Wilkie Collins: Die Frau in Weiß

The woman in white (1890), Cover
Bildquelle: [B]
Dieser Roman, dessen Erstveröffentlichung als Fortsetzungsroman 1860 erfolgte, stand Jahrzehnte bei mir als ungelesenes – und ich wage zu behaupten, seinerzeit ratlos in selbiges gestellte – Exemplar im Regal. Vielleicht brauchte ich als Leser einfach die vielen Jahre, um sozusagen ‚reif‘ zu werden… jedenfalls habe ich die letzte Zeit Spaß gewonnen an Büchern, deren Handlung im viktorianischen England angesiedelt ist und dazu gehört dieser Roman ganz zweifelsohne und unbestreitbar. Zudem begründet er ein Genre, er wird als einer der ersten Detektivromane angesehen, auch wenn die Hauptfigur des Walter Hartright [9] als Zeichenlehrer recht deutlich von dem abweicht, was man sich so als Detektiv vorstellt. Andererseits ist die Profession gar nicht so schlecht gewählt: ein Zeichner muss beobachten können und das kann Walter Hartright.

Man merkt dem Buch auch seine ursprüngliche Fassung als Fortsetzungsroman an: um die Leser bei der Stange zu halten (korrekterweise hätte ich wohl ‚Leserinnen‘ schreiben müssen, 1860 dürfte die Zahl von Männern, die Fortsetzungsromane gelesen haben, noch überschaubar gewesen sein), braucht es Spannung, braucht es Witz und Leichtigkeit, braucht es Dramatik, Tragik und die dazu passenden Figuren. All das bietet Die Frau in Weiß und in der deutschen Fassung, die ich gelesen habe kommt mir Arno Schmidt noch ein fantastischer Übersetzer hinzu, der nicht nur neue Wortkreationen in seinen Text einbaute (sonnenscheinte, submissirte….), sondern der auch die Stimmung des Textes in seiner Übersetzung eingefangen hat [4].


Worum geht es?

Besagter Walter Hartright ist Zeichenlehrer in London. In den Häusern, in denen er unterrichtet, ist er mit einem Professor Pesca bekannt geworden, einen nach England geflohenen (der Grund wird vom ansonsten redseligen Professor erst gegen Ende des Romans – und auch dann erst unter großer Not – enthüllt) Italiener mit beeindruckend kleinen Körpermaßen aber dem unbedingten Ehrgeiz, in jeder Beziehung zum echten Engländer zu werden. Diesem Pesca rettete Walter eines Tages das Leben, als dieser nämlich seine Schwimmkünste hoffnungslos überschätzend beim Bade im Meer unaufhaltsam dem Grund entgegensank. Die italienisch-temperamtentvoll überschäumende übergroße Dankbarkeit kann Pesca zu seiner Genugtuung ein wenig abtragen, als er eines Abends mit der Botschaft kommt, in der Provinz, in Cumberland, werde ein Zeichenlehrer gesucht. Die äußeren Bedingungen für diese Stellung sind excellent, trotzdem zögert Walter ein wenig, das allen verlockend erscheinende Angebot anzunehmen, kann aber letztlich keinen stichhaltigen Grund dafür nennen und gibt den Überredungsversuchen der Familie und Pescas nach.

Johnson’s England and Wales (1862) Cumberland ist die nördlichste der violett eingefärbten Regionen

Am Abend vor der Abfahrt wandert er vom Landhaus seiner Mutter im Hampstead langsam zurück nach London, in seine Wohnung. Es ist nach Mitternacht und er erschrickt, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürt. Er dreht sich um und sieht eine junge Frau, die ganz in Weiß gekleidet ist. Sie bittet um Hilfe, verrät jedoch kaum etwas von sich… und das wenige, das Walter erfährt, verblüfft ihn, ja, mehr als das: diese Frau erwähnt ihre glückliche Kindheit, die sie zum Teil in dem Haus verbracht hat, in das Walter morgen reisen wird….. Walter hält sein Versprechen, bedrängt die Frau nicht mit Fragen, setzt sie, in der Stadt angekommen, in eine Kutsche und läßt sie fahren. Kurz darauf kommt in großer Eile eine weitere Kutsche mit Männer auf der Suche nach einer in weiß gekleideten Frau, die aus einem Sanatorium geflüchtet ist….

Szenenwechsel: Zwar mit Verspätung, aber doch erreicht Walter Limmeridge House in Cumberland, lernt dort die Halbschwestern und zukünftigen Schülerinnen Marian Halcomb und Laura Fairlie kennen sowie deren Onkel Sir Frederick Fairlie, Esqu., die alte Gouvernante und diverse Diener. Laura ist blond und schön, Marian (nach eigenem Bekunden) brünett und häßlich (wobei sich dieses ‚Häßliche‘ nur auf das Gesicht bezieht, Walter, der sie beim Eintreten in den Raum zuerst von hinten sieht (Marian schaut ohne ihn zu bemerken aus einem der Fenster), ist von diesem Anblick entzückt..). Marian ist die erste Person, auf die Walter (außer dem Diener) am nächsten Morgen trifft, sie gibt ihm beim Frühstück eine sehr launige, amüsante Einführung in die Verhältnisse auf Limmeridge House… ihr gegenüber erwähnt Walter auch diese seltsame Begegnung am Vorabend seines Reisetages, woraufhin Marian verspricht, die alten Briefe der Mutter, die Lehrerin an der Schule war, an ihren Mann durchzuschauen, sei sei sicher, wenn das was wäre, stünde es in einem der Briefe…

…. und in der Tat, in einem der letzten Briefe, die Marian noch zu lesen hatte, berichtete die Mutter ihrem Mann von einer Frau, die mit ihrem süßen, aber in der Entwicklung etwas zurück gebliebenen Kind namens Anne Catherick aus familiären Gründen in das Dorf gekommen ist, und sie erzählt, das sie sich ein wenig um das Kind kümmerte. Unter anderem kleidete sie es neu ein, ganz in weiß…. es ist genau dies der Moment des Berichts von Marian an Walter, in dem die Schwester Laura, ganz in Weiß gekleidet, von außen durch das Fenster auf die beiden schaut und Walter eine frappierende Ähnlichkeit erkennt mit der Unbekannten, die er in London getroffen hatte.

Das ist in etwa die Ausgangsituation, die sich in den ersten knapp 100 Seiten ergibt. Aber keine Angst, ich werde nicht so ausführlich weiter schreiben, diese Ausführungen waren jedoch notwendig, um herauszuarbeiten, um was es im Roman geht: um die Identität dieser rätselhaften Frau in Weiß und um die Frage, was die Ähnlichkeit zwischen Laura und dieser Frau bedeutet: mit anderen Worten, es geht um das Schicksal der Personen, die wir bisher kennen gelernt haben, denn auch Walter ist direkt darin involviert, hat er sich doch – soviel sei verraten – schon sehr bald in Laura verliebt…

… ein unglückliches, zwar von beiden empfundenes, gottseidank jedoch nie ausgesprochenes Gefühl, denn die Hochzeit Lauras mit Sir Percival Glyde steht bevor. Und justament in diesem Augenblick wird ein anonymer Brief überbracht, der dunkle Andeutungen über den zukünftigen Ehemann Lauras enthält. Damit ist der Keim des Misstrauens gesät und obwohl sich der zukünftige Ehemann, der kurz darauf in Limmeridge House eintrifft, allem Anschein nach als tadellos höflich und bezüglich der gegen ihn im Raum stehenden Vorwürfe als ebenso auskunftsfreudig erweist, wandelt sich langsam aber sicher die Sympathie für ihn in Angst vor ihm… doch Laura fühlt sich durch ein dem Vater am Sterbebett gegebenes Versprechen gebunden, auch um den hohen Preis ihres ganzen, möglicherweise unglücklichen Lebens.

Man ahnt es, die Schicksale der beiden Frauen, Anne Catherick und Laura Fairlies, sind im tief Verborgenen miteinander verknüpft, die Szene, in der Walter Lauras Schwester Marian von seiner seltsamen Begegnung erzählt und Laura weiß gekleidet vor der großen Flügeltür erscheint, spricht Bände… und so handelt der ganze Roman, der einen Zeitraum von knapp zwei Jahren umfasst, davon, die Geheimnisse, die sich im Schicksal der beiden Frauen und in dem Sir Percivals verbergen, zu lüften, und das Leben Lauras, das nach der Hochzeit mit Sir Percival unglücklich zu nennen in der Tat ein heilloser Euphemismus wäre, zu retten und zum Glück zu führen….


Die Frau in Weiß ist ein voluminöser Roman von 295.000 Worten. Ich habe sie nicht selber gezählt, die Zahl wird von Vollmann genannt (wie auch immer er an diese Angabe gekommen ist) [8] und trotz dieses Umfangs ist das Buch in keiner Phase auch nur andeutungsweise langatmig. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe. Sicherlich ist die Entstehungsgeschichte als Fortsetzungsroman einer davon (Die erste Folge des Romans erschien am 26. November in der von Charles Dickens (der mit Collins verschwippschwägert war) herausgegebenen Zeitschrift All the Year Round, (die online verfügbar ist und man sich daher das Vergnügen gönnen kann, das Original des Romans zu sichten [7]), die letzte Folge erschien dann am 25. August des Folgejahres. Der Autor musste also jeweils entsprechende Spannungsbögen aufbauen, die die Leserinnen bei der Stange hielten und auf die nächste Folge lauern ließen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet, auch heutzutage mochte ich das Buch kaum aus der Hand legen.

Einfüh-rung des Protago-nisten in die von ihm doku-mentierte Geschichte [7]
Ferner bediente sich Collins eines Kunstgriffes: anstatt die Geschichte in Gänze von seiner Hauptfigur erzählen zu lassen oder von einem auktorialen Erzähler baut er seinen Roman wie eine Art Zeugenvernehmung vor Gericht auf: es kommen, wie er in seiner Einführung (siehe nebenstehende Abbildung) schreibt, jeweils die Personen zu Wort, die in der entsprechenden Situation am direktesten beteiligt und daher die glaubwürdigsten Berichterstatter waren. Diese Vorgehensweise macht den Text abwechslungsreich, da (zumindest in der Übersetzung) sich die individuellen Eigenheiten der jeweiligen Erzähler in ihrer Sprache niederschlagen. Das Geschehen ist aus der Rückschau geschildert, von daher ist zumindest eindeutig, daß die zentrale Figur des Walter Hartright alle Malaisen und Gefahren überlebt hat. Was für die wesentlichen Figuren des Buches nicht unbedingt gelten muss, beispielsweise erfahren wir im Lauf der Handlung davon, daß Laura Fairlie offensichtlich ihrer nervlichen Zerrüttung, die wohl zu einer Schwächung des Herzens geführt hat, erliegt. Ich kann mir förmlich vorstellen, wie sich in dieser Szene weiland jedwede Leserin in Tränenströmen gebadet wiederfand, auch ich dachte mir an dieser Stelle: ey, boay, kann doch wohl nich sein, ey, dat feine Mädchen jetz so apnippeln lassen… boay. dat ist man hart, ey. wenn dat man keine fehler is!: Ein weiteres Stilmittel Collins` also: das, was man heutzutage ‚Cliffhanger‘ nennt: man will, falsch: man muss einfach wissen, wie es weitergeht.

Ein Kampf des Guten gegen das Böse, David gegen Goliath, ein Duell, bei dem eine Partei eine geladene Waffe, die andere eine Erbsenpistole in der Hand hat…. ein lichtes Dreigestirn gegen den Fürsten der Hölle und das übrige Pack. Natürlich sind die Sympathien klar vergeben, aber gnadenlos führt Collins seine Figuren immer weiter in Unglück, läßt er die dunklen Mächte immer weiter vordringen, bis sie schier auf ganzer Linie triumphieren. Doch Walter nimmt den Kampf auf [6]…

Die Figurenzeichnung: zwar sind die Sympathien selbstsprechend auf Seiten der Guten, doch interessatnerweise sind weder Walter noch Laura meine Favoriten gewesen. Zu rein, zu engelhaft, zu wenig Makel wiesen auf, da waren andere interessanter: zuvördert ist hier natürlich auf Don Bosco.. ähhh den Conte Fosco zu verweisen, eine zwielichtige Figur, nach außen hin ein hochintelligenter, hochgebildeter, charismatischer Menschenverführer, aber unter dieser Oberfläche ein Schurke, das Mastermind hinter all den dunklen Plänen und Intrigen, die im Roman gesponnen werden. So dunkel-gefährlich er ist, eine Leidenschaft jedoch teile ich mit Don dem Conte: die Hinwendung zu Marian, von der ich ebenso wie er gefesselt wurde, eine Frau mit Mut, mit Intelligenz, mit Verantwortungsbewusstsein und auch Entscheidungsfreude; sicherlich eine Identifikationsfigur, ein Idol für viele der damaligen Leserinnen.

Im Roman jedoch ist die Welt noch in Ordnung, herrscht noch das Primat des Mannes, insofern spiegelt er die damalige Lebensumwelt. Laura beispielsweise dümpelt die ganze Handlung hindurch bis zum Ende auf dem Selbstständigkeitsniveau und mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes herum, die Contessa ist ihrem Mann geradezu in Hörigkeit ergeben, ansonsten kommen als Frauenfiguren fast nur Dienstpersonal vor. Einzig die unsympathische Mutter Annes sticht heraus, die sich trotz widrigster Umstände Ansehen erkämpft hat, sie ist im Roman jedoch nur eine der Nebenfiguren, die Collins braucht, um der Handlung einen entscheidenden Impuls zu geben. Bleibt Marian als Hauptfigur, die ich vorstehend so herausgehoben habe. Aber auch sie ist immer wieder in einer selbst auferlegten Beschränkung gefangen, in der sie sich als Frau natürlicherweise sieht: selbst diese starke Persönlichkeit orientiert sich am Manne. Da ich aber nichts als eine Frau bin, und ergo zeitlebens verdammt zu Prüderie, Phlegma und Petticoats, ….. oder Er [i.e. der Conte Fosco] schmeichelt meiner Eitelkeit dadurch, daß er sich mit mir so ernst und verständig unterhält, als wäre ich ein Mann. Jawohl! sind Aussagen aus Marians Tagebuch, indes der Conte Fosco z.B. verkündet: … denn wir Beide [i.e. er und seine Frau] haben nur noch eine Meinung, und das ist die meine. 

Nicht alle Männer jedoch sind stark. Lauras Onkel Frederick beispielsweise ist eine Karikatur, möglicherweise des ganzen Adels: kränklich, wehleidig, hypochondrisch, selbstmitleidig, permanent unpässlich, unhöflich, ungerecht und was einem an ‚un-’s noch einfallen mag. So sehr man ihn auch durchschütteln möchte, so sorgt er für doch für manch heiteren Moment im Stück – er ist die komische Figur im Buch, wenngleich eine mit unheilvoller Machtbefugnis. Ein Beispiel für inhärenten Humor, den er in die Handlung trägt: Ihm wird die Zofe Lauras gemeldet. „Lady Glyde’s Zofe soll hereinkommen, Louis. – Halt! knarren die Schuhe?“ – Ich konnte nicht umhin, diese Frage zu stellen. Knarrendes Schuhwerk reicht hin, mich für den Rest des Tages zu ruinieren. .. Selbst meine Dulderkraft hat ihre Grenzen. … gleichfalls ist der ungeliebte Mann Lauras, Sir Percival Glyde auf seine Art ebenfalls schwach: böse, unbeherrscht, jähzornig und wenig weitschauend. Er kompensiert seine Schwäche durch Aggressivität, in der Nähe des Conte wird er von diesem meist erfolgreich geführt.

Last aber bei weiten not least ist es jedoch der gesamte Plot der Geschichte, die Collins erzählt: Tragik, Dramatik, Herz und Schmerz, Liebe und Verrat, Lug und Trug, Verbrechen und edelste Gesinnung: an nichts sparte der Autor und gegen Ende der Handlung kommt es sogar zu einer gewissen ‚Action‘: Alles spitzt sich zu auf die finale Auseinandersetzung!

In einem Roman von fast 300k Worten ist viel enthalten. So könnte man noch auf die immer wieder durchscheinende abfällige Meinung, die gegenüber Ausländern durchscheint (Nun habe ich Ausländern gegenüber prinzipiell Gefühle menschlicher Duldung in mir zu nähren gesucht. Unsere Segnungen und Vorzüge sind ihnen nun einmal nicht zuteil geworden, …. so die Haushälterin Sir Percivals), eingehen, andererseits gibt es ebenso selbstkritische Passagen über England, wie hier beispielsweise über die zeitgenössische Stadtplanung: Gibt es in den Ödnissen Arabiens wohl eine Sandwüste, inmitten der Ruinen Palästinas den Anblick einer Verlassenheit, der mit dem widerwärtigen Eindruck auf das Auge, der niederschlagenden Wirkung auf das menschliche Gemüt wetteifern kann, wie ihn ein englisches Landstädtchen in den ersten Anfängen seiner Entstehung, im Übergangsstadium zum Wohlstand, mühelos erzeugt? 

Gegen Ende des Romans gibt Collins seiner Leserinnenschaft dann noch einmal so richtig Zucker: …. erzähle ich auch diese ganze Geschichte mit veränderten Namen. klingt beinahe so, als wäre das alles – so oder so ähnlich – in realiter tatsächlich geschehen. Ein Geschehen, das so außergewöhnlich ist, daß Collins auch noch einen Ratschlag bereit hält und Walter Hartright zum Schluss ausrufen läßt: Welch eine Situation! Ich empfehle sie den knospenden Romanschreibern Englands. Ich offeriere sie als gänzlich neu, den ausgeschriebenen Dramatikern Frankreichs…

Es ist genug geschrieben und kann abschließend mit einem Wort gesagt werden: Die Frau in Weiß war für mich was den Inhalt angeht, ein riesiges Lesevergnügen, die Freude des Lesens beruhte jedoch ebenso auf der Art und Weise, wie Wilkie Collins das alles in Szene gesetzt hat und wie es mit Hilfe Arno Schmidt für uns in Deutschland in Worte gefasst wurde.

Links und Anmerkungen:

[1] in der Wiki zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilkie_Collins
es gibt aber auch eine Vielzahl von ‚Fan’seiten zu Collins, z.B. diese hier: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=v&cont=start&s=a
[2] es ist nicht überraschend, daß das Internet voll ist mit Hinweisen zum Buch. Hier zwei  davon, einmal die unvermeidbare Wiki: http://www.wilkie-collins.info/books_woman_white.htm und ferner eine literaturkritische Analyse des Romans, auch schon etwas angejahrt, aber der Name des Verfassers erinnert mich an was: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=1&cont=life&s=w&kapitel=5
[3] —
[4] es schweift zwar etwas ab und gehört zwar nicht direkt zum Thema, aber die Einstellung Schmidts zum Genre des Kriminalromans ist diese Abschweifung wert. Dieser Aufsatz bietet einen schönen Überblick: Jan Süselbeck: Gedankenspiele von Lust & Mord – Ein kurzes Profiling zur notorischen Krimiverachtung Arno Schmidts;  http://literaturkritik.de/id/8510
Sofern jemand den im Text erwähnten Essay Schmidt zur Frau in Weiß auftreiben kann, wäre ich für eine Info dankbar!
[5] interessanter Artikel zum 150. Geburtstag des Romans: https://www.theguardian.com/books/booksblog/2009/nov/26/woman-in-white-150-years-sensation
[6] darin ähnlich unkaputtbar wie diese Maus:  https://www.youtube.com/watch?v=scXdT4ObY9k
[7] http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/serial?id=allyearround; hier der Link zum Romanbeginn: https://archive.org/stream/allyearround02dick#page/94/mode/2up/search/Collins
[8] Rolf Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer – Ein Romanverführer; Eichborn, 2004; S. 1046
[9] manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen, die den Klappentext verzapfen, das Buch überhaupt aufgeschlagen haben. So heißt die Hauptfigur auf dem hinteren Umschlag William anstatt Walter, auch dessen Begegnung mit der Titelfigur wird ziemlich falsch wiedergegeben….

Bildquellen:

(i) Cover 1890: By Cover art 1889 Chatto & Windus yellowback [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_woman_in_white_Cover_1890.jpg)
(ii) England Karte: Alvin Jewett Johnson [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1862_Johnson_Map_of_England_and_Wales_-Geographicus-_England-johnson-1862.jpg#)

Wilkie Collins
Die Frau in Weiß
Übersetzt aus dem Englischen von Arno Schmidt
Originalausgabe: The Woman in White, erstveröffentlicht in: All the Year Round, 1859/60
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 870 S., limit. Sonderausgabe 1998

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Jeremy Massey: Die letzten vier Tage des Paddy Buckley

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist der Erstling des gebürtigen Iren Jeremy Massey [1], der zeitweise in Amerika lebte, bevor er mit seiner Familie nach Australien zog. Auch beruflich war/ist Massey nicht auf eine Tätigkeit fixiert: nachdem er jahrelang im familiären Bestattungsunternehmen in Dublin [2] gearbeitet hatte, wechselte er ins ‚Drehbuchschreibfach‘, deswegen wohl auch der Aufenthalt in den USA. Beide Professionen merkt man seinem ersten Roman an: Masseys Hauptfigur ist der zweiundvierzigjährige Bestatter Paddy Buckley, der in der Art eine Protokolls formulierte Text ist in kleine, bekömmliche Lesehappen unterteilt, insgesamt 40 plus 2, mithin für jedes Lebensjahr des Helden einer. Außerdem ist ’42‘ bekanntlich die Antwort auf alles, Deep Thought sei Dank.

Vier Tage – der Zeitraum ist überschaubar, das Ende mit diesem Buchtitel vorweggenommen. Die Frage ist also, was passiert in diesen wenigen Tagen, beginnen mit Montag, dem 13. Oktober 2014? Im Mittelpunkt steht natürlich Paddy Buckley, verwitwet, seit vor zwei Jahren seine geliebte Frau Eva plötzlich im Supermarkt zusammengebrochen war. An seinem Verlust, seiner Trauer schwer tragend, stürzt er sich in die Arbeit, sieben Tage die Woche, im Grunde auch vierundzwanzig Stunden am Tag, denn in den Schlaf findet er sowieso nicht und der Tod nimmt keine Rücksicht auf die Tageszeit, so daß Paddy letztlich auch des Nachts immer ansprechbar ist.

Es scheint ein ganz normaler Todesfall zu sein: ein Zweiundsiebzigjähriger ist seinem Krebsleiden erlegen und sein Chef beauftragt Paddy, die Bestattung in Hand zu nehmen. Jedoch erliegt auch Paddy, nämlich der Aura der Witwe, in deren Figur uns endlich auch einmal eine Mrs Wright (im Gegensatz zum aus Fund und Fernsehen bekannten Mr. Wright) entgegentritt. Es ist völlig absurd und unprofessionell, aber als die trauernde Mrs Wright sich weinend an ihn lehnt, steht er bald mit einer unübesehbaren und deutlich spürbaren Ausbuchtung in der Hose neben ihr, was Lucy jedoch nicht zu stören scheint… der Irrsinn geht weiter, das Spenden des Trostes geht schnell über in das Spenden von Samen – jedoch: die Reiterin fällt alsbald im schönsten Galopp vom Pferd… Paddy kann keinen Atem mehr spüren, der Puls ist weg: Lucy ist tot. Mit seinem Sperma im Geburtskanal….

…. und der Tochter des jetzt in beiden Teilen verstorbenen Ehepaars, Brigid, die in diesem Moment an der Tür klingelt, den Vater zu betrauern, muss er jetzt auch noch die Tod der Mutter beibringen. Die näheren Umstände verschweigt er wohlweislich, während das schlechte Gewissen heftig in ihm tobt…

… und als ob das alles nicht reicht für einen Tag, tauchen noch zwei Komplikationen auf: die erste ist nämliche Brigid, die eine ähnliche Wirkung auf Paddy auszuüben beginnt wie die auf ihm verblichene Mutter und dann noch ein Mann namens Donal Cullen. Den nietet der gute Paddy nämlich des Nachts um, als er übermüdet und unaufmerksam nach einem Einsatz nach Hause fahren will. Dumm nur, daß die Cullen-Brüder sozusagen die ‚Paten‘ von Dublin sind und mit Vincent Cullen, der den fahrerflüchtigen Mörder seines Bruders natürlich sucht wie eine Nadel im Strohhaufen, keineswegs zu spaßen ist….

Zwei schwierige Beerdigungen also und wem übertragt der Firmenchef diese heiklen Aufgaben? Richtig, Paddy Buckley höchstselbst soll seine beiden eigenen Opfer nach allen Regeln des Gewerbes würdig und stilvoll unter die Erde bringen.

Aus diesen Startbedingungen hat Massey einen unterhaltsamen Roman geschaffen, der drei Dinge miteinander verknüpft: auf der mehr faktischen Ebene erfährt man einiges über Bestattungen inclusive Details, die auf sensiblere Gemüter möglicherweise etwas schockierend wirken mögen. Die Handlung selbst konzentriert sich auf die anstehende Bestattung von Donal Cullen, bei der Paddy notwendigerweise engen Kontakt mit seinem Bruder Vincent bekommt, der nicht ahnt, welche Rolle Paddy in Wirklichkeit spielt. Parallel zu dieser Geschichte läßt Massey seinen Protagonisten in eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte stolpern, bei der mir nicht so sehr Paddy – der immerhin von seiner Trauer um seine verstorbende Frau loskommt – als vielmehr die Frau leidgetan hat….

Die aus diesen Ingredienzien abgeleitete Geschichte ist wie gesagt recht unterhaltsam und liest sich gut und schnell. Sie hat neben den erwähnten Figuren noch eine Vielzahl weiterer Personen im Portefeuille, die die teils absurde, teils mit (schwarzem) Humor erzählte Story abrunden. Auch wahre Männerfreundschaft treffen wir an, sie spielt sogar eine große Rolle im Roman, auch wenn man im richtigen Leben nicht glauben mag, daß sie so weit gehen kann. Außerdem enthält der Roman noch einen gehörigen Esoteriktouch. Der äußert sich nicht nur in der Fähigkeit Paddys, Fliegen auf seiner Hand landen zu lassen und sich über ‚Kanal 24‘ aus seinem Körper heraus zu bewegen und sich derart selbst von ‚oben‘ zu beobachten, auch der keltische Sagengestalt der ‚Dechtire‘ setzt er inclusive Schwangerschaft ein – nun ja – Denkmal: Sie tritt im Roman als Wesen auf, dessen Existenz zwar biologisch unmöglich ist, aber hier wohl für etwas (war mir jedoch unklar geblieben ist) stehen soll.


Die letzten Tage… war für mich eine Erholung nach schwierigeren und längeren Romanen der letzten Zeit. Der Roman ist unterhaltsam, weist eine recht spannende Geschichte auf, stellt aber keine allzu hohen Ansprüche an uns Leser. Er vereint skurrile, makabre Passagen mit solchen in denen nüchterne Informationen aus dem Bestattungsgewerbe gegeben werden und weist mit Paddy einen Protagonisten auf, der schnell unserer Sympathie gewinnt. Ein ideales Buch also für den Urlaub und für Zwischendurch, zumal der Roman schnell den Charakter eines ‚Pageturners‘ annimmt – Drehbuchschreiberkunst eben….. ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Bestatter (offenbar auch ehemalige) können schweigen: das Internet enthält kaum mehr Informationen über den Autoren, als ich hier aufgeführt habe..
[2] wen’s interessiert: das hier müsste es wohl sein:  https://masseybrosfuneralhomes.com

Jeremy Massey
Die letzten vier Tage des Paddy Buckley
Übersetzt aus dem Englischen von Herbert Fell 
Originaltitel: The Last Four Days of Paddy Buckley, New York, 2015
diese Ausgabe: carl’s books, Softcover, ca. 265 S., 2017

Sarah Waters: Solange du lügst

Diesen 2002 erschienenen Roman der englischen Literaturwissenschaftlerin und Schrifstellerin Sarah Waters [1] zu besprechen, ist eine kleine Herausforderung für mich, denn ich muss von meinem altgewohnten Schema, mehr oder weniger ausführlich auf den Inhalt einzugehen, abweichen. Bei Solange du lügst wäre eine solche Darstellung der Handlung ein dicker, dicker Spoiler, der den ganzen Reiz des Romans zunichte machen würde. Daher werde ich mich inhaltlich weitgehend auf den ersten von drei Teilen des Buches beschränken.

Dieser erste Teil beginnt mit diesem Satz: In jenen Tagen hieß ich Susan Trinder, ein Satz, der uns schon einiges von Susan, genannt Sue, verrät. Zum einen, daß sie im Verlauf der Handlung wohl einen anderen Namen erfahren und annehmen wird und daß sie, egal welches Schicksal ihr die Autorin zugedacht hat, alles überleben wird, zumindest in einer Verfassung, die das Erzählen ihrer Geschichte ermöglicht.

Einer Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, in der Nähe Londons spielt. Sue, so will ich sie der Einfachheit halber nennen, wird in einer Art privatem und illegalem Waisenhaus mit integrierten Kinderverleih groß. Kinderverleih bedeutet, daß Mrs Sucksby ihre Schützlinge zum Betteln verleiht, es ist ein kleinkriminelles Milieu, in dem Susan aufwächst. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen wird Sue von ihrer Pflegemutter jedoch umsorgt und geliebt, auch Mr Ibbs, der Lebensabschnittsgefährte der verwitweten Waisenhausbetreiberin, der im Viertel als Hehler arbeitet, ist ihr zugetan, ein freundlicher und sanfter Mensch. Überhaupt ist das Leben in dieser Kleinganovenfamilie anscheinend ganz heimelig, das bisschen Klauen und Mopsen kann so schlimm ja nicht sein… Die Gefahr, die damit verbunden ist, wird verdrängt; die Strafen, wenn man erwischt wird, sind drastisch, der Richtplatz mit Galgen ist vom Haus aus zu sehen. Sues leibliche Mutter beispielsweise ist dort gehenkt worden, so erzählte es Mrs. Sucksby – aber sie war ja auch eine Mörderin, hat jemanden erstochen…..

Wie auch immer… in dieses Idyll platzt eines Tages ‚Gentleman‘, wie Richard Rivers, ein Hochstapler und Betrüger genannt wird, mit einem tollen Plan, der Aussicht auf einen immensen Gewinn bietet. Der aber auch menschlich sehr mies ist… und er braucht Sue dafür als Komplizin. Für einen Anteil von dreitausend Pfund ist diese auch bereit…

Sie soll als Zofe zu einer gewissen Maud Lilly gehen. Diese Maud ist die Nichte des schrulligen, exzentrischen Hausherrn auf Briar, der seine Nichte ähnlich einer Gefangenen auf dem Schloss hält, wo sie für ihn arbeitet, aber ansonsten keine Aufgabe oder Beschäftigung hat. Nie darf diese Briar verlassen, so wird sie auch nie einen Mann kennenlernen und nie heiraten und die die bei einer Hochzeit fällige reiche Erbschaft antreten können…. und genau hier hakt der Plan von Gentleman ein, denn er will heimlich mit Maud fliehen und sie heiraten und Sue als Zofe Mauds soll dies vorbereiten.

Das sagt sich für Sue einfacher als es ist, denn im Lauf der Wochen entwickelt sie Gefühle für Maud, die sie ihr auch offenbart, beispielsweise als sie gefragt wird, was denn in der Hochzeitsnacht von einer Ehefrau erwartet wird…..

Man möchte beim Lesen dieser Passagen Sue öfter mal in den Hintern treten, daß sie sich endlich zu ihren Gefühlen bekennen solle, aber letztlich stellt sie doch die Gewinnerzielungabsicht über diese zart erblühende Liebe. So kann Rivers zusammen mit Maud und Sue seinen Plan tatsächlich durchziehen, die drei fliehen nachts aus Briar und Maud und Richard heiraten in einer kleinen Kapelle, getraut von einem obskuren Geistlichen. Soweit, so gut, doch als es jetzt darum geht, den miesen Teil des Plans umzusetzen und Maud wieder loszuwerden, erfährt die Handlung eine völlig unerwartete Wendung um mindestens 540°….

Der zweite Teil des Romans wird aus der Sicht Mauds erzählt, sie schildert ihre Kindheit und frühe Jugend, die sie einem Irrenhaus verbrachte, in dem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war. Die Pflegerinnen dort lieben das Kind, es wächst frei und ungebunden auf – ein Leben, das sich abrupt ändern sollte, als sie ihr etwas seltsam lebender und agierender Onkel zu sich nach Briar holt, in einer ganz bestimmten Absicht….

In diesem Abschnitt überlappen sich die Schilderungen Sues und Mauds über ihre gemeinsame Zeit auf Briar. Wie Spinnen lauern sie beide in ihren Netzen, die jeweils andere zu einzufangen, nicht wissend, daß sie selbst nur Figuren sind eines schon viel älteren Netzes, das schon seit langem sorgsam um sie gelegt worden ist. Und doch müssen beide ihre Gefühle unterdrücken, Gefühle, die mächtig sind, Liebe und Hass kämpfen miteinander in den Seelen der Figuren, verstricken sie in seelische Konflikte, die kaum zu lösen scheinen…. und dann noch dies:

… denn auch für Maud läuft nach der Flucht aus Briar noch lange nicht alles so, wie sie sich das vorgestellt hatte: Waters verpasst ihrer Geschichte noch einmal eine Wendung.


Solange du lügst besteht also aus drei Teilen, von denen Sue im ersten und dritten Teil die Erzählerin ist, Maud dagegen im Mittelteil, in dem sie ihre Geschichte schildert. Diese beiden jungen Frauen bilden zusammen mit Richard Rivers und dem Onkel Mauds auch die zentralen Figuren der Geschichte. Die die Autorin jeweils Sue und Maud erzählen läßt – also nicht auf einen allwissenden Erzähler zurückgegriffen hat – wirken auch die oft recht gegensätzlichen Sichten auf die Dinge glaubwürdig. Dabei liest sich die Geschichte sehr flüssig und schnell, viele Dialoge halten sie in hohem Tempo, aber auch die seelischen Konflikte schildert Waters sehr anschaulich. Andererseits hat die historisch bewanderte Literaturwissenschaftlerin Waters auch einiges an Lokalkolorit aus viktorianischer Zeit mit einfließen lassen. Man darf davon ausgehen, daß die Beschreibungen von z.B. London (die Verhältnisse in Irrenhäusern, das Vermieten von Kindern zum Betteln, die Enge und Ärmlichkeit der Häuser, der Dreck, der Lärm zumindest in den ärmeren Stadtteilen, der ewig graue Himmel über London, die bunt schillernde Themse, die allen Unrat der Stadt ins Meer mitnimmt…), aber auch die Darstellung häuslicher Verhältnisse den zeitgenössischen Standard wiedergeben, ebenso wie die der im geheimen blühenden Produktion und Rezeption erotischer Literatur, einem Fachgebiet, auf dem Waters ihre Promotion verfasst hat.

Interessant ist in dieser Hinsicht die Figur des Onkels von Maud, einem exzentrischen Büchernarren, der manisch an einer ausführlichen Bibliographie schreibt, einer Bibliographie über Erotika, wie wir später erfahren werden. Eine solche Bibliographie gibt es wirklich, ihr Verfasser ist ein gewisser Henry Spencer Ashbee, ein – genau – manischer Sammler von Erotika (nach Fuld [5] hat er nach seinem Tod der British Library einen Bestand von 15299 Werken vermacht, die den Grundstock des ‚Giftschranks‘ dieser Bibliothek bilden sollten), ferner ist dieser Ashbee Verfasser einer frühen Aufklärungsschrift über den bestimmungsmäßigen Gebrauch der betreffenden Organe beim Akt. Schien ihm selbst doch der Akt mit seiner pumpenden Bewegung der männlichen Hüfte, den klaffenden Körperöffnungen und den verzerrten Gesichter wenig elegant, so sollte er zumindest technisch ohne Komplikationen ablaufen. Deswegen ist Mauds schüchteren Frage an Sue, was denn von einer Ehefrau in der Hochzeitsnacht erwartet würde, gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen, die Erotika, zu denen sie – auch das erfahren wir im zweiten Teil des Buches – Zugang hatte, enthielten solch sachbezogene Aufklärung nicht. Die nüchterne Ansicht Ashbees über die Ästhetik des Geschlechtsaktes ist auch insofern interessant, da er als (hinreichend sicher) vermuteter Autor von My Secret Life [3, 5, 6], eines über viertausend Seiten ausgebreiteten Liebesleben, in dem er innerhalb eines halben Jahrhunderts um die 1200 Frauen ‚besprungen‘ haben will (um einen von Waters im Roman für diesen Vorgang verwendeten Begriff zu nutzen) ….

Aber noch einmal zurück zum Buch. Alles hat ein Ende, die Wurst bekanntlicherweise zwei und auch ein Roman braucht zumindest eins… Die Handlung des Textes mit all ihren Irrungen und Wirrungen ist zum Abschluss gekommen, was fang ich an mit den Figuren? Hier einen wirklich gelungenen Abschluss hinzukriegen, scheint mir eine der schwersten Aufgaben eines/r Autoren/in. Auch in Solange du lügst deucht mich der Schluss der schwächste Teil des ansonsten so schönen Romans zu sein. Hier läßt Waters letztlich sterben, was Bösestwicht ist, bestraft, was minder schwerer Verfehlungen zu beschuldigen ist und was zusammengehört, wird schlussendlich zusammengefügt. Das die mit einem Thema zur erotischen Literatur promovierte Autorin am Ende dafür sorgt, das das Haus Briar diesem Genre treu bleibt, ist ein letzter, schöner Einfall Sarah Waters in Solange du lügst.

Auch wenn mir der Schluss des Buches etwas herbeigeschrieben vorgekommen ist, ändert das nichts an meinem Gesamteindruck, daß dieser im historischen Gewand des viktorianischen England daherkommende Krimi spannend ist mit all seinen Wendungen, daß er ferner eine differenzierte Zeichnung seiner Figuren aufweist (zu dem Punkt ließe sich vieles sagen, zumal die ‚Guten‘ nicht nur gut sind, sondern auch ihre dunklen Seiten, ihre Abgründe, haben. Aber das darzustellen würde den Rahmen dieser Buchvorstellung sprengen und zudem spoilen…) und daß Ort und Zeit der Handlung glaubwürdig dargestellt sind. Daß im Hintergrund parallel eine zarte Liebesgeschichte mitläuft, verleiht dem Roman zusätzlichen Reiz. Daß solch ein Roman Leser und Leserinnen hat, ist nicht verwunderlich, daß er ob seiner Beliebtheit auch verfilmt worden ist, ebensowenig. Den Trailer zum Film kann man sich natürlich bei youtube anschauen [6]

Links und Anmerkungen:

[1] vgl. hier die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] vgl. hier die Wiki: https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Spencer_Ashbee
[3] https://www.theguardian.com/books/2001/feb/25/biography.features
[4] Index Librorum Prohibitorum: being Notes Bio- Biblio- Icono- graphical and Critical, on Curious and Uncommon Books, by Pisanus Fraxi (London, 1877)
[5] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani Berlin, 2014, S. 209 ff
[6] Walter: My Secret Life; Brüssel, 1888-1892 (englische Originalausgabe). Auf Deutsch u.a. in der Die Andere Bibliothek (Band 24) oder vollständig bei Haffmanns&Tollkemitt, Zürich. Man sollte sich aber nicht allzuviel versprechen, das Werk langweilt nach wenigen Seiten, das Übermaß verliert schnell an Reiz….
[7] Trailer (dt) zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=jzgBcrDVV4A

Weiter von Waters hier im Blog besprochen:

Die Muschelöffnerinhttps://radiergummi.wordpress.com…muscheloeffnerin/
beide Bücher sind in Neuauflagen bei Krug & Schadenberg zugänglich.

Sarah Waters
Solange du lügst
Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Retterbush
Originalausgabe: Fingersmith, 2002
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch Verlag, ca. 625 S., 2005

Dennis Lehane: In der Nacht


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Juli Zeh: Nullzeit

Der Ironman Lanzarote [1] gehört zu den härteren der sportlichen Prüfungen, die dieser sowieso schon harte Sport bietet. Von daher ist der Spruch „Alles ist Wille“, der auf den Asphalt gepinselt die Athleten noch einmal motivieren soll, sehr angebracht. ‚Alles ist Wille‘ – so sollte auch dieser Roman Juli Zehs ursprünglich heißen [2], aber auf Anraten des Verlages („… irgendwie nach Nietzsche ….“, was für den Verlag offensichtlich negativ konnotiert war) ist Nullzeit daraus geworden, ein Fachbegriff aus dem Tauchen, der die Grundzeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne nötige Dekompressionsstops beim Auftauchen einlegen zu müssen, bezeichnet [3].

‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman. Jola will unbedingt diese Rolle bekommen, Sven wollte sich nicht der ‚Urteilsfront‘ gegenüberstellen und ist jetzt seit fast vierzehn Jahren auf Lanzarote als Tauchlehrer … Antje will eigentlich nur Sven, den sie seit Kindertage liebt. Was der ‚alte Mann‘, die vierte Person dieses kleinen Kammerspiels, ist dagegen nicht so ganz klar, was er nicht will, schon eher, nämlich Jola zu verlieren.

Nullzeit also ein Kammerspiel mit vier Personen. Der nach der zwar recht erfolgreich, nichtsdestotrotz frustriert abgelegten Prüfung zum ersten Staatsexamen ausgestiegene Fast-Jurist Sven ging mit Antje, die er zwar nicht liebt, deren Nähe und Unterstützung aber recht bequem und angenehm ist, auf die spröde Kanareninsel. Beide sind dort in der Szene bzw. in ihrem Bekanntenkreis fest etabliert, der Tagesablauf, das Geschäft Routine. Die gehörig durcheinander geworfen wird: mit Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen (‚Jola‘) und Theo Hast mietet ihn ein exaltiertes Paar für eine erquickliche Summe Geldes für vierzehn Tage rund um die Uhr.

Jola, eine schöne Frau von dreißig, ist Schauspielerin in einer der beliebten Endlosserien im TV. Um sich als ernsthafte Darstellerin zu etablieren, muss sie da endlich raus und eine entsprechende Filmrolle spielen. Auf Lanzarote und mit Hilfe von Sven will sie sich auf das Casting für die Rolle der Taucherin Lotte Hass [4] vorbereiten, auf die sie alle Hoffnung setzt.

Theo Hast ist Literat ohne große Produktivität. Sein Erst- und Einling liegt schon lange Jahre zurück, er ist ein gutes Jahrzehnt älter als Jola. In Jolas Tagebuch findet sich die Bemerkung, er sei wohl absichtlich so unproduktiv, weil sie, Jola, einen erfolgreichen Mann nicht verdiene. Die Beziehung der beiden beruht auf Erniedrigung, Unterdrückung und Schmerz, Theos braucht wohl Vergewaltigungfantasien, um mit Jola verkehren zu können.

Schnell verfällt  Sven der schönen Frau, bewundert deren makellosen Körper. Als sie ihm aber nach einem der ersten Tauchgänge sofort routiniert ihr Hinterteil entgegenhält, so daß er sich wie in einem billigen Pornoset vorkommt, schreckt er zurück, ohne daß er dem Sog Jolas jedoch entkommen kann. Theo, der dies bemerkt, gibt ihm in einem Gespräch unter Männern sogar freie Bahn, er ist sich seiner Sache bei Jola sicher.

So kommt es zu kleinen Gesten zwischen den beiden, Anzüglichkeiten, die jedoch die Grenze zwischen Tauchlehrer und Kundin überschreiten und die auch in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Der Ruf von Sven leidet, man fängt an, ihn zu meiden. Auch Antje bemerkt die sich entwickelnde Obsession, der Browserverlauf verrät ihr, daß Sven sich nächtens die Filmchen mit Jola im Rechner ansieht.

Ohne es zu merken, ist Sven Hauptdarsteller einer raffinierten Inszenierung geworden. Der Schlussakt wird auf einer Party eingeleitet: auf ihr erfährt Jola, die offen Sven als ihren Begleiter vorstellt, obwohl auch Theo mitgekommen ist, daß die Rolle der Lotte Hass schon längst vergeben ist. Theo zelebriert diese Nachricht und geniesst die Zerstörung Jolas, deren Traum sich einfach in Nichts auflöst.

Für seinen Geburtstag, am Morgen nach dieser Party, hatte sich Sven ein besonderes Projekt vorgenommen, einen lange geplanten, akribisch vorbereiteten Tauchgang zu einem in hundert Meter liegenden Wrack. Aber auch hier geht einiges schief, weil sich die Freunde, die er als Helfer braucht, plötzlich verweigern. Jola bietet ihm an, ihm zusammen mit Theo zu begleiten, sie kenne sich sehr gut auf See aus. Aus lauter Not nimmt Sven das Angebot an. Am nächsten Morgen stechen die drei also in einem Fischkutter in See und tuckern an die Stelle, an der das Sonar das Wrack geortet hat [5]. Hier überschlagen sich dann die Ereignisse und Sven, die Fliege im Netz der Spinne, verliert endgültig jede Reputation und die heile Welt, in die er sich zurückgezogen und in der er sich eingerichtet hatte, zerplatzt: Antje hat ihn schon verlassen (u.a. auch weil sie mehr Sex braucht, als sie von Sven bekommt: auch diese seine Einschätzung war falsch), der rosarote Schleier, mit dem er Jola betrachtet hat, lüftet sich langsam und gibt den Blick auf die Realität frei und seine ehemaligen Taucherkollegen kündigen ihm an, daß sie dafür sorgen werden, daß er als Taucher nirgends mehr Fuss fassen wird….


Juli Zeh, die selbst Juristin ist, hat mit Nullzeit einen düsteren, kalten Thriller geschrieben. Sie schafft mit Sven, einem unbedarften, leichtgläubigen und sympathischen Menschen, einen Protagonisten, der dem skrupellosen Paar Jola und Theo, seinen Gegenspielern, nicht gewachsen ist. Der wohl eher sporadische Blümchensex mit Antje (eine Tatsache, die sich später als für ihn fatal herausstellen sollte) reicht ihm und macht ihn gleichzeitig empfänglich für den erotischen Reiz einer schönen Frau, die ihrerseits in einer eher durch dunkle Kräfte zusammen gehaltenen Beziehung lebt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist  und das Zudrehen der Atemluftventile unter Wasser Scherzcharakter hat. Spätestens an diesem Punkt hätte Sven die Reissleine ziehen müssen, aber das Honorar war fürstlich und er brauchte das Geld….

Zeh erzählt die Geschichte der vier sehr verwirrend, raffiniert verwirrend. Der Darstellung der Ereignisse durch Sven, dem Ich-Erzähler nämlich stellt sie die Tagebuchaufzeichnungen von Jola entgegen. Ein: Ich hätte in sie eindringen können, und wir wären nach einer Minute fertig gewesen. Doch wozu? liest sich in Jolas Tagebuch folgendermaßen: … er stand hinter mir und ging leicht in die Knie, um in mich eindringen zu können. … Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. … So entwickelt sich in Jolas Tagebuch langsam das Bild einer heftigen Beziehung und einer Affäre, in der auch ein mögliche Tod Theos immer wieder Thema ist….

Das ungeschickte und naive Verhalten Svens mit Jola in der Öffentlichkeit tut ein übriges und spielt der Intrige in die Hände. Das nach wenigen Tagen über ihn und Jola Kolportierte ist letztlich so wirkmächtig, daß die Realität unwichtig geworden ist und Sven den ‚Point of no Return‘ erreicht hat: Wenn es schon Gerüchte gibt, dann kann er sie auch durch Fakten untermauern, er gibt sich also keine Mühe mehr, seinen Drang zu Jola zu verbergen…


Und die Moral von der Geschicht‘? Man kann der Welt nicht entfliehen, man kann sich nicht in einer selbst gezimmerten Blase verstecken und davon ausgehen, daß man vor allem Unbill geschützt ist. Man wird hilflos, machtlos in seiner Blase, ein Stich von aussen und sie platzt und von einem Augenblick auf den anderen ist man der Welt, dem Willen der anderen, schutzlos ausgeliefert.

Die interessante Frage ist, ob Sven gegen einen so skrupellosen Gegner wie Jola überhaupt eine Chance gehabt hätte. Die Wirkmächtigkeit von Lügen und Behauptungen – es ist ja ein sehr aktuelles Thema – schafft eine eigene Realität, die unabhängig ist von Fakten, zumal, wenn sie – wie im Roman durch Svens Handeln – durch an sich recht harmlose Naivitäten, die sich leicht provozieren lassen, anscheinend gestützt wird. Wann wird Jola ihren Plan ausgeheckt haben? Irgendwann im Verlauf der ersten Tage, als sie Sven als leichte Beute entdeckt und in ihr der Wunsch, Theo loszuwerden, wach wird? Es wird nicht ganz klar, aber die Existenz des Tagebuchs deutet darauf hin, daß der Plan jedenfalls längerfristig angelegt war, keine spontane Entscheidung nach der von Theo in Szene gesetzten persönlichen Katastrophe auf der Party.

Ich habe oben festgehalten: „‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman.“ Interessanterweise sieht Zeh selbst dieses Thema nicht als primär für ihren Roman, für sie steht eher Verantwortung oder die Frage, ob es der moralisch richtige Standpunkt sein kann, sich aus allem heraushalten zu wollen im Mittelpunkt der Geschichte [2]. Dahinter steht dann wohl die grundsätzliche Frage, ob „Aussteigen“ (und Lanzarote ist offensichtlich voll von Aussteigern) nicht eher Flucht ist, Ausweichen und Meiden von Konflikten, den vordergründig (?) leichteren Weg zu wählen. Sicherlich eine diskussionswürdige Frage, wenngleich ich selbst diesen Punkt in Zehs Roman nicht wirklich im Vordergrund stehend sehe.

Wie auch immer. Zeh ist ein spannender, den Leser immer mehr verunsichernder Roman gelungen, der mir, der ich die Insel (und damit einige Orte der Handlung von verschiedenen Aufenthalten her ganz gut kenne, gut gefallen hat. Ein intelligenter Plot, unterhaltend, ein nüchterner Schreibstil und eine subtil aufgebaute Spannung. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen:

[1] zum Ironman Lanzarote: https://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Lanzarote
[2] so erzählt Juli Zeh z.B. hier https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/24/pehnt-holder-staiger-die-bibliothek-der-ungeschriebenen-buecher/
[3] vgl hier: http://www.taucher.de/lexikoneintrag/nullzeit
[4] zu Lotte Hass: https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Hass. Ich erinnere mich noch gut, das Buch 3 Jäger auf dem Meeresgrund hatte mich als junger Mensch begeistert, ich hab´s damals förmlich verschlungen…
[5] für den, den es interessiert (ich hoffe, der Link funzt):  https://www.google.de/maps/

Juli Zeh
Nullzeit
Originalausgabe: Schöffling, HC, ca. 252 S., 2012