Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007

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David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Dovele Grinstein ist ein siebenundfünfzigjähriger Stand-up Comedian, dessen Karriere wohl nicht sehr erfolgreich gewesen sein kann, denn er wohnt immer noch im selben, nicht sehr vornehmen Viertel, in dem er als Junge lebte. Wir erfahren dies später im Text, als er, Dovele, sich mit Avischai Lasar unterhält, einem ehemaligen Richter, der zwangspensioniert worden war, jetzt um seine große Lebensliebe trauert und der durch einen überraschenden Anruf von Dovele, den er einundvierzig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, in dieses Lokal, vor diese Bühne gelockt worden war. Er hat dort eine Aufgabe von Grinstein bekommen, nämlich auf das zu achten, was zu sehen ist, wenn aller Schein weggelassen wird, auf das zu achten, was hinter allem ist, was normalerweise verdeckt ist; Avischai fungiert als Erzähler der Geschichte, wir sehen sie durch seine Augen.

So wird aus diesem seltsamen Auftritt des Dovele Grinstein eine Art Kammerspiel: Dovele auf der Bühne, der abgehalferte Comedian, der seinem Publikum eine Achterbahnfahrt zumutet zwischen Slapstick, Publikumsbeschimpfung, bösen, unverständlichen oder langatmigen Ausführungen und Witzen, die ihre besseren Tage auch schon hinter sich haben. Und doch – auch das wird deutlich, Dovele ist ein begnadeter Schauspieler und Manipulator. Er hat sein Publikum in der Hand, kann es steuern, drohen ihm die Zügel zu entgleiten, kann er sie ruckzuck wieder anziehen. Mimik und Gestik dieses Hänflings sind wandelbar und verblüffend ausdrucksfähig – dies alles muss der Erzähler der Geschichte anerkennen, auch wenn er selbst immer widerwilliger nur in dieser Aufführung bleibt. So wird es eine Art stilles Zwiegespräch zwischen den beiden, den – auch das wird schnell klar – es gibt unausgesprochenes zwischen ihnen, es gibt etwas, was zumindest von der Seite Avischais her, das Verhältnis belastet. Diese beiden Figuren gestalten das Spiel jedoch nicht alleine. Da gibt es noch das Publikum, das von Dovele sowohl zum Grölen gebracht wird, das er aber auch in Wut und Zorn bringt durch seine Erzählungen, die die Leute, die für einen unterhaltsamen Abend gekommen sind, langweilen. Und diese kleinwüchsige Frau mit dem Sprachhandicap, die Dovele offensichtlich nicht eingeplant hatte, denn sie scheint ihn von früher zu kennen. Und sie behauptet steif und fest, Dovele sei keineswegs der Unsympathling, als den er sich zeitweise aufführt…

Doveles Leben ist kein Erfolg, das wird schnell klar. Schon als Kind war er eher der Typ, dem man im Vorbeigehen mal kurz die Faust in den Magen rammt oder eine Ohrfeige gibt, einfach so, weil es sich anbot… später dann, beruflich, na ja, …. die eigenen Kinder leben bei den Müttern, von den Frauen hat es keine bei ihm ausgehalten. Diese letzte Vorstellung, die er in der israelischen Stadt Netanja gibt, gibt Rechenschaft ab über sein Leben und offenbart das große Trauma, daß er nie verwunden hat.

Zumindest für die erste Hälfte des Romans müsste man sich mit den Verhältnissen in Israel besser auskennen, um alles, was dort geschrieben steht, einordnen zu können; es gibt wirklich böse Stellen, die Grossman seinem Helden in den Mund legt. Dazwischen immer wieder Andeutungen über die Kindheit Doveles und – womit der Text auch zu einer Art Zwiegespräch wird – die Erinnerungen des Erzählers an die gemeinsame Zeit mit dem Jungen, mit dem er sich damals so gut verstand, der ihm alle Geheimnisse entlocken konnte und der, wenn es abends auf halb sechs zuging, zunehmend nervös wurde, weil er seine Mutter abholen musste… später erfahren wir dann, was es damit auf sich hatte, und es sind dies Momente des Romans, in denen der Text einen ganz tief drinnen packt und das Herz abdrückt. Denn Doveles Mutter hatte die Shoah zwar überlebt (sie war von drei Lokführern in einem Verschlag in der Lok versteckt worden und fuhr halbes Jahr lang immer dieselbe Strecke mit…), die Angst aber ist ihr geblieben und gesund geworden ist sie nie.

Zunehmend geschieht das, was der Erzähler selbst fürchtet: Dovele nähert sich dem, was damals geschehen war zwischen ihnen und die zweite Hälfte des Romans schildert eine irrwitzige Situation: Dovele wird aus dem paramilitärischen Jugendlager nach Hause geordert, auf eine Beerdigung. Eile ist geboten (Begräbnisse finden in Israel noch am Tag des Todes statt), so wird Dovele von einem Soldaten in einem Jeep nach Jerusalem gefahren, es wird ein wilder Ritt. Doch niemand hatte dem Jungen gesagt, wer gestorben ist… und der Fahrer, der dies auch nicht wußte, versucht die ganze Zeit, ihn mit Witzen auf andere Gedanken zu bringen… Während Dovele dies alles schildert (und sein Publikum bis auf einige wenige Ausnahmen damit vergrätzt), versucht Avischai  zu rekonstruieren, was er damals gemacht hat, wie er reagiert hat – denn durch einen Zufall war er zu dieser im selben Lager wie Dovele, aber die beiden hatten sich nicht als Freunde zu erkennen gegeben. Eins ist unbestreitbar: geholfen hat Dovele nicht.

Am Ende ist der Saal leer – bis auf diejenigen wohl, die Dovele wichtig waren, die er, der Manipulator, hergebeten, hergelockt hat – und diese kleine Frau, die ihn erkannt hat. Und der Comedian, der sich im Laufe des Abends immer weiter derangiert hat, der seine Seele offenbart hat, der sich seiner Erinnerungen gestellt hat, hat auf eine gewissen Art Erlösung gefunden; die Feierlichkeiten sind beendet.


Kommt ein Pferd in die Bar ist ein vielschichtiges Buch. Der erste Teil, der langsam auf den Höhepunkt, diese irrwitzige Fahrt, um Dovele zur Beerdigung zu bringen, hinleitet, hat viel Bezug zu israelischen Verhältnissen, er enthält das, was man sich landläufig unter stand-up Comedy vorstellt.

Hinter dieser Fassade des Comedians jedoch versteckt sich eine traumatisierte Person. Eine tragische Kindheit, wo die Eltern durch die Hölle der Shoah gegangen sind und schwer daran tragen und im Grunde ihm, dem kleinen Jungen, eine untragbare Bürde der Verantwortung auferlegen. Schon hier zeigt sich sein Talent zur Schauspielerei… zu seinem ganz großen Trauma jedoch sollte diese Fahrt zur Beerdigung werden. Man sagt ihm nicht, wer gestorben ist und in seiner Vorstellung gewinnt der Gedanke Raum, daß derjenige gestorben ist, den er in Gedanken dazu verurteilt – oder ausselektiert. Diese Situation hat mich (oder den alten Physiker in mir) an Schrödingers Katze erinnert: auch bei dieser weiß man nichts genaues, sondern erst, wenn man nachschaut, kann man die Information gewinnen, ob sie tot ist oder nicht. Analog stellt es sich für Dovele dar: ist seine gedankliche Abrechnung dran schuld, daß …. im Sarg liegt und nicht …? Und das Ganze untermalt durch den witzeerzählenden Fahrer, dessen Witze Dovele Zeit seines Lebens in seinen Auftritten begleiten sollten…

Dovele ist kein schlechter Mensch, die kleine Frau hat wohl recht.  Dovele ist ein vom Leben gezeichneter Mensch, ein Mensch voller Traurigkeit, voller Wunden, voller verdrängtem Schmerz. Dieser Abend, die Karthasis, war für sein Weiterleben notwendig, die verschütteten Erinnerungen mussten geborgen und ans Licht gebracht werden… was weiter aus ihm wird, wissen wir nicht. Wünschen wir ihm das Beste!

Parallel zu diesem Einzelschicksal stellt Grossman [1] am Einzelschicksal vor allem der Mutter sehr eindringlich dar, welche Wunden die Shoah geschlagen hat und wie sich diese Wunden in die nächste(n) Generation(en) fortpflanzen. Es war im Mai ’45 für die Überlebenden eben nicht vorbei und ihre Kinder wuchsen in dieser teilweise sehr bedrückenden Atmosphäre auf, die ihre Eltern in ihrem Bemühen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erzeugten [2].

Vielschichtig: man könnte jetzt noch einiges an Parallelthemen, die Grossman in seinem Roman anschneidet, anführen: manches zur Figur des Erzählers (auch er vom Tod einer geliebten Person noch gezeichnet), manches über die Strategien, mit der der junge Dovele versuchte, in seiner Kindheit zu über’leben‘, über den jungen Dovele überhaupt; manches über die im Buch angeschnittenen Lebensverhältnisse in Israel. Das Publikum im Saal, seine Reaktion auf den Auftritt Doveles, seine Funktion im Roman…

Dies alles präsentiert Grossman mit einer sehr intensiven Sprache, aber auch in einer Form, die Aufmerksamkeit verlangt: es gibt häufig unvermutete Sprünge in der Erzählperspektive, wörtliche Rede ist nicht als solche gekennzeichnet. Als Leser geht man die Entwicklung des Erzählers mit: anfangs ist einem dieser seltsame Comedian recht unsympathisch und man weiß nicht so richtig, worauf das Ganze hinzielt, aber dann packt einen der Stoff auf einmal und hinter der Showfigur taucht der Dovele auf, um den es eigentlich geht, der Siebenundfünfzigjährige, der an diesem Tag im August Geburtstag hat und der endlich seinen Frieden machen will – mit sich und den anderen. Ähnlich seinem Helden versteht es Grossman meisterhaft, den Spannungsbogen seiner Geschichte aufrecht zu erhalten beziehungsweise sie im richtigen Moment wieder zu erhöhen.

Kommt ein Pferd in die Bar ist ein beeindruckender, intensiver, ein großartiger Roman.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über David Grossman:  http://de.wikipedia.org/wiki/David_Grossman
[2] ich muss bei diesem Thema an die Kindheitserinnerungen von Doron denken, die mich seinerzeit sehr beschäftigten: Lizzy Doron: Das Schweigen meiner Mutter; Besprechung hier im Blog

fern habe ich von Grossman schon vorgestellt: Aus der Zeit fallen, ein Text, in dem der Autor seine Trauer um den 2006 im Libanon-Krieg gefallenen Sohn schildert

David Grossman
Kommt ein Pferd in die Bar
Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer Molad
Originalausgabe: סוס אחד נכנס לבר (sus echad nichnas lebar), Tel Aviv, 2014
diese Ausgabe: Fischer, TB, ca. 250 S., 2017

Ilmar Taska: Pobeda 1946

Ich muss es zugeben (auch wenn ich glaube, daß ich in dieser Beziehung in guter Gesellschaft bin), daß ich über die Staaten am Ostrand der Ostsee nicht wirklich viel weiß. Lettland, Litauen, Estland – kleine Staaten, immer wieder Spielball der größeren Mächte in ihrer Nachbarschaft, die sie untereinander verschacherten. Der Pakt von 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der UdSSR, in dem die jeweiligen Interessensphären und definiert wurden und damit auch über das Schicksal der baltischen Staaten entschieden wurde, ist ein besonders drastisches Beispiel dafür. 1941 marschierte die Wehrmacht in diese Staaten ein und besetzte sie, Nazideutschland seinerseits wurde 1944 durch die Rote Armee vertrieben – die Okkupanten wechselten, die Okkupation jedoch blieb. Nach dem Krieg wurde die nationale Souveränität der Staaten endgültig aufgehoben und sie wurden in die UdSSR integriert. Der schon unter der deutschen Besatzung existierende Untergrundkampf der ‚Waldbrüder‘ ging dementsprechend weiter, man hatte die Hoffnung auf das Eingreifen der westlichen Siegermächte (noch) nicht aufgegeben. Daß der Untergrundkampf zu entschiedenen Aktionen der sowjetischen Staatsmacht führte, braucht im Grunde nicht erwähnt zu werden [2].


Dies sind Situation und Zeitpunkt, in/an die/den uns der Roman des estnischen Schriftstellers Ilmar Taska führt. Er spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und schildert die unterschiedlichen Schicksale mehrerer Menschen, die jedoch zum Teil eng miteinander verzahnt sind.

Da ist zuvörderst der namenlos bleibende Junge zu nennen. Er ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung. Der Vater hat seit Jahren das Hinterzimmer nicht verlassen, die Atmosphäre in der Wohnung und in der Familie ist düster. Dieser Junge sieht beim ‚Busfahrerspielen‘ vor dem Haus einen nagelneuen Pobeda [3] um die Ecke biegen und ist begeistert von dem Auto, in dem ein ebenfalls namenlos bleibender Mann sitzt, der ihn zum Mitfahren einlädt. Kann man es dem Jungen verdenken, daß er zu diesem netten Mann einsteigt, daß ihm der eine oder andere Satz herausrutscht, den zu sagen ihm die Eltern streng verboten haben? Daß der Vater am nächsten Tag nicht mehr in der Wohnung ist und daß die Mutter mit ihm zu seiner Tante geht und dann auch verschwunden ist, bringt er nicht mit diesem Mann in Verbindung. Im Gegenteil, sucht er die Nähe dieses freundlichen Mannes, der so tolle Geheimnisspiele mit ihm spielt, ganz anders als die Eltern.

Die Schwester der Mutter wohnt in einem kleinen Häuschen, sie war/ist Sängerin, auch wenn das Opernhaus in Schutt und Asche liegt. Sie und ihr britischer Geliebter, die sich in besseren Zeiten kennen gelernt hatten, haben einen Namen, Johanna und Alan. Sie schreiben sich Briefe und Johanna kann Alan auch hören: er ist Sprecher bei der BBC. Durch den Besuch der Schwester wird Johanna in des Geschehen mit einbezogen: der Junge, auf den sie aufpassen soll, flieht aus ihrem langweiligen Haus… und sie selbst ist durch die Korrespondenz mit einem Kapitalisten ins Visier des Geheimdienstes geraten. In Alan andererseits reift die Erkenntnis, daß er Johanna nach England bringen muss…

Der Mann mit dem Pobeda, auch er namenlos. Obwohl er eine ihm selbst nicht erkärbare Schwäche für die Frau entwickelt hat, nimmt er seine Aufgabe ernst. Zwar versucht er sie zu schonen, aber diese, die sich ihre Schwäche, der sie nachgegeben hat, nicht verzeihen kann, bleibt in den Verhören standhaft, sie verrät nichts und niemanden…


Es ist ein düsteres Bild, das Taska malt. Ein Land ohne Farbe, ohne Aussicht, mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht der Westen doch noch eingreift, schließlich war man ja vor kurzem noch verbündet. Es herrscht Angst und Willkür, eine falsche Reaktion und der Vermerk ‚Zur Deportation vormerken‘ zerstört das Leben, ohne daß der Betroffene weiß, warum. Skrupellos wird der Junge als Beschaffer von Informationen gegen seine Eltern und die Tante instrumentalisiert, wird selbst zum Spielball unterschiedlicher Interessen im Geheimdienst.

In die durch Deportationen freiwerdenden Wohnungen werden Menschen aus weit entfernten Teilen der UdSSR einquartiert [4], der Tante mit der relativ großzügig bemessenen Wohnung geht es ähnlich, obwohl sie selbst noch in der Wohnung wohnt. Durch kleine Geschenke an die inspizierende Beamtin kann sie schlimmeres abwenden, dabei hat sie ferner noch Glück, daß die einquartierte Ex-Nomadenfamilie  nicht als Spitzel taugt.

Ihr Geliebter entwickelt einen kühnen Plan, sie aus dem Land zu holen, ein Plan voller Risiken, nicht das geringste ist es, wie sich Johanna im fremden Land einleben und ob ihre Liebe im Alltag überhaupt überleben kann. Und so, wie im ‚Osten‘ jeder mit Auslandskontakten prinzipiell verdächtig ist, wird sie vom britischen Geheimdienst argwöhnisch betrachtet werden… ganz abgesehen davon, daß der Arm des russischen Pendants lang ist, sehr lang… und wenig fehlertolerant.

Apropos Fehlertoleranz: nicht um Mitleid zu erwecken muss man zur Kenntnis nehmen, daß auch die Schergen selbst Opfer sind und jederzeit Opfer werden können. Niemand kann voraussagen, was der ‚Hausherr‘ (so die interne Bezeichnung für Stalin) für Befehle gibt, welche Losungen er ausgibt, wer als Nächster ins Visier der/von Säuberungen gerät. So steht am Ende des Romans auch ‚Der Mann‘ auf der Abschussliste, wobei er noch Glück hat: zu viele Fehler hat er in den Augen des Generalmajors gemacht, Fehler, die möglicherweise auch auf diesen zurückfallen könnten, falls….. sicher ist sicher und am sichersten wäre es, alle einzukerkern, ohne Ausnahme.

Das Schicksal der Familie des Jungen kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihr Bemühen, den Jungen aufwachsen zu lassen, ohne daß man ihn mit dem Wissen um die Gefahr belastet, macht ihn äußerst anfällig für Verlockungen: er sieht nicht, kann nicht sehen, daß man ihn nur missbraucht. Wieviel schöner ist es für einen Sechsjährigen, im Lockvogel, dem Pobeda, auf gut riechenden Ledersitzen zu sitzen, neben einem freundlichen Mann, der einem jeden Wunsch erfüllt als in der dunklen, düsteren Wohnung, in der sich die Depression eingenistet hat…

Interessant ist das Verhältnis der Frau zu dem (Geheimdienst)Mann: ihm, der psychologisch geschult ist, ist es leicht gefallen, mit Blumen und Pralinen gute Stimmung zu erzeugen, Trost zu spenden ob des Schicksals des abgeholten Ehemannes und die Frau letztendlich in ihrer Schwäche zu verführen. Eine Schwäche, die sich die Frau nicht verzeihen kann, die jedoch bei beiden eine Komponente hat, die über den Zweck, der erreicht werden sollte, hinausgeht: es gab eine gewissen Attraktion zwischen beiden. Unter anderen Umständen…

Die Namenlosigkeit dieser Figuren, ein Symbol des Autoren dafür, wie allgemein diese Schicksale zu nehmen sind: jeder konnte betroffen sein, ohne Ausnahme. Besonders dagegen ist das Schicksal des Paares Johanna und Alan, daß ihnen eine Zukunft erhalten bleibt, ist die absolute Ausnahme, besonderen Umständen gedankt, ihnen ‚lohnt sich‘, Namen zu geben.


Taskas Roman schildert die Vorgänge weitgehend nüchtern, obwohl die Angst der Figuren, das Gehetzte, die Unsicherheit deutlich spürbar ist. Da der Autor eine recht einfach strukturierte Sprache spricht (das soll keine Bewertung sein!), halte ich das Buch sogar für Jugendliche gut geeignet: die Strukturen und Geschehnisse dieser Geschichte lassen sich wohl ohne großes Verbiegen in jedes totalitäre Regime übertragen.

Sehr anschaulich sind auch die kursiv abgesetzten Passagen, in denen Taska seine Figuren selbst zu Worte kommen läßt, indem er ihre Gedanken wiedergibt: Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen werden deutlich, seltene Glücksgefühle, Erleichterung, Pläne über das, was als Nächstes zu tun oder zu erreichen ist….

Im Ganzen gesehen ist Pobeda 1946 also ein Roman, der mich sehr positiv überrascht hat: er entführt in eine Weltgegend, in die man auf üblichen Wegen eher selten kommt und macht auf tragische Weise deutlich, wie menschenverachtend dieser (und jeder andere) totalitäre Staat war bzw. ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren der Wiki-Beitrag. https://de.wikipedia.org/wiki/Ilmar_Taska
[2] ein paar Quellen zur baltischen Geschichte, durch die ich mich gelesen habe:  https://de.wikibooks.org/wiki/Baltische_Länder:..Fremdherrschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
https://linnamuuseum.tartu.ee/en/kgb-kongide-muuseum/pusinaitus/
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbrüder
https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2012/article/detail/estland-waehrend-des-stalinismus-1940-1953-gewalt-und-saeuberungen-im-namen-der-umgestaltung-einer-ge/
[3] Zum Namensgeber des Buches:
https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-M20_Pobeda
[4] lag der Anteil an Russen an der estnischen Bevölkerung 1922 bei 8,2%, stieg er bis 1959 auf über 20 % und liegt noch 2011 (bei einem Maximum von über 30 % im Jahr 1989) bei über 25 %. (https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Bev.C3.B6lkerung)

Ilmar Taska
Pobeda 1964
Übersetzt aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt 
Originalausgabe: Pobeda 1964, Tallinn, 2014
diese Ausgabe: Kommode-Verlag, HC, ca. 300 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Chris Kraus: Das kalte Blut

Eine deutsche Geschichte, die 1905 beginnend erzählt wird und 1974 endet. Zu dieser Zeit nämlich liegt der Erzähler, der sich mit dieser Erzählung Rechenschaft gibt über sein Leben, mit einer Kugel im Kopf in einem Krankenhaus mit einem ebenfalls hirnverletzten ‚Hippie‘ als Bettnachbarn, der mit seiner hinduistischen (‚Swami Basti Deva‘) Art auf die Welt zu schauen, einen brutalstmöglichen Gegensatz bildet zum Erzähler. Damit wäre schon so etwas wie eine Rahmenhandlung angedeutet, zu der Kraus immer wieder zurückspringt, um seine wilde Lebensgeschichte des Koja Solm wieder zu erden.

Mit über 1200 Seiten ist der vorliegende Roman des Drehbuchautoren und Schriftstellers Chris Kraus umfangreich, auch wenn der Text relativ locker gesetzt ist. Das muss schon unterhaltend und/oder interessant sein, wenn man seine Leser an der Stange halten will, hochphilosophisches und tiefgründiges jedenfalls wird man in solchem Umfang kaum verdauen können. Und in der Tat, da bietet Kraus einiges, so viel sogar, daß er sich genötigt fühlte, in einem Vorwort festzuhalten, daß viele der Umstände, historischen Ereignisse und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, …. als bekannt vorausgesetzt werden. Aber nicht alle. Manche mögen Staunen und Kopfschütteln hervorrufen, und sie erscheinen so siehr den Mitteln des Romans verhaftet, dass man sie womöglich für reine Erfindung hält. Obwohl auch diese vorkommen, ist nur ein kleiner Teil … gänzlich erfunden. …. Und nur wenige der auftretenden Personen (und schon gar nicht die verrücktesten) haben nie gelebt. 


Im Kern geht es – wie schon angedeutet – um die Lebensgeschichte des Erzählers, die untrennbar verknüpft ist mit der zweier anderer Personen: seines vier Jahre älteren Bruders Hub und seiner Schwester, die im Lauf der zeit zugleich Schwägerin, dann Geliebte und später dann Ehefrau sein sollte (man merkt schon, es ist kompliziert), Ev. Diese Geschichte beginnt im besagten Jahr 1905 (in dem Hub das Licht der Welt erblickte), aber nicht in Deutschland, sondern im Baltikum, genauer in Riga: die Solms gehören der Volksgruppe der Baltendeutschen [1] an.

Mütterlicherseits fließt viel blaues Blut in den Adern bis hin zur Bekanntschaft mit dem Zaren, väterlicherseits bildet die Reihe der Vorfahren schon fast eine Dynastie von Pastoren. Der Vater selbst dagegen war Künstler und Maler, ein Talent, das er auf seinen jüngeren Sohn vererbte. Die große Übergestalt der Familie war jedoch der Großvater Hubert Konstantin Solms, unschwer findet sich die Erinnerung an den ‚Märtyrer‘, der 1905 von der aufgebrachten Volksmenge seiner Standhaftigkeit und eines roten Apfels [2] wegen (der freilich weder in friedlicher Absicht noch wie weiland von Eva verlockend überreicht worden war) in einem Kartoffelsack gesteckt und bis zum Eintritt des Todes und noch danach im Teich des Anwesens versenkt worden war, in den Namen des Brüderpaars wieder. Ihm zu gedenken entwickelten sich seltsame Rituale in der Familie.

Die Zeitläufte brachten es so mit sich, daß man sich nach 1905 vom Russischen löste und sich mehr als Deutsch sah, nach dem Ersten Weltkrieg führte wiederum genau das zu gewissen Problemen, letztlich musste die Familie daher ihren gewohnten Lebensstil aufgeben und sich durchschlagen, irgendwie musste Geld ins Haus. Welches mittlerweile noch einmal Zuwachs bekommen hatte, ein Waisenmädchen voll mit verführerischer Kindlichkeit wurde erst in der Familie aufgenommen, diente dann als Modell für die Verschönerung der örtlichen Bordelle mit Bilder durch den Vater und als auch dieser ihr zuneigungsmäßig (was nicht körperlich gemeint ist) verfallen war, wurde diese Eva mit ihrem ausgeprägten Interesse auch für die sexuellen Funktionen des Körpers letztlich adoptiert und damit die Dritte im Bunde der Geschwister.

Bis hierhin ist eigentlich noch alles den Umständen entsprechend relativ normal. Die Zeiten waren damals halt unruhig und unruhige Zeiten schaffen eben auch ungewöhnliche Lebensläufe. Aus diesem Setting heraus entwickelt sich dann doch eine Geschichte, die über Gewohntes hinausreicht.

Denn der einzige Geldgeber, den die mittlerweile gescheiterten Studenten Hub und Koja auftreiben konnten, war die im Reich langsam erstarkende nationalsozialistische Bewegung. Der Führer, bzw. sein Heydrich, brauchte Adlaten in Baltikum und Hub und Koja standen ihm durch die Vermittlung eines gewissen Erhard Sneiper zur Verfügung. Während Hub aus innerer Überzeugung bewegt wurde, war es bei Koja eher ein notwendiges Mitschwimmen im stetig wachsenden Strom des Deutschtums. Erwähnter Sneiper sollte übrigens eine zeitlang Ehemann von Ev werden, aus Evs Sicht ein Opfer, das sie für die Familie brachte, um die Brüder in Lohn und Brot zu halten.

Mitschwimmen.. oder sollte man besser sagen, tauchend? Denn die Arbeit für Heydrich und seinen SD hieß ja nichts anderes als Bespitzeln, Beobachten, Melden, Agententätigkeit also. Man forschte unter geeigneten Deckmänteln seine Landsleute aus, ging daran, Strukturen zu etablieren. Der deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 setzte jedoch einen Schlussstrich unter das Deutsche im Baltikum. Die als rassisch wertvoll eingestuften Deutschbalten mussten/durften das Land verlassen. Im Vertrag über die Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Zugehörigkeit in das Deutsche Reich vom 30. Oktober 1939 zwischen der Reichsregierung und der Lettischen Regierung wurde deren Exodus geregelt. Es war passend, daß im Warthegau gerade Wohnungen frei wurden, die bisherigen Bewohner wurden im besten Fall vertrieben, im schlechtesten in Konzentrationslager umgesiedelt. Kaftane jedenfalls sah man nicht mehr in Posen, wo die Familie letztlich landete [3].

Zwischenzeitlich war Koja zum Hüter eines Geheimnisses geworden, eine tödlichen Geheimnisses. War doch die Wertvollheit als Deutscher vor der Ausreise durch eine entsprechende Ahnenreihe zu belegen, was sich bei Ev als schlechterdings unmöglich zeigte: nada, es gab keine Urkunden über ihr Leben und erst die letzte aller Möglichkeiten, das Register jüdischer Geburten, führt zu einem Ergebnis. Es kostete Koja einiges an Familiensilber, zumindest einige ausreichende notarielle Bescheinigungen erzeugen und verräterische Seiten aus jüdischen Registern verschwinden zu lassen…..

So waren die Solms also in Posen gelandet. Hub, mittlerweile mit seiner Schwester verheiratet (womit für die Mutter (der Vater war zwischenzeitlich verschieden) die Tochter gleichzeitig Schwiegertochter wurde, ein Zustand, an den sie sich nur schwer gewöhnte) half bei der Wohnungsbeschaffung für die einströmenden Deutschen, man kann sich denken, was das hieß. Als Ev zufällig  hinter Hubs Tätigkeit kam, flaute das bis dahin lautstark durch die dünnen Wände tönende Eheglück deutlich hörbar ab….

Damit schließt in etwa der erste Teil des Kraus’schen Romans, der die Ausgangsbedingungen für die Ereignisse der nachfolgenden fünfunddreißig Jahre legt: das Brüderpaar – wenngleich mit unterschiedlich ausgeprägter Begeisterung – ist als SS-Angehörige im Geheimdienst etabliert, die privaten Verhältnisse werden, da beide Brüder in ihre Schwester verliebt sind, auch nicht einfacher, zumal Ev versucht, die abgeflaute Leidenschaft zu Hub mit Kojas Hilfe zu substituieren. Immer wieder auch vermischen sich auch Privates und Dienstliches…

Zwar schützt Hub, der in de SS-Hierarchie schnell aufsteigt, seinen Bruder so weit es geht, davor, sich direkt an den Säuberungen zu beteiligen – aber eines Tages ergeht ein besonderer Befehl von ganz oben an die Abteilungen der SD-Dienststelle, die bislang von der blutigen ‚Arbeit‘ verschont geblieben sind. Es wird ein verhängnisvoller Tag für Koja, ein Tag, der über all die noch kommenden Jahrzehnte Schatten wirft auf sein Leben, eine Schuld dokumentieren wird, von der er nicht erlösbar ist.

Koja ist die tragische Figur des Romans. Ein Opfer, das Täter geworden ist, ein Täter, der gleichzeitig Opfer war. Nicht unbedingt ein Opfer, mit dem man Mitleid zeigen muss, aber doch ein Mensch, dessen Schicksal an ihm klebt und abgestreift werden kann, so ähnlich wie ein Klebestreifen manchmal an der Hand festhängt und hat man ihn von einem Finger gelöst, so bleibt er sofort an einem anderen hängen… Ihn läßt Kraus wie eine Kugel durch Papier durch die folgenden Jahrzehnte gehen, die ihm bei allen Ereignissen incl. eines durch ein durch Standartenführer Hub Solm einberufenen Standgericht gefällten Todesurteils gegen ihn, nichts anhaben können, zumindest nicht äußerliches. Ursache dieser brüderlichen Todfeindschaft ist von Seiten Kojas her Maja, eine Russin mit eigenem tragischen Schicksal, die zweite große Liebe Kojas nach/neben Ev und die Hub in den sicheren Tod schickt. Hub hat seinen eigenen Grund für diese Feinschaft, ein Grund in dessen Mittelpunkt Ev steht…. Rache, die neue Rache gebären sollte…

Aber nichts ist sicher in diesen Zeiten, die Vorhaben und Projekte sind wahnwitzig, in großer Ausführlichkeit werden Pläne der Deutschen geschildert, z.B. ein Attentat auf Stalin zu verüben oder durch hinter der Front abgesetzte Ukrainer ein Netz von Untergrundkämpfern aufzubauen. Beides scheitert natürlich grandios.

Der Krieg geht zu Ende, Deutschland liegt in Schutt und Asche, Koja ist russischer Gefangenschaft und während im Westen schon angefangen wird, die verbrecherische Expertise der untergegangenen Elite für eigene Zwecke einzusetzen, widersteht  Koja in Moskau allen hochnotpeinlichen (so hätte man es im Mittelalter bezeichnet) Befragungen, bis man ihn in den tiefsten Keller der Lubjanka führt…

In Pullach, auf dem Gelände eines ehemaligen Führerhauptquartiers hatte sich mittlerweile um Reinhard (‚Reini‘) Gehlen eine Organisation gebildet, die man getrost als Auffangbecken für ehemalaige SS-Größen bezeichnen kann, die ‚Organisastion Gehlen‘ [4]. Schätzungsweise hatten Ende der 1940er Jahre rund 400 meist hochrangige Mitarbeiter einen solchen Hintergrund. Noch 1970 waren zwischen 25 und 30 % der Beschäftigten des BND ehemalige Angehörige dieser Organisationen [5]. Der Namenspatrons selbst war unter Hitler ab Mai 1942 zum Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ ernannt worden, obwohl er keine Erfahrung in Spionagetätigkeit aufweisen konnte. Rechtzeitig vor dem Ende des Krieges gelang es ihm, die nachrichtlichen Erkenntnisse aus seiner Dienststelle zu sichern und in den Westen zu schaffen, wo er sie in geordneter Form an das ‚KÜ‘, die Amerikaner übergeben wollte. Und genau daran hatten das ‚Kleinere Übel‘ großes Interesse, die deren eigenen Aufklärungsmöglichkeiten über und in Russland schwach waren.

So tauchen viele der Namen hochkarätiger Nazigrößen auch in Kraus‘ Roman auf mit einer Beschreibung ihrer Tätigkeit und ihrer Vergangenheit. Es wundert nicht, daß auch Hub Solm in der Organisation Gehlen, aus der dann Jahre später der Bundesnachrichtendienst werden sollte, auf- und untertauchte. Und über Hub kommt auch Koja, der nach diesem erwähnten Kellergang aus russischer Haft entlassen werden konnte, als Mitarbeiter nach Pullach. Wo er, der abgebrochene ehemalige Architekturstudent erst einmal eine Mauer um das Dienstgelände bauen soll…

Dabei bleibt es natürlich nicht. War Kraus in der Folge beschreibt, ist ein wahnwitziger Perforceritt durch west-/bundesdeutsche Nachrichtendienstgeschichte. Großen Raum nimmt die ‚Affäre John‘ ein mit dessem diesem spektakulären Auftauchen in Ostberlin. Ob Otto John, ehemaliger Widerständler des 20. Juli, ausgerechnet an der Feier zum 10. Jahrestages des missglückten Anschlags auf Hitler als Leiter des Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (und damit den Pullachern ein großer Dorn im Auge) freiwillig oder mittels Entführung in Ost-Berlin auftaucht, ist nach wie vor nicht gerichtsfest geklärt, mittlerweile (und auch Kraus folgt dem in seinem Roman) ist die John’sche  Behauptung, er sei betäubt und entführt worden, jedoch offensichtlich die wahrscheinlichere Erklärung. Und wer war´s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, sondern unser tragischer Held….. der damit die Rolle des Max Wonsig, eines KGB-Agenten, übernimmt [7], der – wenn man mal googelt, selbst ein bewegtes Leben gehabt zu haben scheint. Aber das tut jetzt nicht zur Sache…..

Koja ist ein Racheteufel geworden, ein zersetzendes Gift, das seinen Bruder ganz langsam vernichtet, beruflich und privat. Nach dem Tod Annas, der Tochter, hatte sich Ev (die ebenso wie die Mutter den Krieg überlebt haben) von Hub scheiden lassen und Koja kümmert sich um die leidende, an der Trauer um die Tochter fast vergehende Schwester, die in dieser Extremsituation das Jüdische in sich entdeckt. Sie will nach Israel und Koja machts möglich, macht es sogar möglich, selbst mit nach Israel zu kommen, als Jeremias Himmelreich, Jude, mit seiner jüdischen Frau Ev Himmelreich. Die ersten Jahre nach dem Krieg war die Beziehung zwischen Deutschland und Israel eine Nicht-Beziehung: alles deutschen, angefangen von der Sprache bis über Geschäft mit bis hin zu was weiß ich, waren verboten. Andererseits konnte man von den Deutschen Waffen bekommen, die man der Nachbarschaft wegen brauchte, dringend brauchte [6].. und genau dies fädelte der BND-Resident Jeremias Himmelreich ein…. wo Himmelreich alias Koja Erfolg hatte, fiel Hub mittlerweile bei Gehlen immer tiefer in Ungnade, dank Kojas durch Rachegedanken und Sehnsucht motiviertes Wirken.

Fünf Jahre Israel als Resident des BND und als Mossad-Agent, danach wieder Deutschland, wo Ev ihre Aufgabe findet: die Jagd nach ehemaligen SS-Größen (Eichmann hatte Himmelreich schon in Israel an den Mossad geliefert). Noch immer lebt sie mit Koja zusammen, aber es ist keine wirklich glückliche Beziehung, was auch damit zusammenhängt, daß es Männer von früher gibt, die eher auf der Seite von Hub stehen als auf Kojas.. So nimmt das Unglück ganz, ganz langsam seinen Lauf, das private, das berufliche aber auch das öffentliche: durch eine juristische Finesse, die unverständlicherweise (?) unbemerkt blieb, kam es durch ein an sich harmloses Gesetz mit einem Schlag zu einer Generalamnestie der meisten Verbrecher des Nazi-Regimes: Ihre Taten galten plötzlich als verjährt [8]. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen Koja und Ev, die nach Israel zurückgeht (wobei man sich fragt, wieso Koja dieses vermaldeite Indiz, das Ev findet, nicht vorher schon längst vernichtet hat).

Koja ahnt nichts davon, aber die Schlinge um seinen Hals zieht sich enger und enger und so ergibt es sich schließlich, daß er mit einer Kugel im Kopf seinem daraus folgernd baldigem Ende entgegensieht und im Krankenhaus neben einem ebenfalls hirnkranken Hippie liegt. Den die Erzählung Kojas mit all den Toten, den Morden, der Schuld schier in den Wahnsinn treibt und möglicherweise sogar in den Tod.


ach, wieviel habe ich dieser Zusammenfassung nicht erwähnt. Adenauer mit der Spitzhacke, FJS in Unterhosen, Kojas Galerie, Mary-Lou und ihr Kaka-House, das wunderbar (situationskomische) Treffen Kojas mit David Grün am Teich im Park, den bemerkenswerten Isser aus Tel Aviv…. und, und, und…. es sollte also niemand denken, er kenne das Buch schon, weil ich so viel darüber erzählt hätte…

Ich musste irgendwann in der Mitte des Romans an Thomas Lieven denken (für alle, die ihn nicht kennen: der Held Simmels unterhaltsamen Roman Es muss nicht immer Kaviar sein). Auch dieser durchlebt ein turbulentes Agentenschicksal, aber auf eine irgendwie helle, lichte Art, während Koja auf der dunklen Seite agiert. Dieser eine Mittag im Wald, wo er duch hohen Befehl gezwungen war, abzuschlachten, es war die Ursünde, die Erbsünde für ihn, in dieser Minute wurde die Weiche gestellt für sein gesamtes weiteres Leben. Diese Minute gab es bei erwähntem Lieven nicht, deswegen war er im Gegensatz zu Koja nie erpressbar, denn die Schuld Kojas war so groß geworden, daß er sie nie bekennen konnte: er sah sich, er war zur Lüge gezwungen, wollte er nicht alles verlieren, was er liebte. Ev.

Und so wurde er zum Mörder, zum Attentäter, zum Fälscher, so wurde für ihn die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer diffuser und durchsichtiger. Im Gegensatz zu seinem Bruder Hub war er sich (im Krieg) jedoch der Schlechtigkeit seines Handelns bewusst, nie war er überzeugter Nazi, er war Nazi, um seine eigene Haut zu retten. Eine Handlungsweise, der er in der Nachkriegszeit kontinuierlich fortsetzte: er arbeitete für denjenigen, der ihm oder dem Menschen, den er liebte, am gefährlichsten werden konnte. Und alle anderen betrog, belog und verriet er. Es ging Koja immer darum, den Zipfel vom Glück, den er gepackt hielt oder den zu erhaschen er hoffte, zu halten, nie wollte er sich persönlich bereichern. Bis Isser seine Existenz endgültig tilte, lavierte sich die Flipperkugel Koja durch sein Lebenspiel zwischen Lüge, Halb- und Wahrheit, nie sah er sich in der Lage, den großen Schnitt zu machen und auszusteigen: untilgbar klebte die Ursünde an ihm und seine Feinde hätten nicht gezögert, sie gegen ihn zu verwenden. So wie es dann letztlich auch gekommen ist.

So ist Das kalte Blut auch ein Roman über Schuld und Verantwortung, über die Ausweglosigkeit und die Machtlosigkeit von Schicksalen. Wenn man der Geschichte Kojas Glauben schenken darf, denn wie gesagt, bei Koja sind die Übergänge zwischen Wahrheit und Lüge fließend….

Das Leben des Mannes jedenfalls entbehrte der Langeweile. Es ist schon erstaunlich, was Kraus ihm alles an Ereignisse in seine Vita hineingeschrieben hat, zeitweise fragte ich mich, ob unser guter Held 1963 vielleicht sogar noch einen Kurztrip nach Dallas gemacht hat…. ein Mann der immer dort war, wo es brannte…. jedenfalls ist für das, was Kraus an Ereignissen und Vorkommnissen im Umfeld der jungen deutschen Geheimdienste beschreibt schon eine (mittlerweile) unterhaltsame Geschichte, die an mehr als einer Stelle zum Kopfschütteln führt. Auch beschreibt der Autor dies alles sehr kurzweilig, die Besprechungen zum Beispiel mit Gehlen sind schon lesenswert. Man merkt, daß Kraus es als Drehbuchautor versteht, unterhaltsam und spannend zu schreiben.

Dabei geht er nicht sonderlich in die Tiefe. Abgesehen von einigen Passagen, in denen der tragische Held der Geschichte ins Grübeln kommt über die Verwerflichkeit seines Handelns, das zu ändern er sich nicht in der Lage sieht, und in denen Kraus dann das Verhältnis von Wahrheit und Unwahrheit, von Moral und Unmoral im Lichte von Kojas Schicksal darzulegen versucht, bleibt der Roman im wesentlichen auf der (oberen) Ebene der Schilderung von Ereignissen und Abläufen. Die Gliederung der chronologisch erzählten Geschichte in relativ kurze Abschnitte erleichtert das Lesen des dicken Romans erheblich und die immer wieder eingeschobenen Gegenwartsabschnitte mit Basti (den man getrost als letztes Opfer Kojas ansehen kann) im Krankenhaus unterbrechen die Erinnerungen des Erzählers und geben ihnen einen Rahmen.

Für den Autoren Chris Kraus hat dieser Roman eine weitere Seite, eine persönliche: dieser Roman ist parallel zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte entstanden, Kraus stammt von Baltendeutschen ab, die zum Teil Angehörige der SS waren. In ein ausführlichen Danksagung führt Kraus einiges zur Quellelage seines Buches aus, dokumentiert und erhebt damit gleichzeitig einen gewissen historischen, zumindest jedoch dokumentarischen Anspruch für sein Buch. Ob er diesem gerecht wird, kann ich nicht beurteilen.

Summa summarum war Das kalte Blut für mich trotz seines Umfangs ein schnell gelesener Roman, die Schlussfolgerung daraus, daß er nämlich unterhaltsam ist und spannend geschrieben, kann man ziehen. Aber ein Roman eben, der die Übertreibung nicht scheut bis hin zu der Episode, eine Jüdin als Ärztin ins Herz der Finsternis, nach Auschwitz, zu schicken, die sich dort – nicht anders zu erwarten – in Schwierigkeiten bringt und – ebenfalls nicht anders zu erwarten – vom Hans Dampf in allen Gassen, ergo: Koja, rausgehauen wird. Gut, daß die Jüdin so schön ist, daß man ihren Widersacher problemlos mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung ruhig stellen kann.

Punkten kann Kraus vor allem mit der Darstellung der Organisation Gehlen, wenn er einige der dort untergekrochenen ehemaligen SS-Größen und deren Vita erwähnt: es ist erschreckend, wie sich die alte Elite in den Anfangsjahren wieder gesammelt und den Neuanfang der Bundesrepublik infiltriert hat und die unter anderen Vorzeichen jetzt einfach dort weitermacht, wo  sie ein paar Monate vorher aufgehört hat…. Technokraten, Bürokraten, die einfach funktionieren und ihren Job machen. So wie Kraus es Gehlen in den Mund legt: „Es gibt hier keinen Antisemitismus. Aber auch keine Juden.“ (dem Sinne nach zitiert).

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki zu den Deuschbalten:  https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[2] Roter Herbstkalvill, eine alte Apfelsorte:  https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Herbstkalvill
[3] vgl dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Gehlen
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen
[6] zur militärischen Zusammenarbeit mit Israel in den ersten Jahren der Existenz beider Staaten z.B. hier: http://www.diss.fu-berlin.de/diss/…DaliaAbuSamraII-7.pdf
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_John
[8] vgl z.B. hier: http://www.zeit.de/2011/36/Ferdinand-von-Schirach/seite-2

Chris Kraus
Das kalte Blut
Originalausgabe
: Diogenes, HC, 1200 S., 2017

Pat Barker: Die Straße der Geister

Die Straße der Geister ist dritte und abschließende Teil von Pat Barkers bemerkenswerter Trilogie über den Ersten Weltkrieg, die die Schrecken dieses Krieges aus britischer Sicht darstellt. Der erste Band Niemandsland hatte uns in eine Nervenheilanstalt geführt, in der traumatisierte Offiziere wieder fronttauglich gemacht werden sollen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt, 1917, schon in ein Stadium getreten, in dem er ohne ausreichende Begründung einfach weiter geführt wurde, der Dichter  Siegfried Sassoon hatte einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht und wurde daraufhin unter einem vorgeschobenen Grund in die Nervenheilanstalt eingewiesen. In Niemandsland erfahren wir den Krieg indirekt, durch die Alpträume und Traumata der Soldaten, die von Dr. Rivers behandelt werden. Dr. Rivers ist ein einfühlsamer Arzt, der mit modernen Methoden mit Gesprächstherapie behandelt, andere Ärzte, die meisten, wenden gröbere Mittel an, um die Soldaten wieder zu ‚heilen‘: Er [i.e. Rivers] hatte beispielsweise keine Elektroden an Moffets [einer seiner Patienten mit einer psychosomatisch bedingten Lähmung der Beine] Beinen angebracht und dann den Strom eingeschaltet, wie Dr. Yealland es mittlerweile bestimmt getan hätte. Er hatte ihm keine Radiumröhren an die Haut gehalten, bis sie versengt war. Er hatte ihm keine subkutanen Ätherinjektionen gegeben. Alle diese Dinge wurden praktiziert, um Soldaten wieder einsatzfähig zu machen…

Ein weiterer Patient von Rivers ist Billy Prior, ein sehr komplexer, intelligenter Charakter mit einer analytischen Fähigkeit, die der Rivers kaum nachsteht. Er ist neben dem Arzt die Figur, die uns im zweiten Teil der Trilogie, Das Auge in der Tür, begleitet und die Zustände in England selbst vorführt: die Hatz auf Minderheiten aller Couleur, die grassierenden Verschwörungstheorien und politischen Ränke. Schließlich hält es Prior in England nicht mehr aus, obwohl er sich mit Sarah verlobt hat und sein zeitweiliger Geschlechtspartner Mannings ihm eine Arbeit im Ministerium verschaffen könnte, will er zurück nach Frankreich, an die Front.

Endlich, so ist man fast versucht zu sagen, führt uns Barker also hinein in die Hölle. In einer Art Tagebuch hält Prior am 5. Oktober 1918, nachdem sie unter feindlichem Beschuss stehend eine schwerstverletzten Kameraden ‚gerettet‘ haben, fest: Die ganze Szene sah aus wie etwas, das sich unmöglich auf Erden ereignen konnte, teils die Sonne, teils die absolute Leblosigkeit der zerstörten, zerwühlten, pockennarbigen Landschaft mit ihren stinkenden Kratern und den Stacheldraht verhauen. Kein einziger Vogel, nicht einmal Aasfresser. Selbst Krähen haben kapituliert. ….

Aber vor diesem Szenario lagen noch ein paar Tage, ein paar Wochen. In England vertreibt sich Prior die Zeit, er muss noch einmal vor eine Kommission, die seinen Zustand zu beurteilen hat und ihn dann trotz Asthmas tatsächlich nach Frankreich schickt. Bei seiner Verlobten Sarah zuhause erlebt er noch einmal die Prüderie und Verlogenheit der englischen Provinz, von Rivers verabschiedet er sich mit einem Besuch. Die ersten Wochen in Frankreich ähneln fast einer Art Sommerfrische, eine gute Unterkunft, keine Front, allenfalls die ewigen Gasübungen verderben die Laune der Soldaten. Es ist die Zeit, in der Prior nach dem Besuch der Divisionsbadeanstalt in sein Tagebuch schreibt: Die Westfront ist ein Wichserparadies. Aber sie ist es nicht ewig, auch Billy Prior und seine Einheit werden an die Front verlegt und es sollte so kommen, wie Prior schon lange vorher geunkt hatte: viermal ist einmal zu viel…..

Neben Prior begleiten wir den Arzt Dr. Rivers durch die Zeit, die der Roman überstreicht. Schildert Barker dessen Tätigkeit anfänglich noch im Rahmen des Üblichen mit diversen Fallbeschreibungen, so läßt sie ihn später selbst fiebrig erkranken. Obwohl nicht explizit erwähnt, erinnert dies an den katastrophalen Seuchenzug der ‚Spanischen Grippe‘, der 1918 seinen Anfang nimmt. Im Fieber, das weiß Rivers, kehrt sein Erinnerungsvermögen zurück: so auch jetzt. Erinnerungen an seine Kindheit, an den übermächtig tapferen Großvater, dessen Namen William er trägt und dem der ängstliche, schnell weinende Junge so wenig entsprach…. Ferner drängen die Erinnerungen an seine letzte Expedition in die Südsee immer stärker in den Vordergrund. Die Berichte der Patienten und seine Erinnerungen an das Erlebte bei den Kopfjägern zeigen Analogien, verschmelzen, verschränken sich. Krankheiten, die durch Geister hervorgerufen werden, so der Glaube der Eingeborenen, so die Übertragung des Arztes auf seine Kriegspatienten, die durch die in ihren Seelen verborgenen Schrecken erkrankten. Was den Kopfjägern ihre Geisterbeschwörung waren in England die Sceancen…. Im Ganzen gesehen war es für mich ein rätselhaftes Element des Romans, in ihrem Nachwort hilft Angela Schrader jedoch es zu entschlüsseln.

Rivers und Prior sind die Figuren, die uns durch das gesamte Werk begleiten. Ist Rivers eine historische Figur, so hat Barker Prior als seinen Gegenpol geschaffen: ein Angehöriger der unteren Klasse, der sich in frühen Jahren Geld durch sexuelle Dienstleistungen an Männern verdiente steht einem Arzt aus gehobender Gesellschaftsschicht gegenüber. Beide sind intelligent und weisen ähnliche analytische Fähigkeiten auf, Rivers ist geschult und setzt sie behutsam ein, Prior dagegen ist direkter – er ist es, der Rivers brutal auf seine verdrängten Erinnerungen anspricht. Zwischen beiden besteht ein nur in wenigen Andeutungen der Autorin erkennbares Band der Zuneigung.


Pat Barkers Trilogie ist weit mehr als die Beschreibung eines grausamen Krieges. Sie ist eine sehr vielschichtige und tiefgründige Analyse dessen, was ein Krieg im Menschen anrichtet und wie dieser auf diese existentielle Bedrohung reagiert. Barker konzentriert sich auf England, in dem – fern der Front – 1917 ein unbedingter Glaube an den Sieg herrschte, obwohl die riesigen Menschenverluste nicht mehr zu leugnen waren, sie charakterisiert dieses Land als Klassengesellschaft, in die der Krieg als auch die Ideen vom Bolschewismus und Sozialismus Unruhe gebracht haben und den Nährboden bereitet haben für Verschwörungstheorien und die Hatz auf Andersdenkende, mit der die Kriegsauswirkungen überspielt und verdrängt wurden. Dazu kam, daß nennenswerte Teile der männlichen Gesellschaft offensichtlich durch homoerotische Tendenzen geprägt waren. Der Krieg, mag er anfänglich noch mit einem definierten Ziel geführt worden sein, verselbstständigte sich im Lauf der Jahre, die Generalität, die von den Frontverhältnissen und wenig mitbekam, hatte sich eingerichtet. In der Vierten Armee sind jedwede Diskussionen über den Frieden ab sofort untersagt. (Tagesbefehl vom 11. Oktober 1918). Noch in den Gefechten, die stattfanden, als anderswo schon über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, verreckten Soldaten auf den Schlachtfeldern, so auch Prior und Wilfred Owen, neben Sassoon einer der ‚war poets‘ Englands.

 


Anthem For Doomed Youth
Poem by Wilfred Owen

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells;
Nor any voice of mourning save the choirs,
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.
What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

 


Ich war durch Zufall an dieses Buch gekommen: es lag in einer Ramschkiste, war gut erhalten und brauchte ein zuhause. Dort habe ich dann festgestellt, daß es der letzte Teil eines Werkes war.. na ja. Es gibt Sachen, die man leicht in Ordnung bringen kann…

Barkers Trilogie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist meiner Ansicht nach deutlich tiefgründiger, tiefschürfender und umfassender als zum Beispiel Im Westen nichts Neues. Natürlich kann man das, was Barker über England und die englischen Verhältnisse schreibt, nicht auf andere Länder übertragen, aber da England ein Kriegsakteur war, an den man eigentlich gar nicht so denkt, wenn man an den 1. Weltkrieg denkt, ist das Verdienst Barkers um so höher einzuschätzen. Ich kann jedem, der sich für diesen Krieg interessiert,  nur empfehlen, Barkers Werk zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Besprechungen der drei Bände hier auf dem Blog:
Niemandsland
Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Dort finden sich auch weiterführende Links.
[2] Das Gedicht Owens (Gesang für eine dem Untergang geweihte Jugend) wurde dieser Quelle entnommen:  https://www.poemhunter.com/poem/anthem-for-doomed-youth/

Weitere Bücher, die ich hier im Blog vorgestellt habe und deren Handlung im 1. Weltkrieg angesiedelt sind, sind unter folgendem Link zu finden:

https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/

Pat Barker
Die Straße der Geister
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Angela Schader
Originalausgabe: The Ghost Road, London, 1995
Deutsche Erstausgabe: Hanser, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 256 S., 2002