im Satz zur Gegenseite, zur anderen Person wechselt, völlig unvermittelt aus deren Sicht weiter monologisiert…. gewöhnungsbedürftig und die allermeisten wahrscheinlich ratlos zurücklassend (und damit den Leser in die Rolle R´s drängend) auch die unübersetzten Einsprengsel in polnischer Sprache.

„Ewa“ beginnt als Beziehungsgeschichte zweier ungleicher Partner. Dieser Plot wird sukzessive unterwandert von krimiartigen Elementen, bis die Geschichte am Ende dann zu einem fast lupenreinen Krimi mutiert ist, der durchaus überraschende Elemente aufweist und nur Verlierer zurückläßt. Zumindest in Bezug auf R und Ewa.

************

Was bleibt bei mir vom Buch? Sicherlich ist dieser Roman kein „Muss“, manches ist doch zu stereotyp, zu holzschnittartig. Andererseits würde es mich interessieren, wie sich der Autor weiter entwickelt hat, aber wie eingangs erwähnt, der Erstling scheint ein Einling zu sein…. So mag, wer ihm habhaft werden kann, „Ewa“ zwischendurch lesen, als Abwechselung, der Roman hat jedenfalls sein Eigenes.

Adam Olschewski
Ewa
diese Ausgabe: Rogner & Bernhard, HC, ca. 343 S., 2007

Amy Sackville: Ruhepol

15. Juni 2013

„Ruhepol“ ist ein von der Kritik hochgelobter, mehrfach ausgezeichneter Roman einer jungen britischen Schriftstellerin, Amy Sackville [1]. Diese schildert einen Tag im Leben eines jungen englischen Ehepaares, Julia und Simon, in deren Ehe es aber – dies wird am Anfang des Buches schon deutlich, es fallen Begriffe wie „Gestank“ und „hassen“ – Klippen gibt, auf die ihre Beziehung zuläuft und an denen sie kentern könnte. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Frau, Julia, die sich an diesem heißen, stickigen Augusttag darin gibt, das Erbe ihres in der retrograden Verklärung zum Helden aufgestiegenen Ahnen Edward Mackley zu sichten, zu ordnen und auszuwerten.

Dieser Edward Mackley, dessen Urgroßnichte Julia ist und in dessen Haus sie und Simon seit kurzem wohnen, war ein berühmter (fiktiver) Polarforscher, der an der Wende des vorletzten Jahrhunderts sein großes Ziel zu erreichen suchte: den Punkt als erster zu erobern, an dem sich die Welt unter den Füßen dreht, den Nordpol. Kurz vor dem Aufbruch zu dieser Expedition heiratete er Emily, eine junge Frau, die – das sah er bei der ersten Begegnung – seine Begeisterung teilen, seinen Ehrgeiz verstehen könnte.. die beiden unternahmen ihre Hochzeitsreise in den hohen Norden, dort, in Vardø verbrachten sie die letzte Nacht zusammen, bevor Emily wieder zurück nach England reiste und Edward sich anschickte, seinem großen Ziel immer näher zu kommen und als erster Mensch den Pol zu erreichen, diesen imaginären Punkt im Eis, der sich durch nichts aus der Landschaft hervorhebt…

Julia also, die Mittdreißigerin, in einer leicht kriselnden kinderlosen Ehe lebend, wird uns als leicht weltfremde, Tagträumen verhaftete junge Frau beschrieben, die ein wenig vergesslich, unaufmerksam – da in abschweifenden eigenen Gedankenwelten versunken – und unkonzentriert ist. Ganz der Gegensatz dazu ist der korrekte (bis hin zum pedantischen) Simon, ein Schmetterlingssammler und -präparator (sicherlich sind die aufgespiessten Schmetterlinge auch viel ordentlicher als die lebenden, erratisch herumflatternden). Symptomatisch für ihn ist, daß er nicht, so wie sein Vater, von dem er diese Leidenschaft übernahm, die bunten, schillernden Tagfalter vorzieht, sondern eher die unscheinbaren Nachtfalter, die nicht mit ihrer Farbfülle, ihren Mustern prahlen, sondern die Nuancen aufweisen, die „etwas“ unterschiedliche Färbung, das „etwas“ unterschiedliche Muster… Über diese aufgespießten Schmetterlinge haben sie sich seinerzeit übrigens kennen gelernt, eine Begegnung, die den jungen Simon sofort in Liebe entflammen ließ.

Heute jedoch sitzt Simon in seinem Architekturbüro über den exakten Plänen für seine Projekte. Am Abend steht ihm noch ein besonderes Ereignis bevor. Es kam vor ein paar Tagen zu einer unbedachten, spontanen Gefühlsäußerung, lud sich dort die Frustrierung, das aufgestaute, in sich hinein Gefressene der eigenen Ehe ab? Jedenfalls gab es einen Kuss, einen leichten, nicht einen der intimen Art mit der Nachbarin und anstatt das sich vllt jetzt Anbahnende im Keim zu ersticken, ist er heute mir ihr nach Dienstschluss verabredet… ein ihm immer unangenehmer werdender Termin, erkennt er doch beim Grübeln, wie sehr er seine Julia liebt…

.. auch Julia läßt ihre Gedanken schweifen.. sie treiben zurück in die lang vergangene Zeit, in der Emily und Edward ein Paar waren, dem nur wenige Wochen der Zweisamkeit vergönnt waren. Oben, im hohen Norden, gaben sie sich ein Versprechen: „Ich komme zurück.“ und „Ich werde warten!“ Und Emily wartete… sie wartete sechzig Jahre lang im Haus ihres Schwagers und seiner Ehefrau (dasselbige, in dem jetzt Julia und Simon leben) auf ihren Edward, so lange, bis die Nachricht kam, sein Grab sei gefunden mit einigen Habseligkeiten, die die Zeit überdauert hätten. Einer dieser Gegenstände war das Notizbuch Edwards, die Aufzeichnungen, in denen Emily die Zuversicht und die Verzweiflung, die Sehnsucht und die Ängste ihres Mannes nacherleben konnte, die Aufzeichnungen, die an dem heutigen Tag Julia liest, inmitten der museumsartigen Ansammlung von Exponaten aus der damaligen Zeit, inmitten einer Atmosphäre, auf die sich die Erinnerungen legen wie in anderen Häusern der Staub….

Für Julia sind die beiden Helden, sind Projektionen eigener Sehnsüchte. Emily, die unerschütterlich wartende, die nicht abließ von ihrer Hoffnung, Edward käme zurück und Edward, der männliche Held, unbefleckt von der schnöden Alltagsrealität, der er entschwand, bevor sie ihn auf ein menschliches Mass beschränkte. Und so verschwimmen für die tagträumende Julia die Grenzen, liegt sie auf dem weißen Laken mutiert dieses zum Schnee, durch den Edward stapft auf seinem Weg zur Unsterblichkeit, wird es zum Eis, durch das sein Schiff treibt, über das er mit seinen Hundeschlitten gleitet…

Jäh wird sie aus diesen Vorstellungen, diesen Bilder gerissen, als sie von ihrem zufällig in der Stadt weilenden Cousin Jonathan besucht wird, der im Gespräch mit ihr ein Geheimnis lüftet (ein Geheimnis nur für Julia, sonst hätte Jonathan, der das nicht ahnte, nicht so unbedacht davon gesprochen), das ihr gesamtes Bild von Emily erschüttert und sie unsanft wieder in ihre eigene Realitität, ihre eigene Ehe (denn Emily war mit einem Schlag kein Hafen mehr, an dem sie anlegen konnte) zurück holte….

******************

Sackville erzählt uns also mehrere, natürlich miteinander verknüpfte Geschichten. Zum einen ist dies die Geschichte dieses einen, besonderen Tages in der Ehe von Julia und Simon, zum anderen nutzt sie das Tagebuch ihres Ahnen, um dessen Fahrt und Expedition zum Nordpol zu schildern. Das sind starke Passagen, die in ihren besten Momenten durchaus an Ransmayr erinnern, die tödliche Schönheit der Eislandschaft, das Licht, die Dunkelheit, der Nebel, die gleissende Sonne, die beissende Kälte, der alles übertreffende Hunger, die Schilderung von Eis und Schnee, von den Löchern angefüllt mit schwappendem, fast sieht es so aus: nach den Männern schnappendem, schwarzem Meerwasser… das anfängliche Hurra und gute Leben, das sie die Expedition auf ihrem Schiff, der Persephone (ein seltsamer Name im Rahmen einer solche Unternehmung, ist Persephone doch eine griechische Göttin der Toten- und Unterwelt), mit ins Eis gebracht hat, verliert sich langsam und der Hunger betritt die Bühne und wird immer mächtiger, der Schmerz, der so stark wird, daß man ihn nicht mehr wahrnimmt, weil man selbst zum Schmerz geworden ist… die Anstrengungen, die unmenschlichen Anstrengungen der vor Dreck und Entbehrung schwarz gewordenen Männern, aus deren hautüberzogenen Totenköpfen milchig gewordene Reste der Augen blinzeln soweit es das verzehrende Licht der gleißenden Sonne zuläßt.. orientierungslos im Nebel, geblendet von der Sonne, mit einem Totentuch bedeckt in der Dunkelheit… nur vier Leute der Mannschaft noch werden viele Monate später aufgelesen und können berichten was geschah und was nur vermutet werden kann…. und Jahrzehnte später dann auf einem umtosten Eiland im eisigen Ozean die zufällige Entdeckung einer behelfsmäßigen Unterkunft mit einer Mumie und vier Gräbern, eins davon das von Edward…

Ist diese Schilderung der Expedition durchweg spannend und packend, hält uns Sackville, konzentriert sie sich auf Julia und Simon, auf Distanz. Es passt durchaus zum Stil des alten viktorianischen Hauses, daß es wie ein Museum wirkt und man wie durch ein Museum geführt wird, trotzdem hat mich diese direkte Ansprache im Stile eines Museumsführers: „Stellen Sie sich vor, daß…“, „Wir folgen ihr…“ oder „Denken Sie daran..“ irritiert und auf Abstand gehalten. Manchmal sogar gewann ich das Gefühl, wie mit einer Kamerafahrt über der Szenerie zu schweben, die ein allwissendes Off mir en Detail erklärte. So wirkten diese Stellen auf mich etwas gekünstelt und in der Formulierung bemüht. Sehr ausführlich bis hin zu einer gewissen Zähigkeit der Sprache legt die Autorin auch die Gedankengänge ihrer Protagonisten dar…  speziell bei Julia schafft sie immer wieder diese Querverbindungen, mit denen diese quasi in die Rollen Emilys und Edwards schlüpft. Dies wirkt betulich, ist ein wenig ermüdend, soll aber wohl die innere Entwicklung Julias (und Simons) plausibel machen. Wohlmeinender ausgedrückt könnte man sagen, sie bemüht sich, ihre Charktere psychologisch genau zu zeichnen.

Natürlich kommt man um den Versuch nicht umhin, die beiden Geschichten, die beiden Paare Emily und Edward einerseits, Julia und Simon andererseits, zueinander in Beziehung zu setzen.

Zum einen sind Emily und Edwads für Julia zu einer Art idealisiertem Paar geworden, der Sphäre des Alltags mit ihren tödlichen Routinen und Klippen enthoben. Diese dagegen stellen sich dem Paarglück in der Gegenwart entgegen, aber das realisiert Julia erst, nachdem das Bild Emilys zu ihrer großen Enttäuschung zersplittert.

Das gemeinsame Leben beider Paare ist in gewisser Weise an einem Ruhepol angelangt, zwischen den Partnern herrscht eine große Entfernung, geographisch oder im übertragenen Sinn. Es bedarf eines oder mehrerer aufrüttelnder Ereignisse, Julias Selbstfesselung an Emily zu beenden und auch Simon muss erkennen, daß Liebe aktiv am Leben erhalten werden muss. Das aufgelöste Familiengeheimnis und das schlechte Gewissen ob des verbotenen Kusses vermögen dies….

Emilys Schicksal ist tragisch. Es passt im Grunde nicht – für mein Verständnis – zu der Frau, als die sie uns Sackville anfangs vorstellte: eine intelligente, lebhafte, starke Frau voller Gefühl und Begeisterungsfähigkeit. Hatte sie wirklich – wie Sackville eine ihrer Figuren sagen läßt – keine andere Wahl als zu warten? Und auf was hat sie gewartet? Auf Edward sicher nicht…. oder wollte sie nur diesen einen Menschen nicht verlassen? Oder ist der viele Gin die Jahre über die Erklärung für ihr stummes Verharren in der Vergangenheit? Ich weiß es nicht…

Die ganz große Begeisterung über den Roman teile ich nicht, dazu waren mir einige Passagen zu betulich und konstruiert. Da mir aber die Schilderung der Expedition Edwards und deren Schicksal gut gefallen hat, so spannend und anschaulich, wie die Autorin es beschrieb, habe ich das Buch dann doch gerne gelesen und kann es – mit dem obigen Vorbehalt – auch ruhigen Gewissens weiter empfehlen.

weiterführendes:

website der Autorin: http://www.amysackville.co.uk/

Amy Sackville
Ruhepol
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné
Originalausgabe bei
diese Ausgabe: Luchterhand Literaturverlag, HC, ca. 350 S., 2012

%d Bloggern gefällt das: