Marianne Fredriksson: Maria Magdalena

Vor einigen Monaten schrieb ich in einer Buchvorstellung (Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus; https://radiergummi.wordpress.com/2018/09/23/gertrud-von-le-fort-die-frau-des-pilatus/): Das neue Testament ist nicht besonders reich an Frauengestalten, die Zeiten waren damals so. Maria natürlich, die Mutter Jesu, ferner Maria von Magdala (vgl. hier: http://www.seinetoechter.de/?page_id=632) , die eine sehr bedeutende Rolle spielt, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten von einer männlich dominierten Kirche als Prostituierte verunglimpft wurde. Andere Frauen, die Jesu folgten, werden erwähnt, bleiben aber meist im Anonymen, … Historisch ist es nachvollziehbar, daß Frauen nur in Ausnahmefällen in der Bibel Erwähnung finden, die (jüdische) Gesellschaft in der Zeit Jesus (und nicht nur damals…) war patriarchalisch, der Mann war das Ebenbild Gottes, die Frau aus seiner Rippe geformt und außerdem die Verführerin. Es musste also Außergewöhnliches passieren, damit eine Frau sogar in der Bibel erwähnt wurde. Von diesen wenigen Frauen ist Maria von Magdala sicherlich die interessanteste und wichtigste. Sie war es, die Jesus am nächsten stand, sie wird als seine Gefährtin bezeichnet, stand bei der Kreuzigung unter dem Kreuz und hatte sicherlich eine wichtige Rolle im Kreis der Jünger und Jüngerinnen um Jesus herum. Wie wichtig und bedeutend sie war, ergibt sich ferner allein aus der Tatsache, daß sie diejenige war, der sich Jesus nach seiner Wiederauferstehung als erste zeigte und er ihr die Botschaft auftrug, dies den anderen zu verkünden. Diese Beschreibung ist in der Bibel fixiert, dies hinderte die offizielle Kirche jedoch keineswegs, Maria von Magdala über Jahrhunderte hinweg zu diskriminieren und Rufmord an ihr auszuüben bis hin zu der Behauptung (die sich in den Bibeltexten nicht findet), sie sei Prostituierte gewesen (vgl. z. B. hier: http://www.seinetoechter.de/?page_id=632 oder auch hier: Corinna Mühlstedt: Die verkannte Zeugin; https://www.deutschlandfunk.de/maria-magdalena-die-verkannte-zeugin.2540.de.html?dram:article_id=444078 ).

Erst 2016 verkündete der Vatikan schließlich: „…. Eben weil sie Augenzeugin des auferstandenen Christus war, war sie auf der andern Seite auch die erste, die vor den Aposteln Zeugnis für ihn abgelegt hat. Sie erfüllt den Auftrag des Auferstandenen: „Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: … Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.“ (Joh 20,17-18) Damit wird sie, wie wir schon gesagt haben, zur Evangelistin, das heißt zur Botin, die die gute Nachricht von der Auferstehung des Herrn verkündet; oder, wie es Rhabanus Maurus und der heilige Thomas von Aquin sagten, zur „apostolorum apostola“, weil sie den Aposteln das verkündigt, was diese dann ihrerseits in der ganzen Welt verkünden werden (Rhabanus Maurus, De vita beatae Mariae Magdalenae, c. CCVII; Hl. Thomas von Aquin, In Ioannem Evangelistam expositio, c. XX, L. III, 6)….  Daher ist es richtig, dass die liturgische Feier dieser Frau denselben Grad eines Festes erhält, den die Apostelfeiern im Römischen Generalkalender erhalten haben und dass die besondere Sendung dieser Frau herausgearbeitet werde, die Beispiel und Modell für jede Frau in der Kirche ist.“  (http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/ccdds/documents/articolo-roche-maddalena_ge.pdf ).


Aus diesem Gegensatz zwischen ihrer Bedeutung und dem wenigen, was von ihr überliefert wird, heraus öffnet sich natürlich ein weites Feld für Spekulationen: die Figur der Maria Magdalena ist ein dankbares Objekt auch für Autoren und Autorinnen. Im vorliegenden Roman ist es nun die schwedische Schriftstellerin Marianne Fredriksson (https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Fredriksson ), die Maria einen Lebenslauf andichtet und eine in der Tat wichtige und richtige Frage in den Mittelpunkt stellt: wie hätte sich diese neue Religion entwickelt, wenn die Frauen, die Jüngerinnen nicht unterdrückt worden wären. So wird Marianne Fredrikssons Maria in diesem Roman zu einer Verkünderin der Lehre Jesu, die sich in vielen Aspekten von der der männlichen Apostel unterscheidet.

Die Autorin gliedert ihren Roman in vier Abschnitte, die unterschiedliche Epochen im Leben der Maria beschreiben. Geboren wird sie weizenblond und mit irisblauen Augen in eine jüdische Familie, das macht sie sofort zur Aussenseiterin; diese Darstellung bettet die Fredrikssonsche Maria in die Tradition mittelalterlicher europäischer Malerei ein, in der Maria häufig blond dargestellt worden ist, was jedoch den realen Gegebenheiten kaum gerecht geworden sein dürfte (vgl. Tobit Nauheim und Andrea Krogmann (KNA): Maria Magdalena: Prostituierte oder Heilige?; https://www.katholisch.de/artikel/18606-maria-magdalena-prostituierte-oder-heilige ). Im Mittelalter galt übrigens die Haarfarbe als Symbol für Reinheit, Unschuld und Sanftmut; https://zwischenbetrachtung.de/2018/07/19/blondinen-sind-bloed-vorurteile-und-klischees-rund-um-haarfarben/ ). Ungeachtet dessen werden die Eltern, die mit anderen Untergrundkämpfern gegen die Römer kämpfen eines Tages getötet, die Römer zünden das Dorf an, Maria konnte jedoch entkommen und läuft davon, bis sie ohnmächtig umfällt. Sie wird von Leonidas, einem römischen Offizier, gefunden, der sich ihrer annimmt und nach Antiochia bringt in das Freudenhaus einer resoluten Dame. Dort sollte Maria die nächsten Lebensjahre verbringen, geliebt und umhütet – bis sie nach einer unglücklichen ersten Liebelei von sich aus zu dem Entschluss kommt, aktiv zum Umsatz des Hauses beizutragen.

Diese Geschichte ist eingebettet in eine Art Rahmenhandlung. Einige Jahre später, nach dem Tode und der Wiederauferstehung Jesu, ist Maria nämlich mit Leonidas, dem römischen Offizier, der nach dem Ausscheiden aus dem Dienst als Seidenhändler arbeitet, verheiratet. Da kommen Simon Petrus und Paulus zu ihr, um ihre Erinnerungen an Jesus zu erfahren. So setzt sich Maria hin und versucht, sich an früher zu erinnern. Es ist schwer für sie, denn nach dem Tod des von ihr so sehr geliebten Mannes Jesu war sie sehr krank geworden, ihre Persönlichkeit hatte sich gespalten und ein Teil von ihr ist in die „Leere“ gegangen. Nur die liebevolle Pflege von Leonidas brachte sie seinerzeit wieder ins Leben zurück.

Schnell merkt Maria, daß die Differenzen, die damals nach der Wiederauferstehung zwischen ihr und den männlichen Jüngern aufgetreten waren, im Grunde immer noch herrschten. Paulus, Petrus und die anderen waren am Aufbau einer Kirche interessiert und eine Kirche braucht als Institution eine festgelegte Lehre. Aber Jesu war Maria nach seiner Wiederauferstehung noch einmal erschienen und sagte zu ihr: Macht keine Gesetze! Dies führte zum heftigen Streit zwischen den Männern und Maria und die Jünger hießen Maria zu gehen: „Hat der Erlöser wirklich zu einer Frau gesprochen ohne unser Wissen, nicht öffentlich? Sollten wir umkehren und alle auf sie hören? Hat er sie uns gegenüber dermaßen bevorzugt?“ – Da weinte Maria: „Petrus, denkst du etwa, dass ich mir das in meinem Herzen ausgedacht habe und die Unwahrheit über den Erlöser sage?“ heißt es in einer apokryphen Schrift, dem „Evangelium der Maria“, die man in den 60er Jahren fand (Mühlstedt a.a.O, wird auch von der Autorin hier zitiert). Zudem muss Maria zur Kenntnis nehmen, daß sich die Lehre Jesu in viele Lehren, die ihn unterschiedlich interpretieren, aufgespalten hat, Sekten und Gruppierungen, die eifersüchtig um die Deutungshoheit streiten und nicht mehr zusammenfinden. Sie selbst, so erfährt sie zu ihrem Erstaunen, wird von nicht wenigen als eine heilige Person angesehen und verehrt. So sieht sie zwar ein, daß das Bemühen der beiden Apostel, eine einheitliche Grundlage für die neue Religion zu finden, richtig ist, aber sie weiß als engste Gefährtin Jesu und dessen Vertraute auch, daß Jesu genau dies nicht wollte. Was Jesus uns gelehrt hat, heißt, sich auf jeden einzelnen Menschen einzulassen, ihn wahrzunehmen und zu lieben.


Maria Magdalena von Marianne Fredriksson ist ein historischer Roman um eine Frau herum, die im Zentrum einer Revolution gestanden hat und von der wenig konkretes bekannt ist. Revolution, weil, egal, wie man zum Christentum steht, damals etwas ungeheures passiert ist: der strafende, zornige, strenge Vatergott der Juden wurde durch einen Wanderprediger (vorausgesetzt, Jesus war eine historische Persönlichkeit, was soweit ich weiß, belastbar nicht nachzuweisen ist (vgl. z.B. hier: Ralph Pöhner: Jesus: Die Fakten; https://blog.bazonline.ch/historyreloaded/index.php/2582/jesus-die-fakten/ ), in einen Gott transformiert, der im Grunde die Eigenschaften einer Mutter hat: die bedingungslose Liebe zu den Menschen, das Verzeihen, das Verstehen… Fromm hat diese Charakteristika in seiner Kunst des Liebens vor Jahren
anschaulich herausgearbeitet (Erich Fromm: Die Kunst des Liebens; https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/17/erich-fromm-die-kunst-des-liebens/ ). Daß ausgerechnet einfache Männer, die voll in der Tradition des damaligen jüdischen Lebens gestanden haben, diese Religion missioniert und eine Kirche darauf gegründet haben, erscheint mir persönlich fast wie eine Contradictio in adiecto, und die Geschichte der Kirche zeigt deutlich, daß in der Tat gewisse Mängel zu konstatieren sind. Insofern finde ich den Ansatz, die Lehre Jesu durch eine Frau wie Maria bzw. durch Frauen zu interpretieren und zu verbreiten, sehr sympathisch. Die Autorin deutet in ihrem Text auch an, daß in vielen der durch die Apostel damals neu gegründeten Gemeinden Frauen eine bedeutende Rolle spielten, eine Funktion, die sie im Lauf der Zeit dann einbüßten. Bis sogar die Gefährtin von Jesus vom offiziellen Statthalter Gottes auf Erden, dem Papst in personam von Gregor dem Großen im 6. Jahrhundert Maria als Prostituierte diffamiert wurde, aus der ersten Zeugin war die Sünderin geworden. Um so weniger verstehe ich das Anliegen der Autorin dieses vorliegenden Buches, die dieser Verleumdung mehr als Recht gibt, denn Frederikssons Maria vermietet ihren Körper sogar freiwillig und ohne Not (vgl. weiterführend hier: Tobit Nauheim und Andrea Krogmann (KNA): a.a.O.).

Eine Geschichte rund um Maria aus Magdala zu schreiben, geht nicht, ohne auch ein Bild von Jesus zu vermitteln. Es ist ein menschlicher Jesus, den Fredriksson darstellt, ein junger Mann, der spürt, daß in ihm Besonderes wirkt, der aber menschlich ist in seiner Liebe zu Maria (Gott im Himmel, wie einsam du warst. Ich habe dazu beigetragen, daß du Mensch wurdest. hält Maria an einer Stelle fest), der menschlich ist in seiner Müdigkeit und seiner Erschöpfung, der seine Aufgabe erkennt und seine Ängste überwindet. Aber trotzdem bleibt er seltsam eindimensional, immer wieder die gleichen Szenen laut rufender Menschen, die auf ihn zu eilen und ihn umringen, während er die Kranken heilt. Kennt er Zweifel, Verzweiflung gar? Es wird nicht deutlich, er hat seinen Weg gewählt und geht ihn bis zum bittersten Ende…

Größer als Fredriksson es darstellt, kann der Widerspruch kaum sein: die Juden, im Selbstverständnis das gegenüber allen anderen auserwählte Volk mit seiner althergebrachten Gesellschaftsstruktur und auf der anderen Seite Jesus, der sich als Gottes Sohn bezeichnet, dem alle Menschen gleich viel Wert sind, der keinen Unterschied macht zwischen Mann und Frau, der den Zöllner so achtet wie den Fischer, ja, der noch nicht einmal über der Ehebrecherin den Stab bricht: Was Jesus uns gelehrt hat, heißt, sich auf jeden einzelnen Menschen einzulassen, ihn wahrzunehmen und zu lieben.

Weniger wäre mehr gewesen. Die Autorin hat die Ansätze ihre eigenen Interpretation eines unter weiblicher Führung möglichen Christentums in eine, ich möchte sagen, weitgehend triviale Geschichte gestellt. Ein frei erfundenes Leben der Maria aus Magdala, das manche der biblischen Aussagen aufgreift, andere negiert wie beispielsweise die Austreibung der sieben Dämonen, und dann auch noch Verleumdungen, die gar nicht in der Bibel stehen, wieder aufnimmt wie den Vorwurf, Maria wäre Prostituierte gewesen. Ein bisschen historischen Lokalkolorit (der auch nicht immer stimmt wie z.B. die Angst vor der Pest, die Maria und ihren Ehemann am Ende des Romans packt, während der erste nachgewiesene Pestzug erst um 540 n.Chr. stattfand, die Pest kurz nach Christi Tod also noch unbekannt war; http://www.imperiumromanum.com/kultur/medizin/medizin_seuchen_index.htm ), eine flott geschriebene Geschichte, die sehr szenisch ist und mit vielen Dialogen daher kommt – das ist akzeptable Unterhaltungsliteratur, die den ernsten Kern des Romans letztendlich mit Seichtheit zudeckt. Schade drum.


Es ist hier sicher auch ein guter Platz, auf eine Initiative hinzuweisen, in der sich Frauen zusammenschließen, die sich für Veränderungen in der katholischen Kirche einsetzen: Maria 2.0 (https://www.mariazweipunktnull.de/ ):

In unserer Kirche, im Morgen,
wird das Wort Jesu nicht nur verkündet sondern auch gelebt.

Wird der Mensch,
jeder so, wie er ist,
geliebt.

Wird getanzt und gelacht und gefeiert.
Wird das Brot geteilt und das Leid.
Wird der Wein geteilt und die Freude.

In dieser Kirche, im Morgen,
siegen Mut und Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl
über Angst und Machtgier, Ausgrenzung und Selbstmitleid.

In dieser Kirche, im Morgen,
sind
Frau und Mann
Kind und Greis
Homo und Hetero
arm und reich
gebunden und ungebunden
zusammen und allein.

Willkommen an jedem Ort und willkommen in jeder Berufung.
Willkommen als lebendiger Widerschein von Gottes liebendem Blick.

Andrea Voß-Frick


Marianne Fredriksson
Maria Magdalena
Aus dem Schwedischen übersetzt von Senta Kapoun
Originalausgabe: enligt Maria Magdalena, Stockholm 1997
diese Ausgabe; Wolfgang Krüger Verlag, HC, ca. 280 S., 1999

 

 

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.