Ian McGuire: Nordwasser

Der Autor des vorliegenden Romans, Ian McGuire, ist Literaturwissenschaftler und er legt mit Nordwasser seinen zweiten Roman vor. Es ist wohl nicht ganz zufällig, daß dieser Roman, der historische Elemente enthält, der als Abenteuerroman und auch als Kriminalstück gelesen werden kann, in Hull seinen Ausgang nimmt und sich des Themas vom Walfang (welch ein Euphemismus, eher ist es ja ein Walabschlachten gewesen) widmet: Hull ist sowohl die Geburtsstadt des Autoren, war aber auch einer der großen Häfen für die Walfangschiffe in England. In Hull gibt es dieser Vergangenheit geschuldet das Hull Maritime Museum, in dem das nebenstehende Gemälde des Englischen Malers William John Huggins (https://en.wikipedia.org/wiki/William_John_Huggins) zu bestaunen ist.

Whaling Barque Harmony of Hull William John Huggins (1781-1845), Oil on canvas [Bildquelle: http://blueworldwebmuseum.org/item.php?title=Whaling_Barque_Harmony_of_Hull&id=138]

Zu sehen ist ein Schiff, die ‚Harmony of Hull‘, die inmitten eines von Eis bedeckten Meeres ihrem blutigen Geschäft nachgeht: dem Abschlachten der Robben, dem Harpunieren der Wale…. Philip Hoare beschreibt dieses Bild des Grauens, das gleichwohl auch die Gefahren dieser Jagd, die treibenden Eisschollen, die Kälte, der dräuende Eisberg im Hintergrund, nicht verschweigt, in seinem wunderbaren Buch Leviathan oder der Wal (https://radiergummi.wordpress.com…wal/), das als Hintergrund für McGuires Roman nur empfohlen werden kann (natürlich lassen sich Infos über den Walfang früherer Jahrhunderte auch aus dem Internet ziehen, Hoares Buch ist jedoch viel stilvoller…). Die dargestellte Szenerie jedenfalls entspricht wohl dem, wie es damals ablief und wie es McGuire in seinem vorliegenden Roman darstellt und teilweise sehr explizit schildert.


Der Autor führt uns in mit seiner Geschichte in das Jahr 1859 zurück. Die Walfangindustrie, die aus London die nächtens am besten beleuchtete Großstadt auf Erden gemacht hat (Hoare, a.a.O.), ist im Niedergang begriffen. Zum einen ist das Petroleum auf dem Markt aufgetaucht und verdrängt das Öl des Wales aus den Funzeln, zum anderen hat der Raubbau der letzten Jahrzehnte die Bestände an Walen stark reduziert. Waren diese in früheren Zeiten so groß, daß die Jagd fast einem Abernten glich, so war es mittlerweile gar nicht mehr sicher, daß man überhaupt noch auf einen Wal traf. Zudem verdrängt die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler immer mehr.

Solch ein Segelschiff, die ‚Volunteer‘, liegt nun in Hull am Kai und wird für`s Auslaufen fertig gemacht. Sie wird mit allem Notwendigen beladen, die Mannschaft, bis auf die drei Harpuniere, von eher mittlerer Qualität, wurde von Baxter, einem Finanzier, zusammengestellt. Einer dieser Harpuniere, Henry Drax, ist eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Ein vierschrötiger, keineswegs dummer Mensch, der völlig empathielos seinen Bedürfnissen nachgeht. Er sieht sich selbst als Macher, schaut verachtend auf die Denker hinab, und reagiert auf jede als solche von ihm empfundene Notwendigkeit des Augenblicks, was auch schon mal ein Erwürgen seines Partners nach dem erzwungenen oder erkauften sodomitischen Akt sein kann.

Sein Gegenspieler ist anderer Natur. Der gesichtsalte, aber nach Jahren noch relativ junge Arzt Sumner, ist undurchsichtig, er hält seine Vergangenheit im Dunkeln. Immerhin weiß man, daß er in den indischen Kolonieren als Militärarzt tätig war und heftige Kämpfe durchlitten hat (im Mai 1857 kam es dort zum Aufstand der Sepoy gegen die Kolonialmacht). Daß er aufgrund einer Erbschaft nach England zurückgekehrt, dann aber auf Probleme beim Antritt des Erbes gestoßen sei, nimmt ihm keiner ab, jeder fragt sich, warum er als Arzt auf einer derartige Fahrt anheuert. Das Kommando auf dem Schiff hat ein gewisser Brownlee, auch dieser Kapitän ein Mann mit Vergangenheit. Ihm wird nachgesagt, ein Unglücksmensch zu sein, hat er doch unter schlimmen Umständen früher mal ein Schiff verloren, mit der gesamten Ladung und vielen Toten und verletzten Seeleuten…

McGuire läßt sein Schiff nordwärts in See stechen. Auf den Shetlands wird noch mal angelegt und die Seeleute amüsieren sich ein letztes Mal bei Schnaps und Huren, bevor es dann ins Eis weitergeht, ins Nordwasser. Es ist eine blutige Fahrt, man kann sie grob nachverfolgen, da McGuire die einzelnen Stationen nennt, die über google-maps leicht zu finden sind. Blutig nenn ich sie, weil alles abgeschlachtet wird, was dem Schiff in den Weg kommt, in der Robbenkolonie werden so viel Tiere wie möglich niedergemetztelt (Fünfzig Tonnen wären machbar, wenn er eine passable Mannschaft hätte…) weil bei Sichtung jedes Bären versucht wird, ihn zu töten… ein verwaistes Bärenbaby wird an Bord gebracht, es ist- wenn es überlebt – zwanzig Pfund wert, wenn man es in den Zoo bringt. Auch auf Wale treffen sie…. Daß bei solchen Aktionen immer wieder auch Besatzungsmitglieder sterben, wird in Kauf genommen…

Schon bald wird klar, daß hinter dieser Fahrt noch etwas mehr steckt als nur die Jagd auf Wale. Der Kapitän steuert das Schiff immer weiter ins Nordwasser hinein, trotz der Jahreszeit und gegen alle tradierten Erfahrungen…. Und es kommt so, wie man es erwartet: das Schiff wird eines Tages vom Eis eingeschlossen und letztlich zerstört. Die Männer müssen es verlassen und sind in der Eiseinöde auf sich gestellt.

Schon vorher war es auf der ‚Volunteer‘ zu einem Verbrechen gekommen. Der seit Tagen vermisste Bootsjunge wird tot aufgefunden, es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Drax und Sumner, bei der letztlich Sumner die Oberhand behält – nicht ohne, daß es Opfer gibt… Aber alle sind sie jetzt ohne Schiff, im Eis, mit zuwenig Nahrung, sie sind der Kälte ausgesetzt, dem Wind, dem Hunger…

Diese Passage des Romans stellt letztendlich Sumner in den Mittelpunkt. Dieser durchlebt unter diesen extremen Bedingungen eine innere Entwicklung, zentrales Ereignis dabei ist seine Jagd auf einen Eisbären, die zu einem mythisch-archaischen Höhepunkt führt, zu einer Art Neu- bzw. Wiedergeburt: er ist danach ein anderer…


Nordwasser ist ein spannendes Buch, ganz ohne Zweifel. Es ist auch ein hartes Buch, ein – wie schon gesagt – blutiges.. mir haben diese Passagen weh getan, ich gebe es zu. Die Schilderung der Schlachtorgie in der Robbenkolonie, die Jagd der Besatzung auf die Eisbärenmutter, auch das Harpunieren und Schlachtes des Wals, das ist nicht schön. Für die Männer damals jedoch war genau dies das Ziel, der Zweck der Reise: jedes Fass mit Öl, mit Fett, jedes Fell war bares Geld, jede der Barten eines Wales wird als Fischbein im Korsett in der Zivilisation einer Dame zur Zierde verhelfen, einer Frau, die nicht ahnte, wieviel Blutvergießen damit verbunden war. Man war in dieser Gesellschaft weder wehleidig noch zimperlich, Hygiene war zweitrangig, Verdauungsprobleme an der Tagesordnung, es stank an allen Ecken und Enden, für Warmduscher war dies kein Biotop. Definitiv nicht.

Der arkane Zweck der Fahrt, er spielt keine allzu große Rolle, er erfüllt sich, weil er das Gesamtkonzept der Fahrt überlagert, letztlich wider Erwarten realistisch und glaubwürdig. Von daher ist er als Thema einer kriminellen Handlung allenfalls ein nettes Beiwerk des Romans, um zu zeigen, wie verworfen und böse, böse, böse man damals auch schon war. Es hat sich wenig verändert bis heute. In einzelnen Passagen schneidet der Autor andere Fragen an, so zum Beispiel das Phänomen, wie leicht sind Menschen zufrieden, wenn sie erstmal einen haben, den sie als Schuldigen bezeichnen können. Eine Abweichung vom Normverhalten – und schon ist man dabei. Auf der Verliererseite. Gut, wenn es dann einen Querulanten so wie Sumner gibt, der sich an den Ungereimtheiten stört und nachhakt…

In den Begegnungen der Walfänger mit den Eingeborenen ‚Yaks‘ zeigt sich ein Clash der Kulturen. Die Yaks kennen sich im Eis aus, sie wissen dort zu überleben, wissen, wie man jagen muss, wissen, die Wolken, den Schnee und das Eis zu lesen. Sie erscheinen den Männern, die doch selbst auf eine Stufe großer Primitivität gesunken sind, als kaum über den Tieren stehend mit ihrem Riten und Verhaltensweisen, allenfalls der Gedanke, daß auch diese Wesen von Gott geschaffene Menschen sind, XXXX

Ein interessanter Punkt ist auch, wie der Autor bei seiner Figur des Drax die beiden oft als Antagonisten bezeichneten Begriffe ‚Liebe‘ und ‚Tod‘ zusammenfließen läßt. Liest man eine aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Passage wie … „Schenk mir ein letztes Stöhnen“, sagte er. „So ist es recht, meine Süße. Ein letztes Zittern, damit ich die richtige Stelle finde. Genauso Herzblatt, Noch zwei, drei Zentimeter, dann haben wir es geschafft.“ …. so werden wohl die wenigsten vermuten, daß dieses ‚abstoßende Liebesgeflüster‘ vom Töten handelt, nicht vom Lieben. Ist doch das Hineinstoßen der Harpune in den Leib des Wals hier wie das Einführen eines tödlichen Schaftes in einen warmen. lebenden Körper, der einen letzten ejakulativen Ausstoß einer Wolke reinen Herzbluts hoch in die Luft hervorruft… Dieser Vorgang des Töten des Wals gleicht dem des Töten eines Menschen nach dem Akt, in dem Drax seinem ‚Partner‘ in gleicher Weise blutig und brutal penetriert hat, einzig und allein einem unkontrollierten Trieb gehorchend.

Der Roman wird in dem meisten Besprechungen hochgelobt. Auch ich habe ihn gerne gelesen, habe ihn schnell gelesen, weil er mich packte. Und doch… ein paar Punkte haben mich gestört. Die Eingangssentenz beispielsweise, die für den weiteren Verlauf der Handlung unwesentlich ist, vor Blut nur so strotzt und außer der Tatsache, daß sie zeigt, daß es sich bei Henry Drax um einen gefährlichen, triebgesteuerten Zeitgenossen handelt (der jedoch nicht eindimensional ist), scheint im wesentlichen des bluttriefenden und schockierenden Effekts wegen geschrieben worden zu sein. Wie sagte meine Buchhändlerin: Ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt, das war nichts für mich. Für einen anderen Eindruck, den das Buch bei mir hervorgerufen hat (besser: nicht hervorgerufen hat) ist ein weiterer Autor schuldig: der Ransmayr nämlich. Ging mir doch in den „Eispassagen“ des Nordwassers seine Darstellungen zum Thema „Harte Männer im kaltem Eis bei wenig Essen, zerlumpter Kleidung und ansonsten ist es auch nicht einfach“ (Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis) nicht aus dem Kopf und daran gemessen empfand ich McGuire mit seinen Schilderungen blass und farblos.

So fass ich zusammen, was ich jetzt schon mehrfach geschrieben habe: Nordwasser ist ein publikumswirksamer, auf Schockeffekte angelegter Roman, der durchaus spannend ist, der unterhaltend ist und der ein Ende hat, bei dem der ‚Richtige‘ überlebt. Ein Abgesang auf die ‚große‘ Zeit des Walfangs, auf das Abschlachten dieser imposanten Tiere, eine Tätigkeit die nach Männer verlangte, die in dieser Brutalität und Rohheit entsprachen. Ein Abgesang auch auf die Zeit der großen Segler, eine Reminiszenz auf den einst so bedeutenden Walfanghafen Hull, die Geburtsstadt des Autoren. Das alles mit einem Protagonisten, der als Kontrapunkt zum bisherig Angemerkten durch das Purgatorium dieser Fahrt geläutert erscheint, der sich durch einen letzten barbarischen Akt retten und ein neues Leben anfangen kann.

Ian McGuire
Nordwasser
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber
Originalausgabe: The North Water, London 2016
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 304 S., 2018

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Anthony McCarten: Jack

Ich muss zugeben, daß ich vor diesem Buch gescheut habe, obwohl ich den Autoren McCarten natürlich kenne (siehe unten) und hoch schätze. Aber das Bild auf dem Schutzumschlag trifft so wenig meinen Geschmack, daß ich es einfach nicht haben wollte…. erst als ich die wirklich durchgängig guten Besprechungen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben… und – um das vorweg zu nehmen – es hat sich gelohnt. Yes.


Ihre Hühnerpastete. die war der Schlüssel.
Die hat alle angelockt.
Ohne die hätte es keine Beat Generation gegeben.
Mannoman!

Die aktuelle Story, die das Buch erzählt, ist im Jahr 1968 angesiedelt. 1968 war ein wichtiges Jahr, eine ganze Generation (zumindest in Deutschland) ist danach benannt, eine ‚Revolution‘, die aus den USA herübergeschwappt war, der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die ‚Hippies‘, um einige Stichworte zu geben und auch den Bogen zu spannen zu diesem Roman. Auch die Hippies sind nicht einfach vom Himmel gefallen, haben ihre Vorläufer, auf die sie sich berufen. Und davon erzählt dieser pseudobiographische Roman um Jack Kerouac und die fiktive Jan Weintraub.

Auf Jack Kerouac nämlich geht der Begriff des Beatnik zurück, der ihn 1948 in einem Interview prägte. „Das Adjektiv beat aus dem Slang der Kriminellen, den Herbert Huncke in die Gruppe um Kerouac, Ginsberg und Burroughs einbrachte, hatte die Bedeutungen „besiegt“, „müde“ und „heruntergekommen“, aber Kerouac prägte zusätzlich die Bedeutungen „euphorisch“ (upbeat), „seligmachend“ (beatific) und in Bezug auf Musik, vor allem Bebop, auch being on the beat („im Rhythmus sein“).“ [Quellehttps://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Generation]. Bibel dieser Generation, die mit einem „Höchstmaß an innerer und äußerer Bewegung agierte, die ständig unterwegs war und auf der Suche nach einer von Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit berauschten Existenz, auf endloser Entdeckungsreise durch ein Amerika, für dessen Schönheit ihnen die Verachtung des Utilitarismus ihrer Zeitgenossen, des Establishment der Saturierten die Augen geöffnet hatten.“ [nach dem Text auf dem Vorsatzblatt der 68er rororo-TB-Ausgabe von Unterwegs; siehe Abbildung], war diese Roman Unterwegs (On the Road) von Jack Kerouac, der sich damit als „Romancier einer Generation vorstellte, die inmitten der schlechtesten aller Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glücklichen Leben ablegte, das den ehrbaren Bürger erschauern ließ.“ [a.a.O.]. Kerouac hatte (so legt es McCarten seiner Protagonistin in den Mund), als die Trümmer des Krieges noch rauchten, deutlich erkannt, dass zu lernen war, dass man nach vorn blicken muss, nach vorn und immer nur nach vorn … unsere Augen auf die nächste Biegung der Straße geheftet, weil wir sicher sein können, dass dahinter eine hübsche Zerstreuung wartet, etwas Flüchtiges, Schönes, dessen einziger Zweck auf Erden darin besteht, dass es uns – uns Neurotiker! – alles Traurige vergessen acht, das hinter uns liegt.

Vorderes Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo
Hinteres Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo

Es ist also 1968. Die junge Literaturwissenschaftlerin Jan Weintraub hat gehört, daß sich ihr Idol Kerouac auf dem stark absteigenden Ast befindet. Mit der sich aus den Beatniks herausgebildeten Hippie-Bewegung konnte er nichts anfangen, das war nicht mehr seins, die enge Freundschaft mit Neal Cassidy (z.B.: http://www.beatmuseum.org/cassady/nealcassady.html bzw.  https://de.wikipedia.org/wiki/Neal_Cassady), den er in seinen Romanen verewigt hatte, war zerbrochen und Kerouacs verbliebenes Lebensziel war es, sich von der Welt abgeschottet zu Tode zu saufen. Wo er sich aufhielt, war unbekannt [In der nebenstehend abgebildeten deutschen TB-Ausgabe beispielsweise steht, daß er zur Zeit in New York lebe, mittlerweile weiß man es besser]. Höchste Zeit also, ihr Ziel, eine autorisiere Biografie zu schreiben, anzugehen. Jan hatte durch Zufall erfahren, daß der Dichter für seine Mutter ein Haus gekauft hat und kommt so auf seine Spur. Kurzentschlossen fährt sie quer durch Amerika nach St. Petersburg, Florida, ein zerlesenes Exemplar von On the Road unter dem Arm – in der Hoffnung, dies würde der Eitelkeit des Schriftsteller genügend schmeicheln, um sie nicht direkt und brüsk abzuweisen.

Sie hatte den richtigen Riecher, erstaunlich einfach war das Haus der Mutter zu finden und in ihm tatsächlich der saufende Kerouac, der sie nicht abwies. Wohl hätte er auf sie verzichten können, doch gewährt er ihr Einlass und redet mit ihr, beantwortet ihre Fragen. Nur, und das ist schockierend für Jan, behauptet er, von dem beispielsweise sein Freund Ginsberg sagte, er würde ein Archiv führen wie ein Buchhalter, er hätte alles an Briefen, die er geschrieben und erhalten habe, verbrannt! Ein unersetzlicher Verlust für die Literaturgeschichte, aber stimmt die Behauptung Kerouacs? Jan kann sich in einem günstigen Augenblick Zugang zum Haus verschaffen, Jack ist mit seiner Mutter in der Kirche, es ist Allerheiligen [S. 102, wir haben jedoch den 25. Mai (!) 1968]. Doch die beiden kommen früher zurück als Jan erwartet hatte und sie erwischen Jan, wie sie im Schlafzimmer die Schränke mit den (wie vermutet) noch vorhandenen Briefen durchwühlt, auf der Suche nach einem oder zwei ganz bestimmten.

Standen bis jetzt die Geschichte Jacks und seines Schreibens im Vordergrund, stellt McCarten im zweiten Teil seines Buches das Schicksal Jans in den Mittelpunkt. Sie wird nach dem unerlaubten Eindringen zwar in einem ersten Impuls rausgeschmissen, doch letztlich erlaubt man ihr doch, zu bleiben, bietet ihr sogar ein Zimmer im Haus an. Es entsteht in dieser Periode dann tatsächlich so eine Art Familienleben zwischen Kerouac, seiner dritten Frau, der Mutter und Jan, ja, selbst  der heruntergekommene Poet strengt sich an… nur Petey, in dessen Zimmer Jan schläft, und der ein paar Tage später auf Heimaturlaub aus Vietnam kommt, tritt Jan gegenüber reserviert auf, ist und bleibt misstrauisch…

Für den Kerouac des Romans ist diese Zeit, sind diese Tage, eine Art letztes Zwischenhoch, aus dem er abrupt herausgerissen wird und der Trost, den er findet, wohnt in der Flasche und er tröstet ihn letztlich zu Tode. Wenige Menschen nur kommen zu seiner Beerdigung, mit deren Schilderung der Roman sowohl anfängt als auch endet, Jan ist unter ihnen, sie hält sich im Hintergrund…


McCartens Roman Jack behandelt zwei große Fragen am Beispiel seines eigenes schriftstellerischen Helden: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“ wird er zitiert. Ist die eine Frage also die nach der Identität, so spielt auch die Frage nach Schuld eine Rolle, nach Verantwortung zum Beispiel am traurigen Schicksal Neal Cassidys oder dem seiner Tochter.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
(Precht, 2007)

Kerouac wird im Roman als Mensch beschrieben, der in alle möglichen Rollen schlüpfen konnte, das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Dadurch steht die Frage im Raum, wer war er wirklich, wer war dieser Held einer ganzen Generation eigentlich, welche Identität hatte er, der so viele Rollen spielen und annehmen konnte? Aber wie definiert man diesen Begriff ‚Identität‘ eigentlich? Wie unterscheidet man ihn von den Rollen, die man/jeder in seinem Leben einnimmt? Eine schwierige Frage, die dieser Roman natürlich auch nicht beantwortet [Precht mag sie beantwortet haben, das Buch steht jedoch zwar bei mir im Regal, aber leider ungelesen…]… möglicherweise ist die Summe aller Rollen ja das glitzernde Facettenkleid der Identität, von der nichts übrig bliebe, wenn ich alle Rollen, die eingenommen werden können/wurden, wegnehme…. 

Die Frage nach der Identität taucht ebenso bei der zweiten, dem Roman im Geheimen sogar dominierenden, weil als Erzählerin auftretenden Jan Weintraub, auf. Traf man bei Kerouac auf eine Unzahl von Rollen, die er im Lauf seine Lebens ausgefüllt hatte (bis er schließlich bei der einzigen verbliebenen des mit der Welt grummelnden Säufers gelandet war), so überschreitet Jan Grenzen: sie nimmt nicht nur Rollen ein, sondern tatsächlich andere Identitäten, ein Übergang gar ins Pathologische findet bei ihr statt.

Letztlich kann man auch das traurige Schicksal Neal Cassidys unter diesem Aspekt betrachten. Der vormals kleinkriminelle Frauenheld, der in die Gruppe der intellektuellen, gesellschaftliche Normen sprengenden Dichter und Schriftsteller gerät, von Kerouac als literarische Figur verewigt wird, bemühte sich anfangs, dem Bild gerecht zu werden, das sein Schriftstellerkumpel ihm angehängt hatte. Später dann kann er sich allerdings nicht mehr von seinem Alter Ego Dean Moriarty lösen und befreien und geht daran zugrunde. Seine Umwelt nimmt ihn nur noch als Moriarty wahr und er hat sich resignierend in diese Funktion gefügt.

Sir, sollte die Literatur die Verantwortung für ihre Opfer übernehmen? lautet eine der Fragen, die Jan an Kerouac richten wollte…. Die Frage bezieht sich in erster Linie zwar auf Neal Cassidy, aber ist nicht auch Kerouac selbst ein Opfer seines Erfolgs, der ihn in eine Rolle gezwängt hat, die er am Ende seines kurzen Lebens (er wurde ja gerade mal siebenundvierzig Jahre alt) nicht ausfüllen wollte? Dabei kann man nicht behaupten, McCarten würde seine Hauptfigur besonders sympathisch darstellen, eher beschreibt er seinen Helden als am Erfolg gescheiterten Schriftsteller, der wieder zurück zu Muttern gegangen ist und sich dort gehen läßt, sich langsam zu Tode säuft und sich vor der Welt versteckt. Nur in der kurzen Phase, in der Jan im Haus mit lebt, erwacht noch einmal ein anderer Jack Kerouac, der empathisch ist, mitfühlend, sich sorgend, der auch sein Selbstmitleid vergessen hat…


Wie von McCarten nicht anders zu erwarten, ist Jack ein sehr professioneller Roman. Gut, abwechslungsreich und spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen der Handlung, mit gut gezeichneten Figuren kann man ihn problemlos in einen ‚Rutsch‘ durchlesen, intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau also. Im Gegensatz zu seinem Helden jedoch, der mit Unterwegs die amerikanische Literatur revolutionierte (oder sollte man sagen, es war Neal Cassidy, der dies tat, denn Kerouac goss letztlich dessen Art zu reden in eine literarische Form) und zum Leitbild einer Generation wurde, bleibt McCarten literarisch im Rahmen des Üblichen: keine Experimente, kein Aufsprengen von Grenzen. Wohl wechselt er zwischen inneren Monologen Jans, nachempfunden Interviewsequenzen zwischen Jack und Jan und Beschreibungen von Handlungen und Situationen, grundlegend Neues findet man jedoch nicht.

Jack ist kein historischer Roman und keine Biografie, was er über die Geschichte des Buches Unterwegs (im ersten Teil des Romans) schreibt, gibt jedoch einen anschaulichen Einstieg in die Historie der Beatniks, die nach dem Krieg einen Neuanfang für sich suchten, die Grenzen und Konventionen sprengten, für die Literatur wichtig war. Die Beatniks mögen selbst an ihren Anspruch gescheitert sein wie Kerouac oder Cassidy, sie fanden aber Nachfolger. Der Protest gegen den Vietnamkrieg mit den Studentenunruhen, die Bewegung der Hippies beispielsweise waren beides gesellschaftliche Phänomene, die auch nach Europa überschwappten und hie wie da die Gesamtgesellschaft veränderten.

Schrieb ich vorstehend, daß McCartens Roman dem Konventionellen verhaftet bleibt, so soll dies keine Abwertung sein, sondern ist als reine Feststellung zu nehmen, die dem Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, keinen Abbruch tut. Ich war und bin jedenfalls froh, daß ich meine Abneigung gegen das Bild auf dem Schutzumschlag überwunden habe [ein post-it, das es gnädig verdeckte, hat mir dabei geholfen…;-)]

 

Anthony McCarten
Jack
Originalausgabe: American Letters, 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 256 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Roman von McCarten, die ich im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl

Kurzlink des Beitrags: https://wp.me/paXPe-9Xz

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Celeste Ng… dieser Autorinnenname hat sich eingeprägt, nicht nur, weil er als Name, als Wort natürlich auffällig ist, sondern weil gleich der Erstling der Autorin ein so wunderbares Buch war (Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte). Entsprechend hoch waren bei mir die Erwartungen an ihren neuen Roman… und ich will diese Frage gleich beantworten und schon hier sagen, daß Kleine Feuer überall für mich die Erwartungen noch übertroffen hat. Auch wenn es pathetisch ist, ich habe mir gedacht, so lange es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben können (und solche, die das lesen wollen), ist noch nicht alles verloren…. ;-)

Es war für mich – noch eine (nicht die letzte) Vorbemerkung – eine seltsame Erfahrung, in dem Roman die Beschreibung eines Hauses zu lesen und mir gleichzeitig dieses Haus anzuschauen: Ngs Geschichte spielt in Shakers Heights, Ohio (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_Heights), wo die Familie Richardson zwei Häuser besitzt, eins in der Winslow Road 18434 (https://goo.gl/maps/n3eA41h538J2) und ein zweites in der nicht weit davon entfernten Sedgewick Road (https://goo.gl/maps/6WBQJBKNMoF2), in dem sie selbst wohnen. Auch hier fließen persönliche Erfahrungen der Autorin mit in ihre Geschichte ein, Ng wohnte viele Jahre lang in diesem besonderen Viertel von Cleveland. Womit wir jetzt bei den „Shaker“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_(Religion)) wären, eine aus der Quäker-Bewegung hervorgegangene Glaubensgemeinschaft mit einer hohen Arbeitsethik. Arbeit wurde als Gottesdienst angesehen, auf Bildung wurde Wert gelegt, technischer Fortschritt nicht abgelehnt. Dies alles führte dazu, daß Shaker-Gemeinden wohlhabend und wirtschaftlich erfolgreich waren. Shaker Heights war eine nach ihren Prinzipien aufgebaute Siedlung, mit einer strengen Ordnung. Noch heute (sprich zu Zeiten, in denen der Roman spielt und das waren die, in denen eine gewisse Praktikantin im Weißen Haus die Endnote „befriedigend“ erhielt und die Zigarren eben nicht ihrem bestimmungsmäßigen Gebrauch zugeführt worden waren….) wurden zum Beispiel die Mülltonnen zum Leeren nicht an die Straße gestellt, sondern von den Müllarbeitern mit speziellen Wagen von hinter dem Haus geholt.


Elena Richardson – jetzt komme ich endlich zum Buch – stammt aus dieser Siedlung, ihre Familie wohnt dort schon seit einigen Generationen. Sie hat diese Prinzipien mit der Muttermilch aufgenommen und verinnerlicht, Regeln und deren Befolgung, das Einhalten der Ordnung sind für sie Lebensprinzipien, die sie nicht aufgibt. Die große Gelegenheit, aus diesem System auszubrechen, wehrte sie einst mit einem Kuss ab, Larry, ihr Mitschüler und Schwarm, der eines Tages die Schule hinschmiss und mit einem kleinen VW-Bus nach Kalifornieren fuhr, musste alleine fahren…

Zu den Richardson gehören neben der bei einem Lokalblatt als Journalistin arbeitenden Elena ihr Mann, der als Jurist in einer Kanzlei arbeitet und die vier Kinder Lexie, Trip und Moody einerseits sowie Izzy, die Jüngste, die für Elena das Sorgenkind ist: sie ist unangepasst, aufmüpfig, hat ihren eigenen Willen und der Konflikt zwischen ihr und ihrer Mutter ist ein Dauerzustand. Geld ist kein Problem für die Richardsons, sie haben es. Und da es zur Ethik Elenas gehört, denen, die es nicht so reichlich haben, zu helfen, vermietet sie ihr Zweithaus in der Winslow Street (das wie alle anderen dort so gebaut ist, daß es wie ein normales Haus für eine Familie aussieht, um zu kaschieren, daß dort zwei Parteien zur Miete wohnen) an Menschen, denen sie damit etwas Gutes tun will.

Und das sind im Moment die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl. Die beiden sind so ziemlich das Gegenteil von allem, was die Richardsons sind. Sie sind ruhelose Wanderer, zigmal haben sie in den letzten Jahren ihren Wohnort gewechselt, immer wenn ein Projekt der Fotografin fertig ist, wird der Besitz, den sie haben, in einen alten VW Golf gepackt. Es reicht zum Leben – die Ansprüche der beiden sind gering.

Es ist Moody, der auf Pearl aufmerksam wird und sich in sie verliebt, auch wenn er das selbst vielleicht so nicht formulieren würde. Jedenfalls wusste er beim ersten Aufeinandertreffen, daß es von nun an ein ‚Davor‘ und ein ‚Danach‘ geben würde. So wie Moody verblüfft war, daß man Reparaturen und Handwerkliches, so wie Mia und Pearl machten, auch selbst erledigen kann, so ungläubig starrte Pearl beim ersten Besuch bei den Richardson auf deren Wohnung, die einem Hochglanzmagazin entstiegen schien, und auf das lässige Selbstverständnis, die Selbstsicherheit der Bewohner und die Selbstverständlichkeit, mit der sie von der gesamten Familie, fast, als gehöre sie schon immer dazu, behandelt wird.

Mit den Warrens und den Richardsons hat Ng zwei Antagonisten, zwei Pole, die sich anziehen und die sich dann jedoch auch Abstoßung einschleicht. So wie sich Pearl zur leichten Sorge ihrer Mutter eng an die Richardsons anlehnt, oft ganze Tage bei ihnen verbringt, so sollte Izzy später in Mia einen Menschen erkennen, der sie einfach so akzeptiert, wie sie ist und der sogar ihre innere Wut zu verstehen scheint. Es sollte schließlich ein dummer Zufall sein, der das fragile Miteinander aus dem Gleichgewicht bringen sollte und den Stein ins Rollen brachte, auch wenn man die Konsequenzen erst später ganz erfassen sollte.

Moody und Pearl besuchen eines Tages mit ihrer Klasse ein Museum und dort hängt ausgestellt an der Wand die Fotographie einer berühmten Fotokünstlerin, Pauline Hawthorne, „Jungfrau mit Kind“, auf der ganz eindeutig Mia Warren zu sehen ist, die einen Säugling im Arm hält… und als Izzy, die mehr über das Foto erfahren will, nicht weiterkommt, sie ihre Mutter bei der Berufsehre packt und bittet, dies doch mal als Journalistin zu recherchieren, greift Elena dies freudig auf, vermutet sie doch selbst ein Geheimnis im Leben dieser verschlossenen, so ganz anders als sie ‚gestrickten‘ Mia Warren….

Je tiefer Elena in die Vergangenheit Mias eindringt, desto mehr nehmen Ablehnung und moralische Verurteilung zu.  Eine Steigerung erfährt dies noch durch einen Skandal, der Shakers Heights in diesen Tagen, in denen ein blaues Kleid mit Flecken nationales Thema war, aufregt: die McCulloughs, Freunde der Richardson, kinderlos, haben die Chance, ein Baby zu adoptieren, die Formalitäten sind fast abgewickelt. Da taucht auf einmal die biologische Mutter wieder auf und möchte das Kind zurück. Bebe ist eine junge, mittellose, alleinstehende Chinesin, die ihr Baby in einem psychischen Ausnahmezustand (Geburtsdepression) seinerzeit vor einer Feuerwache abgelegt hatte. Sie ist eine Arbeitskollegin von Mia in einem Imbiss, in dem Mia ein wenig Geld dazu verdient, und Mia hatte, nachdem sie von den Umständen der Adoption erfahren hatte, eins und eins zusammengezählt und Bebe alles erzählt. Es kommt zum Prozess um das Kind, für Elena ein Kampf des Guten, Ordentlichen, den Regeln Gehorchenden (i.e. die McCulloughs) gegen das Chaos, die Unsicherheit, das Regellose (die alleinstehende, mittellose Bebe) – und wer war’s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, aber für Elena trägt Mia die Schuld daran….


Regeln gab es aus einem bestimmten Grund:
Wer sie befolgte, kam voran;
wer es nicht tat,
drohte die Welt in Asche zu legen. 

Dieser grundsätzlichen Lebenseinstellung hält Ng an einer Stelle entgegen, daß Regeln nur dann absolut gelten, wenn die Welt schwarz und weiß wäre, es nur richtig und falsch gäbe – aber die richtige Welt hat Zwischentöne, in denen diese Regeln ihre Eindeutigkeit verlieren. Der Adoptionsfall zeigt dies sehr deutlich, es gibt Argumente für jede der beiden Parteien, die sich um das Baby streiten, und außer Elena und den streitenden Parteien ist zum Schluß praktisch jeder unsicher, was die ‚richtige‘ Entscheidung ist. Sogar Mr. Richardson, der vor Gericht die Sache der McCulloughs vertritt, entwickelt im Lauf des Prozesses Verständnis für Bebe.

Und noch eins zeigt Ng, eine Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, an dieser Episode. Schon in ihrem Debüt Was ich euch nicht erzählte verarbeitete sie die Erfahrungen des täglichen Rassismus, den sie in ihrer normalen Umwelt erlebt hat, sie betonte seinerzeit, daß sie alles, was sie in diesem Roman eingearbeitet hat, persönlich oder aus ihrem persönlichen Umfeld erlebt hat bzw. kennt. In der Sorgerechtsverhandlung wird dies auch in diesem Roman thematisiert: Wie können die McCulloughs sicherstellen, daß ein chinesisches Baby nicht von seinen Wurzeln abgeschnitten wird, wird gefragt? Eine der hilflosen Antworten dazu ist die Aussage, man würde gerne chinesisch Essen gehen… Ng nutzt diesen Streit, den alltäglichen, dem normalen Leben inhärente Rassismus aufzuzeigen: es gibt (gab) u.a. keine Puppen, die chinesisch aussahen, keine Bilderbücher mit chinesisch aussehenden Kindern. Eine persönliche Erfahrung der Autorin dazu: My mother „bought every children’s book she could find that had Asian characters in it … she always tried to buy me an Asian doll, but there weren’t any. So at one point I got a black doll, because at least she wasn’t blond.“ (https://www.theguardian.com/books/2017/nov/04/celeste-ng-interview-little-fires-everywhere)

Elena Richardson scheitert letztlich an ihrem Glauben an Regeln, weil der nicht einschließt, daß andere Menschen Regeln dehnen, sie gar übertreten. So prallt sie mit der Realität zusammen, hinterfragt nicht, was sie erfährt bzw. was für sie offensichtlich ist. Sofort ist sie mit einem Urteil zur Stelle und löst damit eine Katastrophe aus. Zudem verunsicherte sie diese so völlig andere Person Mia Warren, die all das war, was sie, Elena, in sich unterdrückt hatte und gegen das sie sich an jeder Wegerkreuzung ihres Lebens entschieden hatte, der Sicherheit anderer Entscheidungen (Ehepartner, Wohnort, Beruf, Stellung) untergeordnet. Kaum auch Neid auf? Uneingestandener würde ich sagen, denn Mia öffnete in der ansonsten fast hermetischen Shaker Heights-Welt Elenas ein Fenster zu einer anderen Welt mit anderen Ansprüchen, anderen Chancen und Risiken, anderen Möglichkeiten. Shaker Heights erlaubte keine Entwicklung, die Regeln, die strenge Ordnung war wie ein Zaun, hinter dem ein dröges, bequemes Leben geführt werden konnte, das blind machte für alles außerhalb dieser Ordnung. Die Erlebnisse und Schicksale der Kinder (auf die ich hier nicht eingehe) sind dafür beredtes Beispiel: sie liegen ausserhalb der Vorstellungswelt Elenas.

Ng läßt ihr Buch völlig offen enden, ich hätte sie **** können dafür! Natürlich will ich wissen, was aus Mia und Pearl wird, wie es Izzy ergeht, will wissen, ob Pearl ihren Vater und ihre Großeltern kennen lernen wird (und wie reagiert/en die?) , wie entwickelt sich das Leben für Lexie, Moody und Trip weiter? Und Elena? Hat sie was gelernt aus dem Unglück, wird sie Izzy finden und treffen Mia und sie noch einmal aufeinander? Herrgott, das will doch gefälligst erzählt bekommen!!! An die Arbeit, liebe Frau Ng!


Ngs Sprache ist – zumindest in der Übersetzung – nicht kompliziert, sondern klar und strukturiert. Sie erzählt ihre Geschichte chronologisch und streut an den entsprechenden Stellen Rückblicke ein, die uns im Lauf der Handlung die Schicksale ihrer Personen nahe bringen und aufzeigen. Das Leben ist nicht immer einfach, gerade Mias Leben war es nie und ist damit schon von Anfang an ein strikter Gegensatz zum Lebensweg Elenas. Diese Rückblicke sind nüchtern und wirken fast wie Reportagen, Ng wertet nicht und arbeitet dadurch die Charakteristika ihrer Figuren um so deutlicher heraus. (Wer das in extenso duchdeklininiert haben möchte, sollte mal auf diese Seite schauen:  https://www.litcharts.com/lit/little-fires-everywhere). Peu a peu gewinnen die Figuren an ‚Leben‘, scheinen immer plastischer und vielschichtiger in der eigenen Phantasie, besonders galt dies bei mir für Izzy, dieses junge Mädchen, das mir vorkam wie ein Tiger, der in einem Gitterkäfig eingesperrt war und mit jedem Atemzug an den Eisenstäben rüttelt…

Es ließe sich noch viel über dieses Buch sagen. Viele der Personen, die eine Rolle spielen, habe ich noch nicht einmal erwähnt: die Ryans, die Wrights, Mr. Yang, ‚Mrs. Pisser‘, Pauline und ihre Lebensgefährten u.a.m., es würde einfach zu viel. Was ich aber mit meiner Buchvorstellung deutlich machen wollte, ist kurz gesagtdies: Kleine Feuer überall ist ein Kleinod, ein wunderbares, spannendes, intelligentes, lebensweises Buch, das ich jedem nur empfehlen kann.

Celeste Ng
Kleine Feuer überall
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Little Fires Everywhere, NY, 2017
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 380 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die Autorin dieses in den Südstaaten der USA angesiedelten Romans, die auch ihre eigene Heimat sind, ist schon mit ihrem Erstling wie ein Sturm durch die Blogs und Feuilletons gegangen. Die Geschichte dieses Debüts, die das Leben einer Familie vor dem großen Hurrikan Katrina schildert, erntete großes Lob und Begeisterung [Jesmyn Ward: Vor dem Sturm]. Mit ihrem vorliegenden neuen Roman, ebenfalls mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet [vgl hier: http://www.nationalbook.org/nba2017-finalist-fic-ward-sing-unburied-sing.html#.WsriQMWsbcs], führt uns Ward wiederum in die Südstaaten, und obwohl er in unsere heutige Zeit spielt, wirkt die Handlung seltsam zeitlos ist…

‚Pop‘ und ‚Mam‘ kümmern sich um die Erziehung von Joseph, genannt Jojo. Die Großeltern springen für ihre Tochter Leonie ein, der, so wird es die von Krebs gezeichnete Mam am Ende ihres Lebens festhalten, der Mutterinstinkt fehlt. In Jojo ist deutlich das Erbe, die Verwandtschft mit Pop zu erkennen, seine Haltung, sein gerader Rücken, seine Blick. Er ist dreizehn Jahre alt und das Buch beginnt sozusagen mit seiner Initiation: Pop nimmt ihn mit, als eine Ziege geschlachtet wird. Jojos Vater ist im Gefängnis, in Parchman, einer Hölle auf Erden, er heißt Michael und ist weiß, im Gegensatz zu Leonie. Für Michaels Vater Big Joseph ist diese Beziehung etwas Unmögliches, eine ‚Niggerschlampe‘ kommt ihm nicht auf Hof und als Michael doch einmal mit seiner Familie dort erscheint, kommt es zu einer üblen Schlägerei zwischen den beiden. Michael, Leonie und die beiden Kinder Jojo und Kayla (die eigentlich Michaela heißt) leben bei Pop und Mam. Kayla ist Jojos Schwester, um die dieser sich liebevoll kümmert. Wie ein Klammeräffchen hängt die Dreijährige an ihm, der für sie quasi die Mutterrolle angenommen hat und der das Versagen der eigenen Mutter deutlich spürt und verurteilt.

Die drei Jahre Parchman, dem gefürchteten Staatsgefängnis in Mississippi [vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi_State_Penitentiary], sind für Michael um, er wird entlassen. Leonie packt ihre beiden widerstrebenden Kinder ins Auto und sie machen sich auf den Weg, um ihren Mann bzw. Vater abzuholen. Begleitet werden sie von Misty, der Kollegin von Leonie aus der Bar, in der sie arbeitet, auch ihr Mann ist dort inhaftiert.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Ward eine typische Road-Novel, eine Reise durch den unerträglich schwül-heißen Süden der USA, eine Reise auch durch drei Generationen Familienschicksal und Rassenhass.

Sie läßt ihre Familiengeschichte mit Pop beginnen, der als Jugendlicher einer Nichtigkeit wegen nach Parchman gekommen war. Und dabei hatte er noch Glück gehabt muss man feststellen, andere sind (oder sollten es noch Jahre später werden) größerer Kleinigkeiten wegen als einer Prügelei in einer Bar gelyncht worden. Wobei ‚Lynchen‘, also Aufhängen, fast noch human klingt, wenn Ward erzählt, daß nur noch das aufgehängt wurde, was nach der bestialischen Vorbehandlung übrig geblieben war…

Parchman war ein riesiges Areal, auf dem Baumwolle angebaut wurde. Es gab keine Zäune oder Mauern, die Weite war Mauer genug und dann waren da noch die Wärter mit ihrem Gewehren und der Lust am Töten und die Hunde… Nur die stärksten und widerstandsfähigsten überstanden die Zeit dort, Richie gehörte nicht dazu, obwohl sich Rivers, der später zu Pop wurde, wie ein Vater um ihn kümmerte und ihn zu schützen suchte. Richie war erst zwölf, halb verhungert und aus diesem Grund in Parchman, weil er für sich und seine vielen Geschwister Essen gestohlen hatte.

Rivers blieb nach seiner Zeit im Süden, er wollte das Meer, das Bayou, nicht verlassen. Mit Philomene hatte er zwei Kinder. Given, der Sohn, sollte als junger Mann erschossen werden, weil ein Weißer sich für eine verlorene Wette rächen wollte. Ein Mord, der zum Jagdunfall wurde… Leonie verliebte sich in den Cousin des Mörders, der als Schweißer auf der Deepwater Horizon [https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon] arbeitete und der durch deren Explosion, bei der viele seiner Freunde starben, tief traumatisiert war. Und danach kamen ein paar Jahre Parchman für Michael…


Ward erzählt ihre Geschichte aus der Sicht dreier Personen: Jojo, Leonie und hin und wieder Richie wechseln sich ab. Es sind oft dieselben Situationen, die sich aus der Sicht der Erzähler ganz unterschiedlich darstellen, es sind aber auch verschiedene Lebensstationen, die sich auf die jeweiligen Erzähler konzentrieren. Jojo und Pop sind oft zusammen und Pop erzählt Jojo von seiner Zeit in Parchman und seinem besonderen Verhältnis zu Richie – was er jedoch nicht erzählt, das Ende der Geschichte. Das auch Richie selbst nicht kennt, das seinen ‚Geist‘ – denn Richies Körper ist schon lange tot und vergangen – unruhig sein läßt, auf der Suche nach seinem Schicksal zu Jojo führt. Und so wie Jojo Richie sehen kann, kann Leonie ihren toten Bruder Given sehen, beide haben sie diese Gabe von Mam geerbt, ebenso wie Kayla sie hat. Pop hat sie nicht, auch Michael natürlich nicht… Sie können die Toten nicht sehen, die Geister nicht spüren und hören so wie die Frauen – und Jojo es können…

Wie der Ozean. Nicht wie euer Ozean – ich meine, im Ernst, den sollte man nicht mal Golf nennen, so schlammgrau wie der ist. Ich meine echtes Wasser. Ich meine Jamaika, Santa Lucia, Indoniesen, Zypern. Schlammig, modrig, faulig, der Boden mit verrottenden Pflanzenresten bedeckt, so wie das Wasser in dieser Gegend und darüber die Luft, die aus Hitze und Schwüle besteht, so erscheint auch die Atmosphäre dieser Geschichte. Es gibt keinen Blick in die Zukunft, es gibt keine Zukunft, es scheint nur den Augenblick zu geben, in dem alle Zeit verschmilzt und dann den nächsten und dann den folgenden… die Vergangenheit zerrt an ihnen, hält sie, blockiert sie, die Gestorbenen sind nicht wirklich tot, sie sitzen auf den Bäumen, sie erscheinen denen, die mit der Gabe, sie zu sehen gesegnet (oder geschlagen) sind und verlangen Erlösung, verlangen Aufklärung… oder sind gekommen, jemanden abzuholen wie beispielsweise Mam, für die Leonie das alte Ritual, die alte Beschwörung durchführt. Für Maman Brigitte, Mutter der Ghede. Herrin der Friedhöfe und Mutter aller Toten. … es sind die alten Götter der Yoruba, die beschworen werden, die hier noch herrschen, die ihre Hand über die Menschen halten. Ich wusste, sie rief Unsere liebe Frau von Regla an. Den Stern der Meere. Beschwor Yemayá, die Göttin der Meere und des Salzwassers, mit ihrem Schsch und mit ihren Worten und sie hielt mich wie diese Göttin, ihre Arme waren die lebenspendenden Wasser der ganzen Welt. 

Eine Welt der Konflikte, der Arbeitslosigkeit, der Drogen, des Hasses der Hautfarbe wegen… Er hat mich vergewaltigt und gewürgt bis ich tot war ich habe die Hände hochgenommen und er hat achtmal auf mich geschossen sie hat mich im Schuppen eingesperrt und dort verhungern lassen während ich zuhörte wie meine Kinder im Garten mir ihr spielten sie kamen mitten in der Nacht in meine Zelle und haben mich erhängt sie merkten daß ich lesen konnte und da zerrten sie mich nach draußen zur Scheune und stachen mir die Augen aus bevor sie mich totschlugen … klagen die Geister an. 

Jojo und Kayla erinnern an die vierhändigen und -beinigen Wesen aus Platons Gastmahl, sie sind kaum zu trennen, Kayla umklammert Jojo und klettert auf ihm herum und beide halten sich im Schlaf umschlungen. Nur widerwillig gibt Jojo seine Schwester her wenn Leonie (oder später dann Michael) danach verlangen, meist auch mit Recht, denn es tut Kayla, die dann zu Michaela wird, nur selten gut, von Jojo getrennt zu werden. Die meiste Zeit leidet Kayla/Michaela in dieser Geschichte Hunger, was Leonie weitgehend egal ist, allenfalls stopft sie ihre Tochter mit Cheetos voll, die dann kurze Zeit später in einem Schwall zusammen mit dem eingeflößten Brombeersud lilafarben wieder aus ihr hervorbrechen. So wie bei Leonie Milch mit zerstoßener Grillkohle das Crystal Meth wieder zu Tage fördern, das diese bei der Polizeikontrolle in Panik verschluckt hatte… es wird viel gekotzt auf dieser Fahrt, die Menschen drehen ihr Innerstes nach außen, entleeren sich, bis nur noch die Hülle vorhanden zu sein scheint und alles andere ausgespuckt ist.

Eine Road-Novel, die die Frage offen läßt, was sich verändert hat in diesen Tagen. Jojo ist erwachsen geworden durch alles, was er auf dieser Fahrt erlebt und gesehen hat, inclusive der Pistolen des Streifenpolizisten an seinem Kopf, seine Initiation ist beendet. Und was hat sich für die anderen ergeben?


Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein packender Roman und das ist die Kunst Wards, denn im Grunde wird eine unspektakuläre Familiengeschichte erzählt, wie  im Süden der USA wahrscheinlich gang und gäbe ist. Aber Ward hebt die Grenzen des Alltäglichen auf, in ihrer Geschichten weilen die Gestorbenen noch unter uns, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen mit der Gegenwart, die Zeit verliert ihre Grenzen, was aber erst die Gestorbenen erkennen, die Lebenden glauben noch an eine Zukunft – oder auch nicht, denn welchen haben sie schon, wenn die Hautfarbe nicht stimmt? Die alten Götter leben neben den neuen weiter, auch wenn nicht jeder die Gabe des Sehens hat. Der Hass hat sich nicht verändert, nach wie vor bestimmt die Hautfarbe den Wert des Menschen und damit sein Leben, seine Möglichkeiten. Und die sind für die, die dunkler sind, beschränkt. In der Bar kellnern, ein bischen was mit Drogen, Gelegenheitsarbeiten. Armut ist der Standard. So wird es weitergehen, wenn es Hoffnung gibt auf Änderung, dann erst bei Jojo, Kayla und deren Generation…

Ist es diese schwülfeuchte, alles erstickende Atmosphäre, in der sich die Geschichte abspielt, ist es dieses Durchbrechen der Rationalität, in dem die Geister der Gestorbenen genauso eine tragende Rolle spielen in der Handlung wie die Lebenden, ist es die Polarität, die sich zwischen Leonie und Jojo symbolisiert, zwischen dem sich Aufgegebenhaben und der Rebellion dagegen? Der Roman fasziniert auf vielen Ebenen, die Figuren werden in der Geschichte lebendig und die Handlung saugt einen beim Lesen ein, das Kopfkino, in dem sich alles spiegelt, springt sofort an. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ganz sicher einer der Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Jesmyn Ward
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker
Originalausgabe: Sing, Unburied, Sing; NY 2017
diese Ausgabe: Kunstmann, HC, ca. 300 S., 2018

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wu

Nadeem Aslam: Die goldene Legende

Der Roman des 1966 geborenen britisch-pakistanischen Autoren Nadeem Aslam spielt in seinem Geburtsland, das er als Vierzehnjähriger aus politischen Gründen verlassen musste. Pakistan ist ein Staat mit schlechtem Ruf – im Westen. Entstanden nach dem Abzug der Briten aus ihrer ehemaligen Kolonie aus der blutigen Geburt zweier Staaten, eben Pakistan und dem modernen Indien  [Salman Rushdie hat dies ja in seinem wunderbaren Roman Mitternachtskinder so packend geschildert], gilt es heute als Staat, der für fundamentalistische Muslime Heimat und Unterschlupf geworden ist. Andererseits arbeitet er – zumindest klandestin – wohl mit amerikanischen Einrichtungen zusammen, er verfügt über Atomwaffen und ist in der Summe einer der politischen Brennpunkte auf dieser unserer Erde. Daß immer wieder Spannungen zum Nachbarn Indien auftreten, trägt dazu natürlich noch bei. Harmonischer dagegen funktioniert die Zusammenarbeit mit China, hier ist der Begriff „Chinesisch-Pakistanischer Wirtschaftskorridor“ bezeichnend für gemeinsame Interessen [z.B. hier: http://www.dw.com/de/china-treibt-wirtschaftskorridor-durch-pakistan-voran/a-38964812%5D. Falls jemand außerdem noch interessiert ist, zu erfahren, wie das aktuelle Verhältnis zwischen den USA und Pakistan ist, kann er dies beispielsweise in diesem Beitrag der SZ nachlesen [Arne Perras: Wie China den Streit zwischen USA und Pakistan nutzt; http://www.sueddeutsche.de/politik/pakistan-wenn-zwei-sich-streiten-1.3815740]


Die Handlung des vorliegenden Romans, dessen Cover in einer der Farbe der Nationalflagge und damit des Propheten gehalten ist, spielt zum größten Teil in der fiktiven Stadt Zamana im Norden Pakistans, in der Nähe der „Grand Trunk Road“ [die ich in jungen Jahren selbst schon in Teilen bereist habe; zur Geschichte dieser wichtigen Straße vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Trunk_Road ], auch das umstrittene und zeitweise in blutigen Auseinandersetzungen umkämpfte Kaschmir ist nicht weit. Zamana ist eine pulsierende, wachsende Stadt, in der viele Christen leben, die in einfachen Tätigkeiten arbeiten, beispielsweise als Hausmädchen, Kanalarbeiter u.ä. Das Viertel, in dem sie wohnen, ist mittlerweile eine Art Getto geworden: die Stadt ist um die kleinen Häuschen herum gewachsen und hat sie eingeschlossen. Christ sein ist nicht einfach in dieser Stadt, in der ein Brunnen als verunreinigt gilt, wenn ein Christ daraus getrunken hat…

Die Geschichte, die Aslam erzählt, verknüpft das Schicksal vieler Personen miteinander. Da sind zuerst zu nennen Nargis und Massud, aufgeklärte Muslime der Mittelschicht, die als Architekten viele Bauwerke geplant und errichtet haben. Bei ihnen geht ein und aus wie eine Tochter die junge Christin Helen aus dem Nachbarhaus, die von ihnen gefördert wird. Sie ist die Tochter von Lily (hier ein Männername) und Grace, die vor einiger Zeit von einem Muslim getötet worden war. Lily, der Analphabet ist, verdient sein Geld mit seiner Rikscha. In ihm regen sich mittlerweile wieder Gefühle für eine Frau, die er eines Abends mit seiner Rikscha nach Hause gefahren hat. Aysha ist Witwe, ihr Mann aus unglücklicher Ehe hatte sich den Dschihadisten angeschlossen und ist bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet worden. Sie ist die Tochter des Geistlichen der gegenüberliegenden Moschee, bewohnt dort mit ihrem bei einer Explosion verkrüppelten Sohn ein Zimmer und wird von ihrem fundamentalistsichen Schwager, der ebenfalls dort lebt, streng bewacht. Letzte, aber nicht unwichtigste der Hauptfiguren ist Imram, eine junger Mann aus Kaschmir, der dort als Jugendlicher die Unterdrückung durch die indische Armee miterlebt hat, der verfolgt und gefoltert worden war und der sich ebenfalls dem Untergrund angeschlossen hatte. Jedoch bekam er Zweifel und er floh aus dem Ausbildungslager; daß er auf Nargis und Helen stieß, war Zufall.

Am falschen Platz zur falschen Zeit. Auslöser der Geschichte ist ein schreckliches Unglück. Die Bibliothek Zamans zieht um ein neues, von Massud und Nargis geplantes Gebäude. Um die Bücher, in denen der Name des Propheten vorkommt, schonend und sicher umzuziehen, baut sich eine Menschenkette durch die Straßen auf, die die Bücher weiterreichen. Ausgerechnet an der Stelle, an der Massud und Nargis sich eingereiht haben, kommt es zu einer Schießerei auf der Straße und Massud wird von einer Kugel getroffen und stirbt…

In diese Schießerei war ein Amerikaner verwickelt, damit erhält das ganze eine politische Dimension, u.a. der militärische Geheimdienst nimmt sich der Angelegenheit an. Was bedeutet, daß Nargis als Witwe von einem Offizier aufgesucht wird, der ihr sehr handgreiflich klar macht, daß sie dem Amerikaner öffentlich zu verzeihen hat, das islamische Recht sieht eine solche Möglichkeit vor. Bevor es jedoch dazu kommt, werden der Christ Lily und die Muslima Aysha von dem Unbekannten, der nachts per Lautsprecher vom Minarett der Moschee aus Verfehlungen der Menschen im Viertel öffentlich macht, beschuldigt, ein Verhältnis zu haben. In der Folge kommt es zu Ausschreitungen, in einer offensichtlich lang vorbereiteten Aktion, fast ein Progrom, werden alle Häuser der Christen niedergebrannt, es gibt auch viele Tote und Verletzte, Lily jedoch konnte rechtzeitig fliehen. Die aufgebrachten und angestachelten Menschen suchen gleichfalls seine Tochter Helen, Nargis kennt jedoch ein Versteck, in dem sie mit Helen unterschlüpfen kann, Imran begleitet sie, läßt sich nicht abweisen.

Dort, auf einer Insel, in einer verfallenden Moschee, warten sie ab, schweifen mit ihrem Gedanken in die Vergangenheit, unterhalten sich, nähen die Seiten eines alten Buches, das der Geheimdienst gefleddert hatte, wieder zusammen. Imran besorgt Lebensmittel in der Stadt, er und Helen kommen sich näher, erzählen sich ihre Lebensgeschichten. Lebensgeschichte – auch Nargis hat natürlich eine und die weist eine schlimme Bruchstelle auf, ihr großes Geheimnis, das sie noch nicht einmal mir Massud teilen konnte – was ihr jetzt große Schuldgefühle verursacht.

Die relative Sicherheit des Verstecks endet mit einem Schlag. Zum einen dringt der Geheimdienstmajor langsam zu dem Geheimnis Nargis‘  vor, zum anderen kommt es auf einem religiösen Fest, zu dem Helen mit Imran geht, da sie hofft, dort auf Lily zu treffen, zu einem Selbstmordattentat…


Die Szenerie, die Aslam in seiner fiktiven Stadt Zamana entwirft, hat, was seine christlichen Einwohner angeht, einen fast schon leicht dystopischen Einschlag. Überall lauern Gefahren, Denunziationen, Diskriminierung oder körperliche Attacken auf sie. Sie sind umgeben von Verboten, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, von Fundamentalisten als Zielscheibe eines bewusst erregten Volkszorns genutzt. Daß sich ein solcher Mob auch gegen andere aufgeklärte Menschen, und seien sie auch Muslime, ausrichten läßt [diese ganz aktuellen Berichte über den Besuch der muslimischen Friedensnobelpreisträgerin Malala in ihrer Heimat zeigen es nur zu gut:  http://www.spiegel.de/politik/ausland/malala-yousafzai-friedensnobelpreistraegerin-reist-nach-pakistan-a-1200416.html bzw. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nobelpreistraegerin-malala-yousafzai-wieder-in-pakistan-15518210.html oder auch hier: http://www.zeit.de/news/2018-03/29/nobelpreistraegerin-malala-in-pakistan-180329-99-682164] kann da kein Trost sein und der Gedanke, daß das Bild einer weitgehend von Hass und (religiöser) Irrationalität geprägten Gesellschaft wohl weitgehend der Realität entspricht, deprimiert und macht mehr als traurig.

Wenige Menschen dieser Gesellschaft bewahren sich eine von Vorurteilen und Hass freie Einstellung, sie ist – dies läßt sich andeutungsweise aus dem Buch herauslesen – auch vom Bildungsstand abhängig. Das Paar Massud und Nargis beispielsweise, aber auch der Museumsdirektor Fargis verkörpern diese Humanität, die zum tieferen Kern eines Glaubens durchgedrungen ist. Woraus sich folgern ließe, daß eine verbesserte Bildung ein Mittel sein könnte, dem dumpfen Hass von Menschen an der Wurzel zu begegnen.


Polizisten hatten sich in einem großen Raum um ihn [i.e. den gefangenen Gotteslästerer] herum aufgestellt … Sie kamen auf ihn zu, die Waffen schussbereit. Sie alle beanspruchten das Privileg, den Gotteslästerer zu töten, wollten, daß ihnen ihre vielen Sünden mit dieser Tat genommen wurden; also beschloß man, sich in einem Kreis um ihn zu stellen und gleichzeitig zu feuern. Auf drei. … Ihr Leben lang hatten sie gelogen und betrogen, waren neidisch gewesen, hatten Gebete und Fastenzeiten ignoriert, hatten die Alten nicht geehrt, muslimische Glaubensbrüder brutal misshandelt und zahllose widerliche Tagten begangen; sie hatten Frauen geschlagen, Kinder vergewaltigt, hatten von den Kranken und Hungernden gestohlen, aber hier winkte die Rettung, die garantierte Aufnahme ins Paradies.

In diesem Absatz meint man die Verzweiflung des Autoren an den Verhältnissen förmlich körperlich zu spüren, deswegen habe ich ihn mit nur wenigen Kürzungen hier zitiert.

Aber – dies sei der Gerechtigkeit wegen gesagt – auch Muslime sind Opfer. Imram als Kaschmiri erzählt und berichtet von der Unterdrückung und Verfolgung der Muslime durch die indische Armee in Kaschmir [zur wechselvollen Geschichte dieses Himalaya-Tals z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir]. Zu nennen ist ebenfalls der Drohnenkrieg der Amerikaner, der viele zivile Opfer fordert, auf der anderen Seite jedoch auch instrumentalisiert wird, in dem die Amerikaner für alles mögliche andere verantwortlich gemacht werden.


Der Roman enthält aber nicht nur diese schmerzhaften Passagen und Handlungsstränge, er stellt auch Schönes dar. Allein die beiden Zimmer im Zimmer Massuds, gebaut gegen die Kälte, die in diesem großen Raum im Winter herrscht… an die Decke ziehbare Modelle zweier Moscheen, die so groß sind, daß man ihn ihnen, wenn sie auf dem Boden stehen, gegen die Winterkälte geschützt sitzen und arbeiten kann… das Buch, das Massuds Vater einst geschrieben hat und das voll ist von schönen Legenden, von Warnungen auch an die Leser. Es spielt eine große Rolle in diesem Roman, ist selbst ein starkes Symbol in seiner Zerstört- und Versehrtheit, gegen die Nargis, Helen und Imram ankämpfen… die alte verfallene Moschee auf der Insel, einst gedacht als Symbol der Toleranz gegen Menschen die anders glauben, die an Anderes glauben… Immer wieder erzählt uns der Autor in die Geschichte eingestreut Legenden, die seit Generationen überliefert und bewahrt werden…

Enthält das Buch eine Botschaft? Für mich sind es zwei Aspekte der Geschichte: zum einen – wie erwähnt – die Rolle von Bildung und Ausbildung, die möglicherweise [es gibt ja auch Gegenbeispiele, da brauchen wir nicht allzuweit zu gehen] gegen primitive Propaganda schützt und die Kraft der Liebe, die in der Lage ist, Trennendes zu überwinden, weil sie den Menschen erkennt, der hinter all dem Glauben, hinter aller Überzeugung steckt.


Die goldene Legende ist ein schönes Buch, kein unbedingt fröhliches für unbeschwerte Stunden. Dazu ist die Handlung wohl zu authentisch, zu nah an der Realität vor Ort. Zwar weist sie meiner Meinung nach ein paar Stolperstellen auf, an denen man ins Stutzen kommen kann (wenn beispielsweise dem muslimischen Geistlichen ein urkatholischer Rosenkranz (mit seinen 59 Perlen und einem Kreuz) in die Hand gegeben wird anstatt einer Misbaha / Tasbih mit ihren meist 33 Perlen [S. 68]), aber solch leichtes Geholpere schadet dem Gesamteindruck nicht. Nadeem Aslam ist eine starke Stimme, die in diesem Roman Hass und Intoleranz in seinem Geburtsland anprangert und der erkennbar an diesen Gegebenheiten leidet. Und uns Lesern ermöglicht er einen Blick in ein Land, das ansonsten eher in den Nachrichten als in der Literatur auftaucht.

Nadeem Aslam
Die goldene Legende
Übersetzt us dem Englischen von Bernhard Robben 
Originalausgabe: The Golden Legend, London, 2017
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 410 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Vu