Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Der Winter des Jahres 1951 ist in den Alpen als ‚Lawinenwinter‘ in die Annalen eingegangen [2], ein Winter, der aufgrund zweier Extremwetterereignisse mit sehr viel Schneefall und anschließend verheerenden Lawinenabgängen zu vielen Opfern und Verlusten führte. Zu den Menschen, die – obwohl man seinen Leichnam nicht fand – in diesem Winter verschwanden, gehörte auch die Figur des fünfundzwanzigjährigen Maximilian (‚Max‘) Schreiber, der einige Wochen zuvor, im Herbst 1950, in dieses Dorf gekommen war. Halb zog es ihn, halb sank er hin: vor ziemlich genau einem Jahrhundert zuvor war in diesem weit abgelegenen, noch halb archaisch existierenden Dorf eine Frau in ihrem Haus verbrannt, von der es hieß, sie sei eine Hexe und die Dorfbewohner hätten sie dort in ihrem Haus verbrennen lassen, ohne zu helfen. Als Historiker auch privat an der Geschichte der Hexen und ihrer Verfolgung interessiert, hat Schreiber (sic!) den Plan, die Geschehnisse um diese Frau Katha­rina Schwarz­mann, soweit möglich, zu erforschen. … halb sank er hin: da ihn zu Hause, in Wien, seine Freundin eines Gärtners wegen verlassen hat, hat seine Reise in die Berge auch den Charakter einer Flucht, einer Auszeit…


Was ist damals passiert in diesem Dorf? Denn Max Schreiber ist nicht nur verschwunden, sondern er war eines Mordes beschuldigt; mit seiner Ankunft – so die Überzeugung der dem Aberglauben noch anhängigen Bevölkerung – hat sich Unheil in des Dorf eingeschlichen: ein unerklärlicher Todesfall, der Brand einer Scheune in der Stillen Nacht…

Was ist damals passiert in diesem Dorf? Diese Frage stellt sich auch für den achtzigjährigen John Miller in den USA. Dieser weißhaarige, leicht zittrige, alte Mann, der noch sehr um seine vor zwölf Jahren verstorbene Frau Rosalind trauert, mit der zusammen er ein kleines Antiquariat (spezialisiert auf indianische Literatur) geführt hatte, unternimmt die letzte große Reise seines Lebens: er fliegt nach Europa, um im Landesarchiv in Innsbruck die dort verwahrten Unterlagen über den Fall ‚Schreiber‘ zu sichten: die Aufzeichnungen Schreibers, aber auch den Polizeibericht – soweit dieser nach dem Brand der Wache nicht durch die Flammen vernichtet worden war.

Der Debütroman des österreichischen Autoren Gerhard Jäger spielt auf zwei Ebenen. Da ist zum einen die Jetzt-Zeit, die quasi als Rahmenhandlung für das zurückliegende Geschehen dient. Der alte Mann und die Suche nach der oder einer Wahrheit, noch in der Trauer um seine Frau, deren Tod, wie wir gegen Ende des Romans erfahren, ebenfalls auf unglückselige Weise mit den Ereignissen des Lawinenwinters verknüpft ist. In der Hauptsache jedoch führt uns der Bericht dieses jungen Max Schreibers (auch dieser in der Trauer um den Verlust seiner Liebe), den John Miller im Innsbrucker Archiv liest, und der in die vier titelgebenden Begriffe unterteilt ist, zurück in das Jahr 1950/51.

Max Schreiber ist ein Fremdkörper in diesem von der Welt abgeschiedenen Dorf. Sein Motiv, die Geschichte dieser vorgeblichen Hexenverbrennung zu erforschen, stößt auf heftigen Widerstand im Ort, zudem leidet Schreiber unter einer Schreibhemmung – die Seiten in seinem teuren Lederbuch bleiben weiß – und unter einer innerer Unruhe, die ihn immer wieder zu langen Wanderungen antreibt. Erst als er mit dem Kühbauer ins Holz geht und sich gar nicht mal so deppert anstellt, fangen die Menschen an, ihn langsam zu akzeptieren. Auch überwindet er seine Schreibhemmung als er erkennt, daß er nicht über Katha­rina Schwarz­mann schreiben sollte, sondern über sich und seine Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle. Denn letztere gibt es, wachsen langsam heran und werden übermächtig, treiben ihn im Verlauf der Wochen vermehrt zu manch dummer Handlung: eine junge Frau, die Stumme, die er auf einer seiner Ausflüge kurz erblickt hat, hat sie in ihm geweckt und es wird bald offensichtlich, daß er ihr, Maria, auch nicht egal ist. Problematisch ist dagegen, daß auch der Kühbauer, und zwar schon länger und doch immer noch und immer wieder vergebens, an Marias Tür klopft…

… und dann kommt der Winter und mit dem Winter der Schnee in kaum vorstellbaren Mengen. Die Dorfbewohner und mit ihnen Schreiber drängen sich in der Kirche, die als einzige noch Schutz bieten kann vor den Lawinen, die das Dorf überrollen. Die Toten werden im Pfarrhaus aufgebahrt, auch Maria hat dort Unterschlupf gefunden und die Entschlossenheit, nein, es ist eher eine durch Erschöpfung, Überanstrengung, Müdigkeit und Sehnsucht motivierte Besessenheit, mit der Schneider jetzt, in dieser Situation, Klarheit haben will zwischen sich, dem Kühbauer und Maria, führt in eine Katastrophe…


Jägers Roman – mit dem sehr schönen und passenden Umschlagbild, das einen einsamen Mann beim Laufen zeigt – führt uns in eine Welt, die, auch wenn das zwanzigste Jahrhundert seine zweite Hälfte begonnen hatte, noch stark von Mythen und vom Aberglauben beherrscht war. Da gab es Gesichter, die den baldigen Tod von Personen voraussagten, selbst der Pfarrer räuchert am Ende der Raunächte das Pfarrhaus aus. Treten in einer Familie immer wieder die gleichen tragischen Unglücke auf, kann das kein Zufall sein, da haben andere Mächte ihre Hand im Spiel… Die Zeit verläuft gleichmäßig in diesem Dorf – wenngleich mit anderem Tempo-, es gibt keine große Abwechslung, das Kartenspiel und das Bier in der Gaststube ist für die Männer die einzige Unterhaltung, die der Ort bietet und die sie reichlich nutzen. In diese nach eigenen Gesetzen funktionierende Gemeinschaft kommt mit Schreiber ein Fremdkörper, der störend wirkt, weil der Fragen stellt, die an eine böse Geschichte erinnern und das schlechte Gewissen wecken, weil er als rationaler Städter in Frage stellt, was die Grundlage ist und was sogar der Pfarrer widerwillig akzeptiert: es gibt Dinge, die man nicht erklären kann… Gertraudi hat den bösen Blick und sieht die Menschen, die ein paar Tage später sterben werden, über den Hügel laufen, der blinde Seiler erzählt die Geschichte von den Saligen, deren Reich das Eis ist, es gibt Teufelssteine und versteinerte Liebespaare… Steiner fügt sich im Lauf der Zeit in diese Dorfgemeinschaft ein, erntet leise Anerkennung, fühlt sich dadurch fast heimisch. Daß er Fremder bleibt, merkt er, als offensichtlich wird, daß er ein Auge auf Maria geworfen hat – so wie der Kühbauer, den sie zwar nicht will, aber in den Augen des Dorfes ist dieser wenigstens einer von uns. Daß sich Schreiber dazu noch recht auffällig verhält, erschwert alles zusätzlich…


Jäger stellt die beiden Handlungsstränge (Schreibers Bericht und die Suche Millers nach der Wahrheit und damit verbunden dessen Erinnerungen an seine eigene bewegte Vergangenheit mit Rosalind) alternierend dar, bis gegen Ende des Romans die Zusammenhänge deutlich werden. Der Roman selbst kommt leise daher, unaufgeregt, den langsamen, meist betulichen Abläufen im Dorf entsprechend. Sehr schön kann der Autor vermitteln, daß die abgeschiedene Welt dieses Dorfes in den Bergen damals noch anders funktionierte, daß Wetter und Berge das Leben direkter und unmittelbarer mitbestimmten. Plastisch auch der Gegensatz, der sich zur modernen Zeit offenbart, denn Jäger läßt seine zweite Figur, den alten Herrn Miller, die Schauplätze des damaligen Geschehens besuchen. Miller trifft jedoch auf Straßen anstatt Feldwegen, auf Hotels und Pensionen, das alte Gasthaus verschwunden, das Pfarrhaus ebenso wie auch die Erinnerungen an damals und der Kühbauer lebt dement in einem Pflegeheim…


Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod ist ein moderner Heimatroman, eine Erinnerung auch an eine untergegangene Kultur, die uns heute fremd geworden ist, weil sie nur in der Abgeschiedenheit der dortigen Dörfer gedeihen konnte, eine Abgeschiedenheit, die heute nicht mehr existiert – genauso wenig wie es die Saligen tun, deren Eishöhlen mittlerweile vom Geheimnisvollen befreit sind und die mit dieser Bergwelt verschwunden sind.

Der Mensch lädt Schuld auf sich, durch sein Handeln und Tun, auch durch sein Wollen und Begehren, das nicht ohne Auswirkungen bleibt. Auch davon erzählt der Roman und von der Unzuverlässigkeit der Erinnerung, die im Lauf der Jahre verschwimmen und Gedachtes und Geschehenes zu einer neuen Wahrheit zusammenmischt. Und von der Lüge erzählt die Geschichte, die Jahrzehnte lang ruhen kann irgendwo im Verborgenen und die dann, möglicherweise durch eine Unachtsamkeit, hervorbricht mit der Gewalt eines Vulkans, der Leben zerstört und neue Schuld gebiert…

Davon (und wahrscheinlich von noch mehr) handelt Jägers Roman und beschreibt es. Und auch wenn mir das alles sehr gefallen hat, so dachte ich doch manchmal: ein paar Seiten weniger wären auch nicht schlecht gewesen. Aber das ist auch die einzige kleine Kritik, die ich am Buch äußern möchte….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite des Verlages: https://www.randomhouse.de….gerhard-jaeger/…
[2] vgl. den Wiki-Bericht: https://de.wikipedia.org/wiki/Lawinenwinter_1951 bzw. auch diesen zeitgenössischen Beitrag: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29192063.html

Gerhard Jäger
Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
diese Ausgabe: Blessing, HC, Ca. 400 S., 2016

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Sepp Mall: Wundränder

Ich kann mich noch ganz dunkel daran erinnern, an die Nachrichten, daß dort im Norden Italiens, im Süden Tirols, Männer unterwegs waren, die Strommasten und anderes gesprengt haben. Es war ja auch seltsam, daß in Italien ein ganzer Landstrich im Grunde und eigentlich deutsch gesprochen hat, auch wenn jetzt natürlich viele Italiener dort lebten, woran das lag, wusste ich damals als kleiner Junge jedoch nicht [3]. Es war die Zeit Mitte der 60er Jahre, im Roman läßt es sich sogar genau angeben, denn Paul, eine der Hauptfiguren, ein elfjähriger Schüler und Fußballfan, wird zusammen mit seinem Freund Herbert von den Carabinieri in die Polizeistation eingeladen, sich das Endspiel der Weltmeisterschaft anzusehen, bei dem ein gewisser Herr Dienst sich unsterblich machen sollte, zumindest in deutschen Fussballerkreisen.

Pauls Vater darf dies nicht erfahren, für ihn sind die Italiener Besatzer, die es zu vertreiben und zu bekämpfen gilt. Wenngleich man im Roman nicht erfährt, wessen er angeklagt wird, wird er doch eines Tages abgeholt und ins Gefängnis geworfen, einzig Stella, die (italienische (noch so eine Sache, die der Vater nicht wissen darf)) ‚Freundin‘ Pauls fragt einmal, ob es stimmt, daß er ein Attentäter sei.

Mit dem Vater, der im Gefängnis sitzt und kein Geld mehr verdienen kann, fängt – abgesehen von allen anderen Sorgen – der soziale Abstieg der Familie statt. Zwar unterstützt ‚Onkel‘ Anton, ein Arbeitskollege des Vaters, die Familie, er kann aber nicht verhindern, daß sie aus der Wohnung ausziehen muss in ein Viertel am Stadtrand mit schnell hochgezogenen Einheitsbauten, die wie Karnickelställe wirken.

In diesem ‚Harlem‘ genannten Bezirk kreuzen sich die beiden von Mall parallel dargestellten Handlungsstränge. Denn Johanna und ihr jüngerer Bruder Alex wohnen ebenfalls in diesem Viertel, die Geschichte dieser beiden erfahren wir aus dem Mund Johannas. Alex ist ein Stotterer, der kaum Buchstaben zu Worten verbinden kann, um sich mit diesen dann mitzuteilen. An einer Stelle heißt es: ..Und von Tag zu Tag wurde der Friedhof der Wörter größer, die erstickten Silben, die Steißlagen, die nicht herauswollten, die Totgeburten. Ein riesiger Haufen aus Wortleichen, der sich absetzte in ihm, der zu modern begann und ihn anfraß von innen, seine Organe, Herz und Lunge, bis es nicht mehr auszuhalten war. Wenn er doch kotzen könnte, habe ich mir gedacht. Das Reden übernimmt die ältere Schwester, die beiden Geschwister verstehen sich fast blind. Sie stammen von einem Bauernhof in den Bergen, die Eltern stehen dem Handicap des Sohnes machtlos gegenüber, die Art des Vaters ist für Alex wenig hilfreich. Die beiden sind gegen den Willen der Eltern ausgezogen von zu Hause in die Stadt, in dieses Viertel. Johanna hat für Alex, der sich mit Strom und Elektrik auskennt, eine Arbeit gefunden, sie selbst geht als Lernschwester in das Krankenhaus.

Alex tut das eigene Leben (in dem die Schwester die Rolle der Mutter einnimmt bis hin zum Bügeln der Unterwäsche) gut, es gelingt ihm sogar bald, wenn auch wenig, ohne zu stottern zu sprechen. Zwischen ihm und Erika, der Tochter seines Chefs, scheint sich sogar etwas anzubahnen… Manchmal kommen Arbeitskollegen und holen Alex ab, er scheint selbstständiger zu werden und sich in der Welt einzurichten. Im Lauf der Wochen und Monate entsteht Distanz zwischen den Geschwistern, Alex hat Geheimnisse, eines Tages nimmt er sich sogar ein eigenes Zimmer und kommt nur noch für wenige Tage in die gemeinsame Wohnung mit der Schwester.

Als der Vater von Paul aus dem Gefängnis kommt, ist er nicht mehr wieder zu erkennen. Völlig apathisch sitzt er nur noch in der Küche herum oder schläft. Eines Morgens steht in großen Lettern ‚Verräterschwein‘ an der Hauswand, Paul und seine Mutter waschen die Schrift schnell ab, bevor der Vater sie sehen kann…

In der Stadtmitte, beim Standbild, das danach bewacht wird, gab es eine Explosion, bei der ein Mensch, der Attentäter, völlig zerfetzt wurde. Paul und sein Freund hatten den Knall gehört, und noch einen Toten gibt es, einen Mann, der vom Dach eines der Häuser gesprungen ist. Johanna fand ihn in einem Hinterhof liegend, ein Mann mit blauen Augen, ein Verräter, so beschimpft ihn später Erikas Vater, der es nicht anders verdient hat…


Wundränder ist ein wunderbarer, kleiner Roman, das will ich dem folgenden schon an dieser Stelle vorausschicken. Es ist diese einfache, unaufgeregte Sprache (überhaupt spielt Sprache, sprechen, schweigen, verschweigen eine große Rolle in Malls Roman), die einen beim Lesen sofort gefangen nimmt und umhüllt. Sein Vater habe sich in Luft aufgelöst, sagte der Junge, von einem Tag auf den anderen. Mit diesem Satz Pauls beginnt Wundränder und vermittelt schon einen Eindruck auf das Folgende. Die Sprache Malls hat mich sehr an Seethalers Ein ganzes Leben [4] erinnert, möglicherweise ist es die Ursprünglichkeit der Bergwelt, deren Gradlinigkeit (ein falscher Schritt kann zur Katastrophe führen), die zu diesem Schreibstil führt.

Malls Text klammert das Politische weitestgehend aus, es ist der Hintergrund seiner Geschichte, die ansonsten auf der persönlichen Ebene der Akteure angesiedelt ist, in der diese geschichtlichen Ereignisse allerdings Katastrophen auslösen. Die Handlungsstränge verlaufen weitestgehend parallel, erst am Ende seines Buches läßt Mall sie zusammen treffen, aber auch das nur für uns Leser erkennbar, als Figuren des Romans sind sich Paul und Johanna fremd und lernen sich erst kennen. Die Handlung wird von Mall nicht chronologisch erzählt, schon früh finden wir Johanna, die von sich selbst sagt, sie sei wohl trauersüchtig, auf dem Friedhof ein Grab besuchen, erst nach und nach entblättert sich ihre Geschichte – und die ihres Bruders Alex, der im ‚Freiheitskampf‘, der für die anderen ‚Terrorismus‘ war, seine Aufgabe gefunden hatte, seine Bestätigung – und der ihm die Sprache gab, zu der er, der Stotterer all die vergangenen Jahres seines Lebens nicht fähig war.

Die Antagonistin zu dem ’stummen‘ Alex ist Erika. Für sie findet Mall so schöne Passagen wie diese hier: … Erika saß da, wo Alex immer sitzt. Mit dem Rücken zum Fenster, und wenn ich sie ansah, musste ich die Augen zusammenkneifen. Die schräg stehende Sonne fiel in ihren Wortschwall, auf ihr Haar, und zeichnete einen leuchtenden Kranz um ihren Kopf. So viele Wörter auf einmal in der Küche, die Erika ausschüttetete, ein Wortmeer, in dem wir schwammen, Erika mit dem Schimmerhaar und ich. Ich fragte und sie erzählte. Und wenn ich nichts sagte, begann sie wieder von vorne. Die Kaffeeflecken auf dem Tischtuch trockneten ein, die Woge der Wörter schwappten in die beginnenden Dämmerung hinein und ich ließ mich mitreißen … Und gleich noch eine so schöne kurze Passage, auch zum Thema Reden bzw. Schweigen, bezogen auf Johanna und Alex am Abend in der Küche: … Die Schönheit der Müdigkeit. Noch ein Tasse Tee zu trinken gemeinsam, bevor jeder in sein Zimmer geht, in seinen Schlaf. Die Langsamkeit der Wörter, die sich zu keinen Sätzen mehr finden wollen, das Schweigen, das ausfüllt, keine Leere lässt. …

Aber natürlich ist das große Thema des schmalen Romans der Konflikt zwischen den angestammten, deutschsprachigen Südtirolern und den von diesen als Besatzer empfundenen Italienern. Die Einheimischen fühlten sich unterdrückt (die Sprache, wieder einmal) und ausgenutzt, ihr Strom, beispielsweise, wurde in den Süden geleitet, um dort Fabriken zu speisen, die Italiener, von denen viele von der Regierung in Südtirol angesiedelt worden waren, verstanden die Einheimischen nicht (die Sprache…), fühlten sich gegenüber der einfachen Bevölkerung, wie sie in den Dörfern lebte, überlegen [vgl 5]. Der Freiheitskampf, er wurde verbissen geführt. Der Riss, man ahnt es, ging durch Familien hindurch, wenn – wie es Mall schildert – die Gefühle der Menschen sich nicht nach der politischen Frontlinie richteten. Dieser Kampf der Südtiroler forderte Opfer in den eigenen Reihen: der soziale Abstieg, wenn der Verdiener der Familie ins Gefängnis wandert, Todesfälle, wenn die Anschläge misslangen (… aber es war für die richtige Sache …), Suizide, die Menschen begangen, die in den Augen der früheren Gefährten Verräter geworden waren. All das schlug Wunden in die Herzen der Menschen, die bei Johanna die große Alexwunde ist. Überhaupt ist Johanna die anrührendste der Figuren, sie, die so sehr trauert, sich Schuld gibt, auch schuldig gesprochen wird von den Eltern (gesprochen ohne Worte, durch Blicke und Verhalten), die jeden Tag Blumen bringt, mal zum Grab des Bruders und dann zum Denkmal, an dem er zerfetzt wurde… so kann man den Roman Malls auch als ein kleines Buch über eine große Trauer lesen…

Wundränder… ein leiser, ein feiner, ein berührender Roman über ein Thema, über das man sonst nicht viel liest. Es würde mich freuen, wenn der eine oder andere sich für das Büchlein erwärmen würde…

 

Links und Anmerkungen

[1] Über den Autoren: https://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=TLL:2:0::::P2_ID:460
[2] Materialien zum Buch: http://www.haymonverlag.at/…Mall_Wundraender.pdf
[3] … nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches nach dem 1. Weltkrieg war dieser Teil Tirols 1919 Italien zugeteilt worden war… vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Südtirol
[4] Robert Seethaler: Ein ganzes Leben; Besprechung hier im Blog
[5] Deutsch san mir, in: Der Spiegel 46/1966 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46414915.html)

Sepp Mall
Wundränder
diese Ausgabe: Haymon, TB, ca. 175 S., 2011 (Erstausgabe 2004)

Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

Jürgen Bauer ist ein junger österreichischer Autor, der mit Ein guter Mensch seinen mittlerweile dritten Roman vorgelegt hat [1, 2]. Es ist ein dystopischer Roman, der in einer nahen (?) Zukunft spielt (es werden noch fossile Betriebsmittel verwendet), in einem von Trockenheit gepeinigten Mitteleuropa, in dem Wasser ein kostbares Gut geworden ist, das rationiert und nach einem bestimmten Plan unter die Menschen verteilt wird.

Der Ort der Handlung liegt ‚dazwischen‘: im Norden ist es noch wasserreicher als hier, im ‚Süden‘ dagegen ist es noch trockener. So nehmen die Wanderungsbewegungen nicht wunder: viele der Bewohner haben sich nach Norden aufgemacht, vom Süden her rollt dagegen eine von Gerüchten über paradiesische Verhältnisse gespeiste Flüchtlingswelle in das trockene Land. Mit diesem Szenario, in dem sich kaum versteckt aktuelle politische Ereignisse niederschlagen, ist Bauers Roman auch der Versuch eines Kommentars zu diesen überregionalen Migrationsbewegungen, die durch eine Ungleichverteilung materieller Güter verbunden mit der Hoffung auf die Verbesserung der eigenen Verhältnisse ausgelöst wird.

Wir finden in Bauers Roman das wieder, was uns auch die Realität bietet: Mauern, Flüchtlingslager, Containerdörfer, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Drogenkonsum, Aggressivität. Die Flüchtlinge sind die ersten, bei denen gekürzt wird, wenn die Zuteilungen mal wieder verknappt werden müssen, die ärztliche Versorgung ist schlecht, sie werden in den Lagern eingepfercht gehalten.

Die Hoffnungslosigkeit hat das Land fest im Griff, der Egoismus der Menschen nimmt zu, jeder denkt nur noch an sich, Neid herrscht und Misstrauen. Es dürstet, der Drang nach Wasser ist so allbeherrschend, daß Menschen (‚Die Durstigen‘) sich die Pulsadern aufschneiden, nur um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden und dort zu Trinken zu erhalten, Tote sind keine Seltenheit. Rationierungen in der Strom- und Treibstoffversorgung tun ein Übriges zur Verschlimmerung der Lage. Und über allem die schier unerträgliche Hitze mit der gleissenden Sonne.

Inmitten dieser Zustände formiert sich mit ‚Die dritte Welle‘ im Land eine innere Protestbewegung aus jungen Leuten, die abstreiten, daß Wasser ein knappes Gut sei, die es im Gegenteil öffentlich für kindisch anmutende Spiele verschwenden und die so die herrschende Aggressivität unter den durstenden Menschen noch steigern.

Über alles herrscht das „Institut für Notfallbewirtschaftung“, das per Radio seine Parolen und Dekrete ex cathedra verkündet, ansonsten aber anonym und ohne Gesicht bleibt. Es ist wie eine unangreifbare Macht, die ihre Entscheidung nicht diskutiert, sondern sie zur Not mit Gewalt durchsetzt.

In diesem Szenario versucht Bauers Hauptfigur dem Titel gerecht zu werden, ein guter Mensch zu sein und zu bleiben. Marko Draxler ist Fahrer eines Tankwagens, damit er einerseits derjenige, der Wasser bringt, andererseits tut er das streng nach Plan, denn nur die Einhaltung des Plans garantiert, daß die Ordnung aufrecht erhalten wird. Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen…. erwidert er seinem Kollegen, als er an der Frau, die sich aus Durst und Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat, vorbeifährt, das Problem ist, daß sie eben nicht dürfen….. Ein guter Mensch?

Was überhaupt ist ein ‚guter Mensch‘ in solchen Ausnahmezeiten? Ist es Kali, die Ärztin, die sich um die Menschen im Krankenhaus kümmert, ist es der ansonsten hallodrige Aleksander, der – in diesen Zeiten! – die ungewollte Rolle eines werdenden Vaters annimmt? ‚Gut sein‘ ist immer auch eine Sache der Position, aus der man es betrachtet oder der Angelegenheit, um die es geht: so pflichtbewusst, wie Marko der Durstigen seine Hilfe verweigert, so sehr kümmert er andererseits um seinen kranken Bruder Norbert, der weiterhin auf dem völlig verwahrlosten und verlassenen elterlichen Bauerhof lebt…. Nicht nur für Norbert, für viele Menschen ist Marko ein Anker in diesem trostlosen Leben: er vermittelt Arbeit, wenngleich nicht an jeden, er kümmert sich, er hält seiner Frau, die ihn verlassen hat, um in den Süden zurück zu ihren Eltern zu gehen, die Treue. Aber im Lauf der Wochen und Monate wachsen die Zweifel, bekommt das Selbstbild Markos Risse, immer mehr setzt ihm sowohl die äußere Situation als auch seine persönliche zu, bis er am Ende der Geschichte einen Entschluss fasst.


Das Umweltbundesamt erwartet bis 2100 für Mitteleuropa eine Zunahme der Hitzewellen [3]. Vor diesem Hintergrund hat Bauer seinen Roman entwickelt, der sich sowohl mit den politischen, den sozialen als auch mit persönlichen Auswirkungen einer ins Apokalyptische hin gesteigerten Trockenheit und Hitze befasst. Diese umfassen nicht nur den Mangel an Wasser zum Trinken, sondern bedingen eine Verwahrlosung der gesamten Gesellschaft, da auch grundlegende Bedürfnisse der Hygiene nicht mehr eingehalten werden können, Krankheiten zunehmen, asoziales Verhalten gegenseitige Rücksichtnahme verdrängt.

Unter diesen Umständen ein ‚guter‘ Mensch zu bleiben – unabhängig wie dieses ‚Gutsein‘ definiert wird – ist schwierig bis unmöglich, zu gegensätzlich die Positionen, die vereint werden müssten. Damit tritt automatisch die Frage nach Verantwortung und Schuld auf die Bühne, auf die der Autor aber nicht weiter eingeht. Er schildert seinen Protagonisten als eingebunden in ein anonymes Versorgungs- und Zuteilungssystem (dessen Erscheinungsbild mich an ‚Big Brother‘ in Orwells 1984 erinnert hat), dessen Vorgaben er erfüllt. Die Gegenposition zu diesem Marko bildet Kowalski, sein unmittelbarer Vorgesetzter, der korrupt ist und später auch abgelöst wird – Marko weigert sich in dieser Situation die Nachfolge anzutreten, er bleibt lieber als subalterner Tankwagenfahrer ohne die Last, Entscheidungen treffen zu müssen.

Ein guter Mensch ist ein schmaler Roman. Bauer beschränkt sich auf kurze Szenen, aussagekräftige Dialoge wechseln mit Beschreibungen und Schilderungen. Sein ‚Bühnenbild‘ ist auf eine heute für unsere Region (noch) nicht Extremsituation angelegt, die neben der physischen Not sämtliche Normen des Alltagslebens außer Kraft setzt und damit Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Gut und Böse aufwirft. Die politische Führung, vertreten durch das Institut für Notfallbewirtschaftung, wird seiner Verantwortung nicht gerecht, es gelingt ihr nicht, eine Ordnung aufrecht zu halten, umstürzlerische Umtriebe zu verhindern: Wir sind Gefangene von unvernünftige Positionen. … Man verkauft uns unsere Gefangenschaft auch noch als alternativlos. Wir hätten keine Wahl! Aber das glauben wir nicht mehr!

Ein guter Mensch ist dystopisch, klaustrophobisch und konsequent. Er treibt die zu erwartende Klimaänderung ins Extreme und seine Auswirkungen auf das menschliche Miteinander erschrecken, sind aber leider durchaus plausibel. Es ist ja nicht so, als ob es solche Phänomene in Ansätzen nicht schon zu beobachten gäbe oder gegeben hätte, vielleicht nicht gerade bei uns, aber dies ist weiß Gott keine Garantie für die Zukunft. Bauer jedenfalls ist ein Autor, der mit seiner fesselnd formulierten Geschichte zum Nachdenken verführt.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage Jürgen Bauers
[2] Jürgen Bauer: Was wir fürchten; Besprechung hier im Blog:
[3] http://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/zu-erwartende-klimaaenderungen-bis-2100

Aufgestoßen ist mir….:

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: 2.-3. April. Auf S. 17 heißt es dann: …. auf dem Maisfeld stehen nur wenige Pflanzen aufrecht. Bald liegt Popcorn auf den Feldern. Mais jedoch wird erst im Frühjahr (bis Anfang Mai) gesät und braucht eine gewisse Bodenfeuchtigkeit zum Keimen, keineswegs hat er (in Mitteleuropa) Anfang April schon Kolben geschoben… es sein denn in einem Roman über Gentechnik…..

Der große Waldbrand ab S. 64: „Noch ist es weit genug entfernt“, … „Sicher fünfzig Kilometer. ..“ Fünfzig (!) Kilometer und wie geht es weiter im nächsten Satz: An die zwanzig Meter hoch schlagen die Flammen inzwischen und erleuchten das ausgetrocknete Flussbett und die Landschaft davor. Die Strommasten auf den Feldern werfen riesenhafte Schatten… Marko und seine Freunde mögen halb vertrocknet sein, die Augen jedenfalls sind allem Anschein nach noch gut…..

Jürgen Bauer
Ein guter Mensch
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Lesexemplars.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

seethaler

Robert Seethaler, dieser 1966 in Wien geborene Österreicher, ist ein Meister des unaufgeregten, einfachen Stils – zumindest habe ich ihn in seinem famosen Trafikanten so kennengelernt [1]. Mit diesem vorliegende Roman (einhundertvierundachtzig locker gesetzte Taschenbuchseiten – ein schmaler Roman also) bestätigt sich dieser Eindruck: ein Stil, der unprätentiös einfach beschreibt, was ist und was geschieht und was letztendlich das ausmacht, um das es geht: Ein ganzes Leben.

Der Romantitel ist doppeldeutig. An einer Stelle des Buches läßt Seethaler seine Figur des Andreas Egger feststellen, daß der Mensch geboren wird, daß er stirbt und die Zeit dazwischen sein Leben ist. Diesen Zeitraum also umfasst der Roman, nehmen wir es nicht allzu eng, der frühkindlichen Anamnses geschuldet, tritt Egger erst im Alter von drei oder vier Jahren leibhaftig in das Geschehen ein, aber dazu später mehr, erst noch einmal eine andere Facette des Titel: Ein ganzes Leben im Sinne von: ein rundes, in sich stimmiges, mithin: ein gutes Leben. Ob es das tatsächlich war, dies wird sich am Ende des Romans gezeigt haben.


Am Beginn des letzten Jahrhunderts taucht beim Kranzstocker, einem Bauern in einem unbenannten Tal in den Alpen ein ungefähr vierjähriger Junge auf, der Bankert der flatterhaften Schwägerin, der wohl nur deswegen beim Kranzstocker aufgenommen wird, weil er einen Beutel mit Talern um den Hals trägt. Die folgenden Jahre wächst der Junge heran, er ist auf dem Hof geduldet, mehr nicht. Wann immer es dem Bauern passt, schlägt er den Knaben mit der Rute auf den nackten Hintern, eines Tages so derbe, daß der Knochen kracht. Der Knochenrichter versucht sein bestes, es dauert lange und hinterher hinkt der Egger.

Doch ist er jetzt auch körperlich gezeichnet, so wächst er doch heran und wird so stark, daß er sogar dem Kranzstocker Angst einjagt… er lernt nichts, aber da er kräftigt ist, hat er immer zu tun. Bis auf hin und wieder einen Krauterer in der Wirtschaft legt er sein Geld zurück, kann sich ein Häuschen auf einem Stückchen Ödland, auf dem nur Steine wachsen, pachten. Hier wohnt er fortan und träumt davon, durch Gartentürchen für jemanden, der ihn besucht, öffnen zu können. In Wahrheit hat er es sogar nur aus diesem Grunde angebracht….

Mitte Dreißig ist er, als er den Ziegenhirten sterbend in dessen Behausung findet, ihn aufschultert und ins Dorf bringen will. Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht: der Hörnerhannes, wie der Hirt genannt wird, rappelt sich noch einmal auf und entkommt dem Egger in die verschneiten Berge hinauf. In der Wirtschaft jedoch, Egger braucht jetzt einen Krauterer, ändert sich Eggers Leben: Marie, die Bedienung streift ihn am Arm, als sie den Schnaps vor ihn hinstellt. Und noch etwas passiert den kommenden Frühling in Eggers Dorf: eine Baufirma zieht mit ihrem Gerät ein und errichtet ein Lager. Gebaut werden soll, und zwar eine Seilbahn. Und Strom soll gelegt werden für das Dorf.

Egger fragt sich um Arbeit, überzeugt den Prokuristen damit, daß er der einzige ist, der am Hang gerade stehen und gehen kann…. Er ist ein guter Arbeiter und auch wenn er nicht weiß, wie das mit den Frauen richtig macht, so weiß er doch, was er will: Marie. Für sie öffnet er sein Gartentörchen…. Und er macht ihr einen Antrag, einen leuchtenden, brennenden Antrag und Marie sagt Ja.

Eine Lawine zerstört nur wenig später Haus und Glück, auch Egger überlebt nur knapp. Bei Bittermann, der Baufirma, übernimmt er jetzt Wartungsarbeiten… 1939, in den Krieg, für den er sich meldet, darf er nicht als Hinkender, ein paar Jahre später ist man nicht mehr so wählerisch und Egger muss. Er kommt in den Kaukasus, insgesamt sollte er zwei Monate an der Front sein, aber fast acht Jahre im Lager, erst 1951 kommt er wieder in sein Dorf zurück, in dem sich mittlerweile so viel geändert hat.

Eine zeitlang kann er von den Geldern leben, die er als Kriegsgefangener zur Entschädigung und Überbrückung erhält. Dann, eine paar Jahre später, bringt ihn mehr oder weniger der Zufall auf die Idee, die immer zahlreicher werdenden Touristen durch die Berge zu führen.

Noch einmal versucht eine Frau in das Leben des Andreas Egger zu treten, Anna Hollers, die Lehrerin in der Dorfschule. Aber Egger verweigert sich, kann nicht, will nicht. Es ist die Zeit, in der er seine Unterkunft, in der er Jahre lebte, verläßt und in einen abseits des Ortes gelegene alten Viehstall zieht. Hier lebt er allein für sich, mit dem Blick in die Berge, in das Tal. Mittlerweile vergisst er schon manches, sein Leben zieht in Bildern an ihm vorbei, er ist ganz zufrieden hier oben… die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht, hatte er das Gefühl, daß vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war.

Nur einmal wacht er mit einer Unruhe auf, sieht die Autos das Tal hinaufkommen in das Dorf und ihm wird bewusst, daß er – ausser dem russischen Lager – eigentlich nur dieses Tal kennt. So setzt er sich in den Bus, weiß garnicht, wohin und sagt dem Fahrer als Ziel „Endstation“… dort jedoch sieht er sich selbst als alten Mann, nutzlos und verloren, mitten auf einem leeren Platz, und er schämte sich wie noch nie in seinem Leben. Der Fahrer führte ihn wieder in den Bus und brachte Egger in sein Dorf, das seine Welt war, sein Leben, zurück.

… und dann, nur wenige Wochen später .. stirbt Andreas Egger so wie er gelebt hatte: unauffällig, einfach so. Ein Leben war zu Ende, es war ein gutes Leben, ohne allzu viele Fehler. Seine Marie liebte er bis zum Schluss, einmal erschien sie ihm sogar, sah er sie deutlich. Beerdigt wurde Andreas Egger neben seiner Frau.


Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. …. 

Seethaler führt uns mit seinem schmalen Roman zurück in eine Welt, wie wir sie heute nicht mehr kennen, die sich auch im Laufe der Handlung, sprich: des Lebens seiner Figur Egger, ändern wird. Es ist eine Lebensumwelt, die noch stark von der Natur geprägt ist, die Berge verlangen dem Menschen viel ab, wenn er dort überleben will: steinige Wiesen und Äcker, steile Hänge, heftige Wetter, Einsamkeit auch. Das Leben in den Alpen ist ein Kampf auch um´s Überleben.

Im Kranzstocker, dem Bauern, bei der der elternlose Egger unterkommt, hat Seethaler eine Ausformung des Menschen, genauer: des Mannes, dargestellt, der hier überleben kann: Der Mann wurde geformt und gehärtet von Gottes Hand, um sich die Erde, und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und spricht Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer…. Dieser Schilderung nach könnte man auch sagen, er ist gottähnlich, dieser Kranzstocker in seinem eigenen Weltbild. Auch der Egger ist hart, nie schreit er unter den Schlägen (die in dieser Zeit üblich waren) und Misshandlungen des Bauern, aber, er Egger war kein Bauer und wollte keiner sein, im Gegenteil war er, der nie was gelernt hat, eigentlich garnichts, musste sich erst einmal finden, nachdem er mit Marie eine Aufgabe in dieser Welt bekommen hatte.

Zwei Lebensentwürfe also, die gegensätzlicher kaum sein konnten und die Seethaler auch entgegengesetzt enden läßt. Während Egger gegen Ende seines Lebens, in einem unerwartet hohem Alter, resümieren kann, daß er auf …. sein Leben … ohne Bedauern zurückblicken kann mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen, verliert der Kranzstocker im Alter alle Kraft und bettelt um seinen Tod, der ihn von seinem Leben befreien soll.

Egger war ein Mensch, der (mit einer Ausnahme) nie Liebe erfuhr. Vom Kranzstocker allenfalls geduldet, waren die sporadischen Streicheleinheiten der alten Oma auf dem Hof die einzigen Lichtblicke, freilich sehr wenige. Es wurde wenig geredet mit ihm, seine Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen war entsprechend eingeschränkt, er war Aussenseiter und Einzelgänger, freilich genoß er bei den Arbeitskollegen Respekt, weil er ein guter Arbeiter war, sie waren es auch, die ihm bei der Werbung um seine Marie halfen. Einzig in der endlosen Gefangenschaft in Russland zeigt er vermehrt soziale Verhaltensweisen, kümmert sich um seine Mitgefangenen. Selbst später, als Tourenführer, bleiben ihm die Touristen fremd, kann er, der in den Bergen groß geworden ist und sie ohne Verklärung sieht, die Sehnsucht, die diese Menschen romantisierend in die Natur treibt, nicht nachvollziehen. Gegen Ende seines Lebens drängt es ihn wieder in die Einsamkeit, wie eine Art Eremit haust er ausserhalb des Dorfes, ist aber mit seinem Leben dort zufrieden.

Die Neuerungen, die mit der Zeit auch in sein Alpental gekommen sind, nimmt er staunend zur Kenntnis. War seinerzeit die Elektrifizierung des Dorfes noch ein großes, auch von ihm begrüßtes Ereignis, so sagt ihm nach seiner Rückkehr ins Dorf das Fernsehen nichts mehr, er staunt zwar, aber das, was er sieht, ist nicht mehr seine Welt. So ist es ebenso nicht verwunderlich, wenn sein panikartiger Ausflug in die ‚weite Welt‘ am Ende seines Lebens grandios scheitert: sein Platz ist im Tal, in seiner Hütte, nicht irgendwo da draußen.

Seine Welt war die Natur, und alles in seinem Leben musste er erkämpfen. Aber er nahm dies an, sein Leben war nicht von Zukunftsvisionen und Plänen bestimmt, sondern vom Hier und Jetzt. Einzig Marie war für ihn eine Zukunft, denn mit ihr wollte er sein Leben teilen bis zum Ende, aber Marie wurde ihm genommen und damit auch seine Lebensperspektive.

Eggers Leben ist somit eine Art Gegenentwurf zum modernen Leben. Seethaler schildert uns einen Menschen, der sein Leben trotz aller Unbillen in all seiner Härte angenommen hat, der sich nicht ungerecht behandelt fühlt vom Leben, der (möglicherweise) nicht genutzten Chancen nicht nachweint, der einfach am Ende zusammenfassen kann: so war es und so wie es war, war es gut. Ein wenig von dieser akzeptierenden Einstellung würde in heutiger Zeit manchem von uns in seinem Leben gut tun….


Seethaler beginnt seinen Roman mit der Schilderung, wie Egger sich den sterbenden Hörnerhannes auf den Buckel schnallt, um ihn ins Dorf zu bringen. Auf diesem Weg ’sehen‘ sie den Tod bzw, und das ist (für mich zumindest) das Interessante: die Tödin, denn es ist eine Frauenfigur, die Seethaler beschreibt. Diese Figur taucht dann am Ende des Romans noch einmal auf – und ebenso in der Mitte, in der Anna Hollers nämlich, denn u.a. als Holla oder Holler ist die aus dem Allgemeinwissen weitgehend verschwundene Tödin in die Sagenwelt eingegangen. Bezeichnenderweise geht Egger keine Verbindung mit dieser Frau ein, aber er zieht sich bald nach der Begegnung zurück aus dem Dorf an den Ort, der sein Sterbeort werden soll [3].


Mit Ein ganzes Leben ist Robert Seethaler mithin ein Buch gelungen, das man ohne Wenn und Aber empfehlen kann, ein zeitloses Kleinod in einer stimmigen, von vielen Bildern geprägten einfachen, aber nicht simplen Sprache, in der einem beim Lesen die Figur des Andreas Egger so richtig ans Herz wächst.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.robert-seethaler.de
[2] R. Seethaler: Der Trafikant, Besprechung hier im Blog
[3] zufällig hatte ich zeitnah das Buch von Erni Kutter gelesen, so daß mir diese Figur des weiblichen Todes hier sofort aufgefallen war: Erni Kutter: Schwester Tod; Besprechung hier im Blog.

Last not least möchte ich mich bei meinen Kolleginnen vom Lesekreis herzlich für die fruchtbare Diskussion und den ‚weiblichen‘ Blick auf diesen Roman bedanken.

Robert Seethaler:
Ein ganzes Leben
Erstausgabe: Hanser-Verlag, 2016
diese Ausgabe: Goldmann, TB, ca. 184 S., 2016

Doris Knecht: Gruber geht

gruber

Gruber ist Wiener, so um die Mitte Dreißig und, eh klar, ein Mover-and-Shaker, einer, der alles im Griff hat, der mit Luschen nichts anfangen und dem Idylle gestohlen sein kann. Erfahren wir. In Gruber geht, dem Debütroman der Wiener Kolumnisten, Journalistin und jetzt auch Autorin Doris Knecht, deren aktuelle Buch Wald ich hier vor einigen Wochen vorgestellt hatte.

Gruber ist das, was man einen A*** nennen kann. Ein A**** mit Geld. Einer, der nur ein Universum kennt, nämlich das, in dem er der Zentralstern ist. Um den alles kreist. Sogar der morgendliche Blick in den Spiegel. Perfektes Haar, das unglaublich mit seiner Augenfarbe harmoniert, glattes, ach was: superglattes Kinn, durchgestylte Oberfläche von oben bis unten. Der Preis spielt keine Rolle, gekauft wird, was gefällt. Und exklusiv ist. Und glänzend. Und steril. So wie seine Küche in seinem Penthouse. Oder sogar die ganze Wohung. Kein Fleck, kein Haar zu finden. Zum Beispiel auf der Couch. Designerstück, sündhaft teuer. Nicht so ein Schund, mit dem die Leute aus dem Unterhosenfernsehen leben. Selbstredend, daß die Küche noch nie benutzt worden ist, Gruber ist ja eher der Restauranttyp. Wöchentlich tauscht die Zugehfrau die den zum klinischen Exterieur setzenden Kontrapunkt der Zitrusfrüchte im Obstkorb aus. Denn ästhetisch ist unser Gruber nicht so belastbar, schrumpliges Obst – das geht gar nicht.

Vor der Tür den Porsche, im Auge den Checker für mögliche Fickverhältnisse. Der Abend muss ja gestaltet werden. Dumm, wenn die Tusse einen Kampfgorilla dabei hat, so daß am nächsten Morgen die Lippe dick und das Auge blau umrandet ist. War eh ein Scheissabend in diesem Scheisszürich mit diesen Scheisstypen, denen er…. lieber nicht dran denken, aber aus dem Geschäft wäre eh nichts geworden. Und deswegen ist er nach Zürich geflogen. Mit all dem verschwitzten Volk um sich herum im Flieger. Nicht zu fassen.

Gefrühstück wird im Café. Trinken ja jetzt alle dieses hellbraune Zeugs für Mädchen. Er nicht. Das Gesicht am Tisch neben ihm kommt ihm bekannt vor und ihr seins wohl auch, trotz der temporären Aufquellungen. Man kommt ins Gespräch, Gruber will es eigentlich gar nicht und sogar – ich überspringe den langatmigeren Teil – zum Küssen und dem, was danach folgt. Nachher ist es irritierend, denn irgendwas ist anders mit Sarah als sonst mit denen, die er abschleppt, ein komisches Gefühl.

Gruber, der Checker und Mover, mit ordentlich ausgearbeitetem Sixpack und ansehnlicher Oberarmmuskulatur, hat einen Brief dabei, der im Gewühl runterfällt und den Sarah zerknittert und ungeöffnet sieht. Seit Wochen ungeöffnet, vom Krankenhaus, hat was mit den Bauchschmerzen und den dumpfen Gefühl, das sich dort konzentriert, zu tun. Gruber war nämlich zusammen gebrochen, neulich, im Fitnesscenter und dann doch beim Arzt, obwohl das eher das Biotop für Luschen ist, um die sich sonst niemand kümmert und die ein wenig heidideidi für sich brauchen. So´n Typ ist Gruber nicht. Hatte (streng genommen hat er immer noch, aber auf Familie machen, passt nicht ins Verhaltungsreservoir von Gruber, daher ist der Kontakt eher… lose, sagen wir mal) eine Mutter, die zwar Ärztin war, aber zu Hause. Kann man sich ja denken, was das für die Kinder hieß. Jedenfalls.. für Luschen, so´n Arztbesuch. Eigentlich, denn nach diesem Zusammenbruch war er dann doch beim Arzt und dieser bislang ungeöffnete Brief war das Resultat. Das er noch nicht kannte, dem er – wenn man ehrlich ist – auswich. Also vielleicht ahnte.

Denn als Sarah den Brief auf seine Aufforderung hin öffnete und vorlas, verernstete sich ihre Miene. Schluss mit lustig: Gruber hatte ein Non-Hodgkin-Lymphom. Stand da. Geschrieben. Gruber sollte sich so schnell wie möglich beim Arzt melden. Konnte also bedeuten, daß die Erde bald ohne Gruber und dessen Spiegelbild auskommen müsste…. So ganz konkret also: Tod. Ende. Scheisse.


Gruber geht ist eine überaus launig, unterhaltsam, süffig und bissig geschriebene Gesellschaftskritik, eine Charakterstudie vorwiegend, aber bei weitem nicht ausschließlich, von Gruber. Gruber, dieses (auf österreichische Verhältnisse dimensioniertes) Exemplar der Sorte ‚Master of the Universe‘, das dem Rest der Welt mit weitgehender Verachtung entgegentritt, jemand, der davon ausgeht, daß schlechtes Verhalten dem Servicepersonal gegenüber bei den Getränken mit eingepreist ist, der mit Frauen vorwiegend dann redet, wenn er sie anbaggern will, der die verlogene Familienidylle, wenn er überhaupt mal dort auftaucht, in Nullkommanichts mit seinen zynischen Bemerkungen platzen läßt – die Welt dieses Gruber bekommt einen Riss. Er, der alle Energie darin hineinsetzt, sich mit dem Bild, das er von sich hat (Mover-and-Shaker), in Übereinstimmung zu bringen und zu halten, ist in den Grundfesten erschüttert, die Möglichkeit, daß er, Gruber, in Bälde nicht mehr sein könnte, diese Aussicht, die ihn brutalstmöglich auf seine Kreatürlichkeit zurückwirft, stellt alles in Frage. Und überdeckt eine weitere Erschütterung seiner Gruberalität, eine leichtere, sensiblere, denn die Sache mit Sarah hat eine Komponente, die ihm bisher fremd war, die wahrzunehmen er sich, zumal mit dieser anderen Perspektive, kaum getraut.

Gruber erschüttert, das Selbstbild am Zerbröseln. Nach aussen hin versucht er die Fassade zu erhalten, weiterhin Besuche im Fitness-Studio und so… aber auch die aberwitzige Idee, selbst und zum ersten Mal in der eigenen septischen Küche eine Suppe kochen zu wollen, ist auf einmal da. Gut, Knecht läßt es jetzt nicht ausarten ins Perverse, die Suppe kocht dann doch die Mutter, die über Kathrin, ihre Tochter, Grubers Schwester von der Sache erfährt. Aber immerhin. Allein die Vorstellung der Möglichkeit lag für Gruber bis dato ausserhalb des Denkbaren.

‚miss u. L. john‘.
(sms an Sarah.)


Knecht stellt Gruber zwei Frauen gegenüber, besagte Sarah, DJ in Berlin und anderswo sowie Kathrin, die (jetzt) Spießerschwester (vormals Junkie) mit ihrem Familienidyll inclusive Kinder, diesen Nervtötern und ihrem Spießermann, alle zusammen an Heim und Herd im normalen Alltagsglück mit Eintrübungen.

Aus diesem abschnittsweisen Dreiklang der Perspektiven (Gruber – Sarah – Kathi) entwickelt Knecht ihre Charaktere. Für Sarah zeigen sich in Gruber auch andere Eigenschaften als nur das Machogehabe, er kann durchaus einfühlsam sein, unterhaltsam und charmant. Jedenfalls geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf, nur diese Diagnose: ist sie jetzt für ihn der Todesengel, der schwarze Bote, der die schlechte Nachricht überbracht hat? Und überhaupt: wer meldet sich jetzt wann bei wem und wie hält man´s mit der Antwort? Ist die überhaupt gewollt? Es ist nicht einfach, beim Balzen einen coolen Eindruck zu erzeugen, eine Gratwanderung sozusagen. Eine feste Freundschaft würde schließlich die Unabhängigkeit kosten. Andererseits – die biologische Uhr tickt ja auch schon vernehmlich, aber Gruber, das hat er gesagt, ganz deutlich, will eh keine Kinder….

Gruber – macht all das, was die Ärzte ihm sagen. Gleich am nächsten Tag, zurück in Wien, ist er hin. Kann ja nicht sein, daß Gruber einfach nicht mehr ist oder sein wird. Die Chemo steckt er gut weg, zuerst wenigstens. Aber das Selbstbild ist und bleibt erschüttert. Wo kann sich einer wie Gruber mal ausheulen? Diese Freiheit, das wird ihm irgendwann klar, hat er jetzt, wo das Gruberbild des Mover-and-Shakers eh Risse hat…. und mit dieser neuen Freiheit, die er gewonnen hat, merkt er, daß manches bis dato verpönte auch seine angenehmen Seiten hat. Mit den Kindern von Kathi beispielsweise Fussball spielen… eine herrliche Szene ist das Rasenmähen, dem sich Gruber auf Anregung Kathis hingibt. Hier kämpfen der alte und der neue Gruber gegeneinander.. Rasenmähen, aus wildem Wachstum also geordnete und gleichmäßige Oberfläche schaffen, das entspricht dem alten Gruber, der kaum damit klar kommt, daß in dieser Rasenfläche völlig schief und ohne rechten Winkel drei (warum drei? warum nicht ein großes?) Beete hineingesetzt worden sind. Wie soll er da in exakt rechten Winkeln seine Bahnen mäandrierend ziehen? Aber immerhin, Gruber mäht und schafft eine ordentliche Vorgartenidylle für das Vatermutterkindheim.

Es geht einem beim Lesen so ein wenig wie seinerzeit bei Stromberg: Gruber hat Suchtpotential, man ist gespannt, was ihn seine Schöpferin noch weiter erleben läßt, wie sie ihn durch sein durcheinander gehauenes Leben schlingern läßt, und ob und wie sie ihn schließlich mit Sarah zusammenbringt, dann daß das mit den beiden nichts werden sollte, das kann man sich schon sehr früh im Roman nicht mehr vorstellen. Es ist aber auch der Punkt, an dem Knecht ein wenig übertreibt, denn gegen Ende ihrer Geschichte nimmt sie die Schöpfkelle und übergießt ihre Story mit einer vollen Ladung ‚Heile-Welt‘, alles wird gut, es lebe der neue Gruber und die beiden Helden ziehen zusammen zwar nicht in den Sonnenuntergang, aber immerhin unter das (möglicherweise) gedimmte Licht der Schlafzimmerbeleuchtung…

Knecht bleibt in ihren Beschreibungen weitgehend an der Oberfläche, sie stellt dar und schildert, analysieren tut sie nicht. Sicher, bei Gruber, es wird etwas mit den Eltern zu tun haben, dem ewig abwesenden Vater und auch der Mutter, das wird angedeutet, aber über Sarah erfahren wir wenig und auch von Kathi wenig mehr als daß sie irgendwann mit den Drogen aufgehört hat. Wo Grubers Geld herkommt, irgendwas mit Investmentbanking, bleibt diffus, arbeitend (bis auf den Ausflug nach Zürich, aber das kann man ja wohl abhaken) wird er jedenfalls nie geschildert. Aber das war halt nicht Knechts Thema…

So ist Gruber geht eine sehr unterhaltsame, im Stakkato flott und schmissig-bissig geschriebene Geschichte eines Ekelpakets, unter dessen Oberfläche ein akzeptabler Mensch verborgen ist, der aber erst nach der Sandstrahlung im Purgatorium des Krebses zum Vorschein kommt. Eine Geschichte, deren Ende etwas zu gut gemeint, aber dafür auch nicht überraschend ist, da sie sich voll dem Schema des guten, alten Liebesromans entspricht: am Ende kriegen und küssen sie sich, und wenn sie nicht gestorben sind….

….eh wurscht: Spaß gemacht hat´s, Gruber kennen zu lernen. Und es sei ihm gegönnt, das traute Glück mit Sarah.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: http://www.rowohlt.de/autorin/doris-knecht.html
[2] hier im Blog schon vorgestellt: Doris Knecht: Wald

Doris Knecht
Gruber geht
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 235 S., 2011