John Williams: Augustus

26. Januar 2017

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung  war die aller erste…. (Lukas 2, 1-2)


Der Amerikaner John Williams [1] veröffentlichte diesen Roman 1972, er wurde als einziges seiner wenigen Werke schon zu Lebzeiten anerkannt, bekam ein Jahr darauf den National Book Award. Williams, der nach einem bewegten Berufsweg Dozent für Englische Liteatur in Denver gewesen war, verstarb 1985, lange Jahre bevor auch seine beiden anderen Romane Stoner und Butcher´s Crossing als herausragende Werke reüssierten [s.u.]. Allen drei Romanen ist zu eigen, daß sie sich auf eine Person konzentrieren, in Stoner und Augustus schildert Williams ein ganzes Leben, in Butcher´s Crossing eine entscheidende Episode eines Lebens. Diese beiden ersten Roman Williams handeln von fiktiven Figuren, in denen aber, erkennbar durch die Namensgebung (William Stoner, William Andrews, John Williams) auch Biographisches mit eingeflossen ist.

Kaiser Augustus dagegen ist eine historische Persönlichkeit [2], eine der herausragenden Persönlichkeiten überhaupt in der Weltgeschichte. Was mag Williams bewegt haben, diese historische Romanbiographie zu verfassen, die so täuschend echt gelungen ist, daß Williams es für geraten hielt, in einer Vorbemerkung den Leser zu bitten, dieses Buch als das zu nehmen, als was es gedacht ist – ein Werk der Imagination … das allenfalls eine ‚literarische Wahrheit‘ wiedergibt. Wahrscheinlich hätte diese Aussage seinem Augustus gefallen, denn diesem diktiert Williams den altersweisen Gedanken in die Feder, dass es der Dichter [ist], der über das Chaos der Erfahrung nachdenkt, über die Konfusion des Zufalls, die unfassbaren Bereiche des Möglichen – womit nichts anderes gesagt ist, als dass er über die Welt nachdenkt, in der wir alle leben, die zu untersuchen sich aber nur wenige die Mühe machen

So imaginiert Williams mit seinem Augustus das Leben und Wirken eines Mannes, dessen Lebenslauf von vielen Zufällen abhing, der ihm keineswegs jedoch in die Wiege gelegt war. Und der im hohen Alter in der Rückschau auf sein Leben zu der Feststellung kommt, daß ihm der ‚wahre‘ Augustus in den vielen Rollen, die Augustus einzunehmen hatte, abhanden gekommen ist….


Julius Cäsar war in einer Welt zur Macht gekommen, die so korrupt war, wie Du es Dir nicht vorzustellen vermagst. Gerade mal sechs Familien regierten die Welt; Städte, Regionen und Provinzen unter römischer Herrschaft hieß die für Bestechung gezahlte Währung; im Namen der Republik und unter dem Deckmantel der Tradition galten Mord, Bürgerkrieg und brutale Unterdrückung als akzeptable Mittel zum Erlangen von Macht, Reichtum und Ruhm.

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Daß Gaius Octavius viele Jahre später einmal den Ehrentitel Augustus verliehen bekam, war nicht selbstverständlich. Sein Leben, sein Lebenslauf hing in zweifacher Weise von Julius Cäsar ab. Zum einen war der aus keiner der maßgeblichen römischen Familien stammende Octavius über seine Mutter mit Cäsar verwandt, er war dessen Großneffe. Und Cäsar war von dem jungen Mann, der körperlich nicht sehr robust war uns ein Leben lang anfällig sein sollte für Krankheiten, so beeindruckt, daß er ihn adoptierte und testamentarisch als seinen Nachfolger einsetzte.

Cäsar wurde bekanntlich in den Iden des März des Jahres 44 vor Christi ermordert, und dies keineswegs von Sonderlingen. Die Mörder fühlten sich getragen von einer breiten politischen Mehrheit im Senat, die um ihre politischen Einfluss fürchteten (ich habe ja vorstehend in dem längeren Zitat eine Beschreibung der herrschenden Zustände vor Cäsar wieder gegeben), hatte Cäsar doch vor, die Macht in Rom auf seine Person zu konzentrieren. Nach dem Tod Cäsars zeigte sich jedoch, daß die Verschwörer keinerlei Plan hatten, wie es jetzt weitergehen sollte. Die naive Vorstellung jedenfalls, mit dem Tod Cäsars sei alles wieder wie vorher, war unzutreffend, man musste beispielsweise schon bald bestätigen, daß sämtliche Anordungen (auch die noch nicht veröffentlichten) weiterhin gültig waren. Der antizipierte Tyrann damit zwar tot, aber gleichzeitig auch rehabilitiert.

Zum anderen war der gerade mal neunzehnjährige Octavius der offiziell per Testament zum Erbe und Nachfolger Cäsars Eingesetzte. Die Eltern rieten ihm dringend ab, das Erbe anzunehmen, doch Octavius, der sich mit Freunden auf der anderen Seite der Adria aufhielt, als er die Nachricht vom Attentat auf Cäsar bekam, sah auf einmal seine Aufgabe vor sich. Nicht Dichter oder Gelehrter wollte er mehr werden, sondern: …. ich kannte jetzt mein Schicksal …. es bestand schlicht darin, die Welt zu ändern. – so sollte es Augustus Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, formulieren.

Gaius Octavius war also entschlossen, das Erbe anzunehmen, wusste aber natürlich genau um die riesigen Probleme, die ihn erwarteten. Heimlich setzten er und seine Freunde nach Italien über und nahmen in Rom sowohl den Kampf um die Macht auf als auch die Aufgabe, Cäsars Tod zu rächen. Auf der Habenseite hatte der Neunzehnjährige seine Intelligenz, seine Kaltblütigkeit, das ungeheure Erbe Cäsars (auf das gleichwohl auch andere schon, insbesondere Marcus Antonius seine Hand gelegt hatte) und die Sympathien, die der ermordete Cäsar beim Volk und bei den Soldaten hatte. Sowie last noch least die Tatsache, daß seine Gegner ihn sträflich unterschätzten und selbst keinen Plan hatten.

Es begann eine Zeit grausamer Kriege, in den Römer gegen Römer standen, wechselnde Allianzen eingegangen, Intrigen geschmiedet und Soldaten unter dem Versprechen horrender Geldsummen zum Überlaufen animiert wurden. Gleich zu Anfang der Militärherrschaft des ‚Triumvirats‘ (Octavian, Marcus Antonius, Lepidus) wurde im Senat ‚Säuberungen‘ durchgeführt, der Tod Cäsars blutig gerächt. Ende dieser Periode war der Herrschaftsbereich im Römischen Reich aufgeteilt auf Marcus Antonius im Osten und Octavius im Westen. Im Osten hatte sich Marcus Antonius mit der ägyptischen Königin Cleopatra verbündet und verbunden, in der entscheidenden Schlacht 31 v.Chr. bei Actium, die Octavians fähigster Generals Marcus Agrippa für ihn gewann, verlor Marcus Antonius, der im Jahr darauf zusammen mit Cleopatra in den Suizid ging. Damit war Rom wieder geeint, unter Octavian. Dreizehn Jahre brutaler Kriege und einer Militärherrschaft waren vorüber, es galt jetzt, das Land, das Reich zu befrieden.


Dieser Werdegang Octavians beginnend mit der Nachricht vom Tode Cäsars bis zum Tod Marc Antons ist Inhalt des in ersten Abschnitts des in drei ‚Bücher‘ aufgeteilten Textes von Williams. Es ist kein fortlaufender Prosatext, Williams hat für sein Buch die Form eines Briefromans gewählt, in dem neben Briefen Auszüge aus Notizen, Bücher, Fragmenten wieder gegeben werden. Wenn auch die vielen Namen der Schreiber und Adressaten anfangs verwirren (man also immer wieder mal im beigefügten ‚Who was who‘ im alten Rom nachschlagen muss), so kann Williams auf diese Art sehr viele unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen in seinen Roman einführen. Häufig stellt er ein und denselben Vorgang derart aus verschiedenen Blickwinkeln dar, selbstverständlich kommen auch die Gegner und Feinde Octavians zu Wort.

Williams teilt seinen Roman in Analogie zum Leben des Octavian auf. Nachdem dieser durch die Niederlage und den Tod Marcus Antonius de facto der alleinige Herrscher Roms geworden ist, sollte eine andere Facette seines Wesen Oberhand gewinnen. Zuerst aber griff Octavian nicht direkt nach der Macht, versuchte nicht, sich als Alleinherrscher zu etablieren und die Republik aufzulösen. Vielmehr verstand er es, sich unentbehrlich zu machen, der Senat trug ihm Befugnisse und Ämter von sich aus an, viele dieser Ämter waren zeitlich begrenzt und mussten regelmäßig neu an ihn vergeben werden. So hatte Octavian, dem der Senat 27 v.Chr. den Ehrentitel ‚Augustus‘, d.h. der zu Ehrende, verlieh, zwar de facto die Macht in Rom in seinen Händen, nach außen hin trat er aber ’nur‘ als erster Bürger Roms, ‚Princeps‘, in Erscheinung.


Augustus hatte machtpolitisch zwei Schwachstellen. Zum einen war er ein Emporkömmling, der blutmäßig keiner der großen Familien der Stadt entstammte. Zum zweiten hatte er trotz dreier Ehen keinen Sohn, den er zu seinem Nachfolger hätte aufbauen können. Einzig aus seiner zweiten Ehe wurde ihm eine Tochter geboren, Julia.

Deren Tagebuchaufzeichnungen, geschrieben in der Verbannung auf eine kleine Insel im Golf von Neapel, bilden das Rückgrat des zweiten Teils des Augustus, in parallel um Schicksal der Tochter der Mensch, der Privatmann Augustus im Mittelpunkt steht. Beider Schicksale sind eng verknüpft..

Julia war ein sehr wissbegieriges, intelligentes, von ihrem Vater geliebtes Mädchen, das eine privilegierte, ansonsten nur den Jungen vorbehaltene Ausbildung geniessen durfte in den Fächern der damaligen Zeit, gegeben von hervorragenden Lehrern und Wissenschaftlern. Julia als leibliche Tochter war jedoch auch die bevorzugte Möglichkeit, über die Augustus seine Nachfolge zu regeln versuchte, für Augustus waren Hochzeiten und Ehen Instrumente der Machtpolitik und des Machterhalts.

So wurde Julia mit vierzehn Jahren zum ersten Mal (mit einem Jüngling) verheiratet und  mit siebzehn wurde sie zum ersten Mal Witwe. Auch die zweite von Augustus arrangierte Heirat mit seinem Freund und fähigstem Feldherren Marcus Agrippa nahm die Tochter noch als selbstverständliche Notwendigkeit hin, als Tochter des Kaisers und Frau seiner mächtigsten und besten Freundes genoss sie ein Leben im Luxus und besaß hohen Einfluss. So großen Einfluss, daß sie ihren Willen durchsetzen konnte, ihren Mann gegen alle Tradition auf eine Dienstreise nach Kleinasien zu begleiten. Dort lernte sie sozusagen „…the bright side of life….“ kennen…

Eine dritte Heirat nach dem plötzlichen Tod Agrippas wurde mit dem sowohl dem Vater als auch Julia verhassten Tiberius, den Sohn der Stiefmutter Livia aus erster Ehe, arrangiert. „Du weißt genau, wie grausam er ist.“ – „Das weiß ich, …… Du wirst ein Leben außerhalb dieser Ehe finden, und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Wir gewöhnen uns alle an unser Leben. ….“ Der Vater sollte Recht behalten, Julia, die in Kleinasien eine andere Seite des Lebens kennengelernt hatte, fand ein Leben ausserhalb der Ehe mit Tiberius, der aus diversen Gründen viele Jahre ausserhalb von Rom auf Rhodos weilte.

Augustus brachte in dieser zweiten Phase seines Lebens dem Reich inneren und äußeren Frieden. Er sicherte die Grenzen (hatte nur im Norden, gegen die germanischen Barbaren, Probleme), im Inneren baute er die Infrastruktur aus, niemand musste mehr hungern, den Bürgern Roms gab er Brot und Spiele. Auch wenn ihm selbst viele der Vergnügungen und Rituale des öffentlichen Lebens nichts sagen, nahm er daran teil, um seine Verbundenheit mit dem Volk zu demonstrieren.

Privat war Augustus bescheiden, sein Haushalt verblüffte viele Besucher, die Prächtigeres gewohnt waren und erwartet hatten. Gerne umgab er sich mit Dichtern, sie erinnerten ihn wohl an frühere, eigene Ideale. Vergil, Horaz, in gewissem Masse auch Ovid, der aber später in Die letzte Welt nach Tomi verbannt wurde, waren von ihm gern gesehene Gäste und Freude. Sein alter Begleiter Maecenas, dem wir noch heute mit dem Begriff des ‚Mäzens‘ gedenken, war nicht nur Politiker und Soldat, sondern ebenso ein Förderer der Dichtkunst…

Augustus rgierte nicht ohne Feinde zu haben, es gab Verschwörungen gegen ihn. Bei einer dieser Verschwörungen geriet sogar Julia unter Verdacht, um sie zu retten, klagte Augustus selbst die mittlerweile sehr freizügig lebende Tochter der Verletzung der von ihm selbst erlassenen strengen Sittengesetze an, Julia wurde verbannt, eine stetig offene Wunde im Herzen des Vaters.


Augustus herrschte Jahrzehnte in Rom, er war ein alter Mann geworden. Noch einmal machte er sich auf den Weg, in Neapel Spielen beizuwohnen, er hatte es versprochen. Es ist ein sehr schönes Bild, das Williams hier verwendet hat: der Augustus, der in Rom alles geregelt hat, sein Testament hinterlegt hat, besteigt ein Schiff, daß nur von den Winden bewegt, seinem Ziel entgegensteuert. Die Ruderer, die an Bord sind, kommen nicht zum Einsatz. Die Ruhezeit an Bord (immer unter den misstrauischen Augen des jungen Arztes, der ihn begleitet) nutzt Augustus, einen Brief an einen Freund als längst vergangenen Tagen zu schreiben, der einzige der Freunde, der noch unter den Lebenden weilt, und ein Resümee seines Lebens zu ziehen.

Es ist ein nachdenkliches, resignierendes Schreiben, in dem Augustus sich sein Scheitern als Mensch eingesteht, seit beinahe zwanzig Jahren nämlich finde ich, ich habe für nichts gelebt. … Ich habe nie die Welt erobern wollen und wurde immer eher beherrscht, als daß ich Herrscher war. …. Der junge Mann, der die Zukunft nicht kennt, hält das Leben für ein episches Abenteuer, …. Der alte Mann jedoch wird, spielt er die ihm zugewiesene Rolle, einsehen müssen, dass das Leben eine Komödie ist. …..

… die ihm zugewiesene Rolle … Augustus spielte sie, diese Rollen, er spielte sie so sehr und es waren ihrer so viele, daß er sich am Ende selbst verloren hatte, dass es [auch für ihn] ein Selbst gar nicht mehr gab. Für jeden Menschen, so Augustus, kommt früher oder später der Moment, in dem er die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.

Doch Williams läßt den Kaiser nicht in dieser resignierten Stimmung, er beschert ihm ein Erlebnis, daß ihm sein segensreiches Wirken offenbart. Sie begegnen nämlich einem Frachtschiff, das ägyptischen Weizen nach Rom bringt und dessen Kapitän Augustus auf Lateinisch für den Frieden auf den Meeren dankt, der diese Fahrt erst ermöglicht. Noch vor einigen Jahren, so sinniert Augustus, hätte der Kapitän Griechisch gesprochen, wäre die Fahrt der Piraten wegen gefährlich gewesen. So drang und dringt still und unauffällig die römische Kultur in andere Kulturen ein, selbst, wenn Rom – was Augustus vermutet – äußeren Feinden nicht mehr standhalten wird und früher oder später fällt, wird diese Kultur die des Eroberer verändern und verfeinern…

Augustus weiß, daß er sterben wird. Sein Körper ist alt, versagt hie und da seinen Dienst. Aber er hat auf dieser Reise seinem Tod entgegen Bilanz gezogen und wenngleich er möglicherweise die Dichters um ihr Leben und Wirken beneidet hat, so tröstet ihn doch der Gedanke, sein Gedicht sei Rom gewesen, welches er, so wie ein Dichter die Worte zu Sätzen, die Sätze zu Zeilen, die Zeilen zu Strophen und letztere schließlich zu einem Gedicht ordnet, zu seinem Gedicht geordnet hat.


Das Buch schließt mit einem Brief des Arztes Philippus, der seinerzeit den Kaiser auf dessen letzter Fahrt begleitete und der dessen Tod miterlebte. Jahrzehnte später beschreibt Philippus seinem Freund Seneca die Umstände dieses Todes… und Williams legt seinem Briefschreiber eine (für uns heutige) ironisch wirkende Hoffnung in den Mund, daß nämlich nach den auf den Augustus folgenden und teils grausamen oder unfähigen Kaisern jetzt jemand folgt, auf den man Hoffnung setzen kann. Gemeint ist Nero. Auch eine derartige Ironie ist für Williams nicht ungewöhnlich: in Butcher´s Crossing kommen die ‚Helden‘ nach unsäglichen Qualen aus der Wildnis zurück mit ihren Fellen und müssen erfahren, daß der Markt zusammengebrochen ist.

Wie ordnet sich dieser Augustus in das Gesamtwerk von John Williams ein, ein Gesamtwerk, daß wir – traurigerweise – ja überblicken können. Dazu nimmt in einem sehr lesenswerten Nachwort der US-amerikanische Journalist und Buchautor Daniel Mendelsohn Stellung [3]. Er arbeitet u.a. heraus, daß das Leben der Helden Williams, egal, ob so mächtig wie Augustus oder eher ohnmächtig wie Stoner und Andrews, von Zufällen abhängig ist, daß letztlich all seine Helden nur Menschen sind, arme Geschöpfe, allein und getrennt von allen. Augustus ist im Alter kein Freund mehr geblieben (Philippus betont diesen Eindruck in seinem Schreiben an Seneca), und auch Stoner streichelt in seinen letzten Momenten keinen Menschen, sondern den Einband seines Buches, das er vor Jahrzehnten geschrieben hatte…. Eine weiterer Parallelität zwischen Stoner und Augustus liegt in der jeweiligen Beziehung zur Tochter. Beide lieben ihre Töchter, beide verlieren sie in gewisser Weise, Stoner an seine Frau, Augustus opfert Julia seiner Machtpolitik.

Es ist ein literarischer Augustus, den uns Williams geschaffen hat und es gut, sich das hin und wieder in Erinnerung zu rufen. Zu gut, zu plastisch tritt uns diese literarische Figur in den Briefen, Notizen, Tagebucheintragungen, die Williams uns darbietet, hervor, sie wächst ans Herz, sie wird im Lauf der Handlung für Rom immer mehr ‚alternativlos‘: was wäre aus Rom geworden, wenn genau zu dieser Zeit ein anderer, minder begabter, die Macht gehabt hätte? Denn entgegen seiner Befürchtung überdauerte sein staatsmännisches Wirken viele Jahrzehnte. Williams zeigt uns den Menschen Augustus, so wie er ihn hinter der nicht sehr umfangreichen ‚Fassade‘ der historische Persönlichkeit vermutet. Es gibt nicht viel Material über Augustus, ein Teil seiner Wirkung beruht auch darauf, mit seinen Motiven und Absichten immer etwas undurchsichtig, geheimnisvoll gewesen zu sein.

Ich habe ein wenig in Geschichtsbüchern über das Zeitalter Augustus` nachgelesen. Es ist klar, daß ein Jüngling, der aus dem realpolitischen Nichts auf der Bühne erscheint und der ein Jahrzehnt später de facto Herrscher des mächtigsten Reiches sein sollte, dies nicht durch Verabreichung von Globuli an seine Feinde geschafft hat. Es muss ein grausames Jahrzehnt des Machtkampfes gewesen sein, voll mit Blut, mit Intrigen, mit Absprachen, mit Hinterlist… oft, und das hat der literarische Augustus gut erkannt, kam der Zufall zu Hilfe, der das Unwahrscheinlichere dem Naheliegenderen vorzog und Augustus damit begünstigte…. allein der Übergang aus dieser kriegerischen  in die Friedensphase zu bewältigen: ein Meisterwerk, das die Genialität des Mannes offenbart.

… und geradezu prophetisch für unsere Tage die resignierende Feststellung, die Williams 1972 seinem Augustus am Ende seines Lebens zubilligt (und mit diesem etwas längeren Zitat will ich dann auch meine Buchvorstellung beenden): In den letzten Jahren kam mir immer mal wieder der Gedanke, dass der dem Menschen angemessene Zustand, also jener, in dem es ihm am besten geht, gar nicht ein Leben in Wohlstand, Frieden und Harmonie ist. …. In den ersten Jahren meines Amtes fand ich immer wieder Anlass, meine Landsleute zu bewundern. Trotz aller Entbehrungen klagten sie nicht und waren oft sogar guter Laune; ….. Wir leben den römischen Wohlstand. … Wir leben die römische Harmonie. … Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeiten überdrüssig sehen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, … wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten. … Möge diese Feststellung von Augustus jeder für sich auf unsere heutige politische Lage übertragen und anwenden….

Ich war seinerzeit von Stoner und Butcher´s Crossing begeistert, hatte mich dann aber nicht an Augustus herangewagt, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß Williams noch so ein Meisterwerk geschaffen haben könnte. Welch ein Irrtum! Daher – und sehr gerne – einen großen Dank an das Christkind, daß mich mit diesem Werk beschenkte!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Williams_(Autor)
[2] Wiki-Beitrag über Augustus: https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus
[3] vgl. diese Buchbesprechung in The New York Review of Books: Daniel Mendelsohn: Hail Augustus! But Who Was He?; in:  http://www.nybooks.com/articles/2014/08/14/hail-augustus-who-was-he/

Weitere Besprechungen von Williams´ Romanen hier im Blog:

– Stoner
Butcher´s Crossing

John Williams
Augustus
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben
Mit einem Nachwort von
Originalausgabe:
diese Ausgabe: dtv, HC, 480 S., 2016

So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

Edmund de Waal [1] hat mit seiner Familiengeschichte Der Hase mit den Bernsteinaugen [4] vor wenigen Jahren ein wunderbares und zu Recht sehr erfolgreiches Buch über seine Suche nach den Wurzeln der Familie, aus der er stammt, geschrieben. Leittier dieser Suche war nämlicher Hase, ein Netsuke, einer aus einer Sammlung von 264 Figuren, die das Einzige war, was vom Werk vieler Generationen der jüdischen Familie Ephrussi nach dem Krieg geblieben ist. Mit der gleichen Intensität und Tiefe hat sich de Waal (er war während dieser Suche wohl nach am Verfassen des Manuskripts vom ‚Hasen…‘) ebenfalls einem anderen Thema gewidmet, dem Stoff, der sein Leben bestimmt, seiner Obsession, wie er selbst schreibt, dem Porzellan. Steht beim Hasen… also die Familiengeschichte im Zentrum, ist es bei Die weiße Straße die Erforschung der eigenen Leidenschaft.

Ich bin Töpfer, sage ich, wenn man mich fragt, was ich mache. …
es ist Porzellan – weiße Gefäße – die ich als mein eigenes reklamiere ….

a short history of china trade, 2016 Bildquelle [B]

a short history of china trade, 2016
Bildquelle [B]

Denn von Beruf her ist de Waal keineswegs Schriftsteller, sondern ‚Töpfer‘, ein Bezeichnung, die für mich einen falschen Zungenschlag hat, denn was de Waal, Professor für Keramik, schafft, hat nichts mit dem zu tun, was ich mir unter ‚Töpferei‘ vorstellen: braune, ggf. bunt glasierte Töpfe, Teller, Schüsseln, Krüge. Ich empfehle sehr, sich die Homepage de Waals, auf der Bilder seiner diversen Ausstellungen zu sehen sind, anzuschauen, einige dieser Ausstellungen spricht er auch im Buch an [1], der nebenstehende Screenshot gibt einen Eindruck von seiner Kunst der Töpferei.


Wir Heutigen sind von Porzellan umgeben, sei es nun das Geschirr, von dem wir essen, das stille Örtchen, das wir besuchen, die künstlichen Zähne, mit denen wir kauen oder auch Figürchen und Teller, die im Regal als Erinnerungsstücke stehen: Porzellan ist allgegenwärtig für uns, die Hype, die in vergangenen Jahrhunderten um dieses Material gemacht worden ist, ist uns kaum noch verständlich.

Was aber ist das besondere an Porzellan? Man muss dies zum Lesen des Buches nicht unbedingt wissen, aber als Hintergrund erleichtert es doch das Verständnis. Prinzipiell zählt Porzellan zu den keramischen Massen so wie Irdengut, Steingut oder Steinzeug bzw. auch die keramischen Sondermassen, die in der Technik Anwendung finden. All diese Materialien bestehen aus Tonen, Feldspaten und Quarz in verschiedenen Mischungsverhältnissen. Die Unterscheidungen zwischen einzelnen Keramikarten sind daher auch nicht streng, sondern überlappen.

Der besondere Ton, der zur Herstellung von Porzellan verwendet wird, wurde zum ersten Mal in China abgebaut und zwar am Berg Kao-ling, der ihm auch seinen Namen gab: Kaolin. Kaolin ist ein Verwitterungsprodukt, ein feines, weißes, eisenfreies Gestein mit hohem Schmelzpunkt, es wird durch Aufschlämmen gereinigt. Der klassische Kaolin besteht aus 40% Tonerde (i.e. Aluminiumoxid), 46% Quarz und 14% Wasser, er ist weiß bis weißgrau, oder wie de Waal eine der von ihm verwendeten Porzellanerden beschreibt, in der Farbe fettiger Vollmilch, grünlich angehaucht wie von Schimmel. [2]. Der zweite Bestandteil der Porzellanmasse ist Feldspat, Petuntse, wie er in China heißt, er wird ebenfalls durch Schlämmen gereinigt. Gebrannt ist Porzellan immer weiß, wobei wir durch de Waal lernen, daß es unendlich viele ‚Weiß‘ zu geben scheint…..

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur Bildquelle [B]

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur
Bildquelle [B]

Die Besonderheit des Porzellans liegt darin, daß, wie man schön an diesem Diagramm sehen kann, nach dem Brennen, das bei sehr hoher Temperatur erfolgt, ein großer Teil des Materials verglast ist, im Gegensatz zu anderer Keramik, bei der das Material beim Brennvorgang kristallisiert. Ab ca. 600 °C verliert das Werkstück ferner merklich an Volumen (’schwindet‘), da die freien Poren verschwinden. Porzellan ist daher wasserundurchlässig, klingt hell beim Anschlagen, ist es dünn genug, wird es (halb)transparent. Es ist beständig gegen Temperaturwechsel, Säuren (ausgenommen Flusssäure) und Laugen, ferner ist es ein guter Isolator. Da das verwendete Kaolin kein Eisen enthält, ist Porzellan weiß – in verschiedenen Schattierungen. Für de Waal, um wieder auf das Buch zu kommen, ist dies ein wichtiger Punkt, denn ‚Weiß‘ ist für ihn als Projektionsfläche wichtige Eigenschaft des Porzellans.

Die besonderen Eigenschaften der Porzellanmasse und die hohe Temperatur, bei der Porzellan gebrannt wird, machen den Brennvorgang technisch/handwerklich anspruchsvoll, in früheren Zeiten war es nicht selbstverständlich, solche Temperaturen von über 1300° C überhaupt zu erreichen, man brauchte gute Brennmaterialien. de Waal schildert in seinem Abschnitt über englisches Porzellan, wie problematisch dieser Punkt an den feuchten, diesigen Küsten Englands seinerzeit war. Aber selbst, wenn die Temperatur beim Brennen hoch genug war, konnte noch viel passieren, die Stätten, an denen Porzellan hergestellt wurde, wurden wurden im Lauf vieler Jahre buchstäblich von Scherben eingekreist…

Dem Töpfern wohnt es Mythisches inne. Nicht ohne Grund wird der Mensch in vielen Schöpfungsmythen vom Schöpfergott aus Ton geformt, und ihm wird Leben eingehaucht. Auch der Töpfer nimmt den Ton, formt ihn und gibt ihm zwar kein Leben, aber transmutiert ihn im Brennprozess zu etwas anderen, dauerhaften, stabilen, oder am Beispiel des Porzellans, zu etwas Wertvollem. Zu etwas Weißem.

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Dieses Buch beschreibt eine Art Wallfahrt zu den Anfängen, eine Chance, den Berg zu besteigen, von dem die weiße Erde kommt. … Ich habe vor, drei Orte aufzusuchen, wo das Porzellan erfunden oder wiedererfunden wurde, drei weiße Berg in China und Deutschland und England. Jeder von ihnen ist mir wichtig. … Ich muss an diese Orte fahren, muss sehen, wie Porzellan unter anderen Himmel aussieht, wie Weiß sich mit dem Wetter verändert. … Diese Reise ist eine Schuldabstattung an diejenigen, die früher waren.

ich muss… ich muss…. Schon diese frühen Zeilen des Buches über das Motiv de Waals lassen ahnen, daß dieser Mann sich wieder auf eine Expedition begibt, die ihn an Grenzen führen wird, so wie es schon seine Suche nach den Wurzeln seiner Herkunft getan hat [4].

Was definiert dich?

Porzellanmachen ist für de Waal ein kontemplativer Akt, wenn man aus Ton etwas herstellt, existiert man im Augenblick. … Ich bin in diesem Augenblick und anderswo. Ganz und gar anderswo. Denn Porzellanmasse ist zugleich Gegenwart und historisches Präsenz. … und während ich den Krug anfertige, bin ich in China. So entpuppt sich auch diese Weiße Straße als eine Weg, der de Waal zu seinen Wurzeln führen soll, zu seiner Verankerung als Töpfer, der in einer vielhundertjährigen Tradition steht, die so viel mehr bedeutet, als einfach nur Gefäße machen. Porzellan ist einer alchemistischen Wandlung unterworfen, einer Wiedergeburt. … Es [hier: die Porzellanmasse] fühlt sich weiß an. Damit meine ich, es  ist voller Antizipation., voller Möglichkeiten. Es ist ein Material, das jede Denkbewegung, jeden Wechsel der Gedanken aufzeichnet. ‚Weiß‘ nicht als Farbe, sondern als Gefühl, als Versprechen, als Verheißung, aber auch als Verlockung…

Ich war siebzehn, als ich zum ersten Mal Porzellanerde in die Hände bekam.

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Von Marco Polo heißt es, er habe den ersten Gegenstand aus Porzellan mitgebracht, aus China nach Europa. Es ist auch die nachfolgenden Jahrhunderte selten in Europa, es ist teuer, wertvoll und niemand weiß, wie es gemacht wird. Die Herstellung beginnt, wie ich mir habe sagen lassen, mit dem Sammeln einer bestimmten Erde, die wie Erz gefördert und aufgehäuft wird. So bleibt sie liegen, 30 oder 40 Jahre, Wind, Sonne und Regen ausgesetzt. In dieser Zeit verfeinert sich die Erde, bis sie zur Verarbeitung taugt. So beschreibt es Marco Polo in seinen Reiseberichten [4b]. Viel mehr sollte man über Jahrhunderte hinweg auch nicht erfahren. Erst die Briefe, die der Jesuitenpater Père d’Entrecolles aus China schreibt [3], geben weitergehende Auskünfte…. de Waal reist auf den Spuren dieses Paters nach Jingdezhen, einer Stadt, ca. 250 km südwestlich von Shanghai gelegen. Eine Stadt, förmlich auf Porzellan erbaut, Berge von Scherben, zum Fluss hin eine meterhohe Böschung aus Porzellanscherben.

Ich bin lächerlich glücklich, innen in meinem weißen Berg gewesen zu sein. 

Eine mythische Vereinigung, eine Art alchemistischer Hochzeit, de Waal und sein erster weißer Berg: Die Öffnung ist gerade breit genug, um hineinzuklettern, … Ich schlüpfe hinein, halte inne, … fahre mit der Hand über die Oberflächen. Sie schimmern feucht. Die Wände sind große, weiße, grün gestreifte Schnittwunden. … unten liegt saubereres, weißes Geröll. … Das ist es. Kaolin, mein Ursprung.

Porzellan an jeder Ecke, in jedem Hof in der Stadt. Alles ist Staub. Auf den Märkten sechshundert Jahre alte Stücke, letzte Woche hergestellt. Auch dies eine Kunst, die Kunst der Nachahmung, sie ist hochentwickelt. Jeder Brennvorgang ein Schritt ins Ungewisse, jeder Fehler bei der Herstellung rächt sich im Feuer, produziert Scherben anstatt Geschirr. Unsägliche Arbeitsbedingungen, Porzellanherstellung ist Ausbeutung.

Der kaiserliche Hof verlangte unendliche Mengen an Porzellan, Tausende, -zigtausende Stück an Tellern, Bechern, Gegenständen. Die Winter waren eiskalt, so daß man nicht arbeiten konnte, weil der Ton nicht trocknen konnte… 26350 Schalen mit Drachen in Blau, 30500 Teller im selben Muster, 6900 Becher, innen weiß und außen blau etc pp…. eine Bestellung des Hofes von 1554. Jahrhunderte später sollte sich alles geändert haben. 1911 sehen sich die Töpfer in Jingdezhen nicht mehr in der Lage, die Bestellung des Kaisers Puyi zu erfüllen, sie teilen es ihm mit und schicken ihm anderes. Damit enden tausend Jahre kaiserliches Porzellan.

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Die zweite Station: Dresden. Aber vorher noch Versailles, damals europäisches Machtzentrum, das dem Kaiserhof in China entsprach – zumindest vom Anspruch her. China war interessant für europäische Intellektuelle, Leibniz zum Beispiel, beschäftigte sich sehr mit dem Land. Über die Jesuiten hatte man ein Standbein in China, man konnte den Kaiser mit Genauigkeit beeindrucken, Genauigkeit war gefragt, um Sonnen-und andere Finsternisse vorhersagen zu können. Und da man den Kaiser auch von einer Krankheit befreien konnte, erteilte dieser 1692 ein Toleranzedikt. Wenige Jahre zuvor hielt sich ein junger deutscher, genauer: sächsischer Adliger in Versaille auf, der später einmal als August der Starke herrschen sollte. August verstand sich schon damals, in jungen Jahren, aufs Geldausgeben. Porzellan zu besitzen wurde Zeichen der Macht und des Geldes, nur herstellen konnte man es nicht. Colbert, der geniale Finanzminister Ludwigs, war das egal, dann wurde es eben nachgemacht, contre façon. Dieses Steinzeug war nicht schlecht, aber es war kein Porzellan…

August, jetzt König und Kurfürst und.. und.. und… wurde von der Porzellankrankheit befallen. Es kamen mehrere Faktoren zusammen: mit August ein Herrscher, der maßlos war, mit Böttger ein kleiner betrügerischer Apotheker und Alchimist mit Intuition sowie mit Tschirnhaus ein systematisch arbeitender Wissenschaftler. Aber all das hätte nichts genutzt, hätte es nicht in Sachsen einen weißen Berg gegeben, de Waals zweiten weißen Berg.

Sicherheitshalber war Böttger von August festgesetzt worden: da er in einem ‚gelungenen‘ Experiment unter Zeugen Gold hergestellt hatte, wollte jeder ihn haben. Natürlich war das Experiment nicht reproduzierbar, aber es gelang ihm und Tschirnhaus, August auf Porzellan umzupolen, eigenes Porzellan, nicht die blau-weiße Ware aus China oder Kakiemon aus Japan, für die er Geld haufenweise ausgab…

Im Goldhaus zu Dresden in Sachsen, einem Land mit langer Bergbautradition, mit Archiven und Aufzeichnungen, war Tschirnhaus, der Mathematiker, der Mann der Brennspiegel, auf dem Weg zum Porzellan. Und wieder spürt man bei de Waal diese Aufseufzen um Weg, den es für ihn nachzuvollziehen gilt: Wenn Tschirnhaus hier ist, dann muss ich Zeit mit Alchimisten verbringen. Wie schwierig kann das sein? Die Antwort lautet: sehr. Ich schenke ihnen grimmige Konzentration. Ich muss.

In diesen Stunden vor dem Morgengrauen wirbeln meine Sorgen herum –
Geld, ein neues Studio, die Ausstellung, für die ich nichts tue -,
bis sie sich im Innersten niederlassen. 

Vase aus Bötterporzellan Bildquelle [B]

Vase aus Böttgersteinzeug
Bildquelle [B]

Tschirnhaus probiert systematisch Materialien aus, bereist Manufakuren in Europa, um sich umzusehen. Ein Jahrzehnt seines Lebens hat er dafür aufgewendet…. Wieder kein Erfolg. August wird wütend, läßt Böttger in ein geheimes Labor nach Meissen bringen. Meißen ist die Hölle. … Das Licht ist fahl. … Sie sind begraben. Sie können kaum atmen. Von Schlaf keine Rede mehr. … es gibt keine Luft. Böttger fängt an, wirr zu reden, seine Leute machen sich Sorgen. Aber er hat das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen. Ende Mai 1706 öffnen Tschirnhaus und Böttger den Brennofen und sie finden etwas, was sie vorweisen können. Es ist kein weißes Porzellan, aber etwas Ausserordentliches, ein rotes Material, das poliert wie Jaspis glänzt: Jaspis-Porzellan (oder auch Böttgersteinzeug).

… und milchweiß wie eine Narzisse.

Es ist zwanzig Jahre her, seit Tschirnhaus seine Versuche begann, einen Scherben aus einem reinen weißen, lichtdurchlässigen Ton zu erzielen. Es ist acht Jahr her, seit ein junger, verängstiger Apothekerlehrling nach Dresden gebracht wurde. Sieben Jahre, seit die beiden aufeinandertrafen. Es ist siebenhundert Jahre her, seit das Porzellan erstmals nach Europa kam.

Es ist der 15. Januar 1708. Scherben No 5 war von den drei Scherben ‚album und pellucidatum‘ der Beste. Ein gutes Vierteljahr später unterschreibt August ein Dekret zur Gründung einer Porzellanfabrik in Dresden, im Oktober des Jahres stirbt Tschirnhaus, nur zwei Tage, nachdem der erste durchscheinende Becher aus dem Ofen geholt wurde.

Mein Kaffeekonsum nimmt wieder zu. … Meine Hand zittert, bloß ein klein wenig.

Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss so vieles noch einmal ansehen.
Ich muss die Farbe der Seladonwaren neuerlich überprüfen,
die August für das Japanische Palais in Auftrag gab,
…. ich streife vor und zurück

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1719 bricht in Knabe zu einem langen Fußweg von Devon nach London auf, ein Weg über 207 Meilen, eine Woche mühsames Dahinstapfen zu einer Lehrstelle, in der er für sechs Jahre lang in Chemie ausgebildet werden soll. William Cockworthy wird nach dieser Zeit Apotheker sein so wie auch Böttgers Porzellan letztlich in einer Apotheke seinen Anfang nahm. Apotheker und Quäker.

Meine Notizen und Mappen sind ein einziges Durcheinander, die Notizen aus China sind irgendwie zwischen die aus Meißen geraten, darüber Tschirnhaus, und jetzt die gesammelten Werke von Defoe und die Briefe von Samuel Smiles. … Gott helfe mir, denke ich, während ich meinen Schreibtisch betrachte. Ich bin die Jesuiten losgeworden und jetzt habe ich die Quäker am Hals.

William geht nach sechs Jahren in London nach Plymouth, deren Wetter sich durch drei Stufen definiert: ‚einiges an Regen‘, ‚eine erkleckliche Menge an Regen‘ und ‚andauernder und heftiger Regen‘. Er durchstreift das Land, um Kundschaft zu gewinnen. Durchstreift das Land, sieht es, durchwühlt von Minen, ein Alchimistenland und der Traum eines Mineralogen. Ein ungehobener Schatz, wo man in Sachsen seit Jahrhunderten Karten hat und Erzproben verwahrt…. Eine Landschaft auf Spekulation.

Lag in Dresden das Problem des Porzellans eher darin, das richtige Ausgangsmaterial, das Kaolin, zu finden, war in England schnell bekannt, wonach man suchen musste. Im Heimatland des Autoren zeigten sich die Probleme eher in der Technologie.

Auch hier der Zufall – und wieder die Jesuiten, die fleißigen Berichterstatter und Briefschreiber aus fernen Landen. Ein gewisser Pater Du Halde bindet siebzehn dieser Briefe zu prachtvollen Bänden, sie gelangen in die Hände Williams. Das Kapitel Vom Porzellan oder der China-Ware im zweiten Band sollte dessen Leben ändern, denn hier steht es schwarz auf weiß, von Père d’Entrecolles vor zwanzig Jahren niedergeschrieben: Porzellan … bestehe aus zwei Arten von Gestein, die zermahlen und vermischt und dann bei ausreichender Hitze gebrannt werden müssen. Das eine ist Kaolin, das andere Petuntse. Das Arkanum ist aufgelöst. Für William, aber auch ein anderer junger Mann notiert sich etwas in sein Buch: ein gewisser Josiah Wedgwood, ein 15jähriger Bursche, der in der Töpferei seines Vater arbeitet.

Viele suchen nach dem Stein, William, dessen geliebte Frau unterdessen gestorben war, findet ihn am Tregonning Hill; dieser Hügel in Cornwall wird de Waals dritter weißer Berg. Der Versuch, Porzellan herzustellen, wird seine [i.e. William Cockworthys] Obsession, eine Art Erschöpfung in Weiß. Es ist eine Möglichkeit, sich der Welt zuzuwenden, sich von den Abwesenden in seinem Leben fernzuhalten. Eine Obsession kann hilfreich sein.

Im ersten Stock, wo früher die Büros waren, ist mein Raum zum Schreiben samt den Büchern. … Es gibt …. ein wenig schwülstigen Goethe über Farbe und Licht, woraus ich nicht recht schlau werde, doch in weiß, ich muss es schaffen, falls ich ein paar Tage abzweigen kann. Eine Woche? Habe ich eine Woche für Goethe?

Wieder dieses ‚Ich muss…‘, dieser Druck, den seine Leidenschaft auf den Autoren ausübt. Jeder Spur wird nachgegangen, jedem Hinweis gefolgt. Melville: Obschon das Weiß vieles Schöne aus dem Reich der Natur veredelt und verfeinert, so als verleihe es ihm etwas ganz eigenes und Besonderes – wie bei Marmor, Kamelien und Perlen …. Der Gedanke an die Farbe Weiß ist omnipräsent.. Es ist die Farbe der Trauer, denn es enthält alle Farben. Auch Trauern ist endlose Refraktion; es zerbricht einen in Stücke.

Cockworthy hat die Schürfrechte für sein Material und bekommt ein Patent. Doch er ist kein Geschäftsmann, eher ein Tüftler, nie wird er mit seinem Porzellan erfolgreich. Sein Patent, so sollte sein Konkurrent später gegen seinen Verlängerungsantrag argumentieren, behindere die Entwicklung der englischen Porzellanfabrikation eher als daß es ihr nutze, da er, Cocksworthy, es nicht umsetzen kann. Er, der Konkurrenet, Josiah Wedgwood, dagegen könne ein Patent zum Wohl des Landes nutzen. Wedgwood hatte sich sein Kaolin damals aus Amerika bringen lassen, die weiße Erde der Cherokee … äußerst weiß, zäh und glitzernd tauchte diese Erde auf, er besorgte sich ein paar Tonnen, liess sie nach England verschiffen, kein einfaches Unterfangen. Jetzt kann er Cockworthy bzw. seinen Nachfolger – denn William hatte seine ‚Fabrikation‘ einem anderen übergeben – aus dem Geschäft drängen, hat er Zugriff auf englisches Kaolin. Der Markt in England gehört ihm.

Diese englische Reise … ist etwas sehr persönliches geworden. .. Ich versuche, zu verstehen, … Wie kann man Engländer sein und Porzellan machen? Wo in diesem feuchten Land kann weißes Porzellan zum Leben erwachen?

Möglicherweise fühlt sich de Waal Cockworthy am nächsten. Im Verlauf seiner Beschreibungen nennt er ihn immer durchgängiger beim Vornamen William, eine weitere Leidenschaft teilen beide: das Schreiben. de Waal notiert über Cockworthy einen Satz, der auch über seinem Leben stehen könnte: So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

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de Waal wäre nicht de Waal, von seiner Leidenschaft besessen, besuchte er nicht auch die weiße Erde der Cherokee, Ayoree Hill in den Great Smokey Mountains [5]: … die Weiße dieses Tons, die Frage, wem er gehört, seine umstrittene, provokante Geschichte setzen mir zu. – de Waals vierter weißer Berg.

Seine Reise ist noch nicht zu Ende. Als ich in seinen Gesammelten Schriften, Band 31, Lenins Rede auf dem Gesamtrussischen Verbandstag der Glas- und Porzellanarbeiter lese, …. das Porzellan wird in den Dienst der Revolution gestellt, dieses Weiß ist eine Revolution. Die Objekte, die Malewitsch schafft, sind robust und betörend zugleich… Du willst ein Manifest? Hier ist es. Du nimmst die Idee eines Gebrauchsgegenstandes und übermalst ihn, streichst ihn weiß an, sodass du schließlich eine Teekann hast, die nicht zu gebrauchen ist. Eine einfache Tasse als kämpferisches, revolutionären Porzellan.

Es sind zuviele weiße Objekte. Ich muss mich konzentrieren.

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Ein letztes, bedrückendes, erschütterndes Kapitel führt de Waal wieder nach Deutschland zurück. Im Jahr der Revolutionen, 1919, wird Gropius Direktor des Bauhauses, des Töpfer in Handarbeit Gefäße fertigen, die unbedingt den Eindruck erwecken sollen, maschinengefertigt zu sein…. und dann dieses Zitat [6], einige Jahre später, nachdem der Reichsführer SS die allerbesten Künstler, Designer, Töpfer und alle Personen, die mit der Herstellung von feinem Porzellan befasst waren an einem Ort sammelte. Diese einmalige Konzentration von Talenten … ermöglichte es, dass das Allacher Porzellan von solch hoher Qualität war und deswegen auch äußerst gefragt. 

Allach – wer kennt diesen Namen? de Waal, der Porzellanbesessene kannte ihn nicht, getilgt, der heutige Stadtteil Münchens, aus der Geschichte des Porzellans. Diese einmalige Konzentration von Talenten… Dachau. Im Lager Dachau. Die Formulierung macht einen schwindelig. Allach-Porzellan sei eine Art Reklametafel für die kulturelle Darstellung der SS gewesen. … Nur Hochwertiges, künstlerisch Wertvolles sei produziert worden, so herausragend, dass es die größten technischen Schwierigkeiten zu überwinden imstande gewesen sei. Figurinen zur Auszeichnung der Schergen. Aber auch: die Arbeit mit dem Porzellan schützte vor der Front…

Im weißen Porzellan verkörperte sich die deutsche Seele…. ein schöner Körper wird desto schöner sein, je weißer er ist. wird zum Credo des Allacher Porzellans…

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de Waal schließt sein Buch mit einer ‚Atemwende‘. Es ist eine Art Resümee, eine Zusammenfassung, eine Nachbetrachtung seiner Reise zum Porzellan – und zum Weiß. Ich hätte der Kaiser des Weiß sein sollen. Es sollte eine Reise durch weiße Seiten sein. … Was ist mir entgangen? Meine Listen habe ich aufgegeben. Aus meinen drei Porzellanbechern sind fünf porzellanene Gegenstände geworden. Meine drei weißen Berge sind jetzt vier. Ich wurde in eine andere Richtung geführt. 

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Ich habe dieses Buch, diesen Bericht gelesen, ich denke, sorgfältig. Andeutungsweise wie der Autor auch bin ich Fragen, die ich hatte, nachgegangen, habe ich in Büchern, die ich habe, nachgeblättert, Zeitschriften gewälzt, von denen ich meinte, in ihnen stünde etwas über Porzellan oder Keramik, natürlich auch das Internet befragt (btw: dem Buch, obschon kein Fachbuch, hätte ein kleines Glossar gut getan. Welcher ’normale‘ Leser kennt schon den Unterschied zwischen Irdengut, Steingut, Steinzeug, Jaspis-Porzellan, Hartporzellan, Knochenporzellan, Böttger-Porzellan und Böttger-Steinzeug, Frittenporzellan, Hart- und Weichporzellan….). Herausgekommen ist vorstehende Buchvorstellung, die einen groben Überblick gibt über die Geschichte des Porzellan, so wie sie de Waal, festgemacht an Orten und den Hauptakteuren, erfahren und geschildert hat.

de Waal, ich denke, das kann man konstatieren, lebt Porzellan. Porzellanmasse und der schöpferische Akt, mit ihr einen Gegenstand zu formen (‚mit‘ weil beide, Töpfer und das Material mit seinen Eigenschaften dazu beitragen) und diese Form durch Feuer in ein Gefäß zu transformieren (auch dabei, beim Brennen, kann durch Besonderheiten des Materials Unerwartetes geschehen, eine neue Nuance von Weiß beispielsweise in der Glasur auftauchen) sind für ihn Ausdrucksmöglichkeiten für sein inneres Leben.

Insofern Töpfern ein kontemplatives Handeln ist (…. existiert man im Augenblick …), ist der Töpfer im ‚Sein‘, in der Gegenwart, bereichert den Schaffensprozess mit einer weiteren, einer spirituellen Dimension. Die Gefäße, als Einzelstücke und in der Komposition, in der de Waal sie in Ausstellungen präsentiert, sprechen in dieser kontemplativen Dimension zum Betrachter, vermitteln diesen ‚Augenblick‘ des Seins, der sich dem Töpfer bei seiner Tätigkeit geöffnet hat. Es ist nicht einfach nur Geschirr, sind nicht einfach nur Teller und Becher, die dort in den Regalen und Vitrinen stehen, es sind ihrem Wesen nach Produkte eines Schöpfungsprozesses, die diesen (auch inneren) Prozess widerspiegeln.

de Waals Buch schildert auf einer tieferen Ebene als der der Geschichte des Porzellans von diesem Prozess. Er spürt, daß ihm, wenn er diese drei Orte, die er für sich definiert hat (seltsamerweise ist Japan nicht dabei, die Töpfertradition, in der er selbst sozusagen seine ‚Erleuchtung‘ als Töpfer erlebt hat), die Erdung in seinem Schaffen fehlt, daß seine Töpferkunst erst dann komplett ist, wenn er diesen Weg des Porzellans nachvollzogen hat. Dementsprechend euphorisch (und mit fast schon sexueller Konnotation) klingt es, wenn er schildert, wie er in China in den Stollen seines ersten weißen Berges eindringt.

Wie schon im Hasen… erweist sich de Waal auch bei dieser Expedition als Getriebener. Wie oft taucht das Ich muss…. im Text auf als Symbol eines auf ihn einwirkenden, ihn antreibenden Zwangs, der ihn im Griff hält, obwohl im bewusst ist, in schlaflosen Nächten bewusst wird, daß er Verpflichtungen hat, Aufgaben zu erfüllen hat. Er hat Aufträge angenommen, Ausstellungen zu gestalten und zu kuratieren, er muss, ganz profan, auch Geld verdienen, mit seinen Reisen gibt er es im wesentlich nur aus. Das Manuskript für den Hasen… muss fertig gestellt werden… Hat er eine Woche für Goethe? An manchem Stellen möchte man ihm zurufen: Setz´ Prioritäten! Setz` Grenzen!

Die dritte Ebene des Buches ist die der Selbsterforschung, der Rekonstruktion und Betrachtung des eigenen Weges als Töpfer. Der ist keineswegs von Anfang an mit Erfolg gepflastert, der junge de Waal müht sich, baut sich die Brennöfen selbst, viele Brände gehen daneben, die meiste ist unverkäuflich oder muss preisgünstig abgegeben werden. Erst in Japan, ohne den Druck von Erwartungen, befreite de Waal sich. Ich war Sheffield entkommen für ein einjähriges Studium in Tokio. … Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich angstfrei töpfern… Meine Töpfe wurden entspannter…. hatten ihre Lernphase hinter sich. … Als ich sie das erste Mal ausstellte, verkaufte ich alles.

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Die weiße Straße, die ein Pilgerweg ist, ich habe dieses Buch zwar 2016 gelesen, meine Gedanken dazu gehen aber erst Anfang des neuen Jahres online. Schon jetzt, das weiß ich, ist dieses Buch ganz oben auf der Liste der Lesehöhepunkte dieses Jahres 2017. Edmund de Waal ist nicht nur ein wunderbarer Töpfer, er ist ein genauso bemerkenswerter Schriftsteller. Letzteres hat er mit diesem Buch erneut bewiesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.edmunddewaal.com
[2] Webseiten zur Infomation:
– Kaolin: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin.
– Wer Zugriff auf die Zeitschrift des Deutschen Museums in München hat (Kultur und Technik), findet in Heft 2/2016 eine Ausgabe, die ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf ‚Keramik‘ legt und in der vieles sehr schön erklärt ist.
[3] Briefe des Jesuiten Père d’Entrecolles aus China:  http://www.gotheborg.com/letters/
[4] vgl. meine Buchbesprechung: de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
[5]
vgl. auch hier: George Ellison: Region’s kaolin history is nearly forgotten;  http://www.smokymountainnews.com/…?tmpl=component&print=1, 20. Oktober 2010
[6] vgl. dieses Kapitel des Buches hier: https://www.pressreader.com/austria/der-standard/20160924/282291024712582
– Passmore, Michael J., edited by Tony L. Oliver: SS Porcelain Allach; 107 S., Published by T.L.O. Publications, 1972

Bildquellen:

  • a short history… : screenshot von der Webseite, Stand 24.12.2016
  • Zustandsdiagramm: aus Römpp, Chemie Lexikon Bd. 3, Thieme-Verlag, 1990, S. 2191 (Eintrag ‚Keramik‘)
  • Vase Böttger-Porzellan: http://www.vam.ac.uk/content/articles/w/white-gold/
  • Siegel: dem Buch entnommen….

Edmund de Waal 
Die weiße Straße
Auf den Spuren meiner Leidenschaft

Übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Originalausgabe: The White Road, London, 2015
diese Ausgabe: Paul Zsolnay, HC, ca. 460 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Portrait von Sándor Márai; (Lajos Tihanyi, 1924) Bildquelle: [B]

Portrait von Sándor Márai;
(Lajos Tihanyi, 1924)
Bildquelle: [B]

Sándor Márai gehört zu den großen ungarischen Autoren des letzten Jahrhunderts, das er fast in Gänze durchlebt hat. Geboren wurde er 1900 in der kleinen ungarischen Provinzstadt Kaschau (heute in der Slowakei), die ca. 260 (Straßen)Kilometer nordöstlich von Budapest liegt. Dort verlebte er Kindheit und Jugend, studierte dann nach dem 1. Weltkrieg in Budapest, Leipzig, Frankfurt und Berlin. Danach begann ein unstetes Leben mit Reisen und längeren Aufenthalten in Paris und Italien, bevor er (mittlerweile verheiratet) ab 1923 für mehrere Jahre in Paris lebte und 1928 nach Budapest zurückkehrte, wo er als Journalist tätig war. 1948 schließlich verließ er Ungarn aus politischen Gründen und lebte ab 1952 in den USA, wo er sich 1989 suizidierte [1].


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Das vorliegende Buch über die Bekenntnisse eines Bürgers hat Marai im Alter von vierundreißig Jahren veröffentlicht: Es wird zwar als fiktive ‚Romanbiographie‘ bezeichnet, die das Leben ‚erfundener Personen‘ im Zeitraum von 1900 bis 1930 beschreibt, ist aber doch nichts weniger als die Schilderung seines Lebens in diesem Zeitraum.

Die Erinnerungen Márais beginnen sehr systematisch. Im ersten Teil des Buches schildert er das zweigeschossige Haus, von denen es im Städtchen noch nicht viele gibt, in dem die Familie zur Miete wohnen. Der Anfang des 20. Jahrhunderts bringt technische Errungenschaften, die (noch) nicht immer auch ein Fortschritt sind oder als solcher empfunden werden wie elektrisches Licht, das gegenüber dem warmen Licht der Petroleumleuchten so flackrig und grell ist oder einer Zentralheizung, für die man in manchen Räumen den Heizkörper vergaß mit der Folge bitter Kälte dort im Winter. Auch das Dienstbotenklosett an der Nebentreppe war eine modische Neuerung, die aber von den Dienstboten nicht angenommen wurde; wo diese sich jedoch Erleichterung verschafften, blieb und bleibt im Dunkeln… So erfahren wir vieles über die Lebensverhältnisse damals, über die Dunkelheit des Kinderzimmers, das ärmliche, ausgenutzte Leben der Dienstboten, das schlechter war als früher das Leben der Dienerschaft, die in gewisser Weise zum Haus gehörten und auch eine Art Fürsorge genossen während das Arbeitsverhältnis jetzt durch Vorschriften geregelt war (die kaum eingehalten wurden) und die Dienstboten als ‚bezahlte Gegnerin‘ der Hausherrin empfunden wurden, durch die sie sich prinzipiell bestohlen und hintergangen fühlte. Daß junge weibliche Dienstbotin auch häufig dem männlich pubertierenden Nachwuchs in die Technik körperlicher Liebe einzuführen hatte, war nichts besonderes.

Die Familie Márais (der diesen Namen erst später annahm und dessen Geburtsname : ‚Grosschmid‘ lautete) hat deutsche Wurzeln, in aller Ausführlichkeit legt der Autor seine Herkunft dar. In jungen Jahren war die Mutter bzw. die mütterliche Seite für ihn nicht wichtig, auch weil nicht standesgemäß. Während sein Vater aus geringem Adel stammte, wuchs seine Mutter als Tochter eines Handwerkers heran, der sich zwar zu Ansehen hocharbeitete und dann euphemistisch als ‚Fabrikant‘ bezeichnet wurde, aber er war eben doch Mitglied einer anderen gesellschaftlichen Klasse: … Wir ließen ihn im Chaos der Vergangenheit versinken und sprachen, wenn es gerade nötig war, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen von ihm, dem Frabrikanten. […] wir Kinder hatten ihn nie gekannt, er war taktvoll im Tod entschwunden. … Diese Einstellung war nicht ohne Folgen für die Familie, die mit der Zeit in zwei Parteien zerfiel, in Mutters Partei und in Vaters Partei. Dabei waren, hält Márai fest, die Handwerker, die in ihrer Gesellenzeit noch auf die Walz gingen, meist deutlich weltläufiger und weitgereister als der Beamte, der Zeit seines Lebens nie hinter dem staubigen Pult seiner Arbeitsstätte hervorkam. Márais Mutter selbst war Lehrerin, sein Bezug zu ihr wurde erst nach und nach intensiver.

Aber bevor Márai die einzelnen Familienmitglieder sehr ausführlich charakterisiert und beschreibt, gibt er noch eine Darstellung des Lebens in dem Städtchen, das beschaulich verläuft, auf dem der allabendliche ‚Korso‘ straßenseitig streng nach gesellschaftlichem Stand getrennt stattfindet, in dem in einzelnen, wohlbekannten Häusern körperlichen Bedürfnissen vieler Männer abgeholfen wurde, in dem die Literatur und Bücher ansehen genossen und mehrere Buchläden am Leben hielten, in dem es Rummel und Markt gab, man im Sommer in die umliegenden Wälder mit ihren kleinen Siedlungen und Sommerhäusern fuhr.

Die Verwandten, die Onkels und Tanten – es würde zu weit führen, sie alle hier aufzuzählen. Von mütterlicher Seite aus waren sie fast alle bemerkenswerte Menschen mit ebensolchen Schicksalen wie z.B. Onkel Ernő, der nach sechzehn Jahren Abwesenheit völlig selbstverständlich wieder bei der Familie auftauchte, schweigsam seine geliebten Zigaretten genoss und peu a peu von allen in´s Herz geschlossen wurde. Er war in dieser Zeit Soldat gewesen, hatte aber den Rock an den Nagel gehängt und Jahre in Lokalen mit seiner Musikgruppe zum Tanz aufgespielt… oder die Tante mit ihren sechs Töchter und dem Künstlermann, dem Maler…. Sie lebten wahrhaftig wie die Vögel. Lebten unglaublich bescheiden, zwitscherten in ihrer Hietzinger Wohnuing und warteten auf deas Glück…. Die Verwandten väterlicherseits waren ‚farbloser‘, nüchterner, wie beispielsweise ein unter Genieverdacht stehende Rechtsprofessor, der in Pest das ungarische Zivilrecht dieser Zeit ausformte oder Onkel Mátyás, der mit sozialem Impetus in Wien Jura lehrte. In dieser ‚Tradition‘ stand dann auch Márais Vater, der als Jurist im Städtchen hohes Ansehen genoss.

Es gab in der Kindheit ein bzw. zwei Ereignisse, die das Leben Márais bestimmen sollten. Im Alter von zwei Jahren kam noch ein Schwesterchen auf die Welt, das aber nach einem tragischen Unfall starb. Die nächsten Jahre konzentrierte sich die ganze Mutterliebe – und sie muss eine wunderbare Mutter gewesen sein (…. ihr unnachahmlicher Humor, ihre Seelenfrische, ihre fast geniale Kindernähe, die sie sich ihr Leben lang bewahrte, das alles weckte bei den Kindern Sympathie und Vertrauen; wir spürten, daß sie nicht nur eine Erwachsene war, die mal eben ein bißchen mit den Kinders spielte, sondern daß …. vom gleichen Spielbedürfnis durchdrungen war wie wir ….) – auf den Jungen, bis dann einige Jahre später ‚das Mädchen‘ auf die Welt kam und den verwöhnten Jungen aus dem Zentrum vertrieb: Die Geburt meiner Schwester und meine Entthronung waren wahrscheinlich einer der Gründe oder vielleicht nur Anlässe für meinen ‚Defekt‘; sicher ist, daß ich mich in dieser Zeit von der Familie löste, neue Gemeinschaften suchte und eigne Wege zu gehen begann. In der vielköpfigen, lauten, warmen Menge, die eine Familie darstellt, blieb ich allein. …

Der Junge suchte woanders Anschluss, in Jugendbanden beispielsweise, die unter dem Einfluss charismatischer Anführer standen, aber das waren nur temporäre ‚Lösungen‘. Es kam eines Sommers bei einer Landpartie, einem Familienausflug zu einem regelrechten Anfall bei ihm, er floh die Familie, riss aus. Dieses Ereignis war insofern wichtig, weil der Familienrat die Konsequenz zog, ihn in eine ‚Anstalt‘, eine Schule, zu geben. Die dortige Pädagogik war ’schwarz‘ [3], es war eine Welt des Faustrechts, eine Welt mit militärischer Strenge, in der die jeweilige Herkunft der Jungen wichtig war und über deren Status bestimmte. Das erste Anstaltsjahr endet in einem Sommer, der Junge ist mit der Familie in der Sommerfrische, als die Nachricht vom Tod des Thronfolgers bekannt wird.

An dieser Stelle macht Márai einen großen Zeitsprung in das Jahr 1923, über die Zeit des 1. Weltkrieges ist in seinen Erinnerungen praktisch nichts geschrieben, nimmt man alles zusammen, wird man kaum auf ein bis zwei Seiten kommen. 1923 jedenfalls reist er mit seiner Frau im Zug nach Paris, nach Europa, die Jahre zuvor hat er mehr oder meist weniger studierend in Deutschland verbracht. So war 1919 als Neunzehnjähriger nach Leipzig gekommen, um Journalistik zu studieren. Deutschland war ihm mental nicht fremd, daheim in Kaschau und in ganz Oberungarn lebten wir unbewußt – oder vielleicht nicht ganz unbewußt – ein wenig auf deutsch Weise. Deutsch habe ich schon als Kind fließend und, wie ich glaube, einigermaßen richtig gesprochen. […] In Dresden oder Weimar empfand ich nie die Fremdheitspanik, die mich später in französischen oder englischen Städten oft heimsuchte, …. Das Studium betrieb er jedenfalls nicht ernsthaft, in der kriegsgebeutelten Stadt war er mit seinem Äußeren eine exotische Erscheinung, die sich lieber in Cafés aufhielt und die Menschen träumend beobachtete (Ich konnte halbe Tage lang im Café Merkur hinter der Universität sitzen, …. träumte ich und sah durch das Fenster auf die Leipziger Straßen, die öde waren uns so fremd wie eine Oase mit Ölbäumen und Palmen in der Wüste). Das väterliche auf mehrere Monate berechnete Geld war nach ein paar Tagen ausgegeben, die Ernährung wurde auf in Blechdosen gepresstes Rindfleisch und Haferflockensuppe, wie sie von Missionen angeboten wurden, umgestellt. Er las den damals noch kaum bekannten Kafka, betrachtete die zarten Aquarelle Lasker-Schülers, entdeckte damals als hoffnungsvoll erklärte, heute unbekannte Schriftsteller wie Kurt Heynicke oder Lyriker wie Albert Ehrenstein…. Über Kafka schreibt Márai diesen wunderbaren Satz: In einer Buchhandlung zog ich unter tausend Büchern einfach die Verwandlung heraus , begann das Heftchen zu lesen und wußte: Das ist es. Kafka war kein Deutscher. Er war auch kein Tscheche. Er war Schriftsteller, wie die Größten es sind, unverwechselbar und unmissverständlich. [2]

In Leipzig und unter dem Eindruck Kafkas fängt Márai an zu schreiben, gibt in einem Provinzverlag einen Gedichtband heraus, zusammen mit einem Holländer gründet er eine literarische Zeitschrift, die über eine Ausgabe nicht hinauskommt, er gewinnt die Sympathie des alten Brockhaus, der ihm öfter aus finanziellen Notlagen hilft, schreibt jetzt auch seinen ersten Artikel für ein Wochenblatt – in Deutsch. Durch viele Reisen quer durch Deutschland lernt er das Land kennen, immer verknüpft mit der Sinnsuche für sein eigenes Leben.

Die nächste Station in seinem Leben war Frankfurt am Main, diese reiche Stadt mit Goethes Geburtshaus und dem Stammhaus der Rothschilds, deren älteste Ahnin Gudula er noch täglich mit der Kutsche fahren sieht. In der ersten Zeit lungerte ich durch Frankfurt wie ein romantischer Romanheld. Ich stand gegen Mittag auf, dann saß ich bis zum Abend im Café Hauptwache, …. trotzdem macht er Bekanntschaften, wird nach einiger Zeit sogar in die geschlossenen Gesellschaften eingeladen und bekommt Kontakte zur Frankfurter Zeitung, für die er anfängt, Artikel zu schreiben.

Innerlich ist Márai noch bei weitem nicht gefestigt, auch wenn er den Eindruck hat, ‚das Frankfurter Jahr hätte etwas in ihm locker umrissen … eine ungewollte, vage, mutlose Grundhaltung …. Meine Lebensweise lehnt sich an die der Schriftsteller an. Schreiben ist im letzten Sinn nichts weiter als eine Haltung, als eine … moralische Haltung. … diese Aufgabe erfüllte mich mit Angst und manchmal mit Abscheu.‘

Natürlich macht Márai auch Bekanntschaften mit Frauen, hat Liebesverhältnisse. Nie jedoch knüpft er wirklich emotionale Nähe, immer bleibt er der Dame im Herzen fremd. Aus Frankfurt entführt er sogar eine verheiratete Frau, die in Scheidung lebte, sie lag die ganze Nacht mit Magenkrämpfen im Zug.Von meiner Situation begriff ich da lediglich, daß ich ein Jahr in einer fremden Stadt zugebracht hatte und mir zur Erinnerung eine Frau mitnahm, die ich nicht liebte und die ich möglichst bald wieder loswerden wollte.  Ein Grundmuster, daß sich durch sein Leben ziehen sollte, selbst seiner Frau Lola gegenüber bleibt immer eine Distanz, am Ende seines Lebens fragt er sich, ob er sie geliebt habe oder ob sie einfach nur zu ihm gehört hatte, wie ein Bein oder die Milz, die man ja auch nicht liebt…. 

Berlin in den Zwanziger Jahren. So groß und doch so provinziell. Hier spürt er seine Einsamkeit, die innere Isolation: Ich suchte menschliche Wärme, Nähe, etwas Zuverlässiges. Meine Einsamkeit machte mir zu schaffen, die künstliche Pseudokultur-Einsamkeit. […] Eisige Einsamkeit umfing mich. […] Sie kam von innen, aus meinem Wesen, meinen Erinnerungen, und sie war bereits eine Haltung, dei hoffnungslose Einsamkeit des Schriftstellers. …

Berlin brodelt, es beginnt eine rauschhafte Zeit für Márai, eine Zeit, in der auch der Alkohol für ihn zur Gefahr wird (Ohne Rauschmittel ist das Leben sehr schwer zu ertragen. .. überzeugt, daß ich damals in ständiger Lebensgefahr war….) Er sich selbst als neurotischen Mensch sieht, als Einsamkeitsfanatiker. Auch in Berlin die langen Cafébesuche, natürlich auch im Romanischen Café [4], wo er Lasker-Schüler auf ihren Ausflügen nach Theben begleitet. Und Lola begegnet ihm hier, die aus Kaschau nach Berlin geschickt worden war, um einen Mann zu vergessen, Márais Freund…. Als ich Lola begegnete, erklärte ich weder mir noch sonst wem etwas, wie man es unnötig findet, zu erklären, daß man lebt und atmet. … Sie heiraten: Meine Pflichten als Familienoberhaupt nahm ich außerordentlich ernst. Vor allem kaufte ich, nach langem Überlegen, einen Schuhschrank. … Es war ein sehr schöner Schuhschrank …. mit Millionen oder Milliarden Inflationsgeld bezahlt… sie lebten von dem wenigen Geld, das in wenigen Stunden noch weniger wurde, daß er für Artikel und kleine Zeitungsbeiträge bekam, die er an ungarische Blätter schickte.

Lola war der erste Mensch, der einen Weg zu meiner Einsamkeit suchte; ich wehrte mich verzweifelt. [….] immer auf der Hut, daß Lola meine Einsamkeit nicht antastete. […] Ich wehrte mich gegen Lola, […] Einsamkeit ist ein Lebenselement des Schriftstellers. Vor Freundschaft war ich immer geflohen, ich empfand sie als Verrat, als Schwäche. …

Ich habe mich bei der Lektüre der Erinnerungen des öfteren gefragt, ob es Lola im Leben Márais überhaupt noch gibt, kapitellang wird sie nicht erwähnt, sind die Ausführungen in der ‚Ich‘-Form geschrieben, als hätte der Autor keinen Menschen an seiner Seite gehabt. Liest man die Abschnitte, aus denen ich zitiert habe, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, das sei – zumindest im Inneren Márais und im übertragenen Sinne – so gewesen. Die ‚Wirklichkeit‘ war Lola, ein Wirklichkeit mit all ihrem unbewußt-erbarmungslosen Terror, ich musste aus dem ‚wirklichen‘ Theben und Athen [i.e. das Theben und Athen, in das er in der Phantasie mit Else Lasker-Schüler reiste] emigrieren, um unter den Meridianen von Lolas Wirklichkeit leben zu können. …. in dieser Wirklichkeit Lolas folgte die Zeit, in der ich keine Gedichte mehr schrieb.

Nichtsdestotrotz war Márai ein scharfsinniger Beobachter, der die immer barbarischere, leer-geschwätzige, messerwetzende Welt der Bürger erkannte, eine Welt, die die Dichter in Angst und Schrecken versetzte. Singende Bürger bereiten sich selbstbewusst auf Revolutionen vor, in München, auf seinen Reisen, erlebte er dies als Alltag, hörte man Schüsse, ging man kurz in Deckung und danach wieder seinen Geschäften nach.

1923 verlassen die beiden Berlin und reisen im Zug nach Paris, sie ließen das ‚bekannte‘ und doch so fremde Deutschland … zurück und kamen in eine Stadt, die schmutzig war, in der sie niemanden kannten, in der sie einsam waren und Menschen, die sich immer noch am Sieg berauschten. Márais Frau wird unter ärmlichsten Verhältnissen schwer krank, muss operiert werden, danach fahren sie nach Italien und erleben eine schwere Ehekrise: sie fährt zurück nach Kaschau, meine Aufgabe, so formuliert es Márai, war es, in Florenz zu bleiben, solange es die geheimen Mächte, die sein Leben lenkten, erlaubten […] du mußt bleiben, du darfst nicht feilschen, du darfst nicht zurückschrecken.

In diesen Monaten wurde die [italienische] Sozialdemokratie vom Faschismus zerschlagen, vernichtet, in alle Winde zerstreut. Die Sozialisten verkamen zu einer Art unterirdischer Sekte und heilten ihre Versammlungen wie die ersten Christen in Katakomben ab. Márai erlebt den Aufstieg Mussolinis mit, diese heute so skurril wirkenden Menschen: sein Wesen und Auftreten hatte etwas Unverletzliches. Er hatte in das Italien des Dolcefarniente eine Energie von hundert Pferdestärken eingebracht und das neue Tempo riss alle mit. […] Wer nicht die erster Zeit des Faschismus in Italien erlebt hat, kann nie das Geheimnis des Erfolgs seiner Bewegung begreifen. …

Nach Italien (Lola war zurückgekehrt) erfolgte ein weiterer Aufenthalt in Paris, diesmal für einige Jahre. Die Wohnverhältnisse waren besser, Márai lebt sich in die Stadt ein, obwohl er sich bis zum Ende als Fremder in Paris sieht, mit einen Auto, das er sich wider alle Vernunft gekauft hatte, bereist er Frankreich und lernt seine Landschaften und Menschen lieben. Doch wieder packt ihn innere Unruhe, es folgt eine mehrmonatige Reise in den Nahen Osten, dann fährt er nach London, wo ihn wieder das Gefühl der Einsamkeit umschließt, obwohl er sich letztlich im warmen sonnigen Herbst wie im Glücke badend fühlt. Auch hier die scharfe Beobachtungsgabe Márais, der die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihn umgeben, präzise erfasst. London ist eine Art Hochschule. Wenn du sie besuchst, bist du nicht klüger, aber du meinst, viel könne dir im Leben nicht mehr zustoßen.

Was geschah im tragischen Vaterland? […] Nun hatte ich auf einmal das Gefühl, meine Zeit sei abgelaufen, ich hätte hier nichts mehr ‚zu tun‘ und müsse nach Hause fahren. Dieser geheimnisvolle Imperativ überkommt Márai in der Schweiz und er folgt ihm, reist nach Ungarn, nach Budapest, zurück, ein Jahrzehnt ist vergangen, es ist 1928 geworden. In Budapest arbeitet er als Journalist, fängt an, wieder ungarisch zu schreiben. Die Aufzeichnungen enden mit dem Tod des Vaters, der für ihn einen großen Verlust darstellt, denn er erkannte, daß im ganzen Leben nur er selbstlos und gütig zu mir gewesen war. […] Ich wusste, daß ich ein bedingungsloses, menschliches Verhältnis zu niemandem mehr finden würde; ich würde mich ganz der Arbeit hingeben müssen, der ‚Lebensweise‘, und in sie alles hinüberretten, was in mir und der Welt menschlich geblieben war. 


Márais Erinnerungen, weit über vierhundert Seiten für gut dreißig Lebensjahre, sind ausführlich und detailliert. Sie ermöglichen im ersten Teil einen Über- und Einblick in die gesellschaftliche Struktur eines kleinen ungarischen Städtchens mit ihren diversen sozialen Schichten um die vorletzte Jahrhundertwende, ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren mehr oder weniger geheimen Vergnügungen. Die Familie des Autoren mit ihren vielen Mitgliedern selbst stellt ein weites Spektrum an Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen dar. Inwieweit das Trauma der Zurücksetzung des jungen Márais in der Familienhierarchie nach der Geburt der Schwester ursächlich für seine späteren Schwierigkeiten und Eigenschaften verantwortlich zu machen ist, läßt sich selbstverständlich von hier aus nicht beurteilen.

Im zweiten Teil des Buches, der nach dem Ende des 1. Weltkrieges einsetzt, ist das Leben des Autoren selbst der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Immer wieder kommt ein Grundmotiv seines Lebens hervor: das Leiden am Leben, das Baden in der Einsamkeit, das Abschotten gegen alle Versuche anderer, ihm näher zu kommen, dies geht ins Extreme, bis hin zu Suizidgedanken, jedenfalls zum zeitweiligen Alkohlmissbrauch. Er bezeichnet sich selbst als Neurotiker. Dabei bleibt Márai aber immer ein scharfsinniger Beobachter, der stundenlang dem Leben um ihn herum lauschen und zusehen kann, der es in seinen Motiven und Erscheinungen wahr- und auseinandernimmt, das ist in einer so brodelnden Epoche wie der zwischen den Weltkriegen auch von heute aus betrachtet, immer noch sehr interessant.

Márais Leiden am Leben geht parallel zu seiner Sinnsuche als Schriftsteller. Auch hier sieht er sich als einsamer Wolf, der zum Leben Abstand halten muss, um es erfassen und beschreiben zu können. Seitenlang führt er seine Gedanken zu diesem Thema aus, das ist manchmal etwas langatmig, da auch nicht immer nachvollziehbar. Márai war Zeitgenosse vieler Künstler und Schriftsteller, mit vielen hatte er Kontakt, andere, wie Kafka oder auch Proust, die für uns heutige Lichtgestalten sind, standen zu seiner Zeit allenfalls am Anfang ihrer Berühmtheit. So war Márai trotz seines postulierten Hanges zur Einsamkeit kein Isolierter, kein Einzelgänger, zwar schien er in der Tat wenige, wenn überhaupt, Freundschaften geschlossen zu haben, aber er war Bestandteil der Gesellschaft, wurde eingeladen und nahm diese Zerstreuungen auch an.

Bekenntnisse eines Bürgers sind jedenfalls eine hochinteressante Lektüre, für die man sich Zeit nehmen muss, Zeit, die sich trotz vereinzelter Längen lohnt. Es ist eine Blick zurück in eine Welt, die sich zweimal im Umbruch befand: der 1. Weltkrieg zerstörte das etwas behäbige gesellschaftliche Gefüge der Doppelmonarchie, deren Ausformung Márai am Beispiel seiner Geburtsstadt Kaschau beschreibt. Ebenso spürt Márai aber auch das dumpfe Grollen und Rumoren im Untergrund, das das Heraufziehen des Faschischmus mit all seinen Konsequenzen, die damals noch kaum einer ahnte, ankündigte.

Links und Anmerkungen:

[1] Ausführliche Beschreibung seines Lebens in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sándor_Márai, aber auch in http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/MaraiSandor
[2] zur Buchvorstellung von Kafkas Die Verwandlung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/20/franz-kafka-die-verwandlung/
[3] vgl dazu den Roman von Géza Ottliks: Die Schule an der Grenze, in der der Autor die Verhältnisse in solchen Schulen beschreibt: http://wp.me/paXPe-9el

Bildquelle: Portraits: Lajos Tihanyi [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sándor_Márai_portrait.jpg?uselang=de)

Sándor Márai
Bekenntnisse eines Bürgers
Erinnerungen
Übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki
Originalausgabe: Egy polgár vallonásai, Budapest, 1934
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 420 S., 2000 (der Link führt auf die aktuelle TB-Ausgabe)

weiterleben

Die Autorin dieses Buches mit Schicksalen von Menschen, die mit dem Tod geliebter Menschen weiterleben müssen, habe ich vor einiger Zeit schon mit ihrem ersten Buch Dieser Mensch war ich vorgestellt [2], in dem Menschen in der Art eines Nachrufs ihr eigenes Leben mit Höhen und Tiefen, mit dem, was es ihrer Meinung nach ausmachte, dargestellt haben. Weiterleben (was auch als Weiter Leben lesbar ist) dagegen läßt Menschen zu Wort kommen, die durch den Verlust von Kindern oder Partnern durch eine teilweise sehr intensive Trauer gegangen sind und die ihre Erfahrungen schildern, trotz ihrer Verzweiflung wieder ins Leben hinein zu kommen.

Christiane zu Salm, die hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Durch den frühen Tod ihres Bruders war und ist ihr eigenes Leben und das ihrer Familie dauerhaft beeinflusst worden.


Die Autorin läßt in vierzehn Abschnitten Menschen ihre Schicksale schildern, es sind elf Frauen, die zu Wort kommen, zwei Männer und ein Paar, die Frauenschicksale sind also deutlich in der Überzahl. Es sind zum Teil sehr schwere Lebensläufe, die beschrieben werden, wenn beispielsweise bei einer Frau das Schicksal Mehrfachsuizide bei den Geschwistern, den Tod der Eltern und den Tod des Mannes umfasst, ist die Schwere dieser Schicksalsschläge kaum zu erahnen… Manche der Trauerfälle sind noch nicht so alt, manche der Verlusterfahrungen liegen schon Jahrzehnte zurück, sind aber in der Seele immer noch präsent.

So verschieden die Schicksale sind, die zu Salm schildert, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten bei ihnen herausspüren. Auch wenn die Idee der Phasenmodelle über das Trauern, daß also der Trauerprozess in bestimmten Phasen abläuft, mittlerweile überwunden ist, so sind doch die bekannten Ausprägungen des Trauerprozesses immer wieder festzustellen: das Unfassbare des eingetretenen Todes, das Verdrängen des Ereignisses, verbunden teilweise mit dem wie ferngesteuert Agieren auf einer rein funktionalen Ebene, Gefühle wie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst auch und Wut und Zorn. Von Apathie und Handlungsunfähigkeit wird erzählt, von der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und von den Problemen, die bei Paaren auftreten, wenn Männer und Frauen unterschiedlich um ihr totes Kind trauern: viele Beziehungen zerbrechen daran, es besteht aber auch die Möglichkeit, durch diese Herausforderung sich wieder näher zu kommen.

Nähe und Begleitung zu spüren, hat vielen dieser Menschen in ihrem Schicksal geholfen, manche haben professionelle Hilfe von Therapeuten in Anspruch genommen. Manchmal musste das Leben wieder ganz ‚klein‘ begonnen werden, von Stunde zu Stunde geplant, was man jetzt macht und wenn das geschafft war, was dann zu machen war, bis die Tage wieder eine Struktur hatten, die Halt geben konnte. Oft war es die Notwendigkeit, für die Kinder zu sorgen, die nach dem Tod des Partner verhindert hat, daß der/die Trauernde ins Endlose fiel, manchmal gab der Glauben Kraft, manchmal stützte auch die Arbeit. Nicht selten gibt es Schuldgefühle, die belasten: man hätte doch eigentlich… wäre man doch…..

Aber irgendwann hat das Leben diese Trauernden wieder zu sich geholt, manchmal anfangs mit einer Prise Fatalismus, weil der Alltag, das Leben eben, einfach Ansprüche stellte – und weil die Trauer sich auch verändert im Lauf der Zeit und mit dieser Veränderung sind auch die Menschen anders geworden, haben sich andere Prioritäten gesetzt, gehorchen einer anderen Werteskala, sind einfühlsamer, aufmerksamer, ja: stärker geworden.


Zu Salms Buch ist eine Sammlung von Schicksalen, nicht weniger, aber leider auch kaum mehr. Diese Schicksale sind Beispiele für Menschen, die mit einem (oder mehreren) großen Trauerereignissen umgehen lernen mussten und dies geschafft haben. In einem kurzen Vorwort zieht die Autorin ein knappes Resümee dieser Lebensläufe und bindet dies in eine ebenso knapp gehaltene, allgemeine Betrachtung über das Phänomen Trauer ein. So kurz das Vorwort ist, so sehr regt gerade dies (im Gegensatz zu den persönlichen Schicksalen, die man nur mehr oder weniger erschüttert zur Kenntnis nehmen kann) zur Diskussion an.

… gehört sie [i.e. die Trauer] sogar wirklich zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die das Leben an uns stellt? Ist eine solche These nicht vielmehr eher geeignet, dieses zweifelsohne sehr schwere Thema noch zusätzlich mit Versagensgsangst zu belasten, indem sie als ‚Aufgabe‘ bezeichnet wird? Ist es nicht vielmehr so, daß Trauer zu den Grunderfahrungen des Mensch-Seins gehört : etwas zu verlieren, etwas loslassen zu müssen, was einem lieb ist, fängt im frühesten Kindesalter an und macht traurig bis hin zu dem Gefühl, Zeit und Raum unter den Füßen zu verlieren, sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Aber da Traurigkeit und Trauer so fundamental sind, haben wir als Menschen auch innere Mechanismen entwickelt, damit umzugehen und die Verluste in unser Leben zu integrieren. ‚Das Leben geht weiter‘, dieser Spruch, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen so überhaupt nicht trösten kann, er stimmt trotzdem, auf verschiedenen Ebenen, wie ja auch die von zu Salm beschriebenen Schicksale zeigen. Deswegen sehe ich Trauern nicht als Aufgabe, sondern als etwas, was geschieht, was wir zulassen müssen, akzeptieren müssen in der Art, wie es auftritt. Trauer ist ein natürlicher Prozess, die Seele braucht die Zeit, sich auf den Verlust des geliebten Menschen einzustellen, der Mensch braucht Zeit, sich in seinem Leben (das anders sein wird als vor diesem Tod) neu einzufinden. Dafür sind wir von der Natur aus gerüstet und nur bei den allerwenigsten Menschen zeigen sich Trauerprozesse, die ‚behandelt‘ werden müssen.

Auch kann man sich auf Trauer nicht vorbereiten. Auch bei dieser These zu Salms bin ich persönlich anderer Ansicht, denn ich bin überzeugt davon, daß die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod auch den Trauerprozess, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen einsetzt, positiv beeinflusst. Man kann damit nicht die Schwere des Verlustes, nicht die Wucht der Trauer beeinflussen, aber man kann die Angst vor der Trauer mindern (letztlich ist genau das ja der Impetus von zu Salm, dieses Buch zu veröffentlichen), man stärkt durch diese Auseinandersetzung die eigene Resilienz. Und es gibt natürlich auch ganz Konkretes, was man machen kann: aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es beispielsweise ist, dem Bestatter beim Zurechtmachen des/r Verstorbenen für die Aufbahrung und die Bestattung zu helfen. Sich vorzunehmen, das zu machen, ist Vorbereitung auf´s Trauern.


Ich schrieb vorstehend, da zu Salm in vierzehn Kapiteln Menschen zu Wort kommen ließ. Ich hoffe, diese Angabe stimmt, denn leider enthält das Buch kein Inhaltsverzeichnis. Auch ist den einzelnen Abschnitten nichts vorangestellt (oder als Zusammenfassung hinzugefügt), was einen kurzen Eindruck vermittelt, was die Autorin gerade an diesem Schicksal zeigen will, warum sie dieses Schicksal hier aufgenommen hat. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in der ‚Ich-Form wiedergegeben, ob die jeweiligen Personen diese Texte wirklich selbst verfasst haben, ob sie auf einem Interview beruhen, inwieweit zu Salm bearbeitet oder redigiert hat, auch das wird nicht leider nicht erwähnt.

So ist Weiter Leben nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Sammlung von Beispielen für trauernde Menschen, die ins Leben zurückgefunden haben und die beschreiben, wie sie dies gemacht haben bzw. wie dies geschehen ist. Mit ein wenig mehr Aufwand hätte das Buch jedoch deutlich mehr sein können.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich; Besprechung hier im Blog

Christiane zu Salm
Weiterleben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen
diese Ausgabe: Goldmann, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Karte der Bäreninsel, erstellt von Theodor Lerner Bildquelle [B]

Karte der Bäreninsel, erstellt von Theodor Lerner
Bildquelle [B]

Bäreninsel, Insel im S. von Spitzbergen, zwischen 74 und 75° nördl. Br. und unter 19° östl. L. v.Gr. gelegen, merkwürdig durch das einzige Lager der produktiven Steinkohleformation, welches im Polargebiet existiert. Sie wurde 1596 von Barents entdeckt, von Keilhau 1827 geografisch untersucht, von L. v. Buch (Berl. 1847) beschrieben und 1868 von einer schwedischen Expedition aufgenommen. Danach bildet ihren nordwestlichen Teil eine Hochebenbe mit kleinen Seen. Im SO erhebt sich der Mount Misery bis 544 m. Die Insel besitzt infolge ihrer eigenartigen Lage (im Norden des Golfstroms) ein auffällig mildes Klima: Jahresmittel – 5,2° C. [Meyers Konversations-Lexikon 1890]


Einige Jahre später allerdings wurde dieser Beitrag im Meyers…. bearbeitet und er enthielt nun folgende Information: Im Auftrag eines Hamburger Syndikats nahm 1898 der Deutsche Theodor Lerner 85 qkm im Besitz, und 1899 hatte der Deutsche Seefischereiverein eine Station. [2] Dem Mosebach´schen Roman Der Nebelfürst liegt also ein historisches Ereignis und mit Theodor Lerner eine historische Figur zugrunde. Natürlich gibt es zu Theodor Lerner eine hinreichende Zahl von Fundstellen in Internet, deswegen hier nur ein grober Überblick über diese schillernde Figur, die Mosebach zur Hauptperson seines Romans gemacht hat.

Der reale Theodor Lerner [1] wurde 1866 in Antweiler an der Ahr geboren. Seine Begeisterung für´s Wasser und die Schifffahrt zeigte sich schon früh, als die Familie am Rhein lebte. Sowohl die Besuche des Gymnasiums (Linz und Düsseldorf) als auch des Studiums (Jura, Medizin, Nationalökonomie in Würzburg bzw. Bonn) blieben ohne Abschluss, stattdessen ging er nach Bremen und unternahm von dort aus mehrere Schiffsreisen. 1896/7 war er an der Vorbereitung der Ballonfahrt des Schweden Salomon August Andrée (1854-1897) beteiligt, der von Spitzbergen aus mit zwei weiteren Männern den Nordpol in einem Wasserstoff-Ballon überqueren wollte, Lerner fungierte als Reporter für eine Berliner Zeitung. Nachdem die Expedition Andrées offensichtlich gescheitert und der Ballonfahrer vermisst wurde, leitete Lerner mit dem vormaligen Fischkutter Helgoland eine Suchfahrt nach dem Forscher, bei der er die auf halben Weg nach Spitzbergen liegende Bäreninsel in Teilen in Besitz nahm: die Kohlevorkommen auf der Insel schienen ihm abbauwürdig und die Insel als Stützpunkt für die Hochseefischerei geeignet. Unwissentlich kommt Lerner mit seiner Bäreninsel-Aktion wohl geheimen Aktivitäten des Deutschen Reichs in die Quere [z.B. 3], jedenfalls erfährt er keinerlei offizielle Unterstützung und das Projekt scheitert letztlich. Dies ist der Punkt, an dem Der Nebelfürst von Mosebach einsetzt….


mosebach-nebelfuerst

Es ist ein fantasievoller Spaß, den sich Martin Mosebach rund um diesen historischen Fakt ausgedacht hat. Bei ihm ist Lerner ein Lokalreporter einer Berliner Zeitung, ausgestattet (im Urteil seines Chefredakteurs) mit ansteckender Dummheit, eingesetzt immer dann, wenn es brennt. Brände und deren Zerstörungswerk, die Verzweiflung der Betroffenen, der heroische Kampf gegen die Feuersbrunst – dies darzustellen ist ihm wohl gegeben. Und ausgerechnet er versäumt einen der großen Brände, den der Anilinfabrik (Agfa) Berlin-Treptow. Und warum? Weil der Kutscher, der ihn dorthin fahren sollte, diese imposante Persönlichkeit, diese auffallende Frau angefahren hatte und Lerner sich zur Hilfsleistung genötigt sah, ferner raunzte der Kutscher auf seine Frage zurück, es hätte sich um einen Fehlalarm gehandelt. Derart und diesbezüglich beruhigt kann sich Lerner der Dame widmen und ihr aus einer weiteren Verlegenheit helfen, indem er ihr eine Unterkunft verschafft.

Diese Dame, Frau Hanhaus (auf S. 4 des Schutzumschlages wandelt sie sich keck in eine Frau Neuhaus, aber Namen sind eh Schall und Rauch wie so vieles in diesem Roman…), diese Dame also wickelt Lerner ein. Sie ist der heimliche Star des Romans: sehr zielorientiert, sehr ergebnisorientiert, skrupellos kennt sie keine Probleme, sondern nur Lösungen. Und womit wickelt sie ihn ein? Mit dem schier wahnsinnig anmutenden Plan, auf den sie durch das Studium eines Zeitschriftenartikels gekommen ist: Lerner solle beim Chefredakteur seines Blattes um ein Schiff ersuchen, um damit (offiziell) den vermissten Ballonfahrer André suchen zu können. Käme er bei der Bäreninsel vorbei (dem eigentlichen, arkanen Ziel der Expedition) könne er diese kurzerhand in Besitz nehmen, sei sie doch (so entnahm Frau Hanhaus dem besagten Artikel, herrenlos, aber voller guter, vorzüglicher sogar, Steinkohle. Und einen Stützpunkt für die deutsche Hochseefischerei könne man dort ebenfalls errichten. Auf (nach erfolgter Inbesitznahme dann) Lerners Land.

Ein wahnwitzig anmutender Plan von Frau Hanhaus, aber dem um seinen Arbeitsplatz (es gab in Berlin nur eine einzige Zeitung, die nicht aktuell vom großen Brand berichtete….) fürchteten Lerner – was blieb ihm übrig, und ausserdem schmeichelte es ihm, leuchtete die Argumentation ihm immer mehr ein, je öfter er sie gedanklich umwälzte. Ähnlich erging es dem Chefredakteur, den die Sorgen durchaus plagten, musste er doch Verluste an Abonnementen hinnehmen, seit einiger Zeit schon, dann diese Pleite jetzt mit dem Brand – da käme ein Knaller wie die Suche nach dem vermissten Polarforscher und Ballonfahrer André gerade recht – wenn man es sich sorgfältig überlegt. Langsam also stieg das Fernersche Ansehen wieder in der Meinung des Redakteur und schließ- und endlich bekam er sein Schiff, eher ein Schifflein zwar: die Helgoland samt Kapitän und Suchmannschaft. Von der Bäreninsel war keine Rede, aber – so beruhigte Frau Hanhaus ihren Herrn Ferner, als sich bei diesem so etwas wie ein Gewissen regte, ein schlechtes zumal – wer könne denn ausschließen, daß André nicht gerade auf der Bäreninsel gestrandet sei? Zumindest könne man ihn dort ja suchen… und wenn man ihn dort dann fände…. um so besser!

Sie ist real, die Bäreninsel, die Männer erreichen sie mit der Helgoland weitgehend ohne Probleme, man schlägt Pfosten ein in den felsigen Boden, um das Gebiet abzustecken, daß Ferner derart in Besitz nimmt. Nicht ganz problemlos übrigens, weil ein gleichzeitig anwesendes russischen Kriegsschiff die Gebietsannexion nicht ohne weiteres anerkennt, war doch die Insel einst (ein Grab zeugt noch davon!) besiedelt von russischen ‚Altgläubigen‘, die sich ob der Frage, ob das Kreuzzeichen mit drei oder nur mit zwei an den Fingerspitzen zusammengelegten Fingern (von denen einer bei beiden Glaubensrichtungen jedoch der Daumen ist oder war) von anderen unterschieden und letztlich diejenigen, die Altgläubige genannt wurden, aus Russland wichen und auf der Bäreninsel eine Heimstatt fanden. Die vor Ort von beiden Parteien angestrebte Beurteilung der Situation durch höchste politische Stellen, an die man telegraphierte, blieb aus, man wollte auf der Ebene der Regierungen wohl keine Misstöne zwischen Russland und dem Reich aufkommen lassen.

War die Bäreninsel auch real, ebenso wie die Kohlevorkommen auf ihr, so schloss sich jedoch nach der Rückkehr Ferners mit der Helgoland von Frau Hanhaus betrieben eine von ihr en detail durchplante Mission an, das Projekt Bäreninsel zu vermarkten, indem vor allen Dingen ihr Potential oder das, was man darunter verstand, hervorgehoben wurde, denn, was dortens angetroffen worden war, hätte gneauso gut auch ’so‘ sein können. Und wenn es ’so‘ gewesen wäre, hätte es ebensogut auch so, also sozusagen ’noch so-er‘ sein können, und dieses letzte ’noch so-er-sein‘ wurde in den folgenden Wochen angepriesen, um Investoren zu finden. Aus den mühsam eingeschlagenen Pfählen wurden Anlagen, aus der oberflächlich angekratzten Kohle ein in den Berg getriebener Stollen, aus Kohlevorkommen wurden projektierte zwanzig Millionen Tonnen im Jahr, na ja, siebzig klingt möglicherweise viel lockender, und wenn schon siebzig, dann kann ebenso gut davon ausgehen, daß es hundert sind….

Mosebach entwickelt aus diesem Gedanken ein sehr unterhaltsam geschilderte Geschichte, bei der man ohne große Mühen die Parallelen zur heutigen Zeit erkennen kann. Die begnadete Hochstaplerin Frau Hanhaus, die ihren Herrn Ferner so vollständig in ihren Bann geschlagen hat, die potentiellen Investoren, die sich vom versprochenen Gewinn blenden lassen und glücklich sind, wenn ihnen das versprochen wird, was sie versprochen haben möchten, die von Sorgen Geplagten, die in dieser Investition ihre Chance sehen, das Schiff ihrer eigenen Geschäfte noch einmal auf einen Gewinn bringenden Kurs zu setzen, die Subalternen, die die notwendigen Gutachten schreiben, die angeblichen Verhältnisse bezeugen, weil sie dafür bezahlt werden…..

Letztendlich – so viel sei verraten – platzt das Geschäft, das eine gewisse Eigendynamik entwickelt hatte, auch weil notgedrungenermaßen noch andere beteiligt werden mussten, deren Geld und Beziehungen man brauchte, die aber nicht wirklich kontrolliert werden konnten. So wurden die Betrüger selbst zum Opfer, zudem waren sie an der einen oder anderen Stelle doch zu keck und die Verärgerten, die sich durch andere Quellen informierten, begannen, Druck zu machen…. ein Fakt, der Frau Hanhaus keineswegs zur Aufgabe brachte, sondern ihre Pläne noch exaltierter werden ließ…

Wie exaltiert, das sei hier nicht verraten, nur soviel noch, daß beide, sowohl unser Herr Ferner als auch Frau Hanhaus in Häfen einliefen, sozusagen, sie ihr Glück fanden und der Autor seine Geschichte für alle mit einem glücklichen Ende ausgehen ließ.

Der Nebelfürst, eine nette, unterhaltsame Geschichte, geschrieben in einem etwas alterthümlichen Stil, der der Zeit der Handlung angepasst ist, eine Geschichte, die ohne große Mühe Parallelitäten zu heutigen, aktuellen Vorgängen in der Weltwirtschaft erkennen läßt. Ein Lesespaß abseits des Mainstreams also.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Theodor Lerners: Andrea  Rönz: Theodor Eduard Julius Lerner (1866-1931), Polarforscher; in: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/L/Seiten/TheodorLerner.aspx (Stand: 17.09.2016)
vgl. auch hier: Tilman Spreckelsen: Der Nebelfürst; in: http://www.faz.net/aktuell/wissen/…Index_2
[2] zitiert nach Klappentext des Buches
[3] Klaus Barthelmess: Bäreninsel 1898 und 1899: Wie Theodor Lerner eine Geheimmission des Deutschen Seefischerei-Vereins zur Schaffung einer deutschen Arktis-Kolonie unwissentlich durchkreuzte; in: http://epic.awi.de/28975/1/Bar2009c.pdf
Leider ist nur die erste Seite dieses Aufsatzes online.. zum Autoren siehe hier: http://www.cetacea.de/news/2011/02/22/klaus-barthelmess/

Bildquelle:

Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Bäreninsel; Urheber: Theodor Lerner (Stadtarchiv Frankfurt, Lerner Nachlass) [Public domain], via Wikimedia Commons (urheberrechtliche Schutzfrist ist abgelaufen)

Martin Mosebach
Der Nebelfürst
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek (Sonderausgabe)), HC, ca 350 S., 2011

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