Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

Philip Roth: Portnoys Beschwerden

Philip Roth, einer der wichtigsten der Nicht-Nobelpreisträger (wobei diese Auszeichnung ja im letzten Jahr heftig beschädigt worden ist…) hat viele wichtige Bücher geschrieben, ein paar sehr wenige davon habe ich im Lauf der Jahre hier im Blog vorgestellt [Mein Leben als Sohn; Jedermann – Everyman und Der menschliche Makel]. Wenngleich Roth schon 1950 den National Book Award zugesprochen bekam, wurde er einer großen Öffentlichkeit weltweit wohl durch das vorliegende Werk Portnoys Beschwerden [Portnoy’s Complaints], das im Original 1969 veröffentlicht wurde und schon ein Jahr später in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen war, bekannt. Die von mir gelesene und im nachfolgenden vorgestellte Buchclubausgabe beruht auf der ersten Übersetzung von Kai Molvin, der später dann noch eine Übersetzung von Werner Schmitz folgen sollte. Beide Übersetzung werden jedoch, so steht es geschrieben [https://de.wikipedia.org/wiki/Portnoys_Beschwerden], als …“gute und verlässliche, aber mit Notwendigkeit je unvollkommene Arbeit…“ bezeichnet.

Das der Roman so erfolgreich wurde, ist nicht verwunderlich. Oder vielleicht doch, denn im Grunde ist das ganze Buch eine einziger Monolog, den der 1933 geborene Alexander Portnoy auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel hält, der selber nur an einer einzigen Stelle im Roman, auf der letzten Seite, persönlich in Erscheinung tritt, als er nämlich vorschlägt: Dann wollen wir mal anfangen. Ansonsten gibt es wenige Stellen im Text, in denen der monologisierende Portnoy sein Gegenüber direkt anspricht.

Was soll man zu diesem Roman schreiben? Sagen wir einfach was zur Person Portnoys. Dieser wurde 1933 geboren als Sohn jüdischer Eltern, der in einem jüdischen Viertel New Yorks aufwächst. Der Vater, ähnlich wie der Vater des Autoren, ist als Versicherungsvertreter im Aufschwatzen von Versicherungen auch an Menschen, die gar nicht wissen, was das ist, so erfolgreich, daß er von diesem Posten nie wegbefördert wird. Ansonsten leidet er unter chronischer Obstipation, gegen die er mit strenger Diät vorgeht. Wie auch sein Sohn steht er im Schatten der Mutter, die wie eine Karikatur jüdischer Mütter alles vereinnahmend unumschränkt über die Familie herrscht bis hin zu Handlungen, die heutzutage als sexuell übergriffig gewertet würden, sicherlich aber auch seinerzeit schon aus dem Rahmen des Üblichen fielen. Aus dieser heiklen Konstellation entwickelt Roth köstlich-beklemmende Szenen, wenn etwa die Mutter durch tätige Mithilfe dem Sohn beibringt, wie ein Mann im Stehen zu Pinkeln…

Der Sohn, nämlicher Alexander, Bruder einer älteren Schwester, fühlt sich zunehmend bedrängt von dieser Mutter, von dem jüdischen Leben der Familie, von den Einschränkungen und Massregelungen – und von seiner erwachenden Sexualität. Sein Protest gegen diese Zwänge ist ein von ihm proklamierter Atheismus, der sich an kommunistischen Idealen orientiert und die exzessive Extremmasturbation, nachdem er das entsprechende Alter erreicht hat. Auch bei letzterem weiß Roth dem Akt die peinliche Note weitgehend zu nehmen und ihn in ein groteske Slapstickstück zu wandeln: beispielsweise läßt er Alex während des gemeinsamen Mittagsessens der Familie unter der fadenscheinigen Entschuldigung eines diarrhörischen Anfalls aufspringen und aufs Klo rennen. Dort, mit einer über den Kopf gezogenen getragenen Unterhose seiner Schwester, deren BH er zwischen Türklinke und einem Haken aufgespannt hat, befriedigt er sich. Im Rubbelwahn sieht er sogar deren Brüste wackeln, doch es ist nur die Mutter, die an der Klinke rüttelt, nach dem kranken Sohn (hat er unkoscher gegessen? Schweinefleisch?) zu sehen. Während sie also diesen auffordert, seine Hinterlassenschaft nicht in die Kanalisation zu spülen, sie wolle sie kontrollieren, murrt im Hintergrund lautstark der Vater, der gerade jetzt auf die vom onanierenden Sohn blockierte Toilette könnte und wollte…. von solchen absurden Szenen gönnt uns Roth eine ganze Menge.

WEIL IHR VERDAMMTEN JÜDISCHEN MÜTTER EINFACH NICHT ZU ERTRAGEN SEID.

Alexander Portnoy ist sehr intelligent, weit über MENSA-Eingangsniveau. So ist er beruflich (biografisch überspringe ich jetzt viel) durchaus erfolgreich, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist immer so hilflos wie ein Säugling. Wobei es in Portnoys Fall nicht wirklich um die Eltern geht, sondern um die Mutter, die ihren Sohn wie ein Dibbuk in den Klauen hält und der alle dessen Versuche, ihr zu entkommen, nichts anhaben können. Der Versuche sind es viele, der Unglaube ist einer davon, das Masturbieren ein anderer, der sich mit zunehmendem Alter immer stärker entwickelnde Drang, Schicksen an die Brüste und unter die Unterwäsche zu gehen, ein anderer. Auch dies schildert Roth in einer Art und Weise, daß man beim Lesen nicht weiß, ob man Lachen oder Weinen soll, daß sich bei Portnoy eine ausgewachsene Beziehungsunfähigkeit aufgebaut hat, muss wohl kaum betont werden… Wie auch immer, letztlich landet Alex beim „Äffchen“, einem Unterwäschemodel, das weniger durch intellektuelle Leistungen als mehr durch eine hemmungslose Sexualität auffällt. Aber selbst diese so lang von Alex erträumte Konstellation endet nicht glücklich, sondern mit einer Suiziddrohnung.

In Israel schließlich, einem Land voller Juden, einem Land, in dem eigentlich glücklich sein sollte, nein, auch dort klappt es nicht. Die hysterische Angst vor einem Schanker, den er sich beim flotten Dreier in Rom mit Äffchen und einer Prostituierten zugezogen haben könnte, lähmt den Hauptdarsteller seiner Fantasien, der einfach weiter abhängt und seinen Dienstantritt bei der Leutnantin der israelischen Armee verweigert….


Roth zeichnet Portnoy als tragische Figur, die sich nie von dem Unglück, eine jüdische Mutter zu haben, lösen kann. Hat diese ihn als Jüngling und jungen Mann in eine Art Sexsucht getrieben, führt sie später zu seiner Impotenz. Denn nie kommt Portnoy gegen das Gefühl der Scham auf, gegen Schuldgefühle und auch gegen die Angst, für seine exzessive Lust bestraft zu werden, nicht zuletzt seine fast schon manische Fixierung auf Schicksen, von denen er eine sogar mal nach Hause mitbringt, um ihr jüdisches Leben zu zeigen.

Dieses jüdische Leben zeigt eine Familie, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darauf bedacht ist, das Jüdische an ihre Kinder weiterzugeben. Es ist auch für uns Leser der Hintergrund der Geschichte. Als Kind noch unterwirft sich Alex diesem Ideal, später rebelliert er dagegen, fühlt sich andererseits als Jude anderen überlegen. Es ist daher für ihn selbstverständlich, daß eine Schickse, wollte sie von ihm geheiratet werden, zum jüdischen Glauben konvertiert, was diese jedoch natürlich ablehnt – dahin die Beziehung. Überhaupt ist Portnoy unfähig, Beziehungen einzugehen. Das Äffchen beispielsweise ist für ihn nur eine Spielwiese für seine erotischen Bedürfnisse, eine Ehe, die sich die Frau insgeheim wünscht, für ihn unvorstellbar. So ist es wenig verwunderlich, daß die jüdische Leutnantin ihn nach seinem verunglückten Vergewaltigungsversuch (den sie, die ihm körperlich überlegen ist, locker abwehrt) einfach nur als „Schwein“ tituliert, das sich selbst hasst.

In seinem Monolog bietet Portnoy vielfache Interpretationen seines Handelns, seiner Gedanken, seiner Süchte. Spielvogel, sein Psychiater, dagegen bleibt stumm, er läßt seinen Patienten schwadronieren, ihn gedanklich hin- und herspringen, der biographische Pfeil Portnoys weist daher kleiner Schleifen auf. Die ganze Geschichte ist witzig geschrieben, sie scheut sich nicht vor Obszönem, das jedoch nie obszön daher kommt, sondern das so skurril erzählt wird, daß es einfach nur zum Lachen reizt. Bei aller Unterhaltsamkeit, die Roth uns mit seinem Werk gönnt, ist der Roman jedoch an keiner Stelle seicht ober oberflächlich, im Gegenteil denke ich, man kann ihn (und dies wird wohl auch geschehen sein) in extenso interpretieren und deuten.

Obwohl also schon nicht mehr ganz frisch, kann ich jedem, der sich intelligent unterhalten lassen möchte, diesen Roman nur ans Herz legen.

Philip Roth
Portnoys Beschwerden
Übersetzt ins Deutsche von Kai Molvig
Originalausgabe: Portnoy’s Complaint, NY, 1969
diese Ausgabe: Deutsche Buchgemeinschaft, HC, ca. 250 S., (nach der Ausgabe bei Rowohlt von 1970)

 

Carmen Korn: Zeiten des Aufbruchs

Carmen Korns Romantrilogie um die vier Hamburger Frauen Henny Lühr, Else Godhusen, Lina Peters und Ida Yan wird vom Verlag etwas doppeldeutig als „Jahrhundert-Trilogie“ beworben. Daß diese drei Romane ein Jahrhundert überstreichen sei unbestritten (auch wenn der dritte Band noch aussteht), ob sie aber auch eine Trilogie sind, die vom Niveau her so anspruchsvoll ist, daß sie mehr als eine Eintagsfliege sein wird, muss sich noch erweisen. Ich deute es hier an, ich habe meine Zweifel (trotz des offensichtlichen Verkaufserfolgs) daran.

Den ersten Band Töchter einer neuen Zeit (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/27/carmen-korn-toechter-einer-neuen-zeit/) hatte ich neulich hier vorgestellt, der hier beschriebene zweite Teil schließt nahtlos an. Korn hat den allermeisten ihrer Figuren einen ‚guten‘ Ausgang gegönnt: sie haben den Krieg mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Selbst von der verschwundenen Käthe, die ja von Hennys Mann denunziert worden war, gibt es eine ‚Sichtung‘, auch von Rudi, ihrem Mann, der in russische Gefangenschaft gekommen ist, traf ein Lebenszeichen ein.

Zeiten des Aufbruchs umfasst einen Zeitraum von ca. 20 Jahren, von 1948 bis zu den Studentenunruhen der Jahre 1968/69. Es geht aufwärts, auch für die Protagonisten, die Zeiten werden besser, auch für Käthe und Rudi, die – niemand wird dies überraschen – schließlich wieder zurückkehren und den Kosmos um die vier Frauen komplettieren. Es ist müßig, hier in dieser Buchvorstellung auf die Handlung einzugehen, die Geschichte, die nach wie vor viele Figuren hat (möglicherweise noch mehr als der erste Band) ist eine Art Parforceritt durch die bundesrepublikanischen Anfangsjahre: Währungsreform, Bundeswehr, Wiederbewaffnung, Atomwaffen, Strauß, Adenauer, Brandt, Berlin-Blockade, Kubakrise, Kennedy-Attentat, 17. Juni, Ungarn, Sturmflut in Hamburg… um nur einige Stichworte zu nennen, die mir jetzt nach der Lektüre noch einfallen. Aber vielmehr ist bei Korn auch nicht zu lesen, sie hetzt mit ihrer Handlung durch die Jahre, als ob es kein Morgen gäbe… Dabei beschreibt sie soch die meisten ihrer Hauptfiguren als TV-Verweigerer, die gerne zusammen sitzen und Wein trinken (über dessen Provenienz wir jeweils aufgeklärt werden…) und die dabei genügend Gelegenheiten gehabt hätten, über solche Ereignisse zu diskutieren…

Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch diesen Mittelband der Trilogie zieht, dann ist es zum einen die Liebe der Autorin (?) zum Jazz, der sie in der Figur des Klaus, dem Sohn Hennys aus zweiter Ehe, frönt. Dieser ist Radiomann geworden und moderiert dort im NWDR (bzw. später dann seinem nordischen Nachfolger) Jazzsendungen, auch privat ist er mit dem Jazzmusiker und -komponisten Alex liiert. Eine Beziehung, die sehr heimlich gelebt werden muss, denn noch gibt es den Paragraphen des 17. Mai, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und die Betroffenen gesellschaftlich vernichtet. Dies und die heimtückische Krankheit von Alex bilden eine Art zweiten roten Faden durch das Buch.

Was sind sie alle so gut, die Gutheit der Figuren ist manchmal kaum zu ertragen! Wenn da nicht ein Ernst Lühr wäre, der einem aber in seinem Schwulenhass fast schon wieder leid tun kann… ok, auch die Figur der Ida hat ihre Brüche, aber zum Bruch selbst läßt es Korn nicht kommen und Florentine mit ihrer exotischen Ausstrahlung, ein Erbteil ihres Vater Tian, mit dem Ida jetzt verheiratet ist, bringt als Fotomodel so ein wenig die große, weite Welt mit ihrem Glamour ins Buch…

Am Ende der Geschichte gehen die Hauptfiguren des ersten Bandes auf das Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts zu. Die berufliche Karrieren hat sich schon oder ist dabei, sich dem Ende zuzuneigen: das Alter steht vor der Tür, während draußen die Jugend rebelliert und in der BRD Brandt Kanzler geworden ist und der Paragraph 175 abgeschafft wurde. Was natürlich nicht verhindert, daß ein männliches Pärchen in der Öffentlichkeit Hamburgs (und nicht nur dort) immer noch schief angesehen wird…


Die Taschenbuchausgabe des Romans hat ca. 600 Seiten, von denen man beim Lesen prinzipiell hie und da beruhigt einige Seiten überschlagen könnte. Möglicherweise versäumt man dann ein paar Fakten, aber das ist für den Wiedereinstieg kaum ein Problem, da der Roman so unruhig und unstetig geschrieben ist, daß man das Fehlen überlesener Seiten nicht weiter merkt [diese Anmerkung bedeutet nicht, daß ich das Überblättern auch empfehle….] Korn gönnt ihren Figuren nämlich fast immer nur wenige Seiten, bevor sie wieder zu anderen Schauplätzen wechselt, es geht hin und her, ein Lesefluss stellt sich nur selten ein. Diese erwähnten stichwortartigen Hinweise auf politische und/oder gesellschaftliche Daten passt in diesen Rahmen. So bleibt alles sehr an der Oberfläche, und mag auch bei älteren Lesern durch die Beschränkung auf eine bloße Erwähnung doch so manche Erinnerung angetriggert werden, so können jüngerer Leser selbst davon nicht profitieren… die Hamburger, die können dem Roman wahrscheinlich mehr entnehmen, denn wie schon der erste Band ist auch Teil 2 eine kleine Hommage und Erinnerung an die vergangenen Zeiten dieser Stadt.

… und mir bleibt am Ende des Romans die Frage, ob ich aus systematischen Gründen auch noch den dritten Teil des Kornschen Werkes lesen soll oder ob ich mir sage, mein Restleben ist zu kurz, um dafür Zeit zur Verfügung zu stellen… Summa summarum, um zum Ende zu kommen, war und bin ich von diesem Mittelteil der Trilogie Korns enttäuscht worden.

Carmen Korn
Zeiten des Aufbruchs
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 600 S., 2018 (mit Glossar und Personenverzeichnis)

Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

 

 

Anne Tyler: Launen der Zeit

Die amerikanische Autorin Anne Tyler, 1989 mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet (http://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year/1989; eine Würdigung, die der Verlag auf seiner Autorenseite kurzerhand in das Jahr 1988 vorverlegt hat, er wird seine Gründe dafür haben…. https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/anne-tyler/) war mir bis dato unbekannt. Dabei ist die in Baltimore lebende Anne Tyler eine produktive Schriftstellerin, auf der schon zitierten Autorenseite wird die Zahl von zweiundzwanzig Romanen angegeben. Nun ja, man kann nicht alles und jede/-n kennen und das hat sich ja nun auch mit diesem Roman geändert.


2013 erschien in der ZEIT eine lesenswerte Würdigung der Autorin (Ilka Piepgras: Der Wert des Schweigens; in: https://www.zeit.de/2013/11/Schriftstellerin-Anne-Tyler-Gegenwartsliteratur/komplettansicht), in der ich vieles, was den vorliegenden Roman angeht, wieder erkannt habe, Tyler ist ganz offensichtlich ihrem Sujet treu geblieben. Es geht um Familie, um Geborgenheit, um Beziehungen, um das komplexe Leben miteinander, um die Frage auch, wie man mich in dieser Familienstruktur platziert. ‚Man‘ ist in diesem Fall Willa, die wir als elfjähriges Mädchen kennenlernen, im Jahr 1967. Sie leidet mit ihrer jüngeren Schwester Elaine (und ihrem Vater) unter der Sprunghaftigkeit, der Unzuverlässigkeit der Mutter, die hin und wieder einfach verschwindet, nicht mehr da ist und die so in den Kindern Angst hervorruft, was dieser, was jeder anbrechende Tag bringen mag. Kommt sie wieder, wann und in welcher Stimmung ist sie dann? Zusammen mit dem ruhigen und leisen Vater überbrücken sie diese Zeit der Verlorenheit, bis die Mutter dann wieder da ist als ob nichts gewesen wäre.

Damit hat mich Tyler – ich muss es zugeben – anfangs in die Irre geführt, dachte ich doch, es ginge um eine ’normale‘ Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dem ist nicht so. Dafür sind die Sprünge, in denen Tyler durch das Leben ihrer Protagonistin zieht, zu groß. So begegnen wir Willa im nächsten Abschnitt erst zehn Jahre später als Studentin wieder, die mit ihrem Freund Derek zusammen ist und diesen mit zu ihrer Familie nimmt. Die beiden sind heftig verliebt, Derek macht Willa einen Antrag, sie zögert, aber als Verlobte betrachten sie sich, aber dieses Vorhaben wird von den Eltern Willas nicht gutgeheißen. Sie wollen, daß Willa ihre Ausbildung fertig macht, aber letztlich ist der Zug zu Derek stärker, die Fassade der Freundlichkeit, die den Besuch bei Willas Eltern dato beherrschte, bricht zusammen…

Wieder ein großer Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, Derek und Willa haben zwei Söhne, Sean und Ian. Derek ist beruflich erfolgreich, Willa, jetzt Anfang vierzig, hat nach ihrer frühen Schwangerschaft nie fertig studiert. Ein wenig aufbrausend ist ihr Derek, wäre es gelassenere gewesen, wäre es nie zu diesem schlimmen Unfall gekommen. Jetzt steht Willa allein mit ihren Söhnen da, denen sie in Erinnerung an ihre eigene Kindheit immer versucht hat, eine unauffällige Mutter zu sein, bei der man keine Überraschungen zu befürchten hat, die verlässlich ist, die sich selbst zurücknimmt als Person. Der Verlust ihres Mannes wiegt schwer, nur langsam schafft es Willa, aus ihrer Trauer heraus wieder ein aktives Leben zu führen.

Im (so möchte ich sagen) Hauptteil des Romans, der dann ins Jahr 2017 gelegt ist, finden wir Willa erneut als Ehefrau wieder. Peter ist Rechtsanwalt, hat sich weitgehend aus seiner Kanzlei zurückgezogen und frönt in der Hauptsache dem Golfen, einer Tätigkeit, der Willa nichts abgewinnen kann. Und in Tucson, wohin das Paar der guten Golfbedingungen wegen hin gezogen ist, ist ein Kaktus ihr bester Freund. Auch in dieser Ehe sind die Verhältnisse klar, für Peter ist Willa ein ‚Kleines’…

Ein Anruf als Baltimore (der Stadt in der auch die Autorin lebt) sollte dies ändern, auch wenn das natürlich nicht von Anfang an absehbar ist. Denise, eine Verflossene von Willas Sohn Sean, ist angeschossen worden, die neunjährige Tochter Cheryl muss betreut werden und die damit völlig überforderte Nachbarin hat ausgerechnet die Telenonnummer von Willa auf einem Notizzettel in Denises Wohnung gefunden und diese in der Annahme, sie sei die Oma, angerufen und um Hilfe, vor allem aber Ablösung bei der Kinderbetreuung, gebeten.

Warum eigentlich nicht? Sie hat ja sonst nichts zu tun… Willa entschließt sich, nach Baltimore zu fliegen, Peter versteht das zwar nicht, aber da Willa in seinen Augen ja doch unselbstständig ist, fliegt er kurzentschlossen mit. In Baltimore finden die beiden sozusagen das richtige Leben vor: einen Mikrokosmos von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, von liebenswürdig bis seltsam, sozusagen eine richtige kleine Lindenstraße (obwohl ich mich bei diesem Vergleich auf dünnem Eis bewegen, habe ich doch keine einzige Folge dieser Serie gesehen…). Peter ist und bleibt ein Fremdkörper in diesem Biotop, während Willa sich im Lauf der Tage immer wohler fühlt. Sie organisiert, kauft ein, kocht, versteht sich blendend sowohl mit der ‚Enkel’tochter Cheryl als auch mit dem Hund des Hauses.

Willa hat bei Denise und Cheryl eine Aufgabe gefunden, sie stellt sich den Herausforderungen dieses speziellen Alltags, in den sie hineingeraten ist, und in demselben Maß, in dem sie zunehmend Handlungskompetenz gewinnt, tritt der innerliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben als Peters Frau (und auch als Seans und Ians Mutter) hervor und in den Telefonaten mit Peter, der inzwischen entnervt zurück nach Tucson geflogen war, verläuft der Heilungsprozess von Denises Schusswunde sehr, sehr langsam…


Launen der Zeit ist ein hübscher, kleiner Roman über eine Frau, die erst in fortgeschrittenem Alter zu sich selbst findet. Tyler vermittelt uns in den einzelnen Abschnitten prägende Epochen oder Ereignisse dieses Lebens. Die Kindheit, geprägt durch die Sprunghaftigkeit der Mutter, die nie das Gefühl einer schützende Sicherheit und Geborgenheit bei den Kindern entstehen ließ; der Flug mit Derek zu den Eltern, auf dem Willa ein schlimmes Erlebnis hatte, das ihr aber niemand glaubte, man gab ihr eher das Gefühl, ein kleines Dummchen zu sein; dann dieser schlimme Unfall, der sie zwang, ihr Leben neu zu organisieren, was offensichtlich in einer weiteren Ehe mündete, in der sie wiederum unselbstständig die ‚Kleine‘ war, die sich unterzuordnen hatte. Von ihrem Mann als Spleen abgetan, findet Willa jedoch in dieser seltsamen Konstellation als Pseudo-Großmutter etwas, was sie bisher noch nicht erlebt hatte: Menschen, die sie so nahmen, wie sie ist, die sie akzeptierten, die ihr Erfolgserlebnisse vermittelten und die sie emotional einhüllten.

Es geht in dem Roman um Willa, die anderen Figuren werden nur insoweit dargestellt, wie sie für Willas Geschichte wichtig sind. Das läßt Fragen offen, die einen interessieren würden, warum beispielsweise ist Elaine, Willas Schwester, so schroff geworden, oder auch nach den Söhnen, die kein besonders inniges Verhältnis zur Mutter zu haben scheinen, obwohl Willa sich die große Mühe gegeben hatte, gerade anders zu sein wie ihre eigene Mutter, um den Kindern eine ‚gute‘ Kindheit zu geben….

Tyler schreibt in diesem flüssigen Erzählstil, der einem beim Lesen mitnimmt. Es gibt keine tiefgründigen philosophischen Gedankengänge zu ergründen, alles ergibt sich automatisch aus den Schilderungen der jeweiligen Situationen und den vielen Dialogen, die die Lektüre der Geschichte kurzweilig machen. Es entsteht in der Tat so eine Atmosphäre, als ob man ‚dabei‘ sei, mittendrin, wie im Film sich eine Kameraeinstellung von oben in eine Situation hineinzoomt, bis man ‚drin‘ ist. Tylers Bücher sind Gratwanderungen, denn mit Rechtschaffenheit geht schnell Biederkeit einher, mit Häuslichkeit spießige Behaglichkeit schreibt Piepgras  in ihrem Aufsatz, konstatiert aber, daß Tyler diese Gratwanderung gelingt, insofern sollten ihre Geschichte auch einen Blick freigeben auf die Gesellschaft des amerikanischen Alltags. Gilt dies auch für diesen neuen Roman? Ich kann es nicht sagen, ich kann nur festhalten, daß mir automatisch der Begriff „eine nette Geschichte“ zu Willas Schicksal in den Sinn kam, eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Das Ende von Willas Geschichte läßt Tyler unentschieden, im wahrsten Sinne des Wortes: ihr stehen auf einmal viele Möglichkeiten offen, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Dazu ist es, dies kann man auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen, nie zu spät.

Anne Tyler
Launen der Zeit
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Originalausgabe: Clock Dance, NY, 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.