Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Ein Mann geht durch die Straßen New Yorks und quert dabei einen Gitterrost im Bürgersteig. Darunter war ein Raum, kaum noch genug, um darin stehen zu können, und ganz sicher nicht breit genug, um sich hinzulegen. Ein tiefer, grauer Kasten im Boden. … Ich hatte keine Ahnung, wozu er diente. Ohne zu wissen, wie es geschah, fand ich mich auf den Knien wieder und spähte hinein, …. Es überkam mich unversehens. Ich weinte und konnte mich dabei hören. 


Mit dieser sehr persönlichen Erinnerung endet das erste Kapitel von Hisham Matars [1] ergreifender Erinnerung an seinen Vater Jaballa Matar [2], einer führenden Persönlichkeit des libyschen Widerstands, der 1990 an seinem Exilort Kairo vom ägyptischem Geheimdienst zusammen mit anderen Exillibyern verhaftet/entführt/mitgenommen worden war. Er wurde dann den libyschen Behörden übergeben und dort in dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim bei Tripolis [3] eingekerkert. Von dort konnte Jaballa Matar im Laufe der Jahre drei Briefe an seine Familie herausschmuggeln. Sein Tod ist sehr wahrscheinlich, aber bis zum heutigen Tage nicht bestätigt [2]. Möglicherweise ist er schon 1996 bei dem Massaker in Abu Salim [3] eines der über 1200 Opfer gewesen, es gab/gibt niemanden, der ihn nach diesem Zeitpunkt noch gesehen oder auf andere Weise von ihm gehört hat. Appelle an die libyschen Behörden um Aufklärung blieben bislang ohne Ergebnis [2].


Eckdaten zur neueren Geschichte Libyens:

  • Libyen ist als eigenständiger Staat ein junges Gebilde. Ab ca. 1911 hatte Italien das Sagen, später wurde die Region italienische Kolonie. Von 1943 bis 1949 war sie von Frankreich und Großbritannien besetzt. Nach dem Beschluss UN, Libyen in die Unabhängigkeit zu entlassen, wurde der Staat 1951 als Königreich gegründet.
  • 1969 stürzte ein bis dahin unbekannter Hauptmann Muammar al-Gaddafi den König, vertrieb ihn ins Exil nach Kairo und übernahm die Macht.
  • Im Bürgerkrieg von 2011 wurden die regulären Regierungstruppen von den Aufständischen besiegt. Es gelang jedoch nicht, eine stabile Regierung und Verwaltung aufzubauen, so daß ….
  • … 2014 erneut ein Bürgerkrieg ausbrach. [4]

Oberst Jaballa Matar war 1969 nach dem Putsch Gadaffis für einige Monate ins Gefängnis gekommen und musste aus dem Militär ausscheiden. Er übernahm eine Stellung bei der libyschen UN-Vertretung in New York, wo 1970 auch sein Sohn Hisham geboren wurde. Ab 1973 arbeitete Jaballa Matar als Geschäftsmann, er war aus politischen Gründen aus dem Regierungsdienst ausgeschieden. 1979 schließlich emigrierte die Familie, lebte kurze Zeit in Nairobi, ließ sich dann aber in Kairo nieder. Von dort aus betrieb Jaballa Matar seine Oppositionsarbeit, bis er elf Jahre später zusammen mit anderen Oppositionellen gefangen genommen wurde. Hisham Matar war schon früh, 1985, nach London gegangen (und hat dort über neunundzwanzig Jahre hartnäckig versucht, [sich] ein Leben aufzubauen…) und studierte zur Zeit der Gefangennahme in London Architektur, er ist auch englischer Staatsbürger.

Das vorliegende Buch Die Rückkehr handelt auf verschiedenen Ebenen. Die kurze Zeitspanne zwischen den Bürgerkriegen von 2011 und 2014 ermöglichte dem Autoren, seiner Mutter und seiner Frau eine Reise nach Libyen, um dort nach den vielen Jahren der Trennung die Verwandten wieder zu sehen und nach dem Vater zu forschen. Bei diesen Begegnungen werden viele Erinnerungen wach bzw. ausgetauscht, aus denen sich sowohl ein Bild des Familienschicksal herausschält, aber auch ein Eindruck von der Geschichtes des Landes Libyen, das beispielsweise unter der italienischen Besetzung mit äußerster Brutalität regiert worden war. Außer diesen ‚externen‘ Fakten schildert der Autor sehr intensiv sein persönliches Empfinden, das nach all den Jahrzehnten den Verlust des Vater immer noch als tiefe Wunde in der Seele wahrnimmt. Es kommt deutlich heraus, daß vor allem das Unentschiedene, das Nicht-Wissen, was geschehen, daß die Frage, ob der Vater wirklich tot ist und unter welchen Bedingungen und wo er möglicherweise gestorben und begraben ist oder ob noch irgendwo lebt, vielleicht sein Gedächtnis verloren hat, eine riesige Belastung für Hisham Matar ist. Sein Wille, herauszufinden, was geschehen war, [war] zu einer Obsession geworden.. heißt es an einer Stelle des Textes.

Nach Jahrzehnten betritt Hisham Matar also wieder den Boden seines Heimatlandes, denn als solches sieht der in New York Geborene Libyen an. Seine Verwandten, es sind -zig Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, hat er zu letztem Mal gesehen, als sie noch Jahrzehnte jünger waren. Diese Zeit der Trennung fehlt ihm mental, er hat die Veränderungen nicht miterlebt, in seinen Cousinen und Cousins  meint er noch die Kinder zu erkennen, die sie einmal waren. Wie ein abgetrenntes Glied versuchte sich die Vergangenheit an den Körper der Gegenwart zu heften. Und an anderer Stelle: Im Auto unterwegs von Adschdabiya [dem Heimatort des Vaters] nach Bengasi und seiner Küste begriff ich, dass ich all die Jahre das Kind, das ich einmal war, in mir getragen hatte, seine Sprache und Eigenschaften …… als ob er dadurch den Anschluss, die Kontinuität hätte bewahren können. Mitunter kam es mir vor, als litte ich an einer Art Entfernungskrankheit, die, anders als die Seekrankheit, nicht nur den Grund, auf dem ich stand, unsicher mache, sondern auch Zeit und Raum.

Was immer in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten geschehen war, seit ich meinen Vater verloren habe, … die Bemühungen, meinen Vater zu finden, gingen weiter. 2009, also neunzehn Jahre nach dessen Gefangennahme, erhielten sie sogar einen starken, neuen Impuls: ein kürzlich freigelassener Häftling rief bei ihm an, er habe seinen Vater noch 2002 im ‚Schlund der Hölle‘ (Bezeichnung für ein Foltergefängnis) gesehen. Daraufhin setzt Hisham Matar alles in Bewegung, um die libysche Regierung unter Druck zu setzen. Über Bekannte bringt er sogar die englische Regierung dazu, über diplomatische Kanäle hartnäckig in Libyen nachzufragen. Er kontaktiert sogar Saif al-Islam, den verhassten Sohn Gaddafis, der ihm über Monate hinweg viel verspricht, aber nur wenig hält. Einzig zwei andere Verwandte, die schon seit Jahrzehnten einsitzen, obwohl ein Gericht mittlerweile die Entlassung angeordnet hat, kommen endlich in die Freiheit. All diese Aktionen erweisen sich dann jedoch plötzlich auf brüchigem Grund gebaut: bei einem persönlichen Treffen mit dem entlassenen Häftling, der Jaballe gesehen zu haben meint, stellt sich heraus, daß dieser sich geirrt hat.

2012 trifft Matar eine gedämpft optimistische Atmosphäre in Libyen an. Der Diktator ist gestürzt, überall ist Aufbruch zu spüren. Zeitungen und Journale werden zu Hunderten gegründet, Matar spielt sogar mit dem Gedanken, sich eventuell in Bengasi niederzulassen….


Die Rückkehr beschreibt – eingebettet in die äußeren Umstände – den Kampf und die Trauer eines Mannes. Schon als Kind musste Hisham Matar mit den Eltern ins Ausland fliehen, als Jugendlicher ist er nach England gegangen, kurzzeitig lebte er in dieser Zeitspanne auch in Paris, wo er mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte. In England ist er nie richtig warm geworden, dieses dunkle, neblige Land konnte ihm die Heimat nicht ersetzen. Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert. Matar ist, um den Buchtitel von Grossman aufzugreifen [5] sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt  mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde.

Es wird ihm beim Wiedersehen mit seiner Familie in Libyen schmerzlich bewusst, wie sehr er ‚abwesend‘ war, es fehlt ihm eine Zeitspanne von Jahrzehnten, die die Familie in Libyen selbst miteinander erlebt hat, sie sich hat erwachsen werden sehen, sie gesehen hat, wie die nächst Generation auf die Welt gekommen ist. All das ist ihm fremd, in seine Erinnerung hat er noch die Kinder vor sich, wo jetzt Erwachsene sind. Und den damals Erwachsenen, jahrzehntelang Eingekerkerten gegenüber herrscht bei ihm ein Schuldgefühl: Ja, ich hatte ein freies Leben gefühlt… 

In Matars Beschreibungen ist diese Qual, diese Bedrängung deutlich zu spüren, Die Rückkehr an den Ort der Kindheit ist auch eine Aufarbeitung, eine Innenschau des Autoren, die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, durch die er ’nur‘ mit dem Verschwinden des Vaters und seiner Abwesenheit verbunden ist. Das alles (und mehr…) schildert Matar in ruhigen, nachdenklichen Passagen, die Emotionen liegen nicht so sehr in dem wie er sagt, sondern mehr in dem was er sagt. Auch die Passagen, in denen er die Berichte Eingekerkerter wiedergibt, sind ruhig und unaufgeregt, in ihnen vermittelt er Fakten, die für sich sprechen. Hass oder Rachegefühle sind an keiner Stelle zu spüren.

Libyen, ein unbekanntes Land, dessen Name mit einigen negativen Ereignissen verbunden ist. Durch Matars Buch haben wir die Chance, es besser kennen zu lernen. Nutzen wir sie!

Links und Anmerkungen:
[1] Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Hisham_Matar
[2] Trial international: Enforced disappearance of Jaballa Hamed Matar in 1990; in: https://trialinternational.org/latest-post/enforced-disappearance-of-jaballa-hamed-matar-in-1990/
[3] Wiki-Artikel zu diesem Kerker: https://de.wikipedia.org/wiki/Abu-Salim-Gefängnis
[4] das ist eine wirklich sehr verkürzte, vereinfachende Aufzählung, sie hilft aber, die von Matar geschilderten Geschehnisse etwas besser in den zeitlichen Rahmen, der einem normalerweise nicht präsent ist, einzuordnen. Ausführlicher ist eine Darstellung der libyschen Geschichte z.B. in der Wiki zu finden:  https://de.wikipedia.org/wiki/Libyen
[5] David Grossman: Aus der Zeit fallen (Besprechung hier im Blog)

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Originaltitel: The Return – Fathers, Sons and the Land in Between, 2016, UK
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 288 S., 2017

Das letzte (Zeit)Jahr war ein Jahr der unerwarteten, teils auch schwer erklärbaren politischen Entscheidungen, Entscheidungen, die durch Wahlen getroffen worden sind und die bei vielen Ratlosigkeit hinterließen. Der Brexit der Engländer war die erste dieser Einschnitte in die politische Landschaft, die Wahl des bekennenden ‚pussy-grabbers‘ und notorischen Lügners Trump zum Präsidenten das dies noch toppende Ereignis. Daß jetzt kürzlich die Türken (und prozentual gesehen vor allem die nicht in der Türkei lebenden, wahlberechtigten Türken) für die ‚Käfighaltung‘ stimmten, rundet das Bild ab. So giert der politisch interessierte Mensch, der im Inneren immer noch an die Vernunft glaubt, nach Deutungen, nach Erklärungen, nach Antwort auf die Frage: Was zur Hölle ist denn da schief gelaufen?


Eine Antwort auf das weltpolitisch wohl bedeutendste dieser drei Ereignisse (nicht unbedingt ‚Die‘ Antwort, dazu ist der Komplex doch zu vielschichtig) gibt J.D. Vance in seiner Biographie Hillbilly Elegy . Zwar ist Vance erst 33 Jahre alt, hat aber schon ein ganzes Leben gelebt, dem er durch verschiedene glückliche Umstände  äußerlich entkommen konnte, wenngleich es ihn innerlich durch die erlittenen mentalen und psychi- schen Schädigungen noch lange nicht losgelassen hat.

Der Term ‚Hillbilly‘ bezeichnet ursprünglich die Menschen, die in den Appalachen, einen Mittelgebirge in der Nähe der amerikanischen Ostküste, das sich über fast 2500 km erstreckt, leben. Hillbillys haben ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Traditionen. Ein hohes Gewalt- und Aggressionspotential prägen ihr Verhalten, der Begriff der ‚Ehre‘, die verteidigt werden muss, ist zentral, vor allem für den männlichen Teil der Bevölkerung. Vance führt für die irisch-schottischen Einwanderern abstammende Bevölkerungsschicht folgendes Zitat an: Wenn ich durch Amerika gereist bin, haben mit die Ulster-Schotten immer beeindruckt als die beharrlichste und konstanteste regionale Subkultur des Landes. Ihre Familienstrukturen, Religion und Politik, ihr Gesellschaftsleben, all das bliebe angesichts der vollständigen Aufgebe jeglicher Tradition, die beinahe überall sonst stattgefunden hat, komplett unverändert. [4] Oder in Vance‘ eigenen Worten: Wir mögen Außenseiter nicht besonders oder Leute, die anders sind als wir, egal, ob sich dieses Anderssein in der äußeren Erscheinung manifestiert oder im Verhalten oder – und dies ist entscheidend- in der Sprache. Vance dehnt den Begriff in seinem Buch aber umfassender auf die gesamte weiße Arbeiterklasse aus.

Nach beiden Weltkriegen gab es eine Migrationswelle unter den Hillbillys aus dem Süden in die seinerzeit prosperierenden Industriestädte des heutigen ‚rust belts‘, aus denen sich heute ein großer Teil des Wählerreservoirs von Trump rekrutiert. So zogen auch nach dem 2.Weltkrieg (durch andere Vorkommnisse wie eine ungewollte Schwangerschaft notwendigerweise und die Aktion eher sogar als Flucht ausgestaltend) auch die Großeltern des Autoren von Jackson, Kentucky, nach Middletown, Ohio, wo der Großvater Arbeit in einem Stahlwerk fand. Die (spätere) Großmutter des Autoren war damals dreizehn, der (spätere) Großvater sechzehn Jahre alt.

Die große Zahl der in die Industriestädten ziehenden Hillbillys führte dazu, daß sie ihre Traditionen und Verhaltensweisen aufrecht erhielten und am neuen Wohnort auch unter sich blieben. Der häufige und regelmäßige Besuch der zurückgelassenen Familien war Pflicht, so daß damit ein zusätzlicher Anker bestand, Althergebrachtes beizubehalten.

Die Ehe der Großeltern lief nicht besonders gut, der Mann arbeitet zwar, trank aber viel und hatte wohl auch Affären. Es gab viel Streit. Bezeichnend für das Aggressionspotential der Hillbillys, und besonders der (waffenverliebten) Großmutter ist die Episode, in der sie ihren volltrunken schlafenden Mann mit Benzin übergoß und anzündete. Ein paar Tage vorher hatte sie ihm angedroht, ihn umzubringen, wenn er noch einmal besoffen nach Hause käme. Und sie machte ungerne leere Versprechungen…. die ältere von insgesamt zwei Töchtern, es gab noch einen Sohn, konnte ihren Vater noch rechtzeitig löschen. Später dann lebten die beiden in getrennten Häusern, war ihrem ‚Zusammenleben‘ gut tat, auch ließ der Mann irgendwann die Hände vom Alkohol.

Von den drei Kindern der Großeltern schafften letztlich zwei den Absprung aus Middletown und bauten sich ein ’normales‘ Leben außerhalb der Hillbilly-Gemeinschaft auf. Das dritte Kind, die Tochter Bev, jedoch war der psychischen Belastung, die sie in dieser desolaten Familie zu tragen hatte, nicht gewachsen. Der ständige Streit und der Alkoholismus hatten sie stark belastet. … sie warf sich einfach auf den Boden und hielt sich die Ohren zu. … Für viele Kinder ist Flucht der erste Impuls, aber Menschen, die auf den Ausgang zutaumeln, finden meist nicht den richtigen. … Das ist der Grund, warum meine Mutter, die zweitbeste Absolventin ihres High-School-Jahrgangs, ein Baby hatte und geschieden war, aber nicht einen Fuss in ein College gesetzt hatte, bevor ihre Teenagerjahre zu Ende waren.

Der Autor, J.D. Vance, ist das zweite Kind von Bev, hat aber einen anderen Vater als seine Schwester Lindsay. Beziehungen, die die Mutter nach der Scheidung einging, dauern nie lange und zerbrechen bald, der junge J.D. hat im Grunde keine männliche Bezugsperson bzw. Vaterersatz. Er wird früh zu Adoption freigegeben, da sich sein leiblicher Vater überhaupt nicht für ihn interessiert. Wegen dieser Umstände und weil die Mutter immer weiter in den Strudel von Arbeitslosigkeit, Alkohol, später dann auch andere Drogen und Gewalt gerät, lehnt sich der Junge sehr stark an die Großeltern (‚Mamaw‘ und ‚Papaw‘) an, die ihm bei aller Aggressivität, die auch bei ihnen zu finden ist (und die in ihrem sozialen Umfeld nicht weiter auffällig ist) ein hohen Maß an Geborgenheit bieten. Auch die Bindung zu seiner älteren Schwester ist sehr eng, Lindsay ersetzt ihm zeitweise die Mutter.

Es ist bemerkenswert, daß diese erste Generation der Hillbillys, die der Arbeit in die Städte nachgezogen sind, noch Werte wie Fleiß oder Strebsamkeit hochhielten, sie strampelten sozusagen, ohne jedoch dem Sumpf wirklich entkommen zu können. Die zweite Generation der Kinder jedoch ließ sich in realiter großenteils gehen, war faul und arbeitsscheu (Vance schildert dafür einige Beispiele), hatte aber ein völlig anderes Selbstbild: Daddy sagt, dass er mal gearbeitet hat. Aber das Einzige, was er je gemacht hat, ist, seinen Arsch zu massieren. Warum gibst du es nicht einfach zu, Papa? Daddy war Alkoholiker. Er war immer besoffen, und er hat nicht zu essen mit nach Hause gebracht. Mom war es, die ihre Kleinen versorgt hat…. lautet ein Zitat, das Vance zu diesem Punkt anführt.

Ein Wendepunkt in Vance` Leben war der Versuch seiner Mutter, ihn umzubringen. Dies führte zu einer häßlichen Szene mit Polizeieinsatz und einer Gerichtsverhandlung, in der der Junge seine Mutter aber nicht belastete, der ‚Fall‘ wurde intern geregelt. J.D. Vance lebte danach bei seiner Großmutter, seine Mutter konnte, musste er aber nicht mehr besuchen. Damit zog nach den vielen ‚Stiefvätern‘ und den damit einhergehenden häufigem Wohnungswechseln eine gewissen Konstanz in das Leben des Jungen ein.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis für ihn war es, daß er seinen Adoptivvater kennenlernte. Dieser lebte mit seiner neuen Familie außerhalb der Hillbillys in einer evangelikalen Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Wertesystem. Als J.D. ihn dort besucht, macht es ihn schier fassungslos, daß die Erwachsenen sich nicht anbrüllen, sich nicht streiten oder aufeinander einschlagen…. Es sind im Grunde solche Szenen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die gewaltbereite Tradition der Hillbillys besonders deutlich hervortreten lassen. Selbst als Erwachsener mit Uniabschluss sollte er später noch z.B. über seine Schwiegereltern in spe staunen, die völlig harmonisch ohne böse Worte miteinander umgingen.

Mit der relativen Geborgenheit bei ‚Mamaw‘ und deren Ehrgeiz bezüglich des Jungen bessern sich die Schulleistungen und ein Besuch der Ohio State University wird möglich. Ratlos sitzen Oma und Junge vor den Bewerbungsunterlagen, die Fragen der Fragebögen passen nicht in ihre Welt… Vance fühlt sich jedoch noch nicht bereit, auf die Uni zu gehen und verpflichtet sich bei den Marines, bei denen er durch eine völlig neue Welt kennenlernt, dies aber, man muss es zugeben, zu seinem Besten. Er lernt viel dort, vieles, was man als Kind in einem funktionierenden Elternhaus automatisch lernt, was aber in einer so desolaten Tradition wie die der Hillbillys unbekannt ist. Selbstbild, Selbstwertgefühl, einfache Alltagsfähigkeiten, all das wird in dieser Zeit nachhaltig verbessert bzw. erst ausgebildet. Nach vier Jahren (er war auch im Iraq) wird Vance entlassen, graduiert sich an der Ohio University und bewirbt sich in Yale für Jura, wo er auch angenommen wird. Das Studium in Yale ist für ihn viel ‚billiger‘ als an anderen Universität, es gibt für Studenten schwacher sozialer Schichten eine Menge Förderprogramme, die andere Universitäten nicht haben, so daß einfacherer Unis unter Umständen teuer sind als eine Eliteuniversität wie Yale. Aber wer weiß das schon? Die Großmutter war inzwischen verstorben, Vance selbst löste sich innerlich in dieser Zeit endgültig von Middletown, das Verhältnis zu seiner Mutter, die immer tiefer in den Teufelskreis Droge-Entzug-Droge… gerät, wird sehr ambivalent.

Auch sein Studium in Yale schließt Vance erfolgreich ab, heute arbeitet er für eine Investmentfirma [5].


Im umfangreichsten Teil der Hillbilly Elegie schildert J.D. Vance sein Leben, eingebettet in die Geschichte seiner Familie. Der kleinere (nichtsdestotrotz sehr interessante und aufschlussreiche) Teil des Buches befasst sich der Analyse seiner Situation, der Reflektion über den Charakter der Subkultur der Hillbillys und den daraus folgenden Schlüssen. Das Ergebnis dieser Betrachtungen, in die auch Erkenntnisse soziologischer Studien einfließen, sind alles andere als optimistisch.

Die weiße Arbeiterklasse weist als einziges Milieu in den Staaten eine abnehmende (und sowieso schon geringere) Lebenserwartung auf, die eigenen Zukunftsaussichten werden als schlecht eingestuft, auch damit unterscheiden sie sich von anderen Bevölkerungsgruppen, sogar die Gruppe der Afroamerikaner sieht ihr Leben nicht derart düster. Der sprichwörtliche amerikanische Traum ist für sie nicht mehr existent. Man muss aus der Schilderung von Vance sogar folgern, daß diese Hillbillys dabei sind, sich in Gänze von der Gesellschaft abzukoppeln, ein Mann wie Obama, so schildert Vance, ist für sie wie ein Ausserirdischer, mit dem sie nichts mehr gemein haben, die andere Hautfarbe ist noch das geringste Problem dieser Art von ‚Rassismus‘. Er verkörpert einfach eine andere Welt, in der alles anders ist und die nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Hillbillys zu tun hat. Sprache, Ausbildung, Kleidung, Umgang: von einem anderen Stern.

Eine Lebenswirklichkeit, die sich die Hillbillys selbst zurechtbiegen. Verdrängung, Schuldzuweisungen nach außen, verbunden mit einer miesen Schulbildung und einer katastrophal schlechten Familienstruktur, dazu das wachsende Drogenproblem – das sind nur einige Punkte, die man verantwortlich machen kann. Eine Kultur der Gewalt, der Aggression, die sich auch physisch niederschlägt, weil die körpereigenen Stresssysteme immer auf Hochtouren laufen und permanent und noch jahrelang (selbst wenn man in ganz anderen Verhältnissen lebt) stete Verteidigungsbereitschaft gegen vermeintliche Angriffe aufrechthalten. Menschen, die nicht mehr in der Lage (oder willens) sind, sich zu informieren, die Zeitungen prinzipiell misstrauen, die dagegen bereit sind, jede auch noch so unwahrscheinliche Behauptung zu glauben (Obama ist Muslim, Bill und Hillary Clinton sind in Kinderhandel auf Haiti, Ritualmorde und Satanismus verwickelt und ähnlich abstruses mehr), wenn sie in ihr persönliches Weltbild passt. Wenn man diese Ausführungen von Vance gelesen hat, wundert man sich nicht mehr, daß Trump trotz seiner wirren Aussagen wählbar war und immer noch ist, vielleicht ist er es sogar wegen dieser Aussagen, völlig unabhängig von deren Realitätsgehalt. Dazu passt die aktuelle Meldung, daß nach 100 Tagen Regierungszeit nur 2% der Trumpwähler bedauern, ihn gewählt zu haben, sehr gut [8].


Ich bin überzeugt, dass wir Hillbillys die zähesten, unerschütterlichsten Menschen der Welt sind. Wer unsere Mütter beleidigt, wird mit der elektrischen Säge traktiert. Wir zwingen junge Männer dazu, Baumwollunterwäsche zu essen, um die Ehre unserer Schwester zu verteidigen. Aber sind wir auch zäh genug, eine Gemeinde aufzubauen, die Kinder wie mich zwingt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, statt sich aus ihr zurückzuziehen? Sind wir zäh genug, um in den Spiegel zu sehen und zuzugeben, daß unser Verhalten unseren Kinder schadet? […] Nicht Regierungen oder Konzerne haben diese Probleme geschaffen, auch sonst niemand. Wir haben sie selbst geschaffen, und nur wir können sie lösen. […] Die genaue Lösung kenne ich auch nicht, aber ich weiß, daß sie dort ansetzt, wo wir aufhören, Obama oder Bush oder irgendwelche gesichtslosen Konzerne verantwortlich zu machen, und uns fragen, was wir selbst tun können, um die Lage zu verbessern.


In Hillbilly Elegie zeichnet J.D. Vance von eigenen Erfahrungen ausgehend und diese mit u.a. soziologischen Untersuchungen untermauernd, erweiternd und verallgemeinernd das Bild einer Subkultur, die den Kontakt zur Lebenswirklichkeit zu verlieren droht. Das Resümee, das man aus der Darstellung Vance‘  ziehen kann, bietet wenig Anlaß, optimistisch in die Zukunft zu sehen, da vor allem nicht erkennbar ist, daß bei den Betroffenen selbst der Wille da ist, zu verändern. Das stetig wachsende Drogenproblem verschärft diese Tatsache vollends. Es bedarf offensichtlich vieler glücklicher Umstände, daß jemand diesem Milieu zumindest die äußerlichen Verhältnisse betreffend entkommt, Vance macht aber auch deutlich, daß die gesamte, von Aggression u.a. Stress bestimmte Lebensweise der Hillbillys irreparable psychische Schäden hervorruft [6]. Auch wenn der jetzige Präsident der USA natürlich noch andere Wähler hatte, verwundert es nach der Lektüre des Buches jedenfalls nicht, daß Trump in den ‚Hillbilly-Staaten‘ wie Ohio, Kentucky, oder West-Virgina, die z.T. auch als Swing-States galten, gewonnen hat [7]. All die Eigenschaften und Äußerungen Trumps, die ihn den Augen der ‚anderen‘ unmöglich machen, sind für die Hillbillys allenfalls ein Zeichen dafür, daß er zu ihnen gehört [vgl. auch Sailer in 4]. Jemand, der seine Arbeitsstelle selbst kündigt und Obama dafür verantwortlich macht, ist auch für alternative Fakten empfänglich….

Sicher ist einiges von dem, was Vance beschreibt, im Analogschluss auf andere Milieus, auf andere Gruppen, die in Gefahr sind, Parallelgesellschaften auszubilden, übertragbar. Bildungsferne, ein mit erheblichem Aggressionspotential verbundener Ehrbegriff, eine falsche Selbstwahrnehmung, die Verweigerung, für die eigene Lebenssituation Verantwortung zu übernehmen und diese auf andere zu deligieren oder auch das Ausnutzen von sozialen Hilfen und Unterstützung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Hillbillys. Insofern kann man aus diesem Lebenslauf von J.D. Vance unter Umständen auch Lehren ziehen für eigene gesellschaftliche Probleme.

So macht Vance mit seiner Biographie deutlich, wie gespalten die Gesellschaft der USA ist. Und schlimmer noch: auch er, der dieser Gesellschaft entstammt, kann nicht sagen, womit man diese Spaltung rückgängig machen könnte, im Gegenteil, scheint dieser Prozess im Irreversiblen angekommen zu sein. Der Teufelskreis aus faktischem Stellenmangel, aus persönlicher Faulheit, aus immer anspruchsvolleren Berufsbildern, die mit einer absolut unzureichenden Schulbildung konfrontiert werden – wer soll, wer kann (und vor allem wie) diesen Kreislauf durchbrechen?

Links und Anmerkungen:

[1] zur offiziellen Webpräsenz des Autoren: http://www.jdvance.com
[2] Wiki-Seite zu den Appalachen: https://de.wikipedia.org/wiki/Appalachen
[3]
[4] Razib Khan: The Scots-Irish as indigenous people; in:  http://blogs.discovermagazine.com/gnxp/2012/07/the-scots-irish-as-indigenous-people/#.WPhUvqVSDcs
vgl. auch diesen Aufsatz: Steve Sailer: Is Trump Scots-Irish? in:  http://www.unz.com/isteve/is-trump-scots-irish/
[5] siehe hier: http://www.mithril.com/team/
[6] als ich diesen Abschnitt las, fiel mir auf, daß ich mir selbst heute noch hin und wieder an Sonntagen sage, du musst da morgen nicht hin und ich damit eine aufkeimende Nervosität ersticke. Den Job, um den es geht, hatte ich Anfang der neunziger Jahre (!) gekündigt…
[7] vgl. die Landkarte z.B. hier:  https://www.welt.de/politik/…Trump.html
[8] ZEIT online: Donald Trumps Umfragewerte auf Rekordtief; in:  http://www.zeit.de/…amtsjubilaeum

J. D. Vance
Hillbilly-Elegie
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Originalausgabe: Hillbilly Elegy, NY, 2016
diese Ausgabe: Ullstein, HC, ca. 304 S., 2017

Schaut man sich die Liste aller bisherigen Nobelpreisträger [3] an, so fällt der Name ‚Curie‘ heraus, weil er insgesamt fünfmal dort auftaucht:

  • 1903 wurde der Preis für Physik an Pierre Curie und seine Frau Marie Curie vergeben,
  • 1911 erhielt Marie Curie als alleinige Preisträgerin die Auszeichnung in der Kategorie Chemie und
  • 1935 schließlich erhielten Tochter Irène Joliot-Curie und Schwiegersohn Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis

Aus diesen nüchternen Fakten läßt sich die beeindruckende Ausnahmestellung Marie Curies (1867 – 1934) herauslesen: Sie war die erste Frau überhaupt, der ein Nobelpreis verliehen worden war, sie war die erste (von insgesamt nur sechs) Personen, die den Preis zweimal erhielten und mit ihrer Tochter Irène sind sie das einzige Mutter/Tochter-Paar, das diesen Preis bisher zuerkannt bekam. Daß sie ihre erste Auszeichnung zusammen mit ihrem Ehepartner erhielt, ist ebenfalls eine große Ausnahme.

Eine imponierende Frau also, die in Polen als fünftes Kind eines Lehrerehepaares geboren worden war. Polen war zu dieser Zeit kein selbstständiger Staat, sondern gehörte zum Reich des russischen Zaren, der Polnisches im Land verbot, so z.B. die Sprache… Der Familie Sklodowski wurde mangelhafte Loyalität zu Russland vorgeworfen, was zu Repressionen führte. Die Tochter Maria (die Umbenennung in Marie fand erst später statt) interessierte sich früh für wissenschaftliche Geräte und Probleme. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, schloss sie mit ihrer Schwestern Bronja einen Pakt, nach Frankreich zu gehen, wo Frauen einen Studienplatz erhalten konnten. Erst wollte die jüngere Schwester die ältere unterstützen, danach sollte es umgekehrt sein.

Ich will jetzt weder den wissenschaftlichen Werdegang von Marie Curie noch ihren privaten Lebenslauf wiedergeben, dies nämlich ist Inhalt des ersten Teils von Schadwinkels Ausführungen. Mit ihrer Arbeit geht es der Verfasserin im wesentlichen darum, das öffentliche Bild der Frau, die ihre Rollen als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter in der öffentlichen Wahrnehmung mit einschüchternder Perfektion ausgefüllt hat und die mit ihrer Einstellung Frauen den Weg in der Forschung geebnet habe, unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und als Ergebnis einer spektakulären Imagekampagne zu erkennen. „Dieser war es nämlich gelungen, das Bild einer Art Superheldin zu schaffen, die zu klug, zu engagiert und zu talentiert war, um von normalen Frauen nachgeahmt zu werden.“ Die normalen „Erdlinge“ waren nicht gut genug für diesen Mythos, sie konnten nur scheitern. Marie Curie also als übermächtige, einschüchternde Person. Wobei diese ‚Korrektur‘ nichts ändert an der Großartigkeit der Leistung und der Person Marie Curies.

Was war passiert? Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre (1906) trauerte Marie Curie sehr unter ihrer Verlust.  Wenige Jahre nach dem Tod Pierres kam es zu einer Schmutzkampagne gegen sie, die Polin, weil ihre Liebesbeziehung mit dem verheirateten Physiker Langevin bekannt wurde und zu üblen Rufschädigungen führte [6]. Daß sie Nobelpreisträgerin war (im allgemeiner Einschätzung jedoch eher die Assistentin ihres Mannes galt), spielte in der voyeuristisch aufgeheizten Debatte keine Rolle mehr, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit litt dramatisch. Dazu kam, daß – später auch unter der Nachwirkung des Krieges – ihr Labor miserabel ausgestattet war, es fehlte an allen Ecken und Enden.

In dieser Situation kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Journalistin Marie Mattingly Meloney [9] auf sie zu und bot ihr die Möglichkeit, über eine Kampagne in den USA Geld zu sammeln, um Forschungsmaterial, sprich Radium, für ihr Labor zu kaufen. Durch die Not gedrungen, stimmte Marie Curie dem Vorschlag der Amerikanern zu, die daraufhin die sowieso schon herrschende Sympathie, die Curie in den Staaten genoss, geschickt immer weiter anheizte und hochpushte.

Weitere Faktoren für das positive Bild Marie Curies in der Öffentlichkeit war die verklärende Biographie, die Eve Curie, die zweite Tochter Maries, verfasste und 1934 veröffentlichte.

In ihrem letzten Abschnitt befasst sich Schadwinkel mit der heutigen Situation von Frauen in der Wissenschaft. Gekennzeichnet ist diese dadurch, daß der Anteil von Frauen auf und in den unteren Stufen, sprich dem Studium, hoch ist, aber je ‚höher‘ hinauf auf der akademische Leiter es kommt, desto geringer wird der Anteil der Frauen, die man trifft. Nur relativ wenigen gelingt es noch ‚oben‘. Die Gründe sind mannigfach und bestehen trotz vieler Förderanstrengungen nach wie vor.

Kurze Abschnitte widmet Schadwinkel ferner möglichen Anwendungen von radioaktiven Substanzen als Strahlenquellen (von radioaktiver Strahlung zu reden ist etwas irreführend, denn die Strahlung ist nicht radioaktiv, sondern sie ist Radioaktivität von Substanzen äußert sich u.a. als Strahlung) z.B. in der Medizin bei der Bekämpfung von Krebs. Erschreckend ist die Naivität, mit der damals die Risiken nicht gesehen wurden. So nutzten ‚Strahlenärzte‘ nach Schadwinkel damals die Rötung der eigenen Haut als eine Art Dosimeter für die an Patienten vorgenommene Bestrahlung…. Ganz kurz geht die Verfasserin auch auf die GAU in Tschernobyl und Fukushima ein. Größeren Raum widmet sie der Diskussion um die heutige Rolle und die Möglichkeiten von Frauen und Forschung und Wissenschaft.


Schadwinkels übersichtsartige Ausführungen sind in der Reclam-Reihe 100 Seiten erschienen [5]. Sie sind knapp gehalten und geben einen konzentrierten Überblick über die biographischen und wissenschaftlichen Eckdaten des Lebens von Marie Curie und daraus resultierenden Fragen von heute.

Als Überblick und Einstieg ist das Heftchen sicher gut geeignet. Leider ist es jedoch so, daß die unter ‚Gemecker‘ angemerkten ‚Klopse‘, die die Wissenschaftsredakteurin [7] in ihrem Text versteckt hat, diesem etwas vom Glanze nehmen.


Gemecker:

An zwei Stellen des Buches bin ich heftig ins Schlingern geraten:

… So nimmt 1942 in Chicago der weltweit erste Atomreaktor den Betrieb auf. Er produziert Material für das Manhattan-Projekt, das die erste Atombombe entwickelt. Sie basiert auf Polonium. Am 6. August schließlich setzt das amerikanische Militär die neue Waffe zum ersten Mal ein. [S. 63]

Tja… Polonium hatte damit nur wirklich nichts zu tun und Polonium mit Plutonium zu verwechseln – das ist schon ein grober Schnitzer von Autorin und Verlag. Der Rest der Aussage ist ebenso zumindest missverständlich. Die erste Bombe (Hiroshima) basierte auf U-235, das in Oak Ridge über eine Gaszentrifugenanlage gewonnen worden war. Plutonium (sic!) war Ausgangsmaterial für den Trinity-Test (der aber nur ein Test und keine Bombe war) und dann für ‚Fat Man‘, den zweiten Atombombeneinsatz der Amerikaner am 9. August 45 über Nagasaki.

Das zweite Schlingern ist dagegen schon fast humoristisch:

… liefert das Paar den Beweis, dass sich ein Element von Menschenhand in ein andres verwandeln lässt. … wird Aluminium nach dem Beschuss zu radioaktivem Phosphor. Die Halbwertszeit des strahlenden Elements beträgt dreieinhalb Minuten – dann zerfällt es zu stabilem, nicht radioaktivem Silikon. [S. 77]

Jetzt erfahren wir Heim- und Handwerker also endlich, wo das Zeug in der Kartusche (oder dem Brustimplantat…) wirklich herkommt…. Mit Silikon ist natürlich das Element gemeint, das den guten, alten und allgemein üblichen Namen Silizium trägt[4]; ‚Silikone‘ dagegen – die es tatsächlich gibt – sind chemisch was völlig anderes, stellen eine eigene Substanzklasse in der (organischen) Chemie dar… Wie steht es so treffend (und vllt auch hier gültig) in der Wiki: „Silikon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Die im Englischen ähnliche Schreibweise führt oft zu falschen Übersetzungen.“ [8]


Links und Anmerkungen:

[1] —-
[2] Alina Schadwinkel: Als Ikone vermarktet, aber der Forschung verschrieben; in:  http://www.zeit.de/wissen/geschichte…komplettansicht
[3] z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger  oder auch hier: https://www.planet-wissen.de/…diefamiliecurie100.html
[4] siehe z.B. hier: http://www.periodensystem-online.de/…nuklid
[5] vlg. hier: https://www.reclam.de/…Infobroschuere.pdf
[6] vgl. z.B. hier: http://www.sciencesofa.info/…dangereuse/
[7] Autorenprofil bei der ZEIT, wo sie im Ressort Wissen arbeitet:  http://www.zeit.de/autoren/S/Alina_Schadwinkel/index
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Silikone
[9] https://www.britannica.com/biography/Marie-Mattingly-Meloney

Alina Schadwinkel
Marie Curie
diese Ausgabe
 (Originalausgabe): Broschiert, 100 S., 2017

John Williams: Augustus

26. Januar 2017

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung  war die aller erste…. (Lukas 2, 1-2)


Der Amerikaner John Williams [1] veröffentlichte diesen Roman 1972, er wurde als einziges seiner wenigen Werke schon zu Lebzeiten anerkannt, bekam ein Jahr darauf den National Book Award. Williams, der nach einem bewegten Berufsweg Dozent für Englische Liteatur in Denver gewesen war, verstarb 1985, lange Jahre bevor auch seine beiden anderen Romane Stoner und Butcher´s Crossing als herausragende Werke reüssierten [s.u.]. Allen drei Romanen ist zu eigen, daß sie sich auf eine Person konzentrieren, in Stoner und Augustus schildert Williams ein ganzes Leben, in Butcher´s Crossing eine entscheidende Episode eines Lebens. Diese beiden ersten Roman Williams handeln von fiktiven Figuren, in denen aber, erkennbar durch die Namensgebung (William Stoner, William Andrews, John Williams) auch Biographisches mit eingeflossen ist.

Kaiser Augustus dagegen ist eine historische Persönlichkeit [2], eine der herausragenden Persönlichkeiten überhaupt in der Weltgeschichte. Was mag Williams bewegt haben, diese historische Romanbiographie zu verfassen, die so täuschend echt gelungen ist, daß Williams es für geraten hielt, in einer Vorbemerkung den Leser zu bitten, dieses Buch als das zu nehmen, als was es gedacht ist – ein Werk der Imagination … das allenfalls eine ‚literarische Wahrheit‘ wiedergibt. Wahrscheinlich hätte diese Aussage seinem Augustus gefallen, denn diesem diktiert Williams den altersweisen Gedanken in die Feder, dass es der Dichter [ist], der über das Chaos der Erfahrung nachdenkt, über die Konfusion des Zufalls, die unfassbaren Bereiche des Möglichen – womit nichts anderes gesagt ist, als dass er über die Welt nachdenkt, in der wir alle leben, die zu untersuchen sich aber nur wenige die Mühe machen

So imaginiert Williams mit seinem Augustus das Leben und Wirken eines Mannes, dessen Lebenslauf von vielen Zufällen abhing, der ihm keineswegs jedoch in die Wiege gelegt war. Und der im hohen Alter in der Rückschau auf sein Leben zu der Feststellung kommt, daß ihm der ‚wahre‘ Augustus in den vielen Rollen, die Augustus einzunehmen hatte, abhanden gekommen ist….


Julius Cäsar war in einer Welt zur Macht gekommen, die so korrupt war, wie Du es Dir nicht vorzustellen vermagst. Gerade mal sechs Familien regierten die Welt; Städte, Regionen und Provinzen unter römischer Herrschaft hieß die für Bestechung gezahlte Währung; im Namen der Republik und unter dem Deckmantel der Tradition galten Mord, Bürgerkrieg und brutale Unterdrückung als akzeptable Mittel zum Erlangen von Macht, Reichtum und Ruhm.

augustus-cover

Daß Gaius Octavius viele Jahre später einmal den Ehrentitel Augustus verliehen bekam, war nicht selbstverständlich. Sein Leben, sein Lebenslauf hing in zweifacher Weise von Julius Cäsar ab. Zum einen war der aus keiner der maßgeblichen römischen Familien stammende Octavius über seine Mutter mit Cäsar verwandt, er war dessen Großneffe. Und Cäsar war von dem jungen Mann, der körperlich nicht sehr robust war uns ein Leben lang anfällig sein sollte für Krankheiten, so beeindruckt, daß er ihn adoptierte und testamentarisch als seinen Nachfolger einsetzte.

Cäsar wurde bekanntlich in den Iden des März des Jahres 44 vor Christi ermordert, und dies keineswegs von Sonderlingen. Die Mörder fühlten sich getragen von einer breiten politischen Mehrheit im Senat, die um ihre politischen Einfluss fürchteten (ich habe ja vorstehend in dem längeren Zitat eine Beschreibung der herrschenden Zustände vor Cäsar wieder gegeben), hatte Cäsar doch vor, die Macht in Rom auf seine Person zu konzentrieren. Nach dem Tod Cäsars zeigte sich jedoch, daß die Verschwörer keinerlei Plan hatten, wie es jetzt weitergehen sollte. Die naive Vorstellung jedenfalls, mit dem Tod Cäsars sei alles wieder wie vorher, war unzutreffend, man musste beispielsweise schon bald bestätigen, daß sämtliche Anordungen (auch die noch nicht veröffentlichten) weiterhin gültig waren. Der antizipierte Tyrann damit zwar tot, aber gleichzeitig auch rehabilitiert.

Zum anderen war der gerade mal neunzehnjährige Octavius der offiziell per Testament zum Erbe und Nachfolger Cäsars Eingesetzte. Die Eltern rieten ihm dringend ab, das Erbe anzunehmen, doch Octavius, der sich mit Freunden auf der anderen Seite der Adria aufhielt, als er die Nachricht vom Attentat auf Cäsar bekam, sah auf einmal seine Aufgabe vor sich. Nicht Dichter oder Gelehrter wollte er mehr werden, sondern: …. ich kannte jetzt mein Schicksal …. es bestand schlicht darin, die Welt zu ändern. – so sollte es Augustus Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, formulieren.

Gaius Octavius war also entschlossen, das Erbe anzunehmen, wusste aber natürlich genau um die riesigen Probleme, die ihn erwarteten. Heimlich setzten er und seine Freunde nach Italien über und nahmen in Rom sowohl den Kampf um die Macht auf als auch die Aufgabe, Cäsars Tod zu rächen. Auf der Habenseite hatte der Neunzehnjährige seine Intelligenz, seine Kaltblütigkeit, das ungeheure Erbe Cäsars (auf das gleichwohl auch andere schon, insbesondere Marcus Antonius seine Hand gelegt hatte) und die Sympathien, die der ermordete Cäsar beim Volk und bei den Soldaten hatte. Sowie last noch least die Tatsache, daß seine Gegner ihn sträflich unterschätzten und selbst keinen Plan hatten.

Es begann eine Zeit grausamer Kriege, in den Römer gegen Römer standen, wechselnde Allianzen eingegangen, Intrigen geschmiedet und Soldaten unter dem Versprechen horrender Geldsummen zum Überlaufen animiert wurden. Gleich zu Anfang der Militärherrschaft des ‚Triumvirats‘ (Octavian, Marcus Antonius, Lepidus) wurde im Senat ‚Säuberungen‘ durchgeführt, der Tod Cäsars blutig gerächt. Ende dieser Periode war der Herrschaftsbereich im Römischen Reich aufgeteilt auf Marcus Antonius im Osten und Octavius im Westen. Im Osten hatte sich Marcus Antonius mit der ägyptischen Königin Cleopatra verbündet und verbunden, in der entscheidenden Schlacht 31 v.Chr. bei Actium, die Octavians fähigster Generals Marcus Agrippa für ihn gewann, verlor Marcus Antonius, der im Jahr darauf zusammen mit Cleopatra in den Suizid ging. Damit war Rom wieder geeint, unter Octavian. Dreizehn Jahre brutaler Kriege und einer Militärherrschaft waren vorüber, es galt jetzt, das Land, das Reich zu befrieden.


Dieser Werdegang Octavians beginnend mit der Nachricht vom Tode Cäsars bis zum Tod Marc Antons ist Inhalt des in ersten Abschnitts des in drei ‚Bücher‘ aufgeteilten Textes von Williams. Es ist kein fortlaufender Prosatext, Williams hat für sein Buch die Form eines Briefromans gewählt, in dem neben Briefen Auszüge aus Notizen, Bücher, Fragmenten wieder gegeben werden. Wenn auch die vielen Namen der Schreiber und Adressaten anfangs verwirren (man also immer wieder mal im beigefügten ‚Who was who‘ im alten Rom nachschlagen muss), so kann Williams auf diese Art sehr viele unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen in seinen Roman einführen. Häufig stellt er ein und denselben Vorgang derart aus verschiedenen Blickwinkeln dar, selbstverständlich kommen auch die Gegner und Feinde Octavians zu Wort.

Williams teilt seinen Roman in Analogie zum Leben des Octavian auf. Nachdem dieser durch die Niederlage und den Tod Marcus Antonius de facto der alleinige Herrscher Roms geworden ist, sollte eine andere Facette seines Wesen Oberhand gewinnen. Zuerst aber griff Octavian nicht direkt nach der Macht, versuchte nicht, sich als Alleinherrscher zu etablieren und die Republik aufzulösen. Vielmehr verstand er es, sich unentbehrlich zu machen, der Senat trug ihm Befugnisse und Ämter von sich aus an, viele dieser Ämter waren zeitlich begrenzt und mussten regelmäßig neu an ihn vergeben werden. So hatte Octavian, dem der Senat 27 v.Chr. den Ehrentitel ‚Augustus‘, d.h. der zu Ehrende, verlieh, zwar de facto die Macht in Rom in seinen Händen, nach außen hin trat er aber ’nur‘ als erster Bürger Roms, ‚Princeps‘, in Erscheinung.


Augustus hatte machtpolitisch zwei Schwachstellen. Zum einen war er ein Emporkömmling, der blutmäßig keiner der großen Familien der Stadt entstammte. Zum zweiten hatte er trotz dreier Ehen keinen Sohn, den er zu seinem Nachfolger hätte aufbauen können. Einzig aus seiner zweiten Ehe wurde ihm eine Tochter geboren, Julia.

Deren Tagebuchaufzeichnungen, geschrieben in der Verbannung auf eine kleine Insel im Golf von Neapel, bilden das Rückgrat des zweiten Teils des Augustus, in parallel um Schicksal der Tochter der Mensch, der Privatmann Augustus im Mittelpunkt steht. Beider Schicksale sind eng verknüpft..

Julia war ein sehr wissbegieriges, intelligentes, von ihrem Vater geliebtes Mädchen, das eine privilegierte, ansonsten nur den Jungen vorbehaltene Ausbildung geniessen durfte in den Fächern der damaligen Zeit, gegeben von hervorragenden Lehrern und Wissenschaftlern. Julia als leibliche Tochter war jedoch auch die bevorzugte Möglichkeit, über die Augustus seine Nachfolge zu regeln versuchte, für Augustus waren Hochzeiten und Ehen Instrumente der Machtpolitik und des Machterhalts.

So wurde Julia mit vierzehn Jahren zum ersten Mal (mit einem Jüngling) verheiratet und  mit siebzehn wurde sie zum ersten Mal Witwe. Auch die zweite von Augustus arrangierte Heirat mit seinem Freund und fähigstem Feldherren Marcus Agrippa nahm die Tochter noch als selbstverständliche Notwendigkeit hin, als Tochter des Kaisers und Frau seiner mächtigsten und besten Freundes genoss sie ein Leben im Luxus und besaß hohen Einfluss. So großen Einfluss, daß sie ihren Willen durchsetzen konnte, ihren Mann gegen alle Tradition auf eine Dienstreise nach Kleinasien zu begleiten. Dort lernte sie sozusagen „…the bright side of life….“ kennen…

Eine dritte Heirat nach dem plötzlichen Tod Agrippas wurde mit dem sowohl dem Vater als auch Julia verhassten Tiberius, den Sohn der Stiefmutter Livia aus erster Ehe, arrangiert. „Du weißt genau, wie grausam er ist.“ – „Das weiß ich, …… Du wirst ein Leben außerhalb dieser Ehe finden, und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Wir gewöhnen uns alle an unser Leben. ….“ Der Vater sollte Recht behalten, Julia, die in Kleinasien eine andere Seite des Lebens kennengelernt hatte, fand ein Leben ausserhalb der Ehe mit Tiberius, der aus diversen Gründen viele Jahre ausserhalb von Rom auf Rhodos weilte.

Augustus brachte in dieser zweiten Phase seines Lebens dem Reich inneren und äußeren Frieden. Er sicherte die Grenzen (hatte nur im Norden, gegen die germanischen Barbaren, Probleme), im Inneren baute er die Infrastruktur aus, niemand musste mehr hungern, den Bürgern Roms gab er Brot und Spiele. Auch wenn ihm selbst viele der Vergnügungen und Rituale des öffentlichen Lebens nichts sagen, nahm er daran teil, um seine Verbundenheit mit dem Volk zu demonstrieren.

Privat war Augustus bescheiden, sein Haushalt verblüffte viele Besucher, die Prächtigeres gewohnt waren und erwartet hatten. Gerne umgab er sich mit Dichtern, sie erinnerten ihn wohl an frühere, eigene Ideale. Vergil, Horaz, in gewissem Masse auch Ovid, der aber später in Die letzte Welt nach Tomi verbannt wurde, waren von ihm gern gesehene Gäste und Freude. Sein alter Begleiter Maecenas, dem wir noch heute mit dem Begriff des ‚Mäzens‘ gedenken, war nicht nur Politiker und Soldat, sondern ebenso ein Förderer der Dichtkunst…

Augustus rgierte nicht ohne Feinde zu haben, es gab Verschwörungen gegen ihn. Bei einer dieser Verschwörungen geriet sogar Julia unter Verdacht, um sie zu retten, klagte Augustus selbst die mittlerweile sehr freizügig lebende Tochter der Verletzung der von ihm selbst erlassenen strengen Sittengesetze an, Julia wurde verbannt, eine stetig offene Wunde im Herzen des Vaters.


Augustus herrschte Jahrzehnte in Rom, er war ein alter Mann geworden. Noch einmal machte er sich auf den Weg, in Neapel Spielen beizuwohnen, er hatte es versprochen. Es ist ein sehr schönes Bild, das Williams hier verwendet hat: der Augustus, der in Rom alles geregelt hat, sein Testament hinterlegt hat, besteigt ein Schiff, daß nur von den Winden bewegt, seinem Ziel entgegensteuert. Die Ruderer, die an Bord sind, kommen nicht zum Einsatz. Die Ruhezeit an Bord (immer unter den misstrauischen Augen des jungen Arztes, der ihn begleitet) nutzt Augustus, einen Brief an einen Freund als längst vergangenen Tagen zu schreiben, der einzige der Freunde, der noch unter den Lebenden weilt, und ein Resümee seines Lebens zu ziehen.

Es ist ein nachdenkliches, resignierendes Schreiben, in dem Augustus sich sein Scheitern als Mensch eingesteht, seit beinahe zwanzig Jahren nämlich finde ich, ich habe für nichts gelebt. … Ich habe nie die Welt erobern wollen und wurde immer eher beherrscht, als daß ich Herrscher war. …. Der junge Mann, der die Zukunft nicht kennt, hält das Leben für ein episches Abenteuer, …. Der alte Mann jedoch wird, spielt er die ihm zugewiesene Rolle, einsehen müssen, dass das Leben eine Komödie ist. …..

… die ihm zugewiesene Rolle … Augustus spielte sie, diese Rollen, er spielte sie so sehr und es waren ihrer so viele, daß er sich am Ende selbst verloren hatte, dass es [auch für ihn] ein Selbst gar nicht mehr gab. Für jeden Menschen, so Augustus, kommt früher oder später der Moment, in dem er die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.

Doch Williams läßt den Kaiser nicht in dieser resignierten Stimmung, er beschert ihm ein Erlebnis, daß ihm sein segensreiches Wirken offenbart. Sie begegnen nämlich einem Frachtschiff, das ägyptischen Weizen nach Rom bringt und dessen Kapitän Augustus auf Lateinisch für den Frieden auf den Meeren dankt, der diese Fahrt erst ermöglicht. Noch vor einigen Jahren, so sinniert Augustus, hätte der Kapitän Griechisch gesprochen, wäre die Fahrt der Piraten wegen gefährlich gewesen. So drang und dringt still und unauffällig die römische Kultur in andere Kulturen ein, selbst, wenn Rom – was Augustus vermutet – äußeren Feinden nicht mehr standhalten wird und früher oder später fällt, wird diese Kultur die des Eroberer verändern und verfeinern…

Augustus weiß, daß er sterben wird. Sein Körper ist alt, versagt hie und da seinen Dienst. Aber er hat auf dieser Reise seinem Tod entgegen Bilanz gezogen und wenngleich er möglicherweise die Dichters um ihr Leben und Wirken beneidet hat, so tröstet ihn doch der Gedanke, sein Gedicht sei Rom gewesen, welches er, so wie ein Dichter die Worte zu Sätzen, die Sätze zu Zeilen, die Zeilen zu Strophen und letztere schließlich zu einem Gedicht ordnet, zu seinem Gedicht geordnet hat.


Das Buch schließt mit einem Brief des Arztes Philippus, der seinerzeit den Kaiser auf dessen letzter Fahrt begleitete und der dessen Tod miterlebte. Jahrzehnte später beschreibt Philippus seinem Freund Seneca die Umstände dieses Todes… und Williams legt seinem Briefschreiber eine (für uns heutige) ironisch wirkende Hoffnung in den Mund, daß nämlich nach den auf den Augustus folgenden und teils grausamen oder unfähigen Kaisern jetzt jemand folgt, auf den man Hoffnung setzen kann. Gemeint ist Nero. Auch eine derartige Ironie ist für Williams nicht ungewöhnlich: in Butcher´s Crossing kommen die ‚Helden‘ nach unsäglichen Qualen aus der Wildnis zurück mit ihren Fellen und müssen erfahren, daß der Markt zusammengebrochen ist.

Wie ordnet sich dieser Augustus in das Gesamtwerk von John Williams ein, ein Gesamtwerk, daß wir – traurigerweise – ja überblicken können. Dazu nimmt in einem sehr lesenswerten Nachwort der US-amerikanische Journalist und Buchautor Daniel Mendelsohn Stellung [3]. Er arbeitet u.a. heraus, daß das Leben der Helden Williams, egal, ob so mächtig wie Augustus oder eher ohnmächtig wie Stoner und Andrews, von Zufällen abhängig ist, daß letztlich all seine Helden nur Menschen sind, arme Geschöpfe, allein und getrennt von allen. Augustus ist im Alter kein Freund mehr geblieben (Philippus betont diesen Eindruck in seinem Schreiben an Seneca), und auch Stoner streichelt in seinen letzten Momenten keinen Menschen, sondern den Einband seines Buches, das er vor Jahrzehnten geschrieben hatte…. Eine weiterer Parallelität zwischen Stoner und Augustus liegt in der jeweiligen Beziehung zur Tochter. Beide lieben ihre Töchter, beide verlieren sie in gewisser Weise, Stoner an seine Frau, Augustus opfert Julia seiner Machtpolitik.

Es ist ein literarischer Augustus, den uns Williams geschaffen hat und es gut, sich das hin und wieder in Erinnerung zu rufen. Zu gut, zu plastisch tritt uns diese literarische Figur in den Briefen, Notizen, Tagebucheintragungen, die Williams uns darbietet, hervor, sie wächst ans Herz, sie wird im Lauf der Handlung für Rom immer mehr ‚alternativlos‘: was wäre aus Rom geworden, wenn genau zu dieser Zeit ein anderer, minder begabter, die Macht gehabt hätte? Denn entgegen seiner Befürchtung überdauerte sein staatsmännisches Wirken viele Jahrzehnte. Williams zeigt uns den Menschen Augustus, so wie er ihn hinter der nicht sehr umfangreichen ‚Fassade‘ der historische Persönlichkeit vermutet. Es gibt nicht viel Material über Augustus, ein Teil seiner Wirkung beruht auch darauf, mit seinen Motiven und Absichten immer etwas undurchsichtig, geheimnisvoll gewesen zu sein.

Ich habe ein wenig in Geschichtsbüchern über das Zeitalter Augustus` nachgelesen. Es ist klar, daß ein Jüngling, der aus dem realpolitischen Nichts auf der Bühne erscheint und der ein Jahrzehnt später de facto Herrscher des mächtigsten Reiches sein sollte, dies nicht durch Verabreichung von Globuli an seine Feinde geschafft hat. Es muss ein grausames Jahrzehnt des Machtkampfes gewesen sein, voll mit Blut, mit Intrigen, mit Absprachen, mit Hinterlist… oft, und das hat der literarische Augustus gut erkannt, kam der Zufall zu Hilfe, der das Unwahrscheinlichere dem Naheliegenderen vorzog und Augustus damit begünstigte…. allein der Übergang aus dieser kriegerischen  in die Friedensphase zu bewältigen: ein Meisterwerk, das die Genialität des Mannes offenbart.

… und geradezu prophetisch für unsere Tage die resignierende Feststellung, die Williams 1972 seinem Augustus am Ende seines Lebens zubilligt (und mit diesem etwas längeren Zitat will ich dann auch meine Buchvorstellung beenden): In den letzten Jahren kam mir immer mal wieder der Gedanke, dass der dem Menschen angemessene Zustand, also jener, in dem es ihm am besten geht, gar nicht ein Leben in Wohlstand, Frieden und Harmonie ist. …. In den ersten Jahren meines Amtes fand ich immer wieder Anlass, meine Landsleute zu bewundern. Trotz aller Entbehrungen klagten sie nicht und waren oft sogar guter Laune; ….. Wir leben den römischen Wohlstand. … Wir leben die römische Harmonie. … Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeiten überdrüssig sehen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, … wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten. … Möge diese Feststellung von Augustus jeder für sich auf unsere heutige politische Lage übertragen und anwenden….

Ich war seinerzeit von Stoner und Butcher´s Crossing begeistert, hatte mich dann aber nicht an Augustus herangewagt, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß Williams noch so ein Meisterwerk geschaffen haben könnte. Welch ein Irrtum! Daher – und sehr gerne – einen großen Dank an das Christkind, daß mich mit diesem Werk beschenkte!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Williams_(Autor)
[2] Wiki-Beitrag über Augustus: https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus
[3] vgl. diese Buchbesprechung in The New York Review of Books: Daniel Mendelsohn: Hail Augustus! But Who Was He?; in:  http://www.nybooks.com/articles/2014/08/14/hail-augustus-who-was-he/

Weitere Besprechungen von Williams´ Romanen hier im Blog:

– Stoner
Butcher´s Crossing

John Williams
Augustus
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben
Mit einem Nachwort von
Originalausgabe:
diese Ausgabe: dtv, HC, 480 S., 2016

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