Die Schriftstellerin Charlotte Link wird von ihrem Verlag als erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart beworben, ihre psychologischen Spannungsromane sind auch international erfolgreich [1]. Dieses Buch hier ist jedoch etwas völlig anderes, es ist ein sehr persönliches Buch, das Verfassen dieses Textes gehört, so Link, zu den Aufräumarbeiten nach einem unsagbar schweren Verlust, stellt ein Stück persönliche Bewältigungsstrategie dar. Vielleicht sogar den Versuch, das, was geschehen ist, irgendwie dadurch zu begreifen, daß ich es in Worte fasse. Denn noch immer ist dies das vorherrschende Gefühl in mir: Ich begreife nicht, dass sie nicht mehr da ist.


Die nüchternen Fakten sind schnell aufgezählt: Im Frühjahr 2006 wurde bei der Schwester Charlotte Links, Franziska, zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, mehr oder weniger durch Zufall eine inoperable Metastase in der Lunge festgestellt. Die erste Prognose dazu war infaust, die Onkologin gab einen Zeitrahmen von ca einem Jahr bis zum Tod an. Die Suche nach dem Primärtumor führte zu einem Darmtumor im fortgeschrittenen Zustand. Letztlich ergab sich, daß diese Tumore Folge waren der Behandlung eines Hodgkin-Tumors, der knapp zwei Jahrezehnte zuvor erfolgreich mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt worden war, das Auftreten solcher Spätschäden ist mittlerweile gesichert [3]. Die Heilung vom Hodgkin, wird sehr, sehr teuer erkauft, so wird es eine Ärztin  der Autorin später sagen. In Sechs Jahre schildert Link den Kampf der gesamten Familie gegen diese Krebserkrankungen, zu denen dann nach einigen Jahren noch eine weitere gravierende Spätfolge des Hodgkins kam, die 2012 letztlich auch zum qualvollen Sterben Franziskas führte: eine Lungenfibrose, d.h., das Lungengewebe vernarbt und verliert die Fähigkeit zum Luftaustausch, im Extremfall folgt der Tod durch Ersticken.


Ach, sie sind gar nicht der Eierstockkrebs? …
Wer um Himmels willen sind Sie denn dann?

Das Buch ist anstrengend zu lesen, es nimmt mit, ich habe gelitten und brauchte viele Pausen. Es gab Absätze, da glaubte ich eher einen makabren Sketch zu lesen als eine Krankengeschichte, wenn etwa die Onkologin bei der Erstinformation über das Diagnoseergebnis (inoperable Lungenmetastasen und damit längeres Überleben ausgeschlossen, Darmkrebs…) auf die Äußerung Franziskas, sie habe Kinder, mit folgendem Vorschlag reagiert: In diesem Fall würde ich an Ihrer Stelle sofort mit der Erstellung einer Dokumentation Ihres Sterbens beginnen. Ein Rat, den sie Jahre später in etwas abgewandelter Form von einem anderen Arzt noch einmal bekommen sollte: „Was soll ich jetzt machen?“ – „Am besten, ihr Testament schreiben.“ [dem Sinne nach zitiert]. Oder auch als letztes Beispiel für die Empathiefähigkeit vieler Ärzte die Reaktion des Chefarztes auf den Einwand einer seiner Ärztinnen bei der Visite (Franziska bekam zu diesem Zeitpunkt eine sehr aggressive Chemo plus Bestrahlung gegen die Lungenmetastasen): „Wir sollten vielleicht die Bestrahlung aussetzen. Das hält die Patientin nicht mehr durch!“ Er schaute Franziska kurz an. „Weitermachen“, sagte er dann einfach nur. Und verkündete im Hinausgehen: „Ich gehe immer an die Grenze!“ Man kann es sich so gut vorstellen, wie er mit wehendem Kittel und erhobenem, zum Kampf bereiten Haupt auf den Flur tritt…

Sechs Jahre ist also auch ein Protokoll über die Unfähigkeit vieler Ärzte, Patienten als Menschen zu sehen, wahrzunehmen und zu behandeln. Um nicht ungerecht zu sein, muss man allerdings zugeben, daß diese Unfähgikeit nicht nur bei Ärzten angetroffen wurde, Pflege- und anderem medizinischen Personal, mit denen Franziska und ihre Angehörigen in den Krankenhäusern zu tun hatten, standen den Medizinern häufig kaum nach. Beispielsweise scheint es nirgends so leicht zu sein, zu verhungern, wie in Krankenhäusern: das Essen wurde Franziska gebracht, und später wieder abholt. Ob sie tatsächlich etwas gegessen hatet, interessierte keinen. Im Spätstadium der Krankheit beispielsweise war sie extrem untergewichtig (unter 40 kg bei 1, 73 Körpergröße), kreuzte im Krankenhaus auf der Essensliste leichte vegetarische Kost an und bekam Schweinebraten mit Rotkohl…. dies war kein Einzelfall, Proteste dagegen wurden a) als lästig empfunden und b) ignoriert.

Es ging – Gott sei Dank – auch anders, war nicht nur so, es gab auch Ärzte voller Empathie, Krankenhäuser mit sorgsamen Personal, aber die Häufigkeit, mit der Link über solche und andere Schrecken wie oberflächlich hingeworfene Fehldiagnosen (u.a. ‚Herzmetastasen‘: Er sagt, man kann jetzt gar nichts mehr machen) berichtet, ist erschütternd.

Die Hoffnung stirbt zuletzt… und manchmal, wenn es nur bergab geht, ruht die Hoffnung auch auf der Nicht-Schulmedizin. Positive Berichte im Internet (die man selbstredend nicht nachprüfen kann) machen Mut, flößen Zuversicht ein … eine deutliche Zustandsverschlechterung und viel, viel Geld, was gezahlt werden musste, war das einzige Ergebnis eines solchen verzweifelten Versuchs einer alternativen Therapie.

Das Jahr, das ihr bei der Erstdiagnose von der Onkologin prophezeit worden war, hat Franziska weit überlebt. Die gesamte Familie war daran beteiligt. Die als inoperabel bezeichneten Metastasen konnten operiert werden, das unermüdliche Recherchieren der Autorin führte sie zu einem Professor, der auch solche hoffnungslosen Fälle noch operiert, der Darmkrebs-OP war ebenfalls erfolgreich. Es gab bei allem Elend auch Phasen, in denen es Franziska relativ gut ging, sie sich zuhause um ihre Kinder und die Tiere, die sie so liebte, kümmern konnte. Immer wieder kam es jedoch zu gesundheitlichen Problemen, zu Komplikationen, auch ‚Fehlalarme‘ gab es, weil das Vertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen war.

Anfang 2009 bekam Franziska vermehrt Probleme mit der Atmung, man vermutete Spätfolgen einer Bronchitis, behandelte dann auch lange auf Lungenentzündung – letztlich und sehr spät ergab sich die Diagnose: Lungenfibrose als Spätfolge des Hodgkin. Man nehme einen Strohhalm und versuche, nur durch diesen Strohhalm zu atmen, vielleicht sogar, dabei eine Treppe hochzugehen: es vermittelt die Ahnung einer Ahnung, was es bedeutet, Tag und Nacht, jede Sekunde des Lebens zu wenig Luft zu bekommen.

In der folgenden Zeit verschlechterte sich der Zustand Franziskas immer mehr, verstärkt durch ihre physisch oder psychisch (das ist nicht klar) bedingte Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen, ihre Krankengeschichte ging unmerklich in eine Sterbegeschichte über. 2011 beginnt die Zeit des ‚Das-letzte-Mal,-daß‘ …, am 7. Februar 2012 verstarb Franziska an einer inneren Blutung, die nicht mehr gestillt werden konnte.


Die beiden Schwestern Charlotte, die anderthalb Jahr älter war, und Franziska hatten ein außergewöhnlich enges Verhältnis miteinander, sie waren sich Schwestern, Vertraute und allerbeste Freundinnen. Franziska lebte mir ihrer Familie in Bayern, Charlotte Link sowei die Eltern im Rhein-Main-Gebiet. Zwischen diesen beiden Regionen pendelt das Leben und die Krankheit Franziskas hin und her. Die gesamte Familie beteiligte sich am Kampf gegen den Krebs, recherchierte Infos, organisierte und half, wo es zu helfen galt. Nach außen hin schotteten sie sich, vor allem im späteren Stadium der Krankheit, ab, keiner der Freunde wusste am Ende, wie schlecht es wirklich um Franziska stand, die Familie vermittelte nach außen hin ein stark geschöntes Bild. Hilfe von Aussenstehenden bekamen sie nicht, wollten sie wohl auch nicht. Ein einziges Mal berichtet Link davon, daß sie in tiefster Verzweiflung einen Pfarrer aufgesucht hat, das Gespräch mit ihm hatte sie erleichtert, war aber kein Anlaß, später noch einmal auf positiv erfahrene externe Hilfe zurückzugreifen.

Der jahrelange selbstaufopfernde Einsatz der Familie verbunden mit den seelischen Belastungen blieb auch für die Familie nicht ohne Folgen. Die Autorin selbst erlitt mehrmals eine Art Zusammenbruch, die Mutter, die oftmals den ganzen Haushalt der kranken Tochter versorgen musste, war am Ende der Zeit körperlich ebenfalls sehr mitgenommen. Die Rund-um-die-Uhr-Begleitung der Tochter in den Krankenhäusern führte nachvollziehbarerweise zu Spannungen im Innenverhältnis, man ging sich mit der Zeit gehörig auf die Nerven. Diese Begleitung stand soweit es psychisch irgend möglich war, unter dem Zeichen der Hoffnung und eines worauf sich auch immer gründenden Optimismus, daß man es auch diesmal wieder schaffen werde. Die Lebenswelten Franziskas und ihrer Familie driften jedoch langsam auseinander, eine schleichende Entfremdung war die Folge.

Es gibt eine Situation, in der Link festhält, daß es Franziska wohl am liebsten gewesen wäre, wenn jemand mit ihr geweint hätte, ein Bedürfnis, das jedoch nicht erfüllt wird. Überhaupt steht die Frage, wessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, immer wieder im Raum, wenn die Autorin beispielsweise bekennt, wie sehr sie ihre Schwester braucht, wie wenig sie sich ein Leben ohne sie vorstellen kann: »Doch, du überlebst das! Ich bin ganz sicher. Du musst kämpfen. Du hast all die Jahre gekämpft. Bitte, gib jetzt nicht auf. Hör nicht auf zu kämpfen!« …. Und als sie leise fragt: »Warum?«, da antworte ich ihr mit meinen Gefühlen. Mit meinen Ängsten. Einfach mit mir selbst. »Wegen mir. Meinetwegen musst du kämpfen. Und durchhalten. Wenn es wegen nichts sonst ist, dann wegen mir. Weil du mich nicht verlassen darfst. Weil das nicht denkbar ist. Bitte. Verlass mich nicht. Ich schaffe es nicht ohne dich. Lass mich nicht allein!«

Die Priorität für Franziska, der Grund, warum sich alles lohnt, lautet jedoch anders. Schon 2009, nach Diagnose der Fibrose konstatierte sie: Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Ich will, dass meine Tochter eine klare Erinnerung an mich hat, wenn ich nicht mehr da bin. Jedes Jahr, das ich länger lebe, jeder Monat, wird ein Stück ihrer Erinnerung sein. Sie ist jetzt fünf. Ich möchte, daß sie ein Bild von mir in sich trägt. Und immer weiß, wie sich meine Stimme angehört hat. Es in der Tat einfach nur bewunderswert, wie Franziska dies umsetzt, in den Zeiten, in denen sie zu Hause ist, ihren Kindern – vor allem ihrer Tochter – ein den Umständen entsprechend weitgehend unbeschwertes Familienleben gestaltet, sich nie hängen läßt oder ihre Stimmung an andern ausläßt.

So wie sich die Familie nach außen abschottete und niemanden über das Ausmaß der Katastrophe informierte, so schottet sie sich auch nach innen ab: obwohl jedem klar gewesen sein muss, daß der Tod Franziskas immer zumindest im Bereich des Möglichen gelegen hat (das letzte Zitat zeigt dies deutlich: … wenn ich nicht mehr da bin…) , ist dies – zumindest berichtet Charlotte Link nicht davon – nie Thema: es wurde auch mit Franziska wohl nie über ihren möglichen Tod gesprochen, was aus meiner Erfahrung als Hospizbegleiter zu einer sehr tragischen Situation führt: jede der beiden Parteien weiß um diese Gefahr bzw. diese Tatsache, aber keine redet darüber, niemand traut sich, das mögliche Sterben anzusprechen. Auch am absehbaren Ende von Franziskas Leidensweg wurde wohl darüber nicht gesprochen, die Chance eines Abschieds, des gegenseitigen Weinens und Tröstens nicht genutzt. Erst in den allerletzten Momenten des Leidens von Franziska dringt die Erkenntnis, daß es jetzt vorbei sein muss, durch, weil niemand sie noch länger so unmenschlich leiden lassen darf, wir dürfen es schon gar nicht. Ich begreife, daß diese Lungenblutung eine Gnade ist, für die wir dankbar sein müssen.

Kämpfte man jahrelang um Franziskas Leben, so schlug dies gegen Ende ihres Leidenswege um in einen Kampf mit Franziska. Diese Konstellation erinnert mich an eine Situation, die ich neulich im Bekanntenkreis hatte: die betagte Schwiegermutter, deren Kurzzeitpflege im Heim in einen Daueraufenthalt übergegangen war, lag im langsam, aber sanft verlaufenden Sterbeprozess. Aufopferungsvoll saß die Schwiegertochter jeden Tag am Bett, um der Frau in einem Stunden dauernden Procedere Essen in den Mund zu bugsieren, bis eine Pflegekraft ganz deutlich sagte: Sie nötigen ihre Schwiegermutter. Die will nicht mehr essen! Bei Franziska hatten die Essprobleme nach der brutalen Chemo eingesetzt und sich im Lauf der Krankheit immer weiter gesteigert. Ein kontaktierter Psychologe bot zwei diametral entgegengesetzte Erklärungen an. Zum einen hätte es sich bei dem Hungern um einen stillen Suizidversuch handeln können (Franziska wurde immer wieder in den ärztlichen Unterlagen als suizidgefährdet eingestuft), zum andern hätte es der unbewusste Versuch sein können, den Körper der stark verminderten Atmung anzupassen. Wie auch immer, es müssen qualvolle Momente gewesen sein: auf der einen Seite die Eltern und die Schwester, die immer wieder Druck gegen Franziska aufbauen, doch wenigstens ein bischen zu essen, auf der anderen Seite Franziska, die einfach keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann…


Franziska ist Zeit ihres Lebens von derart vielen Krankheiten heimgesucht worden, daß man den Verdacht haben könnte, irgendjemand wollte nicht, daß sie lebt. Große Teile dieses Lebens waren ein Kampf mit dem Tod, ein erfolgreicher, wenn man berücksichtigt, daß sie ihren ersten lebensbedrohenden Krebs schon als sehr junge Frau hatte, ein tragischer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Mittel, die diesen Krebs besiegten schon den Keim legten für die späteren Tumore und vor allem für die letztlich tödliche Lungenfibrose.

Sechs Jahre von Charlotte Link läßt uns sehr intensiv und nahe an dieser Geschichte teilhaben und schafft das Portraits einer bemerkenswerten Frau, die sich mit bewunderswerter Kraft gegen ihr Schicksal stemmte, um ihren Kindern so lange wie möglich Mutter sein zu können. Das Buch ist aber ebenso die Geschichte der Autorin, die sich diese unendlich kraftzehrenden sechs Jahre dagegen wehrte, daß ihr der Mensch, der ihr am nächsten stand, genommen wird. Neben dieser Darstellung des Geschehens wird jedoch auch deutlich, welche psychischen und seelischen Belastungen solches Schicksal darstellt und so kann die Geschichte dieser beiden Frauen uns Leser lehren, uns mit der Frage auseinanderzusetzen: wie würde ich reagieren, was würde ich machen, wie gehe ich mit dem Gedanken an meinen eigenen Tod um? Wie man an Franziskas Schicksal sieht, sind das Fragen, die durchaus auch in jungen Jahren schon auf einen zukommen können…

Links und Anmerkungen:

[1] so im Klappentext, aber auch auf der Autorenseite ihres Verlages:  https://www.randomhouse.de/Autor/Charlotte-Link/p1183.rhd
[2] vgl. z.B. hier:  https://www.krebsinformationsdienst.de..nachsorge-hodgkin.php

Eine Übersicht zu weiteren Buchvorstellungen von mir zum Themenkreis Krankheit, Sterben, Tod und Trauer findet sich hier: https://mynfs.wordpress.com

Charlotte Link
Sechs Jahre
Der Abschied von meiner Schwester
diese Ausgabe: blanvalet, HC, ca. 320 S., 2014

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Deborah Feldman: Überbitten

2. September 2017


Entweder man leugnete Gott, da die Shoah selbst seine Nichtexistenz, wenn nicht sogar seine Irrelevanz bewiesen hatte, oder aber man folgte der Vorstellung, Gott sei wutentbrannt, und schickte sich an, ihn durch vollkom­mene Selbstaufopferung auf dem Altar der rituellen Anbetung zu besänftigen.

*****

Wenn mein Blut jüdisch ist, ist es meine Seele auch. Deshalb will ich Bescheid wissen. Ich will verstehen, wie genau das Jüdischsein mir eingeprägt ist. Was genau ist es, das ich geerbt habe? Wie kann ich die Vorstellung davon in etwas Greifbares zwingen? Die Frage, die allen Fragen vorausgeht, lautet aber:
Wie kann ich mein Jüdischsein für mich erträglich machen?


Ich stelle diese beiden Zitate aus dem vorliegenden biographischem Text Deborah Feldmans [1] meiner Vorstellung des Buches Überbitten voran. Überbitten [5] ist das zweite Buch Feldmans, ihr Erstling Unorthodox [2] war sehr erfolgreich und erregte einiges Aufsehen: die Autorin beschreibt dort ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Gemeinschaft der Satmarer in Williamsburg/New York. Die Satmarer sind unter ihrem Rabbi den zweiten Weg gegangen: für sie war der Holocaust die Strafe eines wütenden und zornigen Gottes an seinem Volk und ihr Weg, diesen Gott wieder zu versöhnen, ist die absolute Unterwerfung unter sein Gesetz, ist der absolute Gehorsam.

Deborah [3] Feldmann wächst bei ihren Großeltern auf, die Großmutter ist ihre bewunderte und geliebte Leitfigur, die einzige Frau in Williamburg, die einen eigenen Garten bewirtschaftet – bis dieser aufgrund strikter Anwendung biblischer Gesetze vom Großvater ruiniert wird. Ihre Muttersprache ist jiddisch, die Englischkenntnisse des Kindes sind rudimentär. Die andere Straßenseite ist für die Bewohner von Williamsburg unerreichbares, fremdes Land; Radio, Fernsehen, Bücher gibt es praktisch nicht, die Bücher, die die junge Deborah sich heimlich besorgen kann, muss sie sorgfältig verstecken.

Mit fünfzehn wird sie heiratsfähig, eine genetische Untersuchung hat dies ergeben. Die Reinheit des Blutes ist wichtig für die Satmarer, die Gefahr genetischer Krankheiten real. Feldman erwähnt eine Familie, in der von neun Kindern sieben an Muskovizidose leiden… Die Reinheit des Blutes: ein Rassismus, den wir nur zu gut kennen. Viele Jahre später sollte ein ebenfalls auf den Begriff des ‚Bluts‘ gegründetes Prinzip Feldman noch einmal erschüttern, als sie nämlich erfährt, daß das Deutschsein über das `Ius sanguinis´, also über die Abstammung definiert ist: mindstens ein Elternteil muss deutsch gewesen sein (oder es muss ihm unrechtmäßig der deutsche Pass verweigert worden sein).

Feldmann muss eine arrangierte Ehe eingehen (das Aufklärungsgespräch vor der Hochzeit, das Feldman in Unorthodox schildert, ist unglaublich deprimierend und traurig….), aus der schließlich ein Sohn hervorgeht, Isaac. Als die Zeit herankommt, daß dieser auf die erste jüdische Schule, den Cheder gehen wird, entschließt sich Feldman, zusammen mit ihrem Sohn die Gemeinschaft der Satmarer zu verlassen.

Heimlich wagt sie erste Schritte in eine völlig fremde Welt, in der sie sich überhaupt nicht auskennt, schließlich fängt sie an, Literatur zu studieren, sie zieht von Zuhause aus, mietet schließlich eine trostlose Absteige  in Manhattan, dem Bezirk von NY, in dem die liberalsten Richter wirken, will sie doch die Scheidung und vor allem das Sorgerecht für Isaac.

Damit sind wir mittendrin in Überbitten, respektive am Anfang des Textes, der einen Zeitraum von insgesamt sieben Jahren, beginnend 2009 umfasst, Feldman ist zu diesem Zeitpunkt ihrer auch äußerlichen Abkehr vom Sektierertum der Satmarer dreiundzwanzig Jahre alt.

Es ist für Aussenstehende schlicht und einfach nicht nachzuvollziehen, was für ein Unterfangen Deborah Feldman mit ihrem irreversiblen Ausscheiden aus der Satmarer Gemeinschaft eingeht.  Jede Rückkehr ist ihr unmöglich, es ist erschütternd, zu lesen, mit welchem Psychoterror die Verwandtschaft versucht, Feldman (und vielen anderen, die ebenfalls ihre Gemeinschaften verlassen) das neue Leben zum Scheitern zu bringen – nach Innen als Abschreckung für Wankelmütige, aber nach Außen wohl auch als Strafe für den ungeheuerlichen Frevel des Verrats. Letztlich ist der Terror häufig erfolgreich: viele der `Häretiker´ begehen im Lauf der Jahre Suizid, über Feldman selbst werden Gerüchte, sie habe sich suizidiert, gestreut.

Diese Intoleranz wirkt in beide Richtungen. Feldman erzählt von einer Begegnung mit einem Konvertiten, der in die Satmarer Gemeinschaft ‚eintreten‘ will. Und sie weiß, daß dies unmöglich ist, er nie als voll- und gleichwertig anerkannt werden wird. Immer wird man davon ausgehen, daß er entweder eines Tages die Gemeinschaft wieder verlassen könnte oder daß er (wie Konvertierte oftmals) zu extrem würde (ich frage mich zwar, wie das bei den Satmarern aussehen könnte…) um seine Glaubensfestigkeit zu beweisen. Aus beide Befürchtungen heraus würde ihm niemand seine Tochter zur Frau anvertrauen. Und dann wieder die oft anzutreffende Heuchelei unter den Religiösen, von der Feldman ja schon in Unorthodox berichtet hat: geschwächt durch den Einfluss von Alkohol gibt der Konvertit auf Feldmans Frage hin zu, erst letzte Woche noch einmal mit seiner Freundin geschlafen zu haben.

Williamsburg ist ein Ghetto: diese Erkenntnis ist Feldman eines Tages ganz plötzlich bewusst: ein abgeschlossener Bezirk, in den niemand hineinkommt, aus dem niemand herauskommen darf. Abgegrenzt durch geistige und religiöse Mauern, durch die Sprachbarriere, durch die Isolation von der Aussenwelt, die als mächtiger Feind und Verderber droht. Nur innerhalb des Ghettos kann die Gemeinschaft überleben, ihr Blut rein halten und den Zorn ihres Gottes zu besänftigen versuchen.

Musste Feldmann – wie jede/r andere auch – in der Gemeinschaft nur gehorchen, so war sie jetzt gezwungen, ihr Leben einzurichten. In einer Umgebung, die ihr fremd war, ohne ein Netzwerk von Bekannten, Freunden oder Verwandten, in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache war und last not least unter stetig angespannten finanziellen Verhältnissen. Leere ist das Wort, das diesen Zustand treffend beschreibt, es ist nichts da, was sie hält – außer dem, was in ihr selbst ist und wirkt und natürlich das Bewusstsein um ihre Verantwortung für ihren kleinen Sohn Isaac. Sie fällt auf, kennt die Codes nicht, ist – so hat man beim Lesen das Gefühl – glücklich über jedes Lächeln, das man ihr schenkt. Sie wird bestaunt und begafft wie ein Tier im Zoo: eine junge Frau, die sie getroffen hat, lädt sie zu sich nach Hause ein, in den `Bible Belt´. Dort serviert man ihr Hummer, eine nicht-koschere Speise und starrt gebannt auf sie, wie sie ihn kostet….

Die finanziellen Nöte sind nicht zu unterschätzen, Armut als Ausgrenzung: wie soll sie sich mit Kommilitonen verabreden, wenn sie für kein Geld für ein Lokal oder Restaurant hat, wo man sich treffen könnte – so wie es unter den anderen üblich ist? Das letzte Ausweg, bevor sie gezwungen wäre, die Wohnung aufzugeben, ist eine brutale Eizellenspende, die sie körperlich an ihre Grenzen bringt. Was sie von ihren Kommilitonen an der Universität unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie einen Vertrag in der Tasche hat über ein Buch, in dem sie über ihr Schicksal berichtet. Man macht sich keine Illusionen über den Erfolg eines solchen Nischenprodukts, wen interessiert schon das Schicksal einer ehemaligen Chassidin…

Der völlig unerwartete Erfolg bewirkt dreierlei: zum einen ist die Zeit der finanziellen Sorgen vorbei, zum zweiten ist sie zur Person öffentlichen Interesses geworden, eine belastende und keineswegs schöne Situation, die sie aber drittens in die Lage versetzt, auf ihren Ehemann Druck auszuüben, der Scheidung endlich zuzustimmen. Nach drei Jahren ist sie (fast) frei… muss jedoch in einem eng bestimmten Radius um NY leben bleiben, damit die Fahrten des Sohnes zu seinem Vater nicht zu weit werden.

Feldmann und ihr Sohn ziehen in eine ländliche Gegend, was konkret heißt, in eine ländliche Umgebung, in der sich reiche Leute ihre Sommerfrische errichtet haben… Dort lebt sie recht zurückgezogen, liest viel, sehr viel, lernt radfahren, kümmert sich um ihren Sohn. Und beschließt, nach Europa zu fahren, auf den Spuren ihrer Großmutter, um ihre eigene Vergangenheit aufzudecken und der Frage: Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus? endlich auf den Grund zu kommen.

Es gibt viele Passagen im Buch, in denen sich Feldman mit dieser Frage auseinandersetzt: mit der Unfähigkeit der Juden, Glück zu empfinden, mit dem eingeborenen Schuldbewusstsein, das durch die alleinige Tatsache der Existenz begründet ist: Sünde galt als etwas Selbstverständliches, das menschliche Wesen, das da in meiner Gebärmutter heranwuchs, war schon sündig, allein weil es existierte. konstatiert sie in der Rückschau auf ihre Schwangerschaft, bei der in einem bizarren Ritual dieser Sünde wegen Hühner geopfert werden [S. 270]


Europa, dieser Flecken Erde, auf dem das Ungeheuerliche geschah, ist so ganz anders als Amerika. Die Stimmung ist anders, die Menschen sind es, die Gesprächsthemen. Das Jüdische der Städte ist oft verschwunden oder einem touristischen Judentum gewichen, aber auch die Juden/-innen, die sie trifft, sind so ganz anders als die amerikanischen: es herrscht eine Vielfalt an Ausprägungen, die es in den Staaten so nicht gibt: offensichtlich gibt es nicht das Judentum, das Jüdischsein, sondern viele davon… und es gibt die dunkle Seite, einen immer wieder verleugneten, aber dennoch existenten, für Juden spürbaren Antisemitismus.

Sie, die Schriftstellerin, lernt Künstler kennen und über diese wieder andere, sie wächst in einen Kreis von Intellektuellen hinein. Diese Kontakte befruchten sie, geben ihr Impulse… in den folgenden Monaten und Jahren fliegt Feldman immer wieder nach Europa, eine große Tour führt sie nach Ungarn, wo sie vor Ort die Spuren ihrer Großmutter aufspüren will. Und sie kommt auch nach Berlin, sozusagen ins Herz der Finsternis. Es ist kein schöner Aufenthalt, sie ist allein, sieht alles durch die Brille der Vergangenheit..

Mittlerweile schreibt sie an einem zweiten Buch, das jedoch bei ihrem Verleger auf wenig Begeisterung stößt: zu europäisch ist es, zu sehr an der Vergangenheit orientiert, das alles interessiert Amerikaner nicht….

Das Leben in den USA, das Feldman wohl (bewusst oder unbewusst) mit europäischen Verhältnissen vergleicht, droht in eine Art Sinnlosigkeit abzugleiten. In dieser Periode kommt sie durch ein Filmprojekt nach Amsterdam und von dort noch einmal nach Berlin. Dieses Mal empfängt die Stadt sie, die sich auch geändert hat, freundlicher, offener, sympathischer… ja, die Buchläden, die vielen Buchläden hatten es Deborah Feldman besonders angetan, die schmucklose, weil nicht auf Wirkung angelegte Art der Berliner, sich zu kleiden, sich zu verhalten, die Gespräche, die sich nicht um Mode, das nächste Auto etc pp drehen… das Lob, das Feldman über die Menschen ausschüttet, ist fast schon ein wenig viel… ;-)

… und da reift er ganz, ganz langsam, der ultimative Verrat an ihrer alten Gemeinschaft, an ihrer Großmutter… der Gedanke nämlich, nach Berlin zu ziehen, der Gedanke sogar an einen deutschen Pass.

Es ist nicht einfach, da man Deutscher aufgrund der Abstammung wird und diese muss Feldman belegen. Es kommt ihr hier zugute, daß sie schon als Schülerin in den Staaten ihre Ahnenreihe aufgestellt und sie bei ihrem Weggang viele Dokumente mitgenommen hat…. trotzdem ist es kompliziert und sie braucht fachkundige Hilfe und Geduld, bis aufgrund einer völlig unerwarteten Entdeckung, die ein großes Rätsel löst, endlich der positive Bescheid kommt, am 18. April diesen Jahres 2017. Damit ist Deborah Feldman mit ihrem Text praktisch in der Gegenwart angekommen, sie ist Berlinerin, empfindet die Stadt als ihr Zuhause, was sie zum ersten Mal in der `Theokratie´ Israels so empfunden hat.

Feldmann geht zum Schluss intensiv auf ein recht aktuelles Ereignis ein, das in etwa zu dieser Zeit stattgefunden hat: der brandenburgische NPD-Politiker Marcel Zech muss für acht Monate in Haft gehen, weil er nationalsozialistische Tattoos in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, u.a. ein Bild des Lagers Auschwitz, in dem Feldmans Großmutter überlebt hatte. Feldmann war diesem Menschen im Schwimmbad begegnet, der Anblick dieses Tattoos hat sie fast paralysiert, die Verurteilung und die Tatsache, daß die Haftstrafe nach dem Gang durch die Instanzen tatsächlich ausgesprochen worden ist, hat ihr die Sicherheit gegeben, daß dieser Staat gegen solche Verherrlichung des Nazigeistes vorgeht.


Überbitten ist ein umfangreicher Text, er umfasst ziemlich genau siebenhundert Seiten. Meine vorstehende Zusammenfassung ist also nur sehr grob und allenfalls für einen ersten Überblick geeignet. Sowieso sind Feldmans Ausführungen weniger eine Darstellung äußerer Umstände als vielmehr eine Schilderung ihrer Suche nach sich selbst, nach ihrem Kern, dem Wesen, das sie ausmacht, auch dem Jüdischen in ihr, nach der Quelle ihrer Unruhe, ihres Aufstands gegen die Gemeinschaft: der innere Weg also von einer über zwei Jahrzehnte unter konsequenter Indoktrination leidender Chassidin zu einer sich ihrer selbst bewussten, eigenverantwortlichen Frau.

Ein schwerer Weg, ein langer Weg. Alpträume begleiten sie, immer wieder ein Traum, in dem sie an der Rampe in Auschwitz beteuert, sie nicht zu selektieren. Sie sucht ihren Platz in der Welt, ist unruhig, fühlt sich verloren: man attestiert ihr, auch wenn dies nicht hilft, eine posttraumatische Belastungsstörung. Schuldgefühle toben in ihr, so insistiert ihr ihre innere Stimme, ihr sei recht geschehen, als sie eines Tages den (wie jeder Radfahrer aus eigener Erfahrung weiß) unvermeidlichen ersten Sturz mit ihrem Rad dreht. Recht geschehen, weil sie für dieses Leben nicht gemacht ist, weil sie die Gemeinschaft verlassen, sie verraten hat…. daher habe sie den Schmerz verdient, ein Zeichen ihrer Unfähigkeit, hier zu überleben. Gut so, das ist gut so. Das genau verdienst du doch, oder etwa nicht? Diese innere Stimme wütet so verheerend in ihr, daß Feldman sogar betont, d.h., es für denkbar hielte, sie habe sich (als Selbstbestrafung) nie geritzt. Die Traumatisierung ist ein Erbe ihrer Erziehung: Die chassidische Sekte, in der ich aufgewachsen war, glich einem Zusammenfluss äußerst heftiger Traumata, in deren Sammelbecken sich die jeweiligen persönlichen Erfahrungen auflösten und zu einem ununterscheidbaren Gemeinschaftstrauma gerannen. Feldman resümiert aus dieser Situation und Erfahrung, daß sie zwar ihr Leben jetzt zwar aktiv gestaltet und lebt, aber meine Gefühle hatten darin versagt, sich der Veränderung meines Lebens anzupassen. In gewisser Weise steckte mein Hirn immer noch in der Vergangenheit fest. Panikattacken, Angst, Albträume: Nichts von dem stand im Einklang mit der ruhigen und erfüllten Existenz, die ich zu leben begonnen hatte.

Zum jüdischen Pessachfest wird die Haggadah, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, gelesen. Es gibt dort eine Episode, in der Anweisungen enthalten sind, wie vier Söhne unterschiedlichen Charakters über den Exodus zu unterweisen sind: vom Vernünftigen, vom Bösen, vom Naiven und von einem, der nicht zu fragen versteht.

Was sagt der Böse (2. B. M. 12, 26)? Er fragt: „Was bedeutet euch dieser Dienst?“ – „Euch“, sagt er, nicht „ihm“. Da er sich aus der Gemeinschaft ausschließt, leugnet er das Grundlegende des Judentums. Mache auch du ihm die Zähne stumpf und sage ihm (2. B. M. 13,8): Für das, was G’tt für mich getan hat, als ich aus Aegypten zog. „Für mich“, aber nicht „für ihn“. Wäre er dort gewesen, er wäre nicht erlöst worden„. [4]

Feldman sieht sich als solch eine `Böse´, die außerhalb der Gemeinschaft steht, sich außerhalb der Gemeinschaft gestellt hat. Aber sie sieht sich auch in guter Gesellschaft, Baruch de Spinoza war so ein Böser, ebenso wie in neuerer Zeit Hannah Arendt… der selbstgewählte Ausschluß, der hier mit seiner Boshaftigkeit gleichgesetzt wird. … verneint ein grundlegendes Prinzip des Judentums, das der Konformität und Verbundenheit; … mit der Individualität taucht die Bedrohung des Bruchs auf, die Zergliederung. Wie lautet die einzige akzeptable Antwort gegenüber diesem bösen Sohn? Die Haggadah sagt, ihm müssen die Zähne ausgeschlagen werden. … Individualität kann nicht geheilt werden. Ganz in dieser Tradition ist also der Psychoterror zu sehen, dem die Aussteiger aus den chassidischen Gemeinschaften von eben diesen unterworfen werden, bis hin zur Frage an den Rabbi, ob deren Töten gerechtfertigt wäre.

Ist oder sieht sich Deborah Feldman noch als Jüdin? Ich habe mir diese Frage während des Lesens öfter gestellt, ganz klar beantworten kann ich sie nicht. Sie schreibt einerseits [S. 527], daß sie bei dem Versuch, ihr Leben ausserhalb der Gemeinschaft neu aufzubauen eine eigene Version dessen entdeckt [hat], was es hieß, Jüdin zu sein, eine Version, die sich ehrlich anfühlt, leidenschaftlich und echt, aber das, was ich da gesucht hatte, passte zu keiner etablierten oder annehmbaren Vorstellung, und so konnten meine Kritiker nun ausrufen, dass meine Art, Jüdin zu sein, nicht echt war. … Und doch bin ich nichts anderes als eine Jüdin; ein verbannter Jude ist immer noch ein Jude, … Dem stellt sie am Schluß des Buches [S. 695] zusammenfassend gegenüber: Ich darf heute sagen, daß der Humanismus meine Religion geworden ist, dass die Autoren der Aufklärung meine Heiligen sind, und dass in dieser Hinsicht mein Glaube noch anwesend ist und in vielen Bereichen meines Lebens stützend wirkt, aber ich bin von keiner einzigen Autorität mehr übermäßig unterdrückt. Aber möglicherweise ist dies gar kein Widerspruch, zumindest nicht für Deborah Feldman selbst, denn warum sollte sich eine Frau, die sich den Prinzipien eines aufgeklärten Humanismus verpflichtet fühlt, nicht gleichzeitig jüdisch sein? 

`Überbitten´: ein altes jüdischen Versöhnungsritual. Und Feldman hat sich versöhnt, das wird aus diesem Bericht klar. Versöhnt mit sich selbst, versöhnt mit Deutschland, aber auch milde geworden gegen die Gemeinschaft ihrer Kindheit, versöhnt auch mit ihrer jiddischkajt, die nicht mehr die der Chassiden ist, sondern die sich in Richtung eines toleranten Humanismus weiterentwickelt hat. … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Überbitten ist der Bericht eines langen inneren Weges, der wohl immer noch nicht zur Gänze beendet ist. Der weiter vorstehend erwähnte Albtraum von Auschwitz, der Feldman lange Jahre immer wieder quälte, hat sich geändert, ist nicht unbedingt einfacher geworden: immer noch die Rampe, aber jetzt gehört sie mit zu denen, die Uniform der Schlächter tragen…. Aus meinen wechselnden Rollen im Traum hatte ich gelernt, dass dei Kategorien Gut und Böse nicht taugen. Ich begriff vielmehr, dass die Welt in einem ständigen Schwanken zwischen den Polen existiert. Alles kann sich jeden Augenblick ändern, und Heldentum zeigt sich nicht darin, dass man zurückblickt und sich fragt, was man wohl getan hätte.


Bei solche intensiven Bücher wie Überbitten und Unorthodox, das ich jetzt einfach noch einmal mit hinein nehme, stellt sich die Frage: Was haben diese Berichte mit mir als Leser gemacht, wie haben sie auf mich, wie haben sie in mir gewirkt? Ganz einfach ist das nicht zu sagen, möglicherweise ist auch der Abstand zu den Texten noch zu gering. Was mir auf jeden Fall deutlich geworden ist, ist die Tatsache, wie wenig man doch weiß von dieser fremden Religion und ihrer Ausübung. Wohl kenne ich den einen oder anderen jiddischen bzw. auch chassidischen Schriftsteller (wobei schon die Tatsache, daß man keine jiddischen Autorinnen kennt, bezeichnend ist), kenne Werke von Scholem Alejchem, von den Singers oder auch Bubers Erzählung der Chassidim [6]. Es sind Bilder der osteuropäischen Shetlts, aber auch aus NY (Der Kabbalist vom East Broadway) mit ihren manchmal etwas skurrilen, aber liebenswerten Figuren, der Armut, die herrscht, der Gläubigkeit und einer einfachen Alltagsweisheit, die den Figuren häufig eigen ist. Dem Bild jedoch reißt Feldman mir ihren Aufzeichnungen die Maske vom Gesicht. Wahrscheinlich sind die Satmarer extremer noch als andere orthodoxe Gruppierungen, cum grano salis dürfte die von Feldman dargestellte schuld- und sühneaffine, glücks- und sinnenfeindliche Lebensauffassung verbunden mit einer latenten Aggressivität allem gegenüber, was als Abweichung empfunden wird, allen orthodoxen Gruppen mehr oder weniger eigen sein. Will ich also die von mir gestellte Eingangsfrage nicht nur rhetorisch auffassen, so käme ich zu der Antwort, daß Feldman Schicksal in der in ihrem Büchern dargestellten Form mich desillusioniert hat, die Ahnung bestätigt hat, daß das Bild dieses Judentums, das ich aus literarischen Quellen gewonnen hatte, nicht vollständig sein konnte.


In den etwas mehr als zwei Jahren, die ich jetzt in Deutschland lebe, ist mir sicherlich auch Hass begegnet, oft aber auch der Mut von Einzelnen, die sich aus historistischer Verantwortung heraus diesem Hass entgegenstellen. Es ist die Summe dieser vielen einzelnen individuellen Taten, die mich zu der Überzeugung brachte, dass ich keinen besseren Ort hätte finden können, um mich zu Hause zu fühlen, als hierzulande.

Ich möchte zum Abschluss auf dieses Statement antworten: ich bin überzeugt, daß Frau Feldmann, die mir im Lauf ihrer beiden Bücher sehr ans Herz gewachsen ist, für Berlin im Besonderen, für Deutschland im Allgemeinen, ein großer intellektueller, aber auch menschlicher Gewinn ist. Und ich hoffe sehr, daß dieser positive Eindruck, den sie von Deutschland gewonnen hat, nicht enttäuscht werden wird.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deborahfeldman.de
[2] Deborah Feldman: UnorthodoxBesprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/10/deborah-feldmann-unorthodox/
[3] die Richterin Deborah ist eine der ganz wenigen Frauenfiguren im Judentum, die von ihrer Bedeutung her Männern gleich gestellt ist:  https://de.wikipedia.org/wiki/Debora_(Richterin)
[4] http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/pessach/video/04-banim.htm
[5] In diesem Interview erklärt die Autorin dieses jiddischen Begriffs, dessen deutsche Entsprechung im Lauf der Zeit verloren gegangen ist: https://www.youtube.com/watch?v=5-vfrO7AdxE
[6] vgl. hier meine Buchvorstellungen im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/jiddische-literatur/

 

 

Gay Talese: Der Voyeur

2. August 2017

Gay Taleses  Der Voyeur ist ein verstörendes Buch, denn der Autor ist kein Romanschriftsteller, der sich Figuren ausdenkt und Handlungen konstruiert. Er ist ein Sachbuchautor, der nichts erfindet. Die Geschichten, die ich schrieb – so führt Talese aus –, erhielt ich von Leuten, mit denen ich sprach und die ich für eine Zeitlang begleitete. Ich verbarg nichts vor meinen Lesern: echte Namen und Faktgen, die sich überprüfen lassen – oder es gab keine Story. Was die Reporterlegende Talese [1] in diesem Buch also festhält, ist so geschehen, auch wenn sich bei genauer Recherche einige Ungereimtheiten ergeben, die aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Story wohl nichts ändern [3].

Der Kontakt Taleses mit Gerald Foos, dem Mann, um den er hier geht, währte einige Jahrzehnte, 1980 erhielt der Autor einen handgeschriebenen Brief von Foos, in dem dieser u.a. ausführt, daß er seit fünfzehn Jahren Besitzer eines kleinen Motels ist, das er erworben hat, um seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und sein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

In realiter bedeutete dies, daß Foos (das fragliche Motel ist auf dem Cover schön zu sehen) den Dachboden des Motels dick mit schallschluckenden Teppichen ausgelegt hatte und einige der Zimmer derart präpariert waren, daß er von seiner ‚Beobachtungsstation‘ auf dem Dachboden direkt in das Zimmer schauen konnte. Dazu waren im Zimmer speziell konstruierte Gitter in die Decke eingelassen, die auf den ersten Blick von unten nach der Abdeckung eines Abluftkanals aussahen. Durch diese Vorrichtungen konnte Foos das Zimmer, wenn die Tür offenstand, auch die Toilette beobachten. Das dies keine bloße Erfindung des Briefeschreibers war, konnte Talese bei einem Treffen mit ihm nachprüfen: ein einziges Mal war er selbst mit auf dem Dachboden und beobachtete zusammen mit dem Voyeur ein Paar beim Oralverkehr – wobei ihm die Krawatte durch das Gitter in das Zimmer rutschte, eine gefährliche Situation für die beiden Spanner, der Mann hatte jedoch die Augen geschlossen gehalten.

Foos hatte Talese am Beginn ihrer Bekanntschaft ein Dokument unterzeichnen lassen, mit dem sich der Autor zur Verschwiegenheit verpflichtete. Erst Jahrzehnte später, als Foos schon alt, das Motel lange verkauft und mittlerweile sogar abgerissen war, erteilte er Talese die Erlaubnis, über seine Beobachtungen zu schreiben und dies zu veröffentlichen.

Denn Foos, der das heimliche Beobachten schon als Junge kennen- und lieben lernte (… When he was a child, his mother’s married sister, Katheryn, lived in the farmhouse next door. At the age of nine, he said, he started watching her. …. His aunt Katheryn liked to sit at her dressing table with no clothes on, arranging her miniature porcelain dolls or her collection of “valuable thimbles. …) sah sich selbst nicht als einfacher Spanner, bzw. Voyeur, im Gegenteil schrieb er sich den Anspruch zu, das (Sexual)Verhalten und dessen Wandel im Lauf der Zeit von sich unbeobachtet fühlenden Menschen in seinen ausführlichen Tagebüchern zu dokumentieren. Erwähnenswert ist, daß die Ehefrauen von Foos (sowohl Donna, seine erste Frau und später, nach der Trennung von Donna, auch Anita, seine zweite Frau) von seiner Passion wussten, sie hin und wieder sogar mit ihm teilten.

In dem Buch beschreibt Talese in groben Zügen das Leben und den Lebenslauf von Gerald Foos, der sich im Grunde in den der meisten Menschen einfügt, ich gebe das hier nicht im Einzelnen wieder. Talese formuliert sein eigenes Interesse an der Geschichte folgendermaßen: I was hoping to get his permission to read the hundreds of pages that he claimed to have written during the past fifteen years, with the result that he would one day allow me to write about him. I knew that he viewed himself as a sex researcher along the lines of Alfred Kinsey, and I assumed that his account centered on what excited him sexually, but it was possible that he noted things that existed beyond his desires. Eine Erlaubnis, die er, auch wenn das neue Jahrtausend schon lange angebrochen war, eines Tages tatsächlich erhalten sollte.

Und in der Tat – und das ist das Zwiespältige (aber im Grunde auch Triviale) an dieser ganzen Geschichte – spiegeln sich in den Aufzeichnungen von Foos die gesellschaftlichen Änderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten sind, wieder. War beispielsweise bei gemischtfarbigen Paaren einer der beiden in den frühen Jahren bei der Anmeldung im Auto geblieben, änderte sich dies später und beide kamen zur Rezeption. Analoges gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare, auch änderten sich die Praktiken, ebenso notierte Foos, wie sich mit den Jahren die Frauen als immer selbstbewusster präsentierten. Viele Stunden der Beobachtung waren langweilig, weil nichts geschah, im Zimmer Sprachlosigkeit zwischen den Partnern herrschte oder einfach nur Fernsehen geschaut wurde. Interessant ist die Wirkung, die das jahrelange heimliche Beobachten auf Foos selbst hatte: er war misstrauisch geworden und mied später allgemein die Menschen, deren Verhalten ihn enttäuscht hat. Die einzigen, so gibt Talese ihn wieder, die generell wirklich liebevoll und sanft miteinander umgegangen wären, waren lesbische Paare.

Es kam erstaunlicherweise nur sehr selten zu Situationen, in den Foos in der Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Die bizarrste ist wohl die, in der sein eigenes Sperma durch das Abdeckgitter tropfte, die Frau jedoch beeindruckt davon ausging, es wäre das ihres Partner, dem sie gerade mit der Hand einen fulminanten Höhepunkt verpasst hatte.

Es gab Situationen, in denen es nicht beim Beobachten blieb – abseits der (wie oben angedeutet) vorgenommenen Selbstbefriedigungen. Wenn Foos beispielsweise beobachtete, daß im Zimmer mit Drogen gedealt wurde, konnte es vorkommen, daß er, wenn das Zimmer leer, in das Zimmer ging und die Drogen durch die Toilette wegspülte. Einmal kam es nach einer solchen Aktion bei der Rückkehr des Paares, das das Zimmer gemietet hatte, zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, da der Mann der Frau unterstellte, die Drogen an sich genommen zu haben. Den Aufzeichnungen von Foos nach, der diesen Streit beobachtet hatte, lag die Frau nach den Schlägen des Mannes bewusstlos, aber atmend, auf dem Zimmerboden, so daß er sich damit beruhigte, daß am nächsten Tag alles wieder in Ordnung sein werde bei der Frau. Das Zimmermädchen jedoch fand sie am nächsten Morgen tot vor. Dies ist eine der erwähnten Ungereimtheiten, denn als Talese diesen Mord Jahre später verifizieren wollte, war das nicht möglich, eine Gewalttat war in keinen offiziellen Unterlagen nachzuweisen. Die Beschäftigung mit diesem Ereignis, das für Talese eine unterlassene Hilfeleistung durch Foos bedeutet, die einem Menschen den Tod nach sich zieht, nimmt im Buch einen größeren Raum ein. Foos selbst versucht sich durch die Tatsache, daß er die Frau noch atmend gesehen hat, er andernfalls aber eingeschritten wäre, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Talese beschreibt und zitiert jedoch nicht nur, er versucht auch, den Ursprüngen dieser Leidenschaft in der Biografie Foos‘  nachzuspüren, dessen Motivation zu erkennen und ebenso, welche Bild Foos von sich selbst hat. Bezeichnend ist beispielsweise, daß er in seinen Aufzeichnungen von sich selbst in der dritten Person spricht: er ist, sobald er auf dem Dachboden liegt ‚der Voyeur‘, Gerald Foos ist er nur ausserhalb des Dachbodens. Foos war sich auch nie einer Schuld bewusst. Die Tatsache, daß nie jemand von seiner Beobachtung wusste und daß er nie jemandem Schaden zugefügt hatte, reicht ihm ein Leben lang aus, sich von Schuld freizusprechen. Am Ende des Buches, beim letzten Treffen von Talese und Foos im Jahr 2013, weist Foos empört auf die vielen Beobachtungskameras hin, mit denen praktisch alles aufgezeichnet wurde, ohne daß man weiß, wozu es verwendet wird. So sieht sich Foos eher in der Nachfolge von Kinsey als in der Phalanx anderer Spanner, die sich am heimlichen Beobachten erregen, entsprechend niedrig liegt sein Schuldbewusstsein und konsequenterweise stellt er seine Handlung auch später nicht in Frage.

Talese beschreibt und untersucht jedoch auch das eigene Interesse, seine Motivation, den Kontakt mit Foos über Jahrzehnte hinweg, teilweise locker, teilweise intensiver, aufrecht erhalten zu haben. Für Foos scheint der Autor die einzige Ansprechperson gewesen zu sein, bei der er über seine Aktivitäten geredet hat, ein Ventil, durch das er den Druck, der sich in ihm aufbaute, ablassen konnte. Da er sich ja nicht als primitiver Spanner verstand, brauchte er jemanden, der die von ihm beanspruchten und im Tagebuch festgehaltenen und aufbereiteten Erkenntnisse (im Fototeil des Buches ist eine Statistik von Foos wiedergegeben, in der er den Geschlechtsverkehr der von ihm beobachteten Motelbesucher nach diversen Kriterien aufschlüsselt…) würdigen und letztlich auch in die Öffentlichkeit bringen soll.

Der Voyeur, ein Buch, das interessant ist, das das moralisch fragwürdige Verhalten eines Mannes dokumentiert, das aber beim Lesen auch ein schlechtes Gewissen macht, weil man durch die zitierten Tagebucheinträge von Foos das Gefühl hat, selbst wie ein Voyeur heimlich in die Zimmer des Motels zu schauen und in die Privatsphäre dieser unbekannten Menschen einzudringen – auch wenn man weiß, daß seit dem Geschehen schon Jahrzehnte vergangen sind.

Links und Anmerkungen:

[1] der Wiki-Beitrag zu Gay Talese: https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Talese
[2] Buch(ausschnitte?) im New Yorker:  http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/11/gay-talese-the-voyeurs-motel. Diesem Beitrag sind auch die englischen Zitate entnommen.
[3] vgl dazu diesen Artikel in der NYT:  https://www.nytimes.com/2016/07/02/books/gay-talese-defends-the-voyeurs-motel.html

Gay Talese:
Der Voyeur
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber
Originalausgabe: The Voyeur’s Motel, NY, 2016
diese Ausgabe
: Hoffmann und Campe, HC, ca. 224 S., 2017

Anne B. Ragde [1] ist eine norwegische Erfolgsautorin. Ihre Familiengeschichte der Neshovs, die sie in einer Trilogie (siehe unten und warum habe ich eigentlich den dritten Teil nie gelesen?) verfasst hat, war bzw. ist eine intelligente, unterhaltsame und manchmal ein wenig traurig stimmende Darstellung dieses offensichtlich etwas eigenen Menschenschlages in und um Trondheim, fünfhundert Kilometer nördlich von Oslo gelegen, herum. Trondheim ist auch der Wohnort der in Westnorwegen geborenen Autorin und in dieser Stadt spielt auch ein großer Teil der Handlung des Romans, den man getrost auch als biografischen Roman ansehen kann, da Ragde in ihm ihr Verhältnis zu ihrer Mutter aufarbeitet.

Bei ihrer Mutter Birte, im Buch meist ‚Mama‘ genannt, ist mit ihren über achtzig Jahren ein aggressiver Lymphkrebs diagnostiziert worden. Die Chemotherapie ist sehr anstrengend; da die Mutter, die in Oslo lebt, nicht mehr alleine sein kann, muss sie in einem Heim untergebracht werden. Das Geld ist knapp, außerdem ist wohl in dieser Zeit eine Reform der Pflegegesetze vorgenommen worden, die einschneidende Änderungen mit sich brachte, jedenfalls ist die Pflege und Unterbringung der Mutter in dem Heim, in das sie kommt, katastrophal schlecht. Die beiden Töchter, Anne und die jüngere Elin, kümmern sich sehr um die Mutter, fast rund um die Uhr ist jemand von beiden bei ihr. Mama ist eine sehr redselige Frau, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung eingeschlafen ist, will sie erzählen…

Es ist die Zeit der Erinnerungen, ja, auch der Selbstvorwürfe: „Es muss ganz schrecklich gewesen sein, mich als Mutter zu haben, Anne. Als du klein warst.“ – „Ach?“ – „Ja. Du Arme.“ Man kann das nicht abstreiten. Eine Zweijährige auf dem Spielplatz zu ohrfeigen und den Umstehenden stolz zu verkünden, so erziehe man Kinder, ist in der Tat schrecklich. Aber man erfährt im Lauf der Geschichte, daß Mama es selbst nie anders gelernt hatte, ihre Mutter, ‚Hexe‘ genannt, muss die personifizierte Lieblosigkeit gewesen sein, dich hat sowieso keiner lieb, das ist es, was Mama von ihrer Mutter erinnert. Meine Mutter hat mich dauernd geschlagen, ich hätte das doch nicht tun dürfen, ich wusste ja, wie schrecklich das ist, quält die Mutter sich mit der Erinnerung an die besagte Züchtigung Annes.

Anna Ragdes Erinnerungen, die auf einem plötzlichen ‚Heureka‘ beruhen, das sie während der Zeit der Begleitung hatte (ihr eigentliches Buchprojekt kam während dieser Zeit verständlicherweise zum Erliegen) umfassen zwei verschiedene Erzählstränge. Am Beginn des Buches nimmt die Krankheit der Mutter bzw. die Schwierigkeiten bei der Pflege und Begleitung der immer hinfälliger werdenden Mutter einen großen Raum ein. Diese Schwierigkeiten liegen zum einen darin, daß die Pflegesituation und die Unterbringung der Mutter schlicht und ergreifend schlecht ist, die Zustände in der Einrichtung, in der sie gelandet ist, sind erbärmlich. Zum anderen – und der einleitende Satz der Mutter deutet dies an – plagen diese starke Gewissensbisse und Reue und Angst: Kannst du mir jemals verzeihen, Anne? Kannst du das? Oder wirst du dich an solche Dinge erinnern, wenn ich tot bin? Es ist die Zeit des Rückblicks, des Resümees über das gelebte Leben, über die versäumten und über die genutzten Gelegenheiten, über die Sünden, die man auf sich geladen hat und über die Vergebung, die man jetzt so dringend braucht, um Frieden zu finden. Man kann in diesen Passagen wunderbar erkennen, welche Versäumnisse des Lebens sich am Lebensende wieder in Erinnerung rufen und wie wichtig es ist, am besten im Leben selbst zu vermeiden, daß es zu solchen Situationen kommt (‚Lebe jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest!‘) oder zumindest am Ende des Lebens, so wie es Ragde hier schildert, Vergebung suchen.

Tochter und Mutter lassen ihr Leben noch einmal Revue passieren. Es war kein Leben in Saus und Braus, im Gegenteil, es war ein materiell armes Leben. Birtes Mann hatte die Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, verlassen, als Anne acht Jahre alt war (d.h. so Mitte der 60er Jahre), wohl einer anderen Frau wegen. Für Birte und Anne war dies ein tiefsitzendes Trauma; Elin war zu dieser Zeit noch sehr klein, die Bindung zur Mutter auch stärker als bei Anne. Birte zog sich eine Zeit lang ganz zurück aus der Welt, wollte mit dieser Schande nicht in die Öffentlichkeit und die achtjährige Anne übernahm es notgedrungen, für die Familie zu sorgen. Für das Kind Anne war Papa die geliebte Bezugsperson gewesen, bei der sie ihren Bedürfnisse nach körperlicher Nähe befriedigen konnte – bei der Mutter war dies nicht möglich gewesen. Anne Ragde schreibt, dieses Trauma hätte sie erst wirklich mit der Gründung der eigenen Familie überwunden. Diese (erste) eigene Familie, vielmehr der Eheschluss (wie sie es nannten) mit Finn, ist dann auch ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung der Autorin.

Nach dem Weggang des Vaters konnten sich die drei Frauen noch eine Weile durch Verkäufe von Einrichtungsgegenständen über Wasser halten, aber irgendwann war nichts mehr verkaufsfähiges vorhanden, die Untervermietung von Zimmer in der Wohnung brachte nicht genug und die Mutter musste zur Sozialhilfe. Man zog in eine andere Wohnung um, die … nun ja, einfachste Verhältnisse unterschritt [2]. Die Mutter, eine geborene Dänin, die in den Augen ihrer Kollegen/-innen immer eine ‚Fremdarbeiterin‘ geblieben ist, fing an zu arbeiten, wurde Maschinenführerin an einem Extruder in einer Fabrik, die Plastiktüten herstellte. In der Freizeit strickte sie Norwegerpullis als Auftragsarbeiten, ihr eigentliches Reich jedoch war die Küche: An Essen soll es niemals fehlen, es braucht ja nicht Gänseleber und Champagner zu sein, wenn es nur mit Liebe zubereitet worden ist. 

Die Geschichte dieser Mutter/Tochterbeziehung wird im Lauf der Jahre immer mehr zu einer sich ergänzenden Beziehung, die von mütterlicher Seite Wiedergutmachung sucht und von Seiten der Tochter durch eine diese ergänzende Selbstsucht und Egozentrik geprägt wird. Daß die Mutter, um diese erwähnte (erste) Hochzeit der Tochter zu finanzieren, letztlich ein über fünf Jahre laufendes Darlehen  aufnehmen muss – daran verschwendete Anne damals keine Sekunde ihre Gedanken. Besuchte die mittlerweile im eigenen Haushalt lebende Tochter die Mutter, war es selbstverständlich, daß die Mutter auf Decken am Boden schlief, damit die Tochter das Bett bekam. Mein Gott, bist du unordentlich, Anne! Lächelnd lief die Mutter der Tochter nach dem Waschen hinterher und räumte das fallengelassene Handtuch und die Unterwäsche weg…

Trondheim – wir lernen zwei Personen (bzw. drei) kennen, die ausserhalb der Familie stehen: die Unternachbarin in der Kongens Gate 37 [2], eine Pfingstlerin, die so ganz anders ist als Mama und mit der sie sich doch so gut verstehen und die Schwiegereltern Annes, die – soweit sie Trondheim repräsentieren – dieses nicht allzu positiv vertreten. Verschlossen, eigenbrötlerisch, ein wenig dumpf scheinen sie. Materiell deutlich besser gestellt als Birte, ist für sie Essen beispielsweise reine Nahrungsaufnahme ist und kein Liebesbeweis wie für Mama: das von Mama organisierte und bei ihr stattfindende (notwendige und von den Brautleuten gefürchtete) erste Kennenlernen der jeweiligen Eltern endet zwar nicht mit einem äußeren Eklat, die Unvereinbarkeit der Beteiligten tritt jedoch sehr, sehr deutlich zu Tage….

Annes Ehe hält nur ein paar wenige Jahre, ein Sohn, Stian, bleibt bei der Mutter, dessen Vater erhält zur Scheidung von seinen Eltern ein Auto. Kurz darauf packt Birte eine innere Unruhe und Unrast, sie zieht um, weit weg, nach Oslo, wo Elin mittlerweile eine Anstellung als Polizistin hat. Es wird dort in den ersten Jahren eine Art Nomandenleben, das Birte führt. Unterkünfte, die als Wohnungen kaum zu bezeichnen sind, ein Leben aus Koffern, ohne Besitz, mit dem Gefühl, durch nichts belastet und gehalten zu sein. Selbst als sie dann doch eine kleine Wohnung mietet, begnügt sie sich mit Gartenmöben, die für ihre Bedürfnisse ausreichend sind….

All das (und mehr) sind Erinnerungen am Krankenbett einer langsam Sterbenden, ist der Versuch, ein Leben aufzuarbeiten, Fehler zu bekennen und zu verzeihen. Ein Leben vergeht jetzt unter unwürdigen Umständen, eine Sterbende, die im Heim auf einem Reha-Platz eingewiesen ist und von der Physio zum Krafttraining abgeholt wird – was die Tochter lautstark und wütend verhindern kann. Hier wird nicht massiert, so die Antwort auf die Bitte, doch bitte besser die von der nicht mehr ablaufenden Lymphe dicken Beine zu massieren….

…. die dann abschließend letzte von einigen Reisen, die Mutter und Tochter miteinander unternommen haben, sie führt nach Dänemark, auf ein Segelschiff, das vor dem Strand, den gesamten Øresund im Rücken, kreuzt. Birte kehrt heim….


Anne Ragdes romanhafte, gleichwohl biografische Erinnerungen sind ein wunderbares Stück Literatur, ein unsentimentaler Rückblick auf zwei Leben, auf eine nicht einfache Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der große Wendepunkt im Leben der Mutter scheint das Scheitern der Ehe gewesen zu sein. Sie suchte danach keinen Mann mehr (sie fragte nach Bettgymnastik, wie sie es nannte, nicht allzu viel nach) und nach einer tiefen Phase der Depression und Niedergeschlagenheit war sie offensichtlich eine andere geworden: neugierig auf das Leben, lebensfroh und zufrieden mit dem, was sie hatte. Für Birte Ragde schien seit dieser Zeit das Glas immer halbvoll gewesen zu sein, sie sah die positiven Seiten des Lebens und mit dem Kochen hatte sie endlich eine Möglichkeit gefunden, Liebe auszudrücken, eine Fähigkeit, die ihr als Kind wohl selbst von ihrer eigenen Mutter aberzogen worden war. Auch von ihrer Tochter Anne, der Autorin, erfahren wir einiges, in der Rückschau ist sie wahrlich nicht auf alles stolz, was sie gemacht hat und wie sie sich gegenüber ihrer Mutter verhalten hat.

Die Pflegesituation der kranken Mutter schildert Anne Ragde als katastrophal, sie schreibt, daß sie und Elin nach dem Tod der Mutter Anzeige wegen Pflichtverletzung gegen die Stadt erhoben haben, die – wenig überraschend – kein Erfolg war. Daß in Norwegen solche Probleme bei der Pflege auftreten, hat mich ein wenig überrascht, ich war davon ausgegangen (und kurze Recherchen im Internet haben das bestätigt), daß z.B. das Verhältnis Pfleger zu Patient in diesem Land sehr gut ist. Was mich ausserdem gewundert hat, war die Tatsache, daß die Autorin, die ansonsten wirklich nicht geizig war, wenn es darum ging, der Mutter eine Freude zu machen, offensichtlich nicht in der Lage war – oder es nicht möglich machen konnte – die Mutter in eine besseres Heim zu bringen….

Der Teil des Romans, in dem Ragde schildert, wie die sterbende Birte sich mit Fragen quält, mit Selbstvorwürfen, wie sie bedauert und alles mögliche bereut: er ist fast wie ein Lehrstück darüber, was einen Sterbenden am Ende seines Weges quälen und belasten kann und wie wichtig es ist, diese Hindernisse, die auf der Seele liegen, zu klären und soweit es geht durch Verzeihen und Entschuldigen, abzubauen. „Sich etwas von der Seele reden“ ist kein leerer Spruch, sondern notwendiges Tun und Handeln, dies stellt Anne Ragde sehr plastisch und anschaulich und auch liebevoll dar.

Sehr schön schildert die Autorin aber auch, wie sehr Birte ihre Töchter (Elin und Anne wechseln sich ja in der Begleitung der Mutter ab, auch wenn Elin im Buch keine große Erwähnung findet) manipuliert. Sie kann weinen wie ein Kind, sich mit den Handrücken die Augen zerwischen und Mitleid erregen, das ein ‚Nein‘ unmöglich macht. Stundenlang sind die Töchter bei der Mutter, die dies auch einfordert, wenn sie aus dem Schlaf erwacht oder aus dem Einnicken aufschreckt möchte sie nicht alleine sein… Allgemein ist eine solch intensive Inbeschlagnahme eine schwierige Situation für den Begleitenden, der auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und eigentlich auch mal ‚Nein…‘ sagen können müsste…. auch das eine sehr realistische Schilderung dessen, was einen bei der Begleitung Sterbender erwarten kann.

In toto kann ich festhalten, daß mir Die letzte Reise meiner Mutter sehr gut gefallen hat. Die weitgehend unaufgeregte Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, wobei sich die Autorin auf einige prägende Situationen beschränkt, aus der sich das Bild einer bemerkenswerten Frau, die nie (sieht man von der letzten Lebensetappe mal ab) ihre Freude am Leben verloren hat, die Darstellung der Probleme, die bei der Pflege und Versorgung der todkranken Mutter auftraten: all das macht das Lesen des Romans zu einem zu einem eindringlichen, intensiven Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] es ist wenig von der Autorin im Netz zu finden… hier der Link zur Autorenseite beim Verlag
[2] so sieht es heute dort aus. Das Haus ist nach Angaben der Autorin renoviert worden und beherbergt jetzt eine Galerie (wie auch aus den Infos im Link erkennbar ist)

Weitere Besprechungen von Bücher der Autorin hier im Blog:

– Das Lügenhaus
– Die Liebesangst
– Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde
Die letzte Reise meiner Mutter
Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Jeg har et teppe i tusen farger, Oslo, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 300 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Viele von uns, die ‚Rücken haben‘ (oder auch ‚Knie‘ etc pp), werden diesen Begriff schon gehört haben: Feldenkrais oder Feldenkrais-Methode. Was das genau ist, läßt sich auch nach dem Studium dieses Buches, das ich hier vorstellen möchte, nur schwer definieren, aber das ist auch nicht Ziel und Zweck dieser ersten Biografie über den Mann, nach dem diese Methode benannt: Moshé Feldenkrais. Um aber doch einen Eindruck zu geben, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, will ich hier kurz die auf dem Vorblatt zu Feldenkrais‘  eigenem Werk Bewußtheit durch Bewegung [2] angeführte Beschreibung zitieren:

Drei Dinge sind es, die nach Moshé Feldenkrais‘ Überzeugung den Menschen prägen: Vererbung, Erziehung und Selbsterziehung. Feldenkrais zufolge ist der Mensch Gegenstand und Opfer einer repressiven Erziehung und muß sich erst seiner selbst, d.h. auch seines Körpers und dessen Funktionen, bewußt werden, wenn er wirklich Mensch sein will. Die Methode, mit der das erreicht werden kann, ist ein bewußtes Trainieren aller Funktionen, der geistigen ebenso wie der körperlichen. 


Geboren wurde Moshé Feldenkrais im Mai 1904 in Slawuta, einer Stadt in der heutigen Ukraine, damals im zaristischen Ansieldungrayon für Juden gelegen. Es war eine gefährliche Zeit für Juden, auch wenn sie in eine relativ gut situierte Familie hinein geboren worden waren: ab 1905 häuften sich Progrome und Slawuta wurde davon nicht verschont, die Familie Feldenkrais konnte sich 1907 im letzten Augenblick verstecken. Moshé war der Erstgeborene, nach ihm kamen noch die Brüder Baruch und Yona, sowie die Schwester Malka auf die Welt. In der Familie war die Mutter Sheindl die tatkräftige und auch die bestimmende Person, ihre Leidenschaft war es, Armen und Notleidenden zu helfen, eine Passion, die sie bis an ihr Lebensende beibehielt.

Den ersten Weltkrieg erlebten die Feldenkrais´in Baranowicze, einer damals ‚modernen‘ Stadt mit einem Eisenbahnknotenpunkt mit internationalen Verbindungen. Fast jeder zweite der gut zwölftausend Einwohner war Jude, was aber nicht hieß, daß jeder Juden liebte. Ein für den Schüler Moshé prägendes Erlebnis war damals der Zorn, den er bei seinem Lehrer erregte, als er diesen an der Wange berührte, um zu zeigen wo dieser einen Tintenfleck hatte. Nach dieser rüden Abweisung durch den christlichen Lehrer schwor sich Moshé, nie wieder in seinem Leben einen Christen zu berühren.

Die Familie überlebte den Ersten Weltkrieg mit all seiner Not und seinen Gefahren. Daß sich 1917 die Engländer in der Balfour-Erklärung mit dem zionistischen Ziel, in Palästina eine Heimstatt für Juden zu errichten, einverstanden erklärten, animierte (und ermöglichte es dem) den erst 15jährigen 1919 nach Palästina auszuwandern. Moshé wollte damit einerseits dem Erwartungshaltung der Eltern entkommen, erhoffte sich andererseits auch eine Verbesserung seines gesundheitlichen Zustands (er litt seit Monaten unter nicht kurierbaren Halsschmerzen), außerdem beunruhigten ihn die Gerüchte, die im Zusammenhang mit der Revolution herumschwirrten.

Ein Schleuser, so würde man heute sagen, führte ihn durch die Sümpfe auf polnisches Gebiet, von dort aus ging es immer weiter Richtung Mittelmeer. War er allein losgelaufen, so schlossen sich dem Jungen, der ohne Begleitugn anch Erez Israel unterwegs war, immer mehr Menschen an, so daß letztlich Hunderte von Emigranten mit Moshé am Hafen in Italien ankamen.

Tel Aviv – damals noch ein kleines Nest. Moshé muss ein ‚wilder‘ Kerl gewesen sein, als Bauarbeiter hat er mitgeholfen, Häuser für die neuen Siedler zu errichten, abends wurde gefeiert und getanzt, auch junge Frauen waren für ihn keineswegs tabu. Bei Auseinandersetzungen mit Arabern war er nicht feige: er wuchs zu einem ungestümen Muskelpaket heran. In dieser Zeit erlitt er eine schwere Knieverletzung, die Jahre später (indirekt) ausschlaggebend werden sollte für sein weiteres Leben.

Moshé wurde Mitglied der Haganah, der paramilitärischen Untergrundorganisation der Siedler. Er entwickelte ein auf Effektivität ausgelegtes Selbstverteidigungssystem, dessen Methoden bald in die allgemeine Ausbildung der Kämpfer einfloss.

Als ihm durch eine Abweisung klar wurde, welcher gesellschaftlichen Schicht er als Bauarbeiter angehört, beschloss er, sein Abitur nachzuholen. Dies schaffte er aber nur, weil er aufgrund einer schweren Krankheit aufhören musste, auf dem Bau zu arbeiten und er entsprechend dadurch Zeit zum Lernen hatte . 1925 legte er das Abitur ab, 1926 trat er eine Stelle als Landvermesser bei der britischen Mandatsregierung in Palästina an. Die er jedoch schon 1930 wieder aufgab, um nach Paris zu gehen und zu studieren. 1933 schloss er das Ingenieurstudium mit Auszeichnung ab, man bot ihm an, auf der Sorbonne zu promovieren. Zu dieser Zeit lernte der ehemalige Ausbilder der Haganah für Selbstverteidigung in Paris Jigoro Kano kennen, den Vater des Judo. Dieser zeigte sich von dem jungen Mann sehr beeindruckt: Feldenkrais hatte eine effektive Abwehr gegen Messerangriffe entwickelt, die dem Kodokan, dem heiligen Gral des Judo, unbekannt war. Bald war Feldenkrais der Repräsentant von Kanos Judo in Europa und lehrte diese neue Sportart [4].

Beruflich fand Feldenkrais Arbeit beim Ehepaar Joliot/Joliot-Curie, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die Engländer in der Militärforschung, hier lernte er den bekannten Physiker Paul Langevin kennen. Zwar arbeitete er für die Briten, doch durfte er in Frankreich bleiben. Nach der Besetzung Frankreichs gelang es ihm nur knapp – beladen mit einer Menge geheimer Dokumente – mit dem letzten Schiff das Festland zu verlassen. Immer noch gab er – neben seiner militärischen Forschung – Unterricht im Judo. Dabei fiel er sehr unglücklich auf sein seinerzeit verletztes Knie, ein Kreuzbandriss, den er des Risikos wegen nicht operieren ließ. Ein paar Monate später fiel er wiederum – auf das gesunde Knie, das dadurch ebenfalls stark lädiert wurde. Er konnte sich nur noch mühsam hopsend bewegen. Als Moshé am nächsten Morgen erwacht war, versuchte er ins Badezimmer zu gehen. Zu seiner Überraschung ging dies leichter, als er erwartet hatte, denn sein bandagiertes Knie [i.e. die alte Verletzung] schmerzte plötzlich nicht mehr. „Irgendwie hatte das Trauma des bisher guten Knies“, so vermutete Moshé, „das verletzte Bein brauchbarer gemacht. …“. 

Die große, absolut rätselhafte Frage war für Moshé jetzt: Wie kann es sein, daß das gestern noch ‚unbrauchbare‘ verletzte Knie über Nacht – in Grenzen, aber immerhin – funktionsfähig geworden ist? Nach dem ersten ‚Schock‘ stürzte sich Feldenkrais auf alle Informationen, die er zur Funktionsweise des Körpers erhalten konnte – um zu erkennen, wieviel ‚vollkommener Schwachsinn‘ geschrieben wurde und daß es kein einziges Buch gab, das sich damit befasste, wie wir funktionieren. Also musste Feldenkrais dies selbst erforschen….

Ich habe diesen ersten Teil bis zur Geburts- bzw. eher Zeugungsstunde (denn es dauerte noch viele Monate und Jahre, bevor die Methode entwickelt war) etwas ausführlicher (aber keineswegs vollständig) dargestellt, um zu verdeutlichen, welch ein aussergewöhnlicher Mensch Moshé Feldenkrais gewesen sein muss. Es war ja nicht so, daß er bei all seinen Tätigkeiten nur einer von vielen war, sein strotzendes Selbstbewusstsein ließ ihm im Gegenteil jede ihm gestellte Aufgabe anpacken und mit großem Erfolg bewältigen, egal, ob nun als Judoka, auf wissenschaftlichem Gebiet bei Joliot-Curie oder in der Militärforschung bei den Briten, später dann den Israelis. Möglicherweise war es gerade diese Kombination von Fähigkeiten und Kenntnissen aus nicht-medizinischen Gebieten, die ihn seine Fragestellung zur Funktion des Menschen (womit er die unabdingabe und unauflösliche und sich gegenseitig beeinflussende Einheit von Körper und Geist verstand) unter neuen Gesichtspunkten erforschen ließ.

Nachdem er die Prinzipien dieser ‚Einheit‘ erkannt und formuliert hatte, versuchte er, seine Erkenntnisse zu etablieren. Er hatte viele Erfolge bei Einzelbehandlungen (das Biografie beginnt mit der Schilderung seiner ‚Heilung‘ Ben-Gurions), die ihm begeisterte Anhänger bescherten, von medizinischer Seite her schlug ihm jedoch eher Ablehnung entgegen. Sein Traum war ein anerkanntes und gefördertes eigenes Institut gewesen, die Erfüllung dieses Traumes war ihm jedoch nie vergönnt. Die wenigen Chancen, die es zur Gründung einer solchen Einrichtung gegeben hat, verstand er nicht zu nutzen. Es hat ihn auch zeitlebens gekränkt, daß er in seinem Heimatland viel weniger Anerkennung fand als beispielsweise in Amerika, wo er große Kurse abhielt und später dann auch in seiner Methode ausbildete: die Angst, daß sie mit ihm sterben würde, war übermächtig geworden und hatte ihn die Unausweichlichkeit einsehen lassen, Therapeuten und Trainer auszubilden.

Nach Feldenkrais sollte seine Methode den Menschen reifen lassen, er selbst, das erkennt man beim Lesen der Biografie, war für die Richtigkeit dieser These nicht unbedingt ein Paradebeispiel. So einfühlsam er in der Einzelbehandlung von Kranken war, so aufbrausend bis beleidigend konnte er bei der Gruppenarbeit sein. Er redete und diskutierte für sein Leben gern, er raucht, genoss das Essen und die Frauen (seine einzige Ehe wurde nach dem Krieg geschieden, man hatte sich auseinandergelebt).

Moshé Feldenkrais starb 1984 nach diversen Schlaganfällen, Spätfolgen möglicherweise eines Unfalls aus dem Jahr 1971.


Buckards Biografie über Moshé Feldenkrais ist verdienstvoll, um diesen Mann auch in der breiteren Öffentlichkeit etwas bekannter zu machen. Es ist außergewöhnlich, auf wieviel verschiedenen Gebieten Feldenkrais Ausserordentliches geleistet hat. Bleiben wird seine Methode, deren Grundlagen, die wechselseitige Beeinflussung von Psyche und Physis, die insgesamt gesehen eine Einheit bilden, die erst den Menschen in seiner Individualität ausmachen, durch die moderne Hirnforschung bestätigt wird.

Buckard konzentriert sich tatsächlich auf seine Hauptperson, andere Personen werden nur in dem Ausmass berücksichtigt, in dem sie für das Leben von Feldenkrais wichtig sind. Da dem Autoren dessen nicht veröffentlichte autobiografischen Aufzeichnungen zur Verfügung standen [3], bekommt der Text ein hohes Maß an Authentizität. Immer wieder unterbricht Buckard seine Ausführungen durch Zitate entweder von Feldenkrais selbst oder von Freunden über Feldenkrais. Der gesamte Text liest sich sehr flüssig, daß er hochinteressant ist, auch als Zeitdokument, versteht sich bei diesem Lebenslauf von selbst. Wie eingangs schon erwähnt, vermittelt das Buch nur bedingt, was diese von Moshé entwickelte Methode ist bzw. wie sie angewendet oder durchgeführt wird. Zwar wird immer wieder mal beschrieben, wie eine beispielsweise eine Einzelbehandlung (als Appetizer des Buches die von Ben Gurion) ablief, aber dies dient eher zur Illustration der Erfolge, die Feldenkrais so erzielte.

Was mich erstaunt hat, ist der enge Zusammenhang, der sich zwischen der fast meditativen Feldenkrais-Methode und dem Kampfsport Judo, erwiesen hat. Meditativ: als Körperspürübungen, als Achtsamkeitsübungen bauen einige Meditationslehrer Feldenkraiselemente beispielsweise in ihre Kurse mit ein, wobei es ausschließlich um die absichtslose Wahrnehmung dessen geht, was im Körper geschieht, wenn diese oder jene Bewegung gemacht wird. Judo dagegen hat ein Ziel, den Partner zu werfen oder auch (Feldenkrais schien dies als sehr effektiv eingeschätzt zu haben) durch Würgen zur Aufgabe zu zwingen. Feldenkrais bringt beides zusammen, das ‚ju‘ des Judo und Ausschöpfen er Potentiale, die Körper und Geist für den Menschen bereithalten.

Während die von Feldenkrais selbst geschriebenen Bücher keineswegs leicht verständlich sind (er wollte seine Leser durchaus mit Absicht zum Nachdenken über das Geschriebene bringen, nicht nur zum Konsumieren), ist seine Biografie, geschrieben von Bukard eine sehr gut und flüssig zu lesende, zudem noch hochinteressante Darstellung des Lebens von Moshé Feldenkrais. Ergänzt wird der Text ferner durch ein ausführliches Verzeichnis der Quellen und eine Bibliographie, Lea Wolgensinger steuert ein Nachwort bei.

Links und Anmerkungen:

[1] eine Übersicht über die biografischen Daten von Moshé Feldenkrais: https://feldenkraisleipzig.com/moshe-feldenkrais/
[2] Moshé Feldenkrais: Bewußtheit durch Bewegung, FFm, 1996
[3] vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=-gbS7dMK_Js
[4] zum ‚Komplex‘ Feldenkrais und Judo vgl. z.B. hier: http://www.somatics.de/artikel/for-professionals/2-article/84-feldenkrais-and-judo

Christian Buckard
Moshé Feldenkrais

Der Mensch hinter der Methode
mit vielen Abbildungen
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 365 S., 2017

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