Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Der Name Irmgard Keun (http://berlin-woman.de/index.php/2015/02/03/berlin-women-irmgard-keun-das-kunstseidene-maedchen/) ist mir zum ersten Mal in Bettina Baltschevs sehr empfehlens- und lesenwerter Arbeit über die Emigration deutscher Künstler nach Amsterdam (Bettina Baltschev: Hölle und Paradies) begegnet. Sie, d.h. die ebenfalls in die Emigratin gegangene Irmgard Keun, hatte sich dort mit Joseph Roth angefreundet (Die Legende vom heiligen Trinker (https://radiergummi.wordpress.com/2017/04/16/joseph-roth-die-legende-vom-heiligen-trinker/) und Hiob (https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/) sind die beiden Titel Roths, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe), der so tragisch sein Ende fand – und, Ironie des Schicksals (?), das ein Ende war, das auch Keun in Teilen und in ferner Zukunft erleben sollte.

Seit dieser Zeit ist Keun auf meiner Wunschliste, und jetzt endlich habe ich es auch mal umgesetzt und ihren wohl bekanntesten Roman von Doris, dem ‚kunstseidenen Mädchen‘, das von der mittleren Stadt nach Berlin geht, um dort ein „Glanz“ zu werden, gelesen.

Das kunstseidene Mädchen spielt nach der Weltwirtschaftskrise in den Endjahren der Weimarer Republik, die Handlung setzt im Sommer 1931 ein und geht bis zum Frühjahr 1932. Doris ist achtzehn Jahre alt, arbeitet, muss von dem Geld, das sie verdient, zu Hause abgeben, der Vater (wobei fraglich ist, ob es der Vater ist, es gibt Auswahl an Kandidaten) versäuft das meiste davon. Und auch draußen, in der Stadt, auf der Straße… Die Zeiten sind furchtbar, keiner hat Geld und es herrscht ein unsittliches Fluidum – denkt man bei einem, den kannst du anpumpen – pumpt er einen im Augenblick schon selber an.

Doris träumt davon, aus diesem Milieu zu entkommen, ein „Glanz“, etwas Besseres, zu werden, Geld zu haben, Bekannte zu haben, eingeladen zu werden, sich intelligent unterhalten zu können. Aber wie? … immerzu sind in meinem Leben Dinge, die ich nicht weiß, und immer muss ich tun als ob und bin manchmal richtig müde vor lauter Aufpassen, und immer soll ich mich schämen müssen, wenn Worte und so Sachen sind, die ich nicht kenne und nie sind Leute gut und so, dass ich Mut hätte zu ihnen, um zu sagen: ich weiß ja, dass ich dumm bin, aber ich habe ein Gedächtnis, und wenn man mir was erklärt, gebe ich mir Mühe es zu behalten. So setzt Doris notgedrungen auf das, was ein junges Mädchen hat, das sonst nichts hat, nämlich, das, war ihr die Natur mitgegeben hat an Körper und Aussehen. Nicht, daß sie an der Straße steht und Freier wartet oder daß sie eine wird wie Hulla, die sich von ihrem Zuhälter das Gesicht zerschlagen lassen muss und die später dann einmal aus dem Fenster springen sollte, eines Goldfisches wegen.. nein, Doris sucht einen Begleiter, einen mit Geld, der sie einlädt, sie mit ins Hotel nimmt, ihr Kleider schenkt und zum Essen einlädt. Wobei sie bedauernd konstatieren muss, daß die Galane beim Ausgeben von Wein und Sekt viel großzügiger sind als beim Einladen zum Essen…

Doris muss die mittlere Stadt verlassen, genauer gesagt, sie muss fliehen, denn sie hat den Feh mitgenommen, diesen weichen, wunderbaren Pelz, in den sie sich schmiegen kann und der zu ihrem Fetisch wird. Sie wird von der Polizei gesucht, geht nach Berlin. Sie lernt dort Männer kennen, weil sie überleben muss, Männer mit Geld, deren Frauen zu früh zurück kommen und sie aus dem Bett schmeißen, in dem sie überrascht wird, Männer, die blind sind, denen sie Berlin erzählen muss, Männer, die selbst arm sind und ihr nichts bieten können außer, daß sie sie lieben. Männer, die den weggelaufenen Frauen nachtrauern und sie mit nach Hause nehmen, damit die Wohnung nicht so leer ist, ein Wesen dort drin schläft, badet, isst und sich bewegt. Ausgerechnet hier, bei Ernst, wie er heißt, ein Mann, der nichts von ihr will, fängt sie an, sich heimisch zu fühlen, von „wir“ zu reden und zu denken und zu reden und auch so zu leben: gemeinsam spazieren zu gehen, gemeinsam einzukaufen, zu kochen, zu putzen – und irgendwann auch, Liebe zu machen…

Keun schenkt ihrer Doris kein Happy End, das Ende ihrer Geschichte ist offen, Doris ist desillusioniert, die unsichere Rückkehr zu Karl, dem, der selbst nichts hat, außer sie lieb, scheint ihr noch die einzige Möglichkeit für sich zu sein. Ich will alles mit ihm zusammen tun. Wenn er mich nicht will – arbeiten tu ich nicht, dann gehe ich lieber auf die Tauentzien und werde ein Glanz. – Aber ich kann ja auch eine Hulla werden – und wenn ich ein Glanz werde, dann bin ich vielleicht noch schlechter als eine Hulla, die ja gut war. Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.


Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman, der mich berührt hat. Keun hat ihn als nicht datiertes Tagebuch geschrieben, ihre Protagonisten Doris vertraut diesem Heft ihre Gedanken und Gefühle an, wir bekommen ihre Geschichte, die im Abgesang der Weimarer Republik und in der braunen Morgendämmerung spielt, in ihrer Sprache erzählt, die immer mal wieder knapp daneben liegt, die vom Berliner Dialekt geprägt ist und die andererseits häufig wunderbare Sprachbilder und Ausdrücke parat hält. Aber zuvörderst ist eine Geschichte unerfüllter Träume, unerfüllter Sehnsüchte nach Liebe [Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht gibt, vielleicht kaum gibt.], nach dem Geliebtwerden, nach auch materieller Sicherheit, nach einem Leben, das sich nicht nur nach der Befriedigung der momentanen Nöte orientieren muss. Aber wie das erreichen in einer Stadt, in der monatlich über dreihundert Menschen an Schwindsucht sterben, der Suizid ganzer Familien aus purer Not zu vermelden ist [Materialien, S. 158]? Die Männer, die Doris trifft, jedenfalls bieten die Chance, ihre Sehnsucht zu erfüllen, nicht. Sie sind selbstverliebt wie der dilletierende Poet, dem Doris immerhin ein paar Hemden klauen kann, bevor sie sich abmacht, sie werden von der Polizei geholt wie der Geschäftsmann, dessen Frau sie zu gleicher Zeit aus seinem Bett jagt… und bei Ernst wagt sie den Schritt nicht in ein anderes Leben, wagt nicht das Risiko, ihn auf sich aufmerksam zu machen, oder – wie Keun es selbst formulieren läßt -: … so richtige Gefühle, das sollte man nur mit seinesgleichen, denn sonst geht es glatt schief.

Ich hasse alle, ich hasse alle 
– schlag doch die Welt tot,
Mutter,
schlag doch die Welt tot.

Keuns Buch spielt in den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren in Berlin, die offensichtlich so golden gar nicht waren, wenn man nicht zu den wenigen gehörte, die ganz oben mitschwammen. Es gibt (für uns Bücherfreunde interessant) eine kleine Passage im Roman, in dem Keun das Publikum des Romanischen Cafes beschreibt [vgl. meine Buchvorstellung von Jürgen Scheberas: Damals im Romanischen Café] und aus der erkennbar wird, daß die meisten der Gäste dort den Tag bei einer Tasse Kaffee verbringen mussten, mehr war nicht drin… Wenn man von „unten“ kam, so wie Doris, (und es gab viele, die wie Doris waren und an den Straßen standen und warteten, daß sie gesehen und angesprochen wurden), sah man wenig vom Glanz der Stadt, war man der heuchlerischen Moral ausgeliefert: Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld uns nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld schläft mit einem ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.  

Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman über eine Zeit mit wenig Licht und viel Schatten, von der meist nur das Licht überliefert wird, Keun hat, so wird sie wiedergegeben, Beobachtetes in ihrem Werk verarbeitet [Materialien, S. 136], die der von mir gelesenen Ausgabe beigefügten „Materialien“ geben einen Einblick in die Armut und das Elend dieser großen Stadt, in der so viele auf der Strecke blieben und in der sich zu dieser Zeit die braune Brut breitzumachen begann, an einigen Stellen fließt dies mit in die Handlung ein. In einer Szene beispielsweise erzählt Doris ihrem Galan (Fragt mich die Großindustrie [i.e. ihr Begleiter], ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte: Wenn er das gerne will, tu ihm den Gefallen. … ), sie sei Jüdin – was dem strammen Nationalen wenig gefiel. Es bedurfte (eine entlarvende Szene, die Keun hier konstruiert hat] einiger Überredung und einiger Alkohlika, bis dann der Trieb die Ideologie wieder verdrängte: Wie die Großindustrie dann betrunken war, kam es ihr nicht mehr so drauf an, und sie wollte. … Aber mir war die Lust vergangen, denn wenn er wieder nüchtern wird … man kann nie wissen, ob man nicht politisch ermordet wird, wenn man sich da reinmischt. 

Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen
Textausgabe mit Materialien
Erstausgabe: Berlin, 1932
diese Ausgabe: Klett, TB, 176 S., 2004

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Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Philip Roth: Portnoys Beschwerden

Philip Roth, einer der wichtigsten der Nicht-Nobelpreisträger (wobei diese Auszeichnung ja im letzten Jahr heftig beschädigt worden ist…) hat viele wichtige Bücher geschrieben, ein paar sehr wenige davon habe ich im Lauf der Jahre hier im Blog vorgestellt [Mein Leben als Sohn; Jedermann – Everyman und Der menschliche Makel]. Wenngleich Roth schon 1950 den National Book Award zugesprochen bekam, wurde er einer großen Öffentlichkeit weltweit wohl durch das vorliegende Werk Portnoys Beschwerden [Portnoy’s Complaints], das im Original 1969 veröffentlicht wurde und schon ein Jahr später in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen war, bekannt. Die von mir gelesene und im nachfolgenden vorgestellte Buchclubausgabe beruht auf der ersten Übersetzung von Kai Molvin, der später dann noch eine Übersetzung von Werner Schmitz folgen sollte. Beide Übersetzung werden jedoch, so steht es geschrieben [https://de.wikipedia.org/wiki/Portnoys_Beschwerden], als …“gute und verlässliche, aber mit Notwendigkeit je unvollkommene Arbeit…“ bezeichnet.

Das der Roman so erfolgreich wurde, ist nicht verwunderlich. Oder vielleicht doch, denn im Grunde ist das ganze Buch eine einziger Monolog, den der 1933 geborene Alexander Portnoy auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel hält, der selber nur an einer einzigen Stelle im Roman, auf der letzten Seite, persönlich in Erscheinung tritt, als er nämlich vorschlägt: Dann wollen wir mal anfangen. Ansonsten gibt es wenige Stellen im Text, in denen der monologisierende Portnoy sein Gegenüber direkt anspricht.

Was soll man zu diesem Roman schreiben? Sagen wir einfach was zur Person Portnoys. Dieser wurde 1933 geboren als Sohn jüdischer Eltern, der in einem jüdischen Viertel New Yorks aufwächst. Der Vater, ähnlich wie der Vater des Autoren, ist als Versicherungsvertreter im Aufschwatzen von Versicherungen auch an Menschen, die gar nicht wissen, was das ist, so erfolgreich, daß er von diesem Posten nie wegbefördert wird. Ansonsten leidet er unter chronischer Obstipation, gegen die er mit strenger Diät vorgeht. Wie auch sein Sohn steht er im Schatten der Mutter, die wie eine Karikatur jüdischer Mütter alles vereinnahmend unumschränkt über die Familie herrscht bis hin zu Handlungen, die heutzutage als sexuell übergriffig gewertet würden, sicherlich aber auch seinerzeit schon aus dem Rahmen des Üblichen fielen. Aus dieser heiklen Konstellation entwickelt Roth köstlich-beklemmende Szenen, wenn etwa die Mutter durch tätige Mithilfe dem Sohn beibringt, wie ein Mann im Stehen zu Pinkeln…

Der Sohn, nämlicher Alexander, Bruder einer älteren Schwester, fühlt sich zunehmend bedrängt von dieser Mutter, von dem jüdischen Leben der Familie, von den Einschränkungen und Massregelungen – und von seiner erwachenden Sexualität. Sein Protest gegen diese Zwänge ist ein von ihm proklamierter Atheismus, der sich an kommunistischen Idealen orientiert und die exzessive Extremmasturbation, nachdem er das entsprechende Alter erreicht hat. Auch bei letzterem weiß Roth dem Akt die peinliche Note weitgehend zu nehmen und ihn in ein groteske Slapstickstück zu wandeln: beispielsweise läßt er Alex während des gemeinsamen Mittagsessens der Familie unter der fadenscheinigen Entschuldigung eines diarrhörischen Anfalls aufspringen und aufs Klo rennen. Dort, mit einer über den Kopf gezogenen getragenen Unterhose seiner Schwester, deren BH er zwischen Türklinke und einem Haken aufgespannt hat, befriedigt er sich. Im Rubbelwahn sieht er sogar deren Brüste wackeln, doch es ist nur die Mutter, die an der Klinke rüttelt, nach dem kranken Sohn (hat er unkoscher gegessen? Schweinefleisch?) zu sehen. Während sie also diesen auffordert, seine Hinterlassenschaft nicht in die Kanalisation zu spülen, sie wolle sie kontrollieren, murrt im Hintergrund lautstark der Vater, der gerade jetzt auf die vom onanierenden Sohn blockierte Toilette könnte und wollte…. von solchen absurden Szenen gönnt uns Roth eine ganze Menge.

WEIL IHR VERDAMMTEN JÜDISCHEN MÜTTER EINFACH NICHT ZU ERTRAGEN SEID.

Alexander Portnoy ist sehr intelligent, weit über MENSA-Eingangsniveau. So ist er beruflich (biografisch überspringe ich jetzt viel) durchaus erfolgreich, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist immer so hilflos wie ein Säugling. Wobei es in Portnoys Fall nicht wirklich um die Eltern geht, sondern um die Mutter, die ihren Sohn wie ein Dibbuk in den Klauen hält und der alle dessen Versuche, ihr zu entkommen, nichts anhaben können. Der Versuche sind es viele, der Unglaube ist einer davon, das Masturbieren ein anderer, der sich mit zunehmendem Alter immer stärker entwickelnde Drang, Schicksen an die Brüste und unter die Unterwäsche zu gehen, ein anderer. Auch dies schildert Roth in einer Art und Weise, daß man beim Lesen nicht weiß, ob man Lachen oder Weinen soll, daß sich bei Portnoy eine ausgewachsene Beziehungsunfähigkeit aufgebaut hat, muss wohl kaum betont werden… Wie auch immer, letztlich landet Alex beim „Äffchen“, einem Unterwäschemodel, das weniger durch intellektuelle Leistungen als mehr durch eine hemmungslose Sexualität auffällt. Aber selbst diese so lang von Alex erträumte Konstellation endet nicht glücklich, sondern mit einer Suiziddrohnung.

In Israel schließlich, einem Land voller Juden, einem Land, in dem eigentlich glücklich sein sollte, nein, auch dort klappt es nicht. Die hysterische Angst vor einem Schanker, den er sich beim flotten Dreier in Rom mit Äffchen und einer Prostituierten zugezogen haben könnte, lähmt den Hauptdarsteller seiner Fantasien, der einfach weiter abhängt und seinen Dienstantritt bei der Leutnantin der israelischen Armee verweigert….


Roth zeichnet Portnoy als tragische Figur, die sich nie von dem Unglück, eine jüdische Mutter zu haben, lösen kann. Hat diese ihn als Jüngling und jungen Mann in eine Art Sexsucht getrieben, führt sie später zu seiner Impotenz. Denn nie kommt Portnoy gegen das Gefühl der Scham auf, gegen Schuldgefühle und auch gegen die Angst, für seine exzessive Lust bestraft zu werden, nicht zuletzt seine fast schon manische Fixierung auf Schicksen, von denen er eine sogar mal nach Hause mitbringt, um ihr jüdisches Leben zu zeigen.

Dieses jüdische Leben zeigt eine Familie, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darauf bedacht ist, das Jüdische an ihre Kinder weiterzugeben. Es ist auch für uns Leser der Hintergrund der Geschichte. Als Kind noch unterwirft sich Alex diesem Ideal, später rebelliert er dagegen, fühlt sich andererseits als Jude anderen überlegen. Es ist daher für ihn selbstverständlich, daß eine Schickse, wollte sie von ihm geheiratet werden, zum jüdischen Glauben konvertiert, was diese jedoch natürlich ablehnt – dahin die Beziehung. Überhaupt ist Portnoy unfähig, Beziehungen einzugehen. Das Äffchen beispielsweise ist für ihn nur eine Spielwiese für seine erotischen Bedürfnisse, eine Ehe, die sich die Frau insgeheim wünscht, für ihn unvorstellbar. So ist es wenig verwunderlich, daß die jüdische Leutnantin ihn nach seinem verunglückten Vergewaltigungsversuch (den sie, die ihm körperlich überlegen ist, locker abwehrt) einfach nur als „Schwein“ tituliert, das sich selbst hasst.

In seinem Monolog bietet Portnoy vielfache Interpretationen seines Handelns, seiner Gedanken, seiner Süchte. Spielvogel, sein Psychiater, dagegen bleibt stumm, er läßt seinen Patienten schwadronieren, ihn gedanklich hin- und herspringen, der biographische Pfeil Portnoys weist daher kleiner Schleifen auf. Die ganze Geschichte ist witzig geschrieben, sie scheut sich nicht vor Obszönem, das jedoch nie obszön daher kommt, sondern das so skurril erzählt wird, daß es einfach nur zum Lachen reizt. Bei aller Unterhaltsamkeit, die Roth uns mit seinem Werk gönnt, ist der Roman jedoch an keiner Stelle seicht ober oberflächlich, im Gegenteil denke ich, man kann ihn (und dies wird wohl auch geschehen sein) in extenso interpretieren und deuten.

Obwohl also schon nicht mehr ganz frisch, kann ich jedem, der sich intelligent unterhalten lassen möchte, diesen Roman nur ans Herz legen.

Philip Roth
Portnoys Beschwerden
Übersetzt ins Deutsche von Kai Molvig
Originalausgabe: Portnoy’s Complaint, NY, 1969
diese Ausgabe: Deutsche Buchgemeinschaft, HC, ca. 250 S., (nach der Ausgabe bei Rowohlt von 1970)

 

Carmen Korn: Zeiten des Aufbruchs

Carmen Korns Romantrilogie um die vier Hamburger Frauen Henny Lühr, Else Godhusen, Lina Peters und Ida Yan wird vom Verlag etwas doppeldeutig als „Jahrhundert-Trilogie“ beworben. Daß diese drei Romane ein Jahrhundert überstreichen sei unbestritten (auch wenn der dritte Band noch aussteht), ob sie aber auch eine Trilogie sind, die vom Niveau her so anspruchsvoll ist, daß sie mehr als eine Eintagsfliege sein wird, muss sich noch erweisen. Ich deute es hier an, ich habe meine Zweifel (trotz des offensichtlichen Verkaufserfolgs) daran.

Den ersten Band Töchter einer neuen Zeit (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/27/carmen-korn-toechter-einer-neuen-zeit/) hatte ich neulich hier vorgestellt, der hier beschriebene zweite Teil schließt nahtlos an. Korn hat den allermeisten ihrer Figuren einen ‚guten‘ Ausgang gegönnt: sie haben den Krieg mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Selbst von der verschwundenen Käthe, die ja von Hennys Mann denunziert worden war, gibt es eine ‚Sichtung‘, auch von Rudi, ihrem Mann, der in russische Gefangenschaft gekommen ist, traf ein Lebenszeichen ein.

Zeiten des Aufbruchs umfasst einen Zeitraum von ca. 20 Jahren, von 1948 bis zu den Studentenunruhen der Jahre 1968/69. Es geht aufwärts, auch für die Protagonisten, die Zeiten werden besser, auch für Käthe und Rudi, die – niemand wird dies überraschen – schließlich wieder zurückkehren und den Kosmos um die vier Frauen komplettieren. Es ist müßig, hier in dieser Buchvorstellung auf die Handlung einzugehen, die Geschichte, die nach wie vor viele Figuren hat (möglicherweise noch mehr als der erste Band) ist eine Art Parforceritt durch die bundesrepublikanischen Anfangsjahre: Währungsreform, Bundeswehr, Wiederbewaffnung, Atomwaffen, Strauß, Adenauer, Brandt, Berlin-Blockade, Kubakrise, Kennedy-Attentat, 17. Juni, Ungarn, Sturmflut in Hamburg… um nur einige Stichworte zu nennen, die mir jetzt nach der Lektüre noch einfallen. Aber vielmehr ist bei Korn auch nicht zu lesen, sie hetzt mit ihrer Handlung durch die Jahre, als ob es kein Morgen gäbe… Dabei beschreibt sie soch die meisten ihrer Hauptfiguren als TV-Verweigerer, die gerne zusammen sitzen und Wein trinken (über dessen Provenienz wir jeweils aufgeklärt werden…) und die dabei genügend Gelegenheiten gehabt hätten, über solche Ereignisse zu diskutieren…

Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch diesen Mittelband der Trilogie zieht, dann ist es zum einen die Liebe der Autorin (?) zum Jazz, der sie in der Figur des Klaus, dem Sohn Hennys aus zweiter Ehe, frönt. Dieser ist Radiomann geworden und moderiert dort im NWDR (bzw. später dann seinem nordischen Nachfolger) Jazzsendungen, auch privat ist er mit dem Jazzmusiker und -komponisten Alex liiert. Eine Beziehung, die sehr heimlich gelebt werden muss, denn noch gibt es den Paragraphen des 17. Mai, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und die Betroffenen gesellschaftlich vernichtet. Dies und die heimtückische Krankheit von Alex bilden eine Art zweiten roten Faden durch das Buch.

Was sind sie alle so gut, die Gutheit der Figuren ist manchmal kaum zu ertragen! Wenn da nicht ein Ernst Lühr wäre, der einem aber in seinem Schwulenhass fast schon wieder leid tun kann… ok, auch die Figur der Ida hat ihre Brüche, aber zum Bruch selbst läßt es Korn nicht kommen und Florentine mit ihrer exotischen Ausstrahlung, ein Erbteil ihres Vater Tian, mit dem Ida jetzt verheiratet ist, bringt als Fotomodel so ein wenig die große, weite Welt mit ihrem Glamour ins Buch…

Am Ende der Geschichte gehen die Hauptfiguren des ersten Bandes auf das Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts zu. Die berufliche Karrieren hat sich schon oder ist dabei, sich dem Ende zuzuneigen: das Alter steht vor der Tür, während draußen die Jugend rebelliert und in der BRD Brandt Kanzler geworden ist und der Paragraph 175 abgeschafft wurde. Was natürlich nicht verhindert, daß ein männliches Pärchen in der Öffentlichkeit Hamburgs (und nicht nur dort) immer noch schief angesehen wird…


Die Taschenbuchausgabe des Romans hat ca. 600 Seiten, von denen man beim Lesen prinzipiell hie und da beruhigt einige Seiten überschlagen könnte. Möglicherweise versäumt man dann ein paar Fakten, aber das ist für den Wiedereinstieg kaum ein Problem, da der Roman so unruhig und unstetig geschrieben ist, daß man das Fehlen überlesener Seiten nicht weiter merkt [diese Anmerkung bedeutet nicht, daß ich das Überblättern auch empfehle….] Korn gönnt ihren Figuren nämlich fast immer nur wenige Seiten, bevor sie wieder zu anderen Schauplätzen wechselt, es geht hin und her, ein Lesefluss stellt sich nur selten ein. Diese erwähnten stichwortartigen Hinweise auf politische und/oder gesellschaftliche Daten passt in diesen Rahmen. So bleibt alles sehr an der Oberfläche, und mag auch bei älteren Lesern durch die Beschränkung auf eine bloße Erwähnung doch so manche Erinnerung angetriggert werden, so können jüngerer Leser selbst davon nicht profitieren… die Hamburger, die können dem Roman wahrscheinlich mehr entnehmen, denn wie schon der erste Band ist auch Teil 2 eine kleine Hommage und Erinnerung an die vergangenen Zeiten dieser Stadt.

… und mir bleibt am Ende des Romans die Frage, ob ich aus systematischen Gründen auch noch den dritten Teil des Kornschen Werkes lesen soll oder ob ich mir sage, mein Restleben ist zu kurz, um dafür Zeit zur Verfügung zu stellen… Summa summarum, um zum Ende zu kommen, war und bin ich von diesem Mittelteil der Trilogie Korns enttäuscht worden.

Carmen Korn
Zeiten des Aufbruchs
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 600 S., 2018 (mit Glossar und Personenverzeichnis)

Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.