Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter

Oskar Maria Graf (http://www.oskarmariagraf.de/biographie-lebensdaten.html) war noch nie ein Autor, von dem ich etwas lesen wollte. Ich gebe zu, seine äußere Erscheinung mit diesem urbayrischem Habitus und der offenbar unvermeidlichen Lederhose schreckte mich ab – ein Vorurteil, ich weiß. So brauchte es schon den Geiz, mich zur Lektüre eines seiner Bücher, es wird als Hauptwerk bezeichnet, zu bewegen: Das Leben meiner Mutter lag in einer Kiste mit aussortierten Büchern zum Mitnehmen…

Ich bereue es nicht. Das Buch des mir bis dato nur aus seinem Aufruf: Verbrennt mich! bekannten Autoren [womit er sich vehement gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die Nazis wehrte, die ihn nicht auf den Scheiterhaufen des 10. Mai 1933 geworfen hatten…] hat mich von Anfang an berührt und gefangen genommen.

Das Leben meiner Mutter ist in zwei Teile gesplittet. Der erste Teil befasst sich mit der Geschichte der jeweiligen Familienzweige, mit der Schilderung der Lebensumstände der letzten Jahrzehnte, die natürlich besser dokumentiert sind als die Anfänge. Dieser Teil endet mit den ersten Kindern, die die Mutter Therese (‚Resl‘) in die Welt gebracht hat und so setzt der zweite Teil folgerichtig mit dem Erscheinen des Autoren auf dieser Welt an, denn hier steht sein Leben und sein Verhältnis zur Mutter im Mittelpunkt.

Schauen wir uns erst einmal an, wohin uns Graf führt. Auf diesem Kartenausschnitt ist der Starnberger See zu sehen mit den Gemeinden Berg, Maxhöhe, Aufhausen und Aufkirchen, in diesen Ortschaften spielt sich der überwiegende Teil des Lebens der Familien ab.

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Die Heimraths bewirtschaften seit Jahrhunderten einen einsamen Hof bei Aufhausen [noch heute heißt eine Straße dort ‚Am Heimrathhof‚, siehe auch hier: https://www.literaturportal-bayern.de/component/lpbplaces/?task=lpbplace.default&id=297&highlight=WyJoZWltcmF0aCJd], die Geschichte des Hofes läßt sich bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen, wo er seltsamerweise nicht wie die anderen Gehöfte zerstört worden ist. Wie der Heimratherbauer dies angestellt hat, wusste man nicht, es machte ihn aber verdächtig. Die Erwähnung einer teuflischen Erscheinung, die ein Knecht durch ein Loch in der Bretterwand beobachtet hatte (ein Ereignis, das im Kirchenbuch festgehalten wurde), wurde später zum Fluch der Familie, die zwar den Schweden getrotzt, dann aber so ihr Selbstbewusstsein einbüßte, wenngleich eine tiefe Frömmigkeit in diesen Menschen verankert war, die Grenze zum Aberglauben war fließend. Man lebte das Leben als ewigen, gegebenen Kreislauf von Geburt, Aufwachsen, Arbeiten, Kinderkriegen, Altwerden und Sterben, das Grundvertrauen in Gott war groß, das Schicksal, das er einem zugewiesen hatte, wurde ohne es zu hinterfragen angenommen. Auch um die Kinder wurde kein Gewese gemacht, Jedes Jahr wurde eins geboren. Starb es, war es schade drum, blieb es am Leben, war es gut. All dies schien eher kreatürliche Existenz gewesen zu sein denn ein auf Sinnsuche konzentriertes Leben. Das Heute wurde gelebt, für das Morgen sorgte der liebe Gott und wenn er gut sorgt, wird es sich vom heute nicht unterscheiden.

Tat es oft aber doch. Denn Graf nutzt seine Familiengeschichte in mannigfacher Weise, um die politischen Randbedingungen dieser Leben zu erläutern. Dabei sind für die Menschen die weltlichen Herrscher weit unbedeutender als der himmlische, gehen und kommen Fürsten und Könige doch im Lauf der Zeiten, Gott aber bleibt. Die Leut dort sind auch abgeschnitten von den Informationsströmen dort am See, vieles bekommen sie gar nicht erst mit. Nur wenn das Militär durch die Dörfer reitet und die jungen Männer mitnimmt, weil wieder mal ein Krieg geführt werden muss, bricht die große, weite Welt in diese fast hermetisch abgeschlossene ein. Aber auch dies nimmt man mit Gleichmut, es war immer schon so, daß Kriege geführt wurden und es wird immer so sein. Viel unverständlicher ist für die Bauern die Tatsache, daß er im Sommer geführt wird, wo doch das Getreide auf dem Halm steht und geerntet werden muß! Dies ist die Welt, in der die Heimraths leben, in die die Resl geboren wird (fast eine „schad-drum-Geburt“), in der die Resl aufwächst, in der sie sich verankert, in der sie sich durch ihre unbändige Lust am Arbeiten und gleichzeitig ihre nie erschöpfende Kraft darin einbringt. Schon mit zwölf Jahren muss sie einen Knecht ersetzen und wenn sie nach den langen, langen Tagesstunden Arbeit sich am Abend mit den anderen Mädchen und Frauen des Hauses noch für Stunde ans Spinnrad setzt, gilt das eher als Erholung…

Anders dagegen bei den Grafs in Berg. Erst 1831 zugewandert kaufte Andeas Graf in Berg ein Haus, zu dem ein Gewerberecht als Bäckerei gehörte [erst in späteren Jahren wurde dieser Rechtsgrundsatz, ein Gewerbe führen zu dürfen, vom Grundstück auf den jeweils Gewerbetreibenden übertragen]. Dieses Gewerberecht war ein verborgener Schatz, den erst Max Graf barg. Denn Max Graf war im Krieg und fast wäre er nicht wieder heim gekommen, sondern auf dem Feld geblieben. Und solch ein Erleben taugt nicht dazu, in der Heimat wieder zu allem Ja und Amen zu sagen, sondern macht widerständig und offen, neues zu wagen. Was soll einem denn schon noch passieren, wenn man dem Tod schon von der Schippe gesprungen ist? Und so springt Max Graf mit hohem Risiko in das Abenteuer, eine Bäckerei aufzumachen. Und es gelingt, vom scheel angeschauten Saufbold und Krawalleur arbeitet er sich hart zum angesehenen und erfolgreichen Geschäftsmann hoch.

Der Mikrokosmos im Umfeld der Familien ist eng, ist begrenzt, ist geprägt von Missgunst und Neid. Bricht jemand wie der Max Graf aus dem Üblichen, dem Althergekommen aus und erlebt einen Rückschlag, weckt dies ungehemmte Schadenfreude à la „das geschieht ihm recht, das hamma doch gleich gewusst!“, hat er Erfolg, wird ihm dieser geneidet und gleichzeitig wird unterstellt, daß dies wohl mit unrechten Dingen zustande gekommen ist. Lieber aber ist den Menschen der Misserfolg das andere, denn ein Erfolg des „Wagenden“ zeigt immer auch die eigene Rückständigkeit und Mutlosigkeit. Erst wenn das Gelingen so überzeugend und gewaltig ist, wie es später beim Graf sein sollte, wird es – widerstrebend – anerkannt und akzeptiert: zu weit hat sich die Familie Graf aus der Masse abgehoben, als daß sie noch dazu gehören würde.

Der Max Graf schafft wie ein Ochse, Tag und Nacht, er schafft, bis er – ausgerechnet vor dem Besuch der Kaiserin „Sis(s)i“ – beim König Ludwig in seiner Sommerresidenz sterbenskrank darnieder liegt. Na, sterben tut er net, der Max, aber er sieht ein, daß er Hilfe braucht: ein Geselle kommt ins Haus und einen Frau braucht er auch, letzteres Unternehmen packt er an wie den Kauf der Kuh, die ihm vom Jud Schlesinger angeboten wird. Der Wirt hat ihm gesagt, welche (die Resl nämlich) zu ihm passen würd‘, das Angebot ist günstig (die Resl ist fleissig, packt an, ist redlich, fromm, schaut gut aus und die Mitgift ist beachtlich) und die Resl wehrt sich nicht sonderlich – der Pfarrer findet die Verbindung gut, die Mutter ist einverstanden, warum sollte sie dann widersprechen, wo der Max ja doch nicht verkehrt ist, auch wenn er manchmal im Wirtshaus sauft und krakeelt.

Doch es ist ein Irrtum, die Resl und der Max passen nicht zueinander. Nie nimmt die Resl die Rollen, die ihr im Hause Graf zufallen, an. Weder die der Hausfrau, die den anderen sagt, wie was zu machen ist, noch die der Geschäftsfrau oder die der Frau, die zusammen mit dem Mann die Zukunft plant. Unsicher ist sie, lieber im Stall als im Haus, redet lieber mit den Knechten oder der Magd als im Haus mit der neuen Familie. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung anstatt, daß sie die Arbeit verteilt und sie betet zu ihrem Gott, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann. Denn die Grafs haben aufgegeben, an Gott zu glauben, ihres Glaubens wegen sind sie gar zu oft vertrieben oder gar massakriert worden. Ein Onkel Maxens hat dies in Notizen festgehalten, er führt die Familie auf die Albigenser (Waldenser) zurück, die vom Papsttum (und später auch von anderen) gnadenlos verfolgt worden waren.

Der Starnberger See ist ja nicht irgendeine bedeutungslose Ecke in Bayern, auch zu dieser nicht: hier hatte der König seine Sommerresidenz und die Menschen liebten diesen sich seltsam und mit der Zeit immer seltsamer gebenden, imposanten Herrscher. So kamen viele Menschen aus München an den See, bei Festen sogar die Zarin. Man kaufte sich dort Anwesen, die Wirtschaft florierte und auch ein erster Tourismus etablierte sich und brachte einigen eine Menge Geld bis hin zu der Tatsache, daß sogar Grundstücke am See verpachtet wurden, damit Leute dort baden können!

Die Resl kümmert dies alles recht wenig. Sie gebiert in bis zu ihrem 41. Lebensjahr elf Kinder, von denen acht am Leben bleiben. Sie hat „Kindsfüße“ (offene Beine, die sie mit althergebrachten Hausmitteln behandelt), aber für sie gehört dies dazu zum Leben, schon ihre Mutter litt darunter und so machte sie darum kein Aufheben. Der Oskar gehörte zu den letzten der Kinder, er und die Anna. Die Kinder kamen wenig auf die Eltern, auch untereinander waren sie nicht immer einig, häufig gab es Streit. Früh starb der Vater Max, der die Bäckerei zum einträglichen Geschäft aufbaute, danach zerfiel die Familie immer mehr, denn die Mutter war einfach nicht in der Lage, sie zusammenzuhalten. Amerika war das große Ziel vieler, schon die Stasl, die Schwester des Vaters, war dorthin gegangen. Viel und harte Arbeit auch dort, Erfolg, Wohlstand und Reichtum jedoch waren die Ausnahme.

Das älteste der Kinder war der Max, der nach seiner Militärzeit wieder zurückkam und die Bäckerei übernahm. Er terrorisierte die Familie, war ein Heuchler (man kann es nicht anders sagen) und vertrug sich nicht mit den Geschwistern, die ihn bald hassten. Als er dann den mittlerweile sechzehnjährigen Oskar blutig schlug (er hatte dessen heimlich gekauften Bücher entdeckt), büxte dieser aus und floh das Elternhaus in Richtung München.

Ein Sechzehnjähriger vom Land, fast ohne Geld, ohne Berufsausbildung, mit künstlerischen Ambitionen, allein in einer großen Stadt – das konnte eigentlich nicht gut gehn. Und ging es auch nicht wirklich, Oskar verluderte, log, betrog seinen Bruder, kam in Kontakt mit Künstlern und solchen, die es werden wollten. Dieses „Boheme“, wie er es nennt, faszinierte ihn natürlich, umgekehrt wird er mit seinem grob-ungeschlachteten Aussehen ein eher exotischer Akteur gewesen sein. Die linken Ideen von Sozialismus und Kommunismus faszinieren ihn, er kommt in Kontakt mit Anarchisten, trifft auf Leute wie Eisner, Toller oder Mühsam, verteilt Zettel und Flugblätter, nimmt an Versammlungen teil….

Den ersten Weltkrieg überlebt er, er ist kein Soldat und benimmt sich auch nicht so, letztlich landet er in einer Irrenanstalt. Nach dem Krieg sind die Zeiten schlecht, politisch bekämpft jeder jeden, es gibt Unruhen und Aufstände, die Hoffnungen auf eine Revolution werden immer wieder enttäuscht. „Der Verrat der Hoffnung wiegt immer schwerer, wenn er von Linken begangen wird, denn sie ist ihr größtes Kapital. Ist dieses Kapital einmal verbraucht, bleibt nur Verbitterung.“ schreibt Ruben Donsbach ganz aktuell in der Zeit zu den Hintergründen der englischen Version des Chaos, dem Brexit [https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-01/brexit-grossbritannien-bevoelkerung-gesellschaft-spaltung/komplettansicht]. Als ich diesen Satz las, musste ich an Grafs Schilderungen dieser Jahre nach dem ersten Weltkrieg denken, diese Verbitterung tritt in seinem Text oftmals zu Tage,

Auch die Familie zerfällt. Zwischen den Geschwistern herrscht oft Streit, viele von ihnen gehen in die USA, sind dort jedoch nur selten erfolgreich. Besuchen sie die alte Heimat, so sind sie Fremde geworden, können das ruhige, beschauliche Leben mit dem engen Horizont einer bäuerlichen Kultur nicht mehr verstehen. Die Mutter steht dazwischen, versteht all das Neue, was um sie herum entsteht, nicht mehr. Sie bleibt innerlich in der Zeit ihrer Jugend, findet ihren Halt im Beten und in Gott, leidet unter dem Streit der Familie. … Ja, Mutter, du bist aus einer anderen Welt …. Du lebst einfach und weiter gar nichts. so der Sohn Maurus zu seiner Mutter und später dann ähnlich noch einmal in einem Gespräch mit Oskar: … Weißt du, manchmal mein‘  ich, unsre Mutter ist wie ein Tier oder ein Baum. Sie lebt eben dahin, ob das Sinn hat oder nichdt, darüber dentks sie nie nach. und Oskar in seiner Antwort: ….wenn sie jetzt stirbt, hm, grausam – sie hat gar nie richtig gelebt wie ein anderer Mensch. 

Graf kommentiert dies nicht weiter, er schildert seine Mutter, ihr Wesen, ihre Dudsamkeit, ihre Schweigsamkeit auch. Wäre es ihm anders lieber gewesen? An einer Stelle kommt diese Vermutung auf, als es darum geht, daß Resl dem Maurus nie geraten hat, die Leni als Frau zu nehmen, die so gut gepasst hätte… weil so was kann man einem doch nicht raten…

Graf hat diesen Teil seines Buches 1940 (der erste Teil wurde 1938 verfasst) geschrieben, also recht zeitnah. Die Erinnerung des inzwischen Exilierten, davon dürfen wir ausgehen, war noch frisch. Anschaulich beschreibt er, wie sich in diesem wirtschaftlichen und politischen Durcheinander langsam eine bestimmte Kraft etabliert und immer mehr Menschen zu sich zieht – und die auf der anderen Seite immer radikaler gegen ihre (selbsternannten) Feinde vorgeht. Judenfeindliche Parolen, Schlägertrupps, Morddrohungen gegen politische Gegner – all dies nimmt zu und verbreitet eine düstere Stimmung. Und dann wird Hitler tatsächlich zum Reichskanzler ernannt, Graf und seine Frau verlassen Deutschland, denn auch Oskar Graf gehört zu denen, denen das Totgeschlagenwerden angekündigt worden ist.

Das Leben der Mutter und der Grafs durchmaß einige Perioden deutscher Geschichte: 70/71 der Krieg, an dem Max Graf, der Vater, teilgenommen hatte, das Kaiserreich, Bismarck, an dem sich die bayrischen Bauern deftig abarbeiteten, die Unruhen 1918/19, die Weimarer Republik, weitere Unruhen, die Räterepublik in München, der anscheinend unaufhaltsame scheinende Aufstieg der Nationalsozialisten… die Enttäuschung, daß das Volk, die einfachen Menschen, bei all dem keine Rolle spielten, sondern allenfalls Verschiebemasse waren, von den Intellektuellen nach Bedarf genutzt wurden für die eigenen Zwecken. Wie oft wurden Hoffnungen enttäuscht!

Oskar Maria Graf beschreibt dies alles. Sein Text geht weit über eine biographische Erinnerung an seine Mutter hinaus, auch die eigene Biographie ist selektiv. En passant in einem Nebensatz erwähnt er seine erste Frau, später dann, daß er mittlerweile von seiner Schreiberei leben kann. Wenn, dann erzählt er von seinen politischen Ansichten und Enttäuschungen, vom Streit unter den Genossen, vom harten Schicksal, das viele traf. Diese Schilderungen jedoch sind sehr interessant, weil der zeitliche Abstand zwischen Niederschrift und Erleben klein ist, das Ende der Hitlerzeit zur Zeit des Verfassens noch bei weitem nicht abzusehen war. Graf hat selbst mitgetan an der politischen Basisarbeit, hat mitdiskutiert, ist verfolgt worden, er berichtet subjektiv, aber aus erster Hand und sehr von mittendrin. So wird dieser überstrichene Zeitraum beim Lesen lebendig, der plastisch-anschauliche, oft szenische Stil Grafs hat daran großen Anteil, kunstvoll gedrechselte Satzungetüme findet man bei ihm nicht.

Oskar Maria Grafs Leben meiner Mutter ist ein Buch, das beides vermag: zu Herzen zu gehen, was das Menschliche betrifft und eine lebendige Darstellung einer politisch unruhigen Epoche zu geben, die auf ein Verderben bringendes Ziel hinsteuert.

Lesens- und schauenswert:

Katja Sebald: Warum manche Oskar Maria Graf bis heute nicht verzeihen: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/berg-am-starnberger-see-warum-manche-oskar-maria-graf-bis-heute-nicht-verzeihen-1.3522194

und diese alte Video-Aufnahme aus Berg, wo Graf zu seinem 70. Geburtstag weilte: https://www.youtube.com/watch?v=x9EeGKQvMwg

Oskar Maria Graf
Das Leben meiner Mutter
Erstausgabe: München, 1946
diese Ausgabe: dtv, TB, ca. 670 S., 1982 (in der Auflage von 2007)

 

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Die Journalisten und Autorin Anne Gesthuysen legt mit Sei mir ein Vater ihren zweiten Roman vor. Es ist ein Roman, der sich jedoch in Teilen am Leben der Autorin orientiert, wie sie ihrem Nachwort ausführt. Sei mir ein Vater ist zum einen eine Detektivgeschichte, zum anderen eine Familiengeschichte, in der unterschiedliche Themenkreise auszumachen sind. Ohne sich groß anzustrengen kann man so die Frage nach der Art und Weise, wie man sterben will, erkennen, die Frage, wie Familie „gelebt“ wird, spielt ebenso eine große Rolle, Unterschiede auch in der Lebensweise von Franzosen (genauer: Parisern) und Deutschen (genauer: Niederrheinern) werden deutlich und nicht zuletzt gibt Gesthuysen eine Milieuschilderung aus dem Umkreis der Kunstszene in Frankreich gegen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist schon eine ganze Menge…

Somit spielt der Roman in zwei Zeitebenen. In der Jetztzeit sind zwei junge Frauen die Hauptpersonen, Hanna und Lilie, die Alter Egos der Autorin und einer französischen Freundin. Die beiden hatten sich vor vielen Jahren kennengelernt, als die kapriziöse Jungpariserin Lilie als Austauschschülerin in die eher bodenständige Familie Hannas nach Veen gekommen war. Die zwei Welten, die dort aufeinanderprallten, passten erst gar nicht zusammen, aber Lilie merkte schnell, daß es ausser Schwarzbrot und früh aufstehen in der Gastfamilie noch etwas anderes gab: Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit, Wärme und Geborgenheit. Das kannte sie, die bei ihrer Mutter aufwuchs, vom unzuverlässigen und in der Welt herum vagabundierenden Vater war sowieso nichts zu erwarten, nicht und bald adoptierte Lilie den Pflegevater Hermann in ihrem Herzen – was auf Gegenseitigkeit beruhte. So wurde Lilie letztlich ein vollwertiges Familienmitglied.

Zeitgleich geschieht nun zweierlei und die Romanhandlung setzt (ca. 20 Jahre nach der Austauschschülerzeit) ein. Zum einen ist beim Vater Hermann eine Krebserkrankung so schwerwiegend, daß ein baldiger Tod zu befürchten ist. Zum anderen wird bei Lilie gerade in dem Moment eingebrochen, als sie an den Niederrhein reisen will, um Abschied zu nehmen. Seltsamerweise war das Ziel des Einbruchs ein eigentlich wertloses, in der Abstellkammer vor sich hinstehendes Gemälde eines unbekannten Malers, George Agutte. Na ja, so ganz unbekannt war Lilie dieser Maler nicht, denn schließlich hieß sie ja selbst mit Nachnamen Agutte, war eine entfernte Verwandte dieses sehr früh verstorbenen Künstlers. Bekannter als George Agutte selbst war jedoch dessen Tochter Georgette [https://de.wikipedia.org/wiki/Georgette_Agutte], die in ihrer Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende eine bekannte Frau und Künstlerin in Frankreich war (auch wenn sie heutzutage fast vergessen ist). Zusammen mit ihrem zweiten Mann Marcel Sembat, der großen Liebe ihres Lebens, einem Rechtsanwalt und Politiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Sembat], war sie eine einflussreiche Förderin und Mäzenen damals noch junger Maler, die sich gegen die herrschende Kunstauffassung erst noch durchsetzen mussten, Henri Matisse, Claude Monet u.a.m waren unter ihnen.

Für die drei Protagonisten Lilie, Hanna und Hermann stellt sich schnell die Frage, was an dem Bild so wichtig sein könnte, daß man es gezielt stehlen wollte, ja, daß überhaupt jemand wusste, wo es zu finden sei. Und so begibt sich dieses Trio auf die Suche nach der Antwort, die sie erst zu einem Restaurator führte, dann weiter nach Paris und in die Provinz zum ehemaligen Atelier der Ururgroßtante Lilies und schließlich in die Karibik zu Yves, dem vermaledeiten Vater Lilies, den wiederzusehen Lilie nun keineswegs erpicht ist.

Für Hermann ist diese Recherchereise auch eine bzw. die Möglichkeit, dem langsamen Siechen im Krankenbett zu entkommen, entsprechend antreibend und motivierend agiert er trotz immer wieder auftretender körperlicher Schwächeanfälle. Für Lilie dagegen ist die Reise eine Annäherung an den bis dato auf Distanz gehaltenen väterlichen Familienzweigs der Aguttes, denn Georgette war eine bemerkenswerte Frau und Künstlerin. Sie musste sich als Frau durchsetzen, so war sie zu ihrer Zeit die einzige Künstlerin auf der Académie des Beaux-Arts unter den Fittichen Gustave Moreaus, der sie förderte gegen den Zeitgeist. Als Malerin war sie durchaus begabt, aber ihr Talent reichte offensichtlich nicht, um ‚richtig‘ berühmt zu werden… in einer schönen Szene verdeutlicht Gesthuysen dies: Matisse besucht das Ehepaar Sembat, wird auch in des Atelier geführt, wo Georgette ihm das Gemälde zeigt, an dem sie gerade arbeitet und mit dem sie nicht recht zufrieden ist. Matisse betrachtet das Gemälde einige Zeit, nimmt dann Pinsel und Farben, später drückt er sich die Farben in die Handfläche und er verteilt die Farben auf dem Bild und mit jedem Streichen seines Daumens gewinnt das Gemälde an Seele und Leben, etwas, was ihm vorher völlig abging…

Das Leben des Ehepaares Sembat währte bis 1922, also über den 1. Weltkrieg hinaus, während dessen Marcel Sembat zeitweise Minister war, hinaus. Daß er nach Intrigen aus dem Amt entlassen wurde, brach ihn, das Paar zog sich zurück, zeitweise in die Schweiz, zeitweise nach Südfrankreich, bis sie sich schließlich in Chamonix ein kleines Chalet kauften. Dort erlitt Marcel einen tödlichen Schlaganfall, seine Frau Georgette folgte ihm am Tag darauf in den Tod.

Das alles hat die Autorin in flüssiger, gut lesbarer Weise niedergeschrieben. Die Handlungsstränge wechseln sich ab, auf ein Kapitel Jetztzeit folgt ein eher biografischer Abschnitt aus dem Leben Georgette Aguttes. Natürlich löst sich das Geheimnis des versuchten Diebstahls bzw. das des Bildes am Ende des Romans auf, für uns Leser ist es eigentlich gar nicht so überraschend. Während die pseudobiografischen Schilderungen in relativ nüchternem Ton gehalten sind, versucht sich die Autorin in den Jetztzeitkapiteln mit einer lockereren Darstellung, in der hin und wieder trockener Niederrheinhumor zu spüren ist.

Der Teil des Buches, der dem Leben Georgette Aguttes gewidmet ist, krankt für mich als Leser wie immer in solchen Fällen daran, daß die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion nicht zu erkennen ist. War Georgette wirklich die hochgeschätzte Gesprächspartnerin für Matisse, als die sie Gesthuysen beschreibt? Inwieweit sind die Diskussionen und Gespräche reine Erfindung der Autorin oder sind sie nachempfunden, konstruiert aus z.B. Briefen, die sie gelesen hat? Es ist schwierig als Leser, denn die Figuren, seien es nun Georgette, sei es Matisse, seien es Picasso oder Modigliani – sie entstehen im Zuge der Schilderungen vor dem inneren Auge und man weiß nicht, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht…

Eine Diskrepanz habe ich nicht auflösen können: zwar spielt das Verhältnis zwischen Lilie und Hermann eine Rolle im Roman, doch für meine Begriffe nicht so groß, daß sie es rechtfertigen würde, das Buch danach zu benennen. Wollte die Autorin diesen Aspekt damit aufwerten? Ich weiß es nicht….

Zusammenfassend kann ich jedoch festhalten, daß mir dieser Roman als gute Unterhaltung gedient hat. Das Atmosphärische der Künstlerkreise um die vorletzten Jahrhundertwende, auch diverse Schilderungen aus dem politischen Alltag (Marcel Sembat war, wir erinnern uns, überzeugter und aktiver Sozialist), besondern im Zusammenhang mit den 1. Weltkrieg, hat mich überzeugt und die Detektivgeschichte, die etwas lockerer dargestellt worden ist, hat den Text immer wieder aufgelockert. Und immer wieder ist man verführt, sich die im Buch geschilderten oder erwähnten Bilder anzusehen – was ein leichtes ist, google und dem Internet sei Dank!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 420 S., mit Quellenangaben, 2015

T Cooper: Lipshitz

Der vorliegende Roman Lipshitz ist der dritte Roman T Coopers [http://t-cooper.com/]. Lipshitz ist eine Familiensaga der besonderen Art, sie ist nicht dokumentarisch, sondern fiktional an plausiblen Erklärungen und Darstellungen des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder orientiert: The New York Times: „Ist das alles wahr?“ – T Cooper: „Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.“ [https://www.mare.de/buecher/lipshitz-433]. Zu dieser „Verwirrung“ trägt die Person T Coopers nicht unerheblich bei: T Cooper ist transgender und tritt im zweiten Teil des Buches gleichzeitig als männliche Figur in der Handlung auf, einer Figur, bei der jedoch das offensichtlich scheinende Geschlecht ebenfalls nur oberflächlich so ist. Aber nun zum Roman:

Dessen Geschichte setzt im Ansiedlungsrayon der Juden im zaristischen Russland ein. Dort leben Hersch und Esther Lipshitz mir ihren vier Kindern Ben, Schmuel, Miriam und Ruben, sie teilen sich ein Haus mit Avi, dessen Frau Ruth und der kleinen Tochter Leah. Avi und Esther sind Geschwister mit einer sehr engen Bindung aneinander.

Die Zeit nach der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert ist für Russland voller Unruhen, es gibt Aufstände und 1905 setzt die russische Revolution ein. Wie so häufig richtet sich die Wut und die Aggression vieler gegen die jüdische Bevölkerung, die Literatur ist voll von Romanen, in denen die aufflammenden Verfolgungen und Progrome beschrieben werden, viele Juden fliehen, verlassen Russland in Richtung Amerika, sowohl nach Nord-, aber auch nach Südamerika [dazu gibt es bei im Blog auch Beispiele wie z.B. Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….]

Das Dorf, in dem die Lipshitz‘ leben, bleibt nicht verschont. Der zurückhaltende Hersch schätzt die Gefahr realistisch ein, als er die Zusammenrottung der Christen sieht und flieht für die Nacht mit seiner Familie. Avi dagegen glaubt sich durch seine Bekanntschaft mit der Polizei, für die er viel arbeitet, geschützt und bleibt. Dies wird ihm zum Verhängnis, er wird selbst niedergeschlagen und schwer verletzt, seine Tochter wird zu Tode misshandelt und seine Frau begeht später in der Folge dieser Katastrophen Suizid. Avi verstummt bis er auf einem Flugblatt liest, daß es eine Gelegenheit gibt, nach Amerika auszuwandern. Diese Chance nutzt er, er kommt nach Texas und lernt dort auch eine andere Frau kennen.

Hersch und Esther bleiben vorerst in ihrem russischen Dorf, aber ein paar Monate später entscheiden auch sie sich zur Flucht. Sie lassen fast alles zurück, es ist eine sehr quälende und gefahrvolle Reise, bis sie endlich in Bremerhaven sind und auf das Schiff kommen. Unter unsäglichen hygienischen Bedingungen erreichen sie schließlich Ellis Island…

Dort, im Gedränge und Durcheinander vor den diversen Kontroll- und Untersuchungsstationen bei der Einreise ist auf einmal Ruben, der weizenblonde, so überhaupt nicht jüdisch wirkende Sohn verschwunden. Im einen Moment war er noch da, im nächsten spurlos weg. Alles suchen ist vergebens, über ein Jahr leben die Lipshitz‘ in New York bei einer Cousine Esthers und versuchen, Ruben zu finden… Dann geben sie praktisch auf, nur Ben, der eh nicht mit nach Texas will, bleibt in NY, sozusagen als Alibi, mit dem Auftrag, weiterhin regelmäßig das Büro der jüdischen Hilfsorganisation zu besuchen und nach den Ergebnissen der Suche zu fragen.

So landet die Lipshitz-Sippe in Amarillo, Texas.

Im ersten Teil des Romans schildert T Cooper nach der Beschreibung der Ausgangssituation das Leben der Ausgewanderten in der neuen Umgebung. Es ist nicht einfach, Hersch, der nicht sehr durchsetzungsfähig ist, eher ein Dulder und Erdulder, verliert immer wieder seinen Arbeitsplatz, Es ist ferner nicht so, daß Juden direkt willkommen geheißen werden, ein unterschwelliger Antisemitismus ist allzeit präsent. Die Ehe von Hersch und Esther kann man nicht als glücklich bezeichnen, Esther verachtet ihren Mann für seine vermeintliche Schwäche und Hersch kann sich Esther nicht (mehr) erklären, er weiß nur, daß er der Ersatzkandidat ist, da Avi als Bruder unerreichbarer Traum Esthers bleiben musste…

Und Ruben, der verlorene Sohn? Er kehrt nicht mehr zurück, in der gesamten Situation, die insbesondere Esther sehr mitnimmt, verschwindet oder versteckt sich die Trauer um diesen tragischen Vorfall immer wieder, man gewinnt aus T Coopers Beschreibung eher den Eindruck, daß – zumindest phasenweise – dieses fehlende Kleinkind auch eine nicht vorhandene Belastung darstellt. Vergessen jedoch ist Ruben nicht… Esther geht sogar (heimlich) zu einen Scharlatan (was sie nicht glaubt), der ihr aus der Hand liest….

Jahre später (Ben ist mittlerweile auch bei der Familie in Texas, Schmuel ist nach seinem Kriegseinsatz an der Spanischen Grippe gestorben) ist Amerika im Taumel: Charles Lindbergh hat als erster den Atlantik im Alleinflug bezwungen. Und als Esther das Bild Lindberghs in der Zeitung sieht, 25jährig, blond, steht für sie unzweifelhaft fest, daß dieser junge Held ihr Ruben ist…


Die Lipshitz‘, die mit vier Kindern nach Amerika gekommen sind, hätten a priori die große Chance auf viele Nachkommen gehabt, durch die drei Söhne sogar auf viele Lipshitzs. Es sollte so wohl nicht sein. Nach T Cooper wird wohl niemand mehr Lipshitz-Blut in sich tragen (lassen wir den tragischen Fall Ruben mal aussen vor), schon nach zwei Generationen ist die Familie ans Ende gekommen.

Im zweiten, völlig anders gearteten Teil des Romans, schildert T Cooper zweierlei: durch einen tragischen Autounfall sind seine Eltern (Miriam war T Coopers Großmutter, deren Tochter Anne-Rose seine Mutter), verstorben, zusammen mit seinem (Adoptiv)Bruder muss der in NY lebende Rapper den Nachlass der immer noch in Amarillo ‚lebenden‘ Eltern regeln. Zum anderen hatten ihm seine Eltern, als sie über ein Interview von seinen Plänen, evtl über die Familiengeschichte zu schreiben, alle möglichen und unmöglichen Dokument, die die Großmutter Esther aufgehoben hatte (vor allem über den Fall Lindbergh), anvertraut…

So sitzt T Cooper, Eminem-Verehrer und -Imitator, der in NY als Rapper auf Bar-Mizwas aufspielt, der sich immer bemüht, möglichst wütend und böse zu sein, aber dann doch heimlich ein Trinkgeld auf den Tisch legt, der beim Rechtsanwalt festlegt, das das Geld fürs Pflegeheim des Opas von seinem Konto abgebucht wird (und nicht von dem des unzuverlässigen Bruders), er also in Amarillo, im verlassenen Haus der Eltern, vor -zig Fernbedienungen, die er nicht zuordnen kann, muss schauen, daß er den Junkie-Bruder halbwegs klar hält (was nicht immer gelingt) und bastelt einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis zusammen…

Der amerikanische Traum hat sich für die Familie nie wirklich erfüllt. Das New York, in das sie Anfang des Jahrhunderts flohen, war ein einziges, dreckiges, stinkendes Loch, in dem es ums Überleben ging. Völlig beengte Wohnungen, schlimme hygienische Verhältnisse, Arbeit, die kaum entlohnt wurde – wenn man sie überhaupt fand. Von Tellerwaschen, geschweige denn Millionärwerden keine Spur. In Texas war es etwas besser, Avi, der Bruder Esthers, konnte der Familie etwas unter die Arme greifen, aber wirklich besser wurde es wohl erst mit Sam Lazarus, der sich so tief in Mariam verliebte und der es als Geschäftsmann wohl selbst faustdick hinter den Ohren hatte.

Lindbergh, der amerikanische Superstar, der sich später dann mit Nazi-Gedankengut anfreundete und der u.a. die Juden dafür verantwortlich machte, daß die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Als Redner und Agitator fand er in den Arenen sein Publikum. Lindbergh machte seinerzeit durch zwei Ereignisse Schlagzeilen: durch seinen Flug natürlich und durch die Entführung seines Kindes. Beides dokumentiert Cooper im Roman durch (übersetzte) Zeitungsartikel, die einen Blick auf diese Vorgänge und auf die Person Lindbergh ermöglichen, in die Amerika Heldentum projizierte so wie er für Esther Ruben war. Insofern ist dieser Roman auch eine kleine Geschichtsstunde.


Der Roman liest sich gut, ist nach Daten gegliedert, an denen entscheidendes in der Familiengeschichte geschah. Eindringlich stellt er die Schrecken der Progrome und der Flucht dar, sind die unterschiedlichen Charaktere in der Familie beschrieben. Am zerrissensten ist der der Mutter Esther, die ihren Mann nicht (mehr) liebt, ihre Kinder wohl auch nicht besonders. Die ein schlechtes Gewissen deswegen hat und bei der nach Jahrzehnten der Wahn einsetzt, ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben. So zerrissen wie Esther ist – in anderer Weise – auch T Cooper, die/der zwischen den Geschlechtern steht. Geplagt von der Furcht, von der Frau, die er liebt (jetzt kann ich das personalpronomen doch nicht vermeiden) verlassen zu werden so wie Esther und ihre Familie seinerzeit in der Furcht lebten, von den Russen, den Kosaken, massakriert zu werden. Eine weitere Analogie zwischen beiden (die T Cooper sogar durch eine Gegenüberstellung dokumentiert) ist der enge Bezug zu Lindbergh/Eminem: beide blond und von gleichem Alter, beide extrem wichtig für die Protagonisten.

Der zweite Teil des Buches, der auch von dem Hintergrund von 11/9 spielt, ist härter, wütender und aggressiver formuliert als der erste Teil. Das transgendere T Coopers spielt eine große Rolle darin, der Versuch, sich über die Ähnlichkeit zu Enimen zu definieren und die Wut auf die Gesellschaft, die manchmal recht angestrengt wirkt.

Der Roman wurde/wird in den seinerzeitigen Kritiken sehr gelobt, dieses hohe Lob kann ich so nicht nachvollziehen. Ich habe den Text gerne gelesen, er ist spannend, streift mit der Schilderung des latenten Antisemitismus in den USA ein Thema, das man so nicht unbedingt immer auf dem Schirm hat, es ist auf jeden Fall lohnend. Aber allein die Tatsache, daß ich mir praktisch keine Notizen gemacht habe, ist für mich ein Zeichen, daß mir Lipshitz zwar ein schöner Roman, aber kein wirklich erkenntnisbringendes Highlight war. Als Empfehlung für das Buch verlinke ich auf das 2006 im Spiegel abgedruckte Interview mit T Cooper: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753386.html.

T Cooper
Lipshitz
Deutsch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Lipshitz Six, or Two Angry Blondes, NY, 2006
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 490 S., 2006

Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

Ist man von einem Buch enttäuscht, muss man aufpassen, daß man nicht über das Ziel hinausschießt, wenn man dieses Buch vorstellt und bespricht, das ist nicht immer ganz einfach. In dieser Situation bin ich jetzt. Erling Kagge, ein norwegischer Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer hat vor einigen Monaten ein kleines Büchlein über die Stille vorgestellt, von dem ich sehr angetan war, weil es Saiten in mir berührt und zum Klingen gebracht hat (https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/29/erling-kagge-stille/). In seinem Buch über das „Gehen“, das in gewisser Weise als zweiter Teil der persönlichen Erfahrung Kagges aufzufassen ist,- er selbst sagt: Stille ist abstrakt, Gehen ist konkret. -, ist dies leider nicht der Fall gewesen.

Der Mensch an sich ist ein Geher. Er stammt als Homo sapiens – auch wenn die Details noch keineswegs so klar sind, wie sie Kagge in einer Minikurzform darstellt – aus den Weiten Afrikas, die er zu Fuß durchstreifte. Die Bipedität, die er entwickelt hat, entband die vorderen Gliedmaßen von der Aufgabe, mit für die Fortbewegung zu sorgen, sie bildeten sich zu Armen plus Händen um, mit denen beispielsweise breithüftige Venusse geschaffen werden konnten. Wie wichtig das Gehen war zeigt sich auch sprachlich. Viele Wortwurzeln gehen auf den alten Wortstamm zurück, noch heute sind Begriffe und Wendungen wie: etwas (zum Lernen) durchgehen, jemanden übergehen, wie ergeht es dir?, das geht mich was an u.a.m. mit diesem Verb verknüpft.

Gehen ist gesund, psychisch wie physisch – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist, aber in Zeiten, in denen sitzende Tätigkeiten immer mehr überhand nehmen, an Bedeutung gewinnt. Als „Waldbaden“ (z.B. http://www.waldbaden.org/definition-waldbaden/) kommt dem absichtslosen Gehen im Wald mittlerweile sogar von Japan her übernommen therapeutische Bedeutung zu. Aber auch zu früheren Zeiten gingen die Menschen spazieren (soweit sie sich die Musse leisten konnten wie z.B. Kant oder Kierkegaard) und wussten um die positive Wirkung des Waldes (z.B. Henry Thoreau). Das gemeine Volk hingegen hatte im Normalfall kaum Bewegungsmangel.

Heute jedoch sitzen wir, am Tisch, im Auto, vor dem Rechner… verlieren so den Bezug zur Bewegung als auch zur Umwelt. Das Auto überbrückt Entfernungen in kurzer Zeit, jedoch bleibt der Insasse isoliert von sich mit der Landschaft ändernden Eindrücken wie Geruch oder Geräuschen. Ebenso hat man beim Autofahren (zumindest dem in dichtem Verkehr) keine Zeit Loszulassen: seine Gedanken schweifen zu lassen, möglicherweise Unerhörtes zu finden, Geistesblitze, oder neue Erkenntnisse…

In seinem Buch gibt Kagge eine Menge Beispiele für solche Momente, als extremer Geher hat er dafür ein großes Erfahrungsreservoir. Dabei schwankt der Inhalt leider zwischen Trivialem, Unverständlichem und hin- und wieder Bemerkenswertem. Beschreibt er etwa: Stimmen und Radio [im Auto] erlebe ich als Lärm. Die Playlist scheint immer dieselbe zu sein, die Nachrichten auch… möchte ich ihm zurufen: Mach das Radio doch einfach aus! Ein paar Seiten später wird es dagegen komplizierter: In der existenziellen Mathematik [??] bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: Der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Wow! Munter vermengt der Autor hier Hierarchieebenen: Vergessen und Erinnern liegen auf einer Ebene, Langsamkeit ist genauso wenig wie übrigens auch Kälte etwas Eigenes, es ist einfach nur eine Bezeichnung für ein (zudem noch relatives oder auch subjektives) Maß an Geschwindigkeit. [Zur Erläuterung: es geht darum, daß man sich beim langsamen Fortbewegen besser auf Erinnerungen konzentrieren kann als bei einer schnellen Gangart]. An der Unsinnigkeit dieser Formulierung könnte man sich lange aufhalten…

Noch ein Beispiel für eine Feststellung, in der es begrifflich ebenfalls wieder durcheinander geht: Heute wird auf der ganzen Welt geforscht, wie das Gehen [eine Tätigkeit] die Kreativität beeinflusst. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: wie unsere Füße [ein Körperteil] das Gehirn beeinflussen, und nicht umgekehrt. Füße haben wir natürlich auch beim Sitzen und beim Liegen, damit wird auch dieser Satz unsinnig. Es geht natürlich auch nicht um die Füße, sondern einzig und allein ums Gehen… und was mit und nicht umgekehrt gemeint ist (wo das Gehirn doch den gesamten Organismus steuert), bleibt mir ebenso verschlossen.

Genug an den wenig positiven Beispielen im Text. Nein, nein, Kommando zurück, eins noch, es ist zu schön: Du denkst mit deinem ganzen Ich [hier wird auf Merleau-Ponty, einem Philosophen, Bezug genommen]. Mit dem Kopf, mit dem Körper. Sein Ansatzpunkt war, dass der Körper nicht nur aus einer Ansammlung von Atomen aus Fleisch und Knochen besteht. … Atome aus Fleisch und Knochen – da ist wohl etwas gehörig daneben gegangen….

Aber etwas habe ich letztlich dann doch dazu gelernt aus dem Buch: der Plural von Moos ist nicht (wie auf S. 12 geschrieben) Mose, sondern nach Duden: Moose (oder ggf. Möser; https://www.duden.de/rechtschreibung/Moos)). Tja, hätten Sie’s gewusst?

Interessant – ich möchte ja nicht nur Negatives berichten – wird das Buch an den Stellen, an denen der Extremgeher Kagge von seinen Erlebnissen erzählt: Ich quäle mich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Ich verausgabe mich psychisch. … Am liebsten gehe ich, bis ich beinahe zusammenbreche. Ich will das Glück, die Erschöpfung und die Absurdität beim Gehen spüren, wenn sich alles vermischt und ich nicht mehr trennen kann. … die Gedanken verschwinden aus meinem Kopf, und ich werde zu einem Teil des Grases, der Steine, des Mooses, der Blumen und des Horizonts.

Gehen. Weiter gehen ist ein sehr persönliches Buch voller Episoden aus Kagges Leben, gespickt mit vielen historischen Anekdoten. Leider ist es weder eine Anleitung, wie es das Cover ankündigt, noch beschreibt es über eben Anekdotisches hinausgehend den meditativen Charakter des Gehens (Im Zen beispielsweise ist die Geh-Meditation ‚Kinhin der Sitzmeditation gleichwertig)‘. Es bleibt meist an der Oberfläche, ist trivial bis unverständlich, der Wert des Buches liebt im wesentlichen darin, daß man überhaupt den Wert des Gehens thematisiert.

Schade.

Erling Kagge
Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Å gå. Ett Skritt om gangen; Oslo, 2018
diese Ausgabe: Insel Verlag, HC, ca. 156 Seiten, 2018, mit Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007