Anthony McCarten: Jack

Ich muss zugeben, daß ich vor diesem Buch gescheut habe, obwohl ich den Autoren McCarten natürlich kenne (siehe unten) und hoch schätze. Aber das Bild auf dem Schutzumschlag trifft so wenig meinen Geschmack, daß ich es einfach nicht haben wollte…. erst als ich die wirklich durchgängig guten Besprechungen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben… und – um das vorweg zu nehmen – es hat sich gelohnt. Yes.


Ihre Hühnerpastete. die war der Schlüssel.
Die hat alle angelockt.
Ohne die hätte es keine Beat Generation gegeben.
Mannoman!

Die aktuelle Story, die das Buch erzählt, ist im Jahr 1968 angesiedelt. 1968 war ein wichtiges Jahr, eine ganze Generation (zumindest in Deutschland) ist danach benannt, eine ‚Revolution‘, die aus den USA herübergeschwappt war, der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die ‚Hippies‘, um einige Stichworte zu geben und auch den Bogen zu spannen zu diesem Roman. Auch die Hippies sind nicht einfach vom Himmel gefallen, haben ihre Vorläufer, auf die sie sich berufen. Und davon erzählt dieser pseudobiographische Roman um Jack Kerouac und die fiktive Jan Weintraub.

Auf Jack Kerouac nämlich geht der Begriff des Beatnik zurück, der ihn 1948 in einem Interview prägte. „Das Adjektiv beat aus dem Slang der Kriminellen, den Herbert Huncke in die Gruppe um Kerouac, Ginsberg und Burroughs einbrachte, hatte die Bedeutungen „besiegt“, „müde“ und „heruntergekommen“, aber Kerouac prägte zusätzlich die Bedeutungen „euphorisch“ (upbeat), „seligmachend“ (beatific) und in Bezug auf Musik, vor allem Bebop, auch being on the beat („im Rhythmus sein“).“ [Quellehttps://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Generation]. Bibel dieser Generation, die mit einem „Höchstmaß an innerer und äußerer Bewegung agierte, die ständig unterwegs war und auf der Suche nach einer von Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit berauschten Existenz, auf endloser Entdeckungsreise durch ein Amerika, für dessen Schönheit ihnen die Verachtung des Utilitarismus ihrer Zeitgenossen, des Establishment der Saturierten die Augen geöffnet hatten.“ [nach dem Text auf dem Vorsatzblatt der 68er rororo-TB-Ausgabe von Unterwegs; siehe Abbildung], war diese Roman Unterwegs (On the Road) von Jack Kerouac, der sich damit als „Romancier einer Generation vorstellte, die inmitten der schlechtesten aller Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glücklichen Leben ablegte, das den ehrbaren Bürger erschauern ließ.“ [a.a.O.]. Kerouac hatte (so legt es McCarten seiner Protagonistin in den Mund), als die Trümmer des Krieges noch rauchten, deutlich erkannt, dass zu lernen war, dass man nach vorn blicken muss, nach vorn und immer nur nach vorn … unsere Augen auf die nächste Biegung der Straße geheftet, weil wir sicher sein können, dass dahinter eine hübsche Zerstreuung wartet, etwas Flüchtiges, Schönes, dessen einziger Zweck auf Erden darin besteht, dass es uns – uns Neurotiker! – alles Traurige vergessen acht, das hinter uns liegt.

Vorderes Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo
Hinteres Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo

Es ist also 1968. Die junge Literaturwissenschaftlerin Jan Weintraub hat gehört, daß sich ihr Idol Kerouac auf dem stark absteigenden Ast befindet. Mit der sich aus den Beatniks herausgebildeten Hippie-Bewegung konnte er nichts anfangen, das war nicht mehr seins, die enge Freundschaft mit Neal Cassidy (z.B.: http://www.beatmuseum.org/cassady/nealcassady.html bzw.  https://de.wikipedia.org/wiki/Neal_Cassady), den er in seinen Romanen verewigt hatte, war zerbrochen und Kerouacs verbliebenes Lebensziel war es, sich von der Welt abgeschottet zu Tode zu saufen. Wo er sich aufhielt, war unbekannt [In der nebenstehend abgebildeten deutschen TB-Ausgabe beispielsweise steht, daß er zur Zeit in New York lebe, mittlerweile weiß man es besser]. Höchste Zeit also, ihr Ziel, eine autorisiere Biografie zu schreiben, anzugehen. Jan hatte durch Zufall erfahren, daß der Dichter für seine Mutter ein Haus gekauft hat und kommt so auf seine Spur. Kurzentschlossen fährt sie quer durch Amerika nach St. Petersburg, Florida, ein zerlesenes Exemplar von On the Road unter dem Arm – in der Hoffnung, dies würde der Eitelkeit des Schriftsteller genügend schmeicheln, um sie nicht direkt und brüsk abzuweisen.

Sie hatte den richtigen Riecher, erstaunlich einfach war das Haus der Mutter zu finden und in ihm tatsächlich der saufende Kerouac, der sie nicht abwies. Wohl hätte er auf sie verzichten können, doch gewährt er ihr Einlass und redet mit ihr, beantwortet ihre Fragen. Nur, und das ist schockierend für Jan, behauptet er, von dem beispielsweise sein Freund Ginsberg sagte, er würde ein Archiv führen wie ein Buchhalter, er hätte alles an Briefen, die er geschrieben und erhalten habe, verbrannt! Ein unersetzlicher Verlust für die Literaturgeschichte, aber stimmt die Behauptung Kerouacs? Jan kann sich in einem günstigen Augenblick Zugang zum Haus verschaffen, Jack ist mit seiner Mutter in der Kirche, es ist Allerheiligen [S. 102, wir haben jedoch den 25. Mai (!) 1968]. Doch die beiden kommen früher zurück als Jan erwartet hatte und sie erwischen Jan, wie sie im Schlafzimmer die Schränke mit den (wie vermutet) noch vorhandenen Briefen durchwühlt, auf der Suche nach einem oder zwei ganz bestimmten.

Standen bis jetzt die Geschichte Jacks und seines Schreibens im Vordergrund, stellt McCarten im zweiten Teil seines Buches das Schicksal Jans in den Mittelpunkt. Sie wird nach dem unerlaubten Eindringen zwar in einem ersten Impuls rausgeschmissen, doch letztlich erlaubt man ihr doch, zu bleiben, bietet ihr sogar ein Zimmer im Haus an. Es entsteht in dieser Periode dann tatsächlich so eine Art Familienleben zwischen Kerouac, seiner dritten Frau, der Mutter und Jan, ja, selbst  der heruntergekommene Poet strengt sich an… nur Petey, in dessen Zimmer Jan schläft, und der ein paar Tage später auf Heimaturlaub aus Vietnam kommt, tritt Jan gegenüber reserviert auf, ist und bleibt misstrauisch…

Für den Kerouac des Romans ist diese Zeit, sind diese Tage, eine Art letztes Zwischenhoch, aus dem er abrupt herausgerissen wird und der Trost, den er findet, wohnt in der Flasche und er tröstet ihn letztlich zu Tode. Wenige Menschen nur kommen zu seiner Beerdigung, mit deren Schilderung der Roman sowohl anfängt als auch endet, Jan ist unter ihnen, sie hält sich im Hintergrund…


McCartens Roman Jack behandelt zwei große Fragen am Beispiel seines eigenes schriftstellerischen Helden: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“ wird er zitiert. Ist die eine Frage also die nach der Identität, so spielt auch die Frage nach Schuld eine Rolle, nach Verantwortung zum Beispiel am traurigen Schicksal Neal Cassidys oder dem seiner Tochter.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
(Precht, 2007)

Kerouac wird im Roman als Mensch beschrieben, der in alle möglichen Rollen schlüpfen konnte, das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Dadurch steht die Frage im Raum, wer war er wirklich, wer war dieser Held einer ganzen Generation eigentlich, welche Identität hatte er, der so viele Rollen spielen und annehmen konnte? Aber wie definiert man diesen Begriff ‚Identität‘ eigentlich? Wie unterscheidet man ihn von den Rollen, die man/jeder in seinem Leben einnimmt? Eine schwierige Frage, die dieser Roman natürlich auch nicht beantwortet [Precht mag sie beantwortet haben, das Buch steht jedoch zwar bei mir im Regal, aber leider ungelesen…]… möglicherweise ist die Summe aller Rollen ja das glitzernde Facettenkleid der Identität, von der nichts übrig bliebe, wenn ich alle Rollen, die eingenommen werden können/wurden, wegnehme…. 

Die Frage nach der Identität taucht ebenso bei der zweiten, dem Roman im Geheimen sogar dominierenden, weil als Erzählerin auftretenden Jan Weintraub, auf. Traf man bei Kerouac auf eine Unzahl von Rollen, die er im Lauf seine Lebens ausgefüllt hatte (bis er schließlich bei der einzigen verbliebenen des mit der Welt grummelnden Säufers gelandet war), so überschreitet Jan Grenzen: sie nimmt nicht nur Rollen ein, sondern tatsächlich andere Identitäten, ein Übergang gar ins Pathologische findet bei ihr statt.

Letztlich kann man auch das traurige Schicksal Neal Cassidys unter diesem Aspekt betrachten. Der vormals kleinkriminelle Frauenheld, der in die Gruppe der intellektuellen, gesellschaftliche Normen sprengenden Dichter und Schriftsteller gerät, von Kerouac als literarische Figur verewigt wird, bemühte sich anfangs, dem Bild gerecht zu werden, das sein Schriftstellerkumpel ihm angehängt hatte. Später dann kann er sich allerdings nicht mehr von seinem Alter Ego Dean Moriarty lösen und befreien und geht daran zugrunde. Seine Umwelt nimmt ihn nur noch als Moriarty wahr und er hat sich resignierend in diese Funktion gefügt.

Sir, sollte die Literatur die Verantwortung für ihre Opfer übernehmen? lautet eine der Fragen, die Jan an Kerouac richten wollte…. Die Frage bezieht sich in erster Linie zwar auf Neal Cassidy, aber ist nicht auch Kerouac selbst ein Opfer seines Erfolgs, der ihn in eine Rolle gezwängt hat, die er am Ende seines kurzen Lebens (er wurde ja gerade mal siebenundvierzig Jahre alt) nicht ausfüllen wollte? Dabei kann man nicht behaupten, McCarten würde seine Hauptfigur besonders sympathisch darstellen, eher beschreibt er seinen Helden als am Erfolg gescheiterten Schriftsteller, der wieder zurück zu Muttern gegangen ist und sich dort gehen läßt, sich langsam zu Tode säuft und sich vor der Welt versteckt. Nur in der kurzen Phase, in der Jan im Haus mit lebt, erwacht noch einmal ein anderer Jack Kerouac, der empathisch ist, mitfühlend, sich sorgend, der auch sein Selbstmitleid vergessen hat…


Wie von McCarten nicht anders zu erwarten, ist Jack ein sehr professioneller Roman. Gut, abwechslungsreich und spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen der Handlung, mit gut gezeichneten Figuren kann man ihn problemlos in einen ‚Rutsch‘ durchlesen, intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau also. Im Gegensatz zu seinem Helden jedoch, der mit Unterwegs die amerikanische Literatur revolutionierte (oder sollte man sagen, es war Neal Cassidy, der dies tat, denn Kerouac goss letztlich dessen Art zu reden in eine literarische Form) und zum Leitbild einer Generation wurde, bleibt McCarten literarisch im Rahmen des Üblichen: keine Experimente, kein Aufsprengen von Grenzen. Wohl wechselt er zwischen inneren Monologen Jans, nachempfunden Interviewsequenzen zwischen Jack und Jan und Beschreibungen von Handlungen und Situationen, grundlegend Neues findet man jedoch nicht.

Jack ist kein historischer Roman und keine Biografie, was er über die Geschichte des Buches Unterwegs (im ersten Teil des Romans) schreibt, gibt jedoch einen anschaulichen Einstieg in die Historie der Beatniks, die nach dem Krieg einen Neuanfang für sich suchten, die Grenzen und Konventionen sprengten, für die Literatur wichtig war. Die Beatniks mögen selbst an ihren Anspruch gescheitert sein wie Kerouac oder Cassidy, sie fanden aber Nachfolger. Der Protest gegen den Vietnamkrieg mit den Studentenunruhen, die Bewegung der Hippies beispielsweise waren beides gesellschaftliche Phänomene, die auch nach Europa überschwappten und hie wie da die Gesamtgesellschaft veränderten.

Schrieb ich vorstehend, daß McCartens Roman dem Konventionellen verhaftet bleibt, so soll dies keine Abwertung sein, sondern ist als reine Feststellung zu nehmen, die dem Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, keinen Abbruch tut. Ich war und bin jedenfalls froh, daß ich meine Abneigung gegen das Bild auf dem Schutzumschlag überwunden habe [ein post-it, das es gnädig verdeckte, hat mir dabei geholfen…;-)]

 

Anthony McCarten
Jack
Originalausgabe: American Letters, 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 256 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Roman von McCarten, die ich im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl

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Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Nahalal… es ist ganz sinnvoll, sich mal auf der Karte anzuschauen, wo dieser Ort (https://de.wikipedia.org/wiki/Nahalalder hier zu sehende Wasserturm geht übrigens auch auf ein frühes Familienmitglied zurück), der nicht jedem geläufig sein wird, liegt. In Israel, das ist keine Überraschung bei einem Buch Shalevs, aber da diese Geschichte von Tonia aus Russland und dem Sweeper aus den USA biographisch ist, da viele Orte erwähnt werden, kann man sich einfach ein besseres Bild machen – auch wenn Jahrzehnte vergangen sind und sich alles verändert hat:  https://goo.gl/maps/ypBE9LvAwQN2. Es ist inmitten der Jesreelebene  (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesreelebene) zwischen Haifa und Nazareth. Jerusalem, wo der Autor einige Jahre als Kind lebte, liegt ziemlich genau im Süden des Dorfes, vielleicht hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Nahalal ist der älteste israelische ‚Moschaw‘, eine Siedlung also, die genossenschaftlich organisiert ist, die aber auch Güter im Privateigentum zuläßt (http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/siedlung.htm). Wie Großmutter Tonia (Großmutter bezieht sich hier natürlich auf den Verfasser dieser Erinnerungen) es spät in ihrem Leben ausdrücken sollte, haben viele Kibbuzim ihren Kibbuz verlassen und sind in eine Moschaw gezogen. Den umgekehrten Weg ist keiner gegangen. Offensichtlich also entspricht diese Organisationsform der menschlichen Psycho wohl besser.

Dieses Buch setzt ein Denkmal. Es ist eine kleine Familiengeschichte (eine größere zu schreiben, so der Verfasser, ist noch seine Aufgabe für die Zukunft), in der die schon erwähnte Großmutter Tonia die entscheidende Rolle spielt. Sie ist früh in den Zwanziger Jahren mit der dritten Einwanderungswelle (vgl. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/57631/historische-entwicklung?p=all) aus Russland nach Palästina gekommen. Ein junges Mädchen, noch in der Uniform des Gymnasiums, das es verschlagen in eine Region, in der es außer sommerlichem Staub, der im Winter zu kniehohem Matsch mutiert, kaum etwas gegeben hat. Von einem Tag auf den anderen war sie und waren ihre Schicksalsgenossen Pioniere, die ein Land urbar und bewohnbar zu machen hatten, unter einfachsten, ja, primitiven Bedingungen. Daß Tonia mit der dritten Alija kam ist insofern wichtig, da es in ihren späten Jahren ihrer ‚Verewigung‘ Probleme machte: der Dokumentation der frühen Siedler der vorangegangenen Alija, zu der sie eben nicht gehörte, was der eigensinnigen Dame nicht wirklich einleuchtete, denn verdient, davon darf man überzeugt sein, hätte sie diese Verewigung gehabt.

Sie war das entscheidende Glied der Sippe, hat ihr Rückhalt gegeben. Ohne sie wäre die Familie nicht in Nahalal geblieben. Sie hatte ihre Eigenarten (um es milde auszudrücken) und sie hatte einen Feind, den sie erbarmungslos bekämpfte: den Schmutz. Den Staub. Den Dreck. Den Schlamm. Den Unrat. Und der Bekämpfung dieses Feindes widmete sie einen Großteil ihres Lebens – unter Anwendung einer gängigen Regel: Vorbeugen ist besser als Heilen. Also wurde der Dreck ausgesperrt und mit ihm die Träger des Drecks: die Menschen. Sprich: es gab nur wenige, streng vorgeschriebene Wege, die ins Haus führten, viele Zimmer waren abgeschlossen (das Bad zum Beispiel) und erlangten im Lauf der Jahrzehnte mythischen Status. Die Klinken der Türen waren mit Lappen umwickelt, auf der Schulter Tonios wachte der Wächterlappen über den Glanz von und auf allem. Und wehe, ein Fingerabdruck oder ein Staubkörnchen hatte es gewagt…

Die Sippe ist groß, Onkel und Tanten und deren Kinder, die Brüder der Oma (die etwas verwirrend auch als Onkel tituliert werden): wir erfahren von ihnen, von ihren liebenswerten und auch von den weniger liebenswerten Eigenschaften, die sie selbstverständlich auch hatten. Doch halt: es gab da einen Abtrünnigen, einen doppelten Verräter, einen, der weder Zionist noch Sozialist geworden war, sondern Kapitalist, einen, der sich jetzt ‚Sam‘ nannte und im mythischen Amerika, das sich dem verachtenswerten Hedonismus ergeben hatte, fußend auf der Ausbeutung der Menschen: Onkel Jeschajahu, der in Amerika zu Geld gekommen war und für General Electrics arbeitete. Ich will es kurz machen, die Präliminarien weglassen und gleich zum Casus knacktus kommen: dieser Mensch schickte (nachdem Nahalal 1936 elektrifiziert worden war) aus niederen Beweggründen der Rache eine ‚Sweeper‘ [der mythischen Bedeutung, die dieses Gerät im Lauf der folgende Jahrzehnte noch erlangen sollte, wird die profane Übersetzung des Begriffs mit ‚Staubsauger‘ im übrigen nicht gerecht] auf  die lange Reise von Amerika in die Jesreelebene… verpackt nach allen Regeln der Packkunst und in der Innersten der Verpackungen verziert mit dem Bild einer Frau im rotgepunkteten Kleid mit einem Lächeln auf den Lippen und manikürten Fingernägeln [vgl. hier https://radiergummi.files.wordpress.com/2018/04/meir-400.jpg]! Welche Abgründe für den einfachen Moschawim, das war der ungebremste Hedonismus, der damit klandestin ins Dorf eingeschleust worden ist… Ein Sieg für Onkel Jeschahjahu. Denn welche Versuchung für die Umstehenden… wie würde es sich wohl anfühlen, um eine solche Taille den Arm zu legen auf der einen Seite, wie würde es sich wohl anfühlen, in so einem Kleid mit solchen Schuhen, einem solchen Lächeln durchs Leben zu gehen auf der anderen Seite…

Einzig Tonia konzentrierte sich auf die praktischen Aspekte, nahm den Sweeper beim Schlauch, zog daran und er folgte ihr wie ein Haustier zu seiner Bestimmung. Mit Leichtigkeit bestand er die schwere Prüfung des nach dem Probesaugens abgehaltenen Wischtests und Tonia war begeistert… bis nächtens sich ein nagende Zweifel bemerkbar machte, nämlich… aber lest selbst, wie es weiterging, was soll ich das jetzt hier alles erzählen….


Fabulierer – ich habe diesen Begriff jetzt des öfteren im Zusammenhang mit Shalev gelesen und er trifft zu, seine Sprache ist lebhaft, anschaulich, sehr lebensnah. Shalev erzählt seine Geschichte, die nicht unbedingt auch die Geschichte ist, die andere Familienmitglieder erzählen würden, denn in dieser Sippe hat jeder seine eigenen Version, die sich von der anderer unterscheidet, was mitunter zu Streit und Meinungsverschiedenheiten führt. Ja, sogar die noch nicht geboren Gewesenen streiten mit, denn selbstverständlich haben auch diese ein Recht auf ihre Version des Geschehenen. Aber gehen wir davon aus, daß Shalevs Darstellung recht nahe an der Wahrheit (was ein schwammiger Begriff, Wahrheit, was soll das schon sein, wenn jeder auf seine eigene Wahrheit besteht?) ist, hat er mit seiner Mutter doch eine vertrauenswürdige Zeugin und vieles hat er letztlich auch selbst erlebt und gesehen.

In dieser Familiengeschichte ist alles beseelt, die Menschen ebenso wie die Tiere. Hier hat der alte, gutmütige Zosse seine Persönlichkeit, hier fliegt der Esel Ah durch die Lüfte nach … ich glaube, es war Istanbul oder eine andere Stadt, nachdem er sich mit einem Draht (oder war es doch ein Schlüssel?) das Tor geöffnet hat, hier trauert der Staubsauger seinem verlorenen Schicksal nach und kommt zu der Erkenntnis, daß die Aufregung, das Besondere der Reise das, was folgen sollte, nicht aufwiegt… Es wachsen die Maiskolben an Zitrusbäumen, Shalevs Vater wird, wenn er stört, zum Schreiben von Gedichten weggeschickt, und Großmutter Tonia ist der Überzeugung, ein junger Mann solle die Freundinnen wechseln wie die Socken…

Neben dieser Familiengeschichte gibt Shalevs Erzählung aber auch einen direkten Einblick in das harte Leben der Pioniere im frühen Palästina, weit vor der Gründung Israels. Unbeugsam ist deren Geist, unbeirrbar ihre Einstellung. Man sagt, sie macht auch Maniküre ist eins der vernichtendsten Urteile, das sie über Frauen fällen, wenn diese sich – was selten genug, bei vielen nie vorkommt – auch nur ein wenig hübscher anziehen. Denn in dieser Gegend waren Sümpfe trockenzulegen, war der harte Boden für die Saat aufzubrechen, die Häuser mussten gebaut werden wie die Ställe. Es musste gefüttert werden und gemolken, die Eier waren einzusammeln, die Milch zu liefern, das Unkraut musste gerupft werden, gesät und geerntet, gepflanzt und gehegt… nichts wurde weggeworfen, alles konnte noch einmal Verwendung bringen, ein Drahtstück beispielsweise war geradezu ein Universalwerkstück, das für alles dienen konnte. Im Sommer die unendliche Hitze und der Staub, der in der Regenzeit zu knietiefem Morast wurde….

Die Geschichte endet ein wenig traurig, da der Gang der Dinge halt so ist und der Mensch ihm unterliegt und immer unterliegen wird. So berichtet Shalev von den Beerdigungen, die im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, die der Großeltern, aber auch die der eigenen Mutter, Bestattungen, die immer auch mit Lachen und Geschichten von früher begleitet wurden…

Was mit dem Staubsauger geschah, wollt ihr wissen? Nun, es sei nur soviel verraten: das würde Meir Shalev auch gerne wissen, denn die Sache war so: das Haus der Großmutter gab nach deren Tod zwar viele Geheimnisse frei – aber eben nicht alle,  ….  ;-)

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger ist ein Buch, bei dem man gar nicht aufhören will mit der Beschreibung. Es wäre noch so viel zu erwähnen, die besonderen Redewendungen in der Familiensprache beispielsweise oder Jerusalem als Stadt des Irrsinns, der Blindheit und der Verwaistheit, als die es der junge Shalev als Kind wahrnahm…. das Leben und das Gelebtwerden ist so anschaulich geschildert, mit so viel Liebe und auch Humor die Menschen, die Tiere und der Sweeper ebenso… untermalt ist das Ganze mit Fotos aus dem Familienalbum… ach, Schluss jetzt, einmal muss Ende sein mit dem Schwärmen: es ist einfach ein schönes Buch. Punkt. Aus.

Meir Shalev
Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Originalausgabe: Ha-davar haja kacha, Tel Aviv, 2009
diese Ausgabe: Diogenes, TB deluxe, 384 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Ausser dieser kleinen Familiengeschichte habe ich von Shalev auf dem Blog zwei weitere, sehr lesenswerte Bücher vorgestellt:
Judiths Liebe und
Zwei Bärinnen

Ursula Krechel: Landgericht

Die in Trier geborene Ursula Krechel (heute lebt sie in Berlin [1b]) hat 2012 für diesen Roman um den Juristen Richard Kornitzer den Deutschen Buchpreis verliehen bekommen [1]. Kornitzers Leben, das dadurch tragisch geprägt wurde, daß es eine Zeit gab, in der er in seinem Geburtsland gezwungen war, den Mittelnamen ‚Israel‘ zu führen, wurde von Krechel dem Schicksal eines realen Menschen nachempfunden [2]. Es ist ein Schicksal, das diesen Mann nach Studium und Hoffnung auf berufliche Karriere vor die Alternative gestellt hatte, Emigration oder Ermordung, das ihn von Frau und Kindern trennte, das ihn in die Fremde, nach Kuba, führte und das sich schwertat, ihm nach seiner Rückkehr die ihm zukommende Rehabilitierung und Gerechtigkeit zu gewähren, denn die Verhältnisse in der noch jungen Bundesrepublik waren nicht danach.


Richard Kornitzer war 1903 in Breslau geboren worden, er studierte und promovierte in Berlin, war seit 1931 verheiratet mit einer Frau, die ihr eigenes Unternehmen führte und sie hatten zwei Kinder, Selma und der drei Jahre ältere Georg. Als Selma vier Jahre alt war, sah die Familie keine andere Chance mehr, als die Kinder mit den Kindertransporten in das sichere England zu schicken [2], Georg  war schon einem Alter, daß er ungefähr verstand, was sich da abspielte, Selma dagegen empfand die fürchterliche Reise nach England als Strafe für ihr ‚böses‘ Verhalten, sie verstand nichts von all dem, eine Tatsache, die sich ihr Leben lang auswirken sollte.

Claire Kornitzer, Protestantin, ließ sich nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden, obwohl man ihr hart zusetzte. Der Plan der Kornitzers war, daß sowohl Kinder als auch Frau an den Exilort des Mannes, Kuba, nachkommen sollten, von dort aus wollte man versuchen, in die USA zu kommen. Der Ausbruch des Krieges vereitelte diesen Plan, die Kinder blieben in England bei verschiedenen Pflegefamilien, zeitweise auch in einem Heim, auch Claire Kornitzer überlebte den Krieg.

Nach dem Krieg verschlug es sie an den Bodensee, nach Bettnang. Dort fand sie Unterkunft bei einer Bauersfamilie, arbeitete als Sekretärin in einer Molkerei. Es war eine einfache, aber gemessen an dem, was sonst in Deutschland herrschte, fast idyllische Situation. Lindau beispielsweise war unzerstört, was Richard Kornitzer verwunderte, hatte er doch von den Verwüstungen deutscher Städte durch die Bombardements gehört. Richard Kornitzer kam im Frühsommer 1948 nach Bettnang, Claire hatte ihn über das Rote Kreuz ausfindig gemacht – sie wollte ihren Mann zurück haben -, ebenso wie einige Monate danach der Aufenthaltsort der Kinder ermittelt werden konnte.


Es hatte seinerzeit alles so zukunftsträchtig angefangen. Die beruflichen Aussichten des Juristen und Richters Kornitzer waren hervorragen, mit Claire Pahl hatte er eine selbstbewusste Frau kennen- und lieben gelernt, die ein Unternehmen in einem völlig neuen Erwerbszweig führte: sie produzierte Werbefilme für’s Kino. Ein Kind, ein Kindermädchen, eine moderne Wohnung… dann endete eine Kinoarea, im Wechsel vom zweiten auf das dritte Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts löste der Tonfilm den Stummfilm ab und parallel dazu nahm die Brüllerei zu. Die Brüllerei auf den Straßen, das hektische Gebrüll an den Podien… Richard Kornitzer erlebte die ganze Klaviatur der Verfolgung mit, die immer striktere Reduzierung des Lebensraumes, angefangen vom Berufsverbot bis zum Badeverbot im Wannsee. Letzteres, macht Krechel klar, ist nicht nebensächlich, es ist das Realität gewordene Symbol dafür, daß der Jude dreckig ist und (auch der indirekte) Kontakt den arischen Volkskörper beschmutzt. Das zweite Kind wird geboren, Claire erlebt, wie sie gesellschaftlich geschnitten wird, ein jüdischer Mann, das Kindermädchen darf nicht mehr bei der Familie arbeiten, Kornitzer selbst findet mit Mühe eine Arbeit in einer Glühbirnenfabrik. Man entschließt sich, die Kinder nach England zu schicken.

Die Schlupflöcher zur Flucht werden weniger und enger, die Bedingungen immer brutaler: es geht dem deutschen Staat darum, noch möglichst viel herauszuquetschen aus dem verhassten Juden. Außerdem reißt man sich im Rest der Welt nicht gerade darum, die zur Flucht Getriebenen aufzunehmen. Kuba ist eins der wenigen Länder, in die sie noch einreisen können – sofern sie Geld haben, um den Eintritt zu bezahlen und die Wächter an den Eintrittstoren zu schmieren. Kornitzer erhält das Visum, nach dem Tod der Mutter hat er noch finanzielle Möglichkeiten, außerdem scheint sein berufliches Wissen um Patente gefragt. Hätte er für Claire auch ein Visum bekommen können, wenn er mehr gegeben hätte von dem Geld? Die Frage steht im Raum.

In Kuba richtet sich Kornitzer ein. Zwar ist es von Mentalität und Klima her ein fremdes Land, das es einem Mitteleuropäer nicht leicht macht, aber er hat Glück, er trifft auf einen Rechtsanwalt, der den präzisen Deutschen auf Honorarbasis (Aufenthaltsgenehmigung bedeutet nicht auch Arbeitsgenehmigung) einstellt: er soll den Terminkalender führen. Im Lauf der Jahre (Kornitzer eignet sich wohl ein akzeptables kubanisches Spanisch an) sollten sich die Aufgaben mehren. Krechel nutzt diesen Abschnitt im Leben Kornitzers, um andere Angehörige der Exilgemeinde, in der er dort eingebunden war, zu portraitieren und an sie zu erinnern:  Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Nachfolgende Flüchtlinge hatten es schwerer: Schiffe durften nicht anlegen, mussten teilweise nach Deutschland zurückkehren (von den Passagieren hörte man danach nichts mehr). Schiffe, die aus Portugal und Spanien kamen, entluden ihre Passagiere in schlimme Lager, in denen die Emigranten so lange blieben, bis aus ihnen nichts mehr herauszupressen war an Schmiergeldern, Gebühren, Abgaben und überhaupt: Geld.

Kornitzer schaut eines Tages in der engen Straßenbahn auf den Knochen eines Halswirbels. Er kann (und tut dies) der Frau, die dazu gehört aus einer ärgerlich-peinlichen Situation helfen (in der Enge der Bahn hat sich ein Mann auf ihren Rock entleert), man lernt sich kennen, man trifft sich öfter, man trifft sich oft… ein uneheliches Kind, das geht (nicht nur) in Kuba gar nicht. So bringt XXX es weit weg von Havanna zur Welt, die Kusine zieht Amanda auf. Kornitzer jedoch sollte seine Tochter erst Jahrzehnte später treffen…

Unterdessen blieb Claire in Deutschland, sie ist die einzige, der Krechel kein eigenes Kapitel widmet. Immer wieder zwar, in kleinen Absätzen, in Halbsätzen, in quasi hingeworfenen Andeutungen ist ihr Schicksal erkennbar. Der Vertrag zur Übergabe der Firma, den man sie seinerzeit überzeugend  bat, zu unterschreiben (ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte), an einer anderen Stelle stehen die Wörter Auspeitschung und Folterung, nach dem Krieg ist sie keine gesunde Frau mehr. Wie sie dieses Jahrzehnt jedoch überlebte, bleibt leider en Detail im Dunkeln.

Das neu geschaffene Bundesland Rheinland-Pfalz braucht Richter, man bietet Kornitzer eine Stelle als Landgerichtsrat in Mainz an. Später einmal sollte es so klingen, als hätte man ihm damit (ohne daß dazu, einer Wiedergutmachung nämlich, eine Verpflichtung bestanden hätte) einen Gefallen getan, sozusagen, eine Art Gnadenakt für ihn vorgenommen. Und die Richterkollegen – wo waren sie die letzten Jahre, welches Recht haben sie gesprochen in dieser Zeit? Es erfolgt eine Beförderung für Kornitzer, aber diesem fällt auf, daß die Gesetze, die die Wiedergutmachung regeln, schwurbelig sind, unpräzise, Platz bieten zur Interpretation, die so häufig zuungunsten des Betroffenen ausgelegt wird. Bis hin zu einem (von Krechel zitieren) Urteil, daß den Antrag einer arischen Frau, die sich von ihrem jüdischen Mann nicht getrennt hat, ablehnt mit der Begründung, sie trage durch ihre Entscheidung, bei dem Mann zu bleiben, selbst Schuld an ihrem Unglück. Man möchte selbst beim Lesen eines solchen Satzes aufschreien, heute noch und immer wieder.

Die Kinder… über die Hälfte, bei Selma zwei Drittel des Lebens hat man sie nicht gesehen: sie sind sich Fremde geworden, das Jahrzehnt fehlt. Für die Kornitzers ist Selma noch die Vierjährige; dem großen Mädchen, das es liebt, im Kuhstall zu arbeiten und das an der Schwelle zum Frausein steht, das kein Deutsch spricht, stehen sie (vor allem Claire, die nach England zur Pflegefamilie reist, der Familie, die George (mit End-e) und Selma adoptieren will, bzw. jetzt: wollte) sprachlos gegenüber, ebenso wie Selma ihrem Tagebuch anvertraut: What on earth had this big, fat woman to do with me? Letztlich bleiben die beiden (sollte man sagen ‚ehemaligen‘, weil sie sich so fremd bleiben?) Kinder in England, auch wenn sie die Eltern, die mittlerweile beide in Mainz, in einem kleinen Häuschen wohnen, in den Ferien besuchen und die Eltern sie auch finanziell unterstützen.

Claires sich eines Tages auftuenden Herzenswunsch, ein Kino zu eröffnen, lehnt Kornitzer rigoros ab: die Frau eines Landgerichtsdirektors als (halbseidene?) Kinobesitzerin – das geht gar nicht. Und ohne die Unterschrift des Mannes unter was-auch-immer ist eine Ehefrau in der frühen Bundesrepublik aufgeschmissen….

Es fehlte ihm jemand, der sagte:
Laß gut sein, Richard.
Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. 

Im Lauf der Zeit Kornitzers am Landgericht Mainz treten sukzessive Verwerfungen ein, gewinnt in Kornitzer das Gefühl, ihm würde nicht die ihm zustehende Gerechtigkeit in Form einer Wiedergutmachung zu teil werden, überhand. Schlüsselerlebnis ist wohl die Ernennung eines Kollegen zum Gerichtspräsidenten: Kornitzer fühlt sich übergangen. Diese (von ihm empfundene) Kränkung nutzt er zu einer öffentlichen Erklärung, die einen Eklat provoziert. Die Fixierung auf eine sozusagen 1:1-Wiedergutmachung bis hin zu einzelnen Buchtiteln (aus dem Erbe der Mutter, nicht aus dem eigenem Besitz damals in Berlin), die in den entsprechenden Anträgen aufgeführt werden, besetzt ihn zunehmend obsessiv. Es sind nicht nur (möglicherweise gar nicht mal an erster Stelle, die materiellen Verluste, er „zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“ [1b]. Kornitzer legt sich gegen die vermeintlichen Anfeindungen einen Panzer aus Leibesfülle zu, die Gesundheit leidet stark, er wird häufig krank, muss auch in Kur, seine fachliche Kompetenz (die jahrelang unbestritten war) sinkt: dies wird wahrgenommen. Nach vielem Hin und Her befördert das Ministerium den unbequemen, zum Querulanten gewordenen Landgerichtsdirektor zum Senatspräsidenten und versetzt ihn gleichzeitig mit diesem Titel in den Ruhestand.

Eine letzte Enttäuschung, eine letzte verweigerte Genugtuung sollte Kornitzer nicht mehr erleben. Wenige Jahre nach seinem Tod 1970 unterließ es sein Sohn George, die von der Redaktion Biographisches Handbuch der deutschen Emigration nach 1933 [4] erbetenen Auskünfte über seinen Vater an diese zu übermitteln. Im Biographischen Handbuch der deutschen Emigration kommt Richard Kornitzer nicht vor. Mit diesem Satz beschließt Krechel ihren Text, den sie als Roman bezeichnet, der aber nichtsdestoweniger dem Leben und dem Schicksal eines Menschen nachspürt, der gelebt und gelitten hat, der Recht gesprochen hatte, aber der mit dem Unrecht, das ihm angetan worden war, nicht zurecht kam.


Ein großer Roman, ein wichtiger, ein berührender auch trotz des weitgehend nüchternen Charakters, in dem ihn Krechel formuliert hat. Er wirkt teilweise dokumentarisch, Krechel streut häufig Zitate in ihren Text ein, verschweigt auch nicht, wenn Fragen bei ihren Recherchen (die sehr gründlich gewesen sein müssen) offen geblieben sind. Auch scheut sie sich nicht, in kleinen Exkursionen historische Ereignisse und Vorgänge darzustellen und zu erläutern.

Das Schicksal der Kornitzers ist für ihre Zeit nicht aussergewöhnlich: Die Vernichtung der Juden war Staatsräson und wurde millionenfach umgesetzt. Daran gemessen hat die Familie es noch verhältnismäßig gut getroffen: sie haben alle den Krieg überlebt, kommen nach dem Krieg auch wieder zusammen. Sicher, auch sie haben Verluste zu tragen, materielle sowieso, aber auch persönliche: die Kindern waren fremd geworden, so fremd, daß Mutter und Tochter noch nicht einmal die gleiche Sprache sprachen. Die Distanz zwischen ihnen wurde nie überwunden, die Kinder konnten sie allenfalls überbrücken durch das Wissen, das dies ihre Eltern waren, gefühlsmäßige Bande zu knüpfen, war ihnen nicht mehr möglich. Eine Tatsache, mit der sich die Eltern abfinden mussten. So fanden Eltern und Kinder zwar wieder nach dem Krieg, blieben aber trotzdem getrennt.

Landgericht ist nicht chronologisch geschrieben. In den einzelnen Kapiteln widmet sich Krechel diversen Lebensabschnitten ihrer Personen. So wird nach der Darstellung der zukunftsfrohen Zeit des jungen Ehempaars in Berlin beschrieben, wie sich der einsetzende politische Umschwung auf ihr Leben auswirkt und schließlich zum ersten großen Einschnitt führt, dem Insicherheitbringen der Kinder nach England. Auch deren Schicksal nach dem Transport wird ausführlich beschrieben, das Exil Richards in Kuba sowieso und damit verbunden ebenso Schicksale anderer Emigranten. Mit der Rückkehr Richard Kornitzers an den ‚Wohn’ort seiner Frau nach dem Krieg, an den Bodensee, beginnt der Roman, mit der Fremdheit der Eheleute, deren Versuch, Nähe zu schaffen, den Ansätzen Richards, beruflich wieder Fuss zu fassen, bis er die Anstellung als Richter, in seinem Beruf also, in Mainz angeboten bekommt.

Immer wieder trifft Kornitzer auf Menschen, auf Kollegen, die sich nach dem Krieg für ein paar Jahre geduckt hatten, bis sie trotz ihrer Vergangenheit wieder an die Oberfläche kommen konnten. Auch dazu streut die Autorin verschiedentlich Einschübe in ihren Text, in denen solche Sachverhalte ausgeführt werden. Krechel führt am Schicksal Kornitzers vor, wie das große Thema ‚Wiedergutmachung‘ nach dem Krieg in der Praxis zu einem auf Verhinderung ausgelegten steinigen Weg eines nochmaligen, ja, auch in gewisser Weise entwürdigenden, Procedere gestaltet wurde. Untrennbar verbunden damit sind die Fragen nach ‚Gerechtigkeit‘ und wann ist dieser Genüge getan, wann und unter welchen Bedingungen hat auch derjenige, dem Unrecht getan worden ist, dies anzuerkennen und den (möglicherweise) unzureichenden Versuch als Akt, der ihm gerecht werden will, zu akzeptieren. Der Figur Kornitzer (und ihrem Vorbild) ist dieser Spagat offensichtlich nicht gelungen, immer weiter driftete auseinander, was der Staat zu leisten bereit war gegenüber dem, was der Wiedergutmachung Suchende forderte. Es war ein Zweikampf, viel musste der Fordende an Bedingungen erfüllen, bevor er (oft) unzureichend entschädigt wurde. Manch einer (und Kornitzer gehört dazu) erkrankte an den Verhältnissen, die Fähigkeiten, einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen war nicht jedem gegeben.

Kornitzers Schicksal ist eng verknüpft mit dem der jungen Bundesrepublik, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches. Dieser neue Staat musste mit einem Dilemma umgehen: nachdem das Nazi-Regime durch die Verfolgung jeglicher anderer Meinung und Opposition für eine gleichgeschaltete, auf die herrschende Ideologie getrimmte Beamtenschaft (als Teil der Bevölkerung, für die cum grano salis ähnliches gilt) generiert hat, musste sie nach einem schematischen Entnazifizierungsprozess mit eben diesen Leuten (bzw. denen, die noch zur Verfügung standen) die neue Verwaltung, die neue Bürokratie, das neue Staatsverständnis aufbauen. Aus dem Exil kehrten, so schreibt Krechel an einer Stelle, gerade mal fünf Prozent der Emigranten zurück. Das machte sich deutlich bemerkbar, alte Seilschaften funktionierten auf einmal wieder und versuchten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Es sind Jahre auch des Aufbaus, sie spiegeln sich im Roman am Beispiel der Stadt Mainz. Sie lernt Kornitzer noch als Trümmerfeld kennen, als Landschaft aus Schutt, Staub und Ruinen. Es muss geräumt werden, es wird wieder aufgebaut, den Möglichkeiten entsprechend wird sukzessive Stockwerk auf Stockwerk errichtet. Das Aussehen scheint erst einmal egal zu sein, eine übergeordnete Planung scheint nicht zu existieren. Bequemer soll es sein als früher, glatte Flächen anstelle verzierter, verschnörkelter Kassetten…

Diesen teilweise komplizierten Verhältnissen angepasst ist auch der Schreibstil Krechels nicht immer einfach, er wirkt hin und wieder artifiziell, zwingt beim Lesen zu hoher Aufmerksamkeit, ggf. auch zum Zurückblättern und Nachlesen. Dies ist kein Nachteil, dieser Roman ist es wert, aufmerksam gelesen zu werden, außerdem gibt es auch immer wieder diese längeren, erzählenden Einschübe zu den diversen (Sach)Themen, die im Verlauf der Handlung Bedeutung erlangen. In der Summe vermittelt Landgericht das Bild eines Staates, dem die Vergangenheit wie ein Klotz am Bein hängt, der sich kollektiv der Verdrängung ergeben hat und der sich daher schwer tut, das Unrecht der vergangenen Epoche anzuerkennen und auszugleichen. Ist doch jeder Versuch eines Überlebenden, dies zu erreichen, ein Angriff auf diese Verdrängung. Es ist ein Staat, der schnell von alten Seilschaften durchzogen wird wie ein gammelndes Stück Brot vom Geflecht der Schimmelpilze – und Kornitzer und seine Familie sind ein Symbol dafür, sie stehen für viele, sehr viele andere im Mittelpunkt des Romans.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deutscher-buchpreis.de/archiv/jahr/2012/
Es erstaunt mich immer wieder. Zitat aus obiger Quelle (und auch aus dem Klappentext des Romans): „Richard Kornitzer wagt 1947 die Rückkehr aus dem Exil zurück nach Deutschland.“ Vgl. dazu den Text des Romans selbst [S. 36/7] „Er war im März 1948 nach Deutschland zurückgekommen, …“. Bin ich einfach nur zu beschränkt, um zu verstehen, warum zwei verschiedene Jahresangaben genannt werden, gibt es einen höhere Wahrheit hinter dem Text, die ich nicht gefunden habe?
[1b] Portraits der Autorin in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Krechel
[2] siehe z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ursula-krechels-landgericht-in-der-sache-kornitzer-11912092.html
schön auch dieser Beitrag in der ZEIT: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-10/buchpreis-2012-ursula-krechel/komplettansicht
[3] z.B. hier http://judentum.net/kultur/kindertransporte.htm
[4] es gibt offensichtlich diverse solcher Handbücher, vllt (die Jahreszahl des Erscheinens, 1980, macht es denkbar), handelt es sich um das von Röder und Strauss herausgegebene, das nur noch antiquarisch erhältlich ist (deswegen kein Link)

Ursula Krechel
Landgericht
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 508 S., 2014

 

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

Ich selbst erinnere mich an diesen Raum, der deutlich länger war als breit und in dem ich hier als damaliges Ich zu sehen bin. Wird es der erste halbwegs selbstständige Toilettengang gewesen sein? Wahrscheinlich nicht, aber ebenso wahrscheinlich war dieser Gang noch keine Selbstverständlichkeit, hatte noch den Charakter eines Versuchs, diese Errungenschaft der Zivilisation mir anzueignen. Ganz sicher jedoch war das damals, zu diesem Anlass, kein stiller Ort, auch kein Stiller Ort, meine ich doch noch die Stimmen meiner stolzen Eltern zu hören.

Dieses Bild gehört zu den tiefsten Erinnerungen, die ich habe. Ich erinnere mich an die Wanne, an deren Rand ich mich festhalte. Oft war sie voll mit Wäsche, die dort noch von Hand gewaschen wurde, ein Waschbrett, etwas, das man heute nur noch von Bäuchen kennt, gab es zum Schrubben der Wäsche, eine Mangel, das waren zwei über eine Kurbel angetriebene gegenläufig rotierende Walzen, die das Wasser aus den Wäschestücken pressten. In späteren Jahren (ich darf die Erinnerungen nicht vermischen!) gaba es eine andere Wanne, in der lagen Gurken und wurden geschrubbt, aus ihnen machte die Mutter Essiggurken, Gurkendoktors große Stunde. In der Wanne dagegen, die man auf dem Bild sieht, saß häufig auch ich, man hatte damals noch die kleinhandtellergroßen Brausetabletten, um ein Schaumbad herzustellen. Gibt es die noch? Vater musste dazu mit der Hand ganz kräftig im Wasser quirlen, ich trug meinen Teil zur Überschwemmung ganz sicher bei, Spaß hatten wir beide und der Raum roch nach Fichtennadeln.

Ein anderer stiller Ort, bei meiner Tante in einer Bergarbeitersiedlung. Ein Häuschen auf dem Hof mit einer Sitzbank und einem Loch, darunter eine Grube, die alles aufnahm, was von oben kam. Das Bild finde ich nicht mehr, ich habe gestern alles durchsucht. Das Haus, ein Bergarbeiterhäuschen im Kohlenpott, ist auf der linken Seite des Bildes abgeschnitten, etwas zurückgesetzt besagter Verschlag mit halboffener Tür. Ich stehe mit geringeltem Pullover und Pudelmütze (es muss also kalt gewesen sein) davor, ein Zeigefinger friert, sucht Wärme in meiner Nase, meine Tante stützt mich und beugt ihren Oberkörper zu mir herunter. Wer das Bild gemacht, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es  bedaure, daß ich dieses Bild vielleicht nur noch in der Erinnerung besitze.


Peter Handke [1] hat diesen Versuch über den Stillen Ort 2011 in der Einsamkeit und Dunkelheit sowohl der Rauhnächte als auch der menschenleeren Landschaft zwischen Paris und dem Meer, niedergeschrieben. Auch diese Situation eine Situation der Stille und der besonderen Atmosphäre in diesen letzten Tagen eines Jahres, die die welligen Weiten durchwirkt von düsterem Licht darbietet, kaum belebt von anderen Menschen, manchmal jedoch durchleuchtet für eine Stunde von der Sonne mit einem Schimmern, das herzhafter sich der Autor kaum vorstellen konnte, mit einem fast horizontal einfallendes Dezemberlicht, kein umfassenderes, belebenderes Grünen und Blauen, kein innigeres Glänzen als jenes der Grasmittelstreifen auf den den Feldwegen.

Handkes Büchlein ist eine Mischung aus Erinnerungen an und kleinen Betrachtungen und einem Sinnieren über die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dieses Stillen Örtchens, das still ist, weil es zweierlei im Besucher bewirkt: er ist allein auf diesem Ort, den er möglicherweise als Fluchtort sich ausgesucht hat, um für eine Weile einer Gesellschaft, für die er sich kurz erholen musste, um sie wieder zu ertragen, zu entkommen. Und still ist er, weil wir uns auf uns konzentrieren, jenes, was von außen kommt, zu einem Hintergrund verschmilzt, der nicht mehr stört. Mag uns das auch nicht bewusst sein, so merken wir es spätestens dann, wenn Schritte zu hören sind und wir vermuten, es seien Schritte gemacht in der Absicht, diesen Stillen Ort, den wir schon besetzen, (vergeblich) aufzusuchen: wir fühlen uns gestört, verunsichert, verteidigen den Ort möglicherweise mit einem Warnruf, der dem potentiellen, dem vermuteten, Eindringling ‚Halt!‘ gebieten soll.

Die frühesten Erinnerungen Handkes gehen zurück auf den versteckt liegenden Abtritt des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten mit der zurecht geschnipselten Zeitung als Papier, dem senkrechten Schacht, der auf den Misthaufen (oder in einer Grube?) sein Ende hat. Völlig unauffällig war dieser Ort verborgen hinter einer rissigen, alten Wand aus grau gewordenen Brettern. Schon hier taucht das besondere Licht in der Erinnerung Handkes auf, sogar zweierlei Lichter … das erste der Lichter von oben, an Ort und Stelle sozusagen, … das durch das Holz und aus dem Holz selber, wie gefiltert  drang, ein seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus; indirekt, das heißt ohne Fenster, dafür umso stofflicher; … Und das zweite der Lichter? war das, welches schachtaufwärts steigt … bis höchstens zur halben Höhe des Schachts … ein ganz anders stofflicher Schimmer als der den Äuger oben umgebende, … immer wieder räsoniert Handke über das besondere Lichtd, das er an diesen Orten wahrnimmt in seiner einhüllenden Atmosphäre.

Das Klosett, der Abtritt als Ort des Asyls, als Fluchtpunkt. Mir kommt jetzt die Geschichte von Belá in den Sinn, diesem ungarischen Jungen, der tagsüber arbeiten musste und sich nachts auf dem Abtritt versteckte, um dort ungestört trotz Gestank beim Flackern der Kerze zu lernen [3]. Auch Handke sah das Klosett in seinem Internat als einen möglichen Asylort an, der ihm Schutz bot und die äußeren Geräusche der lärmenden Mitschüler zu etwas fast ‚Heimeligen‘ verwandelte.

In dieser Phase des Erinnerns schleicht sich bei Handke eine seltsam anmutende Assoziation ein, kommt ihm das weit häufigere Aufsuchen des Beichtstuhls im Laufe der heiligen Messe … als etwas Vergleichbares vor die Augen. Der Beichtstuhl, auch ein stiller Ort mit seiner auf sich Selbstzurückgeworfenheit, an dem sich (nicht der Körper, aber) das Gewissen erleichtert bis hin zu dem fast beschwingten Rückweg in die Stuhlreihe, ähnlich dem leichten Gang von der Toilette, wenn die Erleichterung des Körpers dessen Wohlbefinden und daher das des Menschen merklich verbessert hat.

Noch einmal sollte den Autoren so eine Assoziation mit Kirchlichem ankommen. In einem Park (kurz vor dem Niederschreiben dieser Aufzeichnungen) in der Nähe der öffentlichen Bedürfnisanstalt sitzend kommt ihm der Zug der Menschen dorthin vor wie vergleichbar höchstens beim Kommuniongang des Kirchenvolkes während der heiligen Messe, … ein Vergleich, den Handke – er betont dies – nicht blasphemisch meint. Mich schockieren diese Vergleiche nicht, verfällt man nicht der Unsitte des Lesens auf dem Klo (oh ja, auch ich natürlich folge dieser), sondern nutzt die Gelegenheit der Achtsamkeit für sich, kann sich, so wage ich zu behaupten, ein sehr nach innen gekehrtes Moment in solchem Toilettenaufenthalt einfinden.

Es gibt auch eher skurril anmutende Passagen. Der junge Handke, der auf Wanderschaft gegangen ist, und dann ohne Geld in der Toilette übernachtet, halbkreisförmig um die Schüssel geschlungen die Nacht zu verbringen versucht… die Unfälle, die sich (gar nicht mal so selten) auf Toiletten ereignen bis hin zu dem von ihm erlebten, daß ein (gottseidank genügend) breitschultriger Bekannter kopfüber in einen Abortschacht fiel und über Nacht dort hängenblieb… ungefährlicher dann schon die Situation des stillen Friedensschlusses mit dem verfeindeten Professor, nachdem sich beide wortlos nebeneinander vor den Waschbecken und den Spiegeln dieses Ortes der Körperpflege widmeten und in dieser Intimität des Augenblicks unausgesprochen Differenzen schmolzen.

Ein prägendes Erlebnis in Japan. Erst an jenem Morgen eines schon längeren Aufenthaltes in diesem fremden Land, nach Betreten der Tempeltoilette in Nara, wurde Japan mir heimisch; kam ich dort auf der Insel an; nahm das Land, das ganze, mich auf. … Ankunfts-, Aufgenommenseins-, Hiesigkeitsgefühl? Der Stille Ort von Nara war auch einer der Befreiung. … Ich wurde … unbändig in ihm, erfüllt von belebend unbestimmter Energie. Und mehr noch der Begeisterung des Autoren über diesen Ort eines Geistes der Unverwundbarkeit… an dem, einem japanischen Dichter zufolge die alten japanischen Haiku-Dichter auf zahllose Motive gestoßen sind. Auf der Toilette, wenn wir nach dem Schließen der Tür der Welt auf Zeit entzogen sind, konzentriert sich unser Bewusstsein auf unseren Leib und seine Bedürfnisse, entkommen wir sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft, gelangen ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart, auch wenn sie nur wenige Augenblicke dauern mag. Verwundert es da, daß der Geist frei ist in diesen Momenten, offen für spontane Eingebungen, für Neues? Die Toilette also als Ort der Kreativität, auch der Norweger Kagge [4] berichtet davon in seinen Betrachtungen über die Stille. Es ist nicht verwunderlich, mir gefällt dieser Gedanke einer besonderen Art der Achtsamkeit dieses Stillen Ortes. Noch einmal zurück zur Toilette in Nara: auch hier wieder die Faszination durch das Dämmerlicht.

Und erst jetzt, lange im Nachhinein, merke ich: Ich habe zu erzählen vergessen, was der vordringliche und mächtigstes Anlaß zu diesem Versuch über den Stillen Ort war, nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten, von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens – immer wieder erlebt, und im Lauf des Lebens zunehmend stärker, im Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den anderen. 

Der Stille Ort, bzw. eher wohl noch die Stille des Ortes ist es, die eingesperrt-zurückgedrängte Gedanken freigibt, die sie Worte finden läßt, in denen sie denkbar, formulierbar, sprechbar werden: kein Widerspruch, der sich im ersten Lesen möglicherweise angedeutet haben mag, sondern heilsame Wirkung der Stille.

Der Stille Ort, der für den Autoren in den ersten Epochen seines Lebens mehr ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort war, änderte diese Funktion im Lauf der Zeit. Er wurde Schlafplatz, ein Ort auch der Reinigung des Äußeren, ein Ort zum Nachdenken, ja, ich scheue mich nicht, den Begriff ‚meditativ‘ in diesem Kontext zu nennen. Ein Ort auch der Geometrie, der Form, was ich hier jetzt nur in diesem Satz festhalten möchte, Handke läßt sich ausführlich über diesen Zusammenhang aus.

Wenn wir uns als Leser dem Thema öffnen – und es geht Handke nur um den Ort an sich, nicht um das, was dort praktisch durchgeführt und erledigt wird und dann auch anrüchig erscheint – erkennen wir die Wahrheit, die Handke ausspricht. Dieser profane Funktionsraum, ausgerechnet dieser Funktionsraum ist so viel mehr und er ist es, sind wir ehrlich, auch für uns. Auch für uns ist er Fluchtort, gewährt er uns für Minuten Asyl und Schutz, bringt er uns auf andere Gedanken. Weil er uns die Möglichkeit gibt, uns auf uns, unseren Körper, der mit Seele und Geist eine Einheit bildet, zu konzentrieren und uns damit zu öffnen. Damit wird er zum wahren Stillen Ort.

Handke, einer der deutschsprachigen ‚Groß’autoren hat diverse Versuche publiziert: ~ über die Müdigkeit, ~ die Jukebox oder ~ den geglückten Tag. Dieser erscheint möglicherweise am exotischsten, Erinnerungen und Philosophisches zum Klosett, zum Abort liegen nicht a priori auf der Hand. Um so verdienstvoller ist der Versuch Handkes, den Ort der Verrichtung profaner Körperfunktionen nicht nur als Erinnerungsort festzuhalten, sondern ebenso, ihn gedanklich zu durchleuchten. Er hebt damit implizit auch den Vorgang der inneren Reinigung des Körpers, die hier vollzogen wird, aus seiner Profanität heraus und weist ihm die Rolle und Bedeutung zu, die ihm zukommt. Greifen wir diese Gedanken als Anregung auf, die Toilette zukünftig bewusster als Ort der Ruhe und der Reinigung wahr- und anzunehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] ach, es gibt so vieles über Handke im Internet… eine Übersicht jedenfalls hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke
[2] —
[3] János Székely: Verlockung (Besprechung im Blog)
[4] Erling Kagge: Stille (Besprechung hier im Blog)

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 110 S., 2012

 

Charlotte Link: Sechs Jahre

Die Schriftstellerin Charlotte Link wird von ihrem Verlag als erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart beworben, ihre psychologischen Spannungsromane sind auch international erfolgreich [1]. Dieses Buch hier ist jedoch etwas völlig anderes, es ist ein sehr persönliches Buch, das Verfassen dieses Textes gehört, so Link, zu den Aufräumarbeiten nach einem unsagbar schweren Verlust, stellt ein Stück persönliche Bewältigungsstrategie dar. Vielleicht sogar den Versuch, das, was geschehen ist, irgendwie dadurch zu begreifen, daß ich es in Worte fasse. Denn noch immer ist dies das vorherrschende Gefühl in mir: Ich begreife nicht, dass sie nicht mehr da ist.


Die nüchternen Fakten sind schnell aufgezählt: Im Frühjahr 2006 wurde bei der Schwester Charlotte Links, Franziska, zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, mehr oder weniger durch Zufall eine inoperable Metastase in der Lunge festgestellt. Die erste Prognose dazu war infaust, die Onkologin gab einen Zeitrahmen von ca einem Jahr bis zum Tod an. Die Suche nach dem Primärtumor führte zu einem Darmtumor im fortgeschrittenen Zustand. Letztlich ergab sich, daß diese Tumore Folge waren der Behandlung eines Hodgkin-Tumors, der knapp zwei Jahrezehnte zuvor erfolgreich mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt worden war, das Auftreten solcher Spätschäden ist mittlerweile gesichert [3]. Die Heilung vom Hodgkin, wird sehr, sehr teuer erkauft, so wird es eine Ärztin  der Autorin später sagen. In Sechs Jahre schildert Link den Kampf der gesamten Familie gegen diese Krebserkrankungen, zu denen dann nach einigen Jahren noch eine weitere gravierende Spätfolge des Hodgkins kam, die 2012 letztlich auch zum qualvollen Sterben Franziskas führte: eine Lungenfibrose, d.h., das Lungengewebe vernarbt und verliert die Fähigkeit zum Luftaustausch, im Extremfall folgt der Tod durch Ersticken.


Ach, sie sind gar nicht der Eierstockkrebs? …
Wer um Himmels willen sind Sie denn dann?

Das Buch ist anstrengend zu lesen, es nimmt mit, ich habe gelitten und brauchte viele Pausen. Es gab Absätze, da glaubte ich eher einen makabren Sketch zu lesen als eine Krankengeschichte, wenn etwa die Onkologin bei der Erstinformation über das Diagnoseergebnis (inoperable Lungenmetastasen und damit längeres Überleben ausgeschlossen, Darmkrebs…) auf die Äußerung Franziskas, sie habe Kinder, mit folgendem Vorschlag reagiert: In diesem Fall würde ich an Ihrer Stelle sofort mit der Erstellung einer Dokumentation Ihres Sterbens beginnen. Ein Rat, den sie Jahre später in etwas abgewandelter Form von einem anderen Arzt noch einmal bekommen sollte: „Was soll ich jetzt machen?“ – „Am besten, ihr Testament schreiben.“ [dem Sinne nach zitiert]. Oder auch als letztes Beispiel für die Empathiefähigkeit vieler Ärzte die Reaktion des Chefarztes auf den Einwand einer seiner Ärztinnen bei der Visite (Franziska bekam zu diesem Zeitpunkt eine sehr aggressive Chemo plus Bestrahlung gegen die Lungenmetastasen): „Wir sollten vielleicht die Bestrahlung aussetzen. Das hält die Patientin nicht mehr durch!“ Er schaute Franziska kurz an. „Weitermachen“, sagte er dann einfach nur. Und verkündete im Hinausgehen: „Ich gehe immer an die Grenze!“ Man kann es sich so gut vorstellen, wie er mit wehendem Kittel und erhobenem, zum Kampf bereiten Haupt auf den Flur tritt…

Sechs Jahre ist also auch ein Protokoll über die Unfähigkeit vieler Ärzte, Patienten als Menschen zu sehen, wahrzunehmen und zu behandeln. Um nicht ungerecht zu sein, muss man allerdings zugeben, daß diese Unfähgikeit nicht nur bei Ärzten angetroffen wurde, Pflege- und anderem medizinischen Personal, mit denen Franziska und ihre Angehörigen in den Krankenhäusern zu tun hatten, standen den Medizinern häufig kaum nach. Beispielsweise scheint es nirgends so leicht zu sein, zu verhungern, wie in Krankenhäusern: das Essen wurde Franziska gebracht, und später wieder abholt. Ob sie tatsächlich etwas gegessen hatet, interessierte keinen. Im Spätstadium der Krankheit beispielsweise war sie extrem untergewichtig (unter 40 kg bei 1, 73 Körpergröße), kreuzte im Krankenhaus auf der Essensliste leichte vegetarische Kost an und bekam Schweinebraten mit Rotkohl…. dies war kein Einzelfall, Proteste dagegen wurden a) als lästig empfunden und b) ignoriert.

Es ging – Gott sei Dank – auch anders, war nicht nur so, es gab auch Ärzte voller Empathie, Krankenhäuser mit sorgsamen Personal, aber die Häufigkeit, mit der Link über solche und andere Schrecken wie oberflächlich hingeworfene Fehldiagnosen (u.a. ‚Herzmetastasen‘: Er sagt, man kann jetzt gar nichts mehr machen) berichtet, ist erschütternd.

Die Hoffnung stirbt zuletzt… und manchmal, wenn es nur bergab geht, ruht die Hoffnung auch auf der Nicht-Schulmedizin. Positive Berichte im Internet (die man selbstredend nicht nachprüfen kann) machen Mut, flößen Zuversicht ein … eine deutliche Zustandsverschlechterung und viel, viel Geld, was gezahlt werden musste, war das einzige Ergebnis eines solchen verzweifelten Versuchs einer alternativen Therapie.

Das Jahr, das ihr bei der Erstdiagnose von der Onkologin prophezeit worden war, hat Franziska weit überlebt. Die gesamte Familie war daran beteiligt. Die als inoperabel bezeichneten Metastasen konnten operiert werden, das unermüdliche Recherchieren der Autorin führte sie zu einem Professor, der auch solche hoffnungslosen Fälle noch operiert, der Darmkrebs-OP war ebenfalls erfolgreich. Es gab bei allem Elend auch Phasen, in denen es Franziska relativ gut ging, sie sich zuhause um ihre Kinder und die Tiere, die sie so liebte, kümmern konnte. Immer wieder kam es jedoch zu gesundheitlichen Problemen, zu Komplikationen, auch ‚Fehlalarme‘ gab es, weil das Vertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen war.

Anfang 2009 bekam Franziska vermehrt Probleme mit der Atmung, man vermutete Spätfolgen einer Bronchitis, behandelte dann auch lange auf Lungenentzündung – letztlich und sehr spät ergab sich die Diagnose: Lungenfibrose als Spätfolge des Hodgkin. Man nehme einen Strohhalm und versuche, nur durch diesen Strohhalm zu atmen, vielleicht sogar, dabei eine Treppe hochzugehen: es vermittelt die Ahnung einer Ahnung, was es bedeutet, Tag und Nacht, jede Sekunde des Lebens zu wenig Luft zu bekommen.

In der folgenden Zeit verschlechterte sich der Zustand Franziskas immer mehr, verstärkt durch ihre physisch oder psychisch (das ist nicht klar) bedingte Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen, ihre Krankengeschichte ging unmerklich in eine Sterbegeschichte über. 2011 beginnt die Zeit des ‚Das-letzte-Mal,-daß‘ …, am 7. Februar 2012 verstarb Franziska an einer inneren Blutung, die nicht mehr gestillt werden konnte.


Die beiden Schwestern Charlotte, die anderthalb Jahr älter war, und Franziska hatten ein außergewöhnlich enges Verhältnis miteinander, sie waren sich Schwestern, Vertraute und allerbeste Freundinnen. Franziska lebte mir ihrer Familie in Bayern, Charlotte Link sowei die Eltern im Rhein-Main-Gebiet. Zwischen diesen beiden Regionen pendelt das Leben und die Krankheit Franziskas hin und her. Die gesamte Familie beteiligte sich am Kampf gegen den Krebs, recherchierte Infos, organisierte und half, wo es zu helfen galt. Nach außen hin schotteten sie sich, vor allem im späteren Stadium der Krankheit, ab, keiner der Freunde wusste am Ende, wie schlecht es wirklich um Franziska stand, die Familie vermittelte nach außen hin ein stark geschöntes Bild. Hilfe von Aussenstehenden bekamen sie nicht, wollten sie wohl auch nicht. Ein einziges Mal berichtet Link davon, daß sie in tiefster Verzweiflung einen Pfarrer aufgesucht hat, das Gespräch mit ihm hatte sie erleichtert, war aber kein Anlaß, später noch einmal auf positiv erfahrene externe Hilfe zurückzugreifen.

Der jahrelange selbstaufopfernde Einsatz der Familie verbunden mit den seelischen Belastungen blieb auch für die Familie nicht ohne Folgen. Die Autorin selbst erlitt mehrmals eine Art Zusammenbruch, die Mutter, die oftmals den ganzen Haushalt der kranken Tochter versorgen musste, war am Ende der Zeit körperlich ebenfalls sehr mitgenommen. Die Rund-um-die-Uhr-Begleitung der Tochter in den Krankenhäusern führte nachvollziehbarerweise zu Spannungen im Innenverhältnis, man ging sich mit der Zeit gehörig auf die Nerven. Diese Begleitung stand soweit es psychisch irgend möglich war, unter dem Zeichen der Hoffnung und eines worauf sich auch immer gründenden Optimismus, daß man es auch diesmal wieder schaffen werde. Die Lebenswelten Franziskas und ihrer Familie driften jedoch langsam auseinander, eine schleichende Entfremdung war die Folge.

Es gibt eine Situation, in der Link festhält, daß es Franziska wohl am liebsten gewesen wäre, wenn jemand mit ihr geweint hätte, ein Bedürfnis, das jedoch nicht erfüllt wird. Überhaupt steht die Frage, wessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, immer wieder im Raum, wenn die Autorin beispielsweise bekennt, wie sehr sie ihre Schwester braucht, wie wenig sie sich ein Leben ohne sie vorstellen kann: »Doch, du überlebst das! Ich bin ganz sicher. Du musst kämpfen. Du hast all die Jahre gekämpft. Bitte, gib jetzt nicht auf. Hör nicht auf zu kämpfen!« …. Und als sie leise fragt: »Warum?«, da antworte ich ihr mit meinen Gefühlen. Mit meinen Ängsten. Einfach mit mir selbst. »Wegen mir. Meinetwegen musst du kämpfen. Und durchhalten. Wenn es wegen nichts sonst ist, dann wegen mir. Weil du mich nicht verlassen darfst. Weil das nicht denkbar ist. Bitte. Verlass mich nicht. Ich schaffe es nicht ohne dich. Lass mich nicht allein!«

Die Priorität für Franziska, der Grund, warum sich alles lohnt, lautet jedoch anders. Schon 2009, nach Diagnose der Fibrose konstatierte sie: Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Ich will, dass meine Tochter eine klare Erinnerung an mich hat, wenn ich nicht mehr da bin. Jedes Jahr, das ich länger lebe, jeder Monat, wird ein Stück ihrer Erinnerung sein. Sie ist jetzt fünf. Ich möchte, daß sie ein Bild von mir in sich trägt. Und immer weiß, wie sich meine Stimme angehört hat. Es in der Tat einfach nur bewunderswert, wie Franziska dies umsetzt, in den Zeiten, in denen sie zu Hause ist, ihren Kindern – vor allem ihrer Tochter – ein den Umständen entsprechend weitgehend unbeschwertes Familienleben gestaltet, sich nie hängen läßt oder ihre Stimmung an andern ausläßt.

So wie sich die Familie nach außen abschottete und niemanden über das Ausmaß der Katastrophe informierte, so schottet sie sich auch nach innen ab: obwohl jedem klar gewesen sein muss, daß der Tod Franziskas immer zumindest im Bereich des Möglichen gelegen hat (das letzte Zitat zeigt dies deutlich: … wenn ich nicht mehr da bin…) , ist dies – zumindest berichtet Charlotte Link nicht davon – nie Thema: es wurde auch mit Franziska wohl nie über ihren möglichen Tod gesprochen, was aus meiner Erfahrung als Hospizbegleiter zu einer sehr tragischen Situation führt: jede der beiden Parteien weiß um diese Gefahr bzw. diese Tatsache, aber keine redet darüber, niemand traut sich, das mögliche Sterben anzusprechen. Auch am absehbaren Ende von Franziskas Leidensweg wurde wohl darüber nicht gesprochen, die Chance eines Abschieds, des gegenseitigen Weinens und Tröstens nicht genutzt. Erst in den allerletzten Momenten des Leidens von Franziska dringt die Erkenntnis, daß es jetzt vorbei sein muss, durch, weil niemand sie noch länger so unmenschlich leiden lassen darf, wir dürfen es schon gar nicht. Ich begreife, daß diese Lungenblutung eine Gnade ist, für die wir dankbar sein müssen.

Kämpfte man jahrelang um Franziskas Leben, so schlug dies gegen Ende ihres Leidenswege um in einen Kampf mit Franziska. Diese Konstellation erinnert mich an eine Situation, die ich neulich im Bekanntenkreis hatte: die betagte Schwiegermutter, deren Kurzzeitpflege im Heim in einen Daueraufenthalt übergegangen war, lag im langsam, aber sanft verlaufenden Sterbeprozess. Aufopferungsvoll saß die Schwiegertochter jeden Tag am Bett, um der Frau in einem Stunden dauernden Procedere Essen in den Mund zu bugsieren, bis eine Pflegekraft ganz deutlich sagte: Sie nötigen ihre Schwiegermutter. Die will nicht mehr essen! Bei Franziska hatten die Essprobleme nach der brutalen Chemo eingesetzt und sich im Lauf der Krankheit immer weiter gesteigert. Ein kontaktierter Psychologe bot zwei diametral entgegengesetzte Erklärungen an. Zum einen hätte es sich bei dem Hungern um einen stillen Suizidversuch handeln können (Franziska wurde immer wieder in den ärztlichen Unterlagen als suizidgefährdet eingestuft), zum andern hätte es der unbewusste Versuch sein können, den Körper der stark verminderten Atmung anzupassen. Wie auch immer, es müssen qualvolle Momente gewesen sein: auf der einen Seite die Eltern und die Schwester, die immer wieder Druck gegen Franziska aufbauen, doch wenigstens ein bischen zu essen, auf der anderen Seite Franziska, die einfach keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann…


Franziska ist Zeit ihres Lebens von derart vielen Krankheiten heimgesucht worden, daß man den Verdacht haben könnte, irgendjemand wollte nicht, daß sie lebt. Große Teile dieses Lebens waren ein Kampf mit dem Tod, ein erfolgreicher, wenn man berücksichtigt, daß sie ihren ersten lebensbedrohenden Krebs schon als sehr junge Frau hatte, ein tragischer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Mittel, die diesen Krebs besiegten schon den Keim legten für die späteren Tumore und vor allem für die letztlich tödliche Lungenfibrose.

Sechs Jahre von Charlotte Link läßt uns sehr intensiv und nahe an dieser Geschichte teilhaben und schafft das Portraits einer bemerkenswerten Frau, die sich mit bewunderswerter Kraft gegen ihr Schicksal stemmte, um ihren Kindern so lange wie möglich Mutter sein zu können. Das Buch ist aber ebenso die Geschichte der Autorin, die sich diese unendlich kraftzehrenden sechs Jahre dagegen wehrte, daß ihr der Mensch, der ihr am nächsten stand, genommen wird. Neben dieser Darstellung des Geschehens wird jedoch auch deutlich, welche psychischen und seelischen Belastungen solches Schicksal darstellt und so kann die Geschichte dieser beiden Frauen uns Leser lehren, uns mit der Frage auseinanderzusetzen: wie würde ich reagieren, was würde ich machen, wie gehe ich mit dem Gedanken an meinen eigenen Tod um? Wie man an Franziskas Schicksal sieht, sind das Fragen, die durchaus auch in jungen Jahren schon auf einen zukommen können…

Links und Anmerkungen:

[1] so im Klappentext, aber auch auf der Autorenseite ihres Verlages:  https://www.randomhouse.de/Autor/Charlotte-Link/p1183.rhd
[2] vgl. z.B. hier:  https://www.krebsinformationsdienst.de..nachsorge-hodgkin.php

Eine Übersicht zu weiteren Buchvorstellungen von mir zum Themenkreis Krankheit, Sterben, Tod und Trauer findet sich hier: https://mynfs.wordpress.com

Charlotte Link
Sechs Jahre
Der Abschied von meiner Schwester
diese Ausgabe: blanvalet, HC, ca. 320 S., 2014