Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

Dieser Roman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd (von der ich mittlerweile schon mehrere Bücher hier vorgestellt habe: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Sue+Monk+Kidd) ist der nächste Titel, der in meinem Lesekreis besprochen wird. Ich war mit diesem Vorschlag sehr zufrieden, dann ich mag die Art und den Stil der Autorin. Als Vorbereitung hatte ich dann jedoch zuerst zu den Granatapfeljahren (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/29/sue-monk-kidd-ann-kidd-taylor-granatapfeljahre/) gegriffen (in der berechtigten Hoffnung, damit die Autorin etwas besser kennen zu lernen), die schon seit geraumer Zeit in meinem Regal auf mich warteten. Nun also Die Erfindung der Flügel….


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der die wichtigen Stationen im Leben zweier mutiger und bemerkenswerter Frauen, der Grimké-Schwestern, nachzeichnet. Dazu führt uns Kidd zurück in das im Süden der USA gelegene Charleston des frühen 19. Jahrhunderts. Damit ist ein Bezug zur Autorin gegeben, denn diese wohnt in Charleston (wie sie dorthin gekommen ist, beschreiben die Granatapfeljahre); in einer New Yorker Ausstellung sah Kidd ein Bild, in dessen Legende sie auf die beiden Frauen stieß und die Frage hochkommen ließ, warum sie, die in Charleston wohnt, von dem beiden nichts wusste.

Den Lebensweg der Sarah Grimké (1792–1873) und ihrer Schwester Angelina Grimké (1805–1879) nachzuzeichnen bedeutet also cum grano salis den roten Fades des Romans in der Hand zu haben. Ich skizziere dies jedoch nur sehr kurz, denn für jeden, der das vertiefen möchte, bietet das Internet sowohl auf deutschen als auch auf englischsprachigen Seiten Informationen in gewünschter Ausführlichkeit.


Die Grimkés waren eine wohlhabende, sklavenhaltende und kinderreiche Familie in Charleston. Sarah war das sechste, Angelina das letzte der insgesamt vierzehn Kinder. Die schon als Kind unangepasste, aufmüpfige Sarah konnte ihrer Mutter das Versprechen abringen, Patin der Letztgeborenen zu werden. So entwickelte sich schon früh eine sehr tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen bzw. Frauen. Sarahs (die die Behandlung der Sklaven schon als Kind verabscheute) Traum war es, wie einer ihrer Brüder Rechtsanwältin zu werden, ein unerhörter Traum, denn sie war (was der strenge Vater durchaus anerkannte) bei weiten intelligent genug dafür, aber sie war en Mädchen bzw. eine Frau… und damit war das Thema vom Tisch, die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten, wurde entzogen, das Lesen auf das Studium erbaulicher Literatur beschränkt.

Eiine schwere Erkrankung des Vaters machte eine Reise zu einem Arzt nach Philadelphia ratsam, auf der ihn Sarah begleitete. Der Arzt konnte dem Vater zwar nicht helfen (John Grimké starb auf dieser Reise), aber Sarah lernte eine Welt kennen, die sich von der des Südens stark unterschied, es gab dort keine Sklaven. Sarah suchte Anschluß an die Quäker, wagte dann sogar den radikalen, unerhörten Schritt, nach Philadelphia zu ziehen. 1829 kam ihre Schwester Angelina nach.

Sarah Moore und Angelina Emily Grimké
ohne Datum

Die beiden Frauen engagierten sich gegen die Sklavenhaltung des Südens, sie traten schließlich öffentlich als Rednerinnen auf, schrieben Pamphlete und Streitschriften und eröffneten damit eine zweite Front: die der Gleichberechtigung der Frau: Ich verlange keine Privilegien für mein Geschlecht. Ich gebe meinen Anspruch auf Gleichheit nicht auf. Alles was ich von unsern Brüdern erwarte ist, daß sie ihre Füße von unseren Nacken wegnehmen und uns erlauben, aufrecht auf dem Grund und Boden zu stehen, für den Gott uns vorgesehen hat. (Sarah Grimké im Boston Spectator) (aus: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sarah-moore-grimke-und-angelina-emily-grimke/)


Sue Monk Kidd beschreibt in ihrem Nachwort zum Roman dessen Entstehungsgeschichte. Sie hat sich die Freiheit genommen, ein paar historische Daten geringfügig an ihre Hanldung anzupassen und sie hat neben Sarah Grimké, die historische Protagonisten, eine zweite eingeführt, die fiktiv ist: Hettie, genannt ‚Handful‘ Grimké, ein  Sklavenmädchen, das Sarah – traditionsgemäß – zu ihrem elften Geburtstag als Zofe geschenkt worden war, ein Geschenk, daß Sarah im Innersten empörte. Mit Handful hat Kidd eine Figur in die Geschichte eingeführt, durch die sie uns die Welt der Sklaven in dieser Familie (i.e. der Haussklaven also im Gegensatz zu denen, die z.B. auf Plantagen arbeiteten) schildern kann. Es ist – auch wenn es strengere (das meint brutalere) Besitzer gab als die Grimkés – eine Welt, in der Ungehorsam Schläge nach sich zog mit dem Stock oder der Peitsche und gerade bei Charlotte, der Mutter Handfuls, und auch bei Handful selbst zeigte sich die Frau des Hauses, die über die Sklaven herrschte, ohne Erbarmen.

Charlotte ist eine unbeugsame Frau, die Weißen konnten zwar ihren Körper besitzen, nicht jedoch ihren Geist und ihren Willen, eine Haltung, die ihre Tochter übernahm. Handful sollte später einmal zu Sarah sagen: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.  Charlotte schöpft ihre Kraft aus ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, die sie bildmächtig in Quilts dokumentiert. Diese Talent zu Nähen und mit Stoffen umzugehen hat sie ihre Tochter vererbt, dies machte die beiden als Sklaven wertvoll für die Familie. Im Verzeichnis der Besitztümer der Grimkés nahmen sie einen herausragenden Platz ein. Auch wenn Charlotte (und später Handful) oft gegen die Anordnungen ihrer Besitzer handelten und immer in Gefahr waren, erwischt und hart bestraft zu werden, es gab keine Rechte für sie, sie waren dem Willen ihrer Besitzer ausgeliefert.

Charlotte und Handful haben ihre Schicksale, die tragisch sind, voller Schmerzen, voller Trauer und Verlust. Während Charlotte nach einer Aufsässigkeit, die sie sich auf der Straße einer weißen Frau gegenüber erlaubt hatte, eines Tages spurlos verschwand, verbrachte Handful Jahrzehnte im Besitz der Grimkés, denn Sarah hatte – völlig unbedacht – Handful eines Tages wieder zurückgegeben – an ihre sehr herrische und schlagkräftige Mutter. Damit war sie selbst zwar keine Besitzerin einer Sklavin mehr, aber sie hatte ihre ihre frühere ‚Freundin‘ einen harten Schicksal ausgeliefert. Es war die Zeit, in der Sarah in die Gesellschaft eingeführt wurde, Bälle besuchte (auch wenn sie als wenig attraktives Mädchen keine Verehrer fand) und mühsam ihre Rolle im Leben suchte. Es war die Zeit, in der sich die beiden jungen Frauen Sarah und Handful entfremdeten. Dafür jedoch erzog Sarah ihr Patenkind ganz in ihrem Sinne, die Bindung der jungen Nina zu ihr war um vieles inniger als zu ihrer ‚richtigen‘ Mutter: mit ‚Mutter‘ sprach sie im Geheimen Sarah an.

Durch ein deprimierendes Ereignis in Charleston und die Reise mit dem Vater in den Norden kommt wird das vorgezeichnete Weltbild der jungen Frau empfindlich gestört, es öffnen sich dadurch neue Wege für sie. Insbesondere bindet sie sich an die Quäker, eine Religionsrichtung, die die Sklaverei ablehnt und die an die Gleichheit der Menschen glaubt. Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen, ja, sie will sogar Predigerin werden.

Nachdem Nina vor den Problemen, die sie in Charleston hat (u.a. hatte sie als junges Mädchen die Konfirmation (?) verweigert), flieht sie letztlich zu ihrer Schwester nach Philadelphie, es ist 1829. Die beiden Frauen sind unterschiedlich, ergänzen sich. Sarah fällt ihr schwer, das innerlich als richtig erkannte in die Tat umzusetzen, denn sie fürchtet die Konsequenzen. Das lange gedankliche Abwägen, das Zögern und Zaudern bremst sie häufig aus. Ganz anders dagegen ist Angelina, was sie als richtig erkannt hat, setzt sie spontan um, sie kennt Zögern und Zaudern nicht und nimmt ihre ältere Schwester dabei sozusagen an der Hand.

Es ist unerhört, was die beiden machen. Schon der Wechsel zu den in ihrer Heimat Charleston sehr gering angesehenen, ja, verachteten Quäkern ist ein großer Affront, die Auftritte in der Öffentlichkeit sind ungehörig, das Pochen nicht nur auf die Abschaffung der Sklaverei, sondern auf die Anerkennung des pigmentierten Menschen als vollwertigen, den nicht pigmentierten Menschen gleichwertigen Menschen ist unfassbar und die sich aus der Situation fast schon zwangsläufig ergebende Forderung der Gleichberechtigung der Frau skandalös. Die beiden Frauen lassen sich jedoch nicht einschüchtern, sie finden immer wieder Unterstützung und Menschen, die ihnen Mut machen. Angelina heiratet schließlich einen Mann, der sie unterstützt, während Sarah Heiratsantrag ablehnt, da er sie vor die Wahl stellt: Heirat oder Beruf. Es war die Zeit in ihrem Leben, in der sie bei den Quäkern Predigerin (noch so etwas ungehöriges!) werden wollte.


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der das Schicksal der Sklaven und den Anfang ihrer Befreiung herunterbricht auf wenige Figuren: Charlotte und Handful auf der Seite der Sklaven, Sarah und Angelina auf der der Sklavengegener und der Rest der Grimkés als Vertreter der Sklavenhalter. An der Stelle ist eins der letzte Worte des Vaters an Sarah kurz vor seinem Tod entlarvend: auch er sei immer gegen die Sklaverei gewesen, hätte sich das jedoch wirtschaftlich nicht leisten können…. Natürlich enthält die Geschichte viele Ingredienzien, die ein solcher Roman braucht: Episoden von Liebe und Tod, von Annäherung und Entfremdung, charismatische Nebenfiguren wie der historische Denmark Vesey, der 1822 (angeblich) einen Aufstand plante (https://de.wikipedia.org/wiki/Denmark_Vesey) oder furchtlose Frauen wie die frühe Feministen und Freundin Sarahs Lucretia Mott (https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia_Mott). Das Buch ist anschaulicher Geschichtsunterricht und hat, so scheint es zumindest, in Charleston das Interesse an dieser Zeit und an den Schwester aufleben lassen, man kann heutzutage eine Grimké-Tour durch die Stadt buchen und historische Stätten besichtigen (http://grimkesisterstour.com).

Ähnlich wie der anfangs erwähnte Erfahrungsbericht Granatapfeljahre ist auch Die Erfindung der Flügel aufgebaut. Kidd schildert die Lebenssituationen ihrer Figuren in einzelnen Zeiträumen, die zumeist mehrere Monate überstreichen, diese Abschnitte liegen jeweils einige Jahre auseinander, so daß uns die beiden Protagonistinnen im letzten Kapitel des Romans, das Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts spielt, als mittelalte (gemessen an der damaligen Zeit) Frauen begegnen. Kidd verleiht beiden Hauptfiguren ihre Stimme. Einerseits schildert sie Situationen und Episoden aus den Blickwinkel Sarahs bzw. Handfuls, der unterschiedlicher kaum sein kann, andererseits hat natürlich jede der beiden Figuren auch ihr Eigenleben, das uns erzählt wird.


Es ist traurig. Die Ereignisse, die uns Kidd in ihrem Roman näherbringt, liegen fast zwei Jahrhunderte zurück, und trotzdem verharrt die Geisteshaltung und die Einstellung der Gesellschaft in Teilen immer noch auf diesen unwürdigen Einstellungen. Weder ist Rassendiskriminierung überwunden (zu diesem Thema verweise ich kurz auf den wunderbaren Roman von Jesmyn Ward Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt: https://radiergummi.wordpress.com/2018/04/26/jesmyn-ward-singt-ihr-lebenden-und-ihr-toten-singt/) noch die vollständige Emanzipation der Frau erreicht, obwohl der Kampf zur Überwindung beider schon so lange dauert. Kidd erzählt von dessen Anfängen, sie erzählt wie von ihr gewohnt, flüssig, gut lesbar, in leisen Tönen. Sie bringt uns ihre Figuren nahe, vor allem auch macht sie das Schicksal, das Ausgeliefertsein der Sklaven greifbar. Ich kann gut verstehen, daß dieser Roman in den USA so erfolgreich war, ist das Thema doch Teil der amerikanischen Geschichte und erinnert an zwei ein wenig und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierinnen. Dabei sind die ausführlichen Anmerkungen, eigentlich eher ein Nachwort, der Autorin wertvoll, da sie noch einmal explizit auf den geschichtlichen Hintergrund des Romans eingeht und die Arbeit der Schwestern noch einmal herausstreicht und würdigt. So bleibt mir abschließend festzuhalten, daß Die Erfindung der Flügel zwar mit der Sklaverei vorwiegend ein amerikanisches Thema aufgreift, das nichtsdestotrotz auch für uns interessant ist, was in jedem Fall jedoch für den Kampf der Schwestern Grimké um die Gleichberechtigung der Frau gilt.

Bildquelle Portraitshttps://en.wikipedia.org/wiki/Grimké_sisters, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd
Die Erfindung der Flügel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania
Originalausgabe: The Invention of Wings, NY, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, cal 495 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Anne Cuneo: Eine Messerspitze Blau

Zu diesem Titel der mir bis dahin unbekannten schweizerischen Autorin Anne Cuneo (1936 – 2015) bin ich durch einen Zufall gekommen: in dem hier im Blog von mir kürzlich vorgestellten Erzählband Geburtstag (Rafik Schami (Hrsg): https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/21/rafik-schami-hrsg-geburtstag/) gibt es eine Geschichte, in der eine Frau gerade diesen Titel Eine Messerspitze Blau liest. … und da dachte ich mir, was die kann, kann ich doch auch… ;-)

Anne Cuneo jedenfalls war eine vielseitige Künstlerin. Als Kind italienischer Eltern in Paris geboren, kam sie nach dem Tod des Vaters 1945 (die Familie war 1939, nach Kriegsausbruch wieder nach Italien, nach Mailand, gezogen) in verschiedene Waisenhäuser (interessanterweise wird über das Schicksal ihrer Mutter nichts gesagt, über den Tod des Vaters schreibt Cuneo an einer Stelle im Text: Ich trage jenen Revolverschuss in mir, der meinen Vater bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat und mit Endgültigkeit im Angesicht meiner Kindheit explodiert ist.). 1950 ging Cuneo in das französisch sprechende Lausanne, verbrachte später einige Zeit in London, gab nach Abschluss des Studiums Sprachunterricht und arbeitete ab 1973 beim Schweizer Fernsehen. Ihr erstes Buch erschien schon 1967, außer als Autorin arbeitete sie ebenfalls als Journalistin und Filmemacherin (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo, aber auch z.B. hier: https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/479-anne-cuneo.html)


Der vorliegende Text Eine Messerspitze Blau ist autobiographisch, er schildert ein sehr einschneidendes Erlebnis im Leben der Autorin: 1978, sie war 42 Jahre alt, wurde bei Anne Cuneo Brustkrebs diagnostiziert. Es war knapp… nachdem die Gynäkologin sie ob ihrer Beschwerden in der rechten Brust (wages Unwohlsein, Anschwellen, dann Schmerzen) damit vertröstete (Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nichts), Menschen wären nicht symmetrisch und ihre (i.e. Cuneos) Brüste seinen nun mal ungleich, fiel dem Hausarzt bei der Untersuchung auf, daß sie einen dicken Knoten unter der Achsel hatte und so empfahl er ihr eine Biopsie. Aber wo und von wem? Ich bin total erledigt. Ich bin müde, als ob ich Krebs hätte, so ihre Vorahnung.Eine Autopsie bedeutete auch, daß eventuell die Brust angenommen werden würde, eine Horrorvorstellung für Cuneo. Diese Diagnose erschütterte sowohl ihr Weltbild als auch ihr Selbstverständnis als Frau. Es gab Momente, in denen der Tod ihr lieber gewesen wäre. Schließlich sagte man ihr, daß eine Rekonstruktion der Brust möglich ist, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Biopsiebefund war positiv, die anschließende Mastektomie an der Grenze des Machbaren. Cuneo erwachte aus ihrer Narkose und nichts war mehr so wie vorher. Und die Frage, ob ihr Geliebter sie jetzt noch als Frau, als Geliebte sehen würde, war nicht das geringste ihrer Probleme…


Eine Messerspitze Blau ist ein sehr persönliches Buch, eine Krankengeschichte bzw. eher noch die Geschichte der postoperativen Phase einer Frau nach einer Mastektomie (z.B. hier: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/therapie/operation.html). Dieser Bericht ist 1979 erschienen, also ein Jahr nach der Operation, das Schreiben erfolgte noch unter der direkten Nachwirkung der Behandlungen, nach der Operation folgten noch Bestrahlung und Chemotherapie. Ich habe mich gewundert, daß über die bekannte Suchmaschine keine Besprechung dieses Buches zu finden ist (ok, ich habe nicht allzu intensiv gesucht, aber trotzdem), denn der Bericht Cuneos ist sehr intensiv, ist sehr offen, ist sehr umfassend in dem Sinn, daß sie nicht nur ihre persönliche Situation und Befindlichkeit beschreibt, sondern sie diese in einen größeren, politischen Zusammenhang steht. Mithin wäre dieses Buch seinerzeit mehr als eine Besprechung wert gewesen, aber auch wenn man davon absieht, daß das Internet damals gerade erst im Urzustand existierte, passt dieses Fehlen in eine der Feststellungen Cuneos, daß nämlich der Krebs, diese Krankheit, totgeschwiegen wird (wurde), als schuldhaft empfunden wurde, als etwas, wofür der/die Kranke selbst (mit)verantwortlich war. Man wollte über Krebs nichts hören oder lesen (eine „Verschwörung des Schweigens“ nennt sie es an einer Stelle) und daher blieben dieser Aufschrei Cuneos zumindest unkommentiert.

Cuneo schreibt sehr direkt (sie formuliert es selbst als „Schrei“, den sie ausstößt), es ist für sie – und generell – noch lange nicht klar, wie lange sie nach/trotz der Operation noch leben wird, das Risiko, x Jahre (und x ist klein) nach der Operation zu sterben, ist hoch. So fühlt sie sich unter Druck stehend, ihre Botschaft zu formulieren und ihre Gedanken zu Papier zu bringen: An anderen Tagen sage ich mir, daß ich nicht mehr viel Zeit habe, daß ich dieses Buch sehr schnell fertig stellen müsse. …

Es ist eine politische Botschaft in ihrem Text enthalten. Krebs erscheint ihr als Krankheit, die auch durch äußere Umstände verursacht ist, dabei scheut sie sich nicht, hin und wieder Korrelationen als Kausalitäten zu deuten. Die Lieblosigkeit, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat, die Ausbeutung des Menschen und der Natur durch die Gesellschaft und das kapitalistische Gesellschaftssystem, die Unterdrückung der Frau: all dies Ursachen des Krebses auch des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang sind ihr zwei Bücher wichtig: Mars von Fritz Zorn (vgl. z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40916988.html) und der 1978 erschiene Essay Susan Sontags: Die Krankheit als Metapher (vgl. z.B. hier: ). [Zorn] sah in seinem [Krebs] das Resultat einer Erziehung ohne Liebe, ohne andere Werte als die der Konventionen, die er nicht akzeptieren konnte. Sein Krebs war im Hals ausgebrochen und er fand das bezeichnend: „Das sind all die Tränen, die ich hinunter geschluckt habe.„. In Sontags Essay spiegelt sich die damals in den USA aufkommende Auffassung, die Erkrankung spiegele die Unfähigkeit des Kranken, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher), einer Ansicht, der Cuneo teilweise heftig widerspricht: Diese Welt jedoch, die mich ängstlich gemacht und mich in den entscheidenden Jahren des Wachstums hat hungern lassen, diese Welt, die jedes Jahr vierhundert Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, während die Kredite für Spitäler und Forschung gekürzt werden, diese Welt, IHRE [i.e. Sontags] Welt ist dafür verantwortlich. Jede zweite Person erkrankt an Krebs. Jede zweite! … Bis jetzt fühlte ich mich fast schuldig, krank zu sein. Oder an anderer Stelle, nachdem ihr angeraten wurde, die Eierstockzyste (siehe unten) zu operieren: Aber es ist IHRE Krankheit, nicht meine. Genug jetzt mit dieser Verschwörung des Schweigens. Man hat Krebs und schämt sich, wortlos läßt man sich durch die Mühle drehen. Nun, ihr könnt nicht mehr mit mir rechnen! Ich werde mich nicht einfach so operieren lassen. Ich werde sagen, daß Krebs das Resultat einer faulen Gesellschaft ist. Eine von zwei Personen! Die Revolution muss doch stattfinden, sofort!

Cuneo wird durch ihre Erkrankung unmittelbar mit dem Tod konfrontiert, einen Gedanken, der bis dato immer verdrängt worden ist. Der Tod wird ihr Begleiter – aber auch die Angst. Jedes Zucken und Ziepen des (sowieso schmerzgeplagten) Körpers könnte ein Zeichen sein für ein erneutes Ausbrechen des Krebses, für eine Metastase. Und wirklich diagnostiziert der Gynäkologe eine Zyste an einem Eierstock, der durch die Bestrahlung nicht völlig abgetötet worden ist. Die angeratene OP ist ein Graus für sie, wieder soll sie ein Stück ihres Körpers weggeben, fremdbestimmt durch den Arzt. Sie verweigert sich, bricht zusammen, muss psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.


Die Autorin schildert viele der Träume, die sie hat oder auch in der Vergangenheit hatte und die sie jetzt in Bezug auf ihre neue Lebenssituation ausdeutet: Heute bin ich überzeugt, daß damals, auf den Tag genau sechzehn Wochen vor meiner Operation, soeben die Entwicklung meines Krebses eingesetzt hatte (oder einzusetzen im Begriff war), daß mein Unterbewusstsein es wusste [daher der Traum], daß es sich ein Stück dagegen wehrte…. oder diese Bedeutung, die sie in einen weiterer Traum nach der Krebs-OP hineinliest: Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich wieder in den Griff bekommen, und dieser Traum drückt aus, wie notwendig das ist. Was von mir übrigbleibt, muss ein GANZES sein. 

Die Aufzeichnungen Cuneos schließen mit einem kämpferischen Statement, mit einem Aufruf. Sie bezieht sich noch einmal auf Max Zorn, der geschrieben hatte: … komme ich nach prüfenden Vergleich zum Schluß, daß es mir, seit ich krank bin, viel besser geht als früher, bevor ich krank wurde. und stimmt dem aus vollem Herzen zu: Ich auch. … Es geht mir viel besser jetzt als während der vierzig Jahre, die ich mit Disziplin, Mühsal, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben vertrödelt habe.  Wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Ich stecke mitten drin in diesem hinterletzten, gottverdammten Dreckloch. Viel weiter in den Dreck reiten könnt ihr mich nicht. Der Tod? Ein Vertrauter. Wir sprechenden uns Tag für Tag. Hunger? Kälte? Strafe? Seht ihr, wie lächerlich das ist? Hier bin ich nicht mehr angreifbar. … Verändern wir die Welt. Und noch eine positive Veränderung merktr Cuneo an sich: sie ist sich ihrer selbst, ihres Körpers bewusster geworden, die Erkenntnis, daß der Tod sozusagen am Bettrand sitzt, hat sie zu der Einsicht gebracht, daß es sinnlos ist, auf die Zukunft zu warten, daß das Leben im Hier und Jetzt stattfindet.


Cuneos Aufzeichnungen unterscheiden sich sehr von den meisten Krebsschicksalen, die man in den letzten Jahren häufiger lesen kann. Sehr viel offensiver bezieht Cuneo die allgemeinen Lebensbedingungen mit in ihr Schicksal ein, wehrt sich [das Buch ist 1979 erschienen] gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die dem Erkrankten auch noch die Verantwortung für seine Erkrankung aufbürdet, überträgt im Gegenteil den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen diese Verantwortung und folgert daraus, daß diese sich ändern müssen. Gleichzeitig erkennt sie jedoch auch, daß diese Erkrankung ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet hat: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden, ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion, sie wurde mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert (und ist es zum Zeitpunkt des Verfassens immer noch gewesen), sie nimmt sich anders wahr, sie fühlt sich in der Gesamtheit stärker geworden. Der Krebs war …. eine Bresche für die Zukunft. So gelingt es Cuneo, dieser destruktive Diagnose „Krebs“ etwas Positives abzugewinnen.

Eine Messerspitze Blau ist ein – wenig verwunderlich, auch hinsichtlich der zeitlichen Nähe zur Erkrankung – sehr emotionales Buch. Angst, Zorn, Wut, Empörung sind deutlich zu spüren, Unsicherheit, Ärger über die Fremdbestimmung, zaghafte Hoffnungsfunken, Depressionen, auch das Glücksgefühl, weiterhin geliebt zu werden, gibt es, schließlich so etwas wie Akzeptanz und Anerkennen, daß diese Erkrankung jetzt zum eigenen Ich gehört und das Denken klarer gemacht hat.

Der Bericht fungiert auf zwei Zeitebenen: zum einen schildert er in der Rückschau die Tage direkt um Diagnose und Operation, die andere Zeitschiene ist aktueller (bezogen auf das Schreiben des Textes) und schildert die Situation jeweils (der Bericht ist in drei Abschnitte unterteilt) wenige Monate nach der Operation. Eingeflochten in den Text sind auch Rückblicke auf die Vita der Autorin, die stark durch den Krieg geprägt ist. Es gibt eine Aussage, daß sie (und die anderen Frauen ihrer Generation) in einer Art Zwischenzeit geboren wurden: erzogen noch im „viktorianischen“ Geist waren sie 1968 schon zu alt, und erlebten die Umbrüche dieser Revolte eher am Rande mit. Ein nicht uninteressanter Aspekt ist es für uns heutzutage, diesen Wandel im „Ansehen“ des Krebses von einer Krankheit, für die man selbst Schuld trägt, zu einer normalen, wenn auch tragischen Krankheit, die jeden erwischen kann. Mich jedenfalls hat dieser Bericht (möglicherweise einer der ersten Krankengeschichten dieser Art) ob seiner Emotionalität, seiner Unbedingtheit und seiner kämpferischen Seite sehr beeindruckt, er ist auch heute, nach ziemlich genau vier Jahrzehnten noch sehr lesenswert.

Anne Cuneo überlebte ihre Erkrankung um lange Jahre, in denen sie noch sehr produktiv war.

Mehr Buchbesprechungen von mir im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Anne Cuneo
Eine Messerspitze Blau
Übersetzt aus dem Französischen von Erich Liebi
Originalausgabe: Une cuillerée de bleu, Vevey, 1979
diese Ausgabe: Ullstein, TB (Reihe: Die Frau in der Gesellschaft), ca. 156 S., 1999
mit einem Nachwort von Susanne Alge

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor: Granatapfeljahre

Ich habe die amerikanische Autorin Sue Monk Kidd in meinem Blog vor vielen Jahren mit zweien ihrer Romane vorgestellt: mit ihrem Erstling Die Bienenhüterin (https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/16/sue-monk-kidd-die-bienenhuterin/) und mit ihrem Titel Die Meerfrau (https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/16/sue-monk-kidd-die-meerfrau-2/)beides sehr einfühlsame Romane mit einer spitituellen Komponente. Zumindest Die Bienenhüterin ist auch für den vorliegenden Text von Bedeutung, weiß man, daß dies das (sehr erfolgreiche) Debut Kidds ist, erscheinen einem einige Passagen des Buches klarer. Die Meerfrau hat noch eine weitere Bedeutung für mich persönlich, es war der erste Text, aus dem ich sozusagen öffentlich, vor einem größerem Kreis von Bekannten vorgelesen habe. Mittlerweile hat sich daraus ja eine kleine Veranstaltungsreihe ergeben, zu der die üblichen Verdächtigen immer wieder kommen, Menschen eben, die sich durch nichts vergraulen lassen….


Die Granatapfeljahre sind  ein sehr persönliches Buch der beiden Autorinnen. Im Untertitel ist zwar vom Glück die Rede, vom ‚Glück, unterwegs zu sein‘ und zweifelsohne sind die beiden Frauen, Mutter und Tochter (wie unschwer zu erraten ist) viel unterwegs, aber diese Reisen sind allenfalls die Bühne für etwas sehr viel tiefgreifenderes, elementareres: es sind Pilgerreisen zweier Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet und die – rückwärts gewandt – mit Verlusterfahrungen umgehen lernen müssen und die sich andererseits auf eine neue Lebenssituation einstellen müssen.

Die Mutter Sue Monk Kidd ist gerade fünfzig Jahre alt geworden, sie spürt, daß ihr Körper sich im Wandel befindet, daß sie sich bald von der Phase der reifen Frau verabschieden muss, daß sie in eine neue Lebensphase eintreten wird. Immer wieder taucht das Bild der ‚Alten Frau‘ vor ihr auf, die noch nicht da ist, die sie aber erwartet und sucht. Gleichzeitig wird ihr schmerzlich bewusst, daß sie ebenfalls ihre Tochter ‚verlieren‘ wird, die jetzt ihr eigenes Leben, unabhängig von ihr, aufbauen wird. Der Mythos von Persephone und Demeter ist Metapher für diese Situation, Dieser antike Mythos erzählt von einer Entführung: Hades, der Gott der Unterwelt, verliebt sich in die junge Persephone und verschleppt sie in sein Reich. Ihre Mutter Demeter – Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit – lässt aus Zorn und Schmerz über den Verlust der Tochter die Pflanzen auf der Erde verdorren. Göttervater Zeus schaltet sich ein, und Persephone kehrt zur Mutter zurück.  (https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/persephone-und-demeter/-/id=660374/did=17212244/nid=660374/17ctmks/index.html)

Raub der Persephone. A-Seite des »Persephone-Kraters«, ein apulischer rotfiguriger Volutenkrater, um 340 v. Chr.
(Staatl. Museum Berlin)

Ein Drittel des Jahres aber verbringt sie weiter in der Unterwelt, weil sie von den Granatapfelkernen, die Hades ihr gereicht hatte, aß. Nun durfte aber niemand, der von der Speise der Toten kostete, immer auf der Oberwelt bei den Lebenden weilen, ein Drittel des Jahres musste Persephone auch nach dem Machtwort des Zeus in der Unterwelt verbringen. In dieser Zeit bleibt die Oberwelt unfruchtbar (siehe zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Persephone). Unschwer ist dieser Sage das Bild der sich von der Mutter lösenden Tochter zu erkennen und damit die Analogie zu der Lebenssituation der beiden Autorinnen in dieser Lebensphase. Für die Mutter, selbst auf der Suche nach der ‚Alten Frau‘ (Ein Begriff, der mich jedesmal an die Figur der ‚Weißen Frau‘ erinnert, die ein fast vergessenes Bild für die weibliche Figur des Todes, die Tödin ist: https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/11/erni-kutter-schwester-tod/ Diese Assoziation ist ja auch nicht völlig abwegig.) ist eine weitere Figur wichtig, nämlich die der Hekate, die Demeter als einzige auf der Suche nach ihrer Tochter half.

Die beiden Frauen unternehmen Reisen. Die erste führt sie nach Griechenland, wo sie diesem Mythos nachspüren. Ann (ich bleibe ab jetzt bei den Vornamen) war schon einmal in Griechenland, war begeistert, erlebte wunderbare Stunden hier, hatte das Gefühl, hier ihren Weg im Leben gefunden zu haben. Ein Gefühl, das verloren gegangen ist: ihr Wunsch, die Historie der Antike zu studieren, wurde durch die Absage der Uni zerstört, zusammen mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Selbstachtung: Ann verfiel in eine Depression, die ihre Mutter zwar spürte, aber da sich die Tochter verschloß bzw. hinter einen harmlosen Maske nach außen hin tarnte, kannte Sue die Ursache dafür nicht. Ann also auch in der Situation, einen herben Verlust ertragen zu müssen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten, wobei ersteres mit seinen psychischen Folgen diesen Übergang, der ja im Grunde mit Freude, mit Optimismus zu bewerkstelligen wäre, sehr erschwert.

Im ersten Teil des dreiteiligen Buches (‚Verlust) begleiten wir die beiden Frauen auf ihrer Reise durch das antike Griechenland. Athen mit der Akropolis und der Plaka, der unerträglichen Hitze, des Staubes (all das erinnert mich an so viele frühere, eigene Aufenthalte dort), sind der Ausgangspunkt, natürlich besuchen Ann und Sue auch Eleusis, den Ort, an dem wesentliche Ereignisse des Mythos lokalisiert werden, sie befahren die Ägäis bis hin zur türkischen Küste in die Nähe von Ephesus, wo sie das Haus der Maria besuchen. Maria, die 431 offiziell von der Kirche zur ‚Gottesgebärerin‘ (Theotókos) erklärt worden war, die Mutter Jesu, Tochter der Anna (und des Joachim, wie es im nicht zum offiziellen Kanon der Bibel gehörigen (Proto)Evangelium des Jakobus beschrieben wird) ist für Sue eine wichtige Figur, die Personalisierung des weiblichen Prinzips in einer von Männern dominierten Kirche, in der Zweiheit Anna – Maria taucht ferner wieder das Bild der Mutter auf, die ihre Tochter in die Eigenständigkeit entlassen ‚muss‘.

Dieses Bild da Vincis, das im Louvre hängt, mit Maria auf dem breiten Schoß Annas sitzend, die ihre sich nach vorne beugende Tochter und ihren nackeligen Enkel voller Liebe mit monalisigem Lächeln betrachtet, taucht immer wieder in den Reflexionen der Mutter auf ebenso wie das Urbild der ’schwarzen Madonna‘ (vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Madonna und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen) für sie wichtig auf ihrer Suche nach der weiblichen Seite ihrer Spiritualität.

Die weibliche Trinität ‚junge Frau – reife Frau – alte Frau‘ umfasst die Doppelrolle der reifen Frau: sie ist selbst Mutter der ‚jungen‘, aber auch Tochter der ‚alten Frau‘:  daß Monk Kidd in diesem Zusammenhang auch ihre eigene Beziehung als Tochter zu ihrer Mutter reflektiert, sei hier nur angedeutet. Wichtig ist für Sue die Erkenntnis des Verschiedenseins: während ihre eigene Mutter zufrieden und glücklich ist im Sein, ist sie, Sue, jemand der im Tun, im Machen seine Bestimmung sieht. Beide Frauen jedoch sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Eigenschaft der jeweils anderen wichtig für sie selbst waren und sind.

Auf dieser Griechenlandfahrt, dies als letztes, reift in Sue letztendlich auch der Entschluss, einen Roman zu schreiben und die Biene ist ihr Thema, ein Motiv, das sie ihr Leben lang schon begleitete und das sie in Ephesus in einem sehr symbolhaften Erlebnis überzeugte.


The Virgin and Child with Saint Anne
Leonardo da Vinci,
Louvre

Mit Suche ist der zweite Teil des Buches überschrieben. Inhaltlich umfasst er eine selbstorganisierte Reise der beiden mit einer größeren Gruppe von Frauen durch Frankreich. Sue hat angefangen, ihre neue Rolle als älter werdende Frau zu akzeptieren, als Mutter, deren Tochter nun mir ihrer Schönheit im Mittelpunkt steht, während sie in den Hintergrund tritt. Spirituell wird Maria als lebendiges Symbol für ein weibliches Gottesprinzip immer mehr ihr Bezugspunkt: Was spricht also dagegen, die bedeutendsten Ereignisse in ihrem Leben als eine Art Wegweiser für uns Frauen zu betrachten? Es folgt eine Aufzählung von Stationen aus Marias Leben und deren mögliche symbolische Bedeutung. Während Sue also ihre Symbolfigur in Maria (und ein wenig auch in Anna) gefunden hat, wird für Ann neben Maria die Heilige Johanna (Jean d’Arc) immer wichtiger, die trotz ihrer Jugend so Bedeutendes vollbrachte. Ihr weiht die immer noch von starken Selbstzweifeln geplagte junge Frau schließlich das Versprechen, Schriftstellerin zu werden, was sie zunehmend als ihre Bestimmung erkennt.

Während Ann, die bald heiraten wird, dadurch endgültig in das Stadium der reifen Frau eintreten wird, sieht sich Sue zunehmen mit der Frage der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod, konfrontiert, die sie bis dato erfolgreich verdrängt hatte. Ich erkenne, dass der ehrlichste Umgang mit dem Tod eine schrittweise Neuorientierung erfordert, weg vom äußeren Selbst, hin zum wahren Selbst. Eine Loslösung von meinem Ego, … eine Identifizierung mit dem, was größer ist als ich. Der Gedanke bringt eine tiefe, verblüffende Erleichterung mit sich.


Im Jahr 2000 kehren beide (wieder im Rahmen einer Frauengruppe) noch einmal nach Griechenland zurück (Rückkehr). Die spirituelle Suche nach Erkenntnis, die nach den jeweiligen Verlusterfahrungen zwei Jahre zuvor eingesetzt hatte, geht ihrem Ende zu. Ann hat geheiratet, hat in ihre Hochzeitszeremonie die weiblichen Aspekte Gottes einbezogen, sie konzentriert sich jetzt auf ihre Schreiberei. Sue (teilweisen von ähnlichen selbstzweiflerischen Momenten wie ihre Tochter heimgesucht) hat den ersten Teil ihres Manuskripts an eine Agentin geschickt, die auch sofort einen Verlag gefunden hat, der jedoch den zweiten Teil des Romans in einem halben Jahr bekommen möchte…

Sie sind jetzt gefestigt, Sue und Ann, in ihren neuen Rollen, in ihren neuen Lebensabschnitten. Es ist sozusagen der zehnte Tag, der Tag, an dem Demeter Persephone wiederfand und beide wieder vereinigt waren. Es war eine spirituelle Reise mit vielen Erkenntnissen, es war eine Suche nach Selbstwert und Vertrauen in sich selbst, es war auch die Anstrengung, das Leben mit all seinen Phasen, die es bereit hält, freudig zu akzeptieren.


Granatapfeljahre ist ein Bericht, der viel über die beiden Frauen verrät. Beide verändern sich im Verlauf der zwei Jahre, die das Buch überstreicht, ebenso wie sich das Verhältnis zwischen ihnen wandelt. Besonders Ann, die anfangs verschlossen war, ihre großen inneren Nöte nicht offenlegen konnte, fand schließlich den Mut, diese selbst errichtete Mauer nieder zu reißen und in eine neues, intensiveres Stadium der Vertrautheit einzutauchen. Auch wenn die Selbstzweifel nur langsam verschwanden, gewann sie doch im Lauf der Zeit ein neues Bild auch von sich, baute Selbstvertrauen bzw. Mut, zu sich und ihren Wünschen zu stehen, auf: sie verwurzelte sich und lernte es, derart Stärke zu gewinnen. Sue andererseits ließ ihrer Tochter die Zeit, die sich brauchte, ohne sie zu drängen. So waren tatsächlich alle Entscheidungen, die Ann traf, Entscheidungen Anns, die nicht von der Mutter angeregt worden waren.

Auch Sue hat ihre Entwicklung zur ‚Alten Frau‘ durchlaufen, die Rolle, die letztlich auch der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit verbunden ist, akzeptiert, fast möchte ich sagen: freudig akzeptiert, zumindest ohne Trauer. Mit dieser Akzeptanz verschwanden letztlich auch die gesundheitlichen Probleme, die sie hatte.

Beiden Frauen war ihr Spiritualität sehr wichtig, beide maßen der von der offiziellen Kirche zurückgedrängten weiblichen Komponente im Bild Gottes große Bedeutung bei. Die Figur der Maria, aber auch der antike Mythos um Persephone und Demeter waren ihr ‚roter Faden‘, an dem sie sich entlang hangelten, der ihnen immer wieder Kraft und Mut gab, der immer wieder auf ihre persönlichen Situation gedeutet werden konnte.

Das Buch selbst… nachdenklich, ehrlich, einfühlsam, immer wieder auch eigene Gedanken anregend. Interessant ist der Aufbau, Ann und Sue schreiben im Wechsel der Abschnitte, meist über dieselbe Situation, so daß wir diese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschildert bekommen.  Ich denke mal (ich will jetzt endlich auch fertig werden), Granatapfeljahre ist ein Buch nicht nur für Frauen, auch Männer können durchaus Gewinn daraus ziehen, denn sich mit sich und seinem Leben zu ‚arrangieren‘, ist eine Aufgabe, die jedem Menschen gestellt ist.

Bildquellen:

Anna Selbsdritt:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_da_Vinci_-_Virgin_and_Child_with_St_Anne_C2RMF_retouched.jpg; [Public domain], via Wikimedia Commons

Raub der Persephone:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Persephone_krater_Antikensammlung_Berlin_1984.40.jpg,  [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor
Granatapfeljahre
Vom Glück, unterwegs zu sein
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
Originalausgabe: Traveling with Pomegranates; NY, 2009
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 380 S., 2010