Anne Tyler: Launen der Zeit

Die amerikanische Autorin Anne Tyler, 1989 mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet (http://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year/1989; eine Würdigung, die der Verlag auf seiner Autorenseite kurzerhand in das Jahr 1988 vorverlegt hat, er wird seine Gründe dafür haben…. https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/anne-tyler/) war mir bis dato unbekannt. Dabei ist die in Baltimore lebende Anne Tyler eine produktive Schriftstellerin, auf der schon zitierten Autorenseite wird die Zahl von zweiundzwanzig Romanen angegeben. Nun ja, man kann nicht alles und jede/-n kennen und das hat sich ja nun auch mit diesem Roman geändert.


2013 erschien in der ZEIT eine lesenswerte Würdigung der Autorin (Ilka Piepgras: Der Wert des Schweigens; in: https://www.zeit.de/2013/11/Schriftstellerin-Anne-Tyler-Gegenwartsliteratur/komplettansicht), in der ich vieles, was den vorliegenden Roman angeht, wieder erkannt habe, Tyler ist ganz offensichtlich ihrem Sujet treu geblieben. Es geht um Familie, um Geborgenheit, um Beziehungen, um das komplexe Leben miteinander, um die Frage auch, wie man mich in dieser Familienstruktur platziert. ‚Man‘ ist in diesem Fall Willa, die wir als elfjähriges Mädchen kennenlernen, im Jahr 1967. Sie leidet mit ihrer jüngeren Schwester Elaine (und ihrem Vater) unter der Sprunghaftigkeit, der Unzuverlässigkeit der Mutter, die hin und wieder einfach verschwindet, nicht mehr da ist und die so in den Kindern Angst hervorruft, was dieser, was jeder anbrechende Tag bringen mag. Kommt sie wieder, wann und in welcher Stimmung ist sie dann? Zusammen mit dem ruhigen und leisen Vater überbrücken sie diese Zeit der Verlorenheit, bis die Mutter dann wieder da ist als ob nichts gewesen wäre.

Damit hat mich Tyler – ich muss es zugeben – anfangs in die Irre geführt, dachte ich doch, es ginge um eine ’normale‘ Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dem ist nicht so. Dafür sind die Sprünge, in denen Tyler durch das Leben ihrer Protagonistin zieht, zu groß. So begegnen wir Willa im nächsten Abschnitt erst zehn Jahre später als Studentin wieder, die mit ihrem Freund Derek zusammen ist und diesen mit zu ihrer Familie nimmt. Die beiden sind heftig verliebt, Derek macht Willa einen Antrag, sie zögert, aber als Verlobte betrachten sie sich, aber dieses Vorhaben wird von den Eltern Willas nicht gutgeheißen. Sie wollen, daß Willa ihre Ausbildung fertig macht, aber letztlich ist der Zug zu Derek stärker, die Fassade der Freundlichkeit, die den Besuch bei Willas Eltern dato beherrschte, bricht zusammen…

Wieder ein großer Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, Derek und Willa haben zwei Söhne, Sean und Ian. Derek ist beruflich erfolgreich, Willa, jetzt Anfang vierzig, hat nach ihrer frühen Schwangerschaft nie fertig studiert. Ein wenig aufbrausend ist ihr Derek, wäre es gelassenere gewesen, wäre es nie zu diesem schlimmen Unfall gekommen. Jetzt steht Willa allein mit ihren Söhnen da, denen sie in Erinnerung an ihre eigene Kindheit immer versucht hat, eine unauffällige Mutter zu sein, bei der man keine Überraschungen zu befürchten hat, die verlässlich ist, die sich selbst zurücknimmt als Person. Der Verlust ihres Mannes wiegt schwer, nur langsam schafft es Willa, aus ihrer Trauer heraus wieder ein aktives Leben zu führen.

Im (so möchte ich sagen) Hauptteil des Romans, der dann ins Jahr 2017 gelegt ist, finden wir Willa erneut als Ehefrau wieder. Peter ist Rechtsanwalt, hat sich weitgehend aus seiner Kanzlei zurückgezogen und frönt in der Hauptsache dem Golfen, einer Tätigkeit, der Willa nichts abgewinnen kann. Und in Tucson, wohin das Paar der guten Golfbedingungen wegen hin gezogen ist, ist ein Kaktus ihr bester Freund. Auch in dieser Ehe sind die Verhältnisse klar, für Peter ist Willa ein ‚Kleines’…

Ein Anruf als Baltimore (der Stadt in der auch die Autorin lebt) sollte dies ändern, auch wenn das natürlich nicht von Anfang an absehbar ist. Denise, eine Verflossene von Willas Sohn Sean, ist angeschossen worden, die neunjährige Tochter Cheryl muss betreut werden und die damit völlig überforderte Nachbarin hat ausgerechnet die Telenonnummer von Willa auf einem Notizzettel in Denises Wohnung gefunden und diese in der Annahme, sie sei die Oma, angerufen und um Hilfe, vor allem aber Ablösung bei der Kinderbetreuung, gebeten.

Warum eigentlich nicht? Sie hat ja sonst nichts zu tun… Willa entschließt sich, nach Baltimore zu fliegen, Peter versteht das zwar nicht, aber da Willa in seinen Augen ja doch unselbstständig ist, fliegt er kurzentschlossen mit. In Baltimore finden die beiden sozusagen das richtige Leben vor: einen Mikrokosmos von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, von liebenswürdig bis seltsam, sozusagen eine richtige kleine Lindenstraße (obwohl ich mich bei diesem Vergleich auf dünnem Eis bewegen, habe ich doch keine einzige Folge dieser Serie gesehen…). Peter ist und bleibt ein Fremdkörper in diesem Biotop, während Willa sich im Lauf der Tage immer wohler fühlt. Sie organisiert, kauft ein, kocht, versteht sich blendend sowohl mit der ‚Enkel’tochter Cheryl als auch mit dem Hund des Hauses.

Willa hat bei Denise und Cheryl eine Aufgabe gefunden, sie stellt sich den Herausforderungen dieses speziellen Alltags, in den sie hineingeraten ist, und in demselben Maß, in dem sie zunehmend Handlungskompetenz gewinnt, tritt der innerliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben als Peters Frau (und auch als Seans und Ians Mutter) hervor und in den Telefonaten mit Peter, der inzwischen entnervt zurück nach Tucson geflogen war, verläuft der Heilungsprozess von Denises Schusswunde sehr, sehr langsam…


Launen der Zeit ist ein hübscher, kleiner Roman über eine Frau, die erst in fortgeschrittenem Alter zu sich selbst findet. Tyler vermittelt uns in den einzelnen Abschnitten prägende Epochen oder Ereignisse dieses Lebens. Die Kindheit, geprägt durch die Sprunghaftigkeit der Mutter, die nie das Gefühl einer schützende Sicherheit und Geborgenheit bei den Kindern entstehen ließ; der Flug mit Derek zu den Eltern, auf dem Willa ein schlimmes Erlebnis hatte, das ihr aber niemand glaubte, man gab ihr eher das Gefühl, ein kleines Dummchen zu sein; dann dieser schlimme Unfall, der sie zwang, ihr Leben neu zu organisieren, was offensichtlich in einer weiteren Ehe mündete, in der sie wiederum unselbstständig die ‚Kleine‘ war, die sich unterzuordnen hatte. Von ihrem Mann als Spleen abgetan, findet Willa jedoch in dieser seltsamen Konstellation als Pseudo-Großmutter etwas, was sie bisher noch nicht erlebt hatte: Menschen, die sie so nahmen, wie sie ist, die sie akzeptierten, die ihr Erfolgserlebnisse vermittelten und die sie emotional einhüllten.

Es geht in dem Roman um Willa, die anderen Figuren werden nur insoweit dargestellt, wie sie für Willas Geschichte wichtig sind. Das läßt Fragen offen, die einen interessieren würden, warum beispielsweise ist Elaine, Willas Schwester, so schroff geworden, oder auch nach den Söhnen, die kein besonders inniges Verhältnis zur Mutter zu haben scheinen, obwohl Willa sich die große Mühe gegeben hatte, gerade anders zu sein wie ihre eigene Mutter, um den Kindern eine ‚gute‘ Kindheit zu geben….

Tyler schreibt in diesem flüssigen Erzählstil, der einem beim Lesen mitnimmt. Es gibt keine tiefgründigen philosophischen Gedankengänge zu ergründen, alles ergibt sich automatisch aus den Schilderungen der jeweiligen Situationen und den vielen Dialogen, die die Lektüre der Geschichte kurzweilig machen. Es entsteht in der Tat so eine Atmosphäre, als ob man ‚dabei‘ sei, mittendrin, wie im Film sich eine Kameraeinstellung von oben in eine Situation hineinzoomt, bis man ‚drin‘ ist. Tylers Bücher sind Gratwanderungen, denn mit Rechtschaffenheit geht schnell Biederkeit einher, mit Häuslichkeit spießige Behaglichkeit schreibt Piepgras  in ihrem Aufsatz, konstatiert aber, daß Tyler diese Gratwanderung gelingt, insofern sollten ihre Geschichte auch einen Blick freigeben auf die Gesellschaft des amerikanischen Alltags. Gilt dies auch für diesen neuen Roman? Ich kann es nicht sagen, ich kann nur festhalten, daß mir automatisch der Begriff „eine nette Geschichte“ zu Willas Schicksal in den Sinn kam, eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Das Ende von Willas Geschichte läßt Tyler unentschieden, im wahrsten Sinne des Wortes: ihr stehen auf einmal viele Möglichkeiten offen, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Dazu ist es, dies kann man auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen, nie zu spät.

Anne Tyler
Launen der Zeit
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Originalausgabe: Clock Dance, NY, 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Michel del Castillo: Der Plakatkleber

Zu den großen Kriegen, die im letzten Jahrhundert in Europa stattfanden, gehört, auch wenn man ihn meist nicht so präsent hat, der Spanische Bürgerkrieg von Juli 1936 bis August 1939. Hier im Blog ist dieser Krieg ebenfalls mit ’nur‘ zwei Titel vertreten, einem älteren Roman von Stefan Andres Wir sind Utopia  (https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/07/stefan-andres-wir-sind-utopia/) und einem neueren Titel von Jason Webster: ¡Guerra!, einer Art Reisebericht durch Spanien auf den Spuren des Bürgerkriegs (https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/04/jason-webster-guerra/).

Von Nordafrika ausgehend putschten seinerzeit die Faschisten unter General Franco gegen die Zweite Spanische Republik, einem Bündnis aus Republikanern und Sozialisten. Dieser Krieg Spaniens gegen sich selbst wurde von beiden Seiten mit großer Grausamkeit geführt, er war sozusagen ein Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Die Faschisten aus Deutschland und Italien unterstützten Franco, die Legion Condor ist Symbol dafür geworden, mit seinem Gemälde Guernica  (https://de.wikipedia.org/wiki/Guernica_(Bild)) hat Picasso ein Mahnmal gegen deren Wüten geschaffen. Andere Staaten, wie die USA, Frankreich oder England, hielten sich heraus, auf der anderen Seite war die Unterstützung der Sowjetunion für die Sozialisten und Kommunisten gering, musste ausserdem teuer bezahlt werden. (Ein kurzer Überblick über die damaligen Ereignisse findet sich z.B. hier: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/231078/1936-spanischer-buergerkrieg-14-07-2016.)

Das Leben des Autoren ist durch diesen Krieg geprägt. Michel del Castillo wurde 1933 als Kind eines französischen Vaters und einer spanischen Mutter in Madrid geboren. Nach der Scheidung der Eltern versuchte die Mutter dem Bürgerkrieg mit ihrem Kind in Südfrankreich zu entgehen. Dort kamen sie in ein Internierungslager, wurden später denunziert und 1942 nach Mauthausen deportiert. (http://www.elle.fr/Personnalites/Michel-Del-Castillo, bzw. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_del_Castillo)


Den vorliegenden Roman hat del Castillo als fünfundzwanzigjähriger junger Mann veröffentlicht, er verarbeitet darin sowohl die eigenen Erfahrungen des Bürgerkriegs als auch die anderer: Ich habe mich nur an das gehalten, an das ich mich erinnere, und an das, was mir Dutzende von glaubwürdigen Zeugen erzählt haben.  Ebenso hält er fest:  Als ich die Augen [als Kind] öffnete, fiel mein Blick zunächst auf blutige Szenen. Die lyrischen Tiraden der Republikaner und Einschläge der Bomben waren die Wiegenlieder meiner frühen Kindheit. In einem Alter, in dem Kinder sonst mit einem Teddybären in den Armen einschlafen, ging ich mit leerem Magen und zugeschnürter Kehle in den Keller des Hauses, das ich mit meiner Mutter bewohnte. Der Bürgerkrieg, der das Land, in dem ich geboren war, zerriß, hat mich für lange Zeit zu einem Verbannten und Geächteten gemacht. Ich bin ein Produkt dieses Krieges.

Die Handlung des Romans setzt schon auf den ersten Seiten unvermittelt und brutal ein. Die Mutter schlägt den kleinen Bruder, der große Bruder schlägt die Mutter, erfährt daraufhin von dem Kleinen, daß er diese gesehen hat, wie sie es mit einem anderen Mann in irgendeiner Hausecke getrieben hat. Olny, der irgendwann in späteren Jahren mal ‚Plakatkleber‘ genannt werden wird, der jetzt der größere Bruder ist, nimmt daraufhin sein Messer, geht zu dem Mann, fordert ihn zu einem Kampf und tötet ihn. Es interessiert keinen außerhalb des Viertels, und innerhalb? Wird er zum Helden, sein Kampf wird von den Zuschauern diskutiert und analysiert.

Es ist das Barackenviertel in Madrid, ein Ort unsäglich erbärmlicher Zustände, ein Ort der Gewalt, der Brutalität, des Hungers, der Arbeitslosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, des permanenten Alkoholrausches. Olny, die Titelfigur, hat ‚Arbeit‘, wenn man das so nennen will, er läuft den ganzen Tag mit einem Plakat behängt, durch Madrids Straßen, an den Cafés vorbei, in denen die Schönen und die Reichen den Tag genießen. Dafür erhält er eine Suppe am Mittag und soviel Geld, daß es für ein Brot reicht…

Durch Ramirez, einen Arbeitskollegen, kommt er in Kontakt mit einer Gruppe von Männern, die von einem kommunistischen Agitator mit Namen Santiago de Leyes unterwiesen wird und er ist begeistert – von dem, was der Mann erzählt und von Santiago selbst. Auf dem Rückweg von dem Treffen zerstreitet er sich jedoch mit Ramirez wegen dieses Mannes, konstatiert Ramirez doch ungerührt, die Revolution werde auch Santiago liquidieren. … Er ist adlig und er ist nicht zuverlässig. … Die Revolution ist dazu da, um diese Leute zu beseitigen. ..Er kriegt dann ’ne schöne Beerdigung.

Olny hat noch Träume und er verliebt sich in Marianita, einem Mädchen, dem er früher einmal mit seiner Clique Gewalt angetan hatte. Jetzt jedoch findet er Frieden in ihrer Gegenwart und zusammen mit Francisco, Olnys jüngeren Bruder, verlassen sie das Barackenviertel, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie finden es nicht, und schließlich kommen sie zu Santiago und dieser hilft ihnen, bringt sie unter, sorgt für Arbeit und zusammen mit dem Kind, das Marianita unter dem Herzen trägt, könnte die Zukunft gelingen.

Die Zeiten sind unruhig in Madrid, immer wieder kommt es zu Schlägereien, Olny engagiert sich mittlerweile politisch, er ist Kommunist geworden, wird der ‚Plakatkleber‘. Eines Abends wird er von Faschisten aufgegriffen und erst Santiago gelingt es, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen… Marianita trifft nicht mehr den Olny an, den sie gekannt hat. In seiner Not sucht Olny, als er wieder zuhause ist, Ramirez auf, der mittlerweile Funktionär ist und bittet ihn um Hilfe. Obwohl sich beide mittlerweile hassen, ist Olny für Ramirez unangreifbar geworden, seine Qualen unter den Faschisten haben ihn zum öffentlichen Helden gemacht. So übt Ramirez‘ seine Rache an Olny subtiler, aber um nichts weniger grausam, aus…

Olny ist zwar die Titelfigur des Romans, aber mindestens genauso wichtig ist Santiago de Leyes. Dieser entstammt einer adligen Gutsbesitzerfamilie, die anders als die meisten, sich gut um ihre Leute kümmert. Santiago teilt die Ideale des Kommunismus, den er den Arbeiten nahe zu bringen sucht, aber er merkt früh, daß etwas ins Kippen kommt, daß die Idee funktionalisiert wird, daß sich eine Clique von Kommunisten die Macht sichert und ihm wird klar, daß sie diese Macht mit allen Mitteln verteidigen wird. Die Revolution, auf die alle hoffen, ist für sie nur Mittel Zweck. Zudem kommt bei Santiago eine mystische Komponente ins Spiel. Die Frage nach Gott, nach einem gottgefälligen Leben, nach einem guten, sinnvollen Leben, tritt für ihn immer mehr in den Mittelpunkt. Santiagos Weg im Roman ist nicht einfach, für die Adligen ist er Verräter, weil er Kommunist ist, für die Kommunisten ist er Verräter, weil er Adliger ist und besonders auch, weil er die Partei verlassen hat. Jedoch findet er, je gefährlicher und entwürdigender seine Situation wird, seinen inneren Frieden. Letztlich ist er die einzige Figur des Romans, die in diesem Krieg mit Würde ausgestattet ist.

Der Bürgerkrieg wird von beiden Parteien mit großer Grausamkeit geführt, dazu kommen noch die Luftangriffe der Deutschen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, die viele Todesopfer fordern. „No pasarán – Sie kommen nicht durch“: mit diese Parole treten die schlecht oder gar unbewaffenten Männern den regulären Soldaten Francos entgegen. Sie können den einen oder anderen Erfolg erringen, aber letztlich werden sie geschlagen und Franco errichtet seinen faschistischen Staat. Die Schlussworte des Romans lauten:

Drei Jahre sind vergangen. General Franco hat den Krieg gewonnen. Seine Truppen sind über die Castellana [Der Paseo de la Castellana ist eine der wichtigsten Hauptstraßen von Madrid] marschiert. Eine begeisterte Menge hat ihnen zugejubelt.
Ramirez hat Madrid beizeiten verlassen können. Er lebt in Frankreich.
Olny ist mit Marianita zusammen wieder in die Barackenzone gezogen. Ihr Sohn ist beinahe vier Jahre alt. Die Kinder in der Zone behaupten, Olny sei verrückt geworden. Er verbringt seine Tage in den Kneipen und prügelt regelmäßig seine Frau.
Die Barackenzone ist von dem Krieg nicht sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der Kreis hat sich somit geschlossen. Die Lebensumstände für die Armen und Ausgebeuteten haben sich praktisch nicht geändert, alles war vergebens… die Hoffnungen waren umsonst.


In del Castillos Roman liegen die Sympathien eindeutig auf der Seite der Armen, der Arbeiter bzw. des Proletariats. Aber wie seine Figur des Santiago de Leyes sieht er, daß auch der Kommunismus, der vordergründig angetreten war, die Arbeiterklasse zu befreien, diese Freiheit nicht bringt, nicht bringen kann, in einem Nachwort rechtfertigt und erklärt er sich: Ich bin nie Mitglied der KP gewesen und bin infolgedessen auch keine Renegat. ich bin allerdings auch kein Antikommunist. Der Kommunismus hat weder Apologeten noch feindliche Kritiker nötig. Er ist, was er ist, und jeder muss Stellung zu ihm nehmen. … Die Anschuldigungen, die ich gegen die KP erhebe, die Verbrechen, für die ich sie verantwortlich mache, werden nur einige wenige einfältige Gemüter überraschen. Wir wissen alle, daß der Jubel von morgen immer mit den Tränen von heute bezahlt wird. [zur Erinnerung: der Roman wurde Ende der 1950er Jahre geschrieben].

Dieser Schilderung der politischen Situation und Lage stellt del Castillo in Santiago ebenfalls ebenfalls eine stark spitituell geprägte Sehnsucht nach Gott gegenüber. Das verbindende Element dieser beiden sich auf den ersten Blick zu fremd scheinenden Gedanken liegt in Jesu, der mit den Armen war, den Ausgestoßenen, den Geringen. Ihnen half er, ihnen brachte er Erlösung, zu ihnen sprach er… Den Widerspruch, den Santiago in der Praxis miterleben musste, daß nämlich der Kommunismus den Menschen als „seelenloses Werkzeug“ [Klappentext] missbrauchte, löste er, in dem er lossagte und sozusagen sein eigenes ‚Kreuz‘ bis zum bitteren Ende trug…

del Castillo schildert uns die Lebensläufe seiner Figuren, ihre frühen Hoffnungen auf ein zufriedenes Leben, die zunichte gemacht wurden und sie ins Elend stürzten. Er macht nachvollziehbar, daß die Menschen von der Verzweiflung übermannt/-fraut worden sind, daß sie hoffnungslos sind und sich betäuben, um darin einen Fluchtweg aus dem tristen Alltag zu finden – oder sich eben politisch zu engagieren und dem lockenden Trugbild einer gerechten Zukunft nachzulaufen. Diese Passagen des Buches nehmen ein wenig das Tempo aus der Handlung, sie sind reflektiv, beschreibend, analysierend, geprägt auch von Selbstgesprächen bzw. und Dialogen.

Die Handlung selbst stellte die trostlose Wirklichkeit des Lebens der Armen war, für die das Barackenviertel Madrids ein Symbol ist. Kurze Zeit flackert Hoffnung auf, bevor diese in einem blutigen Kampf, den die Männer mit dem an Verzweiflung grenzenden Mut führen, zerstiebt…

So ist del Castillos Roman Der Plakatkleber ein Stück Literatur, das traurig macht, aber auch eins, das mir wertvoll geworden ist, nachdem ich es durch Zufall auf einem Büchertisch (https://www.instagram.com/p/BiXHT1XAbcH/?hl=de&taken-by=aus.gelesen) gefunden hatte. Man merkt ihm sein Alter an, die Sprache ist – ohne daß ich dies in Worte fassen kann – anders als heute. Sicherlich erscheinen manche Passagen der Reflektion, des Dialoges langatmig, sind aber wichtig, die Motive und die Beweggründe der Handelnden zu verstehen. Der Roman ist wohl nur noch antiquarisch erhältlich, auf entsprechenden Plattformen wird er angeboten. Er ist für jeden, der sich mit diesem Thema Spanischer Bürgerkrieg auseinandersetzen möchte, auf jeden Fall eine Empfehlung wert, aber ist kein historischer Roman im engeren Sinne, da del Castillo – ich hoffe, ich habe dies deutlich machen können – auch viel Wert darauf legt, die inneren Konflikte seiner Figuren deutlich zu machen.

Michel del Castillo
Der Plakatkleber
Übersetzt aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach
Originalausgabe: Le colleur d’affiches, Paris, 1958
diese Ausgabe: HC, Hoffmann und Campe, ca. 240 S., 1961

Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

Dieser Roman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd (von der ich mittlerweile schon mehrere Bücher hier vorgestellt habe: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Sue+Monk+Kidd) ist der nächste Titel, der in meinem Lesekreis besprochen wird. Ich war mit diesem Vorschlag sehr zufrieden, dann ich mag die Art und den Stil der Autorin. Als Vorbereitung hatte ich dann jedoch zuerst zu den Granatapfeljahren (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/29/sue-monk-kidd-ann-kidd-taylor-granatapfeljahre/) gegriffen (in der berechtigten Hoffnung, damit die Autorin etwas besser kennen zu lernen), die schon seit geraumer Zeit in meinem Regal auf mich warteten. Nun also Die Erfindung der Flügel….


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der die wichtigen Stationen im Leben zweier mutiger und bemerkenswerter Frauen, der Grimké-Schwestern, nachzeichnet. Dazu führt uns Kidd zurück in das im Süden der USA gelegene Charleston des frühen 19. Jahrhunderts. Damit ist ein Bezug zur Autorin gegeben, denn diese wohnt in Charleston (wie sie dorthin gekommen ist, beschreiben die Granatapfeljahre); in einer New Yorker Ausstellung sah Kidd ein Bild, in dessen Legende sie auf die beiden Frauen stieß und die Frage hochkommen ließ, warum sie, die in Charleston wohnt, von dem beiden nichts wusste.

Den Lebensweg der Sarah Grimké (1792–1873) und ihrer Schwester Angelina Grimké (1805–1879) nachzuzeichnen bedeutet also cum grano salis den roten Fades des Romans in der Hand zu haben. Ich skizziere dies jedoch nur sehr kurz, denn für jeden, der das vertiefen möchte, bietet das Internet sowohl auf deutschen als auch auf englischsprachigen Seiten Informationen in gewünschter Ausführlichkeit.


Die Grimkés waren eine wohlhabende, sklavenhaltende und kinderreiche Familie in Charleston. Sarah war das sechste, Angelina das letzte der insgesamt vierzehn Kinder. Die schon als Kind unangepasste, aufmüpfige Sarah konnte ihrer Mutter das Versprechen abringen, Patin der Letztgeborenen zu werden. So entwickelte sich schon früh eine sehr tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen bzw. Frauen. Sarahs (die die Behandlung der Sklaven schon als Kind verabscheute) Traum war es, wie einer ihrer Brüder Rechtsanwältin zu werden, ein unerhörter Traum, denn sie war (was der strenge Vater durchaus anerkannte) bei weiten intelligent genug dafür, aber sie war en Mädchen bzw. eine Frau… und damit war das Thema vom Tisch, die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten, wurde entzogen, das Lesen auf das Studium erbaulicher Literatur beschränkt.

Eiine schwere Erkrankung des Vaters machte eine Reise zu einem Arzt nach Philadelphia ratsam, auf der ihn Sarah begleitete. Der Arzt konnte dem Vater zwar nicht helfen (John Grimké starb auf dieser Reise), aber Sarah lernte eine Welt kennen, die sich von der des Südens stark unterschied, es gab dort keine Sklaven. Sarah suchte Anschluß an die Quäker, wagte dann sogar den radikalen, unerhörten Schritt, nach Philadelphia zu ziehen. 1829 kam ihre Schwester Angelina nach.

Sarah Moore und Angelina Emily Grimké
ohne Datum

Die beiden Frauen engagierten sich gegen die Sklavenhaltung des Südens, sie traten schließlich öffentlich als Rednerinnen auf, schrieben Pamphlete und Streitschriften und eröffneten damit eine zweite Front: die der Gleichberechtigung der Frau: Ich verlange keine Privilegien für mein Geschlecht. Ich gebe meinen Anspruch auf Gleichheit nicht auf. Alles was ich von unsern Brüdern erwarte ist, daß sie ihre Füße von unseren Nacken wegnehmen und uns erlauben, aufrecht auf dem Grund und Boden zu stehen, für den Gott uns vorgesehen hat. (Sarah Grimké im Boston Spectator) (aus: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sarah-moore-grimke-und-angelina-emily-grimke/)


Sue Monk Kidd beschreibt in ihrem Nachwort zum Roman dessen Entstehungsgeschichte. Sie hat sich die Freiheit genommen, ein paar historische Daten geringfügig an ihre Hanldung anzupassen und sie hat neben Sarah Grimké, die historische Protagonisten, eine zweite eingeführt, die fiktiv ist: Hettie, genannt ‚Handful‘ Grimké, ein  Sklavenmädchen, das Sarah – traditionsgemäß – zu ihrem elften Geburtstag als Zofe geschenkt worden war, ein Geschenk, daß Sarah im Innersten empörte. Mit Handful hat Kidd eine Figur in die Geschichte eingeführt, durch die sie uns die Welt der Sklaven in dieser Familie (i.e. der Haussklaven also im Gegensatz zu denen, die z.B. auf Plantagen arbeiteten) schildern kann. Es ist – auch wenn es strengere (das meint brutalere) Besitzer gab als die Grimkés – eine Welt, in der Ungehorsam Schläge nach sich zog mit dem Stock oder der Peitsche und gerade bei Charlotte, der Mutter Handfuls, und auch bei Handful selbst zeigte sich die Frau des Hauses, die über die Sklaven herrschte, ohne Erbarmen.

Charlotte ist eine unbeugsame Frau, die Weißen konnten zwar ihren Körper besitzen, nicht jedoch ihren Geist und ihren Willen, eine Haltung, die ihre Tochter übernahm. Handful sollte später einmal zu Sarah sagen: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.  Charlotte schöpft ihre Kraft aus ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, die sie bildmächtig in Quilts dokumentiert. Diese Talent zu Nähen und mit Stoffen umzugehen hat sie ihre Tochter vererbt, dies machte die beiden als Sklaven wertvoll für die Familie. Im Verzeichnis der Besitztümer der Grimkés nahmen sie einen herausragenden Platz ein. Auch wenn Charlotte (und später Handful) oft gegen die Anordnungen ihrer Besitzer handelten und immer in Gefahr waren, erwischt und hart bestraft zu werden, es gab keine Rechte für sie, sie waren dem Willen ihrer Besitzer ausgeliefert.

Charlotte und Handful haben ihre Schicksale, die tragisch sind, voller Schmerzen, voller Trauer und Verlust. Während Charlotte nach einer Aufsässigkeit, die sie sich auf der Straße einer weißen Frau gegenüber erlaubt hatte, eines Tages spurlos verschwand, verbrachte Handful Jahrzehnte im Besitz der Grimkés, denn Sarah hatte – völlig unbedacht – Handful eines Tages wieder zurückgegeben – an ihre sehr herrische und schlagkräftige Mutter. Damit war sie selbst zwar keine Besitzerin einer Sklavin mehr, aber sie hatte ihre ihre frühere ‚Freundin‘ einen harten Schicksal ausgeliefert. Es war die Zeit, in der Sarah in die Gesellschaft eingeführt wurde, Bälle besuchte (auch wenn sie als wenig attraktives Mädchen keine Verehrer fand) und mühsam ihre Rolle im Leben suchte. Es war die Zeit, in der sich die beiden jungen Frauen Sarah und Handful entfremdeten. Dafür jedoch erzog Sarah ihr Patenkind ganz in ihrem Sinne, die Bindung der jungen Nina zu ihr war um vieles inniger als zu ihrer ‚richtigen‘ Mutter: mit ‚Mutter‘ sprach sie im Geheimen Sarah an.

Durch ein deprimierendes Ereignis in Charleston und die Reise mit dem Vater in den Norden kommt wird das vorgezeichnete Weltbild der jungen Frau empfindlich gestört, es öffnen sich dadurch neue Wege für sie. Insbesondere bindet sie sich an die Quäker, eine Religionsrichtung, die die Sklaverei ablehnt und die an die Gleichheit der Menschen glaubt. Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen, ja, sie will sogar Predigerin werden.

Nachdem Nina vor den Problemen, die sie in Charleston hat (u.a. hatte sie als junges Mädchen die Konfirmation (?) verweigert), flieht sie letztlich zu ihrer Schwester nach Philadelphie, es ist 1829. Die beiden Frauen sind unterschiedlich, ergänzen sich. Sarah fällt ihr schwer, das innerlich als richtig erkannte in die Tat umzusetzen, denn sie fürchtet die Konsequenzen. Das lange gedankliche Abwägen, das Zögern und Zaudern bremst sie häufig aus. Ganz anders dagegen ist Angelina, was sie als richtig erkannt hat, setzt sie spontan um, sie kennt Zögern und Zaudern nicht und nimmt ihre ältere Schwester dabei sozusagen an der Hand.

Es ist unerhört, was die beiden machen. Schon der Wechsel zu den in ihrer Heimat Charleston sehr gering angesehenen, ja, verachteten Quäkern ist ein großer Affront, die Auftritte in der Öffentlichkeit sind ungehörig, das Pochen nicht nur auf die Abschaffung der Sklaverei, sondern auf die Anerkennung des pigmentierten Menschen als vollwertigen, den nicht pigmentierten Menschen gleichwertigen Menschen ist unfassbar und die sich aus der Situation fast schon zwangsläufig ergebende Forderung der Gleichberechtigung der Frau skandalös. Die beiden Frauen lassen sich jedoch nicht einschüchtern, sie finden immer wieder Unterstützung und Menschen, die ihnen Mut machen. Angelina heiratet schließlich einen Mann, der sie unterstützt, während Sarah Heiratsantrag ablehnt, da er sie vor die Wahl stellt: Heirat oder Beruf. Es war die Zeit in ihrem Leben, in der sie bei den Quäkern Predigerin (noch so etwas ungehöriges!) werden wollte.


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der das Schicksal der Sklaven und den Anfang ihrer Befreiung herunterbricht auf wenige Figuren: Charlotte und Handful auf der Seite der Sklaven, Sarah und Angelina auf der der Sklavengegener und der Rest der Grimkés als Vertreter der Sklavenhalter. An der Stelle ist eins der letzte Worte des Vaters an Sarah kurz vor seinem Tod entlarvend: auch er sei immer gegen die Sklaverei gewesen, hätte sich das jedoch wirtschaftlich nicht leisten können…. Natürlich enthält die Geschichte viele Ingredienzien, die ein solcher Roman braucht: Episoden von Liebe und Tod, von Annäherung und Entfremdung, charismatische Nebenfiguren wie der historische Denmark Vesey, der 1822 (angeblich) einen Aufstand plante (https://de.wikipedia.org/wiki/Denmark_Vesey) oder furchtlose Frauen wie die frühe Feministen und Freundin Sarahs Lucretia Mott (https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia_Mott). Das Buch ist anschaulicher Geschichtsunterricht und hat, so scheint es zumindest, in Charleston das Interesse an dieser Zeit und an den Schwester aufleben lassen, man kann heutzutage eine Grimké-Tour durch die Stadt buchen und historische Stätten besichtigen (http://grimkesisterstour.com).

Ähnlich wie der anfangs erwähnte Erfahrungsbericht Granatapfeljahre ist auch Die Erfindung der Flügel aufgebaut. Kidd schildert die Lebenssituationen ihrer Figuren in einzelnen Zeiträumen, die zumeist mehrere Monate überstreichen, diese Abschnitte liegen jeweils einige Jahre auseinander, so daß uns die beiden Protagonistinnen im letzten Kapitel des Romans, das Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts spielt, als mittelalte (gemessen an der damaligen Zeit) Frauen begegnen. Kidd verleiht beiden Hauptfiguren ihre Stimme. Einerseits schildert sie Situationen und Episoden aus den Blickwinkel Sarahs bzw. Handfuls, der unterschiedlicher kaum sein kann, andererseits hat natürlich jede der beiden Figuren auch ihr Eigenleben, das uns erzählt wird.


Es ist traurig. Die Ereignisse, die uns Kidd in ihrem Roman näherbringt, liegen fast zwei Jahrhunderte zurück, und trotzdem verharrt die Geisteshaltung und die Einstellung der Gesellschaft in Teilen immer noch auf diesen unwürdigen Einstellungen. Weder ist Rassendiskriminierung überwunden (zu diesem Thema verweise ich kurz auf den wunderbaren Roman von Jesmyn Ward Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt: https://radiergummi.wordpress.com/2018/04/26/jesmyn-ward-singt-ihr-lebenden-und-ihr-toten-singt/) noch die vollständige Emanzipation der Frau erreicht, obwohl der Kampf zur Überwindung beider schon so lange dauert. Kidd erzählt von dessen Anfängen, sie erzählt wie von ihr gewohnt, flüssig, gut lesbar, in leisen Tönen. Sie bringt uns ihre Figuren nahe, vor allem auch macht sie das Schicksal, das Ausgeliefertsein der Sklaven greifbar. Ich kann gut verstehen, daß dieser Roman in den USA so erfolgreich war, ist das Thema doch Teil der amerikanischen Geschichte und erinnert an zwei ein wenig und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierinnen. Dabei sind die ausführlichen Anmerkungen, eigentlich eher ein Nachwort, der Autorin wertvoll, da sie noch einmal explizit auf den geschichtlichen Hintergrund des Romans eingeht und die Arbeit der Schwestern noch einmal herausstreicht und würdigt. So bleibt mir abschließend festzuhalten, daß Die Erfindung der Flügel zwar mit der Sklaverei vorwiegend ein amerikanisches Thema aufgreift, das nichtsdestotrotz auch für uns interessant ist, was in jedem Fall jedoch für den Kampf der Schwestern Grimké um die Gleichberechtigung der Frau gilt.

Bildquelle Portraitshttps://en.wikipedia.org/wiki/Grimké_sisters, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd
Die Erfindung der Flügel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania
Originalausgabe: The Invention of Wings, NY, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, cal 495 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Die gelernte Journalistin Carmen Korn ist als Schriftstellerin recht produktiv, Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich der Kriminal- und der Jugendliteratur (siehe hier die Werkliste: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_Korn). Der vorliebende Roman Töchter einer Neuen Zeit ist der Auftakt einer Trilogie, die zum Ende des Ersten Weltkrieges einsetzt und vier Frauen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich ist der Roman aber auch eine Hommage an Hamburg (Uhlenhorst), wo praktisch die gesamte Handlung spielt, viele der Szenen, an denen Korn ihre Figuren agieren läßt, erinnern an historische Ort oder Lokalitäten in dieser Stadt, die es häufig nicht mehr gibt und die nur noch in der Erinnerung der Menschen, die sie noch kennen, existieren.


Die vier Frauen…. das sind Henny Godhausen, eine Krankenschwester, die sich an der Frauenklinik Finkenau zur Hebamme weiterbilden will. Sie ist Halbwaise, der Vater ist im Krieg gefallen, sie lebt mit ihrer Mutter Else zusammen. Ihre beste Freundin ist Käthe Laboe aus der Nachbarschaft. Deren Vater ist durch einen Unfall versehrt, die Mutter hält die Familie mit Putzen über Wasser, Käthe beginnt mit Henny zusammen die Ausbildung zur Hebamme.  Lina Peters und ihr jüngerer Bruder Lud sind verwaist, ihre Eltern verhungerten im Krieg, um das viel zu wenige Essen ihren Kinder zu lassen. Letzte im Bunde der Frauen ist Ida Bunge, Tochter aus wohlhabenden bis reichem Haus, die von der Langeweile ihres Lebens gelangweilt ist und die das Hausmädchen unter Druck setzt, sie dorthin mitzunehmen, wo das ‚richtige‘ Leben stattfindet, beispielsweise in der Hafengegend…

Diese Frauen sind etwas gleich alt, alle um die vorletzte Jahrhundertwende geboren. Sie unterliegen den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Lina beispielsweise, die Lehrerin werden möchte und der Reformpädagogik anhängt, muss als Lehrkraft unverheiratet bleiben, Ida dagegen wird als Sicherheit eines Kredits ihres Vaters, dessen Laufzeit eng mit der Dauer ihrer Ehe mit dem von ihr ungeliebten Kreditgebers Camphausen korrespondiert, verschachert. Henny und Lud ihrerseits, die sich durch einen Zufall treffen, heiraten viel zu schnell, ein Kind ist unterwegs… und die rebellische Käthe, die sozialistischem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, heiratet ebenfalls, wenngleich eher gezwungenermaßen: sie und ihr gedichteliebender Freund Rudi Odefrey, den sie in der sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt hat, bekämen sonst keine eigenen Wohnung vermietet. Kein Kind zu bekommen (was der innige Wunsch Rudis ist), das schafft Käthe jedoch, schließlich ist sie als angehende Hebamme vom Fach…

Es sind sehr viel Figuren in diesen Roman eingeführt, denn die Frauen haben wenigstens zum Teil noch Familie, sie haben Bekannte oder wie Bunges Personal, später kommen die Ehemänner bzw. Partner dazu und auch Kinder. Weiter wichtig sind die beiden Ärzte in der Finkenau, Kurt Landmann und Theo Unger, Alle diese Personen (und weitere!) spielen eine Rolle in dem Roman, so da man teilweise schon aufpassen muss, den Überblick nicht zu verlieren.


Die Handlung setzt im März 1919 ein und endet im Dezember 1948, überstreicht also drei Jahrzehnte, die Frauen haben in ihren knapp fünfzig Lebensjahren zwei Weltkriege, eine Zeit zwischen den Weltkriegen und die ersten drei großen Jahre der Not nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Es ist müßig, an dieser Stelle die vielen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieser Jahrzehnte zu schildern, Stichworte sollen reichen: Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg der Nazis, die immer brutalere Verfolgung der Juden, der Zweite Weltkrieg mit dem Bombenkrieg an der ‚Heimatfront‘, die ersten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform.

Das Schicksal meint es nicht immer gut mit den Frauen, es teilt Schläge aus, die nur schwer ertragen werden können. Aber das Leben geht weiter, auch wenn manchmal nicht klar ist, wie. Und es hält Unvorhergesehenes bereit, beispielsweise für Ida, die auf ihren heimlichen Streifzügen durch Hamburgs Straßen Tian kennenlernt, einen Chinesen… Daß Hitler eine wirkliche Gefahr werden sollte und nicht nur eine vorübergehende Eintrübung der  Lebensumstände war, das wurde nur sehr langsam realisiert. Kurt Landmann beispielsweise, Jude, wurde als Pessimist angesehen, erst als Gesetze wie das zum Berufsbeamtentum brutal und ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurden, drang der Ernst der Lage langsam in das Bewusstsein der Menschen. Und selbst Landmanns Befürchtungen waren noch nicht realistisch genug. Käthe und Rudi dagegen kämpften mit ihren kommunistischen Freunden gegen die Faschisten, sie druckten Flugblätter, sie gerieten in blutige Straßenkämpfe und natürlich immer wieder in das Visier der Gestapo.

Korn arbeitet mit Momentaufnahmen. Sie greift bestimmte Zeitpunkte heraus, teilweise sind die historisch bedingt wie die Reichsprogromnacht oder der fürchterliche Bombenangriff der Briten auf Hamburg im Juli 1943 („Operation Gomorrah“), und schildert das Leben und die Lebenssituation ihrer Figuren in dieser Zeit. In Rückblenden entblättert sich so im Lauf der Seiten das gesamte Leben der Figuren und ihrer Familien.


Töchter einer neuen Zeit ist ein unaufgeregtes Buch. Bei aller Dramatik der Lebensumstände: sie waren nichts Besonderes in dieser Zeit, in der jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Worin liegt also der Bezug des Titels: … einer neuen Zeit, was ist an dieser Zeit neu? Kleinigkeiten vielleicht nur wie die Berufstätigkeit der Frauen auch nach ihrer Geburt mit den Problemen, die wir auch heute kennen, nämlich der notwendigen Organisation der Kinderbetreuung (vgl hierzu z.B. https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauen-erwerbstaetigkeit.html).  Lina beispielsweise nahm sogar (auch wenn sich dies im Verlauf der Jahre später als geringes Opfer erwies) in Kauf, daß sie als Lehrerin unverheiratet bleiben musste. Das sich wandelnde Frauenbild in dieser Zeit (ein Phänomen, das sich wohl generell nach Kriegszeiten zeigt, da die Verluste an Männern in Wirtschaft und Handwerk durch Frauen aufgefangen werden müssen, damit es überhaupt weiterläuft. In englischen Romanen beispielsweise kann man dies, wenn sie in solchen Epochen spielen, auch beobachten). deutet Korn schon ganz am Anfang ihrer Geschichte an, in dem sie ihrer Henny die Haare kurz schneidet: der Bubikopf als Frisur einer neuen Epoche. Die Frau auch als politische Engagierte in der Figur der Käthe, all dies im Gegensatz zu den jeweiligen Müttern, die noch völlig in der Rolle der bloßen Hausfrau gefangen sind. Fast hätte ich es vergessen: Käthe mit ihrer erfolgreichen Empfängnisverhütung ist sicherlich ebenfalls ein Beispiel für ein neues Selbstverständnis von Frauen.

Diese Generation hat es nicht geschafft, die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen, sie ist in eine falsche Richtung gelaufen, auch das wird in dem Roman deutlich. Nationalsozialistisches Gedankengut in Verbindung mit charakterlichen Mängeln dringt auch in die Familien dieses Romans ein und schafft bitteres Unheil. Es gibt die Ausnahmen des Einzelfalls, der sich unter persönlicher Gefahr für andere, die verfolgt werden, einsetzt, die alten Ungers, Guste Kimrath, der olle Hansen… wichtige Nebenfiguren, die den Glauben an eine vielleicht doch noch kommende, wiederum neue Zeit am Leben halten…

Korn schildert das Leben aus der Sicht der kleinen Leute. Einzig Camphausen, Idas Mann, ist als Banker in einer anderen Gesellschaftsschicht angesiedelt, Idas Vater dagegen hat alles verloren und auch seine Bemühungen, wieder auf die Beine zu kommen und wirtschaftlich zu reüssieren, geraten zu Fehlschlägen. Die Machtlosigkeit dieser ‚kleinen Leute‘ wird deutlich, kaum gelingt es ihnen, Unglück aus ihrem privaten Bereich fernzuhalten. Die, die sich dagegen mit dem Regime arrangieren und mit der ‚Bewegung‘ mitmarschieren, sie haben auf einmal Macht: waren sie vor kurzem noch Jungs in kurzen Hosen, jetzt zittern die jüdischen Ladenbesitzer vor ihnen… und dann gibt es noch diese klandestine, noch schmutzigere Macht, die der Denunziant hat – und die er nutzt, um zu verraten, um Vorteile zu bekommen gegen die man sich nicht wehren kann, wenn die Gestapo dann kommt und abholt. Der Denunziant geht über Leichen, selbst, wenn er das nicht wollte – wie er sich selbst zu beschwichtigen trachtet.


Töchter eine neuen Zeit vermittelt ein stimmiges Bild ohne Brüche. Die Figuren des Romans werden einem schnell vertraut und kommen nah, man fühlt mit ihnen. Zudem entsteht langsam im Hintergrund das Bild eines verschwundenen Hamburgs, von dem in der Katastrophennacht des Feuersturms 1943 so viel vernichtet worden ist – ganz abgesehen von den vielen, vielen Toten. In der Summe also eine Lektüre, die möglicherweise zwar keinen großen Zuwachs an Erkenntnis liefert, die aber eben doch ein offensichtlich intensiv recherchiertes, einfühlsames Portraits von Menschen, Stadt und Epoche darstellt.

Carmen Korn
Töchter einer neuen Zeit
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 550 S., 2017; mit Stadtplan Hamburg 1919 und Glossar

Ian McGuire: Nordwasser

Der Autor des vorliegenden Romans, Ian McGuire, ist Literaturwissenschaftler und er legt mit Nordwasser seinen zweiten Roman vor. Es ist wohl nicht ganz zufällig, daß dieser Roman, der historische Elemente enthält, der als Abenteuerroman und auch als Kriminalstück gelesen werden kann, in Hull seinen Ausgang nimmt und sich des Themas vom Walfang (welch ein Euphemismus, eher ist es ja ein Walabschlachten gewesen) widmet: Hull ist sowohl die Geburtsstadt des Autoren, war aber auch einer der großen Häfen für die Walfangschiffe in England. In Hull gibt es dieser Vergangenheit geschuldet das Hull Maritime Museum, in dem das nebenstehende Gemälde des Englischen Malers William John Huggins (https://en.wikipedia.org/wiki/William_John_Huggins) zu bestaunen ist.

Whaling Barque Harmony of Hull William John Huggins (1781-1845), Oil on canvas [Bildquelle: http://blueworldwebmuseum.org/item.php?title=Whaling_Barque_Harmony_of_Hull&id=138]

Zu sehen ist ein Schiff, die ‚Harmony of Hull‘, die inmitten eines von Eis bedeckten Meeres ihrem blutigen Geschäft nachgeht: dem Abschlachten der Robben, dem Harpunieren der Wale…. Philip Hoare beschreibt dieses Bild des Grauens, das gleichwohl auch die Gefahren dieser Jagd, die treibenden Eisschollen, die Kälte, der dräuende Eisberg im Hintergrund, nicht verschweigt, in seinem wunderbaren Buch Leviathan oder der Wal (https://radiergummi.wordpress.com…wal/), das als Hintergrund für McGuires Roman nur empfohlen werden kann (natürlich lassen sich Infos über den Walfang früherer Jahrhunderte auch aus dem Internet ziehen, Hoares Buch ist jedoch viel stilvoller…). Die dargestellte Szenerie jedenfalls entspricht wohl dem, wie es damals ablief und wie es McGuire in seinem vorliegenden Roman darstellt und teilweise sehr explizit schildert.


Der Autor führt uns in mit seiner Geschichte in das Jahr 1859 zurück. Die Walfangindustrie, die aus London die nächtens am besten beleuchtete Großstadt auf Erden gemacht hat (Hoare, a.a.O.), ist im Niedergang begriffen. Zum einen ist das Petroleum auf dem Markt aufgetaucht und verdrängt das Öl des Wales aus den Funzeln, zum anderen hat der Raubbau der letzten Jahrzehnte die Bestände an Walen stark reduziert. Waren diese in früheren Zeiten so groß, daß die Jagd fast einem Abernten glich, so war es mittlerweile gar nicht mehr sicher, daß man überhaupt noch auf einen Wal traf. Zudem verdrängt die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler immer mehr.

Solch ein Segelschiff, die ‚Volunteer‘, liegt nun in Hull am Kai und wird für`s Auslaufen fertig gemacht. Sie wird mit allem Notwendigen beladen, die Mannschaft, bis auf die drei Harpuniere, von eher mittlerer Qualität, wurde von Baxter, einem Finanzier, zusammengestellt. Einer dieser Harpuniere, Henry Drax, ist eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Ein vierschrötiger, keineswegs dummer Mensch, der völlig empathielos seinen Bedürfnissen nachgeht. Er sieht sich selbst als Macher, schaut verachtend auf die Denker hinab, und reagiert auf jede als solche von ihm empfundene Notwendigkeit des Augenblicks, was auch schon mal ein Erwürgen seines Partners nach dem erzwungenen oder erkauften sodomitischen Akt sein kann.

Sein Gegenspieler ist anderer Natur. Der gesichtsalte, aber nach Jahren noch relativ junge Arzt Sumner, ist undurchsichtig, er hält seine Vergangenheit im Dunkeln. Immerhin weiß man, daß er in den indischen Kolonieren als Militärarzt tätig war und heftige Kämpfe durchlitten hat (im Mai 1857 kam es dort zum Aufstand der Sepoy gegen die Kolonialmacht). Daß er aufgrund einer Erbschaft nach England zurückgekehrt, dann aber auf Probleme beim Antritt des Erbes gestoßen sei, nimmt ihm keiner ab, jeder fragt sich, warum er als Arzt auf einer derartige Fahrt anheuert. Das Kommando auf dem Schiff hat ein gewisser Brownlee, auch dieser Kapitän ein Mann mit Vergangenheit. Ihm wird nachgesagt, ein Unglücksmensch zu sein, hat er doch unter schlimmen Umständen früher mal ein Schiff verloren, mit der gesamten Ladung und vielen Toten und verletzten Seeleuten…

McGuire läßt sein Schiff nordwärts in See stechen. Auf den Shetlands wird noch mal angelegt und die Seeleute amüsieren sich ein letztes Mal bei Schnaps und Huren, bevor es dann ins Eis weitergeht, ins Nordwasser. Es ist eine blutige Fahrt, man kann sie grob nachverfolgen, da McGuire die einzelnen Stationen nennt, die über google-maps leicht zu finden sind. Blutig nenn ich sie, weil alles abgeschlachtet wird, was dem Schiff in den Weg kommt, in der Robbenkolonie werden so viel Tiere wie möglich niedergemetztelt (Fünfzig Tonnen wären machbar, wenn er eine passable Mannschaft hätte…) weil bei Sichtung jedes Bären versucht wird, ihn zu töten… ein verwaistes Bärenbaby wird an Bord gebracht, es ist- wenn es überlebt – zwanzig Pfund wert, wenn man es in den Zoo bringt. Auch auf Wale treffen sie…. Daß bei solchen Aktionen immer wieder auch Besatzungsmitglieder sterben, wird in Kauf genommen…

Schon bald wird klar, daß hinter dieser Fahrt noch etwas mehr steckt als nur die Jagd auf Wale. Der Kapitän steuert das Schiff immer weiter ins Nordwasser hinein, trotz der Jahreszeit und gegen alle tradierten Erfahrungen…. Und es kommt so, wie man es erwartet: das Schiff wird eines Tages vom Eis eingeschlossen und letztlich zerstört. Die Männer müssen es verlassen und sind in der Eiseinöde auf sich gestellt.

Schon vorher war es auf der ‚Volunteer‘ zu einem Verbrechen gekommen. Der seit Tagen vermisste Bootsjunge wird tot aufgefunden, es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Drax und Sumner, bei der letztlich Sumner die Oberhand behält – nicht ohne, daß es Opfer gibt… Aber alle sind sie jetzt ohne Schiff, im Eis, mit zuwenig Nahrung, sie sind der Kälte ausgesetzt, dem Wind, dem Hunger…

Diese Passage des Romans stellt letztendlich Sumner in den Mittelpunkt. Dieser durchlebt unter diesen extremen Bedingungen eine innere Entwicklung, zentrales Ereignis dabei ist seine Jagd auf einen Eisbären, die zu einem mythisch-archaischen Höhepunkt führt, zu einer Art Neu- bzw. Wiedergeburt: er ist danach ein anderer…


Nordwasser ist ein spannendes Buch, ganz ohne Zweifel. Es ist auch ein hartes Buch, ein – wie schon gesagt – blutiges.. mir haben diese Passagen weh getan, ich gebe es zu. Die Schilderung der Schlachtorgie in der Robbenkolonie, die Jagd der Besatzung auf die Eisbärenmutter, auch das Harpunieren und Schlachtes des Wals, das ist nicht schön. Für die Männer damals jedoch war genau dies das Ziel, der Zweck der Reise: jedes Fass mit Öl, mit Fett, jedes Fell war bares Geld, jede der Barten eines Wales wird als Fischbein im Korsett in der Zivilisation einer Dame zur Zierde verhelfen, einer Frau, die nicht ahnte, wieviel Blutvergießen damit verbunden war. Man war in dieser Gesellschaft weder wehleidig noch zimperlich, Hygiene war zweitrangig, Verdauungsprobleme an der Tagesordnung, es stank an allen Ecken und Enden, für Warmduscher war dies kein Biotop. Definitiv nicht.

Der arkane Zweck der Fahrt, er spielt keine allzu große Rolle, er erfüllt sich, weil er das Gesamtkonzept der Fahrt überlagert, letztlich wider Erwarten realistisch und glaubwürdig. Von daher ist er als Thema einer kriminellen Handlung allenfalls ein nettes Beiwerk des Romans, um zu zeigen, wie verworfen und böse, böse, böse man damals auch schon war. Es hat sich wenig verändert bis heute. In einzelnen Passagen schneidet der Autor andere Fragen an, so zum Beispiel das Phänomen, wie leicht sind Menschen zufrieden, wenn sie erstmal einen haben, den sie als Schuldigen bezeichnen können. Eine Abweichung vom Normverhalten – und schon ist man dabei. Auf der Verliererseite. Gut, wenn es dann einen Querulanten so wie Sumner gibt, der sich an den Ungereimtheiten stört und nachhakt…

In den Begegnungen der Walfänger mit den Eingeborenen ‚Yaks‘ zeigt sich ein Clash der Kulturen. Die Yaks kennen sich im Eis aus, sie wissen dort zu überleben, wissen, wie man jagen muss, wissen, die Wolken, den Schnee und das Eis zu lesen. Sie erscheinen den Männern, die doch selbst auf eine Stufe großer Primitivität gesunken sind, als kaum über den Tieren stehend mit ihrem Riten und Verhaltensweisen, allenfalls der Gedanke, daß auch diese Wesen von Gott geschaffene Menschen sind, XXXX

Ein interessanter Punkt ist auch, wie der Autor bei seiner Figur des Drax die beiden oft als Antagonisten bezeichneten Begriffe ‚Liebe‘ und ‚Tod‘ zusammenfließen läßt. Liest man eine aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Passage wie … „Schenk mir ein letztes Stöhnen“, sagte er. „So ist es recht, meine Süße. Ein letztes Zittern, damit ich die richtige Stelle finde. Genauso Herzblatt, Noch zwei, drei Zentimeter, dann haben wir es geschafft.“ …. so werden wohl die wenigsten vermuten, daß dieses ‚abstoßende Liebesgeflüster‘ vom Töten handelt, nicht vom Lieben. Ist doch das Hineinstoßen der Harpune in den Leib des Wals hier wie das Einführen eines tödlichen Schaftes in einen warmen. lebenden Körper, der einen letzten ejakulativen Ausstoß einer Wolke reinen Herzbluts hoch in die Luft hervorruft… Dieser Vorgang des Töten des Wals gleicht dem des Töten eines Menschen nach dem Akt, in dem Drax seinem ‚Partner‘ in gleicher Weise blutig und brutal penetriert hat, einzig und allein einem unkontrollierten Trieb gehorchend.

Der Roman wird in dem meisten Besprechungen hochgelobt. Auch ich habe ihn gerne gelesen, habe ihn schnell gelesen, weil er mich packte. Und doch… ein paar Punkte haben mich gestört. Die Eingangssentenz beispielsweise, die für den weiteren Verlauf der Handlung unwesentlich ist, vor Blut nur so strotzt und außer der Tatsache, daß sie zeigt, daß es sich bei Henry Drax um einen gefährlichen, triebgesteuerten Zeitgenossen handelt (der jedoch nicht eindimensional ist), scheint im wesentlichen des bluttriefenden und schockierenden Effekts wegen geschrieben worden zu sein. Wie sagte meine Buchhändlerin: Ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt, das war nichts für mich. Für einen anderen Eindruck, den das Buch bei mir hervorgerufen hat (besser: nicht hervorgerufen hat) ist ein weiterer Autor schuldig: der Ransmayr nämlich. Ging mir doch in den „Eispassagen“ des Nordwassers seine Darstellungen zum Thema „Harte Männer im kaltem Eis bei wenig Essen, zerlumpter Kleidung und ansonsten ist es auch nicht einfach“ (Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis) nicht aus dem Kopf und daran gemessen empfand ich McGuire mit seinen Schilderungen blass und farblos.

So fass ich zusammen, was ich jetzt schon mehrfach geschrieben habe: Nordwasser ist ein publikumswirksamer, auf Schockeffekte angelegter Roman, der durchaus spannend ist, der unterhaltend ist und der ein Ende hat, bei dem der ‚Richtige‘ überlebt. Ein Abgesang auf die ‚große‘ Zeit des Walfangs, auf das Abschlachten dieser imposanten Tiere, eine Tätigkeit die nach Männer verlangte, die in dieser Brutalität und Rohheit entsprachen. Ein Abgesang auch auf die Zeit der großen Segler, eine Reminiszenz auf den einst so bedeutenden Walfanghafen Hull, die Geburtsstadt des Autoren. Das alles mit einem Protagonisten, der als Kontrapunkt zum bisherig Angemerkten durch das Purgatorium dieser Fahrt geläutert erscheint, der sich durch einen letzten barbarischen Akt retten und ein neues Leben anfangen kann.

Ian McGuire
Nordwasser
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber
Originalausgabe: The North Water, London 2016
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 304 S., 2018