Rafik Schami: Sophia

Der 1946 in Damaskus geborene, aber seit 1971 in Deutschland lebende Rafik Schami [http://www.rafik-schami.de] ist bekanntermaßen ein wunderbarer Erzähler, dessen (angenommener) Name „Damaszener Freund“  bedeutet [https://de.wikipedia.org/wiki/Rafik_Schami]. Und als solcher erweist er sich im vorliegenden Roman unter anderem auch: Sophia… ist eine Liebeserklärung an (das alte) Damaskus, die Stadt seiner Geburt. Wie dem Autor selbst so erging es auch seinem Protagonisten: auch Salman musste Damaskus vor vielen Jahren verlassen und sich im Ausland eine Existenz aufbauen. Der politischen Situation wegen konnte Salman nie nach Syrien zurückkehren, auch Besuche waren nicht möglich. Um so stärker wurde im Lauf der Jahre der Wunsch nach Rückkehr in ihm, in dem das Damaskus der Epoche, in der er damals verlassen musste, weiterlebt. Es ist dies das Schicksal vieler Emigranten und Flüchtlinge, man findet es oft beschrieben: die Zeit friert für den, der geht, wie ein Standbild den Status quo ein, von den Veränderungen, der Entwicklung bekommen die Weggegangenen nichts mit. Selbst, wenn sie von der Information her um solche Veränderungen wissen, das Gefühl, die Emotion verweigert oft die Anpassung an das Veränderte.

Salman, der seit Jahrzehnten in Italien lebt, (mehr oder weniger) glücklich verheiratet und Vater eines Sohnes ist, der als Geschäftsmann erfolgreich und zu einigem Wohlstand gekommen ist, sieht – er ist mittlerweile schon ein nicht mehr ganz junger Mann – dennoch eines Tages die Chance, noch einmal die Heimat zu besuchen, seine Eltern zu sehen, die Freunde längst vergangener Tage zu besuchen: In Syrien wurde vom Präsidenten eine Generalamnestie verkündet und in aller Öffentlichkeit bekundet, daß niemand etwas zu befürchten habe, wenn er nach Syrien einreise [vgl. z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syrien-assad-erlaesst-generalamnestie-1639845.html]. Auch wenn seine Frau Stella dagegen ist und große Angst hat, fängt Salman an, seine Reise zu planen und vorzubereiten. Zur Sicherheit lassen die Eltern Salmans über einen seiner Cousins, der beim Geheimdienst arbeitet, noch einmal überprüfen, ob bei einem der sechzehn (!) Dienste etwas gegen ihn vorläge. Denn in seiner Jugend war Salman aktiver Untergrundkämpfer, der vom Staat verfolgt worden war und aus diesem Grund das Land vor Jahrzehnten verlassen hatte. Nein, es läge nichts vor und so reiste Salman zurück, die Stätten seiner frühen Jahre zu besuchen, seine Eltern noch einmal zu sehen und die Gefährten und Bekannte längst vergangener Zeiten.

Es sollte ein Wiedersehen werden mit Höhen und Tiefen. Das moderne Damaskus hatte nicht mehr viel zu tun mit dem der Erinnerung, die Eltern waren alt geworden, die Kinder von damals hatten jetzt selbst Kinder. Das ganze Leben, die Gespräche waren oberflächlich geworden, immer geprägt von der Angst, von einem Spitzel belauscht und verraten zu werden. So gehen einige Wochen dahin, geprägt von vielen Besuchen ehemaliger Freunde und Verwandter, die Salman hin und wieder eher nerven als erfreuen, rauben sie ihm doch die Zeit, die Stadt zu durchstreifen. Und dann sieht er eines Tages in der Zeitung einen Fahndungsaufruf mit einem etwas älteren Bild von sich, er wurde des Mordes an einer Frau beschuldigt, ein Mord, der begangen worden war, als er noch in Rom weilte, noch gar nicht im Land war. In einem Land, in dem diese Tatsache jedoch völlig unerheblich war…

Salman muss sich verstecken, muss fliehen, muss ausser Landes. Er, der jahrzehntelang im Ausland war, braucht Hilfe, muss um Hilfe flehen. Nicht jeder gewährt sie ihm, kann sie gewähren, einen Menschen, der sich Jahrzehnte nicht einmal mit einer Postkarte gemeldet hatte, zu verstecken und sich dadurch selbst in Lebensgefahr bringen, das wollte nicht jeder. Überhaupt scheint Salman wenig von Skrupeln geplagt, seine alten Bekannten durch seine Bitte um Verstecktwerden in große Gefahr zu bringen. Letztlich jedoch führt ihn seine Mutter Sophia mit Karim und Aida zusammen und hier schließt sich der Kreis der Personen, denn wenn die Titelfigur Sophia damals gewollt hätte, hätte Salman Karims Sohn sein können (was er aber definitiv nicht ist)… jedenfalls sind der Muslim Karim und die Christin Aida, die ein Paar sind, bereit, Salman zu helfen. Und Karim hat auch schon einen Plan…


Schamis Text fängt mit einem wunder-, wunderbaren Kapitel an. Es ist die Liebesgeschichte von Karim und Aida, beide nicht mehr jung (75 und über 60 Jahre alt), beide verschiedenen Religionen angehörig, beide verwitwe(r)t – und unsterblich ineinander verliebt. Und diese Liebe macht sie, die vorher beide angesehen waren, zum Hassobjekt der Nachbarn in ihrem ruhigen Viertel, sie werden angefeindet, Gerüchte werden in die Welt gesetzt, jeder neidet ihnen das Glück. Aber sie sind stark, sie versuchen alles zu ignorieren und so lernt Aida Radfahren und fährt schlingert, aber stolz an ihren gaffenden Nachbarinnen, die sich auf der Straße versammelt hatten, vorbei, ein Affront der besonderen Art….

Solche Szenen enthält der Roman viele, sie machen ihn so liebenswert, so anheimelnd, so … na ja, fast tränenrührend. Aber Karim und Aida sind beileibe nicht die einzigen Personen in diesem Roman, es sind ihrer viele und Schami erzählt uns deren Lebensläufe, der Lieben und Enttäuschungen, von ihren Hochzeiten, den Kindern und den Toden… Im Lauf der Handlung ergibt sich so ein Beziehungsgeflecht zwischen diesen Menschen, deren Lebensläufe alle irgendwo und irgendwie einmal miteinander zu tun hatten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht natürlich Salman, der damals Syrien verlassen hatte, ein Jahrzehnt in Heidelberg studierte, bevor er mit Stella nach Italien ging und dort ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war. Ein Mann der alten Schule, charmant, höflich, zuvorkommend – aber auch der Meinung, als Mann habe er ein natürliches Recht auf Sex… das er sich bei niveauvollen Prostituierten (die – möglicherweise auch so ein Vorurteil – ihrer Tätigkeit aus freiem Willen nachgingen) über viele Jahre hinweg als Stammkunde einkaufte, denn Stella wies seine Annäherungsversuche nach der Geburt ihres Sohnes meist brüsk ab. Überhaupt hat es mich erstaunt, wie häufig auch im späteren Verlauf der Handlung in Syrien, erotische Avancen und Annäherungsversuche dargestellt wurden.

Über Salman und seine Lebenserinnerungen erfahren wir viel vom alten Damaskus, das einmal eine der wunderbarsten Städte gewesen sein muss [Ich erinnere mich noch gut, daß ich als junger Mann, der damals viel reiste, immer einen kleinen Traum im Hinterkopf hatte, zur Mandelblüte nämlich einmal in Damaskus zu sein… auch eins der ersten Bücher, das ich je geschenkt bekommen habe, hat mit Syrien/Damaskus zu tun]. Die kleinen Gassen, die Hinterhöfe, das harmonische Zusammenleben der Menschen, auch wenn sie unterschiedlich glaubten, die Handwerker, das Alltagsleben… es ist eine Reminiszenz an eine untergegangene Zeit, die Desillusionierung, die der alte Salman erleben muss, als er durch die Straßen des modernen Damaskus läuft, ist herb.

Das moderne Damaskus, das muss Salman als harte Lektion lernen, ist außerdem eine Schlangengrube. Die herrschende Sippe der Alewiten ist korrupt, verhasst – und gefürchtet. Überall lauern Spitzel und man ist schneller als vermutet in einem der Geheimgefängnisse gelandet – mitten in der Stadt, aber zehn Stockwerke in die Erde hineingebaut. Angst, Misstrauen und Vorsicht beeinflussen das Verhältnissen der Menschen untereinander, wer kann unter diesen Bedingungen schon ehrlich seine Meinung sein, selbst guten Bekannten oder Verwandten gegenüber? Das Leben ist oberflächlich geworden, man redet über unverfängliches, interessiert sich für Banales. Und auch der Alltag hat sich verändert, das Stadtbild sich gewandelt: die Atmosphäre des alten Damaskus ist unwiderruflich dahin, gewichen einer kalten, gesichtslosen, auf Hektik und Schnelligkeit beruhenden Gesichtslosigkeit.


So umfasst Schamis Roman über Sophia vieles: Geschichten über die Liebe zwischen Menschen, Geschichten über das alte Damaskus und sein Leben, über das neue Damaskus und seine Herrscher, es beleuchtet einige Aspekte des Emigrantenlebens mit der nie versiegenden Sehnsucht der Heimkehr – und wenn es nur besuchsweise ist. Die Geschichten sind voll von Poesie, aber auch Dramatik und Tragik, sie sind spannend und anrührend, sie sind menschlich im wahrsten Sinn des Wortes. Und auch wenn der Roman sicher nicht biographisch zu lesen ist, dürfte viel vom Verfasser, von seiner Sehnsucht nach der alten Heimat, seinem immer gespürten Verlust mit eingeflossen sein.

Lieben Dank, Rafik Schami, für diese wundervollen Lesestunden mit Sophia!

Ferner finden sich von Rafik Schami in diesem Blog Besprechungen folgender Romane:
– Das Geheimnis des Kalligraphen
– Eine Hand voller Sterne

Rafik Schami
Sophia – oder Der Anfang aller Geschichten
Erstausgabe erschienen im Hanser-Verlag
diese Ausgabe: TB, dtv,  ca. 480 S. 2017

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9 Kommentare zu „Rafik Schami: Sophia

      1. Ja. Da wo er in Italien mit seiner Freundin oder Frau gesprochen hatte, bin ich ausgestiegen. Eigentlich schon da, wo die beiden Alten in Damaskus ausgegrenzt werden. Vielleicht macht mich auch Damaskus traurig. Keine Ahnung….

        Gefällt 1 Person

  1. Dieses Buch mochte ich auch sehr, auch wenn es mir manchmal zu sexualisiert war. Den einen oder anderen Satz hätte ich nicht gebraucht. Doch insgesamt ist dies eine wunderschöne runde Geschichte, die viel über den Autor und das damalige wie auch heutige Syrien aufzeigt.
    Aus einigen Interviews mit dem Autor, die ich so über die Zeit gelesen habe, wurde deutlich, dass Schami sehr viel von sich, seinem Leben, seinem Fortgang, seiner Sehnsucht wieder zurück zu wollen und nicht zu können… in die Geschichte eingearbeitet hat. Und dieser Punkt hat mich nach dem Lesen etwas traurig gemacht.
    Eine schöne Rezension, nach der ich mir das Buch gekauft hätte, hätte ich es nicht bereits gelesen. :-)

    Kennst du eingentlich Schamis Roman „Die dunkle Seite der Liebe“? Das ist bis jetzt immer noch mein Lieblingbuch von ihm.

    GlG vom monerl

    Gefällt 1 Person

    1. ja, das mit dem ’sexualisierten‘ gesamtumfeld im Roman ist mir auch aufge’stoßen‘. und: mal schauen, wie realistisch das ist, wenn ich in karims alter komme… *lol*

      ich denke auch, daß schami hier viel persönliches verarbeitet hat. eine solche trennung und erzwungene abkopplung von der heimat, von allen verwandten und bekannten, von der gesamten familie ist ja ein vielfach potentierter verlust mit den entsprechenden trauervorgängen, die man zwar ins eigene leben integrieren kann, die aber immer da sind. ich fand es sehr gut, wie schami die desillusionierung beschrieben hat, die zerstörung der alten bilder, die im gedächtnis überlebt hatten und jetzt an der realtität zerbröselten. und damit auch die sehnsucht auflösten….

      danke übrigens auch für den buchtip, ich habe ihn mir notiert!

      dir auch ganz liebe grüße
      gerd

      Gefällt 1 Person

      1. Gerne! Bin sehr gespannt auf deine Meinung. Es ist ein riesieges und umfassendes Werk einer speziellen Familiensaga. Darin spürt man so richtig Schamis Liebe zu Syrien und Damaskus. Fantastisch. Ich habe das Buch gehört und gelesen. Und das ist bei der Seitenzahl und den Hörminuten echt ne Leistung! haha
        Hab einen schönen Tag,
        monerl

        Gefällt 1 Person

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