David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Dovele Grinstein ist ein siebenundfünfzigjähriger Stand-up Comedian, dessen Karriere wohl nicht sehr erfolgreich gewesen sein kann, denn er wohnt immer noch im selben, nicht sehr vornehmen Viertel, in dem er als Junge lebte. Wir erfahren dies später im Text, als er, Dovele, sich mit Avischai Lasar unterhält, einem ehemaligen Richter, der zwangspensioniert worden war, jetzt um seine große Lebensliebe trauert und der durch einen überraschenden Anruf von Dovele, den er einundvierzig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, in dieses Lokal, vor diese Bühne gelockt worden war. Er hat dort eine Aufgabe von Grinstein bekommen, nämlich auf das zu achten, was zu sehen ist, wenn aller Schein weggelassen wird, auf das zu achten, was hinter allem ist, was normalerweise verdeckt ist; Avischai fungiert als Erzähler der Geschichte, wir sehen sie durch seine Augen.

So wird aus diesem seltsamen Auftritt des Dovele Grinstein eine Art Kammerspiel: Dovele auf der Bühne, der abgehalferte Comedian, der seinem Publikum eine Achterbahnfahrt zumutet zwischen Slapstick, Publikumsbeschimpfung, bösen, unverständlichen oder langatmigen Ausführungen und Witzen, die ihre besseren Tage auch schon hinter sich haben. Und doch – auch das wird deutlich, Dovele ist ein begnadeter Schauspieler und Manipulator. Er hat sein Publikum in der Hand, kann es steuern, drohen ihm die Zügel zu entgleiten, kann er sie ruckzuck wieder anziehen. Mimik und Gestik dieses Hänflings sind wandelbar und verblüffend ausdrucksfähig – dies alles muss der Erzähler der Geschichte anerkennen, auch wenn er selbst immer widerwilliger nur in dieser Aufführung bleibt. So wird es eine Art stilles Zwiegespräch zwischen den beiden, den – auch das wird schnell klar – es gibt unausgesprochenes zwischen ihnen, es gibt etwas, was zumindest von der Seite Avischais her, das Verhältnis belastet. Diese beiden Figuren gestalten das Spiel jedoch nicht alleine. Da gibt es noch das Publikum, das von Dovele sowohl zum Grölen gebracht wird, das er aber auch in Wut und Zorn bringt durch seine Erzählungen, die die Leute, die für einen unterhaltsamen Abend gekommen sind, langweilen. Und diese kleinwüchsige Frau mit dem Sprachhandicap, die Dovele offensichtlich nicht eingeplant hatte, denn sie scheint ihn von früher zu kennen. Und sie behauptet steif und fest, Dovele sei keineswegs der Unsympathling, als den er sich zeitweise aufführt…

Doveles Leben ist kein Erfolg, das wird schnell klar. Schon als Kind war er eher der Typ, dem man im Vorbeigehen mal kurz die Faust in den Magen rammt oder eine Ohrfeige gibt, einfach so, weil es sich anbot… später dann, beruflich, na ja, …. die eigenen Kinder leben bei den Müttern, von den Frauen hat es keine bei ihm ausgehalten. Diese letzte Vorstellung, die er in der israelischen Stadt Netanja gibt, gibt Rechenschaft ab über sein Leben und offenbart das große Trauma, daß er nie verwunden hat.

Zumindest für die erste Hälfte des Romans müsste man sich mit den Verhältnissen in Israel besser auskennen, um alles, was dort geschrieben steht, einordnen zu können; es gibt wirklich böse Stellen, die Grossman seinem Helden in den Mund legt. Dazwischen immer wieder Andeutungen über die Kindheit Doveles und – womit der Text auch zu einer Art Zwiegespräch wird – die Erinnerungen des Erzählers an die gemeinsame Zeit mit dem Jungen, mit dem er sich damals so gut verstand, der ihm alle Geheimnisse entlocken konnte und der, wenn es abends auf halb sechs zuging, zunehmend nervös wurde, weil er seine Mutter abholen musste… später erfahren wir dann, was es damit auf sich hatte, und es sind dies Momente des Romans, in denen der Text einen ganz tief drinnen packt und das Herz abdrückt. Denn Doveles Mutter hatte die Shoah zwar überlebt (sie war von drei Lokführern in einem Verschlag in der Lok versteckt worden und fuhr halbes Jahr lang immer dieselbe Strecke mit…), die Angst aber ist ihr geblieben und gesund geworden ist sie nie.

Zunehmend geschieht das, was der Erzähler selbst fürchtet: Dovele nähert sich dem, was damals geschehen war zwischen ihnen und die zweite Hälfte des Romans schildert eine irrwitzige Situation: Dovele wird aus dem paramilitärischen Jugendlager nach Hause geordert, auf eine Beerdigung. Eile ist geboten (Begräbnisse finden in Israel noch am Tag des Todes statt), so wird Dovele von einem Soldaten in einem Jeep nach Jerusalem gefahren, es wird ein wilder Ritt. Doch niemand hatte dem Jungen gesagt, wer gestorben ist… und der Fahrer, der dies auch nicht wußte, versucht die ganze Zeit, ihn mit Witzen auf andere Gedanken zu bringen… Während Dovele dies alles schildert (und sein Publikum bis auf einige wenige Ausnahmen damit vergrätzt), versucht Avischai  zu rekonstruieren, was er damals gemacht hat, wie er reagiert hat – denn durch einen Zufall war er zu dieser im selben Lager wie Dovele, aber die beiden hatten sich nicht als Freunde zu erkennen gegeben. Eins ist unbestreitbar: geholfen hat Dovele nicht.

Am Ende ist der Saal leer – bis auf diejenigen wohl, die Dovele wichtig waren, die er, der Manipulator, hergebeten, hergelockt hat – und diese kleine Frau, die ihn erkannt hat. Und der Comedian, der sich im Laufe des Abends immer weiter derangiert hat, der seine Seele offenbart hat, der sich seiner Erinnerungen gestellt hat, hat auf eine gewissen Art Erlösung gefunden; die Feierlichkeiten sind beendet.


Kommt ein Pferd in die Bar ist ein vielschichtiges Buch. Der erste Teil, der langsam auf den Höhepunkt, diese irrwitzige Fahrt, um Dovele zur Beerdigung zu bringen, hinleitet, hat viel Bezug zu israelischen Verhältnissen, er enthält das, was man sich landläufig unter stand-up Comedy vorstellt.

Hinter dieser Fassade des Comedians jedoch versteckt sich eine traumatisierte Person. Eine tragische Kindheit, wo die Eltern durch die Hölle der Shoah gegangen sind und schwer daran tragen und im Grunde ihm, dem kleinen Jungen, eine untragbare Bürde der Verantwortung auferlegen. Schon hier zeigt sich sein Talent zur Schauspielerei… zu seinem ganz großen Trauma jedoch sollte diese Fahrt zur Beerdigung werden. Man sagt ihm nicht, wer gestorben ist und in seiner Vorstellung gewinnt der Gedanke Raum, daß derjenige gestorben ist, den er in Gedanken dazu verurteilt – oder ausselektiert. Diese Situation hat mich (oder den alten Physiker in mir) an Schrödingers Katze erinnert: auch bei dieser weiß man nichts genaues, sondern erst, wenn man nachschaut, kann man die Information gewinnen, ob sie tot ist oder nicht. Analog stellt es sich für Dovele dar: ist seine gedankliche Abrechnung dran schuld, daß …. im Sarg liegt und nicht …? Und das Ganze untermalt durch den witzeerzählenden Fahrer, dessen Witze Dovele Zeit seines Lebens in seinen Auftritten begleiten sollten…

Dovele ist kein schlechter Mensch, die kleine Frau hat wohl recht.  Dovele ist ein vom Leben gezeichneter Mensch, ein Mensch voller Traurigkeit, voller Wunden, voller verdrängtem Schmerz. Dieser Abend, die Karthasis, war für sein Weiterleben notwendig, die verschütteten Erinnerungen mussten geborgen und ans Licht gebracht werden… was weiter aus ihm wird, wissen wir nicht. Wünschen wir ihm das Beste!

Parallel zu diesem Einzelschicksal stellt Grossman [1] am Einzelschicksal vor allem der Mutter sehr eindringlich dar, welche Wunden die Shoah geschlagen hat und wie sich diese Wunden in die nächste(n) Generation(en) fortpflanzen. Es war im Mai ’45 für die Überlebenden eben nicht vorbei und ihre Kinder wuchsen in dieser teilweise sehr bedrückenden Atmosphäre auf, die ihre Eltern in ihrem Bemühen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erzeugten [2].

Vielschichtig: man könnte jetzt noch einiges an Parallelthemen, die Grossman in seinem Roman anschneidet, anführen: manches zur Figur des Erzählers (auch er vom Tod einer geliebten Person noch gezeichnet), manches über die Strategien, mit der der junge Dovele versuchte, in seiner Kindheit zu über’leben‘, über den jungen Dovele überhaupt; manches über die im Buch angeschnittenen Lebensverhältnisse in Israel. Das Publikum im Saal, seine Reaktion auf den Auftritt Doveles, seine Funktion im Roman…

Dies alles präsentiert Grossman mit einer sehr intensiven Sprache, aber auch in einer Form, die Aufmerksamkeit verlangt: es gibt häufig unvermutete Sprünge in der Erzählperspektive, wörtliche Rede ist nicht als solche gekennzeichnet. Als Leser geht man die Entwicklung des Erzählers mit: anfangs ist einem dieser seltsame Comedian recht unsympathisch und man weiß nicht so richtig, worauf das Ganze hinzielt, aber dann packt einen der Stoff auf einmal und hinter der Showfigur taucht der Dovele auf, um den es eigentlich geht, der Siebenundfünfzigjährige, der an diesem Tag im August Geburtstag hat und der endlich seinen Frieden machen will – mit sich und den anderen. Ähnlich seinem Helden versteht es Grossman meisterhaft, den Spannungsbogen seiner Geschichte aufrecht zu erhalten beziehungsweise sie im richtigen Moment wieder zu erhöhen.

Kommt ein Pferd in die Bar ist ein beeindruckender, intensiver, ein großartiger Roman.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über David Grossman:  http://de.wikipedia.org/wiki/David_Grossman
[2] ich muss bei diesem Thema an die Kindheitserinnerungen von Doron denken, die mich seinerzeit sehr beschäftigten: Lizzy Doron: Das Schweigen meiner Mutter; Besprechung hier im Blog

fern habe ich von Grossman schon vorgestellt: Aus der Zeit fallen, ein Text, in dem der Autor seine Trauer um den 2006 im Libanon-Krieg gefallenen Sohn schildert

David Grossman
Kommt ein Pferd in die Bar
Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer Molad
Originalausgabe: סוס אחד נכנס לבר (sus echad nichnas lebar), Tel Aviv, 2014
diese Ausgabe: Fischer, TB, ca. 250 S., 2017

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Ilmar Taska: Pobeda 1946

Ich muss es zugeben (auch wenn ich glaube, daß ich in dieser Beziehung in guter Gesellschaft bin), daß ich über die Staaten am Ostrand der Ostsee nicht wirklich viel weiß. Lettland, Litauen, Estland – kleine Staaten, immer wieder Spielball der größeren Mächte in ihrer Nachbarschaft, die sie untereinander verschacherten. Der Pakt von 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der UdSSR, in dem die jeweiligen Interessensphären und definiert wurden und damit auch über das Schicksal der baltischen Staaten entschieden wurde, ist ein besonders drastisches Beispiel dafür. 1941 marschierte die Wehrmacht in diese Staaten ein und besetzte sie, Nazideutschland seinerseits wurde 1944 durch die Rote Armee vertrieben – die Okkupanten wechselten, die Okkupation jedoch blieb. Nach dem Krieg wurde die nationale Souveränität der Staaten endgültig aufgehoben und sie wurden in die UdSSR integriert. Der schon unter der deutschen Besatzung existierende Untergrundkampf der ‚Waldbrüder‘ ging dementsprechend weiter, man hatte die Hoffnung auf das Eingreifen der westlichen Siegermächte (noch) nicht aufgegeben. Daß der Untergrundkampf zu entschiedenen Aktionen der sowjetischen Staatsmacht führte, braucht im Grunde nicht erwähnt zu werden [2].


Dies sind Situation und Zeitpunkt, in/an die/den uns der Roman des estnischen Schriftstellers Ilmar Taska führt. Er spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und schildert die unterschiedlichen Schicksale mehrerer Menschen, die jedoch zum Teil eng miteinander verzahnt sind.

Da ist zuvörderst der namenlos bleibende Junge zu nennen. Er ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung. Der Vater hat seit Jahren das Hinterzimmer nicht verlassen, die Atmosphäre in der Wohnung und in der Familie ist düster. Dieser Junge sieht beim ‚Busfahrerspielen‘ vor dem Haus einen nagelneuen Pobeda [3] um die Ecke biegen und ist begeistert von dem Auto, in dem ein ebenfalls namenlos bleibender Mann sitzt, der ihn zum Mitfahren einlädt. Kann man es dem Jungen verdenken, daß er zu diesem netten Mann einsteigt, daß ihm der eine oder andere Satz herausrutscht, den zu sagen ihm die Eltern streng verboten haben? Daß der Vater am nächsten Tag nicht mehr in der Wohnung ist und daß die Mutter mit ihm zu seiner Tante geht und dann auch verschwunden ist, bringt er nicht mit diesem Mann in Verbindung. Im Gegenteil, sucht er die Nähe dieses freundlichen Mannes, der so tolle Geheimnisspiele mit ihm spielt, ganz anders als die Eltern.

Die Schwester der Mutter wohnt in einem kleinen Häuschen, sie war/ist Sängerin, auch wenn das Opernhaus in Schutt und Asche liegt. Sie und ihr britischer Geliebter, die sich in besseren Zeiten kennen gelernt hatten, haben einen Namen, Johanna und Alan. Sie schreiben sich Briefe und Johanna kann Alan auch hören: er ist Sprecher bei der BBC. Durch den Besuch der Schwester wird Johanna in des Geschehen mit einbezogen: der Junge, auf den sie aufpassen soll, flieht aus ihrem langweiligen Haus… und sie selbst ist durch die Korrespondenz mit einem Kapitalisten ins Visier des Geheimdienstes geraten. In Alan andererseits reift die Erkenntnis, daß er Johanna nach England bringen muss…

Der Mann mit dem Pobeda, auch er namenlos. Obwohl er eine ihm selbst nicht erkärbare Schwäche für die Frau entwickelt hat, nimmt er seine Aufgabe ernst. Zwar versucht er sie zu schonen, aber diese, die sich ihre Schwäche, der sie nachgegeben hat, nicht verzeihen kann, bleibt in den Verhören standhaft, sie verrät nichts und niemanden…


Es ist ein düsteres Bild, das Taska malt. Ein Land ohne Farbe, ohne Aussicht, mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht der Westen doch noch eingreift, schließlich war man ja vor kurzem noch verbündet. Es herrscht Angst und Willkür, eine falsche Reaktion und der Vermerk ‚Zur Deportation vormerken‘ zerstört das Leben, ohne daß der Betroffene weiß, warum. Skrupellos wird der Junge als Beschaffer von Informationen gegen seine Eltern und die Tante instrumentalisiert, wird selbst zum Spielball unterschiedlicher Interessen im Geheimdienst.

In die durch Deportationen freiwerdenden Wohnungen werden Menschen aus weit entfernten Teilen der UdSSR einquartiert [4], der Tante mit der relativ großzügig bemessenen Wohnung geht es ähnlich, obwohl sie selbst noch in der Wohnung wohnt. Durch kleine Geschenke an die inspizierende Beamtin kann sie schlimmeres abwenden, dabei hat sie ferner noch Glück, daß die einquartierte Ex-Nomadenfamilie  nicht als Spitzel taugt.

Ihr Geliebter entwickelt einen kühnen Plan, sie aus dem Land zu holen, ein Plan voller Risiken, nicht das geringste ist es, wie sich Johanna im fremden Land einleben und ob ihre Liebe im Alltag überhaupt überleben kann. Und so, wie im ‚Osten‘ jeder mit Auslandskontakten prinzipiell verdächtig ist, wird sie vom britischen Geheimdienst argwöhnisch betrachtet werden… ganz abgesehen davon, daß der Arm des russischen Pendants lang ist, sehr lang… und wenig fehlertolerant.

Apropos Fehlertoleranz: nicht um Mitleid zu erwecken muss man zur Kenntnis nehmen, daß auch die Schergen selbst Opfer sind und jederzeit Opfer werden können. Niemand kann voraussagen, was der ‚Hausherr‘ (so die interne Bezeichnung für Stalin) für Befehle gibt, welche Losungen er ausgibt, wer als Nächster ins Visier der/von Säuberungen gerät. So steht am Ende des Romans auch ‚Der Mann‘ auf der Abschussliste, wobei er noch Glück hat: zu viele Fehler hat er in den Augen des Generalmajors gemacht, Fehler, die möglicherweise auch auf diesen zurückfallen könnten, falls….. sicher ist sicher und am sichersten wäre es, alle einzukerkern, ohne Ausnahme.

Das Schicksal der Familie des Jungen kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihr Bemühen, den Jungen aufwachsen zu lassen, ohne daß man ihn mit dem Wissen um die Gefahr belastet, macht ihn äußerst anfällig für Verlockungen: er sieht nicht, kann nicht sehen, daß man ihn nur missbraucht. Wieviel schöner ist es für einen Sechsjährigen, im Lockvogel, dem Pobeda, auf gut riechenden Ledersitzen zu sitzen, neben einem freundlichen Mann, der einem jeden Wunsch erfüllt als in der dunklen, düsteren Wohnung, in der sich die Depression eingenistet hat…

Interessant ist das Verhältnis der Frau zu dem (Geheimdienst)Mann: ihm, der psychologisch geschult ist, ist es leicht gefallen, mit Blumen und Pralinen gute Stimmung zu erzeugen, Trost zu spenden ob des Schicksals des abgeholten Ehemannes und die Frau letztendlich in ihrer Schwäche zu verführen. Eine Schwäche, die sich die Frau nicht verzeihen kann, die jedoch bei beiden eine Komponente hat, die über den Zweck, der erreicht werden sollte, hinausgeht: es gab eine gewissen Attraktion zwischen beiden. Unter anderen Umständen…

Die Namenlosigkeit dieser Figuren, ein Symbol des Autoren dafür, wie allgemein diese Schicksale zu nehmen sind: jeder konnte betroffen sein, ohne Ausnahme. Besonders dagegen ist das Schicksal des Paares Johanna und Alan, daß ihnen eine Zukunft erhalten bleibt, ist die absolute Ausnahme, besonderen Umständen gedankt, ihnen ‚lohnt sich‘, Namen zu geben.


Taskas Roman schildert die Vorgänge weitgehend nüchtern, obwohl die Angst der Figuren, das Gehetzte, die Unsicherheit deutlich spürbar ist. Da der Autor eine recht einfach strukturierte Sprache spricht (das soll keine Bewertung sein!), halte ich das Buch sogar für Jugendliche gut geeignet: die Strukturen und Geschehnisse dieser Geschichte lassen sich wohl ohne großes Verbiegen in jedes totalitäre Regime übertragen.

Sehr anschaulich sind auch die kursiv abgesetzten Passagen, in denen Taska seine Figuren selbst zu Worte kommen läßt, indem er ihre Gedanken wiedergibt: Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen werden deutlich, seltene Glücksgefühle, Erleichterung, Pläne über das, was als Nächstes zu tun oder zu erreichen ist….

Im Ganzen gesehen ist Pobeda 1946 also ein Roman, der mich sehr positiv überrascht hat: er entführt in eine Weltgegend, in die man auf üblichen Wegen eher selten kommt und macht auf tragische Weise deutlich, wie menschenverachtend dieser (und jeder andere) totalitäre Staat war bzw. ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren der Wiki-Beitrag. https://de.wikipedia.org/wiki/Ilmar_Taska
[2] ein paar Quellen zur baltischen Geschichte, durch die ich mich gelesen habe:  https://de.wikibooks.org/wiki/Baltische_Länder:..Fremdherrschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
https://linnamuuseum.tartu.ee/en/kgb-kongide-muuseum/pusinaitus/
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbrüder
https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2012/article/detail/estland-waehrend-des-stalinismus-1940-1953-gewalt-und-saeuberungen-im-namen-der-umgestaltung-einer-ge/
[3] Zum Namensgeber des Buches:
https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-M20_Pobeda
[4] lag der Anteil an Russen an der estnischen Bevölkerung 1922 bei 8,2%, stieg er bis 1959 auf über 20 % und liegt noch 2011 (bei einem Maximum von über 30 % im Jahr 1989) bei über 25 %. (https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Bev.C3.B6lkerung)

Ilmar Taska
Pobeda 1964
Übersetzt aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt 
Originalausgabe: Pobeda 1964, Tallinn, 2014
diese Ausgabe: Kommode-Verlag, HC, ca. 300 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Chris Kraus: Das kalte Blut

Eine deutsche Geschichte, die 1905 beginnend erzählt wird und 1974 endet. Zu dieser Zeit nämlich liegt der Erzähler, der sich mit dieser Erzählung Rechenschaft gibt über sein Leben, mit einer Kugel im Kopf in einem Krankenhaus mit einem ebenfalls hirnverletzten ‚Hippie‘ als Bettnachbarn, der mit seiner hinduistischen (‚Swami Basti Deva‘) Art auf die Welt zu schauen, einen brutalstmöglichen Gegensatz bildet zum Erzähler. Damit wäre schon so etwas wie eine Rahmenhandlung angedeutet, zu der Kraus immer wieder zurückspringt, um seine wilde Lebensgeschichte des Koja Solm wieder zu erden.

Mit über 1200 Seiten ist der vorliegende Roman des Drehbuchautoren und Schriftstellers Chris Kraus umfangreich, auch wenn der Text relativ locker gesetzt ist. Das muss schon unterhaltend und/oder interessant sein, wenn man seine Leser an der Stange halten will, hochphilosophisches und tiefgründiges jedenfalls wird man in solchem Umfang kaum verdauen können. Und in der Tat, da bietet Kraus einiges, so viel sogar, daß er sich genötigt fühlte, in einem Vorwort festzuhalten, daß viele der Umstände, historischen Ereignisse und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, …. als bekannt vorausgesetzt werden. Aber nicht alle. Manche mögen Staunen und Kopfschütteln hervorrufen, und sie erscheinen so siehr den Mitteln des Romans verhaftet, dass man sie womöglich für reine Erfindung hält. Obwohl auch diese vorkommen, ist nur ein kleiner Teil … gänzlich erfunden. …. Und nur wenige der auftretenden Personen (und schon gar nicht die verrücktesten) haben nie gelebt. 


Im Kern geht es – wie schon angedeutet – um die Lebensgeschichte des Erzählers, die untrennbar verknüpft ist mit der zweier anderer Personen: seines vier Jahre älteren Bruders Hub und seiner Schwester, die im Lauf der zeit zugleich Schwägerin, dann Geliebte und später dann Ehefrau sein sollte (man merkt schon, es ist kompliziert), Ev. Diese Geschichte beginnt im besagten Jahr 1905 (in dem Hub das Licht der Welt erblickte), aber nicht in Deutschland, sondern im Baltikum, genauer in Riga: die Solms gehören der Volksgruppe der Baltendeutschen [1] an.

Mütterlicherseits fließt viel blaues Blut in den Adern bis hin zur Bekanntschaft mit dem Zaren, väterlicherseits bildet die Reihe der Vorfahren schon fast eine Dynastie von Pastoren. Der Vater selbst dagegen war Künstler und Maler, ein Talent, das er auf seinen jüngeren Sohn vererbte. Die große Übergestalt der Familie war jedoch der Großvater Hubert Konstantin Solms, unschwer findet sich die Erinnerung an den ‚Märtyrer‘, der 1905 von der aufgebrachten Volksmenge seiner Standhaftigkeit und eines roten Apfels [2] wegen (der freilich weder in friedlicher Absicht noch wie weiland von Eva verlockend überreicht worden war) in einem Kartoffelsack gesteckt und bis zum Eintritt des Todes und noch danach im Teich des Anwesens versenkt worden war, in den Namen des Brüderpaars wieder. Ihm zu gedenken entwickelten sich seltsame Rituale in der Familie.

Die Zeitläufte brachten es so mit sich, daß man sich nach 1905 vom Russischen löste und sich mehr als Deutsch sah, nach dem Ersten Weltkrieg führte wiederum genau das zu gewissen Problemen, letztlich musste die Familie daher ihren gewohnten Lebensstil aufgeben und sich durchschlagen, irgendwie musste Geld ins Haus. Welches mittlerweile noch einmal Zuwachs bekommen hatte, ein Waisenmädchen voll mit verführerischer Kindlichkeit wurde erst in der Familie aufgenommen, diente dann als Modell für die Verschönerung der örtlichen Bordelle mit Bilder durch den Vater und als auch dieser ihr zuneigungsmäßig (was nicht körperlich gemeint ist) verfallen war, wurde diese Eva mit ihrem ausgeprägten Interesse auch für die sexuellen Funktionen des Körpers letztlich adoptiert und damit die Dritte im Bunde der Geschwister.

Bis hierhin ist eigentlich noch alles den Umständen entsprechend relativ normal. Die Zeiten waren damals halt unruhig und unruhige Zeiten schaffen eben auch ungewöhnliche Lebensläufe. Aus diesem Setting heraus entwickelt sich dann doch eine Geschichte, die über Gewohntes hinausreicht.

Denn der einzige Geldgeber, den die mittlerweile gescheiterten Studenten Hub und Koja auftreiben konnten, war die im Reich langsam erstarkende nationalsozialistische Bewegung. Der Führer, bzw. sein Heydrich, brauchte Adlaten in Baltikum und Hub und Koja standen ihm durch die Vermittlung eines gewissen Erhard Sneiper zur Verfügung. Während Hub aus innerer Überzeugung bewegt wurde, war es bei Koja eher ein notwendiges Mitschwimmen im stetig wachsenden Strom des Deutschtums. Erwähnter Sneiper sollte übrigens eine zeitlang Ehemann von Ev werden, aus Evs Sicht ein Opfer, das sie für die Familie brachte, um die Brüder in Lohn und Brot zu halten.

Mitschwimmen.. oder sollte man besser sagen, tauchend? Denn die Arbeit für Heydrich und seinen SD hieß ja nichts anderes als Bespitzeln, Beobachten, Melden, Agententätigkeit also. Man forschte unter geeigneten Deckmänteln seine Landsleute aus, ging daran, Strukturen zu etablieren. Der deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 setzte jedoch einen Schlussstrich unter das Deutsche im Baltikum. Die als rassisch wertvoll eingestuften Deutschbalten mussten/durften das Land verlassen. Im Vertrag über die Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Zugehörigkeit in das Deutsche Reich vom 30. Oktober 1939 zwischen der Reichsregierung und der Lettischen Regierung wurde deren Exodus geregelt. Es war passend, daß im Warthegau gerade Wohnungen frei wurden, die bisherigen Bewohner wurden im besten Fall vertrieben, im schlechtesten in Konzentrationslager umgesiedelt. Kaftane jedenfalls sah man nicht mehr in Posen, wo die Familie letztlich landete [3].

Zwischenzeitlich war Koja zum Hüter eines Geheimnisses geworden, eine tödlichen Geheimnisses. War doch die Wertvollheit als Deutscher vor der Ausreise durch eine entsprechende Ahnenreihe zu belegen, was sich bei Ev als schlechterdings unmöglich zeigte: nada, es gab keine Urkunden über ihr Leben und erst die letzte aller Möglichkeiten, das Register jüdischer Geburten, führt zu einem Ergebnis. Es kostete Koja einiges an Familiensilber, zumindest einige ausreichende notarielle Bescheinigungen erzeugen und verräterische Seiten aus jüdischen Registern verschwinden zu lassen…..

So waren die Solms also in Posen gelandet. Hub, mittlerweile mit seiner Schwester verheiratet (womit für die Mutter (der Vater war zwischenzeitlich verschieden) die Tochter gleichzeitig Schwiegertochter wurde, ein Zustand, an den sie sich nur schwer gewöhnte) half bei der Wohnungsbeschaffung für die einströmenden Deutschen, man kann sich denken, was das hieß. Als Ev zufällig  hinter Hubs Tätigkeit kam, flaute das bis dahin lautstark durch die dünnen Wände tönende Eheglück deutlich hörbar ab….

Damit schließt in etwa der erste Teil des Kraus’schen Romans, der die Ausgangsbedingungen für die Ereignisse der nachfolgenden fünfunddreißig Jahre legt: das Brüderpaar – wenngleich mit unterschiedlich ausgeprägter Begeisterung – ist als SS-Angehörige im Geheimdienst etabliert, die privaten Verhältnisse werden, da beide Brüder in ihre Schwester verliebt sind, auch nicht einfacher, zumal Ev versucht, die abgeflaute Leidenschaft zu Hub mit Kojas Hilfe zu substituieren. Immer wieder auch vermischen sich auch Privates und Dienstliches…

Zwar schützt Hub, der in de SS-Hierarchie schnell aufsteigt, seinen Bruder so weit es geht, davor, sich direkt an den Säuberungen zu beteiligen – aber eines Tages ergeht ein besonderer Befehl von ganz oben an die Abteilungen der SD-Dienststelle, die bislang von der blutigen ‚Arbeit‘ verschont geblieben sind. Es wird ein verhängnisvoller Tag für Koja, ein Tag, der über all die noch kommenden Jahrzehnte Schatten wirft auf sein Leben, eine Schuld dokumentieren wird, von der er nicht erlösbar ist.

Koja ist die tragische Figur des Romans. Ein Opfer, das Täter geworden ist, ein Täter, der gleichzeitig Opfer war. Nicht unbedingt ein Opfer, mit dem man Mitleid zeigen muss, aber doch ein Mensch, dessen Schicksal an ihm klebt und abgestreift werden kann, so ähnlich wie ein Klebestreifen manchmal an der Hand festhängt und hat man ihn von einem Finger gelöst, so bleibt er sofort an einem anderen hängen… Ihn läßt Kraus wie eine Kugel durch Papier durch die folgenden Jahrzehnte gehen, die ihm bei allen Ereignissen incl. eines durch ein durch Standartenführer Hub Solm einberufenen Standgericht gefällten Todesurteils gegen ihn, nichts anhaben können, zumindest nicht äußerliches. Ursache dieser brüderlichen Todfeindschaft ist von Seiten Kojas her Maja, eine Russin mit eigenem tragischen Schicksal, die zweite große Liebe Kojas nach/neben Ev und die Hub in den sicheren Tod schickt. Hub hat seinen eigenen Grund für diese Feinschaft, ein Grund in dessen Mittelpunkt Ev steht…. Rache, die neue Rache gebären sollte…

Aber nichts ist sicher in diesen Zeiten, die Vorhaben und Projekte sind wahnwitzig, in großer Ausführlichkeit werden Pläne der Deutschen geschildert, z.B. ein Attentat auf Stalin zu verüben oder durch hinter der Front abgesetzte Ukrainer ein Netz von Untergrundkämpfern aufzubauen. Beides scheitert natürlich grandios.

Der Krieg geht zu Ende, Deutschland liegt in Schutt und Asche, Koja ist russischer Gefangenschaft und während im Westen schon angefangen wird, die verbrecherische Expertise der untergegangenen Elite für eigene Zwecke einzusetzen, widersteht  Koja in Moskau allen hochnotpeinlichen (so hätte man es im Mittelalter bezeichnet) Befragungen, bis man ihn in den tiefsten Keller der Lubjanka führt…

In Pullach, auf dem Gelände eines ehemaligen Führerhauptquartiers hatte sich mittlerweile um Reinhard (‚Reini‘) Gehlen eine Organisation gebildet, die man getrost als Auffangbecken für ehemalaige SS-Größen bezeichnen kann, die ‚Organisastion Gehlen‘ [4]. Schätzungsweise hatten Ende der 1940er Jahre rund 400 meist hochrangige Mitarbeiter einen solchen Hintergrund. Noch 1970 waren zwischen 25 und 30 % der Beschäftigten des BND ehemalige Angehörige dieser Organisationen [5]. Der Namenspatrons selbst war unter Hitler ab Mai 1942 zum Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ ernannt worden, obwohl er keine Erfahrung in Spionagetätigkeit aufweisen konnte. Rechtzeitig vor dem Ende des Krieges gelang es ihm, die nachrichtlichen Erkenntnisse aus seiner Dienststelle zu sichern und in den Westen zu schaffen, wo er sie in geordneter Form an das ‚KÜ‘, die Amerikaner übergeben wollte. Und genau daran hatten das ‚Kleinere Übel‘ großes Interesse, die deren eigenen Aufklärungsmöglichkeiten über und in Russland schwach waren.

So tauchen viele der Namen hochkarätiger Nazigrößen auch in Kraus‘ Roman auf mit einer Beschreibung ihrer Tätigkeit und ihrer Vergangenheit. Es wundert nicht, daß auch Hub Solm in der Organisation Gehlen, aus der dann Jahre später der Bundesnachrichtendienst werden sollte, auf- und untertauchte. Und über Hub kommt auch Koja, der nach diesem erwähnten Kellergang aus russischer Haft entlassen werden konnte, als Mitarbeiter nach Pullach. Wo er, der abgebrochene ehemalige Architekturstudent erst einmal eine Mauer um das Dienstgelände bauen soll…

Dabei bleibt es natürlich nicht. War Kraus in der Folge beschreibt, ist ein wahnwitziger Perforceritt durch west-/bundesdeutsche Nachrichtendienstgeschichte. Großen Raum nimmt die ‚Affäre John‘ ein mit dessem diesem spektakulären Auftauchen in Ostberlin. Ob Otto John, ehemaliger Widerständler des 20. Juli, ausgerechnet an der Feier zum 10. Jahrestages des missglückten Anschlags auf Hitler als Leiter des Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (und damit den Pullachern ein großer Dorn im Auge) freiwillig oder mittels Entführung in Ost-Berlin auftaucht, ist nach wie vor nicht gerichtsfest geklärt, mittlerweile (und auch Kraus folgt dem in seinem Roman) ist die John’sche  Behauptung, er sei betäubt und entführt worden, jedoch offensichtlich die wahrscheinlichere Erklärung. Und wer war´s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, sondern unser tragischer Held….. der damit die Rolle des Max Wonsig, eines KGB-Agenten, übernimmt [7], der – wenn man mal googelt, selbst ein bewegtes Leben gehabt zu haben scheint. Aber das tut jetzt nicht zur Sache…..

Koja ist ein Racheteufel geworden, ein zersetzendes Gift, das seinen Bruder ganz langsam vernichtet, beruflich und privat. Nach dem Tod Annas, der Tochter, hatte sich Ev (die ebenso wie die Mutter den Krieg überlebt haben) von Hub scheiden lassen und Koja kümmert sich um die leidende, an der Trauer um die Tochter fast vergehende Schwester, die in dieser Extremsituation das Jüdische in sich entdeckt. Sie will nach Israel und Koja machts möglich, macht es sogar möglich, selbst mit nach Israel zu kommen, als Jeremias Himmelreich, Jude, mit seiner jüdischen Frau Ev Himmelreich. Die ersten Jahre nach dem Krieg war die Beziehung zwischen Deutschland und Israel eine Nicht-Beziehung: alles deutschen, angefangen von der Sprache bis über Geschäft mit bis hin zu was weiß ich, waren verboten. Andererseits konnte man von den Deutschen Waffen bekommen, die man der Nachbarschaft wegen brauchte, dringend brauchte [6].. und genau dies fädelte der BND-Resident Jeremias Himmelreich ein…. wo Himmelreich alias Koja Erfolg hatte, fiel Hub mittlerweile bei Gehlen immer tiefer in Ungnade, dank Kojas durch Rachegedanken und Sehnsucht motiviertes Wirken.

Fünf Jahre Israel als Resident des BND und als Mossad-Agent, danach wieder Deutschland, wo Ev ihre Aufgabe findet: die Jagd nach ehemaligen SS-Größen (Eichmann hatte Himmelreich schon in Israel an den Mossad geliefert). Noch immer lebt sie mit Koja zusammen, aber es ist keine wirklich glückliche Beziehung, was auch damit zusammenhängt, daß es Männer von früher gibt, die eher auf der Seite von Hub stehen als auf Kojas.. So nimmt das Unglück ganz, ganz langsam seinen Lauf, das private, das berufliche aber auch das öffentliche: durch eine juristische Finesse, die unverständlicherweise (?) unbemerkt blieb, kam es durch ein an sich harmloses Gesetz mit einem Schlag zu einer Generalamnestie der meisten Verbrecher des Nazi-Regimes: Ihre Taten galten plötzlich als verjährt [8]. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen Koja und Ev, die nach Israel zurückgeht (wobei man sich fragt, wieso Koja dieses vermaldeite Indiz, das Ev findet, nicht vorher schon längst vernichtet hat).

Koja ahnt nichts davon, aber die Schlinge um seinen Hals zieht sich enger und enger und so ergibt es sich schließlich, daß er mit einer Kugel im Kopf seinem daraus folgernd baldigem Ende entgegensieht und im Krankenhaus neben einem ebenfalls hirnkranken Hippie liegt. Den die Erzählung Kojas mit all den Toten, den Morden, der Schuld schier in den Wahnsinn treibt und möglicherweise sogar in den Tod.


ach, wieviel habe ich dieser Zusammenfassung nicht erwähnt. Adenauer mit der Spitzhacke, FJS in Unterhosen, Kojas Galerie, Mary-Lou und ihr Kaka-House, das wunderbar (situationskomische) Treffen Kojas mit David Grün am Teich im Park, den bemerkenswerten Isser aus Tel Aviv…. und, und, und…. es sollte also niemand denken, er kenne das Buch schon, weil ich so viel darüber erzählt hätte…

Ich musste irgendwann in der Mitte des Romans an Thomas Lieven denken (für alle, die ihn nicht kennen: der Held Simmels unterhaltsamen Roman Es muss nicht immer Kaviar sein). Auch dieser durchlebt ein turbulentes Agentenschicksal, aber auf eine irgendwie helle, lichte Art, während Koja auf der dunklen Seite agiert. Dieser eine Mittag im Wald, wo er duch hohen Befehl gezwungen war, abzuschlachten, es war die Ursünde, die Erbsünde für ihn, in dieser Minute wurde die Weiche gestellt für sein gesamtes weiteres Leben. Diese Minute gab es bei erwähntem Lieven nicht, deswegen war er im Gegensatz zu Koja nie erpressbar, denn die Schuld Kojas war so groß geworden, daß er sie nie bekennen konnte: er sah sich, er war zur Lüge gezwungen, wollte er nicht alles verlieren, was er liebte. Ev.

Und so wurde er zum Mörder, zum Attentäter, zum Fälscher, so wurde für ihn die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer diffuser und durchsichtiger. Im Gegensatz zu seinem Bruder Hub war er sich (im Krieg) jedoch der Schlechtigkeit seines Handelns bewusst, nie war er überzeugter Nazi, er war Nazi, um seine eigene Haut zu retten. Eine Handlungsweise, der er in der Nachkriegszeit kontinuierlich fortsetzte: er arbeitete für denjenigen, der ihm oder dem Menschen, den er liebte, am gefährlichsten werden konnte. Und alle anderen betrog, belog und verriet er. Es ging Koja immer darum, den Zipfel vom Glück, den er gepackt hielt oder den zu erhaschen er hoffte, zu halten, nie wollte er sich persönlich bereichern. Bis Isser seine Existenz endgültig tilte, lavierte sich die Flipperkugel Koja durch sein Lebenspiel zwischen Lüge, Halb- und Wahrheit, nie sah er sich in der Lage, den großen Schnitt zu machen und auszusteigen: untilgbar klebte die Ursünde an ihm und seine Feinde hätten nicht gezögert, sie gegen ihn zu verwenden. So wie es dann letztlich auch gekommen ist.

So ist Das kalte Blut auch ein Roman über Schuld und Verantwortung, über die Ausweglosigkeit und die Machtlosigkeit von Schicksalen. Wenn man der Geschichte Kojas Glauben schenken darf, denn wie gesagt, bei Koja sind die Übergänge zwischen Wahrheit und Lüge fließend….

Das Leben des Mannes jedenfalls entbehrte der Langeweile. Es ist schon erstaunlich, was Kraus ihm alles an Ereignisse in seine Vita hineingeschrieben hat, zeitweise fragte ich mich, ob unser guter Held 1963 vielleicht sogar noch einen Kurztrip nach Dallas gemacht hat…. ein Mann der immer dort war, wo es brannte…. jedenfalls ist für das, was Kraus an Ereignissen und Vorkommnissen im Umfeld der jungen deutschen Geheimdienste beschreibt schon eine (mittlerweile) unterhaltsame Geschichte, die an mehr als einer Stelle zum Kopfschütteln führt. Auch beschreibt der Autor dies alles sehr kurzweilig, die Besprechungen zum Beispiel mit Gehlen sind schon lesenswert. Man merkt, daß Kraus es als Drehbuchautor versteht, unterhaltsam und spannend zu schreiben.

Dabei geht er nicht sonderlich in die Tiefe. Abgesehen von einigen Passagen, in denen der tragische Held der Geschichte ins Grübeln kommt über die Verwerflichkeit seines Handelns, das zu ändern er sich nicht in der Lage sieht, und in denen Kraus dann das Verhältnis von Wahrheit und Unwahrheit, von Moral und Unmoral im Lichte von Kojas Schicksal darzulegen versucht, bleibt der Roman im wesentlichen auf der (oberen) Ebene der Schilderung von Ereignissen und Abläufen. Die Gliederung der chronologisch erzählten Geschichte in relativ kurze Abschnitte erleichtert das Lesen des dicken Romans erheblich und die immer wieder eingeschobenen Gegenwartsabschnitte mit Basti (den man getrost als letztes Opfer Kojas ansehen kann) im Krankenhaus unterbrechen die Erinnerungen des Erzählers und geben ihnen einen Rahmen.

Für den Autoren Chris Kraus hat dieser Roman eine weitere Seite, eine persönliche: dieser Roman ist parallel zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte entstanden, Kraus stammt von Baltendeutschen ab, die zum Teil Angehörige der SS waren. In ein ausführlichen Danksagung führt Kraus einiges zur Quellelage seines Buches aus, dokumentiert und erhebt damit gleichzeitig einen gewissen historischen, zumindest jedoch dokumentarischen Anspruch für sein Buch. Ob er diesem gerecht wird, kann ich nicht beurteilen.

Summa summarum war Das kalte Blut für mich trotz seines Umfangs ein schnell gelesener Roman, die Schlussfolgerung daraus, daß er nämlich unterhaltsam ist und spannend geschrieben, kann man ziehen. Aber ein Roman eben, der die Übertreibung nicht scheut bis hin zu der Episode, eine Jüdin als Ärztin ins Herz der Finsternis, nach Auschwitz, zu schicken, die sich dort – nicht anders zu erwarten – in Schwierigkeiten bringt und – ebenfalls nicht anders zu erwarten – vom Hans Dampf in allen Gassen, ergo: Koja, rausgehauen wird. Gut, daß die Jüdin so schön ist, daß man ihren Widersacher problemlos mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung ruhig stellen kann.

Punkten kann Kraus vor allem mit der Darstellung der Organisation Gehlen, wenn er einige der dort untergekrochenen ehemaligen SS-Größen und deren Vita erwähnt: es ist erschreckend, wie sich die alte Elite in den Anfangsjahren wieder gesammelt und den Neuanfang der Bundesrepublik infiltriert hat und die unter anderen Vorzeichen jetzt einfach dort weitermacht, wo  sie ein paar Monate vorher aufgehört hat…. Technokraten, Bürokraten, die einfach funktionieren und ihren Job machen. So wie Kraus es Gehlen in den Mund legt: „Es gibt hier keinen Antisemitismus. Aber auch keine Juden.“ (dem Sinne nach zitiert).

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki zu den Deuschbalten:  https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[2] Roter Herbstkalvill, eine alte Apfelsorte:  https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Herbstkalvill
[3] vgl dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Gehlen
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen
[6] zur militärischen Zusammenarbeit mit Israel in den ersten Jahren der Existenz beider Staaten z.B. hier: http://www.diss.fu-berlin.de/diss/…DaliaAbuSamraII-7.pdf
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_John
[8] vgl z.B. hier: http://www.zeit.de/2011/36/Ferdinand-von-Schirach/seite-2

Chris Kraus
Das kalte Blut
Originalausgabe
: Diogenes, HC, 1200 S., 2017

Pat Barker: Die Straße der Geister

Die Straße der Geister ist dritte und abschließende Teil von Pat Barkers bemerkenswerter Trilogie über den Ersten Weltkrieg, die die Schrecken dieses Krieges aus britischer Sicht darstellt. Der erste Band Niemandsland hatte uns in eine Nervenheilanstalt geführt, in der traumatisierte Offiziere wieder fronttauglich gemacht werden sollen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt, 1917, schon in ein Stadium getreten, in dem er ohne ausreichende Begründung einfach weiter geführt wurde, der Dichter  Siegfried Sassoon hatte einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht und wurde daraufhin unter einem vorgeschobenen Grund in die Nervenheilanstalt eingewiesen. In Niemandsland erfahren wir den Krieg indirekt, durch die Alpträume und Traumata der Soldaten, die von Dr. Rivers behandelt werden. Dr. Rivers ist ein einfühlsamer Arzt, der mit modernen Methoden mit Gesprächstherapie behandelt, andere Ärzte, die meisten, wenden gröbere Mittel an, um die Soldaten wieder zu ‚heilen‘: Er [i.e. Rivers] hatte beispielsweise keine Elektroden an Moffets [einer seiner Patienten mit einer psychosomatisch bedingten Lähmung der Beine] Beinen angebracht und dann den Strom eingeschaltet, wie Dr. Yealland es mittlerweile bestimmt getan hätte. Er hatte ihm keine Radiumröhren an die Haut gehalten, bis sie versengt war. Er hatte ihm keine subkutanen Ätherinjektionen gegeben. Alle diese Dinge wurden praktiziert, um Soldaten wieder einsatzfähig zu machen…

Ein weiterer Patient von Rivers ist Billy Prior, ein sehr komplexer, intelligenter Charakter mit einer analytischen Fähigkeit, die der Rivers kaum nachsteht. Er ist neben dem Arzt die Figur, die uns im zweiten Teil der Trilogie, Das Auge in der Tür, begleitet und die Zustände in England selbst vorführt: die Hatz auf Minderheiten aller Couleur, die grassierenden Verschwörungstheorien und politischen Ränke. Schließlich hält es Prior in England nicht mehr aus, obwohl er sich mit Sarah verlobt hat und sein zeitweiliger Geschlechtspartner Mannings ihm eine Arbeit im Ministerium verschaffen könnte, will er zurück nach Frankreich, an die Front.

Endlich, so ist man fast versucht zu sagen, führt uns Barker also hinein in die Hölle. In einer Art Tagebuch hält Prior am 5. Oktober 1918, nachdem sie unter feindlichem Beschuss stehend eine schwerstverletzten Kameraden ‚gerettet‘ haben, fest: Die ganze Szene sah aus wie etwas, das sich unmöglich auf Erden ereignen konnte, teils die Sonne, teils die absolute Leblosigkeit der zerstörten, zerwühlten, pockennarbigen Landschaft mit ihren stinkenden Kratern und den Stacheldraht verhauen. Kein einziger Vogel, nicht einmal Aasfresser. Selbst Krähen haben kapituliert. ….

Aber vor diesem Szenario lagen noch ein paar Tage, ein paar Wochen. In England vertreibt sich Prior die Zeit, er muss noch einmal vor eine Kommission, die seinen Zustand zu beurteilen hat und ihn dann trotz Asthmas tatsächlich nach Frankreich schickt. Bei seiner Verlobten Sarah zuhause erlebt er noch einmal die Prüderie und Verlogenheit der englischen Provinz, von Rivers verabschiedet er sich mit einem Besuch. Die ersten Wochen in Frankreich ähneln fast einer Art Sommerfrische, eine gute Unterkunft, keine Front, allenfalls die ewigen Gasübungen verderben die Laune der Soldaten. Es ist die Zeit, in der Prior nach dem Besuch der Divisionsbadeanstalt in sein Tagebuch schreibt: Die Westfront ist ein Wichserparadies. Aber sie ist es nicht ewig, auch Billy Prior und seine Einheit werden an die Front verlegt und es sollte so kommen, wie Prior schon lange vorher geunkt hatte: viermal ist einmal zu viel…..

Neben Prior begleiten wir den Arzt Dr. Rivers durch die Zeit, die der Roman überstreicht. Schildert Barker dessen Tätigkeit anfänglich noch im Rahmen des Üblichen mit diversen Fallbeschreibungen, so läßt sie ihn später selbst fiebrig erkranken. Obwohl nicht explizit erwähnt, erinnert dies an den katastrophalen Seuchenzug der ‚Spanischen Grippe‘, der 1918 seinen Anfang nimmt. Im Fieber, das weiß Rivers, kehrt sein Erinnerungsvermögen zurück: so auch jetzt. Erinnerungen an seine Kindheit, an den übermächtig tapferen Großvater, dessen Namen William er trägt und dem der ängstliche, schnell weinende Junge so wenig entsprach…. Ferner drängen die Erinnerungen an seine letzte Expedition in die Südsee immer stärker in den Vordergrund. Die Berichte der Patienten und seine Erinnerungen an das Erlebte bei den Kopfjägern zeigen Analogien, verschmelzen, verschränken sich. Krankheiten, die durch Geister hervorgerufen werden, so der Glaube der Eingeborenen, so die Übertragung des Arztes auf seine Kriegspatienten, die durch die in ihren Seelen verborgenen Schrecken erkrankten. Was den Kopfjägern ihre Geisterbeschwörung waren in England die Sceancen…. Im Ganzen gesehen war es für mich ein rätselhaftes Element des Romans, in ihrem Nachwort hilft Angela Schrader jedoch es zu entschlüsseln.

Rivers und Prior sind die Figuren, die uns durch das gesamte Werk begleiten. Ist Rivers eine historische Figur, so hat Barker Prior als seinen Gegenpol geschaffen: ein Angehöriger der unteren Klasse, der sich in frühen Jahren Geld durch sexuelle Dienstleistungen an Männern verdiente steht einem Arzt aus gehobender Gesellschaftsschicht gegenüber. Beide sind intelligent und weisen ähnliche analytische Fähigkeiten auf, Rivers ist geschult und setzt sie behutsam ein, Prior dagegen ist direkter – er ist es, der Rivers brutal auf seine verdrängten Erinnerungen anspricht. Zwischen beiden besteht ein nur in wenigen Andeutungen der Autorin erkennbares Band der Zuneigung.


Pat Barkers Trilogie ist weit mehr als die Beschreibung eines grausamen Krieges. Sie ist eine sehr vielschichtige und tiefgründige Analyse dessen, was ein Krieg im Menschen anrichtet und wie dieser auf diese existentielle Bedrohung reagiert. Barker konzentriert sich auf England, in dem – fern der Front – 1917 ein unbedingter Glaube an den Sieg herrschte, obwohl die riesigen Menschenverluste nicht mehr zu leugnen waren, sie charakterisiert dieses Land als Klassengesellschaft, in die der Krieg als auch die Ideen vom Bolschewismus und Sozialismus Unruhe gebracht haben und den Nährboden bereitet haben für Verschwörungstheorien und die Hatz auf Andersdenkende, mit der die Kriegsauswirkungen überspielt und verdrängt wurden. Dazu kam, daß nennenswerte Teile der männlichen Gesellschaft offensichtlich durch homoerotische Tendenzen geprägt waren. Der Krieg, mag er anfänglich noch mit einem definierten Ziel geführt worden sein, verselbstständigte sich im Lauf der Jahre, die Generalität, die von den Frontverhältnissen und wenig mitbekam, hatte sich eingerichtet. In der Vierten Armee sind jedwede Diskussionen über den Frieden ab sofort untersagt. (Tagesbefehl vom 11. Oktober 1918). Noch in den Gefechten, die stattfanden, als anderswo schon über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, verreckten Soldaten auf den Schlachtfeldern, so auch Prior und Wilfred Owen, neben Sassoon einer der ‚war poets‘ Englands.

 


Anthem For Doomed Youth
Poem by Wilfred Owen

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells;
Nor any voice of mourning save the choirs,
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.
What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

 


Ich war durch Zufall an dieses Buch gekommen: es lag in einer Ramschkiste, war gut erhalten und brauchte ein zuhause. Dort habe ich dann festgestellt, daß es der letzte Teil eines Werkes war.. na ja. Es gibt Sachen, die man leicht in Ordnung bringen kann…

Barkers Trilogie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist meiner Ansicht nach deutlich tiefgründiger, tiefschürfender und umfassender als zum Beispiel Im Westen nichts Neues. Natürlich kann man das, was Barker über England und die englischen Verhältnisse schreibt, nicht auf andere Länder übertragen, aber da England ein Kriegsakteur war, an den man eigentlich gar nicht so denkt, wenn man an den 1. Weltkrieg denkt, ist das Verdienst Barkers um so höher einzuschätzen. Ich kann jedem, der sich für diesen Krieg interessiert,  nur empfehlen, Barkers Werk zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Besprechungen der drei Bände hier auf dem Blog:
Niemandsland
Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Dort finden sich auch weiterführende Links.
[2] Das Gedicht Owens (Gesang für eine dem Untergang geweihte Jugend) wurde dieser Quelle entnommen:  https://www.poemhunter.com/poem/anthem-for-doomed-youth/

Weitere Bücher, die ich hier im Blog vorgestellt habe und deren Handlung im 1. Weltkrieg angesiedelt sind, sind unter folgendem Link zu finden:

https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/

Pat Barker
Die Straße der Geister
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Angela Schader
Originalausgabe: The Ghost Road, London, 1995
Deutsche Erstausgabe: Hanser, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 256 S., 2002

Pat Barker: Das Auge in der Tür

barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000