Etty Hillesum: Ein denkendes Herz

16. Juli 2014

Etty Hillesum war eine junge, lebensbejahende Frau. Hochintelligent studierte sie Jura und Slavistische Sprachen in Amsterdam, promoviert auch, studierte aber weiter. 1914 in Deventer geboren, wo auch die Eltern noch lebten und eine turbulente Ehe führten, war sie 26 Jahre alt, als die Niederlande besetzt wurden. „Das artverwandte germanische Volk“ [4] fiel unter Besatzungsregime, selbstverständlich fielen auch die holländischen Juden unter die nazistischen Judengesetze. Die junge Anne Frank ist für die Judenverfolgung in den Niederlanden zu einem symbolischen Namen geworden, den wohl jeder kennt.

Startseite des Etty-Hillesum-Centrums, Deventer Status: 6.7.14 Screenshot (zur Webseite verlinkt)

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Status: 6.7.14
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Etty (Esther) Hillesum war Jüdin, durch die Geschehnisse im Innersten aufgewühlt. Sie traf auf einen ebenfalls aus Deuschland geflohenen Juden, Julius Spier, einem Chiroanalytiker, der ihr zum Aufzeichnen ihrer Gedanken riet. So führte Etty in Jahren 1941/42 ein Tagebuch, das aus den Kriegswirren gerettet werden konnte und das, nachdem es Jahrzehnte später wieder auftauchte,  1981 veröffentlicht wurde.

Etty lebte mit Freunden zusammen in einer Wohnung in Amsterdam, hier bewohnte sie ein Zimmer, in dem sie ihr Tagebuch schrieb. 1942 wurde sie Mitarbeiterin des Judenrates, als solche hatte sie verschiedene „Privilegien“, sie konnte beispielsweise noch in ihrer Zeit in Westerbork („polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ [5]) öfters nach Amsterdam reisen. Auch ihre Eltern waren mittlerweile in Westerbork interniert. Vor diesem Lager aus wurden die Transporte der Juden nach Polen organisiert. Am 7. September 1943 wurden sie selbst und auch ihre Eltern nach Auschwitz deportiert, wo sie am 30. November vergast wurde.

Der Begriff „Tagebuch“ für dieses vorliegende Bändchen stimmt insofern, als daß Etty Hillesum ihre Aufzeichnungen in Form eines Tagebuchs führte. Er führt dagegen in die Irre, wenn man ein normales Tagebuch, in dem Geschehnisse und Abläufe des Tages geschildert werden, erwartet. Es sind eher Protokolle der Selbstbeobachtung, der Selbstbegleitung einer jungen, von einer großen, übermächtigen inneren Unruhe getriebenen Frau auf der Suche nach dem „Eigentlichen“, dem Innersten, dem Sinn – auf der Suche nach Gott. Etty Hillesum war eine Sucherin geworden, eine Selbsterforscherin, sie war jemand, der wusste, daß die Antwort auf all ihre Fragen in ihr selbst ruhten und sie ging diesen Weg mit unglaublicher Konsequenz. Darüber berichtet ihr Tagebuch. Das äußere Leben, die Lebensumstände werden nur insofern erwähnt, als sie für den inneren Weg von Bedeutung sind. So erfahren wir beispielsweise in der ersten Hälfte des Büchleins kaum etwas über die Drangsale der Juden oder allgemein der Bevölkerung durch die Besatzung, aber viel hören wir von jenem schon erwähnten Julius Spier, mit dem sich ihre Beziehung, auch sexuell, immer weiter intensivierte.

Ursprünglich Banker von Beruf beeindruckte Spier mit seiner Fähigkeit, aus Händen zu lesen. C.G. Jung in Zürich war es, der ihm zu einer psychoanalytischen Ausbildung zum Psychochirologen riet. Spier floh in der Reichsprogromnacht 1938 aus Berlin nach Amsterdam, seine Verlobte ging nach London [3].

Julius Spier muß ein charismatischer Mensch gewesen sein, der großen Einfluss auf die Menschen ausübte, mit denen er in Kontakt kam. So faszinierte er auch die junge Etty, bald entdeckten die beiden die Seelenverwandtschaft, die sie verband und die im Lauf der Zeit zu einer Liebe werden sollte. Spier wird in den Aufzeichnungen Ettys durchgängig als S. abgekürzt, erst ganz zum Schluss des Büchleins, i Briefen aus Westerbork ist auch das Kürzel „Jul“ zu lesen. Zu dieser Zeit war Spier schon tot, er starb 1942 an Lungenkrebs, Etty beschreibt diese Zeit des Sterbens in ihrem Tagebuch.


Etty Hillesum war auf der Suche nach Gott. Nicht dem Gott der Juden oder Christen, sondern nach dem Göttlichen an sich, dem Numinosen, nach dem, was erst zu erkennen ist, wenn alles an Ängsten, Befürchtungen, Zweifeln, an Hass und Wut, an Zorn, Ärger und Missgunst, an Neid und Überheblichkeit in einem selbst beseitigt ist. Dieser Weg, dieser Zugang zu Gott, das zeigte sich für Etty immer mehr, ist nicht draußen zu finden, dieser Weg zu Gott führt an den Urquell des eigenen Seins, in das eigene Innerste. Dort, nur dort, ist Gott zu finden, aus dieser, bei den allermeisten verschütteten Quelle schöpft der Mensch sein Sein.

Es ist ein Weg der Mystik, den Etty beschritt. Ein Weg auch, der mit Zweifeln gespickt ist, der Rückschläge bringt. Das Menschliche, die Schwäche … sie sind stark. Aber Etty analysiert diese erlittenen (wirklichen oder auch eingebildeten) Rückschläge, sie deckt ihre Schwächen vor sich selbst schonungslos aus und es gelingt ihr so, sich immer intensiver zu ergründen.

Das Leben ist schön: wie oft steht dieser Satz in ihren Aufzeichnungen, an vordergründig widersinnigsten Stellen, in der Bedrängung, in der Verfolgung, in der Not. Lebenshungrig ist sie, die nach Bescheid des Arztes zu intensiv im Geistigen lebt, mehr die Realität wahrnehmen soll… aber gibt es nicht viele Realitäten, ist Gott, mit dem sie spricht, nicht auch eine Realität? Ihre Aufzeichnungen werden immer mehr zu Gesprächen mit Gott, zu Gebeten..

Ab ca. Mitte 1942 ändert sich der Duktus des Textes, er wird ruhiger, Zweifel und Irritationen nehmen ab, auch nimmt die äußere Realität mehr Raum an – notgedrungen wohl, die Beschränkungen für Juden nehmen immer mehr zu und bestimmen immer mehr den Alltag. So führt z.B. das Verbot, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, zu langen Fußwegen, die Juden für ihre Besorgungen zu bewältigen haben – für alte Menschen eine riesige Belastung, auch Etty klagt häufig über große Blasen an den Füßen. Eins spielt ins andere: in vielen Geschäften dürfen Juden nicht mehr kaufen, in Cafés nicht mehr einkehren, um sich auszuruhen….

Etty war sich der relativ guten Umstände, in denen sie lebte, bewusst. Irgendwie war sie durch die Raster der Nazis noch nicht erfasst worden, während viele Juden schon in immer engeren auch räumlichen Verhältnissen lebten, hatte sie immer noch ihr Zimmer, ihren Schreibtisch und die Möglichkeiten, eines zwar bedrohten, aber immer noch halbwegs geordneten Lebens.

Sie wurde gedrängt, sich für eine eine gewisse temporäre Sicherheit bietende Stelle im Judenrat zu bewerben – was sie nicht wollte, die sie dann aber letztendlich doch akzeptierte. Sie weigerte sich trotz des Drängens von Freunden, unterzutauchen, zu fliehen – gerade sie sollte entkommen und überleben. Aber flöhe sie, würde ein anderer an ihrer Stelle genommen und deportiert, und das könne und wolle sie nicht, war ihre Erwiderung. Ihre Mission, so wurde ihr immer stärker klar, war es, den Menschen zu helfen, ihnen auch in der Aussichtslosigkeit ihrer Situation beizustehen, da zu sein, einfach da zu sein für sie….. nicht, daß sie Hoffung gehabt hätte, daß die Vernichtung der Juden beschlossen war, war ihr absolut klar: Natürlich. Es ist die vollständige Vernichtung. (Oktober ´42). Und doch….

Es ist nicht so, als ob Etty in ihrer Umgebung nicht auch auf Unverständnis gestoßen wäre. Sie lebe zu sehr im Geistigen, diese Meinung ihres Arztes habe ich schon angeführt. Manche ihrer Gedanken vertraute sie wohl nur dem Tagebuch an, sie wollte (so begründete sie dies an einer Stelle) die anderen nicht aufregen. Ihre Arbeit im Judenrat (der „Hölle“, wie sie es nannte; einige wenige Juden helfen mit, viele Juden zu deportieren) interessierte sie nicht, kollidierte mit ihren innersten Überzeugungen. Lieber als Listen zu schreiben saß sie in einer Ecke auf dem Boden und las ihren geliebten Rilke, den sie als Begleiter auf ihrem gesamten spirituellen Weg bei sich hatte und den sie auf jeden Fall auch mit auf einen Transport nehmen wollte. Im Judenrat warf man Unkollegialität vor.

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz Bildquelle [B]

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz
Bildquelle [B]


Die Aufzeichnungen der Etty Hillesum enden 1942, aus dem nachfolgenden Jahr sind noch Briefe, die sich mit den Umständen im Lager befassen, erhalten und im Büchlein abgedruckt. Der letzte Satz in ihrem Tagebuch ist datiert auf den 12. Oktober 1942 und lautet:

Ich möchte ein Pflaster sein auf vielen Wunden.

Am 7. September 1943 war es dann soweit.  Trotz des Wissens, daß dieser Tag kommen musste, war er in der Plötzlichkeit doch überraschend: die Eltern kamen auf einen Transport nach Auschwitz und Etty  (sowie ihr Bruder Mischa) begleitete sie. Es gab keine Ausnahmegenehmigungen mehr für Etty.

Nach Berichten des Roten Kreuzes wurde sie am 30. November vergast.


Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, daß ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, daß du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen […]. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, daß man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist.“

„Sonntagmorgengebet“ vom 12. Juli 1942 (als Zitat entnommen aus [1])

_______________________________________________

Ich ruhe in mir selbst. Und jenes Selbst, das Allertiefste und Allerreichste in mir,
in dem ich ruhe, nenne ich „Gott“.

Der mystische Weg der inneren Gottesschau mag auf Aussenstehende befremdlich wirken, zu sehr scheint der Mensch die „Realität“ zu negieren, zu inadäquat auf äußere (vermeintliche oder wirkliche) Zwänge zu reagieren. Und doch sind diese vermeintlich Weltfremden voll innerer Energie, voll innerer Gefasstheit. Leider sind kaum Äußerungen Aussenstehender über die Wirkung von Etty auf andere Menschen bekannt, dem wenigen nach, was man weiß, muss sie eine bemerkenswerte voller Ausstrahlung gewesen sein, eine „leuchtende Persönlichkeit“ nannten Überlebende aus Westerbork sie. Es ist zu hoffen, sehr zu hoffen, daß sie ihr Lebensziel, anderen zu helfen, auch in ihren agen in Auschwitz noch verfolgen konnte, daß ihre innere Kraft durch die Zwiesprache mit ihrem Gott groß genug war, um nicht gebrochen zu werden….

Ich habe in meiner Buchvorstellung viel von Ettys Suche nach Gott geredet, davon soll sich aber niemand, der keinen Bezug zu Gott hat, abschrecken lassen. „Das denkende Herz“, so wie sie in der Lagerbaracke genannt wurde, ist in allererster Linie ein beeindruckendes Dokument einer Frau, eines Menschen, der sich mit großer Selbstdisziplin und großer Ernsthaftigkeit auf den Weg macht, sein Selbst zu finden. Dies ist unabhängig von der Suche nach Gott ein Wert an sich, insofern können Etty Hillesums Aufzeichnungen eine große Inspiration für jeden Leser sein.


Zitate

  1. Juni 1941: Wieder Verhaftungen, Terror, Konzentrationslager, willkürliches Abholen von Vätern, Brüdern, Schwestern. Man sucht nach dem Sin des Lebens und fragt sich, ob es überhaupt noch einen Sinn hat. … Jedenfalls habe ich zur Zeit allen Zusammenhang mit dem Leben und den Dingen verloren. …“ [S. 37]
  2. August 1941: Liebe ich S.? Ja, irrsinnig. … Es ist schwierig, mit Gott und dem Unterleib in gleicher Weise zurechtzukommen. .. [S. 42/3]
  3. September 1941: Ich will dieses Jahrhundert kennenlernen, von außen und von innen. Ich bestaste dieses Jahrhundert, jeden Tag aufs neue, mit meinen Fingerspitzen taste ich an den Konturen der Zeit entlang. Oder ist dies nur eine Fiktion? [S. 53]
  4. September 1941 Ich fühle wie jemand, der von einer Krankheit genesen ist. Noch etwas schwindelig im Kopf und wackelig auf den Beinen. Gestern war mir sehr elend, ich glaube, daß ich innerlich nicht einfach genug lebe. Mich zu sehr in Ausschweifungen, in Bacchanalien des Geistes verliere. … Die Wirklichkeit interessiert mich sehr, aber nur vom Schreibtisch aus, nicht etwa um darin zu leben und zu handeln. … [S. 54/5]
  5. Juni 1942 Es gibt weder Unrast noch Hast um mich. [S. 109]
  6. Juni 1942: Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welche Rasse oder welchen Volkes in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Haß mehr ist, sondern auf weigte Sicht sogar zu Liebe werden könnte. … Ich bin ein glücklicher Mensch und preise dieses Leben, jawohl, im Jahre des Herrn 1942, dem soundsovielten Kriegsjahr. [S. 115]
  7. Juli 1942: Ich habe unserem Untergang ins Auge geblickt, unserem vermutlich elenden Untergang, …. [S. 125]
  8. Juli 1942: Die Urkraft besteht vielmehr darin, daß man, auch wenn man elend umkommt, bis zum letzten Augenblick das Leben als sinnvoll und schön empfindet in dem Gefühl, daß man alles in sich verwirklicht hat und daß es gut war zu leben. [S. 134]
  9. Juli 1942: Für das ungebrochene und strahlende Gefühl in mir, das auch das Leiden und die Gewalt einbezieht, kann ich die richtige Sprache noch nicht finden. …. [S. 142]
  10. Juli 1942: Und mit dieser schlanken Füllfeder müsste ich ausholen, als wäre sei ein Hammer, und die Wörter müssten wie ebensoviele Hammerschläge von unserem Schicksal künden, von einem Stück Geschichte, wie es noch nie eines gegeben hat [S. 144]
  11. Juli 1941: Mein Gott, was hast du mit mir vor? [S. 156]
  12. September 1942: Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges „Hineinhorchen“, in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, daß ich „hineinhorche“, dann ist es eigentlich Gott, der in mich „hineinhorcht“. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott. [S. 176]
  13. Oktober 1942: Man sollte immer beten, Tag und Nacht, für all die Tausende. Man sollte keine Minute ohne Gebet sein wollen. [S. 201]
  14. Oktober 1942: Durch mich hindurch fließen breite Flüsse, in mir erheben sich hohe Gebirge. Und hinter dem Gestrüpp meiner Unruhe und Verwirrungen erstrecken sich die breiten Ebenen der Ruhe und Erhebung. … Die Erde ist in mir und auch der Himmel ist mir. … Ich falte die Hände mit einer Gebärde, die mir lieb geworden ist, und sage närrische und ernsthafte Dinge im Dunkel zu dir und erflehe einen Segen über dein ehrliches, liebes Haupt, all das zusammen könnte man mit einem Wort „beten“ nennen. .. [S 203/4]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel Bildquelle [B]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel
Bildquelle [B]

Es sind Tagebuchaufzeichnungen, die mit einem bestimmten Ziel geschrieben wurden. Lange nach dem Krieg, 1981, tauchten sie wieder auf und mussten mühsam entziffert werden (Ettys Handschrift gleicht dem Schriftbild des Arabischen…). Es wurde eine Textauswahl getroffen, aber die Texte wurden nicht mehr bearbeitet. Das Buch ist aus diesem Grund und weil das Thema nicht einfach ist, nicht zu lesen wie ein Roman, man muss häufig Pausen machen und über das Gelesene Nachdenken. Erschwerend kommt hinzu, daß viele Einträge ohne Datum sind, nur die Tage und die Uhrzeiten sind angegeben, was ein wenig die zeitliche Orientierung behindert und zum häufigeren Vorblättern zwingt. Auch ist der Tagebuchcharakter dafür verantwortlich, daß vieles wiederholt wird, daß manches nach Selbst-/Eigenlob klingt oder auch autosuggestiv: Etty schreibt für sich und legt zuvörderst vor sich selbst Rechenschaft ab, dies muss man im Auge behalten. Dies alles mindert die enorme Tiefe des Textes nicht.

Für mich war dieses schmale Bändchen ein großer Gewinn.

Links und Anmerkungen:

[1] Beatrice Eichmann-Leutenegger: Ein denkendes Herz in Amsterdam – Zum 100. Geburtstag von Etty Hillesum (1914-1943); in: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=1
[2] Webseite des Etty-Hillesum-Zentrums in Deventer: http://www.ettyhillesumcentrum.nl/index.php/de
[3] Der Magier Julius Spier, in [1]; http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=3
[4] zitiert aus: Das deutsche Besatzungsregime in den Niederlanden: http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/niederlandebes/index.html
[
5] – Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Westerbork
– Holländische Webseite über das Lager: http://www.holocaust-lestweforget.com/transit-camp-westerborkdutch.html

[B]ildquellen:
– Zuglaufschild: http://www.ramakrishna.de/okzident/Etty_Hillesum.php
– Sceenshot „Transpotliste“: http://www.holocaust-lestweforget.com/westerbork-transport-scheduledutch.html

Etty Hillesum
Ein denkendes Herz
Die Tagebücher von Etty Hillesum
Übersetzt aus dem Niederländischen von Maria Csollány
Originalausgabe: Het Verstoorde leven, Haarlem, 1981
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 224 S., 19XX

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3 Responses to “Etty Hillesum: Ein denkendes Herz”


  1. […] Flattersatz hat Etty Hillesums Tagebücher gelesen. […]

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  2. skaldenmet Says:

    Vielen Dank für den Tipp. Etty Hillesum steht nun auf meiner Wunschliste. Wenn du sagst, die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich kaum mit den immer widriger werdenden Lebensumständen, denkst du, dass die Selbstsuche Hillesums auch zu einer anderen Zeit ebenso verlaufen wäre? Oder hat das erlebte Grauen ihre Suche (und Findung?) beschleunigt?

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    • flattersatz Says:

      liebe skaldenmet, das ist natürlich eine sehr spekulative frage… ich vermute, bei etty war dies ein sich selbstbeschleunigender prozess, der in ihr angelegt war. sie war hochintelligent, sehr belesen (auch und gerade in der literatur, die in diese nachdenkliche, selbstreflektive richtung geht (ihr geliebter rilke, russische autoren) und die begegnung mit julius spier hat wie eine initialzündung bei ihr gewirkt und diesen prozess der selbst- und gottfindung in gang gesetzt. die äußeren umstände, durch die die aussenwelt immer enger geworden ist für sie als jüdin, haben dies meiner meinung nach verstärkt. ohne julius spiers und ohne judenverfolgung wäre ihr leben sicher auch in dieser hinsicht anders verlaufen – aber diese spekulationen sind im grunde müßig.. wir müssen das wahrnehmen, was geschehen ist…. ihr leben war so, wie es war.
      liebe grüße
      fs

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