Mit diesem Roman hat hat die 1984 in Baku (Aserbeidschan) geborene Autorin Olga Grjasowa [1] ein beachtliches, ein beachtetes Debüt vorgelegt. Auch wenn der Titel für sich genommen einen leicht romantischen Einschlag hat und so möglicherweise in die Irre füht, denn der Roman handelt nicht von Russen, die ’nur‘ indirekt eine Rolle spielen und ebenso nicht von Birken. Es ist im Gegenteil ein tieftrauriger, ein tragischer, ein bewegender, aufwühlender Roman, der das Leben einer schwer traumatisierten jungen Frau zum Thema hat. Birken als Symbol der russischen Seele (dem Buch ist ein entsprechendes Zitat von Tschechow aus Drei Schwestern vorangestellt),Birken auch als altes Symbol für Reinigung, Erneuerung oder Neuanfang –  inwieweit sich damit ein Bezug auf Inhalt des Romans interpretieren läßt, mag jeder für sich entscheiden.

Wie die Autorin ist ebenso die Protagonistin des Romans in Baku als Tochter aus einer russisch-jüdischen Ehe gebürtig, wie diese kam sie Mitte der neunziger Jahre als Kontingentflüchtling [3] nach Deutschland. Insofern liegt die Vermutung auf der Hand, daß Grjasnowa in Der Russe… persönliche Erfahrungen mit eingebracht hat, ohne daß dies selbstverständlich als autobiographisch gedeutet werden muss. Die angedeuteten Lebensumstände bilden jedenfalls den Hintergrund des persönlichen Schicksals der zentralen Figur Maria (‚Mascha‘) Kogan, die – und damit beginnt der Roman – in einer Beziehung mit Elias, einem deutschen Fotografen, lebt.


Hintergrund…. welch ein beschönigender Begriff.

Hintergrund bedeutet in diesem Fall, daß  die junge Frau als Kind die Schrecken der Kriege und Auseinandersetzungen, die Ende des letzten Jahrhunderts im Kaukasus herrschten (Stichworte: Armenien, Aserbeidschan [2] und Berg-Karabach), miterlebt hat. Miterlebt hat, wie vor ihr, dem Kind, auf der Straße eine mit einem hellblauen Unterkleid angetane junge Frau aus der Höhe auf das Pflaster klatschte…  miterlebt hat, wie Schrecken und Terror jeden Tag zunahmen, miterlebt hat, wie der Vater, ein Russe, zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Volksgruppen geraten war und sein Lebensziel verlor… miterlebt hat, daß das ganze Leben in drei Koffer zu packen war, mit denen man in dieses unbekannte Land, dessen Sprache man nicht sprach, dessen Lieder man nicht sang, fliehen musste… miterlebt hat, daß das, was man in diese drei Koffer gepackt, in diesem Land zu nichts nutze war… miterlebt hat, wie der Vater, in der Vergangenheit ein angehende Kosmonaut, in Deutschland zerbrach,….


Es gab ein Kind und es gab einen Vater. Der Vater wollte das Kind in Sicherheit bringen. Bis zu Großmuttters Wohnung mussten sie zehn Minuten lang laufen. Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug. Das Blut rann langsam bis zu den Kinderschuhen und die Schuhspitzen des Mädchens färbten sich rot.  

Vater hatte aufgegeben, von einem Tag auf den anderen. Er freundete sich nicht mit anderen Menschen an, ging kaum aus dem Haus. Nur manchmal, um an den Tankstellen die Benzinpreise zu vergleichen..

Mein Lieblingsspiel hieß damals Nachrichten und ging  in etwa so: Man teilt den Park untereinander auf und versucht sich gegenseitig das Territorium abzujagen. Mit allen Mitteln, so wie in den Nachrichten, die damals direkt nach den Zeichentrickfilmen gezeigt wurden. Wir spielten Nationale Front. wir spielten Krieg. 


Wundern die Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Land? Wundert es, daß das junge Mädchen jahrelang fast nicht sprach, daß sie Gedanken hatte, dem Leben ein Ende zu bereiten? Wundert es, daß sie Aussenseiterin war, Opfer? Bis sie schließlich eines Tages beschloss, sich zu wehren… sie wurde von der Schule verwiesen, ging auf eine andere, zog von zu Hause aus und mit Sibel zusammen in eine Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt war sie siebzehn Jahre alt. Nun sprach ich fünf Sprachen fließend und ein paar andere wie die Ballermann-Touristen Deutsch… resümiert sie ihre Erinnerungen an ihre Schulzeit, als sie in der Krankenhauskantine die dünne Suppe löffelt. Sie besucht Elias, Elischa, ihren Freund, der sich beim Fussballspielen den Oberschenkel gebrochen hat. Es gibt Komplikationen, die Operationswunde heilt nicht gut, Elias muss, nachdem er dann doch irgendwann nach Hause entlassen worden war, mit dem Notarzt wieder ins Krankenhaus, aber er stirbt. Maschas einziger emotionaler Halt im Leben stirbt.

Was nun folgt, ist die Schilderung eines Lebens, das auf ein schlimmes Ende hin zusteuert. Teilweise versagt ihr Körper Mascha den Dienst, ihre seelische Krankheit, die tiefen, tiefen Wunden, die sie in der Seele mit sich trägt, drängen danach, sich auch körperlich zu zeigen. Suizidale Gedanken, Todessehnsucht verspürt sie. Möglicherweise würde sie einfach verhungern, wenn nicht ihre Mutter sie versorgte…. Nur schwierig können Freunde sie zu Aktivitäten motivieren. Zwar macht sie letztlich ihre Dolmetscherprüfung, nutzt jedoch jede sich bietende Gelegenheiten, der Welt zu entfliehen. Wird ihr ein Joint angeboten, ergreift sie ihn, sie schläft mechanisch mit ihrem Dozenten, den sie am anderen Tag darum bittet, ihr einen Job in Israel zu besorgen.

Mascha ist durch ihre jüdische Mutter Jüdin, sie lebt diese Religion jedoch nicht. Die Gebete, die Rituale, sind ihr fremd. Sie spricht Arabisch, Hebräisch nicht. So fällt sie bei der Einreise in Israel sofort auf, wird als terrorverdächtig herausgefischt. Israel ist ihr Land, ist es ihr Land? Es bleibt offen, warum sie nach Israel wollte. Sind sie Claude Lanzmann? fertigt sie ihren Dozenten ab, der sie danach fragt. Sie hat Verwandte dort, aber der Kontakt zu ihnen trägt nicht. Die Arbeit, die sie als Dolmetscherin bei einer NGO angenommen hat, ist leicht und läßt ihr viel Freiraum. Immer wieder brodeln Erinnerungen an Elias nach oben, immer stärker kommt Verdrängtes an die Oberfläche, die Frau im blauen Unterkleid wird immer deutlicher. Das Blut. Der aufgeplatzte Unterleib. Es hört nie auf. Selbstvorwürfe, daß sie, Mascha, verantwortlich sei für den Tod Elischas… warum hat sie damals, warum hat sie damals nicht….

Sie lernt Ori kennen, mit dem sie einmal schläft, eher aus einem Irrtum heraus. Über Ori macht sie Bekanntschaft mit dessen Schwester Tal, einer politischen Aktivistin, der sie bald verfällt, ohne daß ihre Zuneigung von Tal erwidert wird. Im Gegenteil ist ihr bewußt, daß Tal sie ausnutzt, die letzte Kraft aus ihr heraussaugt: Sie weigerte sich hartnäckig, mich zu lieben. Mit ihr nimmt sie an Demonstrationen teil, Tränengas schlucken, wie sie es nennt… Zwischendurch immer wieder Telefonate nach Deutschland, zu Cem, einem ihrer engen Freunde, der nach einem ihrer Hilferufe sofort nach Israel kommt, um sich um sie zu kümmern. Erfolgserlebnisse wie das Dolmetschen bei einer Konferenz unter den Augen des Chefs hat sie nur selten. Im Gegenteil treten immer häufiger Panikattacken bis zu Zusammenbrüchen auf.

Tal bittet sie erneut, ein (angeblich) letztes mal, mit zu einem Treffen mit zu kommen, es geht in die Palästinensergebiete, nach Ramallah. Auch dort, bei diesem Treffen hält sie es nicht aus, sie flieht aus dem Klofenster, läuft durch die Gegend, weiß nicht, wo sie ist, fällt in Ohnmacht und wird im Hinterzimmer eines Cafés wach. Ein Mann ist bei ihr, hat sie dorthin gebracht, Ismael. Er sorgt für sie, kauft essen, läßt sie bei sich schlafen, ohne sie zu belästigen. Später nimmt er Mascha mit, sie fahren zur Hochzeit einer Cousine. Aber auch dort hält es Mascha nicht aus, sie flieht auch von dort, blutend, ins Nirgendwo, ruft Sami an, ihren alten Geliebten, er solle sie retten, nein, sie weiß nicht, wo sie ist, um sie herum ist nur das Irgendwo, das Nirgendwo….

An dieser Stelle ist die Geschichte Maschas, der Roman, an sein Ende gekommen. Es ist ein offenes Ende, in jedem Fall ein friedliches. Elias ist da, Mascha sieht ihn, er reicht ihr ein Taschentuch, das Nasenbluten zu stoppen, die Sonne wärmt und das Licht erhellt die Szenerie…


Maria Kogan, die Protagonistin, ist eine seelisch kranke Frau, ich denke, daß kann man auch als Laie feststellen. Mannigfache Traumatisierungen ließen sie zeitweise verstummen [4], erst nach langer Zeit erwacht ihr Lebenswille, ihr Wille, sich zu wehren, wieder. Sie weist alle Symptome einer heftigen, nicht mehr unter Kontrolle stehenden Trauer, einer großen Verlusterfahrung auf: Verdrängung, Wut, Zorn, körperliche Probleme, suizidale Tendenzen, Todessehnsucht. Sie, die Jüdin aus Aserbeidschan, die aber nie jüdisch gelebt hat, ist mehrfach entwurzelt: als aserbeidschanische Jüdin musste sie mit ihren Eltern aus ihrer Heimat fliehen, schon vorher kapselte sie sich nach dem ‚Ausfall‘ ihres Vaters (Du hast kein Wort gesprochen. … Du warst wie eine Fremde, hattest keine Wärme mehr in dir. … Nach jenem Tag hast du dich verschlossen und ich habe nie wieder einen Zugang zu dir gefunden. … erzählt ihr die Mutter später von ihrer Reaktion darauf) von der Familie ab und verstummte. In Deutschland dann war sie Aussenseiterin, konnte die Sprache nicht und es dauerte Jahre, in denen sie kaum sprach; ihr Freundeskreis generierte sich aus ähnlichem Milieu: die Kurdin (?) Sibel, die von ihren Brüdern misshandelt wurde, Sami, der in Beirut von einer libanesischen Mutter geborene Halbschweizers, in den sie sich verliebte und Cem, der junge Mann türkischer Abstammung. Später fand sie dann endlich Halt in Elias, dem ihre Eltern den Kosenamen Elischa gaben… und ausgerechnet Elias musste sterben, sie verlassen.

Es ist nicht so, als ob die Beziehung der beiden komplikationslos gewesen wäre. Zwar liebte Mascha Elias, doch sich ihm gegenüber öffnen, das konnte sie nicht. Die ‚Baku-Frage‘ stand zwischen ihnen, die sie ihm nie beantwortete, sie wollte sich ihm gegenüber nicht über Baku definieren.. Elias, Mascha stellte dies nach seinem Tod fest, als sie die Wohnung vor ihrer Abreise nach Israel auflöste, versuchte sich auf anderen Wegen über ihr Schicksal zu informieren: er hatte Zeitungsausschnitte, Bilder etc pp aus dem Kaukasus gesammelt und studiert. Aber trotz dieser Distanz, die Mascha wahrte, war Elias ihr Halt, bei ihm fühlte sie sich geborgen und geliebt, mit ihm – so steht zu vermuten – hätte sie eine Chance gehabt, ihr Leben mit all den Wunden in eine Bahn zu bekommen.

Ihre Ansprüche an das Leben waren gar nicht so extravagant. Später, in Israel, sollte sie von Tal danach gefragt werden und antworten: Was ist will, ist fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand stirbt. Dann sei sie doch in Deutschland gut aufgehoben gewesen… Tal wusste jedoch nichts davon, daß in Deutschland einen Elias gegeben hatte, der gestorben war, so daß Mascha dort nicht bleiben konnte…

Eine so tief traumatierte Frau in einem Land, einer Region, die selbst unter Traumata leidet, das konnte nicht gut gehen. Wo einige arabische Schriftzeichen ausreichen für einen Terrorverdacht und zum Erschießen des Laptops führen. Wo viele der Israelis (so auch Tal und dann Ori) nach ihrem Wehrdienst nach Indien fliegen, um dort auszuflippen und von der Fürsorge wieder nach Israel zurückgebracht zu werden. Wo Friedensaktivisten mittlerweile verhasst sind und gesagt bekommen: Wir haben langsam genug vom Frieden. Wir wollen Rechte und einen Staat. Der Friedensprozess hat versagt, und wir wollen keine Normalisierung… bekommt sie im Palästinensergebiet zu hören. Hier, im Gebiet der Palästinsenser verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart für sie endgültig, der Gang durch die Straßen des palästinensischen Dorfes ein blutiges Déjà-vu….

Ein Panzer kam auf uns zu, wälzte ein parkendes Auto nieder. Der Panzer ließ das Auto hinter sich, aus einem der Fenster über ihm wurde ein Molotowcocktail geworfen. Er fiel wie ein Sternschnuppe und hinterließ einen Schweif. Damals hatte mich dieses Bild fasziniert. … ich lief Kreise, bis ich nicht mehr atmen konnte, …. Artemis und Schuschanik, das waren die Namen der Töchter von Großmutters Freundin. Gajan war ihr Name. Der Panzer bleib abrupt stehen, sein Bug drehte sich und die Kanone richtete sich auf das Fenster, aus dem der Angriff kam. Ein Knall. Das Küchenfenster zitterte. Im Nachbarhaus klaffte ein Loch. Dahinter ein Küchentisch eine eine geblümte Tapete. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das Blut blieb an meiner Wange kleben. 


Grjasnowas Roman ist in vier Teile untergliedert. Der erste Teil schildert die relativ kurze Zeitspanne zwischen dem Unfall von Elias und seinem Tod. Er gibt mit vielen Rückblicken auf die Vergangenheit Maschas übersichtsartig sowohl einen Überblick das Familienschicksal, das in dieser Zeit durch die Kämpfe und Feindschaften der Volksgruppen im Kaukasus geprägt war, ferner stellt der die Probleme der letztlich nach Deutschland geflüchteten Familie in ihrer neuen ‚Heimat‘ dar.

Damit erhält dieses 2013 veröffentlichte Buch einen sehr aktuellen Bezug. Denn jeder Flüchtling der nach Deutschland kommt, ist erst einmal auf jeden Fall entwurzelt: seiner Sprache, seiner Heimat, seiner Familie, den gewohnten Sitten und Gebräuchen entrissen. Ferner ist jeder Flüchtling, der aus (Bürger)Kriegsgebieten kommt, traumatisiert und in der Seele verwundet. Grjasnowas Geschichte von Mascha zeigt dies deutlich, sie zeigt auch, wie schwierig es für einen Flüchtling ist, über seine seelischen Verletzungen zu reden. In Deutschland haben wir dies selbst erlebt: viele unserer Eltern oder Großeltern wollten und/oder konnten erst im Alter (wenn überhaupt) über Kriegserlebnisse reden…. Dazu kommt bei den Flüchtlingen noch, daß sie immer wieder mit Ablehnung, mit Vorurteilen bis hin zu offener Aggression von Einheimischen konfrontiert werden.

Im zweiten Teil des Romans wird die Zeit zwischen dem Tod Elischas und der Abreise nach Israel geschildert. Mascha leidet unter Apathie und Antriebslosigkeit, Erinnerungen an Elias beherrschen sie, aber auch an ihren Exfreund Sami, an diese unglückliche und auch unerwiderte Liebe, denn Sami liebt Neda und Neda liebt Paul, den älteren Bruder Samis… Die beiden letzten Teile spielen dann in Israel und schildern, wie angedeutet, den immer fragiler werdenden Zustand Maschas.

Die einzelnen Teile des Buches sind ihrerseits in kurze Abschnitte gegliedert, die beim Lesen des nicht immer einfachen Stoffes die Möglichkeit zum Innehalten bieten. Die Geschichte selbst spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die in der Gegenwart spielende Handlung wird häufig von Erinnerungen und Rückblenden unterbrochen, es ist nicht immer einfach, diesen Zeitsprüngen zu folgen.

Dieser ’sprunghafte‘ Stil der Autorin entspricht dem nicht mehr planvollen Leben der Protagonistin, deren Handlungsmotive von außen nicht immer nachzuvollziehen ist. Der Entschluss, nach Israel zu fliegen, ist sicher der folgenschwerste Entschluss dieser Art, es gibt auch auch noch eine ganze Reihe anderer Szenen, in denen das deutlich wird. Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, daß der Zustand Maschas sich im Lauf der im Roman überstrichenen Zeit immer deutlicher verschlechterte. Funktioniert der Verdrängungsmechanismus nicht mehr, ist einfach so viel Leid in ihr, daß sie es nicht mehr unter kontrollieren kann? Die schreckliche Szene beispielsweise mit der Frau im blauen Unterkleid, die sie als Kind erlebte, taucht jedenfalls in ihren Erinnerungen immer wieder auf und mit jeweils mehr Details.

Das Ende des Buches ist offen, kann – wie in meinen Lesekreis, in dem wir das Buch diskutierten, geschehen – in verschiedener Art und Weise interpretiert werden. Mascha steht in dieser letzten Szene jedenfalls ohne genau zu wissen, wo sie ist, blutend auf einem Feld und telefoniert nach Hilfe…. aber der einzige, der sie dort finden kann, ist Elias, der ihr ein Taschentuch gibt, das Bluten zu stoppen…. sie hakt sich bei ihm ein. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell.

Der Russe ist einer, der Birken liebt und ich bin einer, der von diesem Buch sehr berührt war/ist. Olga Grjasnowa hat eine intensive Geschichte erzählt, sie ruft uns mit dieser Geschichte ins Bewusstsein, daß jeder, der als Flüchtling zu uns kommt, an seinen eigenen, traurigen, tragischen Schicksal leidet, das aus ihm ein Opfer macht, das wir mit Erwartungen, wie dieser Mensch sich hier zu verhalten hat, wie er auf ‚Zuwendungen‘ zu reagieren hat, nicht überfrachten dürfen.

Es ist kompliziert.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Hanser-Verlag: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/olga-grjasnowa/
[2] zur neueren Geschichte Aserbeidschans erhält man hier einen Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Aserbaidschans#Neuere_Geschichte
[3] Wiki-Beitrag zu Kontingentflüchtlingen aus ehemalig sowjetischen Gebieten: https://de.wikipedia.org/wiki/Zuwanderergruppe#Kontingentfl.C3.BCchtlinge
[4] dieses Verstummen erinnert mich an Pat Barkers Niemandland, in dem sie beschreibt, wie die Traumatisierungen auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges auch zu solchen Verstummungen führten (https://radiergummi.wordpress.com/2017/03/08/pat-barker-niemandsland/). Man kann an diesem Analogon erahnen, wie tief die seelische Verwundung von Mascha Kogan gereicht hat.

Olga Grjasowa
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Erstausgabe: Hanser, 2012
diese Ausgabe: dtv, 2013, ca. 280 S.

Fuminori Nakamura ist der preisgekrönteste japanische Jung-Schriftsteller. Er schreibt magische, unterkühlte Romane. Fuminori Nakamura ist Hochliteratur. Das nächste große Literaturding nach Haruki Murakami. Das Tokioter Wunderkind. [1] Der 1977 in Tokio geborene ist in der Tat noch ein recht junger Mann, dessen Roman mittlerweile in viele Sprachen übersetzt werden. Insbesondere mit seinem Buch Der Dieb heimste Nakamura eine Menge Lob ein, verdientermaßen, denn der Roman fesselt und fasziniert auf eine ganz eigene Art und Weise.

In meiner Kindheit war da in der Ferne immer der Turm. Nakamuras läßt seinen Roman mit einer Rückbesinnung des Protagonisten auf seine Kindheit beginnen und kehrt gegen Ende der Handlung in der Erinnerung wieder zu dieser zurück, in der dieser Turm eine geheimnisvolle Rolle spielt. Es war die Zeit, in der ihm beim die Dinge beim Stehlen noch aus der Hand fielen, weil sie wie Fremdkörper nicht in seine Hand wollten. Jetzt, wo er schon lange ein Meister seines Gewerbes ist, passiert ihm das natürlich nicht mehr und natürlich sehe ich auch den Turm nicht mehr.

Nakamuras Dieb (nur in einer Passage des Romans tritt ein Mann auf, der zum Erschrecken des Diebes seinen ‚wirklichen‘ Namen‘ kennt und nennt) stammt aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Sind die ersten Diebstähle, die er vornimmt, auf´s Essen fixiert, weil er einfach Hunger hat, so merkt er rasch, daß ihm durch das Stehlen ein Tor zu einer Art Freiheit geöffnet wird und er fühlt einen Kitzel, eine Erregung, die in späteren Jahren eine durchaus erotische Komponente erhalten sollte. Wenn ich jedoch meine Hände nach dem Eigentum fremder Leute ausstreckte, fühlte ich in der Anspannung des Moments so etwas wie Freiheit. Ich fühlt, dass es möglich zwar, mich von der beengenden Umgebung zumindest ein ganz klein wenig zu lösen. 

Später, als Erwachsener dann tat sich der Dieb mit einem zweiten Taschendieb, Ishikawa, der für ihn ein Vorbild war, zusammen. Sie waren ein erfolgreiches Gespann, an Geld hatten sie keinen Mangel. Sie müssen in der Vergangenheit sogar einen sehr erfolgreichen Coup gelandet haben, der aber nicht ganz ohne Folgen für sie bleiben sollte.

So wie ein Fisch durch das Wasser gleitet, so bewegt sich der Dieb durch die Menge der Menschen, mit und in dieser flüssigen, harmonischen Bewegung gleiten seine Finger unbemerkt in die Taschen seiner stets wohlhabenden Opfer und bemächtigen sich der Brieftaschen oder Portemonnaies. Auf Toiletten sichtet er seine Beute, deren Inhalt ihm Auskunft gibt über das Leben der Besitzer. Kreditkarten, Mitgliedskarten für Bordelle, Visitenkarten etc pp … Er entnimmt nur das Geld, die Börse selbst schmeisst er in Briefkästen, von wo aus sie dem Besitzer sie mit der Polizei wieder zugestellt wird.

Wir sind in Tokio, dort trifft unser Dieb auf seinen früheren Partner, der jetzt einen anderen Namen trägt und offensichtlich für Kizaki, einen Unterweltboss arbeitet, wobei Fragen nach Details sich von selbst verbieten. Kizaki engagiert (es ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann) die beiden und noch einen weiteren Mann für einen Überfall. Noch wissen oder ahnen die drei nicht, daß sie im Grunde schon wie Fische an der Angel Kizakis hängen….

Führt dieser Handlungsstrang sozusagen vom Jetzt in die Zukunft, so baut Nakamura einen zweiten Erzählstrang auf, der in die Vergangenheit des Diebes deutet. Dieser beobachtet nämlich eines Abends, wie ein kleiner, etwas ärmlich aussehender Junge in Begleitung seiner Mutter in einem Laden versucht, Lebensmittel zu stehlen. Bevor diese entdeckt werden, warnt er die beiden. Von nun an sucht der Junge Kontakt zum Dieb; seinen Vater kennt er nicht, die Mutter schläft für Geld mit Männern (im Verlauf der Handlung auch mit dem Dieb) und die Männer, mit denen die Mutter zusammen lebt, schlagen ihn. Natürlich will sich der Dieb nicht an so einen Jungen binden, aber …. in seinem trotzigen Blick …. sah ich mich selbst – vor langer, langer Zeit.

Das Schicksal hat den Dieb in Person Kizakis fest im Griff. In einem längeren Gespräch, eigentlich eher einem Monolog, erklärt dieser unserem Helden, wie erregend es für ihn ist, für einen anderen Menschen das Buch des Lebens zu schreiben, also dessen Leben – und Sterben – zu planen und diesen Plan umzusetzen. Es ist die Gottähnlichkeit, die Kizaki anstrebt und unter anderem an dem Protagonisten verwirklicht: ... Schau mal, jetzt zittere ich ein wenig. Weil ich gerade die letzten Momente im Leben eines beliebigen Menschen miterlebe – genauso wie ich es bestimmt habe, auf diese Art, an diesem Ort. Ein einzigartiges Vergnügen. …


Der Dieb ist ein düsterer Roman, der – obwohl in Tokio angesiedelt – dennoch in einer fast dystopischen Welt zu spielen scheint. Regen, Dunkelheit, Sturm, einsame Straßen und Unterführungen, immer wieder auch der Hinweis auf diesen ominösen Turm, der wie ein Monolith (2001?) in den Himmel aufzuragen scheint. Immer wieder auch ist bei mir beim Lesen im mitlaufenden Kopfkino die Kulisse vom Blade Runner eingeblendet gewesen… der gesamte Inhalt verströmt abweisende Kälte und depressive Einsamkeit, einzig in den beiden Bettszenen zwischen dem Dieb und der Mutter tritt scheinbare Nähe zwischen zwei Menschen auf, aber auch diese ist letztlich drogengestützt.

Noch eine letztes Mal wollte ich den Körper einer Frau berühren. Der Dieb ahnt sein Schicksal, sind es bei ihr Drogen, so ist es bei ihm die Todesahnung. Die Todesahnung, die ihn auch sein Leben in der Rückschau in Erinnerung ruft und den Zweifel an dessen Sinnhaftigkeit. Ich hatte mich von allem abgewandt, hatte Gemeinschaft verschmäht, Glück und Lichte und stattdessen meine Finger in fremde Taschen gesteckt. … Hat er den Jungen anfänglich noch mit Tricks unterwiesen, rät er ihm nun dringend von einer Diebeskarriere ab: Du kannst ein neues Leben anfangen. … Vergiss das Klauen, egal, ob Essen, Geld oder sonst was. So etwas wie Verantwortlichkeit, ja Vatergefühle, regen sich in ihm.

Neben diesen mehr menschlichen Dimensionen (Machtrausch, Melancholie, Todesahnung) hat der Roman zudem eine ‚politische‘ Dimension, da er als Rahmenhandlung Wechselbeziehungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen thematisiert.


Trotz der abweisenden, fast menschenfeindlichen Kühle, die dieser Roman aufweist, fesselt er beim Lesen und entwickelt einen starken Sog. Dabei ist er nur mäßig spannend im konventionellen Sinn, seine eigentliche Spannung bezieht Der Dieb aus der Schilderung der inneren Entwicklung im Protagonisten, spannend sind jedoch ebenso die Schilderungen der ‚Arbeits’weise der/eines Taschendiebs auf so hohem Niveau, wie es die Hauptperson des Romans ist.

Auf jeden Fall also ist dieser Roman absolut des Lesens wert. Bleibt zu hoffen, daß bald mehr Titel von Fuminori Nakamura in Deutschland erscheinen.

Links und Anmerkungen:

[1] Zitat aus der Welt auf der Autorenseite des Verlags:  http://www.diogenes.ch/leser/autoren/n/fuminori-nakamura.html

Fuminori Nakamura
Der Dieb
Übersetzt aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg
Originalausgabe: 掏摸, Tokio, 2009
diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 210 S., 2017

barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Der Tod so kalt ist ein Krimi, ein Thriller. Nun bin ich nicht der typische Krimifreund, deswegen muss es schon einen Grund haben, daß ich mir diesen Roman vor die Nase geklemmt habe. Bletterbachschlucht heißt dieser Grund, denn dort spielt der Roman bzw. es geht um Ereignisse, eine Katastophe, die dort einst stattfand. Die Bletterbachschlucht [1] kenne ich nämlich, gerade um die Jahre, in der dort dieses ‚Massaker‘ stattfand, war ich dort, bin auf noch nicht ausgewiesenen Wegen, ohne die Prospekte eines noch nicht existierenden Besucherzentrums und natürlich auch ohne Schutzhelm dort herumgekraxelt. Schön war´s und tierisch interessant!

D’Andrea hat die Haupthandlung seines Romans also genau verortet und nennt Namen von realen Ortschaften in der Nähe: Bozen oder Deutschnofen beispielsweise oder Aldein. Das Dorf, in dem er seine Hauptfiguren ansiedert, Siebenhoch, dagegen ist fiktiv. Aber damit bin ich ja schon mittendrin in der Buchvorstellung….

salinger


Hauptperson des Romans ist ein gewisser Jeremiah Salinger (nicht verwandt oder verschwägert), ein junger Amerikaner mit deutschen Wurzeln. In der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema wird erzählt, wie er als Filmstudent zusammen mit einem Kollegen bei der Band ‚Kiss‘ jobbt und die Idee entwickelt, über die Roadies dieser Band eine Dokumentation zu drehen. Das wird ein Riesenerfolg für die beiden und auf einer der Filmvorführungen lernt er eine Austauschstudentin kennen, Annelise Mair, die aus diesem kleinen, putzigen Flecken Erde kommt, aus dem deutschsprachigen Südtirol. Man lernt sich näher kennen, sich lieben, man heiratet, Carla wird geboren und zu dritt fährt man mit der mittlerweile fünfjährigen Tochter (wir schreiben das Jahr 2013) nach Südtirol in das Heimatdorf von Annelise, nach Siebenhoch.

Annelieses Vater, Werner Mair, ist Witwer, die beiden Männer verstehen sich gut, auch der Selbstgebrannte schmeckt ihnen hervorragend. Werner erzählt Jeremiah (er ist einer der wenigen, die Salinger beim Vornamen nennen) von früher. Unter anderem davon, daß er Mitbegründer der Bergrettung in den Dolomiten ist, er erzählt aus deren Anfängen und weckt das Interesse Salingers. Und folgerichtig fliegt Salinger dann mit der Bergrettung mit, weil ihm die Idee zu einem neuen Filmprojekt gekommen ist [2]. Bei einem dieser Flüge zu einem Gletscher passiert ein schlimmes Unglück. Es ist schwierig, Schuld oder Verantwortung zu benennen, der Überlebende, dies ist Salinger, fühlt sich jedenfalls schon allein deswegen schuldig, weil er überlebt hat…

Es wird eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bei ihm diagnostiziert, aber nicht wirklich behandelt. Außer ein paar Tabletten, die er nicht nimmt, passiert nichts. Salinger wird von schlimmen Alpträumen gequält, er hört die ‚Bestie‘, wie er den Gletscher für sich nennt, in sich zischen und rufen… Nicht schön. Einzig Clara, der fünfjährige Sonnenschein muntert ihn in dieser Phase auf. Manchmal rafft er sich auf, so fährt er mit ihr eines Tages in besagte Bletterbachschlucht. Dort hört er durch Zufall von dem sogenannten ‚Massaker‘, bei dem am 28. April 1985 drei junge Menschen während eines tagelangen Unwetters in der Schlucht grausam ermordet und verstümmelt worden waren. Der Täter wurde nie gefunden.

Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären, zu dem ich aber nicht allzuviel sagen, sprich verraten werde.

Salinger jedenfalls hat ein Thema gefunden, das ihn bald besetzt. Zumal er erfährt, daß sein Schwiegervater damals zu den Männern gehört hat, die die Leichen entdeckt hatten. Salinger recherchiert, er fragt sich durch, er macht sich damit aber keine Freunde, zumal viele Dörfler ihm Schuld am Unglück gibt, das er als einziger überlebte, und so muss mehr als einmal Prügel einstecken. Soviel ist auf jeden Fall bald klar: das Massaker hat mehr Opfer gekostet als nur die drei jungen Menschen in der Schlucht. Und es ist immer noch nicht aus, denn bald steht Salingers Ehe auf dem Spiel: die Bessenheit, mit der dieser jedes Versprechen aufzuhören, das er seiner Frau gibt, bricht und dem Geschehen nachspürt, kann diese kaum noch ertragen.

Doch obwohl man keineswegs erfreut ist, daß da ein Fremder seine Nase in diese Angelegenheit steckt, will (muss?) doch der/die eine oder andere sich etwas von der Seele reden.. so nach und nach ergibt sich ein Bild des Geschehens für Salinger, aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem Täter.

Diese hebt sich der Autor bis zum Schluss auf: in einer Situation, die in etwa der des seinerzeitigen Massakers ähnelt (Ort und Wetter gleichen sich), entlarvt Salinger den Mörder endgültig…

…aber zuvor hatte er noch ein Geheimnis entdeckt, das sehr, sehr nahe an ihn und sein Leben greift.


Für den Autoren, Luca D’Andrea ist Der Tod so kalt so etwas wie ein Heimatkrimi. Bozen/Bolzano, die Stadt, aus der er stammt, liegt inmitten Südtirols, zwar im Tal der Eisack, aber dies ist nur wenige Kilometer von dem Ort der Handlung entfernt. Und so traditionell wie die Bevölkerung in den Bergen, zumindest nach aussen hin, auch ist, so traditionell ist auch die Handlung dieses Romans.

Der Bergler an sich ist eigen, in der Menge halten sie zusammen. Er ist hart aber ehrlich, Fremden gegenüber ist er misstrauisch. Die Oberfläche jedoch kann täuschen, unten drunter, in der Tiefe seiner Seele, können Untiefen lauern, vllt sogar das Böse an sich? Um es noch etwas rätselhafter zu machen, wird ein Tatverdächtiger in die Geschichte eingeführt, der sage und schreibe so um die 250 Millionen Jahr alt ist.. oder wäre, wenn es ihn tatsächlich gibt oder gäbe…. hier schrammt die Geschichte an der Fantasy vorbei (was etwas arg gekünstelt wirkt), um letztlich dann doch auf einem ganz konventionellen Hintergrund menschlicher Leidenschaften zu beruhen.

Ja, der Salinger mit seiner (unbehandelten) PTBS, den es interessiert dies halt, weil er selbst so seine Probleme hat, von denen diese Geschichte ablenkt, möglicherweise auch fühlt er eine Parallelität oder Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Vielleicht ist es aber auch einfach nur beruflicher Ehrgeiz: Ich will nur wissen, ob ich`s noch draufhabe. Ob ich noch eine richtige Geschichte erzählen kann. Dafür setzt er dann schon mal seine Familie und auch sein Eheglück auf´s Spiel….

So ist Der Tod so kalt die Geschichte eines Mannes, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in eine selbstgestellte Aufgabe verbeisst und dafür bereit ist, alles auf´s Spiel zu setzen. Es ist aber auch die Geschichte eines Menschen, der sich in diese Aufgabe flüchtet, um inneren Dämonen zu entgehen, es ist die Geschichte eines Mannes, den man mit seiner schweren Traumatisierung allein läßt.


Die ganze Geschichte ist durchaus flott erzählt, viele Dialoge, szenische Passagen, kurze Kapitel mit wechselnden Schauplätzen: es liest sich schnell und ohne große Mühen. Dabei liebt es D’Andrea, seiner Hauptperson häufig das letzte Wort zu überlassen, mit dem das vorher Gesagte kommentiert, häufig sogar konterkariert wird. Ein Beispiel: Salinger ist neugierig und durchsucht das Haus nach Weihnachtsgeschenken. Es ist nicht schön, so schreibt er selbstkritisch, wie ein Trüffelhund durchs Haus zu schnüffeln und in den Schubladen herumzuwühlen. – Nein, das tut man nicht. So hebt er dann nochmals unötigerweise den moralischen Zeigefinger. Das ist als Stilelement hin und wider ganz nett, aber zu oft eingesetzt ermüdet es.

Insgesamt war mir der Schreibstil zu plakativ, zu sehr auf Effekt getrimmt, die Figuren wieder zu sehr Schema F. Und der 250 Millionen Jahre alte Verdächtige, der immer wieder ins Spiel gebracht wird dann doch etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen, als daß man es ernst nehmen könnte. So bin ich nicht übermäßig begeistert von diesem Roman, wer jedoch einfach ein paar Stunden ohne großes Grübeln in eine Geschichte versinken will, dem mag Der Tod ist kalt möglicherweise besser zusagen als mir.

ach ja … dann ist da noch der geniale, weil frühreife Staatsanwalt. Der, um die vierzig (S. 155) schon 1985 (S. 157) die Uni verließ. Wir erinnern uns, der Roman spielt um die Jahreswende 2013/14, ….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zur Bletterbachschlucht: http://www.bletterbach.info
[2] Autorenseite bei Random House:  https://www.randomhouse.de/Autor/Luca-DAndrea/p609810.rhd
[3] der Autor hat eine solche Dokumentation für das italienische Fernsehen gedreht

Luca D’Andrea
Der Tod so kalt
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Originaltitel:  La sostanza del male, Turin, 2016
diese Ausgabe: DVA, Softcover, ca. 480 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

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