neunfrauen

Der Brustkrebs (das Mammakarzinom) ist die häufigste Krebsart bei Frauen, in Deutschland erkranken nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ca. 75.000 Frauen im Jahr neu an dieser Krankheit [2]. Der Oktober, der jetzt dem Ende zugeht, wurde 1985 von der American Cancer Society zum Internationalen Brustkrebsmonat erklärt, um dieses Thema der Öffentlichkeit verstärkt ins Bewusstsein zu rücken [2]. Anläßlich dieses Monats möchte ich dieses schon etwas ältere Buch der Fotografin Angela Hasse vorstellen, die sich dieses Themas unter einem besonderen Aspekt angenommen hat.

Denn die weibliche Brust ist als sekundäres Geschlechtsmerkmal der Frau nicht einfach nur ein Organ wie andere auch, sondern sie ist für das Körpergefühl wichtig, für das Gefühl, Frau zu sein und selbstverständlich ist sie ebenso für die erotische Ausstrahlung und Wirkung einer Frau bedeutend. Neben der Belastung, die eine Krebsdiagnose für die Betroffenen, i.e. die Erkrankten, aber auch für die Angehörigen, sowieso schon darstellt, kann dieser Aspekt zusätzliche psychologisch Probleme bergen. Motiv für die Autorin/Fotografin waren also nicht in erster Linie medizinische Aspekte, sondern, die Frauen in ihrer weiblichen Individualität einzufangen, ohne den Aspekt der Erotik aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig interessierte sie die Geschichte, die hinter jedem Schicksal steckte.

Obwohl sich Hasse bemüht hat, Frauen möglichst unterschiedlicher Biographie für ihr Projekt zu gewinnen (ledig bzw. verheiratet, mit/ohne Kinder, verschiedenen Alters (zwischen 24 und 57 Jahre)), dürfte die Palette der neun interviewten und fotografierten Frauen nicht repräsentativ sein, sondern eine Auswahl von Frauen zeigen, die mit ihrer Krankheit offen umgehen bzw umgegangen sind. Nicht jede Betroffene möchte mit ihrer Erkrankung in die Öffentlichkeit gehen, geschweige denn, sich unter dem Aspekt erotischer Ausstrahlung fotografieren lassen. Der Kontakt der Autorin zu diesen Frauen wurde über Ärzte hergestellt, die das Vorhaben ihnen geeignet scheinenden Patientinnen vorstellten. Diese setzten sich dann ggf. von sich aus mit Hasse in Verbindung. Ebenfalls im Buch aufgenommen sind die Äußerungen der Partner zweier Frauen.

So unterschiedlich die einzelnen Schicksale auch waren bzw. sind, so gibt es doch Gemeinsamkeiten. Viele der Frauen haben selbst bem Abtasten Veränderungen ihrer Brust festgestellt, spürbare, vorher nicht vorhandene Knoten oder auch Veränderungen in der Haut. Nach diesem selbstertasteten ‚Befund‘ wurde ein Arzt aufgesucht. Oftmals kamen den Frauen nicht der Gedanke, daß es sich um Krebs handeln könnte, auch die Ärzte rückten die Möglichkeit ‚Krebs‘ nicht in den Vordergund, sondern wiesen häufig darauf hin, daß es sich wahrscheinlich um harmlose Einlagerungen handele.

Bei allen Frauen wurde die befallene Brust entfernt, nicht alle jedoch unterzogen sich einem sofortigem Brustaufbau. Im Vergleich der Einzelschicksale zeigt sich, daß das Vertrauen in den behandelnden Arzt sehr wichtig ist, auch das Einholen einer Zweitmeinung vor der Operation erwies sich als empfehlenswert. Auch wenn man als Patient in einer extremen Stresssituation steckt und medizinischer Laie ist, sollte man die Verantwortung für den eigenen Körper nicht einfach an den Arzt abgeben; in einem besonders krassen Fall schildert eine der Frauen, wie sie von ihrem Chirurgen förmlich ‚verstümmelt‘ worden ist (meine Formulierung). Als sehr belastend wurde allgemein der Zeitraum (ca. drei Tage) zwischen Operation und endgültiger Diagnose wegen der herrschenden Ungewissheit empfunden. Die heute wohl bei Krebserkrankungen allgemein üblichen ‚Tumorkonferenzen‘, in denen die Krankheitsfälle interdisziplinär diskutiert werden, scheinen seinerzeit noch nicht üblich gewesen zu sein, zumindest werden sie nicht erwähnt.

Breiten Raum nimmt die Frage ein: wie gehe ich mit meiner Erkrankung um? Oft herrschte im Krankenhaus eine anfängliche Befangenheit zwischen der Patientin und den Besuchern, ein offenes Wort beseitigt diese Befangenheit und anschließende Gespräche können dann sehr entlastend sein. Wichtig ist für die Frauen mit Partnern natürlich deren Reaktion und Verhalten, das Gefühl, gestützt und getragen zu werden, als Gesprächspartner und auch einfach nur als Begleiter da zu sein, hat den Frauen eminent geholfen.

Die meisten der Frauen hatten sich für einen Brustaufbau entschieden, entweder direkt bei der Mastektomie oder später, nach einer kurzen Erholungszeit. Ein etwas ältere, alleinstehende Patientin hat sich dagegen entschieden, sie war der Meinung, wenn sie einen Mann kennen lernen würde, müsste er damit umgehen können, andernfalls sei er eh der falsche.

Bei den der Operation nachgeschalteten Chemo- und Strahlentherapien traten die bekannten Nebenwirkungen auf: Haarausfall, Übelkeit, körperliches Schwächegefühl, Hautverbrennungen im Bereich der bestrahlten Körperfläche. Die Einordnung dieser Nebenwirkung als schwer oder minder schwer ist sehr subjektiv und hängt vom Einzelfall ab. Auch hier muss berücksichtigt werden, daß das vorliegende Buch schon etwas älter ist.


Neun Frauen und ich ist ein Mutmachbuch, das Frauenschicksale zeigt, die mit dieser immer auch mit dem möglichen Tod verknüpften Diagnose ‚Krebs‘ umzugehen gelernt haben. Die meisten von ihnen fühlen sich nach der Behandlung gesund, bei allen hat sich die Einstellung zum Leben geändert, sie leben jetzt bewusster, vertreten ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse klarer und bestimmter, nehmen auch ihre Körperlichkeit intensiver wahr.

Das Buch ist mit zahlreichen sinnlich-erotischen Schwarz-Weiß-Fotografien der interviewten Frauen illustriert. Die Frauen konnten sich die Accessoires, mit denen sie sich zeigen wollten, aussuchen und mitbringen. Entstanden sind viele intime Bilder, die eine sanfte, aufgeschlossene Sinnlichkeit ausstrahlen, das Gefühl, das Einklang besteht zwischen den Personen und ihren Körpern, daß die Krankheit diese Menschen nicht geschwächt, sondern sie stärker gemacht hat. Die Interviews sind nicht in der Form ‚Frage-Antwort‘, sondern als gegliederte, aber durchgehende Texte wiedergegeben.

In einem zweiten Teil ihres Buches geht Hasse auf medizinische Aspekte einer Brustkrebserkrankung  ein. Sie referiert über die richtige Methode der Selbstuntersuchung (Abtastung) und diskutiert ausführlich Für und Wider der diversen Methoden der Mammodiagnostik, den Schwerpunkt legt sie auf die Mammographie als wichtigstes diagnostisches Instrument. Ferner geht sie auf die Punkte: ‚Biopsie‘, ‚Die gängigen Operationsmethoden‘ und ‚Rekonstruktion der Brust‘ ein. Ein Glossar und ein Adressenvereichnis komplettieren das Buch. Bei diesen mehr fachlichen Abschnitten muss man berücksichtigen, daß das Buch aus dem Jahr 2000 stammt (eine neuere Auflage scheint es nicht zu geben) und sich hier mittlerweile Fortschritte ergeben haben, die prinzipiellen Aussagen dürften aber weiterhin gelten.

Auch wenn Neun Frauen und ich schon ein etwas älteres Buch ist, ist es doch ein zeitloses Buch, dessen Thema urplötzlich für jede Frau (und damit auch für deren Angehörige) brisant werden kann. Es besticht durch die Offenheit der Texte, die zeigen, daß und wie diese Frauen ihr Schicksal in den Griff bekommen haben und wie sich ihr Leben trotz dieser schweren Erkrankung mit ihren schwerwiegenden Folgen geändert, ja, sogar intensiver und bewusster geworden ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Leider habe ich keine weiteren Informationen über Angela Hasse gefunden. Jedenfalls engagiert sie sich schon seit Jahren und immer noch zum Thema ‚Brustkrebs‘, wie der Bericht zu dieser noch nicht so lange zurückliegenden Ausstellung in Hannover zeigt: https://www.mh-hannover.de/….
[2] Brustkrebsmonat Oktober; in: http://www.krebsgesellschaft-rlp.de/hilfe-fuer-krebspatienten-und-familien/beratungszentren/koblenz/aktuelles/193-brustkrebsmonat-oktober
[3] selten, aber eben doch: Brustkrebs bei Männern:  https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/brustkrebs-mann/

Zum Thema ‚Brustkrebs‘ (an dem im übrigen auch Männer erkranken können [3]) gibt es praktisch unendlich viele Links im Netz, deswegen verzichte ich darauf, hier Angaben zu machen. Einzig den zur Brustkrebsseite der Deutschen Krebsgesellschaft sei angegeben:

https://www.krebsgesellschaft.de/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs.html

Weitere Buchvorstellungen zum Thema ‚Brustkrebs‘ in meinem Blog:

Judith End: “Sterben kommt nicht in Frage, Mama!
Natalie Kriwy: 14/09 Tagebuch einer Genesung

David Rieff: Tod einer Untröstlichen

In diesen beiden Sachbüchern über Krebs spielt der Brustkrebs auch eine wichtige Rolle, der Autor des zweiten Buches, Martin Bleif, ist Onkologe und hat selber seine Frau durch ein Mammakarzinom verloren:

Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten
Martin Bleif: Krebs

Angela Hasse
Neun Frauen und Ich
Ein Buch über Brustkrebs, Heilung, Hoffnung und Erotik.
diese Ausgabe: Mikado-Verlag, HC, ca. 190 S., 2000, mit zahlreichen Fotos der Autorin

Kriwy

Das Bild einer jungen Frau ohne Haare auf dem Kopf, schaut man genauer, sieht man Stoppeln wachsen. Die Augenbrauen schmal, auch hier fehlen die Haare. Der kahle Kopf läßt die Ohren hervortreten, die mit kleinen Ohrgehänge geschmückt sind. Der halb geöffnete Mund zeigt eine weiße Zahnreihe, die Wangen sind leicht gerötet: das Gesicht der jungen Frau, die direkt in die Kamera schaut und damit den Eindruck erweckt, uns, den Betrachter, anzusehen, vermittelt zweierlei Eindrücke: auf der Ebene des Verstandes weiß man, daß diese Frau Schweres erlebt und durchlitten hat, möglicherweise noch mitten drin ist in ihrer Krankheit, gefühlsmäßig dagegen strahlt das Gesicht Offenheit und Zuversicht aus.

Bekommt man wie ich, der ich auf dem Land lebe, doch relativ viele Bücher per Post, so ist man immer gespannt, was in dieser oder jener eintreffenden Büchersendung denn nun für ein Werk drin ist. Dieses Buch mit seinem recht großen Format und demzufolge großen Coverbild hat mich überrascht und spontan die oben geschilderten Eindrücke hervor gerufen. Ich habe das Umschlagbild lange auf mich wirken lassen, bevor ich das Buch öffnete, habe mich vertraut gemacht mit diesem Gesicht, diesen Anflug von Lächeln, das zu ahnen ist, der Spiegelung des Fotografierenden in der Pupille, den kleinen Fältchen an den Augen…. fast hatte ich damit gerechnet, daß Natalie Kriwy, die sich auf diesem Portraits hat abbilden lassen, plötzlich anfing zu sprechen…


Natalie Kriwy [1], geboren 1979, lebt als Fotografin in Lübeck. Ende August 2011 palpierte ihr Gynäkologe einen Knoten in der linken Brust, verschwieg ihr aber den Befund. Sie selbst bemerkte diesen Knoten (… eine kleine, feste Kugel….) ein paar Tage später beim Abtasten. Am 14. September bekam sie nach entsprechenden Untersuchungen in der Klinik die Diagnose, daß dieser Knoten bösartig war, sie also Brustkrebs hatte: …. ich hatte keine Angst. Ich stand unter Schock. Und ich habe mich davor gefürchtet, es Titi [i.e. ihre Mutter] zu sagen. … aus irgendeinem Grund habe ich mich stark gefühlt. .. Endlich wusste ich, was los war. Die Ungewissheit der letzten zehn Tage war weg und das hat mich sehr erleichtert. und auch: Die Tränen und die Angst kamen erst zwei Tage später. Es wird im Arztgespräch ein Behandlungsplan erstellt, der eine Chemotherapie mit sechs Zyklen umfasst, eine Genanalyse der Tumorzellen wird empfohlen.

Die Chemotherapie schlägt an und zeigt die ‚üblichen‘ Nebenwirkungen: Müdigkeit, Haarausfall, körperliche Schwäche u.a.m.

Bis das Ergebnis der Genanalyse vorliegt, vergeht ein Vierteljahr, es wird Natalie Kriwy am 22. Dezember 2011 mitgeteilt. Es ist ungünstig, der Tumor  beruht auf einer BRCA1-Mutation [2], es war bei dieser Diagnose für Natalie keine Frage, dass sie beide Brustdrüsenkörper entfernt haben wollte. Sie war auch hier für die radikale, für ihr Gefühl sichere Lösung. [Zitat von Dorothea Fischer, behandelnde Ärztin]. Die beidseitige Mastektomie wurde mit einem sofortigem Wiederaufbau beider Brüste kombiniert [3]. Die OP und der Wiederaufbau der Brüste verlaufen sehr gut, die Zeit der Wundheilung ist anstrengend und teilweise schmerzhaft. Am 24. März war dann ein besonderer Tag für Natalie: In der Früh bin ich …. alleine zum ersten Mal seit Ende des ersten Chemozyklus joggen gegangen. Das normale Leben bahnt sich wieder seinen Weg….

Ein zusätzlicher wichtiger Punkt in ihrer Krankengeschichte war es, die Möglichkeit aufrecht zu erhalten, ein Kind zu bekommen, schließlich war Natalie ja erst knapp über dreißig Jahre alt.


Ziemlich zeitgleich zur Erstdiagnose beschloß Natalie Kriwy, die Fotografin, ihre Krankengeschichte zu dokumentieren, in ihrem eigenen Medium, der Fotografie und als Tagebuch. Beide Teile dieser Aufzeichnungen enthalten nicht nur die persönlichen Eindrücke, Gefühle, Hoffnungen und Ängste, sondern umfassen ebenso Daten wie beispielsweise die über die bei den insgesamt sechs Zyklen der Chemotherapie applizierten Medikamente, Fotos der Infusionsbeutel u.ä.

Herausgekommen ist dieses sehr beeindruckende, sehr intensive Fotobuch, dem das Tagebuch angeschlossen ist. Wir begegnen in diesem Buch einer schönen Frau, die zu jeder Zeit ihr Schicksal annimmt, ja, es offensiv annimmt. Natürlich – auch sie spürt die existentielle Angst, die mit der Diagnose verbunden ist, hat Träume, aber sie verschließt nicht die Augen, verdrängt nichts. Sie zögert keinen Moment, den radikalen Weg zu gehen, der ihr als der sichere erscheint.

Natalie Kriwy ist während der Zeit ihrer Krankengeschichte mehrere: Sie ist Tumorpatientin, sie ist Fotografin, sie ist Fotomodel. Das wichtige dabei ist, daß sie nicht auf die Rolle der Kranken beschränkt ist. Ihr Fotografieren (es sind viele Tausende Fotos, die sie schießt) versetzt sie in die Lage, sich in dieser Funktion eben nicht als Kranke zu sehen: sie muss die technischen Details checken, die Komposition der Bilder festlegen, was will sie überhaupt aufnehmen und festhalten… etc pp. Eine sehr (auch in diesem Zusammenhang muss man das sagen:) schöne Bilderfolge ist beispielsweise die von ihrer „Haaraktion“ Mitte Oktober 2011, also gut zwei Wochen nach Beginn der ersten Chemo: es sind achtzehn Bilder ungefähr im Passfotoformat, die eine meist lachende, manchmal auch grimassierende Natalie Kriwy zeigen, die sich mit beiden Händen die Haar vom Kopf reisst…. sie schreibt dazu: Das war echt beeindruckend. …. Zwischendurch wollte Basti [ihr Freund, der hier als Fotograf fungiert] auch mal ziehen. Das durfte er natürlich. … Ich habe viel gelacht und war auch wirklich beeindruckt, wie das Ganze ablief. ….  Ihrem Freund, so hält Natalie Kriwy fest, ging diese Aktion viel näher als ihr selbst.

Es wird aus den Tagebuchaufzeichnungen deutlich, wie massiv die Erkrankung das normale Leben über den Haufen wirft. Am 17. Februar 2012 konstatiert sie: Der Tumor ist weg und die Brüste auch. Irgendwie ist jetzt doch alles etwas komisch. So abgeschlossen. Keine Zeit mehr in der Klinik, keine Ärzte mehr, keine weißen Kittel. Das normale Leben wird sich wieder seinen Weg bahnen. .. Für das zurückliegende halbe Jahr war die Klinik weitgehend ihr normales Leben, die Reisen und Unternehmungen, die sie zwischenzeitlich gemacht hatte, nur Ausflüge davon… Das normale Leben: es ist nicht leicht. Ihr Körper läßt sie noch manchmal im Stich, was sie früher konnte, fällt ihr jetzt schwer oder ist gar unmöglich. Falsche Bewegungen und zu hohe Belastungen (beim Heben z.B.) erzeugen Schmerzen, die Schmerzen wiederum rufen Ängste hervor: das Vertrauen in den Körper fehlt und das Selbstwertgefühl leidet ebenso: … ich musste weinen. Ich will kein Krüppel sein und fühle mich auch nicht so. Aber in bestimmten Situationen bis ich es wohl doch. Ein Krüppel bin ich. [am 5. Februar 2013]

Ein gutes Jahr nach der Diagnose hat Natalie Kriwy zu ihrer großen Freude zum ersten Mal wieder ihre Tage, Mitte Oktober zum zweiten Mal. Auch jetzt, bei der anstehenden Familienplanung, zeigt sich ihre Konsequenz: Ich will meine Eizellen auf die Genmutation untersuchen lassen. Inzwischen ist auch klar, aus welchem Familienzweig die BRCA1-Mutation stammt, die Familienmitglieder, die sie informiert, gehen unterschiedlich mit dieser Information um, nur ihre Mutter und ihre Tante lassen sich ebenfalls testen.

Der letzte Tagebucheintrag ist vom 2. April 2014. Ihr Projekt nimmt langsam Formen an, sie ist in Paris, um im Rahmen einer Ausstellung „Cheveux chéris“ einen Vortrag über ihr Vorhaben zu halten. Sie muss, auf dem Podium angekommen, weinen, aber ich habe meine Tränen schnell wieder im Griff und begann mit meinem Vortrag, als ob nichts gewesen wäre.


Ihr Projekt, der Fototeil… natürlich kann man keinen Bildband besprechen, ohne auch auf die Bilder einzugehen. Die meist großformatigen Bilder sind dokumentarisch, sollen festhalten, archivieren gegen das Vergessen. So finden sich Abbildungen der Mützen, die sie trägt, der Schminksachen, die von einer Freundin gekauft bekommt auch Landschaftsaufnahmen von der Nordsee, von frühlingshaften Blüten oder der Winterlandschaft, die sie in der Reha geniessen kann. Aber es gibt auch die ’schwierigen“ Bilder, die aus dem OP von der Mastektomie beispielsweise oder die drei Aufnahmen mit ihr, von der man nur den völlig haarlosen Kopf sieht, im Bett unter der Bettdecke, entweder mit geschlossenen Augen oder nachdenklich an die Decke schauend. Diese absolute Haarlosigkeit wirkt beim Anschauen wie eine hochpotentierte Nacktheit, die völlige Schutzlosigkeit und Ausgeliefertheit suggeriert. Erschütternd ihr letztes Porträt mit meiner natürlichen Brust: sie sitzt fast völlig unbekleidet auf einem Stuhl, kleine Kreolen im Ohr, die Haare – natürlich, sie fehlen. Die Arme sind seitlich auf der Sitzfläche abgestützt. Der Blick geht ein klein wenig am Fotografen vorbei schräg in die Höhe. Zusammen mit der Bildunterschrift wird beim Betrachten schlagartig die Endgültigkeit dessen was in zwei Tagen geschehen wird klar, das Unwiderrufliche der Aktion… Dann ein paar Seiten und zwölf Tage später ein Selfie von ihr im Spiegel mit ihrer ’neuen“ Brust, auf der gegenüberliegenden Seite ein Bild mit den mit blutrotem Sekret gefüllten Drainagebeuteln, die sie bis dahin getragen hat. Im letzten Drittel oder Viertel der Bilderstrecke dann stolz die neuen Haare, die jetzt lockig wachsen, immer wieder Portraits mit ihren neuen Haaren…


14/09 Tagebuch einer Genesung: ein wahnsinnig lautleises Buch: laut, weil in den Bildern, in den Texten der Krebs in seiner ganzen Schrecklichkeit sichtbar wird, leise: weil Kriwy es versteht, dies sublim spürbar zu machen, nicht durch Schocken oder Entsetzen, sondern durch Nachdenklichkeit und Sensibilität.

Die Texte verraten eine sehr starke Frau, die sehr viel ‚richtig‘ gemacht hat. Sie ist ihren Weg gegangen, hat so gehandelt, wie sie es für sich als richtig empfunden hat, ohne dabei Ratschläge und Informationen ihrer Umwelt zu ignorieren. Sie hat einen stabilen Verwandten- und Freundeskreis (in dem zufälligerweise, weil ihr Freund Arzt ist, viele Ärzte sind), der sie unterstützt und trägt, sie hat vor allem mit ihrem Projekt der Krankheitsdokumentation ein Vorhaben, das über den Krebs hinausgeht, zeitlich und auch mental. Ich denke, daß dies in vielen Situationen sehr unterstützend war.

Eigentlich ergibt es sich, glaube ich, aus dem vorstehend von mir geschriebenen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Kriwy hat mit diesem Buch etwas sehr Schönes geschaffen, etwas, was Frauen, die unter einem ähnlichen Schicksalschlag zu leiden haben, helfen kann: ja, es ist nicht einfach, es ist scheisse und schwer, aber du kann es schaffen, wie ich es geschafft habe.

Ich wünsche Frau Kriwy von ganzem Herzen zweierlei: daß ihr ein weiterer Schicksalsschlag dieser Art in ihren Leben erspart bleibt und daß ihr Kinderwunsch in Erfüllung geht. Und daß sie glücklich wird, wünsch ich ihr sowieso…..

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage von Natalie Kriwy: http://www.nataliekriwy.com
[2] Übersichtsartikel „BRCA1“ in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/BRCA1
[3] ein prominente Fall eines solchen Vorgehens betrifft die Schauspielerin Angela Jolie. Ihre Entscheidung zur (vorsorglichen) beidseitigen Mastektomie, also ohne, daß sie schon an Krebs erkrankt war, ist nicht unumstritten. Vgl. z.B. hier: https://thetruthaboutcancer.com/angelina-jolie-brca-gene/

Natalie Kriwy
14/09 Tagebuch einer Genesung
diese Ausgabe: Prestel, HC, ca. ca. 225 S. (Fototeil: ca. 140 S.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Das Wunderzeichenbuch

12. November 2015

wunderzeichenbuch-cover

Die Welt umgibt uns mit Phänomenen, mit Zeichen, die uns wunderbar erscheinen. Nach einem Regenschauer ist möglicherweise ein nicht greifbarer Regenbogen zu sehen, am nächtlichen Himmel erscheinen für Sekunden Lichtstreifen, an einem kalten Wintertag scheinen auf einem mehr als eine Sonne am diesigen Himmel zu stehen. Wir können uns heutzutage viele dieser Erscheinungen erklären, wissen um die Ursachen und selbst wenn nicht, sind wir sicher, daß es eine rationale Erklärung gibt.

Wieviel anders war dies noch vor einigen Jahrhunderten! Es gab kaum belastbare physikalische, chemische oder biologische Kenntnisse, die etwas erklären konnten, jedes Kalb, das mit zwei Köpfen geboren wurde, erregte Schrecken und Angst ob der schlimmen Verheißung, die es darstellte…. Die Bibel war voll von „Wundern“, das Rote Meer teilte sich, der Dornbusch brannte ohne zu verbrennen, auf Sodom und Gorilla fielen Schwefel und Feuer und Lots Frau erstarrte zur Salzsäule…

Flugblatt aus Basel: Beschreibung eines auffälligen Sonnenunter- und Sonnenaufganges und schwarzer Kugeln, die am 27./28. Juli und am 7. August 1566 über Basel beobachtet wurden.

Flugblatt aus Basel: Beschreibung eines auffälligen Sonnenunter- und Sonnenaufgangs und schwarzer Kugeln, die am 27./28. Juli und am 7. August 1566 über Basel beobachtet wurden.

Um 1440 hatte der Mainzer Johannes Gutenberg eine Druckerpresse mit beweglichen Lettern entwickelt, schon ein paar Jahrzehnte später hatte sich diese Technik über ganz Westeuropa verbreitet und zum Druck von über 20 Millionen Druckwerken geführt [2]. Zu solchen Druckwerken zählten dann ab dem 16./17. Jahrhundert auch Flugblätter, in denen die Kenntnis solcher „Wunderzeichen“ im Volk verbreitet wurden. Man sieht, daß die Aufteilung des Flugblattes schon recht „modern“ ist: die Titelzeile, darunter ein Bild und danach die Erklärung. Auch letztere folgt einem etabliertem Muster: Das Wunderzeichen wird beschrieben, Zeugen werden benannt, sein Charakter als böses Zeichen und Strafe Gottes wird hervorgehoben und daraus die Notwendigkeit zu Buße und Einkehr des sündigen Menschen gefolgert [1].

Aber die Deutung von Erscheinungen und Ereignissen als Manifestation einer göttlichen Äußerung, eines göttlichen Zorns (Prodigium) sind natürlich viel älter. Schon in der Antike wurden beispielsweise der Vogelflug gedeutet, in Rom war die Interpretation solcher Prodigien zur Staatsangelegenheit erhoben, von Titus Livius ist eine Sammlung entsprechender Berichte von Wunderzeichen bekannt, in der Tierungeheuer, Blut- und Steinregen oder auch astronomische Ereignisse verzeichnet sind.

Das erste eigentliche Wunderzeichenbuch, d.h. eine Sammlung von Vorzeichen ausserhalb eines größeren historischen Werkes wurde im 4. Jhdt. nach Christi angefertigt. Im Mittelalter führten die Chronisten die antiken Zusammenstellungen unter einem christlichen Aspekt weiter. Das vorliegende Wunderzeichenbuch, das um 1550 in Augsburg entstand, enthält eingerahmt von den biblischen Wunderzeichen des Alten Testaments und der Offenbarung des Johannes aktuelle Prodigien bis in die Mitte des 16. Jhdt. aufführt. Insgesamt sind es auf 167 Seiten großformatige, in Gouache und Aquarell ausgeführte Illustrationen von wundersamen und oft furchterregenden  Himmelserscheinungen, Sternenkonstellationen, Feuersbrünsten, Überschwemmungen sowie anderen Katastrophen und rätselhaften Phänomenen, von denen einige hier angeschaut werden können [3]. Der Blutmond, den wir bei uns vor einigen Wochen hatten, wäre eine für ein Wunderzeichenbuch typisches Erscheinung gewesen. Was mich erstaunt hat, ist die Tatsache, daß das Buch keine Tafel zur „Pest“ enthält, wurde diese doch über Jahrhunderte als Strafe Gottes für die sündigen Menschlein angesehen und hatte sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingefressen.

Über dieses Buch läßt sich natürlich keine Buchvorstellung im (bei mir) üblichen Sinne schreiben. Es ist ein „Bilderbuch“ der schönsten Art, als Faksimilie gedruckt, voll von fantastischen Zeichnungen und Interpretationen von (für uns heute) rational erklärbaren Phänomenen. Schlangen und Schwerter sind am Himmel zu sehen (obwohl gerade die Darstellung astronomischer Ereignisse wie Nebensonnen oder Halos oftmals recht „modern“ aussieht), in den Wolken tauchen Gesichter und Erscheinungen auf und das Volk Israel, das aus Ägypten flieht sieht aus wie eine mittelalterliche Gauklertruppe.  Blutrot geht Sodom unter und auch Lots Töchter mit ihrem sündigen Treiben werden nicht vergessen… Im Gegensatz zu den oben erwähnten Flugblättern mit ihrem ausführlichen Texten sind die Abbildungen spärlich beschriftet und beschreiben auch nur die dargestellte Szenerie, ohne sie auszudeuten. Hat man sich etwas eingelesen, kann man die Texte sogar halbwegs entziffern.

Die Darstellungen sind für den Betrachter eine Zeitreise zurück in die Mitte des letzten Jahrtausends. In dieser Welt lebten und dachten die Menschen damals, auch wenn man sich heute vieles nicht mehr vorstellen kann. Man sieht, was man weiß und kennt: und damals waren das eben glühende Zungen am Himmel, Flammengesichter in Wolken und Omen im Vogelflug… Jede Zeit hat ihre eigene Welterklärung, die von magischen, religiösen oder rationalen Grundzügen getragen ist. In solchen Welterklärungen richtet man sich ein – notgedrungen. So freut man sich, sieht man einen Schornsteinfeger und schiebt die leise Angst beiseite, die einen am Freitag, den 13. erfasst: in diesem Fall prallen zwei Welten aufeinander. Und wenn die Kaffeetasse dann doch in Scherben liegt, hat die eine „gewonnen“. So ganz frei von diesen abergläubischen Aspekten sind auch wir nicht – hier, in solchen Gedankenbildern, Assoziationen, Vorstellungen und Interpretationen haben sie ihre Wurzel und in diesem Sinne haben die Bilder auch direkt mit uns zu tun.

Zum Bildband gehört ein dicker Erläuterungsteil, der sowohl allgemein auf die Geschichte von Wunderzeichenbüchern und ihren Vorläufern eingeht, als auch speziell auf dieses Augsburger Exemplar. Neben den historischen Fakten werden die Bilder hier mitsamt Bildunterschriften wiedergegeben, so daß man am besten beide Teile parallel liest.

Ausgeliefert und geschützt wird das Werk übrigens in bzw. durch einem massiven Karton, der standfest ist und in jedem Bücherregal eine Zierde. Wer schöne Bücher liebt und sich einfach was Gutes tun will, sollte dieses Wunderzeichenbuch gaaaaanz dick und gaaaaanz weit oben auf den Wunschzettel schreiben……

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wunderzeichen
[2] Wiki-Beitrag zur Druckpresse:  https://de.wikipedia.org/wiki/Druckpresse
[3] Sammlung von Abbildungen in wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Augsburger_Wunderzeichenbuch?uselang=de;  der kursive gehaltene Text ist der Beschreibung durch den  Verlag entnommen (siehe: diese Ausgabe)

Bildquelle: Flugblatt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:….._Jar.jpg#globalusageDieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Die Illustration ist auf dieser Wiki-Seite eingebunden: https://de.wikipedia.org/wiki/Basler_Himmelsspektakel_von_1566

Das Wunderzeichenbuch
Originalausgabe: Augsburg, um 1550
diese Ausgabe: Taschen-Verlag (dreisprachig), Faksimilie-Druck plus Erläuterungsband, 2013

Pia Raap: Miniatur Affäre

13. August 2015

raap-pia-cover

Nach langer Zeit stelle ich mal wieder einen Fotoband vor… da es im Leben deutlich Unangenehmeres gibt als das Durchblättern eines Buches mit Aktfotografien, habe ich das Angebot des Verlages zur Buchbesprechung gerne angenommen und war gespannt, zumal ich hin und wieder schon auf diese besonderen Fotos mit den kleinen Figuren gestoßen war…

Die Fotografin Pia Raap [1] ist gebürtige Bremerin, lebt aber in Hamburg. Miniatur Affäre ist ihr zweites Buch mit den „kleinen Hosenscheißern“, wie sie sie nennt: ca. 2 cm großen Plastikfiguren, die mit Sekundenkleber in und auf den Körperlandschaften ihrer Modelle verankert werden.

Diese Figuren sind klein genug, um die relativ zu ihnen „riesigen“ Körperflächen, auf denen Raap sie drapiert, tatsächlich als Landschaften zu empfinden, Landschaften mit Hügeln, Tälern, tiefen Einschnitten, kleinen Wiesen, Kuppeln oder Hochebenen. So kommen Bilder zustande wie das oben wiedergegebene Coverbild, die neben einer sehr feinen erotischen Ausstrahlung ein Element der Ruhe, der Unschuld, fast der Meditation enthalten. Zwei Kinder spielen am Bauchnabelsee, eins von ihnen ist die Leiter zur Rutsche hinaufgestiegen und rutscht gerade in das Wasser, ihm gegenüber sitzt die zweite Figur und beobachtet es…. der See befindet sich auf einem Plateau, das unbewachsen ist, nach rechts steigt die Landschaft an, auf der linken Seite ist wellig. Das Wasser steht so hoch im See, daß man befürchten muss, daß es überschwappt, wenn unser Held hineingerutscht ist: wohin wird es abfließen? In Gedanke vervollständigt der Betrachter die Landschaft und geniesst diese Vorstellung leise für sich… dieser Bauchnabelsee begegnet uns immer wieder, manchmal regnet es und Wanderer stehen beschirmt an seinem Ufer, ein andermal sitzt einer der Hosenscheißer auf einer großen Schildkröte, die er mit Zügel und Trense reitet und jetzt am See tränkt…

Da gibt es Szenerie mit Schafherden, die vom Schäfer z.B. auf der etwas schütteren, in der welligen Landschaft leicht erhöhten Schamhaarwiese gehütet werden: man befürchtet den Absturz eines oder zweier der Tiere, die sich keck weit nach rechts in den verlockenden Abgrund vorgetraut haben…. eine Bergwandergruppe kämpft sich im Winter über einen eingeschneiten Höhenzug, als der sich das Profil eines Gesichts für die lütten Leut´ darstellt…. Gefährlich seilt sich eine Figur an der senkrechten Bauchwand nach unten ab, man kann nur ahnen, wo sie sich oben, ausserhalb des Bildes gesichert und verankert hat….

Mehr oder auch weniger tiefe Täler und Einschnitte werden mit Brücken überwunden, es werden Seile gespannt, auf denen die Figuren balancieren, eine Milchbar (dieses Klischee war wohl nicht zu vermeiden) schenkt ihr Getränk aus; sanft läßt sich ein Pärchen in seinem Boot über den Meerbusen treiben…. Schaukeln in luftigster Höhe, aufgehängt an Phalli – nicht nur weibliche Landschaftsbilder und -szenen finden sich in den Miniatur Affären…

Die Bilder sind fast alle in Schwarz/Weiß gehalten, einige sind koloriert oder vor einen farbigen Hintergrund gesetzt. Zum Teil können wir die Akteure sogar beim Einfärben beobachten: die grauen Lippen eines großen Gesichts werden vom Maler gerötet, das Gerüst, auf dem er arbeitet, steht auf einem Handrücken in Kinnhöhe, die Fingernägel dieser Hand werden ihrerseits von einem zweiten Maler genagellackt.

Sehr filligran – und das soll meine letzte Andeutung über das Gezeigte sein – ist ein Bild durch die Beine einer stehenden Frau hindurch in das Licht hinein. Das Höschen, das ein wenig hinuntergezogen ist, erscheint durch seine Spitze, durch die das Licht scheint, sehr kunstvoll, es erinnert ein wenig an alten Brücken, deren Eisenträger kreuz und quer verstrebt sind, nur ist hier alles noch feiner… die Ähnlichkeit mit Brücken trügt nicht, wir sehen einen unserer Freunde auf einer Leiter stehen, sehnsüchtig nach oben blickend und deutend, dorthin, wo man auf dem Bild sieht, daß und wie sich der Bogen, der durch die Oberschenkel gespannt wird, schließt…

Mit dieser Art der Fotografie ist Miniatur Affäre von Pia Raap ein gelungenes Beispiel für intelligente, erotische Aktfotografie, die nicht von der Provokation lebt, sondern von der Sinnlichkeit, dem Angedeuteten, dem meist Nichtgezeigten: ein Fotoband (nicht nur) zum Verschenken, (nicht nur) an besondere Menschen zu (nicht nur) besonderen Tagen….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Fotografin: http://www.linsenflirt.com bzw. auf Facebook:  https://www.facebook.com/MinimodelsHamburg
über diese beiden Seiten gibt es weitere Bilder aus dem Buch zu sehen.

Pia Raap
Miniatur Affäre
diese Ausgabe: mitteldeutscher verlag, HC, 96 S., 2015

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der Fotograf Walter Schels und die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta haben sich vor einigen Jahren für ein Portaitsprojekt der besonderen Art zusammengetan. Sie haben in Berliner Hospizen Menschen besucht, auch begleitet und die Schicksale dieser Menschen in ihren letzten Tagen festgehalten. Auch bildlich natürlich, mit schwarz/weiß-Fotographien [Beispiele in 3, Erlangen] des lebenden, aber auch des toten Gastes im Hospiz.

Herausgekommen ist ein sehr eindringliches, leises, behutsames Werk einer vorsichtigen Annäherung an ein schwieriges Thema, den Tod. Schwierig geworden in den letzten Jahrzehnten, in denen der Tod, dieses uns alle erwartende Schicksal, verbannt worden ist aus dem täglichen Leben hinein in die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime (die ihn aber auch nicht immer haben wollen…), abgeschottete Bezirke also, während er früher Alltag war. Philippe Aries beschreibt dies in seinen Studien über die Geschichte des Todes [1], der Sterbende, der früher zu Hause noch einmal die Familie um sich versammelte und jedem etwas zum Abschied mitgegeben hat oder auch – war dies nicht möglich – die Familie, die sich um den Sterbenden versammelte, um Abschied zu nehmen. Natürlich war auch früher der Tod eines Familienmitglieds mit großer Trauer verbunden, aber man wusste besser mit umzugehen, sie zu integrieren in das eigene Leben, auch weil jedem bewusst war (und es für viele zu den geistigen Übungen gehörte, sich dies bewusst zu machen), daß die eigene Sterblichkeit jederzeit durch Krankheit, einen Unfall oder anderes Realität werden konnte.

War es früher üblich, den Toten zu Hause aufzubahren (was auch heute noch möglich ist, was wenige nur wissen), so wird er heute oftmals (so derjenige zu Hause verstorben ist), so schnell wie möglich aus dem Haus geschafft [2]. Wegschieben, Verdrängen ist die Devise, nach der viele Menschen handeln. Dem entgegen zu wirken, ist ein Ziel des Buches von Lakotta und Schels [3].

In ihrem Vorwort findet Lakotta einige schöne Gedanken. So ist mir die hie und da zu hörende Gleichsetzung „Hospiz“ gleich „Sterbehaus“ immer unangenehm gewesen, ohne daß ich dies so richtig in Worte fassen konnte. Lakotta tat dies für mich, in einem einfachen, wahren Satz: ein Hospiz ist kein Sterbehaus, es ist ein Haus zum Leben für die Sterbenden. Sterben ist ein Teil des Lebens, ein Sterbender lebt noch. Dementsprechend begegnet man im Hospiz diesem Leben auch, vllt sogar (im vollen Bewusstsein seiner drängenden Endlichkeit) intensiver als an anderen Orten des Lebens. Und so ist ein Hospiz auch kein trauriger Ort, es ist ein Ort, in dem Lachen genauso zu Hause ist wie Weinen, in dem es Hoffnung gibt genauso wie  – natürlich auch – Verzweifelung. Hoffnung: nicht unbedingt auf ein Wunder oder Heilung (obwohl auch das vorkommt), aber auf Naheliegendes: Schmerzfreiheit, gut schlafen können, den oder diese noch einmal sehen zu können, das oder jenes noch einmal zu erleben….

Die Menschen, denen die Autoren begegnen, erzählen aus ihrem Leben. Es sind normale Leben, wie sie jeder von lebt, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen. Oft wird jetzt, kurz vor dem eigenen Tod eine Art Bilanz gezogen, ein „ich hätte dies und jenes…“ oder „warum habe ich damals…“ [4]. Wichtig ist, und das taucht immer wieder auf, ist die Aussöhnung oder die letzte Aussprache, wenn Unausgesprochenes, Streit, Zerwürfnisse zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern stehen. Auch ein letztes Mal bekennen, wie wichtig der Sterbende für einen gewesen ist, daß man ihn liebt und daß man selbst auch nach dessen Tod das Leben weiter leben wird, ist wichtig – für den Sterbenden, dem es Ruhe gibt und für den Zurückbleibenden, dem es in der Trauer Trost sein kann, dies noch einmal gesagt zu haben. Der Tod ist endgültig, solche Bekenntnisse zu versäumen, nie wieder gut zu machen. Unter Umständen trägt man an dieser Last ein Leben lang. Und der Tod ist unberechenbar. Er kann morgen kommen oder erst in einer Woche, er kann das Hindämmern vorhergehen lassen, das ein Miteinander kommunizieren nicht mehr erlaubt. Für Zögern und Bedenken, für Scham ist im Hospiz keine Zeit mehr.

Die Bilder zeigen es: im Tod liegt Würde, das Gesicht des Menschen ist entspannt, gelockert. Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht.  Es ist ein Übergang auch in der Wahrnehmung, man hat kein Mitleid mehr mit diesem Menschen, man spürt (ev. ein kaum auszuhaltenes Maß an) Trauer, aber oft auch eine Erleichterung: es ist vorbei, er/sie hat es geschafft, das Leiden ist zu Ende.

Die meisten Hospizgäste sind in dem, was  Kübler-Ross [5] als letztes Stadium der Zustimmung, der Akzeptanz, definiert. Der Kampf gegen die Krankheit hat aufgehört, Schmerzfreiheit ist der große Wunsch, der heutzutage gottseidank praktisch immer erfüllt werden kann. Menschlichkeit, Zuwendung, Hilfe bei dem, was noch erledigt werden muss, das sind die Wünsche, die auftauchen. Wie wird die Beerdigung aussehen, wo wird man seine Grabstelle haben, wie sieht es dort aus? Können wir uns das anschauen? Jetzt möchte ich meinen Mann noch einmal sehen, der bis dahin nicht kommen durfte… Meine Tochter ist seit Jahren in Amerika.. nicht immer wartet der Tod auf die Erfüllung, aber erstaunlich häufig erleben Menschen noch, daß solche Wünsche erfüllt werden können, fast so, als würde man das Leben aufgeräumt zurücklassen wollen…

„Noch mal  leben vor dem Tod“ ist ein stilles Buch, das ganz tief drinnen wirkt. Es macht nachdenklich, denn die Schicksale, von denen wir dort lesen, sind zwar nicht unsere, sie könnten es aber morgen sein, so oder so ähnlich. Unsere eigene Sterblichkeit ist eine uns eigentümliche Eigenschaft wie jede andere auch, das Alter bzw. die Jugend schützt uns nicht davor, die Existenz von Kinderhospizen zeigt dies nur zu deutlich.  Man muss nicht täglich darüber meditieren, aber man sollte sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig, um bewusst leben zu können. Schels/Lakottas Buch ist dafür ein eindrucksvoller Einstieg.

Links und Anmerkungen:

[1] z.B. Philippe Aries: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Originalausgabe: Paris 1975
[2] Ich selbst bin schon nachts aus dem Bett geklingelt worden, um die Leichenhalle aufzuschließen, es hatte nicht bis zum Morgen Zeit, die verstorbene Oma aus dem Haus zu schaffen….
[3] ein Projekt, das im übrigen weltweit im Feuilleton vorgestellt wurde, hier z.B. in der NYtimes und das als Ausstellung zu sehen war (hier z.B. 2009 in Erlangen)
[4] die aus dieser Tatsache zu schließende Folgerung wird z.b. bei Sill: Die Kunst des Sterbens, sehr schön ausgeführt.
[5] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden

Beate Lakotta, Walter Schels
Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
dva, HC, 224 S., 2004

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