Michael Köhlmeier: Sunrise

6. März 2011

Köhlmeiers kleine Erzählung ist verschachtelt. Auf der ersten Ebene treffen wir zwei Anhalter, die in der Nacht an der Straße stehen. Der eine von ihnen, Richard, versucht die selten vorbeifahrenden Autos anzuhalten, sein unbenamter Kollege dagegen versucht die Zeit mit dem Erzählen einer Geschichte zu vertreiben.

Seine Geschichte spielt in Los Angeles. Squeezy ist ein ca fünfzigjähriger Obdachloser, der dem Alkohol zuspricht. Vor kurzem ist er erschrocken, er hat in einem Spiegel in das Gesicht eines Mannes geschaut, der zwanzig Jahre älter war. Dieser Anblick hat ihn aufgeweckt: er will versuchen, sein Leben zu ändern. An diesem Morgen, an dem die Geschichte spielt, will er den Hollywood Boulevard überqueren, um im Lokal auf der anderen Straßenseite zu frühstücken. Er sieht einen Mann auf der Straße stehen, der ihm mit einem schmalen, blinkenden Gegenstand zuwinkt, er geht auf ihn zu und der Mann schleudert ihm den Gegenstand entgegen. Doch diese verfehlt ihr Ziel, da er an einem gerade vorbei fahrenden Auto abprallt und bohrt sich stattdessen in die Brust einer jungen Frau, die in diesem Moment ebenfalls die Straße überqueren will.

Der Sichelschleuderer ist der Tod, aber Rita, die Stripperin, ist nicht bereit, ihren Tod so ohne weiteres hinzunehmen. Es ist ungerecht, daß sie sterben soll, die Sichel war nicht für sie bestimmt, sondern für Squeezy. Und der Tod beschließt, das Leben für eine Stunde anzuhalten und diese Zeit auf die beiden aufzuteilen, so daß sie ihre Geschichte erzählen können und am Ende entschieden wird, wessen Tod fairer und gerechter sei. Diese Situation erinnert von Ferne an den „Ackermann“ von Tepl, auch hier ja die (zum Teil wütende) Diskussion eines Menschen mit dem Tod um die Fairnis seines Handels auf der einen, der Sinnhaftigkeit auf der anderen Seite.

Jetzt sind wir auf der dritten Ebene der Erzählung. Leo erzählt von seinem Elternhaus und vor allem von seinem vergötterten Onkel Leonhard, den er über alles liebte und der ihm so viel „besser“ dünkte als sein eigener Vater. Dieser Onkel verbrachte die Weihnachtstage regelmäßig bei ihnen zu Hause. Eines Jahres kam er jedoch nicht allein, sondern brachte Rosa-Lind mit. Auf diese Frau, die Streit und ungute Stimmung hervorrief, übertrug sich all das Gefühl des Jungen. Für sie, seine erste Liebe, war er bereit alles zu tun und er stahl seiner Mutter das gesparte Geld, da er für nur ein wunderschönes, teures Geschenk für Rosa-Lind seinem Gefühl angemessen war. Bei ihrer Abreise jedoch wurde Rosa-Lind als Diebin entlarvt und nur das Geschenk des Jungen konnte sie mitnehmen. Und sie tat es mit den Worten, daß dies schönste Handtasche sei, die je verschenkt wurde. Dieser Moment hat sich eingeprägt in Squeezy, von dem wir sonst kaum mehr erfahren als daß er eine zeitlang als Zimmermann gearbeitet hat, daß er solche Augenblicke wieder erleben will und daher entschlossen ist, sein Leben zu verändern. Sein Tod jetzt, ausgerechnet jetzt, wäre daher nur ungerecht.

Dann erzählt Rita ihre Geschichte. Sie, die erst 20 Jahre alt ist, lebt recht… nun ja, promisk und das nicht immer mit Gummi. So geht sie, als ihr die Gefahr bewusst wird, zum Test und trifft dort Schoscho einen leicht überdrehten Mexikaner. Da beide negativ sind und sie sich nur gegenseitig sicher sind, negativ zu sein, tun sie sich (und kommen) zusammen. Aber man geht sich auf die Nerven und Schoscho ist jemand, der freizügig umgeht mit der Drohung, sich selbst zu morden. Bis es Rita eines Tages reicht, sie die Faxen leid ist und sie sich selbst die Adern aufschneidet. Gerade noch soeben kann Schoscho sie retten. Damals, so argumentiert Rita, damals wäre der richtige Zeitpunkt gewesen für Gevatter Tod, sie zu holen, aber damals hat er sie nicht gewollt. Und so solle er sie heute, wo er sie garnicht haben wollte, sie nur durch einen dummen Zufall die Sichel abbekommen habe, auch davon kommen lassen.

Dies also die Geschichten der beiden Morituris.

Doch bevor der Ungenannte sie fertig erzählen kann, muss Richard schnell an die Straße, ein Auto hält, will jedoch nur einen mitnehmen. Voller Neugierde auf das Ende der Geschichte läßt er das Auto fahren und bleibt bei seinem Kollegen, der die Geschichte nun beendet. Aber wie sie endet, das verrate ich hier nun nicht…. allzuviele Möglichkeiten gibt es ja nicht, die Geschichte aufzulösen, und trotzdem, es gibt noch eine mehr…..

Man kann diese kleine Erzählung natürlich ansehen als Fingerübung zum Tod, seiner Willkür, seiner Fairness, der Frage nach dem „Warum ich, warum nicht er?“. Der Tod in Köhlmeiers Geschichte ist nicht fair, er ist nicht unfair. Er ist einfach. Er will nur nicht leer ausgehen. Er ist der Schnitter, der das erntet, was Jahrzehnte zuvor gesät worden ist.

Was würde man selbst dem Tod erzählen, stünde man in einer solchen Situation, daß man die Wahl hätte? Der Gedanke daran, mit dem Tod um sein Leben zu diskutieren, mag irreal erscheinen, er ist es aber nicht. Er ist dort grausame Realität, wo mehr Leben erhalten werden müsste, als Resourcen zur Verfügung stehen, wo ausgewählt werden muss, wer z.B. ein Organ verpflanzt bekommt und wer nicht? Nach welchen Kriterien wählen die Ärzte aus, die ja, anders formuliert, hier die Rolle des Todes übernehmen? MANVs sind ein anderes Beispiel (Massenanfall von Verletzten): bei begrenzten ärztlichen Möglichkeiten zur ersten Hilfe muss diese möglichst „effektiv“ eingesetzt werden, sprich: sehr schwer Verletzte können möglicherweise nicht behandelt werden. Wie könnte man den Arzt überzeugen, daß das nicht fair ist, was könnte man dem Arzt erzählen (so man noch erzählen könnte), dem Arzt, der nach „objektiven“ Kriterien (sogenannte Triage), die, die ihm der Zufall vor die Füße geschmissen hat (denn der Zufall (= der Tod?) bestimmt zumindest mit, wer wie und wie schwer verletzt ist), sortiert, um ihn zu erweichen, daß er einen selbst behandelt und dafür eventuell den Nachbar sterben läßt? Könnte ich überhaupt mit diesem Gedanken leben, daß ein anderer an meiner statt geholt worden ist vom Schnitter?

Gibt es solche Lebensgeschichten überhaupt, die das eigene, oder überhaupt ein Leben wertvoller, erhaltenswerter machen als das Leben eines anderen Menschen? Wenn jedes Leben gleich viel wert ist, dann ist es dies doch auch vor dem Tod, dann ist es egal, wen der Tod sich holt, wer stirbt? Auch die Geschichten von Squeezy und Rita sind so außergewöhnlich nicht, sie sind Geschichten aus dem Leben am Rande, wie es überall stattfindet, Schicksale, mit denen viele, sehr viele aufwarten können…

Beide argumentieren ich-bezogen, wollen den Tod damit überzeugen, daß ihr Leben für sie selbst noch wichtig ist bzw. der Tod den richtigen Zeitpunkt, als das Angebot des Menschen auf dem Tisch lag, selbst verpasst hat. Wäre es aussichtsreicher, zu diskutieren, welches Wert ein Leben hat für die anderen? Auch diese Diskussion gibt es natürlich schon längst, begrenzte Resourchen zwingt sie unter dem Stichwort der Zwei-Klassen-Medizin (zumindest in pekuniärer Hinsicht) dem politischen Alltag offen oder verdeckt auf: Man kann die Lebensverlängerung kaufen, den Tod bestechen. Der Tod kann warten, ihm ist es letztlich egal, aber uns nicht. Und diese unterschiedlichen Möglichkeiten, die Einfluss und/oder Geld verleihen, verletzten einen Sinn in uns für Gerechtigkeit und Gleichheit der Menschen…..

Facit: „Sunrise“ ist ein schmales Büchlein vom Leben und vom Sterben, es ist ein Büchlein, das die Frage nach dem Wert des Lebens auf eine ganz eigene Art und Weise stellt. Es beantwortet sie nicht, das kann wohl auch niemand, aber Köhlmeier löst seine eigene Erzählung mit einem überraschenden Ende auf.

Michael Köhlmeier
Sunrise
Haymon Verlag, 2010, TB, 96 S.

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