GEO-Epoche: Die Pest

28. Januar 2016

GEO Pest cover

Ich habe mich hier im Blog schon des öfteren mit der Pest, dieser schrecklichen Krankheit beschäftigt; ihren Einfluss auf die Entwicklung des Abendlandes kann man kaum überschätzen. Gemeinhin meint man, wenn man von der Pest spricht, den fürchterlichen Seuchenzug, der 1346 in Asien begann und dann ein Jahr später Europa erreichte. Cirka ein Drittel der Bevölkerung starb seinerzeit an der „Pest“, mit der Folge, daß staatliche, kirchliche, gesellschaftliche und soziale Ordnungen völlig überfordert waren und in sich zusammenbrachen. Aus dieser Erschütterung der Grundfesten einer Gesellschaft ergab sich dann aber andererseits auch das Einsetzen neuer Entwicklungen und Vorstellungen, Anna Bergmann hat dies in ihrem interessantes Buch: Der entseelte Patient [1] ausführlich dargestellt.

Ist der Seuchenzug 1347/48 auch der dramatischste der Pestzüge durch Europa, so war/ist er doch bei weitem nicht der einzige. Schon einige Jahrhunderte früher gab es die sogenannte Pest des Justinian [2], die sich wohl von Ägypten ausgehend bis hin zum Rhein und den Britischen Inseln ausgebreitet hatte. Auch in den Jahrhunderten nach 1347 kam es immer wieder zu Seuchenausbrüchen, die jedoch nie das katastophale Ausmass diesen einen hatten. Selbst heute noch ist die Pest keineswegs ausgerottet, zwischen 1987 bis 2009 wurden weltweit 53417 Pestfälle registriert, durch die mittlerweile mögliche ursächliche medizinische Behandlung gab es dabei „nur“ 4060 Tote. Selbst in den USA kommt es immer wieder zu Einzelfällen [3].

Auch literarisch hat die Seuche natürlich ihren Niederschlag gefunden. Boccaccios Decameron spielt in Florenz, eine Gruppe von Menschen ist der engen, verseuchten Stadt entflohen und vertreibt sich die Zeit in ihrem ländlichen „Exil“ mit Erzählungen. Charakteristisch ist, daß sich in dieser Endzeitstimmung u.a. auch die Sitten gelockert haben und das Leben (das so schnell vorbei sein kann) noch einmal ohne Hemmungen ausgekostet wird. Dieses Motiv der Flucht und der Ausschweifung findet sich auch in anderen literarischen Zeugnissen wie Edgar Allen Poes Erzählung Der rote Tod wieder, deren Titel darauf hindeutet, daß u.U. die Pest (die ja als Der schwarze Tod bezeichnet wird) nicht die einzige Seuche war, die unter den durch verschiedene politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen geschwächten Menschen wütete. Zumal man sich vor Augen halten muss, daß sowohl Diagnostik als auch Fallbeschreibungen natürlich nur entfernt Ähnlichkeiten damit haben, was wir heute darunter verstehen.

Alessandro Manzoni beschreibt sehr konkret die Auswirkungen des Pestzuges, der ca 1630 Mailand heimsuchte (Die Verlobten), die Stadt, die seinerzeit erstaunlicherweise vom großen Seuchenzug 1347 weitgehend verschont geblieben war; Daniel Defoe berichtet ausführlich vom Wüten der Pest in London im Jahr 1665 und Hilde Schmölzer schildert das Pestschicksal der Stadt Wien. Sicherlich gibt es noch viel mehr literarische Zeugnisse, aber die genannten sind die, die mir vorliegen bzw. die ich hier auch schon vorgestellt habe [1, 4, 5, 6].


Das in der Reihe GEOEPOCHE erschienene Heft Die Pest befasst sich mit dem großen Seuchenzug 1347/48 und trägt den Untertitel Leben und Sterben im Mittelalter. In insgesamt 13 Abschnitten werden einzelne Aspekte diese apokalyptischen Jahre beschrieben, wodurch ein anschauliches Bild auch der damaligen Zeit entsteht, das erstaunliche Parallelen zu unserer modernen Zeit aufweist. Eine der auffälligsten ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie die Pest (höchstwahrscheinlich) nach Europa gekommen ist, nämlich in der Folge einer frühen Ausformung der Globalisierung. Die großen italienischen Handelsstädte Genua und Venedig hatten damals bedeutende Niederlassungen am Nordrand des Schwarzen Meer, der unter der Herrschaft der Mongolen stand, die sie aber dort duldeten, da sie am Gewinn beteiligt waren – bis es eben zum Streit kam. Während der Belagerung der venzianischen Niederlassung von Caffa auf der Krim brach im Mongolenheer die Pest aus, die sich aus Zentralasien nach Westen verbreitete. Der Überlieferung nach ließ der Khan seine Pesttoten mit riesigen Katapulten in die belagerte Stadt schießen, bei deren Bewohnern die Krankheit daher ebenfalls ausbrach. Mit fliehenden Schiffen kam die Seuche so nach Europa.

Dieses Europa war anfällig. Politische Querelen, Kriege, durch schlechte Witterung bedingte Missernten mit Hunger und Not hatten seine Widerstandskraft geschwächt. Bis man das ganze Ausmass der Gefahr erkannt hatte und in völliger Unkenntnis der Ursachen, hatte sich Yersinia pestis schon in der Bevölkerung eingenistet und fand unter den herrschenden hygienischen Bedingungen hervorragende Lebensbedingungen. In einer unglaublichen Geschwindigkeit verbreitete sich die Seuche über ganz Europa.

Die medizinische Fakultät konnte nicht helfen, sie konzentrierte sich auf Buchwissen aus der Antike und ortete die Krankheitsursachen in Planentenkonstellationen oder schlechter Luft, die Autorität der Kirche nahm Schaden angesichts ihrer Machtlosigkeit und des unerbittlichen Wütens des Todes, die alther gebrachten Riten, mit Sterben und Tod umzugehen, konnten nicht mehr eingehalten werden, jegliche Organisation des täglichen Lebens brach zusammen, da die Seuche vor niemanden halt machte, jeden – egal welchen Standes, welchen Berufes – töten konnte und dies auch tat.

Schuldige mussten her, wie bestellt und gerufen gab man den Juden die Schuld. Das das Sterben unten ihnen ebenfalls in gleicher Weise wütete, kümmerte nicht: Brunnen sollten sie vergiftet haben und so wurden sie erschlagen und verbrannt. Daß mancher der Mörder dadurch seine Schulden los wurde und Grundstücke der Ermordeten an die Städte fielen – nun ja….

Buße war zu tun… die Geisslerzüge formierten sich mit ihren Ritualen der Selbstzüchtigung und zogen von Stadt zu Stadt. Sie hatten starken Zulauf mit ihren spektakulären Aufführungen. In der ersten Zeit noch von der Amtskirche geduldet, verbot diese die Geisslerzüge bald, jedoch ließ der Wirkungslosigkeit wegen auch die Anziehungskraft auf die Bevölkerung bald nach.

Natürlich war die Seuche nicht mit einem Schlag zu Ende. Bis Anfang der 50er Jahre des 14. Jhdt hatte sie über West- und Mitteleuropa auch den Osten des Kontinents und Russland erreicht. Überall musste sich nach ihrem Abflauen das Leben neu organisieren, ganze Landstriche waren entvölkert (und sind es bis heute), Städte mussten Menschen zu sich locken, um wieder Bewohner zu bekommen, mussten sie attraktive Angebote machen (z.B. Befreiung von Abgaben…), die alten Gesellschaftsstrukturen waren damit auf immer verloren. In Frankreich beispielsweise kam es zu Aufständen der Landbevölkerung, die durch den Adel ausgepresst wurde.

Die einzelnen Aufsätze des Heftes sind gut verständlich geschrieben, sie betten das Seuchengeschehen in den Kontext der damaligen Zeit ein, so daß man, wenn man das Heft gelesen hat, auch eine Ahnung davon bekommen hat, wie das Leben im Mittelalter „funktionierte“. In manchem Teilen war es erstaunlich „modern“, in anderen genauso verblüffend „ignorant“, wenn z.B. Ärzte über Krankheiten sprachen, ohne sich die Kranken anzusehen…. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Apokalypse jedenfalls, auch das wird deutlich, auf die Entwicklung Europas und damit eines Großteiles der Erde, sind kaum zu überschätzen.

Links und Anmerkungen:

[1] Anna Bergmann: Der entseelte Patient; https://radiergummi.wordpress.com/2015/03/05/anna-bergmann-der-entseelte-patient/ Buchvorstellung hier im Blog
[2] Wiki-Artikel zur Justinianische_Pest:  https://de.wikipedia.org/wiki/Justinianische_Pest
[3] Frank Thadeusz: Angriff der Eichhörnchen; in:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139787763.html
[4] Daniel Defoe: Die Pest in London; hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Pest_zu_London
[5] Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien: in:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/11/19/hilde-schmoelzer-die-pest-in-wien/
[6] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; in: https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/25/allessandro-manzoni-die-verlobten-das-2-buch/

GEOEPOCHE
Die Pest
Leben und Sterben im Mittelalter
diese Ausgabe: Gruner + Jahr, Zeitschrift, ca. 160 S., 2015

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abschied-nehmenMan liest es so häufig, daß „Sterben“ und „Tod“ ein Tabuthema unserer Zeit seien, daß man schon fast der Meinung sein möchte, daß diese Aussage eher zur Eingangsfloskel geworden ist, mit dem man sich eine Art Rechtfertigung schaffen will, daß man sich gerade genau mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Sollte es aber tatsächlich so sein, daß diese Themen (noch) ein Tabu darstellen, ist dieses Heft aus der Spiegel-Reihe „Wissen“ sicher geeignet, sich dieser Frage zu nähern.

Es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht auf einmal (oder auch absehbar) mit Sterben und Tod konfrontiert werden kann, in vielerlei Rollen, in die man auf einmal gestellt ist. Eine ärztliche Diagnose oder ein schwerer Unfall und man ist vllt gezwungen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – unabhängig vom Alter. Nahe Verwandte, geliebte Menschen, gute Bekannte können betroffen sein und wir, die wir ihnen nahe stehen, mit ihnen. Mag sein, daß wir gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen, weil wir Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben… vllt sind wir „nur“ als Begleiter von Sterbenden oder Trauernden gefragt, eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, die aber oft nicht angenommen wird.

Sterben ist ein Teil des Lebens ist, wenn auch der letzte (folgerichtig geht man zum Beispiel nicht in ein Hospiz, um zu sterben, sondern um bis zum Tod dort zu leben). Um ihn herum gibt es eine Reihe von Themen, Fragen, Problemen, mit denen man sich einmal frühzeitig befassen sollte, bevor sie dann in einer Stresssituation, womöglich in Eile und dringlich, entschieden werden müssen. Patienentverfügung und Betreuungsvollmachten gehören dazu, natürlich auch Testamente oder Festlegungen (möglicht unter allen Beteiligten), was die äußere Form des Begräbnisses angeht.

„Abschied nehmen“ widmet sich vielen einzelnen Fragen (vgl. das Inhaltsverzeichnis), es sind jeweils kurze, zwei- bis dreiseitge Aufsätze, die das Thema natürlich nicht in Gänze oder in der Tiefe behandeln können. Aber sie bieten einen guten Einstieg, mit dem man sich, da auch weiterführendes angegeben wird, bei Interesse tiefer in ein Thema einarbeiten kann.

Folgende Kapitel enthält das Heft:

  1. Am Ende des Lebens: Ausätze über das Sterben, das Begleiten Sterbender und auch über Trauer
  2. Tod als Beruf: hier wird z.B. die Arbeit des Bestatters beschrieben, aber auch von Notare (Testamente) und Sterbebegleitern. Da ich dies ehrenamtlich selbst mache, ist natürlich die Frage wichtig: wie sage ich einem Menschen, daß jemand, der ihm sehr nahe stand, gestorben ist….
  3. Krankheit und Sterblichkeit: hier sind Stichworte: Hospize, Palliativmedizin, Kinder und Tod, wann ist man überhaupt tot?
  4. Suizid und Sterbehilfe: man muss sich vor Augen halten, daß durch („erfolgreiche“) Suizide in Deutschland mehr Menschen sterben als durch AIDS, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen, ungeachtet der versuchten Suizide oder nicht als Suizide erkannten Todesfälle…
  5. Kultur und Rituale: Beiträge rund ums den Komplex „Umgang mit dem Verstorbenen und eigene Trauerarbeit“

Für besonders interessant halte ich die Interviews z.B. mit dem bekannten Palliativmediziner Gian Borasio über Sinn (und auch Unsinn) medizinischer und pflegerischer Massnahmen am Lebensende, einen schwierigen Punkt, über den mit einer etwas anderen Perspektive, nämlich der Durchsetzung von in Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen, der Medizinrechtler Wolfgang Putz befragt wird: „Sterben lassen ist kein Töten“.

Insgesamt denke ich, daß das Heft den gesamten Themenkomplex rund um „Sterben und Tod“ gut abdeckt und auch – oder gerade? – wenn man sich momentan ganz weit weg davon sieht, eine gute Gelegenheit ist, sich ihm unbefangen zu nähern.

Links und Anmerkungen:

– das Bild ist nicht dem Heft entnommen, sondern stammt aus dem eigenen Bestand
– mehr zum Thema „Krankheit, Sterben und Tod“ im themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Der Spiegel (Hrsg)
Abschied nehmen
Vom Umgang mit dem Sterben
aus der Reihe: Wissen, Heft 4/12

Einige Tausend Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg in Berlin, Kulke [4] spricht von 1.700, die versteckt wurden, andere Quellen reden von 9.000 [7] Überlebenden. Dies zeigt zweierlei: Es war möglich, im Dritten Reich Zivilcourage und Menschlichkeit zu zeigen, und diese stille, leise, oft lebensrettende Art des Widerstands wurde auch geleistet. Viel zu wenig, in viel zu geringem Ausmaß, aber es gab sie. Es war ein Widerstand, der mit hohem persönlichem Risiko verbunden war, der über eine lange Zeit geleistet werden musste und durch den jeder Helfer natürlich selbst in das Schussfeld der Judenjäger geraten ist.

In Berlin war das Netzwerk, das sich um die Blindenwerkstatt von Otto Weidt bildete [siehe auch Lit-Hinweise unter 5], ein herausragendes Beispiel für eine solche Hilfe. Inge Deutschkron berichtet in ihrem Büchern [u.a. in 5] davon, wie sie selbst durch Otto Weidt und seine Mitarbeiter gerettet wurde. Zu den Leuten um Weidt gehörte auch Hedwig Porschütz, der Tuchel seine schmale Broschüre gewidmet hat. Es ist eine späte, verspätete, zu späte Ehrung für Frau Porschütz, die 1977 verarmt starb.

Ich verzichte weitgehend darauf, den Inhalt der Ausführungen wiederzugeben, dieser ist in wesentlichen Teilen dem Artikel der ZEIT [1, aber auch in 2] zu entnehmen, durch den auch ich auf diese Frau aufmerksam geworden bin. Nach einer kurzen Schilderung des Lebenslaufes von Hedwig Porschütz schildert Tuchel im ersten Teil der Broschüre einzelne Fälle, in denen Frau Porschütz Juden geholfen hat, indem sie sie zum Teil in ihrer eigenen Wohnung unterbrachte oder auch in (andere) Verstecke vermittelte. Die Unterbringung von Flüchtlingen bedeutet immer auch deren Versorgung, da diese sich ja Lebensmittel nicht mehr selbst besorgen können. Da kamen Frau Porschütz ihre Schwarzmarktkontakte sehr zugute, auf die noch einzugehen sein wird. Sie beteiligte sich ebenfalls an der Paketaktion Weidts für Juden, die in das Lager Theresienstadt deportiert worden waren.

Worin liegt nun die persönliche Tragik Hedwig Porschützs? Sie liegt, und das darzulegen ist Inhalt des zweiten Teils der Veröffentlichung, darin, dass die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft in vielen Bereichen eine kontinuierliche Fortsetzung der gerade überwunden geglaubten Auffassungen der Hitler-Ära darstellte. Wie oben schon angedeutet, war Hedwig Porschütz Schwarzmarkthändlerin und ist als solche im Oktober 1944 vom Sondergericht Berlin verurteilt worden. Unter den dem Urteil zugrunde gelegten, besonders erschwerenden Begleitumständen war auch, dass Hedwig Porschütz in ihrer Wohnung gelegentlich Freier empfing, also als Prostituierte arbeitete.

Aus diesem „Umgang mit fremden Männern“ wurde im Urteil des Sondergerichts ein unsittlicher Lebenswandel abgeleitet, eine Formulierung, die in internen Bemerkungen zu den Anträgen Porschützs zur Anerkennung als Politisch Verfolgte bzw. Stille Heldin von 1956 bzw. 1958 übernommen und durch den Zusatz des Adjektivs „wahllos“ noch verschärft wurde. Diese Begründung der Ablehnung, quasi die Unwürdigkeit der Antragstellerin, wurde Hedwig Porschütz nie mitgeteilt. Eine eigenständige Bewertung und Würdigung der Hilfsleistungen von Hedwig Porschütz durch z.B. Befragung von Überlebenden unterblieb, die fixierten Ansichten der Nazi-Sondergerichtsbarkeit wurden unhinterfragt übernommen.

So blieb Hedwig Porschütz zeit ihres Lebens ohne staatliche Hilfe oder Anerkennung. Im Oktober 2010 erfuhr sie endlich durch die Enthüllung einer Gedentktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus eine späte, posthume Würdigung. Wie viele solcher Schicksale von stillen Helfern mögen völlig im Dunkeln verblieben sein?

Links und Anmerkungen:

[1] Artikel in der ZEIT, 19. Juli 2012: Eine Frau in Berlin.
[2] Bericht über Ehrentafel: Neues Deutschland, 22.10.2010: Ehrung für stille Heldin.
[3] Website der Gedenkstätte „Stille Helden“ in Berlin.
[4] Ulli Kulke, Welt Online, 15.09.2009: Wo und wie 1700 Juden die Nazis überlebten.
[5] Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern.
[6] Greifer: Juden verraten Juden. Der Fall Stella Goldschlag als Beispiel (Wiki-Artikel).
[7] Jüdisches Leben in Berlin (Wiki-Artikel).

Nachtrag vom Juni 2015: in diesem Monat werden die Verdienste von Hedwig Porschütz an herausragender Stelle gewürdigt. Sie ist eine von den vier Berlinerinnen, die posthum von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt werden; Katharina Schmidt-Hirschfelder: Gerechte unter den Völkern; http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22512

Johannes Tuchel
Hedwig Porschütz. Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945
flexibel, 2010, ca. 110 Seiten
Bezug über die Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Der Beitrag wurde am 15. August 2012 in den „Jüdische Lebenswelten“ erstmals veröffentlicht.

Im heutigen ZEIT magazin ist ein kleiner, aber sehr anrührender Beitrag von Sebastian Schlösser. Dieser war erfolgreicher Theaterregisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Verpflichtungen an verschiedenen anderen Bühnen in Deutschland, als bei ihm die Diagnose manisch-depressiv (bipolar) gestellt [1], und er in die Psychatrie eingewiesen wurde. Zu dieser Zeit hatte er selbst einen anderthalbjährigen Sohn. Für Kinder ist die Erkrankung eines Elternteils und die damit ev. verbundene Abwesenheit immer eine traumatische Erfahrung, insbesondere, wenn noch Besuche nicht möglich sind und die Krankheit selbst nicht so einfach zu erklären ist wie z.b. ein Beinbruch….

So wurde Schlösser nach seiner Entlassung gefragt, ob er bei solchen Therapiesitzungen für Kinder mitarbeiten würde. Daraus sind diese Briefe [2] entstanden an einen kleinen Jungen, sie sind aber in erster Linie wohl zu verstehen als eigene Aufarbeitung des Erlebten [1].

Wie erklärt man in einfachen Worten, ohne fremd klingende, beängstigende Begriffe, was mit einem Menschen passiert ist, der in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen wird? Denn mit solchen Begriffen könnte ein Junge ja konfrontiert werden, wenn er mit seinen Kumpels spielt und die davon erfahren haben. Und dieses Erklären ist Schlösser ganz wunderbar gelungen. Ohne etwas zu beschönigen, die Unruhe etwa, die innere Hektik oder die Langeweile, gelingt es ihm, altersgerecht verständlich zu machen (denke ich, aber ein Kind wäre hier der eigentliche Fachmann….), was mit ihm passiert ist, wie die „Meise“ in ihm arbeitet, ihn piesakt, ihn auch quält und wie er versucht, diese „Meise“, die er hat, in den Griff zu bekommen, wie ihm die Ärzte dabei helfen und wie er selbst lernen muss, daß dies lange Zeit dauert. Und wie er ihn, seinen lieben Matz, so sehr vermisst…..

Man tut sich oft schwer, Kindern in schwierigen Situationen mit Erklärungen gerecht zu werden. Dies hier ist ein – wie ich finde – gelungenes Beispiel dafür, wie man es machen kann. Und das man ja auch auf andere Situationen übertragbar ist….. denn Kinder stellen Fragen, sind sehr sensibel für das was geschieht und das Schlimmste, was man machen kann, ist es, ihnen nicht die Wahrheit zu sagen – in einer Form, die sie verstehen können.

[1] Interview mit Schlösser im ZEIT magazin 09.09.2010
[2] online-Ausgabe der Briefe

Literaturliste des „Arbeitskreises Kinder psychisch kranker Eltern“ zum Thema: http://www.kipse.de/medien.htm

Nachtrag vom 18. Jan. 2014: Soeben finde ich auf dem Blog „Meinfaktotum“ die Vorstellung dieses Hörbuchs: “Lieber Matz, Dein Papa hat ‘ne Meise” von Sebastian Schlösser: http://meinfaktotum.wordpress.com/2014/01/12/horbuch-lieber-matz-dein-papa-hat-ne-meise-von-sebastian-schlosser/

Sebastian Schlösser
Briefe aus dem Wolkenkuckucksheim
Illustrationen: Andrea Ventura
ZEITmagazin, 09.09.2010 Nr. 37

Auf meinen Reisen als Student durch Asien bin ich überall freundlich aufgenommen worden, im Gegensatz zu den Jungs aus Amerika, die sich manchmal schon einiges gefallen lassen mussten, und wenn es nur eine vorgetäuschte Verständigungsschwierigkeit war. Da die Umgangssprache damals (und wohl auch heute noch) Englisch ist, und der gemeine sagen wir mal Afghane die unterschiedlichen Nationalitäten wohl kaum an der Aussprache unterscheiden kann, gab es ein probates Mittel für uns Deutsche: wir haben in Läden oder wenn wir jemanden angequatsch haben, erst mal deutsch geredet und sind danach ins Englische übergewechselt. Aus Deutscher war man eigentlich überall gut gelitten, besonders auch in Afghanistan. Wieso dies so war, nun, das wurde mit bei der Lektüre dieses Aufsatzes klar.

Der im übrigen gut passt zu den anderen Beiträgen von mir, die sich mit zwei literarischen Auseinandersetzungen mit diesem wilden Land am Hindukusch befassen (Buchhändler, Drachenflieger).

Die Historie, die hier beschrieben wird, betrifft einen exotischen Nebenschauplatz des 1. Weltkrieges. Entgegen der Erwartung des Kaisers ist England in den Krieg eingetreten. Eine diesbezügliche Notiz des Kaisers ist erhalten:

Unsere Konsuln in der Türkei und Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstande entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren.“

Mit anderen, modernen Worten: Kaiser Wilhelm plante, eine Glaubenskrieg, einen Djihad, anzuzetteln. Mit der Türkei, dem damaligen „kranken Mann am Bosporus“ wurde ein geheimes Militärbündnis geschlossen, mit dessen Hilfe die Türkei ein großtürkisches Reich errichten wollte. Eine Expedition nach Afghanisten, um den dortigen Emir zu überreden, an der Seite der Türkei zu kämpfen, war Bestandteil des Paktes.

Volksaufstände in Indien, Ägypten und dem Kaukasus seien zu entfachen, um den Gegner von innen zu schwächen. Es sei eine Maßnahme der Selbstverteidigung, den Islam auszunutzen und nach Kräften zu stärken [3]: durch Bestechung, politische Versprechen, Agitation, Waffenschmuggel, Banküberfälle, Anschläge und Mordkomplotte. Der Orient sollte in ein Pulverfass verwandelt werden, um das islamische Hinterland des Feindes zu destabilisieren.

In diesem Geiste wird von der „Nachrichtenstelle für den Orient“ (NfO, [3]) eine im wesentlichen durch ihre „praktische Ahnungslosigkeit“ charakterisierte Expertengruppe zur Planung eines solchen Unternehmens zusammengestellt.

Michal beschreibt im folgenden die Durchführung und das Schicksal der Expedition unter Waßmuß, Niedermayer und von Hentig, die, anders kann man es nicht sagen, absolut unprofessionell und stümperhaft verlaufen. Niedermayer und von Hentig sind sich spinnefeind, streiten und trennen sich, marschieren dann auf getrennten Wegen weiter nach Afghanistan. Die körperlichen Strapazen, die die Expeditionen auf sich nehmen, als sie das persische Innenland durchqueren, sind mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Verluste bei Mensch und Tier hoch. Von 160 Menschen und 280 Tieren sind bei der Ankunft in Herat 37 Menschen und 79 Tiere übrig.

In Afghanistan selbst ist der Empfang freundlich, aber die beiden kommen nicht weiter. Emir Habibullah versteht es, die Deutschen hinzuhalten, er taktiert, da er von den Engländern, die von der Expedition der Deutschen erfahren haben, vorgewarnt und instruiert worden ist. Erst spät ist er zu einem Vertragsabschluss mit dem deutschen Reich bereit, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen garantiert, jedoch ohne Gegenleistung seinerseits.

Die Deutschen machen sich in der Zwischenzeit in Kabul „nützlich“: sie modernisieren die einzige Waffenmanufaktur des Landes, Reorganisieren die Armee und Helfen beim Bau eines Krankenhauses. Ihre eigentlichen Pläne, einen Aufstand anzuzetteln, erreichen sie jedoch nicht – unter anderem auch, weil die Engländer die Zahlungen an den Emir großzügig verdoppelt haben, der mit seiner Rolle als Taschengeldempfänger [4] völlig zufrieden ist….. Jedenfalls sind die deutschen Einflüsse und Impulse auf die Modernisierung Afghanistans groß [4] und haben sich, wie Michal schreibt, „ins kollektive Gedächtnis“ gebrannt. Und deswegen, hier schließt sich dann der Kreis, war man (und ist man) als Deutscher in Afghanistan gut gelitten.

Die Deutschen verlassen im Mai 1916 das Land ohne Erlaubnis und in ebenso abenteuerlicher Weise, wie sie dorthin gekommen sind. 1919, unter dem Nachfolger des ermordeten Habibullah marschieren die Afghanen in Indien ein und rufen den Heiligen Krieg aus. Am 8. August gewähren ihnen die kriegsmüden Engländer die Unabhängigkeit.

Der Bericht Michals liest sich gut, ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Verwunderlich ist jedoch, was er schreibt: Zufällig stieß [er] in den Archiven des Auswärtigen Amtes auf die „Revolutionierung des Orients““. Wenn ich mir überlege, was ich in der wenigen Zeit, die ich ein bischen nachrecherchiert habe, an Quellen gefunden habe über dieses Thema… natürlich nicht die Originalquellen, aber trotzdem.. bizarr mag die Geschichte sein, unbekannt aber nicht… egal, ich habe ein paar Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ist doch was!

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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermayer-Hentig-Expedition

[2] http://daserste.ndr.de/panorama/media/djihad100.html

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient

[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14080/1.html

Ein (leider nicht richtig funktionierender Link zu alten Fotos aus Afghanistan… gibt aber trotzdem einen Eindruck vom Land wieder):
historische Fotos aus Afghanistan

Das Buch von Niedermeyer:
Unter der Glutsonne Irans – Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan
gibt es wohl in verschiedenen Ausgaben bei verschiedenen Verlagen…

Das Buch von Otto von Hentig: Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land. Ullstein-Kriegsbücher
erschien 1918 wohl zum ersten Mal, das von den Amerikaner 1945 konfiszierte Original-Tagebuch wurde 2003 erstmals publiziert (ISBN 3909081371: Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai: Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas (Gebundene Ausgabe))

Wolfgang Michal
Des Kaisers Heiliger Krieg
GEO 11/2008
ISSN 0342-8311

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