Diesen 2002 erschienenen Roman der englischen Literaturwissenschaftlerin und Schrifstellerin Sarah Waters [1] zu besprechen, ist eine kleine Herausforderung für mich, denn ich muss von meinem altgewohnten Schema, mehr oder weniger ausführlich auf den Inhalt einzugehen, abweichen. Bei Solange du lügst wäre eine solche Darstellung der Handlung ein dicker, dicker Spoiler, der den ganzen Reiz des Romans zunichte machen würde. Daher werde ich mich inhaltlich weitgehend auf den ersten von drei Teilen des Buches beschränken.

Dieser erste Teil beginnt mit diesem Satz: In jenen Tagen hieß ich Susan Trinder, ein Satz, der uns schon einiges von Susan, genannt Sue, verrät. Zum einen, daß sie im Verlauf der Handlung wohl einen anderen Namen erfahren und annehmen wird und daß sie, egal welches Schicksal ihr die Autorin zugedacht hat, alles überleben wird, zumindest in einer Verfassung, die das Erzählen ihrer Geschichte ermöglicht.

Einer Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, in der Nähe Londons spielt. Sue, so will ich sie der Einfachheit halber nennen, wird in einer Art privatem und illegalem Waisenhaus mit integrierten Kinderverleih groß. Kinderverleih bedeutet, daß Mrs Sucksby ihre Schützlinge zum Betteln verleiht, es ist ein kleinkriminelles Milieu, in dem Susan aufwächst. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen wird Sue von ihrer Pflegemutter jedoch umsorgt und geliebt, auch Mr Ibbs, der Lebensabschnittsgefährte der verwitweten Waisenhausbetreiberin, der im Viertel als Hehler arbeitet, ist ihr zugetan, ein freundlicher und sanfter Mensch. Überhaupt ist das Leben in dieser Kleinganovenfamilie anscheinend ganz heimelig, das bisschen Klauen und Mopsen kann so schlimm ja nicht sein… Die Gefahr, die damit verbunden ist, wird verdrängt; die Strafen, wenn man erwischt wird, sind drastisch, der Richtplatz mit Galgen ist vom Haus aus zu sehen. Sues leibliche Mutter beispielsweise ist dort gehenkt worden, so erzählte es Mrs. Sucksby – aber sie war ja auch eine Mörderin, hat jemanden erstochen…..

Wie auch immer… in dieses Idyll platzt eines Tages ‚Gentleman‘, wie Richard Rivers, ein Hochstapler und Betrüger genannt wird, mit einem tollen Plan, der Aussicht auf einen immensen Gewinn bietet. Der aber auch menschlich sehr mies ist… und er braucht Sue dafür als Komplizin. Für einen Anteil von dreitausend Pfund ist diese auch bereit…

Sie soll als Zofe zu einer gewissen Maud Lilly gehen. Diese Maud ist die Nichte des schrulligen, exzentrischen Hausherrn auf Briar, der seine Nichte ähnlich einer Gefangenen auf dem Schloss hält, wo sie für ihn arbeitet, aber ansonsten keine Aufgabe oder Beschäftigung hat. Nie darf diese Briar verlassen, so wird sie auch nie einen Mann kennenlernen und nie heiraten und die die bei einer Hochzeit fällige reiche Erbschaft antreten können…. und genau hier hakt der Plan von Gentleman ein, denn er will heimlich mit Maud fliehen und sie heiraten und Sue als Zofe Mauds soll dies vorbereiten.

Das sagt sich für Sue einfacher als es ist, denn im Lauf der Wochen entwickelt sie Gefühle für Maud, die sie ihr auch offenbart, beispielsweise als sie gefragt wird, was denn in der Hochzeitsnacht von einer Ehefrau erwartet wird…..

Man möchte beim Lesen dieser Passagen Sue öfter mal in den Hintern treten, daß sie sich endlich zu ihren Gefühlen bekennen solle, aber letztlich stellt sie doch die Gewinnerzielungabsicht über diese zart erblühende Liebe. So kann Rivers zusammen mit Maud und Sue seinen Plan tatsächlich durchziehen, die drei fliehen nachts aus Briar und Maud und Richard heiraten in einer kleinen Kapelle, getraut von einem obskuren Geistlichen. Soweit, so gut, doch als es jetzt darum geht, den miesen Teil des Plans umzusetzen und Maud wieder loszuwerden, erfährt die Handlung eine völlig unerwartete Wendung um mindestens 540°….

Der zweite Teil des Romans wird aus der Sicht Mauds erzählt, sie schildert ihre Kindheit und frühe Jugend, die sie einem Irrenhaus verbrachte, in dem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war. Die Pflegerinnen dort lieben das Kind, es wächst frei und ungebunden auf – ein Leben, das sich abrupt ändern sollte, als sie ihr etwas seltsam lebender und agierender Onkel zu sich nach Briar holt, in einer ganz bestimmten Absicht….

In diesem Abschnitt überlappen sich die Schilderungen Sues und Mauds über ihre gemeinsame Zeit auf Briar. Wie Spinnen lauern sie beide in ihren Netzen, die jeweils andere zu einzufangen, nicht wissend, daß sie selbst nur Figuren sind eines schon viel älteren Netzes, das schon seit langem sorgsam um sie gelegt worden ist. Und doch müssen beide ihre Gefühle unterdrücken, Gefühle, die mächtig sind, Liebe und Hass kämpfen miteinander in den Seelen der Figuren, verstricken sie in seelische Konflikte, die kaum zu lösen scheinen…. und dann noch dies:

… denn auch für Maud läuft nach der Flucht aus Briar noch lange nicht alles so, wie sie sich das vorgestellt hatte: Waters verpasst ihrer Geschichte noch einmal eine Wendung.


Solange du lügst besteht also aus drei Teilen, von denen Sue im ersten und dritten Teil die Erzählerin ist, Maud dagegen im Mittelteil, in dem sie ihre Geschichte schildert. Diese beiden jungen Frauen bilden zusammen mit Richard Rivers und dem Onkel Mauds auch die zentralen Figuren der Geschichte. Die die Autorin jeweils Sue und Maud erzählen läßt – also nicht auf einen allwissenden Erzähler zurückgegriffen hat – wirken auch die oft recht gegensätzlichen Sichten auf die Dinge glaubwürdig. Dabei liest sich die Geschichte sehr flüssig und schnell, viele Dialoge halten sie in hohem Tempo, aber auch die seelischen Konflikte schildert Waters sehr anschaulich. Andererseits hat die historisch bewanderte Literaturwissenschaftlerin Waters auch einiges an Lokalkolorit aus viktorianischer Zeit mit einfließen lassen. Man darf davon ausgehen, daß die Beschreibungen von z.B. London (die Verhältnisse in Irrenhäusern, das Vermieten von Kindern zum Betteln, die Enge und Ärmlichkeit der Häuser, der Dreck, der Lärm zumindest in den ärmeren Stadtteilen, der ewig graue Himmel über London, die bunt schillernde Themse, die allen Unrat der Stadt ins Meer mitnimmt…), aber auch die Darstellung häuslicher Verhältnisse den zeitgenössischen Standard wiedergeben, ebenso wie die der im geheimen blühenden Produktion und Rezeption erotischer Literatur, einem Fachgebiet, auf dem Waters ihre Promotion verfasst hat.

Interessant ist in dieser Hinsicht die Figur des Onkels von Maud, einem exzentrischen Büchernarren, der manisch an einer ausführlichen Bibliographie schreibt, einer Bibliographie über Erotika, wie wir später erfahren werden. Eine solche Bibliographie gibt es wirklich, ihr Verfasser ist ein gewisser Henry Spencer Ashbee, ein – genau – manischer Sammler von Erotika (nach Fuld [5] hat er nach seinem Tod der British Library einen Bestand von 15299 Werken vermacht, die den Grundstock des ‚Giftschranks‘ dieser Bibliothek bilden sollten), ferner ist dieser Ashbee Verfasser einer frühen Aufklärungsschrift über den bestimmungsmäßigen Gebrauch der betreffenden Organe beim Akt. Schien ihm selbst doch der Akt mit seiner pumpenden Bewegung der männlichen Hüfte, den klaffenden Körperöffnungen und den verzerrten Gesichter wenig elegant, so sollte er zumindest technisch ohne Komplikationen ablaufen. Deswegen ist Mauds schüchteren Frage an Sue, was denn von einer Ehefrau in der Hochzeitsnacht erwartet würde, gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen, die Erotika, zu denen sie – auch das erfahren wir im zweiten Teil des Buches – Zugang hatte, enthielten solch sachbezogene Aufklärung nicht. Die nüchterne Ansicht Ashbees über die Ästhetik des Geschlechtsaktes ist auch insofern interessant, da er als (hinreichend sicher) vermuteter Autor von My Secret Life [3, 5, 6], eines über viertausend Seiten ausgebreiteten Liebesleben, in dem er innerhalb eines halben Jahrhunderts um die 1200 Frauen ‚besprungen‘ haben will (um einen von Waters im Roman für diesen Vorgang verwendeten Begriff zu nutzen) ….

Aber noch einmal zurück zum Buch. Alles hat ein Ende, die Wurst bekanntlicherweise zwei und auch ein Roman braucht zumindest eins… Die Handlung des Textes mit all ihren Irrungen und Wirrungen ist zum Abschluss gekommen, was fang ich an mit den Figuren? Hier einen wirklich gelungenen Abschluss hinzukriegen, scheint mir eine der schwersten Aufgaben eines/r Autoren/in. Auch in Solange du lügst deucht mich der Schluss der schwächste Teil des ansonsten so schönen Romans zu sein. Hier läßt Waters letztlich sterben, was Bösestwicht ist, bestraft, was minder schwerer Verfehlungen zu beschuldigen ist und was zusammengehört, wird schlussendlich zusammengefügt. Das die mit einem Thema zur erotischen Literatur promovierte Autorin am Ende dafür sorgt, das das Haus Briar diesem Genre treu bleibt, ist ein letzter, schöner Einfall Sarah Waters in Solange du lügst.

Auch wenn mir der Schluss des Buches etwas herbeigeschrieben vorgekommen ist, ändert das nichts an meinem Gesamteindruck, daß dieser im historischen Gewand des viktorianischen England daherkommende Krimi spannend ist mit all seinen Wendungen, daß er ferner eine differenzierte Zeichnung seiner Figuren aufweist (zu dem Punkt ließe sich vieles sagen, zumal die ‚Guten‘ nicht nur gut sind, sondern auch ihre dunklen Seiten, ihre Abgründe, haben. Aber das darzustellen würde den Rahmen dieser Buchvorstellung sprengen und zudem spoilen…) und daß Ort und Zeit der Handlung glaubwürdig dargestellt sind. Daß im Hintergrund parallel eine zarte Liebesgeschichte mitläuft, verleiht dem Roman zusätzlichen Reiz. Daß solch ein Roman Leser und Leserinnen hat, ist nicht verwunderlich, daß er ob seiner Beliebtheit auch verfilmt worden ist, ebensowenig. Den Trailer zum Film kann man sich natürlich bei youtube anschauen [6]

Links und Anmerkungen:

[1] vgl. hier die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] vgl. hier die Wiki: https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Spencer_Ashbee
[3] https://www.theguardian.com/books/2001/feb/25/biography.features
[4] Index Librorum Prohibitorum: being Notes Bio- Biblio- Icono- graphical and Critical, on Curious and Uncommon Books, by Pisanus Fraxi (London, 1877)
[5] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani Berlin, 2014, S. 209 ff
[6] Walter: My Secret Life; Brüssel, 1888-1892 (englische Originalausgabe). Auf Deutsch u.a. in der Die Andere Bibliothek (Band 24) oder vollständig bei Haffmanns&Tollkemitt, Zürich. Man sollte sich aber nicht allzuviel versprechen, das Werk langweilt nach wenigen Seiten, das Übermaß verliert schnell an Reiz….
[7] Trailer (dt) zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=jzgBcrDVV4A

Weiter von Waters hier im Blog besprochen:

Die Muschelöffnerinhttps://radiergummi.wordpress.com…muscheloeffnerin/
beide Bücher sind in Neuauflagen bei Krug & Schadenberg zugänglich.

Sarah Waters
Solange du lügst
Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Retterbush
Originalausgabe: Fingersmith, 2002
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch Verlag, ca. 625 S., 2005


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Juli Zeh: Nullzeit

15. Juni 2017

Der Ironman Lanzarote [1] gehört zu den härteren der sportlichen Prüfungen, die dieser sowieso schon harte Sport bietet. Von daher ist der Spruch „Alles ist Wille“, der auf den Asphalt gepinselt die Athleten noch einmal motivieren soll, sehr angebracht. ‚Alles ist Wille‘ – so sollte auch dieser Roman Juli Zehs ursprünglich heißen [2], aber auf Anraten des Verlages („… irgendwie nach Nietzsche ….“, was für den Verlag offensichtlich negativ konnotiert war) ist Nullzeit daraus geworden, ein Fachbegriff aus dem Tauchen, der die Grundzeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne nötige Dekompressionsstops beim Auftauchen einlegen zu müssen, bezeichnet [3].

‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman. Jola will unbedingt diese Rolle bekommen, Sven wollte sich nicht der ‚Urteilsfront‘ gegenüberstellen und ist jetzt seit fast vierzehn Jahren auf Lanzarote als Tauchlehrer … Antje will eigentlich nur Sven, den sie seit Kindertage liebt. Was der ‚alte Mann‘, die vierte Person dieses kleinen Kammerspiels, ist dagegen nicht so ganz klar, was er nicht will, schon eher, nämlich Jola zu verlieren.

Nullzeit also ein Kammerspiel mit vier Personen. Der nach der zwar recht erfolgreich, nichtsdestotrotz frustriert abgelegten Prüfung zum ersten Staatsexamen ausgestiegene Fast-Jurist Sven ging mit Antje, die er zwar nicht liebt, deren Nähe und Unterstützung aber recht bequem und angenehm ist, auf die spröde Kanareninsel. Beide sind dort in der Szene bzw. in ihrem Bekanntenkreis fest etabliert, der Tagesablauf, das Geschäft Routine. Die gehörig durcheinander geworfen wird: mit Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen (‚Jola‘) und Theo Hast mietet ihn ein exaltiertes Paar für eine erquickliche Summe Geldes für vierzehn Tage rund um die Uhr.

Jola, eine schöne Frau von dreißig, ist Schauspielerin in einer der beliebten Endlosserien im TV. Um sich als ernsthafte Darstellerin zu etablieren, muss sie da endlich raus und eine entsprechende Filmrolle spielen. Auf Lanzarote und mit Hilfe von Sven will sie sich auf das Casting für die Rolle der Taucherin Lotte Hass [4] vorbereiten, auf die sie alle Hoffnung setzt.

Theo Hast ist Literat ohne große Produktivität. Sein Erst- und Einling liegt schon lange Jahre zurück, er ist ein gutes Jahrzehnt älter als Jola. In Jolas Tagebuch findet sich die Bemerkung, er sei wohl absichtlich so unproduktiv, weil sie, Jola, einen erfolgreichen Mann nicht verdiene. Die Beziehung der beiden beruht auf Erniedrigung, Unterdrückung und Schmerz, Theos braucht wohl Vergewaltigungfantasien, um mit Jola verkehren zu können.

Schnell verfällt  Sven der schönen Frau, bewundert deren makellosen Körper. Als sie ihm aber nach einem der ersten Tauchgänge sofort routiniert ihr Hinterteil entgegenhält, so daß er sich wie in einem billigen Pornoset vorkommt, schreckt er zurück, ohne daß er dem Sog Jolas jedoch entkommen kann. Theo, der dies bemerkt, gibt ihm in einem Gespräch unter Männern sogar freie Bahn, er ist sich seiner Sache bei Jola sicher.

So kommt es zu kleinen Gesten zwischen den beiden, Anzüglichkeiten, die jedoch die Grenze zwischen Tauchlehrer und Kundin überschreiten und die auch in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Der Ruf von Sven leidet, man fängt an, ihn zu meiden. Auch Antje bemerkt die sich entwickelnde Obsession, der Browserverlauf verrät ihr, daß Sven sich nächtens die Filmchen mit Jola im Rechner ansieht.

Ohne es zu merken, ist Sven Hauptdarsteller einer raffinierten Inszenierung geworden. Der Schlussakt wird auf einer Party eingeleitet: auf ihr erfährt Jola, die offen Sven als ihren Begleiter vorstellt, obwohl auch Theo mitgekommen ist, daß die Rolle der Lotte Hass schon längst vergeben ist. Theo zelebriert diese Nachricht und geniesst die Zerstörung Jolas, deren Traum sich einfach in Nichts auflöst.

Für seinen Geburtstag, am Morgen nach dieser Party, hatte sich Sven ein besonderes Projekt vorgenommen, einen lange geplanten, akribisch vorbereiteten Tauchgang zu einem in hundert Meter liegenden Wrack. Aber auch hier geht einiges schief, weil sich die Freunde, die er als Helfer braucht, plötzlich verweigern. Jola bietet ihm an, ihm zusammen mit Theo zu begleiten, sie kenne sich sehr gut auf See aus. Aus lauter Not nimmt Sven das Angebot an. Am nächsten Morgen stechen die drei also in einem Fischkutter in See und tuckern an die Stelle, an der das Sonar das Wrack geortet hat [5]. Hier überschlagen sich dann die Ereignisse und Sven, die Fliege im Netz der Spinne, verliert endgültig jede Reputation und die heile Welt, in die er sich zurückgezogen und in der er sich eingerichtet hatte, zerplatzt: Antje hat ihn schon verlassen (u.a. auch weil sie mehr Sex braucht, als sie von Sven bekommt: auch diese seine Einschätzung war falsch), der rosarote Schleier, mit dem er Jola betrachtet hat, lüftet sich langsam und gibt den Blick auf die Realität frei und seine ehemaligen Taucherkollegen kündigen ihm an, daß sie dafür sorgen werden, daß er als Taucher nirgends mehr Fuss fassen wird….


Juli Zeh, die selbst Juristin ist, hat mit Nullzeit einen düsteren, kalten Thriller geschrieben. Sie schafft mit Sven, einem unbedarften, leichtgläubigen und sympathischen Menschen, einen Protagonisten, der dem skrupellosen Paar Jola und Theo, seinen Gegenspielern, nicht gewachsen ist. Der wohl eher sporadische Blümchensex mit Antje (eine Tatsache, die sich später als für ihn fatal herausstellen sollte) reicht ihm und macht ihn gleichzeitig empfänglich für den erotischen Reiz einer schönen Frau, die ihrerseits in einer eher durch dunkle Kräfte zusammen gehaltenen Beziehung lebt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist  und das Zudrehen der Atemluftventile unter Wasser Scherzcharakter hat. Spätestens an diesem Punkt hätte Sven die Reissleine ziehen müssen, aber das Honorar war fürstlich und er brauchte das Geld….

Zeh erzählt die Geschichte der vier sehr verwirrend, raffiniert verwirrend. Der Darstellung der Ereignisse durch Sven, dem Ich-Erzähler nämlich stellt sie die Tagebuchaufzeichnungen von Jola entgegen. Ein: Ich hätte in sie eindringen können, und wir wären nach einer Minute fertig gewesen. Doch wozu? liest sich in Jolas Tagebuch folgendermaßen: … er stand hinter mir und ging leicht in die Knie, um in mich eindringen zu können. … Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. … So entwickelt sich in Jolas Tagebuch langsam das Bild einer heftigen Beziehung und einer Affäre, in der auch ein mögliche Tod Theos immer wieder Thema ist….

Das ungeschickte und naive Verhalten Svens mit Jola in der Öffentlichkeit tut ein übriges und spielt der Intrige in die Hände. Das nach wenigen Tagen über ihn und Jola Kolportierte ist letztlich so wirkmächtig, daß die Realität unwichtig geworden ist und Sven den ‚Point of no Return‘ erreicht hat: Wenn es schon Gerüchte gibt, dann kann er sie auch durch Fakten untermauern, er gibt sich also keine Mühe mehr, seinen Drang zu Jola zu verbergen…


Und die Moral von der Geschicht‘? Man kann der Welt nicht entfliehen, man kann sich nicht in einer selbst gezimmerten Blase verstecken und davon ausgehen, daß man vor allem Unbill geschützt ist. Man wird hilflos, machtlos in seiner Blase, ein Stich von aussen und sie platzt und von einem Augenblick auf den anderen ist man der Welt, dem Willen der anderen, schutzlos ausgeliefert.

Die interessante Frage ist, ob Sven gegen einen so skrupellosen Gegner wie Jola überhaupt eine Chance gehabt hätte. Die Wirkmächtigkeit von Lügen und Behauptungen – es ist ja ein sehr aktuelles Thema – schafft eine eigene Realität, die unabhängig ist von Fakten, zumal, wenn sie – wie im Roman durch Svens Handeln – durch an sich recht harmlose Naivitäten, die sich leicht provozieren lassen, anscheinend gestützt wird. Wann wird Jola ihren Plan ausgeheckt haben? Irgendwann im Verlauf der ersten Tage, als sie Sven als leichte Beute entdeckt und in ihr der Wunsch, Theo loszuwerden, wach wird? Es wird nicht ganz klar, aber die Existenz des Tagebuchs deutet darauf hin, daß der Plan jedenfalls längerfristig angelegt war, keine spontane Entscheidung nach der von Theo in Szene gesetzten persönlichen Katastrophe auf der Party.

Ich habe oben festgehalten: „‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman.“ Interessanterweise sieht Zeh selbst dieses Thema nicht als primär für ihren Roman, für sie steht eher Verantwortung oder die Frage, ob es der moralisch richtige Standpunkt sein kann, sich aus allem heraushalten zu wollen im Mittelpunkt der Geschichte [2]. Dahinter steht dann wohl die grundsätzliche Frage, ob „Aussteigen“ (und Lanzarote ist offensichtlich voll von Aussteigern) nicht eher Flucht ist, Ausweichen und Meiden von Konflikten, den vordergründig (?) leichteren Weg zu wählen. Sicherlich eine diskussionswürdige Frage, wenngleich ich selbst diesen Punkt in Zehs Roman nicht wirklich im Vordergrund stehend sehe.

Wie auch immer. Zeh ist ein spannender, den Leser immer mehr verunsichernder Roman gelungen, der mir, der ich die Insel (und damit einige Orte der Handlung von verschiedenen Aufenthalten her ganz gut kenne, gut gefallen hat. Ein intelligenter Plot, unterhaltend, ein nüchterner Schreibstil und eine subtil aufgebaute Spannung. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen:

[1] zum Ironman Lanzarote: https://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Lanzarote
[2] so erzählt Juli Zeh z.B. hier https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/24/pehnt-holder-staiger-die-bibliothek-der-ungeschriebenen-buecher/
[3] vgl hier: http://www.taucher.de/lexikoneintrag/nullzeit
[4] zu Lotte Hass: https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Hass. Ich erinnere mich noch gut, das Buch 3 Jäger auf dem Meeresgrund hatte mich als junger Mensch begeistert, ich hab´s damals förmlich verschlungen…
[5] für den, den es interessiert (ich hoffe, der Link funzt):  https://www.google.de/maps/

Juli Zeh
Nullzeit
Originalausgabe: Schöffling, HC, ca. 252 S., 2012

Fuminori Nakamura ist der preisgekrönteste japanische Jung-Schriftsteller. Er schreibt magische, unterkühlte Romane. Fuminori Nakamura ist Hochliteratur. Das nächste große Literaturding nach Haruki Murakami. Das Tokioter Wunderkind. [1] Der 1977 in Tokio geborene ist in der Tat noch ein recht junger Mann, dessen Roman mittlerweile in viele Sprachen übersetzt werden. Insbesondere mit seinem Buch Der Dieb heimste Nakamura eine Menge Lob ein, verdientermaßen, denn der Roman fesselt und fasziniert auf eine ganz eigene Art und Weise.

In meiner Kindheit war da in der Ferne immer der Turm. Nakamuras läßt seinen Roman mit einer Rückbesinnung des Protagonisten auf seine Kindheit beginnen und kehrt gegen Ende der Handlung in der Erinnerung wieder zu dieser zurück, in der dieser Turm eine geheimnisvolle Rolle spielt. Es war die Zeit, in der ihm beim die Dinge beim Stehlen noch aus der Hand fielen, weil sie wie Fremdkörper nicht in seine Hand wollten. Jetzt, wo er schon lange ein Meister seines Gewerbes ist, passiert ihm das natürlich nicht mehr und natürlich sehe ich auch den Turm nicht mehr.

Nakamuras Dieb (nur in einer Passage des Romans tritt ein Mann auf, der zum Erschrecken des Diebes seinen ‚wirklichen‘ Namen‘ kennt und nennt) stammt aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Sind die ersten Diebstähle, die er vornimmt, auf´s Essen fixiert, weil er einfach Hunger hat, so merkt er rasch, daß ihm durch das Stehlen ein Tor zu einer Art Freiheit geöffnet wird und er fühlt einen Kitzel, eine Erregung, die in späteren Jahren eine durchaus erotische Komponente erhalten sollte. Wenn ich jedoch meine Hände nach dem Eigentum fremder Leute ausstreckte, fühlte ich in der Anspannung des Moments so etwas wie Freiheit. Ich fühlt, dass es möglich zwar, mich von der beengenden Umgebung zumindest ein ganz klein wenig zu lösen. 

Später, als Erwachsener dann tat sich der Dieb mit einem zweiten Taschendieb, Ishikawa, der für ihn ein Vorbild war, zusammen. Sie waren ein erfolgreiches Gespann, an Geld hatten sie keinen Mangel. Sie müssen in der Vergangenheit sogar einen sehr erfolgreichen Coup gelandet haben, der aber nicht ganz ohne Folgen für sie bleiben sollte.

So wie ein Fisch durch das Wasser gleitet, so bewegt sich der Dieb durch die Menge der Menschen, mit und in dieser flüssigen, harmonischen Bewegung gleiten seine Finger unbemerkt in die Taschen seiner stets wohlhabenden Opfer und bemächtigen sich der Brieftaschen oder Portemonnaies. Auf Toiletten sichtet er seine Beute, deren Inhalt ihm Auskunft gibt über das Leben der Besitzer. Kreditkarten, Mitgliedskarten für Bordelle, Visitenkarten etc pp … Er entnimmt nur das Geld, die Börse selbst schmeisst er in Briefkästen, von wo aus sie dem Besitzer sie mit der Polizei wieder zugestellt wird.

Wir sind in Tokio, dort trifft unser Dieb auf seinen früheren Partner, der jetzt einen anderen Namen trägt und offensichtlich für Kizaki, einen Unterweltboss arbeitet, wobei Fragen nach Details sich von selbst verbieten. Kizaki engagiert (es ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann) die beiden und noch einen weiteren Mann für einen Überfall. Noch wissen oder ahnen die drei nicht, daß sie im Grunde schon wie Fische an der Angel Kizakis hängen….

Führt dieser Handlungsstrang sozusagen vom Jetzt in die Zukunft, so baut Nakamura einen zweiten Erzählstrang auf, der in die Vergangenheit des Diebes deutet. Dieser beobachtet nämlich eines Abends, wie ein kleiner, etwas ärmlich aussehender Junge in Begleitung seiner Mutter in einem Laden versucht, Lebensmittel zu stehlen. Bevor diese entdeckt werden, warnt er die beiden. Von nun an sucht der Junge Kontakt zum Dieb; seinen Vater kennt er nicht, die Mutter schläft für Geld mit Männern (im Verlauf der Handlung auch mit dem Dieb) und die Männer, mit denen die Mutter zusammen lebt, schlagen ihn. Natürlich will sich der Dieb nicht an so einen Jungen binden, aber …. in seinem trotzigen Blick …. sah ich mich selbst – vor langer, langer Zeit.

Das Schicksal hat den Dieb in Person Kizakis fest im Griff. In einem längeren Gespräch, eigentlich eher einem Monolog, erklärt dieser unserem Helden, wie erregend es für ihn ist, für einen anderen Menschen das Buch des Lebens zu schreiben, also dessen Leben – und Sterben – zu planen und diesen Plan umzusetzen. Es ist die Gottähnlichkeit, die Kizaki anstrebt und unter anderem an dem Protagonisten verwirklicht: ... Schau mal, jetzt zittere ich ein wenig. Weil ich gerade die letzten Momente im Leben eines beliebigen Menschen miterlebe – genauso wie ich es bestimmt habe, auf diese Art, an diesem Ort. Ein einzigartiges Vergnügen. …


Der Dieb ist ein düsterer Roman, der – obwohl in Tokio angesiedelt – dennoch in einer fast dystopischen Welt zu spielen scheint. Regen, Dunkelheit, Sturm, einsame Straßen und Unterführungen, immer wieder auch der Hinweis auf diesen ominösen Turm, der wie ein Monolith (2001?) in den Himmel aufzuragen scheint. Immer wieder auch ist bei mir beim Lesen im mitlaufenden Kopfkino die Kulisse vom Blade Runner eingeblendet gewesen… der gesamte Inhalt verströmt abweisende Kälte und depressive Einsamkeit, einzig in den beiden Bettszenen zwischen dem Dieb und der Mutter tritt scheinbare Nähe zwischen zwei Menschen auf, aber auch diese ist letztlich drogengestützt.

Noch eine letztes Mal wollte ich den Körper einer Frau berühren. Der Dieb ahnt sein Schicksal, sind es bei ihr Drogen, so ist es bei ihm die Todesahnung. Die Todesahnung, die ihn auch sein Leben in der Rückschau in Erinnerung ruft und den Zweifel an dessen Sinnhaftigkeit. Ich hatte mich von allem abgewandt, hatte Gemeinschaft verschmäht, Glück und Lichte und stattdessen meine Finger in fremde Taschen gesteckt. … Hat er den Jungen anfänglich noch mit Tricks unterwiesen, rät er ihm nun dringend von einer Diebeskarriere ab: Du kannst ein neues Leben anfangen. … Vergiss das Klauen, egal, ob Essen, Geld oder sonst was. So etwas wie Verantwortlichkeit, ja Vatergefühle, regen sich in ihm.

Neben diesen mehr menschlichen Dimensionen (Machtrausch, Melancholie, Todesahnung) hat der Roman zudem eine ‚politische‘ Dimension, da er als Rahmenhandlung Wechselbeziehungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen thematisiert.


Trotz der abweisenden, fast menschenfeindlichen Kühle, die dieser Roman aufweist, fesselt er beim Lesen und entwickelt einen starken Sog. Dabei ist er nur mäßig spannend im konventionellen Sinn, seine eigentliche Spannung bezieht Der Dieb aus der Schilderung der inneren Entwicklung im Protagonisten, spannend sind jedoch ebenso die Schilderungen der ‚Arbeits’weise der/eines Taschendiebs auf so hohem Niveau, wie es die Hauptperson des Romans ist.

Auf jeden Fall also ist dieser Roman absolut des Lesens wert. Bleibt zu hoffen, daß bald mehr Titel von Fuminori Nakamura in Deutschland erscheinen.

Links und Anmerkungen:

[1] Zitat aus der Welt auf der Autorenseite des Verlags:  http://www.diogenes.ch/leser/autoren/n/fuminori-nakamura.html

Fuminori Nakamura
Der Dieb
Übersetzt aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg
Originalausgabe: 掏摸, Tokio, 2009
diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 210 S., 2017

Der Tod so kalt ist ein Krimi, ein Thriller. Nun bin ich nicht der typische Krimifreund, deswegen muss es schon einen Grund haben, daß ich mir diesen Roman vor die Nase geklemmt habe. Bletterbachschlucht heißt dieser Grund, denn dort spielt der Roman bzw. es geht um Ereignisse, eine Katastophe, die dort einst stattfand. Die Bletterbachschlucht [1] kenne ich nämlich, gerade um die Jahre, in der dort dieses ‚Massaker‘ stattfand, war ich dort, bin auf noch nicht ausgewiesenen Wegen, ohne die Prospekte eines noch nicht existierenden Besucherzentrums und natürlich auch ohne Schutzhelm dort herumgekraxelt. Schön war´s und tierisch interessant!

D’Andrea hat die Haupthandlung seines Romans also genau verortet und nennt Namen von realen Ortschaften in der Nähe: Bozen oder Deutschnofen beispielsweise oder Aldein. Das Dorf, in dem er seine Hauptfiguren ansiedert, Siebenhoch, dagegen ist fiktiv. Aber damit bin ich ja schon mittendrin in der Buchvorstellung….

salinger


Hauptperson des Romans ist ein gewisser Jeremiah Salinger (nicht verwandt oder verschwägert), ein junger Amerikaner mit deutschen Wurzeln. In der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema wird erzählt, wie er als Filmstudent zusammen mit einem Kollegen bei der Band ‚Kiss‘ jobbt und die Idee entwickelt, über die Roadies dieser Band eine Dokumentation zu drehen. Das wird ein Riesenerfolg für die beiden und auf einer der Filmvorführungen lernt er eine Austauschstudentin kennen, Annelise Mair, die aus diesem kleinen, putzigen Flecken Erde kommt, aus dem deutschsprachigen Südtirol. Man lernt sich näher kennen, sich lieben, man heiratet, Carla wird geboren und zu dritt fährt man mit der mittlerweile fünfjährigen Tochter (wir schreiben das Jahr 2013) nach Südtirol in das Heimatdorf von Annelise, nach Siebenhoch.

Annelieses Vater, Werner Mair, ist Witwer, die beiden Männer verstehen sich gut, auch der Selbstgebrannte schmeckt ihnen hervorragend. Werner erzählt Jeremiah (er ist einer der wenigen, die Salinger beim Vornamen nennen) von früher. Unter anderem davon, daß er Mitbegründer der Bergrettung in den Dolomiten ist, er erzählt aus deren Anfängen und weckt das Interesse Salingers. Und folgerichtig fliegt Salinger dann mit der Bergrettung mit, weil ihm die Idee zu einem neuen Filmprojekt gekommen ist [2]. Bei einem dieser Flüge zu einem Gletscher passiert ein schlimmes Unglück. Es ist schwierig, Schuld oder Verantwortung zu benennen, der Überlebende, dies ist Salinger, fühlt sich jedenfalls schon allein deswegen schuldig, weil er überlebt hat…

Es wird eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bei ihm diagnostiziert, aber nicht wirklich behandelt. Außer ein paar Tabletten, die er nicht nimmt, passiert nichts. Salinger wird von schlimmen Alpträumen gequält, er hört die ‚Bestie‘, wie er den Gletscher für sich nennt, in sich zischen und rufen… Nicht schön. Einzig Clara, der fünfjährige Sonnenschein muntert ihn in dieser Phase auf. Manchmal rafft er sich auf, so fährt er mit ihr eines Tages in besagte Bletterbachschlucht. Dort hört er durch Zufall von dem sogenannten ‚Massaker‘, bei dem am 28. April 1985 drei junge Menschen während eines tagelangen Unwetters in der Schlucht grausam ermordet und verstümmelt worden waren. Der Täter wurde nie gefunden.

Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären, zu dem ich aber nicht allzuviel sagen, sprich verraten werde.

Salinger jedenfalls hat ein Thema gefunden, das ihn bald besetzt. Zumal er erfährt, daß sein Schwiegervater damals zu den Männern gehört hat, die die Leichen entdeckt hatten. Salinger recherchiert, er fragt sich durch, er macht sich damit aber keine Freunde, zumal viele Dörfler ihm Schuld am Unglück gibt, das er als einziger überlebte, und so muss mehr als einmal Prügel einstecken. Soviel ist auf jeden Fall bald klar: das Massaker hat mehr Opfer gekostet als nur die drei jungen Menschen in der Schlucht. Und es ist immer noch nicht aus, denn bald steht Salingers Ehe auf dem Spiel: die Bessenheit, mit der dieser jedes Versprechen aufzuhören, das er seiner Frau gibt, bricht und dem Geschehen nachspürt, kann diese kaum noch ertragen.

Doch obwohl man keineswegs erfreut ist, daß da ein Fremder seine Nase in diese Angelegenheit steckt, will (muss?) doch der/die eine oder andere sich etwas von der Seele reden.. so nach und nach ergibt sich ein Bild des Geschehens für Salinger, aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem Täter.

Diese hebt sich der Autor bis zum Schluss auf: in einer Situation, die in etwa der des seinerzeitigen Massakers ähnelt (Ort und Wetter gleichen sich), entlarvt Salinger den Mörder endgültig…

…aber zuvor hatte er noch ein Geheimnis entdeckt, das sehr, sehr nahe an ihn und sein Leben greift.


Für den Autoren, Luca D’Andrea ist Der Tod so kalt so etwas wie ein Heimatkrimi. Bozen/Bolzano, die Stadt, aus der er stammt, liegt inmitten Südtirols, zwar im Tal der Eisack, aber dies ist nur wenige Kilometer von dem Ort der Handlung entfernt. Und so traditionell wie die Bevölkerung in den Bergen, zumindest nach aussen hin, auch ist, so traditionell ist auch die Handlung dieses Romans.

Der Bergler an sich ist eigen, in der Menge halten sie zusammen. Er ist hart aber ehrlich, Fremden gegenüber ist er misstrauisch. Die Oberfläche jedoch kann täuschen, unten drunter, in der Tiefe seiner Seele, können Untiefen lauern, vllt sogar das Böse an sich? Um es noch etwas rätselhafter zu machen, wird ein Tatverdächtiger in die Geschichte eingeführt, der sage und schreibe so um die 250 Millionen Jahr alt ist.. oder wäre, wenn es ihn tatsächlich gibt oder gäbe…. hier schrammt die Geschichte an der Fantasy vorbei (was etwas arg gekünstelt wirkt), um letztlich dann doch auf einem ganz konventionellen Hintergrund menschlicher Leidenschaften zu beruhen.

Ja, der Salinger mit seiner (unbehandelten) PTBS, den es interessiert dies halt, weil er selbst so seine Probleme hat, von denen diese Geschichte ablenkt, möglicherweise auch fühlt er eine Parallelität oder Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Vielleicht ist es aber auch einfach nur beruflicher Ehrgeiz: Ich will nur wissen, ob ich`s noch draufhabe. Ob ich noch eine richtige Geschichte erzählen kann. Dafür setzt er dann schon mal seine Familie und auch sein Eheglück auf´s Spiel….

So ist Der Tod so kalt die Geschichte eines Mannes, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in eine selbstgestellte Aufgabe verbeisst und dafür bereit ist, alles auf´s Spiel zu setzen. Es ist aber auch die Geschichte eines Menschen, der sich in diese Aufgabe flüchtet, um inneren Dämonen zu entgehen, es ist die Geschichte eines Mannes, den man mit seiner schweren Traumatisierung allein läßt.


Die ganze Geschichte ist durchaus flott erzählt, viele Dialoge, szenische Passagen, kurze Kapitel mit wechselnden Schauplätzen: es liest sich schnell und ohne große Mühen. Dabei liebt es D’Andrea, seiner Hauptperson häufig das letzte Wort zu überlassen, mit dem das vorher Gesagte kommentiert, häufig sogar konterkariert wird. Ein Beispiel: Salinger ist neugierig und durchsucht das Haus nach Weihnachtsgeschenken. Es ist nicht schön, so schreibt er selbstkritisch, wie ein Trüffelhund durchs Haus zu schnüffeln und in den Schubladen herumzuwühlen. – Nein, das tut man nicht. So hebt er dann nochmals unötigerweise den moralischen Zeigefinger. Das ist als Stilelement hin und wider ganz nett, aber zu oft eingesetzt ermüdet es.

Insgesamt war mir der Schreibstil zu plakativ, zu sehr auf Effekt getrimmt, die Figuren wieder zu sehr Schema F. Und der 250 Millionen Jahre alte Verdächtige, der immer wieder ins Spiel gebracht wird dann doch etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen, als daß man es ernst nehmen könnte. So bin ich nicht übermäßig begeistert von diesem Roman, wer jedoch einfach ein paar Stunden ohne großes Grübeln in eine Geschichte versinken will, dem mag Der Tod ist kalt möglicherweise besser zusagen als mir.

ach ja … dann ist da noch der geniale, weil frühreife Staatsanwalt. Der, um die vierzig (S. 155) schon 1985 (S. 157) die Uni verließ. Wir erinnern uns, der Roman spielt um die Jahreswende 2013/14, ….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zur Bletterbachschlucht: http://www.bletterbach.info
[2] Autorenseite bei Random House:  https://www.randomhouse.de/Autor/Luca-DAndrea/p609810.rhd
[3] der Autor hat eine solche Dokumentation für das italienische Fernsehen gedreht

Luca D’Andrea
Der Tod so kalt
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Originaltitel:  La sostanza del male, Turin, 2016
diese Ausgabe: DVA, Softcover, ca. 480 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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