Juli Zeh: Nullzeit

15. Juni 2017

Der Ironman Lanzarote [1] gehört zu den härteren der sportlichen Prüfungen, die dieser sowieso schon harte Sport bietet. Von daher ist der Spruch „Alles ist Wille“, der auf den Asphalt gepinselt die Athleten noch einmal motivieren soll, sehr angebracht. ‚Alles ist Wille‘ – so sollte auch dieser Roman Juli Zehs ursprünglich heißen [2], aber auf Anraten des Verlages („… irgendwie nach Nietzsche ….“, was für den Verlag offensichtlich negativ konnotiert war) ist Nullzeit daraus geworden, ein Fachbegriff aus dem Tauchen, der die Grundzeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne nötige Dekompressionsstops beim Auftauchen einlegen zu müssen, bezeichnet [3].

‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman. Jola will unbedingt diese Rolle bekommen, Sven wollte sich nicht der ‚Urteilsfront‘ gegenüberstellen und ist jetzt seit fast vierzehn Jahren auf Lanzarote als Tauchlehrer … Antje will eigentlich nur Sven, den sie seit Kindertage liebt. Was der ‚alte Mann‘, die vierte Person dieses kleinen Kammerspiels, ist dagegen nicht so ganz klar, was er nicht will, schon eher, nämlich Jola zu verlieren.

Nullzeit also ein Kammerspiel mit vier Personen. Der nach der zwar recht erfolgreich, nichtsdestotrotz frustriert abgelegten Prüfung zum ersten Staatsexamen ausgestiegene Fast-Jurist Sven ging mit Antje, die er zwar nicht liebt, deren Nähe und Unterstützung aber recht bequem und angenehm ist, auf die spröde Kanareninsel. Beide sind dort in der Szene bzw. in ihrem Bekanntenkreis fest etabliert, der Tagesablauf, das Geschäft Routine. Die gehörig durcheinander geworfen wird: mit Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen (‚Jola‘) und Theo Hast mietet ihn ein exaltiertes Paar für eine erquickliche Summe Geldes für vierzehn Tage rund um die Uhr.

Jola, eine schöne Frau von dreißig, ist Schauspielerin in einer der beliebten Endlosserien im TV. Um sich als ernsthafte Darstellerin zu etablieren, muss sie da endlich raus und eine entsprechende Filmrolle spielen. Auf Lanzarote und mit Hilfe von Sven will sie sich auf das Casting für die Rolle der Taucherin Lotte Hass [4] vorbereiten, auf die sie alle Hoffnung setzt.

Theo Hast ist Literat ohne große Produktivität. Sein Erst- und Einling liegt schon lange Jahre zurück, er ist ein gutes Jahrzehnt älter als Jola. In Jolas Tagebuch findet sich die Bemerkung, er sei wohl absichtlich so unproduktiv, weil sie, Jola, einen erfolgreichen Mann nicht verdiene. Die Beziehung der beiden beruht auf Erniedrigung, Unterdrückung und Schmerz, Theos braucht wohl Vergewaltigungfantasien, um mit Jola verkehren zu können.

Schnell verfällt  Sven der schönen Frau, bewundert deren makellosen Körper. Als sie ihm aber nach einem der ersten Tauchgänge sofort routiniert ihr Hinterteil entgegenhält, so daß er sich wie in einem billigen Pornoset vorkommt, schreckt er zurück, ohne daß er dem Sog Jolas jedoch entkommen kann. Theo, der dies bemerkt, gibt ihm in einem Gespräch unter Männern sogar freie Bahn, er ist sich seiner Sache bei Jola sicher.

So kommt es zu kleinen Gesten zwischen den beiden, Anzüglichkeiten, die jedoch die Grenze zwischen Tauchlehrer und Kundin überschreiten und die auch in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Der Ruf von Sven leidet, man fängt an, ihn zu meiden. Auch Antje bemerkt die sich entwickelnde Obsession, der Browserverlauf verrät ihr, daß Sven sich nächtens die Filmchen mit Jola im Rechner ansieht.

Ohne es zu merken, ist Sven Hauptdarsteller einer raffinierten Inszenierung geworden. Der Schlussakt wird auf einer Party eingeleitet: auf ihr erfährt Jola, die offen Sven als ihren Begleiter vorstellt, obwohl auch Theo mitgekommen ist, daß die Rolle der Lotte Hass schon längst vergeben ist. Theo zelebriert diese Nachricht und geniesst die Zerstörung Jolas, deren Traum sich einfach in Nichts auflöst.

Für seinen Geburtstag, am Morgen nach dieser Party, hatte sich Sven ein besonderes Projekt vorgenommen, einen lange geplanten, akribisch vorbereiteten Tauchgang zu einem in hundert Meter liegenden Wrack. Aber auch hier geht einiges schief, weil sich die Freunde, die er als Helfer braucht, plötzlich verweigern. Jola bietet ihm an, ihm zusammen mit Theo zu begleiten, sie kenne sich sehr gut auf See aus. Aus lauter Not nimmt Sven das Angebot an. Am nächsten Morgen stechen die drei also in einem Fischkutter in See und tuckern an die Stelle, an der das Sonar das Wrack geortet hat [5]. Hier überschlagen sich dann die Ereignisse und Sven, die Fliege im Netz der Spinne, verliert endgültig jede Reputation und die heile Welt, in die er sich zurückgezogen und in der er sich eingerichtet hatte, zerplatzt: Antje hat ihn schon verlassen (u.a. auch weil sie mehr Sex braucht, als sie von Sven bekommt: auch diese seine Einschätzung war falsch), der rosarote Schleier, mit dem er Jola betrachtet hat, lüftet sich langsam und gibt den Blick auf die Realität frei und seine ehemaligen Taucherkollegen kündigen ihm an, daß sie dafür sorgen werden, daß er als Taucher nirgends mehr Fuss fassen wird….


Juli Zeh, die selbst Juristin ist, hat mit Nullzeit einen düsteren, kalten Thriller geschrieben. Sie schafft mit Sven, einem unbedarften, leichtgläubigen und sympathischen Menschen, einen Protagonisten, der dem skrupellosen Paar Jola und Theo, seinen Gegenspielern, nicht gewachsen ist. Der wohl eher sporadische Blümchensex mit Antje (eine Tatsache, die sich später als für ihn fatal herausstellen sollte) reicht ihm und macht ihn gleichzeitig empfänglich für den erotischen Reiz einer schönen Frau, die ihrerseits in einer eher durch dunkle Kräfte zusammen gehaltenen Beziehung lebt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist  und das Zudrehen der Atemluftventile unter Wasser Scherzcharakter hat. Spätestens an diesem Punkt hätte Sven die Reissleine ziehen müssen, aber das Honorar war fürstlich und er brauchte das Geld….

Zeh erzählt die Geschichte der vier sehr verwirrend, raffiniert verwirrend. Der Darstellung der Ereignisse durch Sven, dem Ich-Erzähler nämlich stellt sie die Tagebuchaufzeichnungen von Jola entgegen. Ein: Ich hätte in sie eindringen können, und wir wären nach einer Minute fertig gewesen. Doch wozu? liest sich in Jolas Tagebuch folgendermaßen: … er stand hinter mir und ging leicht in die Knie, um in mich eindringen zu können. … Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. … So entwickelt sich in Jolas Tagebuch langsam das Bild einer heftigen Beziehung und einer Affäre, in der auch ein mögliche Tod Theos immer wieder Thema ist….

Das ungeschickte und naive Verhalten Svens mit Jola in der Öffentlichkeit tut ein übriges und spielt der Intrige in die Hände. Das nach wenigen Tagen über ihn und Jola Kolportierte ist letztlich so wirkmächtig, daß die Realität unwichtig geworden ist und Sven den ‚Point of no Return‘ erreicht hat: Wenn es schon Gerüchte gibt, dann kann er sie auch durch Fakten untermauern, er gibt sich also keine Mühe mehr, seinen Drang zu Jola zu verbergen…


Und die Moral von der Geschicht‘? Man kann der Welt nicht entfliehen, man kann sich nicht in einer selbst gezimmerten Blase verstecken und davon ausgehen, daß man vor allem Unbill geschützt ist. Man wird hilflos, machtlos in seiner Blase, ein Stich von aussen und sie platzt und von einem Augenblick auf den anderen ist man der Welt, dem Willen der anderen, schutzlos ausgeliefert.

Die interessante Frage ist, ob Sven gegen einen so skrupellosen Gegner wie Jola überhaupt eine Chance gehabt hätte. Die Wirkmächtigkeit von Lügen und Behauptungen – es ist ja ein sehr aktuelles Thema – schafft eine eigene Realität, die unabhängig ist von Fakten, zumal, wenn sie – wie im Roman durch Svens Handeln – durch an sich recht harmlose Naivitäten, die sich leicht provozieren lassen, anscheinend gestützt wird. Wann wird Jola ihren Plan ausgeheckt haben? Irgendwann im Verlauf der ersten Tage, als sie Sven als leichte Beute entdeckt und in ihr der Wunsch, Theo loszuwerden, wach wird? Es wird nicht ganz klar, aber die Existenz des Tagebuchs deutet darauf hin, daß der Plan jedenfalls längerfristig angelegt war, keine spontane Entscheidung nach der von Theo in Szene gesetzten persönlichen Katastrophe auf der Party.

Ich habe oben festgehalten: „‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman.“ Interessanterweise sieht Zeh selbst dieses Thema nicht als primär für ihren Roman, für sie steht eher Verantwortung oder die Frage, ob es der moralisch richtige Standpunkt sein kann, sich aus allem heraushalten zu wollen im Mittelpunkt der Geschichte [2]. Dahinter steht dann wohl die grundsätzliche Frage, ob „Aussteigen“ (und Lanzarote ist offensichtlich voll von Aussteigern) nicht eher Flucht ist, Ausweichen und Meiden von Konflikten, den vordergründig (?) leichteren Weg zu wählen. Sicherlich eine diskussionswürdige Frage, wenngleich ich selbst diesen Punkt in Zehs Roman nicht wirklich im Vordergrund stehend sehe.

Wie auch immer. Zeh ist ein spannender, den Leser immer mehr verunsichernder Roman gelungen, der mir, der ich die Insel (und damit einige Orte der Handlung von verschiedenen Aufenthalten her ganz gut kenne, gut gefallen hat. Ein intelligenter Plot, unterhaltend, ein nüchterner Schreibstil und eine subtil aufgebaute Spannung. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen:

[1] zum Ironman Lanzarote: https://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Lanzarote
[2] so erzählt Juli Zeh z.B. hier https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/24/pehnt-holder-staiger-die-bibliothek-der-ungeschriebenen-buecher/
[3] vgl hier: http://www.taucher.de/lexikoneintrag/nullzeit
[4] zu Lotte Hass: https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Hass. Ich erinnere mich noch gut, das Buch 3 Jäger auf dem Meeresgrund hatte mich als junger Mensch begeistert, ich hab´s damals förmlich verschlungen…
[5] für den, den es interessiert (ich hoffe, der Link funzt):  https://www.google.de/maps/

Juli Zeh
Nullzeit
Originalausgabe: Schöffling, HC, ca. 252 S., 2012

Fuminori Nakamura ist der preisgekrönteste japanische Jung-Schriftsteller. Er schreibt magische, unterkühlte Romane. Fuminori Nakamura ist Hochliteratur. Das nächste große Literaturding nach Haruki Murakami. Das Tokioter Wunderkind. [1] Der 1977 in Tokio geborene ist in der Tat noch ein recht junger Mann, dessen Roman mittlerweile in viele Sprachen übersetzt werden. Insbesondere mit seinem Buch Der Dieb heimste Nakamura eine Menge Lob ein, verdientermaßen, denn der Roman fesselt und fasziniert auf eine ganz eigene Art und Weise.

In meiner Kindheit war da in der Ferne immer der Turm. Nakamuras läßt seinen Roman mit einer Rückbesinnung des Protagonisten auf seine Kindheit beginnen und kehrt gegen Ende der Handlung in der Erinnerung wieder zu dieser zurück, in der dieser Turm eine geheimnisvolle Rolle spielt. Es war die Zeit, in der ihm beim die Dinge beim Stehlen noch aus der Hand fielen, weil sie wie Fremdkörper nicht in seine Hand wollten. Jetzt, wo er schon lange ein Meister seines Gewerbes ist, passiert ihm das natürlich nicht mehr und natürlich sehe ich auch den Turm nicht mehr.

Nakamuras Dieb (nur in einer Passage des Romans tritt ein Mann auf, der zum Erschrecken des Diebes seinen ‚wirklichen‘ Namen‘ kennt und nennt) stammt aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Sind die ersten Diebstähle, die er vornimmt, auf´s Essen fixiert, weil er einfach Hunger hat, so merkt er rasch, daß ihm durch das Stehlen ein Tor zu einer Art Freiheit geöffnet wird und er fühlt einen Kitzel, eine Erregung, die in späteren Jahren eine durchaus erotische Komponente erhalten sollte. Wenn ich jedoch meine Hände nach dem Eigentum fremder Leute ausstreckte, fühlte ich in der Anspannung des Moments so etwas wie Freiheit. Ich fühlt, dass es möglich zwar, mich von der beengenden Umgebung zumindest ein ganz klein wenig zu lösen. 

Später, als Erwachsener dann tat sich der Dieb mit einem zweiten Taschendieb, Ishikawa, der für ihn ein Vorbild war, zusammen. Sie waren ein erfolgreiches Gespann, an Geld hatten sie keinen Mangel. Sie müssen in der Vergangenheit sogar einen sehr erfolgreichen Coup gelandet haben, der aber nicht ganz ohne Folgen für sie bleiben sollte.

So wie ein Fisch durch das Wasser gleitet, so bewegt sich der Dieb durch die Menge der Menschen, mit und in dieser flüssigen, harmonischen Bewegung gleiten seine Finger unbemerkt in die Taschen seiner stets wohlhabenden Opfer und bemächtigen sich der Brieftaschen oder Portemonnaies. Auf Toiletten sichtet er seine Beute, deren Inhalt ihm Auskunft gibt über das Leben der Besitzer. Kreditkarten, Mitgliedskarten für Bordelle, Visitenkarten etc pp … Er entnimmt nur das Geld, die Börse selbst schmeisst er in Briefkästen, von wo aus sie dem Besitzer sie mit der Polizei wieder zugestellt wird.

Wir sind in Tokio, dort trifft unser Dieb auf seinen früheren Partner, der jetzt einen anderen Namen trägt und offensichtlich für Kizaki, einen Unterweltboss arbeitet, wobei Fragen nach Details sich von selbst verbieten. Kizaki engagiert (es ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann) die beiden und noch einen weiteren Mann für einen Überfall. Noch wissen oder ahnen die drei nicht, daß sie im Grunde schon wie Fische an der Angel Kizakis hängen….

Führt dieser Handlungsstrang sozusagen vom Jetzt in die Zukunft, so baut Nakamura einen zweiten Erzählstrang auf, der in die Vergangenheit des Diebes deutet. Dieser beobachtet nämlich eines Abends, wie ein kleiner, etwas ärmlich aussehender Junge in Begleitung seiner Mutter in einem Laden versucht, Lebensmittel zu stehlen. Bevor diese entdeckt werden, warnt er die beiden. Von nun an sucht der Junge Kontakt zum Dieb; seinen Vater kennt er nicht, die Mutter schläft für Geld mit Männern (im Verlauf der Handlung auch mit dem Dieb) und die Männer, mit denen die Mutter zusammen lebt, schlagen ihn. Natürlich will sich der Dieb nicht an so einen Jungen binden, aber …. in seinem trotzigen Blick …. sah ich mich selbst – vor langer, langer Zeit.

Das Schicksal hat den Dieb in Person Kizakis fest im Griff. In einem längeren Gespräch, eigentlich eher einem Monolog, erklärt dieser unserem Helden, wie erregend es für ihn ist, für einen anderen Menschen das Buch des Lebens zu schreiben, also dessen Leben – und Sterben – zu planen und diesen Plan umzusetzen. Es ist die Gottähnlichkeit, die Kizaki anstrebt und unter anderem an dem Protagonisten verwirklicht: ... Schau mal, jetzt zittere ich ein wenig. Weil ich gerade die letzten Momente im Leben eines beliebigen Menschen miterlebe – genauso wie ich es bestimmt habe, auf diese Art, an diesem Ort. Ein einzigartiges Vergnügen. …


Der Dieb ist ein düsterer Roman, der – obwohl in Tokio angesiedelt – dennoch in einer fast dystopischen Welt zu spielen scheint. Regen, Dunkelheit, Sturm, einsame Straßen und Unterführungen, immer wieder auch der Hinweis auf diesen ominösen Turm, der wie ein Monolith (2001?) in den Himmel aufzuragen scheint. Immer wieder auch ist bei mir beim Lesen im mitlaufenden Kopfkino die Kulisse vom Blade Runner eingeblendet gewesen… der gesamte Inhalt verströmt abweisende Kälte und depressive Einsamkeit, einzig in den beiden Bettszenen zwischen dem Dieb und der Mutter tritt scheinbare Nähe zwischen zwei Menschen auf, aber auch diese ist letztlich drogengestützt.

Noch eine letztes Mal wollte ich den Körper einer Frau berühren. Der Dieb ahnt sein Schicksal, sind es bei ihr Drogen, so ist es bei ihm die Todesahnung. Die Todesahnung, die ihn auch sein Leben in der Rückschau in Erinnerung ruft und den Zweifel an dessen Sinnhaftigkeit. Ich hatte mich von allem abgewandt, hatte Gemeinschaft verschmäht, Glück und Lichte und stattdessen meine Finger in fremde Taschen gesteckt. … Hat er den Jungen anfänglich noch mit Tricks unterwiesen, rät er ihm nun dringend von einer Diebeskarriere ab: Du kannst ein neues Leben anfangen. … Vergiss das Klauen, egal, ob Essen, Geld oder sonst was. So etwas wie Verantwortlichkeit, ja Vatergefühle, regen sich in ihm.

Neben diesen mehr menschlichen Dimensionen (Machtrausch, Melancholie, Todesahnung) hat der Roman zudem eine ‚politische‘ Dimension, da er als Rahmenhandlung Wechselbeziehungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen thematisiert.


Trotz der abweisenden, fast menschenfeindlichen Kühle, die dieser Roman aufweist, fesselt er beim Lesen und entwickelt einen starken Sog. Dabei ist er nur mäßig spannend im konventionellen Sinn, seine eigentliche Spannung bezieht Der Dieb aus der Schilderung der inneren Entwicklung im Protagonisten, spannend sind jedoch ebenso die Schilderungen der ‚Arbeits’weise der/eines Taschendiebs auf so hohem Niveau, wie es die Hauptperson des Romans ist.

Auf jeden Fall also ist dieser Roman absolut des Lesens wert. Bleibt zu hoffen, daß bald mehr Titel von Fuminori Nakamura in Deutschland erscheinen.

Links und Anmerkungen:

[1] Zitat aus der Welt auf der Autorenseite des Verlags:  http://www.diogenes.ch/leser/autoren/n/fuminori-nakamura.html

Fuminori Nakamura
Der Dieb
Übersetzt aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg
Originalausgabe: 掏摸, Tokio, 2009
diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 210 S., 2017

Der Tod so kalt ist ein Krimi, ein Thriller. Nun bin ich nicht der typische Krimifreund, deswegen muss es schon einen Grund haben, daß ich mir diesen Roman vor die Nase geklemmt habe. Bletterbachschlucht heißt dieser Grund, denn dort spielt der Roman bzw. es geht um Ereignisse, eine Katastophe, die dort einst stattfand. Die Bletterbachschlucht [1] kenne ich nämlich, gerade um die Jahre, in der dort dieses ‚Massaker‘ stattfand, war ich dort, bin auf noch nicht ausgewiesenen Wegen, ohne die Prospekte eines noch nicht existierenden Besucherzentrums und natürlich auch ohne Schutzhelm dort herumgekraxelt. Schön war´s und tierisch interessant!

D’Andrea hat die Haupthandlung seines Romans also genau verortet und nennt Namen von realen Ortschaften in der Nähe: Bozen oder Deutschnofen beispielsweise oder Aldein. Das Dorf, in dem er seine Hauptfiguren ansiedert, Siebenhoch, dagegen ist fiktiv. Aber damit bin ich ja schon mittendrin in der Buchvorstellung….

salinger


Hauptperson des Romans ist ein gewisser Jeremiah Salinger (nicht verwandt oder verschwägert), ein junger Amerikaner mit deutschen Wurzeln. In der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema wird erzählt, wie er als Filmstudent zusammen mit einem Kollegen bei der Band ‚Kiss‘ jobbt und die Idee entwickelt, über die Roadies dieser Band eine Dokumentation zu drehen. Das wird ein Riesenerfolg für die beiden und auf einer der Filmvorführungen lernt er eine Austauschstudentin kennen, Annelise Mair, die aus diesem kleinen, putzigen Flecken Erde kommt, aus dem deutschsprachigen Südtirol. Man lernt sich näher kennen, sich lieben, man heiratet, Carla wird geboren und zu dritt fährt man mit der mittlerweile fünfjährigen Tochter (wir schreiben das Jahr 2013) nach Südtirol in das Heimatdorf von Annelise, nach Siebenhoch.

Annelieses Vater, Werner Mair, ist Witwer, die beiden Männer verstehen sich gut, auch der Selbstgebrannte schmeckt ihnen hervorragend. Werner erzählt Jeremiah (er ist einer der wenigen, die Salinger beim Vornamen nennen) von früher. Unter anderem davon, daß er Mitbegründer der Bergrettung in den Dolomiten ist, er erzählt aus deren Anfängen und weckt das Interesse Salingers. Und folgerichtig fliegt Salinger dann mit der Bergrettung mit, weil ihm die Idee zu einem neuen Filmprojekt gekommen ist [2]. Bei einem dieser Flüge zu einem Gletscher passiert ein schlimmes Unglück. Es ist schwierig, Schuld oder Verantwortung zu benennen, der Überlebende, dies ist Salinger, fühlt sich jedenfalls schon allein deswegen schuldig, weil er überlebt hat…

Es wird eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bei ihm diagnostiziert, aber nicht wirklich behandelt. Außer ein paar Tabletten, die er nicht nimmt, passiert nichts. Salinger wird von schlimmen Alpträumen gequält, er hört die ‚Bestie‘, wie er den Gletscher für sich nennt, in sich zischen und rufen… Nicht schön. Einzig Clara, der fünfjährige Sonnenschein muntert ihn in dieser Phase auf. Manchmal rafft er sich auf, so fährt er mit ihr eines Tages in besagte Bletterbachschlucht. Dort hört er durch Zufall von dem sogenannten ‚Massaker‘, bei dem am 28. April 1985 drei junge Menschen während eines tagelangen Unwetters in der Schlucht grausam ermordet und verstümmelt worden waren. Der Täter wurde nie gefunden.

Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären, zu dem ich aber nicht allzuviel sagen, sprich verraten werde.

Salinger jedenfalls hat ein Thema gefunden, das ihn bald besetzt. Zumal er erfährt, daß sein Schwiegervater damals zu den Männern gehört hat, die die Leichen entdeckt hatten. Salinger recherchiert, er fragt sich durch, er macht sich damit aber keine Freunde, zumal viele Dörfler ihm Schuld am Unglück gibt, das er als einziger überlebte, und so muss mehr als einmal Prügel einstecken. Soviel ist auf jeden Fall bald klar: das Massaker hat mehr Opfer gekostet als nur die drei jungen Menschen in der Schlucht. Und es ist immer noch nicht aus, denn bald steht Salingers Ehe auf dem Spiel: die Bessenheit, mit der dieser jedes Versprechen aufzuhören, das er seiner Frau gibt, bricht und dem Geschehen nachspürt, kann diese kaum noch ertragen.

Doch obwohl man keineswegs erfreut ist, daß da ein Fremder seine Nase in diese Angelegenheit steckt, will (muss?) doch der/die eine oder andere sich etwas von der Seele reden.. so nach und nach ergibt sich ein Bild des Geschehens für Salinger, aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem Täter.

Diese hebt sich der Autor bis zum Schluss auf: in einer Situation, die in etwa der des seinerzeitigen Massakers ähnelt (Ort und Wetter gleichen sich), entlarvt Salinger den Mörder endgültig…

…aber zuvor hatte er noch ein Geheimnis entdeckt, das sehr, sehr nahe an ihn und sein Leben greift.


Für den Autoren, Luca D’Andrea ist Der Tod so kalt so etwas wie ein Heimatkrimi. Bozen/Bolzano, die Stadt, aus der er stammt, liegt inmitten Südtirols, zwar im Tal der Eisack, aber dies ist nur wenige Kilometer von dem Ort der Handlung entfernt. Und so traditionell wie die Bevölkerung in den Bergen, zumindest nach aussen hin, auch ist, so traditionell ist auch die Handlung dieses Romans.

Der Bergler an sich ist eigen, in der Menge halten sie zusammen. Er ist hart aber ehrlich, Fremden gegenüber ist er misstrauisch. Die Oberfläche jedoch kann täuschen, unten drunter, in der Tiefe seiner Seele, können Untiefen lauern, vllt sogar das Böse an sich? Um es noch etwas rätselhafter zu machen, wird ein Tatverdächtiger in die Geschichte eingeführt, der sage und schreibe so um die 250 Millionen Jahr alt ist.. oder wäre, wenn es ihn tatsächlich gibt oder gäbe…. hier schrammt die Geschichte an der Fantasy vorbei (was etwas arg gekünstelt wirkt), um letztlich dann doch auf einem ganz konventionellen Hintergrund menschlicher Leidenschaften zu beruhen.

Ja, der Salinger mit seiner (unbehandelten) PTBS, den es interessiert dies halt, weil er selbst so seine Probleme hat, von denen diese Geschichte ablenkt, möglicherweise auch fühlt er eine Parallelität oder Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Vielleicht ist es aber auch einfach nur beruflicher Ehrgeiz: Ich will nur wissen, ob ich`s noch draufhabe. Ob ich noch eine richtige Geschichte erzählen kann. Dafür setzt er dann schon mal seine Familie und auch sein Eheglück auf´s Spiel….

So ist Der Tod so kalt die Geschichte eines Mannes, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in eine selbstgestellte Aufgabe verbeisst und dafür bereit ist, alles auf´s Spiel zu setzen. Es ist aber auch die Geschichte eines Menschen, der sich in diese Aufgabe flüchtet, um inneren Dämonen zu entgehen, es ist die Geschichte eines Mannes, den man mit seiner schweren Traumatisierung allein läßt.


Die ganze Geschichte ist durchaus flott erzählt, viele Dialoge, szenische Passagen, kurze Kapitel mit wechselnden Schauplätzen: es liest sich schnell und ohne große Mühen. Dabei liebt es D’Andrea, seiner Hauptperson häufig das letzte Wort zu überlassen, mit dem das vorher Gesagte kommentiert, häufig sogar konterkariert wird. Ein Beispiel: Salinger ist neugierig und durchsucht das Haus nach Weihnachtsgeschenken. Es ist nicht schön, so schreibt er selbstkritisch, wie ein Trüffelhund durchs Haus zu schnüffeln und in den Schubladen herumzuwühlen. – Nein, das tut man nicht. So hebt er dann nochmals unötigerweise den moralischen Zeigefinger. Das ist als Stilelement hin und wider ganz nett, aber zu oft eingesetzt ermüdet es.

Insgesamt war mir der Schreibstil zu plakativ, zu sehr auf Effekt getrimmt, die Figuren wieder zu sehr Schema F. Und der 250 Millionen Jahre alte Verdächtige, der immer wieder ins Spiel gebracht wird dann doch etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen, als daß man es ernst nehmen könnte. So bin ich nicht übermäßig begeistert von diesem Roman, wer jedoch einfach ein paar Stunden ohne großes Grübeln in eine Geschichte versinken will, dem mag Der Tod ist kalt möglicherweise besser zusagen als mir.

ach ja … dann ist da noch der geniale, weil frühreife Staatsanwalt. Der, um die vierzig (S. 155) schon 1985 (S. 157) die Uni verließ. Wir erinnern uns, der Roman spielt um die Jahreswende 2013/14, ….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zur Bletterbachschlucht: http://www.bletterbach.info
[2] Autorenseite bei Random House:  https://www.randomhouse.de/Autor/Luca-DAndrea/p609810.rhd
[3] der Autor hat eine solche Dokumentation für das italienische Fernsehen gedreht

Luca D’Andrea
Der Tod so kalt
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Originaltitel:  La sostanza del male, Turin, 2016
diese Ausgabe: DVA, Softcover, ca. 480 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Vier Stunden Flugzeit wollen überbrückt werden, bei mir normalerweise (das klingt jetzt fast so, als sei ich Vielflieger…. ) mit Dösen oder mit leichterem Lesestoff. So habe ich mir nach langer Zeit mal wieder einen Krimi gegönnt, einen isländischen zumal, der möglicherweise etwas interessanten Lesestoff zu beherbergen versprach. Denn Krimis, wer meinen Blog verfolgt, ahnt dies, gehören nicht zu meinem Beuteschema.

island-krimi


Bevor der Morgen graut, ein nicht mehr ganz neuer Roman aus dem Jahr 2005 also sollte es sein vom 1955 geborenen isländischen Autoren Viktor Arnar Ingólfsson, der hauptamtlich bei der isländischen Straßenbauverwaltung tätig ist [1]. Diese Zeit vor dem Morgengrauen ist in Island nicht gerade gemütlich, die Dunkelheit und die Kälte, aber dann andererseits wieder das schöne Gefühl, wenn die aufgehende Sonne die Schultern ein wenig wärmt. Die Schultern des Jägers nämlich, der seit längerem ansitzt auf der Jagd nach Gänsen, die auf ihrem Morgenstrich bei der Herde von Locktieren, die er vorher aufgestellt hat, landen sollen…

Doch unvermutet wird aus dem Jäger ein Gejagter, sieht sich der Mann als Ziel für Schrotladungen, die immer dichter bei ihm einschlagen, deren Körner seine Kleidung schließlich nur notdürftig abhalten kann, weil der Schütze immer näher an ihn heran kommt. Eigene Versuche, den Mann durch Schüsse zu vertreiben, sind erfolglos, auf die Signalpatronen hin rührt sich in der einsamen Gegend nichts und auf der Flucht erwischt den Mann eine Ladung ins Bein. Hilflos erlebt er mit, wie sein Mörder naht, sich neben ihn stellt und ihm mit einem weiteren Schuss den Kopf zermetzgert.

Ein grausamer Mord also, den Hendriksen und Mariusson, die zwei Inspektoren aus Reykjavik, aufzuklären haben….

Erst einmal die Routinearbeit: Spurensicherung, wer ist verdächtig, könnte ein Motiv haben (es gab Streit um das Grundstück, auf dem noch ein alter Bauer lebt, der es aber verlassen muss…), Befragungen, Zeugenaufnahmen etc pp… doch am nächsten Tag wird ein weiterer Gänsejäger erschossen. Porca miseria und Schluss mit lustig, denn das könnte sich ja fast zur Mordserie ausweiten!

Viel mehr will ich zum Inhalt gar nicht schreiben. Natürlich gibt es verschiedene Verdächtige, Lügen werden aufgedeckt, es wird noch eine schon etwas ältere Leiche entdeckt, die in das Schema der Morde passt und schließlich wird der Fall – das ist keine sonderliche Überraschung – gelöst. Aber nicht bevor der Täter Gelegenheit hat, in einem langen, sich selbst beweihräucherndem Monolog alles zu erklären…. genau das ist es, was ich an Krimis so liebe: alles ist vorhersehbar und ewig gleich…. es gibt viele Motive, der erste Verdächtige ist es nie, und zum Schluss wird für die Begriffstutzigen noch einmal alles genau dargelegt.


Die erwähnten Kommissare Hendriksen und Mariusson sind typische Buddys: von gegensätzlicher Sta- und Natur sind sie befreundet und ergänzen sich in ihren kriminalistischen Fähigkeiten. Der deutschstämmige Mariusson (bei der Gelegenheit erfährt man, daß nach dem Ende des letzten Krieges viele deutsche Frauen nach Island gekommen sind) ist groß, dick, ewig hungrig und auf dem besten Weg, ein Alki zu werden, der kleine, drahtige Hendriksen dagegen gehört zu den Boatpeoplen, die vor dem Vietnamkrieg aus dem Land geflohen und dann in einem europäischen Land, in diesem Fall Island, aufgenommen worden sind. Er kam als kleines Kind, ist jetzt ‚Isländer‘, spricht auch perfektes Isländisch, fällt aber als Asiate natürlich auf. Im Gegensatz zu seinem schlampigen Kollegen kompensiert er wohl seine sexuelle Energie im abendlichen Bügeln seines Dienstanzuges für den nächsten Tag.

Ansonsten begegnen uns die üblichen Verdächtigen: die kettenrauchende und im Beruf gealterte Gerichtsmedizinerin, die schon alles gesehen hat, der nichts Verwesendes mehr fremd ist und die die Welt dadurch mit anderen Augen betrachtet; der Chef, der seine Aufgabe im wesentlichen darin erblickt, seine Mitarbeiter bei der Arbeit nicht zu stören und natürlich die diversen Verdächtigen mit ihren Anverwandten, die den Ermittlern im Lauf der Arbeit unterkommen und die ein weites Spektrum menschlicher Charakterschwächen erkennen lassen.

Der NDR hat (so steht´s geschrieben auf dem Cover) im Roman einen ‚tiefen Einblick in die Psyche der Isländer‘ erhascht. Das kann man natürlich so sehen, aber wenn man diesen Einblick wirklich sucht, greife man lieber zum Original, also beispielsweise zu Laxness. Bevor der Morgen graut war für mich jedenfalls nicht mehr als ein vorhersehbarer Krimi mit weitgehend stereotypen Figuren, der in der nicht immer kuscheligen Atmosphäre Islands spielt. Aber immerhin hat er mir die Zeit im Flieger doch ganz gut vertrieben. Is ja auch was….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie des Autoren siehe hier: http://www.schwedenkrimi.de/viktor_arnar_ingolfsson_biografie.htm

Viktor Arnar Ingólfsson
Bevor der Morgen graut
Übersetzt aus dem Isländischen von  Coletta Bürling
Originalausgabe: Afturelding, 2005
diese Ausgabe: editionnova, TB, ca. 335 S., o.J.

Jenna Kosig: Totenfreund

2. März 2016

Jenna Kosig ist eine Jungautorin aus Köln, die sich mit mit ihrem ersten Roman, Totenfreund, an einem Krimi versucht hat. Sie selbst erklärt sich (ironisch) als vorbelastet, da sie vom Großvater, der Polizist war, wohl entsprechende Gene geerbt hat, die sie für dieses Genre empfänglich machen…. schaumermal…

Kosig cover


Totenfreund ist aus der Sicht seines Protagonisten, des Polizisten David Westers, der als Ich-Erzähler fungiert, geschrieben. Dieser, Ermittler bei der Mordkommission, ist immer noch stark traumatisiert vom Mord an seiner schwangeren Frau Lara. Dies liegt zwar mittlerweile vier Jahre zurück und das Ungeborene konnte gerettet werden, jedoch ist es David noch nicht gelungen, mit dem Erlebnissen von damals zu leben: immer noch plagen ihn nächtestens schlimme Alpträume. Sein einziger Lichtblick scheint seine süße Tochter Mia zu sein, die sich prächtig entwickelt und ihm ein großer Halt ist.

In diese Situation wird er zu einem Mordfall gerufen. Die Leiche einer jungen Frau ist bestialisch zugerichtet auf einem aufgegebenen Bauernhof gefunden worden. Als David Westers den Tatort besichtigt, fühlt er sich intuitiv an das Verbrechen an seiner Frau erinnert, außerdem kommt ihm die Tote bekannt vor. Und als der Gerichtsmediziner einen Käfer in der Hand der Toten findet, wird der Mordfall noch ein wenig mysteriöser: was will der Täter damit seinen Jägern sagen?

Ein ‚Whodunit‘ [2] also, dessen allgemeinen Aufbau Kosig recht treu befolgt: Wir haben das (bzw. die, denn – soviel sei verraten – bei einer Leiche bleibt es nicht) begrenzte Setting (den Bauernhof, die Lagerhalle….), nur wenige Verdächtige (die aber irgendwie auch nicht wirklich verdächtig sind und denen man das Verbrechen kaum zutraut) und am Ende war es zwar nicht der Gärtner, aber in einem Showdown wird der Täter entlarvt bzw. er gibt sich im Totenfreund im Gefühl, die Situation im Griff zu haben, zu erkennen. Soweit das Gerüst, nun die Figuren.

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver; Bildquelle: [B]

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver;
Bildquelle: [B]

Der traumatisierte Polizeibeamte, der zudem selbst indirekt Zielfigur des Verbrechers ist; das Ermittler-Duo, das sich zum Buddypaar entwickelt hat; ein Pathologe, der als Figur eines Krimis mittlerweile anscheinend unersetzbar ist; als Verdächtige der möglicherweise abgewiesene Verehrer, der verheiratete Liebhaber, dazu noch eine romantische Affäre beim Protagonisten…. – das sind bewährte Rollenbilder und Archetypen eines Thrillers – neu also ist dies alles nicht. Selbst der titelgebende Käfer hat sein literarisches Vorbild im Schmetterling vom Schweigen der Lämmer, das im Buch sogar explizit erwähnt wird.

Insofern wandert Kosik also auf bewährten Pfaden, nutzt Bekanntes als Gerüst, um das sie ihre eigene Geschichte windet. Geschickt baut sie dabei auf Urängste der Menschen: die weit verbreitete Abscheu vor „Krabbeltierchen“, die Angst davor, einem Sadisten bei vollem Bewusstsein, aber völlig wehrlos, ausgeliefert zu sein, die Angst vor Schmerz, der Ekel vor Blut…. als Gegengewicht dient ihr ihr sympathischer Ermittler, der als alleinerziehender Vater und Kripobeamter schon ohne seine Trauersituation überfordert ist, dann natürlich die kleine Mia, die für ihr Alter schon so vernünftig und doch als Kind reagiert und last noch least die sich entwickelnde Romanze, die David Westers aus seiner emotionalen Isolation herauszulösen beginnt…

Zu einem Krimi gehören die Ermittlungen wie das Salz in der Suppe. Aber fragt man die Mitbewohnerin des Opfers, immerhin eine Studentin und damit eine junge Frau und kein Mädchen mehr, als erstes wirklich danach, ob man sie Duzen darf? Und überbringt man dem Elternpaar die Todesnachricht, um sich dann nach ein paar trivialen Fragen wieder zu verabschieden und die beiden alten Menschen mit dem Schock wieder allein zu lassen? Sollte die Polizeiarbeit da nicht etwas mehr Empathie und Fürsorge zeigen? Ob diese Darstellung bei der Autorin tatsächlich dem Alltag der Ermittlungsarbeit entspricht, kann ich nicht beurteilen, aber für sich genommen ist diese Vorgehensweise sehr wenig einfühlsam und nimmt auf die Situation der mit dem Mord an ihrer Tochter konfrontierten Eltern keine Rücksicht.

Die Auflösung – ich muss zugeben, sie hat mich überrascht, erst im Nachhinein lassen sich einige wenige Sätze im Roman als Hinweis auf gerade diese Figur deuten. Zum ordentlichen Whodunit gehört natürlich ebenso die Erklärung für den Zuschauer oder Leser, wie, was und warum das alles so geschehen ist und auch geschehen musste… da hat aber offensichtlich Kosig selbst ein wenig Probleme und zieht sich zum Teil auf den Standpunkt zurück, muss denn wirklich immer alles einen Grund haben?, der von der sadistischen Täterfigur letztlich doch noch um einen eifersuchtsbedingten Masterplan zur Vernichtung der Familie Westers ergänzt wird.

Das alles wird von der Autorin in einer sehr szenische aufgebauten Geschichte erzählt. Man merkt ihr an, daß sie im Filmgeschäft tätig war, die gut 220 Seiten des Buches sind in siebenundfünfzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils ihr eigenes Setting haben. So liest sich der Roman sehr flott und abwechslungreich; da Kosig gleichfalls gefällig zu formulieren weiß, erfüllt er auch eins der Essentials eines Krimis: er ist spannend. Viele Dialoge, nur wenige Exkurse in Gedankenwelten – Totenfreund ist ein gut unterhaltendes Buch mit einem sympathischen und empathieweckenden Protagonisten. Bemerkenswert ist, daß Kosig den ‚Mut‘ hat, das mögliche emotionale Happy-End für ihren Helden, mit dem man als Leser eigentlich rechnet, knallhart gegen die Wand zu fahren. Zusammenfassend kann ich für mich festhalten, daß Totenfreund ein hoffnungsvoller Erstling ist, man kann gespannt sein, wie sich die Autorin weiter entwickelt.

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.totenfreund-thriller.de/, ein Besuch dieser Seite lohnt sich, man sieht ihr die Erfahrung der Autorin als Marketingleitung an
[2] Beitrag in der Wiki zu diesem Unter-Genre eines Krimisromans:  https://de.wikipedia.org/wiki/Whodunit

Bildquelle: Käfer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Thanatophilus_sinuatus_natur.jpg; Lizenz: von Siga (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Jenna Kosig
Totenfreund
diese Ausgabe: TB, ca. 225 S., 2015

Ich bedanke mich bei der Autorin für die Überlassung eines Leseexemplars.

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