… der Aufenthalt auf dem Mond im Lande des Tages erscheint so angenehm, daß jene, die hoffen können, unverzüglich dorthin zu gelangen, kaum den Tod zu fürchten haben. So ist der Selbstmord eine Versuchung, zu der der Mondgeist ermutigt. Dort oben werden die Auserwählten bei fortgesetzten Jagden und Spielen leben, ohne je Kälte und Hunger zu verspüren und werden auf eine Wiedergeburt warten, um die der Mond sich ebenfalls sorgen wird. …. [3]


Dieses Textzitat soll die ungeheuerliche Tragödie, die Anna Kim in ihrem Buch Anatomie einer Nacht romanhaft aufgearbeitet hat, nicht verharmlosen, sondern vor Augen fähren, daß der Suizid (leider wird auch im Buch immer von Selbstmord gesprochen, ein Ausdruck, der einen völlig falschen Zungenschlag auf den Sachverhalt wirft) bei den Inuit in einem anderen kulturellen Kontext steht als bei uns. Auch die Autorin Anna Kim hält (wenngleich in anderem Zusammenhang) dieses Faktum an einer Stelle ihres Textes fest (dem Sinne nach: „… daß die Kultur der Inuit den Selbstmord nicht verurteilt …“[S.283]). Es wäre sicherlich eine interessante Diskussion, welche Auswirkung eine solche Einstellung zur Selbsttötung auf eine Gesellschaft hat.

Anna Kim, deren wunderbare Geschichte aus einem fernen Land [2], nach dessen endgültiger Teilung neben ihrem Geburtsland ein so skurril wirkender Staat wie Nordkorea entstand, mir so gut gefiel, hat schon 2012 mit Anatomie einer Nacht einen äußerst bemerkenswerten Roman verfasst, der aus dem Üblichen herausfällt. Es liegt ihm eine Tragödie zugrunde: 2008 hatten sich in einer Stadt im Osten Grönlands, in Tasiilaq, in einer Nacht fünfzehn Jugendliche versucht, zu suizidieren, davon starben elf [4]. Dieses Ereignis ist jedoch nur ein trauriger Tiefpunkt der Tatsache, daß die allgemeine Suizidrate auf Grönland extrem hoch liegt. Einer Studie aus den Jahren 2005 bis 2007 beispielsweise hat u.a. ergeben, daß „… 25 Prozent der jungen Frauen und 17 Prozent der jungen Männer … bereits einen Suizidversuch unternommen [hätten]“ [5].

Anatomie einer Nacht versucht an Hand dieser einen Nacht, Gründe oder Ursachen für dieses Phänomen zu finden. Dazu hat Kim vor Ort recherchiert, auch einige Zeit dort bei einer Inuitfamilie gelebt [6]. Herausgekommen ist ein schwieriges Buch, in dem sich letztlich die Geschichte und Unterdrückung eines Volkes durch ‚Eroberer‘ widerspiegelt, deren Einfluss die alte Kultur zurückgedrängt und in großen Teilen zerstört hat. Die elf individuellen Schicksale, die Kim uns, dem Verlauf dieser Nacht folgend, schildert, sind voll von Toten, von Suiziden, von Alkohol, von Entwurzelung, von Missbrauch und von Mord. Die Inuit sind des Schreibens und Lesens meist nur eingeschränkt fähig, übermäßiger Alkoholgenuss bis zum Eintritt der Gesichtslähmung betäubt sie und entführt sie eine Zeit lang aus dem Elend ihrer Existenz, die hart am Rand des Minimums verläuft, ein großer Teil ihrer sowieso schon geringen Einkünfte werden für Alkohol ausgegeben. Die dänische Oberschicht schaut herab auf sie, nutzt ihre Überlegenheit aus, Missbrauch ist nicht selten, führt hin und wieder zu unerwünschten Schwangerschaften. Manchmal werden Inuitkinder adoptiert, dann beschleicht einen das Gefühl, sie seien eher so etwas wie Haustiere denn Spielkameraden für die dänischen Kinder oder Inuit gelangen über Eheschließungen auf´s Festland nach Dänemark und sind dort als Grönländer Menschen zweiter Klasse. Zwar mögen sie sich an die Kultur und die Lebensbedingungen in Dänemark gewöhnen, aber für die Dänen sind und bleiben sie Grönländer und für die Grönländer werden sie zu Abtrünnigen.

Es ist die Geschichte der Zerstörung einer Kultur, die alten Legenden haben ihre Kraft verloren, die Schamanen sind nicht mehr zuständig für die Seelen der Menschen, für die jetzt der Pfarrer so sorgen hat. Und parallel dazu sind die ehemaligen Lebensgrundlagen geschwunden, zwangsweise eingetauscht gegen Errungenschaften europäischer Zivilisation. Männer, die früher ihr Selbstbewusstsein aus der Jagd schöpften, sind entmutigt, deprimiert: die Jagd wird immer schwieriger, die Tiere weniger… aber das Gewehr ist noch da… die Existenz zieht wie Ballast am Leben, sie unterdrückt jegliche Lebensfreude, dazu kommen die äußeren Umstände auf Grönland: die Schwärze der Nacht, die undurchdringliche Dunkelheit, die sämtliche Grenzen verwischt und auflöst und die zusammen mit der schreienden Stille den Eindruck erweckt, aufgesogen zu werden in eine alles verschlingende Unendlichkeit.

Mildernde Umstände…. in dieser Passage [S. 283ff] hat Kim eine Art Resümee der sozialen Umstände des Lebens der Inuit und der sich daraus ergebenden Epidemie … als sich ganze Wohnblocks solcherart zu leeren begannen, gegeben und der Unfähigkeit der Dänen, zu erkennen, daß das Leben dieser Menschen eben nicht nach den Gesetzen eines europäischen Lebens verläuft: Warum, fragten sie, nehmen sich diese Menschen das Leben, sie haben doch alles, was man braucht, haben ein Zuhause und Geld für Nahrung, wir geben ihnen doch alles …. sie verstanden nicht, dass all das Geld, das von Dänemark nach Grönland floss, keine milde Gabe war, sondern die Bezahlung für eine Selbstaufgabe, die in diesem Ausmaß unbezahlbar war. 

Was Kim uns erzählt, sind meist keine Bilanzsuizide oder Suizide aus einem Affekt heraus. Fast scheinen die Tode wie das natürliche und logische Ende, das eigentlich gar nicht anders sein kann, weil das ganze Leben darauf hinausgelaufen ist und jetzt, in dieser Augustnacht ist es eben genau der Zeitpunkt zum Sterben gekommen oder durch einen Auslöser angetriggert worden. …die Frau verläßt das Waschhaus, bevor die Wäsche fertig ist, küsst zu Hause das Kind noch einmal, legt sich für Minuten zu ihm ins Bett, holt dann einen Gürtel und hängt sich auf… als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, daß dies jetzt so sein müsse… ein anderes Mal vermutet man eine genetische Fixierung, schon mit neun Jahren hatte … Iven das erste Mal versucht, sich umzubringen, doch er hielt nicht lange genug im kalten Wasser aus, … Mit vierzehn Jahren hatte er es das zweite Mal probiert, doch er schoss daneben, … mit sechzehn wurde er unterbrochen, als er versuchte, sich zu aufhängen: Sein Vater kam ihm zuvor. Am Tag nach seiner Hochzeit erhängte sich sein ältester Bruder, und eine Woche, ehe sich dieser tötete, brachte sich sein Onkel um. 

So ist Anatomie einer Nacht in mehrerlei Hinsicht ein schwieriges Buch: zum einen des Inhalts wegen zum anderen der Art und Weise wegen, in der Kim in darbietet. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern wechselt immer wieder (auch unvermittelt und plötzlich) die Zeitebenen der Gegenwart und verschieden lang zurückliegender Vergangenheiten. Erkenntlich oft erst nach ein paar Zeilen, wenn man sich wundert, wo der Zusammenhang ist. Leichter wird es, wenn man im Gedächtnis behält, daß die Schilderung aktueller Vorgänge im Präsenz , die vergangener Ereignisse dagegen im Imperfekt beschrieben sind. In gleicher Weise wechselt Kim oftmals zwischen den einzelnen Personen, deren Schicksal sich im Lauf der Darstellung teilweise als miteinander verzahnt erweist, ohne daß darin jedoch ursächliche Zusammenhänge erkennbar sind. Schwierig auch die Passagen zu verstehen, in denen Kim den nahezu mystischen Einfluss der Natur, deren Farben sich vorwiegend zwischen Weiß und Schwarz bewegt, die so blumen- und blütenfeindlich ist, daß man sich auf alle Viere begeben muss, um Blumen, die am Boden kriechend leben, überhaupt zu erkennen. Die Dunkelheit, das Schweigen, die Stille, die Schwärze: das Nichts, das sich darin zu materialisieren scheint, herrscht über die Gemüter.

Anatomie einer Nacht: ein schwieriger, anstrengender, deprimierender Roman, aber auch eine tiefgründige,  einfühlsame Analyse eines Volkes, das von einer fremden Kultur beherrscht seinen materiellen und geistigen Halt verloren hat und sich dem Ausweg hingibt, den die alte Lebensweise ihm von alters her offengehalten hat. Die lebensfeindliche Natur mit ihrer alles verschlingenden stillkalten Schwärze tut ein übriges dazu.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2]  Anna Kim: Die grosse Heimkehr (Besprechung hier im Blog)
[3] zitiert aus: E. Lot-Falck: Die Mythologie der Eskimos, in: Mythen der Völker 3 (Hrsg: Pierre Grimal), Fischer TB, 1977; Zitat: S. 303
[4] vgl. z.B. hier:  http://diepresse.com/home/…groenlaendischem-Dorf
[5] vgl. z.B. hier: http://www.rp-online.de/…groenland-aid-1.2022858
[6] http://www.deutschlandfunkkultur.de/…article_id=224422

Anna Kim
Anatomie einer Nacht
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 300 S., 2012

 


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Anthony McCartens funny girl erschien 2014 in deutscher Übersetzung, interessanterweise habe ich keine englische Ausgabe gefunden, auch bei z.B. goodreads wird nur auf den bei Diogenes erschienen, übersetzten Roman verwiesen [3]. Falls es tatsächlich keine englischsprachige Ausgabe gibt, hat dies möglicherweise (aber das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits) damit zu tun, daß die Hoffung des Autoren, jeder würde das Buch als Aufruf zur Toleranz und ‚Brücke zwischen den Kulturen‘ verstehen, dann doch nicht so gesichert ist [4]. Sei es drum, vielleicht gibt es ja auch verlagsinterne Gründe für diese zumindest ungewöhnliche Publikationsgeschichte.


Bei funny girl (nicht zu verwechseln mit der 1964 mit gleichen Titel publizierten Geschichte (?) etc pp. einer gewissen Isobel Lennart; sogar der große online-Händler ist hier ins Schleudern geraten [5]) handelt es sich um die Geschichte des Emanzipationsprozesses einer jungen Britin, deren Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei geflohen und nach England emigriert sind.

Die Familie Gervas wohnt in Green Lanes [6], einer Gegend im Norden Londons, in der sich viele kurdische bzw. türkische Emigranten angesiedelt haben, so daß diese hier im Großen und Ganzen ihr Leben noch nach den Traditionen ihrer Herkunftsorte gestalten können. Zwar haben sie sich durchaus eingerichtet im neuen Land, die Gervas sprechen sogar mittlerweile in der Familie im Alltag die Sprache des neuen Landes, wenngleich sie in Krisensituationen wieder in die uralte Sprache ihre Heimat mit all den Gesten und Mimiken ‚zurück’fallen. Der sowieso schon immer potentiell schwelende Konflikt zwischen den Generationen wird in diesen Familien durch den Zusammenprall der Kulturen in seiner Härte noch potentiert. Die erste Generation, der die Titelheldin Azime angehört, ist zwischen den zwei Kulturen wie zwischen zwei Mahlsteinen eingeklemmt, denn deren konstituierenden Merkmale sind kaum miteinander zu vereinbaren.

Diesen existentiellen Konflikt bekommt Azime zu spüren. Sie, die zwanzigjährige Britin, liebt das Leben, sie lacht gerne so wie sie gleichfalls die Begabung hat, sich Witze zu merken und sie zu erzählen. Sie kann ihre beste Freundin Buna damit aus deren Trübsal über ihr Schicksal, das dem Azimes entgegengestellt wird und ihr den Horror vermittelt, den ein tradionelles Leben potentiell für sie als Frau bereit hielte, herauskatapultieren und ins Lachen bringen. In der elterlichen Wohung dagegen darf sie der kleine Bruder mit seinen sechzehn Jahren ungestraft, mit Billigung des Vaters, ohrfeigen, er wird sie bald im Auftrag des Vaters aus Lokalen zerren, in denen sie sich mit einem jungen Männern getroffen hat: die traditionelle Rollenverteilung des ländlichen Kurdistan lebt in der Wohnung weiter. Azime unterliegt zuhause in solchen Fällen der Standardstrafe der Mutter für ungebührliches Verhalten (x Tage Zimmerarrest). Ferner muss sie im schlecht laufenden Möbelgeschäft des Vaters arbeiten, diese ungeliebte Beschäftigung bietet ihr andererseits Muße für ihre Träume.

Da Azime aber niemand ist, der sich das alles gefallen läßt (so hat sie sich seinerzeit nach dem Probemonat beispielsweise geweigert, weiterhin ein Kopftuch zu tragen) kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzung, auch ist Azime zu Heimlichkeiten gezwungen und zu Lügen. Daß sie zum Beispiel Deniz kennt, diesen ungeheuer sympathischen Schlacks, durch den ihr Leben einen entscheidenden Kick bekommen sollte.

Deniz nämlich ist im eigenen Verständnis der so ziemlich weltbeste Stand-up Comedian, den man sich vorstellen kann. Daß dieses Verständnis ein Alleinstellungsmerkmal von Deniz ist, merkt Azime schnell, als sie ihn eines Abends heimlich in den Comedy-Kursus von Kristin begleitet….

Der weitere Ablauf der Handlung ist jetzt vorhersehbar: für Azime wird es eine reale Möglichkeit, als Comedian (die erste muslimische Stand-up Comedian der Welt) aufzutreten – und zwar in einer Burka, denn natürlich darf niemand erfahren, wer sie ist und was sie dort treibt…. nach anfänglichen Problemen (natürlich ist Azime schüchtern, hat Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstein etc pp) kommen erste Erfolgserlebnisse und sie merkt, daß sie den Menschen etwas zu sagen hat und sie zum Lachen bringen kann…

Azime bekommt aber auch sofort die Schattenseiten zu spüren. Dank Deniz, der sich als ihr Manager geriert, erfährt die Presse ihren Namen und damit ist zuhause die Hölle los. Aber nicht nur zuhause brodelt es, auch bei Facebook schlägt ihr offene Feindschaft bis hin zu (Mord)Drohungen entgegen. Diese Drohungen sind keineswegs nur so dahingesagt, Azime und Deniz werden nach einem Auftritt sehr real attackiert.

Es gibt Zeiten des Zweifels, der immer währenden Angst – natürlich, wer könnte dies verdenken. Der Druck der Gemeinschaft ist groß, die Familie wird zusammengetrommelt und Azime steht ganz allein gegen alle, die sie, die Abtrünnige, zurückholen wollen in die althergebrachten Traditionen. Die steten Verheiratungsversuche der Mutter beispielsweise (die Azime jedoch sehr witzig zu lesen stets erfolgreich sabotiert) sind eine parallel laufende Nebenhandlung in der Geschichte.

So geht es eine ganze Zeit lang hin und her, bis es dann etwas ’süßlich‘ wird: der Vater (der die Tochter natürlich heiß und innig liebt) entdeckt deren versteckte Notizen und Einfälle und kann sich vor Lachen kaum noch halten, auch ist er in seiner Eitelkeit geschmeichelt, denn Azime hat viele seiner Sprüche für ihre Auftritte notiert. Azime andererseits hat bei dem Versuch, sich dann doch in die Gemeinschaft einzufügen, endgültig gemerkt, daß sie das nicht kann. Zudem bekommt sie das Angebot zu einem Auftritt, daß sie einfach nicht abschlagen kann… und unter den fünfzehntausend Zuhöreren ist schluss- und endlich auch ihre gesamte Familie. Ende gut, alles gut?


funny girl, das sei zu Anfang festgehalten, ist trotz des ernsten Themas ein sehr amüsant und gut zu lesender Roman, er ist Unterhaltung der besseren Art. Es gab einige Stellen, an denen ich laut aufgelacht habe, weil die Azime in den Mund gelegten Sprüche das einfach verlangten. Aber auch die Geschichte als solche ist natürlich wichtig.

Es ist der – jetzt hätte ich fast geschrieben: die ewig alte Geschichte vom – Zusammenprall der Kulturen am Beispiel des Lachens. Der Westen mit seiner auf individuelle Freiheit ausgelegten Kultur, in dem das Lachen, der Witz keineswegs verpönt ist, im Gegenteil, und dem Islam, für den das Lachen eine seichte Ablenkung ist vom wahren und gläubigen Leben (den vermeintlich schädlichen Einfluss des Lachens hat ja schon Umberto Ecos in seinem Roman Im Namen der Rose erfolgreich thematisierte).

Azime als Heldin der Geschichte ist sehr mutig. Sie nimmt die Position einer Aussenseiterin in Kauf, eines Menschen, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, in die er hineingeboren worden ist, in der er eingehüllt und getragen werden könnte. In der Geschichte werden ihr mehrere Personen gegenübergestellt, die genau dies machen: ihre jüngere Schwester Döndü, die allen verbalen Bekundungen zum Trotz letztlich das Kopftuch tragen wird, weil sie nur dadurch in der sie umgurrenden Gemeinschaft der Frauen bleiben kann, die Mutter Babite selbst natürlich, die die traditionellen Werte des verlassenen kurdischen Dorfes lebt und leben will, die beste Freundin Banu, die sich ihre unglückliche, von massiver häuslicher Gewalt geprägte Ehe schönredet… und dann war da noch dieses sechzehnjährige Mädchen, das ebenfalls wie Azime rebelliert, weil es in einen italienischen Jungen verliebt war, den sie nicht lieben durfte und das den Eltern den Gefallen tat, ihnen den Ehrenmord zu ersparen, indem es vom Balkon springt….

In einem zweiten Aspekt weist die Titelheldin ebenfalls großen persönlichen Mut auf, unterstützt und ermuntert durch ihren Freund Deniz: sie überwindet die Angst, die ihr durch Hass und Drohungen eingeflößt wird. Sie wird als Witze erzählende, in einer Burka öffentlich auftretende Muslima zur Hassperson per se, auf sie konzentriert sich die angesammelte Wut und Frustration all derer, die sich berufen fühlen, ihr radikales Verständnis von Religion und Kultur zu verteidigen – und das sind nicht wenige und sie sind nicht zimperlich.

McCarten läßt das Ende seiner Geschichte teilweise offen. Weiter vorne schrieb ich, daß es etwas ’süßlich‘ wird, damit meinte ich die letztendlich stattfindende Aussöhnung mit der Familie. Offen bleibt jedoch, wie sich der Hass, der sich in den sozialen Netzwerken, aber ebenso ganz konkret in Angriffen auf Azime persönlich, zeigt, weiter entwickelt.


McCarten greift in funny girl aktuelle gesellschaftliche Phänomene auf: die Zerrissenheit der ersten Generation zwischen den alten Traditionen des Herkunftslandes der Eltern und dem Land, in dem sie groß geworden und aufgewachsen sind. Dieser Zwiespalt äußert sich teilweise radikal mit Hass und Gewalt: anonym und enthemmt in sozialen Netzwerken, aber auch mit anonymen Briefen, mit ganz handfesten Angriffen auf Leib und Leben. Nicht umsonst läßt der Autor seine Geschichte vor dem Hintergrund der Serie von Terroranschlägen 2005 in London spielen.

Anthony McCarten ist in Neuseeland geboren, lebt aber in London. Muslim ist er erkennbar nicht (zumindest für mich), in funny girl schreibt er also über eine gesellschaftliche Gruppe, der er selbst nicht angehört. Natürlich klingt das, was er schreibt, plausibel und glaubhaft – es bedient schließlich alle Vorurteile, die man als Leser möglicherweise selbst hat und widerspricht auch nicht dem, was man gegebenenfalls tatsächlich gesehen oder gehört hat, entweder in persönlichen Erlebnissen oder durch z.B. Hasskommentare und -beiträge auf Facebook. Trotzdem habe ich mir beim Lesen immer mal wieder vor Augen gehalten, daß funny girl ein Roman ist, daß er mit einiger Sicherheit verdichtet, zuspitzt, akzentuiert und übertreibt: er ist kein Tatsachenbericht und man sollte ihn nicht dazu missbrauchen, eigene Vorurteile bestätigt zu sehen. Möglicherweise hat McCarten auch aus diesem Grund einen ’schlechten‘ Christen mit in seine Geschichte eingebaut.

funny girl ist trotz des ernsten Themas ein sehr witziger Roman, McCarten fügt immer wieder Passagen ein, in denen er das ‚Programm‘ von Azime (und anderen Comedians) wiedergibt. Nicht weniger köstlich sind die Szenen der angestrebten Verheiratungen Azimes durch die Mutter und schließlich die Treffen der Tochter mit den bedauernswerten Kandidaten. McCarten versteht es, zu formulieren, zu erzählen, zu unterhalten. Dialoge, Gespräche und Beschreibungen wechseln sich ab, mit der ‚Nebenfigur‘ Kirsten, die Leiterin des Comedykurses, hat er eine sehr lebenskluge Frau in die Handlung mit hereingebracht. Azime, die Heldin der Geschichte, wächst einem im Lauf der Handlung immer mehr ans Herz, so viel Angst, aber auch so viel Mut und so viel Witz…

… und wer dann noch eine Aufzählung von Oxymora zu schätzen weiß, der ist mit funny girl absolut richtig bedient.

Und? Hat jetzt jeder mitbekommen, wie gut mir das Buch gefallen hat, wie gern ich es gelesen haben? Nicht? Na ja, für euch sag ich´s noch deutlich: Well done, McCarten!

Links und Anmerkungen:

[1] die Autorenseite beim Verlag: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/m/anthony-mccarten.html
[2] —
[3] vgl. Bibliographie bei goodreads:  http://www.goodreads.com/author/show/288213.Anthony_McCarten
[4] vgl. hier: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/175223/index.html
[5] vgl. hier: https://www.amazon.com/funny-girl-Isobel-Lennart/dp/3257068921/ref=asap_bc?ie=UTF8
[6] die Gegend, in der der Roman spielt, wie sie bei Wiki beschrieben wird: https://en.wikipedia.org/wiki/Green_Lanes_(London)

Mehr von Anthony McCarten auf diesem Blog:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden

Anthony McCarten
funny girl
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: ? 
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 370 S., 2014

Vorbemerkung: der 1895 von Hardy veröffentlichte Roman Jude the Obscure ist im Deutschen auch unter folgenden Titeln publiziert worden: Im Dunkeln, Herzen in Aufruhr und Juda, der Unberühmte. Ein weiteres ‚Problem‘ ist der Name der Hauptperson, die im Original ‚Jude‘ heißt, was als Eigenname im Deutschen unbekannt ist und als Wort eine völlig andere, im Zusammenhang mit dem Roman irritierende Bedeutung hat. So wird der Protagonist der Geschichte in der Übersetzung also kurzerhand in ‚Juda‘ umbenannt, auch das ein Name, der biblische Assoziationen aufkommen läßt, was aber im Gesamtzusammenhang des Romans gar nicht so unpassend ist. (btw: ich habe mich in jungen Jahren in dieser Hinsicht auch mit dem Beatles-Titel Hey Jude sehr schwer getan….)

Mit dem Titel Im Dunkeln steht dieser Roman schon länger bei mir im Regal, als ich neulich bei Waters in ihrer Muschelöffnerin [3] dieses Buch erwähnt fand (was zeitlich ja sehr knapp ist, da der Roman erst 1895, also in der Endzeit der Romanhandlung Waters‘ erschienen ist) habe ich ihn mir endlich aus dem Regal geholt und das schon länger geplante Lesen auch umgesetzt….


Juda Fawley also ist die Hauptperson, deren Leben wir in diesem Roman verfolgen können. Er wird nach dem Tod der Eltern, über den wir im Lauf der Geschichte kurz aufgeklärt werden, bei der Tante groß, einer Tante, die ihn nicht besonders liebt, aber immerhin dafür sorgt, daß er gekleidet ist, zu essen hat und später dann auch arbeiten kann. Das große Idol des kleinen Juda ist der örtliche Lehrer und so beginnt der Roman gleich mit einer Trennung, der Schulmeister zog aus dem Dorfe fort; das schienen alles zu bedauern. Er; Phillotson mit Name, wollte in der recht nahe gelegenen Stadt Christminster (=Oxford), nichtsdestotrotz jedoch einer anderen Welt, weiterkommen, einen akademischen Grad erringen und Geistlicher werden. Mit diesem Begehr setzt er für den jungen Schüler Juda einen Traum in die Welt, dem dieser fortan nachjagen sollte. Die nächsten Jahre versucht der Junge, der im Dorf seines Traumes wegen ein wenig verlacht wird, sich Bildung anzueignen, er besorgt sich Bücher, lateinische und griechische und bringt sich diese Sprachen bei. Das Pferd beispielsweise, mit dem er später Brot für seine Tante, die eine Bäckerei hat, ausfährt, kennt bald den Weg und so läßt er es allein laufen und sitzt derweil auf dem Kutscherbock und lernt…

Aber Juda ist nicht nur Lernender, er hat auch ein funktionierendes endokrines System, auch wenn Hardy diesen Ausdruck im Roman natürlich nicht verwendet. Und dieses System wird durch Arabella im wahrsten Sinne des Wortes angeworfen. Als Tochter eines Schweinehalters hilft sie dem Vater und wäscht zusammen mit Freundinnen am Fluss, just in dem Moment, in dem Juda auf seinem Weg dort vorbei kommt, Schweinedärme aus und bewirft den Vorbeikommenden mit dem, was den Eber zum Eber macht. Ein fürwahr köstliche Szene mit Folgen: Christminster war  jetzt vergessen. Sich mit Arabella über den gewöhnlichen Dorfklatsch zu unterhalten, gewährte ihm größeren Genuß, als es eine Diskussion über sämtliche Philosophiesysteme mit sämtlichen Professoren der kürzlich noch an angeschwärmten Universität vermocht hätte; … und die Sonne war nicht weiter als eine praktische Lampe zur Beleuchtung von Arabellas Antlitz. …

Juda hängt wie der Köder an der Angel Arabellas und was Arabella fischen will, ist die Ehe. Und da Juda ein Ehrenmann ist, gelingt Arabella der Fischzug, ein subtiler Hinweis auf ihren neuen Mitbewohner, den Juda ihr (… beide hatten sich in der Zwischenzeit of und oft getroffen …) eingepflanzt hat, nimmt den jungen Mann (er ist kaum neunzehn Jahre alt, noch Lehrling in einer Steinmetzwerkstatt) in die Pflicht. Kurz und gut, es gibt eine Hochzeit, es gibt eine kurze Zeit des Glücks, eine längere des Unglücks, ein schockierendes Geständnis, eine Trennung, ein hilfloser Suizidversuch des von seiner Frau Verlassenen, ein Besäufnis und danach der große Weltschmerz. Und die Erinnerung an seinen früheren Traum, der er für dieses fehlgeleitete Intermezzo aufgegeben hat.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.. Nach dem Ende der Lehrzeit beschließt Juda, in sein verehrtes Christminster umzuziehen. Es ist ein Zauber, mit dem die Stadt ihn umfängt, all die berühmten Gelehrten, die dort gewirkt, erscheinen ihm in den Gassen, den Colleges, den hohen Toren, auf den Brücken…. ein Hochgefühl erfasst ihn, diese Atmosphäre des Wissens und der Weisheit….

Am Tag erscheint die Stadt dann schon nüchterner, die Fassaden bröckliger, für ihn als Steinmetz kann das nur von Vorteil sein. Aber nicht nur die Fassaden bröckeln, es bröckelt auch Judas fester Wille. Denn stetig höhlt die Erinnerung an das Bild der Cousine, das bzw. die ihm so schön und – er muss es sich eingestehen – begehrenswert dünkt, seine Zielstrebigkeit. Er hat das Bild noch bei der Tante zuhause gesehen und es sich von ihr erbeten, gegen das Verbot der Tante, Kontakt mit diesem Abkömmling des verfeindeten Teils der Familie aufzunehmen.

Auch hier jetzt nur die Kurzversion: Juda und Sue treffen sich zwar, aber noch ist er zu schicklich, verheiratet immer noch, und sie eine Verwandte… und so macht er sich mit seinem alten Idol, dem Lehrer gebliebenen Schulmeister bekannt und verschafft ihr dort eine Arbeit. Selbige hatte sie nämlich am Tag davor einiger Götzenbilder wegen verloren. Aber was passiert, wenn ein mittelalter Mann und eine junge, schöne Frau zusammenarbeiten? Eben, eben… und Juda muss dem hilflos zuschauen….. Und nicht nur hier bleibt der junge Mann aussen vor: sein (erstmalig) aktives Bemühen, auf einem College als Student angenommen zu werden, scheitert grandios: Schuster, bleib bei deinem Leisten, so die einzige Antwort, die er erhält. Und wieder lockt der Alkohol…. schließlich verläßt Juda Christminster und kehrt zurück in sein altes Dorf. Dort wenigstens macht man ihm Hoffnung, als Laie könne er durchaus auch in der Kirche dienen.

So widmet sich unser Held wieder der Theologie, wenngleich diesmal eher in Bezug auf ihre praktische Anwendung in einer zukünftigen Gemeinde. Bis ihn eine Nachricht Sues erreicht, sie sei unter strenger Zucht in einem Lehrerinnenanwärterseminar und er solle sie doch… na ja, besuchen halt. Ach, so wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt, vertreibt die Sehnsucht nach der still Geliebten die Hingabe an das Studium der Theologie – natürlich folgt Juda sofort dem Ruf des Weibes. Welches er ernster, farbloser antrifft als er es aus Christminster kannte. Seltsam geschlechtslos scheint Sue ihm, wankend in ihren Bemerkungen und ihrem Reden, während er…. und dann noch dies: sie habe ihm, dem alten Lehrer Phillotson, die Heirat versprochen!

Kann man sich vorstellen, wie die Welt des Juda jetzt ins Wanken kommt, ins Schwanken, ins Trudeln und Rotieren? Und wie er doch nichts sagen kann, ist sie doch eine Verwandte und er auf dem Weg zum Hilfspriester, und außerdem: er hat ein Weib vor dem Gesetz und der Kirche… so fährt er tief geknickt, aber dies nicht zeigend, zurück in seine so trostlose Heimstatt, die ihm vor kurzem noch so sicher beherbergte.

Was soll man sagen? Einer Dummheit wegen, die zu einfältigem Gerede führt, wird Sue des Seminars verwiesen, also ist auch für Phillotson kein Grund mehr, mit der Hochzeit zu warten: Ob er denn den Brautvater spielen könne, fragt Sue ihren Vetter… denn er sei doch ihr einziger verheiratete Verwandter, den sie hier habe. Denn auch das geschah noch: er beichtete ihr seinen Status als verheirateter Mann.

So geht es hin und her, sie ruft ihn, auch wieder an den neuen Wohnort, an den sie zusammen mit ihrem neuen Manne lebt, und sie schickt ihn wieder weg, obschon in Juda die Gewissheit immer größer wird, das sie unglücklich ist in ihrer Ehe so wie er es war in der mit Arabella. Der er – so sei es hier vermerkt, ohne näheres dazu zu sagen bis auf die Tatsache ihrer Juda verblüffenden neuerlichen Verheiratung in Australien – durch Zufall in einer Wirtschaft, in die er in der Absicht, sich mit zumindest mal einem Hochprozentigen über die Not zu helfen, eingetreten war, zu seiner großen Überraschung wieder begegnet.

Es kommt jedoch bald die Stunde jetzt des Ehemanns Phillotson, der als tragischer Held über sich hinauswächst: Sue, die immer unglücklicher wird in ihrer Ehe, die, als ihr Mann ihr Zimmer betritt, lieber aus dem Fenster springt, als ihn zu empfangen, bittet ihren Mann, sie gehen zu lassen. Und dieser Mann, seiner Zeit (und in den meisten Fällen wohl sogar noch unserer) voraus, will kein Gefängniswärter sein für die von ihm so geliebte, sieht kein Sinn in Zwang und Gewalt und läßt sie bedingungslos gehen – gegen den Rat aller anderen, gegen die herrschenden Vorstellungen von Sitte und Moral, obwohl er davon ausgehen muss, davon ausgeht, daß Sue zu ihrem Vetter gehen wird, dessen Liebe zu seiner Frau er wohl gespürt hat.

So kommt es. Sue und Juda leben fortan zusammen, auch wenn Sue sich schwer damit tut, zu lieben und Juda darunter leidet. Immerhin werden ihrer beiden Ehen geschieden, aber sie gehen keine neue Ehe miteinander ein, Sue scheut dies wie der Teufel das Weihwasser: dieser Vertrag, der zur Liebe zwingt, würde gerade die Liebe zwischen den Vertragspartnern töten…

Diese ‚wilde Ehe‘ ist für die beiden eine Zeitlang eine Blase des Glücks, in der sie leben und auskommen. Aber wie jede Blase platzt auch diese irgendwann… Sie sind eines Tages plötzlich und überraschend zu dritt: Arabella teilt Juda in einem Brief mit, daß er Vater sei, sie sei damals acht Monate nach der Trennung niedergekommen und schicke ihm jetzt seinen Sohn, damit er ihn aufziehe. So kommt der ‚kleine Gnom‘ – wie er genannt wird – in diese ungewöhnliche Zweisamkeit, ein Kind noch und doch schon so alt wie ein alter Mensch, ein Kind voller Traurigkeit und Depression, ein Kind, das nicht lachen kann noch sich freuen… doch Sue liebt ihn wir ein eigenes Kind und diese Liebe wird von Kind erwidert.

Die Leute fangen über zu tuscheln über die drei… wechseln die Straßenseite, wenn sie ihnen begegnen, sie werden gemieden, geschnitten, nicht mehr gegrüßt… die Aufträge für den Steinmetz Juda Fawley nehmen ab. Daß Sue und Juda nach einigen Tagen Abwesenheit wieder zurück nach Hause kommen und sagen, sie hätten in dieser Zeit geheiratet, hilft nicht mehr.. es beginnt ein Wanderleben, Juda arbeitet sozusagen als freischaffender Handwerker mal hier, mal dort….

Nach Jahren trifft Sue, die auf einem Markt Backwaren verkauft, welche der kranke Juda (seine Tante war ja Bäckerin) gebacken hat, auf Arabella, die die Situation der Familie, die mittlerweile zwei eigene Kinder hat und sichtbar ein drittes erwartet, intuitiv richtig einschätzt. Und Arabella trifft auf dem Heimweg wiederum Phillotson, mit dem sie sich unterhält…..

Sue, Juda und die Kinder leiden Not. Sie gehen auf Judas Wunsch nach Christminster zurück, das sie vor Jahren verlassen haben. Und diese Stadt empfängt sie kalt und mit Regen. Durchnäßt, schmutzig, mit dem dickem Bauch Sues sieht man sie für sonderlich an und nicht vertrauenswürdig, so daß sie kaum eine Unterkunft finden. In dieser Not kommt es zu einem verhängnisvollen Gespräch zwischen Sue und dem kleinen Gnom…

Welch ein Unglück, welch ein Unglück….. die Kinder sind tot, Sue verfällt einer Art religiösem Wahn und sieht ihr gesamtes Leben als versündigt an. Die Ehe, früher für sie ein verabscheuungswürdiger Vertrag zwischen Vertragspartnern, wird jetzt für sie ein heiliges, nicht lösbares Sakrament. In ihrer neuen Welt sieht sie immer noch mit Phillotson verheiratet, und so wie sie diesen einst verließ für Juda, verläßt sie Juda nun und geht zurück zu ihrem früheren Mann, der ihr verzeiht und sie aufnimmt. Sie erneuern die Ehe vor dem Priester und Sue nimmt auch die letzte Konsequenz ihrer selbst auferlegten Buße auf sich und begibt sich ‚freiwillig‘ nächtens zu ihren Mann aufs Zimmer.

Und Juda? Die Geschichte wiederholt sich…. So wie Arabella den jungen Juda einsponn und fing in ihrem Netz, so fängt sie sich ihn auch jetzt wieder. Sie füllt den gebrochenen Mann mit Alkohol ab, packt ihn an der Ehre und schleift ihn wiederum vor das Standesamt… Es bringt ihr kein Glück, Juda, an Leib und Seele gebrochen, siecht bald krank vor sich hin und während sie sich bei dem großen Spektakel in Christminster lieber eine Regatta anschaut, haucht er allein gelassen sein Leben aus.


Thomas Hardys Im Dunkeln bzw. Jude… ist ein umfangreicher Roman. Nicht nur weist er fast fünfhundert Seiten Text auf, er ist auch recht eng gesetzt, trotzdem liest er sich sehr gut und mit großem, freilich durch das schlimme Ende mit Traurigkeit durchsetzten Vergnügen. Die übergeordneten Kapitel benannt nach den jeweiligen Wohnorten sind ihrerseits aufgeteilt in kleinere Abschnitte, die das Lesen sozusagen ‚portionsweise‘ erlauben. Dazu ist der Text flüssig formuliert, mit vielen Beschreibungen und Erläuterungen, aber auch Dialoge und Gespräche zwischen den einzelnen Figuren nehmen einen großen Raum ein. Mich hat diese Art des Textes lange an ein anderes Buch erinnert, ohne daß ich wusste, an welches, bis es mir dann plötzlich einfiel: nämlich an Manzonis wunderbaren italienischen Roman Die Verlobten [5]. Hier wie dort steht ein junges Paar im Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn Manzoni seinen Roman im Gegensatz zu Hardy glücklich ausgehen läßt), die Handlung wird streng chronologisch geschildert, beide Autoren streuen immer wieder Erläuterungen, Betrachtungen, erklärende Ausführungen, aber auch offene Fragen und Problemstellungen in ihren Text ein.

Hardys Roman schildert nicht nur eine Lebensgeschichte, er hat auch selbst eine und auch diese ist eher eine ‚dunkle‘. In der Nachschrift zur Neuausgabe des Romans im Jahre 1912 (die erste Ausgabe erscheint 1895) stellt Hardy die Rezeption seines Romanes bei Kritik und Publikum dar.  Er rief schon wenige Tage nach Erscheinen ein „schrilles Crescendo“ bei der Kritik hervor (die sich das Lesen des Romans aber weitestgehend gespart hatte), auch „wurde [der Roman] von einem Bischof verbrannt – wahrscheinlich [mutmaßt Hardy], weil der Kirchenfürst verzweifelt darüber war, daß er nicht mich selber verbrennen konnte.“ Eine andere Kritikerin „zeterte“ in einer „weltbekannten Zeitschrift“ über das Buch und taten kurz darauf brieflich an den Autoren den sehnlichsten Wunsch kund, diesen kennen zu lernen….. summa summarum haben diese (und weitere) Reaktionen der Kritik eine (für uns Leser) verhängnisvolle Wirkung auf Hardy gehabt: „… das Erlebnis heilt mich von jeder weiteren Neigung, Romane zu schreiben.“ In der Tat ist Jude, the Obscure das letzte Romanwerk Hardys geblieben, die Änderungen der Ausgabe von 1912 sind, so hält Hardy fest, nur stilistischer Art, „größere Änderungen allgemein- kritischer Art“ hat er nicht vorgenommen, wohl, weil er auch nach den vergangenen Jahren nichts anderes zu sagen hatte. Dieser Nachschrift ist ebenfalls zu entnehmen, daß der Roman in Deutschland als Fortsetzungsroman erschienen ist. Hardy zitiert einen Kritiker, der in Sue Bridehead den Phänotyp der modernen, intellektuellen, emanzipierten nervösen Frau sieht, die Notwendigkeit, die Ehe als Beruf zu begreifen, leugnet. Daß Sue im Roman am Ende zusammenbricht, wäre, so hält der Kritiker bedauernd fest, einer Frau als Autorin nicht untergekommen.


In Dunkeln hat zwei Hauptthemen. Dies ist zum Anfang des Romans, der gegen Ende der viktorianischen Epoche spielt, die Undurchlässigkeit, Arroganz und Hochmut der ‚besseren‘ Gesellschaft, die es nicht zuläßt, einen Menschen aus niedriger Herkunft zu akzeptieren und zu fördern. Der Autodidakt Jude Fawley, der sich mit viel, sehr viel Mühe und Durchhaltevermögen eine zugegebenermaßen willkürliche Bildung angelesen hatte, wird abgewiesen, auf seinen Stand und seine soziale Schicht verwiesen als demjenigen Platz in der Gesellschaft, in der er sein zufriedenes Auskommen finden kann. Erst gegen Ende des Romans wird davon geredet, daß sie diese (für den jungen Jude noch undurchdringliche) Ausgrenzung lockert, daß unter Umständen auch begabte Menschen aus unteren sozialen Schichten die Chance auf Weiterbildung erhalten können. Für Jude kommt das zu spät, auch wenn gegen Ende der Geschichte deutlich wird, wie sehr es ihn immer noch nach Christminster zieht, nach den so abweisend und dunkel über der Stadt dräuenden Gebäuden der Colleges…

Das Hauptthema des Romans ist freilich der Angriff des Autoren auf Institution der Ehe. Hardy schildert, wie sich Jude als junger Mann durch die sinnlich-erotische Arabella einfangen läßt, einer Frau, mit der ihn sonst nichts verbindet als die körperlichen Freuden, die er mit ihr wohl erleben darf [6]. Die schildert Hardy zwar nicht, aber da Arabella ihn mit einer Schwangerschaft zur Eheschließung bringt, darf man diese sicher vermuten. Diese Schwangerschaft Arabellas ist ein Schlüsselelement in der ganzen Geschichte, in Leben von Juda und (durch den ‚alten Gnom‘) später auch im Leben von Juda und Sue. Letztlich kann man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Arabella Juda und Sue nicht sogar belogen hat mit der Behauptung, dieses Kind sei Judas Kind, so wie sie Juda ja auch in frühen Jahren belog… Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, daß Hardy im Übrigen sämtliche Ehen bei den Fawleys als schlecht bezeichnet.

So wie Judas erste Ehe scheiterte, so scheitert auch die Ehe Sues, die sie nicht mit dem Mann eingeht, den sie liebt – insofern sie zu diesem Gefühl überhaupt fähig ist, so etherisch, ja, fast asexuell sie gezeichnet wird -, sondern den älteren Mann, ihren Lehrer und Mentor Phillotson, zu dem Juda sie geführt hat. Sue betrachtet die Ehe keineswegs als Sakrament, für sie ist es ein Vertrag, der obendrein noch zum Lieben verpflichtet und damit die Liebe zerstört. Ihrer Meinung nach bleibt die Liebe zwischen Menschen, die freiwillig und nicht unter dem Zwang der Ehe miteinander leben, viel lebendiger und stärker, eine Ansicht, deren Folgen Juda und Sue Jahre später ins gesellschaftliche Abseits und Unglück stürzen lassen werden. In den vielen Diskussionen zwischen Juda und Sue geht Hardy später immer wieder auf diesen Punkt ein, so wie er die halbherzigen Versuche der beiden, sich doch der gesellschaftlichen Norm zu unterwerfen, immer wieder scheitern läßt. Dieses Lebensmodell der ‚wilden Ehe‘, die Hardy schildert, sie sollte noch Jahrzehnte brauchen, bis es gesellschaftlich halbwegs akzeptiert worden ist.

Die angestrebte (und dank Phillotsons generöser Art erreichte) ‚Flucht‘ aus der Ehe ist ein Skandal. Eine Frau der damaligen Zeit hat sich zu fügen, einzurichten – so wie der Mann sie zu fügen hat, notfalls auch mit Zwang. Das ich nicht mit ihm als Ehemann leben kann […] es ist eine Marter für mich […] Was mich so maßlos quält, ist die Pflicht, diesem Mann jedesmal zu Willen zu sein, wenn er es möchte, so gut er auch sonst ist! – dieser schreckliche Vertrag, der einen zwingen will, auf eine bestimmte Art zu empfinden, in einer Sache, deren eigentliches Wesen ihre Freiwilligkeit ist. Diese Sue in den Mund gelegte Aussage dürfte deren revolutionäre Ansicht hinreichend belegen. Den von ihr angesprochenen Willen des Mannes, dem sie sich zu unterwerfen hätte, den übte Phillotson übrigens nicht aus…


Der junge Juda träumt von Bildung, von der Karriere als Theologe und später dann als Pfarrer: beide Male wird er jedoch durch den Lockruf der Liebe und der Körper daran gehindert: seine Sehnsucht nach den jeweiligen Frauen besetzt ihn völlig und lenkt ihn vom Geistigen ab. Er ist ein ‚weicher‘ Mensch, ein nachgiebiger, ein Träumer auch, gegen Arabella mit ihrer rustikalen und stabilen Art hat er keine Chance, sich durchzusetzen, und auch Sue, die Zerbrechliche, setzt – zumindest in der Frage der Eheschließung – ihre Ansicht gegen ihn durch, weil er aus Liebe zu ihr immer nachgibt.

So wie im Lauf der Jahre wurde der Hang zum Theologischen bei Juda geringer wurde, nimmt er langsam aber sicher die Ansichten Sues über die Untauglichkeit einer Ehe als auch seine an. Die radikale Änderung der Ansichten Sues ausgelöst durch die unermessliche seelische Verletzung dieser empfindsamen Frau nach dem Tod der Kinder ist daher um so schockierender für Juda: daß sie ein einmal gegebenes Eheversprechen nun als ewig gültig ansieht, bedeutet nicht nur, daß sie und Phillotson in ihrem Geist noch verheiratet sind, sondern auch Juda noch mit Arabella. Und so wiederholt sich die Geschichte, so wie Sue einst von Phillotson die Freiheit erbat, fleht sie nun den verzweifelnden Juda an, sie gehen zu lassen. Daß sie zu ihrem Mann, den sie weltlich erneut heiratet, keine Liebe verspürt, ist nicht mehr wichtig, wichtig ist, daß sie die ihr selbst auferlegte Buße ableistet… und so führt die Romanhandlung zu den Konstellation, die es schon anfangs gab: sowohl Juda als auch Sue, die sich erneut in unglücklichen Ehen wiederfinden.

Der Roman hat neben dem beiden Hauptfiguren Juda und Sue noch die beiden Figuren des Phillotson und der Arabella mit wichtigen Funktionen.

Der Schulmeister Phillotson verläßt zu Beginn des Romans, wie Jahre später auch Juda, das Dorf, um in Christminster Karriere zu machen. Ebenso wie später Juda scheitert er damit, bleibt letztlich auch bei ’seinem Leisten‘, sprich, er bleibt Lehrer. Er verliebt sich in dieselbe Frau wie Juda, er weigert sich (obwohl die Gesellschaft dies erwartet), Zwang gegen diese Frau anzuwenden und er verliert die Frau an einen anderen, eine weitere Parallelität in beider Leben. An diesem Verlust gehen beide zugrunde: Phillotson wird auf Grund seiner Entscheidung aus der Gesellschaft ausgestoßen und sanktioniert, kann sich gerade noch mit Hilfe eines letzten Freundes fangen, Juda jedoch bricht zusammen, wacht als Ehemann einer ungeliebten Frau wieder auf und wartet körperlich geschwächt nur noch auf seinen Tod.

Die Haltung Phillotsons, mit der er auf die Bitte seiner Frau reagiert, sie gehen zu lassen, ist bemerkenswert. Ich denke, ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie in dieser Weise auch heute noch ungewöhnlich wäre. In der damaligen Zeit ist es sicher eine skandalöse Einstellung, einen ‚Wahnsinnsgedanken‘ nennt es sein Freund, … es wird überall Anstoß erregen. Großer Gott, was wird Shaston [die Stadt, in der sie leben] sagen! dies ficht Phillotson jedoch nicht an: Wenn ein Mensch blindlings in einen Sumpf [i.e. in diesem Fall die Ehe…] gelaufen ist und um Hilfe ruft, bin ich geneigt, ihm Hilfe zu bringen, wenn es mir möglich ist. … ich bin ein fühlender Mensch, kein logisch denkender. … ich sehe nicht ein, warum nicht die Frau und die Kinder die soziale Einheit bilden sollen, ohne den Mann… weitet er seine Gedanken später noch aus. Fass den Entschluß, die mit ein paar Weiberlaunen abzufinden. … Laß sie nicht fort! so der abschließende Rat des Freundes. Doch der nächste Morgen kam heran…: Du kannst gehen – mit wem du willst. Du hast meine völlige, bedingungslose Einwilligung. 

Will man an Phillotson Eigeninteresse feststellen, so ist es später möglich, da er Sue noch einmal heiratet, obwohl im klar ist (sein muss), daß sie in einem Zustand ist, der diesen von ihr behaupteten Willen dazu und die Freiwilligkeit, sich diesmal unter ihn zu legen, Lügen straft. Vielleicht denkt er auch, daß das Verweigern dieser ‚Buße‘ für Sue noch schlimmer wäre, daß die erneute Heirat gesellschaftlich für ihn vorteilhaft ist, daß wird er in jedem Fall sehen.

Ist Sue die etherische, zerbrechliche, fragile Figur mit scharfen Intellekt und mit eigener Meinung, eine Frau wie ein Blatt im Wind der Gefühle, so ist ihre Gegenspielerin Arabella auch äußerlich ihr Gegenteil: prall, sinnlich, erotisch, durchsetzungsfähig und skrupellos. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, das Sinnieren, Zweifeln und Grübeln einer Sue ist ihr völlig wesensfremd. Was sie will, bekommt sie – auf die eine oder die andere Art und Weise. Daß auch sie damit nicht glücklich wird, verschmerzt sie, es sind schließlich noch andere Männer da, die sie sich angeln kann…..


„Jude the Obscure is an angry book, and a deeply radical one. To write it, Hardy went further into himself than ever before, exposed his deepest feelings …“ schreibt der Guardian zu dem Roman in seiner Liste der einhundert besten englischen Romane [4], in die er zweifelsohne gehört – was eine kühne Bestätigung meinerseits ist, da ich dafür ja keinerlei Grundlage habe, sprich die anderen Romane kenne. Aber Im Dunkeln ist in der Tat ein wunderbares Buch, das in seiner Konsequenz, mit der die geheiligte Institution der Ehe in Frage gestellt wird, auch heute noch weit mehr ist als ’nur‘ Unterhaltung: es ist eine Lektion in Toleranz ebenso wie in der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Ehe (bei uns ja jetzt in gewisser Weise durch die „Ehe für alle“ sogar eine aktuelle Frage). Ebenso ist Jude…. eine Darstellung der viktorianischen Epoche, die langsam den Ende zugeht und sich moderneren Fragen stellen muss wie dem Zugang zu Bildung für alle oder der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dies alles ist eingebunden in tragische Lebensläufe, die – bedingt durch die gesellschaftlichen Umstände – schon von Anfang an kaum Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben ließen. So endet der Roman traurig, Sue gebrochen, sich selbst auf dem Altar eines fehlgeleiteten Glaubens opfernd und Juda sogar den Tod suchend. Phillotson wird als Ehemann nicht wirklich glücklich sein, sieht jedoch gesellschaftlich/beruflich wieder eine Zukunft und einzig für Arabella geht die Welt weiter mit allen Chancen, die sich einer Frau wir ihr bieten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Eintrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy
[2] —
[3] Sarah Waters: Die Muschelöffnerin; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[4] Robert McCrum: The 100 best novels: No 29 – Jude the Obscure by Thomas Hardy (1895); in:  https://www.theguardian.com/books/2014/apr/07/100-best-novels-jude-obscure-thomas-hardy
[5] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[6] Im Klappentext wird von einer ’schamlos pornographischen Darstellung der modernen Frauen‘ geredet. Das Wort ‚pornographisch‘ ist was Im Dunkeln betrifft, jedoch wohl  (unterstellt man nicht, es sei aus rein vermarktungstechnischen Gründen genannt) anders zu lesen, über die seltene Verwendung des Wortes ‚Busen‘ geht der Text nicht hinaus. Insofern ist also Entwarnung zu geben bzw. darauf hinzuweisen, daß möglicherweise diesbezügliche Erwartungen enttäuscht werden.

Thomas Hardy
Im Dunkeln
Jude the Obscure
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Schumann
Originalausgabe: Jude the Obscure, London 1895 (1894/95 gekürzt als Fortsetzungsroman im Harper’s New Monthly Magazine)
diese Ausgabe: Greno, HC, ca. 490 S., 1988; mit ausführlichen Anmerkungen

Magic Hoffmann ist ein kleiner, feiner Roman des viel zu früh verstorbenen deutschen Schriftstellers Jacob Arjouni (1964 – 2013), der unter anderem durch seine Figur des Kommisars Kayankaya (z.B. in Happy Birthday, Türke) bekannt geworden ist. Der vorliegende Roman wurde 1996 erstveröffentlicht, hat also schon etwas Patina angesetzt und führt uns beim Lesen zurück in die Zeit vor dem Euro, in die Area des Walkmans, in die Zeit vor der Erfindung des Smartphones und auch das Internet wurde erst in dieser Zeit langsam größer. Es ist also etwas nostalgisch, diesen Roman heute zu lesen. Aber trotzdem (oder darum?) macht es Spaß… 


Magic Hoffmann, das ist Fred Hoffmann. Mitte Zwanzig, hat er vier Jahre im Knast verbracht wegen eines bewaffneten Banküberfalls. Erwischt hat man ihn damals, weil er, nun ja: dumm und eitel war… seine beiden Komplizen waren dagegen entkommen, sie – davon ist er felsenfest überzeugt, da Abkommen unverbrüchlich sind, erwarten ihn, wenn sich die Tore der Haftanstalt für ihn öffnen. Diese Überzeugung (und diverse Eigenschaften von ihm, die im Gefängnis nützlich sind) hielt ihn die vier Jahre aufrecht – ebenso wie der Plan, zusammen mit der Beute nach Kanada auszuwandern.

Fred also durchschreitet das Tor in die Freiheit und will, ohne daß er darüber nachdenkt, genau an dem Punkt anknüpfen, an dem er sich vor Jahren vorübergehend von der Welt verabschiedet hat. Daß ‚Nickel‘ und Anette nicht warten beunruhigt ihn erst einmal nicht, schließlich ist die Kommunikation aus dem Gefängnis heraus etwas diffizil und kann zu Missverständnissen führen, zumal damals die Beute des Überfalls nicht aufgetaucht war, sondern immer noch irgendwo versteckt ist, was die Verwendung verklausulierter Botschaften notwendig machte…

Was Fred die folgenden Tage zur Kenntnis nehmen muss, ist die Tatsache, daß die Welt sich weiter gedreht hat in diesen vier Jahren und daß, auch dies muss man sagen, nicht wirklich jemand auf ihn gewartet hat. Anette und Nickel haben sich mittlerweile getrennt, sind beide in Berlin, in das Fred ihnen – immer noch guter Hoffnung – aus Dieburg, in der hessischen Provinz, nachreist. Berlin hat sich geändert so wie sich die ganze Welt zwischenzeitlich geändert hat: die Mauer war gefallen, große Teile des Osten in den Westen geströmt. Mit seinem rustikalen, leicht aufschneiderischen Provinzcharme, der daheim das eine oder andere Mädchen amüsierte, tappst Fred in der großen Stadt nur von Fettnapf zu Fettnapf. Schon bald prangt sein Fahndungsfoto in einer Zeitung – dies infolge einer Episode, in der Arjouni den Zufall etwas arg strapaziert.

Die Anette, die er in Berlin trifft, hat mit der, die er aus Dieburg kennt, nur noch wenig gemein. Sie arbeitet etwas naiv, aber engagiert und enthusiastisch in einer Filmproduktionsfirma und mit ihrem neuen Bekanntenkreis (… würd gern mal einen Film machen, wo gar nichts drin vorkommt, aber gut geschnitten…) kann Fred (der bestaunte Exot aus der Provinz) nun mal gar nichts anfangen. Die Adresse von Nickel, die Anette ihm gibt, ist veraltet, Fred findet ihn aber trotzdem: als brav studierenden Familienvater, der das Geld gewinnbringend in hochverzinslichen Papieren angelegt hat. In diesem Moment platzt Fred endgültig der Kragen.

In der ganzen Zeit in Berlin ist vielleicht die spielsüchtige, in obskuren Kreisen verkehrende Moni, die einzige, die Verständnis für ihn hat, ein Verständnis, das sich zu einer Art Liebe entwickelt, immerhin so sehr, daß Moni mit nach Kanada kommen will – wenn Fred erst einmal dort ist. Und seine Apfelweinkelterei eingerichtet hat….


Arjouni – so viel sei verraten – gönnt seinem Helden kein Happy End, im Gegenteil, er muss all seine Träume begraben. Am Schluss des Romans treffen die drei Jugendfreunde noch einmal aufeinander, in der alten Heimat, in Diebüll… aber es ist kein Treffen von Freunden mehr.

Dieses verkorkste Leben eines jungen Mannes, dem es Mühe macht, Traum von Realität zu unterscheiden, schildert Arjouni unaufgerecht, nicht wertend, mit einer gewissen Sympathie sogar für den Träumer. Der strampelt nämlich mitleiderregend heftig im ’neuen‘ Leben, um einen Fuß auf den Boden zu bekommen, aber die Umstände sind gegen ihn, weil er nicht wahrnehmen will, daß auch er sich ändern muss, um zu überleben. Entsprechend wächst seine Verachtung für die ehemaligen Freunde, die sich unter den veränderten Verhältnissen ein neues Leben geschaffen haben. Während für Hoffmann die alten Werte nach wie vor gültig sind, hat bei Nickel und Anette eine Verschiebung der Werte eingesetzt, Sicherheit vor Risiko, Engagement vor Kindereien und Dummheiten. Es ist ja nicht so, als hätten ihn die alten Kumpane betrogen, nur die Vorstellung, wie mit der Beute zu verfahren ist, die haben sich geändert….

Arjouni greift in seinem Text aber über die Darstellung dieses persönlichen Schicksals hinaus und geht zumindest andeutungsweise auf gesellschaftlich relevante Themen ein. In Berlin begegnet Fred nämlich auch einem aufkommenden Nazirevival in Form gewaltbereiter Glatzen, die unheilvoll in sein Leben eingreifen, auch der Dunst aufkeimenden Antisemitismus‘  ist wahrzunehmen. Das Hauptgewicht des Romans jedoch bleibt das Schicksal Freds.

Magic Hoffmann: ein, weil er gut, packend und flüssig geschrieben ist, ein auch heute noch gewinnbringend zu lesender Roman aus dem Anfang des vereinten Deutschlands.

Jakob Arjouni
Magic Hoffmann
diese Ausgabe: diogenes TB, ca. 280 S., 1997 [soweit die Angaben im Buch. Auf der hinteren Umschlagseite wird jedoch die Jahreszahl 2013 genannt, das Todesjahr des Autoren…]

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