Jenna Kosig: Totenfreund

2. März 2016

Jenna Kosig ist eine Jungautorin aus Köln, die sich mit mit ihrem ersten Roman, Totenfreund, an einem Krimi versucht hat. Sie selbst erklärt sich (ironisch) als vorbelastet, da sie vom Großvater, der Polizist war, wohl entsprechende Gene geerbt hat, die sie für dieses Genre empfänglich machen…. schaumermal…

Kosig cover


Totenfreund ist aus der Sicht seines Protagonisten, des Polizisten David Westers, der als Ich-Erzähler fungiert, geschrieben. Dieser, Ermittler bei der Mordkommission, ist immer noch stark traumatisiert vom Mord an seiner schwangeren Frau Lara. Dies liegt zwar mittlerweile vier Jahre zurück und das Ungeborene konnte gerettet werden, jedoch ist es David noch nicht gelungen, mit dem Erlebnissen von damals zu leben: immer noch plagen ihn nächtestens schlimme Alpträume. Sein einziger Lichtblick scheint seine süße Tochter Mia zu sein, die sich prächtig entwickelt und ihm ein großer Halt ist.

In diese Situation wird er zu einem Mordfall gerufen. Die Leiche einer jungen Frau ist bestialisch zugerichtet auf einem aufgegebenen Bauernhof gefunden worden. Als David Westers den Tatort besichtigt, fühlt er sich intuitiv an das Verbrechen an seiner Frau erinnert, außerdem kommt ihm die Tote bekannt vor. Und als der Gerichtsmediziner einen Käfer in der Hand der Toten findet, wird der Mordfall noch ein wenig mysteriöser: was will der Täter damit seinen Jägern sagen?

Ein ‚Whodunit‘ [2] also, dessen allgemeinen Aufbau Kosig recht treu befolgt: Wir haben das (bzw. die, denn – soviel sei verraten – bei einer Leiche bleibt es nicht) begrenzte Setting (den Bauernhof, die Lagerhalle….), nur wenige Verdächtige (die aber irgendwie auch nicht wirklich verdächtig sind und denen man das Verbrechen kaum zutraut) und am Ende war es zwar nicht der Gärtner, aber in einem Showdown wird der Täter entlarvt bzw. er gibt sich im Totenfreund im Gefühl, die Situation im Griff zu haben, zu erkennen. Soweit das Gerüst, nun die Figuren.

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver; Bildquelle: [B]

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver;
Bildquelle: [B]

Der traumatisierte Polizeibeamte, der zudem selbst indirekt Zielfigur des Verbrechers ist; das Ermittler-Duo, das sich zum Buddypaar entwickelt hat; ein Pathologe, der als Figur eines Krimis mittlerweile anscheinend unersetzbar ist; als Verdächtige der möglicherweise abgewiesene Verehrer, der verheiratete Liebhaber, dazu noch eine romantische Affäre beim Protagonisten…. – das sind bewährte Rollenbilder und Archetypen eines Thrillers – neu also ist dies alles nicht. Selbst der titelgebende Käfer hat sein literarisches Vorbild im Schmetterling vom Schweigen der Lämmer, das im Buch sogar explizit erwähnt wird.

Insofern wandert Kosik also auf bewährten Pfaden, nutzt Bekanntes als Gerüst, um das sie ihre eigene Geschichte windet. Geschickt baut sie dabei auf Urängste der Menschen: die weit verbreitete Abscheu vor „Krabbeltierchen“, die Angst davor, einem Sadisten bei vollem Bewusstsein, aber völlig wehrlos, ausgeliefert zu sein, die Angst vor Schmerz, der Ekel vor Blut…. als Gegengewicht dient ihr ihr sympathischer Ermittler, der als alleinerziehender Vater und Kripobeamter schon ohne seine Trauersituation überfordert ist, dann natürlich die kleine Mia, die für ihr Alter schon so vernünftig und doch als Kind reagiert und last noch least die sich entwickelnde Romanze, die David Westers aus seiner emotionalen Isolation herauszulösen beginnt…

Zu einem Krimi gehören die Ermittlungen wie das Salz in der Suppe. Aber fragt man die Mitbewohnerin des Opfers, immerhin eine Studentin und damit eine junge Frau und kein Mädchen mehr, als erstes wirklich danach, ob man sie Duzen darf? Und überbringt man dem Elternpaar die Todesnachricht, um sich dann nach ein paar trivialen Fragen wieder zu verabschieden und die beiden alten Menschen mit dem Schock wieder allein zu lassen? Sollte die Polizeiarbeit da nicht etwas mehr Empathie und Fürsorge zeigen? Ob diese Darstellung bei der Autorin tatsächlich dem Alltag der Ermittlungsarbeit entspricht, kann ich nicht beurteilen, aber für sich genommen ist diese Vorgehensweise sehr wenig einfühlsam und nimmt auf die Situation der mit dem Mord an ihrer Tochter konfrontierten Eltern keine Rücksicht.

Die Auflösung – ich muss zugeben, sie hat mich überrascht, erst im Nachhinein lassen sich einige wenige Sätze im Roman als Hinweis auf gerade diese Figur deuten. Zum ordentlichen Whodunit gehört natürlich ebenso die Erklärung für den Zuschauer oder Leser, wie, was und warum das alles so geschehen ist und auch geschehen musste… da hat aber offensichtlich Kosig selbst ein wenig Probleme und zieht sich zum Teil auf den Standpunkt zurück, muss denn wirklich immer alles einen Grund haben?, der von der sadistischen Täterfigur letztlich doch noch um einen eifersuchtsbedingten Masterplan zur Vernichtung der Familie Westers ergänzt wird.

Das alles wird von der Autorin in einer sehr szenische aufgebauten Geschichte erzählt. Man merkt ihr an, daß sie im Filmgeschäft tätig war, die gut 220 Seiten des Buches sind in siebenundfünfzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils ihr eigenes Setting haben. So liest sich der Roman sehr flott und abwechslungreich; da Kosig gleichfalls gefällig zu formulieren weiß, erfüllt er auch eins der Essentials eines Krimis: er ist spannend. Viele Dialoge, nur wenige Exkurse in Gedankenwelten – Totenfreund ist ein gut unterhaltendes Buch mit einem sympathischen und empathieweckenden Protagonisten. Bemerkenswert ist, daß Kosig den ‚Mut‘ hat, das mögliche emotionale Happy-End für ihren Helden, mit dem man als Leser eigentlich rechnet, knallhart gegen die Wand zu fahren. Zusammenfassend kann ich für mich festhalten, daß Totenfreund ein hoffnungsvoller Erstling ist, man kann gespannt sein, wie sich die Autorin weiter entwickelt.

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.totenfreund-thriller.de/, ein Besuch dieser Seite lohnt sich, man sieht ihr die Erfahrung der Autorin als Marketingleitung an
[2] Beitrag in der Wiki zu diesem Unter-Genre eines Krimisromans:  https://de.wikipedia.org/wiki/Whodunit

Bildquelle: Käfer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Thanatophilus_sinuatus_natur.jpg; Lizenz: von Siga (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Jenna Kosig
Totenfreund
diese Ausgabe: TB, ca. 225 S., 2015

Ich bedanke mich bei der Autorin für die Überlassung eines Leseexemplars.

island cover

Im Jahr 2008 begann mit der Insolvenz der Lehmann-Bank in den USA die weltweite Finanzkrise, die besonders in Island verheerende Auswirkungen hatte [1]. Die isländische Krone verlor sehr stark an Wert, die Wirtschaft schlitterte in eine tiefe Rezession verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, viele Privatleute, die die Jahre zuvor auf die blumigen Versprechen der Banken gehört hatten, gerieten in große wirtschaftliche Probleme. Dies zeitigte natürlich auch politische Turbulenzen, das Vertrauen in Politiker und in die Wirtschaft war zerrüttet, die Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten, im Buch wird dies als „Topfrevolution“ bezeichnet: Ganz gegen ihre übliche Mentalität strömten die Isländer an den dunklen, kalten Winterabenden mitten in der Woche zum Austurvöllur und trommelten auf  Pauken,Töpfen, Pfannen und Tiegeln herum.. sie zündeten Feuer an unter taktfestem Trommelschlag und Kampfparolen. Und noch weniger entfachten sie die Glut in den Feuern aufs Neue, wenn Polizei und Feuerwehr sie gelöscht hatten, und klopften einfach weiter auf ihren Töpfen, Pfannen und Tiegeln herum als sei überhaupt nichts vorgefallen. Es war ein riesiges Gemeinschaftserlebnis, das Feuer, der pulsierende Takt des Getrommels und das Tanzen um das Feuer herum, schwarz gekleidet und mit der schwarzen Maske vor dem Gesicht unkenntlich… Sie lächelte hinter der Maske, hüftschwenkend vor und zurück, links rechts, Kreis auf Kreis, Brust, Hände, Kopf, Beine, Schenkel, Po, … alles vibrierte und bewegte sich im Takt mit universalem Leben. .. Denn genau das war es, … etwas, was größer war als sie selbst, … größer als alles um sie herum. ..

Erla Lif Bóasdóttir gehörte zu den diesen drei unbekannten jungen Frauen, die um das Feuer tanzten und die die Blicke der Umstehenden auf sich zogen. Es waren nicht nur wohlwollende, zustimmende Blicke, es gab Leute, junge Männer, denen diese Kommunisten, diese Aktivisten ein Dorn im Auge waren und gerade die tanzenden Frauen reizten sie auf und stachelten ihre Fantasie an….

War es Zufall oder hatte jemand Erla Lif doch erkannt, an ihren Bewegungen, ihrer Art, bestimmten Gesten vielleicht? Jedenfalls lauerten die drei ihr auf, die nach dem Ende des Tanzes auf dem Heimweg war.. Es war kein Problem für die drei ebenfalls maskierten Männer, sie zu überwältigen, ihr die Hose herunterzureißen und sie brutal zu vergewaltigen. Wegen der Maske, die sie noch trug, konnte sie nichts sehen, sie war wehrlos, fühlte sich wie ein Sexspielzeug und nur der Geruch verriet ihr, daß der erste, der kam, so roch wie ihr Ex-Freund, und daß der zweite einen Bauch hatte, wie der Freund ihres Ex-Freundes und so musste der nächste der dritte Mann sein, die zusammen in einer gemeinsamen Wohnung lebten.

Die drei von Erla beschuldigten Männer, ihr Ex-Freund Darri und seine Kumpanen Vignir und Jónas, werden festgenommen, aber letztendlich vom Oberstern Gericht freigesprochen. Sie selbst und ihre Väter sind nicht unbekannt, haben Beziehungen und Freunde, auch die Beweislage war wackelig…

Ein gutes Jahr später, die drei Männer sind auf freiem Fuß, wurde Erla Lif an der Mauer der Kirche, in der sie konfirmiert worden war, kaum noch lebend aufgefunden. Elf Messerstiche wies ihr Körper auf, sie war im sechsten Monat schwanger. Ihr Leben war nicht mehr zu retten, es gelang den Ärzten aber, ihre Körperfunktionen für eine Zeitlang aufrecht zu halten, um wenigstens das Leben ihres Babys zu retten. Jetzt musste die Polizei den oder die Mörder finden und die Frage klären, ob ein Zusammenhang bestand zwischen der Vergewaltigung mit der Beschuldigung der drei Männer und diesem brutalem Mord.


Es ist – dies zu vermuten liegt nahe – kein heiteres Buch, das uns der isländische Autor Jósepsson hier vorlegt. Der isländische Winter ist kalt, ist nass, ist ungemütlich, die Menschen sind deprimiert von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie haben, von der Aussichtslosigkeit und der Überzeugung, daß – egal wer an der Regierung ist – keine Besserung zu erwarten haben. Sie versuchen mehr oder weniger, sich durch diese schwierige Zeit zu lavieren.. dies gilt für die „normalen“ Menschen draußen, aber auch für die Ermittler der Mordkommission in Reykjavik. Wie schon im Fall der Vergewaltigung führt auch diesmal die Kommissarin Katrin die Ermittlungen, die sich aber zäh gestalten und nicht von der Stelle kommen. Ihr zur Seite steht der Kollege Arni, der gleich mehrfach gefordert ist, da er auch als frischgebackener Vater seine Kinder mitbetreuen muss. Immerhin ist Stefan, der Chef der beiden, wieder in den Dienst zurückgekehrt, eine persönliche Tragödie hat ihn lange Zeit sehr niedergedrückt. Mit seiner Rückkehr wird zumindest die chaotische Amtsführung des Interimschefs beendet….  Und dann wäre da noch der Kollege Guðni, der ein wenig wie die Axt im Walde ohne Rücksicht auf Verluste eine Art Privatkrieg gegen den größten Drogenboss Island führt, womit er seinerseits dem Chef der Droko, Þórður Guðmundsson, ziemlich in die Quere kommt. Aber wenn andere einen nicht aus der Schusslinie bringen, dann stellt man sich eben selbst ein Bein – so wie es Guðni hier macht, der dabei aber die ganz böse Arschkarte zieht….

Insbesondere Katrin ist gefordert, sie hat außer dem dienstlichen auch ein ganz starkes persönliches Motiv, den oder die Täter zu finden, kennt bzw. kannte sie Erla doch gut. Und mittlerweile nehmen ihr die Leute im Viertel ihre Erfolgslosigkeit übel…. Katrin steht unter Druck…

Zwei neue, unerwartete Spuren sollten die Ermittlungen wieder etwas in Schwung bringen: bei der Obduktion Erlas fand der Pathologe im Oberschenkelknochen ein winziges Stück von einer Messerklinge: die Spitze war abgebrochen und steckte im Knochen. Und dann klingelte eines Abends einer der drei Vergewaltiger bei Katrin an der Tür, um sein Gewissen zu erleichtern…

Immer wieder streut der Autor Schilderungen der Lebenssituation seiner Protagonisten ein. Da ist z.B. das schlechte Gewissen Katrins gegenüber ihren pubertierenden Kindern, für die sie einfach zu wenig Zeit hat. Hat ihre Tochter jetzt schon oder noch nicht? Sie weiß zu wenig von ihr, keine Zeit, mit ihr zu reden, der Dienst frißt sie auf… früh im Monat ist der Dispo ausgeschöpft, der uralte Mazda verreckt und für ein neues Auto ist kein Geld da. Dabei wollen doch die Kinder ihren Führerschein machen und für begleitetes Fahren bräuchte sie ein Auto…. Oder Guðni, der immer fetter wird, sich mit allen zerstreitet, geschieden ist, von seiner Tochter Helena um viel Geld angebaggert wird, aber jetzt ist Schluß, kein Geld mehr… ist Helena deswegen überfallen worden, wegen Drogengeschichten? Oder hat Stefan recht, der einwirft, der Denkzettel sei nicht Helena, sondern für Guðni bestimmt gewesen. Auch Arni hat seine Probleme mit dem Geld, die Familie ist eine kleinere Wohnung umgezogen, in ein Viertel, an das er sich erst einmal gewöhnen muss…

Island ist ein Dorf. Im Grunde scheint jeder mit jedem verwandt, man muss nur weit genug zurückgehen, das gilt auch für die Figuren dieses Romans. Egal, ob Opfer oder Verdächtiger, ob Ermittler oder Täter: irgendwo in nicht allzu ferner Vergangenheit gab es da sicher eine Verknüpfung, was die Sache nicht einfacher macht… Þyri beispielsweise, die Mutter Erlas, lebt mit Brynjólfur zusammen, der seinerseits ein guter Freund ist von Ingólfur, Darris Vater, der auch Abgeordneter ist….

Jósepsson, der 1994 in Freiburg seinen Magister in Philosophie und Englischer Literatur erwarb, hat mit In einer kalten Winternacht einen Roman verfasst, der zweierlei ist: eine Schilderung der (realen) trostlosen bis verzweifelten Verhältnisse in Island nach dem Ausbruch der Finanzkrise und der vor diesem Hintergrund laufenden zähen Ermittlungsarbeit bei zwei brutalen Gewaltverbrechen. Ermittlungen, die erschwert sind durch die eigenen privaten Probleme der Beamten, durch Voreingenommenheiten, durch die schlechte Indizienlage, auch dadurch, daß die Beschuldigten über gute Beziehungen verfügen….

So nimmt das Buch erst im Verlauf der Handlung wirklich Krimi-Charakter an und wird spannend, während man anfänglich als Leser von den diversen Abschweifungen des Autoren und auch der Menge der ungewohnten isländischen Namen verwirrt werden könnte. Hinzu kommt, daß Jósepsson seine Geschichte in drei große Abschnitte gliedert, die er nicht chronologisch angeordnet hat, so daß beim Lesen Fragen offen bleiben, die sich erst lösen, wenn in einem nachfolgenden Kapitel zeitlich zurückliegendes beschrieben wird.

So unerfreulich wie die gesamte Atmosphäre, die über dem Roman und seiner Handlung liegt, ist auch sein Ende: keineswegs fällt es in die Kategorie „Ende gut, alles gut“: die „Guten“ stehen am Schluss mit weitgehend leeren Händen da und die, die im Leben anscheinend immer auf der Gewinnerseite stehen, tun dies auch jetzt…. man legt diesen Roman nach dem Lesen also etwas unbefriedigt zurück, das Gefühl für das, was man für als „gerecht“ ansieht, wird von Jósepsson nicht bedient. So festigt sich der Eindruck eines Landes, das in einer großen Krise Mühe hat, einen Weg zurück in geordnete Bahnen zu finden.

P.S.: Inwieweit der langsame Tod der Erla Lif in der geschilderten Art und Weise realistisch ist, kann ich nicht beurteilen. Ich jedenfalls habe mit der Vorstellung, eine Frau, auf die vielfach eingestochen worden ist, der ein Messer unter anderen in den Bauch gerammt worden ist, könne noch tagelang am Leben bleiben, um dann als Hirntote künstlich beatmet zu werden, meine Probleme gehabt…. ganz abgesehen davon, daß das Frühchen offensichtlich alles unbeschadet überlebt und die Organe der dann Toten für Transplantationen entnommen worden sind.

Ævar Örn Jósepsson
In einer kalten Winternacht
Übersetzt aus dem Isländischen  von Coletta Bürling
Originaltitel: Önnur lif, Reykjavik, 2010
diese Ausgabe: btb, TB, ca 480 S., 2015

 

 

schoene-tote

Lothar Schöne, mit dem ich auch schon eine gemeinsame Lesung hatte, ist ein dem Rheingau und den Städten Mainz und Wiesbaden eng verbundener Autor. Dieser kleine Krimi ist im E. Humbert Verlag publiziert worden, einem kleinen Verlag in der Rheinhessischen Schweiz. Hier auf dem Blog finden sich mittlerweile diverse Bücher von Schöne (siehe unten), die zum Teil – wie angedeutet – regionalen Charakter haben. So auch „Tote sterben gesünder“, der in Wiesbaden spielt, aber so manchen Abstecher macht ins gegenüber liegende Mainz und in den Rheingau. Wohnt man, so wie ich, nicht all zu weit von dieser schönen Ecke weg, ist das schon ganz witzig, wenn man bei Ortsnennungen sofort die entsprechenden Bilder im Kopf hat. Und in diesem Fall fällt dem Rezensenten natürlich auch sofort auf, daß der VW Passat von S. 11 die A66 bei Eltville niemals verlassen konnte, weil nämliche da schon lange als B42 firmiert….

Worum geht es in diesem Krimi? Nun, es geht um eine erquickliche Anzahl von Toten, bei denen die Todesursache nicht klar ist, die Umstände jedoch an natürlichen Abläufen zweifeln läßt. Hier weiß der Leser dann aber mehr als die Ermittler, denn diese tappen im Dunkeln und versuchen, sich einen Durchblick zu verschaffen, während wir sozusagen denTätern über die Schulter schauen. Und diese sind irgendwo im Dunstkreis einer kleinen Pharmafirma zu suchen, die im Moment von einem großen Unternehmen aufgekauft wird. Gibt es da einen Zusammenhang? Oder sind die Wettschulden des ersten Toten doch die heißere Spur? Und hat der plötzliche Tod von Claudia Graf, die wegen einer plötzlichen Bronchitis ins Krankenhaus musste, irgendetwas mit dieser Sache zu tun?

Das jedenfalls glaubt Florian Wunder, Kommissar und Mitarbeiter von Julia Held, der Kriminalhauptkommissarin, die diesen Fall bearbeitet und die eine gute Freundin der verstorbenen Claudia Graf war. Diese zwei Ermittlerfiguren sind ein typisches Buddy-Paar, zwei gegensätzliche Figuren, die sich gegenseitig frotzeln, aber doch gut als Team agieren. Julia Held, bei deren leicht dementem Vater sie immer wieder auf neue Fragen stößt, die für diesen Fall wichtig sind/sein könnten, kommentiert die Welt mit Shakespearezitaten, während der Kollege Wunder etwas einfacher gestrickt ist und sich eher Sorgen um seine körperliche Unversehrtheit machen muss, wenn er seiner Freundin mal wieder wegen einer Observation einen Korb geben muss.

So geht es in diesem kleinen Krimi, der sich Betrügereien im Pharmasektor widmet, munter hin und her, er ist sehr dialogisch geschrieben und weist ein hohes Tempo auf. Der Humor kommt nicht zu kurz, wenn der Autor z.B. den besagten Wunder-Mann von seiner Freundin mit Bücher aus eigener Feder bewerfen läßt oder der Vorgesetzte der beiden Ermittler mal wieder als Archetyp des mediengeilen Chefs, der die Lorbeeren für sich abgreifen will, ins Zimmer stürmt und dann infomäßig doch an der eher kurzen Leine gehalten wird…. etwas aufdringlich wirkt dagegen die vielfache Nennung diverser deutscher Automodelle, mit denen die Akteure den Rheingau durchmessen, ein „product placement“ der schriftstellerischen Art……

Ganz sicher hat Schöne mit diesem Krimi, der der erste zu sein scheint einer zu erwartenden Reihe mit diesem Ermittlerpaar, das Genre nicht neu erfunden, ich möchte mich auch nicht anheischig machen, dafür zu garantieren, daß alles und jedes der Geschichte logisch unangreifbar gestaltet ist. Aber der Autor hat den kleinen Roman kurzweilig gestaltet, wenn man mag, kann man sogar eine gewisses Mass an Gesellschaftskritik bzw. (Gesundheits)Politikkritik darin finden, letzteres ist ja ein dankbares Objekt für Kritik…. Genau das richtige also, wenn man in Bahn oder Flieger zwei, drei Stunden unterhaltsam und kurzweilig überbrücken will. Und wer das Lokalkolorit des Rheingaus mit seinen zwei Metropolen mag, für den ist das Büchlein eh attraktiv…

Weitere Bücher von Lothar Schöne im Blog:

– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch

Lothar Schöne
Tote sterben gesünder
diese Ausgabe: E. Humbert Verlag, TB, ca. 160 S., 2013

Downtown L.A. ist wirklich nicht der Vorhof zum Paradies, gestern nicht und heute auch nicht, wo Vic Cattolini in seinem Aussenbüro sitzt, der Hitze trotzt und dem Durst mit gepimpter Cola zu Leibe rückt. Sein Aussenbüro, die Kneipe von Wanaya, wird normalerweise nicht von solchen Typen besucht, wie er an diesem Tag reinschneit und von Johnny mit einem Nicken an Vic verwiesen wird: geschniegelt und gebügelt, glatt rasiertes Gesicht, die rosige Haut eines Typen, der seine Arsch mit Dollarscheinen abwischen kann. So sehen Anwälte aus. Nur daß Cattolini von denen normalerweise keine Schecks über 17 Mille (in US-Dollar) ´rübergeschoben bekommt…. als Erbanteil von Porky, diesem versoffenen Penner mit dem Dachschaden, der vor jedem Geldautomaten salutierte, weil er das Wirken höherer Mächte in ihm vermutete. Aber in der Welt des Geldes, aus der Porky offensichtlich stammte, hieß er wohl anders, irgendein Earl der Dritte, aber was nutzte es ihm, er war mit Bleivergiftung unfreiwillig abgetreten und hatte Downtown verlassen. Auf ewig. Nur sein Geld war noch da.

Cattolini ist Schnüffler, Privatdetektiv in L.A., der sich nicht durch übermäßigen Geschäftserfolg auszeichnet, was nicht an seinen Fähigkeit liegt, eher an seiner dem Schicksal geschuldeten Trägheit und den Flachmännern, mit denen er so im Lauf des Tages den Zustand tauscht: voll und leer…. ein wenig entspricht er dem Stereotyp dieser Kategorie von Schnüfflern: der ehemalige GI, der nach der Rückkehr aus dem Iraq `91 zu den Bullen ging, sich dort Feinde machte und irgendwann gelinkt und wegen Korruption rausgeschmissen wurde. Einen Tag später war er auch die Alte los, die ihrerseits für die Sitte als Lockvogel am Bordstein stand und die armen Freier abgriff, die für eine schnelle Nummer ein paar Dollar hinlegen wollten….

Na ja, jedenfalls war Vic mit diesem Scheck in der Lage, ein paar seiner Schulden zu bezahlen, sich einen Wagen zu besorgen und auf den ehemaligen Cop in sich zu hören: Who the fuck is Alice? … und was steckt dahinter, daß dieser Penner, den ich ausser von ein paar gemeinsam durchzechten Nächten kaum kenne, den ich nur einmal nach einer üblen Schlägerei ins Krankenhaus gefahren habe, mir Geld ´rüberwachsen läßt… aber auch ansonsten schien mit dem Anwalt eine kleine Glücksträhen bei ihm einen Stop gemacht zu haben, es kamen Aufträge rein, die nicht allzu schwierig schienen und einen weiteren Dollarsegen mit sich brachten. Sterntaler sozusagen.

So fängt Vic also an, seine Aufträge abzuarbeiten, er versucht, ein paar alte Kontakte bei den Bullen wieder zu beleben, auch mit seiner Ex läßt es sich mehr oder weniger gut wieder reden, zumal es sich herausstellt, daß sie einen gemeinsamen Freund haben, den sie nur zu gerne aus dem Verkehr ziehen wollen, nämlich Sanchez, der den bösen Cop nicht nur spielt, sondern der auch einer ist. Dumm nur, daß die wenigen Nadelstiche, die Cattolini mit seinen Fragen setzt, offenbar mitten ins Schwarze treffen, denn ohne daß er weiß, wie ihm geschieht, sitzt er auf einmal im Knast, wegen Mordes, weil der Typ, den er beschatten sollte, auf einmal nur noch Zimmertemperatur hat und sein Auftraggeber die Bullen auf ihn angesetzt hat. Es sollte nicht der einzige bleiben, der sich im Dunstkreis Cattolinis in den nächsten Tagen ins Nirwana absetzte, bzw. unfreiwillig dorthin befördert wurde… und auch Vic selbst kommt nur knapp davon. So sucht er sein Heil lieber in der Flucht, raus aus L.A., irgendwo hin in die nähere Umgebung, wo er sich eine Weile bedeckt halten kann…

Es ist schnell klar, daß das Geld, das der versoffene Porky so unvermuteter- und reichlicherweise besaß (und das von einem Bostoner Anwalt verwaltet wurde und jetzt in einer dubiosen Stiftung steckt, in der irgendwie auch Surfalone drin hängt, der örtliche Obermafioso), eine entscheidende Rolle im Geschehen spielt. Aber Bewegung ins Spiel kommt erst, als er über den mittlerweile auch heruntergekühlten Bostoner Anwalt Porkys Lanini kennen lernt, den mit allen Wasser gewaschen Chef der dortigen Mordkommission. Der hört sich nämlich die ganze Geschichte von Vic an und seltsamerweise kann Cattolini ihm auch alles erzählen, auch die Sachen, für die er keine Medaille bekommen würde, sein Saufen, sein `rumhängen, sein Selbstmitleid… Die beiden Männer sind wohl so eine Art Seelenverwandte, sie tun sich zusammen und Lanini findet so seinen eigenen Dreh, aus der Geschichte etwas heraus zu schlagen, für sich und für Vic. … so, mehr gibt´s nicht zum Inhalt, man soll ja nicht alles verraten…

Das L.A., in das uns Kraus führt, ist das L.A. Bukowskis, heruntergekommen, versoffen, verhurt, bevölkert von Losern. Vic ist einer von ihnen, der Unterschied ist, daß Charles/Hank seinerzeit Teil dieses Milieus war, während Cattolini eher ein Gestrandeter ist, der hart an den Felsen schrammt, aber dort nicht untergeht. Wo bei Bukowski die 17 Mille an der Rennbahn investiert würden, mit Schnaps und Frauen für ein paar lustige Tage und Nächte reichen würden, gibt Vic das Geld aus (na ja, ein paar Flachmänner sind auch drin),  um sich selbst wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen mit einer neuen Frisur, einem Auto, mit Hotelzimmern, in denen die grunzende Geräuschkulisse vögelnder Pärchen nicht durch papierdünne Wände dringt… Vic nutzt die Chance, die ihm das Geld, das ihm zur Verfügung steht, bietet und er weiß die Annehmlichkeiten durchaus zu schätzen, so sehr, daß er nicht wieder zurück will in die Gosse, in der er eine zeitlang war.

Kraus scheut sich auch nicht, Nachdenkliches über die Region, in der er seinen Krimi spielen läßt, anzumerken. Ob es die Selektivität der (oftmals korrupten) Polizei ist, mit der bestimmte Delikte verfolgt oder auch nicht verfolgt werden, die Bedenkenlosigkeit, mit der Smog und Autoverkehr die Umwelt verpesten, die Untätigkeit bzw. das Unvermögen, den Drogenhandel einzudämmen….  hier und da ein Satz, ein eingestreuter Absatz, der darauf hinweist…

Der Krimi selbst liest sich sehr unterhaltsam und flüssig, das kann man nicht anders sagen. Er ist voll mit Typen und Charakteren. Man merkt es dem Text an, daß Kraus [3] weiß, wovon er spricht: er hat lange in Kalifornien gelebt und gearbeitet (eine Station, an der Vic auf seiner „Flucht“ untertaucht, ist seine ehemalige Stadt Santa Barbara und vllt hat ja sogar „Mamie“ ihre reale Entsprechung…. ), hat als Redakteur ein offenes Auge auch für die Schattenseiten des (nicht nur) kalifornischen Lebens, was der Story gut tut und sie erdet… der Mittelteil des Buches ist etwas ruhiger, da der untergetauchte und die Küste entlang stromernde Cattolini die Angewohnheit hat, des nachts viel unter den Piers an den Stränden des Pazifik nachzudenken, zu trinken und irgendwann einzuschlafen bevor er dann morgens frierend und mit nassen Schuhen wieder aufwacht. Obwohl relativ viele Tote im Verlauf der Handlung zu beklagen (?) sind, kann man nicht sagen, die Story sei übertrieben actiongeladen. Am Ende läuft sie dann auf eine Art Show-Down hinaus, man schaut sich in die Augen, sieht auf der einen Seite die Panik und muss andererseits kalkulieren, ob geblufft wird oder nicht…

Mit anderen Worten: „Cattolini erbt“ ist ein kurzweilige Lesespaß mit kritischen Seitenhieben auf reale Gegebenheiten, mit farbig gezeichneten Charakteren, zwar einer etwas fragwürdigen (aber den real existierenden Umständen angepassten) Moral am Schluss, aber trotzdem freut man sich am Ende mit den beiden kleinen Italienern….

Links und Anmerkungen:

[1] facebook-fanseite von Cattolini
[2] mehr von Kraus: P.J. Kraus: Joint Adventure, Buchbesprechung hier im blog
[3] Homepage des Autoren

Peter J. Kraus
Cattolini erbt
Conte-Verlag, brosch., 250 S., 2012

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

Es ist dies mit „Schattengesicht“ innerhalb kurzer Zeit nach „Unland“ [2] der zweite Roman der Autorin, den ich hier vorstelle [1]. Dies hat seinen Grund: die Bücher sind einfach spannend geschrieben, die Autorin versteht es, ihre Geschichten so zu konstruieren, daß das Geheimnisvolle dahinter allzeit spürbar ist, ohne daß man es greifen kann. So auch in diesem Roman. Dies macht es andererseits schwierig, den Inhalt des Buches wiederzugeben, zu groß die Gefahr, voreilig eins der Geheimnisse zu lüften und dem Buch damit die Spannung zu nehmen.

Versuchen wir es aber trotzdem.

Wir lernen im ersten, kurzen Abschnitt des Buches die 23jährige [3] Milana Helmholz bei der Kleiderausgabe im Gefängnis kennen, sie hat, so sagt sie den anderen, einen Menschen umgebracht. Von dieser Situation ausgehend, die automatisch die Frage in den Raum stellt, was passiert ist und wie und aus welchen Gründen, läßt Wagner ihre Protagonistin ihr Leben in Rückblenden erzählen und zoomt so zurück auf die Lebenssituationen von Mila, in denen die entscheidenden Weichenstellungen stattfanden.

Die Kindheit von Mila war glücklich. Zwar waren ihre Eltern wirklich alt, aber sie zogen sie mit viel Liebe auf und ließen ihr viel Freiheit. Dies sollte sich mit dem Tod ihres Vaters ändern. Völlig unvermittelt taucht Ina, ihre Schwester, von der sie bis zu diesem Tag nichts wusste, mit Carsten vor dem alten, jetzt, nachdem der Vater tot ist geschlossenen Gasthof der Helmholzens auf. Anfänglich noch als Abwechselung des täglichen Lebens empfunden treten bald Spannungen zwischen Mila und Ina auf, da letztere durch Verbote, Verhängung von Stubenarrest etc. immer stärker in das Leben von Mila eingreift. Nur gut, daß Mila Polly kennen gelernt hat, eine Stromerin, die eines Tages plötzlich in ihrem geheimen Versteck am Weiher auftauchte. Zwar verschwand sie dann wieder für einige Zeit, aber gerade im richtigen Moment, als es Mila schlecht ging, kehrt sie wieder zurück und konnte das Mädchen trösten. Von da ab waren die beiden unzertrennlich.

Wieder ein Zeitsprung…. ein paar Jahre später, nachdem Mila (die jetzt im Haushalt von Ina und Carsten lebt) ihr Abitur gemacht hatte, fahren die beiden zusammen für einen Ferienjob nach Schweden. Dort sollten sie für ein paar Wochen auf ein Haus in einem kleinen Dorf aufpassen. Hier lernte Polly dann Ole Jansson kennen – obwohl, kennenlernen ist der falsche Ausdruck, eher muss man sagen, sie traf auf ihn….

Noch ein paar Jahre später ist Mila mit ihrem Studium fertig. Von Berlin aus geht sie mit Polly nach Mannheim, eine Stelle als Lehrerin antreten. Sie ziehen in eine Wohnung in einem herunter gekommenen Viertel, nehmen Vincent, den Polly aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet hat, zu sich in die Wohnung. Die beiden, bzw. es sind ja jetzt drei, haben auch hier keine Ruhe, es gibt aber mit dem Nachbarn, den/die sie lange Zeit nicht kennengelernt haben, Ärger und so müssen sie diese Wohnung fluchtartig verlassen….

Die letzte Station, auf die uns Wagner die beiden jungen Frauen begleiten läßt, ist ein Hotel, in dem Mila als Zimmermädchen arbeitet. Die Lebensumstände der beiden sind mies, sie hausen in einer abbruchreifen Wohnung, die Fenster sind verhangen, damit kein Licht nach aussen tritt. Im Hotel wird Mila von ihrer Chefin gemobbt, nichts kann sie dieser domina-haften Frau recht machen, eine Schikane nach der anderen muss sie erdulden. Dies ändert sich erst, als Rosa, so heißt diese Frau, auf der Fensteraussenseite im neunten Stock nach Dreckspuren sucht, mit dem sie Mila vorführen kann….

Wie gesagt, dies beschreibt die Autorin in Rückblenden. Je weiter wir darin in die Vergangenheit gelangen, desto näher kommen wir dem Geheimnis von Milana und Polly, die seit damals, der ersten Umarmung, als Polly zu der kranken Mila ins Bett schlüpft und sie warm hält, alles zusammen machen. Und es muss ein dunkles Geheimnis sein, denn um sie herum ist der Tod nicht weit, das Sterben, das Vergehen, das immer tiefgreifender auch auf das eigene Leben übergreift, welches mehr und mehr von Dunkelheit und Einsamkeit geprägt wird. Exemplarisch dafür die vielen Umwege, die Mila auf sich nehmen muss, um von ihrer Arbeit im Hotel in die dunkle Wohnung zu kommen, die Wohnung (das Haus) immer ja auch ein Bild für das eigene Innere. Das einzig warme, tröstende in dieser Existenz/Wohung ist die Anwesenheit von Polly….

Die langen Jahre zwischen den Zeitsprüngen läßt Wagner im Dunkeln. Wir erfahren nicht, was in diesen Zeiträumen passiert, dieser Kunstgriff ermöglicht es ihr, die einzelnen Episoden weitgehend isoliert zu schildern, ohne auf eine kongruente Story achten zu müssen. Aber dies schadet nichts, es sind die Schlüsselszenen eines Lebens, die Wagner schildert, eines Lebens, das – obwohl zu zweit geführt – immer einsamer und trostloser wird. Es ist erstaunlich, wie es Wagner gelingt, die Spannung, die sie von der ersten Seite an erzeugt, durch geschicktes Spiel mit der Sprache, durch Doppelbödigkeit und Weglassungen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zwar ahnt man irgendwann, worauf die Geschichte hinausläuft, aber wirklich sicher sein kann man sich nie, daß Wagner nicht noch eine erneute Wende in petto hat.

„Schattengesicht“ ist ein kurzer Roman, aber ein intensiver, sehr spannender. Er hat Momente, in denen man förmlich in die Geschichte hineingesogen wird und die Umwelt vergisst. Mila (und in geringerem Masse auch Polly) nehmen vor dem geistigen Auge Gestalt an, man meint, beim Lesen den Weiher zu sehen, die unerträgliche Hitze des Sommers zu spüren oder auch ein die kalte Mimik Rosas zu schauen, die sich an Milas Angst weidet…

So, würde ich das jetzt noch so machen wie früher und ein Facit schreiben, könnte da nur stehen: spannend, hintergründig, fesselnd, empfehlenswert!

Links und Anmerkungen:

[1] ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Buchexemplars
[2] zur Buchvorstellung hier im blog: Antje Wagner: Unland
[3] ich halte mich bei dieser Altersangabe einfach mal an den Text der Autorin [S. 82] und nicht an die dem Buch vorgeschaltete Inhaltsangabe, in der Mila drei Jahre älter gemacht wird
[4] über eine Sache bin ich gestolpert: der/die Nachbar/in in der Mannheimer Wohnung wird zwar nie gesehen, aber als man sich dann auf der Straße plötzlich über den Weg läuft, wird er/sie sofort mit Namen angeredet. Oder habe ich das was überlesen? Genauso wird der Besuch bei diesem/r Nachbarn/in durch den Türspion beobachtet, aber nicht erkannt, obwohl….

Antje Wagner
Schattengesicht
bloomsbury taschenbuch, 190 S., 2012
Erstveröffentlichung: Berlin, 2010

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