Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Der Suhrkamp-Verlag hat mit der „Neapolitanischen Saga“ der italienischen Autorin Elena Ferrante einen echten Treffer gelandet. Von der Kritik praktisch durchgängig hochgelobt, vom Rätsel über die Identität der Autorin, die unter einem Pseudonym geschrieben hat, zusätzlich befeuert und durch die Tatsache, daß Erzählerin und Autorin offensichtliche Gemeinsamkeiten aufweisen wie den gemeinsamen Vornamen und die schriftstellerische Tätigkeit ebenfalls mit einer zu Vermutungen reizenden Aura umgeben, ist die Tetralogie ebenso ein Publikumserfolg. Und es ist ja auch ein imposantes Werk, gut lesbar, spannend, unterhaltend, intelligent und einige Jahrzehnte italienische Geschichte, durch die die Figuren des Romans gehen, begleitend.

Im Februar hat der Verlag jetzt den abschließenden vierten Band der Saga, Die Geschichte des verlorenen Kindes, vorgelegt, aufgeteilt in zwei Teile, Reife und Alter. Er setzt im Jahr 1976 ein, Lenù und Lila sind zweiunddreißig Jahre alt und schließt den Kreis der Erzählung, der im ersten Band quasi in der Jetztzeit mit dem spurlosen Verschwinden von Lila einsetzte. Brauchte Ferrante also für die ersten drei Jahrzehnte im Leben ihrer Hauptpersonen drei umfangreiche Romanbände, so beschränkt sie sich für die weiteren ebenfalls gut drei Jahrzehnte Leben auf einen Band. Gut so.

Natürlich ist es sinnvoll, sich noch einmal den Inhalt der Vorgänger ins Gedächtnis zu rufen [Band 1: Meine geniale Freundin, Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens und Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege; alle Links führen zu Besprechungen auf diesem Blog], wir begegnen jedoch noch vielen weiteren Figuren aus vielen Familien, die in der Handlung interagieren.


Ausgangssituation (und Cliffhanger des dritten Teils der Saga) war die Tatsache, daß sich Lenù von ihrem Ehemann Pietro Airota trennen will und sie mit ihrer großen Liebe seit Kindheitstagen, Nino Sarratore, nach Frankreich fliegt, wo Nino eine Tagung besucht. Lenù ist damit ihrem Herzen gefolgt, die Entscheidung für Nino wirft natürlich ihr ganzes bisheriges Leben durcheinander. Zusammen mit ihren beiden Töchtern Elsa und Dede führt sie die erste Zeit ein unstetes ‚Wanderleben‘, sie zerstreitet sich mit ihren Schwiegereltern, insbesondere mit Adele Airota, die Lenù bis dahin intellektuell und als Schriftstellerin gefördert hatte, jetzt aber anfängt, gegen sie zu intrigieren. Letztlich kehrt sie in die Stadt ihrer Kindheit zurück, nach Neapel, jedoch in ein besseres Viertel, nicht mehr ins Rione, Nino hat dort eine Wohnung für sie und die Töchter gemietet.

Zwischen Lenù und ihren früheren Bekannten und Freunden aus dem Rione bleibt ein Abstand.  Lenù selbst will nicht wieder zurück in dieses Milieu, und die Freunde vergangener Tage sind gegenüber der Intellektuellen und in gewisser Weise fremd gewordenen zurückhaltend geworden, sie sind freundlich und freuen sich auch, halten aber eine gewisse Distanz ein, reagieren auf Einmischungen Lenùs in ihre Angelegenheiten heftig. Während Lenùs Schwager, Marcello Solara, mit seinen kriminellen Machenschaften im Rione das Sagen hat, ist auf der anderen Seite Lila zur heimlichen Königin des Viertels geworden. Sie hat zusammen mit ihrem Partner Enzo eine IT-Firma gegründet, ist gut im Geschäft mit der aufstrebenden EDV-Branche und hat Einfluss im Viertel, den sie gründlich nutzt: sie ist die Anlaufstelle für viele Menschen, die Hilfe brauchen.

Lenù dagegen befindet sich in einer zwiespältigen Situation. Als Intellektuelle erklärt sie ihren Freunden und Freundinnen den Feminismus, die Stellung der Frau, die politischen Vorgänge und Notwendigkeiten – als Frau dagegen richtet sie ihr gesamtes Verhalten nach den Wünschen und dem Willen ihres Geliebten aus, akzeptiert sogar, daß dieser weiterhin mit seiner Frau Eleonora, die ein weiteres Kind von ihm auf die Welt bringt, zusammenlebt: sie hat den Status einer offiziellen Geliebten akzeptiert, betäubt den offensichtlichen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis ihrer Überzeugungen mit hohlen Phrasen.

Der Rione zieht Lenù im Lauf der Zeit immer enger an sich. Sie hat sich mit der Mutter versöhnt, der Kontakt zu Lila und den anderen Bekannten aus der Kindheit wird enger. Insbesondere als beide Frauen, Lenù und Lila praktisch gleichzeitig schwanger werden, wird deren Verhältnis wird eng. Doch das relative Glück für Lenù sollte nicht von Dauer sein, eines Tages ertappt sie Nino in flagranti, erfährt dann auch von Lila noch weitere Einzelheiten über ihren Geliebten. Auch wenn sie hin und wieder schwankend ist, ist die Trennung für sie jetzt unausweichlich; letztlich zieht sie mit ihren drei Töchtern in das Haus, in dem auch Lila und Enzo mit den beiden Kindern wohnen.

Lenù ist wieder mitten drin im Rione, betrachtet diese Zeit jedoch eher als eine ethnographische: sie beobachtet und notiert für ihr neues Buch, dessen Manuskript der Verleger hocherfreut gelesen hat. Aber der Rione hat sich verändert, die schütteren Parks liegen voller Spritzen, auch Lilas Sohn ist den Drogen verfallen. Zwischen ihr und den Solaras, den heimlichen Herrschern des Viertels, herrscht eine unausgesprochene Feindschaft, jedoch ist sie durch ihren Status einer heimlichen Königin des Viertels, sozusagen der weißen, hellen Figur einer Patin, weitestgehend geschützt.

Die Jahre gehen ins Land, Lenù ist als Schriftstellerin erfolgreich, weniger glücklich ist ihre Erziehung ihrer Töchter. Da sie oft auf Reisen ist, sind diese häufig bei ‚Tante‘ Lila, die sie in Herz geschlossen haben. In der Pubertät der Mädchen kommt es dann zu schweren Spannungen. Lila dagegen bleibt von einem katastrophalen Unglück nicht verschont, ein Unglück, das ihr gesamtes Leben über den Haufen wirft und aus der Frau mit einer unwiderstehlichen Aura zeitweise eine irrlichternde, keifende und dem Wahn verfallene Hexe macht.

So verändert sich im Lauf der Jahre das Leben der beiden Frauen so wie auch der Charakter Neapels sich ändert. Es wird krimineller, vernachlässigt sich immer mehr, alles Neue erweist sich als bröckelnde Makulatur auf einem rissigen und verfallenem Antlitz. Das große Erdbeben, daß Neapel 1980 erschütterte, ist ein starkes Symbol für die Zerrüttung auch der italienischen Gesellschaft – sowie für den Unterschied, der zwischen den beiden Protagonistinnen herrscht: während Lenù das Natureignis zwar mit großen Schrecken, aber doch weitgehend rational erlebt, bricht Lila völlig zusammen, ihr ist die Stabilität ihrer Welt völlig abhanden gekommen…

Lenù zieht erst Mitte der neunziger Jahre aus Neapel fort, es hält sie dort nichts mehr. Die Töchter Dede und Elsa studieren in den USA, wo auch ihr Ex-Mann Pietro mittlerweile eine Professur hat. Nino ist in Politik gegangen, die jüngste Tochter Imma ist jetzt vierzehn Jahre alt. Aus der Leitung eines kleinen Verlages wird sie nach einigen Jahren herausgedrängt. Im heranziehenden Alter stellt sich die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz immer mehr, denn auch Imma ist ein paar Jahre später zum Studieren ins Ausland gegangen, nach Paris.

Sie schreibt noch einmal einen kleinen Text, sie schreibt ihn ‚herunter‘, wie er in ihr entsteht, beschreibt eine Freundschaft zweier Frauen, die mit zwei Puppen anfängt und die mit dem Tod einer Tochter endet. Damit bricht sie ein Versprechen, ein lang gegebenes und Lila mit der ihr eigenen Konsequenz allen Folgen gegenüber bricht mir ihr – bricht mit ihrer gesamten Welt… Wie sind jetzt am Anfang angekommen, an der Ausgangssituation der Neapolitanischen Saga, bei der Nachricht vom spurlosen Verschwinden Lilas, die alle materiallen Nachweise, das sie einmal existiert hat, in diesem Unterfangen vernichtete…


Ein grober Überblick, den ich vorstehend gab, mit vielen Lücken natürlich, ein Versuch, die große Linie des vierten Bandes zu skizzieren. Denn Ferrantes Text ist auch im Abschlussband ihrer Saga gewohnt minutiös, ist teilweise von tagebuchähnlicher Genauig- und Ausführlichkeit. Was, bedenkt man die Ausgangsituation des Romans (eine über sechzigjährige Frau erinnert sich bis in die frühe Kindheit zurück) erstaunen läßt: es ist ja kein auktorialer Erzähler in diesem Werk, ebenso keine Figur, die begleitend schildert und doch gibt Ferrante so vieles in wörtlicher Rede wieder, schildert innere Monologe und äußere Ereignisse wie ein Augenzeuge. Eine erstaunliche Gedächtnisleistung, die sie ihrer Protagonisten damit vergönnt. Vereinzelte Phrasen wie „Ich weiß noch, daß…“ wirken angesichts der ansonsten vorhanden Exaktheit aller Schilderungen etwas unfreiwillig bemüht.

Von beiden Frauen ist zweifelsohne Lila die ‚interessantere‘ Figur. Während Lenù sich weitgehend an gesellschaftliche Konventionen anpasst (abgesehen von ihrer Liasion mit Nino und der damit verbundenen Trennung von ihrem Mann) und versucht, sich unauffällig zu verhalten, geht Lila ihren eigenen Weg, hält immer auch Distanz ein – auch zu Lenù. Nie (mit einer Ausnahme direkt nach dem erwähnten Erdbeben) öffnet sie sich ihrer Freundin gegenüber, im Gegenteil manipuliert sie sie, spannt sie für eigene Zwecken ein, nutzt sie aus. Lenù dagegen bewundert Lila insgeheim, die sie nach wie vor für ihre ‚geniale Freundin‘ hält, aus deren Bann sie sich nicht lösen kann – und will. Sie ist diejenige, die meist auch ihre Wirkung nach außen mit in ihre Entscheidungen einbezieht, während Lila im Gegensatz dazu kompromisslos ihren Überzeugungen folgt. Das dies ein Überlebensprinzip von ihr ist, ohne das sie zusammenbrechen würde, ist ihr lange gehütetes Geheimnis.

So ist die Saga für mich eher die Geschichte zweier Frauen denn eine Saga über Neapel. Die beiden sind unterschiedlich, und doch eine Ergänzung zur jeweils anderen. Erst im letzten Teil des vierten Bandes nimmt die Stadt einen deutlicheren Raum ein als nur ein Hintergrund zu sein für die Geschichte der Romanfiguren. Aber auch diese Funktion als Hintergrund verrät uns vieles über das Nachkriegsschicksal Italiens, die politischen Unruhen, die Zeit terroristischer Aktivitäten, über Korruptheit und Bestechlichkeit, den wachsenden Einfluss der Mafia und den Anteil aller an diesem Wachsen, gegen das die Menschen irgendwann nicht mehr ankommen, sofern sie es überhaupt versuchen.

Es ist so wie es ist. Das Schicksal Lilas ist letztlich offen geblieben am Ende der über zweitausend Seiten der Tetralogie und wir müssen Lenù mit dem Verlust ihrer Freundin allein lassen. Sie wird sich damit arrangieren – wie sie sich immer mit neuen Lebensumständen arrangiert hat, wird mit ihrem Labrador spazieren gehen und mit ihm spielen, wird vom Balkon aus ihre Umgebung beobachten, sich darauf freuen, ihre Enkelkinder zu Besuch zu haben… und Neapel? Wird so weitermachen wie immer, davon ist auszugehen. Lenù jedenfalls hat die Stadt endgültig verlassen.


Wird das ‚Ferrantefever‘ jetzt mit diesem vierten Band langsam abflauen? Es waren, nein: sind vier schöne Romane, unterhaltsam, spannend, fesselnd, intelligent, voller Einblicke auch. Trotzdem habe ich mir des öfteren die Frage gestellt, ob das Erzählen dieser Geschichte nicht auch in zwei oder drei Bänden dieses Umfangs möglich gewesen wäre, schließlich hat ja Lenù im Roman ihre Geschichte von der Freundschaft mit Lila auch auf weniger als einhundert Seiten geschildert…. Vom Lesen her sind die Bände nicht sonderlich fordernd, es ist eine verständliche, klare Sprache, die die Autorin (Übersetzerin) benutzt, die Ereignisse sind zudem im wesentlichen chronologisch dargestellt. So kann man sich als Leser/-in problemlos vom Fluß der Erzählung fesseln und tragen lassen und auch die eine oder andere Länge bewältigen und hat am Ende, nach weit über 2000 Seiten, das Gefühl, mit dabei gewesen zu sein….

Elena Ferrante
Die Geschichte des verlorenen Kindes
Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: Storia della bambina perduta, Rom, 2014
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, 614 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9TU

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4 Kommentare zu „Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

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