Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

Dieser Roman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd (von der ich mittlerweile schon mehrere Bücher hier vorgestellt habe: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Sue+Monk+Kidd) ist der nächste Titel, der in meinem Lesekreis besprochen wird. Ich war mit diesem Vorschlag sehr zufrieden, dann ich mag die Art und den Stil der Autorin. Als Vorbereitung hatte ich dann jedoch zuerst zu den Granatapfeljahren (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/29/sue-monk-kidd-ann-kidd-taylor-granatapfeljahre/) gegriffen (in der berechtigten Hoffnung, damit die Autorin etwas besser kennen zu lernen), die schon seit geraumer Zeit in meinem Regal auf mich warteten. Nun also Die Erfindung der Flügel….


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der die wichtigen Stationen im Leben zweier mutiger und bemerkenswerter Frauen, der Grimké-Schwestern, nachzeichnet. Dazu führt uns Kidd zurück in das im Süden der USA gelegene Charleston des frühen 19. Jahrhunderts. Damit ist ein Bezug zur Autorin gegeben, denn diese wohnt in Charleston (wie sie dorthin gekommen ist, beschreiben die Granatapfeljahre); in einer New Yorker Ausstellung sah Kidd ein Bild, in dessen Legende sie auf die beiden Frauen stieß und die Frage hochkommen ließ, warum sie, die in Charleston wohnt, von dem beiden nichts wusste.

Den Lebensweg der Sarah Grimké (1792–1873) und ihrer Schwester Angelina Grimké (1805–1879) nachzuzeichnen bedeutet also cum grano salis den roten Fades des Romans in der Hand zu haben. Ich skizziere dies jedoch nur sehr kurz, denn für jeden, der das vertiefen möchte, bietet das Internet sowohl auf deutschen als auch auf englischsprachigen Seiten Informationen in gewünschter Ausführlichkeit.


Die Grimkés waren eine wohlhabende, sklavenhaltende und kinderreiche Familie in Charleston. Sarah war das sechste, Angelina das letzte der insgesamt vierzehn Kinder. Die schon als Kind unangepasste, aufmüpfige Sarah konnte ihrer Mutter das Versprechen abringen, Patin der Letztgeborenen zu werden. So entwickelte sich schon früh eine sehr tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen bzw. Frauen. Sarahs (die die Behandlung der Sklaven schon als Kind verabscheute) Traum war es, wie einer ihrer Brüder Rechtsanwältin zu werden, ein unerhörter Traum, denn sie war (was der strenge Vater durchaus anerkannte) bei weiten intelligent genug dafür, aber sie war en Mädchen bzw. eine Frau… und damit war das Thema vom Tisch, die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten, wurde entzogen, das Lesen auf das Studium erbaulicher Literatur beschränkt.

Eiine schwere Erkrankung des Vaters machte eine Reise zu einem Arzt nach Philadelphia ratsam, auf der ihn Sarah begleitete. Der Arzt konnte dem Vater zwar nicht helfen (John Grimké starb auf dieser Reise), aber Sarah lernte eine Welt kennen, die sich von der des Südens stark unterschied, es gab dort keine Sklaven. Sarah suchte Anschluß an die Quäker, wagte dann sogar den radikalen, unerhörten Schritt, nach Philadelphia zu ziehen. 1829 kam ihre Schwester Angelina nach.

Sarah Moore und Angelina Emily Grimké
ohne Datum

Die beiden Frauen engagierten sich gegen die Sklavenhaltung des Südens, sie traten schließlich öffentlich als Rednerinnen auf, schrieben Pamphlete und Streitschriften und eröffneten damit eine zweite Front: die der Gleichberechtigung der Frau: Ich verlange keine Privilegien für mein Geschlecht. Ich gebe meinen Anspruch auf Gleichheit nicht auf. Alles was ich von unsern Brüdern erwarte ist, daß sie ihre Füße von unseren Nacken wegnehmen und uns erlauben, aufrecht auf dem Grund und Boden zu stehen, für den Gott uns vorgesehen hat. (Sarah Grimké im Boston Spectator) (aus: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sarah-moore-grimke-und-angelina-emily-grimke/)


Sue Monk Kidd beschreibt in ihrem Nachwort zum Roman dessen Entstehungsgeschichte. Sie hat sich die Freiheit genommen, ein paar historische Daten geringfügig an ihre Hanldung anzupassen und sie hat neben Sarah Grimké, die historische Protagonisten, eine zweite eingeführt, die fiktiv ist: Hettie, genannt ‚Handful‘ Grimké, ein  Sklavenmädchen, das Sarah – traditionsgemäß – zu ihrem elften Geburtstag als Zofe geschenkt worden war, ein Geschenk, daß Sarah im Innersten empörte. Mit Handful hat Kidd eine Figur in die Geschichte eingeführt, durch die sie uns die Welt der Sklaven in dieser Familie (i.e. der Haussklaven also im Gegensatz zu denen, die z.B. auf Plantagen arbeiteten) schildern kann. Es ist – auch wenn es strengere (das meint brutalere) Besitzer gab als die Grimkés – eine Welt, in der Ungehorsam Schläge nach sich zog mit dem Stock oder der Peitsche und gerade bei Charlotte, der Mutter Handfuls, und auch bei Handful selbst zeigte sich die Frau des Hauses, die über die Sklaven herrschte, ohne Erbarmen.

Charlotte ist eine unbeugsame Frau, die Weißen konnten zwar ihren Körper besitzen, nicht jedoch ihren Geist und ihren Willen, eine Haltung, die ihre Tochter übernahm. Handful sollte später einmal zu Sarah sagen: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.  Charlotte schöpft ihre Kraft aus ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, die sie bildmächtig in Quilts dokumentiert. Diese Talent zu Nähen und mit Stoffen umzugehen hat sie ihre Tochter vererbt, dies machte die beiden als Sklaven wertvoll für die Familie. Im Verzeichnis der Besitztümer der Grimkés nahmen sie einen herausragenden Platz ein. Auch wenn Charlotte (und später Handful) oft gegen die Anordnungen ihrer Besitzer handelten und immer in Gefahr waren, erwischt und hart bestraft zu werden, es gab keine Rechte für sie, sie waren dem Willen ihrer Besitzer ausgeliefert.

Charlotte und Handful haben ihre Schicksale, die tragisch sind, voller Schmerzen, voller Trauer und Verlust. Während Charlotte nach einer Aufsässigkeit, die sie sich auf der Straße einer weißen Frau gegenüber erlaubt hatte, eines Tages spurlos verschwand, verbrachte Handful Jahrzehnte im Besitz der Grimkés, denn Sarah hatte – völlig unbedacht – Handful eines Tages wieder zurückgegeben – an ihre sehr herrische und schlagkräftige Mutter. Damit war sie selbst zwar keine Besitzerin einer Sklavin mehr, aber sie hatte ihre ihre frühere ‚Freundin‘ einen harten Schicksal ausgeliefert. Es war die Zeit, in der Sarah in die Gesellschaft eingeführt wurde, Bälle besuchte (auch wenn sie als wenig attraktives Mädchen keine Verehrer fand) und mühsam ihre Rolle im Leben suchte. Es war die Zeit, in der sich die beiden jungen Frauen Sarah und Handful entfremdeten. Dafür jedoch erzog Sarah ihr Patenkind ganz in ihrem Sinne, die Bindung der jungen Nina zu ihr war um vieles inniger als zu ihrer ‚richtigen‘ Mutter: mit ‚Mutter‘ sprach sie im Geheimen Sarah an.

Durch ein deprimierendes Ereignis in Charleston und die Reise mit dem Vater in den Norden kommt wird das vorgezeichnete Weltbild der jungen Frau empfindlich gestört, es öffnen sich dadurch neue Wege für sie. Insbesondere bindet sie sich an die Quäker, eine Religionsrichtung, die die Sklaverei ablehnt und die an die Gleichheit der Menschen glaubt. Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen, ja, sie will sogar Predigerin werden.

Nachdem Nina vor den Problemen, die sie in Charleston hat (u.a. hatte sie als junges Mädchen die Konfirmation (?) verweigert), flieht sie letztlich zu ihrer Schwester nach Philadelphie, es ist 1829. Die beiden Frauen sind unterschiedlich, ergänzen sich. Sarah fällt ihr schwer, das innerlich als richtig erkannte in die Tat umzusetzen, denn sie fürchtet die Konsequenzen. Das lange gedankliche Abwägen, das Zögern und Zaudern bremst sie häufig aus. Ganz anders dagegen ist Angelina, was sie als richtig erkannt hat, setzt sie spontan um, sie kennt Zögern und Zaudern nicht und nimmt ihre ältere Schwester dabei sozusagen an der Hand.

Es ist unerhört, was die beiden machen. Schon der Wechsel zu den in ihrer Heimat Charleston sehr gering angesehenen, ja, verachteten Quäkern ist ein großer Affront, die Auftritte in der Öffentlichkeit sind ungehörig, das Pochen nicht nur auf die Abschaffung der Sklaverei, sondern auf die Anerkennung des pigmentierten Menschen als vollwertigen, den nicht pigmentierten Menschen gleichwertigen Menschen ist unfassbar und die sich aus der Situation fast schon zwangsläufig ergebende Forderung der Gleichberechtigung der Frau skandalös. Die beiden Frauen lassen sich jedoch nicht einschüchtern, sie finden immer wieder Unterstützung und Menschen, die ihnen Mut machen. Angelina heiratet schließlich einen Mann, der sie unterstützt, während Sarah Heiratsantrag ablehnt, da er sie vor die Wahl stellt: Heirat oder Beruf. Es war die Zeit in ihrem Leben, in der sie bei den Quäkern Predigerin (noch so etwas ungehöriges!) werden wollte.


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der das Schicksal der Sklaven und den Anfang ihrer Befreiung herunterbricht auf wenige Figuren: Charlotte und Handful auf der Seite der Sklaven, Sarah und Angelina auf der der Sklavengegener und der Rest der Grimkés als Vertreter der Sklavenhalter. An der Stelle ist eins der letzte Worte des Vaters an Sarah kurz vor seinem Tod entlarvend: auch er sei immer gegen die Sklaverei gewesen, hätte sich das jedoch wirtschaftlich nicht leisten können…. Natürlich enthält die Geschichte viele Ingredienzien, die ein solcher Roman braucht: Episoden von Liebe und Tod, von Annäherung und Entfremdung, charismatische Nebenfiguren wie der historische Denmark Vesey, der 1822 (angeblich) einen Aufstand plante (https://de.wikipedia.org/wiki/Denmark_Vesey) oder furchtlose Frauen wie die frühe Feministen und Freundin Sarahs Lucretia Mott (https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia_Mott). Das Buch ist anschaulicher Geschichtsunterricht und hat, so scheint es zumindest, in Charleston das Interesse an dieser Zeit und an den Schwester aufleben lassen, man kann heutzutage eine Grimké-Tour durch die Stadt buchen und historische Stätten besichtigen (http://grimkesisterstour.com).

Ähnlich wie der anfangs erwähnte Erfahrungsbericht Granatapfeljahre ist auch Die Erfindung der Flügel aufgebaut. Kidd schildert die Lebenssituationen ihrer Figuren in einzelnen Zeiträumen, die zumeist mehrere Monate überstreichen, diese Abschnitte liegen jeweils einige Jahre auseinander, so daß uns die beiden Protagonistinnen im letzten Kapitel des Romans, das Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts spielt, als mittelalte (gemessen an der damaligen Zeit) Frauen begegnen. Kidd verleiht beiden Hauptfiguren ihre Stimme. Einerseits schildert sie Situationen und Episoden aus den Blickwinkel Sarahs bzw. Handfuls, der unterschiedlicher kaum sein kann, andererseits hat natürlich jede der beiden Figuren auch ihr Eigenleben, das uns erzählt wird.


Es ist traurig. Die Ereignisse, die uns Kidd in ihrem Roman näherbringt, liegen fast zwei Jahrhunderte zurück, und trotzdem verharrt die Geisteshaltung und die Einstellung der Gesellschaft in Teilen immer noch auf diesen unwürdigen Einstellungen. Weder ist Rassendiskriminierung überwunden (zu diesem Thema verweise ich kurz auf den wunderbaren Roman von Jesmyn Ward Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt: https://radiergummi.wordpress.com/2018/04/26/jesmyn-ward-singt-ihr-lebenden-und-ihr-toten-singt/) noch die vollständige Emanzipation der Frau erreicht, obwohl der Kampf zur Überwindung beider schon so lange dauert. Kidd erzählt von dessen Anfängen, sie erzählt wie von ihr gewohnt, flüssig, gut lesbar, in leisen Tönen. Sie bringt uns ihre Figuren nahe, vor allem auch macht sie das Schicksal, das Ausgeliefertsein der Sklaven greifbar. Ich kann gut verstehen, daß dieser Roman in den USA so erfolgreich war, ist das Thema doch Teil der amerikanischen Geschichte und erinnert an zwei ein wenig und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierinnen. Dabei sind die ausführlichen Anmerkungen, eigentlich eher ein Nachwort, der Autorin wertvoll, da sie noch einmal explizit auf den geschichtlichen Hintergrund des Romans eingeht und die Arbeit der Schwestern noch einmal herausstreicht und würdigt. So bleibt mir abschließend festzuhalten, daß Die Erfindung der Flügel zwar mit der Sklaverei vorwiegend ein amerikanisches Thema aufgreift, das nichtsdestotrotz auch für uns interessant ist, was in jedem Fall jedoch für den Kampf der Schwestern Grimké um die Gleichberechtigung der Frau gilt.

Bildquelle Portraitshttps://en.wikipedia.org/wiki/Grimké_sisters, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd
Die Erfindung der Flügel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania
Originalausgabe: The Invention of Wings, NY, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, cal 495 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Anne Cuneo: Eine Messerspitze Blau

Zu diesem Titel der mir bis dahin unbekannten schweizerischen Autorin Anne Cuneo (1936 – 2015) bin ich durch einen Zufall gekommen: in dem hier im Blog von mir kürzlich vorgestellten Erzählband Geburtstag (Rafik Schami (Hrsg): https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/21/rafik-schami-hrsg-geburtstag/) gibt es eine Geschichte, in der eine Frau gerade diesen Titel Eine Messerspitze Blau liest. … und da dachte ich mir, was die kann, kann ich doch auch… ;-)

Anne Cuneo jedenfalls war eine vielseitige Künstlerin. Als Kind italienischer Eltern in Paris geboren, kam sie nach dem Tod des Vaters 1945 (die Familie war 1939, nach Kriegsausbruch wieder nach Italien, nach Mailand, gezogen) in verschiedene Waisenhäuser (interessanterweise wird über das Schicksal ihrer Mutter nichts gesagt, über den Tod des Vaters schreibt Cuneo an einer Stelle im Text: Ich trage jenen Revolverschuss in mir, der meinen Vater bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat und mit Endgültigkeit im Angesicht meiner Kindheit explodiert ist.). 1950 ging Cuneo in das französisch sprechende Lausanne, verbrachte später einige Zeit in London, gab nach Abschluss des Studiums Sprachunterricht und arbeitete ab 1973 beim Schweizer Fernsehen. Ihr erstes Buch erschien schon 1967, außer als Autorin arbeitete sie ebenfalls als Journalistin und Filmemacherin (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo, aber auch z.B. hier: https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/479-anne-cuneo.html)


Der vorliegende Text Eine Messerspitze Blau ist autobiographisch, er schildert ein sehr einschneidendes Erlebnis im Leben der Autorin: 1978, sie war 42 Jahre alt, wurde bei Anne Cuneo Brustkrebs diagnostiziert. Es war knapp… nachdem die Gynäkologin sie ob ihrer Beschwerden in der rechten Brust (wages Unwohlsein, Anschwellen, dann Schmerzen) damit vertröstete (Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nichts), Menschen wären nicht symmetrisch und ihre (i.e. Cuneos) Brüste seinen nun mal ungleich, fiel dem Hausarzt bei der Untersuchung auf, daß sie einen dicken Knoten unter der Achsel hatte und so empfahl er ihr eine Biopsie. Aber wo und von wem? Ich bin total erledigt. Ich bin müde, als ob ich Krebs hätte, so ihre Vorahnung.Eine Autopsie bedeutete auch, daß eventuell die Brust angenommen werden würde, eine Horrorvorstellung für Cuneo. Diese Diagnose erschütterte sowohl ihr Weltbild als auch ihr Selbstverständnis als Frau. Es gab Momente, in denen der Tod ihr lieber gewesen wäre. Schließlich sagte man ihr, daß eine Rekonstruktion der Brust möglich ist, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Biopsiebefund war positiv, die anschließende Mastektomie an der Grenze des Machbaren. Cuneo erwachte aus ihrer Narkose und nichts war mehr so wie vorher. Und die Frage, ob ihr Geliebter sie jetzt noch als Frau, als Geliebte sehen würde, war nicht das geringste ihrer Probleme…


Eine Messerspitze Blau ist ein sehr persönliches Buch, eine Krankengeschichte bzw. eher noch die Geschichte der postoperativen Phase einer Frau nach einer Mastektomie (z.B. hier: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/therapie/operation.html). Dieser Bericht ist 1979 erschienen, also ein Jahr nach der Operation, das Schreiben erfolgte noch unter der direkten Nachwirkung der Behandlungen, nach der Operation folgten noch Bestrahlung und Chemotherapie. Ich habe mich gewundert, daß über die bekannte Suchmaschine keine Besprechung dieses Buches zu finden ist (ok, ich habe nicht allzu intensiv gesucht, aber trotzdem), denn der Bericht Cuneos ist sehr intensiv, ist sehr offen, ist sehr umfassend in dem Sinn, daß sie nicht nur ihre persönliche Situation und Befindlichkeit beschreibt, sondern sie diese in einen größeren, politischen Zusammenhang steht. Mithin wäre dieses Buch seinerzeit mehr als eine Besprechung wert gewesen, aber auch wenn man davon absieht, daß das Internet damals gerade erst im Urzustand existierte, passt dieses Fehlen in eine der Feststellungen Cuneos, daß nämlich der Krebs, diese Krankheit, totgeschwiegen wird (wurde), als schuldhaft empfunden wurde, als etwas, wofür der/die Kranke selbst (mit)verantwortlich war. Man wollte über Krebs nichts hören oder lesen (eine „Verschwörung des Schweigens“ nennt sie es an einer Stelle) und daher blieben dieser Aufschrei Cuneos zumindest unkommentiert.

Cuneo schreibt sehr direkt (sie formuliert es selbst als „Schrei“, den sie ausstößt), es ist für sie – und generell – noch lange nicht klar, wie lange sie nach/trotz der Operation noch leben wird, das Risiko, x Jahre (und x ist klein) nach der Operation zu sterben, ist hoch. So fühlt sie sich unter Druck stehend, ihre Botschaft zu formulieren und ihre Gedanken zu Papier zu bringen: An anderen Tagen sage ich mir, daß ich nicht mehr viel Zeit habe, daß ich dieses Buch sehr schnell fertig stellen müsse. …

Es ist eine politische Botschaft in ihrem Text enthalten. Krebs erscheint ihr als Krankheit, die auch durch äußere Umstände verursacht ist, dabei scheut sie sich nicht, hin und wieder Korrelationen als Kausalitäten zu deuten. Die Lieblosigkeit, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat, die Ausbeutung des Menschen und der Natur durch die Gesellschaft und das kapitalistische Gesellschaftssystem, die Unterdrückung der Frau: all dies Ursachen des Krebses auch des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang sind ihr zwei Bücher wichtig: Mars von Fritz Zorn (vgl. z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40916988.html) und der 1978 erschiene Essay Susan Sontags: Die Krankheit als Metapher (vgl. z.B. hier: ). [Zorn] sah in seinem [Krebs] das Resultat einer Erziehung ohne Liebe, ohne andere Werte als die der Konventionen, die er nicht akzeptieren konnte. Sein Krebs war im Hals ausgebrochen und er fand das bezeichnend: „Das sind all die Tränen, die ich hinunter geschluckt habe.„. In Sontags Essay spiegelt sich die damals in den USA aufkommende Auffassung, die Erkrankung spiegele die Unfähigkeit des Kranken, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. (nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher), einer Ansicht, der Cuneo teilweise heftig widerspricht: Diese Welt jedoch, die mich ängstlich gemacht und mich in den entscheidenden Jahren des Wachstums hat hungern lassen, diese Welt, die jedes Jahr vierhundert Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, während die Kredite für Spitäler und Forschung gekürzt werden, diese Welt, IHRE [i.e. Sontags] Welt ist dafür verantwortlich. Jede zweite Person erkrankt an Krebs. Jede zweite! … Bis jetzt fühlte ich mich fast schuldig, krank zu sein. Oder an anderer Stelle, nachdem ihr angeraten wurde, die Eierstockzyste (siehe unten) zu operieren: Aber es ist IHRE Krankheit, nicht meine. Genug jetzt mit dieser Verschwörung des Schweigens. Man hat Krebs und schämt sich, wortlos läßt man sich durch die Mühle drehen. Nun, ihr könnt nicht mehr mit mir rechnen! Ich werde mich nicht einfach so operieren lassen. Ich werde sagen, daß Krebs das Resultat einer faulen Gesellschaft ist. Eine von zwei Personen! Die Revolution muss doch stattfinden, sofort!

Cuneo wird durch ihre Erkrankung unmittelbar mit dem Tod konfrontiert, einen Gedanken, der bis dato immer verdrängt worden ist. Der Tod wird ihr Begleiter – aber auch die Angst. Jedes Zucken und Ziepen des (sowieso schmerzgeplagten) Körpers könnte ein Zeichen sein für ein erneutes Ausbrechen des Krebses, für eine Metastase. Und wirklich diagnostiziert der Gynäkologe eine Zyste an einem Eierstock, der durch die Bestrahlung nicht völlig abgetötet worden ist. Die angeratene OP ist ein Graus für sie, wieder soll sie ein Stück ihres Körpers weggeben, fremdbestimmt durch den Arzt. Sie verweigert sich, bricht zusammen, muss psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.


Die Autorin schildert viele der Träume, die sie hat oder auch in der Vergangenheit hatte und die sie jetzt in Bezug auf ihre neue Lebenssituation ausdeutet: Heute bin ich überzeugt, daß damals, auf den Tag genau sechzehn Wochen vor meiner Operation, soeben die Entwicklung meines Krebses eingesetzt hatte (oder einzusetzen im Begriff war), daß mein Unterbewusstsein es wusste [daher der Traum], daß es sich ein Stück dagegen wehrte…. oder diese Bedeutung, die sie in einen weiterer Traum nach der Krebs-OP hineinliest: Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich wieder in den Griff bekommen, und dieser Traum drückt aus, wie notwendig das ist. Was von mir übrigbleibt, muss ein GANZES sein. 

Die Aufzeichnungen Cuneos schließen mit einem kämpferischen Statement, mit einem Aufruf. Sie bezieht sich noch einmal auf Max Zorn, der geschrieben hatte: … komme ich nach prüfenden Vergleich zum Schluß, daß es mir, seit ich krank bin, viel besser geht als früher, bevor ich krank wurde. und stimmt dem aus vollem Herzen zu: Ich auch. … Es geht mir viel besser jetzt als während der vierzig Jahre, die ich mit Disziplin, Mühsal, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben vertrödelt habe.  Wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Ich stecke mitten drin in diesem hinterletzten, gottverdammten Dreckloch. Viel weiter in den Dreck reiten könnt ihr mich nicht. Der Tod? Ein Vertrauter. Wir sprechenden uns Tag für Tag. Hunger? Kälte? Strafe? Seht ihr, wie lächerlich das ist? Hier bin ich nicht mehr angreifbar. … Verändern wir die Welt. Und noch eine positive Veränderung merktr Cuneo an sich: sie ist sich ihrer selbst, ihres Körpers bewusster geworden, die Erkenntnis, daß der Tod sozusagen am Bettrand sitzt, hat sie zu der Einsicht gebracht, daß es sinnlos ist, auf die Zukunft zu warten, daß das Leben im Hier und Jetzt stattfindet.


Cuneos Aufzeichnungen unterscheiden sich sehr von den meisten Krebsschicksalen, die man in den letzten Jahren häufiger lesen kann. Sehr viel offensiver bezieht Cuneo die allgemeinen Lebensbedingungen mit in ihr Schicksal ein, wehrt sich [das Buch ist 1979 erschienen] gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die dem Erkrankten auch noch die Verantwortung für seine Erkrankung aufbürdet, überträgt im Gegenteil den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen diese Verantwortung und folgert daraus, daß diese sich ändern müssen. Gleichzeitig erkennt sie jedoch auch, daß diese Erkrankung ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet hat: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden, ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion, sie wurde mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert (und ist es zum Zeitpunkt des Verfassens immer noch gewesen), sie nimmt sich anders wahr, sie fühlt sich in der Gesamtheit stärker geworden. Der Krebs war …. eine Bresche für die Zukunft. So gelingt es Cuneo, dieser destruktive Diagnose „Krebs“ etwas Positives abzugewinnen.

Eine Messerspitze Blau ist ein – wenig verwunderlich, auch hinsichtlich der zeitlichen Nähe zur Erkrankung – sehr emotionales Buch. Angst, Zorn, Wut, Empörung sind deutlich zu spüren, Unsicherheit, Ärger über die Fremdbestimmung, zaghafte Hoffnungsfunken, Depressionen, auch das Glücksgefühl, weiterhin geliebt zu werden, gibt es, schließlich so etwas wie Akzeptanz und Anerkennen, daß diese Erkrankung jetzt zum eigenen Ich gehört und das Denken klarer gemacht hat.

Der Bericht fungiert auf zwei Zeitebenen: zum einen schildert er in der Rückschau die Tage direkt um Diagnose und Operation, die andere Zeitschiene ist aktueller (bezogen auf das Schreiben des Textes) und schildert die Situation jeweils (der Bericht ist in drei Abschnitte unterteilt) wenige Monate nach der Operation. Eingeflochten in den Text sind auch Rückblicke auf die Vita der Autorin, die stark durch den Krieg geprägt ist. Es gibt eine Aussage, daß sie (und die anderen Frauen ihrer Generation) in einer Art Zwischenzeit geboren wurden: erzogen noch im „viktorianischen“ Geist waren sie 1968 schon zu alt, und erlebten die Umbrüche dieser Revolte eher am Rande mit. Ein nicht uninteressanter Aspekt ist es für uns heutzutage, diesen Wandel im „Ansehen“ des Krebses von einer Krankheit, für die man selbst Schuld trägt, zu einer normalen, wenn auch tragischen Krankheit, die jeden erwischen kann. Mich jedenfalls hat dieser Bericht (möglicherweise einer der ersten Krankengeschichten dieser Art) ob seiner Emotionalität, seiner Unbedingtheit und seiner kämpferischen Seite sehr beeindruckt, er ist auch heute, nach ziemlich genau vier Jahrzehnten noch sehr lesenswert.

Anne Cuneo überlebte ihre Erkrankung um lange Jahre, in denen sie noch sehr produktiv war.

Mehr Buchbesprechungen von mir im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Anne Cuneo
Eine Messerspitze Blau
Übersetzt aus dem Französischen von Erich Liebi
Originalausgabe: Une cuillerée de bleu, Vevey, 1979
diese Ausgabe: Ullstein, TB (Reihe: Die Frau in der Gesellschaft), ca. 156 S., 1999
mit einem Nachwort von Susanne Alge

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor: Granatapfeljahre

Ich habe die amerikanische Autorin Sue Monk Kidd in meinem Blog vor vielen Jahren mit zweien ihrer Romane vorgestellt: mit ihrem Erstling Die Bienenhüterin (https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/16/sue-monk-kidd-die-bienenhuterin/) und mit ihrem Titel Die Meerfrau (https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/16/sue-monk-kidd-die-meerfrau-2/)beides sehr einfühlsame Romane mit einer spitituellen Komponente. Zumindest Die Bienenhüterin ist auch für den vorliegenden Text von Bedeutung, weiß man, daß dies das (sehr erfolgreiche) Debut Kidds ist, erscheinen einem einige Passagen des Buches klarer. Die Meerfrau hat noch eine weitere Bedeutung für mich persönlich, es war der erste Text, aus dem ich sozusagen öffentlich, vor einem größerem Kreis von Bekannten vorgelesen habe. Mittlerweile hat sich daraus ja eine kleine Veranstaltungsreihe ergeben, zu der die üblichen Verdächtigen immer wieder kommen, Menschen eben, die sich durch nichts vergraulen lassen….


Die Granatapfeljahre sind  ein sehr persönliches Buch der beiden Autorinnen. Im Untertitel ist zwar vom Glück die Rede, vom ‚Glück, unterwegs zu sein‘ und zweifelsohne sind die beiden Frauen, Mutter und Tochter (wie unschwer zu erraten ist) viel unterwegs, aber diese Reisen sind allenfalls die Bühne für etwas sehr viel tiefgreifenderes, elementareres: es sind Pilgerreisen zweier Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet und die – rückwärts gewandt – mit Verlusterfahrungen umgehen lernen müssen und die sich andererseits auf eine neue Lebenssituation einstellen müssen.

Die Mutter Sue Monk Kidd ist gerade fünfzig Jahre alt geworden, sie spürt, daß ihr Körper sich im Wandel befindet, daß sie sich bald von der Phase der reifen Frau verabschieden muss, daß sie in eine neue Lebensphase eintreten wird. Immer wieder taucht das Bild der ‚Alten Frau‘ vor ihr auf, die noch nicht da ist, die sie aber erwartet und sucht. Gleichzeitig wird ihr schmerzlich bewusst, daß sie ebenfalls ihre Tochter ‚verlieren‘ wird, die jetzt ihr eigenes Leben, unabhängig von ihr, aufbauen wird. Der Mythos von Persephone und Demeter ist Metapher für diese Situation, Dieser antike Mythos erzählt von einer Entführung: Hades, der Gott der Unterwelt, verliebt sich in die junge Persephone und verschleppt sie in sein Reich. Ihre Mutter Demeter – Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit – lässt aus Zorn und Schmerz über den Verlust der Tochter die Pflanzen auf der Erde verdorren. Göttervater Zeus schaltet sich ein, und Persephone kehrt zur Mutter zurück.  (https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/persephone-und-demeter/-/id=660374/did=17212244/nid=660374/17ctmks/index.html)

Raub der Persephone. A-Seite des »Persephone-Kraters«, ein apulischer rotfiguriger Volutenkrater, um 340 v. Chr.
(Staatl. Museum Berlin)

Ein Drittel des Jahres aber verbringt sie weiter in der Unterwelt, weil sie von den Granatapfelkernen, die Hades ihr gereicht hatte, aß. Nun durfte aber niemand, der von der Speise der Toten kostete, immer auf der Oberwelt bei den Lebenden weilen, ein Drittel des Jahres musste Persephone auch nach dem Machtwort des Zeus in der Unterwelt verbringen. In dieser Zeit bleibt die Oberwelt unfruchtbar (siehe zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Persephone). Unschwer ist dieser Sage das Bild der sich von der Mutter lösenden Tochter zu erkennen und damit die Analogie zu der Lebenssituation der beiden Autorinnen in dieser Lebensphase. Für die Mutter, selbst auf der Suche nach der ‚Alten Frau‘ (Ein Begriff, der mich jedesmal an die Figur der ‚Weißen Frau‘ erinnert, die ein fast vergessenes Bild für die weibliche Figur des Todes, die Tödin ist: https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/11/erni-kutter-schwester-tod/ Diese Assoziation ist ja auch nicht völlig abwegig.) ist eine weitere Figur wichtig, nämlich die der Hekate, die Demeter als einzige auf der Suche nach ihrer Tochter half.

Die beiden Frauen unternehmen Reisen. Die erste führt sie nach Griechenland, wo sie diesem Mythos nachspüren. Ann (ich bleibe ab jetzt bei den Vornamen) war schon einmal in Griechenland, war begeistert, erlebte wunderbare Stunden hier, hatte das Gefühl, hier ihren Weg im Leben gefunden zu haben. Ein Gefühl, das verloren gegangen ist: ihr Wunsch, die Historie der Antike zu studieren, wurde durch die Absage der Uni zerstört, zusammen mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Selbstachtung: Ann verfiel in eine Depression, die ihre Mutter zwar spürte, aber da sich die Tochter verschloß bzw. hinter einen harmlosen Maske nach außen hin tarnte, kannte Sue die Ursache dafür nicht. Ann also auch in der Situation, einen herben Verlust ertragen zu müssen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten, wobei ersteres mit seinen psychischen Folgen diesen Übergang, der ja im Grunde mit Freude, mit Optimismus zu bewerkstelligen wäre, sehr erschwert.

Im ersten Teil des dreiteiligen Buches (‚Verlust) begleiten wir die beiden Frauen auf ihrer Reise durch das antike Griechenland. Athen mit der Akropolis und der Plaka, der unerträglichen Hitze, des Staubes (all das erinnert mich an so viele frühere, eigene Aufenthalte dort), sind der Ausgangspunkt, natürlich besuchen Ann und Sue auch Eleusis, den Ort, an dem wesentliche Ereignisse des Mythos lokalisiert werden, sie befahren die Ägäis bis hin zur türkischen Küste in die Nähe von Ephesus, wo sie das Haus der Maria besuchen. Maria, die 431 offiziell von der Kirche zur ‚Gottesgebärerin‘ (Theotókos) erklärt worden war, die Mutter Jesu, Tochter der Anna (und des Joachim, wie es im nicht zum offiziellen Kanon der Bibel gehörigen (Proto)Evangelium des Jakobus beschrieben wird) ist für Sue eine wichtige Figur, die Personalisierung des weiblichen Prinzips in einer von Männern dominierten Kirche, in der Zweiheit Anna – Maria taucht ferner wieder das Bild der Mutter auf, die ihre Tochter in die Eigenständigkeit entlassen ‚muss‘.

Dieses Bild da Vincis, das im Louvre hängt, mit Maria auf dem breiten Schoß Annas sitzend, die ihre sich nach vorne beugende Tochter und ihren nackeligen Enkel voller Liebe mit monalisigem Lächeln betrachtet, taucht immer wieder in den Reflexionen der Mutter auf ebenso wie das Urbild der ’schwarzen Madonna‘ (vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Madonna und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen) für sie wichtig auf ihrer Suche nach der weiblichen Seite ihrer Spiritualität.

Die weibliche Trinität ‚junge Frau – reife Frau – alte Frau‘ umfasst die Doppelrolle der reifen Frau: sie ist selbst Mutter der ‚jungen‘, aber auch Tochter der ‚alten Frau‘:  daß Monk Kidd in diesem Zusammenhang auch ihre eigene Beziehung als Tochter zu ihrer Mutter reflektiert, sei hier nur angedeutet. Wichtig ist für Sue die Erkenntnis des Verschiedenseins: während ihre eigene Mutter zufrieden und glücklich ist im Sein, ist sie, Sue, jemand der im Tun, im Machen seine Bestimmung sieht. Beide Frauen jedoch sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Eigenschaft der jeweils anderen wichtig für sie selbst waren und sind.

Auf dieser Griechenlandfahrt, dies als letztes, reift in Sue letztendlich auch der Entschluss, einen Roman zu schreiben und die Biene ist ihr Thema, ein Motiv, das sie ihr Leben lang schon begleitete und das sie in Ephesus in einem sehr symbolhaften Erlebnis überzeugte.


The Virgin and Child with Saint Anne
Leonardo da Vinci,
Louvre

Mit Suche ist der zweite Teil des Buches überschrieben. Inhaltlich umfasst er eine selbstorganisierte Reise der beiden mit einer größeren Gruppe von Frauen durch Frankreich. Sue hat angefangen, ihre neue Rolle als älter werdende Frau zu akzeptieren, als Mutter, deren Tochter nun mir ihrer Schönheit im Mittelpunkt steht, während sie in den Hintergrund tritt. Spirituell wird Maria als lebendiges Symbol für ein weibliches Gottesprinzip immer mehr ihr Bezugspunkt: Was spricht also dagegen, die bedeutendsten Ereignisse in ihrem Leben als eine Art Wegweiser für uns Frauen zu betrachten? Es folgt eine Aufzählung von Stationen aus Marias Leben und deren mögliche symbolische Bedeutung. Während Sue also ihre Symbolfigur in Maria (und ein wenig auch in Anna) gefunden hat, wird für Ann neben Maria die Heilige Johanna (Jean d’Arc) immer wichtiger, die trotz ihrer Jugend so Bedeutendes vollbrachte. Ihr weiht die immer noch von starken Selbstzweifeln geplagte junge Frau schließlich das Versprechen, Schriftstellerin zu werden, was sie zunehmend als ihre Bestimmung erkennt.

Während Ann, die bald heiraten wird, dadurch endgültig in das Stadium der reifen Frau eintreten wird, sieht sich Sue zunehmen mit der Frage der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod, konfrontiert, die sie bis dato erfolgreich verdrängt hatte. Ich erkenne, dass der ehrlichste Umgang mit dem Tod eine schrittweise Neuorientierung erfordert, weg vom äußeren Selbst, hin zum wahren Selbst. Eine Loslösung von meinem Ego, … eine Identifizierung mit dem, was größer ist als ich. Der Gedanke bringt eine tiefe, verblüffende Erleichterung mit sich.


Im Jahr 2000 kehren beide (wieder im Rahmen einer Frauengruppe) noch einmal nach Griechenland zurück (Rückkehr). Die spirituelle Suche nach Erkenntnis, die nach den jeweiligen Verlusterfahrungen zwei Jahre zuvor eingesetzt hatte, geht ihrem Ende zu. Ann hat geheiratet, hat in ihre Hochzeitszeremonie die weiblichen Aspekte Gottes einbezogen, sie konzentriert sich jetzt auf ihre Schreiberei. Sue (teilweisen von ähnlichen selbstzweiflerischen Momenten wie ihre Tochter heimgesucht) hat den ersten Teil ihres Manuskripts an eine Agentin geschickt, die auch sofort einen Verlag gefunden hat, der jedoch den zweiten Teil des Romans in einem halben Jahr bekommen möchte…

Sie sind jetzt gefestigt, Sue und Ann, in ihren neuen Rollen, in ihren neuen Lebensabschnitten. Es ist sozusagen der zehnte Tag, der Tag, an dem Demeter Persephone wiederfand und beide wieder vereinigt waren. Es war eine spirituelle Reise mit vielen Erkenntnissen, es war eine Suche nach Selbstwert und Vertrauen in sich selbst, es war auch die Anstrengung, das Leben mit all seinen Phasen, die es bereit hält, freudig zu akzeptieren.


Granatapfeljahre ist ein Bericht, der viel über die beiden Frauen verrät. Beide verändern sich im Verlauf der zwei Jahre, die das Buch überstreicht, ebenso wie sich das Verhältnis zwischen ihnen wandelt. Besonders Ann, die anfangs verschlossen war, ihre großen inneren Nöte nicht offenlegen konnte, fand schließlich den Mut, diese selbst errichtete Mauer nieder zu reißen und in eine neues, intensiveres Stadium der Vertrautheit einzutauchen. Auch wenn die Selbstzweifel nur langsam verschwanden, gewann sie doch im Lauf der Zeit ein neues Bild auch von sich, baute Selbstvertrauen bzw. Mut, zu sich und ihren Wünschen zu stehen, auf: sie verwurzelte sich und lernte es, derart Stärke zu gewinnen. Sue andererseits ließ ihrer Tochter die Zeit, die sich brauchte, ohne sie zu drängen. So waren tatsächlich alle Entscheidungen, die Ann traf, Entscheidungen Anns, die nicht von der Mutter angeregt worden waren.

Auch Sue hat ihre Entwicklung zur ‚Alten Frau‘ durchlaufen, die Rolle, die letztlich auch der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit verbunden ist, akzeptiert, fast möchte ich sagen: freudig akzeptiert, zumindest ohne Trauer. Mit dieser Akzeptanz verschwanden letztlich auch die gesundheitlichen Probleme, die sie hatte.

Beiden Frauen war ihr Spiritualität sehr wichtig, beide maßen der von der offiziellen Kirche zurückgedrängten weiblichen Komponente im Bild Gottes große Bedeutung bei. Die Figur der Maria, aber auch der antike Mythos um Persephone und Demeter waren ihr ‚roter Faden‘, an dem sie sich entlang hangelten, der ihnen immer wieder Kraft und Mut gab, der immer wieder auf ihre persönlichen Situation gedeutet werden konnte.

Das Buch selbst… nachdenklich, ehrlich, einfühlsam, immer wieder auch eigene Gedanken anregend. Interessant ist der Aufbau, Ann und Sue schreiben im Wechsel der Abschnitte, meist über dieselbe Situation, so daß wir diese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschildert bekommen.  Ich denke mal (ich will jetzt endlich auch fertig werden), Granatapfeljahre ist ein Buch nicht nur für Frauen, auch Männer können durchaus Gewinn daraus ziehen, denn sich mit sich und seinem Leben zu ‚arrangieren‘, ist eine Aufgabe, die jedem Menschen gestellt ist.

Bildquellen:

Anna Selbsdritt:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_da_Vinci_-_Virgin_and_Child_with_St_Anne_C2RMF_retouched.jpg; [Public domain], via Wikimedia Commons

Raub der Persephone:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Persephone_krater_Antikensammlung_Berlin_1984.40.jpg,  [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor
Granatapfeljahre
Vom Glück, unterwegs zu sein
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
Originalausgabe: Traveling with Pomegranates; NY, 2009
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 380 S., 2010

Anthony McCarten: Jack

Ich muss zugeben, daß ich vor diesem Buch gescheut habe, obwohl ich den Autoren McCarten natürlich kenne (siehe unten) und hoch schätze. Aber das Bild auf dem Schutzumschlag trifft so wenig meinen Geschmack, daß ich es einfach nicht haben wollte…. erst als ich die wirklich durchgängig guten Besprechungen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben… und – um das vorweg zu nehmen – es hat sich gelohnt. Yes.


Ihre Hühnerpastete. die war der Schlüssel.
Die hat alle angelockt.
Ohne die hätte es keine Beat Generation gegeben.
Mannoman!

Die aktuelle Story, die das Buch erzählt, ist im Jahr 1968 angesiedelt. 1968 war ein wichtiges Jahr, eine ganze Generation (zumindest in Deutschland) ist danach benannt, eine ‚Revolution‘, die aus den USA herübergeschwappt war, der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die ‚Hippies‘, um einige Stichworte zu geben und auch den Bogen zu spannen zu diesem Roman. Auch die Hippies sind nicht einfach vom Himmel gefallen, haben ihre Vorläufer, auf die sie sich berufen. Und davon erzählt dieser pseudobiographische Roman um Jack Kerouac und die fiktive Jan Weintraub.

Auf Jack Kerouac nämlich geht der Begriff des Beatnik zurück, der ihn 1948 in einem Interview prägte. „Das Adjektiv beat aus dem Slang der Kriminellen, den Herbert Huncke in die Gruppe um Kerouac, Ginsberg und Burroughs einbrachte, hatte die Bedeutungen „besiegt“, „müde“ und „heruntergekommen“, aber Kerouac prägte zusätzlich die Bedeutungen „euphorisch“ (upbeat), „seligmachend“ (beatific) und in Bezug auf Musik, vor allem Bebop, auch being on the beat („im Rhythmus sein“).“ [Quellehttps://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Generation]. Bibel dieser Generation, die mit einem „Höchstmaß an innerer und äußerer Bewegung agierte, die ständig unterwegs war und auf der Suche nach einer von Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit berauschten Existenz, auf endloser Entdeckungsreise durch ein Amerika, für dessen Schönheit ihnen die Verachtung des Utilitarismus ihrer Zeitgenossen, des Establishment der Saturierten die Augen geöffnet hatten.“ [nach dem Text auf dem Vorsatzblatt der 68er rororo-TB-Ausgabe von Unterwegs; siehe Abbildung], war diese Roman Unterwegs (On the Road) von Jack Kerouac, der sich damit als „Romancier einer Generation vorstellte, die inmitten der schlechtesten aller Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glücklichen Leben ablegte, das den ehrbaren Bürger erschauern ließ.“ [a.a.O.]. Kerouac hatte (so legt es McCarten seiner Protagonistin in den Mund), als die Trümmer des Krieges noch rauchten, deutlich erkannt, dass zu lernen war, dass man nach vorn blicken muss, nach vorn und immer nur nach vorn … unsere Augen auf die nächste Biegung der Straße geheftet, weil wir sicher sein können, dass dahinter eine hübsche Zerstreuung wartet, etwas Flüchtiges, Schönes, dessen einziger Zweck auf Erden darin besteht, dass es uns – uns Neurotiker! – alles Traurige vergessen acht, das hinter uns liegt.

Vorderes Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo
Hinteres Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo

Es ist also 1968. Die junge Literaturwissenschaftlerin Jan Weintraub hat gehört, daß sich ihr Idol Kerouac auf dem stark absteigenden Ast befindet. Mit der sich aus den Beatniks herausgebildeten Hippie-Bewegung konnte er nichts anfangen, das war nicht mehr seins, die enge Freundschaft mit Neal Cassidy (z.B.: http://www.beatmuseum.org/cassady/nealcassady.html bzw.  https://de.wikipedia.org/wiki/Neal_Cassady), den er in seinen Romanen verewigt hatte, war zerbrochen und Kerouacs verbliebenes Lebensziel war es, sich von der Welt abgeschottet zu Tode zu saufen. Wo er sich aufhielt, war unbekannt [In der nebenstehend abgebildeten deutschen TB-Ausgabe beispielsweise steht, daß er zur Zeit in New York lebe, mittlerweile weiß man es besser]. Höchste Zeit also, ihr Ziel, eine autorisiere Biografie zu schreiben, anzugehen. Jan hatte durch Zufall erfahren, daß der Dichter für seine Mutter ein Haus gekauft hat und kommt so auf seine Spur. Kurzentschlossen fährt sie quer durch Amerika nach St. Petersburg, Florida, ein zerlesenes Exemplar von On the Road unter dem Arm – in der Hoffnung, dies würde der Eitelkeit des Schriftsteller genügend schmeicheln, um sie nicht direkt und brüsk abzuweisen.

Sie hatte den richtigen Riecher, erstaunlich einfach war das Haus der Mutter zu finden und in ihm tatsächlich der saufende Kerouac, der sie nicht abwies. Wohl hätte er auf sie verzichten können, doch gewährt er ihr Einlass und redet mit ihr, beantwortet ihre Fragen. Nur, und das ist schockierend für Jan, behauptet er, von dem beispielsweise sein Freund Ginsberg sagte, er würde ein Archiv führen wie ein Buchhalter, er hätte alles an Briefen, die er geschrieben und erhalten habe, verbrannt! Ein unersetzlicher Verlust für die Literaturgeschichte, aber stimmt die Behauptung Kerouacs? Jan kann sich in einem günstigen Augenblick Zugang zum Haus verschaffen, Jack ist mit seiner Mutter in der Kirche, es ist Allerheiligen [S. 102, wir haben jedoch den 25. Mai (!) 1968]. Doch die beiden kommen früher zurück als Jan erwartet hatte und sie erwischen Jan, wie sie im Schlafzimmer die Schränke mit den (wie vermutet) noch vorhandenen Briefen durchwühlt, auf der Suche nach einem oder zwei ganz bestimmten.

Standen bis jetzt die Geschichte Jacks und seines Schreibens im Vordergrund, stellt McCarten im zweiten Teil seines Buches das Schicksal Jans in den Mittelpunkt. Sie wird nach dem unerlaubten Eindringen zwar in einem ersten Impuls rausgeschmissen, doch letztlich erlaubt man ihr doch, zu bleiben, bietet ihr sogar ein Zimmer im Haus an. Es entsteht in dieser Periode dann tatsächlich so eine Art Familienleben zwischen Kerouac, seiner dritten Frau, der Mutter und Jan, ja, selbst  der heruntergekommene Poet strengt sich an… nur Petey, in dessen Zimmer Jan schläft, und der ein paar Tage später auf Heimaturlaub aus Vietnam kommt, tritt Jan gegenüber reserviert auf, ist und bleibt misstrauisch…

Für den Kerouac des Romans ist diese Zeit, sind diese Tage, eine Art letztes Zwischenhoch, aus dem er abrupt herausgerissen wird und der Trost, den er findet, wohnt in der Flasche und er tröstet ihn letztlich zu Tode. Wenige Menschen nur kommen zu seiner Beerdigung, mit deren Schilderung der Roman sowohl anfängt als auch endet, Jan ist unter ihnen, sie hält sich im Hintergrund…


McCartens Roman Jack behandelt zwei große Fragen am Beispiel seines eigenes schriftstellerischen Helden: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“ wird er zitiert. Ist die eine Frage also die nach der Identität, so spielt auch die Frage nach Schuld eine Rolle, nach Verantwortung zum Beispiel am traurigen Schicksal Neal Cassidys oder dem seiner Tochter.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
(Precht, 2007)

Kerouac wird im Roman als Mensch beschrieben, der in alle möglichen Rollen schlüpfen konnte, das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Dadurch steht die Frage im Raum, wer war er wirklich, wer war dieser Held einer ganzen Generation eigentlich, welche Identität hatte er, der so viele Rollen spielen und annehmen konnte? Aber wie definiert man diesen Begriff ‚Identität‘ eigentlich? Wie unterscheidet man ihn von den Rollen, die man/jeder in seinem Leben einnimmt? Eine schwierige Frage, die dieser Roman natürlich auch nicht beantwortet [Precht mag sie beantwortet haben, das Buch steht jedoch zwar bei mir im Regal, aber leider ungelesen…]… möglicherweise ist die Summe aller Rollen ja das glitzernde Facettenkleid der Identität, von der nichts übrig bliebe, wenn ich alle Rollen, die eingenommen werden können/wurden, wegnehme…. 

Die Frage nach der Identität taucht ebenso bei der zweiten, dem Roman im Geheimen sogar dominierenden, weil als Erzählerin auftretenden Jan Weintraub, auf. Traf man bei Kerouac auf eine Unzahl von Rollen, die er im Lauf seine Lebens ausgefüllt hatte (bis er schließlich bei der einzigen verbliebenen des mit der Welt grummelnden Säufers gelandet war), so überschreitet Jan Grenzen: sie nimmt nicht nur Rollen ein, sondern tatsächlich andere Identitäten, ein Übergang gar ins Pathologische findet bei ihr statt.

Letztlich kann man auch das traurige Schicksal Neal Cassidys unter diesem Aspekt betrachten. Der vormals kleinkriminelle Frauenheld, der in die Gruppe der intellektuellen, gesellschaftliche Normen sprengenden Dichter und Schriftsteller gerät, von Kerouac als literarische Figur verewigt wird, bemühte sich anfangs, dem Bild gerecht zu werden, das sein Schriftstellerkumpel ihm angehängt hatte. Später dann kann er sich allerdings nicht mehr von seinem Alter Ego Dean Moriarty lösen und befreien und geht daran zugrunde. Seine Umwelt nimmt ihn nur noch als Moriarty wahr und er hat sich resignierend in diese Funktion gefügt.

Sir, sollte die Literatur die Verantwortung für ihre Opfer übernehmen? lautet eine der Fragen, die Jan an Kerouac richten wollte…. Die Frage bezieht sich in erster Linie zwar auf Neal Cassidy, aber ist nicht auch Kerouac selbst ein Opfer seines Erfolgs, der ihn in eine Rolle gezwängt hat, die er am Ende seines kurzen Lebens (er wurde ja gerade mal siebenundvierzig Jahre alt) nicht ausfüllen wollte? Dabei kann man nicht behaupten, McCarten würde seine Hauptfigur besonders sympathisch darstellen, eher beschreibt er seinen Helden als am Erfolg gescheiterten Schriftsteller, der wieder zurück zu Muttern gegangen ist und sich dort gehen läßt, sich langsam zu Tode säuft und sich vor der Welt versteckt. Nur in der kurzen Phase, in der Jan im Haus mit lebt, erwacht noch einmal ein anderer Jack Kerouac, der empathisch ist, mitfühlend, sich sorgend, der auch sein Selbstmitleid vergessen hat…


Wie von McCarten nicht anders zu erwarten, ist Jack ein sehr professioneller Roman. Gut, abwechslungsreich und spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen der Handlung, mit gut gezeichneten Figuren kann man ihn problemlos in einen ‚Rutsch‘ durchlesen, intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau also. Im Gegensatz zu seinem Helden jedoch, der mit Unterwegs die amerikanische Literatur revolutionierte (oder sollte man sagen, es war Neal Cassidy, der dies tat, denn Kerouac goss letztlich dessen Art zu reden in eine literarische Form) und zum Leitbild einer Generation wurde, bleibt McCarten literarisch im Rahmen des Üblichen: keine Experimente, kein Aufsprengen von Grenzen. Wohl wechselt er zwischen inneren Monologen Jans, nachempfunden Interviewsequenzen zwischen Jack und Jan und Beschreibungen von Handlungen und Situationen, grundlegend Neues findet man jedoch nicht.

Jack ist kein historischer Roman und keine Biografie, was er über die Geschichte des Buches Unterwegs (im ersten Teil des Romans) schreibt, gibt jedoch einen anschaulichen Einstieg in die Historie der Beatniks, die nach dem Krieg einen Neuanfang für sich suchten, die Grenzen und Konventionen sprengten, für die Literatur wichtig war. Die Beatniks mögen selbst an ihren Anspruch gescheitert sein wie Kerouac oder Cassidy, sie fanden aber Nachfolger. Der Protest gegen den Vietnamkrieg mit den Studentenunruhen, die Bewegung der Hippies beispielsweise waren beides gesellschaftliche Phänomene, die auch nach Europa überschwappten und hie wie da die Gesamtgesellschaft veränderten.

Schrieb ich vorstehend, daß McCartens Roman dem Konventionellen verhaftet bleibt, so soll dies keine Abwertung sein, sondern ist als reine Feststellung zu nehmen, die dem Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, keinen Abbruch tut. Ich war und bin jedenfalls froh, daß ich meine Abneigung gegen das Bild auf dem Schutzumschlag überwunden habe [ein post-it, das es gnädig verdeckte, hat mir dabei geholfen…;-)]

 

Anthony McCarten
Jack
Originalausgabe: American Letters, 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 256 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Roman von McCarten, die ich im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl

Kurzlink des Beitrags: https://wp.me/paXPe-9Xz

Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Nahalal… es ist ganz sinnvoll, sich mal auf der Karte anzuschauen, wo dieser Ort (https://de.wikipedia.org/wiki/Nahalalder hier zu sehende Wasserturm geht übrigens auch auf ein frühes Familienmitglied zurück), der nicht jedem geläufig sein wird, liegt. In Israel, das ist keine Überraschung bei einem Buch Shalevs, aber da diese Geschichte von Tonia aus Russland und dem Sweeper aus den USA biographisch ist, da viele Orte erwähnt werden, kann man sich einfach ein besseres Bild machen – auch wenn Jahrzehnte vergangen sind und sich alles verändert hat:  https://goo.gl/maps/ypBE9LvAwQN2. Es ist inmitten der Jesreelebene  (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesreelebene) zwischen Haifa und Nazareth. Jerusalem, wo der Autor einige Jahre als Kind lebte, liegt ziemlich genau im Süden des Dorfes, vielleicht hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Nahalal ist der älteste israelische ‚Moschaw‘, eine Siedlung also, die genossenschaftlich organisiert ist, die aber auch Güter im Privateigentum zuläßt (http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/siedlung.htm). Wie Großmutter Tonia (Großmutter bezieht sich hier natürlich auf den Verfasser dieser Erinnerungen) es spät in ihrem Leben ausdrücken sollte, haben viele Kibbuzim ihren Kibbuz verlassen und sind in eine Moschaw gezogen. Den umgekehrten Weg ist keiner gegangen. Offensichtlich also entspricht diese Organisationsform der menschlichen Psycho wohl besser.

Dieses Buch setzt ein Denkmal. Es ist eine kleine Familiengeschichte (eine größere zu schreiben, so der Verfasser, ist noch seine Aufgabe für die Zukunft), in der die schon erwähnte Großmutter Tonia die entscheidende Rolle spielt. Sie ist früh in den Zwanziger Jahren mit der dritten Einwanderungswelle (vgl. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/57631/historische-entwicklung?p=all) aus Russland nach Palästina gekommen. Ein junges Mädchen, noch in der Uniform des Gymnasiums, das es verschlagen in eine Region, in der es außer sommerlichem Staub, der im Winter zu kniehohem Matsch mutiert, kaum etwas gegeben hat. Von einem Tag auf den anderen war sie und waren ihre Schicksalsgenossen Pioniere, die ein Land urbar und bewohnbar zu machen hatten, unter einfachsten, ja, primitiven Bedingungen. Daß Tonia mit der dritten Alija kam ist insofern wichtig, da es in ihren späten Jahren ihrer ‚Verewigung‘ Probleme machte: der Dokumentation der frühen Siedler der vorangegangenen Alija, zu der sie eben nicht gehörte, was der eigensinnigen Dame nicht wirklich einleuchtete, denn verdient, davon darf man überzeugt sein, hätte sie diese Verewigung gehabt.

Sie war das entscheidende Glied der Sippe, hat ihr Rückhalt gegeben. Ohne sie wäre die Familie nicht in Nahalal geblieben. Sie hatte ihre Eigenarten (um es milde auszudrücken) und sie hatte einen Feind, den sie erbarmungslos bekämpfte: den Schmutz. Den Staub. Den Dreck. Den Schlamm. Den Unrat. Und der Bekämpfung dieses Feindes widmete sie einen Großteil ihres Lebens – unter Anwendung einer gängigen Regel: Vorbeugen ist besser als Heilen. Also wurde der Dreck ausgesperrt und mit ihm die Träger des Drecks: die Menschen. Sprich: es gab nur wenige, streng vorgeschriebene Wege, die ins Haus führten, viele Zimmer waren abgeschlossen (das Bad zum Beispiel) und erlangten im Lauf der Jahrzehnte mythischen Status. Die Klinken der Türen waren mit Lappen umwickelt, auf der Schulter Tonios wachte der Wächterlappen über den Glanz von und auf allem. Und wehe, ein Fingerabdruck oder ein Staubkörnchen hatte es gewagt…

Die Sippe ist groß, Onkel und Tanten und deren Kinder, die Brüder der Oma (die etwas verwirrend auch als Onkel tituliert werden): wir erfahren von ihnen, von ihren liebenswerten und auch von den weniger liebenswerten Eigenschaften, die sie selbstverständlich auch hatten. Doch halt: es gab da einen Abtrünnigen, einen doppelten Verräter, einen, der weder Zionist noch Sozialist geworden war, sondern Kapitalist, einen, der sich jetzt ‚Sam‘ nannte und im mythischen Amerika, das sich dem verachtenswerten Hedonismus ergeben hatte, fußend auf der Ausbeutung der Menschen: Onkel Jeschajahu, der in Amerika zu Geld gekommen war und für General Electrics arbeitete. Ich will es kurz machen, die Präliminarien weglassen und gleich zum Casus knacktus kommen: dieser Mensch schickte (nachdem Nahalal 1936 elektrifiziert worden war) aus niederen Beweggründen der Rache eine ‚Sweeper‘ [der mythischen Bedeutung, die dieses Gerät im Lauf der folgende Jahrzehnte noch erlangen sollte, wird die profane Übersetzung des Begriffs mit ‚Staubsauger‘ im übrigen nicht gerecht] auf  die lange Reise von Amerika in die Jesreelebene… verpackt nach allen Regeln der Packkunst und in der Innersten der Verpackungen verziert mit dem Bild einer Frau im rotgepunkteten Kleid mit einem Lächeln auf den Lippen und manikürten Fingernägeln [vgl. hier https://radiergummi.files.wordpress.com/2018/04/meir-400.jpg]! Welche Abgründe für den einfachen Moschawim, das war der ungebremste Hedonismus, der damit klandestin ins Dorf eingeschleust worden ist… Ein Sieg für Onkel Jeschahjahu. Denn welche Versuchung für die Umstehenden… wie würde es sich wohl anfühlen, um eine solche Taille den Arm zu legen auf der einen Seite, wie würde es sich wohl anfühlen, in so einem Kleid mit solchen Schuhen, einem solchen Lächeln durchs Leben zu gehen auf der anderen Seite…

Einzig Tonia konzentrierte sich auf die praktischen Aspekte, nahm den Sweeper beim Schlauch, zog daran und er folgte ihr wie ein Haustier zu seiner Bestimmung. Mit Leichtigkeit bestand er die schwere Prüfung des nach dem Probesaugens abgehaltenen Wischtests und Tonia war begeistert… bis nächtens sich ein nagende Zweifel bemerkbar machte, nämlich… aber lest selbst, wie es weiterging, was soll ich das jetzt hier alles erzählen….


Fabulierer – ich habe diesen Begriff jetzt des öfteren im Zusammenhang mit Shalev gelesen und er trifft zu, seine Sprache ist lebhaft, anschaulich, sehr lebensnah. Shalev erzählt seine Geschichte, die nicht unbedingt auch die Geschichte ist, die andere Familienmitglieder erzählen würden, denn in dieser Sippe hat jeder seine eigenen Version, die sich von der anderer unterscheidet, was mitunter zu Streit und Meinungsverschiedenheiten führt. Ja, sogar die noch nicht geboren Gewesenen streiten mit, denn selbstverständlich haben auch diese ein Recht auf ihre Version des Geschehenen. Aber gehen wir davon aus, daß Shalevs Darstellung recht nahe an der Wahrheit (was ein schwammiger Begriff, Wahrheit, was soll das schon sein, wenn jeder auf seine eigene Wahrheit besteht?) ist, hat er mit seiner Mutter doch eine vertrauenswürdige Zeugin und vieles hat er letztlich auch selbst erlebt und gesehen.

In dieser Familiengeschichte ist alles beseelt, die Menschen ebenso wie die Tiere. Hier hat der alte, gutmütige Zosse seine Persönlichkeit, hier fliegt der Esel Ah durch die Lüfte nach … ich glaube, es war Istanbul oder eine andere Stadt, nachdem er sich mit einem Draht (oder war es doch ein Schlüssel?) das Tor geöffnet hat, hier trauert der Staubsauger seinem verlorenen Schicksal nach und kommt zu der Erkenntnis, daß die Aufregung, das Besondere der Reise das, was folgen sollte, nicht aufwiegt… Es wachsen die Maiskolben an Zitrusbäumen, Shalevs Vater wird, wenn er stört, zum Schreiben von Gedichten weggeschickt, und Großmutter Tonia ist der Überzeugung, ein junger Mann solle die Freundinnen wechseln wie die Socken…

Neben dieser Familiengeschichte gibt Shalevs Erzählung aber auch einen direkten Einblick in das harte Leben der Pioniere im frühen Palästina, weit vor der Gründung Israels. Unbeugsam ist deren Geist, unbeirrbar ihre Einstellung. Man sagt, sie macht auch Maniküre ist eins der vernichtendsten Urteile, das sie über Frauen fällen, wenn diese sich – was selten genug, bei vielen nie vorkommt – auch nur ein wenig hübscher anziehen. Denn in dieser Gegend waren Sümpfe trockenzulegen, war der harte Boden für die Saat aufzubrechen, die Häuser mussten gebaut werden wie die Ställe. Es musste gefüttert werden und gemolken, die Eier waren einzusammeln, die Milch zu liefern, das Unkraut musste gerupft werden, gesät und geerntet, gepflanzt und gehegt… nichts wurde weggeworfen, alles konnte noch einmal Verwendung bringen, ein Drahtstück beispielsweise war geradezu ein Universalwerkstück, das für alles dienen konnte. Im Sommer die unendliche Hitze und der Staub, der in der Regenzeit zu knietiefem Morast wurde….

Die Geschichte endet ein wenig traurig, da der Gang der Dinge halt so ist und der Mensch ihm unterliegt und immer unterliegen wird. So berichtet Shalev von den Beerdigungen, die im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, die der Großeltern, aber auch die der eigenen Mutter, Bestattungen, die immer auch mit Lachen und Geschichten von früher begleitet wurden…

Was mit dem Staubsauger geschah, wollt ihr wissen? Nun, es sei nur soviel verraten: das würde Meir Shalev auch gerne wissen, denn die Sache war so: das Haus der Großmutter gab nach deren Tod zwar viele Geheimnisse frei – aber eben nicht alle,  ….  ;-)

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger ist ein Buch, bei dem man gar nicht aufhören will mit der Beschreibung. Es wäre noch so viel zu erwähnen, die besonderen Redewendungen in der Familiensprache beispielsweise oder Jerusalem als Stadt des Irrsinns, der Blindheit und der Verwaistheit, als die es der junge Shalev als Kind wahrnahm…. das Leben und das Gelebtwerden ist so anschaulich geschildert, mit so viel Liebe und auch Humor die Menschen, die Tiere und der Sweeper ebenso… untermalt ist das Ganze mit Fotos aus dem Familienalbum… ach, Schluss jetzt, einmal muss Ende sein mit dem Schwärmen: es ist einfach ein schönes Buch. Punkt. Aus.

Meir Shalev
Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Originalausgabe: Ha-davar haja kacha, Tel Aviv, 2009
diese Ausgabe: Diogenes, TB deluxe, 384 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Xj

Ausser dieser kleinen Familiengeschichte habe ich von Shalev auf dem Blog zwei weitere, sehr lesenswerte Bücher vorgestellt:
Judiths Liebe und
Zwei Bärinnen